24 Juni 2012
Die Securitate und Oskar Pastior
Ich war gestern auf der Oskar Pastior Tagung im Literaturhaus in der Fasanenstraße: Versuchte Rekonstruktion – Die Securitate und Oskar Pastior – Symposion. Nachdem vor zwei Jahren entdeckt wurde, dass Pastior sich vierzig Jahre zuvor von der Securitate hatte anstellen lassen – geführt als IM Otto Stein -, er einen Wisch unterschrieben hat, diese diktierten Verpflichtungen, Informationen abzuliefern, und in der Folge tatsächlich auch sechs Berichte abgeliefert hat, kam es zu einem Skandal. Das ist hier in der Presse breit diskutiert worden, ich wiederhole das nicht. Seither versucht die Oskar-Pastior-Stiftung den Grad seiner Verstrickung herauszufinden. Erschwerend kommt die sehr unglückliche und wohl von viel Neid gekennzeichnete Auseinandersetzung und Polemisierung Dieter Schlesaks hinzu, der Pastior, wenn ich recht erinnere, antirumänische Tendenzen bescheinigt hatte, die in der Behauptung gipfelten, ihn, Pastior, träfe durch seine Spitzeltätigkeit die Mitschuld am Selbstmord Georg Hoprichs; Vorwürde, die in Zusammenhang damit zu sehen sind, das Pastior seinerseits Schlesak viele Jahre zuvor bescheinigt hatte, minderwertige Lyrik zu verfassen. Schlesak hat seine Behauptungen, Pastior sei Teil des Securitate-Systems, nie untermauern oder beweisen können und ist auch allen Aufforderungen der Stiftung, seine Vorwürfe mit Akten zu belegen, nicht nachgekommen. Die Pastior Stiftung versucht nun auf eine moralisch – ethisch einwandfreie Weise, sich mit den Vorwürfen auseinanderzusetzen. Es waren viele Leute von der Presse eingeladen und es wurde wiederholt um kritische Fragen gebeten.
Am Vormittag wurden jene Vorträge gehalten, die sich um die Forschungssituation drehten, von Stefan Sienerth, Ernest Wichner und Corina Bernic. Es wurde über die langwierige und teilweise sehr schwierige Aktenlage beim Consiliul Național pentru Studierea Arhivelor Securității – Nationaler Rat für das Studium der Archive der Securitate – und über die Ergebnisse und die derzeitige und vorläufige Bewertung – es wurde durch Klaus Ramm, den Vorsitzenden der Stiftung, beim BND und einer zweiten Einrichtung (den Namen habe ich leider vergessen) und durch Herta Müller bei der CIA – berichtet. In den verschiedenen Archiven der BRD sind keine Information vorhanden und die letzte Reaktion der CIA steht noch aus. Die Situation in Bukarest ist schwierig, als akkreditierter Forscher bekommt man zwar die volle Akteneinsicht, allerdings sind derzeit mehr als hundert Kilometer Akten unsortiert und es wird, wenn es bei der derzeitigen finanziellen und personellen Lage bleibt, auch noch Jahrzehnte dauern, bis alle Akten systematisiert und frei zugänglich sind. Zusammenfassend lässt sich derzeit sagen: es sieht nicht danach aus, als habe Pastior sich einer moralischen Verfehlung schuldig gemacht, indem er denunziatorische Aktivitäten entfaltet hat; er hat sich keiner Verfehlung schuldig gemacht, außer jener, überhaupt seine Unterschrift unter ein solches Papier gesetzt zu haben.Alle sechs aufgefundenen Berichte stammen aus der Zeit umittelbar nach seiner Anwerbung. Es gibt eine Notitz eines Offiziers, die besagt, dass man Otto Stein, weil er zu Mitarbeit nicht geeignet sei, nicht weiter behelligen wolle. Zu diesem Faktum der moralischen Schuld hat es einen heiß diskutierten Vortrag gegeben, der Versuch einer Einordnung mittels normativer Kriterien durch Sabina Kienlechner.
Der zweite Teil des Symposiums, der Nachmittag, war bestimmt durch eine literarische Annäherung an Oskar Pastior. Verkürzt gesagt: muss man, weil es neue Erkenntnisse über die biografische Situation Pastiors gibt, auch eine Werke anders lesen? Wie schlägt sich diese biografische Situation in seinen Texten nieder, wie die Angst vor Entdeckung? Es gab den Versuch einer oulipobiographischen Annäherungen durch Jacques Lajarrige, und abschließend einen grandiosen Vortrag von Michael Lentz, bei dem ich nicht wusste, ob ich lachen oder weinen oder einfach zuhören sollte. Das war sowohl performativ – Stimme, Modulation und eine Art Ganzkörpereinsatz – als auch intellektuell sehr beeindruckend. Ausgesprochen reich an Assoziationen und überaus komplex, griff er wiederholt in verschiedene Sprach- und Wissensregister. Ich muss den Aufsatz noch einmal nachlesen, so schnell kann ich nicht denken, wie er sprechen kann. Lentz machte den Versuch einer Konstruktion, ähnlich einer rhetorischen Figur, und vermutete, dass es neben den Personen Oskar Pastior und Otto Stein, neben der biografischen eine bedrohende, neben der echten eine fiktive Person gegeben hat; dass es nicht nur diese beiden Personen gegeben hat, sondern darüber hinaus noch eine dritte Person oder Instanz habe geben müssen, die auf die beiden anderen geachtet und sie vereint habe, denn, so die durchaus provokante These Lentz’: der Untergang der einen Person wäre auch immer der Untergang der anderen gewesen. Zwischendurch fragte er einmal, ohne eigentlich seinen Vortrag und Redefluss zu unterbrechen: „Wie viel Zeit habe ich noch? – „Alle Zeit“, sagte jemand. Lentz antwortete: „Herrlich. Ich bin auch gerade gut drin!“ Das war er allerdings und weiter ging‘ auf der Achterbahn der Assoziationen. Das war aber auch ein herrlicher Vortrag, und, das muss nicht in den Hintergrund treten, ein gutaussehender Mann!
Kannte Oskar Pastior das Gefühl, frei zu sein? Frei vom „Ekelkomplex“ Securitate? Frei von Angst und, sehr viel wichtiger, frei von Schuld? Oder musste, was er einmal in einem Gedicht formulierte, für alle Zeit am Horizont bleiben, unerfüllbar, eine Wunschphantasie, weil, was die Wünsche uns vorgaukeln, nie erfüllbar ist, sonst müssten wir ja mit dem Wünschen aufhören, wir müssten mit dem Schreiben aufhören, was genauso schlimm ist, denn wir wünschen ja schreibend und schreiben wünschend; eine Phantasie, von der Schriftsteller immer träumen, intensiver vielleicht als von allem anderen: „Jetzt kann man schreiben was man will“.
Das war auch für mich persönlich ein guter und schöner Tag. Die Rumänenclique ist nicht riesig, man kennt sich oder man ist kurz davor sich kennenzulernen. Ich habe meine potentielle Übersetzerin kennengelernt, Corina Bernic, die Das Geräusch des Werdens gelesen hat und sehr angetan ist. Es gibt noch keinen Verlag, aber Corina lebt in Bukarest und kennt die Szene dort sehr gut. In der kommenden Woche veranstalten wir ein schönes konspiratives Treffen und dann sehen wir weiter. Mit ihr habe ich richtig Glück: sie ist die Übersetzerin von Oskar Pastior, natürlich!, und Herta Müller. Besser hätte ich es nicht treffen können.
Im November 2012 wird voraussichtlich bei Text und Kritik ein Sammelband mit den Vorträgen der Tagung herauskommen. Die Gesamtausgabe der Werke Oskar Pastiors finden Sie, herausgegeben von Ernest Wichner, im Hanser Verlag.
Hier der Bericht in der taz. Hier die FAZ.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema - Oskar Pastior, Lessons & Lectures | Eintrag von Aléa Torik | um 12:05 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren











