05 August 2012
Die Unerreichbaren und die Nachahmung
Das Niveau mancher Autoren kann man nicht erreichen. Man darf erst gar nicht versuchen, die Unerreichbaren nachzuahmen. Man erreicht sie sowieso nicht. Die Nachahmung wäre nur dann gerechtfertigt, wenn man das Original überträfe. Und könnte man es übertreffen, könnte man es nicht mehr nachahmen, denn gerade darin besteht seine Unübertrefflichkeit.
Es gilt einen eigenen, unnachahmlichen Stil zu entwickeln. Und den entwickelt man durchs Tun, durch das unablässige Formulieren. Durch das Verwandeln von beziehungslosen Dingen in Worte. Denn die Dinge existieren sowieso nicht. Es gibt kein Gelb, solange wir nicht gelernt haben, eine bestimmte Sinneserfahrung als gelb zu bezeichnen. Wir ahmen mit dem Wort die Sinneserfahrung nur nach. Es geht aber darum, einen eigenen Stil zu entwickeln. Hier drehe ich mich gerade im Kreis. Leider! Aber auch das im Kreis drehen will gelernt sein und muss beschrieben werden.
Lieber noch einmal Fernando Pessoa: „Sich bewegen, heißt leben, sich aussagen heißt überleben. Es gibt nichts Wirkliches im Leben, was nicht deshalb wirklich ist, weil man es gut beschreiben hat. Kleinkarierte Kritiker pflegen darauf hinzuweisen, daß ein Gedicht in hymnischen Rhythmen letztlich doch nur aussagt, daß der Tag schön ist. Aber auszudrücken, daß der Tag schön ist, ist schwierig, und auch der schöne Tag selbst geht vorüber. Wir müssen mithin den schönen Tag in einem blühenden, geräumigen Gedächtnis aufheben und auf diese Weise die Felder oder Himmel der leeren, vorübergehenden Außenwelt mit neuen Blumen oder neuen Sternen bestirnen.“
Die leere, vorübergehende Außenwelt: Es ist das eigene Innen, dass das Außen anfüllt. Nicht umgekehrt. Deswegen konnte Pessoa sagen, dass sich aussagen, überleben heiße.
Fernando Pessoa, Livro do Desassossego – Das Buch der Unruhe, Fragment 520, Amman Verlag, Zürich, 1989, Seite 294.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema - Fernando Pessoa, mittel | Eintrag von Aléa Torik | um 13:17 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren
31 Juli 2012
Keine eckige, sondern eine runde Vermittlungsleistung
Auch wenn bei Fernando Pessoa, wie Bersarin betont, zu viel Innerlichkeit vorhanden ist, zu wenig Außen, zu wenig Vermittlung zwischen den beiden Extremen, denn Innen und Außen sind Extreme, weil in Wirklichkeit nichts vollständig Innen oder nichts vollständig Außen ist; auch wenn bei Pessoa ein geradezu unzulässiges Übergewicht des Innen über das Außen zu finden ist, ist er doch einer der Großen, der tiefe Erkenntnisse hatte und sie auch entsprechend tief zu formulieren wusste.
Den Preis für die mangelnde Vermittlung zwischen Innen- und Außenwelt – was man gemeinhin so als Wirklichkeit bezeichnet: die Welt mit ihren Ansprüchen an uns und unseren an sie -, den er hat entrichten müssen mit einer wohl auch gewollten Belanglosigkeit seiner alltäglichen Existenz und, höher noch, mit einer furchtbaren psychischen Konstitution. Aber das sage ich als Außenstehende. Vielleicht war auch etwas Glück dabei. Diese Vermittlungsleistung zwischen Innen und Außen, die man immer wieder erbringen muss, jeden Moment seines Lebens, ist vielleicht gar keine dialektische, keine, die sich zwischen These, Antithese und Synthese vollzieht, sie ist, mit einem Wort, keine eckige, sondern eine runde Vermittlungsleistung, vielmehr die Verbindung zwischen dem eckigen und dem runden, in Form der Spirale:
„Die meisten Leute kranken daran, daß sie nicht aussagen können, was sie sehen und was sie denken. Man behauptet, es sei nichts schwieriger als eine Spirale in Worten zu definieren: Man muß dazu, sagt man, in der Luft mit der literaturlosen Hand eine ansteigend geordnete, eingerollte Gebärde vollführen, dank welcher sich diese abstrakte Figur der Sprungfedern oder mancher Treppen den Augen darstellt. Doch sobald wir uns daran erinnern, daß Reden erneuern heißt, können wir eine Spirale ohne Mühe definieren: es ist ein Kreis, der aufsteigt, ohne je imstande zu sein, sich zu schließen. Die meisten Leute, ich weiß es wohl, würden es nicht wagen, auf diese Weise zu definieren, weil sie annehmen, daß definieren das aussagen heißt, was die anderen hören möchten, und nicht das, was man sagen sollte, um zu definieren. Besser gesagt: eine Spirale ist ein virtueller Kreis, der sich aufsteigend entfaltet, ohne je zu seiner Verwirklichung zu gelangen. Aber nein, diese Definition ist ebenfalls noch abstrakt: ich werde eine konkrete Formulierung suchen und alles wird klar sein: eine Spirale ist eine Kobra, die sich vertikal nicht einrollt.“
Fernando Pessoa, Livro do Desassossego – Das Buch der Unruhe, Fragment 517, Amman Verlag, Zürich, 1989, Seite 292.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema - Fernando Pessoa, mittel | Eintrag von Aléa Torik | um 17:11 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren











