Or–bit–or II
Ich war am Montagabend bei der Veranstaltung mit Mircea Cărtărescu, der aus dem zweiten Band der Orbitor – Trilogie vorgelesen hat. Allerdings nur eine einzige Seite, denn er gehört, wie viele Autoren, zu denen, die nicht lesen können. Es kann sogar exzellent lesen, und er liest auch immer und überall und alles, aber er ist ein der Öffentlichkeit und dem Rampenlicht eher abgeneigter Mensch. Man merkt ihm an, dass er froh ist, wenn das hinter ihm liegt. Außerdem war es natürlich eine Lesung auf Deutsch. Das tat der Sache keinen Abbruch, die Übersetzung ist besser als das Original. Aber auch das Original ist besser. Beide sind besser. Nicht besser als das andere, sondern besser als sie selbst.
Der Roman, sein in Deutschland inzwischen einigermaßen bekannter erster Teil, sein gerade erschienener zweiter und sein hier noch unbekannter dritter Teil sind alle miteinander am Rand der Lesbarkeit, der Entzifferbar und Interpretierbarkeit geschrieben. Die mir bekannten Rezensionen und Hinweise auf diesen zweiten Teil (Verlagsankündigung, Perlentaucher, Deutschlandfunk etc.) belassen es in der Regel auch bei der Bemerkung, dass man nicht darstellen könne, was in dem Buch passiert. Selbst „passieren“ ist nicht das richtige Wort. Meistens ist von der erheblichen Komplexität die Rede. Auf Deutsch gelesen hat Frank Arnold: und den hat das alles nicht interessiert. Vielleicht wusste er das auch nicht. Der trank den 100% tigen Text als wär‘s 3%tiger Schaumwein. Das war einfach grandios. Er hat sich in einer guten halben Stunde nicht ein einziges Mal versprochen, er hat nicht einmal gestockt. Als wenn er den Text gar nicht liest, sondern in diesem Moment erfindet.
Realistische und phantastische Ebenen und Textteile wechseln sich in der Trilogie ab. Mircea Cărtărescu hat an diesem Abend, wie schon in seinen Seminaren, und in seiner Dissertation wiederholt darauf hingewiesen, dass die rumänische Literatur in Europa falsch lokalisiert sei, und ihre eigentlichen Nachbarn die Südamerikaner sind. Die rumänische Literatur ist in der Tat sehr viel deutlicher an der Phantastik orientiert als die deutsche, die zu einem erheblichen Teil zum Realismus neigt.
Diese beiden Pole sind natürlich nicht ganz so streng voneinander zu scheiden wie Nord- und Südpol. Beide entwickeln sie ihre magnetischen Felder, die in das andere Feld hineinreichen. Ein realistischer Autor schreibt in der Regel realistische Romane in ebensolcher Manier. Wer der Phantastik zuneigt, hat andere sprachliche Möglichkeiten als der realistische Schriftsteller. Der phantastische Schriftsteller hat andere Möglichkeiten, weil er einen anderen Maßstab an die Dinge anlegt. Allerdings muss man das können. Man muss über ein solches Maß verfügen, sonst nützt einem alle Phantasterei nichts.
Realisten und Phantasten können zur konservativen oder modernen Fraktion gerechnet werden. Allerdings bildet ja auch der Realismus nicht nur die Natur ab wie sie ist. Die Modernen, die Modernsten, nämlich die Postmodernen, die so modern ja auch schon wieder nicht sind – es gibt wohl nur gerade keinen Begriff, der das Postmoderne hinter sich lässt; die Postmodernen glauben nicht mehr daran, dass etwas einfach nur ist: sie postulieren, dass sie das machen. Die Dinge sind nicht, weil sie irgendwo herumliegen, sondern sie liegen dort herum, weil sie sie als liegende beschreiben. Und indem sie sie beschreiben, machen sie sie.
Zur Standortbestimmung: Ich bin eine realistische Schriftstellerin, die eindeutig der derzeit noch begriffslosen Gruppe der Nachfolger der Postmodernen zuzurechnen ist, die wahrscheinlich gar keine Gruppe ist. Ich kenne jedenfalls keinen anderen aus dieser Gruppe. Und ich bin auch nicht sicher, ob ich einen der anderen kennenlernen möchte. Ich glaube, ich komme eher mit den konservativen Phantasten aus der Gruppe der Postmodernen zurecht. Menschlich, nicht literarisch. Sollte ich jemals eine Kontaktanzeige aufgeben, wäre dieser Absatz der ideale Text.
Mircea Cărtărescu ist drei Etagen besser als ich. Eine werde ich überwinden durch beständige Arbeit an mir und meinen Texten: das bedarf meiner selbst. Die zweite Etage werde ich möglicherweise überwinden: sie ist nur durch Erfolg und Anerkennung der Leistungen zu erklimmen: sie bedarf der anderen. Die dritte Etage ist uneinnehmbar – nicht durch Fleiß, Glück oder Kampf – und sie ist nicht zu erklären durch die dargestellte Differenz von Phantasten und Realisten, Modernen, Postmodernen oder Antiquierten. Sie ist allein eine Frage der Begabung: mit der Lunge, die dort oben atmen kann, muss man geboren werden.
Zu der Textstelle, die am Montag gelesen wurde (das Kapitel beginnt in der deutschen Ausgabe auf Seite 513): Maarten ist ein kleiner Junge aus Amsterdam, der im Winter mit seinem Hund Frits Eislaufen geht. Er haut von zu Hause ab und läuft alleine mit dem Hund zu einem weit draußen liegenden Schiff, eine zweitägige Tour auf dem Eis. Auf halber Strecke will er bei der Mühle übernachten. Er denkt nicht daran, dass seine Eltern sich Sorgen machen. Als wüsste er, dass sie ihn nicht wiedersehen werden. Er fällt in ein Eisloch, er krabbelt hinein, sieht dort eingefrorene Fische und seinen vor zwei Jahren ertrunkenen Bruder Gerrit. Er klettert wieder heraus und fährt weiter auf seinen Schlittschuhen. Er kommt an die Mühle und bemerkt, dass er Frits schon lange nicht mehr hat bellen hören. Der Leser ahnt in diesem Moment bereits: Frits ist schon lange tot. Maarten altert, nachdem er aus der Höhle wieder herauskommt, innerhalb kürzester Zeit. Innerhalb von 24 Stunden wird aus einem kleinen Jungen ein alter Mann. Er wächst, seine Schuhe, seine Kleidung platzt ab, während er über das Eis fährt. Er verändert sich äußerlich und innerlich. Er kommt an die Mühle, schläft mit einer Frau, die ihm ausgesprochen ähnlich ist, sein femininer Zwilling, und gegen Mittag des kommenden Tages stirbt er.
„Er erreichte die Weide noch im milchigen Licht des Vormittags und setzte sich auf den Sack, nachdem er alles zum Essen Nötige herausgeholt hatte. Alles teilte er bis auf den letzten Krümel mit Frits. Kauend betrachtete er den endlos hohen Himmel höher als sonstwo auf der Welt. Die am tiefsten hängenden Wolken leckten das Eis wie vom Wind zerfaserte Rauchschwaden. Die darüber liegenden waren klumpiger und schienen erstarrt zu sein, doch betrachtete man sie länger, so sah man, dass auch sie einem steten Wandel der Formen und Leuchtkraft unterlagen, und der kleine Maarten fragte sich nicht ohne Grund, wie denn Gott, ohne dessen Willen und Wissen sich nichts auf der Erde rührte, die launenhaften und widersprüchlichen Bewegungen der Wolken beherrschen konnte. Welch endlose Berechnungen musste er anstellen, um zu ermitteln, in welche Richtung jedes einzelne blonde Haar auf dem Kopf des Jungen flatterte, wenn der Wind wehte und es zerzauste. Wie konnte Er wissen (aber Er wusste, denn Er war auch der Wind,, auch die Wolken, auch die stets wirbelnden Wasser), welche Richtung jeder Tropfen eines Flusses einschlägt, wenn die Wasserstrudel im Frühjahr anschwellen. Die dunklen Schneewolken, die am Himmel, zehnmal höher als die Erde, hin und her zogen, schienen keinem Gesetz zu gehorchen. Sie verknoteten und entknoteten sich schlicht und einfach aufs Gradewohl, bildeten zuweilen, ebenso zufällig, Gesichter und Landschaften, die sich dann bis zur Unkenntlichkeit verformten und wiederum andere Antlitze und Aussichten bildeten. Verhielt es sich nicht ebenso mit den stets vergänglichen Dingen unserer Welt? Bildet man nicht ein Haus mit Holz aus dem Wald, mit aus gebranntem Lehm geformten Ziegeln, mit Glas aus geschmolzenem Sand, mit aus der Erde geförderten Eisen, glänzt es nicht eine Zeitlang inmitten des Dorfes und beherbergt junge, vor Gesundheit strotzende Menschen? Erlebt es nicht frohe Hochzeiten und Taufen, um dann gleichzeitig mit den Menschen und dem Dorf zu altern, zum ‚alten Haus‘, verlassen zu werden und dann langsam in Trümmer zu zerfallen, um wieder in die Erde zu verschwinden, aus der es geknetet war. War denn nicht irgendwann auch das Dorf gegründet worden, damit es dereinst ebenso in Nebel und Vergessen verschwand? Das Kind betrachtete die schwarze Weidenrinde, die in jeder Ritze noch Spuren des Schneefalls bewahrte. Sie schien so hart, so ewig zu sein, und dennoch war sie nur eine vergängliche Form. Er stellte sich Wesen vor, so flink und unkörperlich, dass sie in der Welt der Wolken leben konnten und dass sie alle fest und unwandelbar schienen, ebenso wie den Menschen alle sie umgebenden Dinge vorkommen. Jene Wesen würden sich in einem Augenblick auflösen, doch jener Augenblick wäre ihr Leben, lange und voll von Glück und Verdruss. ‚Und wir, wir unter den stets fließenden Wolken, würden ihnen wirklich unsterblich vorkommen. Wir wären ihre Götter, in uns würden sie Trost und Halt finden, von unserer Beständigkeit und Erstarrung würden sie unentwegt träumen, so wie für uns der Herr und sein Sohn Jesus zwei herrliche, unwandelbare Statuen sind, immerdar dieselben, in deren Nähe wir wie die Wolken gebildet werden und zerfasern.‘ Ja, Fließen und Wandel waren Leben, Beständigkeit und Erstarrung waren in unserer Welt nicht möglich, denn sie waren Wesenszüge des Göttlichen. Als er bei diesem Gedanken angelangt war, wurde der Junge von großer Sehnsucht nach Ewigkeit erfasst. Winzig unter dem wirbelnden Himmel, stand er auf und blieb etwa eine halbe Stunde reglos stehen, den Blick auf den Scheitel des Gewölbes gerichtet, ohne zu blinzeln, ohne das ruhelose Winseln des Hundes zu hören, das Gesicht erhellt und verdunkelt vom ruhigen Fließen der Wolken.“
[…]
„Wir leben in übereinandergeschichteten Welten, sagte sich Maarten, jede unter dem harten Eis der darüberliegenden, wobei jede unter ihren Füßen eine andere, seit langem versunkene sieht. Wir sind die Himmel der unter uns liegenden Welt und die verfluchte Tiefe des seligen Reiches darüber. Der obere Teil unseres Leibes ist göttlich und badet im Quarzlicht des Spitzbogens, in das wir in Ewigkeit gesetzt worden sind, der untere Teil empfängt zwischen Schenkeln und Hinterbacken die dämonische, schändliche Flamme der Hölle. Doch unser Gehirn in seinem Schädel aus bleichem Bein ist identisch mit den Eiern der Oberen in ihrem weichen Geschröt, und die beiden Halbkugeln, mit denen die unter uns denken, sind mit unseren Hoden identisch. Wie wundertätig muss das Gehirn der Oberen sein und wie niederträchtig sind die Eier der Unteren! Und dennoch ist Ersteres ähnlich dem Schädel aus behaarter Haut zwischen den Beinen der noch Höheren, und Letztere sind die glorreichen Geister der noch Tieferen. Und irgendwo, in dieser endlosen Abfolge, in den geologischen Schichtungen von Raum und Zeit, Gehirn und Geschlecht, Hirnhälften und Testikeln, Paradies und Hölle, irgendwo an dem immer klarer werdenden Scheitel der übereinander liegenden Welten muss es einen Geist geben, der für niemanden mehr Geschlecht sein kann, denn er ist zugleich Denken und Zeugung, und seine Gedanken sind Lichtsperma, in dem Engel schwimmen. Und irgendwo, in der tiefsten Tiefe, wird es ein absolutes Geschlecht geben, Testes mir Hirnrinde, Hypothalamus und Mandelkern, sein dickflüssiges Sperma aus geschmolzenem Blei trägt geflügelte Dämonen, die denken und denkend das zarte Fleisch des Seins zerstören. Wir sind eine Abfolge von Denken und Zeugung, wobei unser Denken von dem über uns geboren wird und jenes unter uns gebiert. Immerwährend gebiert unser Geist, wie ein Weberschiffchen, uns das Geschlecht, denn er trägt das Urbild unseres Geschlechts in sich, während das Geschlecht, das in seinem Kern einen Brosamen Hirn hat, stets verzweifelt uns sehnsüchtig versucht, einen anderen Geist zu zeugen, der es gebären kann und so ins Unendliche …“
[…]
„Zornig war die Zeit über ihn hinweggebraust. Er sah sich im Spiegel des Eises an: ein altes Gesicht, umrahmt von grauem Haar. Er legte sich in den Tümpel und wartete aufs Sterben. Das Eis krachte von allen Seiten; da und dort war es dünn geworden wie ein Fingernagel. In weiter Entfernung stürzten von den Eisbergen ganze Steilküsten ins Meer.
Aus der Tiefe stieg nun ein riesenhaftes Segelschiff auf. Ein morsches Schiff, dessen Holz mit Muscheln und Wurzelwerk besetzt, dessen Nieten und Nägel flauschweich vor Rost waren, die Schiffsglocke vor Grünspan zerfressen. An den Masten schwarze Segel und schwarze Flaggen, gebauscht von glitzernden Fischschwärmen. In den Kajüten unter dem Deck angeknabberte Leichname von Seeleuten, Riffkorallen wuchsen ihnen wie Hörner aus dem Schädel. Zu ihren Füßen Seelilien, vermengt mit Haufen von Gold, Geschmeiden und Perlen, Schätze, die niemand mehr begehrte. Die Masten hatten als erste das Eis durchstoßen, es aufgebrochen und in große, rasierklingenscharfe Schollen zersplittert, die ihre Vielecke einen Augenblick lang in der Luft blinken ließen, um dann in der Ferne auf dem noch unversehrten Eisboden in Kristalle zu zerbrechen. Höher und höher stiegen sie ins Luftmeer, und die großen schwarzen Blahen trockneten augenblicklich, wobei sie nicht bloß unendlichen Modergeruch verbreiteten, sondern auch Salzkristalle verstreuten, die sich wie Raureif ringsumher verteilten, dazu zig, ja Hunderte unbekannter Tiere aus der Tiefe, röchelnde Ungeheuer, die auf dem Eis ihren letzten Atemzug taten. Das Heckkastell hatte auch die Quarzoberfläche aufgebrochen und ließ Tonnen Wasser aus der Ladeluke strömen, dann brach das große Achterdeck hervor, hob in der Mitte Maarten empor, dessen verschleierte Augen alles ohne Staunen betrachteten, bloß mit ungestilltem Todesverlangen. Die große Galeone hatte die Wasserlinie erreicht, neigte sich seitwärts, sank aber nicht, dann hob sie sich und blieb inmitten von Eissplittern reglos inmitten der Wüstenei. Ein Wasserring von unsagbarer Klarheit umspülte sie, ein Ring, der sich in der Abenddämmerung mehr und mehr ausweitete und seine Farbe in Gold, dann in Purpur wandelte.
Der Greis richtete sich auf, schnürte langsam seine kufenbesetzten Schuhe auf und schritt barfuß, mit frostgeröteten Füßen, auf den korkweichen Decksplanken bis zum Burg vor. Er klammerte sich mit den Händen an die Reling des Bugs und versteinerte, das Gesicht gen Westen gewandt. Das orange Licht der Abenddämmerung, das Wolken und Wogen entzündete, verfing sich in der Kräuselung seiner Haut, verdoppelte seine Barthaare mit Schatten, drang wie eine klare Flüssigkeit zwischen die Lider und füllte seinen Schädel. Vom Schädel stieg ihm der Bernstein der Abenddämmerung in die Wirbelsäule, wie in das Leitungsrohr eines alten Wasserturms, und dort verteilte er sich in die Bahnen der zu seinen müden Organen, zu seiner welken Haut hinabsteigenden Gehirn- und Zwischenrippennerven. Der Alte wurde zu einer in den durchsichtigen Stein des Sonnenniedergangs gehauenen Statue.“
So schreibt man derzeit in Rumänien. Auf Etage siebzehn.
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Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.