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  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
  • irisnebel: klasse! gratuliere! musst du ne gegenleistung bringen? als stadtschreiber z.b.?
  • nadine schmid: Ich habe mit Thien an der Uni Koeln studiert. Wir ware zeitweise befreundet, aber ich hatte wenig verstaendnis fuer seinen ‘Mangel’ am akademischen Streben und habe, trotz meiner Anerkennung seines Talents, sein Lebensziel, aus seiner Dichtung etwas zu machen, als...
  • bersarin: Es muß natürlich, entdecke ich beim zweiten Lesen, Monika Rinck heißen. Ich kann mir Namen nie merken.
  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
  • Aléa Torik: Never ride a dead horse – das hätte auch als Überschrift dieses Beitrags herhalten können. Gestern Nacht bin ich mit dem Rad 35 km durch das ausgestorbene Berlin gefahren, bis weit jenseits der Stadtgrenze. Da ich ziemlich kaputt war, konnte ich dabei nichts denken, aber wenn...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
  • Aléa Torik: Liebe Miss Lingen, bitte entschuldigen Sie die kleine Verspätung meiner Antwort. Ich war auf anderen Schlachtfeldern unterwegs. Sie haben absolut recht, es ist viel zu komplex. Dabei darf ich mir zugutehalten, es deutlich vereinfacht zu haben. Denn im Original – wenn wir uns darauf...
  • Miss Lingen: Obwohl, wie Sie wissen, ich hier mit Sympathie lese, frage ich doch: ist das nicht alles ein wenig zu komplex?
  • Aléa Torik: Dann bin ich gespannt, was du von dem Essay hältst.
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, die Idee des freiwilligen Ablebens um des Erfolges willen stand ja schon einmal im Raum, aber das nur zu machen, um ausgerechnet auf meine Leseliste zu kommem, nee, da hast Du recht, das wäre schon sehr übertrieben! http://www.litblogs.net/hue...
  • Aléa Torik: Lieber holio, ganz verstehen kann ich die Ottos und Ottisten ja tatsächlich nicht. Vielleicht ist das so, dass Otto und Otta, was ihr Leseverhalten betrifft, auch nicht ganz schlau aus sich werden. Sie greifen immer nur nach dem, wonach auch die anderen greifen. Das zeichnet die...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
  • holio: Traurig ist das in der Tat. Und so ganz zu verstehen auch nicht. Im Geräusch des Werdens war der Anknüpfungspunkt für Otto Normalleser ja da. Und die Bălkanexotik ist auch rezipiert und rezensiert worden. Die Sprache ist einfach, der Plot verständlich, erinnere die Szene mit dem blinden...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • 23 Januar 2014

    Interview mit Aléa Torik. In dem es ums Netz geht. Um jenes Netz, von dem Sascha Lobo meint, es sei „kaputt“ und Evgeny Morozov ihm empfiehlt, sich beim Nachdenken darüber mal ein bisschen mehr anzustrengen

    Die Artikel von Lobo und Morozov finden Sie irgendwo im kaputten Netz, das Interview mit mir, – eingeleitet mit diesen Worten: „Ich bemerkte wie sehr Blog und Roman zusammengehören und verlor mich in der Sprache, der Konstruktion, den Figuren, Aléas Gedanken und Erleben, ihren Reflektionen über ihr Leben, das Schreiben ihrer Doktorarbeit d.h. ihres Romans und verlor mich und verlor mich und verlor mich … Ich bin sehr beeindruckt von der literarischen Qualität dieses Textes, der nicht einfach nur eine Geschichte erzählt, sondern kritische und wichtige Fragen an die Gesellschaft stellt und den Leser radikal mit der Fiktionalität und Konstruktion konfrontiert, ja ihn fordert. Es bleibt das Gefühl hier etwas ganz Großartiges gelesen zu haben“ – findet sich hier.

    ————

    Und die Co-Autorin von aboutsomething, die Aléas Ich ebenfalls gelesen hat, ergänzt diese Einschätzung um folgende Worte: „eine ganz bemerkenswerte und herausragende Lektüre“ – „‘Aléas Ich‘ ist ein Buch, das sich in mir festgehakt hat und nun ständig in meinen Gedanken kreist, um mich irgendwie zu beeinflussen. Gruselig – und ein ganz einmaliges Erlebnis.“ – „Ganz ganz großartig. Das ist ein Roman, von dem ich wirklich behaupten kann, er habe mich verändert, weil er auf die Grundfrage abzielt: Wer bin ich?“

    Das sind natürlich die Idealleser, die nicht nur von einem Text begeistert sind, sondern so begeistert sind, dass sie ihre eigene Wirklichkeit auf das in dem Text Beschriebene überprüfen. Das sind die Leser_innen, die der Autor und die Autorin sich wünschen.

    ————-

    Bersarin verweist im Zusammenhang mit diesem Interview auf einige Punkte:

    „Diese Aspekte sind für manche/n, die auf eine konventionelle bzw. konservative Weise mit Literatur sich befassen, nur schwer vermittelbar: Daß nämlich empirisches Ich, erzählendes Ich, Autor, erzähltes Ich, Textfiguren nicht verschiedenerlei sein müssen und durch soziale Konvention getrennt, sondern einem bedingenden Diskurs unterliegen, der ein literarisches Feld erst anordnet und so etwas wie den Begriff des bürgerlichen Romans samt seinen Hierarchien und Figurenanordnungen, seinen Perspektiven und Wirklichkeitsweisen erst möglich macht; daß dieses Spiel der Identitäten, Personen, Figuren zuweilen die Grenze zur Realität überschreitet“

    Mit der Übersicht des Kritikers ausgestattet, zeigt er einen Zusammenhang mit Kafka auf, der mir natürlich entgangen wäre – “solche Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben” : „Diese Transgression der Literatur hin zum hyperbolischen, taumelnden Text mag für manche, die in den Finessen der Literatur, der Fiktionalisierungen und Maskeraden nur halb zu Hause sind, beunruhigen: Ja und diese Unruhe ist genau das, was sich ein Text, wenn er denn begehren könnte, wünscht, weil gelungene Literatur nun einmal – auch im Freudschen Sinne – viel mit dem Unheimlichen und sogar mit dem Ungeheuerlichen zu schaffen hat.“

    „Vor allem aber kommt in diesem Interview der Umstand zur Sprache, daß unter den Bedingungen eines postkonventionellen Erzählens im Rahmen eines Hyper-Realismus ein Roman verdeckt oder offen immer nach dem Grund von Autorinnenschaft bzw. von Autorenschaft fragt. Freilich ist es in der Literatur nicht neu, daß eine Romanfigur ihrem Schöpfer gegenübersteht. Doch in dem Roman Aléas Ich geschieht dies auf eine Weise, wie es so bisher in der Literatur nicht vorkam. Der Schöpfer, die Schöpferin selbst sind als Instanz fragwürdig geworden und das heißt: in Frage gestellt. Politik der Identität: Was heißt es, eine Autorin, ein Autor zu sein?“ Hier.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    18 Januar 2014

    Glück

    „Die Stimmung war ruhig und gelöst. Die meisten sahen entspannt, manche sogar glücklich aus. Womöglich verstellten sie sich ein wenig. Man verstellt sich bereits, wenn man seine Wohnung verlässt. Man setzt ein anderes Gesicht auf. Glück und Unglück ziehen einander bekanntlich an und so versucht man, ein wenig glücklicher auszusehen, als man tatsächlich ist, um das große Glück anzuziehen oder das Unglück abzuwehren. So ähnlich erging es mir auch. Ich war vor einer Woche mit der Arbeit am Roman fertig geworden und fühlte neben Erschöpfung und Stolz vor allem den Wunsch nach Glück. Also ging auch ich ein wenig glücklicher aus dem Haus, als ich wirklich war: um das Glück herauszufordern. Unglückliche Menschen haben nie Glück. Das Glück geht an ihnen vorüber und sie erkennen nicht, dass sie es hätten ergreifen müssen, dass das Glück nur darauf wartet, ergriffen zu werden. Sie erkennen lediglich, dass es wieder einmal an ihnen vorübergegangen ist. Diese Erkenntnis ist der unwandelbare Kern allen Unglücks.“ So steht’s in Aléas Ich, hier.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    16 Januar 2014

    „Aléas Ich“ bei aboutsomething

    Wow. Vom erzählerischen Konzept, der Idee, der Sprache und dem Aufbau das interessanteste Buch des Jahres und überhaupt der letzten Zeit.Hier.  Da kommt auch noch mehr. Demnächst.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    15 Januar 2014

    Aléa Torik – moartea prematură a „noii HERTA” între pseudonim și așteptare

    Das ist nicht etwa meine Einschätzung, sondern das steht hier. Und da stehen noch andere feine Dinge über mich. Die stehen da nicht direkt, sondern in übertragenem Sinne. Das Rumänische ist eine sehr sinnliche und melodiöse Sprache -  viele schöne Worte mit nahezu unbegrenzten Kombinationsmöglichkeiten – mitunter allerdings auch etwas weitschweifig und weist grade dann die eine oder andere Eigentümlichkeit auf. So etwa, wenn einer nicht genau das sagt, was ein anderer hören will: Dann muss man interpretatorisch etwas nachhelfen und dem anderen die Worte unterstellen, die man selbst in dieser Situation nutzen würde und die Absichten, die man hätte. Und wie das mit vielen Dingen im Leben so ist, kann man diesen Umstand gutheißen oder verdammen.

    Man muss allerdings nicht mit allen Feinheiten des Rumänischen – dieser märchenhaften Sprache, die man hinter den sieben Bergen mit den sieben Zwergen spricht – vertraut sein, um zu erkennen, dass einer meiner alten Schulfreunde recht hat, als er sagte, was ich ihn in Aléas Ich sagen lasse: „Auch wenn er wiederholt das Gegenteil behauptete und betonte, wie schlecht hier alles sei, die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft, hörte ich vor allem heraus, wie sehr er das Land und die Leute hier vermisste und vor allem die Sprache. Keine Sprache, sagte er, sei wie das Rumänische. Als kenne er sie, als habe er sie alle ausprobiert, als habe er sie mit Mund und Zähnen und Zunge befühlt und wisse genau, dass sie alle miteinander nichts taugten, eine unübersichtliche Menge Vokabeln, die sich nie und nimmer zu einem lebendigen Gefüge erwecken ließen.“ (AI, 157)

    Auf einer ersten Ebene scheint genau dies das Schöne beim Schreiben, dass alle sagen, was der Autor sie sagen lässt. Bei genauerer Betrachtung allerdings ist es gerade umgekehrt: die Figuren eines Romans legen dem Autor die Worte in den Mund. Das Lebendige an der Sprache ist ja gerade, dass sie selbst spricht und der vermeintliche Arrangeur bloß, wie an Fäden hängend, die Lippen bewegt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    20 Dezember 2013

    “Der Name eines Vogels, den es nicht wirklich gibt, der aber, wie der Flug, in jedem Vogel vorhanden ist”

    Das Buch des Flüsterns von Varujan Vosganian

    Es ließen sich vermutlich eine Handvoll Parameter finden, anhand derer man die Modernität von Literatur bestimmen könnte, etwa der Wechsel der Perspektive zwischen Figuren- und Erzählersicht, von direkter und indirekter Rede. Einer der für mich interessantesten dieser Bestimmungen ist die Stellung des Erzählers. So betrachtet ist das Buch des Flüsterns ein sehr modernes Buch, da der Erzähler sich mehrfach zu Wort meldet, ausnahmslos mit Äußerungen, die allesamt seine Stellung als Teilhaber auf der einen und als teilnahmsloser Berichterstatter auf der anderen Seite betreffen. Diesen Widerspruch thematisierend, beginnt der Roman mit den Worten: „Ich bin vor allem das, was ich nicht vollenden konnte. Das wahrhaftigste der Leben, die ich führe, wie ein an seinem Ende verknotetes Schlangenknäuel, ist das nichtgelebte Leben. Ich bin ein Mensch, der unsagbar vieles auf dieser Welt erlebt hat. Und der im gleichen Maße nicht gelebt hat.“

    Das Buch des Flüsterns erzählt die Geschichte der Armenier. Die Geschichte ihres Untergangs, die zwischen all den anderen Untergängen im vergangenen Jahrhundert, – dem Untergang der Juden in Auschwitz, dem Untergang der Deutschen in Stalingrad, dem der Italiener unter Mussolini und dem der Franzosen unter Vichy, dem der Amerikaner in Pearl Harbor, dem der Japaner in Hiroshima und Nagasaki, dem Untergang Abermillionen Flüchtlingen in Europa und dem Untergang der Menschlichkeit in zwei Weltkriegen – selbst untergegangen ist. Es ist die Geschichte, die sich ein Jahrhundert lang durch halb Europa und Kleinasien zieht und dennoch ist es auch die der rumänischen Kleinstadt Focşani, ihrer armenischen Kirche und ihres Friedhofs. Und es ist die Geschichte von Großvater Garabet, der tatsächlich so oder so ähnlich existiert haben mag. Was der fiktive Erzähler über seinen gleichermaßen fiktiven Großvater berichtet, gilt auch für ihn selbst: „Mit seiner Künstlernatur hatte er begriffen, dass die Geschichte jedes einzelnen Menschen sich lediglich zu einem Teil aus dem wirklich in der Zeit Erlebten zusammensetzt, der Rest besteht zu gleichen Teilen aus den Dingen, an die man sich erinnert, aus Dingen, die man sich erhofft, und jenen, vor denen man sich fürchtet.“ Bemerkenswert ist die Auffassung, dass man sich der Vergangenheit nur auf eine Weise nähern kann, in der Erinnerung. Der Zukunft gegenüber aber kann man sich auf zweierlei Weise verhalten: hoffend und fürchtend. Mit einer lediglich erinnernden Lebens- oder Schreibweise greift und begreift man nur einen kleinen Teil des eigenen Selbst. In der Erinnerung, könnte man jetzt weitergehend formulieren, unterscheiden wir uns nicht voneinander, denn sie ist für alle gleich: sie greift nur das Vergangene. Es ist die Zukunft, durch die wir uns unterscheiden, je nachdem, ob wir uns hoffend oder fürchtend zu ihr verhalten.

    Hunderte Namen. Wie Grabsteine stehen sie nebeneinander, verbunden durch das gemeinsame Schicksal. Geschichten, die sich immer wieder treffen. Linien, die sich kreuzen. Auch das Leben des Erzählers beginnt an einer solchen Kreuzung: „ .. meine Geburt geriet an einen Kreuzungspunkt. Mit ihr überstieg die Zahl der Lebenden die der jemals und bis zu diesem Zeitpunkt Ermordeten.“ Linien, die sich kreuzen und überschneiden und die langsam ein Geflecht bilden, in dem die eigene Geschichte nur ein Abschnitt im langen Lauf der Zeiten ist und wo die Unsicherheit über die Zukunft mit der Sicherheit über die Vergangenheit besänftigt wird: „Großvater Setrak hat meine Großmutter Sofia kennengelernt, die er heiratete als sie kaum siebzehn Jahre zählte, dann wurde Tante Maro geboren und auf den Namen der älteren Schwester von Großvater getauft, die sich umgebracht hatte, indem sie sich in das Wasser des Euphrat stützte, und etwas später kam Elisabeta, meine Mutter, die wiederum später meinen Bruder Melic, benannt nach dem legendären Urahn der Familie, dem Prinzen aus Urmia, geboren hat und danach mich, Varujan, was im alten Armenisch der Name eines Vogels ist, den es nicht wirklich gibt, der aber, wie der Flug, in jedem Vogel vorhanden ist, ich wiederum habe eine Tochter, Armine, was ‚kleine Armenierin‘ heißt, und sie wird sich meinen Urahnen ebenso anschließen wie meine Großmutter Arșaluis, die Frau des anderen Großvaters, es angelegt hatte, als sie auf dem Innendeckel der Bibel die wichtigsten Geschehnisse ihres Lebens aufzeichnete.“

    Dieses Buch besteht aus unzähligen kleine Geschichten, etwa die von Harutiun Khantirian, der Botschafters von Armenien, der allerlei Eignungen für die Diplomatie vorweisen kann, dem es aber an der grundlegenden Vorrausetzung mangelt „nämlich jener, ein Land zu haben, das er hätte vertreten können“. Das ist die Geschichte des Dorfes Vadu Rosca, deren Bewohner sich nach dem zweiten Weltkrieg gegen die Kollektivierung der Landwirtschaft auflehnen und die dann mit Maschinengewehren und Panzer ausgelöscht werden, von einer militärischen Einheit, deren Anführer Nicolae Ceaușescu sich auf diese Weise erste Sporen verdient / erarbeitet /erschießt / ermordet. Die Geschichte von Micael Noradunghian, der nach dem zweiten Weltkrieg den Vorschlag macht, dass Rumänien sich zum 49. Mitglied der Vereinigten Staaten von Amerika erklärt. Die Geschichte von Hartin Fringhian und seinem Testament: Mit Glück und einem guten Gespür fürs Geschäft kann er sich ein geradezu märchenhaftes Vermögen erarbeiten. Als es ihm nach dem Weltkrieg im Zuge der Bodenreformen weggenommen wird, muss er in die Berge flüchten, im Smoking, wie es sich für jemand seiner Gesellschafsschicht gehört. Dort lebt er Jahr und Tag mit Schafen und Schäfern und fügt seinem Testament, das er in einem Ledergürtel um den Leib geschnallt bei sich trägt; er, der nichts mehr besitzt, fügt Kodizill um Kodizill hinzu und vermacht all jenen Geld und Gold und Eigentum, die ihm weiterhelfen: für die Zeit nach seinem Tod. Er hinterlässt Heerscharen reicher Bauern und Hirten, die nie einen Heller bekommen werden.

    Vor allem aber sind es die großen Geschichten, die das Buch des Flüsterns ausmachen. Und welches Ereignis könnte zentraler sein, als die Vernichtung: die Progrome der Jahre 1894 bis 1896. Wir erleben den die Massaker auslösenden Schuss auf Bahri Pascha, den türkischen Repräsentanten in Trapezent, den Hunderttausende in Kleinasien mit dem Leben bezahlten an der Seite von Misak Torlakian, der seine Familie dabei verliert und lebenslang zwischen dem Kampf gegen sich und dem gegen die anderen schwankt. Mal kämpft er gegen die Türken oder die Russen, alleine oder an der Seite des sagenumwobenen General Dro, dann kämpft er mit den Deutschen und dann gegen sie. Die Verursacher dieser Progrome waren von einem ordentlichen Gericht in der Türkei in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Allerdings dachte niemand ernsthaft daran, sie tatsächlich zur Verantwortung zu ziehen. Also beschlossen Armenier das Urteil zu vollstrecken. In der Operation Nemesis werden je zwei Personen ausgewählt, der einen der Verantwortlichen töten sollten, die längst überall in Europa wieder hofiert wurden. Eine Operation die erst viele Jahrzehnte später abgeschlossen wird. Der Erzähler schaut Misak Torlakian bei der Suche zu, beim Mord seiner Zielperson, bei der Verhaftung und dem dann folgenden Prozess, wo er frei gesprochen wird und bei einem Leben, das nie wieder in die Spur kommt. Er irrt durch dieses Buch, er irrt durch die Welt und verschwindet am Ende. Das letzte, was wir von ihm hören, kommt aus dem Radio.

    Wie ein Fluch zieht sich der Genozid durch dieses Buch, der 1 ½ Million Menschen das Leben gekostet hat, mal mehr und mal weniger im Bewusstsein des Lesers. Der Patenonkel des Erzählers, Satag Seitanian, ist als Kind einen dieser Konvois gegangen, einen dieser endlosen Wege, die sich über Wochen und Monate hinzogen, einen Winter in der Wüste, mit einem einzigen Ziel: der Vernichtung aller, die ihn gehen. Es ist ein Name, der mehr als alle anderen durch das Buch des Flüsterns geistert: Deir-ez-Zor. Das vermeintliche Ziel aller Konvois, deren tatsächliches Ziel doch ist, dass niemand diesen Ort lebend erreicht. Jeder Genozid hat ein logistisches Problem: wohin mit den Leichen? Man führt sie in kleinen Gruppen weg und erschießt sie. Aber dann sind sie immer noch vorhanden und ziehen Vögel und Ratten an. Man wirft sie in Flüsse, aber vergiftet damit das Trinkwasser. Man lässt sie am Straßenrand liegen, verbrennt sie, vergräbt sie, steckt sie in Höhlen und räuchert sie aus. „Noch hat man keine Tradition entwickelt hinsichtlich der Anlage von Massengräbern. Auf welche Weise müssen die Gräber ausgehoben, wie sollen die Leichen hineingelegt werden, etwa die Männer unten, in die Mitte die Frauen und obenauf die Kinder, wie müssen die Leichen gewaschen, wie gekleidet werden, was für ein Gebet hat der Priester zu sprechen, und von welcher Art himmlischer Ruhe redet er, was für ein Kreuz wird gesetzt, wie viel Querbalken müsste dieses Kreuz haben, und was stünde eigentlich drauf.“

    Beschrieben wird der Hunger, das Sterben am Hunger, das Sterben an der Gleichgültigkeit gegenüber den anderen und dann gegenüber sich selbst. Man gewöhnt sich an den Gedanken des Todes. Dass die eigene Frau sterben wird, der Mann, die Eltern und Kinder. Es spielt keine Rolle mehr. Alles wird auf diesem Weg nach Deir-ez-Zor schlimmer, aber das Schlimmste ist das kleine Mädchen, die namenlose Schwester Satag Seitanians, die weiß, dass sie stirbt. Dieses verhungernde kleine Mädchen und seine verhungernde Mutter, die im Lager nach etwas Essbarem herumstreift und mit leeren Händen zurückkehrt. „Sie haben dir nichts gegeben, nicht wahr?, fragt das Mädchen mit verlöschender Stimme. Sie nickte leeren Blicks. Auch du darfst ihnen später einmal nichts von mir geben …, lächelte das Kind traurig.“ Da begreift man als Leser, was man schon lange ahnt, so wie die Teilnehmer dieses Konvois ahnen, dass sie ihn einzig gehen, um dabei zu sterben; man ahnt es, auch wenn es der Erzähler nicht direkt formuliert und man selbst der letzte ist, der es begreift, aber alle wissen es, alle im Lager, selbst die kleinen Kinder wissen es: dass die da ihre Toten auffressen.

    Zu den Massakern Ende des 19. Jahrhunderts, zu dem Genozid im Jahr 1915 kommt noch die als Repatriierung in die russischen Gebiete deklarierten Deportationen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Gräueltaten scheinen kein Ende zu nehmen, noch auf der letzten Seite dieses Buches wird einer umgebracht, der armenische Journalist Hrant Dink. Bei der Schilderung all dieser Brutalitäten zeigt sich die ganze Kunst des Erzählers: die Zurückhaltung, mit der er berichtet. Er schreibt nicht, um anzuklagen. Er klagt überhaupt nicht. Im Buch des Flüsterns wird nur leise erzählt. Wie immer es sich ergeben hat, dass Lakonie und Melancholie einen guten, und Sentimentalität einen schlechten Ruf haben: dieses Buch zeigt erneut, dass das zu recht so ist. Der Erzähler ist wie ein Übriggebliebener, der mit einer nahezu seltsamen Zurückhaltung die Sache beobachtet; der nicht versteht, dass diese Ereignisse nicht auch ihn überrollt haben. Im Deutschen gibt es dafür die nicht sonderlich glückliche Fügung der Gnade der späten Geburt. Ich vermute, dass Vosganian das Wort Gnade nicht in den Mund nehmen würde. Weil es wahrscheinlich in seiner Auffassung des Subjekts nicht so sehr um den Einzelnen geht: „Keiner erzählte von sich selbst. Jeder wurde zu einer Figur in der Erzählung eines anderen, und so musste man fortwährend bei diesem und jenem aufpassen, wenn man die Fortsetzung verstehen wollte. Deshalb ist die Geschichte der Armenier meiner Kindheit eine endlose Geschichte.“

    Diesen mitunter schwer erträglichen Grausamkeiten steht Großvater Garabet gegenüber. Er ist Maler, Fotograf und Musiker, der der Zigeunerband anhand von Chopin und Beethoven die Noten beibringen will. Er steht der kleinen armenischen Gemeinschaft vor, wo die Alten unter Aprikosenbäumen oder unter Kastanien im Kirchhof sitzen und, wenn es ganz dick kommt, etwa wie beim Tod von Kennedy, in die Gruft der Kirche gehen und sich beraten. Er ist einer jener Menschen, die alles als Geschenk annehmen können, selbst den eigenen Tod. Den nimmt er am 12. November 1968 an, während der Radio Liberty hört. An diesem Tag löscht Misak Torlakian den letzten Namen auf der Liste der Verbrecher aus, wodurch die Operation Nemesis nach mehr als einem halben Jahrhundert beendet wird. Großvater Garabet ist es, der seinen Enkel von früh an darauf vorbereitet, dass der einmal der Erzähler sein wird. Aber erst lange nach seinem Tod versteht er das: „Ich bekam von meinem Großvater dessen innere Stimme auf ähnliche Weise übertragen, die älteren Worte waren in die neueren gegossen worden. Sodass diese innere Stimme, durch Generationen hindurch weitergetragen, vielleicht auch ein lebendiges Geschenk seitens der alten Toten ist. Eine Annahme, gewiss. Deren Bestätigung werde ich erst in dem Augenblick erhalten, da ich meinerseits diese Stimme jemand anderem anvertrauen werde, aber davon wird jemand anderes erzählen müssen.“

    Wer nicht so gut Rumänisch kann wie der Übersetzer, und das dürfte auf den Großteil der Leser dieses Blogs zutreffen, könnte auf den Gedanken verfallen, dass man Cartea soaptelor – so der Originaltitel – auch mit Karte des Flüsterns übersetzen könnte. Und der Gedanke ist auch gar nicht so dumm, denn Vosganian zeichnet tatsächlich eine Karte seines Volks, vielmehr zeichnet er die Spuren, die es auf dieser Karte hinterlassen hat. Der Gedanke ist zwar nicht dumm, aber eben falsch. Karte heißt nun mal hartă, hartă rutieră oder hartă topografică, oder als Visitenkarte carte de vizită. Dass man nicht einfach das eine mit etwas anderen übersetzen kann, ist das zentrale Problem beim Übersetzen. Wie die Dinge hätten sein können, wenn sie anders wären als sie sind: das ist einer der Abgründe aus denen alles Erzählen sich speist. Das Übersetzen ist eine Art des Erzählens. Und dass es wirklich Abgründe sind, das wissen all die, die uns etwas erzählen. Wer dem Übersetzer dennoch in nicht traut, der kann alles, was Varujan Vosganian vor- und Ernest Wichner nacherzählt hat ganz einfach überprüfen, im Dicţionarul Explicativ Al Limbii Române, hier.

    Und hier findet sich derselbe Text noch einmal. Aber ist es wirklich derselbe? Es sind vieleicht dieselben Worte. Aber reicht das für eine Identität aus? Oder ist es nicht vielleicht sogar zu viel, weil Identität einen Mangel bezeichnet, keine Fülle?!

    Varujan Vosganian, Buch des Flüsterns
    Paul Zsolnay Verlag 2013
    520 Seiten, 26,00 €

     

     

     

     

     

     

     

     

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    18 Dezember 2013

    „Achtung das Lesen dieses Buches kann bei sensiblen Menschen zu Realitätsverlust, Wahnvorstellungen bis hin zur Digitalparanoia führen!“

    Es war nicht als Kompliment gemeint, aber ich kann es beim besten Willen nicht anders verstehen. Frau Wunder schrieb mir, dass sie sich nach der Lektüre meines ersten Romans Das Geräusch des Werdens, den sie mit Genuss las – „Eine fantasievolle, ausufernde Geschichte mit wundervollem Zauber und vielen witzigen Ideen“ – über Aléas Ich geärgert habe. In einem ersten Kommentar (zu dem vorhergehenden Artikel hier) heißt es: „Ihrem zweiten Buch hab ich mit Spannung entgegengefiebert und es noch zwei Tage vor offiziellem Verkaufsstart erworben. Allein an diesem Buch wäre ich fast verzweifelt und es hat mich schier in den Wahnsinn getrieben. … Ihr zweites Buch hat mich so sehr betroffen oder betroffen gemacht, dass es nicht zum aushalten war.“ Diese Einschätzung krönte sie dann mit dem Vorschlag, den Text mit folgendem Warnhinweis auszustatten: “Achtung das Lesen dieses Buches kann bei sensiblen Menschen zu Realitätsverlust, Wahnvorstellungen bis hin zur Digitalparanoia führen!”

    Im zweiten Kommentar wird’s noch doller: „Ich hätte das Buch nicht schreiben können … Nein es ist viel schlimmer, ich habe es durchlebt. „Aleas Ich“ jeden einzelnen Satz, na gut fast jeden und lange vorm Erscheinen des Buches. Klingt wahnhaft, fühlt sich auch so an… Allerdings mit ein bisschen Abstand betrachtet, ist es gar nicht mehr mein Wahn sondern der Zeitgeist. Identität, die Suche danach, Anerkennung Wertschätzung, seinen Platz finden in Zwischenzimmern und Zwischennetzen genau so wie im RealLife. Es ist da draußen eine große Orientierungslosigkeit und ein Auseinanderfallen. Und das ganze auch noch potenziert in Digital. Es kann ganz leicht geschehen das sich die Ebenen vermischen und man nicht mehr weiß, wer man noch gestern war. Dies alles hab ich in “ Aleas Ich“ wieder entdeckt. Es hat mich angelacht wie ein paar grüne italienische Designerstiefeln, passgenau und maßgeschneidert.“

    Und im dritten Kommentar heißt es: „Ich deutete es ja schon an; es war ein wiedererkennen im Text. Ein Spiegeln, ein Zurückwerfen auf Erlebtes, Erdachtes, auf eigene Befindlichkeiten. Ihr Text las sich, wie die Zusammenfassung und Verdichtung eigener gesammelter, krauser verwirrender Erfahrungen der letzten Jahre, der letzten Zeit. Lese und Denkerfahrungen, Leserichtungen und Kommunikationshaltungen. Die Leseerfahrung ihres zweiten Buches war für mich sehr erschreckend, weil sie so genau und nah dran war an der Selbsterfahrung. … Mir scheint, als hat Ihr Buch eine Strömung im Zeitgeist getroffen und somit auch mich. Und wie das so ist, mit den unliebsamen “Wahrheiten” oder den unbewussten Strömungen, sie regen auf, sie regen an, sie erregen die Gemüter. So wie das eben immer ist, wenn es ans Eingemachte geht.“

    Ich kann mir nicht helfen, aber ich finde das sind doch ausgesprochen schöne Komplimente für einen Autor. Genau das, was Frau Wunder mit ihren Worten beschreibt, habe ich darstellen wollen.

    Weitere Einschätzungen dieses Romans finden sich hier.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    11 Dezember 2013

    Worum geht’s eigentlich in Ihrem Roman?

    „Worum geht’s eigentlich in Ihrem Roman?“ Das ist es, was die Leute vom Autor wissen wollen. Er soll sagen, worum es in seinem Text geht. Worum es eigentlich geht: also ohne jedes Geschwafel. Dann soll er Hunderte einzigartiger Formulierungen gegen einige beliebige Floskeln austauschen. Worum geht’s? Das wollen alle vom Autor wissen, von Anfang an.

    Wenn der Autor einen Verlag oder einen Agenten sucht, muss er schriftlich erklären, worum es in seinem Roman eigentlich geht: Er muss ein Exposé abliefern. Nun hat sich aber der Autor gerade um diesen einen Punkt nie Gedanken gemacht. Also fragt er seine Frau, die es wissen könnte und die wiederum fragt ihre beste Freundin. Die schreibt dann irgendwas hin, gibt’s der Frau des Autors und die ihrem Mann, welcher es an den Verleger weitergibt bei dem das unter einem Papierstapel verschwindet.

    Wenn das Buch dann wider alle Wahrscheinlichkeit erscheint, wird es vom Verleger an den verantwortlichen Redakteur einer Zeitung oder Zeitschrift gegeben und der gibt es an einen Rezensenten. Dann muss es endlich mal einer lesen, weil es der Verleger natürlich ungelesen an seinen Lektor, der Lektor an seine Frau und die an ihre beste Freundin weitergegeben hatten. Da der Rezensent aber gerade keine Zeit hat, gibt er’s an seine Frau und die gibt’s an ihre beste Freundin. Die ruft dann den Autor an und fragt, worum es in dem Buch eigentlich geht, wird aber aus den Formulierungen ihres Gesprächspartners nicht schlau. Sie schreibt einfach etwas hin und gibt den Text an die Freundin und über den Rezensenten geht er wieder an den Redakteur. Dann erscheint die Rezension, in der klipp und klar gesagt wird, worum es in dem Roman eigentlich geht. Weil der Leser dieser Rezension, weil der potentielle Käufer sich aber, wenn er in einer Buchhandlung steht, nicht genau erinnern kann – nicht an die Rezension und auch nicht an das rezensierte Buch – kauft er irgendein anderes Buch und verschenkt es an einen Freund, der es an seine Frau weitergibt, die es ihrer besten Freundin gibt.

    Irgendwo und irgendwann in der langen Verwertungskette liegt dann mal einer auf der Couch und liest, was bis dahin noch niemand gelesen hat. Er versucht‘s zumindest, muss aber zu seinem Bedauern feststellen, dass das Buch schlechterdings unlesbar ist. Dann kommt seine beste Freundin, eine dieser Freundinnen, die man im Leben braucht und die tatsächlich Bücher lesen und auch wirklich etwas von Literatur verstehen. Und die kann es dann als das Buch identifizieren, das sie tatsächlich gelesen hat. Auch wenn sie sich nicht mehr erinnern kann, wer es ihr gegeben hat, geschweige denn, worum es da eigentlich geht.

    Spätestens jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo mal jemand die Wahrheit sagen muss: dass es nämlich nicht so wichtig ist, worum es im modernen Roman eigentlich geht – es geht ja sowieso immer um das Gleiche -: wichtig ist dass und wie es weitergeht. Denn nichts kann so weitergehen wie es Romane können. Alles andere auf der Welt geht einfach nur zu Ende.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    28 November 2013

    „Die Wirklichkeit ist der Schatten des Wortes“

    „Unsere Kultur ist besessen von realen Ereignissen, weil wir kaum noch welche erleben“. Dieser Diagnose von David Shields, die Peter Urban-Halle in seinem Artikel „Der autobiografische Roman von heute“ in der Neue Zürcher Zeitung zitiert und die man so oder so ähnlich derzeit an vielen Orten hört, stimme ich durchaus zu. Den Schluss jedoch, dass wir eine autobiografische und dadurch offenbar authentische Literatur brauchen, um zum Erlebnis zurückzufinden, teile ich nicht. Denn der Begriff des Erlebnisses hat sich grundlegend geändert.

    Zweifellos gibt es einen „Hunger nach Wirklichkeit“, nach Wahrhaftigkeit und Echtheit. Aber ist die erzählende Literatur der Ort an dem dieser Hunger gestillt werden kann? Kann es in einer Welt, in der der Schein nicht mehr der Schein der Wahrheit ist, sondern lediglich eine glänzende Oberfläche, kann die Literatur des 21. Jahrhunderts tatsächlich einen abbildenden Zugang zur Realität wollen: Indem sie lediglich erzählt, was wirklich geschehen ist? Das 20. Jahrhundert hat uns doch vor Augen geführt, dass die beiden Protagonisten dieses Schauspiels – das erkennende Ich und die erkannte Wirklichkeit – gleichermaßen unzuverlässige, über die Bühne wankende Kombattanten sind. Müssen wir nicht vielmehr, um der Wirklichkeit auf die Spur zu kommen, sie neu erfinden?

    Wenn wir fragen, ob es einen neuen Realismus in der Literatur gibt, dann ist nicht die Frage, ob es die Realität gibt, sondern ob wir einen realistischen Zugang zu ihr finden. Das ist die Frage, ob Schriftsteller nicht immer, mit Fernando Pessoa formuliert, den Leser täuschen: „Der Poet verstellt sich, täuscht / so vollkommen, so gewagt, / daß er selbst den Schmerz vortäuscht, / der ihn wirklich plagt.“

    Die Fähigkeit zu fingieren ist keine genuin literarische Leistung, sondern von erheblicher anthropologischer Relevanz und hat eine, in der Konstruktion von Weltbildern, Hypothesen, Projektionen, in Liebe und Eifersucht gleichermaßen tragende Funktion. Unsere gesamte Existenz ist von Fiktionen durchzogen. Seit allerdings ein nicht unwesentlicher Teil unserer Lebenszeit und -energie im Netz versickert und wir hinnehmen, dass fiktionale Strategien immer größere Bereiche des Lebens beeinflussen, geradezu okkupieren, scheint die Sehnsucht nach Authentizität und Wahrhaftigkeit gute Gründe zu haben.

    Allerdings ist die Annahme, dass man authentische Erfahrungen – als idyllisches Erleben eines unverstellten Naturzustandes – einfach so machen könne, einigermaßen naiv. Dieser Wunsch wird möglicherweise umso realer empfunden, je irrealer sein Objekt ist: das eigene, die Welt da draußen aufnehmende, verstehende und beschreibende Ich. Auch taugt die Annahme, man brauche authentische Erfahrungen, um darüber schreiben und sie für die Fiktion fruchtbar machen zu können, nicht viel: „Obwohl das Gegenteil bewiesen ist, glaubt man immer noch, daß direkte Erfahrungen lehrreicher sind als vermittelte und letztere nur dann aufschlußreich sind, wenn sie die Realität genau widerspiegeln. Doch wer mit fiction nicht umgehen kann, der weiß sich schon deshalb in der realen Welt nicht zu bewegen, weil ihm jegliche authentische kommunikative Kompetenz abgeht“, schreibt Elena Esposito in „Die Fiktion der wahrscheinlichen Realität“.

    Einer der bevorzugten Witze von David Foster Wallace lautet: „Zwei junge Fische begegnen einem älteren Fisch. Der fragt: ‚Morgen Jungs, wie ist das Wasser?‘ und schwimmt dann weiter. Daraufhin fragt der eine der beiden jungen Fische: ‚Was zum Teufel ist Wasser?‘“ Entweder gibt es die Wirklichkeit nirgends oder, was auf dasselbe hinausläuft, es gibt sie überall. Was uns abhandenkommt, ist nicht die Wirklichkeit selbst, das Wasser, sondern das Gefühl dafür. Wir können die Wirklichkeit nicht auf eine reine Weise erfühlen, erfahren oder erschwimmen. Wir erfahren sie womöglich, indem wir erfahren, was sie nicht ist, weil fact und fiction als singuläre Erscheinungen in unserer Welt nicht vorkommen, sondern nur im Verhältnis zueinander.

    Die Sehnsucht nach Wirklichkeit kommt in einer Zeit auf, da wir mit dem Cyberspace immer weiter zu verwachsen scheinen. Die Welt verändert sich und wir selbst – ob wir das wollen oder nicht, ob wir uns anpassen oder widersetzen – verändern uns ebenfalls. Wir fotografieren und archivieren die Dinge bereits während wir sie erleben. Aber nicht etwa für eine spätere Zeit, da wir uns mittels der Archive erinnern werden, sondern als Bereicherung der Gegenwart: Als Überwindung jenes Mangels, der durch die Möglichkeit, ihn zu überwinden – durch technische Geräte und deren Applikationen – überhaupt erst entstanden ist. Jede App verspricht uns mehr aus dem armseligen Stoff der Wirklichkeit zu machen. Jede Möglichkeit zur Bereicherung wird allerdings in dem Moment bereits als Verarmung empfunden, da man sie ungenutzt vorübergehen lässt.

    Wir verstehen uns und unsere Erlebnisse im Hinblick auf deren mediale Verwertbarkeit. Die Dinge sind schön, wenn sie so schön sind wie im Film. Wir verlagern unsere Interessen und damit uns selbst immer weiter ins Netz: einen Tag, eine Stunde ohne Medien verbringen zu müssen, ohne seine Mails abzufragen und sich und die anderen zu kontrollieren, ist nahezu unvorstellbar. Bei den sogenannten Digital Natives geht der Blick alle paar Sekunden aufs Display, als könne dort etwas ohne sie geschehen.

    Selbst im Urlaub ist man noch im Netz. Womöglich ist man nur dort im Urlaub, weil Wirklichkeit Stress erzeugt; man muss sich eine Unterkunft suchen und unverzüglich entscheiden, was man fotografieren und ins Netz stellen soll. Dort erst kann man sich anschauen, wie schön es an diesem Ort ist. Das Erleben ist nicht mehr das Gefühl für ein Ereignis während es geschieht, also eine ‚realistische‘ Bearbeitung, sondern dessen Beglaubigung und Anreicherung durch seine Medialisierung.

    Die den Realitätsverlust beklagen, sind nicht selten gerade jene, die ihn befördern und mit ihren Blogs, Facebook- und Twitteraccounts, mit Kühlschränken, die Lebensmittel bestellen und Telefonen, die den Aufenthaltsort der Kinder überwachen und damit jenes Gewebe erst erzeugen, in dem ihnen das Gefühl für die Realität abhanden gekommen ist. Offenbar ist es nicht der Mensch der authentisch werden soll, sondern das Medium, mit dem er diese Authentizität unterläuft. Im Netz jedoch gibt es keine Realität. Es gibt ausgewählte Teile von ihr, die nicht das Ganze zu sein, sondern, sehr viel perfider, das Ganze zu repräsentieren behaupten. Das sind nicht mehr wir, sondern unsere medialen Hüllen, wie Bert te Wildt in „Medialisation“ schreibt: „Die virtuellen Partialidentitäten, mit denen wir im Cyberspace agieren und interagieren, sind mehr oder weniger künstlich, eine mehr oder weniger künstliche Variante unserer selbst, aber – so sehr wir es uns vielleicht auch wünschen – niemals wir selbst. Ähnlich wie unser Selbst nicht gleichzusetzen ist mit unserer körperlichen Hülle, ist es nicht identisch mit unserer medialen Präsenz.“

    Der Cyberspace – die Cloud, wo Dinge, vielmehr deren Datenschatten, sich nicht mehr an einem Ort lokalisieren lassen, sondern zwischen Orten fließen – ist ein mythischer Ort, an dem es keine Körper gibt; es gibt immer nur die digitalen, täuschend echten Stellvertreter. Die zukünftige Art des Reisens, die in Franz Werfels Roman „Stern der Ungeborenen“ noch radikal utopisch erschien, ist mit dem Netz längst Wirklichkeit geworden: nicht wir bewegen uns auf das Ziel, sondern wir bewegen das Ziel auf uns zu.

    Durch google street view können wir uns bereits heute in einer Straße umsehen, in der wir uns nicht befinden. Noch einen Schritt weiter und wir können die anderen erkennen, die sich dieselbe Straße ansehen ohne sich dort zu befinden. Und noch einen weiteren Schritt und wir und die anderen bewegen uns an einem Ort, an dem wir nicht sind. Wir teilen dann mit jenen eine Wirklichkeit, die, wie wir, noch immer auf dem Sofa sitzen. In einer radikal entleerten Gegenwart sitzen wir alle auf unseren Sofaecken und starren auf berührungsempfindliche Displays, die nicht mehr auf grobmotorische Fingerspitzen, sondern auf Blickkontakte reagieren. Displays, die die Differenz zwischen hier und dort zu überwinden vermögen und an unseren Augen und an uns erkennen, was wir früher an ihnen erkannt haben.

    Mit dem Cyberspace verändert sich der Begriff der Wirklichkeit als einer sprachlich verfassten. Die Welt auf der anderen Seite von dieser ist längst nicht mehr virtuell, sondern real. Sie hat gegenüber der Wirklichkeit sogar eine gesteigerte, elektronisch aufgewertete Realität. Dieser Hyperrealismus will die Wirklichkeit der Welt nicht nur einfach abbilden, er will sie auf hysterische Weise steigern: Er will sie als verbessertes Abbild und nicht, wie etwa Roman oder erotische Fantasie, als deren Abweichung. Und je reichhaltiger der Hyperrealismus mit seinen Applikationen wird, desto ärmer scheint die Sprache mit der wir diese Welt beschreiben.

    Die Strategie, die Literatur authentischer werden zu lassen, und sie damit scheinbar näher an das eigene, das erzählende Ich heranzurücken – weil die Welt fiktionaler wird und damit vom Ich wegrückt -, halte ich für grundlegend falsch. Die Literatur kann dem an der Welt leidenden Menschen keinen kurativen Zugang zur Wirklichkeit verschaffen. Die gegenteilige Bestrebung scheint mir vielversprechender: die Literatur muss die Wunde schlagen. Vielmehr muss sie die vorhandene Wunde, dass nicht alles Wirklichkeit ist, was man dafür hält, vertiefen. Das ist der Reichtum, den Literatur uns zur Verfügung stellt: Die Erkenntnis, dass der Zweifel an der Wirklichkeit das Gebäude nicht zusammenbrechen lässt, sondern seine Stabilität überhaupt erst ausmacht. Es ist die Fiktionalität, die die Wirklichkeit vor dem Kollaps bewahrt, nicht die Authentizität.

    „Wir halten das Wort üblicherweise für den Schatten der Wirklichkeit, für ihr Abbild. Richtiger wäre die umgekehrte Behauptung: Die Wirklichkeit ist der Schatten des Wortes.“ Mit dieser Umkehrung des platonischen Höhlengleichnisses beendet Bruno Schulz seinen Essay „Die Mythisierung der Wirklichkeit“. Wir meinen zu wissen was Blau ist, weil wir die Farbe kennen. Dabei ist Blau nicht von Natur aus blau, sondern es wird erst dazu, indem wir es so nennen. Es ist nicht die Farbe, die die Intensität hat, sondern das Wort, das sie abzubilden vorgibt. Wir geben der Farbe einen Namen, der mit der Sache selbst nicht das Geringste zu tun hat. Wäre Blau tatsächlich grün, gäbe es für uns keine Möglichkeit hinter das Wort zu schauen und seine wahre Farbe zu erkennen. Möglicherweise sieht die Welt ganz anderes aus als wir das zu erkennen meinen, weil wir alles falsch bezeichnen. Wir werden es nicht erfahren. Wir haben nur das Wort und alles, was wir sehen, was wir als unsere Wirklichkeit postulieren, sind seine Schatten. Das Skandalon der Literatur, dass Wirklichkeit nicht von Fiktion zu unterscheiden ist, sollte nicht ausgelöscht, sondern kultiviert werden.

    Nachtrag: „Authentizität“ ist nicht das Hauptthema dieses Artikels, sondern sein Ausgangspunkt. Und dazu noch ein kleiner Nachtrag. Dass ich mit der sogenannten autobiografischen Literatur wenig anfangen kann – mit dem Begriff Authentizität noch weniger -, habe ich mehrfach dargelegt. Mich interessiert der Autor nicht, weil ich nichts mit ihm zu tun habe. Ich habe lediglich mit seinem Text zu tun. Ich habe allerdings die Befürchtung, dass sich so mancher gar nicht für Literatur interessiert, sondern nur für den Autor: Ein Autor, der sich in seinem Text ‚ausdrückt‘, der sich da ‚wiederfindet‘. Ob er das nun beabsichtigt hat oder der Leser ihm das nur unterstellt, ist einerlei.

    Ich verweise ein weiteres Mal auf Tanja Dückers schönen Essay: “Ist das autobiografisch?“. Auf Ilija Trojanow, ein einem Interview: „Ich kann persönlich mit dem Wort „Authentizität“ überhaupt nichts anfangen. Das Wort ist stark instrumentalisiert worden, oft wird es benutzt, um eine bestimmt Ideologie oder Verengung zu verteidigen. In der Rezeption der afrikanischen Literatur, unter afrikanischen Intellektuellen oder auch außerhalb setzt man das Kriterium „authentisch“ ein, um jemandem, den man nicht mag, die literarische Existenzberechtigung abzustreiten. Das gleiche Verhalten kann man gegenüber Autoren der Exilliteratur beobachten. Dieses uralte Phänomen habe ich selbst erlebt, wenn ich über Bulgarien schreibe. Angeblich kann ich nicht authentisch über Bulgarien schreiben, weil ich ja in der Diaspora lebe. Diese Sichtweise ist in der Weltliteratur der letzten 3000 Jahre tausendmal widerlegt worden.“ Und auf Jutta Reichelt: „Aber was genau ist denn das “autobiografische” am “autobiografischen Text”?

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    05 November 2013

    „Wir sind verdammt lausige Akrobaten“

    Der Briefwechsel zwischen Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald

    Ich kenne beide, nämlich beider Texte nur oberflächlich. Eigentlich kenne ich sie gar nicht. Ich kenne vielmehr meinen Geschmack. Da passen sie nicht hinein und stehen ihm auch nicht so entgegen, dass ich diese Reibung als spannend empfände. Dennoch habe ich den Briefwechsel gelesen. Hemingway ist in seinen Briefen immer ein wenig vulgärer als Fitzgerald. Allerdings auch zärtlicher. Möglicherweise hängen beide Verhaltensweisen, wenn man das so nennen kann, zusammen und er meinte, sich seine zärtlichen Emotionen mittels seiner Vulgarismen verbieten zu müssen. Oder das eine mit dem anderen für ungültig zu erklären. Obwohl auch Fitzgerald vulgär sein kann. Nicht nur, um Hemingway zu imponieren, sondern auch als eine Art, dem Leben gegenüber jene Verachtung zu formulieren, die es jedem von uns immer wieder zeigt.

    Sie schreiben einander nicht nur über alltägliche Ereignisse, sie informieren sich nicht nur über ihre wechselnden Aufenthaltsorte und ihre Absichten, einander zu besuchen, sie sprechen über die Kollegen, sie ziehen über sie her. Die beiden kritisieren gegenseitig ihre Texte. Fitzgerald die von Hemingway, der seinerseits eher verhalten auf die seines Freundes reagiert. Nicht aus Großzügigkeit, sondern eher, vermute ich jedenfalls, weil er nicht in der Lage war, seine Kritik in Worte zu fassen. Weil er den Freund nicht verletzten wollte oder weil er nicht in der Lage war, die Absichten eines Textes zu erkennen, der aus einer anderen Feder als der eigenen stammt. Fitzgerald ist feinsinniger in seinem Urteil. Aber auch brutaler Hemingway gegenüber. So beendet er seine Kritik an dem Manuskript von Hemingways Fiesta mit den Worten: „Wie ich dich kenne, würdest du dergleichen bei anderen als halb Stil, halb Pferdescheiße bezeichnen.“ Auf der anderen Seite ist er ebenso überschwänglich mit Lob, weil er den Freund wirklich für einen großen Schriftsteller hält und weiß, dass der große Schriftsteller sich vom kleinen Schriftsteller vor allem darin unterscheidet, weil er weiß, dass beide mitunter den größten Blödsinn schreiben. Der kleine hingegen hält seinen eigenen Blödsinn noch für großartig. Dieses Wissen, diese Größe, hat auch Hemingway: „Eigentlich sind wir verdammt lausige Akrobaten, aber wir machen manchmal ein paar richtig tolle Sprünge, alter Freund, und es gibt all diese anderen Akrobaten, die nie springen.“

    „Eine Freundschaft in Briefen“ heißt es im Untertitel. Wenn es Freundschaft zwischen zwei Schriftstellern geben kann. Das ist seltsamerweise immer auch Neid und Missgunst im Spiel. Fitzgerald war zu einer Zeit schon berühmt und reich, als Hemingway nur Worte aneinandergereiht hat. Später war es andersherum, Fitzgerald hat das Glück und seine geliebte Zelda verlassen – die ist dahin gegangen, wo sie nach Meinung Hemingways immer schon hingehört hat: ins Irrenhaus – und das Publikum wollte ihn und seine Texte auch nicht mehr. Da ging Hemingways Stern auf. Man fragt sich manchmal, wenn man Menschen auf der Straße sieht, was sie aneinander finden, was Paare, was Freunde aneinander finden mögen. Benjamin Lebert, der Herausgeber dieses Briefwechsels, schreibt in seinem Vorwort, dass die beiden am anderen gefunden hätten, was sie an sich selbst vermissten. Das ist sicher ein funktionierendes Bindeglied, für Liebe wie für Freundschaft.

    Der Briefwechsel gefällt mir aus einem, allerdings sehr persönlichen Grund nicht. Es geht, immer und immer wieder, um Geld. Das war und ist und wird wohl immer sein: das zentrale Thema im Leben vieler Schriftsteller. Selbst dann wenn man es hat, wie Fitzgerald, der Hemingway gegenüber wiederholt damit protzt, welche Summen er mit seinen Geschichten und Artikel erzielt; der ihm allerdings auch immer wieder Geld zukommen lässt. Es gefällt mir nicht, weil Geld auch für mich ein Thema ist. Eines, das mir Energie raubt, sie mir nur raubt und nichts dafür zurückgibt, und das –dies ist der eigentliche Einwand! – literarisch vollkommen irrelevant ist. Ich kann mit dem Thema Geld einfach nichts anfangen. Ich kann nicht einmal etwas mit dem Geld selbst anfangen. Ich brauche es nur, um es auszugeben. Aber es ist ein toter Gegenstand, der meine Fantasie überhaupt nicht bewegt. Ich träume nicht, ich träume kaum von Dingen, die man sich mit Geld kaufen kann. Jemand mit einem etwas pralleren Portemonnaie und einer ebenso prallen Fantasie mag also viele Stellen in diesem Briefwechsel anders lesen. Er liest ein dauerndes Aufbegehren gegen Armut und Untergang, wo ich lediglich lese, wovon ich in meiner Wirklichkeit schon mehr als genug habe.

    Vielleicht ist es auch insgesamt für andere interessanter als für mich, Briefwechsel von Schriftstellern zu lesen, weil ich selbst einer, also eine, bin. Und ähnliche Briefwechsel auch selbst führe. Oder führte, denn mit nicht wenigen Kommentatoren hier haben sich sehr witzige, schlagfertige Duelle führen lassen, die den Duellen zwischen den beiden Amerikanern in nichts nachstehen und vielen anderen Briefwechseln oder Kommentarbäumen in Blogs nicht nachstehen werden. Nur dass man bei den beiden natürlich mitliest, dass sie berühmt geworden sind, was den meisten – das ist die eine Seite der Berühmtheit: der Mangel an derselben – nicht vergönnt ist. Und weil sie eben berühmt sind interessiert, was normalerweise nicht interessiert. Hier eine der schönsten Stellen, von Hemingway an Fitzgerald, eine Szene, die sicher so nicht passiert ist, sondern ein Versuch ist, aus einem Ereignis Literatur werden zu lassen. Es sind keine wirklichen Ereignisse, sondern nur Worte.

    „Wie findest du den Titel Männer ohne Frauen? Ich konnte keinen Titel finden, Fitz, obwohl ich den ganzen Ecclesiastes durchwühlt habe. Perkins, den du vielleicht getroffen hast, wollte einen Titel für das Buch. Perkins ist mir vielleicht einer, hab ich gedacht, was für eine drollige Vorstellung! Er will einen Titel für das Buch. Äußerst merkwürdig. Ich war damals gerade in Gstaad, und so ging ich in alle Buchhandlungen und versuchte, eine Bibel zu kaufen und einen Titel zu finden. Aber alles, was die Mistkerle zu verkaufen hatten, waren kleine geschnitzte braune Holzbären. So dachte ich eine Zeit lang daran, das Buch Kleiner geschnitzter Holzbär zu nennen und dann den Deutungen der Kritiker zu lauschen. Zum Glück war zufällig ein anglikanischer Geistlicher im Städtchen, der am nächsten Tag abreiste und Pauline seine Bibel lieh, nachdem sie versprochen hatte, sie ihm am selben Abend zurückzugeben, denn es war die Bibel mit der er ordiniert worden war. Also, Fitz, ich suchte in dieser ganzen Bibel herum, die sehr schön gedruckt war, und stieß auf dieses große Buch Ecclesiastes und las es laut allen vor, die es hören wollten. Ich war bald allein und begann auf diese dämliche Bibel zu fluchen, weil keine Titel drin waren – obwohl ich den Ursprung praktisch aller guten Titel, von denen man je gehört hat, dort gefunden habe. Aber die Jungs, besonders Kipling, sind vor mir das gewesen und haben sämtliche brauchbaren geklaut, und daher nannte ich das Buch Männer ohne Frauen …“.

    Hemingway an Fitzgerald: „Da wir uns unsere Hölle selbst schaffen, sollte sie uns wenigstens gefallen.“ – Fitzgerald an Hemingway: „Habe mir seit einer Woche keinen neuen Feinde mehr gemacht.“ – Hemingway an Fitzgerald: „Bekam von Who’s Who einen Fragebogen zum Ausfüllen; mein Leben war so scheißkompliziert, dass ich nur zwei von den Fragen beantworten konnte, und ich wusste nicht, ob die nicht gegen mich verwendet werden könnten.“ – Fitzgerald an Hemingway: „Da so viele Menschen gut schreiben können + der Konkurrenzkampf so groß ist, verstehe ich nicht, warum du so leichtfertig an diese ersten zwanzig Seiten herangehst. Man kann mit der Aufmerksamkeit der Leser nicht spielen. Ein guter Schreiber, einer, der die Macht besitzt, andere nach Belieben zu fesseln, muss besonders vorsichtig sein.“ – Hemingway an Fitzgerald: „Vergiss deine persönliche Tragödie. Wir sind alle von Anfang an verflucht, und besonders Du musst erst fruchtbar verletzt werden, bevor du ernsthaft schreiben kannst. Aber wenn Du diesen verdammten Schmerz fühlst, nutzt ihn, und betrüge nicht damit.“

    Ich hätte mir einen etwas ausführlicheren Kommentarapparat gewünscht, wenigstens in dem einen wesentlichen Punkt, in der Frage, ob die veröffentlichte Variante eines kritisierten Manuskriptes auf diese Kritik eingegangen ist oder nicht. Ob also diese Kritik an dem gedruckten Werk, wie wir es kennen, überhaupt noch nachvollziehbar ist.

    Wir sind verdammt lausige Akrobaten
    Eine Freundschaft in Briefen
    Hrsg. Benjamin Lebert
    Hoffmann & Campe
    17,99 €

     





    29 Oktober 2013

    „Aléas Ich“ – in LITLOG

    „Es ist eine berechtigte Kritik an metafiktionalen Texten mit allerlei Querverweisen und Selbstbezüglichkeiten, dass sie zwar ein großer Spaß für LiteraturwissenschaftlerInnen mit einer Neigung zur Postmoderne sind, für die meisten anderen LeserInnen aber oft schlichtweg eine nervenzehrende Lektüre mit einem Lesevergnügen, das gegen Null tendiert. Nicht so aber Aléas Ich – jenseits aller Metaebenen ist dieses Buch ein zugänglicher, rührender, aber vor allem urkomischer Text über eine Kindheit in Rumänien, das Leben in Berlin, das Erwachsenwerden, die Liebe und das Internet.“
    Hier.

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    24 September 2013

    From one second to the next

    Ich fahre Fahrrad. Immer. Außer wenn ich arbeite, lese oder schlafe. Da man beim Fahrradfahren recht ausführlich in der Gegend herumschauen kann, sieht man mitunter Dinge, die man lieber nicht sehen möchte. Die Autofahrer beispielsweise. Die schauen bisweilen sogar auf die Straße.  Aber häufig, immer häufiger schauen sie auf ihr schickes Handy, auf dem sicher alle paar Sekunden unglaublich aufregende Nachrichten erscheinen. Da hat man naturgenäß wenig Interesse am Leben der anderen. Wie das eigene Leben sich verändert, wenn man ein anderes ausgelöscht hat, zeigt der folgende Kurzfilm von Wim Wenders. Ich musste mich ein wenig in den amerikanischen Zungenschlag einhören.

    Dont text and drive: From one second to the next.

    Ich habe ausgesprochen schlechte Laune.  Ich habe mal wieder eine Absage für ein Stipendium bekommen. Vielmehr habe ich sie nicht bekommen, nicht nur das Stipendium nicht, nicht einmal die Absage. Irgendwann brechen diese Absagen mir mein schriftstellerisches Genick. Und das ist nicht mehr weit weg.

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    16 September 2013

    Roșia Montană

    Ich hatte verschiedentlich darüber berichtet, hier und hier. Die Leute demonstrieren inzwischen in Sibiu, in Bukarest, in Iaşi und in vielen anderen Städten. Nicht nur für oder gegen die Politik, nicht nur, wenn es um die Frage geht, wie groß jenes Stück vom Kuchen sein wird, das sie sich reservieren möchten. Die meisten Menschen interessieren sich nur dafür, was die Politik ihnen persönlich bringen könnte, nicht, was sie insgesamt bringt. Die wenigsten Menschen sind in der Lage, etwas zu wählen und zu wollen, was ihnen einen Nachteil beschert, vielen anderen aber einen Vorteil. Wo Menschen nicht nur auf die Straße gehen, wenn es um das eigene Portemonnaie geht, sondern auch, wenn es um die Umwelt geht, ist das ein gutes Zeichen. Das kommt aus Rumänien. Das andere kommt aus Deutschland. Die Allianz wird die weitere Zusammenarbeit mit Gabriel Resources – dem kanadischen Konzern, der die Bodenschätze gegen ein Entgelt ausbeuten darf – einstellen. Hier, hier, hier und hier.

     

     

     





    15 September 2013

    Aléa Torik im Interview mit Katharina Bendixen – im Literaturmagazin POET

    Es geht in dem Gespräch um meine beiden Romane, um Identität, Rumänien, Autorschaft und Zuneigung. Und um den Literaturbetrieb. Zwischen echt und fiktiv können wir nicht unterscheiden

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    14 September 2013

    Es ist nicht leicht die Herrschaft aufzugeben, die ich nicht hatte

    Wobei, aber das fällt mir wirklich erst jetzt auf, es wirklich ein Problem gibt, wenn ich die Rezensionen meiner Romane kommentiere, wenn ich, etwa zu Frau Frank sage: Sie haben’s kapiert. Dann eigne ich mir tatsächlich auch eine Deutungshoheit an, was ich ja gerade nicht will, ich hatte das bereits bei Bersarin dargelegt. Jemand anderem ein bestimmtes Verständnis zuzugestehen, setzt ja voraus, dass man es selbst auch hat.

    Ich will mit solchen Kommentaren zu den Rezensionen kein abweichendes Verständnis unterdrücken, könnte ich ja auch gar nicht, sondern meine Zustimmung zu dem ausdrücken, was ich auch verstanden habe. Darüber hinaus kann es natürlich ein partial oder sogar total anderes Verständnis geben. Ich bin eigentlich für alles offen. Es muss nur begründet sein. Rein beleidigende Kommentare oder Kommentare, die sich scheinbar auf meinen Text beziehen, aber in beleidigender Absicht abgegeben werden, die habe ich hier, vor und nach dem sogenannten Outing, unterdrückt und gelöscht. (Naja, manche habe ich auch durchgelassen, weil es auch manchmal Spaß macht, anderen was auf den Kopf zu hauen. Aber der Spaß ich schnell dahin, wenn man feststellen muss, dass der andere nicht einmal begreift, dass er was auf den Kopf bekommen hat). Solche Sachen werde ich auch weiterhin löschen. Aber hier waren ja über mehr als drei Jahre 99 % aller Kommentare ausgezeichnet, auch wenn das inzwischen nahezu völlig verstummt ist.

    Zurück zum Thema: Ich will hier nicht die Herrschaft über meinen Text – obwohl ich immerhin einmal die Königin der neuen deutschen Literatur war. Diese Herrschaft hatte ich während der Herstellung. Obwohl ich da eher beherrscht wurde: „Kein Subjekt verfügt so über die Sprache, dass es sie lediglich in einen Text umzusetzen brauchte, um diesen als nachträgliches Produkt seiner Kunstanstrengung ausweisen zu können“, Johanna Bossinade, Poststrukturalistische Literaturtheorie, Metzler, Stuttgart 2000, Seite 137. Und dennoch: die Herrschaft, die man nicht hatte, ist noch schwerer abzugeben als die, die man hat. Was für alle anderen gilt, gilt auch für mich: Ein wenig Eigennutz ist, wie man sich auch verhält, fast immer dabei.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    10 September 2013

    „Aléas Ich“ – und ein wenig auch „Das Geräusch des Werdens“ – : bei Literaturkritik.de

    Ich war schon, das hat man hoffentlich gemerkt, mit der Rezension in der Zeit ausgesprochen glücklich. Und jetzt bin ich noch ein klein wenig glücklicher. Ums vorab klar zu sagen, es ist nicht die Aufgabe des Rezensenten, den Autor glücklich zu machen, sondern es ist seine Aufgabe, den Text zu verstehen. Blödsinn! Den Text in Worte zu fassen. Und mit solchen Worten kann ein Autor und eine Autorin mehr oder weniger glücklich und auch sehr unglücklich sein. Und ich bin jetzt eben mehr glücklich. Hier gehts um mein Leben nach literarischen Gesichtspunkten.

    - „Vor allem aber schildert der Roman sein eigenes Entstehen: Im Gegensatz zu den großen schriftstellerischen Initiationsgeschichten der Weltliteratur, in denen der Erzähler am Ende des Textes in der Lage ist, diesen niederzuschreiben – man denke etwa an Marcel Proust – ist in „Aléas Ich“ Erleben und Erzählen jedoch als eine Bewegung konzipiert.“ – Yeah!

    - „Aufgrund ihrer Leerstellen werden literarische Texte als Architektur imaginiert, die gleichfalls Hohlräume entwirft.“ – Ja, genau das ist die Idee!

    - Marc Foster’s „Stranger than Fiction“: Kenne ich nicht, was ich kenne ist: “The purle rose of Cairo” von Woody Allen und Niebla – Nebel von Miguel de Unamuno, hier.

    - „Dabei handelt es sich jedoch nicht um jene Metalepsen, die in vielen postmodernen Texten die Grenze zwischen Textwelt und Erzählung durch die Überschreitung gerade zementieren; vielmehr überlagern sich beide Ebenen und verschmelzen zu einer einzigen. In dieser Simultanbewegung von erzählendem und erlebendem Ich entsteht die Welt durch Schreiben.“ – Endlich weiß mal jemand, was eine Metalepse ist und wie zentral die in der metafiktionalen Literatur ist.

    - „Ich musste im Winter immer eine Mütze tragen, weil meine Mutter befürchtete, dass ich mich erkälten könne. Die Mütze half offenbar dagegen.“ – „Vielleicht nicht gegen meine Erkältung, aber zumindest half sie gegen die Befürchtung meiner Mutter. Möglicherweise half sie auch gegen einiges andere, das mir das Leben noch zumuten würde, und es konnte nicht schaden, sich deswegen mit Mützen zu bevorraten.“

    - Und ein Geschenk geradezu ist der letzte Satz der Rezension. Damit zeigt die Rezensentin ganz deutlich, worum es geht: der Autor ist eine Funktion seines Textes. Und das muss er aushalten können.

    - „Die fiktive Autoridentität ist zentral, denn sie vollendet die Idee der Identitätskonstruktion durch Fiktion; der reale Roman wird zur deutlichsten Manifestation seiner selbst, indem Textwelt und Romantext ineinander greifen.“ – Das ist es, worauf ich anspielte, als ich sagte, dass ich die Postmoderne Literatur in einem wesentlichen Punkt überschreite. Es geht bei der Autorenfiktion nicht um Betrug, oder, noch dämlicher, um einen Marketing-Gag, wie das so mancher Depp – Depp, nicht dass das falsch verstanden wird, meine ich hier nicht etwa pejorativ, sondern genauso wie ich es gesagt habe mit einem D, einem E und  zwei P – unterstellt hat. Das war teilweise in meinen Kommentaren, aber vor allem anderswo, möglichst aus dem Hinterhalt. Zwei, drei Leute, die mir um jeden Preis schaden wollten -  die teilweise nicht einmal den Roman kannten, keinen einzigen meiner Texte. Die mir schaden wollten, weil sie die Größe des Wurfs, der hier unternommen wurde, auf die Gefahr hin, dass er scheitert, dass er missverstanden wird, gar nicht verstehen wollten. Ein Wurf, der auch auf die Gefahr hin unternommen wurde, dass Frau Schaschek oder Frau Frank oder jemand anderes daher kommt und das alles über den Löffel balbiert und sagt:  Scheiße! Was hier passiert ist, haben eine Handvoll Leser verstanden. Vor allem scheinen es Literaturwissenschaftler zu verstehen. Leute, die für den Tagesspiegel arbeiten, für die ZEIT oder bei Literaturkritik. Und Bersarin und Herbst.

    - Ähem: Hallo Frau Frank, ich weiß, dass man sich als Autor_in nicht in die Rezeption einklinken soll, dass man nicht zeigen soll, dass man versteht, was man geschrieben hat, weil sich das Autorenhirn ja auch leicht überanstrengt und mit komplexen Zusammenhängen nur schlecht zurechtkommt; ich weiß, dass schon das Kommentieren von Rezensionen in meinem Blog hier als kleine Entgleisung wahrgenommen wird: Schon gar nicht darf man sich an die Rezensentin wenden, aber Sie gestatten das bitte– ich meine das ohne jeden ironischen Unterton! – Sie haben‘s kapiert! Daran kann man erkennen, dass wir Literaturwissenschaftler_innen gut ausgebildet sind. Und, das kann man nicht direkt erkennen, da muss man ein wenig Phantasie haben, dass die Literaturwissenschaft die Leitwissenschaft des 21. Jahrhunderts wird. Naja, das ist vielleicht ein bisschen überzogen.

    Ein wunderbarer Lacher noch am Ende, der genau meinen Humor trifft – auf den Kopf!: – wenn man sich die weitergehenden Informationen zu dem Buch anzeigen lässt, kommt der Text: Zur Zeit sind hier keine Informationen über den Autor vorhanden. Hehe!

    So: jetzt mal zu den wichtigen Dingen in der Welt: Fußball. Wo ist eigentlich die Rumänische Nationalmannschaft abgeblieben? Die wird doch nicht etwa aus dem Turnier gekickt worden sein? Nicht von den Deutschen, oder? Ich bin stinksauer!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    29 August 2013

    Kein Nachruf auf Wolfgang Herrndorf

    Vor einigen Tagen ist Wolfgang Herrndorf gestorben. Das berührt mich seltsam, obwohl ich ihn nicht kannte. Ich habe kein Buch von ihm gelesen. Ich habe manchmal in sein Blog geschaut. Aber ich wollte ihm, der von seinem unheilbaren Hirntumor berichtete, nicht beim Sterben zusehen. Die Grenzen zwischen Interesse, Neugier, Anteilnahme und Katastrophentourismus sind fließend. Also habe ich wieder weggeschaut. Dennoch verbindet uns einiges. Wir sind im selben Beruf tätig. Wir wohnen nur einen Steinwurf voneinander entfernt. Und wir haben noch manche andere Gemeinsamkeit.

    Er hat offenbar, wie jetzt zu lesen ist, sehr intensiv an seinen Texten gearbeitet. Das tun wir nahezu alle. Wir alle arbeiten mit einem gerüttelt Maß an Besessenheit. Der eine ist besser, der andere schlechter. Der eine ist besser beleumundet. Der eine trifft besser den Geschmack der Massen. Der eine hat mehr Erfolg. Der eine hat mehr Glück. Was sind Millionen verkaufter Bücher wert, wenn man einen Hirntumor hat? Man arbeitet dann, um zu vergessen. Aber tut man das nicht immer? Ist es nicht ein Gerücht, dass Schriftsteller vorwiegend aus der Erinnerung arbeiten? Man arbeitet doch, um die Droge zu schmecken, die das Schreiben dann ist, wenn man eine Begabung dafür mitbekommen hat und eine Droge daraus machen kann. Das ist die Begabung! Alles andere ist bloß Fleiß. Und eben Besessenheit.

    Wolfgang Herrdorf sei bescheiden gewesen, habe ich gelesen. Ich glaube, das bin ich auch. Jedenfalls sagt man mir das nach und ich vermute, dass das keine charakterliche Disposition ist, sondern eine Folge der Besessenheit. Man hat keine Energie mehr für andere Dinge. Wenn mir jetzt einer einen Porsche schenken würde: ich wüsste nicht einmal, wo ich den parken sollte. Man will leben um weiterschreiben zu können. Eine Million verkaufter Bücher macht einen reich. Aber wenn es in dem Text, an dem man gerade arbeitet, nicht weitergeht, dann macht es einen krank. Ich kann mir vorstellen, dass mit zum Schlimmsten in seinen letzten Monaten gehört hat, dass er wusste, dass er, wenn es den gegeben haben sollte, seinen aktuellen Text nicht fertigbekommt. Ich glaube, dass viele sich gar nicht vorstellen können, inwieweit man mit seinem eigenen Text zusammenwächst und wie ungeheuer wichtig es ist, dass man den fertigbekommt. Besessenheit heißt: man wird besessen. Und die Bescheidenheit stammt aus dem Wissen darum.

    Wolfgang Herrndorf schrieb Literatur, die er Unterhaltungsliteratur nannte. Oder die von anderen so genannt wurde. Und die wahrscheinlich genau das war, unterhaltend und komisch. Und nicht nur unterhaltend. Das ist langweilig. Dass sich ein Buch mehr als eine Million Mal verkauft, ist in der Regel kein Anzeichen von Qualität, sondern von Massenware. Auch wenn sein Debüt gelobt wurde, richtig Erfolg hatte er erst mit Tschick. Da wusste er schon, dass er todkrank ist. Manche sagen, dass er deswegen diesen Erfolg hatte. Das ist das Schlimme am Erfolg: dass man nicht weiß, wo er herkommt. Und schlimm ist auch, dass man das Wissen, das man hat, wenn man erfolglos ist, wieder vergisst: dass Erfolg immer ungerecht ist.

    Ich mag keine Nachrufe. Man ist betroffen, ganz ehrlich und aufrichtig. Und dennoch hat diese Betroffenheit immer etwas Falsches. Denn sie braucht ja den Tod des anderen. Sie ist eine Anteilnahme, die dem Lebenden gegenüber nicht erbracht werden kann. Man hätte Wolfgang Herrndorf nicht einfach anrufen können, um mit ihm ein Bier trinken zu gehen und ihm die eigene Anteilnahme zu versichern. Er hätte wohl weder Zeit noch Interesse gehabt.

    Da ist einer, der mit Worten umgehen konnte, gestorben. Einer, der sich so artikulieren konnte, dass seine Texte nicht nur die Schriftstellerkollegen schätzten, oder die Germanistikstudenten, sondern die, die lesen, weil sie sich unterhalten wollen. Also eigentlich, wenn wir mal ehrlich sein wollen, die wichtigsten Leser. Und bei aller Unterhaltungswut, die diese Gesellschaft manchmal kenzeichnet, weiß doch jeder, dass er am Ende stirbt und kaum einer kann dauerhaft die Augen davor verschließen. In Wolfgang Herrndorfs Blog konnte man etwas über den Tod erfahren. Über den Tod kann nur der schreiben, der etwas über das Leben schreiben kann. Der Tod lässt sich ja nicht verstehen, der lässt sich nicht einmal erleben. Erleben lässt sich nur das Leben. Es ist legitim in seinem Blog, seinen letzten Hinterlassenschaften, nach Äußerungen zu suchen, die einem die Zerbrechlichkeit des Lebens vor Augen führen. Weil unser Leben zu einem nicht geringen Anteil daraus besteht, gerade das vergessen zu machen.

    Anders als Wolfgang Herrndorf erfahren die meisten Schriftsteller kaum Anerkennung. Die Hochachtung, die Schriftstellern entgegenschlägt – sei es als Vorzeigeintelektuelle, als Vorzeigeunterhalter oder als Vorzeigekünstler – schlägt nur dem obersten Prozentsatz entgegen. Den Berühmten. Allen anderen schlägt Ablehnung und Ignoranz entgegen. Aber bei der Art von Hochachtung die Wolfgang Herrndorf jetzt entgegenschlägt wird mir beinahe schlecht. Weil sie die 99 % unter den wenigen Berühmten geradezu verachtet. Die meisten dieser Leute bringen genau das mit, was Herrndorf auch mitbrachte, Arbeitswut und Leidenschaft und Besessenheit. Aber das interessiert keine Sau.

    Ich weiß nicht, was aus mir wird. Vielleicht steige ich mit meinen Texten ein wenig nach oben, auf der Beliebtheits- und Aufmerksamkeitsskala. Aber wie hoch ich auch steigen werde, am End esteige ich hinunter. Ich möchte bei dieser Gelegenheit ausdrücklich darum bitten, wenn ich sterbe, keine Nachrufe auf mich zu verfassen. Ich würde einen Nachruf auf meine Person oder mein Werk als eine Unverschämtheit empfinden. Man kann sich für mich, also mein Schreiben, interessieren solange ich lebe. Auch wenn manche genau auf diese Karte setzen – endlich tot, dafür aber im Literaturkanon zwei Pläze nach oben gerutscht – : ich verbitte mir das!

    Zum ersten Mal verstehe ich Kafkas Impuls und Vermächtnis, die eigenen Schriften nach dem Tod aus der Welt wissen zu wollen. So wie man selbst hinaus musste. Einfach  nichts hier zu lassen, über das dann irgendwelche Leute etwas sagen können, was sie sich nicht zu sagen getraut hätten, wenn man noch am Leben wäre. Selbst wenn es nur positive Dinge sind.

    Wolfgang Herrndorf hat sich offenbar umgebracht. Eine Tat, für die ich gleichermaßen Bewunderung wie Abscheu empfinde. Aber sich eine letzte Handlungsfreiheit zu bewahren, das ist eine menschliche Tat. Er hat sich an einem Kanal erschossen, war zu lesen, gegen 23.15 Uhr. Ich bin zu der Zeit wahrscheinlich gerade ins Bett gegangen. Einen Steinwurf von Wolfgang Herrndorf entfernt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    22 August 2013

    „Aléas Ich“ – Nicht in der, sondern in DIE ZEIT

    „Wie viel muss man über eine Autorin wissen, bevor man ihr Werk in den Himmel lobt? Muss man beispielsweise, um Aléas Ich, den zweiten Roman von Aléa Torik, für absolut großartig zu halten, wissen, dass es sich bei der Autorin … ? […] Alles ist Fiktion an diesem Text, doch die größte ist die Autorin selbst“

    Schön, dass die Besprechung nicht nur meinen Roman in den Himmel lobt, was sie ja tatsächlich tut, sondern auch auf den Fetisch „Autor“ zu sprechen kommt. Das ist es, was den Markt und den Literaturbetrieb mitunter mehr interessiert als der Text. Mein Gott, wer liest heute noch Bücher, wo es so schöne Retina Displays und so famose Apps gibt? Dass der Autor wirklich der Autor ist, ist Unsinn. Es ist des Autors Fiktion oder die des Marktes. Wenn Clemens Meyer, der in der Zeitung den Platz über mir einnimmt, schreibt „Gebumst wird immer“, dann denken sich Leser und Literaturbetrieb unisono: Mensch der Meyer, der hat‘s gut, der bumst schon wieder! Dass der Meyer das nur hat schreiben können, weil er wieder mal nichts dergleichen getan hat, vergisst man dann. Und dass die meisten Frauen, wenn der Meyer wieder angeschissen kommt und bumsen will, abwinken, weil sie denken: jeder andere Hallodri, aber nicht schon wieder der Meyer: Das vergisst der Meyer nach der hundertsten Abfuhr wahrscheinlich auch ganz gerne. Und dann schreibt er so einen Satz dahin, mit dem er in die Zeitung kommt und kaum einer erkennt hinterher noch den wahren Sachverhalt, dass nämlich nicht immer gebumst wird, sondern meistens gearbeitet, geflucht oder geflennt. Natürlich fiktionalisieren (sich) die Autoren immer, der Meyer nicht anders als die Müller, die – Felicitări! – gerade sechzig wird, oder das nur behauptet, weil sie einen dicken Blumenstrauß haben will. Oder die Torik, die es faustdick hinter ihren, das allerdings muss auch der schärfste Kritiker zugestehen, wunderschönen Ohren hat. Schöne Ohrläppchen gehören bei Rumäninnen zur Standardausrüstung. Irgendwie muss man dem Leben und seinen Zumutungen ja gegenübertreten.

    Im Folgenden ein Auszug aus Aléas Ich. Der Clemens von dem da die Rede ist, ist nicht Clemens Meyer, den ich gar nicht kenne – nicht, dass da irgendwelche Gerüchte entstehen! -, sondern Clemens Setz.

    »Ich lernte Clemens Setz kennen. Er hatte, wie ich auch, am Blog zu »Unendlicher Spaß« teilgenommen und war für eine Lesung in Berlin. Ich holte ihn vom Hotel ab und wir gingen ins Literaturhaus in die Fasanenstraße. Er war kurzsichtig und ich musste immer ganz nah an ihn herangehen, ich musste ihm die Speisekarte vorlesen, weil er nichts erkennen konnte. Er konnte nicht erkennen, wie aus den dürren Worten auf der Karte die reichhaltigen Gerichte auf dem Teller werden sollten. Oder seine Kurzsichtigkeit war ein Trick, um möglichst nahe an die Leute heranzukommen. Er saß mir gegenüber in einem schwarzen Sakko und einem bunten Rollkragenpullover darunter, das alles war viel zu groß für ihn und passte auch nicht zusammen. Mir gefallen solche Männer, die das nicht bemerken, weil sie in Gedanken ganz woanders sind. Ich mag dieses betont Männliche nicht, das auf mich geradezu lächerlich wirkt. Als würden Frauen grundsätzlich an der Männlichkeit der Männer zweifeln. Clemens war nicht überaus schick gekleidet, aber er war, wie man lesen konnte, überaus begabt. Womöglich simulierte er das lediglich. Er simulierte den astigmatischen Hochbegabten und wie alle Simulanten und Hochstapler musste er sein Geschäft weit besser beherrschen, als wenn er tatsächlich begabt oder astigmatisch gewesen wäre. Er schien ein bisschen durcheinander, was sicher ebenfalls nur eine Simulation war. Vielleicht war das gar nicht Clemens Setz. Das war nur irgendein Clemens. Ich war einfach in das Hotel gegangen, das er mir per Mail genannt hatte, und war dann mit dem herausgekommen, der sich mir gegenüber als Clemens zu erkennen gegeben hatte.
    Einmal klingelte, als wir beim Essen waren, sein Telefon und Clemens’ Freundin Clementine war dran mit der blöden Ausrede, dass ein Brief angeblich nicht angekommen sei. Woher, fragte ich mich, wusste sie das, wenn er nicht angekommen war? Clemens fragte sich das offenbar auch und legte wieder auf. Wir sprachen über Literatur und er erzählte mir später von einer wilden Fahrt durch New York, die er mit einem Mann namens Blixa Bargeld gemacht hatte, für eine Stunde oder ein Jahr. Ich glaubte ihm kein Wort. Abends begleitete ich ihn zu seiner Lesung. Zum Abschied haben wir uns umarmt. Wir standen da ungefähr eine halbe Stunde, einander innig umarmend, sehr zur Verwunderung der anderen.
    Danach habe ich nichts mehr von ihm gehört. Vielleicht hat er das Schreiben an den Nagel gehängt und sich auf das professionelle Umarmen verlegt. Ich habe ihn auch nicht mehr angerufen. Manchmal klingelte mein Telefon. Ich ging nicht ran, weil ich annahm, dass es gar nicht meins war oder dass es der war, der sich als Clemens ausgab, der aussah wie er, mit seiner Freundin zusammenlebte, Lesungen machte, in Hotels Frauen kennenlernte und den echten, ursprünglichen, wahrscheinlich sehr scharfsichtigen, aber völlig unbegabten Clemens auf eine hinterhältige Weise aus dem Weggeräumt hatte. Dieser falsche Clemens war ein bekannter Autor. Obwohl mich das eigentlich nicht beeindruckt. Jemand ist ja nicht durch sich und seine Taten berühmt, sondern durch die anderen, die diese Taten loben. Unbemerkt sind auch die größten Taten verschwindend gering. Durch das Lob aber verändern sie sich, sie hören auf, die des Gelobten zu sein, und gehen in den Besitz des Lobenden über. So haben beide etwas davon. Auch wenn der Berühmte es aufgrund seiner eigenen Leistungen ist: Berühmt gemacht haben ihn andere.«

    Natürlich gefällt mir die Rezension von Sarah Schaschek, die mich auf eine Art und Weise gelobt hat, dass wir beide etwas davon haben. Die treffend betitelte Rezension lautet: Die Geburt des Autors.

    Anders formuliert, nämlich sehr viel kürzer und vielleicht sogar prägnanter – ‚Mit einem Wort, das das Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas bemüht jugendlich wirkt‘ (frei nach Musil) -: fette Besprechung in der ZEIT.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    18 August 2013

    Vordertür und Hintertür des Literaturbetriebs

    Hier ist die Frage gestellt worden, ob man auf gerechte und ungerechte, gerechtfertigte und ungerechtfertigte, berechtigte und unberechtigte Weise in den Literaturbetrieb hineinkommen kann. Die Frage, ob einer zur Vordertür hinein müsse oder auch durch die Hintertür hinein könne. Der Begriff  “Literaturbetrieb” ist schwierig, ich habe das  einmal als Fischmarkt bezeichnet. Wovon spricht man, wenn man vom Literaturbetrieb spricht? Von jenen, die etwas in der Währung zu verteilen haben um die es geht und jenen, die das Verteilte bekommen: Aufmerksamkeit? Das sind vielleicht tausend Leute, die von dieser Aufmerksamkeit profitieren, und es sind immer dieselben Namen. Unter denen werden alle Preise verteilt, die machen alle Lesungen, die werden übersetzt, und so weiter. Oder spricht man von einem erweiterten Kreis von Autoren, Kritikern, Literaturhäusern und Juroren? Oder spricht man von allen, die sich im breiten Markt tummeln, also von jedem, der auf welche Weise auch immer etwas mit Literatur zu tun hat? Ich tendiere eher zu der letzten Definition, obwohl sich mit der ersten besser arbeiten lässt.

    Vordertür, also rechtmäßiger Eintritt, bedeutet: es wird nur der Text bewertet. Der wird für gut befunden. Ein rein literarisches Urteil, ohne jeden Seitenblick. Hintertür bedeutet, dass es noch andere als literarische Beweggründe gibt, einen Text zu veröffentlichen. Andere Gründe bedeutet wahrscheinlich immer: Marketing! Also etwa: Ein Text lässt sich nicht nur lesen, sondern auch verkaufen; oder: Autor und Autorin schreiben gefällig; oder: sie sehen gut aus; oder: sie haben eine interessante Lebensgeschichte. Osteuropa ist gut, aber fast nur bei Frauen. Osteuropäerinnen sind nicht nur als Putzfrauen und Prostituierte geeignet, sondern auch als Schriftstellerinnen: Man ist erstaunt, in gewisser Weise fasziniert und abgestoßen gleichermaßen. Auch „coulered“ kommt in einer internationalen Gesellschaft inzwischen ganz gut an, Deutschland ist, im Vergleich mit Holland, Frankreich oder Great Britain, etwas rückständig, holt aber gerade auf. Auch wenn Blut fließt und das Fernsehen in Klagenfurt dabei zuschaut, ist das der Karriere nicht hinderlich. Sex ist sicher das beste Erfolgsrezept. Dazu gibt es genügend Beispiele aus den letzten zehn Jahren. Aber ob man durch die Hintertür hineinkommt oder durch die Vordertür: Die Art und Weise wie man die Bühne betritt ist kein Kennzeichen für die Qualität des Textes. Durch beide Türen können exzellente Autoren hineinkommen und durch beide kommen tatsächlich mittelmäßige hinein.

    An dieser Stelle muss ich feststellen, dass dieser Artikel überflüssig ist: weil ich annehme, dass es keine Vordertür gibt. Oder sie erst im Laufe der Jahre und Jahrhunderte entsteht. Auch Beckett und Kafka sind nicht durch die Vordertüre gekommen. Diese Türe wurde später erst für sie angelegt. Thomas Bernhard hatte es, wenn auch nur ein wenig, leichter. Aber auch bei ihm wurde die Größe der Tür erst später festgelegt. Es wäre tatsächlich interessant, wenn man von diesem oder jenem arrivierten Schriftsteller erführe, wie er oder sie denn in den Literaturbetrieb hineingekommen sind. Vorausgesetzt er oder sie sind willens und in der Lage, die eigene Situation einigermaßen realistisch einzuschätzen. Ich vermute, dass die meisten glauben, sie seien vorne hineingegangen. Nehmen wir Clemens Setz. Der wurde sehr früh mit dem Epitheton „Wunderkind“ versehen. Sind das wirklich seine Texte, die faszinieren, die so dermaßen durchschlagend sind, dass er einen Preis nach dem anderen bekommt? Oder ist es das Wort Wunderkind? Oder die sicherlich exzellente Marketingabteilung von Suhrkamp? Juli Zeh hatte offenbar sehr früh großen Erfolg. Die musste wahrscheinlich nie gegen den Strom schwimmen. Der stehen alle Türe offen. Die schreibt einen Artikel und hat zehn oder zwanzig Zeitungen, die ihr das abnehmen. Aber ist das der Artikel, der gut ist? Oder schmückt sich die Zeitung mit einem berühmten Namen? Dass Juli Zeh dennoch, wie hier mehrfach betont wurde, gute Literatur schreibt, bedeutet, muss wohl bedeuten, dass sie eine gute Schriftstellerin ist. Aber ist das ausschlaggebend? Wird bei einer Preisverleihung ein Text geschmückt? Oder vielmehr der Autor? Schmücken sich nicht immer auch die, die den Preis verleihen?

    Jetzt gibt es natürlich noch die, die sagen, Literatur, Kunst also, habe gar nichts mit Aufmerksamkeit, und daraus resultierend, mit Geld zu tun. Stimmt, die gibt’s. Aber die wissen nicht, dass ein Autor, der keine Zahlen bringt, sich ganz schnell anders orientieren muss, nämlich nach unten. Es geht immer um Geld! Geld heißt nicht Porsche. Geld heißt: weiterschreiben können. Und das ist es, was man will. Weiterscheiben, weil Schreiben, neben dem Mount Everest und dem Mariannengraben, das größte Abenteuer ist, das es zu bestehen gibt auf diesen eher abseitigen Planeten, auf dem recht wenig los ist und der, zu allem sonstigen Unglück wie Liebeskummer und Schwerkraft leider auch noch blau ist. Die, die sagen, dass es nicht um Geld und Aufmerksamkeit geht, das sind die, die beides nicht nötig haben.

    Es ist schlimm, dass man aufs Geld schauen muss. Dass man hoffen muss, entdeckt und gefördert zu werden. Dass man Aufmerksamkeit erheischen muss. Aber das Schlimmste, das für mich mit Abstand Schlimmste beim Schreiben ist das Wissen, dass es wichtigere Dinge gibt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    07 August 2013

    Formen literarischer Selbst-Inszenierung

    Der Autor inszeniert sich immer. Die Autorin nicht minder. Es gibt unter all den Wegen, die man da gehen kann, keinen einzigen, sich nicht zu inszenieren. Wo jemand ist, der uns nicht durch und durch kennt, neigen wir schon im ‚normalen‘ Leben dazu. Wir wollen immer ein klein wenig besser aussehen. Besser als wir tatsächlich aussehen. Besser als wir sind. Und besser als die anderen. Autoren tun das sogar in ganz besonderer Weise. Das ist ihr Geschäft: sich die Reibungsenergie zunutze zu machen, die entsteht, wenn Erwartung und Erfüllung – respektive Enttäuschung – aufeinander treffen. Die perfideste Inszenierung ist die, die behauptet keine zu sein. Realismus, Naturalismus sind nicht real und nicht natürlich, sondern die Darstellung von Realität und Natürlichkeit.

    Der Autor inszeniert sich in Briefen, in Mails oder auf seiner Homepage, auf Fotos, in Interviews, bei Lesungen oder wenn er gefragt wird, wie er seine Bücher schreibt: dann schwadroniert er wild drauflos. Oder gibt klein bei. Wie auch immer: Je medialer die Welt, desto medialer auch solche Inszenierungen. Wem das nicht gefällt, der muss zu einer Zeit zurück, als man von den Autoren nichts hatte, als ihre Texte. In dem Moment, wo es ein Foto auf dem Cover gibt, eine biografische Angabe, fängt der Autor oder sein Verlag an, ein Bild von einer Person zu zeichnen. Und ohne dieses Bild, ohne dass die Medien ein wenig Futter bekommen, ist diese Person komplett uninteressant. Sie ist nicht nur medial nicht verwertbar, sie wird nicht einmal als nicht verwertbar wahrgenommen.

    Das sind meist gewachsene Strukturen, die aus sich heraus gar nicht verständlich sind: Platon galt das Erfinden von Figuren als verwerflich. Zweitausend Jahre später ist das Gegenteil verwerflich: nicht zu erfinden, sondern nur abzubilden. Die Romantiker haben sich der Fiktion eines Herausgebers bedient, was mitunter die heftigsten Proteste hervorgerufen hat, weil nur erfunden werden durfte, was innerhalb der Buchdeckel war, nicht diese selbst. Und heute erfindet man bereits die Autoren, was Widerspruch, aber auch Zustimmung hervorruft. Zustimmung vor allem auch, weil solche (romantischen) Konstruktionen die Aufmerksamkeit darauf lenken, wie unser Verhältnis von Wirklichkeit und Fiktion eigentlich ist. Das wird ja meistens gar nicht durchschaut.

    Thomas Bernhard oder Jean Paul, E.T A. Hoffman oder Peter Handke, sie alle arbeiteten ganz wunderbar mit Fiktionen, die sie selbst betreffen. Ob es sich nun um negative oder positive, ‚echte‘ oder ‚falsche‘ Unterstellungen oder Projektionen handelt, ob die Fiktion einen Grund hat oder keinen: einerlei. Nicht für den Autor, der ja unter Verleumdungen oder Missverständnissen leidet, oder von ihnen profitiert: einerlei ist es für die Sache.

    Leider humpelt die Literaturwissenschaft zwanzig, bisweilen sogar zweihundert Jahre hinterher. Ich kenne jedenfalls nichts, was sich in diesem Bereich mit neueren, sagen wir lieber neusten Autoreninszenierungen beschäftigt. Aber es gibt immerhin Versuche, denn der Autor steht seit einiger Zeit wieder hoch im Kurs, geradezu im Focus der Aufmerksamkeit um das noch immer sehr seltsame Gefüge namens „Text“. Das zeigen viele Sammelbände zum Thema Autorschaft und deren Funktion. „Es ist bedauerlich, dass in unserer digitalisierten Welt dieser Themenbereich noch immer kaum Eingang in die wissenschaftliche Betrachtung gefunden hat und man sich bisher scheinbar konsequent einer Erfassung verschließt. Dies gilt dann auch für die einführenden Bemerkungen Urs Meyers, der darauf ebenfalls nicht hinweist. Über die Gründe hierfür mag lange spekuliert werden, doch bleibt die Hoffnung, dass Erforschung von Mail-Korrespondenzen in Bezug auf autorschaftliche Inszenierungspraktiken bald mehr Aufmerksamkeit zuteil werde; immerhin hat es beim Autoreninterview auch seine Zeit gebraucht, ehe dieses zum geradezu modischen Forschungsgegenstand avancierte“, schreibt Clemens Götze über einen neuen Sammelband zu diesem Thema. Hier.

    Noch einmal mein Lieblingszitat in diesem Zusammenhang. „Eine der wirkungsvollsten Masken ist, wie erwähnt, die Maske der authentischen Hüllenlosigkeit und Maskenfreiheit; diese Maske prätendiert, das selbsteste Selbst und den andersten Anderen zu zeigen. Im kommunikativen Text ist das die Geste, die behauptet, Autor und Leser im Text seien ‚Menschen‘, gar ‚Menschen wie du und ich‘. Wer aber als unermüdlicher aufklärerischer Demaskierer die Textfunktionsposition von Selbst und Anderem stets auf die ‚Menschen‘ hinter dem Text reduzieren möchte, der erweist sich nicht nur als Metaphysiker, sondern auch als rücksichtslos hinsichtlich der Schutzfunktion der textuellen Masken.“, Kurt Röttgers, Demaskierungen, in: Masken, Hrsg: Kurt Röttgers und Monika Schmitz-Emans, Seite 89.

    Das alles mag interessant sein. Interessanter aber ist der Text, den der Autor produziert. Aber er hat in der Tat ein Umfeld. Der Text. Nicht der Autor. Des Autors Umfeld ist ja der Text.





    02 August 2013

    Filit – Festivalului Internaţional de Literatură şi Traducere Iaşi – 23-27 octombrie 2013

    Wenn Sie Zeit haben, fahren Sie hin! Es kommen interessante Leute. Man kann sich dem Ziel mit dem Zug nähern. Während man fährt, während man unterwegs ist, verändert man sich. Man gewinnt ein anderes Verhältnis zu sich und seiner Umgebung. Weil die Umgebung sich ändert und man spürt, was man dort, wo man lebt, nicht spürt: dass man sich auch verändern muss. Denn so wie man ist: so kommt man nicht weiter. Jedenfalls nicht nach Iași. Und wer halbwegs so gestrickt ist wie ich, der wird zwei verschiedene Veränderungen an sich feststellen, eine Veränderung hin und eine zurück zu sich.

    Hin: »Wenn ich in Berlin in den Zug steige, habe ich vierundzwanzig Stunden Zeit, um meine germanische Haut ab- und meine rumänische Haut wieder überzustreifen. Es ist nicht nur die Haut, aber damit beginnt meine Verwandlung, eine tiefgreifende Metamorphose, die nach und nach meinen Körper ergreift, meinen Mund, meine Ohren und alle meine Glieder, meinen Charakter und meine Verhaltensweisen. Wenn ich dann in Sibiu aussteige, klingt meine Stimme anders, dunkler und rauer. Ich spreche schroffer. Mein Gang ist ein anderer, ich habe ein anderes Lebensgefühl und ich bin auch eine andere.
    »Da bist du ja endlich«, sagt mein Vater, wenn ich auf dem Bahnsteig stehe.
    Er kommt mir entgegen, er nimmt mich im Gehen in den Arm und ich lehne meinen Kopf kurz an seine Schulter. Es sieht aus, als habe er hier das ganze Jahr über auf mich gewartet. Er wartet auf diese zwei Wochen, die ich zu Hause verbringen würde, auf den kurzen Moment, da er seine Tochter in den Arm nehmen kann.
    »Ja«, antworte ich dann, »da bin ich.«
    Ich bestätige mit meinen Worten nicht nur, dass ich wieder da bin, sondern vor allem, dass ich wieder die bin, die ich immer war und die ich, allen Veränderungen zum Trotz, auch immer sein werde. Ich bin die, die ich früher war, und dennoch bin ich eine andere. Das ist ein Umstand, den ich zu verstehen versuche, vor allem auf den Fahrten zwischen dem einen und dem anderen Land, dem einen und dem anderen Zustand. Näherungswerte, deren äußerste Grenzen ich nicht erreichen werde. Ich bin niemals vollständig ich selbst, sondern immer auf dem Weg, es zu werden. Auf dem einen oder auf dem anderen Weg, in diese oder in jene Richtung. Ich bin ein ungreifbares Selbst dazwischen.« (AI, 134-135)

    Und zurück: »In den kommenden Stunden würde ich mich immer weiter von dieser Welt hier entfernen, die verschneiten Karpaten im Winter, die Bindung an die Familie und an die Bergwelt meiner Kindheit. Ich hatte eine lange Fahrt vor mir. Eine Fahrt, auf der ich mich erneut verwandle und meine langsamen, katzenhaften Bewegungen wieder schneller werden, mein vierbeiniger, schleichender Gang ein zweibeiniger wird und meine Bindung an die Vergangenheit zu einer an die Zukunft, zu dem unbedingten Glauben, dass sich das Leben vorwärts bewegt, dass es ein Ziel und einen Sinn hat und nicht nur um seiner selbst willen gelebt wird. « (AI, 161)

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    und zwar soeben.





    31 Juli 2013

    „Ich“ sagen

    Bei manchen Menschen ist „Ich“ sagen eine maßlose Selbstüberschätzung.

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    29 Juli 2013

    Konflikte: leben und erleben

    Es kommt als Schriftsteller_in darauf an, Konflikte – die wohl jeder in sich trägt und mehr oder weniger deutlich empfindet –, die man nicht am eigenen Ich ausleben oder ausagieren könnte, in Worte zu fassen. Das Schreiben ist nicht Ausdruck einer Vermeidung, bei der einer, was er nicht leben kann, aufschreibt. Schreiben ist vielmehr am Übergang von Leben und Nichtleben situiert: ich erlebe, was zu leben mir unmöglich wäre.

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    28 Juli 2013

    „Die ganze rumänische Mythologie“

    René Hamann hat in seiner Rezension von »Aléas Ich« von einem oberflächlichen Literaturbetrieb gesprochen, der „auf Verwertung scharf“ ist, „auf Abbildungskarrieren. Auf interessante Biografien.“ So ähnlich sind meine Erfahrungen auch. Es geht selten um den Text.

    Ein großer deutscher, ein sogenannter Publikumsverlag schrieb mir, dass in meinem ersten Roman »Das Geräusch des Werdens« meine Figuren sehr gut gezeichnet seien, mit viel Liebe, und das ich „ausgesprochen begabt“ sei. Aber, und das führte dann zur Ablehnung: „die ganze rumänische Mythologie in dem Buch, das kann kein deutscher Leser verstehen“. Nun: die Autorin versteht die ganze rumänische Mythologie in dem Roman auch nicht. Was möglicherweise dem Umstand geschuldet ist, dass sie einfach nicht drin ist, die rumänische Mythologie – genauso wenig übrigens wie die Autorin, die ist auch nicht drin. Es handelt sich um einen Roman, also um erfundene Ereignisse, die sich nicht um die Autorin drehen wie die Erde um die Sonne -. Möglicherweise allerdings liegt es auch daran, dass die rumänische Mythologie einfach unverständlich ist.

    Mir geht es nicht darum, jemanden zu diffamieren – im Gegenteil, ich habe für diffamierende und denunzierende Charaktere nur Verachtung übrig -, sondern um eine Diskussion darüber, inwieweit das, was wir zu erkennen meinen, nicht einfach unsere Projektionen sind. Der vermeintlich authentische, der faktische Autor oder der faktische Rezensent, der faktische Text und der ganz objektiv seines Amtes waltende, ehrliche Leser, der vom Autor nicht betrogen werden will: alles wunderbare Fiktionen aus dem Reich der Märchen und Mythen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    27 Juli 2013

    „Aléas Ich“ – Heute in der taz

     

    Nicht das ganze Buch, sondern die Rezension von René Hamann, die mir in manchen Aspekten gut gefällt, in anderen nicht. So schätze ich etwa die Literatur von Alain Robbe-Grillet nicht als „scharf“ konstruiert oder sogar „abgründig“ ein. Mir gefallen die Konstruktionen des genannten Schriftstellers durchaus, aber ich würde an seiner Literatur kritisieren, dass die Figuren für mich kaum Tiefe besitzen, von Abgründigkeit würde ich nicht reden wollen. Aber genau das ist das Potential der Literatur, dass jeder verstanden und missverstanden werden kann und der eine es so und der andere es anders liest: und jeder seinen eigenen Zugang zu einem Text hat, was wir spätestens seit dem Perlentaucher wissen, wo, was einmal verstanden wurde, noch einmal verstanden wird. Der Autor eines literarischen Textes schreibt eine Art Muster und jeder Leser mustert anders, mustert dies aus oder mustert das ein. Ich werde erneut in die Postmoderne eingereiht: natürlich lassen sich dafür Namen und Belege finden. Ich selbst würde mich eher als in einem Abstoßungsprozess befindlich beschreiben: und natürlich lassen sich auch dafür Namen nennen und Belege finden. Meines Erachtens lasse ich die Postmoderne in entscheidenden Momenten hinter mir. Aber das ist eine Frage der Definition des Begriffs der „Postmoderne“.

    Der Autor, „der sich im Internet hat outen lassen von einer Feministin, die sich kritisch mit Autoren, die unter weiblichem Pseudonym schreiben, auseinandergesetzt hatte – eine auch sehr lustige und vielsagende Geschichte, die bei anderer Gelegenheit mal ausführlicher erzählt werden sollte“: ja, das ist eine weniger lustige, aber sehr vielsagende Geschichte, die erzählt werden wird.

    Ich habe den Absatz, der der sich auf diese Feministin bezog, herausgenommen. Das ist meines Erachtens keine Feministin, nicht weil Weiblichkeit, die sich in der Negation von Männlichkeit erschöpft, weder feminin noch feministisch ist; sondern weil sie nie eine feministische Position formuliert hat. Sie hat neurotische Positionen formuliert. Aber so ist das nun einmal: wer etwas anders macht als andere, der zieht sich automatisch deren Verachtung zu. Es ist dieselbe Verachtung, die den Feministinnen vor dreißig Jahren auch entgegen geschlagen ist.  Und das ist eine erzählenswerte Geschichte. Ich habe das herausgenommen, nicht weil er inhaltlich falsch war, sondern weil der Tonfall falsch war. Er war nämlich nicht meiner. Es ist ein langer Prozess des Lernens, das betrifft jeden, also auch mich: zu seinem eigenen Tonfall zu finden. Ihn zu finden, zu verteidigen und, wenn es sein muss, auch zu korrigieren. Und dieser Tonfall darf nicht darin bestehen, auf die Verfehlungen anderer ebenfalls verfehlend zu reagieren.

    Interessanter wäre da schon eher das Verhalten der Herausgeber einer Sammlung literarischer Blogs – zu der bis zu dem Outing auch mein eigenes gehört hat -, nämlich gar keins: Null Verhalten. Man versteht sich dort als avantgardistisches Projekt. Kommt aber einer, also eine, ich nämlich, und macht etwas aus dem Rahmen Fallendes, dann ziehen die Herausgeber sich zurück: nix sehen nix hören nix verstehen. Möglicherweise ist auch das Avantgardismus. Literarische Blogs und Literatur im Netz, das wäre ein interessantes Thema.

    Sehr viel interessanter ist, was im Netz außerhalb der literarischen Verengung geschieht: Es ist nicht allein der Staat und seine bösen Geheimdienste, die ihre Bürger überwachen. Dieses Problem wäre ein kleines. Es sind vielmehr die Menschen, die andere Menschen kontrollieren und denunzieren. Er ist der Mensch, der im Netz aufwächst und dort sozialisiert wird, weil das Netz eben jene Strukturen aufweist, mit denen sich die anderen überwachen lassen. Das hatte ich bereits in meinem Roman angedeutet: dass das Netz und die dort Aktiven es sind, die die Strukturen von repressiven Gesellschaftssystemen annehmen. Wir sind nicht nur die Verfolgten, wir sind oftmals die Verfolger – die als “Follower” vollkommen missinterpretiert werden.

    »Viele Jahre, beinahe mein ganzes Leben lang, bin ich von Jana und Janus verfolgt worden. Von heute auf morgen haben sie sich in Luft aufgelöst. Jedenfalls nahm ich das an. Aber ich musste feststellen, dass sie wie so viele in dieser Gesellschaft ins Netz abgewandert waren. Sie sind in die Anonymität abgetaucht. Dort sind sie auf der Suche nach Bedeutung, nach Gewicht und Geltung, nach all dem, was sie im Leben nicht erlangen konnten. Der Verfolger meines Vaters hat sich in zwei Personen aufgespalten und ist dann auf mich übergegangen. Jana und Janus haben sich in Stalker verwandelt und verfolgen mich virtuell. Sie denunzieren mich und sie versuchen andere gegen mich aufzuhetzen. Das ist im Netz einfach, weil man sehr leicht andere findet, die sofort bereit sind, sich an der Hatz zu beteiligen. Man findet immer andere, die mitmachen, die jedem Gerücht Glauben schenken, die desavouieren, erniedrigen und zerstören wollen, weil sie das im Netz können. Wenn sie auch sonst im Leben nichts können: Im Netz können sie alles. Und was sie nicht können, lassen sie einfach weg. Im Namen des Katholizismus werden Ungläubige, im Namen der Männer die Frauen und im Namen der Frauen all die hingerichtet, die nicht in deren Rollenvorstellungen passen, im Namen der Gerechtigkeit die Ungerechten und in deren Namen alle Gerechten. Im Netz können die Feigen die Heldenrolle übernehmen, die Lügner die Rolle der Ehrlichen, die Gebeugten die der Aufrechten. Im Namen der Liebe und im Namen des Hasses kann man alles, weil man das eine nicht mehr vom anderen zu unterscheiden vermag. Im Netz finden sich die Besessenen und die mit den Wahn- und Zwangsvorstellungen, die Autisten und die Geisteskranken, die andere Menschen abschlachten wollen, sie wollen Hexen verfolgen und töten, und alle jene, die schöner oder klüger sind als sie selbst. Das Netz ist der Ort der totalen Asozialität. Ein jeder trägt eine Maske und die, die andere meinen demaskieren zu müssen, ziehen mit derselben Geste ihre eigene umso höher. Im Netz überwacht jeder jeden, die anderen uns und wir die anderen. Das Netz sieht uns alle zu jeder Zeit. Es gibt kein Entkommen. Kein Entrinnen. Es ist der Ort, an dem keine Unterschiede möglich sind. Es ist das totale Grauen.« (AI, 406 f.)

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    02 Juli 2013

    Aus der Perspektive des hundertsten Stockwerks

    „Ich las einmal die Geschichte einer Gruppe von Menschen, die in einem unbekannten, sehr hohen Turm immer höher stiegen. Die ersten Generationen drangen bis zum fünften Stock vor, die zweiten bis zum siebenten, die dritten bis zum zehnten. Im Laufe der Zeit gelangten die Nachkommen in das hundertste Stockwerk. Dann brach das Treppenhaus ein. Die Menschen richteten sich im hundertsten Stockwerk ein. Sie vergaßen im Laufe der Zeit, daß ihre Ahnen je auf unteren Stockwerken gelebt hatten und wie sie auf das hundertste Stockwerk hinaufgelangt waren. Sie sahen die Welt und sich selbst aus der Perspektive des hundertsten Stockwerks, ohne je zu wissen, wie Menschen dahin gelangt warn. Ja, sie heilten sogar die Vorstellungen, die sie sich aus der Perspektive ihres Stockwerks machten, für allgemein menschliche Vorstellungen.“

    Norbert Elias, Über die Zeit, Suhrkamp 1988, Seite 116.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.