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  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
  • irisnebel: klasse! gratuliere! musst du ne gegenleistung bringen? als stadtschreiber z.b.?
  • nadine schmid: Ich habe mit Thien an der Uni Koeln studiert. Wir ware zeitweise befreundet, aber ich hatte wenig verstaendnis fuer seinen ‘Mangel’ am akademischen Streben und habe, trotz meiner Anerkennung seines Talents, sein Lebensziel, aus seiner Dichtung etwas zu machen, als...
  • bersarin: Es muß natürlich, entdecke ich beim zweiten Lesen, Monika Rinck heißen. Ich kann mir Namen nie merken.
  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
  • Aléa Torik: Never ride a dead horse – das hätte auch als Überschrift dieses Beitrags herhalten können. Gestern Nacht bin ich mit dem Rad 35 km durch das ausgestorbene Berlin gefahren, bis weit jenseits der Stadtgrenze. Da ich ziemlich kaputt war, konnte ich dabei nichts denken, aber wenn...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
  • Aléa Torik: Liebe Miss Lingen, bitte entschuldigen Sie die kleine Verspätung meiner Antwort. Ich war auf anderen Schlachtfeldern unterwegs. Sie haben absolut recht, es ist viel zu komplex. Dabei darf ich mir zugutehalten, es deutlich vereinfacht zu haben. Denn im Original – wenn wir uns darauf...
  • Miss Lingen: Obwohl, wie Sie wissen, ich hier mit Sympathie lese, frage ich doch: ist das nicht alles ein wenig zu komplex?
  • Aléa Torik: Dann bin ich gespannt, was du von dem Essay hältst.
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, die Idee des freiwilligen Ablebens um des Erfolges willen stand ja schon einmal im Raum, aber das nur zu machen, um ausgerechnet auf meine Leseliste zu kommem, nee, da hast Du recht, das wäre schon sehr übertrieben! http://www.litblogs.net/hue...
  • Aléa Torik: Lieber holio, ganz verstehen kann ich die Ottos und Ottisten ja tatsächlich nicht. Vielleicht ist das so, dass Otto und Otta, was ihr Leseverhalten betrifft, auch nicht ganz schlau aus sich werden. Sie greifen immer nur nach dem, wonach auch die anderen greifen. Das zeichnet die...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
  • holio: Traurig ist das in der Tat. Und so ganz zu verstehen auch nicht. Im Geräusch des Werdens war der Anknüpfungspunkt für Otto Normalleser ja da. Und die Bălkanexotik ist auch rezipiert und rezensiert worden. Die Sprache ist einfach, der Plot verständlich, erinnere die Szene mit dem blinden...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • 14 Juni 2012

    Mein Essay zu David Foster Wallace’ Roman “Unendlicher Spaß”: In LETTRE International

    Ich freue mich außerordentlich darüber! Ich weiß das jetzt schon einige Zeit und freue mich noch immer. Vielmehr freue ich mich erneut. Zuerst war Freude, dann Unglauben. Dann Zweifel. Verleugnung, Hoffnung, Wahnsinn. Und jetzt erneut Freude. Hoffentlich hört das bald auf. Ich würde gerne weiterarbeiten.

    Sie finden meinen Essay im aktuellen Heft. Wenn Sie sich das Autorenverzeichnis anschauen, bin ich dort in ausgezeichneter Gesellschaft, fast alles Nobelpreisträger und Professoren. Damit sind die Ziele bündig formuliert. Hoffentlich schieße ich nicht wieder übers Ziel hinaus und erreiche beides. Haha! Es ist zum Heulen. Ich hetze hier von einer Preisverleihung und Anerkennungsveranstaltung zur nächsten. Wirklich wahr. Jedenfalls innerhalb des Wirklichkeitsbegriffs, den man am Eingang des 21. Jahrhunderts noch haben kann, ohne sich schämen zu müssen.

    LETTRE International ist wahrscheinlich eine der besten Adressen Deutschlands für anspruchsvolle Essayistik. Und ganz sicher die beste weltweit.

    Ich mache bei diesem Artikel von der Deaktivierung der Kommentarfunktion eine Ausnahme. Sie können gerne formulieren, was Sie von dem Text halten.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    29 März 2010

    Unendlicher Spaß V

    Ich zitiere eine Stelle wo die älteren Jungs den jüngeren erklären, worum es eigentlich geht an dieser Tennisakademie.

    „Jungs, worum’s geht, will ich euch sagen, es geht um Wiederholung. Zuerst, zuletzt, immer. Es geht darum, immer wieder dasselbe Motivationsgesabbel zu hören, bis es durch das bloße Gewicht der unermüdlichen Wiederholung in eure Gedärme hinabsinkt. Es geht darum, dieselben Drehungen, Ausfallschrittet und Schläge immer wieder und wieder zu wiederholen, in eurem Alter ist das Wiederholen Selbstzweck, Resultate werden da zweitrangig, deshalb fliegt hier unter vierzehn auch keiner wegen mangelnder Fortschritte, dieselben Bewegungen und Abfolgen sind Selbstzweck, wieder und wieder, bis das kumulative Gewicht der Wiederholungen die Bewegungen tief hinabdrückt, weit unter euer Bewusstsein hinab in jene unteren Regionen, durch Wiederholung sinken und sickern sie in die Hardware, ins kardiopulmonale System. Die Maschinensprache. Ins vegetative Nervensystem, das euch atmen und schwitzen lässt. Es ist kein Zufall, dass man euch erzählt, ihr würdet hier Tennis essen, schlafen und atmen. Das ist vegetativ. Kumulieren heißt anhäufen, mittels schier geistlos wiederholter Bewegungen. Die Maschinensprache der Muskeln. Bis man spielen kann wie im Schlaf. Mit ungefähr vierzehn, plus minus x, schätzt man hier. Es einfach tut. Keine Frage, ob das einen Sinn hat, natürlich hat es keinen Sinn. Der Sinn der Wiederholung ist ihre Sinnlosigkeit. Wartet ab, bis die Bewegungen in die Hardware eingesunken sind, und schaut euch dann an, wie das den Kopf frei macht. Jede Menge Schädelstauraum, den ihr nicht mehr für die Mechanik braucht, sobald die mal eingesunken ist. So, die Mechanik ist also verdrahtet. In der Hardware. Das macht den Kopf ungeheuer frei. Ihr werdet‘s sehen. Ihr fangt an, völlig anders darüber zu denken, über Tennis. Der Court könnte genauso gut in euch drin sein. Der Ball ist kein Ball mehr. Der Ball wird etwas, das für euch einfach in die Luft gehört und rotieren muss. Und an dem Punkt fangen sie an, euch Konzentration zu verklickern. Natürlich müsst ihr euch auch jetzt schon konzentrieren, ihr habt gar keine andere Wahl, das ist ja noch nicht in der Sprache verdrahtet, noch müsst ihr beim Spielen immerzu überlegen. Aber wartet ab, bis ihr vierzehn oder fünfzehn seid. Dann sehen sie euch nämlich auf einem der, ich sag mal entscheidenden Plateaus. Mit maximal fünfzehn. Dann fängt der Scheiß an, von wegen Konzentration und Charakter. Dann rücken sie euch richtig auf die Pelle. Das ist das entscheidende Plateau, von dem an Charakter eine Rolle spielt. Aufmerksamkeit, Befangenheit, der quasselnde Kopf, die schnatternden Stimmen, die Versagensangst, Angst versus alles, was nicht Angst ist, Selbstbild, Zweifel, Widerstände, wortkarge bange Männchen im Kopf, die sich über Angst und Zweifel und Schwachstellen in der geistigen Rührung ausmären. Das alles spielt von nun an eine Rolle. Mit dreizehn frühestens. Für die Trainer ist es die Phase zwischen dreizehn und fünfzehn. Was in etlichen Kulturen auch das Alter der Mannbarkeitsriten ist. Denkt mal drüber nach. Bis dahin: Wiederholung. Bis dahin könnt ihr genauso gut Maschinen sein, ist hier die allgemeine Ansicht. Ihr macht einfach die Bewegungen. Lasst euch die Worte durch den Kopf gehen: die Bewegungen machen. Verdrahtet die Bewegungen in der Hauptplatine.“ (S. 170)

    Statt Tennis könnte man auch von den Tonleitern sprechen, die einer immer üben muss, will er ein Instrument lernen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    22 März 2010

    Unendlicher Spaß IV

    Noch einmal das Thema Sexualität. Diesmal trifft es Orin, von dem sein Bruder Hal sagte, er produziere genug Begattungsclownerien für die ganze Familie. Das ist allerdings eine Ausrede, um sich nicht mit der eigenen Sexualität auseinanderzusetzten. Der Promiskuität seiner Mutter begegnet er auch nicht eben mit einer aufklärerischen Tendenz. Im Folgenden können wir Orin beim produzieren seiner Clownerien beobachten.

    „Sie haben in den sexten Gang geschaltet. Ihre Lieder flattern; seine schließen sich. Konzentrierte, taktile Zartheit. Sie ist linkshändig. Es geht nicht um Trost. Sie fangen mit dem Punkt gegenseitiges Aufknöpfen an. Es geht nicht um Eroberung oder Einnahme mit Gewalt. Es geht nicht um Drüsen, Instinkte oder die Sekundenbruchteile lang erschauernde Oknophilie des Selbstverlusts; auch nicht um Liebe oder darum, wessen Liebe man im Innersten ersehnt, von wem man sich verraten fühlt. Nie und nimmer um Liebe, die den mordet, der sie braucht. Der Punter hat eher das Gefühl, es geht um Hoffnung, die unermessliche Hoffnung, weit wie der Himmel, unter den flatternden Liedern eines jeden Subjekts etwas zu finden, das die Hoffnung günstig stimmen, ihr irgendwie Tribut zollen möge, das Bedürfnis, Sicherheit zu erlangen, dass er sie einen Augenblick lang hat, sie von jemand oder etwas anderem gewonnen hat, etwas anderem als ihm, aber das er sie hat und der und nur der ist, den sie sieht, dass es keine Eroberung ist, sondern eine Kapitulation, dass er sowohl Angriffs- als auch Abwehrspieler ist und sie weder noch, nichts als diese ihre Liebe von einer Sekunde Dauer wirbelnd in seine Richtung funkt, nicht seine, sondern ihre Liebe, dass er die hat, diese Liebe (er jetzt ohne Hemd, im Spiegel), dass sie ihn eine Sekunde lang mehr liebt, als sich ertragen lässt, dass sie ihn (wie sie spürt), haben muss, ihn in sich aufnehmen muss, uns sonst in Schlimmeres als nichts zergeht; dass alles andere fort ist: Ihr Sinn für Humor ist fort, ihre Wehwehchen, Triumphe, Erinnerungen, Hände, Karriere, Treuebrüche, Tode von Haustieren – das sie von einer Lebendigkeit erfüllt wird, der alles abgesaugt wurde, bis auf seinen Namen: O. O. Dass er ihr Einziger ist, ihr A und O.
    (Vielleicht ist auch das ein Grund, warum ein Subjekt nie genug ist, warum eine Hand nach der anderen sich herabsenken muss, um ihn vor dem endlosen Sturz zu bewahren. Denn gäbe es für ihn jetzt nur diese eine spezielle, dann wäre der Einzige nicht er oder sie, sondern das, was zwischen ihnen wäre, die alles auslöschende Dreifaltigkeit von Dir und Mir zu Uns. Orin hat das einmal empfunden, sich nie davon erholt und wird sich auch nie erholen.)
    Und um Verachtung, es geht neben dem Hoffen und dem Brauchen auch um eine Art Hass. Weil er sie alle braucht und diese eine braucht, weil er sie braucht, fürchtet er sie und darum hasst er sie ein bisschen, hasst sie alle, ein Hass, der sich als Verachtung maskiert, die er mit den Liebkosungen kaschiert, mit denen er die Sache mit den Knöpfen macht, die Bluse streichelt, als wäre sie ein Stück von ihr und ihm. Als hätte sie Gefühle. Sie haben einander sorgfältig ausgezogen. Ihre Lippen verschmelzen; sie ist sein Arm, er schließt die Augen vor ihrem Blick. Im Spiegel sind sie nackt, und in einem virtuosen Jitterbug, der 100 % Neue Welt ist, benutzt sie O.‘s ungleiche Schultern als Stütze, schlingt ihm die Beine um den Nacken, neigt sich zurück, und mit nur einer Hand in ihrem Kreuz, um ihr Gewicht zu stützen, trägt er sie zum Bett wie ein Kellner ein Tablett.“ (S. 816)

    Hier gibt’s ein sehr schönes Audio Projekt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    21 März 2010

    Unendlicher Spaß III

    Unversehens bin ich durch den letzten Artikel beim Thema Sexualität gelandet. Sonderlich sinnlich ist Unendlicher Spaß sicher nicht. Große Liebesszenen wird man hier nicht finden. Dennoch sind da sehr schöne Bemerkungen zu diesem Thema.

    Die E.T.A.ler sind beim Abendessen. Das sind jugendliche Leistungssportler. Die haben Hunger. Die hauen rein wie die Scheunendrescher. Essen ist ein sehr wichtiges Thema und dementsprechend wird das auch dargestellt. Die folgende Szene spielt sich in der Mensa ab, im Speisesaal. 133 Kinder und Jugendliche, zwei Drittel männlich, ein Drittel weiblich, sind beim Abendessen. Wallace beschreibt was die essen und wie die essen. Er kann zwanzig oder dreißig Personen beschreiben ohne dass man den Überblick verliert. Der kann Personen im Raum anordnen. In die Essensbeschreibung mischt er andere Ereignisse. Ortho Stice hat an diesem Nachmittag in einem Match beinahe Hal Incandenza geschlagen, obwohl Stice zu einer anderen Altersklasse gehört und Hal die Nummer zwei an der E.T.A. und die kontinentale Nr. 4 ist. Das läuft beim Essen wie ein Gerücht zwischen den Tischen umher. Man darf nicht vergessen: Das sind Jungs, bei denen es sich viel um Leistung und die eigene Listung dreht, die eigene Position im Vergleich zu anderen Spielern. Nach dreizehn Seiten Essensbeschreibung und Gerüchten, steht da mehr oder minder unvermittelt der Satz “Struck, Pemulis, Schacht und Freer hatten alle schon Geschlechtsverkehr“. Und zwei Seiten weiter kommt dann dies:

    „Troeltsch hat sich nie auch nur mit einem Mädchen verabredet. Manche Jungs sind hier einfach so. In allen Academies gibt es ein solches asexuelles Kontingent. Manche Junioren haben einfach nicht den emotionalen Saft, um nach dem Tennis noch auf Turteltour zu gehen. Kühne, kaltblütige Burschen auf dem Court, erbleichen und erschlaffen sie bei der Vorstellung, sich in irgendeinem sozialen Kontext einem weiblichen Wesen zu nähern. Manche Dinge können nicht nur nicht gelehrt werden, sondern werden sogar verzögert von anderen Dingen, die gelehrt werden können. Das gesamte Tavis/Schitt-Programm hier ist als Fortschreiten zur Selbstvergessenheit gedacht; manch einer stellt aber fest, dass die Mädchenfrage ihn mit etwas tief in seinem Inneren konfrontiert, das er für überwunden halten muss, wenn er dranbleiben und sich entwickeln will. Troeltsch, Shaw, Axford: die bekommen bei jeder x-beliebigen sexuellen Spannung das Gefühl, die bräuchten mehr Sauerstoff, als gerade vorhanden ist. Ein paar Mädchen an der E.T.A. haben etwas Nuttiges, und ein paar Jungs von Freers aggressiverem Typ können die Mädchen knacken und zum Sex überreden – an Zeit und Nähe herrscht ja kein Mangel. Aber im Großen und Ganzen ist die E.T.A. ein vergleichsweise unsexueller Ort, was fast erstaunlich ist angesichts des ständigen Brausens und Gluckerns der jugendlichen Drüsen, der Betonung der Körperlichkeit, der Ängste vor dem Mittelmaß, dem Hin- und Herwogen der Ego-Schlachten, der Einsamkeit und der großen Nähe.“ (S. 916)

    Hier noch ein Link: Bruno Ganz liest bei der Litcologne aus „Unendlicher Spaß“.

    Alice, wäre das nicht etwas für Sie? Und dann berichten Sie hier nachher, wie es Ihnen gefallen hat? Jetzt schicke ich schon die Leute durch die Gegend.

    (Gerade wo ich schaue, ob der Link funktioniert, muss ich erkennen, dass etwas anderes nicht funktioniert: die Veranstaltung ist schon vorbei.)

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    19 März 2010

    Unendlicher Spaß II

    Wenn ich also unterdessen wieder bei dem Roman „Unendlicher Spaß“ gelandet bin, dann hat das einen äußeren Anlass: ich darf etwas veröffentlichen. Näheres dazu später, wenn es angenommen ist. Mein Busenfreund Julian sagt immer, ich sei nicht in dieser Gesellschaft angekommen, weil ein aufgeklärter Mensch nicht abergläubisch ist. Ich bin auch nicht abergläubisch! Ich warte das einfach nur ab.

    Ich werde also, da ich den Roman gerade noch einmal lese, einige Stellen zitieren, die mir gut gefallen haben. Ich werde ebenfalls, das ist hier schließlich ein Blog, ein paar Links dazu liefern. Heute fange ich mit dem Blog von Christiane Zintzen an, die ein paar schöne Bemerkungen zum „Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch niedergeschrieben hat. Das ist tatsächlich das treffende bildliche Äquivalent.

    Im Folgenden geht’s um Lyle, den Guru der E.T.A., der sich vom Schweiß der ETAlern ernährt, indem er sie nach dem Sport und der Sauna ableckt. Das erscheint kurios, ist aber frei von Obszönität. Lyle ist eine sehr authentische Figur, der Dinge formuliert, die ein Guru formulieren muss und die man anderen nicht durchgehen ließe, wie „Die Welt ist sehr alt“ oder „Hebe nichts, was dein eigenes Köpergewicht übersteigt“. Er lebt im Fitessraum, schwebt einen Zentimeter über dem Boden und hebt dergestalt auch nicht mehr als das eigene Gewicht. Er gibt den pubertierenden Jugendlichen, was sie beim Drill an dieser Sportakademie selten bekommen: Aufmerksamkeit.

    Die Jungs stehen Schlange, um sich von Lyle beraten zu lassen. So auch LaMont Chu. Er ist elf Jahre alt und will um jeden Preis Karriere machen. Er will in die Show. So nennen die ETAler den Tenniszirkus „Er schämt sich seines heimlichen Hungers auf den Hype an einer Academy, an der Hype und die Verlockungen des Hype als der mephistophelische Sündenfall und die größte Gefährdung des Talents gelten. Das ist großenteils seine eigene Wortwahl.“ Nachdem Lyle sich die Sorgen LaMonts angehört hat, und ihm auch Ratschläge erteilt hat, kommt der nächte Junge mit Kummer an die Reihe.

    „Der zehnjährige Kent Blott, dessen Eltern Siebenten-Tags-Adventisten sind, ist noch nicht alt genug zum Masturbieren, hat aber, was keine große Überraschung ist, seitens seiner schon adoleszierenden Mitschüler viel davon gehört, in ziemlich saftigen Details, und sorgt sich, welche selbstgemachten, potentiell sündigen und seelenentkräftenden pornografischen Patronen beim Masturbieren durch den Projektor seiner Psyche laufen werden, wenn er denn erst masturbieren kann; er sorgt sich, ob unterschiedliche Phantasieszenen und- kombinationen auf verschiedene psychische Funktionsstörungen und Verderbtheiten schließen lassen, und er möchte einen ordentlichen Vorsprung vor seinen Sorgen haben.“ (S. 546)

    Was mir an dieser kleinen Textstelle gefällt, ist natürlich die Konfrontation von bitterem Ernst und Komik. Kinder die Karriere machen wollten und mit dem elaborierten Wortschatz von Erwachsenen aufwarten. Ernst ist natürlich die Situation des Pubertierenden, der in keinster Weise auf das vorbereitet ist, was da auf ihn zukommt. Komisch ist hier natürlich die Formulierung „Vorsprung vor seinen Sorgen“. Die eigene Sexualität, der man im Masturbieren zum ersten Mal begegnet, kann einem Kind ja auch Sorgen bereiten. Und nicht nur einem Kind.

    Wer möchte das nicht, einen Vorsprung vor seinen Sorgen haben? Aber das ist ein Vorsprung, den einer nicht erlaufen kann, und vielleicht bezieht sich das Paradoxon von Achill und der Schildkröte, dieser ominöse Wettlauf, genau darauf. Selbst ein Achill in Asics (das wäre ein schöner Titel für einen Artikel) überholt seine Sorgen nicht.

    Das war jetzt ein kleiner Hinweis auf dies und auf den unrühmlichen Umstand, dass die Dinger immer noch ungelaufen in der Ecke stehen. Verstehe ich nicht, ich habe beim Kauf ein Bild von genau diesen Schuhen gesehen, eine Werbung, wo nur die Schuhe abgebildet waren, in Laufbewegung. Genau solche wollte ich haben. Jetzt stehen die da und laufen nicht. Wieso nicht? Wo geht’s hier zum Verbraucherschutz?

    Mein Busenfreund Julian sagt immer, ich sei, wenn ich nach Verbraucherschutz und Beschwerdemöglichkeiten suche, endlich auch in dieser Gesellschaft angekommen. Dabei rufe ich gar nicht nach dem Verbraucherschutz. Außer zu Zwecken der Belustigung.

    Männer: total irrational!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    10 März 2010

    Unendlicher Spaß

    Ich habe die Möglichkeit, in einer sehr angesehenen Zeitschrift einen Essay über „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace zu schreiben. Dazu muss ich selbstverständlich den Roman noch einmal lesen. Ich muss und ich will. Was ich damals bei dem Blog – hier meine Beiträge und die der Kommentatoren – vermisst habe, war die Gelegenheit, schöne Stellen und Zitate unterzubringen. Das hole ich jetzt nach. Ich werde ein paar Worte zu dem jeweiligen Zitat sagen, ich werde sagen, was mir gefällt. Ich werde Gründe nennen, obwohl ich eigentlich keine Anhängerin von Gründen bin. Für die richtig guten Sachen im Leben braucht man keine Gründe.

    Heute Abend beginne ich mit der erneuten Lektüre. Ich freue mich schon sehr. Obwohl gerade endlich mal wieder die Sonne scheint, freue ich mich darauf, dass es dunkel wird und ich mit dem Lesen loslegen kann. Ich bin neugierig, ob mein Urteil aus dem vergangenen Jahr noch Bestand hat. Ich habe da einen kleinen Disput mit Alban Nikolai Herbst, der bei diesem Buch zu einem ganz anderen Urteil kommt als ich. Ich möchte ihn gerne von der Qualität des Romans überzeugen. Da werde ich argumentativ einiges aufbieten müssen. Aber da macht es ja eigentlich auch Spaß, wenn man sich für seine Überzeugungen ins Zeug legen muss. Das empfinde ich als ein ganz hohes Niveau der Auseinandersetzung. Und wenn ich merke, dass das doch wieder zu den Gründen hinab führt, dann lasse ich die Überzeugungsarbeit und bestimme das einfach (schade, dass das Internet eine so rückständige Kommunikationsplattform ist und mein Lachen jetzt nicht automatisch eingespielt wird).

    Irgendwo in der Ferne habe ich läuten gehört (kann man das so sagen? oder sagt man: läuten hören?), dass Ullrich Blumenbach schon an der Übersetzung von „The pale King“ arbeitet, dem Fragment gebliebenen letzten Werk von David Foster Wallace. Womöglich wird es wieder ein Blog dazu geben und hoffentlich kann ich daran teilnehmen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.