Misanthropie ist keine Lösung
Misanthropie ist keine Lösung. Weil es das Problem nicht gibt, das sie zu lösen behauptet. Vielmehr ist die Lösung das Problem. Jedenfalls für den Misanthropen.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
“Ich weiß nich, watt soll ich ma schreiben?”
Das ist ein Graffiti, das ich heute früh entdeckt habe. Es scheint ja ein gerüttelt Maß Ratlosigkeit gewesen zu sein, dass seinen Urheber oder seine Urheberin diese Bemerkung hat notieren lassen. Ich meinerseits weiß nicht – und ich war einen Moment lang versucht, dies daneben zu schreiben -, ob er oder sie wohl bemerkt hat, dass er / sie das Problem doch auf eine sehr elegante und vielleicht sogar zufriedenstellende Weise hat lösen können
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Glück und Schuld
Das Glück, das große vor allem, sucht man gerne bei sich selbst, die Schuld aber lieber bei anderen.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Das Kostbarste
Das Kostbarste, was wir haben ist Zeit. Aber das ist ein Irrtum. Denn wir haben die Zeit nicht. Sie hat uns.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Kunst und Leben
„Bevor man sich niedersetzt zum Schreiben, muss man aufstehen zum Leben.“
Ich weiß nicht mehr, wo ich das gelesen habe. Ein schönes Aperçu. Nicht allein, weil hier ein ausgewogenes Verhältnis von Arbeit und Leben propagiert wird. Nicht, weil es mahnt über dem Schreiben das Leben nicht zu vergessen und das eine mit dem anderen nicht auszulöschen. Diese Bemerkung ist schön, weil sie zu Recht anmahnt, dass man die Erfahrungen, die man beschreiben möchte, aus dem Leben schöpfen sollte. Dass Imagination und Realität ein Verhältnis miteinander haben. Ein Verhältnis, das manchmal bloß eine Liebelei ist, ein Flirt am Rande, eine wilde kleine Affäre, die am nächsten Morgen schon wieder vergessen ist. Eine unabsehbare Reihe von Enttäuschungen und Hoffnungen und erneuten Enttäuschungen. Oder eben eine lebenslange, intensive und befruchtende Beziehung.
Die Äußerung gefällt mir aber vor allem, weil hier ein dritter Zustand angedeutet wird, jenseits von Leben und Schreiben, jenseits von Sitzen und Stehen. „Bevor man sich niedersetzt zum Schreiben“, heißt es da, „muss man aufstehen zum Leben.“ Man soll aufstehen, obwohl man ja noch gar nicht sitzt? Man kann sich doch von einem in einen anderen Zustand nur dann bewegen, wenn man in dem einen ist. Um von A nach B zu gelangen, muss ich doch erst einmal bei A sein.
Das ist keine bloße Wortspielerei. Und schon gar keine Ungenauigkeit (Das wäre übrigens ein schönes Promotionsthema: Sprache zwischen Genauigkeit und Ungenauigkeit). Hier wird ein Zustand beschrieben, für das kein Wort gebraucht wird. Weil es vielleicht keines dafür gibt. Vielleicht weil es sich nicht in die oppositionelle Struktur, in dieses binäre Gegenüber von Stehen und Sitzen einpassen lässt. Weil man diesen Zustand direkt nicht beschreiben kann, man kann ihn nur umschreiben. Man kann sich ihm nähern, aber man kann ihn nicht erreichen.
Das ist das mehr als nur eine pfiffige Bemerkung. Mehr als nur die Umschreibung eines künstlerischen Zustandes. Womöglich trifft das etwas Generelles im Leben: Dass man eben aufstehen muss, um zu leben. Aufstehen, bevor man sich niedersetzt, um das Gelebte zu verstehen, zu verarbeiten, zu reflektieren; zumindest aber es anzuerkennen und zu erkennen: dass dies mein Leben ist. Das ist gar nicht so einfach wie es klingt. Vielleicht ist das sogar sehr schwer. Zumindest für einen Künstler.
Das ist ein Beispiel für Kunst, das ich sehr schätze. Das Leben eines Künstlers ist jenseits dieser Zustände von Sitzen und Stehen, in einem nicht benennbaren Zustand. Zwischen den beiden geforderten, Sitzen und Stehen, bzw. Schreiben und Leben. Das ist ein Zustand, den kann nicht benennen kann, man kann auch nicht hinein oder herausfinden. In dem kann man nur sein.
Der Traum eines Schmetterlings
Der chinesische Philosoph Tsuang Tse erzählt folgende kurze Geschichte: Er erwacht eines Morgens und erinnert, dass er geträumt habe, er sei ein Schmetterling. Dann aber kommt er auf den Gedanken, dass er auch ein Schmetterling sein könnte, der jetzt träumt, er sei ein Mensch.
Das Interessante ist, dass es in diesem Verhältnis von Traum und Wirklichkeit keine dritte Position gibt von der aus sich entscheiden ließe, was wahr ist. Möglich, dass der Schmetterling der Traum eines Menschen ist. Aber ebenso gut könnte auch der Mensch der Traum eines Schmetterlings sein. Wenn es keine dritte Position gibt, von der aus sich der Wahrheitsgehalt bestimmen lässt, müssen davon ausgehen, dass das Verhältnis der beiden vorhandenen Positionen die Wahrheit ist. Die reine Wahrheit.
In jemandes Armen liegen
Die meisten Frauen die in den Armen eines Mannes liegen, liegen dabei nicht: sie sitzen oder stehen.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.