Hauptmenü:

Aléas Anordnungen

Der Länge nach



Der Reihe nach

  • Juni 2016
  • April 2016
  • Oktober 2015
  • Juli 2015
  • April 2015
  • März 2015
  • Februar 2015
  • Dezember 2014
  • November 2014
  • Oktober 2014
  • September 2014
  • August 2014
  • Juli 2014
  • Juni 2014
  • Mai 2014
  • April 2014
  • Februar 2014
  • Januar 2014
  • Dezember 2013
  • November 2013
  • Oktober 2013
  • September 2013
  • August 2013
  • Juli 2013
  • Juni 2013
  • Mai 2013
  • April 2013
  • März 2013
  • Februar 2013
  • Dezember 2012
  • November 2012
  • August 2012
  • Juli 2012
  • Juni 2012
  • Mai 2012
  • April 2012
  • März 2012
  • Februar 2012
  • Januar 2012
  • Dezember 2011
  • November 2011
  • Oktober 2011
  • September 2011
  • August 2011
  • Juli 2011
  • Juni 2011
  • Mai 2011
  • April 2011
  • März 2011
  • Februar 2011
  • Januar 2011
  • Dezember 2010
  • November 2010
  • Oktober 2010
  • September 2010
  • August 2010
  • Juli 2010
  • Juni 2010
  • Mai 2010
  • April 2010
  • März 2010
  • Februar 2010
  • Januar 2010
  • Dezember 2009
  • November 2009
  • Oktober 2009
  • September 2009
  • August 2009
  • Juli 2009
  • Juni 2009
  • Mai 2009


  • Der Sache nach



    Nach Nichts nach


     



    Hier wird archiviert

    Hier wird boykottiert

    Hier wird cokettiert

    Hier wird drangsaliert

    Hier wird elaboriert

    Hier wird fingiert

    Hier wird geniert

    Hier wird illusioniert

    Hier wird jongliert

    Hier wird kastiert

    Hier wird liiert

    Hier wird massiert

    Hier wird nivelliert

    Hier wird pikiert

    Hier wird regiert

    Hier wird zentriert




    Suche


    Impressum
    Kontakt
    Anmelden
    © 2017 Aleatorik
    by WordPress


    Diesseits

    Seite 1 – Das Geräusch des Werdens
    Seite 2 – Das Blog
    Seite 3 – România
    Seite 4 – Lesungen und Veranstaltungen
    Seite 5 – Aléas Ich
    Seite 6 – Blogroll

    Jensseits

    Aboutsomething
    Der Freitag
    Glanz & Elend
    Glanz & Elend II
    Junge Welt
    LETTRE International
    Literaturkritik
    Literaturkritik II
    Poetenladen
    Roberto Bolaño
    Titel Magazin
    Unendlicher Spass

    KLG
    Literaturport
    Wikipedia


    Kommentare:

  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
  • irisnebel: klasse! gratuliere! musst du ne gegenleistung bringen? als stadtschreiber z.b.?
  • nadine schmid: Ich habe mit Thien an der Uni Koeln studiert. Wir ware zeitweise befreundet, aber ich hatte wenig verstaendnis fuer seinen ‘Mangel’ am akademischen Streben und habe, trotz meiner Anerkennung seines Talents, sein Lebensziel, aus seiner Dichtung etwas zu machen, als...
  • bersarin: Es muß natürlich, entdecke ich beim zweiten Lesen, Monika Rinck heißen. Ich kann mir Namen nie merken.
  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
  • Aléa Torik: Never ride a dead horse – das hätte auch als Überschrift dieses Beitrags herhalten können. Gestern Nacht bin ich mit dem Rad 35 km durch das ausgestorbene Berlin gefahren, bis weit jenseits der Stadtgrenze. Da ich ziemlich kaputt war, konnte ich dabei nichts denken, aber wenn...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
  • Aléa Torik: Liebe Miss Lingen, bitte entschuldigen Sie die kleine Verspätung meiner Antwort. Ich war auf anderen Schlachtfeldern unterwegs. Sie haben absolut recht, es ist viel zu komplex. Dabei darf ich mir zugutehalten, es deutlich vereinfacht zu haben. Denn im Original – wenn wir uns darauf...
  • Miss Lingen: Obwohl, wie Sie wissen, ich hier mit Sympathie lese, frage ich doch: ist das nicht alles ein wenig zu komplex?
  • Aléa Torik: Dann bin ich gespannt, was du von dem Essay hältst.
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, die Idee des freiwilligen Ablebens um des Erfolges willen stand ja schon einmal im Raum, aber das nur zu machen, um ausgerechnet auf meine Leseliste zu kommem, nee, da hast Du recht, das wäre schon sehr übertrieben! http://www.litblogs.net/hue...
  • Aléa Torik: Lieber holio, ganz verstehen kann ich die Ottos und Ottisten ja tatsächlich nicht. Vielleicht ist das so, dass Otto und Otta, was ihr Leseverhalten betrifft, auch nicht ganz schlau aus sich werden. Sie greifen immer nur nach dem, wonach auch die anderen greifen. Das zeichnet die...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
  • holio: Traurig ist das in der Tat. Und so ganz zu verstehen auch nicht. Im Geräusch des Werdens war der Anknüpfungspunkt für Otto Normalleser ja da. Und die Bălkanexotik ist auch rezipiert und rezensiert worden. Die Sprache ist einfach, der Plot verständlich, erinnere die Szene mit dem blinden...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • 17 Mai 2012

    Sklave des Gelesenen

    „‘Kritisiert sie die Bücher nicht, die du liest?“
    ‚Ich? Ich lese keine Bücher‘, erklärt Irnerio bündig.
    ‚Und was liest du dann?‘
    ‚Gar nichts. Ich habe mich so ans Nichtlesen gewöhnt, daß ich nicht mal lese, was mir zufällig unter die Augen kommt. Das ist nicht leicht: Im zarten Kindesalter bringen sei einem das Lesen bei, und dann bleibt man das ganze Leben lang Sklave all des geschriebenen Zeugs, das sie einem ständig vor die Augen buttern. Na ja, auch ich musste mich in der ersten Zeit schon ein bißchen anstrengen, bis ich nichtlesen konnte, aber inzwischen geht’s ganz von allein. Das Geheimnis ist, daß du nicht weggucken darfst, im Gegenteil, du mußt hinsehen auf die geschriebenen Wörter, du mußt so lange und intensiv hinsehen, bis sie verschwinden.’“

    Italo Calvino, Wenn ein Reisender in einer Winternacht – Se una notte d’inverno un viaggiatore, Hanser Verlag 1985, Seite 59.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    12 Mai 2012

    Das ganze Unglück der Worte

    „VATER: Aber da liegt ja das ganze Unglück! In den Worten! Wir haben alle eine Welt von Dingen in uns, jeder seine eigene Welt von Dingen. Aber wie wollen wir uns verstehen, Herr Direktor, wenn ich in meine Worte den Sinn und die Bedeutung lege, so wie sie in mir sind, während derjenige, der sie hört, sie unvermeidlich mit dem Sinn und der Bedeutung der Dinge erfüllt, die zu seiner Welt gehören! Wir glauben uns zu verstehen – wir verstehen uns nie! Schauen Sie – mein Mitgefühl, mein ganzes Mitleid für diese Frau (zeigt auf die Mutter) ist von ihr als grausamste Unbarmherzigkeit aufgefaßt worden.“

    Luigi Pirandello, Sechs Personen suchen einen AutorSei personaggi in cerca d’autore, Gesammelte Werke in 16 Bänden, Band 6, Seite 52.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 April 2012

    Zum Verhältnis von Urbild und Abbild

    „Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, das heißt vermutlich, der Mensch schuf Gott nach dem seinigen.“

    Georg Christoph Lichtenberg, Aphorismen

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    11 Januar 2012

    Mit Befremden

    Nimmt einer etwas mit Befremden zur Kenntnis, ist das alles andere als positiv. Ich plädiere für eine Umwertung dieser Formulierung. Ich empfinde das Befremden sogar als ausgesprochen angenehm und anregend. Wer mich nicht in mindestens einer Weise leicht befremdet, der interessiert mich gar nicht. Das ist die Vorstufe eines echten Interesses.

    Das Fremde steht genau zwischen dem eigenen und dem anderen, es hat an beiden gleichermaßen teil. Es ist sozusagen das einzig stabile zwischen den beiden variabel Beteiligten. Im Befremden treffen das eigene Ich und das Ich des anderen zusammen.

    „Sehr geehrte Frau Meier, mit Befremden musste ich feststellen, dass ich mich Hals über Kopf in Sie verliebt habe….“ So sollten Liebesbriefe anfangen. Das ist eine gute Grundlage für eine Beziehung. „Sehr geehrter Herr Müller, mit Befremden habe ich heute Ihr Bekennerschreiben erhalten …“

    Irgendwann gerät man sich sowieso in die Haare. Es ist gut, wenn das Befremden nicht erst in diesem Moment entsteht, sondern bereits zuvor dagewesen ist. Dann kann man auf etwas zurückgreifen, wenn es schwierig wird. Ein Reservoir für karge Zeiten.

    Bis zum 23 Januar noch: zwei Worte um das Captcha zu überlisten.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    19 April 2011

    Glück

    Unter dem Eintrag „Glück“ findet sich in Kluges Etymologisches Wörterbuch (22. Auflage 1989) der Zusatz: „Herkunft unklar“. Grandios! Genauso empfinde ich das auch. Das ist vielleicht das erste Mal, dass ich vollkommen konform mit einem Wörterbuch bin.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 Oktober 2010

    Taten und Zutaten, Möglichkeiten, Verbrechens- und Verfolgerforschung

    Meine Kommentare auf Iris Nebel und Schneck stelle ich heute nicht in den Kommentarbereich, sondern hierher. Den Anlass dazu gab der von Iris Nebel verlinkte Artikel über Friederike Mayröcker, die ein Buch geschrieben hat, bestehend aus Kommentaren und Fußnoten zu einem Werk, das es nicht gibt.

    Liebe Iris,

    ohne zu glauben, dass man sich für ein Lob immer bedanken muss, denn man hat das Gelobte ja nicht um des gelobt werden willens getan, sondern um der Sache willen; und ohne auch gleich zurückloben zu wollen, weil ich ebenfalls glaube, dass man sich auf andere Weise bedanken kann, als durch das Hin- und Herloben; obwohl ich dies beides glaube, muss ich Sie hier ebenfalls loben für Ihren Kommentar!

    Die Art und Weise wie Faulkner seinen Text präsentiert, hochartifiziell mit logischen Brüchen ist tatsächlich, auf diese Spur haben Sie mich jetzt geführt, eine Art und Weise Möglichkeiten vor Augen zu führen. Es sind dabei nicht nur die Möglichkeiten die der jetzige Moment in der Zukunft erkennen möchte. Vielmehr unterliegt das keiner strengen Zeitenfolge. Möglichkeiten können sich auch in der Vergangenheit offenbaren. Ich kann meinen unveröffentlichten Roman als eine Niederlage empfinden. Aber ich habe nur zwei richtige Absagen, weil ich mich dann nicht mehr bemüht habe. Nun habe ich vielleicht mit meinem zweiten Roman Erfolg, kann dann gleich für das erste Buch auf einen Verlag zurückgreifen und kann, aufgrund meiner inzwischen verbesserten Technik und meines veränderten Stils, deutlich verbessern. So wird aus der vergangenen Niederlage ein Erfolg. So etwa in der Art meine ich das mit den vergangenen Möglichkeiten. Es sind nicht die Dinge, die bestimmend sind, auch wenn man sie als erstes sieht, es sind die Möglichkeiten, die sich in ihnen verbergen oder andeuten.

    Das ist auch der Stil von Faulkner, indem er Dinge, Sachverhalte, Umstände wieder und wieder erzählt, iterativ oder assoziativ, aus anderen Zeiten, aus anderen Augen und anderen Blickwinkeln. Er entwickelt dabei tatsächlich ein Möglichkeitsbewusstsein. Letztlich ist ein Erzähler fiktionaler Texte natürlich immer an die Chronologie gebunden, wie die er Musik. Da sind die darstellenden Künste etwas freier in ihren Gestaltungsmöglichkeiten.

    Wie Sie auf Ihrer eigenen Seite schreiben, diese Zerlegung, oder die Collage, das ist ein sehr poetisches Verfahren. An Gedichten kann man das sehr viel leichter zeigen: etwas, das Betrachtete oder Untersuchte, wird in seine Einzelteile, in Momente zerlegt. Aber es wird danach nicht wieder zusammengefügt. Weil das nicht geht. Weil die Zerlegung das künstlerische Moment sehr viel deutlicher herausarbeitet, als das zusammenfügen. Nach der Zerlegung habe ich mehr als ich zuvor hatte. Würde ich es nahtlos zusammenfügen können, wäre nichts gewonnen und nichts verloren. Das „Zuviel“ oder „Zuwenig“ ist das, was interessant ist, die scheinbare Differenz zur Realität.

    Sieht man die Wohnung Mayröckers, könnte man leicht die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und ausrufen: eine Messie! Das halte ich für wenig angebracht. In den Köpfen von vielen Künstlern, von anderen wahrscheinlich auch, sieht‘s genauso aus. Tausende von Ideen, Zetteln, Wegen, die man nicht gehen kann, weil man sie gerade unter den anderen Wegen, Zetteln und Ideen nicht wiederfindet. Aber man hat sie irgendwo. Man hat sie aufgeschrieben, man hat sie notiert und abgelegt, sie sind nicht für immer verloren, Sie sind nur in dem Moment verloren, in dem man sie braucht. Aber generell sind sie gerettet. Und das ist die die Form von Verlorenheit und Rettung, die man vielleicht auch im Leben spürt: eine allgemeine Rettung, die ist irgendwo, aber konkret kann man sie derzeit unter all den möglichen Rettungswegen nicht ausfindig machen.

    ———————————————————————————————————

    Lieber Schneck,

    normalerweise weckt mich mein Wecker. Durch ein lauter und penetranter werdendes, aber nicht unbedingt unangenehmes Geräusch. Es soll mich immerhin wecken. Ich finde das von der Anlage her primitiv. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich wecken zu lassen: warum ausgerechnet durch ein Geräusch? Der Wecker könnte mich in den Arm nehmen, mir zuflüstern, dass er mich liebt und dann Dinge mit mir tun, die ich hier jetzt nicht ausbreiten will, nicht, weil ich sie mir nicht vorstellen kann, sondern weil ich sie mir zu gut vorstellen kann, als das ich dann noch irgendetwas anderes ausbreiten könnte. Macht der Wecker aber nicht. Er weckt mich nicht, indem er einen angenehmen Duft verbreitet. Er könnte mir etwas Schönes zeigen. Er könnte mich durch den Geschmack des Frühstücks wecken. Macht der Wecker alles nicht. Er arbeitet sich wie eine Kreissäge durch einen Balken in meine Ohren hinein und durch meinen Kopf durch, so dass der, wie der zersägte Balken, in zwei Teile auf den Boden fällt. Ich bin dann nicht wach, ich bin tot.

    Heute Morgen war es anders. Und das lag an gestern. Ich lasse mich durch mein Telefon wecken, damit ich wenigstens einmal am Tag weiß, wo das ist. Ich habe leider die Tendenz, das nicht zu wissen. Und wenn ich es nicht weiß, dann weiß ich das nicht tendenziell nicht, sondern total. Einmal am Tag weiß ich es dann. Heute weiß ich es nicht. Weil ich es gestern nicht finden konnte. Ich lag zwei Tage mit einer Mittelohrentzündung im Bett und gestern habe ich mich entschlossen, dass mich heute Morgen die Arme eine heiß geliebten Mannes wecken, der in meine Ohren flüstert. Ist dann nicht geschehen. Es geschah aber …

    … es geschah aber, dass ich von ganz alleine wach wurde. Das halte ich für die Wecktendenz der Zukunft! Ohne Einmischung von außen. Ohne randalieren und ohne den Versuch, meine Sinne zu beschädigen, mich in zwei Teile zu sägen und ohne irgendeinen äußeren Einfluss wird der Schlafende und die Schlafende geweckt indem er und sie einfach, was?, genau: wach werden! Wachwerden indem man zu schlafen aufhört.

    Ich war schon einmal sehr nah an diesem Idealzustand, gefährlich nahe, daher kommen solche Phantasien. Meine Eltern haben mich als Kind geweckt, aber ich bin einfach nicht wach geworden, ich konnte mich nur mit Mühe waschen, anziehen, frühstücken; richtig wachgeworden bin ich erst im Auto. Meine Eltern sind beide Lehrer und wir sind damals zusammen in die Stadt und zur Schule gefahren.

    Verbrechen ist ein schönes Wort. Tat und Zutat: schöne Worte. Auch Verfolger ist ein schönes Wort. Das ist eine Ehre, wenn man nach einem Verbrechen verfolgt wird. Wenn man seinen Verfolgern zeigen kann, dass man besser ist als sie, schneller und gewitzter. Ich weiß nicht, ob diese Tendenz derzeit bei den Verbrechern sehr beliebt ist. Die meisten, fürchte ich, hauen einfach nur ab. Die verstehen das nicht als eine intellektuelle oder künstlerische Herausforderung. Ich fürchte, die Verbrechens- und Verfolgerforschung ist derzeit in keinem guten Zustand.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    07 Juli 2010

    Die Lebenslüge

    Aus meinem Manuskript, ein Text, der mich derzeit sehr in Anspruch nimmt; aus dem Manuskript wird, obwohl noch im Entstehen begriffen, obwohl noch ganz am Anfang seines Entstehens, bereits aussortiert. Ich brauche einen Satz nicht mehr. Der stört mich. Nicht weil er falsch ist, sondern weil er in die falsche Richtung führt. Bevor ich ihn wegwerfe, stelle ich ihn lieber hierher.

    „Direkt neben der Lebensentscheidung – im Grab daneben – liegt die Lebenslüge.“

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    26 Juni 2010

    Möglicherweise war‘s nur die überspannte Phantasie

    Gestern in der Bibliothek – derzeit gibt es kaum einen anderen Ort in meinem Leben – konnte ich erleben, was ich nicht das erste Mal erlebt habe. Das kennt jeder, ob Frau oder Mann: Ich habe da jemand gesehen. Oder der jemand mich. Oder wir haben uns nicht gesehen. Das war nicht deutlich. Möglicherweise war‘s nur die überspannte Phantasie auf der einen oder der andern Seite. Das war ein Bereich, wo es ein Minimum an Mehraufwand bedurft hätte, um dort heraus zu kommen. Aus diesem Grenzbereich, wo nicht deutlich ist, ob etwas passiert oder ob es nicht passiert. Das ist ein minimaler Aufwand, aber einer muss ihn machen, ein zweiter Blick, eine Geste, ein Lächeln oder ein um Hilfe rufen. Diese Situation ist treffend beschrieben durch ein Graffiti, das ich einmal in Kreuzberg an einer Häuserwand lesen konnte:

    „Die Grenze verläuft nicht zwischen Ost und West oder zwischen Reich und Arm. Die Grenze verläuft zwischen dir und mir.“

    Ich bin ein Mensch, der sehr viel mit treffenden Beschreibungen anfangen kann. Aber manchmal ist selbst das, dieses viele, ziemlich wenig.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    08 Juni 2010

    Abstrakter Tourismus

    Die Formulierung „abstrakter Tourismus“ habe ich erst vor einigen Tagen bei Frank Fischer gelernt und jetzt bin ich bereits dabei, diesen Begriff mit Inhalt zu füllen. So lernt man eine Sprache.

    Gestern in der Bibliothek: eine Reisegruppe Japaner. Ziemlich aggressive Vertreter der Sorte: Ich und meine Kamera. Die sind mit einem Tempo durch das Gebäude gehastet, dass man Angst haben musste überrannt zu werden. Und auf alles wurde die Kamera gehalten. Ohne lange auszuwählen – ohne vorher hinzugucken – alles erschien fotogen. Die haben sich dieses Gebäudes geradezu bemächtigt. Als wollten sie es niederreißen. Als wollten sie es mit ihren Kameras kaputtmachen. Losballern auf alles, was sich bewegt oder nicht bewegt. Der abstrakte Tourismus, wenn er das gewesen sein sollte, also nicht die friedliche Variante Frank Fischers, ist von Grund auf destruktiv. Die Fortführung des Kriegs mit anderen Mitteln.

    Falls es mein Schicksal nicht gut mit mir meint und aus mir fast gar nichts wird, dann wird aus mir immerhin noch eine Bergbesteigerin. Nach allem, was ich Tag für Tag an Treppen in dieser siebenstöckigen Bibliothek zurücklege, das sind mindestens tausend Stufen täglich, bewältige ich den Mount Everest mit links. Mit ganz weit links, ohne Höhenlager. Ohne Anlauf. Und, wenn möglich, auch ohne Anreise. Ich habe ja Flugangst. Ich hoffe, dass die Tektonik auf diesem Planeten bis zum Ende meiner Dissertation noch ein richtiges Gebirge aus dem Boden gestampft hat und nicht nur dieses niedliche Himalaja. Ich brauche etwas, was ich als Herausforderung betrachten kann. Möglichst ohne, das die Erde dabei bebt. Ich habe nicht nur Flugangst, ich habe auch Angst vor Erdbeben. Und vor Japanern mit Kameras. Ansonsten bin ich eher mutig. Manchmal jedenfalls. Wenn zwischen der Welt und mir eine Tastatur liegt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    23 April 2010

    Fortschreitende Spezialisierung

    Ich war vorgestern bei einem Freund zu Besuch. Der wohnt im Wedding. Da ist manches anders als in anderen Stadtteilen Berlins. Da gibt’s ein Graffiti mit dem Text: “Wedding  – Wo der Sex noch richtig schön dreckig ist”. Aber nicht nur der Sex ist da anders, angeblich jedenfalls, sondern noch ganz andere Sachen, die mehr ins Intellektuelle gehen. Wir haben einen kleinen Spaziergang gemacht und sind an einem Geschäft für Elektrogeräte vorbei gekommen. Die hatten einen Schild draußen stehen, da stand: „Wir sind spezialisiert auf alles“.

    Üblicherweise versteht man unter einer Spezialisierung ja eine Einschränkung. Hier aber war genau das Gegenteil gemeint. Keine Verengung ins Besondere, sondern eine Ausweitung ins Allgemeine. Ich verspürte große Lust in den Laden zu gehen und ein philosophisches Streitgespräch mit dem Ladeninhaber oder Verkäufer zu führen. Aber ich hatte Angst, dass mir die Argumente ausgehen und er zu einer Avantgarde gehört. Menschen, die die Worte nicht mehr in althergebrachter Weise nutzen, sondern neue Definitionen finden und dass der Laden vielleicht nur so eine Art verdeckter Einsatzort ist.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 Februar 2010

    Verehrung und Verachtung

    Verehrung und Verachtung gehören zusammen wie wenig sonst auf der Welt. Wie Pech und Schwefel. Weil sie derselben Wurzel entstammen, derselben Tendenz. Beides hat etwas mit Knien zu tun. Mit Kniefall und in die Knie gehen. Einmal sinkt man selbst in den Staub, das andere Mal will man in den Staub sinken sehen.

    Das eine ist der Staub, den das andere aufwirbelt.

    Ich versuche mit solchen Worten zu fassen, was Frauen mehr oder weniger häufig erleben, mehr oder weniger direkt, was mehr oder weniger bewusst formuliert und vernommen wird und was bei der Mädchenmannschaft „Ihr durchtriebenen, miesen Fotzen!“ heißt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 Januar 2010

    Was man so unter „haben“ versteht

    Ich erzähle einen Witz. Der stammt von David Foster Wallace aus „Unendlicher Spaß”.

    Gehen drei Statistiker auf Entenjagd. Gekleidet in die typische Montur, die Jäger nun einmal so tragen, Hosen und Jacken und Hüte. Dieses Zeug, was man vielleicht wirklich braucht, wenn man auf die Jagd geht. Ich kenne mich da nicht gut aus. Gewehre haben sie auch, die Enten fallen ja nicht von alleine vom Himmel. Und dann haben sie noch diese Entenpfeifen, Wildlocker heißen die (hier geht’s zur Hörprobe). Als eine Ente auffliegt, legt der erste Statistiker an und schießt. Der Rückstoß seines Gewehrs haut ihn aus den Latschen und er landet im Dreck. Die anderen beiden sehen: er hat zu hoch geschossen. Er hat die Ente verfehlt. Dann legt der zweite an und schießt. Auch ihn haut der Rückstoß um. Die anderen sehen: er hat zu niedrig geschossen. Auch er hat die Ente verfehlt. Daraufhin schmeißt der dritte sein Gewehr in den Dreck, tanzt vor Freude und brüllt dabei „Jaaa, wir haben sie, wir haben sie!” Das ist der Witz. Ich habe das nicht sofort verstanden. Der Clou ist: das sind eben Statistiker und Statistiker arbeiten mit Mittelwerten.

    Meine These zu dem Buch war, dass sich mittels gegensätzlicher Begriffspaare und Dichotomien, mittels Oppositionen der für David Foster Wallace zentrale Begriff des Unendlichen verstehen lässt. Denn innerhalb solcher Extreme liegt ein Mittelbereich, der begreifbar und verstehbar ist. Das “Dazwischen” ist das, was man im eigentlichen Sinne hat. Oder haben kann. Zwischen “zu hoch” und “zu niedrig” liegt das, was man hat. Mit diesem Witz in der Hinterhand kann man den ganzen Roman verstehen. Ich habe ihn jedenfalls so verstanden. Es kommt eben ganz darauf an, was man unter „haben” versteht.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 November 2009

    Alabaster und Lapislazuli

    Alabaster und Lapislazuli. Das sind zwei Worte, die für mich eigentlich nur Erinnerungen sind. Ich war damals ein kleines Mädchen. Meine Eltern und ich, wir waren im Urlaub. Das war am Schwarzen Meer, in der Nähe des Donaudeltas, in einem kleinen Ort, dessen Namen ich vergessen habe. Wir waren, wie mir jetzt auffällt, nie wieder da. Ich weiß nicht warum. Es gab eine Altstadt und da war jeden Abend etwas los. Die Leute promenierten. Es war ein Dorf am Meer. Abends gab es Fisch. Und es gab Schmuckläden. Auch abends. Wahrscheinlich gab es die auch tagsüber. Aber tagsüber waren wir woanders. Abends gingen wir spazieren und meine Mutter stand vor diesen Läden, vielleicht war es auch nur ein Laden. Ich erinnere mich nicht so genau. Wir standen natürlich alle zusammen vor dem Schaufenster, aber meine Erinnerung zeigt mir nur meine Mutter. Meine Mutter betrat dann diesen Laden. Jeden Abend aufs Neue. Dort gab es einen großen, behaarten Mann mit einem Furcht einflößenden Schnurrbart. Er saß immer hinter dieser Theke. Ohne sich da weg zu rühren. Vielleicht war er angewachsen. Vielleicht hatte er keine Beine. So stellte ich mir das vor. Das war nicht weiter schlimm. Er hatte einfach auf dieselbe Art und Weise keine Beine wie andere welche haben. Und das auch noch an genau derselben Stelle. Er wiederholte immer nur diese beiden Worte.

    Alabaster und Lapislazuli. Das klang im meiner kindlichen Phantasie so, als erzähle er meiner Mutter, mit flüsternder Stimme, hinter vorgehaltener Hand, etwas Verbotenes. Etwas, das mein Vater nicht mitbekommen durfte. Der entweder draußen wartete oder sich in dem Laden umsah, der in einer Ecke stand in eine Vitrine schaute, während der Mann mit dem Schnurrbart meiner Mutter etwas zuflüsterte. Oder vielleicht flüsterte er auch etwas anderes, das nicht für die Ohren meines Vaters bestimmt war. Jeden Abend ging meine Mutter erneut hin und ließ sich von dem Flüsterns dieses Mannes besäuseln und seinem Sirenengesang.

    Alabaster und Lapislazuli. Worte aus einer anderen Welt. Eine Welt, die man nur bei halb geschlossenen Augen erleben konnte. Jenseits unseres gewohnten Erlebens, jenseits dessen, was das Leben uns zugestand. Man musste in so einen Laden gehen, einen Zugang zu dieser Welt finden, einen Zugang in ein jenseitiges Reich, in die Unterwelt. Und das hier in diesem Laden, diese geflüsterten Worte, diese Stimme aus dem Mund jenes Menschen mit dem Schnurrbart, das war so ein Zugang.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    11 November 2009

    Shoppingparadies

    Das Leben in Deutschland ist anders als in Rumänien. Das bemerkte ich mehrmals am Tag. Unmittelbar darauf bemerke ich, dass ich dennoch ziemlich gut klarkomme. Ich kann hier gut navigieren und verstehe vieles intuitiv. Deswegen fühle ich mich wohl. Manchmal bemerke ich jedoch auch, dass ich nicht klarkomme. Dass ich nicht Teil dieser Gesellschaft bin. Meist ist das nur eine kleine Irritation. Manchmal bin ich aber richtig schockiert. Ich fühle mich ausgestoßen oder ich will mich selbst ausstoßen. Zum Beispiel beim Thema Armut. Dieses Wort hat in Rumänien einen ganz anderen Klang als in Deutschland, einen materiellen nämlich.

    Es gibt bei Worten einen Unterschied zwischen der Dimension, die sie bezeichnen und der, die sie beschreiben. Das Wort Baum bezeichnet das, was im Englischen tree, im Französischen arbre und im Rumänischen kopak heißt. Was es hingegen beschreibt, ist ein grünes Durcheinander, dass nicht immer, sondern nur abwechselnd grün ist, ein braunes knorriges, im Winter melancholisches Geäst, einen Stamm und Äste und Zweige und Verzweigungen, etwas unter dem sich Liebe machen lässt und Schatten suchen und unter dem man als Kind im Garten gespielt hat, in einem Jahrhunderte schon versunkenen, verwunschenen Sommer, und so spürt man, wenn man einen Baum sieht, noch immer etwas Spielerische und Unbeschwerte, man spürt die Vergangenheit, und man sucht vielleicht noch immer Zuflucht unter seinem Dach, im Schutz der vergangenen Zeiten und hofft auf die Liebe, die vielleicht niemals kommen, aber auf die man immer warten wird.

    Es gibt Worte, die bezeichnen etwas ganz anderes als das, was sie beschreiben. Shoppingparadies ist so ein Wort. Es ist ein Neologismus, ein Kompositum aus den Worten Shopping und Paradies. Und das bezeichnet es auch. Seine beiden Elemente gehen, ohne etwas zu verlieren oder zu gewinnen, in das neue Wort über. Aber es beschreibt etwas ganz anderes: die innere Destruktion einer Gesellschaft, das kaputte Wesen, wie sehr dieser Körper bereits vom Krebs zerfressen ist. Es beschreibt, inwieweit zutiefst Menschliches wie Hoffnung, Sehnsucht, Lust, Wunsch destruiert und einzig und allein dem Shopping untergeordnet ist. Mehr noch, das Menschliche verschwindet dahinter vollkommen. Das sind Tiere, die ins Shoppingparadies einfallen. Die existieren nicht mehr, die vegetieren bloß noch. Das macht mich gnadenlos wütend. Ich könnte heute noch meine Sachen packen und weggehen, weg aus diesem Land der Shoppingparadiese, aus dieser einst womöglich wasserreichen, inzwischen offenbar desertifizierten Gesellschaft.

    Viele wissen es noch nicht, aber sie sind bereits in der Hölle angekommen. In der Hölle ihrer Armut. Aber das macht ihnen nichts, das macht ihnen nicht das Geringste. Sie gehen einfach ins nächste Shoppingparadies und da wird dann alles gut.

    Ärmer als arm ist nicht ärmlich, sondern armselig.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    05 Oktober 2009

    Glück und Unglück

    Hier kommt eine der schönsten Bemerkungen, die ich kenne. Schön und schön kurz. Anders als bei Immanuel Kant, der auch schön schreiben konnte, versteht man hier alles. Bei Kant kommt man mit seinem Verständnis gerade einmal bis zum ersten Komma. Die Kommata bei Kant sind oft sogar das einzige, was man versteht.

    „Glück und Unglück sind zwei Zustände, deren äußerste Grenzen wir nicht kennen.”

    John Locke, Über den menschlichen Verstand

    Solch eine Äußerung von einem Rationalisten wie John Locke, wirklich erstaunlich! Vielleicht führte Locke ein Doppelleben. Vielleicht hat er das, was er in seinem Beruf gemacht hat, das wissenschaftliche und akademische Schreiben, nicht wirklich geglaubt und meinte, nach Feierabend alles wieder richtig stellen zu müssen. Das Vorliegende ist wahrscheinlich so eine abendliche Äußerung, eine Umformulierung und Berichtigung dessen, was Locke tagsüber formuliert hatte. Vielleicht hat Locke sich nachts in der Sünde gesuhlt und tagsüber dann moralische Abhandlungen geschrieben, weil es ihn gereut hat. Das ist ein interessante Frage, weil man, wenn einer zwei Leben führt, natürlich wissen müsste, welches der beiden das erste und welches das zweite , welches Aktion und welches Reaktion ist, und welches der beiden die Wiedergutmachung des vermeintlich angerichteten Schadens ist.

    Das wäre auch ein schönes Romanthema: dass einer abends wieder zurechtrückt, was er tagsüber gedacht und getan hat. Ich glaube, da ließe sich einiges raus machen. Aber, wie immer, wenn sich aus wenig mehr machen lässt: da kann man sich ganz schnell die Finger verbrennen. Und mit bandagierten Fingern einen Roman in den Rechner zu tippen ist eine Sache für sich.

    Das ist in der Liebe ganz ähnlich: das gibt’s die Realisten und die Phantasten. Und es sind meist die Phantasten, die sich die Finger verbrennen und hinterher Liebesbriefe tippen. Ewig lange, herzzerreißende Briefe, die von Realistenseite selbstverständlich unbeantwortet bleiben. Die Realisten verstehen gar nicht, was eigentlich los ist. Das war doch ein ganz netter Abend. Und die Zurückgewiesenen, die schmählich Ignorierten und tief enttäuschen Liebesbrieftipper tippen dann irgendwann Romane, in denen Phantasten Liebesbriefe an Realisten schreiben.

    Die einen wie die anderen kennen die äußersten Grenzen von Glück und Unglück nicht. Aber die Phantasten robben sich näher ran als die Realisten. Und stellen dann fest – was Realisten nie feststellen – dass Glück und Unglück keine weit entfernten Gegensätze sind, sondern enge Verwandte.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    07 September 2009

    Triebtäter

    Man mag, was ich gestern geschrieben habe, für überzogen halten. Oder für provokant. Zumindest für sehr prononciert. Damit meine ich nicht meine Behauptung, dass ein Staat nicht töten darf, sondern dass er der Anerkennung der von ihm Arretierten bedarf. Ich bin, im Rahmen meiner wissenschaftlichen Arbeit an Identität und Identitätsbildung immer auf der Suche nach Material. Das muss nicht richtig sein, was ich da formuliere, dies ist hier ja keine akademische Arbeit. Ich probiere lediglich herum. Der gestrige Text ist mir dann auch etwas aus dem Ruder gelaufen. Ich war nicht sehr glücklich mit dem Verlauf, auch wenn es ein Lob von Sabine gegeben hat (hier ist sie mit ihrem eigenen Projekt: myalldayart). Eigentlich wollte ich ganz etwas anderes sagen. Dann habe bemerkt, dass ich nicht dazu komme. Das immer, wenn ich in die beabsichtigte Richtung marschiere, sich etwas anderes dazwischen schiebt. Ich habe mich zu Anfang gegen die Richtungsänderung gesträubt. Wie ein Esel. Wer das schon einmal gesehen hat, der weiß, was ich meine: Wenn ein Esel nicht will, dann will er nicht. Wenn der den nächsten Schritt nicht gehen will, dann geht er ihn auch nicht. Der ist immun, gegen Argumente und Prügel gleichermaßen. Selbst wenn sein Besitzer ihn halb tot schlägt, der Esel bleibt einfach auf der Stelle stehen. Irgendwann habe ich dann nachgegeben. Aber nicht, weil mir einer mit Prügel oder Argumenten gedroht hat.

    Das kann sehr interessant sein, wenn man einem Text nicht die eigenen Absichten aufzwingt, ihn nicht domestiziert, sondern seiner Wege gehen lässt. Wenn man ihn seiner Wege ziehen lässt, selbst dann, wenn das bedeutet, dass er sich nicht einmal umdreht und einfach fort geht. Solche Abschiede muss man lernen. Weil das wichtiger ist, als die anfängliche Absicht zu verfolgen, einen guten Text zu schreiben. Einen Text, der vor allen Anfechtungen und vor allem Kummer sicher ist.

    Was ich eigentlich sagen, was ich schön herleiten wollte und was jetzt nicht mehr herleitbar ist, weil die gestrige Inspiration weg ist, das war etwas zu Tätern, Intensivtätern und Triebtätern. Und dann wollte ich mit ausgesprochen elegantem Schwung eine Kurve beschreiben, die auf die gestrigen Eingangsformulierungen von Gerade und Kreis rekurriert, die dann etwas zur Kunst einflechtet, zur libidinösen Fundierung der Kunstschaffenden, zu Nähe von Trieb und Tat, Genuss und Gefahr, und die dann wunderbar endet mit einer Formulierung, die in meiner Inspiration den Ausgangspunkt bildete, und die solchermaßen geometrisch nachgezeichnet hätte, was formulierungstechnisch vorausgegangen war; eine Formulierung die da lautete: Unter den Verbrechern dieser Welt gehöre ich zur gefährlichsten Kategorie: den Triebtätern.

    Aber wie gesagt: das geht jetzt nicht mehr. Verdammter Mist!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    10 August 2009

    Nervenkostüm und Fracksausen

    Aussagen über eine wie immer geartete, zerbrechliche Verfassung. Zwei Worte, die mehr sagen als lange Sätze. Und die doch wieder nichts sagen, die nur andeuten. Weder das eine noch das andere gibt’s von Chanel oder Givenchy. Männer wie Frauen tragen es, die Frauen das ihre oft mit größerem Aplomb. Auch Männer tragen ein Nervenkostüm, auch Frauen haben Fracksausen. Dennoch kommen sie nicht in den Verdacht der Androgynität. Es gibt keine Unterwäsche, auch nichts zum darüber ziehen, für die kalten Tage. Das Nervenkostüm trägt eine Frau als trüge sie nichts. Abseits jeder Mode ist es zu allen Zeiten tragbar und gleichermaßen unerträglich gewesen.

    Die Leute sehen es einem von Weitem an, wenn man es lieber verbergen möchte. Dann wieder wollen sie nichts sehen, wie sehr man es ihnen auch unter die Nase reibt. Man ruft um Hilfe und kein Mensch hört es. Brüllend und wimmernd liegt man auf der Erde und niemand sieht einen. Man kommt sich vor wie ein Clochard, wie ein Penner. Man wird gemieden als hätte man die Pest. Und gerät dabei immer tiefer in diese Stimmung. Es geht, scheint’s, nicht vorüber. Man bekommt die Kleider nicht mehr vom Leib. Es sitzt zu eng auf der eigenen Haut, es kratzt, es zwickt und zwängt, es wird jeden Moment schlimmer und immer enger. Es läuft ein. Es erstickt einen. Es verwächst mit dem eigenen Ich.

    Und dann die Befreiung. Unverhofft und plötzlich. Wo gerade noch Resignation und Verzweiflung herrschten, glüht man wenige Stunden später vor Freude und Erleichterung. Wo man meinte, sich vor der Welt verbergen, sich verkriechen zu müssen, gehört man mit einem Mal zu den geladenen Gästen, zu den Auserwählten. Ein Fest, ein Ball, ein nächtliches Bankett. Man betritt den Saal, man ist unter Menschen, die über ausgesuchte Höflichkeit und distinguierte Umgangsformen verfügten. Man plaudert, man lacht hierhin und dorthin, man flirtet, lächelt und zwinkert, man kokettiert und schlägt die Augen auf. Man schreitet durch Räume, die königlichen Gemächern in nichts nachstehen, wo Klavier- und Cembaloklang den Damen und Herren die Stunden des nächtlichen Beisammenseins verkürzten. So werden Nervenkostüm und Fracksausen unverhofft zur ganz großen Garderobe.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    20 Juli 2009

    Gelotologie

    Gelotologie gehört zu den Worten, die in diesem Jahr neu in den Duden aufgenommen werden. Die Gelotologie ist die Wissenschaft, die sich mit den Auswirkungen des Lachens beschäftigt (näheres hier oder hier). Manche Auswirkung kann man an sich selbst spüren, dazu braucht es keine Wissenschaft. Andere sind vielleicht nicht so einfach erfahrbar. Wie wird man wohl Gelotologin: kann man sich da bewerben? Muss man bestimmte Voraussetzungen mitbringen? Spezialisiert man sich im Laufe der Jahre? Twittern und Exzellenzcluster gehören ebenfalls zu den Worten, die es in die neue Auflage des Duden geschafft haben.

    Schön, wenn neue Worte dazukommen. Euch ein herzliches Willkommen! Seht zu, dass ihr in aller Munde seid. Sonst fliegt ihr bei der nächsten Gelegenheit wieder raus. Ihr wärt nicht die ersten. Um manche Worte ist es schade. Bevor sie den Duden verlassen müssen, werden sie einige Jahre mit dem Zusatz „veraltet” bezeichnet. Auch Worte haben eine Geschichte, sie werden geboren, werden älter, reifer und ruhiger, erwachsen, wie man gemeinhin sagt, später werden sie dann milde und schließlich müde. Man nimmt sie kaum noch wahr, so zurückgezogen leben sie. Sie betrachten die Aufregungen der Welt nur noch mit verminderter Anteilnahme. Und dann sterben sie und nur wenige Angehörige derselben Wortfamilie, ein paar Bekannte und Freunde, wen man im Leben so kennen gelernt hat, stehen trauernd ums Grab herum. Sie weinen die eine oder andere Träne und wissen, dass sie dasselbe Schicksal ereilen wird.

    So ist es gerade der Cochonnerie ergangen. Ihr Tod war absehbar. Sie hat die letzten Jahre ihres Lebens in zunehmender Einsamkeit verbracht, mehr siechend als seiend. Nun stehen die wenigen alten Freunde am Grab, der Prästidigitateur und der Pönitenziar. Sie wissen, dass sie die Nächsten sind, die abtreten müssen. So ist das in den Wörterbüchern des Lebens. Cochonnerie: ich habe dich nicht gekannt. Aber ich wünsche dir, wo immer du jetzt bist, im Paradies der verstorbenen Worte vielleicht, dass du‘s dort gut hast. Frei von allen Beschwerlichkeiten und aller Mühsal des diesseitigen Lebens.

    Angesichts dieses beklagenswerten Todes begrüße ich hier voller Empathie das neue Leben: die Gelotologie. Ich freue mich über dich. Wenn du dich anständig aufführst und mir nicht, wo ich dich im Arm wiege, auf die Bluse kotzt, werde ich Sorge um dich tragen, solange ich lebe. Und ich hoffe, dass du dann, wenn es eines Tages soweit sein wird und die Aleatorik ihren letzten Gang geht, tun wirst, worum willen ich dich groß gezogen habe und was du am besten kann; also was du am besten erforschen kannst: das Gelächter an meinem Grab.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    30 Juni 2009

    Leichtsinn

    Wieder einmal ein Wort, das nur noch pejorativ, also bedeutungsverschlechternd, gebraucht wird. Es scheinen, im Vergleich zu den vielen Abstiegen, wenig Worte einen Aufstieg und eine Verbesserung zu erfahren. Das Paradebeispiel dafür ist die Unverschämtheit. Das Wort wird heute negativ empfunden, eigentlich aber beschreibt es etwas positives: weder verschämt noch verklemmt. Das Wort ist unversehens in die Sphäre des Moralischen geraten. Und wenn man da einmal drin ist, kommt man so leicht nicht wieder heraus. Eher zieht einer sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf.

    Wer leichtsinnig die Straße überquert, riskiert Leib und Leben; Wer leichtsinnig mit anderen ins Bett geht, Hepatitis und HIV. Wer leichtsinnig ist, der denkt nicht nach, der bedenkt nicht, reflektiert nicht und überlegt sich nicht die Auswirkungen seines Handelns. Leichtsinnig wird die Zukunft aufs Spiel gesetzt. Wer leichtsinnig ist, ist unverantwortlich sich selbst und anderen gegenüber. Wenn man das einmal weg schlägt, die Farbe abkratzt, wenn man das Palimpsest von seinen Übermalungen und Neuerungen und Überschreibungen befreit, dann kommt etwas Wunderschönes zum Vorschein: leichtes Sinnes sein, freudig, heiter, beseelt, unbeschwert und frohen Mutes.

    Nicht weit vom Leichtsinn entfernt, ist ein anderes Wort angesiedelt: Glück. Wie so oft, weiß ich nicht mehr wo ich das gelesen habe, mein Hirn ist eine Ansammlung von Residuen und Resten. Die Menschen aus Bangladesch, stand dort, sind die glücklichsten auf der Welt. Umfragen sind leicht auszuhebeln, wenn man nach ihren Bedingungen fragt. Die kenne ich in diesem Fall nicht, aber es wundert mich auch nicht, dass gerade die Ärmsten der Armen sich als glücklich bezeichnen. Nicht, weil sie weniger zu verlieren haben als die Reichen. Sondern weil sie ein anderes Verständnis von Glück und Leichtsinn haben: ein weniger beschwerliches.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    26 Juni 2009

    Hoffnung III

    Wenn ich mir die letzten beiden Bemerkungen anschaue, wie sie da stehen, für jeden zugänglich und einsehbar; sie sehen anders aus als noch Minuten zuvor, da nur ich sie sehen konnte, zu dem Zeitpunkt, da es noch eine sehr intime Erfahrung gewesen ist; jetzt ist sie öffentlich und dadurch ist sie eine andere: sie ist nicht mehr nur meine Erfahrung, sie ist von mir abgerückt, entfernt, beinahe so als hätte ich es nicht selbst geschrieben, sondern läse, was ein anderer zu dem Thema Hoffnung geschrieben hat -; wenn ich mir also die letzten beiden Bemerkungen anschaue, dann frage ich mich: gibt es eigentlich auch Lebenserfahrung, die man nicht so verdammt teuer bezahlen muss.

    Ans Ende dieses Satzes müsste ein Fragezeichen, aber ich habe keine Kraft für ein Fragezeichen. Der Preis für diese paar Worte ist so unermesslich hoch und eigentlich gar nicht in Worte zu fassen. Und der Preis für das, was nicht in Worte zu fassen ist, ist verdammt noch mal zu hoch. Es gibt immer noch diese Momente, da schüttelt mich die Hoffnungslosigkeit. Ich sitze auf meinem Stuhl in der Küche und fange zu weinen an. Ich kann nichts dagegen tun.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    26 Juni 2009

    Hoffnung II

    Wie sehr man die Hoffnung auch ausrottet, wie sehr man sich wieder dem Verstand zuneigt und der Wirklichkeit und erkennen will und muss, dass der andere einen tatsächlich nicht liebt und nicht will: ein Funken Hoffnung bleibt immer. Und bei der allernächsten Gelegenheit steht man wieder in Flammen. Man brennt lichterloh. Unbegreiflich.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    26 Juni 2009

    Hoffnung

    Hoffnung ist eine seltsame Angelegenheit. Da hofft man, dass es geht. Das es wider allem Anschein doch geht. Obwohl man ja weiß, dass es nicht geht. Und dass es nie gehen wird. Aber man hofft einfach weiter. Man legt sich das Verhalten eines anderen Menschen zurecht, sucht Entschuldigungen und Erklärungen. Und die ganze Zeit tut man nichts anderes, als hoffen. All diese Erklärungen und Entschuldigungen sind nichts anderes als Ausdruck von Hoffnung. Man macht das alles nur, damit man weiter hoffen kann. Obwohl man ja bereits weiß, seit langem schon weiß, dass all die Hoffnung, die man da aufbringt und mobilisiert, jeden Tag und jede Stunde und jede Minute, das man sich all diese Hoffnung nur deswegen macht, weil man weiß, wie hoffnungslos die ganze Sache ist. Durch und durch hoffnungslos.

    Und wenn man das verstanden hat, dann weiß man auch, dass es zu Ende ist. Selbst wenn man in dem Moment noch nicht die Kraft aufbringt, für den einen letzten Schritt. Diese Trennung von der Hoffnung. Weil sich davon zu trennen, das Schwerste von allem ist. Das fühlt sich an, als würde man nie wieder hoffen können. Und ohne Hoffnung kann man nicht existieren. Wenn man nicht mehr auf irgendetwas hofft, dann ist man am Ende. Nicht an einem dieser Enden, die einen im Leben erwarten – Leben besteht nun einmal aus anfangen und aus beenden – , nicht an einem Interimsende, sondern an einem richtigen Ende.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    03 Juni 2009

    Sternhagelvoll

    Ich war über Pfingsten auf eine Party eingeladen. Erst wollte ich nicht hingehen. Ich mochte keine Menschen sehen und auf einer Party lässt sich das nur schwer vermeiden. Kurzfristig habe ich meine Meinung geändert, vielleicht brächte mich das auf andere Gedanken. Als ich am Samstagabend das Haus verließ, ist mir das Wort sternhagelvoll eingefallen. Es sind nur drei oder vier Querstraßen von mir zu Marlene, die ihren Geburtstag feierte. Das Wort ist mir auf dem Weg dorthin nicht mehr aus dem Kopf gegangen.

    Angekommen, habe ich mich sofort auf die Suche nach den Spirituosen gemacht. Meist liegen die ja in der Badewanne und die harten Sachen stehen in der Küche. Dort ballt es sich immer, weil da nicht nur die stehen, die etwas essen wollen, sondern auch die, die nicht wissen wohin mit sich. Auf Partys gibt es jene, die ohne Schwierigkeiten navigieren können und mit jedermann ins Gespräch kommen. Und es gibt die, die das nicht können. Letztere trifft man in der Küche. An allen anderen Orten fallen sie auf. Und Auffallen ist das letzte was sie wollen. Weil sie Angst haben, dass ihre Unsicherheit auffällt. Der Preis den sie dafür zahlen, ist hoch, weil nicht nur ihre Angst unsichtbar bleibt, sondern auch sie selbst. Ich gehöre zu denen, die ziemlich gut navigieren können, aber ich mag eigentliche jene, die das nicht können. Und deswegen sitze ich bei einer Party am liebsten in der Küche. Da trifft man die, die einen hilflos anschauen. Nicht, dass dadurch meine mütterlichen Instinkte angesprochen werden, gar nicht. Vielmehr mag ich sie, weil sie ein bisschen so sind, wie ich gerne wäre. Ein bisschen hilfloser eben.

    An diesem Abend aber war das anders. Am liebsten hätte ich mich in einer Kammer eingesperrt. Marlene, die entfernt über meinen desolaten Zustand informiert war, umarmte mich kurz, fragte wie’s mir ginge und war wieder weg, bevor ich eine Antwort geben konnte. Auch gut. Ich habe mich dann sofort in die nächste Ecke gesetzt, mit einer vollen Flasche Absolut Vodka. Den Wunsch direkt aus der Flasche zu trinken, habe ich gerade noch abbiegen können und mir einen Becher gegriffen. Gesprächen bin ich aus dem Weg gegangen, obwohl ich mich nicht bewegt und die ganze Zeit auf der Stelle gesessen habe. Ich wollte keine Konversation machen, ich wollte sternhagelvoll sein. Und zwar so schnell wie möglich.

    Am Sonntag, als ich noch im Bett lag, schwer gezeichnet vom Abend zuvor, von der entscheidenden halben Stunde dieses Abends, ist mir aufgefallen, dass ich womöglich doch mein Ziel erreicht hatte. Ich hatte nämlich bis zu diesem Moment angenommen, dass ich, auf der Toilette, über der Kloschüssel, das Experiment habe vorzeitig abbrechen müssen. Womöglich ist sternhagelvoll genauso wie ich mich am Samstagabend gefühlt habe. Ich hatte es mir nur anders vorgestellt, so wie Betrunkene im Comic, mit einer Aureole aus Sternen um den Kopf und einem ebenso gestirnten Gesichtsausdruck. Aber ohne Kopfschmerzen, Schwindel und vor allem ohne Brechen.

    Ob ich diesen Zustand nun erreicht habe oder nicht, eines jedenfalls habe ich nicht erreicht: meinen vorherigen Zustand zu verlassen. Und das war es eigentlich, was ich wollte. Ich wollte meinen Liebeskummer ersäufen. Aber daran bin ich gescheitert.

    Ist gescheitert eigentlich der Komparativ von gescheit? Und wie sieht der Superlativ aus, gescheiterter? Ich bin gestern zwar an meinem Vorsatz gescheitert, aber zumindest nicht gescheiterter als gewöhnlich.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    04 Mai 2009

    Liebesmüh

    Liebesmüh gibt es in der deutschen Sprache, soweit ich weiß, nur als eine vergebliche. Man sagt, etwas sei vergebene Liebesmüh. Das Wort wird lediglich pejorativ gebraucht. Diese Mühe mit der Liebe, ich stelle sie mir ganz konkret vor: Da liegen zwei auf einer Matratze. Die Welt um sie herum existiert nicht mehr. Sie sind ganz mit sich und dem anderen beschäftigt. Sie bemühen sich umeinander. Sie drehen sich umeinander. Sie sind aufeinander, untereinander, ineinander. Durcheinander.

    Diese Liebesmüh hat nichts vergebliches, sondern, jenseits von Erfolg und Misserfolg, die Bedeutung: den anderen in den Himmel heben. Denn da kommt die Liebe her, sie ist vom Himmel gefallen. Dennoch kommt der Tag, dennoch kommt der Moment, da macht sie Mühe. Eine durch und durch positive Mühe: Sich um jemanden bemühen, der einem vom Himmel gefallen ist, diesen Gefallenen wieder aufzurichten und ihn in den Himmel hinauf zu heben. Ihn dem Himmel zurückzugeben. Dann fällt er erneut vom Himmel. Und man muss ihn ein weiteres Mal erheben.

    Das hat nichts von der vergeblichen Arbeit des Sisyphos. Das ist die Liebesmüh. Eine durch und durch schöne Mühe. Selbst dann, wenn sie am Ende vergeblich gewesen sein sollte. Die Mühe wird dadurch nicht entwertet. Im Gegenteil. Das Vergebliche gehört sogar dazu, dieses immer wieder anfangen müssen. Das sich Bemühen um den anderen, das Begehren, das zu keinem Ende kommt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    01 Mai 2009

    Anfang, vor allem Anfang

    Der Anfang ist nicht das Erste. Es gibt etwas, das vor jedem Anfang liegt. Die Frage: wie anfangen?Wie hat das Universum, wie hat Gott angefangen?

    Am besten fängt man einfach an, ohne lange nachzudenken. Irgendwie haut es dann schon hin. Das Universum hat mit dem Urknall angefangen und die Menschheit mit Adam
    und Eva. Meine Hochachtung an die Kollegen vom physikalischen und theologischen Institut, beides sind gelungene Anfänge. Irgendwie muss jede Geschichte losgehen. Es muss
    losgetreten werden: das Vergehen von Zeit. Denn nur wenn Zeit vergeht, geschieht etwas. Oder umgekehrt.

    Die Vertreibung aus dem Paradies ist zu verstehen als das erste Vergehen, im doppelten Sinne des Wortes, im temporären wie im moralischen. Das Erkennen der Sündigkeit, das Erkennen der eigenen Nacktheit, aber auch jenes Erkennen, dass das Elysium, der Garten Eden, das Unreflektierte und das Nichtwissen bereits hinter einem liegen, sind Vergehen. In dem Moment, da man erkennt, dass etwas hinter einem liegt, entsteht Vergangenheit. Erkenntnis und Reflektion: Das sind die eigentlichen Vergehen des modernen Menschen.

    Auch die erste Geschichte musste irgendwie anfangen. Vielmehr die Geschichte vom Ersten. Die Geschichte vom Anfang ist schon nicht mehr der Anfang selbst. Das Erste ist bereits vorüber, wenn es erzählt werden kann. Das ist unser Schicksal und das unseres Bewusstseins: Die Würfel sind bereits gefallen, wenn wir hinzukommen. Aber das ist nicht weiter
    schlimm. Weil wir erneut anfangen müssen. Immer wieder müssen wir den Würfel in die Hand nehmen.

    Meine Webpräsenz besteht aus sechs einzelnen Seiten, den sechs Seiten oder Möglichkeiten eines Würfels. ›Gott würfelt nicht‹, hat Einstein behauptet. Ein schönes Bild dafür, dass im Universum nichts zufällig geschieht. Die Sentenz Einsteins sagt jedoch nichts darüber aus, warum Gott nicht würfelt: weil er nämlich lieber Karten spielt. Die Aleatorik – das Zufällige und Willkürliche – scheint keine Methode von Gottes Gnaden zu sein. Und schon gar keine divinatorische. Die Aleatorik, die sich des klassischen Kubus bedient, also ein regelmäßiges Hexaeder ist, hat nämlich nur sechs Flächen. Da ist kein Platz für einen Sonntag.

    Bekanntlich brauchte Gott am siebten Tag vor allem Ruhe. Obwohl man ihn durchaus im Verdacht haben könnte, schon an den Tagen zuvor in Pausenlaune gewesen zu sein: Wenn
    man sich die Welt anschaut, dann muss man zugestehen, dass ein genialer Plan anders aussieht. Was manche hochtrabend ›Die Schöpfung‹ nennen, macht doch einen recht  zusammengewürfelten Eindruck. Vielleicht kommt die Aleatorik ja doch noch zu ihrem Recht.

    Der erste Eintrag in diesem Blog: mein Anfang. Ein geradezu göttliches Gefühl. Mir wird’s, zugegeben, ein wenig schwindelig. Gott hat wahrscheinlich auch geschwindelt an seinem Anfang. Warum sollte ich also die Wahrheit sagen?

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben