12 Mai 2010
Wir betreten das Feld der Fiktion
Manche Bücher werden durch das Schreiben zu großen Büchern. Andere werden durchs Lesen groß und wieder andere werden es erst, indem sie dem Vergessen anheimfallen. Die meisten Bücher jedoch bleiben für immer was sie sind. Und das ist ihr Glück.
„Verse auf Leben und Tod“ lautet der Titel eines schmalen Buches von Amos Oz. Es gehört zur letzten der genannten Kategorien. Es will vermutlich auch nicht mehr. Es wollen nämlich nicht alle Bücher groß werden, manchen reicht es das zu sein, was sie sind. Roman steht draußen dran, aber drin ist eine Novelle. Vermutlich kannte der, der die Gattungsbezeichnung auf den Umschlag geschrieben hat, die obige Unterscheidung nicht. Die ist ja auch erst eine halbe Stunde alt.
Ein bekannter Schriftsteller – der einzige in diesem Buch, der keinen Namen trägt – geht zu einer Lesung, seiner eigenen nämlich, und muss nicht einmal selbst lesen, es gibt eine Vorleserin. Während Rochele Resnik den Text vorträgt, macht der Schriftsteller das, was Menschen seines Berufsstandes manchmal tun: er beobachtet die Leute. Er greift sich einige der Anwesenden heraus, er nimmt die konkreten Gegebenheiten, ihre Gesichter, ein Husten und ein Lachen, und dichtet daraus kleine Episoden und oder gleich ganze Lebensgeschichten. Er tut das, was bei anderen Anlass zur Skepsis geben mag, bei Schriftstellern aber gut fürs Renommee ist: er phantasiert sich was zusammen.
Nach der Lesung begleitet er die Vorleserin nach Hause. Sie ist eine schüchterne, nicht wirklich schöne, aber dennoch attraktive Person. Er unternimmt einen halbherzigen Versuch in ihre Wohnung zu kommen, lässt sich dann aber an der Türe abweisen. Sie hat Ausreden parat, warum sie ihn nicht in ihre Wohnung lässt: die Vorhänge sind in der Wäsche und der Büstenhalter hängt über der Stuhllehne; außerdem handelt es um einen gepolsterten BH und das ist ihr peinlich. So dreht der Mann sich auf dem Absatz um und schlendert stattdessen in der fremden Stadt umher. In Gedanken kehrt zu den Leuten der Lesung zurück. Er führt fort, was er während der Lesung begonnen hatte, sein „Gaunermetier“: er spinnt ihre Lebensgeschichten weiter. Und schließlich kehrt er auch noch einmal zur Vorleserin zurück. In seiner Phantasie, wo aus der realen Rochele die imaginäre Rachel wird.
Er klopft, sie öffnet. Die sich unverzüglich anschließende Liebesszene ist die mit Abstand intensivste Stelle dieses Buches. Die beiden bleiben beim „Sie“, sie kennen einander nicht so gut, dass sie zum vertrauteren „Du“ wechseln möchten. Sie brauchen den Abstand zueinander, der auch ein körperlicher ist: sie beugt ihren Oberkörper weg, damit er ihre kleinen Brüste nicht bemerkt, er den Unterkörper, damit sie seine mangelnde Erregung nicht wahrnimmt. Gerade dadurch gewinnt diese Szene eine große Intensität. Der eigentliche Akt jedoch misslingt. Der Schriftsteller ist nicht so erregt, wie er sich das wünscht, seine Erektion ist jedenfalls nicht von Dauer. Er flieht vor dieser Peinlichkeit. Ich rufe Sie an, sagt er als er Hals über Kopf mitten in der Nacht aus ihrer Wohnung verschwindet. Beide wissen, dass er sie nicht anrufen wird. Er hat ja nicht einmal ihre Nummer.
Warum macht der Schriftsteller das? Er hätte sich hier zum großen Liebhaber aufschwingen können. Warum stattdessen dieses Scheitern und die Peinlichkeit? Seine erste Phantasie an diesem Abend betraf eine Kellnerin, der er ein Verhältnis mit einem Ersatztorwart (das erste Verhältnis Liebesverhältnis ihres Lebens und da schon nur ein Ersatz!) andichtet und der er den Namen Riki gibt. Das ist die Frau mit der er Sex haben will, nicht die Vorleserin. Deswegen geht die Sache schief.
Diese Differenz zwischen dem, was man haben will und dem was man haben kann: das ist der wesentliche Punkt. Diese Differenz ist eine Asymmetrie und genau das erregt den Mann an dieser Riki, die Asymmetrie ihres Slips. Diese Differenz ist entscheidend für den Einsatz der Phantasie. Dadurch kommt das eigentliche Thema des Buches zuwege, mit dem es auch begann, die Fragen, die der Schriftsteller bei Lesungen immer wieder hört und die er sich selbst auch stellt: „Warum schreiben Sie? Warum gerade in dieser Weise? Wollen Sie Ihre Leser verändern, und wenn ja – in welchem Sinne? Welchen Zweck verfolgen Ihre Geschichten? Streichen und verbessern Sie ständig, oder schreiben Sie alles auf einmal aus einer Eingebung heraus?“ Und noch viele andere dieser Art.
Das ist oft eine, wenn nicht die zentrale Frage für Schriftsteller und Schriftstellerinnen, „Warum schreibst du?“ Diese Selbstvergewisserung ist es auch, die Künstler von andreren Berufsgruppen unterscheidet. Sie ist die zentrale und oft quälende Frage eines jeden (?) Künstlertums, wahrscheinlich ohne je auf eine befriedigende Antwort zu stoßen. Denn Künstler suchen ja keine Antwort, sie suchen ihre Beschreibung. Könnten sie die Frage beantworten, würden Sie es tun. Und dann würden sie etwas Sinnvolleres tun, Brückenbauen oder Entwicklungshilfe in Afrika. Aber sie können nur mit ihrem Werk Antwort geben. Die Suche nach dem konkreten „Wie“ der jeweiligen Figuren ist immer auch die Suche nach dem „Warum“ ihres Schöpfers: Warum schreibst du? „Auf diese Fragen gibt es spitzfindige Antworten und ausweichende. Einfache und direkte gibt es nicht.“
Das ist ja das Furchtbare im Leben, das es nicht so läuft wie es laufen sollte. Die Differenz, dass das Leben eben nicht so ist, wie es sein könnte, was sich manchmal, wie bei Rochele – oder ist es Rachel? – auf eine einzige Vorstellung verdichtet. Die zu klein geratenen Brüste können einem das Leben nicht ruinieren. Aber der Gedanke daran kann es: „Hätte ich Brüste wie meine Mutter und meine Schwester, wäre mein Leben ganz anders verlaufen.“ Das ist nicht unbedingt wahr. Wahr aber ist, dass man so etwas als wahr empfinden kann. Und wahr ist auch der Schmerz des Schriftstellers, der weiß, dass es sich für die Figur genauso verhält. Und das all das, was er sich da zusammenreimt, genauso ist: da draußen, wo die Menschen das Leben genießen, an ihm verzweifeln oder es einfach nur hinnehmen wie sie alles andere auch hinnehmen würden. Aber alles andere ist eben nicht greifbar.
Dass es im Leben nicht so läuft wie es laufen könnte, das ist allerdings nicht nur das Furchtbare am Leben – jedenfalls für den, der einen Plan hat – sondern auch das Großartige und das Spannende. Dass das Geworfene hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt, diese, wie ich damals fand, etwas profane Erkenntnis Heideggers hatten wir hier schon einmal. Diese Differenz jedenfalls – die für viele nur schwer zu ertragen ist und der Ursprung des Phantasierens – machen sich die Schriftsteller und Künstler im Allgemeinen gerne zunutze.
Aus der realen Rochele wird die imaginäre Rachel: ganz so einfach wie gerade behauptet, ist es ja nun doch nicht: denn eine reale Rochele ist gar nicht greifbar. Wir, wir alle und nicht nur die Schriftsteller, machen uns permanent unsere Phantasien zu anderen. Die reale Rochele: das ist in Wahrheit eine fiktive Figur, der wir niemals begegnen. Es gibt sie zwar, diese realen Personen – es sind jene, die uns vollkommen gleichgültig sind – sowie wir aber von diesem fundamentalen Desinteresse abweichen und uns für jemanden zu interessieren beginnen, ist es vorbei mit der Realität und wir betreten das Feld der Fiktion. Und dieses Feld, dass muss jedem bewusst sein, der sich die Welt zusammenfiktionalisiert, diese Welt ist eine biografisch gefärbte, denn die Phantasie, mittels derer wir die anderen beschreiben, ist unsere eigene.
Beim Schreiben sieht man seinen Figuren zu, beim Scheißen und beim Schämen, und eigentlich will man das alles gar nicht sehen. Am Ende muss man sich womöglich dann noch über sie beugen und sie trösten. Und dann äußern die Figuren auch noch solche Sachen wie: „Entschuldigung, es ist nur so, dass ich mich ein bisschen vor Ihnen schäme.“
Ich ende diese kleine Besprechung, indem ich die letzten Sätze aus dem Aufsatz, „Der Dichter und das Phantasieren“ von Sigmund Freud zitiere: „Vielleicht trägt es sogar zu diesem Erfolge nicht wenig bei, dass uns der Dichter in den Stand setzt, unsere eigenen Phantasien nunmehr ohne jeden Vorwurf und ohne Schämen zu genießen. Hier stünden wir nun am Eingange neuer, interessanter und verwickelter Untersuchungen, aber, wenigstens für diesmal, am Ende unserer Erörterungen.“
Amos Oz, Verse auf Leben und Tod
Suhrkamp Verlag 2009
ISBN 978-3-518-46084-9
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema - Oz, Amos : Verse auf Leben und Tod, Lessons & Lectures, voluminös | Eintrag von Aléa Torik | um 20:45 eingtragen | Kommentare: 5 | Kommentieren











