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Das Geräusch des Werdens

Das Geräusch des Werdens Leseprobe

 

 

 

 

 

 

 

 

„Ein gewagtes, außerordentlich gelungenes Debüt
Nicole Henneberg in der FAZ, hier.

„Ein neues Talent von bewundernswerter Einfühlungsgabe und Sprachkraft“
Marie-Louise Zimmermann in der Berner Zeitung, hier

„Ein Roman, der erzählerische Intelligenz und Fabulierlust überzeugend verbindet“
Thorsten Krämer im WDR, hier.

Eines der großen literarischen Ereignisse des Jahres“
Michael Kreisel, hier.

“Ein ein Debütroman, der voller sehr persönlicher Erfahrungen steckt, voller erstaunlicher und intimer Momente, [ ... ] ein Gespür für ein Zuhause, für Lebensräume, Zwischenräume, für die Ambivalenz von Sehen und Nichtsehen, von Erinnerung und Gegenwart. In diesem Dazwischen: das Liebespaar.”
Hubert Holzmann im Titel-Magazin, hier.

„Das Buch besitzt etwas in der deutschsprachigen Literatur sehr seltenes, nämlich – im unverbrauchten Sinne – Esprit!“
hier.

„Vor allem die Sprache des Romans ist ein Genuss”
hier.

Holio verschafft sich erst einen Überblick und dann etwas zu meiner Sortiererei. Hier bin ich die “maßlos ehrgeizige Jungautorin“, hier gibt es ein zweites Geräusch, dann kommt die Vermutung ich sei Herta Müller, dann ein erster und ein zweiter Vergleich.

- Die Diskussion auf meinem Blog findet seltsamerweise hier statt.

Wenn Sie darüber schreiben sollten, schicken Sie mir bitte eine kurze Mail, damit ich das verlinken kann.

 



Kommentare

Pingback von Berliner Blogs bei ebuzzing.de – Ranking für Januar 2012 | world wide Brandenburg
Datum/Uhrzeit 20. Januar 2012 um 07:25

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Kommentar von Christian
Datum/Uhrzeit 3. Februar 2012 um 14:12

Hallo Alea,

ok, ich war zu ungeduldig um auf’s angekündigte ebook zu warten. pardon. Warten ist keine Stärke von mir. Ich werde das Warten gerne nochmal üben. Und zwar auf die hoffentlich folgende Hörbuchproduktion, die ich mir wünsche. Andrea Sawatzki würde dann Leonie sprechen….
Sie schreiben, dass man hier sagen, diskutieren, loben, kritisieren oder in Kontakt treten könne.
Da alles, was ich hier über den Roman schreiben würde, mehr über mich als über den Roman aussagen würde, fasse ich mich kurz und beschränke mich auf’s loben. Es war eine sehr anregende Lektüre, die ich sehr genossen habe. Auf der Rückseite des Buches steht ja: poetisch, kurzweilig, lebensbejahend.
müsste ich drei Adjektive auswählen, wären das: fantastisch, empathisch, zärtlich. im wahrsten Sinne der Worte.
Ach ja: “1. Persön Plural, Präteritum Indikativ von küssen?”. Einfach herrlich die Szene.

viele Grüße
Christian

Kommentar von Aléa Torik
Datum/Uhrzeit 4. Februar 2012 um 09:46

Lieber Christian,

vielen Dank für Ihre Rückmeldung! Ich freue mich, dass Sie ungeduldig waren. Ungeduld ist ja nicht nur fehlende Geduld, sondern auch Neugier und das ist es eben, was mich freut. Und ich freue mich auch, wenn der Text Ihnen gefallen hat.

Zu der Szene, die Sie ansprechen: das Manuskript als Word Dokument, das an die Setzerin gegangen ist, hatte knapp 280 Seiten. Als ich bei dem Verlag mit dem Manuskript vorstellig geworden bin, waren es noch etwa 100 Seiten mehr. Ein Drittel des Textes herauszunehmen – Personen, Handlungsstränge und Motive herauszunehmen -, bedeutet, den Text komplett umzuschreiben. Die Szene, die Ihnen offenbar am besten gefallen hat, zählte eigentlich von Anfang an zu jenen, die ich herausnehmen wollte. Das hat aber, wie Sie sehen, nicht geklappt.

Ich freue mich wirklich, wenn es Ihnen gefällt. Ich bin nicht gefallsüchtig, ich freue mich einfach nur!

Herzlich
Aléa

Kommentar von Christian
Datum/Uhrzeit 16. Februar 2012 um 17:00

Liebe Alea,

das kürzen des Textes stell’ ich mir sehr schwer vor.

Ehrlich gesagt hat mir die von mir erwähnte Stelle nicht am besten gefallen. Aber sie hat mir am meisten Spass gemacht beim Lesen.

Gefallen haben mir andere Szenen (aus unterschiedlichen Gründen) besser. z.B.
im 3. Kapitel: “Anders als der Tischler, der in seiner Werkstatt einfach tot umgefallen war, starb seine Frau langsam und ausführlich…”.
oder im 10. Kapitel:
“Nein. Ich bin es, die das will. Weil ich weiß, wie wollen geht. Und weil du ….”.
oder im 11. Kapitel:
“Geklopft hat hier noch keiner. Komm einfach herein, sagte er. Aber du…”.
oder im 15. Kapitel:
“Auf einem der vielen Friedhöfe liegt sie nun, keine…”
oder im 21. Kapitel:
“Kennen wir uns? fragte er. Ja. Also nein. Oder doch. Wir sind…”
oder im 23. Kapitel:
Wie meinst du das? fragt er mich. Das Leben meine ich. Man muss es…”
oder…

Herzlich

Christian

Kommentar von Philipp
Datum/Uhrzeit 16. Februar 2012 um 21:50

Liebe Aléa,

den Idioten habe ich nicht zu Ende gelesen. Ihren Roman schon. Wenn das kein Kompliment ist…

Sehr gut gefallen hat mir der Stil und die Gesamtkomposition. Das liest sich alles sehr geschmeidig und hat auch ein ganz schönes Tempo. Die Verknüpfung mehrerer Geschichten zu einer großen ist auch sehr gut gelungen, erinnert mich ein bisschen an Filme wie “Short Cuts” oder Magnolia.

Herausragend, da schließe ich mich der Meinung von Dietmar an, ist das Kreisen um den blinden Fleck Krisztina. Dann das Kapitel mit Lydia und dem zerbrochenen Flakon. Oder die Passagen über Clara. Und so was schon mit Mitte Zwanzig schreiben – Respekt.

Der Wermutstropfen: Das Marijan als Blinder fotografiert ist mir ein bisschen zu weit hergeholt. Aber vielleicht habe ich den Gedanken dahinter auch nicht verstanden.

Fazit: Vielen Dank für diesen tollen Roman. Lohnt sich wirklich ihn zu lesen. Und macht neugierig auf Ihr zweites Werk.

Herzliche Grüße
Philipp

Kommentar von Aléa Torik
Datum/Uhrzeit 17. Februar 2012 um 15:42

Lieber Dietmar,

bevor ich jetzt zum nächsten Nervenzusammenbruch übergehe, Scheißcomputer!, mache ich eine kleine Pause.

Ihr Kommentar hat mich wirklich außerordentlich gefreut. Im Grunde genommen ist es der Schlusspunkt Ihrer ausführlichen Auseinandersetzung mit meinem Text. Das ist ein würdiger Text, um die Lektüre zu beenden.

Sie haben das so formuliert, wie ich das auch empfinde: das zentrale Kapitel fehlt. Wissen Sie wie viele Menschen in den Kerkern der Securitate verschwunden sind? Wie viele Menschen ihre Angehörigen vermissen, und nie etwas von ihnen gehört haben oder wenn, den absurdesten Blödsinn. Wissen wir wie man sich fühlt, wenn das eigene Kind oder der Vater verschwunden sind? Nein, wir wissen das nicht.
Ich habe das Thema Securitate, wie Sie ja schon ermahnend formuliert haben, nicht erwähnt. Ich habe ein Buch über einen Blinden geschrieben. Ich wollte, dass der Leser ungefähr nachvollziehen kann, wie das ist, wenn man sich tastend durch seine Umgebung kämpft. Das war das Ziel. Den letzen Stein müssen Sie selbst einsetzen, so empfinde ich das auch.

Das ist ein wirklich schöner Kommentar, den sollten Sie auch als Schlussstein unter ihre eigenen Lektüre setzen, wenn Sie fertig sind, mit Ihrer intensiven Lektüre. Zu der ich dann noch ausführlich Stellung nehmen werde.

Dieses Buch, das Sie zu meiner Freude eine Kathedrale nennen, ist nicht ganz so einfach wie es aussieht.

Allen anderen antworte ich morgen. Und jetzt mache ich mich wieder an den Scheißcomputer.

Aléa

Kommentar von Aléa Torik
Datum/Uhrzeit 17. Februar 2012 um 16:09

Lieber Philipp, nur vorläufig: Sie haben Recht, es ist völlig überzogen, dass ein Blinder fotografiert: http://www.youtube.com/watch?v=2YfCgFGf9Ak
Aléa

Kommentar von Christian
Datum/Uhrzeit 17. Februar 2012 um 17:02

Zum Thema blinde Fotografen gibt es hier ein Projekt:

http://www.kilianfoerster.de/blinde.htm

Kommentar von Aléa Torik
Datum/Uhrzeit 17. Februar 2012 um 20:52

Lieber Dietmar,

einerseits hat Mircea Cărtărescu recht, wenn er die deutschen Journalisten anfaucht und sich beschwert, dass die immer bloß nach der Securitate fragen können, weil Rumänien aus mehr besteht; Andererseits hat Herta Müller Recht, wenn sie dieses Thema ganz deutlich in den Vordergrund stellt, weil man dieses ‘mehr’ erst dann sehen wird, wenn man die Securitate nicht mehr sieht. Das ist eine lange Diskussion, die ich ausführlich nicht führen kann.

Ich fand, dass das Thema in dem Roman keine Rolle spielen sollte. Deswegen habe ich es bis auf den einen Satz und bis auf die Rätselhaftigkeit mancher Charaktere, die man in diese Richtung deuten kann, herausgelassen. Man kann alles, was irgendwie nach Alkohol schmeckt in denselben Drink kippen. Davon wird man schön blau. Aber mehr auch nicht. Und so ein Text muss einem dann schließlich munden.

Im nächsten Roman spielt das eine nicht unerhebliche Rolle.

Aléa

Kommentar von Aléa Torik
Datum/Uhrzeit 18. Februar 2012 um 10:18

Lieber Philipp,

vielen Dank für Ihren Kommentar zu meinem Buch.

Die Verknüpfung einzelner Lebensschicksale zu einem großen Bild ist das, was ich wollte. Da ich die Wahrnehmungsweise eines Blinden darstellen wollte, habe ich also Leerstellen zwischen den einzelnen Kapiteln, Personen, Zeiten und Dingen gelassen. Leerstellen, die sich bei der einen Figur verdichten, Krisztina, bei dem „fehlenden“ Kapitel, sodass sich diese Figur beinahe als die zentrale erweist, weil der Leser jetzt wissen will, was aus ihr geworden ist. Da muss er sich seine eigenen Fantasien machen: er muss das sozusagen weiterschreiben.

Dass Sie das Lydija-Kapitel zu den herausragenden zählen, freut mich insbesondere: Man hat als Autor_in seine Lieblingskapitel und meine sind eben dieses und das Aufzählungs- und Regenkapitel.

Einziger Wehrmutstropfen Ihres Kommentars (haha!): dass Sie den Film „Short Cuts“ erwähnen. Das machen viele Rezensenten in Deutschland. Das muss ein beeindruckender Film gewesen sein. Ich mache das aber nicht so wie das in den Film gemacht wird, der vielleicht zehn oder zwanzig Jahre alt ist, ich mache das so, wie man das in der Literatur seit vielen hundert Jahren macht. das nennt man „Point of view“-Technik. Aber, mein Gott, das ist ja nun kein Beinbruch.

Seit meine Festplatte kaputtgegangen ist, weiß ich, was ein Beinbruch ist. Man wird unendlich großzügig gegenüber allen und allem, allen Dingen und allen Menschen. Weil man hofft, dass alles und alle, alle Umstände und alle Menschen, einem selbst gegenüber eine ähnliche Generosität an den Tag legen.

Die zerstörte Festplatte – ich habe nur noch, das war allerdings auch das wichtigste, meine Dokumente – hat mich so irritiert, dass ich befürchte, das könne jeden Moment wieder geschehen. Gerade zog sich mein Herz zusammen, weil der Rechner extrem unangenehme Geräusche von sich gab. Dann habe ich festgestellt, einigermaßen erleichtert, dass die Nachbarin ihren Staubsauger angeworfen hat!

Aléa

Kommentar von Aléa Torik
Datum/Uhrzeit 18. Februar 2012 um 10:36

Lieber Christian,

auch Ihnen vielen Dank für Ihren Kommentar und den Link zu den Blinden.

Es ist immer interessant, wenn ich als Autorin erfahre, was den Lesern gefällt und was nicht. Bei den von Ihnen erwähnten Stellen sind wir einer Meinung. Wenn man mir dann aber ausführlich die Gründe für die Zustimmung oder Ablehnung nennt, stellt sich oft heraus, dass ich das ganz anders erlebe als die Leser. Das ist eben auch die Stärke der Literatur, dass man dasselbe anders empfinden kann und dem einen ist es ein schönes dichtes Kapitel, wenn Clara das Elternhaus verlässt und der andere empfindet es als zu kitschig. Zu mit den am besten gelungensten Stellen empfinde ich das Ende von „Schöne große runde Kreise“, wenn Clara im Gewitter sitzt und natürlich die Kapitel, die ich schon als meine Lieblingskapitel bezeichnet habe.

Ich hoffe, die Lektüre hat Spaß gemacht, Nein, nicht Spaß! Spaß ist eine andere Kategorie. Genuss ist das richtige Wort.

Aléa

Kommentar von Phorkyas
Datum/Uhrzeit 16. April 2012 um 14:50

Liebe Alea,

dieses Kommentarfeld hier hatte ich übersehen. Das ist eine sehr runde Sache geworden, Ihr Roman, wie ich finde – das lange Leiden und Feilen hat sich also gelohnt.

Mir hat die Beschreibung von Marijans Mobilitätstraining sehr gefallen. Ich weiß nicht, ob Sie das schon jemand gefragt hat, oder ob Sie drauf antworten möchten: aber haben Sie für die Recherche da auch mit Blinden gesprochen oder mehr aus der eigenen Vorstellung geschöpft?

Lieben Gruß,
Phorkyas

Kommentar von NO
Datum/Uhrzeit 19. April 2012 um 16:28

Alea Torik, Das Geräusch des Werdens, und Maddox, der verrückte Hund(e)

Zurück aus den USA und noch ein Letztes: Maddox.

Maddox, na ja. Ganz lustig. Ein Überempfindlicher, der in Masken und mit Zylinder herumläuft, der wie ein Bauchredner nicht mit den Menschen selber spricht, sondern nur vermittels seiner beiden Gebisse am Ende seiner beiden Arme. Ulkig und verzweifelt, sein bester Freund ist ein Skelett. Jemand, der umso vorsichtiger wird, je mehr er empfindet. Eine nicht wirklich schlechte Figur. Aber doch letztlich unerheblich im Kontext der vielen anderen? Obwohl, am Ende des Verführungskapitels habe ich doch sehr gelacht bei seiner verbalen Verzweiflung, als er überrollt wird mit dem Sex von Tilly.

Mad Dogs ist nicht gerade meine Lieblingsfigur hier. Musste der sein? Außerdem, warum Plural, sind es denn zwei? Liebe Alea Torik, welche Funktion erfüllt denn diese Figur? Was fehlte dem Roman, wenn Maddox wegfiele? Ich meine, es geht auch ohne ihn, die Geschichte, die Konstruktion des Romans trüge auch. Vielleicht sogar besser, weil gestraffter? Oder ist der Demaskierung?

Maddox ergänzt den Figurencharakter von Leonie. Die spielt auch etwas, was sie in Wirklichkeit nicht ist, also Illusion. Auch Leonie tut immer nur die freche, kokette Madame, vorlaut, anzüglich, geistreich, aber in Wirklichkeit: Schüchtern, vorsichtig, unerfahren. Maddox verdeutlicht das Innenleben von Leonie. Auch Leonie „weiß gar nicht, wie das geht“.

So gesehen spiegelt sich hier ja vielleicht die Autorin wieder? Leonie ist äußerlich ja der Alea Torik, die wir aus dem BLOG kennen, am ähnlichsten. Und Maddox ist es innerlich? Werden die Empfindlichkeiten eines Schriftstellers erzählt, die tatsächlich wohlmöglich Empfindlichkeiten vieler anderer sind? Oder werden jedenfalls solche Beobachtungen, Überlegungen, Gefühle gestaltet durch die Autorin mit diesen beiden verrückten Hunden?

Es gibt ja Menschen, die mit der Reizüberflutung dieser Welt – oder mit den Problemen der Freizügigkeit und Offenherzigkeit – nur schwer zurechtkommen, mit Schüchternheit, mit Menschen, mit Gefühlen. Die eine Rolle spielen m ü s s e n. Die Masken tragen müssen. Überlebensstrategie. Die Bauchredner und Clowns. Wird also in diesem Buch auch etwas über die erzählt, die dieses Buch schreibt und die den BLOG http://www.aleatorik.eu führt?

Weitere erstaunliche Parallelen: Maddox wird von Tilly geradezu überwältigt, Marijan muss von Leonie fast im Wortsinn niedergerungen werden. Aber auch Liv ist die, die die Initiative ergreift, s i e spricht Valentin an und führt ihn aus dem Bahnhof ins gemeinsame Leben. Lydija kommt auf Ioan zu, nicht umgekehrt. Es sind die Frauen, die aktiv werden in diesem Roman, nicht die Männer. Ist das gewollt? Ist das Wirklichkeit? Ist das ein Frauenroman, ein Frauenthema? Ist das Wunschdenken?

Beste Grüße

NO

Kommentar von Aléa Torik
Datum/Uhrzeit 20. April 2012 um 12:35

Lieber NO,

zurück im Alten Europa? Ich vermute, bei Ihnen geht die Kulturumstellung inzwischen relativ schnell und Gewöhnung und der Alltag gewinnen bald Oberhand?

Inzwischen beinahe schon ungewohnt, mich zu Kommentaren und Eingaben zu verhalten: Ich habe die Funktion deaktiviert, das war ein langes Ringen, und jetzt ist es auch ganz gut so. Ich wollte sowieso mehr Zeit in das Schreiben von Essays investieren. Das ist sehr zeitaufwändig. Aber ich habe große Lust dazu. Also musste ich eine Veränderung hier einführen.

Musste Maddox sein? Der Lektor hat mich gefragt, ob das Berlin-Kapitel wirklich sein muss und ich habe genickt. Ja, das musste sein. Es gibt einige, die meinen, dass es nicht in den Verlauf des Textes passt. Der Meinung bin ich allerdings auch. Es soll ja auch nicht passen. Und es ist dennoch und auch deswegen das Zentrum des Romans. Der Lektor wollte auch das Lydija Kapitel nicht. Aber es musste sein. Ein Verlag, der das Manuskript damals geprüft hatte, fand Maddox und Marijan gut, überhaupt alle Stadtfiguren, aber die Dorffiguren nicht. Die gehören aber nach Aussage anderer zu den besten. Wie also soll man es machen? Da ist eben doch sehr viel Sache des individuellen Geschmacks.

Das ist ein Buch über einen Blinden! Darum geht’s. Das ist das Thema. Ich wollte die Wahrnehmungen eines Blinden nachbilden. Dazu gehört das, auch dies wird beklagt, buchstückhafte dieser Kapitel, das puzzelhafte, das ich manche Dinge, Figuren und Umstände in den Vordergrund schiebe und andere, wie vor allem Krisztina, sehr undeutlich lasse. Weil das bei Blinden so ist. Und auch der skurrile Maddox, der Verrückte, der nicht klarkommt mit dem Leben, der mit einem Skelett befreundet ist, der immer, wenn was auf ihn zukommt, sagt: „Ich weiß nicht wie das geht“. Der alles verleugnet und am Ende von Tilli geradezu überfahren wird. Vielleicht ist es nicht die stärkste Figur. Aber für mich fällt er nicht ab im Reigen der anderen Figuren.

Der Roman trüge auch ohne ihn. Vielleicht wäre er sogar besser, wenn er gestraffter wäre? Ich mag durchaus die bessere Literatur, aber die gestrafftere mag ich nicht. Ich mag die Literatur nicht, die nur das mit sich bringt, was man unbedingt zu ihrem Verständnis erfahren muss. Ich mag die reichhaltigere Literatur. Das ist die, die ich gerne lese und die ich auch schreiben will. Diese auf das Notwendigste reduzierte Literatur ist nicht mein Geschmack. Aber es würde vielleicht besser laufen?

Ob ein Buch läuft, hat nahezu nichts mit dem Text zu tun. Das hat etwas mit dem Verlag, mit dem Vertrieb, mit Glück, Zufall, mit den richtigen Themen im richtigen Moment zu tun. Damit, wo die Bücher in einer Buchhandlung liegen. Mit dem Cover vielleicht. Mit tausend Umständen, von denen der konkrete Text einer ist. Höchstens.

Es war einmal: in einer Vorversion, gab es einmal zwei Freundinnen Leonies, Tilli und Trudi. Und es sollte dann auch zwei Mad Dogs geben. Allerdings musste ich von einem dreihundertachtzig Seiten langen Buch hundert wegnehmen, Personen und Handlungen und Motive. Und die Gegenüberstellung der beiden Freundinnen mit einem irgendwie doppelten Mad-Dog: das ist weggefallen.
In jeden Fall ist das eine Figur, die auf die Reizüberflutung heute mit Hypersensibilität reagiert. Eine für mich interessante Figur. Und auch eine, die aus mir kommt. Es ist sicher so, dass ich verschiedene Neigungen oder Strebungen auf die Figuren verschiebe. Dass ich allerdings nicht so einfach mit Leonie zu identifizieren bin, darauf habe ich oft hingewiesen. Aber natürlich ist Leonie wie Maddox Teil meines Selbst.

Das ist mir noch gar nicht aufgefallen, aber Sie haben recht mit Ihrer Beobachtung: Es sind die Frauen, die die Initiative ergreifen. Ist das Frauenliteratur? Oder die Abkehr von der Männerliteratur? Das ist, bei dem nächsten Roman erst recht, eine spannende Frage. Oder Wunschdenken? Kein Wunschdenken ist es, dass Frauen wie Männer werden. Wunschdenken vielleicht aber, dass das klassische Rollenverständnis mit vollkommen klar aufgeteilten Regeln, wie es Macho und Tussi leben, von einem etwas reiferen, aufgeklärteren Verständnis abgelöst wird. Auch Frauen können in Männerrollen glänzen und auch Männer können das in Frauenrollen. Ich kenne ein Pärchen, bei denen ist es so, dass sie arbeiten geht und er macht den Haushalt. Beide machen das, was Sie am besten können und beide sind auch gut darin.

Es regnet draußen, diese dicken Tropfen, die so schöne Löcher in den Asphalt schlagen.

Ich werde übrigens am Wochenende alle Ihre Kommentare zu DGDW hierher verschieben

Herzlich

Aléa

Kommentar von Christian
Datum/Uhrzeit 21. April 2012 um 10:04

liebe Alea,

apropos Essay: freue mich schon auf Ihren Essay zu David Foster Wallace den Sie hier vor Kurzem erwähnten. Gibt es schon einen Termin und Ort für die Veröffentlichung?

liebe Grüße
Christian

Kommentar von Aléa Torik
Datum/Uhrzeit 21. April 2012 um 21:53

Lieber Christian,
ich glaube, ich habe einen Ort für den Essay. Ich bin nicht ganz sicher, ich habe eine positive Mail bekommen und auch erfreut geantwortet, dann aber keine Reaktion mehr bekommen. Aber wenn es wahr ist – wenn es tatsächlich wahr sein sollte … dann hören Sie ganz sicher noch etwas davon. Am Tag der Veröffentlichung. Ich glaube das erst, wenn ich es auch sehe. Wenn ich das Heft in Händen halte und es da lesen kann. Bis dahin müssen Sie sich noch gedulden. Und ich auch!
Herzlich
Aléa

Kommentar von Aléa Torik
Datum/Uhrzeit 6. Mai 2012 um 12:23

Ich hatte bereits angekündigt, meine Präsenz im Netz zu reduzieren. Ich werde weiterhin Beiträge einstellen, seltener als bisher. Die Kommentarfunktion ist deaktiviert. Ich bedanke mich bei allen, die hier regelmäßig mitgeschrieben und dafür gesorgt haben, dass das ein spannendes und lebendiges Blog ist. Ich danke Ihnen sogar herzlich, das hat viel Spaß gemacht! Einzige Ausnahme von dieser Umstellung ist Das Geräusch des Werdens: der Roman kann weiterhin kommentiert werden. Es kann geliebt und gelästert, gelobt und gelyncht werden.
Aléa Torik

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