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Aléas Anordnungen

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    Kommentare:

  • Aléa Torik: @ Lotte Eisen/Bizikova/David/Anne/Sylv ia etc. Das ist also jetzt der intelligente Kommentar? Oder kommt der noch? Lotte, ich erkläre dir jetzt mal was, nicht, weil ich annehme, dass du es verstehst, sondern weil mir gerade eben zufällig sterbenslangweilig ist. Einen Roman zu...
  • lotte eisen: Aber die “allgemeinen erheiterte Menge wird Ihnen Trost spenden.
  • lotte eisen: So ganz frei von Größenwahn scheinen Sie ja nicht zu sein.
  • Aléa Torik: Mensch Lotte, eins kann man dir jedenfalls nicht vorwerfen: dass du nicht zur allgemeinen Erheiterung beiträgst.
  • lotte eisen: Mit bedeutender Philosophie einer Literatur Bedeutung zu verschaffen ist leicht. Der einfache Analogieschluss wird zum Profil der Methode. Eine höhere Qualität des literarischen Materials a l s Kunst wird dadurch nicht hergestellt. Ich denke, dass mit dem von Claus Heck vorgestellten...
  • Aléa Torik: Lieber Bersarin, herrje! Ich dachte ebenfalls, dass endlich einmal ein gescheiter Kommentar zu meinem schönen Roman kommt, aus dem vielgepriesenen, ach so schönen Internet, dem noch viel schöneren literarischen Internet und weil ich auf keinen Fall nur nebenher antworten wollte, habe...
  • bersarin: Als ich die Zeilen des kühnen Daniel Craig las, dachte ich in einer ersten Reaktion, die ich mir fast zutraue, eine spontane Reaktion zu nennen, wenngleich jegliche Spontaneität im Sinne von Unmittelbarkeit mir eher fremd ist: Mein Gott, wie kann jemand so verdammt gute Kommentare...
  • Aléa Torik: @ Bizikova, Lotte Eisen, Anne, David, – welche Pseudonyme du dir auch noch zulegen wirst, und: Sylvia. Deine Schüler? Das hier ist ein literarisches Blog, immer noch. Hier zählen inhaltliche Auseinandersetzungen und, neben der sachlichen Ebene die das hat, vielleicht sogar noch...
  • lotte eisen: Paranoide Intelligenztests sind leider alles, was dabei heraus kommt, wenn die Bildung fehlt. Ich bin hier nur noch, um einigen meiner Schüler, die bei Ihnen hängen geblieben sind, zu zeigen, das von Nichts nichts kommen kann. Ich würde geradezu Geldmittel ausgeben, um dieses...
  • Aléa Torik: @ Bizikova, Lotte Eisen, Sylvia: bitte strengt euch bei eurem nächsten Kommentargeseusel hier ein bisschen mehr an. Ich will nur Kommentare im dreistelligen IQ-Bereich. Wie schade übrigens, dass es „La mer gelée“ nicht mehr gibt: Ihr seht, ich bin mit einem furchtbar guten Gedächtnis...
  • Craig Phillips: Mr Phillips hat den Text leider bei Bersarin geklaut (AT): “Es tut sich in diesem Buch ein spannendes Spiel auf, das sich – unter anderem – um die Autor(innen)schaft und um Fiktionalität von Autoren gruppiert, und es stellt sich in dieser Prosa zudem die Frage „Wer...
  • Orlanda: Zwei!
  • Aléa Torik: Liebe Orlanda, das war leicht! Was hältst du davon, wenn wir das von hier in die Wirklichkeit verlegen. Vielleicht ein Mittagessen in der Mensa. Morgen um zwölf oder um zwei? Misses Torik
  • Orlanda: Guten Tag Aléa Torik, wie ich höre, erwartet man von Ihnen das authentisch-sein. Statt dankbar zu sein, dass Sie einen Künstleroman geschrieben haben, ein Selbstbild in der Kunst und dabei vom Schreiben, von der Tätigkeit des Erfindens berichten. Sie sehen: ich habe am Wochenende doch...
  • Aléa Torik: Lieber Phorkyas jetzt weiß ich wieder, wen ich in meiner Aufzählung vergessen hatte: Sie. Das schlechte Gewissen, Ich hatte den mehrfach versprochenen Essay zur Zeittheorie auch angefangen, wieder weggelegt und dann einfach abgehakt. Hier waren ja in den letzten Monaten andere Sachen...
  • phorkyas: Liebe Aléa, so long and thanks for all the fish. Herzlich, Phorkyas PS. Falls Sie über Herrn Keuschnigs Kommentar gestolpert waren, dass der Konstruktion Ihres Avatars pekuniäre Absichten zu grunde lägen, und eine deutliche Distanzierung meinerseits fehlte, so bitte ich das zu...
  • Aléa Torik: Liebe Orlanda, vielen Dank für die aufmunternden Worte. Sie haben vollkommen recht. Beinahe vollkommen: Ich drohe nicht mir selbst, sondern ich versuche einen sinnvollen Lebensentwurf. Wenn ich nicht erkennen kann, dass das Schreiben diesen Sinn hat, dann kann ich es nicht...
  • Orlanda: Guten Tag Aléa Torik, ich wollte Ihnen schon länger schreiben, fand aber die nötige Ruhe und Zeit nicht. Einige Ihrer Einträge hier, bei Aisthesis und Iris Nebel habe ich gelesen. Ihre Texte gefallen mir sehr, Sie haben einen bisweilen coolen, dann wieder sehr empfindsamen Tonfall....
  • Aléa Torik: Lieber Avenarius, Sie Ihrerseits leben noch? Ich bekenne … dass es das eigene ist, das einmalig eigene Leben: „Das ist keine bloße Wortspielerei und schon gar keine Ungenauigkeit. Hier wird ein Zustand beschrieben, für den kein Wort gebraucht wird. Weil es womöglich keines dafür gibt....
  • Avenarius: Liebe Alea, Ich bekenne: Sie haben gelebt!

  • 17 Juli 2010

    „Als ich das erste Mal mit einem Jungen im Bett lag“

    „Als ich das erste Mal mit einem Jungen im Bett lag war es, es war so gemacht, dass Enttäuschung nicht möglich war.“

    Für mich ist diese Formulierung von Birgit Kempker eine der schönsten Formulierungen über die Liebe. Wenn man schon ein paar Tage gelebt hat und wenn man nicht ganz vorbeigegangen ist, am Leben meine ich, wenn man also mit anderen zusammengestoßen ist, und sich dann wieder hat trennen müssen, wenn man mit Hoffnungen begonnen hat und mit Enttäuschungen geendet, wenn man Hoffnungen in Enttäuschungen sich hat verwandeln sehen müssen; wenn man sich dann an das erste Mal erinnert und daran, was möglich gewesen wäre, wenn mit der ersten Enttäuschung nicht die Enttäuschung in das eigene Leben gekommen wäre, dann versteht man, oder man meint zumindest zu verstehen, was für eine ungeheure Situation Frau Kempker da beschreibt: „ … es war alles so gemacht, dass Enttäuschung nicht möglich war“.

    Hier gibt es das als pdf. Wunderschön gemacht von Urs Engeler, roughbooks, wo ich es auch ausgeliehen habe. Ich hätte sehr gerne das pdf als Bild hierher gestellt, aber ich habe es nicht geschafft, das zu verwandeln. Die Technik hat mir ein Bein gestellt. Wenn jemand weiß, wie man ein pdf in ein Bild verwandelt, dann bitte eine Nachricht an mich, ich nähme es gerne.

    Ich lese – leider – gerade, dass Enttäuschung durchaus möglich war, mehr als Enttäuschung: im Schreibheft, die Autorin ist vor Gericht gelandet und das Buch verboten worden. Da glaubte offenbar jemand, sich wiedererkannt zu haben. Und hat die Ehre nicht verstanden mit einer solchen Formulierung gemeint zu sein, der Adressat einer solchen Formulierung zu sein! Einklagen müsste einer vielmehr, dass er permanent von Birgit Kempkers lyrischen Worten gemeint ist. Das müsste einer versuchen, sich bei einem Schriftsteller als „gemeint“ einzuklagen.

    Hier ein Auszug, ich habe das irgendwo gefunden.

    „Als ich das erste Mal mit einem Jungen im Bett lag
    war es Cornelius Busch, er war Mann, Junge,
    Mädchen, Frau, Mutter, Vater, Oma, Opa, Blume, Tier
    und Sofa, er war wie ich, er war das andre von mir,
    gar nicht wie ich, er war sanft, fuhr den Bulli mit den
    Rollstühlen drin durch die Wiesen mit den Stieren,
    er hatte Muckis und Matrosenpullover, er hatte was
    im Kopf, was Verrücktes, Locken, er war streng,
    zärtlich, witzig, normal, außergewöhnlich, sehr ernst,
    er passte in die Natur, war ordentlich, wirr höflich,
    er war künstlich, ironisch, bös, er war lieb, anmutig,
    tapsig, galant, ein Fisch, ein Vogel, Frosch, er war so
    alt wie ich, ich viel älter, er viel jünger, und er viel
    älter und ich viel jünger als er, phasenverschoben, das
    war, wenn wir sagten: liegen da nicht ein Mädchen
    und ein Junge im Bett? es ist nicht zu fassen, dass ich
    eine bin, zu der so ein Satz einmal passt.“

    Hier gibt ein einige Informationen zur Autorin.

    Und hier ist es auch. Mit bestem Dank an Dietmar Hillebrandt, dem Bücherblogger.





    14 Februar 2010

    Alle Kreter lügen

    Mit der Wahrheit kann es einem ergehen, wie in der Geschichte mit dem Kreter. Die ist kurz und geht so: „Ein Kreter sagt: alle Kreter lügen.“

    Wenn alle Kreter lügen und dieser Mann aus Kreta ist, sagt er nicht die Wahrheit. Die Aussage – alle Kreter lügen – ist also gelogen. Daraus folgt, dass die Kreter die Wahrheit sagen. Dann sagt auch unser Kreter die Wahrheit, wenn er behauptet, dass alle Kreter lügen. Wenn aber die Aussage – alle Kreter lügen – die Wahrheit ist, dann ist sie gelogen. Und daraus folgt, dass der Kreter die Wahrheit sagt, wenn er sagt, dass sie lügen. Und das bedeutet etc.pp.

    Die Aussage ist unter der Bedingung wahr, dass sie falsch ist. Und umgekehrt. Was sich ausschließen müsste, bedingt sich vielmehr. Das ist die klassische Aporie: ein Widerspruch, aus dem man nicht herauskommt, ohne sich in weitere Widersprüche zu verwickeln. Es gibt eine Möglichkeit aus dieser Aporie herauszukommen. Aber sie trägt nicht. Man könnte nämlich von der strikten Anwendung der Aussage – Kreter lügen alle immer, bzw. sie sagen alle immer die Wahrheit – zu einer variablen Position wechseln: die Kreter lügen bisweilen und sagen bisweilen die Wahrheit. Damit käme man allerdings keinen Schritt weiter, weil man nicht entscheiden könnte, was gerade der Fall ist: Lüge oder Wahrheit. Dann müsste man Lüge und Wahrheit voneinander trennen und streng definieren. Die Aussage lebt von ihrer ausnahmslosen Anwendung. Sie lebt davon, dass uns Lüge und Wahrheit wie zwei Positionen gegenüber stehen, die einander ausschließen. Nicht zwei konträre, sondern zwei kontradiktorische Varianten. Außerdem wäre damit das Spezielle dieser Formulierung dahin, weil die Kreter dann nicht anders wären als die Deutschen und die Rumänen: sie sagen entweder die Wahrheit oder sie lügen.

    Dieses Entweder – Oder, diese strenge Trennung von Wahrheit und Lüge, ist eine ziemlich langweilige Angelegenheit. Interessant wird’s erst, wenn sie aufeinander treffen, wie in der Geschichte vom Kreter oder aber in einem Begriff. Dieser Begriff lautet: Fiktionalität. Die Fiktionalität steht dazwischen, sie lässt sich weder der einen noch der anderen Seite zuschlagen; sie partizipiert vielmehr an beiden. Fiktionalität ist die Aufgabe des Entweder – Oder zugunsten des Sowohl – Als auch. Der Gleichzeitigkeit von einander Ausschließendem. Kann man das so sagen? Ich muss nachdenken.

    Das ist kein schönes Ende für einen Beitrag. Jedenfalls kein Happy End. Vielleicht lernt der Kreter noch eine Frau kennen. Dann möchte ich mal wissen, was er der erzählt. Bestimmt etwas über Liebe. Ob die weiß, dass alle Kreter lügen? Vielleicht ist das eine Kreterin. Dann gibt es womöglich doch noch ein Happy End. Kommt drauf an, was sie ihm dann erzählt. Ob sie die Wahrheit sagt oder lügt. Vielleicht gehört das elementar zur Liebe dazu, die Spannung zwischen Lüge und Wahrheit.

    Dieser Beitrag hätte alternativ auch folgenden Titel tragen können: Komplexe Beziehungsmuster auf agäischen Inseln.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 August 2009

    Nichts als ein töricht Herz

    Ich zitiere noch einmal aus der Penthesilea. Prothoe, die sich, als sie erkennen muss, dass Penthesilea nicht anders handeln kann, als wirkliche Freundin erweist. Prothoe gibt keine Ratschläge wie man’s machen könnte. Was auch schlimm wäre, denn Freundschaft spielt sich in einer anderen Dimension ab, in der der emotionalen Nähe. Mit Ratschlägen hingegen hält man sich die Leute vom Leib. Prothoe gibt der Freundin keine Ratschläge wie sie’s gut, oder, schlimmer noch, wie sie’s besser machen könnte.

    Obwohl sie den Grund dafür nicht versteht, versteht sie, dass die Freundin an ihrer Grenze angekommen. Eine Grenze, die sie nicht übertreten kann. Als sie zumindest ahnt, was mit der Königin los ist: dass etwas sie geradezu vernichtet und sie die Freundin gegenüber der Priesterin verteidigt, die nichts davon versteht, geschweige denn, dass einer von ihnen es benennen könnte. Das Gefühl der Liebe ist, sozusagen, neu. Das hat es vor der Individualisierung nicht gegeben: da war, was einer fühlen, denken, tun konnte von allen anderen nachvollziehbar. Aber das ist in der Liebe nicht mehr so. Liebe ist irrational. Das Problem der Objektivität gibt es erst, seit es die Subjektivität gibt. Ein anderer kann das nicht verstehen, was in eines Menschen Brust vorgeht, diese unsäglichen Schmerzen, die die Liebe verursachen kann: „Was in ihr walten mag, das weiß nur sie”

    „PROTHOE
    Nun, wie du willst.
    Wenn du nicht kannst, nicht willst – seis! Weine nicht.
    Ich bleibe bei dir. Was nicht möglich ist,
    Nicht ist, in deiner Kräfte Kreis nicht liegt,
    Was du nicht leisten kannst: die Götter hüten,
    Daß ich es von dir fordre! Geht, ihr Jungfraun,
    Geht: kehrt in eure Heimatflur zurück:
    Die Königin und ich, wir bleiben hier.
    DIE OBERPRISTERIN
    Wie, du Unsel’ge? Du bestärkst sie noch?
    MEROE
    Unmöglich wärs ihr, zu entfliehn?
    DIE OBERPRISTERIN
    Unmöglich
    Da nichts von Außen sie, kein Schicksal, hält
    Nichts als ein töricht Herz -
    PROTHOE
    Das ist ihr Schicksal!
    Dir scheinen Eisenbanden unzerreißbar,
    Nicht wahr? Nun sieh: sie bräche sie vielleicht,
    Und das Gefühl doch nicht, das du verspottest.
    Was in ihr walten mag, das weiß nur sie
    Und jeder Busen ist, der fühlt, ein Rätsel.
    Des Lebens höchstes Gut erstrebte sie.
    Sie streift‘, ergriff es schon: die Hand versagt ihr,
    Nach einem andern noch sich auszustrecken. -
    Komm, magst dus jetzt an meiner Brust vollenden.
    - Was fehlt dir? Warum weinst du?
    PENTHESILEA
    Schmerzen, Schmerzen.”

    Kleist, Penthesilea, Zeile 1270 f.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    12 August 2009

    Küßt ich ihn tot?

    Allzu empfindsame Geister sollten sich das Folgende ersparen. Es berichtet von den letzten Momenten im Leben der Penthesilea, in der gleichnamigen Tragödie von Heinrich von Kleist. Hier gibt’s den Text im Rahmen des Gutenbergprojektes.

    Im Krieg um Troja (etwa 1200 Jahre vor Christus), der mit dem Raub Helenas durch Paris begonnen und nach und nach die gesamte Ägäis in Mitleidenschaft gezogen hatte, kommen die Amazonen den von den Griechen bedrängten Trojern zu Hilfe. Dabei geht es nur scheinbar um Helena. Der wirkliche Grund dieses, fast könnte man sagen: dieses ersten Weltkrieges, ist ein wirtschaftlicher. Die Kontrolle über die Durchfahrt durch die Dadanellen und damit einer der wichtigsten Handlungswege dieser Zeit verspricht einen prosperierenden Staat, Reichtum und Wohlstand.

    Mit Penthesilea, der Königin der Amazonen, und Achill, dem griechischen Helden schlechthin, treffen pars pro toto zwei Personen aufeinander, zwischen denen sich der dramatische Konflikt aufbaut. Die enorme Brutalität mit der er sich bei Kleist entlädt, ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass hier nicht nur zwei Menschen aufeinander stoßen, sondern andere, sehr viel machtvollere Umstände.

    Es stoßen mit den Personen zwei Geschlechter aufeinander und zwei Herrschaftsstrukturen: Achill, als Inbegriff der Männlichkeit und nahezu unverletzlich – außer an seinen Fersen -, ist Vertreter des Patriachats, Penthesilea hingegen eine Vertreterin des Matriarchats, vielmehr der Gynäkokratie – der Herrschaft der Frauen -. Außerdem stoßen zwei Kulturstufen aufeinander, die Griechen bilden die Hochkultur unter den Völkern der Ägäis. Das Volk der Amazonen, das aus dem kleinasiatischen Raum stammt, aus dem Kaukasus, gehört hingegen zu den primitiven Völkern. Ohne Männer lebend, überfallen sie, um die Nachkommenschaft zu sichern, andere Völker, rauben deren Männer, zeugen Kinder mit ihnen und schicken deren Väter dann wieder zu ihren eigenen Völkern zurück. Die Jungen werden unmittelbar nach der Geburt getötet oder weggegeben, den Mädchen wird in der Pubertät eine Brust amputiert, damit sie mit Pfeil und Bogen umgehen können. Die individuelle Partnerwahl ist den Amazonen verboten. Eine Amazone muss einem Mann im Kampf begegnen. Wenn sie als Siegerin aus dieser Konfrontation hervorgeht, kann sie mit dem Besiegten tun was sie will. Und was die Amazonen von den Besiegten wollen, ist eindeutig: sie wollen sie lieben; sie wollen mit ihm schlafen. Diese Frauen wollen lieben und geliebt werden, aber die Gesetze lassen dies nicht zu. Liebe ist nur unter dem Patronat der Gewalt denkbar. Und das verstehen natürlich die Gegner im Kampf nicht, dass diese Frauen Gewalt anwenden, weil sie das Gegenteil davon wollen.

    Die Mutter der Penthesilea hatte ihrer Tochter auf dem Totenbett prophezeit, dass sie sich in Achill verlieben werde. Damit steht Penthesilea an einer historischen Zäsur. Denn mit der Liebe, und mit der Sehnsucht nach einem bestimmten Liebesobjekt – also nicht mehr einem Mann, den der Zufall einer Amazone im Kampf zuführt – beginnt Penthesilea ihre Individualisierung. Schlafen kann man zur Not mit jedem, aber lieben kann man nicht jeden. „Ich sage vom Gesetz der Fraun, mich los und folge diesem Jüngling hier”, formuliert sie. Und sie zahlt den denkbar höchsten Preis dafür: sie bezahlt mit ihrem Leben.

    Penthesilea weiß dass sie, sowie sie Achill begegnet, ihn lieben wird. Aber sie kennt das Gefühl der Liebe noch gar nicht. Es trifft sie dann auch mit unerhörter Gewalt. Es trifft sie auf eine Art, die man eher als eine männliche bezeichnen möchte: sie ist rasend vor Begierde. Sie will dieses Liebesobjekt mit aller Macht und Gewalt. Und die wendet sie an, um zum Ziel zu kommen: sie geht bei jeder Gelegenheit mit dem Schwert, dem Dolch und dem Bogen auf ihn los und am Ende sogar mit Hunden und Elefanten. Erst in der 15. Szene lässt sie davon ab, als sie einem Irrtum aufsitzend, sich als vermeintliche Siegerin im Zweikampf mit Achill wähnt. In dieser Situation sind jene Bedingungen erfüllt, die sie versteht: der Gewinn eines Mannes durch seine Überwindung. Sie erzählt Achill die Geschichte der Amazonen und spricht von ihrer Liebe. Sie schaut voll Neid auf die Liebeskultur der Griechen. Sie sehnt sich danach, eine weibliche Rolle zu beziehen und nicht länger mit den maskulinen Attributen ausgestattet zu sein.

    Als Amazone, als Vertreterin ihres Volkes, muss sie Achill, um ihn lieben zu dürfen, unterwerfen. Als Liebende hingegen ist sie dem eigenen Gefühl unterworfen. Und gegen dieses Gefühl, das sich ja auf Achill bezieht, kann sie nicht ankämpfen. Diese einander widersprechenden Umstände bringt sie nicht zusammen. Sowie sie erkennen muss, dass sie einem Schein unterlegen und Achill der Sieger im Zweikampf gewesen ist, und sie Gefangene der Griechen, verliert sie vollständig die Kontrolle über sich und ihr weiteres Tun. Aus dem verlorenen Zweikampf schließt sie, dass sie auch Achill verloren hat.

    Das Schicksal nimmt seinen unerbittlichen Lauf als die Amazonen ihre Königin aus den Händen der Griechen befreien und Penthesilea den Geliebten erneut verliert. Sie, die die Handlung bisher immer weiter getrieben hat und dem Liebesobjekt auf den Fersen (!) geblieben ist, erscheint mit einem Mal lethargisch und willenlos. Achill aber bietet ihr durch einen Boten die Wiederaufnahme des Kampfes an. Durch die Erzählung Penthesileas hat er verstanden, dass eine Amazone sich einen Mann erkämpfen muss. Und weil er auch verstanden hat, dass Penthesilea ihn liebt, und er sie seinerseits, stellt er sich, mit der Absicht zu unterliegen, dem erneuten Kampf. Aber Penthesilea, gerade erst durch den Schein getäuscht, zieht ihm mit dem ganzen „Schreckenspomp des Kriegs” entgegen. Und besiegt ihn. Nachdem sie Achill einen Pfeil durch den Hals geschossen hat, zerfleischt sie ihn auf bestialische Art und Weise.

    Der Grund für diese furchtbare Entwicklung ist darin zu suchen, dass Penthesileas Selbstbild auseinander fällt. Deswegen legt sie erheblichen Wert auf jenes Bild, dass Achill von ihr hat. Als der in jener 15. Szene nach ihrem Namen fragt, geht sie gar nicht darauf ein. Erst als er ihr das Bild zurückspiegelt, das sie sie selbst hat, erst als er ihr dies Selbst bestätigt, nennt sie ihren Namen. Der Name ist ihr ebenso unwichtig wie ihre Funktion als Königin: sie fragt nach ihren Zügen, nach ihrer Eigenheit und nach ihrer Individualität.

    Penthesilea weiß, dass, wenn sie untergeht, die Amazonen ihr folgen werden: „Der Tanäis Asche, streut sie in die Luft”: Tanäis war die Uramazone, die erste Königin. Mit dem Bruch gegenüber dem Vermächtnis und der Verpflichtung der Amazonen den althergebrachten Gesetzen gegenüber, geht dieses Volk unter. Sie weiß, dass sie, in mehrfacher Hinsicht, die Erste ihres Volkes ist. Die Amazonen sind das unterlegene Volk und das Matriarchat das unterlegene Herrschaftsmodell. Nicht, weil die Herrschaft der Frauen schlechter wäre als jene der Männer. Sondern weil die Widersprüche nicht vermittelbar waren: jene Widersprüche von männlich und weiblich, von Gewalt auf der einen und Liebe, Verständnis und Rücksichtnahme auf der anderen Seite, von Außen und Innen, von Selbst- und von Fremdwahrnehmung.

    Ich zitiere die letzten Verse der Tragödie, und die letzten Worte im Leben der Amazonenkönigin. Verse, da Penthesilea erkennen muss, was sie im Rausch getan hat. Dieser letzte, der 24. Auftritt, ist äußerst ergreifend. Penthesilea taumelt, äußerlich wie innerlich. Sie sieht die Leiche des Achill, sie erkennt seine furchtbaren Verstümmelungen. Und sie will wissen, wer das getan hat, sie fordert Rechenschaft für dieses Tun. Sie weiß nicht, dass sie es selbst war: weil sie dieses Selbst nicht findet. Das ist ihr abhanden gekommen und sie muss es erst wiederherstellen. Diese Wiederherstellung ist zu verstehen als ein Zurückgewinnen ihrer Handlungsfähigkeit. Sie stellt ihr Selbst und ihr Selbstbild her, indem sie sich tötet. Und zwar, tatsächlich (!), mit nichts als ihren Worten. In vollkommener Übereinstimmung von Rede und Handlung erschafft sie ihr Selbst: indem sie sich, oder besser gesagt dieses Selbst, vernichtet.

    Wir werden hier Zeugen der wunderlichen Bewusstwerdung einer Tat, der Anerkennung dieser Tat und dem anschließenden Suizid, der mit den Worten beginnt: „Denn jetzt steig ich in meinen Busen nieder”. Diese zehn Zeilen gehören sicher zum Besten, was die deutsche Dramatik zu bieten hat. Da spürt man etwas von der ungeheuren Macht der Sprache. Mehr als einem lieb sein kann.

    Dramatis personae sind: Penthesilea, die erste Priesterin, die Oberpriesterin, Meore und die Freundin Penthesileas, Prothoe. Vor den Füßen der Frauen liegt der blutige Leichnam des Achill.

    „PENTHESILEA
    Was! Ich? Ich hätt ihn -? Unter meinen Hunden -?
    Mit diesen kleinen Händen hätt ich ihn -?
    Und dieser Mund hier, den die Liebe schwellt -?
    Ach, zu ganz anderm Dienst gemacht, als ihn -!
    Die hätten, lustig stets einander helfend,
    Mund jetzt und Hand, und Hand und wieder Mund -?
    PROTHOE
    O Königin!
    DIE OBERPRISTERIN
    Ich rufe Wehe! Dir.
    PENTHESILEA
    Nein, hört, davon nicht überzeugt ihr mich.
    Und stünds mit Blitzen in die Nacht geschrieben,
    Und rief es mir des Donners Stimme zu
    So rief ich doch euch beiden zu: ihr lügt!
    MEROE
    Laß ihn, wie Berge, diesen Glauben stehn;
    Wir sind es nicht, die ihn erschüttern werden.
    PENTHESILEA
    Wie kam es denn, daß er sich nicht gewehrt?
    DIE OBERPRISTERIN
    Er liebte dich, Unseligste! Gefangen
    Wollt er sich dir ergeben, darum naht‘ er!
    Darum zum Kampfe fordert‘ er dich auf!
    Die Brust voll süßen Friedens kam er her,
    Um dir zum Tempel Artemis‘ zu folgen.
    Doch du -
    PENTHESILEA
    So, so -
    DIE OBERPRISTERIN
    Du trafst ihn -
    PENTHESILEA.
    Ich zerriß ihn.
    PROTHOE
    O meine Königin!
    PENTHESILEA
    Oder war es anders?
    MEROE
    Die Gräßliche!
    PENTHESILEA
    Küßt ich ihn tot?
    DIE ERSTE PRIESTERIN
    O Himmel!
    PENTHESILEA
    Nicht? Küßt ich nicht? Zerrissen wirklich? Sprecht?
    DIE OBERPRISTERIN
    Weh! Wehe! ruf ich dir. Verberge dich!
    Laß fürder ewge Mitternacht dich decken!
    PENTHESILEA
    - So war es ein Versehen. Küsse, Bisse,
    Das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt,
    Kann schon das eine für das andre greifen,
    MEROE
    Helft ihr, ihr Ewgen, dort!
    PROTOE ergreift sie
    Hinweg!
    PENTHESILEA
    Laßt, laßt!
    Sie wickelt sich los, und läßt sich auf Knien vor der Leiche nieder.
    Du Ärmster aller Menschen, du vergibst mir!
    Ich habe mich, bei Diana, bloß versprochen,
    Weil ich der raschen Lippe Herr nicht bin;
    Doch jetzt sag ich dir deutlich, wie ichs meinte:
    Dies, du Geliebter, wars, und weiter nichts.
    Sie küßt ihn.
    DIE OBERPRISTERIN
    Schafft sie hinweg!
    MEROE
    Was soll sie länger hier?
    PENTHESILEA
    Wie manche, die am Hals des Freundes hängt,
    Sagt wohl das Wort, sie liebt ihn, o so sehr,
    Daß sie vor Liebe gleich ihn essen könnte;
    Und hinterher, das Wort beprüft, die Närrin!
    Gesättigt sein zum Ekel ist sie schon.
    Nun, du Geliebter, so verfuhr ich nicht.
    Sieh her: als ich an deinem Halse hing
    Hab ichs wahrhaftig Wort für Wort getan;
    Ich war nicht so verrückt als es wohl schien.
    MEROE. Die Ungeheuerste! Was sprach sie da?
    DIE OBERPRISTERIN
    Ergreift sie! Bringt sie fort!
    PROTHOE
    Komm, meine Königin!
    PENTHESILEA, sie läßt sich aufrichten.
    Gut, gut. Hier bin ich schon.
    DIE OBERPRISTERIN
    So folgst du uns?
    PENTHESILEA
    Euch nicht.
    Geht ihr nach Themiscyra, und seit glücklich,
    Wenn ihr es könnt -
    Vor allem meine Prothoe -
    Ihr alle -
    Und – - – im Vertrauen ein Wort, das niemand höre,
    Der Tanäis Asche, streut sie in die Luft!
    PROTHOE
    Und du, mein teures Schwesterherz?
    PENTHESILEA
    Ich?
    PROTHOE
    Du!
    PENTHESILEA
    Ich will dir sagen, Prothoe,
    Ich sage vom Gesetz der Fraun mich los,
    Und folge diesem Jüngling hier.
    PROTHOE
    Wie, meine Königin?
    DIE OBERPRISTERIN
    Unglückliche!
    PROTHOE
    Du willst – ?
    DIE OBERPRISTERIN
    Du denkst -
    PENTHESILEA
    Was? Allerdings!
    MEROE
    Oh Himmel!
    PROTHOE
    So laß mich dir ein Wort, mein Schwesterherz -
    Sie sucht ihr den Dolch abzunehmen.
    PENTHESILEA
    Nun denn, und was? – - Was suchst du mir am Gurt?
    - Ja so. Wart, gleich. Verstand ich dich doch nicht.
    - – Hier ist der Dolch.
    Sie löst sich den Dolch aus dem Gurt, und gibt ihn Prothoe.
    Willst du die Pfeile auch?
    Sie nimmt den Köcher von der Schulter.
    Hier schütt ich ihren ganzen Köcher aus.
    Sie schüttet die Pfeile vor sich nieder.
    Zwar reizend wär es, von einer Seite -
    Sie hebt einige davon wieder auf.
    Denn dieser hier – nicht? Oder war es dieser – ?
    Ja, der? Ganz recht – Gleichviel! Da? Nimm sie hin.
    Nimm alle die Geschosse zu dir hin.
    Sie rafft den ganzen Bündel wieder auf, und gibt ihn Prothoe in die Hände.
    PROTHOE
    Gib her.
    PENTHESILEA
    Denn jetzt steig ich in meinen Busen nieder,
    Gleich einem Schacht, und grabe, kalt wie Erz,
    Mir ein vernichtendes Gefühl hervor.
    Dies Erz, dies läutr‘ ich in der Glut des Jammers
    Hart mir zu Stahl; tränk es mit Gift sodann
    Heizätzendem der Reue, durch und durch;
    Trag es der Hoffnung ewgem Amboß zu,
    Und schärf und spitz es mir zu einem Dolch;
    Und diesen Dolch jetzt reich ich meine Brust:
    So! So! So! So! Und wieder! – nun ists gut.
    Sie fällt und stirbt.
    PROTHOE, die Königin auffassend.
    Sie stirbt!
    MEROE
    Sie folgt ihm, in der Tat!
    PROTHOE
    Wohl ihr! Denn hier war ihres fernern Bleibens nicht.
    Sie legt sie auf den Boden nieder.
    DIE OBERPRISTERIN
    Ach! Wie gebrechlich ist der Mensch, ihr Götter!
    Wie stolz, die hier geknickt liegt, noch vor kurzem,
    Hoch auf des Lebens Gipfeln rauschte sie!
    PROTHOE
    Sie sank, weil sie zu stolz und kräftig blühte!
    Die abgestorbne Eiche steht im Sturm,
    Doch die gesunde stürzt er schmetternd nieder,
    Weil er in ihre Krone greifen kann.”





    09 Juni 2009

    Ich liebe dich, bin toll, verrückt, von Sinnen

    Ich habe den Film „Cyrano von Bergerac“ in Bukarest gesehen, im französischen Original, mit englischen Untertiteln und dem großartigen Gérard Depardieu in der Hauptrolle des Cyrano. Am nächsten Morgen habe ich gleich das Buch, die Komödie von Edmond Rostand, gekauft und in einem Zug durchgelesen. Vorlesung geschwänzt und einfach den ganzen Tag gelesen. Gelesen und geheult. Ich habe mir in den Wochen darauf sicher noch ein Dutzend Mal den Film angeschaut. Das war ein Kino mit roten Vorhängen, die im letzen Moment vor dem Film weggezogen wurden und zerschlissenen Plüschsesseln, in die man metertief hinein sank.

    Ich war neunzehn, im dritten Semester und hatte eine schwere Attacke Liebeskummer auszustehen, wegen eines Mannes, der ein Idiot war. Aber das wusste ich damals nicht. Damals habe ich nur geliebt. Irgendwie wusste ich es schon, aber ich habe ihn trotzdem geliebt. Oder vielleicht habe ich ihn sogar gerade deswegen geliebt, weil ihn ja nun einmal eine lieben musste. Wenn man liebt, dann kann man den Grund dafür nicht greifen.

    Die Rolle der Roxane war mir, fand ich, auf den Leib geschneidert. Roxane, die geliebt werden will vom schönen Christian, der auch ein Idiot ist und keinen graden Satz herausbekommt. Aber Roxane will gerade dies: dass einer seine Liebe in Worte fasst. Die Sprachfähigkeit, die Sprachkompetenz, ist für sie ein Synonym für die Wahrhaftigkeit der Liebe. Dies ist ein Motiv aus dem Mittelalter, das der höfischen (und höflichen) Liebe, wo der Galan die angebetete Dame besingt (die eine geradezu kultische Ausprägung findet in der sagenumwobenen Aliénor von Aquitanien, Königin von Frankreich, spätere Königin von England und Mutter von Richard Löwenherz) und das in den Liedern der Troubadoure seinen Niederschlag findet. Bei Rostand nun wird dieses Motiv variiert und in die Neuzeit hinüber gerettet: Sprachfähigkeit und Liebesfähigkeit gehen ineinander über. Wer seine Liebe nicht in Worte zu fassen weiß, der liebt auch nicht. Liebe macht hier nicht, wie heutzutage, sprachlos. Im Gegenteil, sie versetzt den Liebenden in eine höhere Potenz. So ist es zu verstehen, wenn Cyrano sagt: „Ein jeder Blick von dir lässt eine Tat, lässt eine neue Tugend in mir reifen!”.

    Roxane wird nun ihrerseits von Cyrano geliebt. Kein Idiot, ein Dichter, ein Poet, nur nicht gerade eine Schönheit, mit seiner monströsen Nase; ein Phantast dazu. Christian nun macht Roxane den Hof, redet aber – so sagt man das etwas flapsig heutzutage – nur Dünnschiss. Dann kommt Cyrano hinzu und souffliert für den schönen Nebenbuhler. Weil er Roxane wirklich liebt und weil ihm das egal ist, wenn ein anderer- der Idiot Christian – Kapital draus schlägt. Es geht ihm einzig darum, seine Liebe in Worte zu fassen.

    Die beiden Männer stehen im Dämmerlicht unter Roxanes Balkon, Roxane sieht Christian, aber Cyrano ist derjenige, der spricht.

    Roxane: Und kommt die Zeit, in was für Worten dann
    Wird sich Ihr Herz ergehen?
    Cyrano: In allen, allen
    Die mich in bunter Wildheit überfallen,
    Bevor ich sie zum Sträußchen binden kann:
    Ich liebe dich, bin toll, verrückt, von Sinnen,
    Zum Glockenspiele machtest du mein Herz
    Und weil es bebt in Sehnsucht und Frohlocken
    Drum tönt dein Name laut von allen Glocken.
    Nichts, was die Liebste tut, kann mir entrinnen:
    Du trugst vergangnes Jahr am neunten März
    Anders dein Haar geordnet als am achten.
    Entschwindet mir’s, dann scheint der Tag zu nachten.
    Wer sich zu lange der Sonne zugewendet,
    der sieht ein goldnes Rund in allen Ecken,
    und ich, von deiner Locken Glanz geblendet,
    Gewahre, fern von dir, rings blonde Flecken.
    Roxane (mit bewegter Stimme): Ja, das ist Liebe …
    Cyrano: Dies Gefühl, das mich
    Hinreißt in Eifersucht und Leidenschaft,
    Ist wahrlich Liebe, hat die Qual und Kraft,
    Der Liebe – und verlangt doch nichts für sich.
    Mein Heil, ich gäb’ es für das deine gern,
    Und ewig bliebe dir mein Tun verschwiegen;
    Den Abglanz nur möchte ich erspähn von fern
    Des Glücks, das meinem Opfer wär’ entstiegen!-
    Ein jeder Blick von dir lässt eine Tat,
    lässt eine neue Tugend in mir reifen!
    Verstehst du nun? Beginnst du zu begreifen,
    Daß durch die Nacht dir meine Seele naht?
    O süße, süße Nacht! O holdes Werben!
    Dies alles sag ich, und sie lauscht mir, sie!
    Das ist zu viel. So hoch verstieg sich nie
    Mein kühnstes Hoffen. Könnt ich jetzt nur sterben!
    Die Liebeskraft, die meinen Worten eigen,
    lässt Sie dort zittern zwischen blauen Zweigen!
    Ja, ja, sie zittert wie das Laub im Wind!
    Du zitterst! Und am leisen Blätterweben
    Spür ich, wie deiner Hände süßes Beben
    leicht am Jasmingeranke niederrinnt.
    (Er küsst leidenschaftlich das Ende eines herabhängenden Zweiges)
    Roxane: Geliebter, ja, ich zittre, bin entflammt
    Und bin berauscht.
    Cyrano: O göttlicher Genuß,
    dass dieser Rausch, mir, mir allein entstammt!
    Nichts anderes fordre ich mehr als …
    Christian (unter dem Balkon) Einen Kuß!
    Roxane (zurückprallend) Wie?
    Cyrano: Oh?!
    Roxane: Sie fordern?
    Cyrano: Ich …”

    Und schon ist’s vorbei mit der Sprache der Liebe. Dieser verdammte Idiot Christian! Dieser Kretin! Mein eigener Idiot damals hieß Catalin.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.