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  • 02 März 2010

    „In diesem zähen Gelee aus Zusammenhängen“

    „Die Frequenzen“ des Mathematikers und Dichters Clemens Setz

    Was ist eine Rub-Goldberg-Maschine? Erfunden hat sie der amerikanische Cartoonist und Comiczeichner Rub Goldberg. Diese Maschinen haben eine gewisse Karriere gemacht, nachdem das Schweizer Künstlerduo Fischli & Weiss auf der Documenta VIII ihre Installation „Der Lauf der Dinge“ vorgestellt haben. Man könnte sagen, eine Rub-Goldberg-Maschine ist eine Kettenreaktion, bei der ein mechanischer Impuls über verschiedene Stationen weitergegeben wird. Das sind kleine, miteinander verbundene Ereignisse, an deren Ende in der Regel jeweils das nächste kleine Ereignis ausgelöst wird.

    Welche Komplexität das annehmen kann, sieht man bei hier:  Wenige Menschen werden das Geld haben, eine solche Maschine zu kaufen, noch weniger haben den Platz im Badezimmer, um sie zu installieren. Und die wenigsten werden bereit sein, die Zeit zu investieren, um auf das Ergebnis zu warten: das Abrollen von Toilettenpapier.

    Eine der komplexesten Maschinen, die ich habe finden können, dient einzig dem Zweck eine Leinwand zu präsentieren, auf der die Namen der an der Umsetzung Beteiligten zu sehen sind. Und gleich noch eine hinterher.

    Wenn wir als Zentrum jeder ökonomischen Maschinerie definieren würden, mit möglichst geringem Aufwand ein möglichst großes Ergebnis zu erreichen, dann könnte man diese Art der Maschinen als antiökonomisch bezeichnen. Hier geht es um das Gegenteil: möglichst viel Aufwand zu betreiben, um ein geringes Ergebnis zu produzieren. Dabei spielt aber nicht nur die ökonomische Begrifflichkeit eine Rolle. In der Physik sprechen wir von Ursache und Wirkung, in der Tragödie von Schicksal, in der Moral von Verantwortung, in der Ethik von Handlung, in der Kunst von zweckfreier Schönheit und in der Lust vom Genuss. All das ist hier von Bedeutung.

    Clemens Setz führt die Rub-Goldberg-Maschine in die Literatur ein. Im Folgenden sei kurz der Versuchsaufbau beschrieben. Wir haben zwei zu großen Teilen voneinander unabhängige Erzähl- oder Ereignislinien. Walter ist der nicht eben wohlgeratene Spross eines erfolgreichen Architekten, Sohn aus reichem Hause, der ohne eigene Begabung durchs Leben kommen muss. Er ist ein bisschen orientierungslos, ein bisschen schwul, mit ein bisschen Neigung zu Künstlern, weil er selbst gerne einer wäre. Und weil er auch noch ein bisschen leidet, will er eine Therapie beginnen. Aber selbst die Therapeutin Valery nimmt ihn nicht ernst. Sie schlägt ihm schon nach der ersten Sitzung vor, da er ihr von seiner angeblichen Neigung zur Schauspielkunst erzählt, bei ihren Gruppensitzungen einen Patienten zu spielen. Walters ehemaliger Schulfreund Alexander ist seit kurzem der Liebhaber Valerys. Er bricht das Studium ab und arbeitet im Altenheim. Seine Freundin Lydia scheint ausgesprochen tolerant und behauptet mehrfach, sie lasse Alexander seine Freiheit. Sie fährt ihn sogar zu einer Verabredung mir der Geliebten. Alexanders Vater hat die Familie verlassen, als der noch ein kleiner Junge war. Und zwar nach einem Besuch bei der Familie von Walter, in genau dem Moment, da Walters Vater über eine Rub-Goldberg-Maschine spricht.

    Dann sind da noch einige Nebenpersonen und -ereignisse. Der etwas verrückte Vermieter von Alexander, Herr Steiner, der einmal einen Igel zu Tode quält und es dann einem kleinen Jungen anhängen will. Da ist Gerald, der im selben Haus wie Alexander wohnt und dessen Mutter aufgrund eines Alkoholproblems als Erziehungsberechtige mehr oder weniger ausfällt. Das sind Gabi, Patientin von Valery und von Kopfschmerzen, Tinnitus und Verfolgungswahn gequält, und ihr Mann Wolfgang, Sportlehrer mit Trillerpfeife. Da ist der Vater Valerys, der nach einem Unfall im Wachkoma liegt und Mitsuko, seine japanische Pflegerin. Und Uljana, der Hund des Vaters, der bei Valery lebt und seit der Attacke durch die Gegend und den Text streunt.

    Eines Tages wird Valery mit einer Metallstange attackiert. Dass Dinge nicht einfach nur so geschehen, sondern eine Ursache haben, dieses Wissen ist uns durch die Aufklärung gegeben. Äpfel und andere schwere Gegenstände fallen nicht zufällig nach unten, sondern es gibt einen Grund, die Gravitation. In der modernen Welt der Zusammenhänge gibt es immer einen Grund. Wirkungen haben immer eine Ursache. Mit dieser Auffassung im Hintergrund, muss man davon ausgehen, dass es auch in diesem Fall einen Verursacher, einen Täter gibt. Hier unterscheidet sich der Text deutlich von einem klassisch erzählten. Clemens Setz verteilt im Text sehr geschickt ein paar Metallstangen verschiedener Größe und Wirkintensität. Die Aufgabe des Betrachters einer Rub-Goldberg-Maschine ist klar: er muss das Rollen der Kugel verfolgen, das Weitergeben der kinetischen Energie, das immer wieder erneute Anstoßen, von Ursache zu Ursache zu Ursache. Und das müssen wir hier auch.

    Das ist ein komplexer Versuchsaufbau den Clemens Setz hier vorführt, mit sehr vielen Implikationen und möglichen Gedankenspielen: Wer hatte ein Motiv für eine solche Tat? Oder wer hatte keins? Wessen Motiv ist ausreichend, um zu dieser Handlung zu führen? Braucht man in einem solchen Versuchsaufbau überhaupt noch ein klassisches Motiv? Oder reicht es aus, eine Metallstange in der Hand zu haben? Reicht es aus, in einem Zusammenhang zu stehen, von einer Kugel angestoßen zu werden, um dadurch selbst eine weitere Kugel anzustoßen um dann schließlich, am Ende der Verursachungen mitverantwortlich zu sein? Und mitschuldig! Was ist denn überhaupt die Ursache eines Ereignisses, einer Handlung oder einer Tat? Was unterscheidet ein Ereignis von einer Tat? Ab wann wird aus einer Tat, wo es einen Täter gegeben hat, ein seelenloses Ereignis? Wann und bis zu welchem Grad ist jemand verantwortlich für seine Taten? Setz zitiert Isaac B. Singer: „Selbstverständlich glaube ich an den freien Willen, ich habe ja gar keine andere Wahl“. Und was kann als Ursache eines Ereignisses gelten: lediglich das direkt Vorhergehende? Oder das erste in einer womöglich sehr langen Reihe, das erste Umfallende, das von dem gerade jetzt Umfallenden weit weg ist? Wie weit kann und muss man das zurückverfolgen? In der Bibel ist von Schuld bis in die dritte Generation die Rede. Oder geht das zurück bis zum Anfang, bis zum „unbewegten Beweger“?

    Ich verfolge im Weiteren einfach die Bewegung einer einzelnen Kugel, bzw. einer Stange. Oder eines Motivs. Ich beobachte einen sich wie ein Aal durch den Text schlängelnden Signifikanten. Walter bringt, als er nach längerer Abwesenheit wieder nach Hause kommt, eine Metallstange mit, die Kleiderstange aus einem Kleiderschrank. Als er Hals über Kopf und total betrunken von dort flüchtet, denkt er immerhin noch an diese Kleiderstange, die offenbar so wichtig ist, dass er sie nicht einmal in diesem Zustand vergisst. Er muss sie dann liegen lassen, will sich in der Stadt aber eine neue kaufen. Wofür? Was will einer mit einer Kleiderstange? Valery und Walter streiten sich über seine Rolle bei den gemeinsamen Sitzungen, bei denen er echte Patienten zu einer Reaktion reizen soll. Aber reicht so ein Streit aus, um jemanden umzubringen? Ist das nicht ein bisschen dünn, als Motiv für einen Mord?

    Ein Motiv hat auch Lydia. Valery ist schließlich dabei, ihr den Freund auszuspannen. Alexander ist mit Valery zur Zauberflöte (sic!) verabredet. Valery aber erscheint nicht zu dieser Verabredung. Sie stirbt unter einem Verkehrsschild, die in der Regel auf Metallstangen stehen. Nun kippen diese Stangen nicht einfach um, nicht einmal dann, wenn ein Schriftsteller von poetischem Gewicht seine Figuren an sie lehnt. Da muss schon ein Auto dagegen fahren. Die einzige, die in diesem umweltbewussten Roman, wo alle mit dem Fahrrad unterwegs sind, mit dem Auto fährt, ist eben Lydia. Und sie fährt auch gerade zu der Zeit Auto, da Valery verschwindet. Später, als sie Alexander von der Oper abholt, ist sie dann ungewöhnlich aufgekratzt. Aber auch gegen diese Deutung spricht etwas. Valery wird morgens tot aufgefunden. Außerdem ist an anderer Stelle von Schlägen mit einer Stange die Rede.

    Auch Gabi hat ein Motiv. Valery erzählt ihrer Patientin von einem Bauarbeiter, der sich bei einem Unfall einen Stahlstab in den Kopf gerammt hat. Er überlebt den Unfall. Da der Stab aber nicht zu entfernen ist, wird er stabilisiert und der Mann lernt, mit dem Fremdkörper zu leben. In der kommenden Nacht legt Gabi ihrem kleinen Baby eine Nadel ins Bett. Wenn dem Kind nichts geschieht, dann will sie das als gutes Zeichen sehen. Tatsächlich wandert die Nadel lediglich von einer auf die andere Seite des Bettes. Beim nächsten Besuch Gabis in der Praxis Valerys streiten sich die beiden Frauen. Ein kleines Motiv und eine kleine Stange, aber gerade die kleinsten Dinge können durch die unsichere oder schwache Psyche monströs vergrößert werden. Das kennt wohl jeder von sich, an einem schlechten Tag können sich kleine Unsicherheiten zu den größten Zweifeln ausweiten.

    Und sogar Alexander hat ein Motiv: „Ich musste jemanden umbringen“, sagt er von sich selbst. Er befindet sich in einer emotionalen Extremsituation. Der Vater hatte ihn und seine Mutter ohne ein Wort der Erklärung verlassen. Valery stirbt in jenen Momenten, da dieser Vater wieder auftaucht. Als sie im Krankenhaus liegt, ist Alexander seltsam emotionsarm, er spielt mit seinem Handy und seinem Jojo. Er macht nicht den Eindruck, als sei er handlungsfähig. Warum ist er da so sediert? Aus Schmerz? Oder weil er die angekündigte Handlung bereits hinter sich hat?

    Auch Steiner hat ein Motiv: er ist eben einfach wahnsinnig. Eines Tages hat er Blut an der Hand. Vielleicht hat er tatsächlich lediglich einen Hund, der auf den Bürgersteig geschissen hat, vertrieben. Vielleicht hat er aber auch etwas anderes getan. Er war ja schon nicht sehr zuverlässig in der Bestimmung, wer nun den Igel verletzt und gequält hat. Warum sollte er jetzt besser über die eigenen Taten informiert sein?

    Da sind dann noch zwei Handwerker und, in einer anderen Szene, eine Frau, die Overalls mit der Aufschrift „Stahlstift“ tragen.

    Wo ist Valery an dem Abend, als sie mit Alexander im Theater verabredet ist. Etwa bei Max, dem brutalen Altenpfleger, der während der Nachtschicht die wehrlosen Alten quält? Oder liegt die kurze Szene, die Max beim Orgasmus beschreibt, in der Vergangenheit?

    Dann ist da noch Gerald, der im selben Haus wohnt wie Alexander und mit seinem Handy ein Video aufnimmt: er filmt, wie eine Frau mit einer Stange erschlagen wird. Er will dieses Video Alexander zeigen, aber es kommt nie dazu Alexander ist mit sich selbst beschäftigt. Dabei konnte gerade dieses Video Aufklärung über den Täter gebe, denn, „am Ende sieht man alles.“ Nur schaut sich dieses Video außer ihm niemand an.

    Schließlich ist da auch noch Bertrand Russel, den Setz zitiert, und der ebenfalls ein veritables Motiv voweisen kann: „Wir sind geneigt zu denken, dass für wirklich sorgfältige Messungen die Verwendung eines Stahlmaßstabes besser ist als die eines lebenden Aals. Das ist ein Irrtum; nicht deshalb, weil der Aal uns eine Information liefern kann, die man vom Stahlstab erwartet hätte, sondern weil der Stahlstab in Wirklichkeit nicht mehr liefert, als es offensichtlich der Aal tut. Der springende Punkt ist nicht, dass Aale in Wirklichkeit starr sind, sondern dass Stahlstäbe in Wirklichkeit sich schlängeln wie ein Aal.“

    Die Frage, wer Valery erschlagen hat, kann vielleicht gar nicht abschließend beantwortet werden. Weil es vielleicht keiner getan hat, denn Täterschaft und Urheberschaft sind Begriffe, die ganz auf ein klassisches Geschichtsverständnis fußen. Vielleicht war es nicht der eine oder der andere, sondern die Menge der Umstände, die vielen kleinen Kugeln und vorhergehenden Ursachen und Verkettungen.

    Metallstangen sind aber nur eins von vielen Motiv, die der Text anbietet. Es sind weit anspruchsvollere dabei. Da wäre, und das ist dann etwas für die Exegeten unter den Lesern, die Auffassung von Zeit. Auch das Thema Träume ist interessant oder die Funktion der Hündin Uljana. Es gibt genügend Motive, die als Verbindungen fungieren und den Text zusammenhalten.

    Clemens Setz hat eine sehr poetische Sprache: da werden schöne kleine Beobachtungen gemacht, etwa wie ein Mann „allein ein weißes Tandem schob“; da ist die Rede von einem Landgasthaus „aus dessen Schonstein ein Paar Skier ragen“; „Jede Geschichte aus der Sicht eines Badezimmerspiegels ist eine Liebesgeschichte“. Sehr kluge Einsichten, wie diese: „Mit der Möglichkeit mich zu bewegen, kam die seltsame Notwendigkeit, hin und wieder völlig still zu liegen, auszuruhen.“

    Was im Buch präsent ist, und das zu Recht, denn es ist ja auch im Leben sehr präsent, ist die „Welt der Männer und die Welt der Frauen“: „Natürlich, sie waren im Allgemeinen friedlicher als Männer, sie waren weniger grotesk, verbittert und von Zwangsvorstellungen zerquält, aber dennoch – die Art etwa, wie sie gleich zu Beginn einer Beziehung Geständnisse einforderten, unentwegt Geständnisse, Beichten und Berichte, vorzugsweise nachts, unter Tränen. Erst dann fühlten sie sich zugehörig und akzeptiert, wenn sie den Männern lange Geständnisse über ihre Vergangenheit abgerungen hatten, denn dann konnten sie dem Leben, das der Mann bisher geführt hatte, ohne sie, leichter vergeben, und sich einreden, sie wären die Erste und die Einzige.“

    Das ist eine höchst gelungene Maschine, die Clemens Setz uns hier vorstellt. Es ist aussichtslos, die vielen kleinen Bewegungen dieser Maschine bis ins letzte Detail beschreiben zu wollen. Viele Umstände sind wohl einfach nur um der Schönheit willen dabei und treiben nicht unbedingt mit letzter Konsequenz die Geschichte weiter. Oder vielleicht treiben sie sie auch weiter und man erkennt es erst bei der dritten oder vierten Lektüre. Da wäre zum Bespiel der Brief des Piloten an seine Geliebte zu nennen oder die Anspielungen auf die Literatur, auf Kafka beispielsweise und Rilke. Aus dem bekannten Ausspruch Heraklits – Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss – wird hier „Wenn sie bei mir war, trank Lydia nie zweimal aus demselben Glas.“

    Das changiert ganz eigenartig zwischen Komik und Bildung. Und genau da ist Clemens Setz auch exzellent angesiedelt. Er ist urkomisch und ernst gleichermaßen. Und das ist ein gutes Verhältnis. Komik muss es ernst meinen, sonst wirkt sie schnell lächerlich.

    Und ja, bevor ich es vergesse, auch Clemens Setz hat ein Motiv. In dem Roman ist nämlich recht häufig von einer weiteren Stange die Rede: dem männlichen Geschlechtsteil, das, wie Russel das so schön beschrieben hat, mal wie ein Stange und mal wie ein Aal ist. Wer hier wen liebt oder begeht, wer wen belauert, wer wen erschlägt und mit welchem Motiv: das ist nicht immer zweifelsfrei aufzuklären, weil ursächliche Verantwortungen in einer Rub-Goldberg-Maschine nicht endgültig zu klären sind. Sicher ist nur eins, nämlich gerade das, was der Klappentext so erratisch erscheinen lassen möchte. Der Autor, heißt es dort, erscheine an der einen oder anderen Stelle höchstpersönlich im Text. Und dann macht man sich vielleicht auf die Suche. Dabei ist das ja nun wirklich offensichtlich. Clemens Setz hat nämlich Mathematik und Dichtung studiert.

    Dazu gibt es jetzt einen Exkurs: „Der entwendete Brief“ von Edgar Allan Poe. Ein Brief, der pikante und kompromittierende Details über ein amouröses Verhältnis verrät, wird von einem Dritten entwendet, der die betroffene Frau damit erpresst. Da es sich bei dieser Frau offenbar um ein Mitglied der Königsfamilie handelt, und bei dem Dieb und Erpresser um einen Minister, ist bei der Angelegenheit höchste Geheimhaltung vonnöten. Der Polizeipräfekt wird eingeschaltet und in den Nächten, die der Minister nicht in seinem Palais verbringt, wird das ganze Haus auf den Kopf gestellt. Obwohl die neuesten Ermittlungsmethoden angewandt werden, findet die Polizei den Brief nicht. Diese Geschichte zerfällt in zwei Teile. Im ersten Teil wird die akribische Suche beschrieben und im zweiten Teil wird beschrieben, wo der Brief versteckt war und warum die Polizei ihn nicht hat finden können. Bei dem Minister handelt es sich um jemanden, der sowohl von Mathematik – Logik und Rationalität – als auch von Dichtkunst – Emotionalität und Irrationalität – etwas versteht. „Ich kenne ihn gut. Er ist beides. Als Dichter und Mathematiker konnte er richtig überlegen, als bloßer Mathematiker hätte er vielleicht überhaupt nicht vernünftig denken können und wäre so eine Beute des Präfekten geworden.“

    Wo hat der Dieb den Brief denn nun versteckt, wenn wirklich alles von der Polizei auf den Kopf gestellt wurde? „ … umso mehr kam ich zu der Überzeugung, dass der Minister, in der Absicht, den Brief zu verstecken, zu dem klugen und sinnreichen Mittel gegriffen hatte, überhaupt keinen Versuch zu machen, ihn zu verstecken.“

    Wo hat Clemens Setz sich in seinem Roman versteckt? Er hat einfach, weil er Mathematiker und Dichter ist, zu dem sinnreichen Mittel gegriffen, überhaupt keinen Versuch zu machen, sich zu verstecken: An den wichtigen Stellen des Romans bekommen die wichtigen männlichen Personen von den wichtigen weiblichen Personen, wie man im Deutschen sagt, einen geblasen. Wir dürfen mit Sicherheit davon ausgehen, dass ein gewisser österreichischer Schriftsteller in allen Fällen gleichermaßen der Begünstigte ist.

    Haha! Das hat ja einen Höllenspaß gemacht! Vor allem die Eingebung mit den abschließenden Formulierungen. Auch wenn ich daraufhin den halben Text noch einmal habe umschreiben müssen. Aber das war‘s wert.

    P.S. Clemens Setz liest am 03. 03. 2010 in Berlin um 19.30 Uhr in der Österreichischen Botschaft, Stauffenbergstraße 1, 10785 Berlin aus seinem Roman. In einer klassischen chronologischen Maschine ist das übrigens schon Morgen.

    Clemens Setz, Die Frequenzen
    Residenz Verlag
    720 Seiten
    EUR 24,90
    ISBN: 9783701715152