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  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
  • irisnebel: klasse! gratuliere! musst du ne gegenleistung bringen? als stadtschreiber z.b.?
  • nadine schmid: Ich habe mit Thien an der Uni Koeln studiert. Wir ware zeitweise befreundet, aber ich hatte wenig verstaendnis fuer seinen ‘Mangel’ am akademischen Streben und habe, trotz meiner Anerkennung seines Talents, sein Lebensziel, aus seiner Dichtung etwas zu machen, als...
  • bersarin: Es muß natürlich, entdecke ich beim zweiten Lesen, Monika Rinck heißen. Ich kann mir Namen nie merken.
  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
  • Aléa Torik: Never ride a dead horse – das hätte auch als Überschrift dieses Beitrags herhalten können. Gestern Nacht bin ich mit dem Rad 35 km durch das ausgestorbene Berlin gefahren, bis weit jenseits der Stadtgrenze. Da ich ziemlich kaputt war, konnte ich dabei nichts denken, aber wenn...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
  • Aléa Torik: Liebe Miss Lingen, bitte entschuldigen Sie die kleine Verspätung meiner Antwort. Ich war auf anderen Schlachtfeldern unterwegs. Sie haben absolut recht, es ist viel zu komplex. Dabei darf ich mir zugutehalten, es deutlich vereinfacht zu haben. Denn im Original – wenn wir uns darauf...
  • Miss Lingen: Obwohl, wie Sie wissen, ich hier mit Sympathie lese, frage ich doch: ist das nicht alles ein wenig zu komplex?
  • Aléa Torik: Dann bin ich gespannt, was du von dem Essay hältst.
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  • Aléa Torik: Lieber holio, ganz verstehen kann ich die Ottos und Ottisten ja tatsächlich nicht. Vielleicht ist das so, dass Otto und Otta, was ihr Leseverhalten betrifft, auch nicht ganz schlau aus sich werden. Sie greifen immer nur nach dem, wonach auch die anderen greifen. Das zeichnet die...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
  • holio: Traurig ist das in der Tat. Und so ganz zu verstehen auch nicht. Im Geräusch des Werdens war der Anknüpfungspunkt für Otto Normalleser ja da. Und die Bălkanexotik ist auch rezipiert und rezensiert worden. Die Sprache ist einfach, der Plot verständlich, erinnere die Szene mit dem blinden...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • 11 Dezember 2013

    Worum geht’s eigentlich in Ihrem Roman?

    „Worum geht’s eigentlich in Ihrem Roman?“ Das ist es, was die Leute vom Autor wissen wollen. Er soll sagen, worum es in seinem Text geht. Worum es eigentlich geht: also ohne jedes Geschwafel. Dann soll er Hunderte einzigartiger Formulierungen gegen einige beliebige Floskeln austauschen. Worum geht’s? Das wollen alle vom Autor wissen, von Anfang an.

    Wenn der Autor einen Verlag oder einen Agenten sucht, muss er schriftlich erklären, worum es in seinem Roman eigentlich geht: Er muss ein Exposé abliefern. Nun hat sich aber der Autor gerade um diesen einen Punkt nie Gedanken gemacht. Also fragt er seine Frau, die es wissen könnte und die wiederum fragt ihre beste Freundin. Die schreibt dann irgendwas hin, gibt’s der Frau des Autors und die ihrem Mann, welcher es an den Verleger weitergibt bei dem das unter einem Papierstapel verschwindet.

    Wenn das Buch dann wider alle Wahrscheinlichkeit erscheint, wird es vom Verleger an den verantwortlichen Redakteur einer Zeitung oder Zeitschrift gegeben und der gibt es an einen Rezensenten. Dann muss es endlich mal einer lesen, weil es der Verleger natürlich ungelesen an seinen Lektor, der Lektor an seine Frau und die an ihre beste Freundin weitergegeben hatten. Da der Rezensent aber gerade keine Zeit hat, gibt er’s an seine Frau und die gibt’s an ihre beste Freundin. Die ruft dann den Autor an und fragt, worum es in dem Buch eigentlich geht, wird aber aus den Formulierungen ihres Gesprächspartners nicht schlau. Sie schreibt einfach etwas hin und gibt den Text an die Freundin und über den Rezensenten geht er wieder an den Redakteur. Dann erscheint die Rezension, in der klipp und klar gesagt wird, worum es in dem Roman eigentlich geht. Weil der Leser dieser Rezension, weil der potentielle Käufer sich aber, wenn er in einer Buchhandlung steht, nicht genau erinnern kann – nicht an die Rezension und auch nicht an das rezensierte Buch – kauft er irgendein anderes Buch und verschenkt es an einen Freund, der es an seine Frau weitergibt, die es ihrer besten Freundin gibt.

    Irgendwo und irgendwann in der langen Verwertungskette liegt dann mal einer auf der Couch und liest, was bis dahin noch niemand gelesen hat. Er versucht‘s zumindest, muss aber zu seinem Bedauern feststellen, dass das Buch schlechterdings unlesbar ist. Dann kommt seine beste Freundin, eine dieser Freundinnen, die man im Leben braucht und die tatsächlich Bücher lesen und auch wirklich etwas von Literatur verstehen. Und die kann es dann als das Buch identifizieren, das sie tatsächlich gelesen hat. Auch wenn sie sich nicht mehr erinnern kann, wer es ihr gegeben hat, geschweige denn, worum es da eigentlich geht.

    Spätestens jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo mal jemand die Wahrheit sagen muss: dass es nämlich nicht so wichtig ist, worum es im modernen Roman eigentlich geht – es geht ja sowieso immer um das Gleiche -: wichtig ist dass und wie es weitergeht. Denn nichts kann so weitergehen wie es Romane können. Alles andere auf der Welt geht einfach nur zu Ende.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    02 August 2013

    Filit – Festivalului Internaţional de Literatură şi Traducere Iaşi – 23-27 octombrie 2013

    Wenn Sie Zeit haben, fahren Sie hin! Es kommen interessante Leute. Man kann sich dem Ziel mit dem Zug nähern. Während man fährt, während man unterwegs ist, verändert man sich. Man gewinnt ein anderes Verhältnis zu sich und seiner Umgebung. Weil die Umgebung sich ändert und man spürt, was man dort, wo man lebt, nicht spürt: dass man sich auch verändern muss. Denn so wie man ist: so kommt man nicht weiter. Jedenfalls nicht nach Iași. Und wer halbwegs so gestrickt ist wie ich, der wird zwei verschiedene Veränderungen an sich feststellen, eine Veränderung hin und eine zurück zu sich.

    Hin: »Wenn ich in Berlin in den Zug steige, habe ich vierundzwanzig Stunden Zeit, um meine germanische Haut ab- und meine rumänische Haut wieder überzustreifen. Es ist nicht nur die Haut, aber damit beginnt meine Verwandlung, eine tiefgreifende Metamorphose, die nach und nach meinen Körper ergreift, meinen Mund, meine Ohren und alle meine Glieder, meinen Charakter und meine Verhaltensweisen. Wenn ich dann in Sibiu aussteige, klingt meine Stimme anders, dunkler und rauer. Ich spreche schroffer. Mein Gang ist ein anderer, ich habe ein anderes Lebensgefühl und ich bin auch eine andere.
    »Da bist du ja endlich«, sagt mein Vater, wenn ich auf dem Bahnsteig stehe.
    Er kommt mir entgegen, er nimmt mich im Gehen in den Arm und ich lehne meinen Kopf kurz an seine Schulter. Es sieht aus, als habe er hier das ganze Jahr über auf mich gewartet. Er wartet auf diese zwei Wochen, die ich zu Hause verbringen würde, auf den kurzen Moment, da er seine Tochter in den Arm nehmen kann.
    »Ja«, antworte ich dann, »da bin ich.«
    Ich bestätige mit meinen Worten nicht nur, dass ich wieder da bin, sondern vor allem, dass ich wieder die bin, die ich immer war und die ich, allen Veränderungen zum Trotz, auch immer sein werde. Ich bin die, die ich früher war, und dennoch bin ich eine andere. Das ist ein Umstand, den ich zu verstehen versuche, vor allem auf den Fahrten zwischen dem einen und dem anderen Land, dem einen und dem anderen Zustand. Näherungswerte, deren äußerste Grenzen ich nicht erreichen werde. Ich bin niemals vollständig ich selbst, sondern immer auf dem Weg, es zu werden. Auf dem einen oder auf dem anderen Weg, in diese oder in jene Richtung. Ich bin ein ungreifbares Selbst dazwischen.« (AI, 134-135)

    Und zurück: »In den kommenden Stunden würde ich mich immer weiter von dieser Welt hier entfernen, die verschneiten Karpaten im Winter, die Bindung an die Familie und an die Bergwelt meiner Kindheit. Ich hatte eine lange Fahrt vor mir. Eine Fahrt, auf der ich mich erneut verwandle und meine langsamen, katzenhaften Bewegungen wieder schneller werden, mein vierbeiniger, schleichender Gang ein zweibeiniger wird und meine Bindung an die Vergangenheit zu einer an die Zukunft, zu dem unbedingten Glauben, dass sich das Leben vorwärts bewegt, dass es ein Ziel und einen Sinn hat und nicht nur um seiner selbst willen gelebt wird. « (AI, 161)

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    29 Juli 2013

    Konflikte: leben und erleben

    Es kommt als Schriftsteller_in darauf an, Konflikte – die wohl jeder in sich trägt und mehr oder weniger deutlich empfindet –, die man nicht am eigenen Ich ausleben oder ausagieren könnte, in Worte zu fassen. Das Schreiben ist nicht Ausdruck einer Vermeidung, bei der einer, was er nicht leben kann, aufschreibt. Schreiben ist vielmehr am Übergang von Leben und Nichtleben situiert: ich erlebe, was zu leben mir unmöglich wäre.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 Februar 2013

    „Ist das autobiografisch?“

    Ich finde, dem ist nichts hinzuzufügen. Dem hier.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    23 Februar 2013

    “Das Ich gilt, aber nicht mein Ich”

    Über Jean Paul und die Verfremdung, von Navid Kermani: Heute, also vielmehr morgen, in Deutschlandradio Kultur, ab 00.05 Uhr. Ich bin gespannt. Es ist nicht nur das Thema, das mich außerordentlich interessiert. Auch Navid Kermani und Jean Paul versprechen einen intellektuellen Genuss.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    22 Februar 2013

    Das wahre Vermögen

    Für die Einordnung ethnischer Zugehörigkeiten sollte nicht entscheidend sein, wo jemand herkommt, sondern wo er hingeht. Generell sollte nicht, was einer aufgrund von Zwängen ist, biografischer oder psychologischer Provenienz, entscheidend für das sein, was er oder sie ist, sondern, was einer aufgrund seiner Freiheit sein will. Nur dort, wo die Phantasie ins Spiel kommt, wo einer sich als Person entwerfen muss, zeigt sich sein wahres Vermögen. Alles andere ist lediglich der aktuelle Kontostand.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    09 Februar 2013

    Was ein literarisches Blog unterscheidet

    Was ein literarisches Blog von einem Allerweltsblog unterscheidet, ist nicht, dass das eine einen literarischen Text thematisiert und das andere die Welt. Nicht der Gegenstand, sondern die Art und Weise des Zugriffs auf ihn muss literarischer Natur sein. Der Gegenstand ist vollkommen gleichgültig, er mag derselbe sein, wie beim Allerweltsblog, ob Stricken oder I-phone, ob männlich oder weiblich oder geschlechtsneutral. In einem literarischen Blog interessiert nicht, wie es bei jemandem zu Hause aussieht. Authentizität zeugt hier, wenn überhaupt, von mangelnder Fantasie.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    18 August 2012

    Man träumt von Meteoren

    Ich hatte Anfang der Woche eine Verabredung mit Frank Berberich und Esther Gallodoro von LETTRE International. Ich wollte meine Belegexemplare persönlich abholen und mich auch vorstellen. Das war eine sehr interessante Verabredung. Frau Gallodoro zeigte alle acht Seiten ihres schönen kubistischen Gesichts. Herr Berberich, ein Intellektueller wie er im Buche steht und bisweilen auch im wirklichen Leben existiert, hat mir einen Schriftsteller empfohlen – Romain Gary, mit dem Nancy Housten ein Interview  gemacht hat -, ich habe gleich auch ein Exemplar von der Nummer mitbekommen, einen Vortrag zur Geschichte der Stadt Weimer gehalten und mir dann vom Internationalen Essay Contest erzählt, den LETTRE zusammen mit Weimar im Jahr 1999 organisiert hat.

    Wir sprachen über das ostentativ Weibliche meines Namens. Am Ende des Gesprächs hat er nach meinem Blog gefragt und ich habe kurz erzählt, was mir passiert ist. Er hat nicht einmal müde gelächelt. Und ich habe wieder einmal verstanden, dass Blogs eine miserable Reputation haben. Und ich habe auch verstanden, warum das so ist. Mit dem Blog hier werde ich nichts erreichen. Vor allem keine Leser. Ich hatte mal mehrere hundert davon am Tag. Von denen haben keine zehn mein Buch gekauft. Bloggen ist beinahe ein Zeichen unseriöser Literatur. Keiner der Nominierten hat einen Blog, weder beim Deutschen Buchpreis noch bei der Hotlist der unabhängigen Verlage. Ich verstehe inzwischen, warum das so ist.

    Man könnte Steine in den Himmel werfen, in der Hoffnung, dass sich richtige Meteore daraus entwickeln, die mit mehreren tausend Stundenkilometern zurück auf die Erde rasen und riesige Löcher schlagen, kilometertiefe Krater und Verwüstungen. Aber die Steine werden lediglich langsamer, sehr schnell sogar, stehen dann für einen kurzen Moment lang still und fallen schließlich kunstlos wieder herunter. Aber man träumt von Meteoren.

    (Ja, Holio: was Sie twittern ist richtig!) (Und man macht sogar schon Werbung für mich, sehr schön)

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    23 Juli 2012

    Weil uns eine App das abnimmt

    Als Steve Jobs, der erste Mann von Apple, gestorben war, stand in einem der unzähligen Nachrufe, dass die Welt heute anders aussähe, wenn Mr Jobs uns nicht all die kleinen Dinge gebracht hätte, die mit einem i anfangen, das iPhone vor allem, dieses Wunderwerk der Technik.

    Bisweilen ändert sich die Welt. Das hat sie getan, als sie sich von einer Scheibe in eine Kugel verwandelt hat. Sie hat sich durch die Rotation – das Drehen um sich selbst – und die Revolution – das Drehen um die Sonne – verändert. Sie hat sich mit dem aufrechten Gang des Menschen verändert, mit der Erfindung des Rads, der Entwicklung der Anästhesie und der Sequenzierung des menschlichen Genoms. Und offenbar hat sie sich auch mit der Erfindung des Smartphones verändert.

    Es ist ausgesprochen komfortabel, dieses kleine Gerät aus der Tasche zu ziehen und jemanden anzurufen oder eine SMS zu schreiben, bei Facebook oder Twitter etwas zu posten, sich im Netz zu informieren wann der Zug fährt, sich das Wetter zeigen, Musiktitel ansagen oder an Geburtstage erinnern zu lassen. Aber es nervt auch ein wenig, wenn alle dauernd auf ihr Display schauen, statt auf die Straße. Weil sie von ihrem Smartphone wissen wollen, wo sie gerade sind oder wie sie woandershin kommen. Oder einfach, weil sie meinen, im Netz sein zu müssen und sich ein Leben außerhalb gar nicht vorstellen können.

    Es ist komfortabel im Netz, weil man sich da kleine Applikation herunterladen kann, die einem das Leben leichter machen. Man kann mit Apps Kalorien zählen, auch wenn man davon nicht abnimmt. Man kann Vokabeltraining machen, auch wenn man es aus Zeitmangel nicht tut, seinen IQ testen, auch wenn man es aus Angst vor dem Ergebnis lässt. Man kann mit Hubble in den Weltraum, auch wenn man nicht weiß, was man da soll, sich Fragen zur Geschlechterdifferenz herunterladen, als könnte oder wollte man sie beantworten. Es tauchen immer neue Dinge auf, die das Gerät mit Hilfe einer App tun oder lassen, wissen oder vermeiden könnte. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass, bevor die dazugehörige App da war, die Sache selbst gar nicht existiert hat. Wie manche Krankheit mit der Möglichkeit, sie zu behandeln erst entsteht.

    Ein nicht geringer Teil der Zeit geht mit dem downloaden und upgraden von Apps dahin, mit dem formatieren und synchronisieren von Hard- und Software, mit einer allgemeinen Evaluierung der eigenen Wertigkeit, weil man sich auf den Anerkennungsskalen so weit oben wie möglich einzusortieren möchte. Wie sähe die Welt wohl aus, wenn Mr Jobs sie nicht verändert hätte? Vielleicht würde man sich in der U-Bahn noch ansehen, statt auf sein Display zu schauen. Ohne dass der andere es bemerkt, kann man das Gesicht des anvisierten Objekts von einer App scannen lassen, die einem Auskunft darüber gibt, wer er ist, welche Absichten er hegen könnte, welche charakterlichen Defizite und Vorteile er hat. Vielleicht würde man sein Gegenüber anlächeln, statt vor sich hin zu lächeln und vielleicht könnte man sich noch erinnern, ob man sich früher angeschaut, angelächelt und angesprochen hat. Sicher gibt es bald eine App wo man nachschauen kann wie das damals war. Zu einer Zeit, da mehr Menschen auf diesem Planeten leben als jemals gelebt haben, sind wir auch einsamer als je. Einsamer als wir wären, wenn niemand anderes da wäre.

    Mark Zuckerberg, der erste Mann von Facebook, hat, wie ich gerade erfahre, die Welt auch schon wieder verändert. Sollte ich selbst jemals in die Situation kommen, die Welt verändern zu können, dann würde ich es dahingehend tun, dass sie so bleibt wie sie ist. Das wäre die denkbar größte Veränderung. Und wahrscheinlich ein Skandal.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    14 Juli 2012

    Die Allmacht Gottes

    Es gehört schon einiges dazu, aus einem wunderschönen Monat, aus einem Sommer wie er im Buche steht – dreißig Grad, Sandstrand und Wellen, Meeresrauschen, schöne Musik und ein wolkenloser Himmel -; Es gehört schon einiges dazu, aus einem wunderschönen Juli so einen beschissenen November zu machen. Das kann nach meiner Auffassung nur einer auf der Welt. Nehmen wir das derzeitige Wetter also als einen Gottesbeweis. Und warum nicht? Warum sollte man nicht, wenn man schon Gott ist, den Menschen mal zeigen, was man alles kann? Wär ich Gott, ich würd‘s genauso machen! Vulkanausbrüche und Erdbeben, Weltkriege, Gemetzel und Seuchen, das Erlöschen der Sonne, das alles ist furchtbar primitiv und macht auch sehr viel humanoide Biomasse kaputt. Man hat da als Gott heute viel feinere Methoden, die Menschen Ehrfurcht zu lehren.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    09 Juni 2012

    Das bist du auf dem Laufrad

    „Das bist du auf dem Laufrad“ sagte gerade als ich vom Einkaufen zurückkam ein Vater zu seinem kleinen Sohn. Der schaute gebannt in eine Schaufensterscheibe, wo er offenbar sehen konnte wie er auf dem Laufrad saß. Ich korrigierte das im Vorbeigehen und sagte: „Das bist nicht du auf dem Laufrad, das ist dein Spiegelbild.“ Dann habe ich ihm auf den Kopf getippt und gesagt: „Das bist du auf dem Laufrad“. Der Papa hat gelacht und meinte, das sei typisch für Berlin. Hier werde man permanent verbessert.

    Das ist ja die Katastrophe, dass wir lebenslang nicht zu unterscheiden vermögen zwischen dem, was wir sind und dem, wofür wir uns halten. Nervenzusammenbrüche, Enttäuschungen und all unser eitles Streben nach Anerkennung und Liebe wären nicht so wahnhaft, wenn wir verstehen könnten, dass wir nicht sind, wofür wir uns halten. Wie leicht könnte alles sein, wenn wir verstünden, das wir auf dieser Seite des Lebens stehen und nicht auf der anderen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    09 Mai 2012

    Die Ceangăi

    Die Ceangăi – die Taschangonen – sind eine Volksgruppe mit ungarischen Wurzeln, die vor allem im Norden Rumäniens leben, an der Moldau, sie sprechen neben Rumänisch Ungarisch und ihre eigentliche Muttersprache Limba cengăilor. Das ist ein kleiner Volksstamm, der sehr traditionell lebt, römisch-katholisch, und höchstens 200.000 Mitglieder hat. Sie verfolgen separatistische Tendenzen und wollen ihre Eigenständigkeit und Muttersprache bewahren.

    Die Rumänen sehen sich ja ethnogenetisch als direkte – in der strengen Variante: einzig legitime – Nachfolger der Römer. Diese dakoromanische Kontinuität war unter Ceaușescu nicht hinterfragbar, weil damit alle territorialen Ansprüche der Ungarn und Österreicher auf Siebenbürgen zurückgewiesen werden konnten. Auch wenn diese These wohl nicht haltbar ist, ist sie deswegen noch immer populär, weil gewisse nationalistische Tendenzen auch dann noch auf ihr aufbauen, wenn sie sich nicht direkt auf die ‚Erbfolge‘ mit den Römern beziehen.

    Die Taschangonen – in Siebenbürgen sagt man auch csángós, das ist dann ein Schimpfwort wie hier die Ostfriesen – sind einer der vielen Volksstämme im multiethnischen Rumänien. Es gibt ganze Gebiete, in denen vor allem Ungarisch gesprochen wird. Die Taschangonen leben, von den Szeklern abgegrenzt und isoliert, in ihren eigenen Dörfern. Dementsprechend verändert sich ihre Sprache kaum, sie unterliegt nur wenigen Einflüssen von außen und kaum modernistischen Tendenzen. Die Sprache ist zwar stark vom Rumänischen durchdrungen, verändert sich aber nur wenig. Es gibt, soweit ich weiß, den Versuch ein Sprachlexikon aufzubauen, wie das ja auch beim Siebenbürgisch-Sächsisches Wörterbuch der Fall ist, das von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften gefördert wird. Die genaueste Beschreibung der Ceangăi in deutscher Sprache findet sich hier.

    Die FAZ hat eine wunderschöne Fotoserie des ungarischen Fotografen Peter Kollanyi veröffentlicht, hier kann man das sehen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    06 Mai 2012

    Über die Skrupel der Phantasie

    Nachdem Luigi Pirandello von einem Kritiker, von seinem Intimfeind Benedetto Croce, vorgehalten bekommen hatte, dass die Ereignisse in seinem Roman Mattia Pascal unwahrscheinlich seien, was offenbar ausreichend war, um ihn zu verreißen – es galt noch immer das Mimesis Gebot, nach dem Kunst nachzuahmen hätte – und Pirandello einige Jahre später in einer Zeitungsmeldung las, dass genau das von ihm Erfundene eingetreten war, schrieb er diese Bemerkung, diesen kleinen Aufsatz, der der Neuauflage als Epilog mitgegeben wurde. Ich zitiere einige Zeilen.

    „Denn das Leben ist zwar ungeniert voll von schamlosen Absurditäten, großen wie kleinen, aber es besitzt zugleich das unschätzbare Privileg, auf die törichte Wahrscheinlichkeit pfeifen zu können, der sich zu unterwerfen die Kunst für ihre Pflicht hält.
    Die Absurditäten des Lebens haben es nicht nötig, wahrscheinlich zu wirken, weil sie wahr sind – im Gegensatz zu denen der Kunst, die, um wahr zu wirken, wahrscheinlich sein müssen. Und wenn sie erst einmal wahrscheinlich sind, dann sind es keine Absurditäten mehr.“

    Luigi Pirandello, Avvertenza sugli scrupoli della fantasia – Bemerkungen über die Skrupel der Phantasie, in: Tutti romanzi, Milano 1973

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    02 April 2012

    I am not African

    I am a child of the Americas,
    a light-skinned mestiza of the Caribbean,
    a child of many diaspora, born into this continent at a crossroads.
    I am a U.S. Puerto Rican Jew,
    a product of the ghettos of New York I have never known.
    An immigrant and the daughter and granddaughter of immigrants.
    I speak English with passion: it’s the tongue of my consciousness,
    a flashing knife blade of crystal, my tool, my craft.

    I am Caribeña, island grown. Spanish is my flesh,
    Ripples from my tongue, lodges in my hips:
    the language of garlic and mangoes,
    the singing of poetry, the flying gestures of my hands.
    I am of Latinoamerica, rooted in the history of my continent:
    I speak from that body.

    I am not African. Africa is in me, but I cannot return.
    I am not taína. Taíno is in me, but there is no way back.
    I am not European. Europe lives in me, but I have no home there.

    I am new. History made me. My first language was spanglish.
    I was born at the crossroads and I am whole.

    Aurora Levins Morales

    In: Elisabeth Beck-Gernsheim: Wir und die Anderen. Vom Blick der Deutschen auf Migranten und Minderheiten. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2004, S. 104f

    In diesem, vielmehr einem ähnlichen Zusammenhang auch interessant:

    - Sorin Antohi: Europa Comunitară, Europa Culturală: identităţi reticulare – Europa der Union, das kulturelle Europa: netzartige Identitäten – In: Revenirea în Europa. Idei şi controverse româneşti 1990-1995. Hg.v. Adrian Marino. Craiova 1996

    - Hans Christian Maner: Multiple Identitäten. Der Blick des orthodoxen Südosteuropa auf “Europa”. In: ZEI-Discussion Paper, C 125 / 2003

    - Victor Neumann: Multiculturalismul în analizele filozofice contemporane – Multikulturalismus in den gegenwärtigen philosophischen Analysen. In: Observator cultural, Nr. 38, 14-20.11.2000

    - Andrei Pleşu: Noua şi vechea Europă – Das neue und das alte Europa – In: Revenirea în Europa. Idei şi controverse româneşti 1990-1995. Hg.v. Adrian Marino. Craiova 1996

    - Harvey Siegel: Multiculturalism and the possibility of Transcultural Educational and Philosophical ideas. In: The Journal of the Royal Institute of Philosophy, Cambridge University Press, Bd. 74, Nr. 289, 1999.

    - Mihai Şora: “Unitas în pluralitate” sau Europa în întregul ei – Einheit in der Vielfalt – Europa in seiner Ganzheit – In: Revenirea în Europa. Idei şi controverse – Die Wiederkehr nach Europa. Rumänische Gedanken und Debatten 1990-1995, Hg.v. Adrian Marino. Craiova 1996

    - Alois Wierlacher: Kulturwissenschaftliche Xenologie. Ausgangslage, Leitbegriffe und Problemfelder. In: ders. (Hg.): Kulturthema Fremdheit. Leitbegriffe und Problemfelder kulturwissenschaftlicher Fremdheitsforschung. München: iudicium 1993

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    22 März 2012

    Von der Macht des Verdächtigens

    Ich war am Dienstag bei einer dreiteiligen Veranstaltung des Berliner Literaturhauses zu und mit Eginald Schlattner. Es gab einen Workshop, geleitet von Michaela Nowotnik , die ihre Dissertation über den Siebenbürger Schriftsteller schreibt und seinen Vorlaß bearbeitet, danach den Film von Walter Wehmeyer „Von der Macht des Verdächtigens“ und am Abend eine Lesung.

    In den fünfziger Jahren ist es in Rumänien zu Aufsehen erregenden, man muss wohl sagen Schauprozessen, gekommen wie es sie auch in Russland und in Ungarn gegeben hat. Rumänien hatte sich am Ende des zweiten Weltkrieges von der deutschen auf die russische Seite gestellt. Deutschland hat kurze Zeit später den Krieg verloren. Siebenbürgen, das zur Österreichisch-Ungarischen Monarchie gehörte, wurde nach dem Untergang des dritten Reiches Rumänien zugeschlagen. Das ganze Land geriet unter Einfluss der Sowjetunion, 1948 wurde die Partidul Muncitoresc Român, die kommunistische Partei Rumäniens gegründet. Der Siebenbürger Sachse Eginald Schlattner, der das Studium der Theologie abgebrochen und das der Hydrologie angefangen hatte und in Schriftstellerkreisen verkehrte, wurde Ende der fünfziger Jahre verhaftet. Und zwar nicht wegen eines Vergehens, sondern wegen “Nichtanzeige von Hochverrat”, also dem Vergehens eines anderen. Man steckte ihn zwei Jahre ins Gefängnis in Einzelhaft. In dieser Zeit wurde er von der Securitate zum Kronzeugen der Anklage gemacht. Ihm wurde, so muss man das wohl sehen, die Rolle des Zeugen zugewiesen und anderen wurden die Rollen der Opfer zugewiesen. Es wurde von den Anklägern ein Komplott geschmiedet aus gegenseitigen Bezichtigungen und Beschuldigungen. Schlattner hat, teils freiwillig, teils unter Zwang, also Folter, gegen andere Schriftsteller ausgesagt, die daraufhin zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt, dann nach zwei, teils auch erst nach fünf Jahren begnadigt wurden.

    Eginald Schlattner hat mit vierzig Jahren noch einmal Theologie studiert und ist, inzwischen nahezu 80 Jahre alt, seither Gefängnispfarrer, sicher auch als Sühne für eigene Verfehlungen. Er hat fünfundzwanzig Jahre nichts geschrieben und dann versucht, das Trauma seines Lebens – er galt allen nur noch als der Verräter – in Worte zu fassen. Er hat drei Romane verfasst – Der geköpfte Hahn, Die roten Handschuhe und Das Klavier im Nebel. In den roten Handschuhen thematisiert er seine eigene Biografie, die zwei Jahre Kerker. Beabsichtigt war das wohl als ein Werk der Versöhnung. Er wollte Rechenschaft ablegen über sich und seine Taten und den Freunden von damals die Hand reichen. Aber es ist anders angekommen. Die Denunzierten haben die Geste nicht als eine der Versöhnung angesehen, im Gegenteil. Im Film fielen die Worte, dass sie sich zweimal von Schlattner verraten fühlen, einmal im damaligen Prozess und dann durch den Roman. Ich glaube ihm, wenn er sagt, dass er mit seinem Roman die Hand zur Versöhnung ausstrecken wollte. Aber keiner wollte diese Hand ergreifen. Die Fronten sind bis heute verhärtet. Die meisten Beteiligten leben auch nicht mehr.

    Schlattner war an diesem Tag die ganze Zeit anwesend. Hellwach und gebeugt, ein wohl auch sehr narzisstischer Mensch, ob schon immer gewesen oder über die vielen Verletzungen geworden, über den im Leben viele böse Worte gefallen sind – „man solle ihn totschlagen wie einen Hund“ – einer der um Fassung ringt. Man sieht es ihm an: der Mann versucht bis heute, sein Leben zu erfassen und zu begreifen. Er versucht zu verstehen, was das Leben mit ihm gemacht hat. Warum Gott ihn an diese Stelle gestellt hat, an einen Platz, an den er nicht hingehörte. In diesem Zusammenhang muss man es verstehen, wenn er an diesem Abend mehrfach gesagt hat, dass er heute der richtige Mann am richtigen Ort sei: ein alter Mann in Siebenbürgen, ein Gefängnispfarrer, der Mörder und Schwerverbrecher besucht und ihnen Trost spenden will für ein verpfuschtes Leben. Trost, denn die Schuld kann er ihnen nicht nehmen.

    Vergessen und Vergebung: das ist ein schwieriges Thema. Für beide Seiten, für Opfer und Täter. Das liegt vor allem daran, das Opfer und Täter oft nicht genau auseinandergehalten werden können. Wie hängen Aktion und Reaktion zusammen? Wo fängt die eigene Tat an? Und wo ist sie bloß eine Reaktion. Wo hört die Rechtmäßigkeit des eigenen Tuns auf? Wo hört die Wahrheit auf und wo fängt die Denunziation an? Wo fängt die eigene Schuld an?  Solche Dinge am eigenen Leib zu erfahren, tut sehr weh. Als Schriftsteller hat man immerhin eine Möglichkeit damit umzugehen: Aufschreiben!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    21 März 2012

    Die moderne Zeitvorstellung

     

    Die angezeigt Wartezeit entspricht nicht der zu erwartenden Zeit. Das finde ich sehr interessant. Ich hätte da so einige Fragen. Etwa: Warum zeigt man sie dann überhaupt an? Oder: Worin findet die Wartezeit eine Entsprechung, wenn nicht in der zu erwartenden Zeit? Außerdem: Wenn Wartezeit und zu erwartende Zeit einander nicht entsprechen, ja geradezu auseinanderfallen, was zieht das nach sich für die allgemeine Zeitauffassung, wenn Zeit nicht als Wartezeit definiert wird? Was bedeutet das – außerhalb der Zeitvorstellung – für die Begriffe Warten und Erwarten? Das sind sehr wichtige Fragen und ich bedanke mich hiermit ausdrücklich bei der Berliner Verwaltung, die damit einen wesentlichen, in seiner Bedeutung kaum zu überschätzenden Beitrag zur modernen Zeittheorie liefert.

    Das Schild kann übrigens besichtigt werden: Bürgeramt Mitte, Karl-Marx-Allee 31, 10178 Berlin, an Werktagen in der Zeit von 8.00 bis 16.00 Uhr.

    (Mit dem Wort „Zeit“ meine ich jene Zeit, die vor der neuen Definition lag. Die klassische Zeit, die man auf der Uhr ablesen konnte: eine inzwischen gänzlich überholte Definition, da die Zeit einzig sich selbst entsprach.)

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
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    04 März 2012

    Veränderungen: Ich ziehe mich aus dem Netz zurück

    Ich dachte, ich könne das noch ein wenig hinauszögern. Vielleicht kann ich es auch. Aber diese Ankündigung kann ich nicht verzögern. Es wird hier zu deutlichen Veränderungen kommen, die ich noch nicht in allen Einzelheiten kenne. Ich werde mich aus dem Netz zurückziehen. Nicht in Gänze, aber zu einem wesentlichen Teil. Das Blog werde ich in dieser Form nicht weiterführen. Ich kenne das Ende noch nicht genau. Meinem Charakter aber liegt ein radikaler Schnitt sehr viel näher als ein langsames Sterben.

    Das hat verschiedene Gründe, die in erster Linie in der Arbeit mit Texten zu finden sind. Ich habe mich beim Essaywettbewerb von Edit beworben und dazu meinen Essay zu David Foster Wallace überarbeitet, vielmehr neu geschrieben. Nach meiner eigenen Einschätzung ist dies das mit Abstand Beste, was ich bisher gemacht habe. Das war sehr viel befriedigender als das Schreiben im Blog. Und während ich im Blog keinerlei Entwicklungen mehr spüre, ich spreche von meinen eigenen Entwicklungen!, ist in dem essayistischen Bereich sehr viel möglich. Ich muss mir Bereiche suchen, wo ich mich entwickeln kann. Das wichtigste Ziel in meinem Leben lautet: ich will eine exzellente Schriftstellerin werden.

    Da sind noch einige andere Dinge, die ich mir gerne erschließen möchte: textintensive Arbeiten zu Autoren und theoretischen Zusammenhängen, beispielsweise Der blaue Kammerherr von Niebelschütz. Ich kann das nicht nebenbei machen. Dass mein Essay bei Edit erscheint, ist recht unwahrscheinlich, es hat mehr als siebenhundert Einsendungen gegeben. Ich werde mir wohl nach dem Wettbewerb einen Ort dafür suchen müssen. Leider suchen dann auch noch sechshundertneunundneunzig andere. Sicher ist jedenfalls, dass ich nicht mehr hundert Artikel im Jahr schreibe. Ich will lieber zehn gute schreiben. Ich will auch wieder mehr lesen. Ich schiebe so viel vor mir her, wie nie zuvor. Das Interesse an diesem Blog scheint auch so gering wie noch nie, es gibt nahezu keine Kommentare mehr. Das ist vielleicht eine gute Koinzidenz.

    Selbstverständlich werde ich diese Webpräsenz weiterführen. Ich will über Das Geräusch des Werdens reden. Da passiert mir zu wenig und ich werde das wohl anschieben müssen. Außerdem, das ist vielleicht sogar noch der wichtigere Grund – dafür nämlich, dass ich nicht gänzlich gehe -: ich will über meinen nächsten Roman – Aléas Ich – reden, der im Januar des kommenden Jahres erscheinen wird. Ich weiß das bereits von meinem Prof und ich höre es auch aus anderen Ecken, derzeit vor allem von Literaturwissenschaftlern: da wird es ganz massiv Diskussionsbedarf geben. Ich weiß, dass da einige begeistert sind, andere schütteln den Kopf. Dieser Auseinandersetzung  werde und will ich mich stellen. Das wird, wenn ich das richtig voraussehe, eine wilde Diskussion geben.

    Ich kenne das Neue noch nicht, aber ich spüre sehr deutlich, dass dies das Alte ist.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    01 März 2012

    “Mărţîşor”

    Mărţîşor – sprich: Märzischor -: Vom ersten bis zum dritten März werden die sogenannten Mărţîşoare – Märzchen – verschenkt. Das sind kleine Glückssymbole, meistens Amulette aus geflochtenen Seidenfäden. Damit wird der Frühling begrüßt. Kommen die Störche, wird das aufs Hausdach geworfen oder vergraben. Die kleinen Geschenke sollen der Schönheit der Frauen dienen, was ja wieder, das ist nicht selbstlos, den Männern zugutekommt. Die Welt ist weit weniger kompliziert als bisweilen angenommen. Hier gibt es die Einzelheiten.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    13 Februar 2012

    Gehirn und Gedicht

    Ich fand das erst interessant, dann aber sehr schnell nicht mehr: die neurologische Fundierung des Lesens und Denkens im Gehirn. Wenn es so ist wie im Folgenden beschrieben wird, dass ein aufnehmende Lesen nur innerhalb der Pausen möglich ist, die das Auge von den permanenten Blickrichtungswechseln macht, dann ist das eben so. Das ist bei allen Menschen der Fall, das ist einfach die neurologische Grundlage. Wir müssen da nicht lange drüber nachdenken, was sein könnte, machten unsere Augen keine Pausen oder wären wir doppelt so intelligent wie wirs sind.

    Ich habe diesen Gedanken schon einmal anhand der These Cărtărescu angesprochen, dass die Welt der Termiten so aussieht wie ihre Kaufwerkzeuge ihnen das vorgibt. Diese termitische Strukturierung der Welt, das gilt auch für uns. Bei Cărtărescu können Sie sich einen Termin holen, und danach gehen Sie gleich mal zu dem Kollegen über den Flur und dann rechts, zu Ion Manolescu hierher, der hat einen großartigen Roman geschrieben, die Ausschnitte finden Sie hier,  und dann sind sie eins, zwei drei auf dem neusten Stand.

    Jetzt aber zu den Gehirnforschern:

    „Sie wissen auch, obwohl die Worterkennung die Basis des Lesevorgangs ist, ist es ja noch viel komplizierter, denn Bedeutung entsteh ja auch in Wortkombinationen, in Sätzen in Phrasen. Das ist keine Statische Angelegenheit, sondern wir müssen dreimal oder viermal pro Sekunde ruckartig unsere Augen bewegen, zwölf Blickbewegungsmuskeln müssen dafür von unserem Gehirn koordiniert werden. Zwischen diesen ruckartigen Sakkaden (Blickzielbewegungen) liegen kurze Pausen, Fixation genannt, die im Mittelwert nur eine Viertelsekunde dauern und nur während dieser Fixationen, kann das Gehirn die Information aufnehmen, die es zum sinnentnehmenden Lesen benötigt. Kurzum, das Gehirn verhält sich ein bisschen wie Bölls Clown, der nur Augenblicke sammelt, aber aus diesen Augenblicken konstruiert es dann etwa ein Gedicht, das wiederum dem Gehirn einer anderen Person entnommen ist, in diesem Fall Ricarda Huchs.“ (Arthur Jacobs)

    Raoul Schrott und Arthur Jacobs über “Gehirn und Gedicht”, hier.

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    12 Februar 2012

    Am 16. Dezember 2010 ist Thien Tran in Paris verstorben

    Am 16. Dezember 2010 ist Thien Tran in Paris verstorben. Er hat das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium bekommen. Ich kann mich an die Lektüre von Rom, Blicke von Brinkmann erinnern. Ich habe das Buch einmal in eine Reihe mit zwei anderen mich beindruckenden Büchern gestellt: Örtliche Leidenschaften von Barbara Bongartz und Die Insel des zweiten Gesichts von Albert Vigoleis Thelen.

    Wie Thien Tran wohl gelebt haben mag? In Vietnam geboren, kam er mit drei Jahren nach Deutschland. Fühlt man, wenn man in dem Alter hierher kommt, die eigene Fremdheit oder die der anderen? Er studierte Literatur und Philosophie, hat einen Band mit Gedichten veröffentlicht, und wollte, wie ich irgendwo gelesen habe, immer mit dem Kopf durch die Wand. Das ist keine schlechte Angewohnheit für einen Dichter. Es gibt einfach sehr viele Wände und wenn man anders hindurch käme als mit dem Kopf, dann bräuchte man nicht Dichter werden. Man nähme einfach Türen, Fenster, Treppenhäuser, Aufzüge. Man sieht die natürlichen Löcher in den Wänden und muss nicht mühsam eigene hineinbrechen.

    Wie Thien Tran wohl gestorben sein mag? Vielleicht ist er genauso tragisch, so lächerlich ums Leben gekommen wie Brinkmann in London. Weil er nicht an den Linksverkehr gewöhnt war und beim Überqueren der Straße instinktiv in die falsche Richtung geschaut hat. Aber Thien Tran ist in Paris gestorben. Vielleicht hat er keine Wand mehr gesehen, durch die er hindurch konnte? Überall nur Ausweglosigkeit statt Wände und Löcher. Vielleicht hat er sich vom Leben verabschiedet, wie so viele Dichter. Suizid und Sprachlosigkeit haben einiges gemein.

    Ich weiß kaum etwas über den Mann, nichts über seine Dichtung, nichts darüber, wie er mit Worten gelebt hat. Ich kenne ihn gar nicht. Er steht im Alphabet bei Literaturport einfach nur unter mir. Vorher stand er unter Claudia Tomann.

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    geschehn aus unablässigem Bestreben.
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    11 Februar 2012

    Wo haben Sie eigentlich alle gesteckt?

    Das war gestern ein rundum gelungener Abend. Besser hätte das nicht laufen können. Ich war den ganzen Tag über ziemlich aufgeregt. Ich habe mich vor der Lesung mit einer Dame von der Presse getroffen. Die wollte mich auf Herz und Nieren prüfen. Dummerweise hatte ich, bevor ich das Café betrat, das Gefühl, weder das eine noch das andere zu haben. Ich war aufgeregt. Das bin ich auch jedes Mal, wenn ich mich mit meinem Prof. treffe. Ich bin ein wenig zu spät gekommen. Sie saß schon da und hatte mein Buch auf dem Tisch liegen.

    Ich habe ihr dann von meinen beiden Roman erzählt und sie mir von ihrem Vater, der lange mit dem Schreiben gekämpft, es aufgegeben hat und jetzt gerade wieder damit anfängt. Das Schreiben kann ein Kreuz sein. Aber auch ein großes Glück. Dann haben wir über die rumänische Literatur gesprochen - Mircea Cărtărescu, Herta Müller und Oskar Pastior – und über Rumänien natürlich. Das ganze Gespräch war ausgesprochen gut. Das war sogar noch besser.

    Danach bin ich zu spät zu meiner Lesung gekommen! Da war gewollt.  Zwei Freunde haben für mich gelesen: Valentina und Claus. Es waren etwa fünfzig Leute anwesend. Ich stand in der letzen Reihe und konnte mir das in Ruhe anhören. Ich habe die Worte von Herrn Osburg mitbekommen, der von meinem Buch geschwärmt und die von Frau Schwind, die meine beiden Vorleser_innen schön eingeführt hat. Dann wurde „Es war dasselbe, es fühlte sich nur vollkommen anders an“ gelesen. Ich konnte kaum glauben, dass ich das geschrieben habe. Wieder einmal stellte ich fest, dass der Text, wenn man alleine davor sitzt, ein anderer ist. Ein anderer als der, der dann in einem Buch steht. Und er verändert sich noch einmal, wenn er von fremden Stimmen gelesen wird. Er verändert sich, wenn er gehört, wenn er verstanden wird. Und wahrscheinlich verändert er sich auch, wenn er nicht verstanden wird.

    Ich muss die Dinge manchmal aus der Ferne wahrnehmen. Ich fühle mich dann sicherer. Außerdem bin ich nur vorlaut, wenn das Netz dazwischen ist. Ich stand dort hinten und habe gelächelt und ich weiß, dass die beiden da vorne das gesehen haben.  Später drückte mir Herr Osburg den nächsten Vertrag in die Hand. Damit wäre auch „Aléas Ich“ unter Dach und Fach: Erscheinungstermin Januar 2013! Das war also wirklich ein sehr schöner Tag. Dann habe ich meine beiden Vorleser noch in ein Restaurant eingeladen.

    Wo haben Sie eigentlich alle gesteckt?

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    17 Januar 2012

    Wie soll ich’s machen?

    Am Ende meines Lebens werde ich etwa achtzig Jahre alt sein und achtzig Meter Bücher besitzen oder doch gelesen haben. Neunundsiebzig Meter davon sind mit neunundsiebzig Jahren überflüssig. In den letzten Momenten geht es nur noch um den einen Meter außergewöhnlich guter Literatur, die besten Texte aller Zeiten und Sprachräume. Wenn man vor seinem Herrgott steht, hat man nicht die Muße, miteinander das ganze Bücherregel abzuschreiten und die Vorzüge und Nachteile eines jeden Titels abzuwägen. In den letzten Momenten kann man nur noch sein Bestes vorzeigen. Gott will wissen, was man gelesen hat und ob es sich lohnt, dass er sich das auch bestellt.

    Bei achtzig Jahren und achtzig Metern kommt etwa einmal im Jahr etwas Außergewöhnliches dazu. Ich habe in den letzten Tagen des vergangenen Jahres ein solches Buch gelesen. In diesen seltenen Fällen ist das Lesen ja das reine Glück. Andere empfinden so etwas vielleicht bei der Besteigung eines Berges oder beim Tauchen. Nun stehe ich allerdings vor einem Problem: Ich weiß nicht wie ich es bewerkstelligen soll, das hier vorzustellen. Eine ernsthafte Auseinandersetzung würde mich Wochen kosten, wie damals bei David Foster Wallace. Das sind 1200 Seiten, die ich noch ein zweites Mal lesen müsste und das Schreiben eines konsistenten Textes mache ich auch nicht an einem Sonntagvormittag. Das kostet mich vier Wochen und diese Zeit habe ich in diesem Jahr nicht.

    Es handelt sich um Wolf von Niebelschütz: Der blaue Kammerherr. Das ist einer der reichsten und reichhaltigsten Romane aus deutscher Feder. Das sprüht und spritzt nur so vor Witz und Ideenreichtum. Die Kinder der Finsternis hatte mir schon gut gefallen, aber das hier ist noch besser. Ich finde es nicht erstaunlich, dass die Romane von Umberto Eco ein solches Medienecho hervorrufen. Eco ist dabei nicht einmal der größte Stilist. Erstaunlich ist vielmehr es im Deutschen ein ähnliches Schwergewicht gibt und man offenbar nahezu nichts davon weiß. Kaum ein Mensch kennt den Autor dieser zwei Romane. Obwohl er besser ist als Umberto Eco. Beide sind auch im gleichen Feld tätig: Abenteuerromane.

    Eigentlich müsste ich eine Zeitung oder eine Zeitschrift suchen, die mir Geld oder Ruhm verspricht. Dann wäre ich verpflichtet, es zu tun. Zeitungen interessieren sich allerdings nur für aktuelle Bücher. Und Zeitschriften, Literaturzeitschriften sind eher träge oder antworten nicht, wenn man ihnen schreibt. Ich kenne die Szene auch nicht so gut. Ich habe es einige Male probiert und nie eine Antwort bekommen. Ich werde es vielleicht mal bei Edit, den Manuskripten, LETTRE und beim Schreibheft versuchen. Oder ich suche mir eine literaturwissenschaftliche Zeitschrift. Aber die alle wollen einen fertigen Text. Und dann schaffen sie es nicht einmal, eine Absagemail zu schreiben.

    Diese Dinge bedeuten viel Lauferei, sehr viel sinnlose Arbeit, totale Zeitverschwendung. Ich könnte mit meinem Professor sprechen. Dann muss es allerdings auch einen Niederschlag in meiner Dissertation finden, sei es als Exkurs oder als eine mörderische Fußnote, und das wird richtig Arbeit. Vielleicht gibt es auch die Möglichkeit zu einem Lexikonartikel. Lexika allerdings werden ja auch nicht alle Tage neu geschrieben. Ich weiß derzeit nicht wie ich es machen soll.

    Bis zum 23 Januar noch: zwei Worte um das Captcha zu überlisten.

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    15 Januar 2012

    Die „Costa Concordia“

    Die, die hier regelmäßig lesen, wissen, dass ich nicht sehr medienaffin bin. Ich gehe nie ins Kino, ich schaue sehr selten Fernsehen oder höre Radio. Dann und wann schaue ich aus meinem Fenster und bin manchmal schockiert. Vor allem, wenn es um Unglücke geht. So habe ich im Frühjahr letzten Jahres nach Fukushima geschaut und so schaue ich jetzt auf das Schiffsunglück nach Italien. Anders als im vergangenen Jahr will ich versuchen zu verstehen, was ich auf solchen Bildern (aus der Süddeutschen Zeitung und dem Spiegel) sehe.

     

     

     

     

     

     

     

    Die Metaphorik von Natur und Technik überschneidet sich hier auf interessanteste Weise. Das Schiff, die Technik, sieht aus wie ein gestrandeter Wal. Dieses riesige Schiff, das da beinahe am Strand liegt, auf der Seite, und aus eigener Kraft nicht wieder wegkommt. Die Motoren, die Rotoren, die Turbinen, so könnte man sich vorstellen, drehen mit aller Kraft, der Wal schlägt mit seiner Schwanzflosse, aber es reicht nicht, um sich dort weg zu bewegen. Die Kraft, die innerhalb des Mediums Wasser zigtausende Tonnen bewegen kann, ist außerhalb vollkommen machtlos. Wehrlos liegt das Meeres-Ungetüm auf der Stelle.

    Da liegt das Schiff und alle stehen am Strand auf der Insel und sehen ihm beim Sterben zu. Die Dramatik wird dadurch verstärkt, dass womöglich noch Menschen eingeschlossen sind, wie Jonas im Wal. Es ist nicht irgendein langweiliges Containerschiff. Es ist ein Kreuzfahrschiff. Hier wird deutlich das Humane in den Mittelpunkt gestellt. Das ist ein Container, der Menschen transportiert die jetzt eingeschlossen sind. Wie die Seemöwen auf dem Wal, klettern die Feuerwehrleute auf dem Ungetüm herum, die Möwen picken ein Loch in den Koloss, die Feuerwehr klopft, um nach Eingeschlossenen zu suchen.

    Lesen konnte man, dass die Menschen die das Unglück erlebt haben, sagten, die Kollision und die anschließende Schräglage, die Havarie des Schiffes sei wie in dem Film „Titanic“ gewesen. Der Film, der ein tatsächliches Unglück nachspielt – die Kunst, die die Natur imitiert und nachahmt -, wird so zum Vorbild für ein natürliches Ereignis: Zu einem emotionalen Vorbild. Der Film Titanic ist eine Wirklichkeit, die durch das Erleben einer ähnlichen Situation höchstens imitiert werden kann. Das wahre Erleben des Menschen, so scheint es, ist durch die Medien gegeben. Die Menschen schauen auf ihr Display, wenn sie wissen wollen, wie der Verkehr ist, nicht auf die Straße, wenn sie sie überqueren.

    Das wahre Leben im Film: Man hat auf See vielleicht nicht nur sein Vergnügen gesucht, die Langeweile oder den Blick aufs Meer, sondern das Abenteuer und die Gefahr. Weil man dachte, dass das wie im Film ist. Ich habe „Titanic“ nicht gesehen, aber ich vermute, dass die Hauptpersonen das Unglück überlebt haben. Wie im Film! Da kann man sich ja eigentlich nicht beschweren. Oder, wenn man sich doch beschwerte, dann ist die Frage worüber: darüber, dass der Film so wirklichkeitsgetreu war? Oder darüber, dass die Wirklichkeit wie ein Film ist?

    Normalerweise will man mehr vom Film und von Büchern: mehr Inhalt als das eigene Leben bietet, mehr Dichte und mehr Konsistenz. Fiktionale Literatur ist, wie man das nennt, überdeterminiert. Die Frage ist, ob das für das Leben auch gelten kann.

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    19 Dezember 2011

    Mein Vorschlag für das Wort des Jahres: „Digitaler Außenseiter“

    Mein Anschreiben an die “Gesellschaft für deutsche Sprache”:

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    wohlwissend, dass Sie das nicht anbieten, möchte ich dennoch einen eigenen Vorschlag für das „Wort des Jahres“ 2011 machen. Mit diesem Vorschlag ist der Wunsch verbunden, dass Sie Ihr Auswahlverfahren modifizieren mögen und Vorschläge und deren Begründungen nicht nur von einer „Fachjury“ vornehmen lassen, sondern von denen akzeptieren, die einfach nur Nutzer der Sprache sind, aus Not oder aus Lust. Ohne dabei fachliche Kompetenzen vorweisen zu können. Ich mache hiermit den Anfang.

    Ich schlage „Digitaler Außenseiter“ als Wort des Jahres vor. Der digitale Außenseiter ist, einer Studie der Initiative D21 zufolge zu 59 % weiblich und zu 73 % nicht berufstätig. Der digitale Außenseiter ist einer, an dem der Wandel der Gesellschaft vorbeigeht. Ein Wandel, der vor allem jenen Teil der Welt betrifft, deren Nutzung für viele, vor allem Jüngere, womöglich weniger weibliche und mehr berufstätige Personenkreise, selbstverständlich ist. Für den digitalen Außenseiter ist sie ein Buch mit sieben oder mehr Siegeln und Passwörtern. Wo die einen eine eigene Hompage haben, ihr Smartphone mit Apps füttern und sich zu Weihnachten ein Tablet wünschen, verstehen die anderen nur noch Bahnhof. Ein Bahnhof in einem böhmischen Dorf, wo der letzte Zug schon lange abgefahren ist. Man sitzt einfach da und wartet und weiß innerlich, dass man da im Leben nicht mehr wegkommt.

    Das digitale Leben fängt ja nicht erst beim Computer an, das beginnt bereits beim Telefon, das Teil einer weit größeren Einheit aus verschiedenen Geräten ist. Wer sich heute für ein Telefon entscheidet, der muss sich für ein komplettes Ökosystem aus Apps samt Umgebung entscheiden, für eine Apple Plattform oder für Android oder Windows, für oder gegen Lion oder Siri, und möglicherweise auch noch für Fedora oder gegen Ubuntu. Viele können das nicht. Sie können sich nicht einmal mehr zwischen den verschiedenen Mobilfunkangeboten entscheiden, zwischen Verträgen mit oder ohne Flat, mit oder ohne home zone, weil sie nicht einmal wissen, was ein Citycall ist. Sie lassen das Telefon links liegen, weil sie die Bedeutung der Tasten nicht mehr verstehen, wo weder die Sieben noch die Neun einfach nur Tasten sind, sondern Mehrfachbelegungen, die kein Mensch versteht oder braucht. Jedenfalls kein digitaler Außenseiter.

    Das digitale Leben unterscheidet nicht zwischen dem was man braucht oder nicht braucht. Wer solche altmodischen Trennungen vollzieht, der ist bereits einer, der der Digitalen Avantgarde, der anderen Seite der Gesellschaft, hinterher humpelt. Das sind altmodische Begriffe aus der analogen Welt, die in ihrer digitalen Parallelwelt keine Rolle mehr spielen. Die digitale Avantgarde, ist eine Gesellschaftsschicht, die nichts mehr braucht aber alles kann. Die jenseits der Nöte und Sorgen der anderen, der 59 % weiblichen und 73 % nicht berufstätigen, permanent neue Anwendungen erfindet, die auch wieder keiner braucht und die Unbrauchbaren hinter sich lässt.

    Ich sehe bedauerlicherweise gerade, dass ich etwas hinterherhinke: das Wort des Jahres 2011 ist bereits vergeben. Macht nichts. Ich schlage hiermit das Wort „Digitaler Außenseiter“ als Wort des kommenden Jahres vor.

    Ich grüße Sie ganz herzlich

    Aléa Torik

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    27 November 2011

    Die Geisteswissenschaften sind ein Zug

    Das Folgende habe ich als Antwort auf einen Kommentar geschrieben, fand es dann aber so lecker, dass ich es noch einmal widerkäue und dabei ein wenig anreichere.

    Die Geisteswissenschaften sind ein Zug, der immer in voller Fahrt ist und der niemals anhält, um Studierende oder anderweitig interessierte Reisende aufzunehmen. Es kommt auch kein Schaffner, der einem erklärt, dass die Fahrkarte für Derrida mindestens Freud und Platon und Aristoteles ist. Auch wenn er käme: man sitzt ja gar nicht drin, sondern steht draußen auf dem Bahnhof, der Zug fährt mit 200 Stundenkilometern vorbei und was immer der Schaffner sagt, man versteht kein Wort. Und selbst wenn man es verstünde: in einer einzigen Sekunde ist der Zug schon wieder weg, und man kann mit diesem kleinen Informationspartikel, das man aufgeschnappt hat, nicht viel anfangen. Man steht auf dem Bahnhof und denkt: Derrida ist mir einfach eine Nummer zu schnell und auch zu schnell wieder weg. Wenn man aber das Glück hat, innendrin zu sitzen, dann denkt man bisweilen, wenn man rauschaut: Grandios!

    Die Welt da draußen, die ist, wenn man mit dem Zug durchfährt, nicht weg. Die Welt ändert sich nur ein wenig. Deswegen fährt man ja mit dem Zug. Nicht weil man irgendwohin will, sondern weil die Welt sich ändern soll! Weg geht sie davon nicht. Weg sind nur die Bahnhöfe und Haltepunkte.

    Es gibt nur eine Welt, aber sie brauchen zwei Worte um sie zu betreten!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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