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  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • 23 August 2009

    Die Laune des Lesers

    Warum sollte man einen Text wie die Penthesilea heute noch zur Kenntnis nehmen? Der Mythos ist zweitausendfünfhundert Jahre alt, die Bearbeitung durch Kleist immerhin noch zweihundert Jahre. Ob man nun den größeren oder den kleineren Zeitraum in Betracht zieht, muss man zugestehen: es hat sich seither einiges verändert. Die Frauen heutzutage amputieren sich nicht mehr die Brüste. Sie lassen sie sich vielmehr verschönern. Auch ihre Waffen sind nicht mehr dieselben, aus Pfeil und Bogen sind Dekolleté und Minirock geworden. Außerdem ist die Sprache des Dramas antiquiert und der Satzbau sperrig, was die Lektüre gelegentlich etwas mühselig macht. Und gelegentlich mühselige Lektüre ist der Laune des Lesers in der Regel nicht förderlich. Warum sollten wir das also heute noch zur Kenntnis nehmen?

    Weil womöglich Phylogenese und Ontogenese, die Entwicklung des Geschlechts und die eigene individuelle Entwicklung, nicht sehr weit auseinander liegen. Weil uns zweihundert oder zweitausend Jahre nicht vor der Erfahrung bewahren, dass wir uns unsere Sexualität nicht so einrichten können wie es uns gefällt. So wie wir uns andere Räume unserer Existenz einrichten, mit einem hübschen Teppich und den passenden Gardinen. Die Erfahrung, dass wir unserem Begehren ausgeliefert sind und dass die immer gleiche Zelle mal karg und mal königlich ausgestattet ist. Die Erfahrung, dass wir dieses Begehren nicht einfach abstellen können, weil der andere nicht so will, wie wir wollen. Oder der andere will, was wir nicht wollen. Wenn er vor der Türe steht, Einlass begeht und wir sie ihm vor der Nase zuschlagen. Vielleicht mit Verständnis, vielleicht aber auch mit voller Wucht.

    Weil womöglich Identität nichts Starres ist, sondern etwas, was einer sich permanent erarbeiten muss. Weil auch die Grenzen sich verschieben. Grenzen, die einbrechen. Und die man dann wieder errichten muss. Oder die man einreißen muss, weil sie sie sich von alleine aufrichten. Weil Identität etwas ist, an dem man lebenslang laborieren muss, dass man verfertigen und verfestigen muss. Weil wir uns notgedrungen an andere wenden müssen und wir gerade dann mit dem eigenen Selbst konfrontiert werden. Mehr als wenn wir allein zu Hause hocken und unsere Einsamkeit kultivieren.

    Weil womöglich die Erfahrung, jemanden zu begehren und zu lieben – nicht anders zu können, als zu lieben, auch wenn es einem nicht gut tut, sogar, wenn es alles andere mit einem tut, außer guttun -, weil eine solche Erfahrung zu machen, machen zu müssen, einem guttut. Die Erfahrung der Ausweglosigkeit. Wo man nur noch erleiden kann. Und hoffen, dass die Verletzungen und Blessuren, an denen man, wie Achill, sogar sterben kann, dass man es irgendwie übersteht.

    Weil womöglich jede und jeder sich jederzeit positionieren muss: zwischen männlichen und weiblichen Verhaltensweisen, zwischen den eigenen Wünschen und Vorstellungen, zwischen dem, was möglich und dem, was nicht möglich ist, zwischen Hoffnung und Verzweiflung und zwischen tausend anderen Umständen. Weil womöglich das etwas ist, was wir alle bis zum Ende unseres Lebens tun müssen: uns positionieren.

    Und weil man all dies bei Kleist lernen kann.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    22 August 2009

    Wie Männer Weiber lieben

    Ich bekomme die Amazonenkönigin nicht aus dem Kopf. Dabei habe ich den Kleist gegriffen, weil ich mir seinen Amphitryon anschauen wollte. Und dann bin ich unbeabsichtigt bei der Penthesilea hängen geblieben.

    Als Achill zu Prothoe sagt, dass er sich in Penthesilea verliebt habe, fragt sie, die nicht sofort versteht: „Wie? Was war das?” Und Achill antwortet:

    „Beim Himmel, wie! Wie Männer Weiber lieben;
    Keusch und das Herz voll Sehnsucht doch, in Unschuld,
    Und mit der Lust doch, sie darum zu bringen.”

    Kleist, Penthesilea, Zeile 1522 f.

    Das kann man nicht weiter kommentieren. Das kann man sich nur übers Bett hängen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    21 August 2009

    Mein gewürfelter Grabstein

    Die folgenden drei Zeilen aus der Penthesiliea kommen auf meinen gewürfelten Grabstein.

    „Mein Alles hab ich an den Wurf gesetzt;
    Der Würfel, der entscheidet, liegt, er liegt:
    Begreifen muss ich – - und daß ich verlor.”

    Heinrich von Kleist, Penthesilea, Zeile 1304 f.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    19 August 2009

    Nicht aber wanke in dir selber mehr

    Wir haben womöglich kein einheitliches Köperbild, aber wir wissen zumindest um die Grenzen unseres Körpers. Nur lässt sich aus einer schnöden Grenzerfahrung noch kein einheitliches Selbstbild erstellen. Obwohl wir es ja sind, dieses Selbst, bekommen wir es nicht richtig zu fassen. Wir bekommen es nicht zu greifen, zu begreifen: außer im Bild von uns. Aber wir wissen auch, wir ahnen es, dass das Bild von der Sache nicht mit der Sache selbst identisch ist. Erst recht nicht, wenn wir nur das Bild haben.

    Ich zitiere ein weiteres Mal Prothoe, die mir immer besser gefällt, ihre Sprache und ihre Bilder und Handlungen, vor allem ihre Freundschaft zur Penthesilea.

    „Sinke nicht,
    Und wenn der ganze Orkus auf dich drückte!
    Steh, stehe fest, wie das Gewölbe steht,
    Weil seiner Blöcke jeder stürzen will!
    Beut deine Scheitel, einem Schlußstein gleich,
    der Götter Blitzen dar, und rufe, trefft!
    Und laß dich bis zum Fuß herab zerspalten,
    Nicht aber wanke in dir selber mehr,
    Solang ein Atem Mörtel und Gestein,
    In dieser jungen Brust, zusammenhält”

    Kleist Penthesilea, Zeile 1348 f.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 August 2009

    Nichts als ein töricht Herz

    Ich zitiere noch einmal aus der Penthesilea. Prothoe, die sich, als sie erkennen muss, dass Penthesilea nicht anders handeln kann, als wirkliche Freundin erweist. Prothoe gibt keine Ratschläge wie man’s machen könnte. Was auch schlimm wäre, denn Freundschaft spielt sich in einer anderen Dimension ab, in der der emotionalen Nähe. Mit Ratschlägen hingegen hält man sich die Leute vom Leib. Prothoe gibt der Freundin keine Ratschläge wie sie’s gut, oder, schlimmer noch, wie sie’s besser machen könnte.

    Obwohl sie den Grund dafür nicht versteht, versteht sie, dass die Freundin an ihrer Grenze angekommen. Eine Grenze, die sie nicht übertreten kann. Als sie zumindest ahnt, was mit der Königin los ist: dass etwas sie geradezu vernichtet und sie die Freundin gegenüber der Priesterin verteidigt, die nichts davon versteht, geschweige denn, dass einer von ihnen es benennen könnte. Das Gefühl der Liebe ist, sozusagen, neu. Das hat es vor der Individualisierung nicht gegeben: da war, was einer fühlen, denken, tun konnte von allen anderen nachvollziehbar. Aber das ist in der Liebe nicht mehr so. Liebe ist irrational. Das Problem der Objektivität gibt es erst, seit es die Subjektivität gibt. Ein anderer kann das nicht verstehen, was in eines Menschen Brust vorgeht, diese unsäglichen Schmerzen, die die Liebe verursachen kann: „Was in ihr walten mag, das weiß nur sie”

    „PROTHOE
    Nun, wie du willst.
    Wenn du nicht kannst, nicht willst – seis! Weine nicht.
    Ich bleibe bei dir. Was nicht möglich ist,
    Nicht ist, in deiner Kräfte Kreis nicht liegt,
    Was du nicht leisten kannst: die Götter hüten,
    Daß ich es von dir fordre! Geht, ihr Jungfraun,
    Geht: kehrt in eure Heimatflur zurück:
    Die Königin und ich, wir bleiben hier.
    DIE OBERPRISTERIN
    Wie, du Unsel’ge? Du bestärkst sie noch?
    MEROE
    Unmöglich wärs ihr, zu entfliehn?
    DIE OBERPRISTERIN
    Unmöglich
    Da nichts von Außen sie, kein Schicksal, hält
    Nichts als ein töricht Herz -
    PROTHOE
    Das ist ihr Schicksal!
    Dir scheinen Eisenbanden unzerreißbar,
    Nicht wahr? Nun sieh: sie bräche sie vielleicht,
    Und das Gefühl doch nicht, das du verspottest.
    Was in ihr walten mag, das weiß nur sie
    Und jeder Busen ist, der fühlt, ein Rätsel.
    Des Lebens höchstes Gut erstrebte sie.
    Sie streift‘, ergriff es schon: die Hand versagt ihr,
    Nach einem andern noch sich auszustrecken. -
    Komm, magst dus jetzt an meiner Brust vollenden.
    - Was fehlt dir? Warum weinst du?
    PENTHESILEA
    Schmerzen, Schmerzen.”

    Kleist, Penthesilea, Zeile 1270 f.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    15 August 2009

    Kleist und Goethe

    Vor dem geschilderten Hintergrund suchte Kleist einen Platz für seine beiden Figuren. Und auch einen für sich selbst, im Olymp der Literaten, gleich neben Goethe am liebsten, dem er sich mit der Penthesilea „auf den Knien meines Herzens” genähert hatte. In welchem Verhältnis Kleist, der sich angeblich an einer Phimose hatte operieren (amputieren?) lassen müssen, neben dem unbesiegbaren Goethe (außer an seinen Versen) gestanden haben mochte, darüber lässt sich durchaus spekulieren. Goethe jedenfalls hat diese Annäherung von sich gewiesen. Richtige Kerle mögen‘s nicht, wenn die Weiber zu ihnen kommen und ihr Begehren artikulieren. Weil sie das womöglich als zu männlich empfinden, und weil sie dann, da sie selbstverständlich auf eine Trennung von Männern und Frauen bestehen müssen, die weibliche Rolle übernehmen müssten. Und Johann Wolfgang von Goethe in Strapsen: das ist wirklich schwer vorstellbar.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    12 August 2009

    Küßt ich ihn tot?

    Allzu empfindsame Geister sollten sich das Folgende ersparen. Es berichtet von den letzten Momenten im Leben der Penthesilea, in der gleichnamigen Tragödie von Heinrich von Kleist. Hier gibt’s den Text im Rahmen des Gutenbergprojektes.

    Im Krieg um Troja (etwa 1200 Jahre vor Christus), der mit dem Raub Helenas durch Paris begonnen und nach und nach die gesamte Ägäis in Mitleidenschaft gezogen hatte, kommen die Amazonen den von den Griechen bedrängten Trojern zu Hilfe. Dabei geht es nur scheinbar um Helena. Der wirkliche Grund dieses, fast könnte man sagen: dieses ersten Weltkrieges, ist ein wirtschaftlicher. Die Kontrolle über die Durchfahrt durch die Dadanellen und damit einer der wichtigsten Handlungswege dieser Zeit verspricht einen prosperierenden Staat, Reichtum und Wohlstand.

    Mit Penthesilea, der Königin der Amazonen, und Achill, dem griechischen Helden schlechthin, treffen pars pro toto zwei Personen aufeinander, zwischen denen sich der dramatische Konflikt aufbaut. Die enorme Brutalität mit der er sich bei Kleist entlädt, ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass hier nicht nur zwei Menschen aufeinander stoßen, sondern andere, sehr viel machtvollere Umstände.

    Es stoßen mit den Personen zwei Geschlechter aufeinander und zwei Herrschaftsstrukturen: Achill, als Inbegriff der Männlichkeit und nahezu unverletzlich – außer an seinen Fersen -, ist Vertreter des Patriachats, Penthesilea hingegen eine Vertreterin des Matriarchats, vielmehr der Gynäkokratie – der Herrschaft der Frauen -. Außerdem stoßen zwei Kulturstufen aufeinander, die Griechen bilden die Hochkultur unter den Völkern der Ägäis. Das Volk der Amazonen, das aus dem kleinasiatischen Raum stammt, aus dem Kaukasus, gehört hingegen zu den primitiven Völkern. Ohne Männer lebend, überfallen sie, um die Nachkommenschaft zu sichern, andere Völker, rauben deren Männer, zeugen Kinder mit ihnen und schicken deren Väter dann wieder zu ihren eigenen Völkern zurück. Die Jungen werden unmittelbar nach der Geburt getötet oder weggegeben, den Mädchen wird in der Pubertät eine Brust amputiert, damit sie mit Pfeil und Bogen umgehen können. Die individuelle Partnerwahl ist den Amazonen verboten. Eine Amazone muss einem Mann im Kampf begegnen. Wenn sie als Siegerin aus dieser Konfrontation hervorgeht, kann sie mit dem Besiegten tun was sie will. Und was die Amazonen von den Besiegten wollen, ist eindeutig: sie wollen sie lieben; sie wollen mit ihm schlafen. Diese Frauen wollen lieben und geliebt werden, aber die Gesetze lassen dies nicht zu. Liebe ist nur unter dem Patronat der Gewalt denkbar. Und das verstehen natürlich die Gegner im Kampf nicht, dass diese Frauen Gewalt anwenden, weil sie das Gegenteil davon wollen.

    Die Mutter der Penthesilea hatte ihrer Tochter auf dem Totenbett prophezeit, dass sie sich in Achill verlieben werde. Damit steht Penthesilea an einer historischen Zäsur. Denn mit der Liebe, und mit der Sehnsucht nach einem bestimmten Liebesobjekt – also nicht mehr einem Mann, den der Zufall einer Amazone im Kampf zuführt – beginnt Penthesilea ihre Individualisierung. Schlafen kann man zur Not mit jedem, aber lieben kann man nicht jeden. „Ich sage vom Gesetz der Fraun, mich los und folge diesem Jüngling hier”, formuliert sie. Und sie zahlt den denkbar höchsten Preis dafür: sie bezahlt mit ihrem Leben.

    Penthesilea weiß dass sie, sowie sie Achill begegnet, ihn lieben wird. Aber sie kennt das Gefühl der Liebe noch gar nicht. Es trifft sie dann auch mit unerhörter Gewalt. Es trifft sie auf eine Art, die man eher als eine männliche bezeichnen möchte: sie ist rasend vor Begierde. Sie will dieses Liebesobjekt mit aller Macht und Gewalt. Und die wendet sie an, um zum Ziel zu kommen: sie geht bei jeder Gelegenheit mit dem Schwert, dem Dolch und dem Bogen auf ihn los und am Ende sogar mit Hunden und Elefanten. Erst in der 15. Szene lässt sie davon ab, als sie einem Irrtum aufsitzend, sich als vermeintliche Siegerin im Zweikampf mit Achill wähnt. In dieser Situation sind jene Bedingungen erfüllt, die sie versteht: der Gewinn eines Mannes durch seine Überwindung. Sie erzählt Achill die Geschichte der Amazonen und spricht von ihrer Liebe. Sie schaut voll Neid auf die Liebeskultur der Griechen. Sie sehnt sich danach, eine weibliche Rolle zu beziehen und nicht länger mit den maskulinen Attributen ausgestattet zu sein.

    Als Amazone, als Vertreterin ihres Volkes, muss sie Achill, um ihn lieben zu dürfen, unterwerfen. Als Liebende hingegen ist sie dem eigenen Gefühl unterworfen. Und gegen dieses Gefühl, das sich ja auf Achill bezieht, kann sie nicht ankämpfen. Diese einander widersprechenden Umstände bringt sie nicht zusammen. Sowie sie erkennen muss, dass sie einem Schein unterlegen und Achill der Sieger im Zweikampf gewesen ist, und sie Gefangene der Griechen, verliert sie vollständig die Kontrolle über sich und ihr weiteres Tun. Aus dem verlorenen Zweikampf schließt sie, dass sie auch Achill verloren hat.

    Das Schicksal nimmt seinen unerbittlichen Lauf als die Amazonen ihre Königin aus den Händen der Griechen befreien und Penthesilea den Geliebten erneut verliert. Sie, die die Handlung bisher immer weiter getrieben hat und dem Liebesobjekt auf den Fersen (!) geblieben ist, erscheint mit einem Mal lethargisch und willenlos. Achill aber bietet ihr durch einen Boten die Wiederaufnahme des Kampfes an. Durch die Erzählung Penthesileas hat er verstanden, dass eine Amazone sich einen Mann erkämpfen muss. Und weil er auch verstanden hat, dass Penthesilea ihn liebt, und er sie seinerseits, stellt er sich, mit der Absicht zu unterliegen, dem erneuten Kampf. Aber Penthesilea, gerade erst durch den Schein getäuscht, zieht ihm mit dem ganzen „Schreckenspomp des Kriegs” entgegen. Und besiegt ihn. Nachdem sie Achill einen Pfeil durch den Hals geschossen hat, zerfleischt sie ihn auf bestialische Art und Weise.

    Der Grund für diese furchtbare Entwicklung ist darin zu suchen, dass Penthesileas Selbstbild auseinander fällt. Deswegen legt sie erheblichen Wert auf jenes Bild, dass Achill von ihr hat. Als der in jener 15. Szene nach ihrem Namen fragt, geht sie gar nicht darauf ein. Erst als er ihr das Bild zurückspiegelt, das sie sie selbst hat, erst als er ihr dies Selbst bestätigt, nennt sie ihren Namen. Der Name ist ihr ebenso unwichtig wie ihre Funktion als Königin: sie fragt nach ihren Zügen, nach ihrer Eigenheit und nach ihrer Individualität.

    Penthesilea weiß, dass, wenn sie untergeht, die Amazonen ihr folgen werden: „Der Tanäis Asche, streut sie in die Luft”: Tanäis war die Uramazone, die erste Königin. Mit dem Bruch gegenüber dem Vermächtnis und der Verpflichtung der Amazonen den althergebrachten Gesetzen gegenüber, geht dieses Volk unter. Sie weiß, dass sie, in mehrfacher Hinsicht, die Erste ihres Volkes ist. Die Amazonen sind das unterlegene Volk und das Matriarchat das unterlegene Herrschaftsmodell. Nicht, weil die Herrschaft der Frauen schlechter wäre als jene der Männer. Sondern weil die Widersprüche nicht vermittelbar waren: jene Widersprüche von männlich und weiblich, von Gewalt auf der einen und Liebe, Verständnis und Rücksichtnahme auf der anderen Seite, von Außen und Innen, von Selbst- und von Fremdwahrnehmung.

    Ich zitiere die letzten Verse der Tragödie, und die letzten Worte im Leben der Amazonenkönigin. Verse, da Penthesilea erkennen muss, was sie im Rausch getan hat. Dieser letzte, der 24. Auftritt, ist äußerst ergreifend. Penthesilea taumelt, äußerlich wie innerlich. Sie sieht die Leiche des Achill, sie erkennt seine furchtbaren Verstümmelungen. Und sie will wissen, wer das getan hat, sie fordert Rechenschaft für dieses Tun. Sie weiß nicht, dass sie es selbst war: weil sie dieses Selbst nicht findet. Das ist ihr abhanden gekommen und sie muss es erst wiederherstellen. Diese Wiederherstellung ist zu verstehen als ein Zurückgewinnen ihrer Handlungsfähigkeit. Sie stellt ihr Selbst und ihr Selbstbild her, indem sie sich tötet. Und zwar, tatsächlich (!), mit nichts als ihren Worten. In vollkommener Übereinstimmung von Rede und Handlung erschafft sie ihr Selbst: indem sie sich, oder besser gesagt dieses Selbst, vernichtet.

    Wir werden hier Zeugen der wunderlichen Bewusstwerdung einer Tat, der Anerkennung dieser Tat und dem anschließenden Suizid, der mit den Worten beginnt: „Denn jetzt steig ich in meinen Busen nieder”. Diese zehn Zeilen gehören sicher zum Besten, was die deutsche Dramatik zu bieten hat. Da spürt man etwas von der ungeheuren Macht der Sprache. Mehr als einem lieb sein kann.

    Dramatis personae sind: Penthesilea, die erste Priesterin, die Oberpriesterin, Meore und die Freundin Penthesileas, Prothoe. Vor den Füßen der Frauen liegt der blutige Leichnam des Achill.

    „PENTHESILEA
    Was! Ich? Ich hätt ihn -? Unter meinen Hunden -?
    Mit diesen kleinen Händen hätt ich ihn -?
    Und dieser Mund hier, den die Liebe schwellt -?
    Ach, zu ganz anderm Dienst gemacht, als ihn -!
    Die hätten, lustig stets einander helfend,
    Mund jetzt und Hand, und Hand und wieder Mund -?
    PROTHOE
    O Königin!
    DIE OBERPRISTERIN
    Ich rufe Wehe! Dir.
    PENTHESILEA
    Nein, hört, davon nicht überzeugt ihr mich.
    Und stünds mit Blitzen in die Nacht geschrieben,
    Und rief es mir des Donners Stimme zu
    So rief ich doch euch beiden zu: ihr lügt!
    MEROE
    Laß ihn, wie Berge, diesen Glauben stehn;
    Wir sind es nicht, die ihn erschüttern werden.
    PENTHESILEA
    Wie kam es denn, daß er sich nicht gewehrt?
    DIE OBERPRISTERIN
    Er liebte dich, Unseligste! Gefangen
    Wollt er sich dir ergeben, darum naht‘ er!
    Darum zum Kampfe fordert‘ er dich auf!
    Die Brust voll süßen Friedens kam er her,
    Um dir zum Tempel Artemis‘ zu folgen.
    Doch du -
    PENTHESILEA
    So, so -
    DIE OBERPRISTERIN
    Du trafst ihn -
    PENTHESILEA.
    Ich zerriß ihn.
    PROTHOE
    O meine Königin!
    PENTHESILEA
    Oder war es anders?
    MEROE
    Die Gräßliche!
    PENTHESILEA
    Küßt ich ihn tot?
    DIE ERSTE PRIESTERIN
    O Himmel!
    PENTHESILEA
    Nicht? Küßt ich nicht? Zerrissen wirklich? Sprecht?
    DIE OBERPRISTERIN
    Weh! Wehe! ruf ich dir. Verberge dich!
    Laß fürder ewge Mitternacht dich decken!
    PENTHESILEA
    - So war es ein Versehen. Küsse, Bisse,
    Das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt,
    Kann schon das eine für das andre greifen,
    MEROE
    Helft ihr, ihr Ewgen, dort!
    PROTOE ergreift sie
    Hinweg!
    PENTHESILEA
    Laßt, laßt!
    Sie wickelt sich los, und läßt sich auf Knien vor der Leiche nieder.
    Du Ärmster aller Menschen, du vergibst mir!
    Ich habe mich, bei Diana, bloß versprochen,
    Weil ich der raschen Lippe Herr nicht bin;
    Doch jetzt sag ich dir deutlich, wie ichs meinte:
    Dies, du Geliebter, wars, und weiter nichts.
    Sie küßt ihn.
    DIE OBERPRISTERIN
    Schafft sie hinweg!
    MEROE
    Was soll sie länger hier?
    PENTHESILEA
    Wie manche, die am Hals des Freundes hängt,
    Sagt wohl das Wort, sie liebt ihn, o so sehr,
    Daß sie vor Liebe gleich ihn essen könnte;
    Und hinterher, das Wort beprüft, die Närrin!
    Gesättigt sein zum Ekel ist sie schon.
    Nun, du Geliebter, so verfuhr ich nicht.
    Sieh her: als ich an deinem Halse hing
    Hab ichs wahrhaftig Wort für Wort getan;
    Ich war nicht so verrückt als es wohl schien.
    MEROE. Die Ungeheuerste! Was sprach sie da?
    DIE OBERPRISTERIN
    Ergreift sie! Bringt sie fort!
    PROTHOE
    Komm, meine Königin!
    PENTHESILEA, sie läßt sich aufrichten.
    Gut, gut. Hier bin ich schon.
    DIE OBERPRISTERIN
    So folgst du uns?
    PENTHESILEA
    Euch nicht.
    Geht ihr nach Themiscyra, und seit glücklich,
    Wenn ihr es könnt -
    Vor allem meine Prothoe -
    Ihr alle -
    Und – - – im Vertrauen ein Wort, das niemand höre,
    Der Tanäis Asche, streut sie in die Luft!
    PROTHOE
    Und du, mein teures Schwesterherz?
    PENTHESILEA
    Ich?
    PROTHOE
    Du!
    PENTHESILEA
    Ich will dir sagen, Prothoe,
    Ich sage vom Gesetz der Fraun mich los,
    Und folge diesem Jüngling hier.
    PROTHOE
    Wie, meine Königin?
    DIE OBERPRISTERIN
    Unglückliche!
    PROTHOE
    Du willst – ?
    DIE OBERPRISTERIN
    Du denkst -
    PENTHESILEA
    Was? Allerdings!
    MEROE
    Oh Himmel!
    PROTHOE
    So laß mich dir ein Wort, mein Schwesterherz -
    Sie sucht ihr den Dolch abzunehmen.
    PENTHESILEA
    Nun denn, und was? – - Was suchst du mir am Gurt?
    - Ja so. Wart, gleich. Verstand ich dich doch nicht.
    - – Hier ist der Dolch.
    Sie löst sich den Dolch aus dem Gurt, und gibt ihn Prothoe.
    Willst du die Pfeile auch?
    Sie nimmt den Köcher von der Schulter.
    Hier schütt ich ihren ganzen Köcher aus.
    Sie schüttet die Pfeile vor sich nieder.
    Zwar reizend wär es, von einer Seite -
    Sie hebt einige davon wieder auf.
    Denn dieser hier – nicht? Oder war es dieser – ?
    Ja, der? Ganz recht – Gleichviel! Da? Nimm sie hin.
    Nimm alle die Geschosse zu dir hin.
    Sie rafft den ganzen Bündel wieder auf, und gibt ihn Prothoe in die Hände.
    PROTHOE
    Gib her.
    PENTHESILEA
    Denn jetzt steig ich in meinen Busen nieder,
    Gleich einem Schacht, und grabe, kalt wie Erz,
    Mir ein vernichtendes Gefühl hervor.
    Dies Erz, dies läutr‘ ich in der Glut des Jammers
    Hart mir zu Stahl; tränk es mit Gift sodann
    Heizätzendem der Reue, durch und durch;
    Trag es der Hoffnung ewgem Amboß zu,
    Und schärf und spitz es mir zu einem Dolch;
    Und diesen Dolch jetzt reich ich meine Brust:
    So! So! So! So! Und wieder! – nun ists gut.
    Sie fällt und stirbt.
    PROTHOE, die Königin auffassend.
    Sie stirbt!
    MEROE
    Sie folgt ihm, in der Tat!
    PROTHOE
    Wohl ihr! Denn hier war ihres fernern Bleibens nicht.
    Sie legt sie auf den Boden nieder.
    DIE OBERPRISTERIN
    Ach! Wie gebrechlich ist der Mensch, ihr Götter!
    Wie stolz, die hier geknickt liegt, noch vor kurzem,
    Hoch auf des Lebens Gipfeln rauschte sie!
    PROTHOE
    Sie sank, weil sie zu stolz und kräftig blühte!
    Die abgestorbne Eiche steht im Sturm,
    Doch die gesunde stürzt er schmetternd nieder,
    Weil er in ihre Krone greifen kann.”