04 Januar 2012
„I would prefer not to“
Am liebsten lese ich Romane. Geschichten mag ich nicht so gern, Kurzgeschichten, Erzählungen oder Short Stories. Allerdings sind die leichter zu lesen als ihre dicken Verwandten. Wahrscheinlich sind sie auch leichter zu schreiben und vor allem leichter zu verstehen. Damit haben wir schon drei Gründe, die gegen diese Textgattung sprechen!
„Bartleby, der Lohnschreiber“ ist wohl die bekannteste Erzählung von Herman Melville. Diese Geschichte ist zum Zeitpunkt der Erzählung bereits vergangen und in ihrer Entwicklung abgeschlossen. Sie wird dem Leser aus der Perspektive eines älteren, namenslosen Anwalts berichtet, der sich als wenig ehrgeizig, aber zuverlässig bezeichnet. Bartleby war einer seiner Angestellten, zuständig für das Kopieren von Akten. Seinen Aufgaben kommt er einige Tage lang in vorbildlicher Weise nach: „Er betrieb sein Geschäft Tag und Nacht, kopierte bei Sonnenschein und Kerzenlicht“. Dann allerdings hört er sukzessive zu arbeiten auf und beantwortet alle Nachfragen mit derselben Antwort, die ein wenig variiert, aber nie erklärt oder begründet wird: „Es ist mir eigentlich nicht genehm“. In einer anderen Übersetzungen steht „Ich möchte lieber nicht“. Das Original lautet: „I would prefer not to“. Er verweigert sich der Arbeit. Dem Anwalt, obwohl keineswegs ein kalter und berechnender Vertreter der Gattung Mensch, bleibt nach verschiedenen Versuchen ihn zur Arbeit zu bewegen, nichts anderes übrig als Bartleby zu entlassen. Da der Schreiber aber außer den Räumen der Kanzlei keinen anderen Aufenthaltsort hat, geht er eben nicht. Mehrfach scheitert der Versuch, Bartleby zum Verlassen der Räume zu bewegen. So zieht schließlich der Anwalt mit seiner Kanzlei um und Bartleby bleibt als Vermächtnis dem nächsten Mieter. Auch dann kümmert sich sein Mentor noch um ihn. Der Schreiber aber beantwortet weiterhin alle Einlassungen seines Gönners mit der stereotypen Bemerkung: „I would prefer not to“. Schließlich lässt ihn der Hausherr wegen Hausfriedensbruch in die Tombs einliefern. Auch dort ist ihm sein Mentor noch zugetan. Bartleby allerdings hat nur diese Antwort auf alle Invektiven: „I would prefer not to“. Wenige Tage später stirbt er. Der Anwalt, der etwas über die Motive dieses Menschen erfahren möchte, findet heraus, dass sein ehemaliger Schreiber vorher bei der Post gearbeitet hatte, in der Abteilung für unzustellbare Briefe, ein, wie es im Englischen heißt, Dead Letter Office.
Auffallend sind zwei gegenläufige Tendenzen, nennen wir sie Gleichartigkeit und Differenz oder Gemeinschaft und Abgeschiedenheit, Anziehung und Abstoßung.
Zur ersten Tendenz gehört der hohe Grad an Übereinstimmung zwischen Arbeitgeber und Angestelltem. Beide Figuren schienen keinerlei Privatleben zu haben. Nicht nur Bartleby hat keine Kontakte zur Außenwelt, auch sein Arbeitgeber hält sich beinahe nur in der Kanzlei auf. Außer einem Besuch der Trinity Church, der dann nicht zustande kommt, erfahren wir nichts über sein Privatleben. Als er einmal mehrere Tage nicht zur Arbeit geht, heißt es von ihm, „Während dieser Zeit lebte ich eigentlich fast ausschließlich in meinem Kutschwagen.“ So wie sein Angestellter ausschließlich in den Räumen der Kanzlei lebt. Nur einmal ist von seinem Zuhause die Rede, am Schluss, als die Zuneigung des Anwaltes – sagen wir lieber: die Gleichartigkeit zwischen den beiden Männern – ihren Höhepunkt erreicht und er seinem Angestellten anbietet, mit zu ihm nach Hause zu kommen. Die Ähnlichkeit betrifft nicht nur die Menschen, sondern auch die Räumlichkeiten: das spätere Gefängnis und die Kanzlei werden mit ähnlichen Worten beschrieben, der Blick ist beschränkt von Ziegelmauern.
Die gegenläufige Tendenz ist die Andersartigkeit. Die Kanzlei ist durchdrungen vom Geist der Ambivalenz. Die beiden Angestellten werden als sprunghaft in ihrem Verhalten beschrieben, der eine ist vormittags zuverlässig, was Punkt zwölf ins Gegenteil umschlägt, der andere ist zur selben Zeit unzuverlässig, Mittags schlägt auch er ins Gegenteil. Ihre alternierenden „Launen“ werden allerdings als „sinnig“ bezeichnet: es kommt zu einem Gleichgewicht. Auch der Anwalt ist von dieser Ambivalenz geprägt. Zu welchem Verhalten er sich gegenüber Bartleby auch durchringt, immer spricht etwas dagegen. Sodass er schließlich gar nichts unternimmt. Er denkt über Bartleby nach, aber er kann sich nicht zu einem Verhalten durchringen und ringt er sich schließlich doch durch, setzte er es nicht um. Setzt er es aber um, kommt es zu keinem Erfolg. Er liest zwei Bücher mit gegenläufigem Inhalt „Über den Willen“ und „Über die Notwendigkeit, kann sich aber erneut nicht durchringen und glaubt schließlich, dass genau dies sein Schicksal sei. Diese Ambivalenz wird kontrastiert durch das Verhalten Bartlebys. Zwar ist es unverständlich, weil es keinerlei Einsicht oder Introspektion in die Figur gibt; aber von Unsicherheit, Zweifeln oder Zögern, von einer vorübergehenden Laune kann nicht die Rede sein. Er scheint seiner Sache absolut sicher.
Bartlebys Schicksal scheint von Anfang an klar: „bläßlich adrett, bemitleidenswert anständig, rettungslos verloren“, heißt es bei seinem ersten Auftritt. Er arbeitet einige Tage, dann beginnt er mit seiner Verweigerung, die ohne Ausnahme als sehr „sanft“ bezeichnet wird. Er gibt keine Erklärung für sein Verhalten. Aber er ist nicht umzustimmen, nicht durch Argumente und auch nicht durch das Verständnis des Anwalts, also durch die Artikulation der Gemeinsamkeit. Was den Anwalt irritiert, so scheint es, ist das Fehlen der sonst allgegenwärtigen Ambivalenz. Es sieht geradezu so aus, als habe der Schreiber eine Art Recht, ein Naturrecht, so zu sein und sich so zu verhalten, obwohl es gegen alle Vernunft spricht. Er ist sich scheinbar seiner Sache absolut sicher, bis in den Tod. Es gibt keinen erkennbaren Zweifel, für den Anwalt nicht und für den Leser auch nicht. Es ist eine generelle, unerklärliche Verweigerung, die immer weiter um sich greift, vom Korrekturlesen über das Kopieren bis zum Essen und schließlich in einer Lebensverweigerung endet.
Der Anwalt kann dieses Verhalten nicht interpretieren, er hätte ihn bereits eher vor die Türe gesetzt, „wäre ich etwas normal Menschlichem darin gewahr geworden“. So wird ganz konsequent Bartleby schließlich auch beschrieben als „Kreatur“, „Gespenst“ und „Inkubus“. Nun ist die Ablehnung aller Tätigkeiten sicher kein Grund, einem Menschen das menschliche abzusprechen. Es sei denn, das genuin menschliche wäre für den Anwalt eben jener Zwiespalt: Ambivalenz als das Zeichen des Daseins. Als man ihm am Ende andere Arbeitsmöglichkeiten anbietet, lehnt der Schreiber diese Angebote dreimal mit den Worten ab: „ich bin nicht wählerisch“. Er ist es sogar so wenig, dass er überhaupt nicht wählt. Wählen kann man auch nur dann, wenn man zwischen zwei Dingen wählen kann. Wenn alles eindeutig ist, ist eine Wahl tatsächlich nicht möglich.
Briefe, die keinen Adressaten haben, sind Dead Letters: Was einer einem anderen mitteilen wollte, das findet zu dem zweiten nicht hin und zum ersten nicht zurück. Es braucht beide Pole, den Sender und dem Empfänger, damit es zu einem Austausch kommen kann. Briefe, die keinen Adressaten und keinen Absender haben, die nirgendwoher kommen und nirgends hingehen, die keine Vergangenheit und auch keine Zukunft haben.
Die Räumlichkeiten der Kanzlei sind in zwei Teile geteilt und obwohl Bartleby zu den Angestellten gehört, wird er in jenem Teil untergebracht, in dem der Anwalt sitzt, hinter einem Paravent, und „auf diese Weise waren, sozusagen, Abgeschiedenheit und Gemeinschaft in eins gebracht“. Das ist das Menschsein: „Abgeschiedenheit und Gemeinschaft in eins gebracht“. Das ist sozusagen die Ambivalenz: wir sind immer beides, manchmal sogar beides zugleich. Wir sind in bestimmten Dingen und Umständen von den anderen abgeschieden, wir sind vereinzelt und wir sind immer auch Teil einer Gemeinschaft, einer Bürogemeinschaft, einer Glaubensgemeinschaft oder auch nur der Gemeinschaft der Menschen. Wir gehen nie vollständig in der Vereinzelung oder in der Gruppe auf.
Man könnte das auch etwas provokanter formulieren (das Blog liegt ja schon seit einiger Zeit recht tot herum, vielleicht kann ich noch mal einen oder einen anderen aufrütteln mit einer provokanten These; aber wer richtig tot ist, lässt sich vermutlich auch nicht mehr mit These zum Leben provozieren) : Wer sich nicht widersprüchlich verhält, sondern eindeutig, der ist nicht zu verstehen. Weil Verständnis zwar auf der Grundlage einer Gemeinsamkeit funktioniert, der hier genannten ersten Tendenz, – wenngleich das Wort im Deutschen nicht allein einen intellektuellen, sondern auch einen emotionalen Bedeutungshof hat, der allerdings hier nicht gemeint ist – wichtiger aber ist zweite Tendenz: die Differenz.
Das Eindeutige kann gar nicht verstanden werden, weil die Grundlage eines jeden Verständnisses die Möglichkeit ist, es misszuverstehen! Ich sage nicht, dass das richtig ist, ich sage bloß, dass das provokant ist. Wenn ich hier bloß richtige Dinge formulieren müsste, könnte ich ohne Schwierigkeiten hundert Einträge am Tag einstellen. Aber das ist ja ein Blog für Fortgeschrittene. Die einfache Trennung von richtig und falsch ist eben etwas für Anfänger.
Bei Kommentaren: beide Worte eingeben.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema - Melville, Herman : Bartleby, voluminös | Eintrag von Aléa Torik | um 18:31 eingtragen | Kommentare: 17 | Kommentieren











