03 April 2011
Daniela Danz; Pontus I
Masada
„Wenn du dann stehst wo es still ist dass du
es merkst wenn das Denken aufhört und
das Hören anfängt wenn das Hören aufhört
und das Sehen anfängt wenn ein Vogel
fliegt wenn du als schwarzer Vogel gleitest
und schreist, wenn du zu sprechen ansetzt
in der klaren Luft und von nichts sprechen
kannst als dem Licht so als wäre es das erste
Licht wenn du einen Schatten auf den Fels
wirfst und sagst mein Schatten bleibt
und der Fels vergeht wenn für jetzt wahr ist
dass es gut ist den ganzen Einsatz zu wagen
kannst du die Wüste mit Namen nennen“
Zusammenfassend könnte man sagen, dass diese Gedichte vom Rand stammen. Vom geografischen Rand Europas, Griechenland, der Hellespont – Helles Meer -, vom Schwarzen Meer, von der Ukraine und Czernowitz (rumänisch Cernăuţi) der alten Hauptstadt der Bukowina; vom temporalen Rand Europas, es werden die Anfänge, die Wiege der europäischen Kulturen genannt, Griechenland und Babylonien, Homer und Ovid, aber auch Israel und die Westbank werden thematisiert, moderne Grenzen und Grenzerfahrungen an den Rändern.
Daniela Danz scheint mir mit der Geschichtsphilosophie Hölderlins vertraut, der in der Antike das Gegenstück der modernen Gesellschaft sah und sich über das Fremde das Eigene erschließen wollte, denn: „das Eigene aber ist das Schwerste“. In den wenigen Anmerkungen, die Frau Danz am Ende des Buches gibt, bezieht sie sich auch auf die Lehre der Töne Hölderlins. Ich kenne diese Konfrontation mit der Antike auch aus zwei Büchern Christa Wolfs, die ich vor langer Zeit gelesen habe, „Kassandra“ und „Medea“. Sie sucht den Ursprung unserer Gesellschaft(en) auf, um nach ihren Bedingungen zu fragen, weil sie dort, am Anfang, unverstellter und durch die Kultur weniger verfremdet erscheinen. Auch wenn mir ihre Gedankengänge, die ich damals zur Kenntnis genommen habe -in „Die Dimension des Autors“ nicht immer einsichtig gewesen sind, aber ich war ja auch noch ein junges Mädchen –. Einen ähnlichen Gedanken äußerte auch Sigmund Freund, als er sagte, ich paraphrasiere: Der Erfinder der Kultur war derjenige, der einem anderen, statt eines Steins, ein Wort an den Kopf warf. Ich will das nicht weiter thematisieren, weil ich weder mein eigenes, noch das Verständnis der Leser und Leserinnen beeinflussen möchte.
Masada ist eines meiner bevorzugten Gedichte aus dem Band. So wenig wie ich, wenn ich einen Roman bespreche, einen Roman bespreche – ich sage lediglich, was mir durch den Kopf geht und strukturiere es dann – , so wenig mache ich hier eine Gedichtanalyse. Ich sage lediglich, was mir durch den Kopf geht und strukturiere es dann. Das darf der Leser auch erwarten, die Romane und Gedichte
sind ja auch strukturiert. ‚Masada‘ fließt, nicht unterbrochen von Satzzeichen, nur von Zeilenumbrüchen. Nicht anhand der logischen oder semantischen Brüche stockt es, es stockt durch die Zeilenumbrüche. Es stockt an Stellen, wo es ginge es intuitiv, nicht stocken müsste. Es fließt von Zeile zu Zeile, von Bild zu Bild, von Bedeutung zu Bedeutung. Es fließt von der ersten Zeile, wo die erste Bedingung genannt wird – wenn – über die verschiedenen weiteren Bedingungen und Veränderungen, zu den späteren Zeilen, in der die Schlussfolgerungen genannt werden. Es kommt nicht einmal mehr zur entsprechenden Präposition, das ‚dann‘ wird verschwiegen. Als
könne man, einmal am Ziel, die Bedingungen vergessen, die zu ihm führten. Es ist kein logischer Schluss, der sich an seine eigenen Bedingungen erinnert. Vielmehr braucht es die Leiter nicht mehr, die einen von Etage zu Etage, von Bild zu Bild geführt hat. Der Verstand ist das erste was über Bord geht, dann kommen die Sinneserfahrungen an die Reihe, das Hören, das Sehen, dann geht es einen Schritt weiter, nicht die Sinneserfahrungen verwandeln sich, sondern der Träger dieser Erfahrungen selbst, aus irgendeinem Vogel wird ein du – du als schwarzer Vogel -, der
schreit. Und dann fängst du zu sprechen an, wohl nicht wie ein Mensch, sondern wie ein Vogel spricht, von dem Licht, also nicht von dem, was man im Licht erkennen kann, nicht von den Gegenständen, denn Gegenstände, darf man vermuten, sind den Vögeln nicht so wichtig, Vögel sind nicht gebunden, jedenfalls nicht in jenen Bindungen, die wir kennen, sie sind vogelfrei. Außerdem sind Gegenstände in der Regel am Boden, Vögel hingegen in der Luft; die Vögel sind so wenig materialistisch, dass sie noch das Licht verneinen und von seiner Negation oder Inversion träumen – der Schatten – das Flüchtigste von allem, Flüchtige noch als das Licht, weil vollkommen von ihm abhängig (kann man das so sagen?), wenn dieses Flüchtige dann das Ewige – den Stein – noch überdauert, dann, erst dann,
kann man davon sprechen, den ganzen Einsatz zu wagen: und die Wüste mit Namen nennen. Was dieser Einsatz genau ist, was es bedeutet, die Wüste mit Namen zu nennen – Masada ist eine Festung der Israelis in der judäischen Wüste – das wird nicht gesagt. Die Wüste ist ein Bild, das Dürre und Überleben signalisieren könnte, Trockenheit und vielleicht Konfrontation mit sich selbst. Etwas mit Namen zu benennen, bedeutet es zu erkennen, zu klassifizieren, einzuordnen und allgemein aus einem wüsten und unbenannten und unbekannten
Zustand herauszuholen. Man merkt, ich bin auf der Suche nach einer Möglichkeit mit Gedichten umzugehen. Ich stelle mir vor, dass, wenn das Gedicht vorgetragen wird, es mit lauter werdender Stimme gesprochen wird, so dass die Sprecherin gegen Ende beinahe schreit. Die letzte Zeile wird dann wieder leise, beinahe beschwörend gesagt, geflüstert. Ich wusste lange nicht, warum mir dieses Gedicht besonders gefällt. Wegen seiner Form, das wusste ich, wegen dieses Bilderflusses, auch das wusste ich. Aber ich wusste nicht, was ich hätte wissen müssen, dass es mir gefällt, wegen dieser einen Zeile,
„dass es gut ist den ganzen Einsatz zu wagen“
Und das ist es in der Tat.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema - Danz, Daniela : Pontus, Der Sache nach, lang | Eintrag von Aléa Torik | um 22:07 eingtragen | Kommentare: 7 | Kommentieren











