Diesseits
Jensseits
Kommentare:
Aléa Torik: Lieber Christian, vielen Dank für Ihre Rückmeldung! Ich freue mich, dass Sie ungeduldig waren. Ungeduld ist ja nicht nur fehlende Geduld, sondern auch Neugier und das ist es eben, was...
Aléa Torik: Liebe Alice und lieber Dietmar, ich habe diesen Beitrag der meinen Roman ankündigt jetzt oben weggenommen. Das war tatsächlich wohl nicht förderlich für die anderen Artikel und wer hier...
Aléa Torik: Liebe Dietmar, lieber Avenarius, vielen Dank für die Hinweise. Ich kann mit Technik wenig anfangen. Ich habe dem Mann, der diese Umstellungen macht, eine Mail geschrieben. Er hat...
Christian: Hallo Alea, ok, ich war zu ungeduldig um auf’s angekündigte ebook zu warten. pardon. Warten ist keine Stärke von mir. Ich werde das Warten gerne nochmal üben. Und zwar auf die...
avenarius: Krummes ist gerade geworden, halbes voll.- Meine Hinweise von soeben haben sich scheinbar erledigt. Einen schönen eisigen Tag avenarius
avenarius: … andere kommen zweimal – alles geht schief.
avenarius: Der jeweils erste Kommentar geht unter. Freundlichst – avenarius
Der Buecherblogger: Liebe Aléa, leider lassen sich auch die Kommentare anscheinend nicht mehr aufrufen. Den von Alice kann ich nur links bis zu den drei Punkten lesen, der Kommentar selbst wird nur...
Alice: Liebe Aléa, vielleicht liegt das auch daran, dass man bei einem kurzen, flüchtigen Besuch gar nicht merkt, dass Sie einen neuen Text eingestellt haben, denn ganz oben steht immer noch der...
Aléa Torik: Liebe Ulrike, es muss nicht jede_r eine vollständige Rezension einstellen. Ich freue mich, wenn du etwas mit dem Buch anfangen kannst und Leute kennst, die das auch können. Nicht nur...
Aléa Torik: Liebe Claudia, hier wird’s auch kalt, aber keine sibirische Kälte. Nur einfache Kälte. Ich mag Winter und Kälte auch sehr, vor allem draußen, wenn man schön warm angezogen ist und wenn...
Ulrike Berretz: Liebe Aléa, am Wochenende habe ich das Geräusch das Werdens in Happen sprich Kapiteln genossen. Und direkt Montag ein weiteres Exemplar an eine Kollegin verschenkt. Nicht besonders...
Claudia Katzmarski: Liebe Aléa, ja, hier in Stockholm ist es auch sehr kalt! Aber es ist auch genau die richtige Zeit, sich mit (d)einem guten Buch in einen gossen Sessel zu kuscheln… Liebe...
Aléa Torik: Lieber Avenarius, da muss noch mal der Mann mit dem Bohrer oder dem Hammer ran! Ich werde dem gleich mal eine Mail schreiben. Was haben die Menschen eigentlich früher gemacht, als...
avenarius: Liebe Alea, komisch, dass diese Internetzseiten regelmäßig in funktioneller Hinsicht kollabieren. Selbst Fachleute wundern sich, wenn sie sehen, wie ihr Model auf dem Laufsteg aus den...
Aléa Torik: Ich fürchte fast, dass da noch einiges nicht in Ordnung ist. Der Kommentar steht dort, wo er stehen soll, aber er ist dreimal vorhanden. Oder zehn Mal. Da muss ich noch etwas ändern.
Aléa Torik: Lieber Phorkyas, ich bin heute kurz angebunden. Entweder bin ich im Stress oder ich bilde mir das nur ein. Warten Sie noch ein paar Tage und dann kommt der Artikel. Allerdings dürfen...
phorkyas: Liebe Alea, dann warte ich gespannt. Vielleicht gibt es dann ja auch was Neues zu überlichtschnellen Neutrinos, Higgs-Bosonen oder dunkler Materie. Herzlich, Phorkyas
Aléa Torik: Lieber Herr Iffland, ich bin auf Ihre Reaktion gespannt. Es wird sicher viele verschiedene Reaktionen geben und was dem einen gefällt, ist dem anderen ein Graus. Das ist der Reichtum,...
Iffland: Liebe Aléa Torik, manchmal ist man ja verblüfft über so manche Entwicklung in unmittelbarer Nähe, so dass Ihre Frage nach meinem Befinden ausgerechnet heute -und trotz meiner Sparsamkeit...
Wie soll ich’s machen?
Am Ende meines Lebens werde ich etwa achtzig Jahre alt sein und achtzig Meter Bücher besitzen oder doch gelesen haben. Neunundsiebzig Meter davon sind mit neunundsiebzig Jahren überflüssig. In den letzten Momenten geht es nur noch um den einen Meter außergewöhnlich guter Literatur, die besten Texte aller Zeiten und Sprachräume. Wenn man vor seinem Herrgott steht, hat man nicht die Muße, miteinander das ganze Bücherregel abzuschreiten und die Vorzüge und Nachteile eines jeden Titels abzuwägen. In den letzten Momenten kann man nur noch sein Bestes vorzeigen. Gott will wissen, was man gelesen hat und ob es sich lohnt, dass er sich das auch bestellt.
Bei achtzig Jahren und achtzig Metern kommt etwa einmal im Jahr etwas Außergewöhnliches dazu. Ich habe in den letzten Tagen des vergangenen Jahres ein solches Buch gelesen. In diesen seltenen Fällen ist das Lesen ja das reine Glück. Andere empfinden so etwas vielleicht bei der Besteigung eines Berges oder beim Tauchen. Nun stehe ich allerdings vor einem Problem: Ich weiß nicht wie ich es bewerkstelligen soll, das hier vorzustellen. Eine ernsthafte Auseinandersetzung würde mich Wochen kosten, wie damals bei David Foster Wallace. Das sind 1200 Seiten, die ich noch ein zweites Mal lesen müsste und das Schreiben eines konsistenten Textes mache ich auch nicht an einem Sonntagvormittag. Das kostet mich vier Wochen und diese Zeit habe ich in diesem Jahr nicht.
Es handelt sich um Wolf von Niebelschütz: Der blaue Kammerherr. Das ist einer der reichsten und reichhaltigsten Romane aus deutscher Feder. Das sprüht und spritzt nur so vor Witz und Ideenreichtum. Die Kinder der Finsternis hatte mir schon gut gefallen, aber das hier ist noch besser. Ich finde es nicht erstaunlich, dass die Romane von Umberto Eco ein solches Medienecho hervorrufen. Eco ist dabei nicht einmal der größte Stilist. Erstaunlich ist vielmehr es im Deutschen ein ähnliches Schwergewicht gibt und man offenbar nahezu nichts davon weiß. Kaum ein Mensch kennt den Autor dieser zwei Romane. Obwohl er besser ist als Umberto Eco. Beide sind auch im gleichen Feld tätig: Abenteuerromane.
Eigentlich müsste ich eine Zeitung oder eine Zeitschrift suchen, die mir Geld oder Ruhm verspricht. Dann wäre ich verpflichtet, es zu tun. Zeitungen interessieren sich allerdings nur für aktuelle Bücher. Und Zeitschriften, Literaturzeitschriften sind eher träge oder antworten nicht, wenn man ihnen schreibt. Ich kenne die Szene auch nicht so gut. Ich habe es einige Male probiert und nie eine Antwort bekommen. Ich werde es vielleicht mal bei Edit, den Manuskripten, LETTRE und beim Schreibheft versuchen. Oder ich suche mir eine literaturwissenschaftliche Zeitschrift. Aber die alle wollen einen fertigen Text. Und dann schaffen sie es nicht einmal, eine Absagemail zu schreiben.
Diese Dinge bedeuten viel Lauferei, sehr viel sinnlose Arbeit, totale Zeitverschwendung. Ich könnte mit meinem Professor sprechen. Dann muss es allerdings auch einen Niederschlag in meiner Dissertation finden, sei es als Exkurs oder als eine mörderische Fußnote, und das wird richtig Arbeit. Vielleicht gibt es auch die Möglichkeit zu einem Lexikonartikel. Lexika allerdings werden ja auch nicht alle Tage neu geschrieben. Ich weiß derzeit nicht wie ich es machen soll.
Bis zum 23 Januar noch: zwei Worte um das Captcha zu überlisten.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema lang, Paralipomena | Eintrag von Aléa Torik | um 14:30 eingtragen | Kommentare: 4 | Kommentieren
Die „Costa Concordia“
Die, die hier regelmäßig lesen, wissen, dass ich nicht sehr medienaffin bin. Ich gehe nie ins Kino, ich schaue sehr selten Fernsehen oder höre Radio. Dann und wann schaue ich aus meinem Fenster und bin manchmal schockiert. Vor allem, wenn es um Unglücke geht. So habe ich im Frühjahr letzen Jahres nach Fukushima geschaut und so schaue ich jetzt auf das Schiffsunglück nach Italien. Anders als im vergangenen Jahr will ich versuchen zu verstehen, was ich auf solchen Bildern (aus der Süddeutschen Zeitung und dem Spiegel) sehe.






Die Metaphorik von Natur und Technik überschneidet sich hier auf interessanteste Weise. Das Schiff, die Technik, sieht aus wie ein gestrandeter Wal. Dieses riesige Schiff, das da beinahe am Strand liegt, auf der Seite, und aus eigener Kraft nicht wieder wegkommt. Die Motoren, die Rotoren, die Turbinen, so könnte man sich vorstellen, drehen mit aller Kraft, der Wal schlägt mit seiner Schwanzflosse, aber es reicht nicht, um sich dort weg zu bewegen. Die Kraft, die innerhalb des Mediums Wasser zigtausende Tonnen bewegen kann, ist außerhalb vollkommen machtlos. Wehrlos liegt das Meeres-Ungetüm auf der Stelle.
Da liegt das Schiff und alle stehen am Strand auf der Insel und sehen ihm beim Sterben zu. Die Dramatik wird dadurch verstärkt, dass womöglich noch Menschen eingeschlossen sind, wie Jonas im Wal. Es ist nicht irgendein langweiliges Containerschiff. Es ist ein Kreuzfahrschiff. Hier wird deutlich das Humane in den Mittelpunkt gestellt. Das ist ein Container, der Menschen transportiert die jetzt eingeschlossen sind. Wie die Seemöwen auf dem Wal, klettern die Feuerwehrleute auf dem Ungetüm herum, die Möwen picken ein Loch in den Koloss, die Feuerwehr klopft, um nach Eingeschlossenen zu suchen.
Lesen konnte man, dass die Menschen die das Unglück erlebt haben, sagten, die Kollision und die anschließende Schräglage, die Havarie des Schiffes sei wie in dem Film „Titanic“ gewesen. Der Film, der ein tatsächliches Unglück nachspielt – die Kunst, die die Natur imitiert und nachahmt -, wird so zum Vorbild für ein natürliches Ereignis: Zu einem emotionalen Vorbild. Der Film Titanic ist eine Wirklichkeit, die durch das Erleben einer ähnlichen Situation höchstens imitiert werden kann. Das wahre Erleben des Menschen, so scheint es, ist durch die Medien gegeben. Die Menschen schauen auf ihr Display, wenn sie wissen wollen, wie der Verkehr ist, nicht auf die Straße, wenn sie sie überqueren.
Das wahre Leben im Film: Man hat auf See vielleicht nicht nur sein Vergnügen gesucht, die Langeweile oder den Blick aufs Meer, sondern das Abenteuer und die Gefahr. Weil man dachte, dass das wie im Film ist. Ich habe „Titanic“ nicht gesehen, aber ich vermute, dass die Hauptpersonen das Unglück überlebt haben. Wie im Film! Da kann man sich ja eigentlich nicht beschweren. Oder, wenn man sich doch beschwerte, dann ist die Frage worüber: darüber, dass der Film so wirklichkeitsgetreu war? Oder darüber, dass die Wirklichkeit wie ein Film ist?
Normalerweise will man mehr vom Film und von Büchern: mehr Inhalt als das eigene Leben bietet, mehr Dichte und mehr Konsistenz. Fiktionale Literatur ist, wie man das nennt, überdeterminiert. Die Frage ist, ob das für das Leben auch gelten kann.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema lang, Paralipomena | Eintrag von Aléa Torik | um 13:50 eingtragen | Kommentare: 6 | Kommentieren
Mein Vorschlag für das Wort des Jahres: „Digitaler Außenseiter“
Mein Anschreiben an die “Gesellschaft für deutsche Sprache”:
Sehr geehrte Damen und Herren,
wohlwissend, dass Sie das nicht anbieten, möchte ich dennoch einen eigenen Vorschlag für das „Wort des Jahres“ 2011 machen. Mit diesem Vorschlag ist der Wunsch verbunden, dass Sie Ihr Auswahlverfahren modifizieren mögen und Vorschläge und deren Begründungen nicht nur von einer „Fachjury“ vornehmen lassen, sondern von denen akzeptieren, die einfach nur Nutzer der Sprache sind, aus Not oder aus Lust. Ohne dabei fachliche Kompetenzen vorweisen zu können. Ich mache hiermit den Anfang.
Ich schlage „Digitaler Außenseiter“ als Wort des Jahres vor. Der digitale Außenseiter ist, einer Studie der Initiative D21 zufolge zu 59 % weiblich und zu 73 % nicht berufstätig. Der digitale Außenseiter ist einer, an dem der Wandel der Gesellschaft vorbeigeht. Ein Wandel, der vor allem jenen Teil der Welt betrifft, deren Nutzung für viele, vor allem Jüngere, womöglich weniger weibliche und mehr berufstätige Personenkreise, selbstverständlich ist. Für den digitalen Außenseiter ist sie ein Buch mit sieben oder mehr Siegeln und Passwörtern. Wo die einen eine eigene Hompage haben, ihr Smartphone mit Apps füttern und sich zu Weihnachten ein Tablet wünschen, verstehen die anderen nur noch Bahnhof. Ein Bahnhof in einem böhmischen Dorf, wo der letzte Zug schon lange abgefahren ist. Man sitzt einfach da und wartet und weiß innerlich, dass man da im Leben nicht mehr wegkommt.
Das digitale Leben fängt ja nicht erst beim Computer an, das beginnt bereits beim Telefon, das Teil einer weit größeren Einheit aus verschiedenen Geräten ist. Wer sich heute für ein Telefon entscheidet, der muss sich für ein komplettes Ökosystem aus Apps samt Umgebung entscheiden, für eine Apple Plattform oder für Android oder Windows, für oder gegen Lion oder Siri, und möglicherweise auch noch für Fedora oder gegen Ubuntu. Viele können das nicht. Sie können sich nicht einmal mehr zwischen den verschiedenen Mobilfunkangeboten entscheiden, zwischen Verträgen mit oder ohne Flat, mit oder ohne home zone, weil sie nicht einmal wissen, was ein Citycall ist. Sie lassen das Telefon links liegen, weil sie die Bedeutung der Tasten nicht mehr verstehen, wo weder die Sieben noch die Neun einfach nur Tasten sind, sondern Mehrfachbelegungen, die kein Mensch versteht oder braucht. Jedenfalls kein digitaler Außenseiter.
Das digitale Leben unterscheidet nicht zwischen dem was man braucht oder nicht braucht. Wer solche altmodischen Trennungen vollzieht, der ist bereits einer, der der Digitalen Avantgarde, der anderen Seite der Gesellschaft, hinterher humpelt. Das sind altmodische Begriffe aus der analogen Welt, die in ihrer digitalen Parallelwelt keine Rolle mehr spielen. Die digitale Avantgarde, ist eine Gesellschaftsschicht, die nichts mehr braucht aber alles kann. Die jenseits der Nöte und Sorgen der anderen, der 59 % weiblichen und 73 % nicht berufstätigen, permanent neue Anwendungen erfindet, die auch wieder keiner braucht und die Unbrauchbaren hinter sich lässt.
Ich sehe bedauerlicherweise gerade, dass ich etwas hinterherhinke: das Wort des Jahres 2011 ist bereits vergeben. Macht nichts. Ich schlage hiermit das Wort „Digitaler Außenseiter“ als Wort des kommenden Jahres vor.
Ich grüße Sie ganz herzlich
Aléa Torik
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema lang, Paralipomena | Eintrag von Aléa Torik | um 17:00 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren
Die Geisteswissenschaften sind ein Zug
Das Folgende habe ich als Antwort auf einen Kommentar geschrieben, fand es dann aber so lecker, dass ich es noch einmal widerkäue und dabei ein wenig anreichere.
Die Geisteswissenschaften sind ein Zug, der immer in voller Fahrt ist und der niemals anhält, um Studierende oder anderweitig interessierte Reisende aufzunehmen. Es kommt auch kein Schaffner, der einem erklärt, dass die Fahrkarte für Derrida mindestens Freud und Platon und Aristoteles ist. Auch wenn er käme: man sitzt ja gar nicht drin, sondern steht draußen auf dem Bahnhof, der Zug fährt mit 200 Stundenkilometern vorbei und was immer der Schaffner sagt, man versteht kein Wort. Und selbst wenn man es verstünde: in einer einzigen Sekunde ist der Zug schon wieder weg, und man kann mit diesem kleinen Informationspartikel, das man aufgeschnappt hat, nicht viel anfangen. Man steht auf dem Bahnhof und denkt: Derrida ist mir einfach eine Nummer zu schnell und auch zu schnell wieder weg. Wenn man aber das Glück hat, innendrin zu sitzen, dann denkt man bisweilen, wenn man rauschaut: Grandios!
Die Welt da draußen, die ist, wenn man mit dem Zug durchfährt, nicht weg. Die Welt ändert sich nur ein wenig. Deswegen fährt man ja mit dem Zug. Nicht weil man irgendwohin will, sondern weil die Welt sich ändern soll! Weg geht sie davon nicht. Weg sind nur die Bahnhöfe und Haltepunkte.
Es gibt nur eine Welt, aber sie brauchen zwei Worte um sie zu betreten!
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema mittel, Paralipomena | Eintrag von Aléa Torik | um 11:44 eingtragen | Kommentare: 4 | Kommentieren
Immer älter und gesünder
Ich bin derzeit nicht in Berlin. Ich bin etwas südlich von Feldberg, in einem Dorf namens Carwitz. Das Dorf darf man sich nicht allzu groß vorstellen, man kommt der Wahrheit nahe, wenn man das Gegenteil tut. Das liegt an einer Seenplatte, hier herrscht eine wunderschöne herbstliche Stimmung. Langsam wird’s kühl. Aber da ich, wie ich letztens in einem Kommentar schrieb, Wolle mag, mache ich mir keine Sorgen.
Das Polabische, vor allem die altpolabische Sprache hat hier offenbar einiges hinterlassen, so geht auch der Dorfname auf eine altpolabische Vokabel zurück, karva heißt Kuh. Ich bin also in einem Kuhdorf in Mecklenburg-Vorpommern. Und da ich auch aus einem Kuhdorf komme, fühle ich mich hier sehr wohl. Das Aufregendste in karva-carwitz bin derzeit ich selbst. Die Einwohner recken die Hälse, vielleicht bin ich zu neugierig oder sie glauben mir nicht, dass ich hier bin zum Schreiben. Außer mir gibt es hier noch das Hans Fallada Museum. Fallada war hier ebenfalls zum Schreiben und vielleicht haben die das dem auch nicht geglaubt und die Hälse gereckt.
Ich wohne in der Datsche eines Freundes. Es gibt hier fließendes Wasser, Strom, eine Art Bett und manchmal funktioniert auch das W-LAN. Ich kann mich bei einem Nachbarn einloggen, der mir sein Passwort genannt hat. Es gibt in der Bude einen Ofen. Mal sehen wie lange ich das hier aushalte. Ich stehe früh auf, wasche mich und dann setze ich mich an die Arbeit. Einmal am Tag geh‘ ich spazieren. Heute wollte ich eine Zeitung kaufen, da gab es auch eines dieser Yellow-Press-Erzeugnisse mit der Schlagezeile: „Berliner werden immer älter und gesünder.“
Soso, dachte ich mir. Während ich hier auf dem Land bin, ora et labora, während ich älter und erschöpfter werde und eines Tages auch ganz alt und zu Tode erschöpft sein werde, krank und kränker, werden die Berliner also immer gesünder. Und das offenbar zur selben Zeit. Ich gehe jetzt bereits, jung wie ich bin, meinem Ende entgegen, während die Berliner, so muss man das wohl verstehen, den anderen Weg nehmen. Sie werden zwar auch älter, aber sie werden immer gesünder, sodass sie offenbar, wenn sie ganz alt sind auch ganz gesund sind. Sie sterben dann wahrscheinlich nicht an Krankheiten wie unsereins, sondern an ihrer elenden, pathologisch perversen, geradezu krankhaften Gesundheit.
Ich bleibe also lieber noch ein bisschen hier. Ein warmer Pullover, warme Socken und die klappernde Tastatur; bisweilen ein Spaziergang und früh schlafen gehen; gelegentlich ein Glas Rotwein. der hier in schönen Flaschen in einem Vorratszimmer wächst. Das alles ist sehr gemächlich. Und das kommt meinen natürlichen Zeitempfinden entgegen. Da hat mich doch der Phorkyas eine Heilige genannt, wo ich doch bloß eine Eilige bin. Aber alle Eile kommt hier zur Ruhe.
Noch immer. Zwei Worte bei Kommentaren und die Technik lässt Sie durch.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema lang, Paralipomena | Eintrag von Aléa Torik | um 23:06 eingtragen | Kommentare: 8 | Kommentieren
Neuzugang auf der Blogroll: Elif Batuman
Ich hatte nichts mit der Buchmesse zu tun. Ich habe schon länger das Gefühl, dass das nicht meine Veranstaltung ist. Dennoch las ich eine Bemerkung zu Elif Batuman, die in Komparatistik in New York (oder spielt mir da meine Erinnerung einen Streich?) promoviert hat, eine Türkin in Amerika. Da habe ich natürlich sofort an eine Ihnen bekannte Rumänin in Deutschland gedacht. Elif Batuman schreibt für diverse Magazine, den New Yorker (kommt das vielleicht daher?) und andere. Ich dachte: Aha, da wird also doch noch mal etwas aus mir. Ich promoviere, parallelisiere, paralysiere, und ZACK, geht’s mir so wie ihr: ich werde eines Tages über Literatur schreiben und bekomme auch noch Geld dafür.
Frau Batuman hat ein Buch geschrieben “The Possessed. Adventures with Russian Books and the People Who Read Them”. Das ist übersetzt worden. Ich hab mir das Buch, die Übersetzung, im Internet bestellt. Soll man ja nicht tun, wenn man dem Buchhandel glaubt: das Internet ist böse. Ich hab‘s dennoch da bestellt. Ein bisschen Bosheit tut mir ganz gut. Ich dachte, es sei ein Roman. Das steht allerdings nicht drauf. Und es auch keiner drin. Dann dachte ich, es sei eine Sammlung von Essays, weil Teile, das steht immerhin im Buch, als Essays in Magazinen vorab erschienen sind. Aber es sind keine Essays.
Ich habe schon einige schlechte Erfahrungen in Deutschland mit Worten gemacht. Unter anderem mit dem Wort Essay: man kann alles und nichts einen Essay nennen. Im Grunde kann man auch einen Rasenmäher als einen Essay auf die Kürze des Grases bezeichnen. Es ist leider kein Roman, es sind leider auch keine Essay und ein Rasenmäher ist es wohl auch nicht. Das sind Geschichten, deren Hauptfigur Elif Batuman ist. Geschichten, die sich im weitesten Sinne um Literatur drehen, weil Elif Batuman sich darum dreht. Vielleicht drehen sie sich nicht, sie tangieren, tranchieren, torpedieren und travestieren die vor allem russische Literatur. Und da kennt die Autorin sich ohne Zweifel sehr gut aus.
Wir haben es mit einem offenkundig außergewöhnlich hohen Grad an Identität der Elif Batuman vor mit der Elif Batuman in dem Buch zu tun. Die Differenz zwischen der echten und der fiktiven Person ist offenbar gegeben durch die witzigen Formulierungen. Denn das Leben ist ernst, also muss die witzige Variante die Fiktionalisierung dieser ernsten Wirklichkeit sein. Bedauerlicherweise fand ich das Buch nicht witzig, nicht mal ansatzweise. Gerade dieser Umstand wird aber in allen Rezensionen betont, der Witz und die Klugheit, da ist sogar – hör sich einer das an – von ihr als eine der „besten Essayistinnen der Welt“ die Rede. Also muss der Abstand der beiden Batumans für die anderen Leser größer gewesen sein als er für mich war. Ich konnte kein lyrisches Ich erkennen. Das aber wäre eine Minimalanforderung an ein literarisches Werk.
Ich habe nicht ein Mal gelacht. Der türkisch-amerikanische Humor ist offenbar deutlich von dem deutsch –rumänischen unterschieden. Eine von uns beiden hat offenbar einen anderen Humor! Vielleich ist dieses türkisch-amerikanische-Roman-Essay-Rasenmäher-Gemisch sogar höchst explosiv. Aber die vertrocknete Frau Torik wird es nicht herausfinden. Ich habe das Buch beiseitegelegt. Welches Genre das auch immer sein mag, ich kann nur hoffen, dass es nicht zum allgemeinen Maßstab erhoben wird.
Ich sage dennoch ausdrücklich, dass das hier kein Verriss ist. Ich wüsste gar nicht wie man das macht und es gibt keine Textsorte, die mich noch weniger interessiert als der Verriss. Ich will möglichst selbstkritisch sein und den Fehler von Elif Batuman bei mir suchen: Mir passt sowieso gerade nichts. Ich breche alle Lektüre ab. Ich werfe alles in die Ecke. Da liegt auch „Der letzte Tag“ von Pynchon und ich halte es nicht für wahrscheinlich, dass ich den da noch einmal herausbekomme. Das ist umso erstaunlicher, da er mir, als ich ihn kennenlernte, sehr gut gefallen hat. Vielleicht hat er mir nicht gefallen, sondern nur imponiert. Und heute lasse ich mir nicht mehr imponieren.
Ich lese derzeit die Einleitung der Dissertation von Frau Batuman und die gefällt mir gut und ist weitaus besser geschrieben als das Buch. Das ist auch eine liebevoll gemachte Seite, und da sie auch eine Art Blog hat – My Life and Thoughts – nehme ich sie in meine Blogroll auf. Ich nehme auch einige von der Blogroll herunter, vor allem die fünf Litblogs-Leute, weil ich die ja schon über Litblogs verlinkt habe. Nicht, dass sich Verschwörungstheorien bilden.
Zur Überwindung des Captchas müssen bei Kommentaren beide Worte eingegeben werden.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema lang, Paralipomena | Eintrag von Aléa Torik | um 23:17 eingtragen | Kommentare: 30 | Kommentieren
„Man wird nicht als anderer geboren, ..
… man wird zum anderen gemacht.“
Das hat einer meiner Professoren in Bukarest, George Guţu, gesagt. Sowie man zum Objekt einer (ethnologischen) Beschreibung wird, wird man ver-andert. Und indem man ver-andert wird, vermute ich, wird man verändert.
George Guţu meinte das damals, wenn ich mich recht erinnere, so umfassend wie nur möglich. Jede im Kern ethnologische Beschreibung macht einen anderen zum anderen. Wenn das so ist, dann ist die Frage, ob und inwieweit das Wissen um diesen Sachverhalt einem etwas vom Selbst oder vom Eigenen nimmt. Oder ob und inwieweit das Selbst vielleicht gerade in diesem Wissen, im Widerstand gegen die Ver-anderung, erst entsteht oder sich zumindest konturiert.
Einfach nur „sein“ hat vermutlich keine Spezifizität, wenn man das nicht sehr stark mit Begriffen auflädt. Das Selbst entsteht womöglich durch die Aufgaben, die an es herangetragen werden. Wie die Organe entsprechend ihrer Verwendungen und Funktionen entstehen. Wie die Niere nicht nur einfach eine Funktion hat, sondern sie hat eine ganz bestimmte Funktion. Die Frage ist auch, inwieweit wir uns von dem Begriff der Funktionalität leiten lassen, ob wir das Selbst als ein soziales Selbst verstehen, das einzig oder vor allem der sozialen Funktion gehorcht und sich dementsprechend anpasst. Anpassung ist wohl ein Begriff, der nicht sehr hochwertig einzuordnen ist. Möglicherweise ist das aber auch ein positiver Prozess der Verselbstung, diese Ver-anderung.
Bevor mein schöner aufrechter Beitrag hiermit vollends auf die schiefe Bahn, und ich mit ihm, da sich ein Sprachgebrauch einschleicht, der mich allzu sehr an Martin Heidegger erinnert; bevor das gegen die Wand fährt, da ich die nicht mag, diese Sprache Heideggers, und darüber hinaus auch nicht viel von seinen Texten verstehe, beende ich hiermit meinen abendlichen Versuch, etwas Sinnvolles zuwege zu bringen.
Ich meine das wirklich ernst: ich habe die technischen Veränderungen angeschoben und hier wird sich einiges verbessern. Allerdings ist die schiefe Bahn der Technik noch nicht schief genug, so dass auch jetzt noch gilt: bei Kommentaren zwei Worte eingeben (vielleicht hat man meinen Ehrgeiz bemerkt, immer andere Formulierungen für immer den gleichen Sachverhalt zu finden?).
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema lang, Paralipomena | Eintrag von Aléa Torik | um 21:42 eingtragen | Kommentare: 2 | Kommentieren
In einem Mercedes
Auf der Fahrt nach Rumänien habe ich etwas gelesen. Ich habe es aufgeschrieben, aber ich habe vergessen aufzuschreiben, wo ich das gelesen habe. Das stammt von einer Frau:
„Ich weine lieber in einem Mercedes, als ich auf einem Fahrrad lache.“
Grandios! Absolut konsequent in seiner Aussage. Das lässt keine Fragen offen, nahezu keine. Nur die beiden Fragen, worüber sie denn weinen und lachen könnte. Ich fürchte allerdings, dass mich die Antworten eher beschämen würden.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema kurz, Paralipomena | Eintrag von Aléa Torik | um 22:20 eingtragen | Kommentare: 12 | Kommentieren
Ich bin ein mittelgroßer Gegenstand mit Interesse an Literatur
Das Folgende ist eine Antwort auf eine Kritik des vorausgegangenen Artikels durch den Blinden Hund. Man muss, um das hier zu verstehen, den Artikel und seine Kritik gelesen haben. Das war mir einfach zu viel Arbeit, um es als Kommentar verschwinden zu lassen.
Lieber blinder Hund, ich danke für das Lob. Das hat mich gefreut. Dass es sich mit einer Verärgerung und Kritik bei dir vermischt: einverstanden! Eine Mischung zwischen Freude und Ärger ist abwechslungsreicher als nur Ärger oder nur Freude. So geht’s mir mit deinem Beitrag allerdings auch. Obwohl ich nicht verärgert bin, sondern belustigt. Diese Differenz zwischen deiner und meiner Reaktion würde ich als die Differenz zwischen einem männlichen und einem weiblichen Schreibstil verstehen wollen.
Wir sind ja schon einmal so ein wenig aneinander geraten. Und das ist jetzt offensichtlich erneut der Fall. Du fordert erneut das Primat der Philosophie. Du kritisierst andere, mich, die Germanistik, allerlei andere Geisteswissenschaftler, die sich nicht mit Philosophie auskennen. Du forderst eine Strenge des Diskurses, die du jedoch selbst nicht leistest. Der größte Teil deines Kommentars ist eher polemischer Natur: Germanisten wissen nicht was sie reden. Das wissen nur die strengen Philosophen und die, die von den Philosophen Gnade finden, in dem Fall die Physiker.
Was ich getan habe, ist nichts anderes als das Bild der Termiten zu nehmen, in deren Werkzeugen sich deren Welt bereits vorgeprägt zeigt und das auf den Menschen anzuwenden. In unseren Werkzeugen zeigt sich unser Weltverständnis. Ich sehe daran nichts Unlauteres.
Das ist hier ein Blog. Das ist keine akademische Veranstaltung. Das ist nicht meine Diss. Ich muss hier nicht jedes Wort beweisen. Das ist ein literarisches Spielzimmer, hier wird gar nichts bewiesen. Es ist auch kein Roman, den ich in endlosen Überarbeitungen schleife. Ich schreibe hier auch mal was herunter, was ich morgen korrigiere oder relativiere. Oder ich schreibe morgen etwas anderes. Das hat etwas mit Lust und Phantasie und Onanie zu tun.
Es ist der Irrtum derjenigen, die mittels Definitionen Macht ausüben wollen, wenn sie sagen, man müsse alles definieren: Ich kann durchaus sagen, dass es ein schöner Tag war, ohne dass ich definieren müsste, was ein Tag ist, wie er sich zur Nacht abgrenzt, wie viele Stunden er dauert, ob er als Ganzes oder in Teilen schön war, was Schönheit ist und ob es sich um eine innere oder eine äußere Schönheit handelt. Etc etc. Es war ein schöner Tag. Punktum. Sprache hat eine allgemeine Basis, die man nicht bei jedem Sprechakt erklären und definieren muss. Ich rufe einfach meine Freundin Marie an und sage ihr: „Marie: das war ein wunderschöner Tag.“ Und die weiß sofort, was ich meine.
Cărtărescus Auffassung besagt nicht, dass man nicht sagen kann, was in literarischen Texten steht. Er ist Literaturwissenschaftler, einer meiner Exliteraturwissenschaftsdozenten: Ich habe bei ihm Seminare gehört. Selbstverständlich kann man Texte verstehen, man kann sie auslegen und deuten und umdeuten und mit etwas anderem vermengen und verwursten, zum Beispiel zu Dissertationen. Aber ein Autor kann, und das ist es, was er sagt, einen Text, den er selbst geschrieben hat, nicht besser oder treffender in Worte fassen als er es in dem Text getan hat. Wer war das, der etwas Ähnliches antwortete, als er nach einer Lesung gefragt wurde, was er damit eigentlich sagen wolle, sagte „Eben dieses“? Wenn er es besser, treffender und prägnanter hätte sagen können, dann hätte er das getan. Das ist die Aussage Cărtărescus.
Zur Relativitätstheorie: Kannst du das mathematisch nachrechnen? Wahrscheinlich nicht. Du kannst die Geschichten darüber lesen: bei Bertrand Russel vielleicht. Es gibt sicherlich auch neuere Erklärungen. Du kannst die mathematische Theorie nicht nachrechnen. Du nimmst die als wahr. Du glaubst, dass sie richtig ist. Du nimmst das als eine narrative Geschichte, weil du nur ihren narrativen Teilen verstehen kannst. Jeden noch so kleinen Beweis verstehst du nicht.
Du sagst: „Die Relativitätstheorie … ist …die beste Theorie, die wir haben und die im Alltag angewendet wird“ – Wie kommst du darauf? Wo ist der Beweis? Wieso die beste? „Rechts vor Links“ ist besser – ist allerdings keine Theorie, sondern eine Regel. „Schwere Gegenständen fallen nach unten“ ist auch besser, ist allerdings auch keine Theorie, sondern ein Gesetz. Im Vergleich mit welchen anderen Theorien ist die Relativitätstheorie die beste? Und wieso? Du sagst: „Deine Thesen etwa, dass die Welt nur das ist, was ihr aus machen, oder dass die wissenschaftliche Forschung, wenn sie nach dem Anfang des Universums fragt, in Fiktion umschlägt. Das behauptet sich so leicht, aber dadurch stimmt es natürlich trotzdem nicht.“ – Wieso stimmt das nicht? Und warum die Klassifizierung „natürlich“? Du sagst: „Wenn man da eine “Geschichte” sucht, dann keine fiktive, sondern diejenige, die einem den Anfang der Welt korrekt erläutert.“ – Diejenige, die einem die Welt korrekt erläutert: ich hatte in den Zitaten in dem Artikel auf etwas Ähnliches verwiesen, als ich Cărtărescus Zitat brachte, dass das Universum keine Beobachter braucht. Man kann es auch anders sagen: wir können es nicht beobachten, weil es sich für eine Beobachtung nicht eignet. Es eignet sich für mathematische Berechnungen. Von denen wir einmal annehmen, dass sie alle miteinander richtig sind. Aber da du und ich nicht rechnen können, müssen wir das Ganze in Geschichten verwandeln und transformieren. Und da wird’s zur Fiktion. Das schwarze Loch ist eine Geschichte. In Mathematik verwandelt, ist es vermutlich viele Duzend Seiten lang, richtig gerechnet, ein schöner Beweis. Aber er wird in eine narrative Struktur verwandet, sowie wir uns davon erzählen. Den Anfang der Welt, den kannst du gar nicht verstehen. Außer es erzählt ihn dir jemand. Und dann ist er von fiktionaler Struktur. Du sagst: „Das behauptet sich so leicht, aber dadurch stimmt es natürlich trotzdem nicht“ – dadurch, dass ich es behaupte, stimmt es „natürlich“ nicht. Wodurch stimmt es denn? Du sagst: „Geisteswissenschaftler, vor allem diejenigen, die sich nicht in der Philosophie auskennen, ja gerne schonmal um die Ecke geschossen kommen. Ich sage das so deutlich, weil ich das für ein Grundärgernis grade in solchen Fächern wie Germanistik halte, wo die Leute einen Haufen Blödsinn labern und unglaublich weitreichende Thesen aufstellen, ohne ihre Begriffe auch nur annähernd zu klären oder auch nur Argumente zu geben“ – Wer sich mit Philosophie nicht auskennt, labert Blödsinn? Ich bin keine Germanistin, ich studiere, Literatur, internationale Literatur.
Ich bin ein mittelgroßer Gegenstand mit Interesse an Literatur. Ich habe Kontakte zu anderen mittelgroßen Gegenständen mit ähnlichen Interessen. In dieser Welt spielt die Regel „rechts vor links“ eine größere Rolle, als die Lichtgeschwindigkeit. Ich will dieser Theorie nicht ihre Richtigkeit noch ihre Bedeutung absprechen. Aber sie ist in meinem Lebenskontext bedeutungslos. Ich bewege mich nicht mit Lichtgeschwindigkeit, alle meine Handlungen funktionieren auch dann noch, wenn die Neutrinos doppelt so schnell daher schießen und die Ursache wird der Wirkung nicht vorhergehen. Was immer das Licht oder die Neutrons so machen. Ich will das mal provokant formulieren: die sogenannte Antimaterie ist keinen Deut besser als der Hexenglaube in der finstersten rumänischen Provinz. Das ist dasselbe: Mystizismus.
Ich will hier nichts beweisen. Von mir Beweise oder Argumente zu fordern – für was eigentlich? – scheint mir ähnlich sinnvoll wie von der Termite zu fordern, sie müsse beweisen, dass sie nicht doch heimlich ins Kino gehe. Da ist meine These nicht verstanden worden. Und die lautete: was immer wir verstehen, es ist innerhalb der Reichweite unsere Werkzeuge. Und es ist innerhalb dieser Reichweite die Wahrheit. Am Ende aller unserer Forschungen steht dann irgendeine Wahrheit über den Beginn unseres Universums. Die forschende Termite wird da sicher eine andere Erkenntnis erlangen als der forschende Physiker. Und der Lakritzsüchtige wird sicher eine Tüte dänische Salzlakritz finden. Das alles ist die Wahrheit.
Und wie immer: ein Captcha, zwei Worte eingeben.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema monströs, Paralipomena | Eintrag von Aléa Torik | um 21:19 eingtragen | Kommentare: 6 | Kommentieren
Or-bit-or
Der internationale Romanistentag hat in den vergangenen Tagen in Berlin stattgefunden. Zu Beginn meines Urlaubssemesters habe ich mir dennoch einige Vorträge angehört, vor allem im Bereich der Rumänistik. Die Rumänisten sind eine überschaubare Sektion innerhalb der Romania. Ich kenne da einige Leute. Sieben, um genau zu sein. Also alle! Kontakte sind wichtig, Bekanntschaften und Freundschaften nicht minder.
Ich interessiere mich vor allem für die Orbitor-Trilogie von Mircea Cărtărescu. Da ist derzeit nur der erste Teil übersetzt als „Die Wissenden“. Im Original heißen die drei Teile “Orbitor. Aripa stângă” (Blendend, Der linke Flügel); “Orbitor. Corpul” (Blendend, Der Körper); “Orbitor. Aripa dreaptă” (Blendend, Der rechte Flügel). Cărtărescu hat auf die Frage, ob er seinen Roman in wenigen Worten zusammenfassen könnte, die folgende Antwort gegeben: „Ich habe 14 Jahre und 1500 Seiten gebraucht, um herauszufinden, worum es in dem Roman geht. Jetzt kann ich es sagen, jedoch nicht in wenigen Worten, sondern in genauso vielen, wie ich im Buch verwendet habe.“, hier. Irgendwo in seinem Jurnal heißt es einmal, glaube ich, er wolle „mit perversem Verstand, ein unlesbares Buch schreiben“. Vielleicht hat das auch jemand über ihn gesagt. Es ist ein unlesbares Buch. Es ist eine erhebliche Herausforderung für jeden Literaturwissenschaftler. Man meint an vielen Stellen es zu begreifen. Aber man begreift es nicht.
Allein der Titel ist von einiger Komplexität. Alle drei Teile heißen „Orbitor“. Die korrekte Übersetzung ist „Blendend“. In der doppelten Bedeutung von Sehen, nämlich ein Sehen, das mehr ist als ein Sehen. Ein Über-Sehen. Ein so deutliches Sehen, dass es zu viel ist und der geblendete Mensch eben nichts mehr sieht. „Orbire“ bedeutet Erblinden. Dann steckt in dem Wort natürlich der Orbit, die Umlaufbahn, deren Rundung beim Sprechen sowohl im Eröffnungslaut – Or – als auch im identischen Verschlusslaut – or – mit den Lippen bildnerisch nachgezeichnet wird. Orbitor hat aber noch andere Anklänge und kann auch „Abstumpfung“ oder „Banalisierung“ bedeuten. Diesem Bild einer Umlaufbahn, der Wiederkehr der Planten und Ereignisse, allerdings auch der stumpfen Wiederholung, wird ein zweites Bild mitgegeben, das in allen drei Teilen des Romans wiederkehrende (!) Bild des Schmetterlings – die in der rumänischen Mythologie aus den Tränen der Jungfrau Maria geboren werden – mit seinem Körper und seinen beiden Flügeln: hier klingen die Verwandlung der Raupe an, die Schönheit des Tieres, das Fliegen, die Ziellosigkeit, die geometrische Zeichnung der Flügel und intellektuelle Mitbedeutungen wie das Assoziationsvermögen beispielsweise im Rohschach-Test und die Unterteilung des Gehirns in zwei einander ergänzende Hälften. Der Schmetterling ist in der Trilogie, wenn man das sagen kann, das Bild für eine ästhetische Erlösung. All das ließe sich noch sehr viel ausführlicher entfalten.
Prof. Michelé Mattusch hat in ihrem Vortrag einen Gedanken paraphrasiert, der in dem Roman thematisiert wird: die Struktur eines Termitenhügels ist durch den Bau der Kiefer der Termiten vorgeben. Das finde ich ein sehr schönes Bild. Die Welt der Termiten sieht so aus wie sie aussieht, weil die Tiere sie so begreifen können. Diese Welt ist eine ihren Organen und ihrem Wahrnehmungsvermögen adäquate Welt. In einer anderen könnten sie gar nicht leben. Sie gehen nicht ins Kino, weil sie keins haben und sie haben keins, weil sie das Organ dafür nicht haben: das Gehirn, die Augen oder einfach die cineastische Leidenschaft.
Ich habe in den vergangenen Tagen zwei Zeitungsartikel gelesen, die mich in Erstaunen versetzt und meinen Widerspruch provoziert haben. Beide (eins, zwei) drehen sich um dasselbe Thema, darum, dass Physiker offenbar, oder möglicherweise, Teilchen entdeckt haben, die sich schneller als das Licht bewegen. Das würde Einsteins Relativitätstheorie und dessen zentrale Konstante, nichts ist schneller als das Licht, zusammenbrechen lassen. Vielleicht haben diese Physiker das nur deswegen entdeckt, weil die Drittmittel ja irgendwoher kommen müssen und da macht sich der Zusammenbruch des Universums oder seiner stabilisierenden Theorie ganz gut. Aber irgendwo und irgendwann geht ja immer gerade die Welt unter, zum Beispiel am 21. 12. 2012. Für irgendwas ist das immer gut, in diesem einen Fall für die Grundstückspreise in Bugarach.
Wie der Bau des Termitenhügels im Bau der Termitenkiefer bereits vorgegeben ist, so ist der Bau des Universums bereits durch den Bau des menschlichen Gehirns vorgegeben. Die Welt, die wir verstehen ist die Welt, die wir verstehen können. Keine andere. Das heißt aber nicht, dass es da nicht eine andere gibt. Ich empfinde es als lächerlich und anmaßend, zu glauben, das Universum sei wirklich so aufgebaut wie die physikalischen Beweise es zeigen. Das Universum ist vielmehr so, wie die Beweise es beweisen. Sie beweisen nichts anderes, als wie wir es uns vorstellen können. Das ist natürlich letztlich mit jedem Beweis so und auf diese Weise lässt sich kaum ein Axiom wie der Satz des Pythagoras relativieren. Wir müssen davon ausgehen, dass eins und eins immer zwei ist. Egal unter welchen Umständen (obwohl ich meine, mich erinnern zu können, dass es bei den irrationalen Zahlen anders ist. Aber für mich sind alle Zahlen irrational. Was das Leben nicht einfacher macht!).
Dennoch empfinde ich das Ganze als eine gigantische Bauernfängerei. Dolle Sache da draußen: Schwarze Löcher und Antimaterie. Lichtgeschwindigkeit, an deren Grenzen wir wieder jünger werden. Ursache und Wirkung geschehen in unterschiedlicher Reihenfolge, Reisen in die Vergangenheit und in die Zukunft. Ziemlich großes Spielzimmer, was sich die Physiker da ausgesucht haben. Das derzeit größte. Weltweit. Und darüber hinaus.
Man macht sich im CERN in Genf und anderen Orten irgendwo in Amerika, ich glaube am MIT, auf die Suche nach den Anfängen des Universums. Das ist die Grenze zur Fiktionalität. Das ist die Grenze zwischen Science Fiktion und Wirklichkeit. Das sind die Erzählungen vom Anfang der Welt. Man macht sich anhand von Zahlen ein Bild. Man sucht ja letztlich keine Zahlen. Man sucht Bilder. Man sucht Worte. Weil man sich anhand von Bildern und Worten eine Geschichte erzählen kann. Am Ende ist alles so wie wir es uns vorstellen können. Oder wir stellen uns es so vor wie es ist. Das macht keinen Unterschied mehr.
Brigitte Heymann, eigentlich Romanistin, hat in ihrem Vortrag, in Bezug auf den Blutkreislauf und viele andere Ereignisse, gesagt: „Wir können das nicht sehen. Wir können das nicht erfahren. Aber wir können es schreiben.“ Mircea Cărtărescu sagte einmal in übertragenem Sinne in „Orbitor“: der Weltraum braucht kein menschliches Auge. Ganz meiner Meinung. Man schießt also mit Lichtgeschwindigkeit winzige Teilchen aufeinander und schaut sich dann die Schäden an. Jeder literarische Schuss in den Ofen ist interessanter. Und deutlich günstiger.
Bei Kommentaren muss man noch immer das captcha mit beiden Worten überwinden.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema - Cărtărescu - Orbitor, lang, Paralipomena | Eintrag von Aléa Torik | um 22:11 eingtragen | Kommentare: 22 | Kommentieren