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Aléas Anordnungen

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  • Aléa Torik: Lieber Christian, vielen Dank für Ihre Rückmeldung! Ich freue mich, dass Sie ungeduldig waren. Ungeduld ist ja nicht nur fehlende Geduld, sondern auch Neugier und das ist es eben, was...
  • Aléa Torik: Liebe Alice und lieber Dietmar, ich habe diesen Beitrag der meinen Roman ankündigt jetzt oben weggenommen. Das war tatsächlich wohl nicht förderlich für die anderen Artikel und wer hier...
  • Aléa Torik: Liebe Dietmar, lieber Avenarius, vielen Dank für die Hinweise. Ich kann mit Technik wenig anfangen. Ich habe dem Mann, der diese Umstellungen macht, eine Mail geschrieben. Er hat...
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  • Der Buecherblogger: Liebe Aléa, leider lassen sich auch die Kommentare anscheinend nicht mehr aufrufen. Den von Alice kann ich nur links bis zu den drei Punkten lesen, der Kommentar selbst wird nur...
  • Alice: Liebe Aléa, vielleicht liegt das auch daran, dass man bei einem kurzen, flüchtigen Besuch gar nicht merkt, dass Sie einen neuen Text eingestellt haben, denn ganz oben steht immer noch der...
  • Aléa Torik: Liebe Ulrike, es muss nicht jede_r eine vollständige Rezension einstellen. Ich freue mich, wenn du etwas mit dem Buch anfangen kannst und Leute kennst, die das auch können. Nicht nur...
  • Aléa Torik: Liebe Claudia, hier wird’s auch kalt, aber keine sibirische Kälte. Nur einfache Kälte. Ich mag Winter und Kälte auch sehr, vor allem draußen, wenn man schön warm angezogen ist und wenn...
  • Ulrike Berretz: Liebe Aléa, am Wochenende habe ich das Geräusch das Werdens in Happen sprich Kapiteln genossen. Und direkt Montag ein weiteres Exemplar an eine Kollegin verschenkt. Nicht besonders...
  • Claudia Katzmarski: Liebe Aléa, ja, hier in Stockholm ist es auch sehr kalt! Aber es ist auch genau die richtige Zeit, sich mit (d)einem guten Buch in einen gossen Sessel zu kuscheln… Liebe...
  • Aléa Torik: Lieber Avenarius, da muss noch mal der Mann mit dem Bohrer oder dem Hammer ran! Ich werde dem gleich mal eine Mail schreiben. Was haben die Menschen eigentlich früher gemacht, als...
  • avenarius: Liebe Alea, komisch, dass diese Internetzseiten regelmäßig in funktioneller Hinsicht kollabieren. Selbst Fachleute wundern sich, wenn sie sehen, wie ihr Model auf dem Laufsteg aus den...
  • Aléa Torik: Ich fürchte fast, dass da noch einiges nicht in Ordnung ist. Der Kommentar steht dort, wo er stehen soll, aber er ist dreimal vorhanden. Oder zehn Mal. Da muss ich noch etwas ändern.
  • Aléa Torik: Lieber Phorkyas, ich bin heute kurz angebunden. Entweder bin ich im Stress oder ich bilde mir das nur ein. Warten Sie noch ein paar Tage und dann kommt der Artikel. Allerdings dürfen...
  • phorkyas: Liebe Alea, dann warte ich gespannt. Vielleicht gibt es dann ja auch was Neues zu überlichtschnellen Neutrinos, Higgs-Bosonen oder dunkler Materie. Herzlich, Phorkyas
  • Aléa Torik: Lieber Herr Iffland, ich bin auf Ihre Reaktion gespannt. Es wird sicher viele verschiedene Reaktionen geben und was dem einen gefällt, ist dem anderen ein Graus. Das ist der Reichtum,...
  • Iffland: Liebe Aléa Torik, manchmal ist man ja verblüfft über so manche Entwicklung in unmittelbarer Nähe, so dass Ihre Frage nach meinem Befinden ausgerechnet heute -und trotz meiner Sparsamkeit...

  • 11 Januar 2012

    Mit Befremden

    Nimmt einer etwas mit Befremden zur Kenntnis, ist das alles andere als positiv. Ich plädiere für eine Umwertung dieser Formulierung. Ich empfinde das Befremden sogar als ausgesprochen angenehm und anregend. Wer mich nicht in mindestens einer Weise leicht befremdet, der interessiert mich gar nicht. Das ist die Vorstufe eines echten Interesses.

    Das Fremde steht genau zwischen dem eigenen und dem anderen, es hat an beiden gleichermaßen teil. Es ist sozusagen das einzig stabile zwischen den beiden variabel Beteiligten. Im Befremden treffen das eigene Ich und das Ich des anderen zusammen.

    „Sehr geehrte Frau Meier, mit Befremden musste ich feststellen, dass ich mich Hals über Kopf in Sie verliebt habe….“ So sollten Liebesbriefe anfangen. Das ist eine gute Grundlage für eine Beziehung. „Sehr geehrter Herr Müller, mit Befremden habe ich heute Ihr Bekennerschreiben erhalten …“

    Irgendwann gerät man sich sowieso in die Haare. Es ist gut, wenn das Befremden nicht erst in diesem Moment entsteht, sondern bereits zuvor dagewesen ist. Dann kann man auf etwas zurückgreifen, wenn es schwierig wird. Ein Reservoir für karge Zeiten.

    Bis zum 23 Januar noch: zwei Worte um das Captcha zu überlisten.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    19 April 2011

    Glück

    Unter dem Eintrag „Glück“ findet sich in Kluges Etymologisches Wörterbuch (22. Auflage 1989) der Zusatz: „Herkunft unklar“. Grandios! Genauso empfinde ich das auch. Das ist vielleicht das erste Mal, dass ich vollkommen konform mit einem Wörterbuch bin.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 Oktober 2010

    Taten und Zutaten, Möglichkeiten, Verbrechens- und Verfolgerforschung

    Meine Kommentare auf Iris Nebel und Schneck stelle ich heute nicht in den Kommentarbereich, sondern hierher. Den Anlass dazu gab der von Iris Nebel verlinkte Artikel über Friederike Mayröcker, die ein Buch geschrieben hat, bestehend aus Kommentaren und Fußnoten zu einem Werk, das es nicht gibt.

    Liebe Iris,

    ohne zu glauben, dass man sich für ein Lob immer bedanken muss, denn man hat das Gelobte ja nicht um des gelobt werden willens getan, sondern um der Sache willen; und ohne auch gleich zurückloben zu wollen, weil ich ebenfalls glaube, dass man sich auf andere Weise bedanken kann, als durch das Hin- und Herloben; obwohl ich dies beides glaube, muss ich Sie hier ebenfalls loben für Ihren Kommentar!

    Die Art und Weise wie Faulkner seinen Text präsentiert, hochartifiziell mit logischen Brüchen ist tatsächlich, auf diese Spur haben Sie mich jetzt geführt, eine Art und Weise Möglichkeiten vor Augen zu führen. Es sind dabei nicht nur die Möglichkeiten die der jetzige Moment in der Zukunft erkennen möchte. Vielmehr unterliegt das keiner strengen Zeitenfolge. Möglichkeiten können sich auch in der Vergangenheit offenbaren. Ich kann meinen unveröffentlichten Roman als eine Niederlage empfinden. Aber ich habe nur zwei richtige Absagen, weil ich mich dann nicht mehr bemüht habe. Nun habe ich vielleicht mit meinem zweiten Roman Erfolg, kann dann gleich für das erste Buch auf einen Verlag zurückgreifen und kann, aufgrund meiner inzwischen verbesserten Technik und meines veränderten Stils, deutlich verbessern. So wird aus der vergangenen Niederlage ein Erfolg. So etwa in der Art meine ich das mit den vergangenen Möglichkeiten. Es sind nicht die Dinge, die bestimmend sind, auch wenn man sie als erstes sieht, es sind die Möglichkeiten, die sich in ihnen verbergen oder andeuten.

    Das ist auch der Stil von Faulkner, indem er Dinge, Sachverhalte, Umstände wieder und wieder erzählt, iterativ oder assoziativ, aus anderen Zeiten, aus anderen Augen und anderen Blickwinkeln. Er entwickelt dabei tatsächlich ein Möglichkeitsbewusstsein. Letztlich ist ein Erzähler fiktionaler Texte natürlich immer an die Chronologie gebunden, wie die er Musik. Da sind die darstellenden Künste etwas freier in ihren Gestaltungsmöglichkeiten.

    Wie Sie auf Ihrer eigenen Seite schreiben, diese Zerlegung, oder die Collage, das ist ein sehr poetisches Verfahren. An Gedichten kann man das sehr viel leichter zeigen: etwas, das Betrachtete oder Untersuchte, wird in seine Einzelteile, in Momente zerlegt. Aber es wird danach nicht wieder zusammengefügt. Weil das nicht geht. Weil die Zerlegung das künstlerische Moment sehr viel deutlicher herausarbeitet, als das zusammenfügen. Nach der Zerlegung habe ich mehr als ich zuvor hatte. Würde ich es nahtlos zusammenfügen können, wäre nichts gewonnen und nichts verloren. Das „Zuviel“ oder „Zuwenig“ ist das, was interessant ist, die scheinbare Differenz zur Realität.

    Sieht man die Wohnung Mayröckers, könnte man leicht die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und ausrufen: eine Messie! Das halte ich für wenig angebracht. In den Köpfen von vielen Künstlern, von anderen wahrscheinlich auch, sieht‘s genauso aus. Tausende von Ideen, Zetteln, Wegen, die man nicht gehen kann, weil man sie gerade unter den anderen Wegen, Zetteln und Ideen nicht wiederfindet. Aber man hat sie irgendwo. Man hat sie aufgeschrieben, man hat sie notiert und abgelegt, sie sind nicht für immer verloren, Sie sind nur in dem Moment verloren, in dem man sie braucht. Aber generell sind sie gerettet. Und das ist die die Form von Verlorenheit und Rettung, die man vielleicht auch im Leben spürt: eine allgemeine Rettung, die ist irgendwo, aber konkret kann man sie derzeit unter all den möglichen Rettungswegen nicht ausfindig machen.

    ———————————————————————————————————

    Lieber Schneck,

    normalerweise weckt mich mein Wecker. Durch ein lauter und penetranter werdendes, aber nicht unbedingt unangenehmes Geräusch. Es soll mich immerhin wecken. Ich finde das von der Anlage her primitiv. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich wecken zu lassen: warum ausgerechnet durch ein Geräusch? Der Wecker könnte mich in den Arm nehmen, mir zuflüstern, dass er mich liebt und dann Dinge mit mir tun, die ich hier jetzt nicht ausbreiten will, nicht, weil ich sie mir nicht vorstellen kann, sondern weil ich sie mir zu gut vorstellen kann, als das ich dann noch irgendetwas anderes ausbreiten könnte. Macht der Wecker aber nicht. Er weckt mich nicht, indem er einen angenehmen Duft verbreitet. Er könnte mir etwas Schönes zeigen. Er könnte mich durch den Geschmack des Frühstücks wecken. Macht der Wecker alles nicht. Er arbeitet sich wie eine Kreissäge durch einen Balken in meine Ohren hinein und durch meinen Kopf durch, so dass der, wie der zersägte Balken, in zwei Teile auf den Boden fällt. Ich bin dann nicht wach, ich bin tot.

    Heute Morgen war es anders. Und das lag an gestern. Ich lasse mich durch mein Telefon wecken, damit ich wenigstens einmal am Tag weiß, wo das ist. Ich habe leider die Tendenz, das nicht zu wissen. Und wenn ich es nicht weiß, dann weiß ich das nicht tendenziell nicht, sondern total. Einmal am Tag weiß ich es dann. Heute weiß ich es nicht. Weil ich es gestern nicht finden konnte. Ich lag zwei Tage mit einer Mittelohrentzündung im Bett und gestern habe ich mich entschlossen, dass mich heute Morgen die Arme eine heiß geliebten Mannes wecken, der in meine Ohren flüstert. Ist dann nicht geschehen. Es geschah aber …

    … es geschah aber, dass ich von ganz alleine wach wurde. Das halte ich für die Wecktendenz der Zukunft! Ohne Einmischung von außen. Ohne randalieren und ohne den Versuch, meine Sinne zu beschädigen, mich in zwei Teile zu sägen und ohne irgendeinen äußeren Einfluss wird der Schlafende und die Schlafende geweckt indem er und sie einfach, was?, genau: wach werden! Wachwerden indem man zu schlafen aufhört.

    Ich war schon einmal sehr nah an diesem Idealzustand, gefährlich nahe, daher kommen solche Phantasien. Meine Eltern haben mich als Kind geweckt, aber ich bin einfach nicht wach geworden, ich konnte mich nur mit Mühe waschen, anziehen, frühstücken; richtig wachgeworden bin ich erst im Auto. Meine Eltern sind beide Lehrer und wir sind damals zusammen in die Stadt und zur Schule gefahren.

    Verbrechen ist ein schönes Wort. Tat und Zutat: schöne Worte. Auch Verfolger ist ein schönes Wort. Das ist eine Ehre, wenn man nach einem Verbrechen verfolgt wird. Wenn man seinen Verfolgern zeigen kann, dass man besser ist als sie, schneller und gewitzter. Ich weiß nicht, ob diese Tendenz derzeit bei den Verbrechern sehr beliebt ist. Die meisten, fürchte ich, hauen einfach nur ab. Die verstehen das nicht als eine intellektuelle oder künstlerische Herausforderung. Ich fürchte, die Verbrechens- und Verfolgerforschung ist derzeit in keinem guten Zustand.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    07 Juli 2010

    Die Lebenslüge

    Aus meinem Manuskript, ein Text, der mich derzeit sehr in Anspruch nimmt; aus dem Manuskript wird, obwohl noch im Entstehen begriffen, obwohl noch ganz am Anfang seines Entstehens, bereits aussortiert. Ich brauche einen Satz nicht mehr. Der stört mich. Nicht weil er falsch ist, sondern weil er in die falsche Richtung führt. Bevor ich ihn wegwerfe, stelle ich ihn lieber hierher.

    „Direkt neben der Lebensentscheidung – im Grab daneben – liegt die Lebenslüge.“

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    26 Juni 2010

    Möglicherweise war‘s nur die überspannte Phantasie

    Gestern in der Bibliothek – derzeit gibt es kaum einen anderen Ort in meinem Leben – konnte ich erleben, was ich nicht das erste Mal erlebt habe. Das kennt jeder, ob Frau oder Mann: Ich habe da jemand gesehen. Oder der jemand mich. Oder wir haben uns nicht gesehen. Das war nicht deutlich. Möglicherweise war‘s nur die überspannte Phantasie auf der einen oder der andern Seite. Das war ein Bereich, wo es ein Minimum an Mehraufwand bedurft hätte, um dort heraus zu kommen. Aus diesem Grenzbereich, wo nicht deutlich ist, ob etwas passiert oder ob es nicht passiert. Das ist ein minimaler Aufwand, aber einer muss ihn machen, ein zweiter Blick, eine Geste, ein Lächeln oder ein um Hilfe rufen. Diese Situation ist treffend beschrieben durch ein Graffiti, das ich einmal in Kreuzberg an einer Häuserwand lesen konnte:

    „Die Grenze verläuft nicht zwischen Ost und West oder zwischen Reich und Arm. Die Grenze verläuft zwischen dir und mir.“

    Ich bin ein Mensch, der sehr viel mit treffenden Beschreibungen anfangen kann. Aber manchmal ist selbst das, dieses viele, ziemlich wenig.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    08 Juni 2010

    Abstrakter Tourismus

    Die Formulierung „abstrakter Tourismus“ habe ich erst vor einigen Tagen bei Frank Fischer gelernt und jetzt bin ich bereits dabei, diesen Begriff mit Inhalt zu füllen. So lernt man eine Sprache.

    Gestern in der Bibliothek: eine Reisegruppe Japaner. Ziemlich aggressive Vertreter der Sorte: Ich und meine Kamera. Die sind mit einem Tempo durch das Gebäude gehastet, dass man Angst haben musste überrannt zu werden. Und auf alles wurde die Kamera gehalten. Ohne lange auszuwählen – ohne vorher hinzugucken – alles erschien fotogen. Die haben sich dieses Gebäudes geradezu bemächtigt. Als wollten sie es niederreißen. Als wollten sie es mit ihren Kameras kaputtmachen. Losballern auf alles, was sich bewegt oder nicht bewegt. Der abstrakte Tourismus, wenn er das gewesen sein sollte, also nicht die friedliche Variante Frank Fischers, ist von Grund auf destruktiv. Die Fortführung des Kriegs mit anderen Mitteln.

    Falls es mein Schicksal nicht gut mit mir meint und aus mir fast gar nichts wird, dann wird aus mir immerhin noch eine Bergbesteigerin. Nach allem, was ich Tag für Tag an Treppen in dieser siebenstöckigen Bibliothek zurücklege, das sind mindestens tausend Stufen täglich, bewältige ich den Mount Everest mit links. Mit ganz weit links, ohne Höhenlager. Ohne Anlauf. Und, wenn möglich, auch ohne Anreise. Ich habe ja Flugangst. Ich hoffe, dass die Tektonik auf diesem Planeten bis zum Ende meiner Dissertation noch ein richtiges Gebirge aus dem Boden gestampft hat und nicht nur dieses niedliche Himalaja. Ich brauche etwas, was ich als Herausforderung betrachten kann. Möglichst ohne, das die Erde dabei bebt. Ich habe nicht nur Flugangst, ich habe auch Angst vor Erdbeben. Und vor Japanern mit Kameras. Ansonsten bin ich eher mutig. Manchmal jedenfalls. Wenn zwischen der Welt und mir eine Tastatur liegt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    23 April 2010

    Fortschreitende Spezialisierung

    Ich war vorgestern bei einem Freund zu Besuch. Der wohnt im Wedding. Da ist manches anders als in anderen Stadtteilen Berlins. Da gibt’s ein Graffiti mit dem Text: “Wedding  – Wo der Sex noch richtig schön dreckig ist”. Aber nicht nur der Sex ist da anders, angeblich jedenfalls, sondern noch ganz andere Sachen, die mehr ins Intellektuelle gehen. Wir haben einen kleinen Spaziergang gemacht und sind an einem Geschäft für Elektrogeräte vorbei gekommen. Die hatten einen Schild draußen stehen, da stand: „Wir sind spezialisiert auf alles“.

    Üblicherweise versteht man unter einer Spezialisierung ja eine Einschränkung. Hier aber war genau das Gegenteil gemeint. Keine Verengung ins Besondere, sondern eine Ausweitung ins Allgemeine. Ich verspürte große Lust in den Laden zu gehen und ein philosophisches Streitgespräch mit dem Ladeninhaber oder Verkäufer zu führen. Aber ich hatte Angst, dass mir die Argumente ausgehen und er zu einer Avantgarde gehört. Menschen, die die Worte nicht mehr in althergebrachter Weise nutzen, sondern neue Definitionen finden und dass der Laden vielleicht nur so eine Art verdeckter Einsatzort ist.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 Februar 2010

    Verehrung und Verachtung

    Verehrung und Verachtung gehören zusammen wie wenig sonst auf der Welt. Wie Pech und Schwefel. Weil sie derselben Wurzel entstammen, derselben Tendenz. Beides hat etwas mit Knien zu tun. Mit Kniefall und in die Knie gehen. Einmal sinkt man selbst in den Staub, das andere Mal will man in den Staub sinken sehen.

    Das eine ist der Staub, den das andere aufwirbelt.

    Ich versuche mit solchen Worten zu fassen, was Frauen mehr oder weniger häufig erleben, mehr oder weniger direkt, was mehr oder weniger bewusst formuliert und vernommen wird und was bei der Mädchenmannschaft „Ihr durchtriebenen, miesen Fotzen!“ heißt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 Januar 2010

    Was man so unter „haben“ versteht

    Ich erzähle einen Witz. Der stammt von David Foster Wallace aus „Unendlicher Spaß”.

    Gehen drei Statistiker auf Entenjagd. Gekleidet in die typische Montur, die Jäger nun einmal so tragen, Hosen und Jacken und Hüte. Dieses Zeug, was man vielleicht wirklich braucht, wenn man auf die Jagd geht. Ich kenne mich da nicht gut aus. Gewehre haben sie auch, die Enten fallen ja nicht von alleine vom Himmel. Und dann haben sie noch diese Entenpfeifen, Wildlocker heißen die (hier geht’s zur Hörprobe). Als eine Ente auffliegt, legt der erste Statistiker an und schießt. Der Rückstoß seines Gewehrs haut ihn aus den Latschen und er landet im Dreck. Die anderen beiden sehen: er hat zu hoch geschossen. Er hat die Ente verfehlt. Dann legt der zweite an und schießt. Auch ihn haut der Rückstoß um. Die anderen sehen: er hat zu niedrig geschossen. Auch er hat die Ente verfehlt. Daraufhin schmeißt der dritte sein Gewehr in den Dreck, tanzt vor Freude und brüllt dabei „Jaaa, wir haben sie, wir haben sie!” Das ist der Witz. Ich habe das nicht sofort verstanden. Der Clou ist: das sind eben Statistiker und Statistiker arbeiten mit Mittelwerten.

    Meine These zu dem Buch war, dass sich mittels gegensätzlicher Begriffspaare und Dichotomien, mittels Oppositionen der für David Foster Wallace zentrale Begriff des Unendlichen verstehen lässt. Denn innerhalb solcher Extreme liegt ein Mittelbereich, der begreifbar und verstehbar ist. Das “Dazwischen” ist das, was man im eigentlichen Sinne hat. Oder haben kann. Zwischen “zu hoch” und “zu niedrig” liegt das, was man hat. Mit diesem Witz in der Hinterhand kann man den ganzen Roman verstehen. Ich habe ihn jedenfalls so verstanden. Es kommt eben ganz darauf an, was man unter „haben” versteht.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    25 November 2009

    Alabaster und Lapislazuli

    Alabaster und Lapislazuli. Das sind zwei Worte, die für mich eigentlich nur Erinnerungen sind. Ich war damals ein kleines Mädchen. Meine Eltern und ich, wir waren im Urlaub. Das war am Schwarzen Meer, in der Nähe des Donaudeltas, in einem kleinen Ort, dessen Namen ich vergessen habe. Wir waren, wie mir jetzt auffällt, nie wieder da. Ich weiß nicht warum. Es gab eine Altstadt und da war jeden Abend etwas los. Die Leute promenierten. Es war ein Dorf am Meer. Abends gab es Fisch. Und es gab Schmuckläden. Auch abends. Wahrscheinlich gab es die auch tagsüber. Aber tagsüber waren wir woanders. Abends gingen wir spazieren und meine Mutter stand vor diesen Läden, vielleicht war es auch nur ein Laden. Ich erinnere mich nicht so genau. Wir standen natürlich alle zusammen vor dem Schaufenster, aber meine Erinnerung zeigt mir nur meine Mutter. Meine Mutter betrat dann diesen Laden. Jeden Abend aufs Neue. Dort gab es einen großen, behaarten Mann mit einem Furcht einflößenden Schnurrbart. Er saß immer hinter dieser Theke. Ohne sich da weg zu rühren. Vielleicht war er angewachsen. Vielleicht hatte er keine Beine. So stellte ich mir das vor. Das war nicht weiter schlimm. Er hatte einfach auf dieselbe Art und Weise keine Beine wie andere welche haben. Und das auch noch an genau derselben Stelle. Er wiederholte immer nur diese beiden Worte.

    Alabaster und Lapislazuli. Das klang im meiner kindlichen Phantasie so, als erzähle er meiner Mutter, mit flüsternder Stimme, hinter vorgehaltener Hand, etwas Verbotenes. Etwas, das mein Vater nicht mitbekommen durfte. Der entweder draußen wartete oder sich in dem Laden umsah, der in einer Ecke stand in eine Vitrine schaute, während der Mann mit dem Schnurrbart meiner Mutter etwas zuflüsterte. Oder vielleicht flüsterte er auch etwas anderes, das nicht für die Ohren meines Vaters bestimmt war. Jeden Abend ging meine Mutter erneut hin und ließ sich von dem Flüsterns dieses Mannes besäuseln und seinem Sirenengesang.

    Alabaster und Lapislazuli. Worte aus einer anderen Welt. Eine Welt, die man nur bei halb geschlossenen Augen erleben konnte. Jenseits unseres gewohnten Erlebens, jenseits dessen, was das Leben uns zugestand. Man musste in so einen Laden gehen, einen Zugang zu dieser Welt finden, einen Zugang in ein jenseitiges Reich, in die Unterwelt. Und das hier in diesem Laden, diese geflüsterten Worte, diese Stimme aus dem Mund jenes Menschen mit dem Schnurrbart, das war so ein Zugang.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.