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  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
  • irisnebel: klasse! gratuliere! musst du ne gegenleistung bringen? als stadtschreiber z.b.?
  • nadine schmid: Ich habe mit Thien an der Uni Koeln studiert. Wir ware zeitweise befreundet, aber ich hatte wenig verstaendnis fuer seinen ‘Mangel’ am akademischen Streben und habe, trotz meiner Anerkennung seines Talents, sein Lebensziel, aus seiner Dichtung etwas zu machen, als...
  • bersarin: Es muß natürlich, entdecke ich beim zweiten Lesen, Monika Rinck heißen. Ich kann mir Namen nie merken.
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  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
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  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
  • Aléa Torik: Liebe Miss Lingen, bitte entschuldigen Sie die kleine Verspätung meiner Antwort. Ich war auf anderen Schlachtfeldern unterwegs. Sie haben absolut recht, es ist viel zu komplex. Dabei darf ich mir zugutehalten, es deutlich vereinfacht zu haben. Denn im Original – wenn wir uns darauf...
  • Miss Lingen: Obwohl, wie Sie wissen, ich hier mit Sympathie lese, frage ich doch: ist das nicht alles ein wenig zu komplex?
  • Aléa Torik: Dann bin ich gespannt, was du von dem Essay hältst.
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  • Aléa Torik: Lieber holio, ganz verstehen kann ich die Ottos und Ottisten ja tatsächlich nicht. Vielleicht ist das so, dass Otto und Otta, was ihr Leseverhalten betrifft, auch nicht ganz schlau aus sich werden. Sie greifen immer nur nach dem, wonach auch die anderen greifen. Das zeichnet die...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
  • holio: Traurig ist das in der Tat. Und so ganz zu verstehen auch nicht. Im Geräusch des Werdens war der Anknüpfungspunkt für Otto Normalleser ja da. Und die Bălkanexotik ist auch rezipiert und rezensiert worden. Die Sprache ist einfach, der Plot verständlich, erinnere die Szene mit dem blinden...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • 20 August 2010

    „Will ich die Wahrheit erfahren, muss ich weiter lügen“

    „Die Leinwand“

    Ein Spiel mit der Identität von Benjamin Stein

    Identität ist eines jener Worte, die auf der derzeitigen Beliebtheitsskala sehr weit oben rangieren. Der Begriff bezeichnet zuerst einmal nichts anderes als die Übereinstimmung einer Sache, und später dann auch einer Person, mit sich selbst. Man formuliert dies gerne, seit der Terminus der Identität Einzug in die Logik gehalten hat, mit der einfachen Formel: a ist a. In den ersten Sätzen der Fichte-Studien von Novalis wird mit wenigen Worten die zentrale Problematik beschrieben: „In dem Satze a ist a liegt nichts als ein Setzten, Unterscheiden und verbinden. Es ist ein philosophischer Parallelismus. Um a deutlicher zu machen wird A geteilt. Ist wird als allgemeiner Gehalt, a als bestimmte Form aufgestellt. Das Wesen der Identität läßt sich nur in einen Scheinsatz aufstellen. Wir verlassen das Identische, um es darzustellen …“.

    Wir verlassen das Identische, um es darzustellen: das klingt nicht nach einer komplexen mathematischen Berechnung. Komplex wird es, wenn ich „A“ durch „Ich“ ersetze: Ich ist Ich. Das müssen wir verlassen, um es darzustellen. Sich selbst zu verlassen, ist nur in begrenztem Maße möglich (Selbstdarstellung hingegen eine Überlebenstechnik in einer Gesellschaft des 21. Jahrhunderts).  Die bekanntesten Methoden sind hier: Reflektion und Erinnerung. Im Idealfall springt dabei so etwas wie Selbsterkenntnis heraus. Will ich mich selbst erkennen, muss ich von mir abstrahieren. Das „Ich“ als Subjekt muss das “Ich” zum Objekt machen. Dieses „Ich“ wird also geteilt. Das Erkennende braucht einen Abstand vom Erkannten. In der totalen Identität mit sich selbst, wäre die Erkenntnis dieses Selbst nicht möglich. Identität besteht in der Differenz.

    Der Roman „Die Leinwand“ hat zwei Teile. Ist der eine Teil gelesen, wendet man das Buch und liest den zweiten. Beide Teile sind gleichberechtigt, etwa gleichlang, beide in Rollenprosa gehalten, beide aus der Perspektive eines Mannes und beide Männer berichten ihr Leben bis zu einem gewissen Punkt und auf diesen Punkt hin. Diese sehr ungewöhnliche Anordnung ist die ideale Form für den hier präsentierten Stoff, denn die beiden Männer treffen am Ende aufeinander. Und sie treffen einander in einer dritten Person. Eine Person, die dem Leser nur durch die Beschreibungen der beiden anderen bekannt ist. Diese dritte Person bildet das imaginäre Zentrum des Romans.

    Dass die zentralen Umstände des Lebens bisweilen nur in der Imagination bestehen, ist vermutlich nicht nur bei mir selbst der Fall, sondern ein allgemein menschliches Dilemma. Dass sie, obwohl sie nur imaginativ sind, eine größere Dichte mitbringen und mehr Druck ausüben als alle physikalischen Umstände es je könnten, ist vermutlich ebenfalls keine singuläre Erscheinung.

    Benjamin Stein hat ein schönes Akronym für die dritte Person gefunden: Minsky. Es handelt sich um einen aus Minsk stammenden Juden, der als Kind Auschwitz überlebt hat. Er wird in der Schweiz von Pflegeeltern erzogen, die jedwede Erinnerung an das Martyrium unterbinden. Eines Tages brechen diese Erinnerungen dennoch hervor. Minsky findet einen Weg, mit den quälenden Erinnerungen umzugehen, indem er ein Buch darüber schreibt: „Aschentage“. Weil das eine beeindruckende Geschichte ist, wird er berühmt. Die BBC entdeckt in Israel Yaakov Gelernter, der Frau und Kind in den Gaskammern von Auschwitz verloren hat. Minsky und Gelernter treffen einander und alle Welt ist bei der glücklichen Wiedervereinigung von Vater und Sohn über fünfzig Jahre nach dem vermuteten Tod von Minsky dabei. Ein DNA Test stellt allerdings unmissverständlich klar: die beiden sind nicht miteinander verwandt. Beide weigern sich jedoch, dies anzuerkennen. Dann erscheint ein Buch mit dem Titel „Maskeraden“, in dem Minsky nachgewiesen wird, dass seine Lebensgeschichte nicht der Wahrheit entspricht. Er ist in der Schweiz geboren. Er war nie Insasse von Ausschwitz und folglich kann er auch nicht unter den traumatischen Folgen der Lagerhaft gelitten haben. Die gerade noch begeisterte Welt ist eine entgeisterte. Der Verdacht liegt nahe, dass da einer den Holocaust aus niederen Beweggründen ausschlachtet. Die Literaturpreise werden ihm wieder aberkannt, er wird sogar vor Gericht gestellt.

    Der Skandal aber ist ein ganz anderer: Minsky kann sich an Auschwitz erinnern! Er kann sich erinnern, dort gewesen zu sein. Obwohl er nie da war. Es handelt sich offenbar um fiktive Erinnerungen, von deren Authentizität Minsky absolut überzeugt ist.

    Im Zentrum dieses Romans steht das Thema Identität. Genauer gesagt, eine personale Identität, die anhand von Erinnerungen gebildet wird. Ich bin der, der ich geworden bin und ich bin so wie ich bin, weil ich so – und nicht anders – geworden bin. Ich habe eine Fülle bestimmter Merkmale, die in ihrer Summe mich als mehr oder weniger einmaliges Individuum charakterisieren. Wer aber ist Minsky, wenn er nicht der ist, der er aufgrund seiner Erinnerungen zu sein glaubt? Was bedeutet das, wenn die Erinnerungen keine verlässliche Auskunft über das Ich geben? Was ist das Ich, wenn einer nicht nur nicht er selbst ist, sondern, schlimmer noch, ein anderer? Der andere mag in erotischer Hinsicht ausgesprochen faszinierend sein, in existentieller ist er eine Bedrohung.

    Was, könnte man weiter fragen, ist wichtiger für die Bildung des Selbstbewusstseins – also des Bewusstseins, ein Selbst zu sein oder zu haben – : die objektive, kalte Wahrheit einer DNA-Struktur, die beweist, dass Minsky nicht der Sohn von Gelernter sein kann? Oder die Emotionen der beiden Männer, die davon überzeugt sind, im je andern den Vater und den Sohn gefunden zu haben? Wenn hier die Emotionen den Ausschlag geben sollten, müsste man dann nicht ebenso entscheiden, wenn es darum geht, ob Minsky in der Schweiz oder in Polen geboren ist? Wenn er nach eigener Aussage davon überzeugt ist, in Ausschwitz gewesen zu sein, dann sagt er die Wahrheit. Selbst dann, wenn es nicht die objektive Wahrheit ist. Was ist Wahrheit und welche Bedeutung hat sie?: „Was, auch diese Frage wälze ich heute, nach über zehn Jahren, noch immer, ist eine Wahrheit, die tötet, wert gegenüber einer Wahrheit, die jemanden leben lässt?“

    Nun die beiden Lebensgeschichten. Ich beginne mit Jan Wechsler. Er wächst in der DDR auf, im, wie er es nennt, kleinen Land. Er interessiert sich für Bücher, weil er so die emotionale und intellektuelle Enge seiner Existenz zu überwinden vermag. Er erzählt von seiner Kindheit, von Gedichten und davon, wie er in die amerikanische Botschaft hineinspaziert ist und sich ein Buch ausleihen wollte. Wechsler interessiert sich für den jüdischen Glauben und beginnt Hebräisch zu lernen. Er kauft ein Ticket nach Israel, das er dann aber verfallen lässt. Einige Jahre nachdem die Mauer gefallen ist, geht er nach München, konvertiert und trägt die Kippa. Er wird Redakteur bei einer Computerzeitschrift und gewinnt viel Geld im Lotto, verspekuliert sich, verliert alles und muss Steuern nachzahlen. Er lernt eine Frau kennen, heiratet, bekommt Kinder und führt einen kleinen Verlag, der keinen Tinnef verlegt, sondern gute Literatur.

    Eines Tages wird ein unscheinbarer Pilotenkoffer bei ihm abgegeben, der auf einem Flug von Tel Aviv nach München verlorengegangen ist. Wechsler kennt den Koffer nicht und will ihn nicht annehmen. Allerdings steht auf dem Adressanhänger sein Name: in seiner eigenen Handschrift. Er lässt den Koffer lange unberührt stehen. Als er den Inhalt zur Kenntnis nimmt, muss er nach und nach erkennen, dass er nicht nur, wie er bis dahin freimütig eingeräumt hatte, bisweilen Schwierigkeiten mit seiner Erinnerung hat; diese Schwierigkeiten sind umfassender, als er das bis dahin in seinen kühnsten Träumen angenommen hätte. Sein gesamtes Leben, alle seine Erinnerungen sind frei erfunden. Er ist nicht in der DDR aufgewachsen, sondern in Israel geboren, Schweizer Staatsbürger, Schriftsteller und Journalist, mit einer nahezu rechten Ideologie. In dem Koffer findet sich ein Buch mit dem Titel „Maskeraden“. Sein Autor heißt Jan Wechsler.

    Er ist derjenige, der den Skandal um Minsky verursacht hat. Wechsler hat sich später dann die Identität einer Figur aus seinem ersten Roman als die eigene zurechtgelegt. Im Laufe seiner Nachforschungen entdeckt er, dass er offenbar nicht aus religiösen Gründen konvertiert ist, sondern aus ideologischen. Er wollte alle Spuren beseitigen, die ihn als den Mann identifizieren, der das durchaus zweifelhafte Werk verfasst hat. Er verspürt echte religiöse Gefühle, aber sie basieren auf falschen Voraussetzungen. Was heißt unter solchen Bedingungen „echt“? Wechsler wird von Frau und Kindern verlassen. Er reist nach Israel, weil er wissen will, wer er ist. Auf dem Flughafen wird er vom israelischen Geheimdienst abgefangen und einem Verhör unterzogen. Er war, wie sich dabei herausstellt, Anfang des Jahres schon einmal in Israel, woran er sich nur sehr widerstrebend erinnert. Er hat sich über Mikwaot, rituelle jüdische Tauchbäder, informiert. Einrichtungen, wo man sich von der Vergangenheit und der eigenen Schuld reinigen kann. Wechsler verbringt den Schabbes (Sabbat) bei Amnon Zichroni, erkennt ihn aber nicht als einen Freund Minskys wieder. Die beiden fahren zu einer Mikwe. Zichroni ist seither verschollen. Damit endet die Geschichte von Jan Wechsler. Oder beinahe jedenfalls.

    Die zweite Lebensgeschichte ist die des Amnon Zichroni. In Israel geboren, wird er streng religiös erzogen. Beim Lesen weltlicher Literatur erwischt, wird er zu seinem Nennonkel Nathan Bollag in die Schweiz verschickt. Obwohl der Onkel sich als modern orthodox bezeichnet – „Weltliche Bildung und ein Beruf, Gewandtheit in mehreren Sprachen und intime Kenntnis von Philosophie und Kunst gehörten nach seinem Empfinden unabdingbar zu einem Leben, mit dem man den Ewigen heiligen wollte“ – bewegen er und sein Ziehsohn Amnon sich unter Ihresgleichen, weitab von den „Versuchungen einer modernen europäischen Stadt“. Der junge Mann beendet die chassidische Schule in Zürich und geht nach Amerika, zu weiteren Talmudstudien auf eine Jeschiwa. Hier lernt der Eli kennen, der sein Freund wird und der bereits in jungen Jahren eine Erfahrung mit dem Tod hat machen müssen.

    Mit Eli spricht er zum ersten Mal zu einem anderen Menschen über eine sehr ungewöhnliche Fähigkeit, die er an sich entdeckt: „Ich roch, schmeckte, fühlte, hörte und sah Erinnerungen anderer Menschen; und ich bin unsicher, ob ich es eine Gabe nennen soll.“ In den kommenden Jahren nimmt Amnon diese Gabe an und will an einer Stelle im Leben stehen, wo er anderen Menschen helfen kann, als Psychiater. Dazu muss er Arzt werden. Er verzweifelt aber an der westlichen Schulmedizin, die nur Symptome behandelt, keine Ursachen.

    Während seines Besuchs in Zürich stirbt sein Onkel Nathan Bollag und Zichroni erbt ein beträchtliches Vermögen, das es ihm ermöglicht, eine Lehranalyse zu machen. Er lässt sich als Psychiater in Zürich nieder. Jahre nach dem Tod des Onkels entdeckt er in dessen Hinterlassenschaften eine beschädigte Geige. Er beschließt, sie reparieren zu lassen. Der Restaurateur lädt ihn übers Wochenende zu sich ins Juragebirge ein, um ihm seine Werkstatt zu zeigen und ihm eine Geschichte zu erzählen: eine Geschichte aus den Untiefen des KZ Ausschwitz. Der Restaurateur ist Minsky. Zichroni begreift dessen ungeheuerliche Erinnerungen und kollabiert angesichts dieses unfassbaren Schreckens. Minsky schreibt ein Buch und es kommt zu den bereits beschriebenen Verwicklungen. Zichroni muss wegen des darauffolgenden Skandals seinen Beruf aufgeben und geht, da ihm damit die Lebensgrundlage in der Schweiz entzogen wurde, nach Israel zurück. Jahre später, als er über Schabbes einen Gast aus Deutschland aufnimmt, erkennt er in ihm Jan Wechsler. Sie besuchen zusammen die Mikwe und Zichroni drückt Wechsler unter Wasser und versucht ihn zu ertränken.

    Die beiden Lebensgeschichten enden, auch wenn sie dasselbe Ereignis erzählen, unterschiedlich. Und zwar so deutlich, dass man sagen muss, es könne nur eine der beiden wahr sein. Benjamin Stein mutet seinen Lesern hier eine bittere Pille zu: es gibt nicht die Wahrheit, nicht einmal in der Sphäre der Wirklichkeit. Es gibt nur die Wahrheit des Einzelnen. Es gibt Wege dahin – der Weg von Amnon (!) Zichroni ist die Anamnese und die Psychoanalyse; der Weg von Jan Wechsler ist die Verdrängung – beide Männer aber verfehlen es auf ihre Weise. Dieses doppelte Ende, das ist klug ersonnen und gut umgesetzt. Das gefällt mir sehr und zeigt Steins ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema Identität.

    Es handelt sich bei beiden Lebensgeschichten also um Variationen des mit Minsky vorgegebenen Themas: Identität durch Erinnerung. Erinnerungen sind der Ort, an dem nicht zwischen Wahrheit und Unwahrheit unterschieden werden kann. Erinnerungen sind fiktional. Ich persönlich kann mich erinnern, wie sich meine Eltern in Constanța am Schwarzen Meer kennengelernt haben. Da die beiden aber meine natürlichen Eltern sind, kann ich nicht dabei gewesen sein. Ich erinnere mich in Wirklichkeit lediglich an die Erzählung wie sie sich kennengelernt haben; aber nicht daran, dass es eine Erzählung ist. Erinnerungen sind nie die Wahrheit. Die Frage, die Benjamin Stein hier stellt, lautet: wie unwahr dürfen sie sein?

    Erstaunlich bei Wechsler ist, mit welch enormer Hartnäckigkeit er an seinen Erinnerungen und seiner Biografie festhält. Wer Freud gelesen hat, weiß, wie sehr Neurotiker an ihren fiktiven Konstruktionen festhalten können. Und wer sich selbstkritisch beobachtet, der weiß das auch! Der weiß, wie leicht die Erinnerung aus einer Niederlage einen Sieg machen kann. Und das ist auch ihre Aufgabe. Erinnerung muss kein getreues Abbild der Vergangenheit erstellen, sondern uns einen Weg in die Zukunft öffnen. Der Mensch muss mit Schmerzen und Enttäuschungen fertig werden und das wird er nur, wenn die alten Niederlagen mit der Zeit weniger schmerzhaft werden. Keiner begänne je etwas Neues, schmerzte das Alte immer gleich heftig. Unscheinbar, dennoch zentral, ist eine Szene, bei der Wechsler sich an den Markt in Jerusalem erinnert, wo er jemanden beim Handeln beobachtete. Er stellt sich die Frage, ob er tatsächlich nur Beobachter war oder ob er nicht der Handelnde gewesen sein könnte, weil die Jellabas, um die der Handel ging, sich in seinem Koffer befinden. Dies ist die Frage, ob man als Erinnernder Objekt oder Subjekt seiner Erinnerung, ob man Beobachter oder Beobachteter ist. Ob man einen tätigen Zugriff auf die Vergangenheit hat oder einen untätigen. Inwieweit ist der Erinnernde Jetzt und Hier am vergangenen Geschehen beteiligt? Noch erstaunlicher als die Hartnäckigkeit dieser Konstruktion bei Wechsler ist die Situation bei Minsky, der sich an Auschwitz erinnern kann, obwohl er nicht dort war. Er hat nicht nur seine eigene schwere Kindheit mit dem Drama des Holocaust verbunden – wie Erinnerungen sich eben nun einmal mit der Wirklichkeit verbinden und diese verdrehen – es handelt sich vielmehr um authentische Erinnerungen. Sie sind verbürgt durch die Instanz der Amnon Zichroni, der seine außergewöhnliche Gabe von keinem Geringerem bekommen hat als vom Ewigen selbst. Noch eine weitere Steigerung auf der Skala des Erstaunlichen ist eben jener Amnon Zichroni, der die Fähigkeit besitzt, anderer Leute Erinnerungen zu erinnern, der also Grenze zwischen Menschen überspringen kann, von denen man sagen müsste: das ist unmöglich.

    Während Jan Wechsler eher seiner kleinen Welt verhaftet ist, kommen bei Amnon Zichroni größere Zusammenhänge zu Sprache. Er ist die intellektuell interessantere Gestalt. Was mir da insbesondere gefällt, ist, wie die moderne Gesellschaft mit ihrem Wissen hinterfragt wird und wie unsere Welt, in deren Zentrum Kausalität und Determinismus stehen, viele Phänomene schlechterdings nicht zu greifen vermag. Dargestellt wird das anhand eines Professors für Medizin, der den Meridianen der TCM huldigt und die Patienten, die er als Mediziner nicht heilen kann, nach Feierabend mit Akkupunktur weiterversorgt. Gegen diese Welt hält Zichroni, und Benjamin Stein mit ihm, seinen Freund Eli, der eine lebensbedrohliche Krankheit abwendet, und in eine Mikwe steigt. Eli ist eben nicht der Kausalität verhaftet und dementsprechend wird auch nicht gesagt, er durch das Bad geheilt worden. Dieser strenge Determinismus ist in jener Welt nicht vonnöten: Er ist geheilt. Oder vielleicht nicht einmal das, er ist nicht geheilt, weil er nicht heil ist. Vielleicht hat er auch die Krankheit in sich aufgenommen, vielleicht hat er sie solchermaßen unschädlich gemacht. Vielleicht hat er sein Heil in etwas anderem als der Krankheit gesucht. Vielleicht ist das Suchen an die Stelle der Krankheit getreten. Es wird hier keine kausale Erklärung angeboten.

    Ich habe einen Gedanken in dem Buch gefunden, den ich zuerst überlesen habe, den ich dann schockierend fand und der mir schließlich nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist. Das ist ein Gedanke von solcher radikalen Destruktivität, dass ich ihn erst gar nicht Teil dieser Besprechung habe werden lassen wollen, sondern in einem persönlichen Brief an Benjamin Stein formulieren wollte. Nun habe ich mich doch anders entschieden und ich bitte nachdrücklich, das, was ich hier vorsichtig anspreche, ebenso vorsichtig zu rezipieren. Der Gedanke Benjamin Steins lautet, dass das moderne Judentum zwei Identifikationspunkte hat: Israel und Auschwitz (Benjamin Stein hat mir in einer Mail mitgeteilt, dass dies durchaus nicht seiner Auffassung entspreche, die dieser hier dargelegten sogar diametral entgegen stehe. Folglich kann ich nicht mehr behaupten, dass es ein Gedanke Steins sei, sondern dieser Absatz ist allein meine Vermutung, ich zögere allerdings, ihn einfach zu löschen). Das fand ich erstaunlich. Das Judentum ist eine Kultur der Erinnerung: „Zachor: Erinnere dich!“ ist eine seiner zentralen Botschaften. Weder der Katholizismus, weder die Griechische noch die Russische Orthodoxie sind so deutlich an der Tradition orientiert und beschäftigen sich mit der Auslegung alter Schriften und Überlieferungen wie das Judentum. Im Zentrum der jüdischen Erinnerung steht, wenn ich richtig verstehe, die Botschaft Gottes, dass die Juden das von ihm auserwählte Volk sind. Wenn Gott dem jüdischen Volk dies so gesagt hat und er das damit belegt, dass sie verfolgt werden, und zwar durch ihre ganze Geschichte hindurch, dann erweist sich diese Singularität in einem Ereignis wie in keinem anderen: in der Shoah. Das hieße in aller Konsequenz: das Judentum legitimiert seine Existenz durch die Shoah. Dass es vernichtet werden soll, ist ihm Beweis, dass es das auserwählte Volk ist. Das ist in höchstem Maße der Kausalität verpflichtet und widerspräche damit sich selbst als Alternative zur deterministischen Welt. Und es ist pervers. Das ist das, was bei Freud als pervers bezeichnet wird: Ein Genießen – ich bin der Geliebte, der Auserwählte – das von einem auf einen anderen Punkt verschoben wird, noch dazu auf einen Punkt, der existenzbedrohend ist. Aber das geht über das hinaus, was die Auseinandersetzung mit dem Text hier zu leisten vermag.

    Noch etwas sehr persönliches: Ich höre in diesem Buch immer nur von Männern. Ich lese von einer Welt, die stark an Traditionen hängt, die die Rechte von Frauen sicher nicht in den Vordergrund stellt. Ich komme aus einer sehr viel stärker reglementierten Gesellschaft und ich lebe hier unter, wie es in dem Buch heißt, Goyim Naches, eine scheinbar zügellose Welt. Ich kann allerdings, anders als Stadtmenschen, ganz gut reiten, mit und ohne Zügel. Die meisten Menschen, die von der Zügellosigkeit träumen, können sich nicht auf einem Karussellpony festhalten. Ich will in dieser Welt leben, weil ich es mit den Männern aufnehmen kann. Und das auch will! Das ist erstaunlicherweise auch gar nicht schwer. Es ist sogar ziemlich leicht. Dank der Karussellponys Männer, die es einem leicht machen. Jetzt kommt der letzte Satz und der kommt, wie’s sich gehört, an den Schluss: Frau Torik lacht.

    Ich habe noch einige Links zusammengestellt:
    Zum Judentum, hier und hier.
    Mit Minsky hat Benjamin Stein den historischen Fall Binjamin Wilkomirski gestaltet, hier und hier und hier.
    Das Blog des Autors, der Turmsegler.
    Und hier geht’s zu den Leseproben.

    Benjamin Stein
    Die Leinwand, Roman
    C.H.Beck, München 2010. 416 S.:
    ISBN 978-3-406-59841-8
    19,95 €