Hauptmenü:

Aléas Anordnungen

Der Länge nach



Der Reihe nach

  • Juni 2016
  • April 2016
  • Oktober 2015
  • Juli 2015
  • April 2015
  • März 2015
  • Februar 2015
  • Dezember 2014
  • November 2014
  • Oktober 2014
  • September 2014
  • August 2014
  • Juli 2014
  • Juni 2014
  • Mai 2014
  • April 2014
  • Februar 2014
  • Januar 2014
  • Dezember 2013
  • November 2013
  • Oktober 2013
  • September 2013
  • August 2013
  • Juli 2013
  • Juni 2013
  • Mai 2013
  • April 2013
  • März 2013
  • Februar 2013
  • Dezember 2012
  • November 2012
  • August 2012
  • Juli 2012
  • Juni 2012
  • Mai 2012
  • April 2012
  • März 2012
  • Februar 2012
  • Januar 2012
  • Dezember 2011
  • November 2011
  • Oktober 2011
  • September 2011
  • August 2011
  • Juli 2011
  • Juni 2011
  • Mai 2011
  • April 2011
  • März 2011
  • Februar 2011
  • Januar 2011
  • Dezember 2010
  • November 2010
  • Oktober 2010
  • September 2010
  • August 2010
  • Juli 2010
  • Juni 2010
  • Mai 2010
  • April 2010
  • März 2010
  • Februar 2010
  • Januar 2010
  • Dezember 2009
  • November 2009
  • Oktober 2009
  • September 2009
  • August 2009
  • Juli 2009
  • Juni 2009
  • Mai 2009


  • Der Sache nach



    Nach Nichts nach


     



    Hier wird archiviert

    Hier wird boykottiert

    Hier wird cokettiert

    Hier wird drangsaliert

    Hier wird elaboriert

    Hier wird fingiert

    Hier wird geniert

    Hier wird illusioniert

    Hier wird jongliert

    Hier wird kastiert

    Hier wird liiert

    Hier wird massiert

    Hier wird nivelliert

    Hier wird pikiert

    Hier wird regiert

    Hier wird zentriert




    Suche


    Impressum
    Kontakt
    Anmelden
    © 2017 Aleatorik
    by WordPress


    Diesseits

    Seite 1 – Das Geräusch des Werdens
    Seite 2 – Das Blog
    Seite 3 – România
    Seite 4 – Lesungen und Veranstaltungen
    Seite 5 – Aléas Ich
    Seite 6 – Blogroll

    Jensseits

    Aboutsomething
    Der Freitag
    Glanz & Elend
    Glanz & Elend II
    Junge Welt
    LETTRE International
    Literaturkritik
    Literaturkritik II
    Poetenladen
    Roberto Bolaño
    Titel Magazin
    Unendlicher Spass

    KLG
    Literaturport
    Wikipedia


    Kommentare:

  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
  • irisnebel: klasse! gratuliere! musst du ne gegenleistung bringen? als stadtschreiber z.b.?
  • nadine schmid: Ich habe mit Thien an der Uni Koeln studiert. Wir ware zeitweise befreundet, aber ich hatte wenig verstaendnis fuer seinen ‘Mangel’ am akademischen Streben und habe, trotz meiner Anerkennung seines Talents, sein Lebensziel, aus seiner Dichtung etwas zu machen, als...
  • bersarin: Es muß natürlich, entdecke ich beim zweiten Lesen, Monika Rinck heißen. Ich kann mir Namen nie merken.
  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
  • Aléa Torik: Never ride a dead horse – das hätte auch als Überschrift dieses Beitrags herhalten können. Gestern Nacht bin ich mit dem Rad 35 km durch das ausgestorbene Berlin gefahren, bis weit jenseits der Stadtgrenze. Da ich ziemlich kaputt war, konnte ich dabei nichts denken, aber wenn...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
  • Aléa Torik: Liebe Miss Lingen, bitte entschuldigen Sie die kleine Verspätung meiner Antwort. Ich war auf anderen Schlachtfeldern unterwegs. Sie haben absolut recht, es ist viel zu komplex. Dabei darf ich mir zugutehalten, es deutlich vereinfacht zu haben. Denn im Original – wenn wir uns darauf...
  • Miss Lingen: Obwohl, wie Sie wissen, ich hier mit Sympathie lese, frage ich doch: ist das nicht alles ein wenig zu komplex?
  • Aléa Torik: Dann bin ich gespannt, was du von dem Essay hältst.
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, die Idee des freiwilligen Ablebens um des Erfolges willen stand ja schon einmal im Raum, aber das nur zu machen, um ausgerechnet auf meine Leseliste zu kommem, nee, da hast Du recht, das wäre schon sehr übertrieben! http://www.litblogs.net/hue...
  • Aléa Torik: Lieber holio, ganz verstehen kann ich die Ottos und Ottisten ja tatsächlich nicht. Vielleicht ist das so, dass Otto und Otta, was ihr Leseverhalten betrifft, auch nicht ganz schlau aus sich werden. Sie greifen immer nur nach dem, wonach auch die anderen greifen. Das zeichnet die...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
  • holio: Traurig ist das in der Tat. Und so ganz zu verstehen auch nicht. Im Geräusch des Werdens war der Anknüpfungspunkt für Otto Normalleser ja da. Und die Bălkanexotik ist auch rezipiert und rezensiert worden. Die Sprache ist einfach, der Plot verständlich, erinnere die Szene mit dem blinden...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • 24 August 2012

    Stern der Ungeborenen II

    [Ich dachte ursprünglich, dass ich in diesem zweiten Artikel zu Werfel einen kurzen Überblick über die Stationen gebe, die F. W. durchläuft, um mich dann mit einzelnen Aspekten auseinander zu setzen. Aber ich weiß nicht, was ich derzeit nebenher leisten kann. Weniger jedenfalls. Aber weniger als was?]

    F. W. macht, wie ich sagte, an allen wichtigen Orten jener zukünftigen Welt im „Elften Weltengroßjahr der Jungfrau“ Station. Zu Beginn tut er sich schwer zu begreifen, dass er am Leben ist. Denn dazu muss er verstehen, dass er zuvor tot war. Daran aber hat er keinerlei Erinnerung. Er hat nicht nur an das Totsein keine Erinnerung, das ist noch nicht lange her, sondern auch keine ans Sterben, was allerdings schon sehr lange her ist. Er tut sich, frisch wieder am Leben, schwer damit, seinen Zustand zu begreifen. Er trägt noch den Anzug, in dem man ihn beerdigt hat, einen Frack, der allerdings recht unbeholfen wirkt in einer Welt, die hauchdünne Schleier trägt oder gar nichts. B. H., der ihn zum Leben wiedererweckt, kennt er bereits aus Jugendtagen. Er gehört zu einer kleinen Gruppe Menschen, den Wiedergeborenen, die nicht nur einmal leben, sondern wiederholt, in jeweils anderen Körpern und mit anderen Identitäten. B. H. wird in den drei Tagen seines Aufenthaltes sein Führer durch die Welt der astromentalen Menschheit sein.

    F. W. bekommt von B. H., der ihn bei seinem Aufenthalt begleitet, ein Mentelobol in die Hand, eine Art Geduldspiel, mit dem man das Reiseziel auf sich zubewegt. Damit werden die beiden sich in dieser Welt bewegen, vielmehr – daran muss ich mich erst gewöhnen! – bewegen sie nicht sich selbst, sie bewegen die Welt. Der eigentliche Reiseweg fällt weg, stattdessen werden kleine Kugeln in diesem Spiel in Löcher versenkt. Man bewegt nicht seinen Körper, sondern seinen Sinn. Die, sagen wir ruhig Verkehrsmittel dazu, lauten: Willensrichtung Veränderungsdrang, Zielsicherheit, Mutmaßliche Dauer der Ungeduld, Mutmaßliche Dauer der Geduld. Anhand des Reisens wie auch sonst immer wieder, wird die Zeit zwischen den Anfängen der Menschheit, die sich in der Regel allerdings der Forschung entzieht und der Jetztzeit mit Beschreibungen gefüllt: wie die Hundertausend Jahre dazwischen ausgesehen haben. Man hat lange in tausend Meter hohen Häusern gelebt, ist mit Gyroplanen um die Welt geflogen, bis man unter die Erde zog, weil darüber Krieg geherrscht hat, wieder einmal. Und da ist man dann später auch nicht mehr weggezogen, die Atmosphäre des Planeten war sowieso inzwischen eintönig und nahezu stimmungslos, kaum Wetter und keine Wolken.

    Die erste Station ist eine normale Familie. Die Tochter heiratet in den kommenden Tagen. Anlässlich des Hochzeitsfestes ist F. W. von den Toten erweckt worden, als eine Art Geschenk: zum Angucken. Er lernt das Familienleben kennen, Braut und Bräutigam, Brauteltern, Großeltern und die Ururgroßmutter. Heiraten werden Io-Do und Io-La. Die Vorsilbe Io bedeutet so viel wie Subjekt. F. W., noch benommen, bemerkt jedoch, dass die Menschen anders sind als die, die er gekannt hat. Sie sehen, trotz unterschiedlichen Alters alle mehr oder weniger gleich aus, durchaus schön, alterslos. Aber eben auch weniger individuell als er die Menschen gekannt hat. Das ist vielleicht ein Teil der Schönheit, dass sie nicht objektiv ist. Die Menschen haben keine Haare mehr, auch die Männer nicht, nicht einmal auf dem Kopf, Haare sind atavistisch. Sie tragen Perücken, an denen man ihren Stand und ihre Zugehörigkeit erkennen kann. Er trifft die Brautfamilie zu Hause an. Und dort ist man nackt: „Von allem Anfang an fühlte ich, daß die Nacktheit der anwesenden Gestalten in keiner Weise mit dem zu vergleichen war, was in meiner Epoche der Schönheitsköniginnen am Badestrand und auf dem Sportplatz als Nacktheit oder Halbnacktheit umzugehen pflegte. Dies ist ja nicht eigentlich Nacktheit gewesen, sondern nur Ausgezogenheit oder Enthülltheit dessen, was gewohnheitsmäßig verhüllt war. Diese Nacktheit hier hingegen schien als Nacktheit gedacht zu sein, sie stand nicht im Widerspruch zu sich selbst, sie konnte als traditionelle Lebensregel zu Hause gelten, sie hatte nicht den heimlichen Wunsch, Blicke auf sich zu ziehen und Begierden zu wecken, sie war unschuldig.“

    Eine Nacktheit allerdings, die auch durch die Beleuchtung verändert wird. Es erleuchtet nicht, es verwischt vielmehr, es macht die Gegenstände diffus und angenehm ungenau. Diese Beleuchtung der Räume und Wände, die F. W. erst als Tapeten wahrnimmt, ist allerdings nicht objektiv, sondern wird je nach subjektiver Gestimmtheit anders wahrgenommen. Das wird der Gast noch mehrfach erfahren. Dass die Wirklichkeit das ist, was die Menschen dafür halten, was sie, das klingt jetzt etwas veraltet: projizieren. Sie projizieren nicht, sie entwerfen das, was ihnen die Welt dann zurückspiegelt. Diesen verwirrenden Umstand kann er auch anhand einer Skulptur erkennen: „Je mehr ich übrigens mich in die Skulptur vertiefte, um so klarer, ebenbildlicher, formenschöner schien sie zu werden. Sie besaß demnach die Eigenschaft, den Eindruck den sie im Betrachter hervorrief, während der Betrachtung zu verwandeln, zu klären, zu intensivieren.“

    Viele Tierrassen sind ausgestorben, der Hund hingegen ist immer noch an der Seite des Menschen. Allerdings gibt es nicht mehr viele Rassen. Auch hat der Hund sich verändert, es ist hündischer geworden, unterwürfiger. Und gerade darin will F. W. eine größere Nähe zum Menschen erkennen: „Durch die traurige und tiergefesselte Grundierung dieses Hündchens aber äugte, ächzte, schnupperte, schmeichelte die Menschenhaftigkeit hervor, genauer, die Angemenschtheit, in jedem Zu- und Wegspringen, im Zögern oder in der Entschließung der Bewegungen und vor allem im aufmerksamen Blick, im abschätzenden Blick im habgierigen, berechnenden Blick.“

    F.W. lernt den Bräutigam kennen, der keinen sonderlich sympathischen Eindruck macht, er sammelt Waffen, primitive Dinge aus der grauen Vorzeit, einen Revolver, aber er hat auch Fernschattenzertrümmerer, kleine Rohre, mit denen man ganz Städte zerstören kann und mit denen die letzten Kriege geführt wurden. Im Zimmer des dieses Waffennarrs kommt zum ersten Mal eine bedrückte Atmosphäre auf und der Brautvater äußert sich seinem Gast gegenüber dann auch pessimistisch, als er sagt: „Wir sind bedroht.“

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    28 Juli 2012

    „Was ich erlebte, habe ich wirklich erlebt“

    Franz Werfel, Stern der Ungeborenen I

    Das war ein geradezu furioses Leseerlebnis! Ich war kurz davor, den Roman als einigermaßen interessant wieder wegzulegen, weil ich andere Bücher hier herumliegen habe, die ich – von außen betrachtet, vom Hörensagen, von einer allgemeinen Ahnung her, die noch trügerischer sein kann als das Wissen – als außerordendlich interessant einschätze. Die vielen Beschreibungen haben auf mich zu Beginn etwas ermüdend gewirkt, dann aber hat die Dichte des Textes zugenommen und ich habe mich an die Gangart Werfels gewöhnt. Der Autor wird, wie ich meine, mit fortscheitendem Text immer besser und es gelingt ihm zunehmend, den Leser in seinen Bann zu ziehen. Es hat mich gepackt und bis zur letzten Seite nicht mehr losgelassen. An dieser Stelle ging‘s los:

    „Der eilige Leser pflegt in einem handlungsreichen Roman sehr oft die schönen Landschaftsbeschreibungen und Wohnungsschilderungen zu überschlagen, welche der Autor ja weniger ihm, als seiner eigenen pedantischen Ehrlichkeit zuliebe über das richtige Maß ausdehnt. Wie kühn hingegen behandeln die großen Dramatiker der Vergangenheit das Problem der Beschreibung, der Bühnenanweisung, Calderón, Lope de Vega, Shakespeare schreiben einfach hin:
    ‚Nacht, Burghof‘ und wenn es sich bei letzterem um ‚Macbeth‘ handelt, muss der Dichter gar nicht erst hinzufügen ‚Wolkenzerissener Himmel, Wind. Ein Käuzchen klagt‘. In den beiden Worten ‚Nacht. Burghof‘ ist da alles vorhanden, und noch manches dazu. Jedes Wort mehr würde des Dichters Größe vermindern. Mit dem Reiseschriftsteller freilich, den ich hier vorzustellen berufen bin, muss man schon einige Nachsicht haben. Nicht Handlung, Verwicklung, Intrige und Lösung des Konflikts sind sein Hauptgeschäft, sondern, schrecklich zu sagen, Beschreiben und immer wieder Beschreiben.“

    Stern der Ungeborenen – Ein gut siebenhundert Seiten langer Zukunftsroman. Vielmehr kein Roman, sondern ein Reisebericht. Kein Sciencefiction, um Sciene geht es nicht, und beinahe geht es nicht einmal um Fiction. Franz Werfel spricht von sich selbst, mit seinen eigenen konkreten Lebensdaten und –umständen: „Ich hätte es aus angeborener Unlust, in Schwierigkeiten zu geraten, lieber vermieden, auf diesen Blättern ich selbst zu sein, aber es war nicht nur der natürliche, sondern der einzige Weg, und ich konnte leider keinen ‚Er‘ finden, der mir zulänglicher Weise die Last des ‚Ich‘ abgenommen hätte.“ Es wird einiges getan, um vom fiktionalen Charakter des Werks abzusehen. Deswegen darf man, auch wenn das hier nicht ganz verständlich sein mag, fragen, ob es dann ein fiktionales Werk ist. Denn, so kann man annehmen, zu einem fiktionalen Werk gehört die Absicht, ein solches zu schaffen. Und so, als Folge daraus, hat Werfel meines Erachtens ganz richtig behauptet: „Was ich erlebte, habe ich wirklich erlebt. Ich bin gerne bereit, mit jedem philosophisch gewandten Leser eine ehrliche Diskussion  über dieses Wörtchen ‚wirklich‘ abzuführen, und ich maße mir an, auf jeden Fall recht zu behalten.“ Oder aber die Wirklichkeit von der hier die Rede ist, ist keine, die in einem Gegensatz zur Fiktionalität steht. Ich werde das an einem anderen Ort thematisieren und zu einer anderen Zeit.

    Der Planet Erde, in uchronischer Zukunft: etwa 100.000 Jahre nach des Autors eigenem, angenommenem und prognostiziertem Tod. Er, Franz Werfel, der hier F. W. heißt, wird von seinem Freund B. H. wie es heißt, aus dem „Alphabet gestochen“: Er wird von den Toten erweckt. Er bleibt drei Tage, erlebt eine fundamentale Krise der astromentalen Menschheit und bekommt durch Zufall eine Passage zurück in seine damalige Gegenwart, vor seinem Tod, sodass er dies alles notieren und berichten kann. Diese einhunderttausend Jahre – diese drei Tage im „Elften Weltengroßjahr der Jungfrau“ – sind eine Zeitspanne, da sich einiges geändert hat gegenüber der Gegenwart Werfels; oder der unsrigen, das ist nahezu einerlei, Mittelalter oder frühe Neuzeit wird alles wird unterschiedslos als die „Anfänge der Menschheit“ bezeichnet. Es ändert sich in den kommenden hunderttausend Jahren nahezu alles, darauf können Sie sich schon mal einstellen.

    Alle Technik, alle Mechanik ist abgeschafft, vor allem das Rad. Die astromentale Menschheit wird nicht mehr krank, aber sehr alt, man stirbt auch nicht mehr, sondern geht, wenn es soweit ist, aus freien Stücken in den ‘Wintergarten’. Man sieht bis zuletzt jung aus. Die Menschheit ist sehr ausgedünnt, spricht nur noch eine einzige Sprache, die Monolingua, und lebt in Städten unter der Erde. Die Menschen tragen in der Öffentlichkeit Schleiergewänder, zu Hause sind meist nackt, aber man sieht es nicht, weil das Licht sie verhüllt, es macht sie unscharf. Viele Tierarten sind ausgestorben, andere haben sich weiterentwickelt, die Hunde plappern sich ein kindisches Zeug zusammen. Es gibt niemanden mehr, der Arbeit hat. Vielmehr gibt es nur noch einen Arbeiter, der für alle arbeitet. Es gibt für vieles eine Art Generalisierung: der Arbeiter des Zeitalters, der Jude des Zeitalters etc. Der Arbeiter stellt die Dinge auch nicht persönlich her, er lebt in einem Park, wo es eine Art Brunnen gibt, in welchen sich die Dinge, die die Menschen brauchen, materialisieren, die Kraft der Sterne wird angezapft. Das Leben ist entspannter, aber auch langweiliger. Der Planet ist runder als früher, er hat keine Vertiefungen und keine Erhebungen mehr, auch keine richtigen Landschaften, die Umwelt ist zu einem grauen Brei geworden. Außerdem ist die gebrochene Linie beim Menschen verpönt, es wird nur die gerade Linie geschätzt. Und das bedeutet: Stehen oder Liegen. Sitzen ist unfein. Die Menschen bewegen sich – und in diesem einen Sinne wäre das genau mein Zeitalter, der ich mich ja nicht gerne bewege, jedenfalls nicht mit Gerätschaften, die schneller sind als mein Rad – nicht mehr auf das Ziel zu, sondern sie bewegen das Ziel auf sich zu!

    In den drei Tages seines Aufenthaltes durchläuft F. W. alle wichtigen Stationen dieser Welt. Am Ende kehrt er zurück in sein eigenes Zeitalter. Wiederholt wurden Vergleiche angestellt, die, wiewohl Werfels Gegenwart die des Zweiten Weltkrieges war, die Flucht aus Österreich über Frankreich nach Amerika, immer deutlicher zu Ungunsten der Zukunft ausfallen. Obwohl die letzten Worte des Bischofs auch wieder versöhnlich gedeutet werden könnten, dass der Mensch sich im Laufe der Jahrtausende nicht nur von Gott entfernt, sondern sich auch wieder auf ihn und den Anfang zurückbiegt: letztlich kann der Mensch wohl nur in seinem Zeitalter leben. Und letztlich kann der Mensch nur leben, weil an seinem Ende, unvorhergesehen und doch gewusst, unerwartet und immer befürchtet, weil am Ende überraschend der Tod kommt. Alles andere wäre kein Leben. Das was die astromentalen Menschen statt des Todes anzubieten haben, das ist – auch wenn es freiwillig geschieht, vielleicht sogar, weil es freiwillig geschieht – eine Zumutung, die weit größer ist als der Tod. Der Tod, der ebenfalls eine Zumutung ist, solange er noch bevorsteht. Aber er ist auch ein Ende, eine Erlösung vom Leben, das ja bisweilen auch eine Zumutung ist. Und manchmal einfach grandios. Nicht zu steigern.

    Kurz nach dem Abschluss des Romans war Franz Werfel tot. Stern der Ungeborenen war der Abschluss seines Schriftstellerlebens, sein opus magnum. Ich kenne Die vierzig Tage des Musa Dagh , aber das hier ist eine andere Gewichtsklasse. Werfel hat einen Roman in den Ring geworfen, der wirklich groß ist, großartig. Ein so ein Ding im Leben! Ein so ein Werk und alle Mühe hätte sich gelohnt: dieser lebenslange Anlauf für einen einzigen Sprung, den man dann vielleicht gar nicht mehr hat, der nicht gelingt oder der schon vor langer Zeit misslungen ist. Auch das Schreiben ist eine Zumutung. Eine beschissene Zumutung und manchmal grandios. Nicht zu steigern.

    Fortsetzung folgt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    19 Juli 2012

    „Je fortgeschrittener die Menschheit .. „

    „Je fortgeschrittener die Menschheit, um so später steht sie auf.“

    Franz Werfel, Stern der Ungeborenen, Frankfurt 1992, Seite 45.

    Das ist auch nicht besser als das vorhergehende. Die Menschheit schreitet fort und schläft dennoch. Es soll keiner glauben, er könne, indem er liegenbleibt, fortschreiten. Auch hier ist das so, dass die Menschheit an einem vorbeischreitet, während das Individuum alles verschläft.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.