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  • Aléa Torik: Ich hatte bereits angekündigt, meine Präsenz im Netz zu reduzieren. Ich werde weiterhin Beiträge einstellen, seltener als bisher. Die Kommentarfunktion ist deaktiviert. Ich bedanke mich bei allen, die hier regelmäßig mitgeschrieben und dafür gesorgt haben, dass das ein spannendes und...
  • Aléa Torik: Lieber Christian, ich glaube, ich habe einen Ort für den Essay. Ich bin nicht ganz sicher, ich habe eine positive Mail bekommen und auch erfreut geantwortet, dann aber keine Reaktion mehr bekommen. Aber wenn es wahr ist – wenn es tatsächlich wahr sein sollte … dann hören Sie...
  • Christian: liebe Alea, apropos Essay: freue mich schon auf Ihren Essay zu David Foster Wallace den Sie hier vor Kurzem erwähnten. Gibt es schon einen Termin und Ort für die Veröffentlichung? liebe Grüße Christian
  • Aléa Torik: Lieber NO, zurück im Alten Europa? Ich vermute, bei Ihnen geht die Kulturumstellung inzwischen relativ schnell und Gewöhnung und der Alltag gewinnen bald Oberhand? Inzwischen beinahe schon ungewohnt, mich zu Kommentaren und Eingaben zu verhalten: Ich habe die Funktion deaktiviert, das...
  • NO: Alea Torik, Das Geräusch des Werdens, und Maddox, der verrückte Hund(e) Zurück aus den USA und noch ein Letztes: Maddox. Maddox, na ja. Ganz lustig. Ein Überempfindlicher, der in Masken und mit Zylinder herumläuft, der wie ein Bauchredner nicht mit den Menschen selber spricht, sondern nur...
  • Phorkyas: Liebe Alea, dieses Kommentarfeld hier hatte ich übersehen. Das ist eine sehr runde Sache geworden, Ihr Roman, wie ich finde – das lange Leiden und Feilen hat sich also gelohnt. Mir hat die Beschreibung von Marijans Mobilitätstraining sehr gefallen. Ich weiß nicht, ob Sie das schon...
  • Aléa Torik: Lieber Avenarius, vielen Dank für die wohlmeinenden Worte. Die tun mir mehr gut als Sie glauben mögen. Ich werde weitermachen, weil es auch für den nächsten Roman wichtig ist. Und ich werde wohl die Kommentarfunktion deaktivieren. Das ist eine schwierigere Entscheidung als man...
  • avenarius: Liebe Alea, im Verhältnis zu Ihrer vorherigen Präsenz haben Sie sich bereits aus dem Netz zurückgezogen. Aber warum sollte ein Blog nur wegen verminderter Aktivität aufgegeben werden. Ich würde weiterköcheln – auf Sparflamme. Frohe Ostertage wünscht - avenarius
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, dafür gibt es einige Gründe und einige andere, die dagegen sprechen. Ich muss mir noch überlegen, wie ich das formuliere. Einmal für mich selbst und einmal hier, in der Öffentlichkeit. Ich hatte Anfang März schon überlegt, mich gänzlich aus dem Netz zurückzuziehen:...
  • Azadeh Sepehri: Warum denn?
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, ich überlege, die Kommentarfunktion gänzlich auszuschalten. Ich habe mich aber noch nicht entschieden. Aléa
  • Azadeh Sepehri: Liebe Alea, warum kann man unter Ihren letzten Beiträgen keine Kommentare hinterlassen?
  • Azadeh Sepehri: Liebe Alea, ich glaube, ich hatte ihren Beitrag falsch verstanden und dachte, Sie schreiben unter einem Pseudonym. Aber auch falls Sie dies machen würden, fände ich es nicht schlimm. Schließlich hat jeder das Recht, selber darüber zu entscheiden.
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, ich schlage vor, wir warten bis zur Veröffentlichung davon, was im Januar 2013 der Fall sein wird, und dann kann jeder entscheiden, was mein richtiger Name ist, was das richtige und das falsche Verhalten war. Herzlich Aléa
  • Azadeh Sepehri: Interessant. Ich dachte, Sie schreiben unter Ihrem “richtigen” Namen.
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, „Nehmer“ und „Geber“: Nehmen ist ja auch leichter als geben. Sein Recht in Anspruch zu nehmen ist leichter als einer daraus resultierenden Plicht zu entsprechen. Dass Recht und Pflicht so eng miteinander verbunden sind, dass sie dasselbe sind, auseinander hervorgehen,...
  • Aléa Torik: Lieber Holio, Sie können hier gerne mit Ihrem Meißel klopfen. Und ich habe auch nichts dagegen, wenn dabei etwas anderes herauskommt als ich das beabsichtigt habe. Soviel verstehe ich von Literatur, um zu wissen, dass die Autorin eine Interpretation unter anderen hat. Es stehen, sowie...
  • Aléa Torik: Lieber NO, auch für mich sind Lydijakapitel und Aufzählungskapitel die beiden Höhepunkte dieses Romans. Es sind wohl auch die beiden schwierigsten Kapitel. Das Zentrum des ganzen Textes ist sicher das Aufzählungs- oder Berlinkapitel. Das war geplant als eine Beschreibung des...
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  • Aléa Torik: Lieber Ave Narius, ich bin da, soweit ich sehe, völlig einverstanden. Nur mit dem „Medusenhaupt der Macht“ habe ich Schwierigkeiten: es muss eine Verfassung geben, eine Legislative, und dann muss es auch eine Executive und eine Judikative geben. Es muss eine Macht geben und sie muss...

  • 25 Februar 2010

    Verehrung und Verachtung

    Verehrung und Verachtung gehören zusammen wie wenig sonst auf der Welt. Wie Pech und Schwefel. Weil sie derselben Wurzel entstammen, derselben Tendenz. Beides hat etwas mit Knien zu tun. Mit Kniefall und in die Knie gehen. Einmal sinkt man selbst in den Staub, das andere Mal will man in den Staub sinken sehen.

    Das eine ist der Staub, den das andere aufwirbelt.

    Ich versuche mit solchen Worten zu fassen, was Frauen mehr oder weniger häufig erleben, mehr oder weniger direkt, was mehr oder weniger bewusst formuliert und vernommen wird und was bei der Mädchenmannschaft „Ihr durchtriebenen, miesen Fotzen!“ heißt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 Januar 2010

    Was man so unter „haben“ versteht

    Ich erzähle einen Witz. Der stammt von David Foster Wallace aus „Unendlicher Spaß”.

    Gehen drei Statistiker auf Entenjagd. Gekleidet in die typische Montur, die Jäger nun einmal so tragen, Hosen und Jacken und Hüte. Dieses Zeug, was man vielleicht wirklich braucht, wenn man auf die Jagd geht. Ich kenne mich da nicht gut aus. Gewehre haben sie auch, die Enten fallen ja nicht von alleine vom Himmel. Und dann haben sie noch diese Entenpfeifen, Wildlocker heißen die (hier geht’s zur Hörprobe). Als eine Ente auffliegt, legt der erste Statistiker an und schießt. Der Rückstoß seines Gewehrs haut ihn aus den Latschen und er landet im Dreck. Die anderen beiden sehen: er hat zu hoch geschossen. Er hat die Ente verfehlt. Dann legt der zweite an und schießt. Auch ihn haut der Rückstoß um. Die anderen sehen: er hat zu niedrig geschossen. Auch er hat die Ente verfehlt. Daraufhin schmeißt der dritte sein Gewehr in den Dreck, tanzt vor Freude und brüllt dabei „Jaaa, wir haben sie, wir haben sie!” Das ist der Witz. Ich habe das nicht sofort verstanden. Der Clou ist: das sind eben Statistiker und Statistiker arbeiten mit Mittelwerten.

    Meine These zu dem Buch war, dass sich mittels gegensätzlicher Begriffspaare und Dichotomien, mittels Oppositionen der für David Foster Wallace zentrale Begriff des Unendlichen verstehen lässt. Denn innerhalb solcher Extreme liegt ein Mittelbereich, der begreifbar und verstehbar ist. Das “Dazwischen” ist das, was man im eigentlichen Sinne hat. Oder haben kann. Zwischen “zu hoch” und “zu niedrig” liegt das, was man hat. Mit diesem Witz in der Hinterhand kann man den ganzen Roman verstehen. Ich habe ihn jedenfalls so verstanden. Es kommt eben ganz darauf an, was man unter „haben” versteht.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 November 2009

    Alabaster und Lapislazuli

    Alabaster und Lapislazuli. Das sind zwei Worte, die für mich eigentlich nur Erinnerungen sind. Ich war damals ein kleines Mädchen. Meine Eltern und ich, wir waren im Urlaub. Das war am Schwarzen Meer, in der Nähe des Donaudeltas, in einem kleinen Ort, dessen Namen ich vergessen habe. Wir waren, wie mir jetzt auffällt, nie wieder da. Ich weiß nicht warum. Es gab eine Altstadt und da war jeden Abend etwas los. Die Leute promenierten. Es war ein Dorf am Meer. Abends gab es Fisch. Und es gab Schmuckläden. Auch abends. Wahrscheinlich gab es die auch tagsüber. Aber tagsüber waren wir woanders. Abends gingen wir spazieren und meine Mutter stand vor diesen Läden, vielleicht war es auch nur ein Laden. Ich erinnere mich nicht so genau. Wir standen natürlich alle zusammen vor dem Schaufenster, aber meine Erinnerung zeigt mir nur meine Mutter. Meine Mutter betrat dann diesen Laden. Jeden Abend aufs Neue. Dort gab es einen großen, behaarten Mann mit einem Furcht einflößenden Schnurrbart. Er saß immer hinter dieser Theke. Ohne sich da weg zu rühren. Vielleicht war er angewachsen. Vielleicht hatte er keine Beine. So stellte ich mir das vor. Das war nicht weiter schlimm. Er hatte einfach auf dieselbe Art und Weise keine Beine wie andere welche haben. Und das auch noch an genau derselben Stelle. Er wiederholte immer nur diese beiden Worte.

    Alabaster und Lapislazuli. Das klang im meiner kindlichen Phantasie so, als erzähle er meiner Mutter, mit flüsternder Stimme, hinter vorgehaltener Hand, etwas Verbotenes. Etwas, das mein Vater nicht mitbekommen durfte. Der entweder draußen wartete oder sich in dem Laden umsah, der in einer Ecke stand in eine Vitrine schaute, während der Mann mit dem Schnurrbart meiner Mutter etwas zuflüsterte. Oder vielleicht flüsterte er auch etwas anderes, das nicht für die Ohren meines Vaters bestimmt war. Jeden Abend ging meine Mutter erneut hin und ließ sich von dem Flüsterns dieses Mannes besäuseln und seinem Sirenengesang.

    Alabaster und Lapislazuli. Worte aus einer anderen Welt. Eine Welt, die man nur bei halb geschlossenen Augen erleben konnte. Jenseits unseres gewohnten Erlebens, jenseits dessen, was das Leben uns zugestand. Man musste in so einen Laden gehen, einen Zugang zu dieser Welt finden, einen Zugang in ein jenseitiges Reich, in die Unterwelt. Und das hier in diesem Laden, diese geflüsterten Worte, diese Stimme aus dem Mund jenes Menschen mit dem Schnurrbart, das war so ein Zugang.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    11 November 2009

    Shoppingparadies

    Das Leben in Deutschland ist anders als in Rumänien. Das bemerkte ich mehrmals am Tag. Unmittelbar darauf bemerke ich, dass ich dennoch ziemlich gut klarkomme. Ich kann hier gut navigieren und verstehe vieles intuitiv. Deswegen fühle ich mich wohl. Manchmal bemerke ich jedoch auch, dass ich nicht klarkomme. Dass ich nicht Teil dieser Gesellschaft bin. Meist ist das nur eine kleine Irritation. Manchmal bin ich aber richtig schockiert. Ich fühle mich ausgestoßen oder ich will mich selbst ausstoßen. Zum Beispiel beim Thema Armut. Dieses Wort hat in Rumänien einen ganz anderen Klang als in Deutschland, einen materiellen nämlich.

    Es gibt bei Worten einen Unterschied zwischen der Dimension, die sie bezeichnen und der, die sie beschreiben. Das Wort Baum bezeichnet das, was im Englischen tree, im Französischen arbre und im Rumänischen kopak heißt. Was es hingegen beschreibt, ist ein grünes Durcheinander, dass nicht immer, sondern nur abwechselnd grün ist, ein braunes knorriges, im Winter melancholisches Geäst, einen Stamm und Äste und Zweige und Verzweigungen, etwas unter dem sich Liebe machen lässt und Schatten suchen und unter dem man als Kind im Garten gespielt hat, in einem Jahrhunderte schon versunkenen, verwunschenen Sommer, und so spürt man, wenn man einen Baum sieht, noch immer etwas Spielerische und Unbeschwerte, man spürt die Vergangenheit, und man sucht vielleicht noch immer Zuflucht unter seinem Dach, im Schutz der vergangenen Zeiten und hofft auf die Liebe, die vielleicht niemals kommen, aber auf die man immer warten wird.

    Es gibt Worte, die bezeichnen etwas ganz anderes als das, was sie beschreiben. Shoppingparadies ist so ein Wort. Es ist ein Neologismus, ein Kompositum aus den Worten Shopping und Paradies. Und das bezeichnet es auch. Seine beiden Elemente gehen, ohne etwas zu verlieren oder zu gewinnen, in das neue Wort über. Aber es beschreibt etwas ganz anderes: die innere Destruktion einer Gesellschaft, das kaputte Wesen, wie sehr dieser Körper bereits vom Krebs zerfressen ist. Es beschreibt, inwieweit zutiefst Menschliches wie Hoffnung, Sehnsucht, Lust, Wunsch destruiert und einzig und allein dem Shopping untergeordnet ist. Mehr noch, das Menschliche verschwindet dahinter vollkommen. Das sind Tiere, die ins Shoppingparadies einfallen. Die existieren nicht mehr, die vegetieren bloß noch. Das macht mich gnadenlos wütend. Ich könnte heute noch meine Sachen packen und weggehen, weg aus diesem Land der Shoppingparadiese, aus dieser einst womöglich wasserreichen, inzwischen offenbar desertifizierten Gesellschaft.

    Viele wissen es noch nicht, aber sie sind bereits in der Hölle angekommen. In der Hölle ihrer Armut. Aber das macht ihnen nichts, das macht ihnen nicht das Geringste. Sie gehen einfach ins nächste Shoppingparadies und da wird dann alles gut.

    Ärmer als arm ist nicht ärmlich, sondern armselig.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    05 Oktober 2009

    Glück und Unglück

    Hier kommt eine der schönsten Bemerkungen, die ich kenne. Schön und schön kurz. Anders als bei Immanuel Kant, der auch schön schreiben konnte, versteht man hier alles. Bei Kant kommt man mit seinem Verständnis gerade einmal bis zum ersten Komma. Die Kommata bei Kant sind oft sogar das einzige, was man versteht.

    „Glück und Unglück sind zwei Zustände, deren äußerste Grenzen wir nicht kennen.”

    John Locke, Über den menschlichen Verstand

    Solch eine Äußerung von einem Rationalisten wie John Locke, wirklich erstaunlich! Vielleicht führte Locke ein Doppelleben. Vielleicht hat er das, was er in seinem Beruf gemacht hat, das wissenschaftliche und akademische Schreiben, nicht wirklich geglaubt und meinte, nach Feierabend alles wieder richtig stellen zu müssen. Das Vorliegende ist wahrscheinlich so eine abendliche Äußerung, eine Umformulierung und Berichtigung dessen, was Locke tagsüber formuliert hatte. Vielleicht hat Locke sich nachts in der Sünde gesuhlt und tagsüber dann moralische Abhandlungen geschrieben, weil es ihn gereut hat. Das ist ein interessante Frage, weil man, wenn einer zwei Leben führt, natürlich wissen müsste, welches der beiden das erste und welches das zweite , welches Aktion und welches Reaktion ist, und welches der beiden die Wiedergutmachung des vermeintlich angerichteten Schadens ist.

    Das wäre auch ein schönes Romanthema: dass einer abends wieder zurechtrückt, was er tagsüber gedacht und getan hat. Ich glaube, da ließe sich einiges raus machen. Aber, wie immer, wenn sich aus wenig mehr machen lässt: da kann man sich ganz schnell die Finger verbrennen. Und mit bandagierten Fingern einen Roman in den Rechner zu tippen ist eine Sache für sich.

    Das ist in der Liebe ganz ähnlich: das gibt’s die Realisten und die Phantasten. Und es sind meist die Phantasten, die sich die Finger verbrennen und hinterher Liebesbriefe tippen. Ewig lange, herzzerreißende Briefe, die von Realistenseite selbstverständlich unbeantwortet bleiben. Die Realisten verstehen gar nicht, was eigentlich los ist. Das war doch ein ganz netter Abend. Und die Zurückgewiesenen, die schmählich Ignorierten und tief enttäuschen Liebesbrieftipper tippen dann irgendwann Romane, in denen Phantasten Liebesbriefe an Realisten schreiben.

    Die einen wie die anderen kennen die äußersten Grenzen von Glück und Unglück nicht. Aber die Phantasten robben sich näher ran als die Realisten. Und stellen dann fest – was Realisten nie feststellen – dass Glück und Unglück keine weit entfernten Gegensätze sind, sondern enge Verwandte.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    07 September 2009

    Triebtäter

    Man mag, was ich gestern geschrieben habe, für überzogen halten. Oder für provokant. Zumindest für sehr prononciert. Damit meine ich nicht meine Behauptung, dass ein Staat nicht töten darf, sondern dass er der Anerkennung der von ihm Arretierten bedarf. Ich bin, im Rahmen meiner wissenschaftlichen Arbeit an Identität und Identitätsbildung immer auf der Suche nach Material. Das muss nicht richtig sein, was ich da formuliere, dies ist hier ja keine akademische Arbeit. Ich probiere lediglich herum. Der gestrige Text ist mir dann auch etwas aus dem Ruder gelaufen. Ich war nicht sehr glücklich mit dem Verlauf, auch wenn es ein Lob von Sabine gegeben hat (hier ist sie mit ihrem eigenen Projekt: myalldayart). Eigentlich wollte ich ganz etwas anderes sagen. Dann habe bemerkt, dass ich nicht dazu komme. Das immer, wenn ich in die beabsichtigte Richtung marschiere, sich etwas anderes dazwischen schiebt. Ich habe mich zu Anfang gegen die Richtungsänderung gesträubt. Wie ein Esel. Wer das schon einmal gesehen hat, der weiß, was ich meine: Wenn ein Esel nicht will, dann will er nicht. Wenn der den nächsten Schritt nicht gehen will, dann geht er ihn auch nicht. Der ist immun, gegen Argumente und Prügel gleichermaßen. Selbst wenn sein Besitzer ihn halb tot schlägt, der Esel bleibt einfach auf der Stelle stehen. Irgendwann habe ich dann nachgegeben. Aber nicht, weil mir einer mit Prügel oder Argumenten gedroht hat.

    Das kann sehr interessant sein, wenn man einem Text nicht die eigenen Absichten aufzwingt, ihn nicht domestiziert, sondern seiner Wege gehen lässt. Wenn man ihn seiner Wege ziehen lässt, selbst dann, wenn das bedeutet, dass er sich nicht einmal umdreht und einfach fort geht. Solche Abschiede muss man lernen. Weil das wichtiger ist, als die anfängliche Absicht zu verfolgen, einen guten Text zu schreiben. Einen Text, der vor allen Anfechtungen und vor allem Kummer sicher ist.

    Was ich eigentlich sagen, was ich schön herleiten wollte und was jetzt nicht mehr herleitbar ist, weil die gestrige Inspiration weg ist, das war etwas zu Tätern, Intensivtätern und Triebtätern. Und dann wollte ich mit ausgesprochen elegantem Schwung eine Kurve beschreiben, die auf die gestrigen Eingangsformulierungen von Gerade und Kreis rekurriert, die dann etwas zur Kunst einflechtet, zur libidinösen Fundierung der Kunstschaffenden, zu Nähe von Trieb und Tat, Genuss und Gefahr, und die dann wunderbar endet mit einer Formulierung, die in meiner Inspiration den Ausgangspunkt bildete, und die solchermaßen geometrisch nachgezeichnet hätte, was formulierungstechnisch vorausgegangen war; eine Formulierung die da lautete: Unter den Verbrechern dieser Welt gehöre ich zur gefährlichsten Kategorie: den Triebtätern.

    Aber wie gesagt: das geht jetzt nicht mehr. Verdammter Mist!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    10 August 2009

    Nervenkostüm und Fracksausen

    Aussagen über eine wie immer geartete, zerbrechliche Verfassung. Zwei Worte, die mehr sagen als lange Sätze. Und die doch wieder nichts sagen, die nur andeuten. Weder das eine noch das andere gibt’s von Chanel oder Givenchy. Männer wie Frauen tragen es, die Frauen das ihre oft mit größerem Aplomb. Auch Männer tragen ein Nervenkostüm, auch Frauen haben Fracksausen. Dennoch kommen sie nicht in den Verdacht der Androgynität. Es gibt keine Unterwäsche, auch nichts zum darüber ziehen, für die kalten Tage. Das Nervenkostüm trägt eine Frau als trüge sie nichts. Abseits jeder Mode ist es zu allen Zeiten tragbar und gleichermaßen unerträglich gewesen.

    Die Leute sehen es einem von Weitem an, wenn man es lieber verbergen möchte. Dann wieder wollen sie nichts sehen, wie sehr man es ihnen auch unter die Nase reibt. Man ruft um Hilfe und kein Mensch hört es. Brüllend und wimmernd liegt man auf der Erde und niemand sieht einen. Man kommt sich vor wie ein Clochard, wie ein Penner. Man wird gemieden als hätte man die Pest. Und gerät dabei immer tiefer in diese Stimmung. Es geht, scheint’s, nicht vorüber. Man bekommt die Kleider nicht mehr vom Leib. Es sitzt zu eng auf der eigenen Haut, es kratzt, es zwickt und zwängt, es wird jeden Moment schlimmer und immer enger. Es läuft ein. Es erstickt einen. Es verwächst mit dem eigenen Ich.

    Und dann die Befreiung. Unverhofft und plötzlich. Wo gerade noch Resignation und Verzweiflung herrschten, glüht man wenige Stunden später vor Freude und Erleichterung. Wo man meinte, sich vor der Welt verbergen, sich verkriechen zu müssen, gehört man mit einem Mal zu den geladenen Gästen, zu den Auserwählten. Ein Fest, ein Ball, ein nächtliches Bankett. Man betritt den Saal, man ist unter Menschen, die über ausgesuchte Höflichkeit und distinguierte Umgangsformen verfügten. Man plaudert, man lacht hierhin und dorthin, man flirtet, lächelt und zwinkert, man kokettiert und schlägt die Augen auf. Man schreitet durch Räume, die königlichen Gemächern in nichts nachstehen, wo Klavier- und Cembaloklang den Damen und Herren die Stunden des nächtlichen Beisammenseins verkürzten. So werden Nervenkostüm und Fracksausen unverhofft zur ganz großen Garderobe.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
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    und zwar soeben.





    20 Juli 2009

    Gelotologie

    Gelotologie gehört zu den Worten, die in diesem Jahr neu in den Duden aufgenommen werden. Die Gelotologie ist die Wissenschaft, die sich mit den Auswirkungen des Lachens beschäftigt (näheres hier oder hier). Manche Auswirkung kann man an sich selbst spüren, dazu braucht es keine Wissenschaft. Andere sind vielleicht nicht so einfach erfahrbar. Wie wird man wohl Gelotologin: kann man sich da bewerben? Muss man bestimmte Voraussetzungen mitbringen? Spezialisiert man sich im Laufe der Jahre? Twittern und Exzellenzcluster gehören ebenfalls zu den Worten, die es in die neue Auflage des Duden geschafft haben.

    Schön, wenn neue Worte dazukommen. Euch ein herzliches Willkommen! Seht zu, dass ihr in aller Munde seid. Sonst fliegt ihr bei der nächsten Gelegenheit wieder raus. Ihr wärt nicht die ersten. Um manche Worte ist es schade. Bevor sie den Duden verlassen müssen, werden sie einige Jahre mit dem Zusatz „veraltet” bezeichnet. Auch Worte haben eine Geschichte, sie werden geboren, werden älter, reifer und ruhiger, erwachsen, wie man gemeinhin sagt, später werden sie dann milde und schließlich müde. Man nimmt sie kaum noch wahr, so zurückgezogen leben sie. Sie betrachten die Aufregungen der Welt nur noch mit verminderter Anteilnahme. Und dann sterben sie und nur wenige Angehörige derselben Wortfamilie, ein paar Bekannte und Freunde, wen man im Leben so kennen gelernt hat, stehen trauernd ums Grab herum. Sie weinen die eine oder andere Träne und wissen, dass sie dasselbe Schicksal ereilen wird.

    So ist es gerade der Cochonnerie ergangen. Ihr Tod war absehbar. Sie hat die letzten Jahre ihres Lebens in zunehmender Einsamkeit verbracht, mehr siechend als seiend. Nun stehen die wenigen alten Freunde am Grab, der Prästidigitateur und der Pönitenziar. Sie wissen, dass sie die Nächsten sind, die abtreten müssen. So ist das in den Wörterbüchern des Lebens. Cochonnerie: ich habe dich nicht gekannt. Aber ich wünsche dir, wo immer du jetzt bist, im Paradies der verstorbenen Worte vielleicht, dass du‘s dort gut hast. Frei von allen Beschwerlichkeiten und aller Mühsal des diesseitigen Lebens.

    Angesichts dieses beklagenswerten Todes begrüße ich hier voller Empathie das neue Leben: die Gelotologie. Ich freue mich über dich. Wenn du dich anständig aufführst und mir nicht, wo ich dich im Arm wiege, auf die Bluse kotzt, werde ich Sorge um dich tragen, solange ich lebe. Und ich hoffe, dass du dann, wenn es eines Tages soweit sein wird und die Aleatorik ihren letzten Gang geht, tun wirst, worum willen ich dich groß gezogen habe und was du am besten kann; also was du am besten erforschen kannst: das Gelächter an meinem Grab.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    30 Juni 2009

    Leichtsinn

    Wieder einmal ein Wort, das nur noch pejorativ, also bedeutungsverschlechternd, gebraucht wird. Es scheinen, im Vergleich zu den vielen Abstiegen, wenig Worte einen Aufstieg und eine Verbesserung zu erfahren. Das Paradebeispiel dafür ist die Unverschämtheit. Das Wort wird heute negativ empfunden, eigentlich aber beschreibt es etwas positives: weder verschämt noch verklemmt. Das Wort ist unversehens in die Sphäre des Moralischen geraten. Und wenn man da einmal drin ist, kommt man so leicht nicht wieder heraus. Eher zieht einer sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf.

    Wer leichtsinnig die Straße überquert, riskiert Leib und Leben; Wer leichtsinnig mit anderen ins Bett geht, Hepatitis und HIV. Wer leichtsinnig ist, der denkt nicht nach, der bedenkt nicht, reflektiert nicht und überlegt sich nicht die Auswirkungen seines Handelns. Leichtsinnig wird die Zukunft aufs Spiel gesetzt. Wer leichtsinnig ist, ist unverantwortlich sich selbst und anderen gegenüber. Wenn man das einmal weg schlägt, die Farbe abkratzt, wenn man das Palimpsest von seinen Übermalungen und Neuerungen und Überschreibungen befreit, dann kommt etwas Wunderschönes zum Vorschein: leichtes Sinnes sein, freudig, heiter, beseelt, unbeschwert und frohen Mutes.

    Nicht weit vom Leichtsinn entfernt, ist ein anderes Wort angesiedelt: Glück. Wie so oft, weiß ich nicht mehr wo ich das gelesen habe, mein Hirn ist eine Ansammlung von Residuen und Resten. Die Menschen aus Bangladesch, stand dort, sind die glücklichsten auf der Welt. Umfragen sind leicht auszuhebeln, wenn man nach ihren Bedingungen fragt. Die kenne ich in diesem Fall nicht, aber es wundert mich auch nicht, dass gerade die Ärmsten der Armen sich als glücklich bezeichnen. Nicht, weil sie weniger zu verlieren haben als die Reichen. Sondern weil sie ein anderes Verständnis von Glück und Leichtsinn haben: ein weniger beschwerliches.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
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    und zwar soeben.





    26 Juni 2009

    Hoffnung III

    Wenn ich mir die letzten beiden Bemerkungen anschaue, wie sie da stehen, für jeden zugänglich und einsehbar; sie sehen anders aus als noch Minuten zuvor, da nur ich sie sehen konnte, zu dem Zeitpunkt, da es noch eine sehr intime Erfahrung gewesen ist; jetzt ist sie öffentlich und dadurch ist sie eine andere: sie ist nicht mehr nur meine Erfahrung, sie ist von mir abgerückt, entfernt, beinahe so als hätte ich es nicht selbst geschrieben, sondern läse, was ein anderer zu dem Thema Hoffnung geschrieben hat -; wenn ich mir also die letzten beiden Bemerkungen anschaue, dann frage ich mich: gibt es eigentlich auch Lebenserfahrung, die man nicht so verdammt teuer bezahlen muss.

    Ans Ende dieses Satzes müsste ein Fragezeichen, aber ich habe keine Kraft für ein Fragezeichen. Der Preis für diese paar Worte ist so unermesslich hoch und eigentlich gar nicht in Worte zu fassen. Und der Preis für das, was nicht in Worte zu fassen ist, ist verdammt noch mal zu hoch. Es gibt immer noch diese Momente, da schüttelt mich die Hoffnungslosigkeit. Ich sitze auf meinem Stuhl in der Küche und fange zu weinen an. Ich kann nichts dagegen tun.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.