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  • Aléa Torik: Ich hatte bereits angekündigt, meine Präsenz im Netz zu reduzieren. Ich werde weiterhin Beiträge einstellen, seltener als bisher. Die Kommentarfunktion ist deaktiviert. Ich bedanke mich bei allen, die hier regelmäßig mitgeschrieben und dafür gesorgt haben, dass das ein spannendes und...
  • Aléa Torik: Lieber Christian, ich glaube, ich habe einen Ort für den Essay. Ich bin nicht ganz sicher, ich habe eine positive Mail bekommen und auch erfreut geantwortet, dann aber keine Reaktion mehr bekommen. Aber wenn es wahr ist – wenn es tatsächlich wahr sein sollte … dann hören Sie...
  • Christian: liebe Alea, apropos Essay: freue mich schon auf Ihren Essay zu David Foster Wallace den Sie hier vor Kurzem erwähnten. Gibt es schon einen Termin und Ort für die Veröffentlichung? liebe Grüße Christian
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  • NO: Alea Torik, Das Geräusch des Werdens, und Maddox, der verrückte Hund(e) Zurück aus den USA und noch ein Letztes: Maddox. Maddox, na ja. Ganz lustig. Ein Überempfindlicher, der in Masken und mit Zylinder herumläuft, der wie ein Bauchredner nicht mit den Menschen selber spricht, sondern nur...
  • Phorkyas: Liebe Alea, dieses Kommentarfeld hier hatte ich übersehen. Das ist eine sehr runde Sache geworden, Ihr Roman, wie ich finde – das lange Leiden und Feilen hat sich also gelohnt. Mir hat die Beschreibung von Marijans Mobilitätstraining sehr gefallen. Ich weiß nicht, ob Sie das schon...
  • Aléa Torik: Lieber Avenarius, vielen Dank für die wohlmeinenden Worte. Die tun mir mehr gut als Sie glauben mögen. Ich werde weitermachen, weil es auch für den nächsten Roman wichtig ist. Und ich werde wohl die Kommentarfunktion deaktivieren. Das ist eine schwierigere Entscheidung als man...
  • avenarius: Liebe Alea, im Verhältnis zu Ihrer vorherigen Präsenz haben Sie sich bereits aus dem Netz zurückgezogen. Aber warum sollte ein Blog nur wegen verminderter Aktivität aufgegeben werden. Ich würde weiterköcheln – auf Sparflamme. Frohe Ostertage wünscht - avenarius
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  • Azadeh Sepehri: Warum denn?
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, ich überlege, die Kommentarfunktion gänzlich auszuschalten. Ich habe mich aber noch nicht entschieden. Aléa
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  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, ich schlage vor, wir warten bis zur Veröffentlichung davon, was im Januar 2013 der Fall sein wird, und dann kann jeder entscheiden, was mein richtiger Name ist, was das richtige und das falsche Verhalten war. Herzlich Aléa
  • Azadeh Sepehri: Interessant. Ich dachte, Sie schreiben unter Ihrem “richtigen” Namen.
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, „Nehmer“ und „Geber“: Nehmen ist ja auch leichter als geben. Sein Recht in Anspruch zu nehmen ist leichter als einer daraus resultierenden Plicht zu entsprechen. Dass Recht und Pflicht so eng miteinander verbunden sind, dass sie dasselbe sind, auseinander hervorgehen,...
  • Aléa Torik: Lieber Holio, Sie können hier gerne mit Ihrem Meißel klopfen. Und ich habe auch nichts dagegen, wenn dabei etwas anderes herauskommt als ich das beabsichtigt habe. Soviel verstehe ich von Literatur, um zu wissen, dass die Autorin eine Interpretation unter anderen hat. Es stehen, sowie...
  • Aléa Torik: Lieber NO, auch für mich sind Lydijakapitel und Aufzählungskapitel die beiden Höhepunkte dieses Romans. Es sind wohl auch die beiden schwierigsten Kapitel. Das Zentrum des ganzen Textes ist sicher das Aufzählungs- oder Berlinkapitel. Das war geplant als eine Beschreibung des...
  • avenarius: Liebe Alea, ja natürlich, es gibt immer eine Macht. Macht bedarf, ganz anders als die Gewalt, keinerlei Rechtfertigung, “da sie allen menschlichen Gemeinschaften immer schon inhärent ist. Hingegen bedarf sie der Legitimität. Macht entsteht, wann immer Menschen sich zusammenfinden...
  • Aléa Torik: Lieber Ave Narius, ich bin da, soweit ich sehe, völlig einverstanden. Nur mit dem „Medusenhaupt der Macht“ habe ich Schwierigkeiten: es muss eine Verfassung geben, eine Legislative, und dann muss es auch eine Executive und eine Judikative geben. Es muss eine Macht geben und sie muss...

  • 10 Juli 2011

    Rezensierte Gedichte und andere: „wesentlich aufgelöst und gebildet“

    Ich hatte Anfang des Jahres angekündigt, dass ich mich vermehrt um Lyrik, vor allem aber um Literatur aus Rumänien bemühen werde. Das hat gedauert, in diesem Jahr dauert alles etwas länger, dafür geht die Zeit schneller vorbei. So kommt‘s wieder ins Lot.

    Dass ich mir ein nahezu unauffindbares Druckwerk, „Rezensierte Gedichte“ von Günther Schulz vornehme, hat auch biografische Gründe. Schulz kommt aus Siebenbürgen, aus derselben Ecke wie ich auch. Er hat diese Ecke verlassen und ist ins runde Berlin übergesiedelt, wie ich auch. Er beschäftigt sich mit Identität, wie ich auch. Es sind sowohl lebensgeschichtliche als auch literaturwissenschaftliche Interessen, die nach persönlicher, kultureller Identität als auch nach der eines Sprachkunstwerks fragen.

    Günther Schulz hat Theologie und in diesem Rahmen auch Philosophie studiert. Vielleicht, oder sogar gewiss nicht, weil er werden wollte, was er dann vorübergehend wurde, Pfarrvikar nämlich, sondern weil man in Rumänien, und daher kommt er, an dieser Fakultät fast unbehelligt, und, was in repressiven Systemen weit wichtiger ist, fast unbeschattet bleibt und man dort noch unter natürlichem Lichteinfall studieren und sich bilden kann: lumen naturale, lumen supranaturale.

    Der Sammlung Gedichte ist sozusagen ein Vorwort mitgegeben, Lektürehinsicht nannte man das einmal, ein mehrseitiger essayistischer Text, der dem Band den Namen gibt, indem er die Gedichte rezensierte nennt. Und der in der Überschrift bereits anklingen lässt, worum es dann auch sich dreht: Re-Zensur. Was sie aber streng genommen nicht sind. Er, Günther Schulz, greift vor – oder nach -, indem er, was andere womöglich übersehen, wenn sie die Exponate „nur“ ästhetisch genießen wollen, da sie den Zusammenhang nicht verstehen, in dem sie entstanden sind und auf den sie reagieren. Sie sind 1968 / 69 in Rumänien geschrieben. Ein Jahr später ist Günther Schulz in die Bundesrepublik ausgewandert. Von Wandern kann allerdings nicht die Rede sein: er ist geflogen. Er hat von seinem Land und seinen bekanntesten Vertretern, von Herrn Ceauşescu und der Securitate, einen Tritt in den Hintern bekommen. Und eine Spritze in den Arm. Auch wenn die Flüssigkeit in der Spritze wohl keinen Wirkstoff – oder „contre la variole“ ein Antipocken-Wirkstoff – enthalten hat, die Wirkung, dass man vor Angst stirbt, die hatte es dennoch. Angst, die bei manchen, die ähnlich behandelt wurden, lebenslang nicht abgebaut werden konnte. 1971 erschien dieser Band Gedichte in einer vom LCB herausgegebenen Edition.

    Der Autor geht in seinem Vorwort, in seiner dem eigenen Werk, den Produktionsbedingungen und dem Produkt nachstellenden, einer Rezeption vorauslaufenden Rezension, auf den möglichen Einwand des Lesers ein, einer anscheinend fehlenden kritischen Auseinandersetzung mit den politischen Verhältnissen der damaligen Zeit in Rumänien, dem Regime. Er weist auf zwei Bedingungen hin, unter denen diese Gedichte entstanden sind. Da ist einmal „Zwang und Zensur“, er nennt es „eine ideologische Uniformierungskampagne, die dem Denken keine Wahl, der Meinung keine Abweichung, dem Zweifel kein Recht, dem Widerspruch kein Pardon, dem Erkenntnisprozeß weder Spielraum noch Bedenkzeit einräumte“. Eine Situation, die „der Literatur ein Engagement abnötigten, das sich aufs Ausschmücken der vorgegebenen Thesen beschränkte, entfremdeten […] den Schriftsteller seiner Arbeit.“

    Zweitens weist er darauf hin, dass diese Gedichte in Rumänien in seiner Muttersprache, also auf Deutsch entstanden sind, geschrieben von einem rumänischen Staatsbürger. Als Angehöriger einer Minderheit liegt die Bandbreite der eigenen Reaktionen zwischen Integration und Emigration. Nach dem Endes des Krieges und unter den Bedingungen der stalinistischen, später nationalkommunistischen Diktatur erschien Deutschland, also Westdeutschland, als Projektionsfläche aller materiellen und politischen Utopien: „In dieser Brechung erschien die Existenz in Rumänien unfrei und schlecht und West-Deutschland als materielle, nationale, politische und zivilisatorisch-kulturelle Utopie.“

    „Der aufs Indirekte, Verschlagene, Angedeutete eingespielten Apperzeption  bedeutete zum Beispiel auch noch das ausweichende, realitätsflüchtige von was anderen als von den sozialen, politischen Realitäten Sprechen Auseinandersetzung damit, oder zumindest, im indirekten Verständnis, negative Reaktion auf die jahrelang abverlangte dekorative Bejahung.“

    Anschrift

    diese furcht- und flucht-
    zerissenen zungen
    tabakgebeizt
    speichelbefleckt
    mit allerhand wasser
    verflucht zerbissen besungen
    erschreckt

    nach vater- und
    land befragt
    nach omen und nomen
    alles in allem:
    nie eine sache
    immer nur sätze ein band
    immer nur fallen und ratten
    der weißhaarigen mutter-
    sprache aus dem schwarz-
    haarigen schatten
    gefall’n

    aus gebot und verboten
    erinnern und ahnen
    aus anderen worten gelernt
    verdichtet versiegelt gebucht
    die anschrift
    im gordischen knoten
    von stürzenden spiegeln
    allen wandernden orten
    entfernt und an allen
    gesucht

    Hier lässt sich am leichtesten erahnen, was es heißt in einer Diktatur zu leben. Und das als Schriftsteller, dessen Tun ein Schreiben, dessen Schreiben ein Denken und dessen Denken ein Durchdringen sein sollte: der muss sich die Zunge abbeißen „diese furcht- und fluch-zerissenen zungen … verflucht zerbissen besungen“.

    Vaterland und Muttersprache: das ist in der Regel kein Widerspruch, da man im Vaterland die Muttersprache spricht. Die übliche familiäre Geborgenheit eben. Es wird dann jedoch eine besondere Situation, wenn man mit seiner Muttersprache fremd im eigenen Land ist, weil da eine andere Sprache, eine Fremdsprache gesprochen wird. Man ist dort fremd, wo die Heimat ist. Auch dann noch, wenn man, schizo-bilingue, das Rumänische spricht. Man spricht dann eine andere Sprache. Man selbst spricht die Fremdsprache, nicht der andere. Man selbst ist Fremder. (Aber der Andere ist nicht man selbst.) Man ist fremd im Eigenen. Eine andere Sprache sprechen heißt nicht, andere Vokabeln für dasselbe zu nutzen, sondern: sich nicht verständlich machen zu können. Wer das nicht kann, der ist ausgegrenzt. Ausgegliedert. Rumänien: Das ist die eigene Gegend, das eigene Land, die eigenen Straßen und die eigenen Götter, die in den eigenen Gebirgen hausen. Man ist mittendrin. Und genau deswegen sitzt man in der Falle. Man ist Ratte.

    Die wandernden Orte: wenn der Ort nicht mehr ist, wo er sein sollte. Und das ist bei den Siebenbürger Sachsen so, sie haben die Kontrolle über ihren Ort, ihr Land, dieses Siebenbürgen, lange verloren. Auch deswegen haben so viele dieses Heimatland verlassen, als es möglich war: weil das eigene fremd geworden ist. Und das zieht einen weiteren Schritt nach sich: wenn das fremde anfängt das eigene zu werden. Normalerweise ändert man seinen Aufenthaltsort. Man selbst ändert sich nicht, indem man den Ort wechselt und die beiden Orte, der alte und der neue, verändern sich ebenfalls nicht: Es bleibt alles so wie es ist. In dem vorliegenden Fall ist das anders. Wenn der Ort sich bewegt, ist eine Anschrift natürlich sinnlos. Man ist, wo immer man ist, unerreichbar.

    Schöne Beobachtung: Welche Haarfarbe man hat, im Schatten, im Schattendasein, im beschatteten Dasein, verliert man sie, diese eine der wenigen Möglichkeiten zur Individuation. Der Schatten betreibt seine Gleichmacherei: dort hat man immer schwarzes Haar. Selbst das weit entfernte Gegenteil, das weißhaarige, wird zu schwarz. Im Schatten wird man immer angeschwärzt.

    —————————————————————

    Negatives Gedicht auf den Heimgang

    von unserem langen gewürme-geschwärme
    von unserer erbärmlich belämmerten herde
    von uns keine spur

    wir sind ja nur:
    gevögel gedärme getier

    wir haben nur erde gefressen
    wir haben traumlos vergessen
    wir affen wir raben wir schlangen

    wir sind im wasser gegangen
    oder im wind sind wir sind
    alles verschollen verlassen verfangen
    alle vergessen gegangen

    wir papageien wir echsen wir bären
    wir aalen olmen menscheln chimären
    o daß wir doch seien und wären
    nicht sind:

    fische im see
    wölfe im schnee
    vögel im regen und
    würmer im wind

    aber wir haben alles vergessen
    wir haben unsere spuren gefressen
    wir flo wir schwa
    wir schwie wir sa
    wir sind verloren gega
    wir sind verlo
    wi si

    Negatives Gedicht: Unter dem Staats- und Kulturpolitischen Gebot und Zwang zur Positivität ist ein Negatives Gedicht eine direkte Provokation. Vermutlich entstanden in Auseinandersetzung mit der aufdringlichen Figur des sozialistischen „Bestarbeiters“, russisch Stachanowist, rumänisch „fruntasch in productie“. Das waren in den sozialistischen Planwirtschaftsbetrieben „ Helden der Arbeit“ mit dem roten Wimpel am Arbeitsplatz, die vorgesetzten Vorbilder, die Beispiele des Positiven.

    Wir sind die Herde. Wir sind die Tiere. Und doch sind wir es nicht: Von uns keine Spur. Indem wir vergessen, fressen wir unsere eigenen Spuren. Unsere Hinterlassenschaften. So endet es oder wir enden so: wir können nicht einmal mehr die Worte erinnern, derer wir bedürfen, um das Elementarste herauszufinden und zu beschreiben: wer wir sind. Auch wenn wir wissen wer wir sind – das was wir nicht sind: „daß wir doch seien und wären“ – es reicht nicht, um uns selbst zu bezeichnen. Wir können nur beklagen, dass wir die Tiere sind. Das wir nicht einmal erinnern, Menschen zu sein. Und am Ende wissen wir nicht einmal mehr das. Und selbst wenn wir es wüssten, uns fehlen die Worte es zu formulieren.

    ——————————————————————

    Nachruf
    einem 26-jährigen
    Sanitäter in Waldhütten-Siebenbürgen
    hinter dem Wald

    laut
    hinter den apfelbaumbergen
    bellen die füchse
    in die sächsische strohfeuernacht

    und in heimlicher mundart
    träumt östlich
    der schnee

    dort ist:
    schon bald vor vier jahr
    mein großer bruder verschieden
    auf einem maisblättersack

    im waldhüttenfrieden
    an deutschen utopien verschieden
    mit seiner rumänischen lieben
    verscholl’n

    und jetzt holt sich endlich im winter
    ländlich
    das weiße vom himmel herunter
    hinter den wäldern
    am rande der welt
    sein transsylvanisches dorf

    (ich hätte vorausschicken soll’n:
    als er noch jünger war
    hat dort mein großer bruder protestiert
    zur zeit der schweine-
    schlacht vielleicht sogar
    gegen die kälte)

    Man fragt sich, warum die letzte Strophe, die auch noch in Parenthese daherkommt, sagt, dass etwas hätte vorausgeschickt werden sollen. Die Strophe steht also an der falschen Stelle. Und vermutlich steht sie da, weil sie an der falschen Stelle richtig ist. Weil es der richtige Ort für die falsche Stelle ist. Manchmal muss man Sachen im Leben tun, von denen man weiß, dass sie falsch sind. Aber man weiß auch, dass es richtig ist sie zu tun. Dass man sie tun muss. Weil es nicht um richtig und falsch geht, sondern um einen Metaebene. Was ist das für eine Ebene in diesem Gedicht? Was hätte vorausgeschickt werden sollen? Wäre es vorausgeschickt worden, wäre die Strophe in dieser Form ja ausgefallen. An der richtigen Stelle wäre sie nämlich falsch gewesen. Diese Information ist eine, die nur unter dem Vorzeichen der Verneinung gültig ist.

    Wenn das, was vorausgeschickt hätte werden sollen, nachgestellt wird – wenn einem nachgestellt wird? – dann hat es an dem anderen Ort auch eine andere Bedeutung. Worte haben ja, je nachdem wo sie stehen, eine andere, eine verschiedene Bedeutung. Aber welche?

    Der ältere Bruder als er noch jünger war: er ist verschieden. Woran verschieden? Oder wovon verschieden? Von dem jüngeren Bruder? Oder von sich selbst als er noch jünger war? Dann hingegen heißt es, er sei verschollen. Verschollen sein, das ist ein alltägliches Schicksal junger Männer im Krieg. Also nicht verschieden. Scholle ist ein Fisch. Scholle ist auch das Stück Erde auf dem man aufgewachsen ist. Schollen sind auch die Eisstücke, die im kalten Wasser treiben. Und kalt ist es in dem Gedicht ja.

    An deutschen Utopien verschieden: Welche das wohl gewesen sein mögen? Vielleicht seine eigenen, vielleicht der Traum von Deutschland? Ein u-topos – kein Ort. Weil unerreichbar? Das alles gibt es nicht: es gibt keine Apfelbaumberge, keine Strohfeuernacht, keinen Maisblättersack, keinen Waldhüttenfrieden. Und gegen das Schlachten von Schweinen zu protestieren, ist sinnlos. Ein sinnloser Protest. So sinnlos wie gegen die Kälte zu protestieren.

    Man holt nur noch das Weiße vom Himmel, nicht mehr das Blaue. Das Blaue wird bekanntlich vom Himmel gelogen, das Vielversprechende Blaue vom Himmel.

    Bei diesem Gedicht wäre wohl eine richtige Analyse vonnöten, die Rhythmus und Reim beachtet, die Metrik, etc. Aber das kann ich hier nicht leisten.

    ———————————————————–

    KOMM:

    steig ein wenig unwirklicher
    über meine treppe
    ein wenig möglicher
    du kannst ruhig stolpern
    aber bitte mach keinen lärm

    wir spielen dann noch blinde kuh
    fuchs geht herum mundhalten
    kopfzerbrechen
    oder rote handschuh
    wenn es dir passt

    könntest du fliegen
    ich könnte mir vorstelln
    wir würden

    aber was heißt schon beweis
    möglicherweise

    möglicherweise
    weißt du dass ich weiß
    daß du weißt
    möglicherweise
    ist das ein beweis

    Was heißt schon Beweis? Blinde Kuh, Fuchs geht herum, Mundhalten, Kopfzerbrechen, Rote Handschuh. Das sind Kinderspiele. Und doch sind es keine. Die ersten beiden sind es. Die zwei folgenden sind Spiele von Erwachsenen. Was ist das dritte? Was heißt schon Beweis?

    Was heißt schon Beweis? Wofür und wogegen braucht es einen Beweis? Für eine Tat oder ein Vergehen? Möglicherweise ist das auch einerlei, wofür oder wogegen. Es lässt sich alles so oder anders drehen und wenden und was heute für einen spricht, spricht morgen schon gegen einen. Was heißt schon Beweis?

    Was heißt schon Beweis? Der Beweis ist kein zwingender Beweis. Wozu so hart mit den Dingen und den Umständen umgehen? Ein möglicher Beweis ist in manchen politischen Verhältnissen schon ausreichend. Er kann Kopf und Kragen kosten. Aber was will man schon mit seinem Kopf oder seinem Kragen? Was will man mit solchen relativen Werten wie Schuld oder Unschuld die morgen ja etwas ganz anderes bedeuten könne als heute, weil man heute ja noch nicht das Kriterium von morgen kennen kann. Jenes Kriterium, das Gut von Böse scheidet und wahr von falsch. Was heißt schon Beweis?

    Was heißt schon Beweis? Die Möglichkeit, dass es so oder anders ist. Das ist der Beweis. Möglicherweise. Das reicht vollkommen aus. Was heißt schon Beweis?

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    WOLKEN

    fliegen tanzen schwimmen
    Spielarten:
    „was wir sind
    schon sind wir es nicht mehr!“

    seit Jahren
    bewegt es mich: das Problem
    der Identität
    der Wolken

    (oder die Schwierigkeit
    der vernünftigen Ausbildung
    einer solchen)

    die Wolken
    (scheint es nicht zu bewegen)
    bewegen sich zwar nach dem Wind
    doch nicht so sehr
    nach der wechselnden Mode ihrer Betrachtung

    vorübergehend
    wesentlich aufgelöst und gebildet
    scheinen sie nur – wie Worte: Fassungen
    Versionen zu sein

    (Formsache:
    reine Erscheinung Wendung Bewegung)

    „Identität der Wolken“: Sie haben keine. Oder das identische ist, dass sie einander nicht identisch sind. Sie sind klassifizierbar. „Wir verlassen das Identische um es darzustellen“ heißt es bei Novalis. Die Wolken verlassen sich auch. Sie zerstieben, sie verregnen, sie zerlaufen.

    „die Schwierigkeit einer vernünftigen Ausbildung einer solchen“: Identität nämlich: das klingt, als gäbe es allerhand unvernünftige Ausbildungen, die auszubilden keine Schwierigkeit ist.

    „was wir sind, schon sind wir es nicht mehr“: will heißen, dass wir es nicht lange sind. Nicht lange genug, um es zu begreifen. Um es auszuschlachten. Und es zu klingender Münze zu verarbeiten. Wir sind‘s nur so lange, bis wir es begriffen haben. Wir sind es, indem wir es nicht sind. Die Wolken sind das Vorbild dieser Identität die keine ist.

    „seit Jahren bewegt es mich: das Problem der Identität“: In der Bewegung ist keine Identität, denn wir verlassen das identische, wenn wir uns bewegen. Genaugenommen passen die starre Identität und die Bewegung nicht zusammen. Das hat einen komischen Anklang. Es ist wie mit den Spiegeln, wir treten aus uns heraus, um uns zu betrachten. Um uns in einer Weise zu betrachten, als seien wir nicht aus uns herausgetreten, sondern noch vollständig. Entzweit betrachten wir uns als seien wir mit uns identisch. Identisch aber ist lediglich das Abbild.

    Identität hat einen Hang zur Vollständigkeit. Wir sind mit uns identisch, wenn uns nichts fehlt. Das Fehlen ist ein Mangel und der Mangel ist die Bedrohung der Identität. Dabei ist es vielleicht umgekehrt. Die Verdoppelung ist die Bedrohung des mit sich identischen, denn erst darin, in der Spiegelung und in der Reflexion ist die Identität gefährdet. Aber vielleicht ist es auch erst die Gefährdung, die die Identität sicherstellt. Die Unsicherheit, die eine Garantie zur Sicherheit gibt.

    Wir bilden vernünftige Identitäten aus. Die Ausbildung einer unvernünftigen Identität: das wär‘s!

    ——————————————————-

    BLACK BOX

    „der Schnee ist weiß”:
    ist wahr dann und nur dann
    wenn der Schnee weiß ist

    wir beobachten
    was beobachtbar ist
    echt objektiv

    die schwarze Kiste zum Beispiel
    im Schnee
    schwarz auf weiß
    im lautlosen Hinterhof

    was drin ist
    dort vorgeht
    und ob überhaupt
    sehen wir nicht

    es könnte ein Sarg sein
    nur noch nicht abgebeizt
    anthropophag

    oder ein Zauberschrank:
    weiße Ratten schwarze Tauben
    eine weibliche Leiche

    Trickkiste
    voller blutrünstiger Schemen
    aber das – ist Spekulation

    schwarz auf weiß
    steht die Kiste im Hinterhofschnee
    keiner weiß
    wer was loswerden wollte:

    ausgedientes Volksgefängnis
    überflüssige Melancholien
    Persönlichkeitsinventar: Kinder
    dürfen nicht damit spieln

    bis Mittwoch mit großem Hallo
    die Müllmänner kommen
    geübt in der Kunst verschwinden-zu-lassen
    gut sichtbar orange
    wenig neugierig
    sehr effektiv

    Ich will es nicht interpretieren, nichts dazu sagen, nichts zu der Farbgebung, nichts zu der Idee, die Melancholie in einer Kiste verschwinden zu lassen, auch hier ist die Kunst der Differenz höher zu bewerten als die der Identität – Schnee ist dann weiß, wenn er weiß ist -, weil die Identität ohne Aussage ist. Keiner kommt auf die Idee die Kiste aufzumachen, obwohl die Nachbarn in Städten, und in Dörfern auch, vor allem eins sind: neugierig. Die Müllmänner wollen nicht, die Kinder dürfen nicht. Zu all dem sage ich nichts.

    Ich sage lediglich, dass ich die zentrale Aussage des Gedichts in der Zeile finde: „eine weibliche Leiche“. Ich könnte mir da auch keinen toten Mann vorstellen. Bei einem Mann fragte man sich sogleich, wer ihn umgebracht hat. Und wie? Vor allem: warum stellt man die Leiche in den Hinterhof? Eigentlich müsste man sie im Keller einbetonieren. Bei einer weiblichen Leiche fragt man sich das nicht. Man sieht sie durch den Sargdeckel hindurch auf rotem Samt liegen. Mucksmäuschenstill und mausetot. Die Müllmänner kommen und nehmen sie mit.

    Sie binden den Sarg oben auf dem Dach des Müllautos fest. Das sieht nicht schön aus. So packen sie die Leiche aus und legen sie auf den Rücksitz des Müllautos. Aber dort macht sie die Müllmänner nervös. Tot oder nicht tot, sie lag nackt in dem Sarg und nackt liegt sie nun auf dem Rücksitz. Also halten sie vor einem Supermarkt, kaufen eine Vorratspackung Zellophan, wickeln sie in die transparente Folie ein und stellen sie an den Straßenrand. Gegen Abend kommt ein distinguierter älterer Herr, schaut sie sich genau an und findet sie ganz ungeheuerlich schön. Er nimmt sie mit nach Hause, legt sie in sein Bett und versucht, Liebe mit ihr zu machen. Seine Versuche bleiben erfolglos, was allerdings mehr seinen eigenen körperlichen Unzulänglichkeiten zuzuschreiben ist als den ihren. Am nächsten Tag, bitter enttäuscht, bringt er sie wieder fort. Er stellt sie an eine Kreuzung wo sie recht zügig einen interessierten Abnehmer findet. Auch diesem zeigt sie die kalte Schulter. Auch er bringt sie wieder fort. Er stellt sie in das Schaufenster eines großen Bekleidungshauses, wo sie einige Zeit dafür sorgt, dass Zellophan die gesamte Frühjahrskollektion bestimmt. Monatelang gibt nur noch transparente Kleidung zu kaufen. Dann bricht jemand in der Nacht ins Kaufhaus ein, er nimmt sie in den Arm. Er liegt ihr zu Füßen. Er betet sie an. Die anrückende Polizei, nimmt den Mann fest. Und die Frau auch. Sie kommt ins Frauengefängnis, die Presse bekommt Wind von der Sache, sie wird wieder freigelassen, das Ganze ist der Gefängnisdirektion peinlich, man will sie loswerden und stellt sie an eine Straßenecke, wo an einem windigen Tag ein paar Kinder vorbeikommen und mit dem Finger auf sie zeigen. Es kommt ein Künstler, der sie anmalt, um die Brüste herum und die Schultern. Es kommt einer, der sie küsst, einer, der Lieder für sie singt, einer der weint, einer lächelt, einer erzählt ihr eine Geschichte, weil er vermutet, dass sie gerne eine hören möchte und dann erzählt er ihr noch eine zweite. Am nächsten Morgen ist sie weg. Es ist nur noch das eine Ende der Folie da. Man nimmt ihre Spur auf, man folgt der Zellophanfolie, an dessen anderem Ende muss sie sein. Man folgt ihr, indem man die Folie aufwickelt, man wickelt immer schneller, es wickeln immer mehr Leute, es entsteht eine Hysterie, alle wickeln mit, alle sind verwickelt, alle wollen sie wiedersehen. Aber es bleibt bei diesem Wunsch. Es war Endlosfolie.

    ——————————————————————-

    Der Autor Günther Schulz geht, so hat er das in seiner Vorrede bezeichnet, einen Weg in die Sprache. Er nimmt sich, wie viele Dichter, irgendwann das Werkzeug vor, mit dem er die Dinge bearbeitet. Die Sprache. Die großen Dichter sind die, die den Weg in die Sprache gesucht, und den Weg wieder zurückgefunden haben. Oder kann man nicht zurückfinden? Und die großen sind die, die dort verschollen sind?

    Das Werkzeug des Schriftstellers sind nicht Hammer noch Meißel. Anders als beim Gewehr, wo man die Objekte totschießt, schießt man mit der Sprache die Objekte lebendig. Das ist die Jagd nach Bedeutung. Schreiben nannte der Autor in einem Interview mit sich selbst einmal „eine spitzfindige Art, sich hinterrücks für ein vereiteltes Lebensglück zu entschädigen, d. h. Kapitulation vor dem Gegebenen und Flucht ins Belletristische zu erlesenerem Genuß – oder aktive Weigerung, sich mit dem, was ist, glücklich abzufinden“.

    In einem Roman Eginald Schlattners, dem Maler siebenbürgischer Panoramen, in „Das Klavier im Nebel“ ist das wohl bekannteste Gedicht Günther Schulz‘ abgedruckt, „Nachruf einem 26-jährigen Sanitäter in Waldhütten-Siebenbürgen hinter dem Wald“  Er war Mitarbeiter der „Neuen Literatur“, jener, unter deutschsprachigen Rumänen bekannten deutschsprachigen Literaturzeitschrift der, wie sie damals hieß, Sozialistischen Republik Rumänien.

    In der neusten Ausgabe der „Spiegelungen – Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas“ (Heft 1, 2011, München) von Peter Motzan und Stefan Sienerth sind neue Gedichte von Günther Schulz zu lesen, unter anderen die beiden mit denen ich diesen Artikel beschließe. Was ich eingangs gesagt, vor allem zitiert habe, gilt für die beiden letzten Gedichte wohl nur noch eingeschränkt. Sie stammen aus neuerer Produktion. Aber ganz vergessen kann man Unterdrückung und Destruktion wohl nie.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.