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  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
  • irisnebel: klasse! gratuliere! musst du ne gegenleistung bringen? als stadtschreiber z.b.?
  • nadine schmid: Ich habe mit Thien an der Uni Koeln studiert. Wir ware zeitweise befreundet, aber ich hatte wenig verstaendnis fuer seinen ‘Mangel’ am akademischen Streben und habe, trotz meiner Anerkennung seines Talents, sein Lebensziel, aus seiner Dichtung etwas zu machen, als...
  • bersarin: Es muß natürlich, entdecke ich beim zweiten Lesen, Monika Rinck heißen. Ich kann mir Namen nie merken.
  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
  • Aléa Torik: Never ride a dead horse – das hätte auch als Überschrift dieses Beitrags herhalten können. Gestern Nacht bin ich mit dem Rad 35 km durch das ausgestorbene Berlin gefahren, bis weit jenseits der Stadtgrenze. Da ich ziemlich kaputt war, konnte ich dabei nichts denken, aber wenn...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
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  • Miss Lingen: Obwohl, wie Sie wissen, ich hier mit Sympathie lese, frage ich doch: ist das nicht alles ein wenig zu komplex?
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  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
  • holio: Traurig ist das in der Tat. Und so ganz zu verstehen auch nicht. Im Geräusch des Werdens war der Anknüpfungspunkt für Otto Normalleser ja da. Und die Bălkanexotik ist auch rezipiert und rezensiert worden. Die Sprache ist einfach, der Plot verständlich, erinnere die Szene mit dem blinden...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • 20 Dezember 2013

    “Der Name eines Vogels, den es nicht wirklich gibt, der aber, wie der Flug, in jedem Vogel vorhanden ist”

    Das Buch des Flüsterns von Varujan Vosganian

    Es ließen sich vermutlich eine Handvoll Parameter finden, anhand derer man die Modernität von Literatur bestimmen könnte, etwa der Wechsel der Perspektive zwischen Figuren- und Erzählersicht, von direkter und indirekter Rede. Einer der für mich interessantesten dieser Bestimmungen ist die Stellung des Erzählers. So betrachtet ist das Buch des Flüsterns ein sehr modernes Buch, da der Erzähler sich mehrfach zu Wort meldet, ausnahmslos mit Äußerungen, die allesamt seine Stellung als Teilhaber auf der einen und als teilnahmsloser Berichterstatter auf der anderen Seite betreffen. Diesen Widerspruch thematisierend, beginnt der Roman mit den Worten: „Ich bin vor allem das, was ich nicht vollenden konnte. Das wahrhaftigste der Leben, die ich führe, wie ein an seinem Ende verknotetes Schlangenknäuel, ist das nichtgelebte Leben. Ich bin ein Mensch, der unsagbar vieles auf dieser Welt erlebt hat. Und der im gleichen Maße nicht gelebt hat.“

    Das Buch des Flüsterns erzählt die Geschichte der Armenier. Die Geschichte ihres Untergangs, die zwischen all den anderen Untergängen im vergangenen Jahrhundert, – dem Untergang der Juden in Auschwitz, dem Untergang der Deutschen in Stalingrad, dem der Italiener unter Mussolini und dem der Franzosen unter Vichy, dem der Amerikaner in Pearl Harbor, dem der Japaner in Hiroshima und Nagasaki, dem Untergang Abermillionen Flüchtlingen in Europa und dem Untergang der Menschlichkeit in zwei Weltkriegen – selbst untergegangen ist. Es ist die Geschichte, die sich ein Jahrhundert lang durch halb Europa und Kleinasien zieht und dennoch ist es auch die der rumänischen Kleinstadt Focşani, ihrer armenischen Kirche und ihres Friedhofs. Und es ist die Geschichte von Großvater Garabet, der tatsächlich so oder so ähnlich existiert haben mag. Was der fiktive Erzähler über seinen gleichermaßen fiktiven Großvater berichtet, gilt auch für ihn selbst: „Mit seiner Künstlernatur hatte er begriffen, dass die Geschichte jedes einzelnen Menschen sich lediglich zu einem Teil aus dem wirklich in der Zeit Erlebten zusammensetzt, der Rest besteht zu gleichen Teilen aus den Dingen, an die man sich erinnert, aus Dingen, die man sich erhofft, und jenen, vor denen man sich fürchtet.“ Bemerkenswert ist die Auffassung, dass man sich der Vergangenheit nur auf eine Weise nähern kann, in der Erinnerung. Der Zukunft gegenüber aber kann man sich auf zweierlei Weise verhalten: hoffend und fürchtend. Mit einer lediglich erinnernden Lebens- oder Schreibweise greift und begreift man nur einen kleinen Teil des eigenen Selbst. In der Erinnerung, könnte man jetzt weitergehend formulieren, unterscheiden wir uns nicht voneinander, denn sie ist für alle gleich: sie greift nur das Vergangene. Es ist die Zukunft, durch die wir uns unterscheiden, je nachdem, ob wir uns hoffend oder fürchtend zu ihr verhalten.

    Hunderte Namen. Wie Grabsteine stehen sie nebeneinander, verbunden durch das gemeinsame Schicksal. Geschichten, die sich immer wieder treffen. Linien, die sich kreuzen. Auch das Leben des Erzählers beginnt an einer solchen Kreuzung: „ .. meine Geburt geriet an einen Kreuzungspunkt. Mit ihr überstieg die Zahl der Lebenden die der jemals und bis zu diesem Zeitpunkt Ermordeten.“ Linien, die sich kreuzen und überschneiden und die langsam ein Geflecht bilden, in dem die eigene Geschichte nur ein Abschnitt im langen Lauf der Zeiten ist und wo die Unsicherheit über die Zukunft mit der Sicherheit über die Vergangenheit besänftigt wird: „Großvater Setrak hat meine Großmutter Sofia kennengelernt, die er heiratete als sie kaum siebzehn Jahre zählte, dann wurde Tante Maro geboren und auf den Namen der älteren Schwester von Großvater getauft, die sich umgebracht hatte, indem sie sich in das Wasser des Euphrat stützte, und etwas später kam Elisabeta, meine Mutter, die wiederum später meinen Bruder Melic, benannt nach dem legendären Urahn der Familie, dem Prinzen aus Urmia, geboren hat und danach mich, Varujan, was im alten Armenisch der Name eines Vogels ist, den es nicht wirklich gibt, der aber, wie der Flug, in jedem Vogel vorhanden ist, ich wiederum habe eine Tochter, Armine, was ‚kleine Armenierin‘ heißt, und sie wird sich meinen Urahnen ebenso anschließen wie meine Großmutter Arșaluis, die Frau des anderen Großvaters, es angelegt hatte, als sie auf dem Innendeckel der Bibel die wichtigsten Geschehnisse ihres Lebens aufzeichnete.“

    Dieses Buch besteht aus unzähligen kleine Geschichten, etwa die von Harutiun Khantirian, der Botschafters von Armenien, der allerlei Eignungen für die Diplomatie vorweisen kann, dem es aber an der grundlegenden Vorrausetzung mangelt „nämlich jener, ein Land zu haben, das er hätte vertreten können“. Das ist die Geschichte des Dorfes Vadu Rosca, deren Bewohner sich nach dem zweiten Weltkrieg gegen die Kollektivierung der Landwirtschaft auflehnen und die dann mit Maschinengewehren und Panzer ausgelöscht werden, von einer militärischen Einheit, deren Anführer Nicolae Ceaușescu sich auf diese Weise erste Sporen verdient / erarbeitet /erschießt / ermordet. Die Geschichte von Micael Noradunghian, der nach dem zweiten Weltkrieg den Vorschlag macht, dass Rumänien sich zum 49. Mitglied der Vereinigten Staaten von Amerika erklärt. Die Geschichte von Hartin Fringhian und seinem Testament: Mit Glück und einem guten Gespür fürs Geschäft kann er sich ein geradezu märchenhaftes Vermögen erarbeiten. Als es ihm nach dem Weltkrieg im Zuge der Bodenreformen weggenommen wird, muss er in die Berge flüchten, im Smoking, wie es sich für jemand seiner Gesellschafsschicht gehört. Dort lebt er Jahr und Tag mit Schafen und Schäfern und fügt seinem Testament, das er in einem Ledergürtel um den Leib geschnallt bei sich trägt; er, der nichts mehr besitzt, fügt Kodizill um Kodizill hinzu und vermacht all jenen Geld und Gold und Eigentum, die ihm weiterhelfen: für die Zeit nach seinem Tod. Er hinterlässt Heerscharen reicher Bauern und Hirten, die nie einen Heller bekommen werden.

    Vor allem aber sind es die großen Geschichten, die das Buch des Flüsterns ausmachen. Und welches Ereignis könnte zentraler sein, als die Vernichtung: die Progrome der Jahre 1894 bis 1896. Wir erleben den die Massaker auslösenden Schuss auf Bahri Pascha, den türkischen Repräsentanten in Trapezent, den Hunderttausende in Kleinasien mit dem Leben bezahlten an der Seite von Misak Torlakian, der seine Familie dabei verliert und lebenslang zwischen dem Kampf gegen sich und dem gegen die anderen schwankt. Mal kämpft er gegen die Türken oder die Russen, alleine oder an der Seite des sagenumwobenen General Dro, dann kämpft er mit den Deutschen und dann gegen sie. Die Verursacher dieser Progrome waren von einem ordentlichen Gericht in der Türkei in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Allerdings dachte niemand ernsthaft daran, sie tatsächlich zur Verantwortung zu ziehen. Also beschlossen Armenier das Urteil zu vollstrecken. In der Operation Nemesis werden je zwei Personen ausgewählt, der einen der Verantwortlichen töten sollten, die längst überall in Europa wieder hofiert wurden. Eine Operation die erst viele Jahrzehnte später abgeschlossen wird. Der Erzähler schaut Misak Torlakian bei der Suche zu, beim Mord seiner Zielperson, bei der Verhaftung und dem dann folgenden Prozess, wo er frei gesprochen wird und bei einem Leben, das nie wieder in die Spur kommt. Er irrt durch dieses Buch, er irrt durch die Welt und verschwindet am Ende. Das letzte, was wir von ihm hören, kommt aus dem Radio.

    Wie ein Fluch zieht sich der Genozid durch dieses Buch, der 1 ½ Million Menschen das Leben gekostet hat, mal mehr und mal weniger im Bewusstsein des Lesers. Der Patenonkel des Erzählers, Satag Seitanian, ist als Kind einen dieser Konvois gegangen, einen dieser endlosen Wege, die sich über Wochen und Monate hinzogen, einen Winter in der Wüste, mit einem einzigen Ziel: der Vernichtung aller, die ihn gehen. Es ist ein Name, der mehr als alle anderen durch das Buch des Flüsterns geistert: Deir-ez-Zor. Das vermeintliche Ziel aller Konvois, deren tatsächliches Ziel doch ist, dass niemand diesen Ort lebend erreicht. Jeder Genozid hat ein logistisches Problem: wohin mit den Leichen? Man führt sie in kleinen Gruppen weg und erschießt sie. Aber dann sind sie immer noch vorhanden und ziehen Vögel und Ratten an. Man wirft sie in Flüsse, aber vergiftet damit das Trinkwasser. Man lässt sie am Straßenrand liegen, verbrennt sie, vergräbt sie, steckt sie in Höhlen und räuchert sie aus. „Noch hat man keine Tradition entwickelt hinsichtlich der Anlage von Massengräbern. Auf welche Weise müssen die Gräber ausgehoben, wie sollen die Leichen hineingelegt werden, etwa die Männer unten, in die Mitte die Frauen und obenauf die Kinder, wie müssen die Leichen gewaschen, wie gekleidet werden, was für ein Gebet hat der Priester zu sprechen, und von welcher Art himmlischer Ruhe redet er, was für ein Kreuz wird gesetzt, wie viel Querbalken müsste dieses Kreuz haben, und was stünde eigentlich drauf.“

    Beschrieben wird der Hunger, das Sterben am Hunger, das Sterben an der Gleichgültigkeit gegenüber den anderen und dann gegenüber sich selbst. Man gewöhnt sich an den Gedanken des Todes. Dass die eigene Frau sterben wird, der Mann, die Eltern und Kinder. Es spielt keine Rolle mehr. Alles wird auf diesem Weg nach Deir-ez-Zor schlimmer, aber das Schlimmste ist das kleine Mädchen, die namenlose Schwester Satag Seitanians, die weiß, dass sie stirbt. Dieses verhungernde kleine Mädchen und seine verhungernde Mutter, die im Lager nach etwas Essbarem herumstreift und mit leeren Händen zurückkehrt. „Sie haben dir nichts gegeben, nicht wahr?, fragt das Mädchen mit verlöschender Stimme. Sie nickte leeren Blicks. Auch du darfst ihnen später einmal nichts von mir geben …, lächelte das Kind traurig.“ Da begreift man als Leser, was man schon lange ahnt, so wie die Teilnehmer dieses Konvois ahnen, dass sie ihn einzig gehen, um dabei zu sterben; man ahnt es, auch wenn es der Erzähler nicht direkt formuliert und man selbst der letzte ist, der es begreift, aber alle wissen es, alle im Lager, selbst die kleinen Kinder wissen es: dass die da ihre Toten auffressen.

    Zu den Massakern Ende des 19. Jahrhunderts, zu dem Genozid im Jahr 1915 kommt noch die als Repatriierung in die russischen Gebiete deklarierten Deportationen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Gräueltaten scheinen kein Ende zu nehmen, noch auf der letzten Seite dieses Buches wird einer umgebracht, der armenische Journalist Hrant Dink. Bei der Schilderung all dieser Brutalitäten zeigt sich die ganze Kunst des Erzählers: die Zurückhaltung, mit der er berichtet. Er schreibt nicht, um anzuklagen. Er klagt überhaupt nicht. Im Buch des Flüsterns wird nur leise erzählt. Wie immer es sich ergeben hat, dass Lakonie und Melancholie einen guten, und Sentimentalität einen schlechten Ruf haben: dieses Buch zeigt erneut, dass das zu recht so ist. Der Erzähler ist wie ein Übriggebliebener, der mit einer nahezu seltsamen Zurückhaltung die Sache beobachtet; der nicht versteht, dass diese Ereignisse nicht auch ihn überrollt haben. Im Deutschen gibt es dafür die nicht sonderlich glückliche Fügung der Gnade der späten Geburt. Ich vermute, dass Vosganian das Wort Gnade nicht in den Mund nehmen würde. Weil es wahrscheinlich in seiner Auffassung des Subjekts nicht so sehr um den Einzelnen geht: „Keiner erzählte von sich selbst. Jeder wurde zu einer Figur in der Erzählung eines anderen, und so musste man fortwährend bei diesem und jenem aufpassen, wenn man die Fortsetzung verstehen wollte. Deshalb ist die Geschichte der Armenier meiner Kindheit eine endlose Geschichte.“

    Diesen mitunter schwer erträglichen Grausamkeiten steht Großvater Garabet gegenüber. Er ist Maler, Fotograf und Musiker, der der Zigeunerband anhand von Chopin und Beethoven die Noten beibringen will. Er steht der kleinen armenischen Gemeinschaft vor, wo die Alten unter Aprikosenbäumen oder unter Kastanien im Kirchhof sitzen und, wenn es ganz dick kommt, etwa wie beim Tod von Kennedy, in die Gruft der Kirche gehen und sich beraten. Er ist einer jener Menschen, die alles als Geschenk annehmen können, selbst den eigenen Tod. Den nimmt er am 12. November 1968 an, während der Radio Liberty hört. An diesem Tag löscht Misak Torlakian den letzten Namen auf der Liste der Verbrecher aus, wodurch die Operation Nemesis nach mehr als einem halben Jahrhundert beendet wird. Großvater Garabet ist es, der seinen Enkel von früh an darauf vorbereitet, dass der einmal der Erzähler sein wird. Aber erst lange nach seinem Tod versteht er das: „Ich bekam von meinem Großvater dessen innere Stimme auf ähnliche Weise übertragen, die älteren Worte waren in die neueren gegossen worden. Sodass diese innere Stimme, durch Generationen hindurch weitergetragen, vielleicht auch ein lebendiges Geschenk seitens der alten Toten ist. Eine Annahme, gewiss. Deren Bestätigung werde ich erst in dem Augenblick erhalten, da ich meinerseits diese Stimme jemand anderem anvertrauen werde, aber davon wird jemand anderes erzählen müssen.“

    Wer nicht so gut Rumänisch kann wie der Übersetzer, und das dürfte auf den Großteil der Leser dieses Blogs zutreffen, könnte auf den Gedanken verfallen, dass man Cartea soaptelor – so der Originaltitel – auch mit Karte des Flüsterns übersetzen könnte. Und der Gedanke ist auch gar nicht so dumm, denn Vosganian zeichnet tatsächlich eine Karte seines Volks, vielmehr zeichnet er die Spuren, die es auf dieser Karte hinterlassen hat. Der Gedanke ist zwar nicht dumm, aber eben falsch. Karte heißt nun mal hartă, hartă rutieră oder hartă topografică, oder als Visitenkarte carte de vizită. Dass man nicht einfach das eine mit etwas anderen übersetzen kann, ist das zentrale Problem beim Übersetzen. Wie die Dinge hätten sein können, wenn sie anders wären als sie sind: das ist einer der Abgründe aus denen alles Erzählen sich speist. Das Übersetzen ist eine Art des Erzählens. Und dass es wirklich Abgründe sind, das wissen all die, die uns etwas erzählen. Wer dem Übersetzer dennoch in nicht traut, der kann alles, was Varujan Vosganian vor- und Ernest Wichner nacherzählt hat ganz einfach überprüfen, im Dicţionarul Explicativ Al Limbii Române, hier.

    Und hier findet sich derselbe Text noch einmal. Aber ist es wirklich derselbe? Es sind vieleicht dieselben Worte. Aber reicht das für eine Identität aus? Oder ist es nicht vielleicht sogar zu viel, weil Identität einen Mangel bezeichnet, keine Fülle?!

    Varujan Vosganian, Buch des Flüsterns
    Paul Zsolnay Verlag 2013
    520 Seiten, 26,00 €

     

     

     

     

     

     

     

     

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    18 Dezember 2013

    „Achtung das Lesen dieses Buches kann bei sensiblen Menschen zu Realitätsverlust, Wahnvorstellungen bis hin zur Digitalparanoia führen!“

    Es war nicht als Kompliment gemeint, aber ich kann es beim besten Willen nicht anders verstehen. Frau Wunder schrieb mir, dass sie sich nach der Lektüre meines ersten Romans Das Geräusch des Werdens, den sie mit Genuss las – „Eine fantasievolle, ausufernde Geschichte mit wundervollem Zauber und vielen witzigen Ideen“ – über Aléas Ich geärgert habe. In einem ersten Kommentar (zu dem vorhergehenden Artikel hier) heißt es: „Ihrem zweiten Buch hab ich mit Spannung entgegengefiebert und es noch zwei Tage vor offiziellem Verkaufsstart erworben. Allein an diesem Buch wäre ich fast verzweifelt und es hat mich schier in den Wahnsinn getrieben. … Ihr zweites Buch hat mich so sehr betroffen oder betroffen gemacht, dass es nicht zum aushalten war.“ Diese Einschätzung krönte sie dann mit dem Vorschlag, den Text mit folgendem Warnhinweis auszustatten: “Achtung das Lesen dieses Buches kann bei sensiblen Menschen zu Realitätsverlust, Wahnvorstellungen bis hin zur Digitalparanoia führen!”

    Im zweiten Kommentar wird’s noch doller: „Ich hätte das Buch nicht schreiben können … Nein es ist viel schlimmer, ich habe es durchlebt. „Aleas Ich“ jeden einzelnen Satz, na gut fast jeden und lange vorm Erscheinen des Buches. Klingt wahnhaft, fühlt sich auch so an… Allerdings mit ein bisschen Abstand betrachtet, ist es gar nicht mehr mein Wahn sondern der Zeitgeist. Identität, die Suche danach, Anerkennung Wertschätzung, seinen Platz finden in Zwischenzimmern und Zwischennetzen genau so wie im RealLife. Es ist da draußen eine große Orientierungslosigkeit und ein Auseinanderfallen. Und das ganze auch noch potenziert in Digital. Es kann ganz leicht geschehen das sich die Ebenen vermischen und man nicht mehr weiß, wer man noch gestern war. Dies alles hab ich in “ Aleas Ich“ wieder entdeckt. Es hat mich angelacht wie ein paar grüne italienische Designerstiefeln, passgenau und maßgeschneidert.“

    Und im dritten Kommentar heißt es: „Ich deutete es ja schon an; es war ein wiedererkennen im Text. Ein Spiegeln, ein Zurückwerfen auf Erlebtes, Erdachtes, auf eigene Befindlichkeiten. Ihr Text las sich, wie die Zusammenfassung und Verdichtung eigener gesammelter, krauser verwirrender Erfahrungen der letzten Jahre, der letzten Zeit. Lese und Denkerfahrungen, Leserichtungen und Kommunikationshaltungen. Die Leseerfahrung ihres zweiten Buches war für mich sehr erschreckend, weil sie so genau und nah dran war an der Selbsterfahrung. … Mir scheint, als hat Ihr Buch eine Strömung im Zeitgeist getroffen und somit auch mich. Und wie das so ist, mit den unliebsamen “Wahrheiten” oder den unbewussten Strömungen, sie regen auf, sie regen an, sie erregen die Gemüter. So wie das eben immer ist, wenn es ans Eingemachte geht.“

    Ich kann mir nicht helfen, aber ich finde das sind doch ausgesprochen schöne Komplimente für einen Autor. Genau das, was Frau Wunder mit ihren Worten beschreibt, habe ich darstellen wollen.

    Weitere Einschätzungen dieses Romans finden sich hier.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    11 Dezember 2013

    Worum geht’s eigentlich in Ihrem Roman?

    „Worum geht’s eigentlich in Ihrem Roman?“ Das ist es, was die Leute vom Autor wissen wollen. Er soll sagen, worum es in seinem Text geht. Worum es eigentlich geht: also ohne jedes Geschwafel. Dann soll er Hunderte einzigartiger Formulierungen gegen einige beliebige Floskeln austauschen. Worum geht’s? Das wollen alle vom Autor wissen, von Anfang an.

    Wenn der Autor einen Verlag oder einen Agenten sucht, muss er schriftlich erklären, worum es in seinem Roman eigentlich geht: Er muss ein Exposé abliefern. Nun hat sich aber der Autor gerade um diesen einen Punkt nie Gedanken gemacht. Also fragt er seine Frau, die es wissen könnte und die wiederum fragt ihre beste Freundin. Die schreibt dann irgendwas hin, gibt’s der Frau des Autors und die ihrem Mann, welcher es an den Verleger weitergibt bei dem das unter einem Papierstapel verschwindet.

    Wenn das Buch dann wider alle Wahrscheinlichkeit erscheint, wird es vom Verleger an den verantwortlichen Redakteur einer Zeitung oder Zeitschrift gegeben und der gibt es an einen Rezensenten. Dann muss es endlich mal einer lesen, weil es der Verleger natürlich ungelesen an seinen Lektor, der Lektor an seine Frau und die an ihre beste Freundin weitergegeben hatten. Da der Rezensent aber gerade keine Zeit hat, gibt er’s an seine Frau und die gibt’s an ihre beste Freundin. Die ruft dann den Autor an und fragt, worum es in dem Buch eigentlich geht, wird aber aus den Formulierungen ihres Gesprächspartners nicht schlau. Sie schreibt einfach etwas hin und gibt den Text an die Freundin und über den Rezensenten geht er wieder an den Redakteur. Dann erscheint die Rezension, in der klipp und klar gesagt wird, worum es in dem Roman eigentlich geht. Weil der Leser dieser Rezension, weil der potentielle Käufer sich aber, wenn er in einer Buchhandlung steht, nicht genau erinnern kann – nicht an die Rezension und auch nicht an das rezensierte Buch – kauft er irgendein anderes Buch und verschenkt es an einen Freund, der es an seine Frau weitergibt, die es ihrer besten Freundin gibt.

    Irgendwo und irgendwann in der langen Verwertungskette liegt dann mal einer auf der Couch und liest, was bis dahin noch niemand gelesen hat. Er versucht‘s zumindest, muss aber zu seinem Bedauern feststellen, dass das Buch schlechterdings unlesbar ist. Dann kommt seine beste Freundin, eine dieser Freundinnen, die man im Leben braucht und die tatsächlich Bücher lesen und auch wirklich etwas von Literatur verstehen. Und die kann es dann als das Buch identifizieren, das sie tatsächlich gelesen hat. Auch wenn sie sich nicht mehr erinnern kann, wer es ihr gegeben hat, geschweige denn, worum es da eigentlich geht.

    Spätestens jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo mal jemand die Wahrheit sagen muss: dass es nämlich nicht so wichtig ist, worum es im modernen Roman eigentlich geht – es geht ja sowieso immer um das Gleiche -: wichtig ist dass und wie es weitergeht. Denn nichts kann so weitergehen wie es Romane können. Alles andere auf der Welt geht einfach nur zu Ende.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    05 November 2013

    „Wir sind verdammt lausige Akrobaten“

    Der Briefwechsel zwischen Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald

    Ich kenne beide, nämlich beider Texte nur oberflächlich. Eigentlich kenne ich sie gar nicht. Ich kenne vielmehr meinen Geschmack. Da passen sie nicht hinein und stehen ihm auch nicht so entgegen, dass ich diese Reibung als spannend empfände. Dennoch habe ich den Briefwechsel gelesen. Hemingway ist in seinen Briefen immer ein wenig vulgärer als Fitzgerald. Allerdings auch zärtlicher. Möglicherweise hängen beide Verhaltensweisen, wenn man das so nennen kann, zusammen und er meinte, sich seine zärtlichen Emotionen mittels seiner Vulgarismen verbieten zu müssen. Oder das eine mit dem anderen für ungültig zu erklären. Obwohl auch Fitzgerald vulgär sein kann. Nicht nur, um Hemingway zu imponieren, sondern auch als eine Art, dem Leben gegenüber jene Verachtung zu formulieren, die es jedem von uns immer wieder zeigt.

    Sie schreiben einander nicht nur über alltägliche Ereignisse, sie informieren sich nicht nur über ihre wechselnden Aufenthaltsorte und ihre Absichten, einander zu besuchen, sie sprechen über die Kollegen, sie ziehen über sie her. Die beiden kritisieren gegenseitig ihre Texte. Fitzgerald die von Hemingway, der seinerseits eher verhalten auf die seines Freundes reagiert. Nicht aus Großzügigkeit, sondern eher, vermute ich jedenfalls, weil er nicht in der Lage war, seine Kritik in Worte zu fassen. Weil er den Freund nicht verletzten wollte oder weil er nicht in der Lage war, die Absichten eines Textes zu erkennen, der aus einer anderen Feder als der eigenen stammt. Fitzgerald ist feinsinniger in seinem Urteil. Aber auch brutaler Hemingway gegenüber. So beendet er seine Kritik an dem Manuskript von Hemingways Fiesta mit den Worten: „Wie ich dich kenne, würdest du dergleichen bei anderen als halb Stil, halb Pferdescheiße bezeichnen.“ Auf der anderen Seite ist er ebenso überschwänglich mit Lob, weil er den Freund wirklich für einen großen Schriftsteller hält und weiß, dass der große Schriftsteller sich vom kleinen Schriftsteller vor allem darin unterscheidet, weil er weiß, dass beide mitunter den größten Blödsinn schreiben. Der kleine hingegen hält seinen eigenen Blödsinn noch für großartig. Dieses Wissen, diese Größe, hat auch Hemingway: „Eigentlich sind wir verdammt lausige Akrobaten, aber wir machen manchmal ein paar richtig tolle Sprünge, alter Freund, und es gibt all diese anderen Akrobaten, die nie springen.“

    „Eine Freundschaft in Briefen“ heißt es im Untertitel. Wenn es Freundschaft zwischen zwei Schriftstellern geben kann. Das ist seltsamerweise immer auch Neid und Missgunst im Spiel. Fitzgerald war zu einer Zeit schon berühmt und reich, als Hemingway nur Worte aneinandergereiht hat. Später war es andersherum, Fitzgerald hat das Glück und seine geliebte Zelda verlassen – die ist dahin gegangen, wo sie nach Meinung Hemingways immer schon hingehört hat: ins Irrenhaus – und das Publikum wollte ihn und seine Texte auch nicht mehr. Da ging Hemingways Stern auf. Man fragt sich manchmal, wenn man Menschen auf der Straße sieht, was sie aneinander finden, was Paare, was Freunde aneinander finden mögen. Benjamin Lebert, der Herausgeber dieses Briefwechsels, schreibt in seinem Vorwort, dass die beiden am anderen gefunden hätten, was sie an sich selbst vermissten. Das ist sicher ein funktionierendes Bindeglied, für Liebe wie für Freundschaft.

    Der Briefwechsel gefällt mir aus einem, allerdings sehr persönlichen Grund nicht. Es geht, immer und immer wieder, um Geld. Das war und ist und wird wohl immer sein: das zentrale Thema im Leben vieler Schriftsteller. Selbst dann wenn man es hat, wie Fitzgerald, der Hemingway gegenüber wiederholt damit protzt, welche Summen er mit seinen Geschichten und Artikel erzielt; der ihm allerdings auch immer wieder Geld zukommen lässt. Es gefällt mir nicht, weil Geld auch für mich ein Thema ist. Eines, das mir Energie raubt, sie mir nur raubt und nichts dafür zurückgibt, und das –dies ist der eigentliche Einwand! – literarisch vollkommen irrelevant ist. Ich kann mit dem Thema Geld einfach nichts anfangen. Ich kann nicht einmal etwas mit dem Geld selbst anfangen. Ich brauche es nur, um es auszugeben. Aber es ist ein toter Gegenstand, der meine Fantasie überhaupt nicht bewegt. Ich träume nicht, ich träume kaum von Dingen, die man sich mit Geld kaufen kann. Jemand mit einem etwas pralleren Portemonnaie und einer ebenso prallen Fantasie mag also viele Stellen in diesem Briefwechsel anders lesen. Er liest ein dauerndes Aufbegehren gegen Armut und Untergang, wo ich lediglich lese, wovon ich in meiner Wirklichkeit schon mehr als genug habe.

    Vielleicht ist es auch insgesamt für andere interessanter als für mich, Briefwechsel von Schriftstellern zu lesen, weil ich selbst einer, also eine, bin. Und ähnliche Briefwechsel auch selbst führe. Oder führte, denn mit nicht wenigen Kommentatoren hier haben sich sehr witzige, schlagfertige Duelle führen lassen, die den Duellen zwischen den beiden Amerikanern in nichts nachstehen und vielen anderen Briefwechseln oder Kommentarbäumen in Blogs nicht nachstehen werden. Nur dass man bei den beiden natürlich mitliest, dass sie berühmt geworden sind, was den meisten – das ist die eine Seite der Berühmtheit: der Mangel an derselben – nicht vergönnt ist. Und weil sie eben berühmt sind interessiert, was normalerweise nicht interessiert. Hier eine der schönsten Stellen, von Hemingway an Fitzgerald, eine Szene, die sicher so nicht passiert ist, sondern ein Versuch ist, aus einem Ereignis Literatur werden zu lassen. Es sind keine wirklichen Ereignisse, sondern nur Worte.

    „Wie findest du den Titel Männer ohne Frauen? Ich konnte keinen Titel finden, Fitz, obwohl ich den ganzen Ecclesiastes durchwühlt habe. Perkins, den du vielleicht getroffen hast, wollte einen Titel für das Buch. Perkins ist mir vielleicht einer, hab ich gedacht, was für eine drollige Vorstellung! Er will einen Titel für das Buch. Äußerst merkwürdig. Ich war damals gerade in Gstaad, und so ging ich in alle Buchhandlungen und versuchte, eine Bibel zu kaufen und einen Titel zu finden. Aber alles, was die Mistkerle zu verkaufen hatten, waren kleine geschnitzte braune Holzbären. So dachte ich eine Zeit lang daran, das Buch Kleiner geschnitzter Holzbär zu nennen und dann den Deutungen der Kritiker zu lauschen. Zum Glück war zufällig ein anglikanischer Geistlicher im Städtchen, der am nächsten Tag abreiste und Pauline seine Bibel lieh, nachdem sie versprochen hatte, sie ihm am selben Abend zurückzugeben, denn es war die Bibel mit der er ordiniert worden war. Also, Fitz, ich suchte in dieser ganzen Bibel herum, die sehr schön gedruckt war, und stieß auf dieses große Buch Ecclesiastes und las es laut allen vor, die es hören wollten. Ich war bald allein und begann auf diese dämliche Bibel zu fluchen, weil keine Titel drin waren – obwohl ich den Ursprung praktisch aller guten Titel, von denen man je gehört hat, dort gefunden habe. Aber die Jungs, besonders Kipling, sind vor mir das gewesen und haben sämtliche brauchbaren geklaut, und daher nannte ich das Buch Männer ohne Frauen …“.

    Hemingway an Fitzgerald: „Da wir uns unsere Hölle selbst schaffen, sollte sie uns wenigstens gefallen.“ – Fitzgerald an Hemingway: „Habe mir seit einer Woche keinen neuen Feinde mehr gemacht.“ – Hemingway an Fitzgerald: „Bekam von Who’s Who einen Fragebogen zum Ausfüllen; mein Leben war so scheißkompliziert, dass ich nur zwei von den Fragen beantworten konnte, und ich wusste nicht, ob die nicht gegen mich verwendet werden könnten.“ – Fitzgerald an Hemingway: „Da so viele Menschen gut schreiben können + der Konkurrenzkampf so groß ist, verstehe ich nicht, warum du so leichtfertig an diese ersten zwanzig Seiten herangehst. Man kann mit der Aufmerksamkeit der Leser nicht spielen. Ein guter Schreiber, einer, der die Macht besitzt, andere nach Belieben zu fesseln, muss besonders vorsichtig sein.“ – Hemingway an Fitzgerald: „Vergiss deine persönliche Tragödie. Wir sind alle von Anfang an verflucht, und besonders Du musst erst fruchtbar verletzt werden, bevor du ernsthaft schreiben kannst. Aber wenn Du diesen verdammten Schmerz fühlst, nutzt ihn, und betrüge nicht damit.“

    Ich hätte mir einen etwas ausführlicheren Kommentarapparat gewünscht, wenigstens in dem einen wesentlichen Punkt, in der Frage, ob die veröffentlichte Variante eines kritisierten Manuskriptes auf diese Kritik eingegangen ist oder nicht. Ob also diese Kritik an dem gedruckten Werk, wie wir es kennen, überhaupt noch nachvollziehbar ist.

    Wir sind verdammt lausige Akrobaten
    Eine Freundschaft in Briefen
    Hrsg. Benjamin Lebert
    Hoffmann & Campe
    17,99 €

     





    29 Oktober 2013

    „Aléas Ich“ – in LITLOG

    „Es ist eine berechtigte Kritik an metafiktionalen Texten mit allerlei Querverweisen und Selbstbezüglichkeiten, dass sie zwar ein großer Spaß für LiteraturwissenschaftlerInnen mit einer Neigung zur Postmoderne sind, für die meisten anderen LeserInnen aber oft schlichtweg eine nervenzehrende Lektüre mit einem Lesevergnügen, das gegen Null tendiert. Nicht so aber Aléas Ich – jenseits aller Metaebenen ist dieses Buch ein zugänglicher, rührender, aber vor allem urkomischer Text über eine Kindheit in Rumänien, das Leben in Berlin, das Erwachsenwerden, die Liebe und das Internet.“
    Hier.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    24 September 2013

    From one second to the next

    Ich fahre Fahrrad. Immer. Außer wenn ich arbeite, lese oder schlafe. Da man beim Fahrradfahren recht ausführlich in der Gegend herumschauen kann, sieht man mitunter Dinge, die man lieber nicht sehen möchte. Die Autofahrer beispielsweise. Die schauen bisweilen sogar auf die Straße.  Aber häufig, immer häufiger schauen sie auf ihr schickes Handy, auf dem sicher alle paar Sekunden unglaublich aufregende Nachrichten erscheinen. Da hat man naturgenäß wenig Interesse am Leben der anderen. Wie das eigene Leben sich verändert, wenn man ein anderes ausgelöscht hat, zeigt der folgende Kurzfilm von Wim Wenders. Ich musste mich ein wenig in den amerikanischen Zungenschlag einhören.

    Dont text and drive: From one second to the next.

    Ich habe ausgesprochen schlechte Laune.  Ich habe mal wieder eine Absage für ein Stipendium bekommen. Vielmehr habe ich sie nicht bekommen, nicht nur das Stipendium nicht, nicht einmal die Absage. Irgendwann brechen diese Absagen mir mein schriftstellerisches Genick. Und das ist nicht mehr weit weg.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    15 September 2013

    Aléa Torik im Interview mit Katharina Bendixen – im Literaturmagazin POET

    Es geht in dem Gespräch um meine beiden Romane, um Identität, Rumänien, Autorschaft und Zuneigung. Und um den Literaturbetrieb. Zwischen echt und fiktiv können wir nicht unterscheiden

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    14 September 2013

    Es ist nicht leicht die Herrschaft aufzugeben, die ich nicht hatte

    Wobei, aber das fällt mir wirklich erst jetzt auf, es wirklich ein Problem gibt, wenn ich die Rezensionen meiner Romane kommentiere, wenn ich, etwa zu Frau Frank sage: Sie haben’s kapiert. Dann eigne ich mir tatsächlich auch eine Deutungshoheit an, was ich ja gerade nicht will, ich hatte das bereits bei Bersarin dargelegt. Jemand anderem ein bestimmtes Verständnis zuzugestehen, setzt ja voraus, dass man es selbst auch hat.

    Ich will mit solchen Kommentaren zu den Rezensionen kein abweichendes Verständnis unterdrücken, könnte ich ja auch gar nicht, sondern meine Zustimmung zu dem ausdrücken, was ich auch verstanden habe. Darüber hinaus kann es natürlich ein partial oder sogar total anderes Verständnis geben. Ich bin eigentlich für alles offen. Es muss nur begründet sein. Rein beleidigende Kommentare oder Kommentare, die sich scheinbar auf meinen Text beziehen, aber in beleidigender Absicht abgegeben werden, die habe ich hier, vor und nach dem sogenannten Outing, unterdrückt und gelöscht. (Naja, manche habe ich auch durchgelassen, weil es auch manchmal Spaß macht, anderen was auf den Kopf zu hauen. Aber der Spaß ich schnell dahin, wenn man feststellen muss, dass der andere nicht einmal begreift, dass er was auf den Kopf bekommen hat). Solche Sachen werde ich auch weiterhin löschen. Aber hier waren ja über mehr als drei Jahre 99 % aller Kommentare ausgezeichnet, auch wenn das inzwischen nahezu völlig verstummt ist.

    Zurück zum Thema: Ich will hier nicht die Herrschaft über meinen Text – obwohl ich immerhin einmal die Königin der neuen deutschen Literatur war. Diese Herrschaft hatte ich während der Herstellung. Obwohl ich da eher beherrscht wurde: „Kein Subjekt verfügt so über die Sprache, dass es sie lediglich in einen Text umzusetzen brauchte, um diesen als nachträgliches Produkt seiner Kunstanstrengung ausweisen zu können“, Johanna Bossinade, Poststrukturalistische Literaturtheorie, Metzler, Stuttgart 2000, Seite 137. Und dennoch: die Herrschaft, die man nicht hatte, ist noch schwerer abzugeben als die, die man hat. Was für alle anderen gilt, gilt auch für mich: Ein wenig Eigennutz ist, wie man sich auch verhält, fast immer dabei.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    10 September 2013

    „Aléas Ich“ – und ein wenig auch „Das Geräusch des Werdens“ – : bei Literaturkritik.de

    Ich war schon, das hat man hoffentlich gemerkt, mit der Rezension in der Zeit ausgesprochen glücklich. Und jetzt bin ich noch ein klein wenig glücklicher. Ums vorab klar zu sagen, es ist nicht die Aufgabe des Rezensenten, den Autor glücklich zu machen, sondern es ist seine Aufgabe, den Text zu verstehen. Blödsinn! Den Text in Worte zu fassen. Und mit solchen Worten kann ein Autor und eine Autorin mehr oder weniger glücklich und auch sehr unglücklich sein. Und ich bin jetzt eben mehr glücklich. Hier gehts um mein Leben nach literarischen Gesichtspunkten.

    - „Vor allem aber schildert der Roman sein eigenes Entstehen: Im Gegensatz zu den großen schriftstellerischen Initiationsgeschichten der Weltliteratur, in denen der Erzähler am Ende des Textes in der Lage ist, diesen niederzuschreiben – man denke etwa an Marcel Proust – ist in „Aléas Ich“ Erleben und Erzählen jedoch als eine Bewegung konzipiert.“ – Yeah!

    - „Aufgrund ihrer Leerstellen werden literarische Texte als Architektur imaginiert, die gleichfalls Hohlräume entwirft.“ – Ja, genau das ist die Idee!

    - Marc Foster’s „Stranger than Fiction“: Kenne ich nicht, was ich kenne ist: “The purle rose of Cairo” von Woody Allen und Niebla – Nebel von Miguel de Unamuno, hier.

    - „Dabei handelt es sich jedoch nicht um jene Metalepsen, die in vielen postmodernen Texten die Grenze zwischen Textwelt und Erzählung durch die Überschreitung gerade zementieren; vielmehr überlagern sich beide Ebenen und verschmelzen zu einer einzigen. In dieser Simultanbewegung von erzählendem und erlebendem Ich entsteht die Welt durch Schreiben.“ – Endlich weiß mal jemand, was eine Metalepse ist und wie zentral die in der metafiktionalen Literatur ist.

    - „Ich musste im Winter immer eine Mütze tragen, weil meine Mutter befürchtete, dass ich mich erkälten könne. Die Mütze half offenbar dagegen.“ – „Vielleicht nicht gegen meine Erkältung, aber zumindest half sie gegen die Befürchtung meiner Mutter. Möglicherweise half sie auch gegen einiges andere, das mir das Leben noch zumuten würde, und es konnte nicht schaden, sich deswegen mit Mützen zu bevorraten.“

    - Und ein Geschenk geradezu ist der letzte Satz der Rezension. Damit zeigt die Rezensentin ganz deutlich, worum es geht: der Autor ist eine Funktion seines Textes. Und das muss er aushalten können.

    - „Die fiktive Autoridentität ist zentral, denn sie vollendet die Idee der Identitätskonstruktion durch Fiktion; der reale Roman wird zur deutlichsten Manifestation seiner selbst, indem Textwelt und Romantext ineinander greifen.“ – Das ist es, worauf ich anspielte, als ich sagte, dass ich die Postmoderne Literatur in einem wesentlichen Punkt überschreite. Es geht bei der Autorenfiktion nicht um Betrug, oder, noch dämlicher, um einen Marketing-Gag, wie das so mancher Depp – Depp, nicht dass das falsch verstanden wird, meine ich hier nicht etwa pejorativ, sondern genauso wie ich es gesagt habe mit einem D, einem E und  zwei P – unterstellt hat. Das war teilweise in meinen Kommentaren, aber vor allem anderswo, möglichst aus dem Hinterhalt. Zwei, drei Leute, die mir um jeden Preis schaden wollten -  die teilweise nicht einmal den Roman kannten, keinen einzigen meiner Texte. Die mir schaden wollten, weil sie die Größe des Wurfs, der hier unternommen wurde, auf die Gefahr hin, dass er scheitert, dass er missverstanden wird, gar nicht verstehen wollten. Ein Wurf, der auch auf die Gefahr hin unternommen wurde, dass Frau Schaschek oder Frau Frank oder jemand anderes daher kommt und das alles über den Löffel balbiert und sagt:  Scheiße! Was hier passiert ist, haben eine Handvoll Leser verstanden. Vor allem scheinen es Literaturwissenschaftler zu verstehen. Leute, die für den Tagesspiegel arbeiten, für die ZEIT oder bei Literaturkritik. Und Bersarin und Herbst.

    - Ähem: Hallo Frau Frank, ich weiß, dass man sich als Autor_in nicht in die Rezeption einklinken soll, dass man nicht zeigen soll, dass man versteht, was man geschrieben hat, weil sich das Autorenhirn ja auch leicht überanstrengt und mit komplexen Zusammenhängen nur schlecht zurechtkommt; ich weiß, dass schon das Kommentieren von Rezensionen in meinem Blog hier als kleine Entgleisung wahrgenommen wird: Schon gar nicht darf man sich an die Rezensentin wenden, aber Sie gestatten das bitte– ich meine das ohne jeden ironischen Unterton! – Sie haben‘s kapiert! Daran kann man erkennen, dass wir Literaturwissenschaftler_innen gut ausgebildet sind. Und, das kann man nicht direkt erkennen, da muss man ein wenig Phantasie haben, dass die Literaturwissenschaft die Leitwissenschaft des 21. Jahrhunderts wird. Naja, das ist vielleicht ein bisschen überzogen.

    Ein wunderbarer Lacher noch am Ende, der genau meinen Humor trifft – auf den Kopf!: – wenn man sich die weitergehenden Informationen zu dem Buch anzeigen lässt, kommt der Text: Zur Zeit sind hier keine Informationen über den Autor vorhanden. Hehe!

    So: jetzt mal zu den wichtigen Dingen in der Welt: Fußball. Wo ist eigentlich die Rumänische Nationalmannschaft abgeblieben? Die wird doch nicht etwa aus dem Turnier gekickt worden sein? Nicht von den Deutschen, oder? Ich bin stinksauer!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    29 August 2013

    Kein Nachruf auf Wolfgang Herrndorf

    Vor einigen Tagen ist Wolfgang Herrndorf gestorben. Das berührt mich seltsam, obwohl ich ihn nicht kannte. Ich habe kein Buch von ihm gelesen. Ich habe manchmal in sein Blog geschaut. Aber ich wollte ihm, der von seinem unheilbaren Hirntumor berichtete, nicht beim Sterben zusehen. Die Grenzen zwischen Interesse, Neugier, Anteilnahme und Katastrophentourismus sind fließend. Also habe ich wieder weggeschaut. Dennoch verbindet uns einiges. Wir sind im selben Beruf tätig. Wir wohnen nur einen Steinwurf voneinander entfernt. Und wir haben noch manche andere Gemeinsamkeit.

    Er hat offenbar, wie jetzt zu lesen ist, sehr intensiv an seinen Texten gearbeitet. Das tun wir nahezu alle. Wir alle arbeiten mit einem gerüttelt Maß an Besessenheit. Der eine ist besser, der andere schlechter. Der eine ist besser beleumundet. Der eine trifft besser den Geschmack der Massen. Der eine hat mehr Erfolg. Der eine hat mehr Glück. Was sind Millionen verkaufter Bücher wert, wenn man einen Hirntumor hat? Man arbeitet dann, um zu vergessen. Aber tut man das nicht immer? Ist es nicht ein Gerücht, dass Schriftsteller vorwiegend aus der Erinnerung arbeiten? Man arbeitet doch, um die Droge zu schmecken, die das Schreiben dann ist, wenn man eine Begabung dafür mitbekommen hat und eine Droge daraus machen kann. Das ist die Begabung! Alles andere ist bloß Fleiß. Und eben Besessenheit.

    Wolfgang Herrdorf sei bescheiden gewesen, habe ich gelesen. Ich glaube, das bin ich auch. Jedenfalls sagt man mir das nach und ich vermute, dass das keine charakterliche Disposition ist, sondern eine Folge der Besessenheit. Man hat keine Energie mehr für andere Dinge. Wenn mir jetzt einer einen Porsche schenken würde: ich wüsste nicht einmal, wo ich den parken sollte. Man will leben um weiterschreiben zu können. Eine Million verkaufter Bücher macht einen reich. Aber wenn es in dem Text, an dem man gerade arbeitet, nicht weitergeht, dann macht es einen krank. Ich kann mir vorstellen, dass mit zum Schlimmsten in seinen letzten Monaten gehört hat, dass er wusste, dass er, wenn es den gegeben haben sollte, seinen aktuellen Text nicht fertigbekommt. Ich glaube, dass viele sich gar nicht vorstellen können, inwieweit man mit seinem eigenen Text zusammenwächst und wie ungeheuer wichtig es ist, dass man den fertigbekommt. Besessenheit heißt: man wird besessen. Und die Bescheidenheit stammt aus dem Wissen darum.

    Wolfgang Herrndorf schrieb Literatur, die er Unterhaltungsliteratur nannte. Oder die von anderen so genannt wurde. Und die wahrscheinlich genau das war, unterhaltend und komisch. Und nicht nur unterhaltend. Das ist langweilig. Dass sich ein Buch mehr als eine Million Mal verkauft, ist in der Regel kein Anzeichen von Qualität, sondern von Massenware. Auch wenn sein Debüt gelobt wurde, richtig Erfolg hatte er erst mit Tschick. Da wusste er schon, dass er todkrank ist. Manche sagen, dass er deswegen diesen Erfolg hatte. Das ist das Schlimme am Erfolg: dass man nicht weiß, wo er herkommt. Und schlimm ist auch, dass man das Wissen, das man hat, wenn man erfolglos ist, wieder vergisst: dass Erfolg immer ungerecht ist.

    Ich mag keine Nachrufe. Man ist betroffen, ganz ehrlich und aufrichtig. Und dennoch hat diese Betroffenheit immer etwas Falsches. Denn sie braucht ja den Tod des anderen. Sie ist eine Anteilnahme, die dem Lebenden gegenüber nicht erbracht werden kann. Man hätte Wolfgang Herrndorf nicht einfach anrufen können, um mit ihm ein Bier trinken zu gehen und ihm die eigene Anteilnahme zu versichern. Er hätte wohl weder Zeit noch Interesse gehabt.

    Da ist einer, der mit Worten umgehen konnte, gestorben. Einer, der sich so artikulieren konnte, dass seine Texte nicht nur die Schriftstellerkollegen schätzten, oder die Germanistikstudenten, sondern die, die lesen, weil sie sich unterhalten wollen. Also eigentlich, wenn wir mal ehrlich sein wollen, die wichtigsten Leser. Und bei aller Unterhaltungswut, die diese Gesellschaft manchmal kenzeichnet, weiß doch jeder, dass er am Ende stirbt und kaum einer kann dauerhaft die Augen davor verschließen. In Wolfgang Herrndorfs Blog konnte man etwas über den Tod erfahren. Über den Tod kann nur der schreiben, der etwas über das Leben schreiben kann. Der Tod lässt sich ja nicht verstehen, der lässt sich nicht einmal erleben. Erleben lässt sich nur das Leben. Es ist legitim in seinem Blog, seinen letzten Hinterlassenschaften, nach Äußerungen zu suchen, die einem die Zerbrechlichkeit des Lebens vor Augen führen. Weil unser Leben zu einem nicht geringen Anteil daraus besteht, gerade das vergessen zu machen.

    Anders als Wolfgang Herrndorf erfahren die meisten Schriftsteller kaum Anerkennung. Die Hochachtung, die Schriftstellern entgegenschlägt – sei es als Vorzeigeintelektuelle, als Vorzeigeunterhalter oder als Vorzeigekünstler – schlägt nur dem obersten Prozentsatz entgegen. Den Berühmten. Allen anderen schlägt Ablehnung und Ignoranz entgegen. Aber bei der Art von Hochachtung die Wolfgang Herrndorf jetzt entgegenschlägt wird mir beinahe schlecht. Weil sie die 99 % unter den wenigen Berühmten geradezu verachtet. Die meisten dieser Leute bringen genau das mit, was Herrndorf auch mitbrachte, Arbeitswut und Leidenschaft und Besessenheit. Aber das interessiert keine Sau.

    Ich weiß nicht, was aus mir wird. Vielleicht steige ich mit meinen Texten ein wenig nach oben, auf der Beliebtheits- und Aufmerksamkeitsskala. Aber wie hoch ich auch steigen werde, am End esteige ich hinunter. Ich möchte bei dieser Gelegenheit ausdrücklich darum bitten, wenn ich sterbe, keine Nachrufe auf mich zu verfassen. Ich würde einen Nachruf auf meine Person oder mein Werk als eine Unverschämtheit empfinden. Man kann sich für mich, also mein Schreiben, interessieren solange ich lebe. Auch wenn manche genau auf diese Karte setzen – endlich tot, dafür aber im Literaturkanon zwei Pläze nach oben gerutscht – : ich verbitte mir das!

    Zum ersten Mal verstehe ich Kafkas Impuls und Vermächtnis, die eigenen Schriften nach dem Tod aus der Welt wissen zu wollen. So wie man selbst hinaus musste. Einfach  nichts hier zu lassen, über das dann irgendwelche Leute etwas sagen können, was sie sich nicht zu sagen getraut hätten, wenn man noch am Leben wäre. Selbst wenn es nur positive Dinge sind.

    Wolfgang Herrndorf hat sich offenbar umgebracht. Eine Tat, für die ich gleichermaßen Bewunderung wie Abscheu empfinde. Aber sich eine letzte Handlungsfreiheit zu bewahren, das ist eine menschliche Tat. Er hat sich an einem Kanal erschossen, war zu lesen, gegen 23.15 Uhr. Ich bin zu der Zeit wahrscheinlich gerade ins Bett gegangen. Einen Steinwurf von Wolfgang Herrndorf entfernt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    22 August 2013

    „Aléas Ich“ – Nicht in der, sondern in DIE ZEIT

    „Wie viel muss man über eine Autorin wissen, bevor man ihr Werk in den Himmel lobt? Muss man beispielsweise, um Aléas Ich, den zweiten Roman von Aléa Torik, für absolut großartig zu halten, wissen, dass es sich bei der Autorin … ? […] Alles ist Fiktion an diesem Text, doch die größte ist die Autorin selbst“

    Schön, dass die Besprechung nicht nur meinen Roman in den Himmel lobt, was sie ja tatsächlich tut, sondern auch auf den Fetisch „Autor“ zu sprechen kommt. Das ist es, was den Markt und den Literaturbetrieb mitunter mehr interessiert als der Text. Mein Gott, wer liest heute noch Bücher, wo es so schöne Retina Displays und so famose Apps gibt? Dass der Autor wirklich der Autor ist, ist Unsinn. Es ist des Autors Fiktion oder die des Marktes. Wenn Clemens Meyer, der in der Zeitung den Platz über mir einnimmt, schreibt „Gebumst wird immer“, dann denken sich Leser und Literaturbetrieb unisono: Mensch der Meyer, der hat‘s gut, der bumst schon wieder! Dass der Meyer das nur hat schreiben können, weil er wieder mal nichts dergleichen getan hat, vergisst man dann. Und dass die meisten Frauen, wenn der Meyer wieder angeschissen kommt und bumsen will, abwinken, weil sie denken: jeder andere Hallodri, aber nicht schon wieder der Meyer: Das vergisst der Meyer nach der hundertsten Abfuhr wahrscheinlich auch ganz gerne. Und dann schreibt er so einen Satz dahin, mit dem er in die Zeitung kommt und kaum einer erkennt hinterher noch den wahren Sachverhalt, dass nämlich nicht immer gebumst wird, sondern meistens gearbeitet, geflucht oder geflennt. Natürlich fiktionalisieren (sich) die Autoren immer, der Meyer nicht anders als die Müller, die – Felicitări! – gerade sechzig wird, oder das nur behauptet, weil sie einen dicken Blumenstrauß haben will. Oder die Torik, die es faustdick hinter ihren, das allerdings muss auch der schärfste Kritiker zugestehen, wunderschönen Ohren hat. Schöne Ohrläppchen gehören bei Rumäninnen zur Standardausrüstung. Irgendwie muss man dem Leben und seinen Zumutungen ja gegenübertreten.

    Im Folgenden ein Auszug aus Aléas Ich. Der Clemens von dem da die Rede ist, ist nicht Clemens Meyer, den ich gar nicht kenne – nicht, dass da irgendwelche Gerüchte entstehen! -, sondern Clemens Setz.

    »Ich lernte Clemens Setz kennen. Er hatte, wie ich auch, am Blog zu »Unendlicher Spaß« teilgenommen und war für eine Lesung in Berlin. Ich holte ihn vom Hotel ab und wir gingen ins Literaturhaus in die Fasanenstraße. Er war kurzsichtig und ich musste immer ganz nah an ihn herangehen, ich musste ihm die Speisekarte vorlesen, weil er nichts erkennen konnte. Er konnte nicht erkennen, wie aus den dürren Worten auf der Karte die reichhaltigen Gerichte auf dem Teller werden sollten. Oder seine Kurzsichtigkeit war ein Trick, um möglichst nahe an die Leute heranzukommen. Er saß mir gegenüber in einem schwarzen Sakko und einem bunten Rollkragenpullover darunter, das alles war viel zu groß für ihn und passte auch nicht zusammen. Mir gefallen solche Männer, die das nicht bemerken, weil sie in Gedanken ganz woanders sind. Ich mag dieses betont Männliche nicht, das auf mich geradezu lächerlich wirkt. Als würden Frauen grundsätzlich an der Männlichkeit der Männer zweifeln. Clemens war nicht überaus schick gekleidet, aber er war, wie man lesen konnte, überaus begabt. Womöglich simulierte er das lediglich. Er simulierte den astigmatischen Hochbegabten und wie alle Simulanten und Hochstapler musste er sein Geschäft weit besser beherrschen, als wenn er tatsächlich begabt oder astigmatisch gewesen wäre. Er schien ein bisschen durcheinander, was sicher ebenfalls nur eine Simulation war. Vielleicht war das gar nicht Clemens Setz. Das war nur irgendein Clemens. Ich war einfach in das Hotel gegangen, das er mir per Mail genannt hatte, und war dann mit dem herausgekommen, der sich mir gegenüber als Clemens zu erkennen gegeben hatte.
    Einmal klingelte, als wir beim Essen waren, sein Telefon und Clemens’ Freundin Clementine war dran mit der blöden Ausrede, dass ein Brief angeblich nicht angekommen sei. Woher, fragte ich mich, wusste sie das, wenn er nicht angekommen war? Clemens fragte sich das offenbar auch und legte wieder auf. Wir sprachen über Literatur und er erzählte mir später von einer wilden Fahrt durch New York, die er mit einem Mann namens Blixa Bargeld gemacht hatte, für eine Stunde oder ein Jahr. Ich glaubte ihm kein Wort. Abends begleitete ich ihn zu seiner Lesung. Zum Abschied haben wir uns umarmt. Wir standen da ungefähr eine halbe Stunde, einander innig umarmend, sehr zur Verwunderung der anderen.
    Danach habe ich nichts mehr von ihm gehört. Vielleicht hat er das Schreiben an den Nagel gehängt und sich auf das professionelle Umarmen verlegt. Ich habe ihn auch nicht mehr angerufen. Manchmal klingelte mein Telefon. Ich ging nicht ran, weil ich annahm, dass es gar nicht meins war oder dass es der war, der sich als Clemens ausgab, der aussah wie er, mit seiner Freundin zusammenlebte, Lesungen machte, in Hotels Frauen kennenlernte und den echten, ursprünglichen, wahrscheinlich sehr scharfsichtigen, aber völlig unbegabten Clemens auf eine hinterhältige Weise aus dem Weggeräumt hatte. Dieser falsche Clemens war ein bekannter Autor. Obwohl mich das eigentlich nicht beeindruckt. Jemand ist ja nicht durch sich und seine Taten berühmt, sondern durch die anderen, die diese Taten loben. Unbemerkt sind auch die größten Taten verschwindend gering. Durch das Lob aber verändern sie sich, sie hören auf, die des Gelobten zu sein, und gehen in den Besitz des Lobenden über. So haben beide etwas davon. Auch wenn der Berühmte es aufgrund seiner eigenen Leistungen ist: Berühmt gemacht haben ihn andere.«

    Natürlich gefällt mir die Rezension von Sarah Schaschek, die mich auf eine Art und Weise gelobt hat, dass wir beide etwas davon haben. Die treffend betitelte Rezension lautet: Die Geburt des Autors.

    Anders formuliert, nämlich sehr viel kürzer und vielleicht sogar prägnanter – ‚Mit einem Wort, das das Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas bemüht jugendlich wirkt‘ (frei nach Musil) -: fette Besprechung in der ZEIT.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    18 August 2013

    Vordertür und Hintertür des Literaturbetriebs

    Hier ist die Frage gestellt worden, ob man auf gerechte und ungerechte, gerechtfertigte und ungerechtfertigte, berechtigte und unberechtigte Weise in den Literaturbetrieb hineinkommen kann. Die Frage, ob einer zur Vordertür hinein müsse oder auch durch die Hintertür hinein könne. Der Begriff  “Literaturbetrieb” ist schwierig, ich habe das  einmal als Fischmarkt bezeichnet. Wovon spricht man, wenn man vom Literaturbetrieb spricht? Von jenen, die etwas in der Währung zu verteilen haben um die es geht und jenen, die das Verteilte bekommen: Aufmerksamkeit? Das sind vielleicht tausend Leute, die von dieser Aufmerksamkeit profitieren, und es sind immer dieselben Namen. Unter denen werden alle Preise verteilt, die machen alle Lesungen, die werden übersetzt, und so weiter. Oder spricht man von einem erweiterten Kreis von Autoren, Kritikern, Literaturhäusern und Juroren? Oder spricht man von allen, die sich im breiten Markt tummeln, also von jedem, der auf welche Weise auch immer etwas mit Literatur zu tun hat? Ich tendiere eher zu der letzten Definition, obwohl sich mit der ersten besser arbeiten lässt.

    Vordertür, also rechtmäßiger Eintritt, bedeutet: es wird nur der Text bewertet. Der wird für gut befunden. Ein rein literarisches Urteil, ohne jeden Seitenblick. Hintertür bedeutet, dass es noch andere als literarische Beweggründe gibt, einen Text zu veröffentlichen. Andere Gründe bedeutet wahrscheinlich immer: Marketing! Also etwa: Ein Text lässt sich nicht nur lesen, sondern auch verkaufen; oder: Autor und Autorin schreiben gefällig; oder: sie sehen gut aus; oder: sie haben eine interessante Lebensgeschichte. Osteuropa ist gut, aber fast nur bei Frauen. Osteuropäerinnen sind nicht nur als Putzfrauen und Prostituierte geeignet, sondern auch als Schriftstellerinnen: Man ist erstaunt, in gewisser Weise fasziniert und abgestoßen gleichermaßen. Auch „coulered“ kommt in einer internationalen Gesellschaft inzwischen ganz gut an, Deutschland ist, im Vergleich mit Holland, Frankreich oder Great Britain, etwas rückständig, holt aber gerade auf. Auch wenn Blut fließt und das Fernsehen in Klagenfurt dabei zuschaut, ist das der Karriere nicht hinderlich. Sex ist sicher das beste Erfolgsrezept. Dazu gibt es genügend Beispiele aus den letzten zehn Jahren. Aber ob man durch die Hintertür hineinkommt oder durch die Vordertür: Die Art und Weise wie man die Bühne betritt ist kein Kennzeichen für die Qualität des Textes. Durch beide Türen können exzellente Autoren hineinkommen und durch beide kommen tatsächlich mittelmäßige hinein.

    An dieser Stelle muss ich feststellen, dass dieser Artikel überflüssig ist: weil ich annehme, dass es keine Vordertür gibt. Oder sie erst im Laufe der Jahre und Jahrhunderte entsteht. Auch Beckett und Kafka sind nicht durch die Vordertüre gekommen. Diese Türe wurde später erst für sie angelegt. Thomas Bernhard hatte es, wenn auch nur ein wenig, leichter. Aber auch bei ihm wurde die Größe der Tür erst später festgelegt. Es wäre tatsächlich interessant, wenn man von diesem oder jenem arrivierten Schriftsteller erführe, wie er oder sie denn in den Literaturbetrieb hineingekommen sind. Vorausgesetzt er oder sie sind willens und in der Lage, die eigene Situation einigermaßen realistisch einzuschätzen. Ich vermute, dass die meisten glauben, sie seien vorne hineingegangen. Nehmen wir Clemens Setz. Der wurde sehr früh mit dem Epitheton „Wunderkind“ versehen. Sind das wirklich seine Texte, die faszinieren, die so dermaßen durchschlagend sind, dass er einen Preis nach dem anderen bekommt? Oder ist es das Wort Wunderkind? Oder die sicherlich exzellente Marketingabteilung von Suhrkamp? Juli Zeh hatte offenbar sehr früh großen Erfolg. Die musste wahrscheinlich nie gegen den Strom schwimmen. Der stehen alle Türe offen. Die schreibt einen Artikel und hat zehn oder zwanzig Zeitungen, die ihr das abnehmen. Aber ist das der Artikel, der gut ist? Oder schmückt sich die Zeitung mit einem berühmten Namen? Dass Juli Zeh dennoch, wie hier mehrfach betont wurde, gute Literatur schreibt, bedeutet, muss wohl bedeuten, dass sie eine gute Schriftstellerin ist. Aber ist das ausschlaggebend? Wird bei einer Preisverleihung ein Text geschmückt? Oder vielmehr der Autor? Schmücken sich nicht immer auch die, die den Preis verleihen?

    Jetzt gibt es natürlich noch die, die sagen, Literatur, Kunst also, habe gar nichts mit Aufmerksamkeit, und daraus resultierend, mit Geld zu tun. Stimmt, die gibt’s. Aber die wissen nicht, dass ein Autor, der keine Zahlen bringt, sich ganz schnell anders orientieren muss, nämlich nach unten. Es geht immer um Geld! Geld heißt nicht Porsche. Geld heißt: weiterschreiben können. Und das ist es, was man will. Weiterscheiben, weil Schreiben, neben dem Mount Everest und dem Mariannengraben, das größte Abenteuer ist, das es zu bestehen gibt auf diesen eher abseitigen Planeten, auf dem recht wenig los ist und der, zu allem sonstigen Unglück wie Liebeskummer und Schwerkraft leider auch noch blau ist. Die, die sagen, dass es nicht um Geld und Aufmerksamkeit geht, das sind die, die beides nicht nötig haben.

    Es ist schlimm, dass man aufs Geld schauen muss. Dass man hoffen muss, entdeckt und gefördert zu werden. Dass man Aufmerksamkeit erheischen muss. Aber das Schlimmste, das für mich mit Abstand Schlimmste beim Schreiben ist das Wissen, dass es wichtigere Dinge gibt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    07 August 2013

    Formen literarischer Selbst-Inszenierung

    Der Autor inszeniert sich immer. Die Autorin nicht minder. Es gibt unter all den Wegen, die man da gehen kann, keinen einzigen, sich nicht zu inszenieren. Wo jemand ist, der uns nicht durch und durch kennt, neigen wir schon im ‚normalen‘ Leben dazu. Wir wollen immer ein klein wenig besser aussehen. Besser als wir tatsächlich aussehen. Besser als wir sind. Und besser als die anderen. Autoren tun das sogar in ganz besonderer Weise. Das ist ihr Geschäft: sich die Reibungsenergie zunutze zu machen, die entsteht, wenn Erwartung und Erfüllung – respektive Enttäuschung – aufeinander treffen. Die perfideste Inszenierung ist die, die behauptet keine zu sein. Realismus, Naturalismus sind nicht real und nicht natürlich, sondern die Darstellung von Realität und Natürlichkeit.

    Der Autor inszeniert sich in Briefen, in Mails oder auf seiner Homepage, auf Fotos, in Interviews, bei Lesungen oder wenn er gefragt wird, wie er seine Bücher schreibt: dann schwadroniert er wild drauflos. Oder gibt klein bei. Wie auch immer: Je medialer die Welt, desto medialer auch solche Inszenierungen. Wem das nicht gefällt, der muss zu einer Zeit zurück, als man von den Autoren nichts hatte, als ihre Texte. In dem Moment, wo es ein Foto auf dem Cover gibt, eine biografische Angabe, fängt der Autor oder sein Verlag an, ein Bild von einer Person zu zeichnen. Und ohne dieses Bild, ohne dass die Medien ein wenig Futter bekommen, ist diese Person komplett uninteressant. Sie ist nicht nur medial nicht verwertbar, sie wird nicht einmal als nicht verwertbar wahrgenommen.

    Das sind meist gewachsene Strukturen, die aus sich heraus gar nicht verständlich sind: Platon galt das Erfinden von Figuren als verwerflich. Zweitausend Jahre später ist das Gegenteil verwerflich: nicht zu erfinden, sondern nur abzubilden. Die Romantiker haben sich der Fiktion eines Herausgebers bedient, was mitunter die heftigsten Proteste hervorgerufen hat, weil nur erfunden werden durfte, was innerhalb der Buchdeckel war, nicht diese selbst. Und heute erfindet man bereits die Autoren, was Widerspruch, aber auch Zustimmung hervorruft. Zustimmung vor allem auch, weil solche (romantischen) Konstruktionen die Aufmerksamkeit darauf lenken, wie unser Verhältnis von Wirklichkeit und Fiktion eigentlich ist. Das wird ja meistens gar nicht durchschaut.

    Thomas Bernhard oder Jean Paul, E.T A. Hoffman oder Peter Handke, sie alle arbeiteten ganz wunderbar mit Fiktionen, die sie selbst betreffen. Ob es sich nun um negative oder positive, ‚echte‘ oder ‚falsche‘ Unterstellungen oder Projektionen handelt, ob die Fiktion einen Grund hat oder keinen: einerlei. Nicht für den Autor, der ja unter Verleumdungen oder Missverständnissen leidet, oder von ihnen profitiert: einerlei ist es für die Sache.

    Leider humpelt die Literaturwissenschaft zwanzig, bisweilen sogar zweihundert Jahre hinterher. Ich kenne jedenfalls nichts, was sich in diesem Bereich mit neueren, sagen wir lieber neusten Autoreninszenierungen beschäftigt. Aber es gibt immerhin Versuche, denn der Autor steht seit einiger Zeit wieder hoch im Kurs, geradezu im Focus der Aufmerksamkeit um das noch immer sehr seltsame Gefüge namens „Text“. Das zeigen viele Sammelbände zum Thema Autorschaft und deren Funktion. „Es ist bedauerlich, dass in unserer digitalisierten Welt dieser Themenbereich noch immer kaum Eingang in die wissenschaftliche Betrachtung gefunden hat und man sich bisher scheinbar konsequent einer Erfassung verschließt. Dies gilt dann auch für die einführenden Bemerkungen Urs Meyers, der darauf ebenfalls nicht hinweist. Über die Gründe hierfür mag lange spekuliert werden, doch bleibt die Hoffnung, dass Erforschung von Mail-Korrespondenzen in Bezug auf autorschaftliche Inszenierungspraktiken bald mehr Aufmerksamkeit zuteil werde; immerhin hat es beim Autoreninterview auch seine Zeit gebraucht, ehe dieses zum geradezu modischen Forschungsgegenstand avancierte“, schreibt Clemens Götze über einen neuen Sammelband zu diesem Thema. Hier.

    Noch einmal mein Lieblingszitat in diesem Zusammenhang. „Eine der wirkungsvollsten Masken ist, wie erwähnt, die Maske der authentischen Hüllenlosigkeit und Maskenfreiheit; diese Maske prätendiert, das selbsteste Selbst und den andersten Anderen zu zeigen. Im kommunikativen Text ist das die Geste, die behauptet, Autor und Leser im Text seien ‚Menschen‘, gar ‚Menschen wie du und ich‘. Wer aber als unermüdlicher aufklärerischer Demaskierer die Textfunktionsposition von Selbst und Anderem stets auf die ‚Menschen‘ hinter dem Text reduzieren möchte, der erweist sich nicht nur als Metaphysiker, sondern auch als rücksichtslos hinsichtlich der Schutzfunktion der textuellen Masken.“, Kurt Röttgers, Demaskierungen, in: Masken, Hrsg: Kurt Röttgers und Monika Schmitz-Emans, Seite 89.

    Das alles mag interessant sein. Interessanter aber ist der Text, den der Autor produziert. Aber er hat in der Tat ein Umfeld. Der Text. Nicht der Autor. Des Autors Umfeld ist ja der Text.





    02 August 2013

    Filit – Festivalului Internaţional de Literatură şi Traducere Iaşi – 23-27 octombrie 2013

    Wenn Sie Zeit haben, fahren Sie hin! Es kommen interessante Leute. Man kann sich dem Ziel mit dem Zug nähern. Während man fährt, während man unterwegs ist, verändert man sich. Man gewinnt ein anderes Verhältnis zu sich und seiner Umgebung. Weil die Umgebung sich ändert und man spürt, was man dort, wo man lebt, nicht spürt: dass man sich auch verändern muss. Denn so wie man ist: so kommt man nicht weiter. Jedenfalls nicht nach Iași. Und wer halbwegs so gestrickt ist wie ich, der wird zwei verschiedene Veränderungen an sich feststellen, eine Veränderung hin und eine zurück zu sich.

    Hin: »Wenn ich in Berlin in den Zug steige, habe ich vierundzwanzig Stunden Zeit, um meine germanische Haut ab- und meine rumänische Haut wieder überzustreifen. Es ist nicht nur die Haut, aber damit beginnt meine Verwandlung, eine tiefgreifende Metamorphose, die nach und nach meinen Körper ergreift, meinen Mund, meine Ohren und alle meine Glieder, meinen Charakter und meine Verhaltensweisen. Wenn ich dann in Sibiu aussteige, klingt meine Stimme anders, dunkler und rauer. Ich spreche schroffer. Mein Gang ist ein anderer, ich habe ein anderes Lebensgefühl und ich bin auch eine andere.
    »Da bist du ja endlich«, sagt mein Vater, wenn ich auf dem Bahnsteig stehe.
    Er kommt mir entgegen, er nimmt mich im Gehen in den Arm und ich lehne meinen Kopf kurz an seine Schulter. Es sieht aus, als habe er hier das ganze Jahr über auf mich gewartet. Er wartet auf diese zwei Wochen, die ich zu Hause verbringen würde, auf den kurzen Moment, da er seine Tochter in den Arm nehmen kann.
    »Ja«, antworte ich dann, »da bin ich.«
    Ich bestätige mit meinen Worten nicht nur, dass ich wieder da bin, sondern vor allem, dass ich wieder die bin, die ich immer war und die ich, allen Veränderungen zum Trotz, auch immer sein werde. Ich bin die, die ich früher war, und dennoch bin ich eine andere. Das ist ein Umstand, den ich zu verstehen versuche, vor allem auf den Fahrten zwischen dem einen und dem anderen Land, dem einen und dem anderen Zustand. Näherungswerte, deren äußerste Grenzen ich nicht erreichen werde. Ich bin niemals vollständig ich selbst, sondern immer auf dem Weg, es zu werden. Auf dem einen oder auf dem anderen Weg, in diese oder in jene Richtung. Ich bin ein ungreifbares Selbst dazwischen.« (AI, 134-135)

    Und zurück: »In den kommenden Stunden würde ich mich immer weiter von dieser Welt hier entfernen, die verschneiten Karpaten im Winter, die Bindung an die Familie und an die Bergwelt meiner Kindheit. Ich hatte eine lange Fahrt vor mir. Eine Fahrt, auf der ich mich erneut verwandle und meine langsamen, katzenhaften Bewegungen wieder schneller werden, mein vierbeiniger, schleichender Gang ein zweibeiniger wird und meine Bindung an die Vergangenheit zu einer an die Zukunft, zu dem unbedingten Glauben, dass sich das Leben vorwärts bewegt, dass es ein Ziel und einen Sinn hat und nicht nur um seiner selbst willen gelebt wird. « (AI, 161)

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    31 Juli 2013

    „Ich“ sagen

    Bei manchen Menschen ist „Ich“ sagen eine maßlose Selbstüberschätzung.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
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    und zwar soeben.





    29 Juli 2013

    Konflikte: leben und erleben

    Es kommt als Schriftsteller_in darauf an, Konflikte – die wohl jeder in sich trägt und mehr oder weniger deutlich empfindet –, die man nicht am eigenen Ich ausleben oder ausagieren könnte, in Worte zu fassen. Das Schreiben ist nicht Ausdruck einer Vermeidung, bei der einer, was er nicht leben kann, aufschreibt. Schreiben ist vielmehr am Übergang von Leben und Nichtleben situiert: ich erlebe, was zu leben mir unmöglich wäre.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
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    28 Juli 2013

    „Die ganze rumänische Mythologie“

    René Hamann hat in seiner Rezension von »Aléas Ich« von einem oberflächlichen Literaturbetrieb gesprochen, der „auf Verwertung scharf“ ist, „auf Abbildungskarrieren. Auf interessante Biografien.“ So ähnlich sind meine Erfahrungen auch. Es geht selten um den Text.

    Ein großer deutscher, ein sogenannter Publikumsverlag schrieb mir, dass in meinem ersten Roman »Das Geräusch des Werdens« meine Figuren sehr gut gezeichnet seien, mit viel Liebe, und das ich „ausgesprochen begabt“ sei. Aber, und das führte dann zur Ablehnung: „die ganze rumänische Mythologie in dem Buch, das kann kein deutscher Leser verstehen“. Nun: die Autorin versteht die ganze rumänische Mythologie in dem Roman auch nicht. Was möglicherweise dem Umstand geschuldet ist, dass sie einfach nicht drin ist, die rumänische Mythologie – genauso wenig übrigens wie die Autorin, die ist auch nicht drin. Es handelt sich um einen Roman, also um erfundene Ereignisse, die sich nicht um die Autorin drehen wie die Erde um die Sonne -. Möglicherweise allerdings liegt es auch daran, dass die rumänische Mythologie einfach unverständlich ist.

    Mir geht es nicht darum, jemanden zu diffamieren – im Gegenteil, ich habe für diffamierende und denunzierende Charaktere nur Verachtung übrig -, sondern um eine Diskussion darüber, inwieweit das, was wir zu erkennen meinen, nicht einfach unsere Projektionen sind. Der vermeintlich authentische, der faktische Autor oder der faktische Rezensent, der faktische Text und der ganz objektiv seines Amtes waltende, ehrliche Leser, der vom Autor nicht betrogen werden will: alles wunderbare Fiktionen aus dem Reich der Märchen und Mythen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    27 Juli 2013

    „Aléas Ich“ – Heute in der taz

     

    Nicht das ganze Buch, sondern die Rezension von René Hamann, die mir in manchen Aspekten gut gefällt, in anderen nicht. So schätze ich etwa die Literatur von Alain Robbe-Grillet nicht als „scharf“ konstruiert oder sogar „abgründig“ ein. Mir gefallen die Konstruktionen des genannten Schriftstellers durchaus, aber ich würde an seiner Literatur kritisieren, dass die Figuren für mich kaum Tiefe besitzen, von Abgründigkeit würde ich nicht reden wollen. Aber genau das ist das Potential der Literatur, dass jeder verstanden und missverstanden werden kann und der eine es so und der andere es anders liest: und jeder seinen eigenen Zugang zu einem Text hat, was wir spätestens seit dem Perlentaucher wissen, wo, was einmal verstanden wurde, noch einmal verstanden wird. Der Autor eines literarischen Textes schreibt eine Art Muster und jeder Leser mustert anders, mustert dies aus oder mustert das ein. Ich werde erneut in die Postmoderne eingereiht: natürlich lassen sich dafür Namen und Belege finden. Ich selbst würde mich eher als in einem Abstoßungsprozess befindlich beschreiben: und natürlich lassen sich auch dafür Namen nennen und Belege finden. Meines Erachtens lasse ich die Postmoderne in entscheidenden Momenten hinter mir. Aber das ist eine Frage der Definition des Begriffs der „Postmoderne“.

    Der Autor, „der sich im Internet hat outen lassen von einer Feministin, die sich kritisch mit Autoren, die unter weiblichem Pseudonym schreiben, auseinandergesetzt hatte – eine auch sehr lustige und vielsagende Geschichte, die bei anderer Gelegenheit mal ausführlicher erzählt werden sollte“: ja, das ist eine weniger lustige, aber sehr vielsagende Geschichte, die erzählt werden wird.

    Ich habe den Absatz, der der sich auf diese Feministin bezog, herausgenommen. Das ist meines Erachtens keine Feministin, nicht weil Weiblichkeit, die sich in der Negation von Männlichkeit erschöpft, weder feminin noch feministisch ist; sondern weil sie nie eine feministische Position formuliert hat. Sie hat neurotische Positionen formuliert. Aber so ist das nun einmal: wer etwas anders macht als andere, der zieht sich automatisch deren Verachtung zu. Es ist dieselbe Verachtung, die den Feministinnen vor dreißig Jahren auch entgegen geschlagen ist.  Und das ist eine erzählenswerte Geschichte. Ich habe das herausgenommen, nicht weil er inhaltlich falsch war, sondern weil der Tonfall falsch war. Er war nämlich nicht meiner. Es ist ein langer Prozess des Lernens, das betrifft jeden, also auch mich: zu seinem eigenen Tonfall zu finden. Ihn zu finden, zu verteidigen und, wenn es sein muss, auch zu korrigieren. Und dieser Tonfall darf nicht darin bestehen, auf die Verfehlungen anderer ebenfalls verfehlend zu reagieren.

    Interessanter wäre da schon eher das Verhalten der Herausgeber einer Sammlung literarischer Blogs – zu der bis zu dem Outing auch mein eigenes gehört hat -, nämlich gar keins: Null Verhalten. Man versteht sich dort als avantgardistisches Projekt. Kommt aber einer, also eine, ich nämlich, und macht etwas aus dem Rahmen Fallendes, dann ziehen die Herausgeber sich zurück: nix sehen nix hören nix verstehen. Möglicherweise ist auch das Avantgardismus. Literarische Blogs und Literatur im Netz, das wäre ein interessantes Thema.

    Sehr viel interessanter ist, was im Netz außerhalb der literarischen Verengung geschieht: Es ist nicht allein der Staat und seine bösen Geheimdienste, die ihre Bürger überwachen. Dieses Problem wäre ein kleines. Es sind vielmehr die Menschen, die andere Menschen kontrollieren und denunzieren. Er ist der Mensch, der im Netz aufwächst und dort sozialisiert wird, weil das Netz eben jene Strukturen aufweist, mit denen sich die anderen überwachen lassen. Das hatte ich bereits in meinem Roman angedeutet: dass das Netz und die dort Aktiven es sind, die die Strukturen von repressiven Gesellschaftssystemen annehmen. Wir sind nicht nur die Verfolgten, wir sind oftmals die Verfolger – die als “Follower” vollkommen missinterpretiert werden.

    »Viele Jahre, beinahe mein ganzes Leben lang, bin ich von Jana und Janus verfolgt worden. Von heute auf morgen haben sie sich in Luft aufgelöst. Jedenfalls nahm ich das an. Aber ich musste feststellen, dass sie wie so viele in dieser Gesellschaft ins Netz abgewandert waren. Sie sind in die Anonymität abgetaucht. Dort sind sie auf der Suche nach Bedeutung, nach Gewicht und Geltung, nach all dem, was sie im Leben nicht erlangen konnten. Der Verfolger meines Vaters hat sich in zwei Personen aufgespalten und ist dann auf mich übergegangen. Jana und Janus haben sich in Stalker verwandelt und verfolgen mich virtuell. Sie denunzieren mich und sie versuchen andere gegen mich aufzuhetzen. Das ist im Netz einfach, weil man sehr leicht andere findet, die sofort bereit sind, sich an der Hatz zu beteiligen. Man findet immer andere, die mitmachen, die jedem Gerücht Glauben schenken, die desavouieren, erniedrigen und zerstören wollen, weil sie das im Netz können. Wenn sie auch sonst im Leben nichts können: Im Netz können sie alles. Und was sie nicht können, lassen sie einfach weg. Im Namen des Katholizismus werden Ungläubige, im Namen der Männer die Frauen und im Namen der Frauen all die hingerichtet, die nicht in deren Rollenvorstellungen passen, im Namen der Gerechtigkeit die Ungerechten und in deren Namen alle Gerechten. Im Netz können die Feigen die Heldenrolle übernehmen, die Lügner die Rolle der Ehrlichen, die Gebeugten die der Aufrechten. Im Namen der Liebe und im Namen des Hasses kann man alles, weil man das eine nicht mehr vom anderen zu unterscheiden vermag. Im Netz finden sich die Besessenen und die mit den Wahn- und Zwangsvorstellungen, die Autisten und die Geisteskranken, die andere Menschen abschlachten wollen, sie wollen Hexen verfolgen und töten, und alle jene, die schöner oder klüger sind als sie selbst. Das Netz ist der Ort der totalen Asozialität. Ein jeder trägt eine Maske und die, die andere meinen demaskieren zu müssen, ziehen mit derselben Geste ihre eigene umso höher. Im Netz überwacht jeder jeden, die anderen uns und wir die anderen. Das Netz sieht uns alle zu jeder Zeit. Es gibt kein Entkommen. Kein Entrinnen. Es ist der Ort, an dem keine Unterschiede möglich sind. Es ist das totale Grauen.« (AI, 406 f.)

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    02 Juli 2013

    Aus der Perspektive des hundertsten Stockwerks

    „Ich las einmal die Geschichte einer Gruppe von Menschen, die in einem unbekannten, sehr hohen Turm immer höher stiegen. Die ersten Generationen drangen bis zum fünften Stock vor, die zweiten bis zum siebenten, die dritten bis zum zehnten. Im Laufe der Zeit gelangten die Nachkommen in das hundertste Stockwerk. Dann brach das Treppenhaus ein. Die Menschen richteten sich im hundertsten Stockwerk ein. Sie vergaßen im Laufe der Zeit, daß ihre Ahnen je auf unteren Stockwerken gelebt hatten und wie sie auf das hundertste Stockwerk hinaufgelangt waren. Sie sahen die Welt und sich selbst aus der Perspektive des hundertsten Stockwerks, ohne je zu wissen, wie Menschen dahin gelangt warn. Ja, sie heilten sogar die Vorstellungen, die sie sich aus der Perspektive ihres Stockwerks machten, für allgemein menschliche Vorstellungen.“

    Norbert Elias, Über die Zeit, Suhrkamp 1988, Seite 116.

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    geschehn aus unablässigem Bestreben.
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    17 Juni 2013

    „Aléas Ich“: auf der Belletristik-Couch

    „Die Autorin versteht es meisterlich mit der Glaubwürdigkeit ihres Werkes zu spielen, den Leser immer wieder an die Grenzen des Nachvollziehbaren zu ziehen, um dann die Künstlichkeit des Romans zu enthüllen, nur um später erneut Zweifel aufkommen zu lassen, ob dieses Buch, welches man in Händen hält, wirklich reines Produkt der Fantasie sein kann. Genres werden bei dieser Arbeit respektlos über den Haufen geschossen, nicht lange können Autobiografie, Fiktion, literaturtheoretischer Beitrag, Geschichte und dergleichen als Kategorien existieren, schnell finden sie ihr Ende und die gegenseitige Durchdringung in der wortgewandten Konstruktion Toriks.“

    Sehr gut gefällt mir auch die Erkenntnis des Autors, die sich auf die in Rumänien situierten Kapitel des Romans beziehen: „Dieser Teil der Identität Aléas scheint besonders glaubwürdig, da er so gekonnt kulturelle Unterschiede aufweist, dass man nicht auf die Idee käme die Herkunft der Autorin anzuzweifeln.“ Hier finden Sie die ganze Rezension von Sebastian Riemann.

    Was mir gefällt, ist dass der Autor nichts enthüllen muss. Er versteht das Spiel das Fiktionalität immer anbietet und das auf den Leser hofft, der sich darauf einlassen kann. Denn rumrennen und behaupten, dass das alles gelogen ist: das kann ja jeder Trottel. Das einzige, was mir nicht gefällt ist die Wertung, warum nur 85 von 100 möglichen Punkten? Ich gehe mal davon aus, dass jemand, der etwas von Literatur versteht, der Lust hat, sich auf einen Text einzulassen und nicht herumnörgelt, was man besser machen kann – die, die glauben, Sie wüssten wie man es besser machen kann, können es meist gar nicht -; das so jemand ja sowieso nicht rechnen kann, also bin ich zufrieden. Nur schade, dass es nicht 88 sind, hehe!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
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    10 Juni 2013

    „Aléas Ich“: im WDR 3

    Der zweite Roman von Aléa Torik besticht durch seine Vielfältigkeit. Es ist ein außerordentliches Buch, voller spannender Gegensätze auf der Höhe der Zeit, und doch fest verwurzelt in der Vergangenheit. [...] Aléa Torik hat die Beobachtungsgabe einer Dichterin und die Beschreibungsfähigkeit einer Wissenschaftlerin. Das muss ja bei derartiger Brillianz schon mal ans Neunmalkluge grenzen

    Hier geht’s zu der ganzen Rezension. Ich habe mich sehr darüber  gefreut. Eine Volte allerdings entgeht dem Autor, dass es sich um eine fiktive Autorbiografie handelt. Oder sie ist ihm nicht entgangen, denn Aléa Torik ist tatsächlich 28, das perfide Fräulein hat ja an diesem Tag, ich erinnere kurz daran, das Älterwerden eingestellt. So steht‘s im Roman und im Blog (allerdings werden die Leser Minerva nicht, wie angekündigt, kennenlernen. Ich musste den Plan ändern. Der Leser erkennt jedoch, warum Olga drei Monate nicht in Berlin war). Endlich mal einer, der meine Texte liest. Und wenn ich lese, was ich da geschrieben habe, dann bin ich nicht unzufrieden.

    Aber es gibt auch eine Unsicherheit: Ich hatte vor einigen Tagen ein langes Interview, in dem die Interviewerin ihre Überraschung darüber äußerte, das ich Rezensionen kommentiere, weil man das nicht tue. Normalerweise finde ich die Dinge, die man nicht tut, ja ganz gut und tue sie sogar ausgesprochen gerne, aber in diesem Fall denke ich doch darüber nach. Allerdings lasse ich mich ja nicht auf Diskussionen ein. Ich sehe, dass in der Rezension des WDR von der einen oder anderen “langatmigen Episode” die Rede ist und frage mich, welche der Autor meinen könnte, solches Empfinden ist ja individuell verschieden. Auch von sachlichen Unrichtigkeiten ist die Rede und ich weiß nicht, was gemeint ist. Mehr mache ich nicht. Ich gebe, wenn ich Rezensionen kommentiere,  ja bloß den einen oder andern kleinen Tipp, wie man mich noch besser verstehen könnte, hehe! Ich würde mich nie mit jemandem streiten, der einen Verriss schreibt. Für Verrisse gibt es oft Gründe die nicht im literarischen zu suchen sind. Das interessiert mich sowieso nicht.

    Und ein Problem: „ … ist das Buch als Autobiografie einer 28-jährigen beeindruckend“. Das steht nicht, dass das Buch beeindruckend ist, sondern in Abhängigkeit vom Alter der Autorin ist es beeindruckend. Also: es gibt ganz außerordentlich reife Leute, die sind in dem Alter quasi erwachsen und fertig mit ihrer Entwicklung. Und es gibt hochgradig unreife Leute, die emotional und intellektuell mit fünfzig noch pubertieren. Sagt das biologische Alter tatsächlich etwas über den möglichen Reifegrad eines Textes aus? Sagt das Geschlecht eines Autors etwas darüber aus? Sagt das Geschlecht und das Alter eines Rezensenten etwas darüber aus, ob das Buch positiv oder negativ besprochen wird? Vielleicht bekommen tatsächlich 28-jährige bessere Rezensionen als 48 jährige. Vielleicht bekommen Männer bessere Rezensionen von schwulen Rezensenten, Migranten bessere von Migrantinnen und Deutsche bessere von Deutschen, berühmte Autoren bessere als unbekannte, schöne bessere als hässliche und  gute bessere als schlechte.

    Und werden anspruchsvolle Texte wie meine – der zweite beginnt mit Zitaten komplexer postmoderner Schriftsteller und Theoretiker und mein Text ist ein mitunter für den wenig geübten Leser ein eher verwirrendes Gewebe – nicht viel schlechter rezipiert und verkauft als ein leichter, flockiger Hundertseiten Roman? Gute Rezension hin oder her!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    10 Juni 2013

    Meine Beiträge bei Juli Zeh II

    Liebe Juli Zeh,

    vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort. Ich wusste nicht, ob es nicht vielleicht, für Sie kurz vor Frankfurt – wofür ich Ihnen ein aufmerksames Publikum wünsche! –, unangebracht ist, einen weiteren langen Text einzustellen. Aber Sie können ja selbst entscheiden, ob und inwieweit Sie antworten wollen.

    Ich denke, wir können uns über viele Dinge einigen, weil die Differenzen marginal sind. Bei zwei Punkten sehe ich jedoch ehebliche Unterschiede – was gut für eine Diskussion ist, denn über dieselbe Auffassung lässt sich schwerlich diskutieren.

    Ich hatte die durchaus provokanten Fragen eingangs gestellt, um zu zeigen, dass wir ganz viel, was im Bereich des Marketings angesiedelt wird, akzeptieren, und manches, vor allem Neues eher nicht. Radikal Neues bringt mit sich, dass die Kriterien fehlen, nach denen man es bewerten und einordnen kann. Deswegen hat es diese Neue mitunter schwer. Der Rest meines Beitrags galt dann vor allem der Darstellung, warum ich in keiner Weise Marketing gemacht habe. Wir haben im Einzelnen differierende Auffassungen, vor allem, was meinen Stalker angeht, weil ich der Meinung bin, dass die Freiheit des einen aufhört, wo die des anderen anfängt (darüber könnte man schon ewig reden). Einem Stalker geht es nicht darum, etwas aufzudecken, die Wahrheit ans Licht zu bringen oder einen Autor zu diffamieren, obwohl meiner das unablässig, wie Sie bemerkt haben, tut. Ein Stalker will einen anderen als Menschen zerstören. Und meiner garniert das immer noch mit den Bemerkungen, dass er mir ja nichts Böses will: unter der Maske des guten Menschen lassen sich nahezu alle Boshaftigkeiten begehen. Wenn Sie mal einen haben sollten, werden Sie, vermute ich, umstandslos zu meiner Auffassung wechseln.

    Wir sind vollkommen einer Meinung, dass das Marktgeschehen unberechenbar ist: heute mehr denn je. Gut für die, die oben stehen, schlecht für die 99,99 % der anderen (nur am Rande, Sie überlesen das bitte in aller Großzügigkeit: Ihnen ermöglicht es das Schreiben, mir macht es das schwer, wenn nicht unmöglich). Weil ich das weiß – vor allem aber aus inhaltlichen Gründen – habe ich mit meinem Projekt kein Marketing gemacht. Noch einmal: die Menge an Arbeit spricht eindeutig dagegen. Ich habe ein, wahrscheinlich ziemlich einzigartiges literarischen Projekt – wenn Sie so wollen, eine Poetik – um dessentwillen ich so agiert habe; nicht von Anfang an, sondern das Projekt ist sozusagen dabei entstanden, es hat seine ihm eigene Poetik erst erzeugt. Wenn diese Assoziation, dieser Verdacht des Marketings (der liegt nahe: Rumänien, also Migration, jung, gutaussehend, klug (als seien sonst nur Männer klug und die kluge Frau die Ausnahme!) und schlagfertig) aufkommt, dann liegt das nur bedingt an mir. Es liegt daran, dass heute jedermann denkt, dass alles Marketing sei. Aber über meine Motivation wissen die Leute nichts und ihre Vermutungen sagen dann weit mehr über sie selbst als über mich: nämlich aus welchen Gründen sie dieses tun würden.

    Jetzt zu den wichtigeren Dingen: der Poetik. mir erscheint manches, was Sie sagen, einsichtig- aber ich habe dennoch eine andere Position. Ich kenne diesen „Fiktionsvertrag“ zwischen Leser und Autor, der in etwa lautet: zwischen den Buchdeckeln ist es „fiktional“, davor und dahinter ist es „echt“. Aber erstens leben wir im 21. Jahrhundert. Etwas provokant formuliert: die Buchdeckel wird es nicht mehr lange geben; etwas weniger provokant: wir leben in einer Zeit der neuen Medien. Wir nutzen die neuen Medien – nicht aus Marketingzwecken – und wir experimentieren damit. Ich tue das. Ich habe das getan, um eine authentische Figur in einem Blog zu zeigen, sie dort vom Entstehen von „Aléas Ich“ berichten zu lassen und sie dann in diesem Roman als vollkommen inauthentisch untergehen zu lassen. Ich lasse also ein und dieselbe Sache in zwei unterschiedlichen Perspektiven, sagen wir: kollidieren. Weil ich wissen will, was dann passiert. Oder weil ich diese Begriffe verstehen will. Weil ich damit arbeiten will. Weil es mich interessiert, was diese Begriffe wert sind: von daher ist mir diese Auseinandersetzung hier willkommen.

    Aber ich plädiere nicht für eine „totale Aufhebung der Grenzen zwischen Kunst und Realität“, ich habe ein literarisches Spiel gespielt, oder inszeniert, um den Finger auf solche Dinge zu legen und ich habe mehr oder weniger deutlich gesagt – wobei das natürlich auf den Rezipienten ankommt, was deutlich ist -, dass ich ein literarisches Blog führe, also Literatur mache. Um mein Blog waren keine Buchdeckel drumgewickelt:  weil das technisch nicht machbar war!

    Ich habe ein literarisches Projekt, das weit über das hinausgeht, was in zwischen zwei Buchdeckel passt, sich also mit dem angesprochenen Fiktionalitätsvertrag gar nicht fassen lässt: In »Aléas Ich« kommt Aléa Torik, eine junge Frau aus Rumänien die in Bukarest bei Mircea Cărtărescu Literaturwissenschaft studiert hat, nach Berlin und promoviert an der Humboldt-Universität bei Joseph Vogl zum Thema Fiktionalität. Sie führt ein literarisches Bog im Netz, hat einen Roman geschrieben und arbeitet an ihrem zweiten. Scheinbar eine Autobiografie, thematisiert »Aléas Ich« die Vergangenheit in Siebenbürgen und Bukarest ebenso wie die Gegenwart in Berlin. Aléa erzählt von einem penetranten Verfolger, der ihr offenbar nie von der Seite weicht, einem obsessiven Verehrer ihrer Mitbewohnerin Olga und vor allem von ihrem Wunsch, Schriftstellerin zu sein. Das Schreiben tritt langsam immer deutlicher als das allumfassende Thema in den Vordergrund. Der Leser begreift, dass er nicht etwa ihrem authentischen Leben zusieht, sondern vielmehr dem Entstehen eben jenes Romans an dem sie arbeitet und der »Aléas Ich« heißen wird. Aléa Torik beschreibt sich selbst als einen Roman schreibend, vielmehr als einen Stoff er-lebend und sich selbst be-lebend. In dem Maße wie sie als Figur sich selbst in Frage stellt, in diesem Maße gewinnt sie als Autorin an Format und an Glaubwürdigkeit. Wir haben es hier also mit zwei einander ausschließenden Prinzipen zu tun und Aléa Torik stellt entweder ihr Vorgehen in Frage oder das Ergebnis.

    Es geht darum, was geschieht, wenn eine Person – Schriftstellerin oder Bordellbesitzerin – „Ich“ sagt. Wenn eine Person – weiblich oder männlich – anfängt, sich und seine Welt zu gestalten, auszuformen, mit Gegenständen und Vorstellungen – moralischer und unmoralischer Natur – zu füllen und ein Mensch anfängt, sich in der Auseinandersetzung mit anderen zu formen. Eine Figur namens Aléa Torik, die bereits eine Geschichte zu haben scheint, sie aber in Wirklichkeit erst im Verlauf dieses Romans bekommt: indem sie sie erzählt. Denn das ist es, was Schriftsteller machen. DAS ist die Realität des Textes. Und das Ich-sagen einer Schriftstellerin ist in ganz besonderer Weise interessant, weil wir da dem Entstehen einer fiktionalen Figur zusehen können. Aléa Torik ist nicht vorher da, sondern entsteht in der Erzählung, in dem Roman, den sie da schreibt. Da in der Kurzfassung  zu meiner Poetik, die ich auch sehr weiträumig würde entfalten können (falls sie in Frankfurt jemand fragt, ob Ihnen ein Nachfolger einfällt, dann denken Sie bitte an mich).

    Nächster Punkt: ich bezweifle, dass es möglich ist, konsistent (!) zwischen „fiktional – fiktiv“ und „echt“ zu differenzieren. Der Richter, der jemanden für eine Straftat verurteilt, geht von der Fiktion aus, dass dieser gleichermaßen frei war, sie zu begehen oder zu unterlassen. Die Frage nach der absoluten menschlichen Freiheit spielt dabei keine Rolle. Ihre Frage nach Wolfgang Herrndorf zeigt das im Grunde auch: „Ich glaube nicht“, schreiben Sie, „dass man einfach sagen kann, eine erfundene Krankheit ist eine Lüge“. Und diese Unterscheidung ist auch nicht sinnvoll, weil es für Sie und mich vollkommen gleichgültig ist ob er krank ist oder das simuliert: denn wir lesen lediglich seine Texte. Und das sind die Texte eines Kranken. Ob er ‚wirklich‘ krank ist, ist meines Erachtens belanglos, außer ich bin mit ihm befreundet. Was immer ein Schriftsteller uns präsentiert, präsentiert er uns im Modus ‚Text‘. Ebenso ist es gleichgültig, ob Sie die Deutsche Juli Zeh sind oder die Chinesin Ju Li Tse oder ein komisches Mädchen mit roten Haaren oder meine Großmutter. Alles, was ich von Ihnen bekomme, sind Worte.

    Glauben Sie wirklich, dass, nur weil mein Ich für Sie nicht weiter greifbar ist und Sie keine biografischen Daten von mir kennen und kein Bildchen haben, dass kein ‚Ich‘ dahintersteht und mein ‚Ich‘, auch wenn es mit Fiktionen garniert ist, kein authentisches ‚Ich‘ ist? Es ist nur meine Biografie erfunden, alles andere ist, ich vermeide das Wort echt und lasse hier eine Leerstelle. Hat der Leser ein Recht auf einen authentischen Autor? Oder gilt, was Aléa im Roman über sich – oder Juli Zeh – sagt: »Wir Schriftsteller leisten uns mehrere Lebenswege, weil bei uns alles übereinander liegt und nicht nacheinander« (AI, 269).

    Man muss im Netz nicht nur damit rechnen, einer ‚gefälschten‘ Identität zu begegnen, das wäre trivial, sondern man muss verstehen, dass wir, wir alle, im Netz selbst zu einer gefälschten Identität werden, weil wir gerade dort nicht zwischen echt und falsch unterschieden können. Und was die Authentizität angeht, lasse ich jemand anderen sprechen: „Eine der wirkungsvollsten Masken ist, wie erwähnt, die Maske der authentischen Hüllenlosigkeit und Maskenfreiheit; diese Maske prätendiert, das selbsteste Selbst und den andersten Anderen zu zeigen. Im kommunikativen Text ist das die Geste, die behauptet, Autor und Leser im Text seien ‚Menschen‘, gar ‚Menschen wie du und ich‘. Wer aber als unermüdlicher aufklärerischer Demaskierer die Textfunktionsposition von Selbst und Anderem stets auf die ‚Menschen‘ hinter dem Text reduzieren möchte, der erweist sich nicht nur als Metaphysiker, sondern auch als rücksichtslos hinsichtlich der Schutzfunktion der textuellen Masken.“,( Kurt Röttgers, Demaskierungen, in: Masken, Hrsg: Kurt Röttgers und Monika Schmitz-Emans, Seite 89.)

    Mein Kompliment übrigens für die Qualität vieler Beiträge hier! Das geht also nicht an Sie, sondern an die anderen!

    Herzlich

    Aléa Torik (eben jene Aléa Torik, die ein radikal modernes Phänomen ist, existiert sie doch nur im Netz!)

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    10 Juni 2013

    Meine Beiträge bei Juli Zeh I

    Sehr geehrte Juli Zeh,

    Sie fragen, ob ein Autor seine Identität inszenieren „darf“, um seine Bücher „an den Mann“ zu bringen? Das ist eine interessante Frage. Ich habe auch ein paar interessante Fragen, die so ähnlich sind: Darf ein Verlag Werbung für ein Buch machen, weil die Rezensionen nicht so ausfallen wie man sich das vorstellt? Darf ein Autor einen Facebook Eintrag führen – in Ihrem Fall sogar eine Fan-Seite, bei der ich mir nicht sicher sein kann, ob Sie das wirklich sind, die mit ‚Ja‘ antwortet, wenn ich frage, ob Sie es wirklich sind; oder ob es nicht doch die Marketing-Frau ihres Verlages ist -, um Leser an sich zu binden? Darf ein Mensch, nachdem er entdeckt hat, dass eine Person offenbar/anscheinend/möglicherweise nicht mit sich identisch ist, diese Person outen? Darf er dann aberduzende Einträge in seinem Blog machen, um einen Skandal zu verursachen, obwohl diejenige Person ihn vielfach auf den fiktionalen Charakter ihres Literaturprojektes aufmerksam gemacht hat? Darf ein Kerl, weil er eine Frau nicht abkriegt und die Frau nicht so ist wie er sich das vorstellt – mit rein literarischen Arsch und Busen – versuchen, diese ‚Person‘ in Interviews und Blogeinträgen zu skandalisieren. Darf er sich als Betrogener inszenieren, der emotional – und möglicherweise intellektuell – nicht in der Lage ist, zwischen Autorenich und faktischem Ich zu unterscheiden? Der Blogger, den Sie da verlinken, der fühlte sich nicht als Leser nicht ernstgenommen, der fühlte sich vielmehr als Mann nicht ernstgenommen. Der wollte eine begreif- und begrabschbare Autorin.

    Darf eine Frau sich schminken, um schöner zu sein als sie wirklich ist? Darf eine Frau einen Knopf ihres Dekolletés öffnen, um einen Mann ins Bett – oder in die Küche, in die Kirche – zu kriegen? Lauter interessante Fragen, die vor allem eins zeigen, dass, was man „darf“, gesellschaftlichen Konventionen gehorcht. Anders gefragt: wo hört das, was wir wirklich sind, auf und wo fängt das an, was wir scheinbar sind und was wir sein wollen und wo ist nun noch das, was wir wirklich nicht sind?

    Wer sagt, dass ich, was ich getan habe, getan habe, um meine Bücher „an den Mann“ zu bringen? Glauben Sie wirklich, ich hätte in einem Blog über vier Jahre lang, mit mehr als fünfhundert Artikel, die bis zu zehn Seiten lang sind – ich gehe ungefragt davon aus, dass Sie wissen, welche enorme Arbeit das Verfassen von Texten machen kann! – nichts ist als eine Marketingposse? Und warum nutze ich dann nicht den Weg, den Sie beispielsweise gehen: mir ein erratisch schönes Foto zuzulegen, um das, worum es einem Schriftsteller geht, seine Texte, besser zu verkaufen? Ich kann mich mit Photoshop schöner machen als ich wirklich bin und das ist sehr viel weniger Arbeit als einen Blog mit fünfhundert Artikeln, ich meine richtige Artikel, nicht so kleine hingerotzte Facebook- Einträge (ich beziehe das auf mich, nicht auf Sie!: ich habe mir hier Ihres Eintrages wegen einen solchen Account erst zugelegt), wo ich das Thema „Identität“ auf die vielfältigsten Weisen thematisiert habe.

    Wissen Sie, dass die Literaturförderpolitik vollkommen konservativ ist und man mit meinem schönen Namen ganz sicher keine Stipendien und keine Preise bekommt? Und dass das für eine Karriere sehr viel wichtiger ist, als die Frage ob ich sieben oder siebzehn Bücher verkaufe, denn nur mit Unterstützung des Literaturbetriebs kann man im Literaturbetrieb etwas werden. Wenn es überhaupt irgendetwas in dieser Richtung war, das mich hat tun lassen, was ich getan habe, dann war es Antimarketing, denn ohne verifizierbare Autobiografie auch keine Anerkennung, keine Preise, kein Geld etc.

    Wenn mich ein Skandal interessiert, dann der, dass das, was wir tun, das Schreiben von fiktionalen Texten, nichts als Erfinden ist: es ist Lug und Trug und Täuschung. Wenn dieser Skandal endlich einmal einer werden würde, dann müssten wir uns nicht dauernd fragen, ob dieses oder jenes Verhalten legitim ist, sondern hätten die Antwort schon: Nein, es ist nicht legitim! Was Kierkegaard getan hat, ist nicht legitim: sich ein dutzend Pseudonyme zu suchen, unter denen er sein ästhetisches Werk geschrieben hat. Was Fernando Pessoa getan hat ist ebenfalls nicht legitim, sich Heteronyme, Semiheteronyme und sogar ein Orthonym zu erschaffen, all diesen Heteronymen individuelle Lebensgeschichten anzudichten und sie dann auch noch miteinander kommunizieren zu lassen. Alles nicht legitim. Nur eben, beinahe muss man hinzufügen, bedauerlicherweise: grandiose Literatur. Und was Sie tun, ist auch nicht legitim: Sie denken sich bloß irgendwelche Geschichten aus, die nicht wahr sind. Statt richtig arbeiten zu gehen (Sie dürfen hier ein Lächeln über mein Gesicht huschen sehen und ich hoffentlich auch über das Ihre)!

    Es ist dann nicht legitim, wenn wir rationale Kriterien anwenden. Aber das tun wir nicht, sondern wir machen Kunst. Und Kunst funktioniert nach eigenen Regeln. Nach solchen der Ästhetik und nach denen, die sie sich selbst gibt. Kunst macht das, was man machen kann: Das ist keine Frage der Legitimität, sondern eine Frage der Möglichkeit. Kunst ist immer ein wenig skandalös, aber das heißt nicht, dass sie es um des Skandals willens gemacht worden ist. Das skandalöse ist, dass sie nicht nach rationalen Kriterien funktioniert. Das war so beim Surrealismus, beim Dadaismus, beim Futurismus. Ganz viel von dem, was wir heute als Kunst bezeichnen, war zu der Zeit, als es entstanden ist, vor allem Skandal. Zieht man das Skandalon ab, bleibt sozusagen der Kunstwert übrig.

    Was ist überhaupt Authentizität? Und warum hat das in der Literatur nichts zu suchen? Wenn der Text authentisch ist, dann ist meines Erachtens die Sache legitim, denn in der Literatur geht es um Texte, nicht darum, ob der Autor als im Text identifizierbar verstanden werden kann. Und um das in meinem Fall bewerten zu können, müsste man mindestens „Aléas Ich“ lesen: Hier eine Kurzfassung: http://www.aleatorik.eu/2013/04/26/worum-geht-es-in-%E2%80%9Ealeas-ich/

    Es mag möglicherweise dann nicht legitim erscheinen, wenn man ein Literaturverständnis hat, das nach hermeneutischen Kriterien funktioniert, das also in erster Linie identitätslogisch vorgeht und in diesem Sinn einen Autor konstruieren will, der im Zentrum seines Textes steht und der von ihm her zu interpretieren und zu verstehen ist: einen authentischen Autor. Dass ich mit dieser Form von Literaturverständnis wenig anfangen kann, habe ich in meinem Blog in den vergangenen Jahren vielfach betont und auch gezeigt. Ich habe ein sehr viel moderneres Verständnis von Literatur, das ich hier nicht in allen seinen Dimensionen ausführen kann, das aber jedenfalls den Autor als eine nicht sonderlich interessante Größe ausklammert. Der Autor ist für einen Text uninteressant, es sind lediglich seine narzisstischen Eitelkeiten, die ihn etwas anderes annehmen lassen: jeder gute Text übersteigt seinen Autor. Und wenn – beispielsweise – Juli Zeh einen tollen Roman geschrieben hat, dann mag die Autorin am Ende sehr zufrieden mit sich und ihrer Leistung sein (ich bin‘s in so einer Situation auch). Aber der Text ist nicht so toll, weil Juli Zeh so toll schreiben kann, sondern weil es Leute gibt, die den Text toll finden! Der Autor ist nur eine belanglose Durchgangsstation für Worte.

    Nicht Sie, Frau Zeh, sind toll, sondern die anderen, sie Sie toll finden! Sie selbst sind nichts anderes als jemand, der in seiner Freizeit Romane schreibt: Sie mögen das mit Leidenschaft tun, Sie mögen das sogar als das Zentrum ihres Lebens betrachten, gar von einem Sendungsbewusstsein getrieben werden: Aber das macht noch keine tollen Text. Selbst Ihre Fähigkeiten, Worte und Sätze und Metaphern und Ideen und Textbausteine nach einem als literarisch geltenden Muster zu arrangieren, reicht nicht aus, um einen tollen Text zu schreiben. Ein Text muss vielmehr etwas können, was Sie niemals herbeizwingen können und was sie ihm nicht andichten können: er muss glücken!

    Ich weiß, das tut weh. Aber Sie und ich: wir sind hier nicht auf einer therapeutischen Couch, sondern wir produzieren Texte. Nichts als Texte. Und die bedürfen des Lesers und dessen Auslegung. Der Autor selbst ist uninteressant. Der eine hat Glück mit seinen Lesern und dem Literaturbetrieb, die meisten haben dieses Glück nicht. Die meisten Texte fallen niemandem auf und die Texte, die auffallen, wären vielleicht, wären sie jemand anderem aufgefallen, sang- und klanglos untergegangen. Dass einer berühmt wird -vielmehr seine Texte -, hängt an vielen Zufällen. Es hängt auch am Text. Aber kaum am Autor. Ein Text ist nicht objektiv gut, sondern er hat gute Leser. In diesem Sinne ist in „Aléas Ich“ zu lesen: „Jemand ist ja nicht durch sich und seine Taten berühmt, sondern durch die anderen, die diese Taten loben. Unbemerkt sind auch die größten Taten verschwindend gering. Durch das Lob aber verändern sie sich, sie hören auf, die des Gelobten zu sein, und gehen in den Besitz des Lobenden über. So haben beide etwas davon. Auch wenn der Berühmte es aufgrund seiner eigenen Leistungen ist: Berühmt gemacht haben ihn andere.“ (AI, 239)

    Das ist alles wirklich nicht legitim. Aber ich mach‘s trotzdem so.

    Ich könnte noch stundenlang weiterschreiben!

    Herzliche Grüße

    Frau (!) Aléa Torik

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    08 Juni 2013

    Eine Diskussion über „Aléa Torik“ bei Juli Zeh

    Ich dachte schon der vielgescholtene Literaturbetrieb, der ja nicht mehr und nicht weniger ist als die Menge seiner Aktanten, mit einigen allerdings aus dem allgemeinen Agieren herausragenden Personen; ich dachte schon der Literaturbetrieb bekommt mal wieder gar nichts mit und freut sich, wenn man tot ist, dann muss er nicht mehr diese ermüdend langen Romane lesen, die einer und eine schreibt, sondern kann in aller Ruhe das ganze Zeug archivieren, die Sargdeckel schließen und kurze, knackige Totenreden halten.

    Obwohl die Rezension im Tagesspiegel ja zugegeben auch ein Lebenszeichen ist. Ich mache hiermit auf eine Diskussion bei der Schriftstellerin Juli Zeh aufmerksam, die sich und ihre Leser fragt, ob das, was ich hier gemacht habe, auch wenn sie nur teilweise weiß, was das ist, weil sie ja hier nicht seit Jahr und Tag dabei ist, eigentlich „erlaubt“ ist, ob man das „darf“. In ihrem Facebookeintrag  findet seit einigen Tagen eine ausgesprochen hochwertige Diskussion statt, in der die Begriffe genannt werden, um die es in einer solchen Diskussion gehen muss und die – Achtung: Fiktionssignal! – auch die Themen meiner Dissertation sind: „Identität, Authentizität und Illusion – Zur Theorie der Fiktionalität“. Ich habe mich dort eingemischt.

    Ich glaube nicht, dass man bei Facebook Permalinks setzen kann, die verschiedenen Artikel – Postings – beginnen mit den Worten

    1) am 4. Juni: „Und über die soeben gepostete We-read-Indie-Seite bin ich gerade auf die Causa “Alea Torik” gestoßen“

    2) am 7. Juni: „Liebe Aléa Torik,  danke, dass Sie sich hier einschalten,“

    3) ebenfalls am 7. Juni „Nein, ich kann’s nicht lassen. Noch eine Frage, auf die Gefahr hin,“

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    04 Juni 2013

    „Aléas Ich“: Heute im Tagesspiegel

    „Mărginime ist im Roman ein (Alb-)Traum-Ort, an dem jener Sehnsuchtsfluss entspringt, der Aléa zuerst nach Bukarest, dann nach Berlin spülte – verfolgt von Doppelgängern und Beobachtern, die halb Spitzel, halb Dämonen ihres Unbewussten sind. Sie treiben sie von Seite zu Seite schneller auf jenen magischen Punkt zu, „wo die Welt sich verknotet, verdichtet und vielleicht verliert“. Immer öfter reißt in der zweiten, Romanhälfte die Erzähloberfläche auf, unter der sich aber nichts als Chaos und Verzweiflung zeigen“

    Die nicht erzählten Geschichten, die Dämonen des Unbewussten, das Dunkle des Textes und das Unenthüllte der Vergangenheit Aléas, das sind die Dinge, die am Bodensatz dieses Romans zu finden sind. Und die vielleicht auch der Grund für das Erfinden sind, für Olga, die mitunter beinahe Züge von Boshaftigkeit hat. Hier die Rezension von Nicole Henneberg.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.