Aléa Torik: Liebe Orlanda, das war leicht! Was hältst du davon, wenn wir das von hier in die Wirklichkeit verlegen. Vielleicht ein Mittagessen in der Mensa. Morgen um zwölf oder um zwei? Misses Torik
Orlanda: Guten Tag Aléa Torik, wie ich höre, erwartet man von Ihnen das authentisch-sein. Statt dankbar zu sein, dass Sie einen Künstleroman geschrieben haben, ein Selbstbild in der Kunst und dabei vom Schreiben, von der Tätigkeit des Erfindens berichten. Sie sehen: ich habe am Wochenende doch...
Aléa Torik: Lieber Phorkyas jetzt weiß ich wieder, wen ich in meiner Aufzählung vergessen hatte: Sie. Das schlechte Gewissen, Ich hatte den mehrfach versprochenen Essay zur Zeittheorie auch angefangen, wieder weggelegt und dann einfach abgehakt. Hier waren ja in den letzten Monaten andere Sachen...
phorkyas: Liebe Aléa, so long and thanks for all the fish. Herzlich, Phorkyas PS. Falls Sie über Herrn Keuschnigs Kommentar gestolpert waren, dass der Konstruktion Ihres Avatars pekuniäre Absichten zu grunde lägen, und eine deutliche Distanzierung meinerseits fehlte, so bitte ich das zu...
Aléa Torik: Liebe Orlanda, vielen Dank für die aufmunternden Worte. Sie haben vollkommen recht. Beinahe vollkommen: Ich drohe nicht mir selbst, sondern ich versuche einen sinnvollen Lebensentwurf. Wenn ich nicht erkennen kann, dass das Schreiben diesen Sinn hat, dann kann ich es nicht...
Orlanda: Guten Tag Aléa Torik, ich wollte Ihnen schon länger schreiben, fand aber die nötige Ruhe und Zeit nicht. Einige Ihrer Einträge hier, bei Aisthesis und Iris Nebel habe ich gelesen. Ihre Texte gefallen mir sehr, Sie haben einen bisweilen coolen, dann wieder sehr empfindsamen Tonfall....
Aléa Torik: Lieber Avenarius, Sie Ihrerseits leben noch? Ich bekenne … dass es das eigene ist, das einmalig eigene Leben: „Das ist keine bloße Wortspielerei und schon gar keine Ungenauigkeit. Hier wird ein Zustand beschrieben, für den kein Wort gebraucht wird. Weil es womöglich keines dafür gibt....
Avenarius: Liebe Alea, Ich bekenne: Sie haben gelebt!
Aléa Torik: Lieber Bersarin, auch hierzu noch: Kritik ist immer willkommen, immer dann, wenn sie konstruktiv vorgeht, was offenbar keine ganz einfach zu erbringende Leistung ist. Beide Zeiten, die moderne und die vormoderne, kommen in den Romanen zur Sprache, deutlicher noch in „Aléas Ich“. Und...
Aléa Torik: Lieber Norbert, vielen Dank für den Kommentar. Für Fragen innerhalb des Blogs ist es wohl zu spät. Vielleicht wird es ein Außerhalb geben. Innerhalb der Blogosphäre ist wohl auch kein Verständnis möglich, weil ich ja die Konstruktion, die viele machen – es ist hier mein...
Aléa Torik: Lieber Bersarin, „schade, wenn morgen dieser Blog seinen Betrieb einstellt, aber doch nur konsequent, daß dieser Blog in seiner Existenz aufhört: nämlich von Aléa Torik zu berichten, von dem, was sie liest, wie sie liest, wie sie Berlin wahrnimmt.“ – Es ist auch für mich sehr schade,...
bersarin: Was die zwei Zeitachsen in DGdW betrifft, so sehe ich das Problem darin, daß – und hier liegt meine Kritik an beiden Romanen – viele Aspekte leider nur angerissen werden, die in den Motiven und im Raum des Textes stärker zur Entfaltung hätte kommen und intensiver hätten...
Aléa Torik: Lieber Christian, vielen Dank für den Abschiedsgruß! Danke für das Kompliment zu „Aléas Ich“. Das freut mich wirklich sehr. „ … that can allow you to be intimate with the world and with a mind and with characters that you just can’t be in the real world ….” . Das ist eine sehr schöne...
bersarin: Gerade zurück aus Portugal, genauer aus Lissabon, wo ich zehn Tage weilte, konnte ich die Debatte hier am Rande nur verfolgen, was schade ist. Gerne trüge ich dazu das eine oder andere Quantum an Theorie und Sichtung aus der Warte der Ästhetik bei. Nun. The game is over. Alles endet...
Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, ich weiß gar nicht recht, ob ich mich hier noch einmal äußern sollte, denn womöglich willst Du, weil ja mit dem 1. Mai 2013 das Blog ganz sinnigerweise endet, hier nicht mehr darauf antworten. Also will ich am besten keine Fragen aufwerfen, sondern allein sagen,...
Christian: Hallo Alea, bevor sich hier der Vorhang schließt, auch von mir ein kurzer Abschiedskommentar. Damals über David Foster Wallace hier gelandet und seitdem regelmäßig mitgelesen. Bei DGDW hoffe ich ja immer noch auf eine Hörbuchfassung. Da ich den Blog schon lange kenne, kann ich nur von...
Aléa Torik: Lieber NO, tatsächlich die genannten Personen haben alle indirekt mit unserer Bekanntschaft zu tun, am ehester aber noch Wallace, der nichts davon wusste. Wie man eben üblicherweise nichts von den Lebenswegen der anderen weiß, die man möglicherweise beeinflusst. Oder auch nicht. Vier...
Aléa Torik: @ Anne: ob mit oder ohne Anrede, Du oder Sie, ob man einer ist oder eine oder etwas dazwischen. ob man sich in seinem Kommentar auf den Inhalt des Artikels bezieht oder nicht, ob man sich verständlich ausdrücken kann oder nur unverständlich: das ist alles einerlei; nur um eines möchte...
Aléa Torik: Liebe Alice, „Ich“ sagen kann jeder. Macht auch jeder. Muss auch jeder machen. Man muss den Ort, an dem man sich befindet, identifizieren. ‘Ich’ ist nach Mama und Papa wahrscheinlich das dritte Wort, das ein Kind lernen muss. Oder jedenfalls ein sehr zentrales. Dabei ist...
23Februar2013
“Das Ich gilt, aber nicht mein Ich”
Über Jean Paul und die Verfremdung, von Navid Kermani: Heute, also vielmehr morgen, in Deutschlandradio Kultur, ab 00.05 Uhr. Ich bin gespannt. Es ist nicht nur das Thema, das mich außerordentlich interessiert. Auch Navid Kermani und Jean Paul versprechen einen intellektuellen Genuss.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
In gewisser Weise ist das der längste Artikel, der hier je erschienen ist. Sie brauchen exakt sechs Tage.
Ich sagte in einem der letzten Artikel, ich wisse noch nicht, wo ich mich in den kommenden Monaten aufhalte, aber ich könne das Blog von allen Orten der Welt aus moderieren. Ich meinte natürlich: von allen Orten meiner Welt. Von hier kann ich es nicht bedienen.
Ich brauchte ein wenig Zeit, um es zu verstehen. Das ist ein Kunstprojekt. Sechs Alpinisten beim sechstägigen Aufstieg zum Nanga Parbat. Sechs Künstler suchen Antworten auf die Frage, warum der Mensch sich so einem Abenteuer aussetzt.
Sie müssen nach dem Ladevorgang auf das Wort „Basislager“ klicken. Man kann in der Höhe und in der Zeitleiste und teilweise sogar in den Bildern navigieren: wenn man mit dem Mauszeiger gegen den Bildrand drückt. Die Bilder wechseln, wenn Sie die Uhr in der Zeitleiste verschieben, je nach Tageslicht. Es sind auch einige Interviews eingearbeitet. Man muss ein wenig probieren. Und hören Sie sich die Musik dazu an! Jeder Tag bringt eine neue musikalische Inszenierung. Gute Reise!
Bis zum 23 Januar noch: zwei Worte um das Captcha auszutricksen.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Der Dezember ist nicht mein Lieblingsmonat. Alles dreht sich um Weihnachten, um das Kaufen von Geschenken. Es ist die Zeit, in der ich mich am wenigsten wohl fühle in meiner Haut und der Monat, schon immer gewesen, in dem ich am wenigsten produktiv bin. Ich bin am Ende des Jahres auch am Ende meiner Kräfte. Wenn ich mir meine Aufenthaltsorte frei aussuchen könnte, würde ich den Herbst in Bukarest verbringen, den Sommer in Berlin, den Frühling in den Bergen Transsilvaniens und den Winter am Meer. Aber dann käme ich wahrscheinlich durcheinander.
Es war ein wechselvolles Jahr. Es gab, wie wohl bei Ihnen allen, nicht nur gute Dinge. Immer dann, wenn mir das heiße rumänische Blut überkocht, laufen die Dinge nicht so wie ich mir das vorstelle. Dabei kocht es ja über, weil die Dinge falsch laufen. Irgendetwas im Verhältnis von Ursache und Wirkung ist da nicht miteinander in Einklang zu bringen. Der eine Roman ist fertig, der zweite in Arbeit, für den dritten gibt es eine Skizze. Ich habe einen Essay geschrieben, vielmehr überarbeitet, und einige abstrakte Ideen für weitere kleine Texte. Ich habe an der Uni ein paar wichtige Dinge getan und andere angeschoben. Es sind Dinge zu Ende gegangen und, wichtiger, andere haben angefangen. Ich habe getrauert und gehofft und letztlich war das Verhältnis dieser Strebungen ausgeglichen; mit einem deutlichen Übergewicht ins Positive. Allerdings ist mein Gemüt so veranlagt, dass es die Dinge, die in der Schwebe sind und von Natur aus nirgendwohin neigen, in diese positive Richtung drängt. Nur Schmerz oder Lust, nur Trauer oder Hoffnung: das hält kein Mensch aus.
Ich bleibe, wie in den beiden vergangenen Jahren, in Berlin. Ich bleibe zu Hause statt nach Hause zu fahren. Das ist eines der Dinge, die man positiv oder negativ empfinden könnte. Ich schlafe aus. Ich lese und schaue bisweilen aus dem Fenster. Ich denke an Geldorf, den schönen und stolzen Labrador, mit dem ich am Breiten Luzin Freundschaft geschlossen habe. Er hat mich vor den Geistern des Sees beschützt und ich habe ihm zum Dank das erste Kapitel von „Das Geräusch des Werdens“ vorgelesen. Da er auch aus Berlin kommt – aus Lichtenrade, wo ich noch nie war – werde ich ihn mir für einen langen Weihnachtspaziergang ausleihen. Darauf freue ich mich sehr! Bei dieser Gelegenheit werde ich ihn auch einmal auf sein kauendes und gähnendes Verhalten bei meiner kleinen Lesung ansprechen. Ich bin sicher, der hat ein schlechtes Gewissen.
Das letzte wird bei dem einen oder anderen Verwunderung auslösen. Ich weiß, dass es hierzulande vielgelesen ist. Ich aber kenne es nicht und deswegen lese ich es. Ich werde mich, was ich gut kann, in mich zurückziehen. Ich schalte alle Lampen um mich herum aus und meine eigene an.
Ich wünsche Ihnen allen eine gute Zeit, ein schönes Fest und geruhsame Tage danach! Machen Sie mal einen Spaziergang! Mit oder ohne Hund. Ich hoffe, es ergeht Ihnen wie mir, dass Sie sich auf das neue Jahr freuen. Ich freue mich unbändig!
Crăciun fericit! – Frohe Weihnachten!
Und dann doch noch etwas Weihnachtliches, aus Südamerika, Agentienien: Ariel Ramírez, Missa Criolla, wir hören das Gloria mit Jose Carreras!
Nachtrag: Als ich heute las was ich gestern schrieb, hatte ich das Gefühl, dass es in einem Punkt nicht der Wahrheit entspricht. In Wirklichkeit war das ein ganz außergewöhnlich gutes Jahr! Ich bin gerade nur kaputt und das ist ein Zustand, den zu begreifen ich mich schwer tue. Das sind Tage, an denen nichts läuft und ich nicht verstehe, warum das so ist. Das verdunkelt meine Stimmung. Bis ich dann begriffen habe, dass ich nicht mehr kann. Und dann lasse ich es auch gut sein. So ein Zustand war das gestern. Ich hatte heute ein langes und außergewöhnlich gutes Gespräch mit meinem Verleger. Jetzt lasse ich bis Sylvester alles liegen und lege mich dazu. Am ersten Januar stehe ich wieder auf.
Bei Kommentaren bitte beide Worte des Captcha eingeben. Das ändert sich im neuen Jahr.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Solange ich hier angeschossen im Bett liege, kann ich nichts machen. Ich habe noch einen Beitrag in Reserve, den muss ich jedoch zuvor Korrektur lesen. Also noch einmal Musik.
Der Dezember beginnt wie alle Monate mit diesem Namen, mit einem ersten Dezember. Wie überhaupt alle Monate mit dem Ersten beginnen. Das ist recht monoton. Bei ihrem Namen variieren die Monate noch, aber dann hört es auch schon auf und sie laufen chronologisch von vorne nach hinten durch. Da ist nicht ein Monat dabei, der mal ein wenig Eigensinn aufbrächte, nicht einer, der sich mal was traut und aus der Reihe tanzt. Nicht einmal für einen einzigen Tag. Mit den einfachsten Mitteln könnte man hier ein wenig Veränderung anbringen: zuerst kommen die geraden, dann die ungeraden Tage; Erst die runden, dann die eckigen Zahlen; Von hinten nach vorne könnte es gehen oder Querbeet; In Fünferschritten oder stochastisch. Was wollte ich sagen? Ach ja: machen wir lieber Musik.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Ich mag es eigentlich nicht, das zu sagen was andere sagen. Ich mag es nicht, zu denken was andere denken. Es lässt sich aber, trotz der Vielzahl der Worte, nicht vermeiden, da es keine unendliche Anzahl vernünftiger Gedanken gibt. Ich mag es nicht, das zu zeigen, was andere zeigen. Aber es lässt sich nicht vermeiden, da es auch keine unendliche Anzahl schöner Dinge gibt. Schöner und sinnvoller Dinge, die sich anzuschauen lohnt. Die wenigen aber muss man verbreiten.
Morgen in aller Frühe geht es nach Rumänien. Endlich. Ich hatte in den vergangenen Tagen auf nichts anderes mehr Lust. Ich breche hier regelrecht zusammen oder auseinander. Es ist gut, dass es jetzt nach Hause geht. Für eine gewisse Zeit. Mehr als eine gewisse Zeit Zuhause ist nicht zu haben. Dann gehen wir wieder in die Fremde und träumen von Zuhause. Andere träumen von der Fremde. Oder sie träumen gar nicht. Das ist die bedauerlichste Variante.
Ich werde etwa zwei Wochen unterwegs sein. Ich werde auf der faulen Haut liegen, dem Opa beim Holzhacken zuschauen und der Oma beim Einkochen helfen. Ich werde mit aufs Feld gehen und das neue Fohlen anschauen. Ich werde das Kind meiner Eltern sein. Ich werde die sein, die ich hier nicht bin und nie sein kann.
Wer hier als Kommentator/in angemeldet ist, kann Texte einstellen. Alle anderen müssen sich gedulden, bis ich wieder zurück bin. Ich schaue unterwegs in keinen Computer. Wenn ich wieder in Berlin bin, zeige ich Fotos. Dieses Mal aus Bukarest.
Ich wünsche Ihnen allen einen schönen Sommer.
Bonnie ‚Prince‘ Billy – “New Partner”
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Das Video habe ich gefunden. Das wollte ich auch haben. Also habe ich es mir genommen. So ist das im Internetzeitalter. Da nimmt man sich, was man haben will. Das hat unbestreitbar seine Vorteile: solange man selbst nehmen kann. Anders, ganz anders, sieht die Sache natürlich aus, wenn es einem genommen wird.
Bitte bei Kommentaren beide Worte eingeben. Ich bekomme das gerade nicht anders hin.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Timişoara ist das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum des Banat und die zweitgrößte Stadt Rumäniens. Im Barockpalast ist das Kunstmuseum der Stadt zu finden, das Muzeul de Artă Timişoara.Das Video zeigt die beste Lichtinstallation, die ich jemals gesehen habe. Ich finde, es steigert sich immer weiter. Das muss man laut hören und über den ganzen Bildschirm ansehen.
Nachtrag I: Wie ich gerade in einem sehr langen und witzigen Gespräch mit Lavinia erkannt habe, zeigt das Video etwas ganz anderes als dieses Museum. Also alles wieder zurück: das Video ist hervorragend, aber es ist wahrscheinlich in Ungarn, denn das Museum in Timişoara hat weniger Etagen. Alles sehr mysteriös!
Nachtrag II: Die Angelegenheit hat sich aufgeklärt. Ein uns nicht bekannter Bukarester Blogger hatte dieses Video verlinkt und behauptet, das sei in Timişoara, der Palatul Baroc. Das haben dann andere gedankenlos abgeschrieben, einschließlich mir. Da war man so stolz, was die Rumänen für großartige Lichtinstallationen hinbekommen, dass keiner in den Abspann geschaut hat, wo deutlich steht, dass es ein Gebäude in Budapest ist. Nun haben Rumänen und Ungarn ein eher schwieriges Verhältnis zueinander, was sich vor allem an Siebenbürgen entzündet: beide Länder erheben einen Anspruch auf dieses Gebiet. Jedenfalls endetet mein Gespräch mit Lavinia im Gelächter als sie sagte: Die Ungarn sollen sich mal nichts einbilden, Licht an- und ausschalten kann man auch woanders. Das ist ja auch egal, wer es gemacht hat: es ist einfach beeindruckend. Ich werde nicht die Überschrift des Artikels ändern. Das ist jetzt wie auf dem Bild, unter dem die Worte zu lesen sind: Das ist eine Banane. Dieses Bild zeigt einen Apfel.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Manches kann nur im Verborgenen geschehen. Es erblickt vielleicht einmal das Licht der Welt. Oder auch ein kleineres Licht. Entstanden ist es in Dunkelheit. Das ist mit dem Schreiben auch so. Man sitzt sehr lange an seinen Texten, gerade an jenen, die Norbert W. Schlinkert einmal als „Königsdisziplin“ bezeichnet hat, an Romanen. Man arbeitet nicht nur am Text, man arbeitet an seinen Fähigkeiten. Und gegen seine Unfähigkeiten. Da kann man froh sein, wenn man die beiden in ein einigermaßen zufriedenstellendes Verhältnis zueinander bekommt. Diese Arbeit braucht Abgeschiedenheit. Einsamkeit. Dunkelheit.
Ich habe nichts gegen den Film als Medium oder als Kunst. Mir persönlich ist das ein wenig zu schnell, die Bilder sind zu schnell, die Charaktere, die in 90 Minuten dargestellt werden müssen, zu schnell entwickelt und zu schnell wieder weg. Der Film ist nicht mein Medium, es ist mir zu unterhaltend, zu viel Hollywood. Diese Gründe, ich könnte weitere nennen, sind allerdings nur vorgeschoben. Der wahre Grund meiner Skepsis gegenüber dem Film ist die Skepsis gegenüber ihren Akteuren. Ich kann diese Filmschauspieler nicht leiden. Ich kann auch deren Fans nicht leiden. Ich mag deren Wichtigkeit nicht, deren Gier nach Rampenlicht und nach Bedeutung.
Ich bin kein Fan. Von nichts und niemandem. Ich kann Leute mögen, ich kann sie lieben, verachten, bewundern, sie können mir gleichgültig sein, ich finde sie aufregend, anregend, abregend und ich kann mir auch noch manches andere vorstellen. Aber ein fanatisches Verhältnis ist für mich unvorstellbar. Weil dieser Fanatismus ein Licht mit sich bringt, weil er eine Art Licht braucht oder erzeugt, das ich abstoßend finde.
In der Dunkelheit entstanden ist auch, was in dem folgenden Video zu sehen ist. Ein Freund aus Bukarest hat mir diesen Link geschickt. Vivian Meier hat hunderttausende Fotos gemacht. Fotos, die nie einer gesehen hat. Die nicht gemacht worden sind, damit sie einer sieht. Und dass sieht man ihnen an, dieses besondere Licht, das es im Film nicht gibt.
Ich war noch nie in New York. Vielleicht komme ich auch nicht hin. Das Finanzierungsproblem ließe sich noch umgehen, umgehen aber lässt sich nur schwer, dass New York in Amerika liegt. Amerika liegt aber auf der anderen Seite. Nicht nur auf der anderen Seite der Welt. Sondern auf der anderen Seite meiner Angst. Ich habe ja diese Flugangst. Ich bin notgedrungen Festlandeuropäerin. Da ich mir manchmal Dinge vorstelle, nicht nur Figuren, Handlungen oder Wohnungseinrichtungen, durch die Gegend fliegende Vasen, was man sich so vorstellt. sondern auch, wie man diese Dinge zu Geschichten und Romanen verbindet, ist es ein Leichtes, mir so etwas wie New York vorzustellen. Wer wissen möchte, wie ich mir diese Stadt vorstelle, kann das hier sehen.
Die Geografie in ihrer derzeitigen Erscheinungsform
Ich war noch nie in New York, aber ich stelle ich mir das vor wie in dem Video. Ich war noch nie in New York, weil das so weit weg ist. Ich weiß ja nicht, wer sich die Geografie ausgedacht hat, aber ich find‘s unpraktisch. Hätte man das nicht alles ein bisschen näher aneinander liegend anordnen können? Ich muss 24 Stunden mit dem Zug fahren, um meine Eltern und Großeltern zu besuchen. Das ist doch absurd. Ich empfinde das geradezu als Zumutung. Ich halte die Geografie in ihrer derzeitigen Erscheinungsform für zumindest revisionsbedürftig.
Da kommt kein Text mehr. Keine genaue Darstellung, wie ich mir das vorstelle, dieses Aufs-Maul-hauen. Das ist nämlich nicht mein Text. Ich hörte diese Worte heute Vormittag in der Bibliothek, diesen halben Satz. Darin lag eine Menge Verachtung. Der Satz wurde mehr dahin gekotzt als dass er ausgesprochen wurde. Der Typ, der das sagte, war nicht schlecht gekleidet, sicher keiner der materiell Benachteiligten in dieser Gesellschaft. Vielleicht hat er in seinem Eifer übersehen, dass er genau zu jenem Personenkreis zählt, zur Zielgruppe derer, denen er da gerne was aufs Maul hauen wollte. Womöglich kannte er die Bedeutung des Substantivs auch nicht genau. Oder er hatte Angst vor denen, die der Bourgeoisie aufs Mal hauen wollten und meinte, sich ihnen angleichen zu müssen, indem er sich über die Maßen ereifert. In der Hoffnung, sie würden ihn nicht als denjenigen identifizieren, dem sie ihrerseits gerne was aufs Maul hauen würden.
Weil das der falsche Ansatz ist, Leuten was aufs Maul zu hauen, gibt’s jetzt stattdessen was auf die Ohren: Coco Rosie, Tekno Love Song
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Wer zu dem Konzert von Maxim Belcuig fahren möchte, das findet in Iaşi statt. Das liegt an der Grenze zu Moldawien, hier. Das hört sich an, als sei es ziemlich weit weg. Das ist es auch. Allerdings kommt der Reisende seinem Ziel , indem er sich darauf zubewegt, auch näher. Es verliert also an Ferne und man erkennt: das waren relative Begriffe. Allein deswegen lohnt die Reise sich schon. Und die Musik ist auch gut. Da es erst am kommenden Mittwoch um 19.00 Uhr stattfindet, ist noch Zeit. Man muss im Leben auch mal ein bisschen was wagen!
Und wer tatsächlich dahin fährt, der darf dann hier ausführlich von Reise und Konzert berichten.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Aléa ist mit ihren Gedanken woanders. Das ist ein sehr zentraler Satz in meinem Leben. Er stammt von meinem Rumänischlehrer, Herr Constantin Nicolescu. Er muss ihn mir irgendwann ins Schulheft geschrieben haben. Vielleicht hat er ihn auch meiner Mutter gesagt und die hat ihn dann vor mir wiederholt. Aber das glaube ich nicht. Ich habe diese Worte deutlich vor Augen. Ich sehe sie auf dem Papier. Ich sehe die Ränder der Buchstaben verschwimmen. Ich rieche das Papier, das anders riecht als Papier hier riecht. Papier in Deutschland hat keinen Geruch.
Ich habe diesen Satz abgeschrieben. Ich habe das Schreiben geübt. Meine Handschrift war nicht gut. Obwohl ich immer mit einem Füller geschrieben habe. Den Füller habe ich zur Einschulung bekommen, ein deutsches Markenprodukt von Pelikan, mit dem, wenn ich mich richtig erinnere, schon mein Vater geschrieben hatte. Ich hatte Schwierigkeiten mit dem Füller die Buchstaben aufzumalen. Ich konnte die Hand nicht ruhig halten, um diese abstrakten Figuren so aufzumalen wie sie aussehen sollten. Ich konnte sie auch nicht gut auseinander halten. Sie hatten überhaupt keinen Sinn, keinen unterschiedlichen Sinn. Ein A war nichts anderes als ein B. Es sah nur anders aus.
Eines Tages habe ich entdeckt, dass Herr Nicolescu eine viel schönere Handschrift hatte, lange geschwungene Zeichen, wo meine eigene Handschrift eckig und kantig war und dieses kindliche Element aufwies. Ich wollte auch eine schöne Handschrift haben. Also habe ich versucht die Schrift meines Lehrers nachzuahmen. Stundenlang saß ich zu Hause und schrieb, was er mir ins Schulheft geschrieben hatte, einfach ab: Aléa hat Schwierigkeiten dem Unterricht zu folgen, Aléa lässt sich zu leicht ablenken, Aléa ist mit ihren Gedanken woanders.
Aléa ist mit ihren Gedanken woanders. Wo war ich, wenn ich woanders war? Ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Wovon habe ich damals geträumt? Ich kann mich an Intensitäten erinnern, ich kann mich an diese Abwesenheiten erinnern, aber wo ich war und wie ich dort war, weiß ich nicht mehr. Bin ich heute auch noch so, wenn ich davon träume, eine gute Schriftstellerin zu werden? Bin ich mit meinen Gedanken woanders? Ist das nicht die notwendige Voraussetzung, um zu schreiben, dass die Gedanken woanders sind, woanders hin wollen?
Das Schreiben – das ein Imitieren war – funktionierte immer dann ganz gut, wenn ich mich voll und ganz auf den Prozess konzentrierte, auf den Schwung des Füllers von oben nach unten. Und auf die Linie, die die Tinte auf dem Papier hinterließ. Ich bin ganz nah mit dem Kopf an den Füller herangegangen und die Linie die er auf dem Papier hinterließ . Ich lag beinahe mit dem Kopf auf dem Tisch, ich wollte das ganz genau wissen, was ich da schrieb. Ich musste mich auf das Schreiben konzentrieren, auf die geschwungenen Linien. Das gefiel mir am Schreiben, die Rundungen der Buchstaben und ihrem Schwung. Dabei gab ich mir die meiste Mühe. Manchmal aber ging mir dieser Schwung verloren, und ich machte wieder die zackigen und eckigen Bewegungen, die meine eigene Handschrift kennzeichnete.
Ich saß da, übte die Handschrift meines Lehrers, und die Jahre vergingen. Meine Handschrift hatte sich längst gefestigt. Sie veränderte sich nicht mehr und ich imitierte auch nicht länger die eines anderen. Meine Schrift hatte nie das Kalligrafische meines Lehrers, aber ich war zufrieden mit ihr. Ich fand sie schön und ausdrucksvoll. Sie hatte immer noch etwas Gemaltes. Und in jedem Wort, in jedem Schwung steckte dieser eine Satz, den ich damals unzähliche Male hingeschrieben habe: Aléa ist mit ihren Gedanken woanders. Ich saß da und die Jahre vergingen.
Heute schreibe ich nur noch wenig mit der Hand. In Seminaren schreibe ich in meinen Blog, ich mache mir auch unterwegs Notizen, ich schreibe irgendwelche Ideen auf. Immer noch mit einem Füller von Pelikan. Aber den weitaus größten Teil sitze ich am Rechner. Ich schreibe nicht mehr, ich tippe. Ich tippe in die Tastatur meines Laptops. Ich tippe in mein Handy, ich tippe den Überweisungsschein auf der Bank.
Jetzt bemerke ich, dass ich etwas verloren haben, was ich mir damals unter viel Mühe habe aneignen müssen. Etwas, das ein Ausdruck meiner Individualität gewesen ist. Die Worte, die hier stehen, sind lediglich durch das Drücken von Tasten entstanden. Ich schaue da nicht einmal hin, ich schaue auf den Bildschirm. Und doch bin ich, wie damals, wenn ich die Zeichen aufgemalt habe, nicht bei der Sache. Ich bin auf eine seltsame Art abwesend.
Aléa ist mit ihren Gedanken woanders. Ich habe oft darüber nachgedacht, meinem Lehrer einen Brief zu schreiben. Dieser eine Satz hat mir mehr geholfen im Leben als alles andere, mehr als das Stipendium, das mich drei Jahre ernährt hat. Lieber Herr Nicolescu: Ich bin mit meinen Gedanken noch immer woanders.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Und gleich noch einmal dieselbe Band hinterher, Folkmusic. Ich kann ja nicht nur arbeiten. Und Musik ist gut für die Seele. Oder was immer man an dieser Stelle heute hat.
Mumford & Sons – Winter Winds
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Seit wann ist denn das Pathetische wieder in der Musik zurück? Oder war es nie weg? Jedenfalls finde ich die Musiker ausgesprochen attraktiv. Vielleicht ist die ganze Literatur einfach ein Irrweg. Ich gehe ab sofort einen musikalischen Weg. Oder die Krise von gestern dauert noch an. Wenn sie mit so attraktiven Männern aufwarten kann, dann ist die Krise ein gern gesehener Gast.
Mumford & Sons, Little Lion Man.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Das ist es, was ich will: erzählen. Und ich will mir auch etwas erzählen lassen. Hier ist ein wunderschönes Beispiel, dass man dies nicht nur mit Worten tun kann, sondern auch mit ein bisschen Musik, einem beleuchteten Bildschirm und etwas Sand. Offenbar handelt es sich um die Gewinnerin eines ukrainischen Talentwettbewerbs.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Bis zum Internet 3.0 muss man für den Rauch selbst sorgen. Den Schall gibt’s bereits in der aktuellen Version. Bei der Lektüre des Textausschnittes von Edmond Rostand, oder besser des ganzes Buches, sollte man das Folgende hören. Immer wieder. Die Wiederholung hat nichts monotones, sondern das schichtet sich aufeinander, das drückt aufeinander und wird dadurch immer dichter und dichter. Antony and the Johnsons; Daylight and the sun.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.