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  • Iffland: Liebe Aléa Torik, manchmal ist man ja verblüfft über so manche Entwicklung in unmittelbarer Nähe, so dass Ihre Frage nach meinem Befinden ausgerechnet heute -und trotz meiner Sparsamkeit...

  • 23 März 2011

    Literatur und Kitsch: kitch as kitch can

    Ich habe mir das aufgebürdet und jetzt muss ich es auch tun: etwas zum Kitsch formulieren. Am liebsten würde ich einen Rückzieher machen, weil es ein sehr anspruchsvoller Anstieg ist, mit mäßiger Aussicht (auf Erfolg). Voraussichtlich werde ich auf der Hälfte stehen bleiben und später behaupten müssen, ich sei ganz oben gewesen, mit fantastischer Aussicht.

    Es gibt für Autoren mit ernsthaften Absichten offenbar wenig Ungemütlicheres, außer dem Plagiat, wenige Gefährlicheres als Kitsch. Ein schlechter Text wird einem verziehen. Vor allem von denen, die selbst mit Worten arbeiten und wissen, wie leicht man sich versteigen kann. Es gibt sogar jene, die schlechte Texte nicht nur verzeihen, sondern sich sogar freuen: endlich mal ein etwas, das man versteht. Kitsch wird in der Regel nicht verziehen. Aber verstanden. Kitsch ist eine Katastrophe. Aber es gibt viele, die das nicht verstehen. Kitsch und Kunst scheinen die beiden entgegengesetzten Enden des Universums.

    Mit Kitsch lässt sich in der darstellenden Kunst prima Geld verdienen. Was ist Kitsch? Das hier oder das oder das oder das ? Ist Kitsch nur schlechter Geschmack? Massengeschmack? Trivialität? Die banale Seite der Romantik? Eine leere und hohle Ästhetik, die keine andere Dimension hat? Schönheit? Bloßes dekoratives Element? Effekthascherei? Sentimentalität? Idylle? Glänzende Oberfläche ohne Tiefenstruktur? Einseitigkeit? Banalität? Ist Kitsch vielleicht nicht die kluge, sokratische Variante der Unwissenheit, sondern ihre dämliche Schwester?

    Ist Kitsch das Gegenteil von Kunst? Gibt es die Kunst und den Kitsch? In einer oppositionellen Auffassung wird die Kunst auf-, der hingegen Kitsch abgewertet. Kunst muss aber kein elitäres Genusserlebnis, sie kann aber ebenso gut Alltagskunst sein. Bekommt Kunst damit nicht ein geradezu theologisches Ansinnen, die Erlösung vom Bösen, vom Ordinären und Gewöhnlichen? Sind nicht viele Darstellungen gleichermaßen Kitsch, ob die Objekte nun Jesus, David oder Tyler heißen? Dem einen huldigen wir als Religion, dem anderen als Ideal, dem dritten als Erotik.

    Kein anderes Sujet eignet sich so sehr zum Kitsch wie die Liebe. An kaum ein anderes Sujet haben wir so hohe Erwartungen. Sie muss uns vor allem retten, vor der Einsamkeit, vor der Armut und vor allem vor uns selbst. Von der Liebe habe ich, wie viele andere auch, ziemlich kitschige Vorstellungen. (Sind die Bilder da unten kitschig? Ich finde sie schön! Reicht das, um sie vor dem Kitsch zu retten? Ich dachte natürlich, dass der Kitschartikel sofort hinterherkommt, um die Bilder zu relativieren). Und die möchte ich auch behalten. Ich lasse mir eine Menge gefallen – körperliche Auseinandersetzungen lasse ich mir sogar sehr gefallen, das wurde hierher gestellt – aber ich lasse mir nicht meine Vorstellungen von der Liebe nehmen.

    Was ist Kitsch? Es wird in der deutschen Literatur oft ein Name genannt, den ich nicht nenne, weil ich nie etwas von ihr gelesen habe. Auch in der rumänischen Literatur wird häufig ein Name genannt, den ich ebenfalls nicht nenne, weil ich das nicht kenne. Aber auch anerkannt große Erzähler haben den einen oder andern Griff ins Kitschige gemacht. Es bedarf sicher bestimmter Bedingungen, damit große Erzählernaturen gedeihen, dazu mag eine gewisse Angstlosigkeit gehören, vielleicht klimatische oder geografische Bedingungen wie sie in Paris, in London und in Sibiu zu finden waren. Diese drei haben mitunter auch Kitsch geschrieben, den wir heute nicht mehr so empfinden. Das sind Klassiker, kein Kitsch. Womöglich wurde das damals nicht als kitschig empfunden. Ist, was heute ernst erscheint, morgen schon lachhaft oder kitschig? Ist das, was wir als Kitsch bezeichnen, künstlerisch nur nicht besonders ausgeformt, weil die fortschreitende Erzählung wichtiger ist als die Form, in der diese Erzählung angeboten wird?

    Um es auf Wolf von Niebelschütz, „Die Kinder der Finsternis“, an dem sich diese Diskussion entzündet hatte, anzuwenden: Ich empfinde es als kitschig, wenn Barral alle Frauen bekommt. Er nimmt sich, wen er haben will und die Frauen wollen auch immer. Ich sagte, dass mir das nicht gefällt, habe es aber als Jungenphantasie abgetan. Und ein Dichter muss phantasieren, das vergessen Leser manchmal. Die nehmen als Natur, was Kunst ist. Als Wahrheit was erfunden wurde. Und vielleicht auch als Kitsch, was beim Schreiben bloß Gefühl war.

    Die erste Liebesszene: „Ohne Wut lud er sie über die Schultern, trug sie, den Messergurt in der Hand, wie ein Lamm zur Bergweide empor, die voll Herden war, und warf sie aufs Lager. Ohne Wort, im Rausche der Zeugung, schöne, leise und schlanke Tiere, verlangten sie einander immer aufs Neue, bis aus den Lustgewittern die schwarze Windstille der Schwermut brach.“ Kitsch kann es meiner Meinung nach nicht sein, weil der Sprachstil so anspruchsvoll ist, dass er sich der einfachen Konsumierbarkeit entzieht: Lustgewitter, aus denen “die schwarze Windstille der Schwermut“ bricht: Das ist kein Massengeschmack. Ist es vielleicht Romantik? Selbst wenn das Arrangement ‚hübsches Fräulein und starker Ritter‘ Elemente des Kitsches enthalten, so meine ich, dass die Sehnsucht nach Kitsch, oder dem, was Kitsch sein könnte, auch eine Sehnsucht ist, die in allen arbeitet. Oder nicht arbeitet.

    Meine These, meine Behauptung, meine Vermutung lautet: Kitsch ist das Fehlen von Realität. Das ist provokant formuliert. Das kann ich ja gut. Etwas ausgewogener: Im Kitsch kommt die Realität zu kurz. Sie kommt zu kurz, weil sie überbetont wird. Weil sie in den Vordergrund gestellt wird.  Weil sie keinen Antagonisten hat. Im Kitsch und in der Kunst haben wir es mit dem Verhältnis zweier Strebungen zu tun: Fiktion / Imagination auf der einen und Wahrheit / Wahrhaftigkeit / Authentizität auf der anderen Seite (wer glaubt, ich würde meine Diss hier verwursten der täuscht sich mehrfach, einfach täuscht er sich bereits darin, dass ich gar nichts verwurste, ich bin Vegetarierin). Das Verhältnis nennen wir Realität. Diese Realität ist im Kitsch eine andere als in der Kunst, vielmehr ist das Verhältnis der beiden Strebungen ein anderes. Im Kitsch kommt die eine Strebung, das fiktive Element, zu kurz. Etwas behauptet Wirklichkeit zu sein, weil es diese eine Seite so stark in den Vordergrund rückt, dass die andere Seite dahinter verschwindet. Es sieht aus wie Realität, ist es aber nicht, weil die Realität das Verhältnis zweier Strebungen ist. Nach langem Suchen habe ich das Wort gefunden: Bimetall. Die Realität ist ein Bimetall, das, literarisch erhitzt, sich in der Kunst und im Kitsch jeweils in andere Richtungen verzieht.

    Das ist die Höhe, die ich noch mühelos erreiche. Für den Rest des Anstiegs, um die richtig gute Aussicht zu erreichen, will ich Geld!

    Nachtrag: Ist Kitsch ein Problem? Oder beschreibt es nicht vielmehr ein Problem, das größer ist, weil es sich dahinter versteckt. Die Infantilität der Kultur. Mit einem Wort: Knut. Eine ganze Gesellschaft, die einem Eisbären huldigt. Das sagt eine Menge über die Bewohner des Geheges aus, diesseits der Gitterstäbe. Das sind keine Kinder, das sind erwachsene Menschen die jetzt im Zoologischen Garten in Berlin Schilder hochhalten auf denen „Warum?“ steht. Erwachsene Menschen, die sich fragen, ob Knut gemobbt worden ist! Menschen, die ein Wahlrecht haben und die bei der nächsten Wahl über das politische Geschick der Bundesrepublik Deutschland entscheiden. Menschen die sich, wenn sie das nächste Mal zur Wahl gehen, fragen, ob man ein Kreuz für die artgerechte Haltung von Eisbären machen kann. Damit habe ich ein Problem. Nicht mit Kitsch.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    24 Mai 2010

    Literatur und Architektur

    Hiermit eröffne ich eine neue Kategorie: „Literatur und …“. Das Folgende stellt den zweiten Eintrag dar. Der erste hieß Literatur und Leichtathletik (meine Neigung zur Legasthenie ließ mich gerade schreiben: Leichtatlethik. Das ist möglicherweise eine Sonderform der Ethik, eine, die es nicht so schwer nimmt mit allem und die auch mal etwas auf die leichte Schulter nehmen kann: leider ist das kein deutsches Wort). Es ist absehbar, dass diese Kategorie nicht sehr viele Artikel beinhalten wird.

    Den größten Teil meiner Zeit verbringe ich derzeit in der Bibliothek, im Lesesaal des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum (da muss man ein wenig blättern, rechts unten im Bild, die schwarzen Quadrate symbolisieren die einzelnen Bilder und der Lesesaal verbirgt sich hinter dem dritten Quadrat, aufgenommen von der obersten Empore). Ich empfinde diesen Raum als absolut beeindruckend und inspirierend. Ich liebe es, dort zu sitzen und zu arbeiten. Ich versinke in meinen Texten, ich stecke da bis zum Hals drin, ich verschwinde in den Dokumenten. Dennoch bin ich anwesend, ich sitze auf einer der Emporen und ich spüre diesen Raum um mich herum. Manchmal erwache ich aus dieser Trance, mit einem Gefühl der Erhabenheit. Wenn ich vom Buch oder vom Bildschirm aufsehe und diesen Raum zur Kenntnis nehme, wenn ich ihn in mich aufnehme, dann meine ich etwas von der Idee zu spüren, die der Architekt womöglich auch gespürt haben mag: von Leere, die eine Struktur hat. Möglicherweise hat er, Max Dudler, auch etwa ganz anderes im Sinn gehabt.

    Es läuft natürlich nicht immer, es gibt einfach schlechte Momente, schlechte Tage sogar. Aber das sind eher Ausnahmen. Ich sitze in einem Raum, in dem 250 andere, in einem Gebäude in dem mehr 1200 Personen sitzen und arbeiten. Ich möchte annehmen, dass ich mitunter zu den glücklichsten Menschen in diesem Gebäude gehöre. Ich fühle dort meine absolut prädestinierte Existenz. Da sitzen nicht wenige, die Schwierigkeiten haben, sich zu konzentrieren. Ich habe andere, ich habe ganz andere Schwierigkeiten: ich kann nicht aufhören, mich zu konzentrieren. Ich verlasse die Bibliothek oft erst, wenn ich total kaputt bin. Dann treffe ich nur noch jede zweite Taste meiner Tastatur. Das ist eine kritische Grenze. Aber nicht etwa zur Unverständlichkeit – die fängt schon bei weniger Treffern an – sondern die Grenze zu einem anderen Text.

    Ich mache in der Bibliothek fast alles, was derzeit in meinem Leben wichtig ist, ich schreibe. Ich schreibe an meiner Dissertation, meine Beiträge für das Blog und ich schreibe an meinem Roman. Irgendwann werde ich mit dem Roman fertig sein. Aber statt einer hübschen Gedenktafel an dem Gebäude, bekomme ich höchstens Ärger. Die Bibliothek, wie könnte es anders sein?, spielt eine Rolle in dem neuen Text und ich muss leider ein bisschen was kaputtmachen an dem schönen Gebäude.

    Die Universitätsbibliothek der HU in Berlin, das im Jahr 2009 fertiggestellte Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum, wird abgerissen. Im Zeitlupentempo schwingt eine riesige Abrissbirne durch den leeren Lesesaal und die Trümmer des achtstöckigen Gebäudes fallen langsam in sich zusammen. Aber das ist Fiktion. In Wirklichkeit, also in meinem zweiten Roman (gibt’s sonst noch eine Wirklichkeit?), reiße ich die Bibliothek nicht ein, ich mache lediglich eines der Deckenlichter kaputt. Soviel künstlerische Freiheit muss erlaubt sein. Sollte ich deswegen Hausverbot bekommen, eine Abmahnung durch den Architekten oder den Universitätspräsidenten der Humboldt-Universität, hole ich wieder die Abrissbirne hervor.

    Es ist nicht so, dass wir, die wir schreiben – die wir „bloß“ schreiben – keine Macht hätten. Wir können die ganze Welt zum Einsturz bringen. Dass sie nicht einstürzt, dass der Euro nicht zusammenbricht und das Weltengebäude: das hat auch etwas mit uns zu tun, die wir es aufrechthalten, die wir diese Welt wie Atlas auf unseren Schultern tragen. Das hat auch etwas mit unserem Wahn zu tun, dass es so sein könnte, nicht nur mit dem nicht weniger wahnhaften deutschen Beton, der sich einbildet alles auf der Welt halten zu können.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    11 September 2009

    Literatur und Leichtathletik

    Die Longfishlist (siehe meine Eintragung vom 20. Mai 2009, Der Wels im Schollenpelz) des Deutschen Buchpreises 2009 ist seit einigen Tagen da. Leseproben gibt es online, mit bibliografischen Angaben, aber auch als Taschenbuch in den Buchhandlungen, mit zusätzlichen Beiträgen, Verlagsinformationen zu den Autorinnen und deren Portraits. In diesem Jahr haben sich einige kleine Verlage zu einer Gegendemonstration zusammengefunden, zu einer hotlist, der möglichst viel Aufmerksamkeit zu wünschen ist.

    Ich wollte die Textausschnitte der zwanzig Nominierten besprechen, aber das Unterfangen stand unter keinem guten Stern: es gibt sicher sehr viele, mindestens ebenso interessante Bücher, wie jene, die es, ich weiß nicht auf welche Weise, auf die Liste geschafft haben. Ebenso wenig wird wohl über die Kriterien der weiteren Dezimierung auf sechs Titel, die shortfishlist, zu erfahren sein und auch nichts über die Einigung auf einen Titel, auf der Frankfurter Fischmesse vom 14. bis zum 18. Oktober 2009. Die, allerdings nicht nur auf dem Fischmarkt zu beobachtende zunehmende Siegerfixierung ist mir sowieso ein Gräuel. Literatur und Leichtathletik haben offenbar viel miteinander gemein. Die Behauptung, aufgestellt von Wolfgang Schneider in der gedruckten Version der Leseproben, dass nicht nur die nominierten Titel gewinnen, sondern der Buchmarkt insgesamt, scheint mir ebenso verwegen wie es die Usain Bolts gewesen wäre, wenn er behauptet hätte, beim 100 Meter Lauf hätten alle gewonnen, die an den Start gegangen sind. Dabei hat es schon beim Zweitplatzierten so ausgesehen, als wäre er mit einer Stunde Verspätung im Ziel eingetrudelt.

    Es gibt in Deutschland vielleicht zweihunderttausend Leser anspruchsvoller Literatur. Und an die wendet sich der Buchpreis. Diese zweihunderttausend vermehren sich möglicherweise auf die klassische Art, durch heterosexuellen Geschlechtsverkehr, aber sicher nicht durch die Verleihung des Buchpreises, wie Herr Schneider nahe legt. Es sei denn, der Mann wollte mit seiner These implizit behaupten, dass die Bücher alle miteinander so langweilig seien, das die Leser lieber wieder zur althergebrachten Form der Unterhaltung greifen, der Erotik.

    Von den in den Feuilletons positiv besprochenen Titeln im August findet sich kein einziger (!!!) auf der Bestsellerliste des Spiegel. Der Großteil der Konsumenten liest ganz was anderes. Der Großteil liest, ernährungsphysiologisch gesprochen, die Dickmacher. Das leicht zu konsumierende kalorienreiche Zeug, an dem nicht lange herumgekaut werden muss. Zeug, bei dem allerdings auch die Geschmacksknospen nicht berührt werden. Und von Verfeinerung des eigenen Geschmacksinnes kann schon gar nicht die Rede sein. Man konsumiert Bücher wie man eben alles konsumiert, als Unterhaltung. Und wird dabei langsam und sicher immer unbeweglicher. Das ist eine Klage, die wohl schon alt ist und die in Deutschland in keiner anderen Tonart gesungen wird, als in anderen Ländern.

    Und was lesen die – seien wir ruhig mal ein bisschen elitär – was lesen die oberen zweihunderttausend in diesem Herbst? Ein Drittel liest „Infinite Jest” von David Foster Wallace („Unendlicher Spaß”, hier geht es zwar nicht zum Buch, aber zum blog des Buches, das hundert Tage lang den Roman von nahezu 50 Schriftstellern begleiten lassen wird) das zweite Drittel wird den Gewinner des Buchpreises lesen und das verbleibende liest den Restbestand, die übrigen, ich weiß es nicht, zehntausend Titel vielleicht. Es gewinnen nicht einmal die zwanzig auf der longfishlist stehenden, es gewinnen vielleicht noch die sechs nominierten shortfishlist Titel, aber nur bis zum Tag der Preisverleihung. An diesem Tag wird dann nicht etwa einer den Preis gewinnen und die anderen fünf werden ihn nicht gewinnen. Vielmehr werden ihn die anderen fünf an diesem Tag verlieren.

    Es verkaufen sich durchaus auch die anspruchsvollen Sachen. Uwe Tellkamp hat hunderttausende Exemplare an den Mann gebracht. Das Missverhältnis zwischen verkauften und gelesenen Exemplaren war allerdings wohl auch noch nie so miserabel wie hier. Oder war es beim „Zauberberg” ähnlich? Ich schätze, über den Daumen, wild spekulierend und ohne jeden Anhaltspunkt, dass außer der Frau vom Tellkamp und der Frau des Lektors vom Tellkamp (weil der Lektor natürlich überhaupt keine Zeit hat, so einen unkomfortabel dicken Schinken zu lesen, außerdem lesen Lektoren immer nur die ersten Seiten, alles andere ist total unprofessionell und stößt bei den Kollegen der andere Verlage auf unverständliches Kopfschütteln und irgendwann auch auf soziale Ausgrenzung und Ächtung; deswegen sind Lektoren alle immer verheiratet) kaum mehr als eintausend Menschen das Buch zu Ende gelesen haben (davon 999 Frauen, die beim Berufswunsch ihres zukünftiges Mannes selbstverständlich Lektor angegeben haben). Dasselbe Schicksal wie Uwe Tellkamp wird wohl auch David Foster Wallace ereilen. Vielleicht ist das auch kein schlechtes Zeichen, nach fünfhundert Seiten sagen zu können: jetzt reicht‘s mir aber!

    Und obwohl ich bisher nur Einwände formuliert habe, mache ich es jetzt dennoch: Ich sage etwas zu den Textausschnitten. Aber ich sage nichts zu den Romanen! Darüber kann ich mir kein Urteil erlauben.

    Ich weiß nicht wie ich anfangen soll. Alphabetisch wäre anzufangen gewesen mit Frau Berg. Das wollte ich aber nicht. Dann habe ich das Pferd von hinten aufzäumen wollen. Aber diese Vorgehensweise gefiel mir auch nicht. Jetzt habe ich die einzig gerechte Methode gewählt, meine eigene natürlich, die aleatorische.

    Ernst Wilhelm Händler (Welt aus Glas): Ich würde gerne etwas sagen, angeblich hat er seine Wurzeln bei Broch und Musil, und das lässt mich aufhorchen, aber sein Thema, Geld und das Streben danach, lässt mich kalt. Und die Wurzeln entdecke ich in dem kurzen Textstück auch nicht. Allerdings muss man, um zu den Wurzeln zu kommen, ja auch graben.

    Anna Katharina Hahn (Kürzere Tage) kann unaufgeregt schöne Sätze schreiben, und das gefällt dem Literaturbetrieb und vielen Kritikern. Vielleicht kann sie sogar aufregend schöne Sätze schreiben, und das würde dann mir gefallen.

    Brigitte Kronauer (Zwei schwarze Jäger) ist die Autorin in dieser Versammlung, die die höchsten Meriten der deutschsprachigen Literatur errungen hat, den Büchnerpreis. Ich habe vor vielen Jahren „Teufelsbrück” abgebrochen. Ob das Buch damals zu dick oder ich selbst zu dünn war, weiß ich heute nicht mehr. Sie hat ihre Anhänger, ich gehöre nicht dazu und bin darüber nicht froh. Sie hat gute Formulierungen, nicht so flott dahergeredet, gleich am Eingang steht so eine: „Sie lässt sich schlagartig ins Alter fallen wie in eine Ohnmacht.” Ich mache wohl noch einmal einen Versuch mit ihr, aber nicht in diesem Jahr.

    Norbert Zähringer (Einer von vielen). Über ihn heißt es, er sei der deutsche Pynchon. Eine Antonomasie, die ich nicht nachvollziehen kann. Thomas Pynchon hat, anders als Zähringer in dem Textausschnitt, einen hochkomplexen Satzbau und hochkomplexe Gedankengänge. Eine Ähnlichkeit zu Pynchon zu konstruieren, damit das (mögliche) Genie des einen auf den anderen überspringt, ist eine Marketingstrategie, die mir als das Gegenteil von genial erscheinen will.

    Reiner Merkel (Lichtjahre entfernt), ein ehemaliger Therapeut, also einer, der in der Lage ist, innere Motivationen seiner Figuren zu verstehen, und das ist auf jeden Fall rein äußerlich bleibenden Beschreibungen, puren Handlungsabläufen, vorzuziehen, aber das Thema des Buches, ein Therapeut der vielen, nur sich selbst nicht helfen kann, finde ich nicht sehr spannend, obwohl der Textausschnitt einen schönen Ton hat.

    Thomas Glavinic (Das Leben der Wünsche). Wird hoch gelobt und ist mit Daniel Kehlmann befreundet. Sagt der Verlag. Thema des Buchs: Jonas lernt jemanden kennen, der ihm Wünsche erfüllt. Wie der Text das Thema auch gestalten mag, die Modernisierung Aschenputtels geht an mir vorbei. Aber Kehlmann geht auch an mir vorbei. Von daher ist die Freundschaft der beiden vielleicht sogar eine gute.

    David Wagner (Vier Äpfel). Ich hab was gegen den Mann! Ich habe etwas dagegen wie er auf dem Foto in die Kamera schaut, gegen seinen Anzug, gegen seinen Blick, und wie er auf einer Bank sitzt, die ich kenne, an einer Stelle, an der ich auch schon einmal gesessen habe, gegen seinen Namen, gegen den Titel seines Romans. Aber der Textausschnitt ist einfach richtig gut und hält sogar einer erneuten, vorsätzlich kritischen Lektüre ohne weiteres stand. Kompliment. Wenn der Rest des Buches ebenso ist, gehört er auf die shortfishlist. So Herr Wagner: und jetzt runter von meiner Bank!

    Wolf Hass (Der Brenner und der liebe Gott). Ich kann nichts dazu sagen, er schreibt einen Krimi und ich kann keine Krimis lesen (obwohl er mit „Das Wetter vor 15 Jahren” wohl, so flüstert man sich zu, einen wunderbaren Roman, und einen wunderbaren Romantitel, geschrieben hat).

    Stephan Thome (Grenzgang). Ich würde gerne etwas sagen kann aber erneut nicht. Oder ich könnte schon, wenn Herr Thome aufhören würde, mich vom Foto aus so intensiv anzuschauen. Mit weichen Knien kann ich nicht nachdenken.

    Herta Müller (Atemschaukel) kommt aus Rumänien, aus dem Banat, und ich komme aus Siebenbürgen. Und der Text ist gut. Und ich bin befangen. Und ich lehne es ab, etwas darüber zu sagen. Und ich sage dennoch etwas, das Herta Müller sich als Rumänin in der deutschen Sprachkompetenz ganz nach oben geschrieben hat. Und das bewundere ich sehr. Und ich sage noch etwas. Und das ist das Beste, was ich sagen kann: Sie ist meine persönliche Favoritin für diesen Preis.

    Reinhard Jirgl (Die Stille). Jener Jirgl, der in der DDR nicht publizieren durfte, was sich heute für diesen Jirgl nobilitierend auswirkt. Seine orthografischen Eskapaden, fürchte ich, werden viele Leser abhalten, sich mit seinen Texten zu beschäftigen. Jirgl ist klug und eigensinnig und avantgardistisch und hat vermutlich ziemlich viel Arno Schmidt gelesen. Ich habe einmal einen Versuch mit „Kaff” gemacht und beschämt muss ich zugeben: ich hab‘s nicht verstanden. Vielleicht ist Schmidt ein Autor fürs Alter. Oder sagen wir ab vierzig. Jirgl ist der zweite Favorit und für seine Nominierung müsste die Jury Mut aufbringen.

    Angelika Overath (Flughafenfische), den Namen kannte ich nicht. Was nichts bedeutet, ich kenne mich ganz gut aus und kenne doch fast alle nicht. Die Situation, ein Mann am Flughafen, der sich selbst und die anderen beschreibt: die Perspektive, die Sprache: das macht sie sehr gut! Die Atmosphäre am Flughafen, das evoziert sie sehr lebensnah und ich kann mir auch vorstellen, dass sie das über den gesamten Text beibehält.

    Norbert Scheuer (Überm Rauschen). Auf den ersten Blick ist das Cover des Buches eine Frechheit, der Titel alles andere als grandios. Zumindest das letztere kann sich ja noch verändern, wenn die Worte in einen Zusammenhang mit anderen Worten gerückt werden; und hier springt der Funke leider nicht über.

    Kathrin Schmidt (Du stirbt nicht) hat das interessanteste Thema, aber ich habe auch die größten Erwartungen daran: eine Frau, die sich an der Schwelle des Todes noch einmal umgedreht hat und wieder zurückgeht. Zurück ins Leben und zurück ins Sprechen. Diese Auseinandersetzung mit Sprache ist eine qualitativ andere, als wenn einer und eine, und nicht nur einer, sondern viele, denen nichts einfällt, ihre eigenen Beschränkungen mit denen der Sprache verwechseln und behaupten: die Worte reichen eben bedauerlicherweise nicht aus. Sie reichen nicht, um den Reichtum der eigenen Eingebungen Genüge zu tragen. Kleine Behauptung am Rande: die Worte reichen durchaus, sonst würde man nicht empfinden können, dass sie nicht ausreichen. Bei Frau Schmidt komme ich nur leider mit den Worten Hückelhoven und Häwelmann nicht zurecht. Aber vielleicht geht das einer Muttersprachlerin anders. Ich bin ja, wie ich letztens feststellen musste, Vatersprachlerin.

    Thomas Stangel (Was kommt), hat für mich den schönsten Textausschnitt abgeliefert. Mit einer verwegenen Perspektive, die der Titel bereits beschreibt und nebenbei formuliert er auf zwei schmalen Zeilen, wie jemand sich einen Kuss vorstellt, die Zunge des anderen mit der eigenen zu liebkosen, und das ist schöner als bei vielen, die über Sex schreiben als schrieben sie übers Schweineschlachten.

    Clemens J. Setz (Die Frequenzen) ist so alt wie ich, spricht fünf Sprachen, spielt Piano und hat schon dicke Romane geschrieben, mit hohem Faktor in Sachen Wunderkind. Kann leider wegen Befangenheit meinerseits nicht besprochen werden.

    Mirko Bonné (Wie wir verschwinden). Die Langsamkeit, mit der er seinen Text gestaltet, das erneute Ansetzen, das Widerholen, das gemächliche Ausarbeiten einer Szene, das gefällt mir sehr gut. Auch wenn das Thema, der Tod Camus, mich nicht wirklich fasziniert. Wenn einer gut schreiben kann, kann er den Leser für alles interessieren. Die Frage ist, ob einer in dem Ton ein ganzes Buch schreiben kann. Dieser Textausschnitt bietet von den 20 Textausschnitten auch den besten Textausschnittsabbruch. Und abbrechen, im Großen und im Kleinen, muss man auch können. Bei Sätzen, bei Vorstellungen, und Bildern, bei Kapiteln, bei Büchern.

    Peter Stamm (Sieben Jahre): ich komme nicht rein. Das mag wohl am Thema liegen. Ich spüre einen heftigen Widerstand gegen die Geschichte eines Mannes, der seine Geliebte schwängert und dessen Frau darauf höchst verhalten reagiert. Tut mir leid. Vor allem, weil der Stil von Stamm als ein lakonischer bezeichnet wird. Das empfinde ich als Lebenseinstellung nicht sehr spannend, umso spannender hingegen als Schreibweise.

    Terézia Mora (Der einzige Mann auf dem Kontinent). Ich habe, das muss ich zugeben, mich selbst in zehn Jahren erwartet. Ein überschaubares Werk von mit viel Lob bedachter anspruchsvoller Literatur liegt bereits hinter ihr, sie spricht zwei Sprachen, übersetzt auch aus der einen in die andere, sehr sensibel, was den Umgang mit diesem Werkzeug angeht, und, so habe ich mir ihr (und mein) Schicksal zurechtgelegt, bevor ich ein einziges Wort gelesen hatte: die geheime Mitfavoritin auf den Preis. Seltsamerweise habe ich mich von dieser Fantasie nicht einen Moment über lösen können. Von dem Text war ich, glaube ich, bis auf eine Stelle an der eine Frau einen Mann anziehend findet, eher enttäuscht. Hoffentlich werde ich von mir nicht auch eines Tages enttäuscht sein.

    Am Ende dieser Zusammenstellung findet sich noch ein schöner kleiner Text von Georg M. Oswald, der keinem Roman entnommen und nicht für den Preis nominiert worden ist, „Bezahlt werden”. Wenn er einen Untertitel führen würde, lautete der: Der Autor und sein Vermieter. Hier wird etwas beschrieben, worüber ich mir mit meinem Wunsch Schriftstellerin zu werden, eigentlich noch nie Gedanken gemacht habe: Geld verdienen zu müssen. Von der Schwierigkeit, Geld mit Literatur verdienen zu müssen!

    Insgesamt stelle fest, dass dieser Preis nicht meiner ist und ich besser eigene Wege gehe. Vielmehr, ich suche nach meinen eigenen Wegen und lasse sie mir nicht von solchen Hitlisten vorschreiben. Immerhin weiß ich, was ich als Nächstes lesen werde. Das werde ich hier auch besprechen, aber es wird wohl Weihnachten werden: Roberto Bolano „2666″.

    Und jetzt muss ich noch ein kleines Problem lösen:

    Sibylle Berg (Der Mann schläft). Wenn ich nicht mit ihr habe anfangen können, so kann ich immerhin mit ihr aufhören. Man verreißt keine Bücher. Das hat keinen Stil. Dann sollte man es lieber nicht besprechen. Es gibt es nun einmal Bücher, die passen nicht zur Rezensentin. So ist das mit diesem Text auch. Und statt ihn zu verreißen, zitiere ich ihn:

    „Ich nannte ihn nur „der Mann”, damit er nicht verschwinden würde, da sich doch meist alles, dem man einen Namen gibt, entfernt.
    Er war die Antwort auf alle Fragen, die ich mir, bevor wir uns trafen, nicht gestellt hatte. Sie waren unklar immer da gewesen, wie ein Hunger, und ich hatte sie Sehnsucht genannt oder Heimweh.
    Dass alles, was das Leben an großartigem für mich bereithalten würde, nur ein Mensch war, hätte mich beschämen können, doch es war mir völlig unwichtig, vor mir selber glänzend darzustehen.
    Zum Glück! Denn sonst hätte ich den Tisch mit silbernen Kerzenleuchtern decken müssen, zu klassischer Musik, ich würde gut riechende Plunderteigstücke aus dem Umluftofen nehmen, sie mit selbsteingekochter biologischer Konfitüre bestreichen, und die Kinder rufen: Rainald, Beatrice, poschalista. Die Kinder würden multilingual aufwachsen und ausschließlich Sprachen beherrschen, die ich nicht verstand. Mein Mann käme zu Tisch, und er trüge einen Kaschmirschal um den Hals, unter dem er offene und sehr rare Geschwüre versteckt hielte.”

    Das ist die Sprache einer vierzehnjährigen. Da ist kein einziger Satz, der halbwegs gerade ist („sie waren unklar immer da gewesen”) und dem ich folgen kann. Ich verstehe die Bilder nicht, die Sätze nicht, ich verstehe die Überleitungen nicht und ich verstehe auch den Sinn nicht: wie können multilingual aufwachsende Kinder Sprachen (also mehr als die beiden Sprachen der Eltern) sprechen, die die Eltern nicht sprechen? Und warum gibt diese Figur ihren Kindern dann Anweisungen, sie die ja nicht verstehen? Und wenn dieses poschalista eine Anweisung aus einer dieser unbekannten Sprachen ist, dann spricht die Figur die Sprache ja doch! Vielleicht sollte Frau Berg, die sicher keine blasse Ahnung von den Schwierigkeiten kindlichen Zweitsprachenerwerbs hat, sich besser mit dem Erwerb einer ersten Sprache beschäftigen als sich über die zweite oder dritte Gedanken zu machen.

    Aber wie gesagt, Verrisse haben keinen Stil. Ich habe gerade keinen Stil! Ich entschuldige mich auch ausdrücklich dafür! Und ich kann‘s dennoch, wie sehr ich auch drücke, nicht unterdrücken.

    Ach ja, bevor ich das vergesse, die Frage liegt den Lesern und natürlich den Leserinnen schon die ganze Zeit auf der Zunge: Was ist eigentlich mit dem einzigen Mann, der den Tellkamp zu Ende gelesen hat? Hier muss ich eingestehen, dass ich in meinem Urteil zu schnell gewesen bin. Jetzt habe ich genauer hingeschaut und da stellt sich zu meiner eigenen Überraschung heraus: das war ein Transvestit. Vielmehr eine Transvestitin. Ein crossdresser oder eine crossdresserin. Was immer es sonst noch war, es war jedenfalls ein Irrtum.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.