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Aléas Anordnungen

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  • Aléa Torik: Ich hatte bereits angekündigt, meine Präsenz im Netz zu reduzieren. Ich werde weiterhin Beiträge einstellen, seltener als bisher. Die Kommentarfunktion ist deaktiviert. Ich bedanke mich bei allen, die hier regelmäßig mitgeschrieben und dafür gesorgt haben, dass das ein spannendes und...
  • Aléa Torik: Lieber Christian, ich glaube, ich habe einen Ort für den Essay. Ich bin nicht ganz sicher, ich habe eine positive Mail bekommen und auch erfreut geantwortet, dann aber keine Reaktion mehr bekommen. Aber wenn es wahr ist – wenn es tatsächlich wahr sein sollte … dann hören Sie...
  • Christian: liebe Alea, apropos Essay: freue mich schon auf Ihren Essay zu David Foster Wallace den Sie hier vor Kurzem erwähnten. Gibt es schon einen Termin und Ort für die Veröffentlichung? liebe Grüße Christian
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  • NO: Alea Torik, Das Geräusch des Werdens, und Maddox, der verrückte Hund(e) Zurück aus den USA und noch ein Letztes: Maddox. Maddox, na ja. Ganz lustig. Ein Überempfindlicher, der in Masken und mit Zylinder herumläuft, der wie ein Bauchredner nicht mit den Menschen selber spricht, sondern nur...
  • Phorkyas: Liebe Alea, dieses Kommentarfeld hier hatte ich übersehen. Das ist eine sehr runde Sache geworden, Ihr Roman, wie ich finde – das lange Leiden und Feilen hat sich also gelohnt. Mir hat die Beschreibung von Marijans Mobilitätstraining sehr gefallen. Ich weiß nicht, ob Sie das schon...
  • Aléa Torik: Lieber Avenarius, vielen Dank für die wohlmeinenden Worte. Die tun mir mehr gut als Sie glauben mögen. Ich werde weitermachen, weil es auch für den nächsten Roman wichtig ist. Und ich werde wohl die Kommentarfunktion deaktivieren. Das ist eine schwierigere Entscheidung als man...
  • avenarius: Liebe Alea, im Verhältnis zu Ihrer vorherigen Präsenz haben Sie sich bereits aus dem Netz zurückgezogen. Aber warum sollte ein Blog nur wegen verminderter Aktivität aufgegeben werden. Ich würde weiterköcheln – auf Sparflamme. Frohe Ostertage wünscht - avenarius
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, dafür gibt es einige Gründe und einige andere, die dagegen sprechen. Ich muss mir noch überlegen, wie ich das formuliere. Einmal für mich selbst und einmal hier, in der Öffentlichkeit. Ich hatte Anfang März schon überlegt, mich gänzlich aus dem Netz zurückzuziehen:...
  • Azadeh Sepehri: Warum denn?
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, ich überlege, die Kommentarfunktion gänzlich auszuschalten. Ich habe mich aber noch nicht entschieden. Aléa
  • Azadeh Sepehri: Liebe Alea, warum kann man unter Ihren letzten Beiträgen keine Kommentare hinterlassen?
  • Azadeh Sepehri: Liebe Alea, ich glaube, ich hatte ihren Beitrag falsch verstanden und dachte, Sie schreiben unter einem Pseudonym. Aber auch falls Sie dies machen würden, fände ich es nicht schlimm. Schließlich hat jeder das Recht, selber darüber zu entscheiden.
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, ich schlage vor, wir warten bis zur Veröffentlichung davon, was im Januar 2013 der Fall sein wird, und dann kann jeder entscheiden, was mein richtiger Name ist, was das richtige und das falsche Verhalten war. Herzlich Aléa
  • Azadeh Sepehri: Interessant. Ich dachte, Sie schreiben unter Ihrem “richtigen” Namen.
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, „Nehmer“ und „Geber“: Nehmen ist ja auch leichter als geben. Sein Recht in Anspruch zu nehmen ist leichter als einer daraus resultierenden Plicht zu entsprechen. Dass Recht und Pflicht so eng miteinander verbunden sind, dass sie dasselbe sind, auseinander hervorgehen,...
  • Aléa Torik: Lieber Holio, Sie können hier gerne mit Ihrem Meißel klopfen. Und ich habe auch nichts dagegen, wenn dabei etwas anderes herauskommt als ich das beabsichtigt habe. Soviel verstehe ich von Literatur, um zu wissen, dass die Autorin eine Interpretation unter anderen hat. Es stehen, sowie...
  • Aléa Torik: Lieber NO, auch für mich sind Lydijakapitel und Aufzählungskapitel die beiden Höhepunkte dieses Romans. Es sind wohl auch die beiden schwierigsten Kapitel. Das Zentrum des ganzen Textes ist sicher das Aufzählungs- oder Berlinkapitel. Das war geplant als eine Beschreibung des...
  • avenarius: Liebe Alea, ja natürlich, es gibt immer eine Macht. Macht bedarf, ganz anders als die Gewalt, keinerlei Rechtfertigung, “da sie allen menschlichen Gemeinschaften immer schon inhärent ist. Hingegen bedarf sie der Legitimität. Macht entsteht, wann immer Menschen sich zusammenfinden...
  • Aléa Torik: Lieber Ave Narius, ich bin da, soweit ich sehe, völlig einverstanden. Nur mit dem „Medusenhaupt der Macht“ habe ich Schwierigkeiten: es muss eine Verfassung geben, eine Legislative, und dann muss es auch eine Executive und eine Judikative geben. Es muss eine Macht geben und sie muss...

  • 26 Oktober 2011

    Or–bit–or II

    Ich war am Montagabend bei der Veranstaltung mit Mircea Cărtărescu, der aus dem zweiten Band der Orbitor – Trilogie vorgelesen hat. Allerdings nur eine einzige Seite, denn er gehört, wie viele Autoren, zu denen, die nicht lesen können. Es kann sogar exzellent lesen, und er liest auch immer und überall und alles, aber er ist ein der Öffentlichkeit und dem Rampenlicht eher abgeneigter Mensch. Man merkt ihm an, dass er froh ist, wenn das hinter ihm liegt. Außerdem war es natürlich eine Lesung auf Deutsch. Das tat der Sache keinen Abbruch, die Übersetzung ist besser als das Original. Aber auch das Original ist besser. Beide sind besser. Nicht besser als das andere, sondern besser als sie selbst.

    Der Roman, sein in Deutschland inzwischen einigermaßen bekannter erster Teil, sein gerade erschienener zweiter und sein hier noch unbekannter dritter Teil sind alle miteinander am Rand der Lesbarkeit, der Entzifferbar und Interpretierbarkeit geschrieben. Die mir bekannten Rezensionen und Hinweise auf diesen zweiten Teil (Verlagsankündigung, Perlentaucher, Deutschlandfunk etc.) belassen es in der Regel auch bei der Bemerkung, dass man nicht darstellen könne, was in dem Buch passiert. Selbst „passieren“ ist nicht das richtige Wort. Meistens ist von der erheblichen Komplexität die Rede. Auf Deutsch gelesen hat Frank Arnold: und den hat das alles nicht interessiert. Vielleicht wusste er das auch nicht. Der trank den 100% tigen Text als wär‘s 3%tiger Schaumwein. Das war einfach grandios. Er hat sich in einer guten halben Stunde nicht ein einziges Mal versprochen, er hat nicht einmal gestockt. Als wenn er den Text gar nicht liest, sondern in diesem Moment erfindet.

    Realistische und phantastische Ebenen und Textteile wechseln sich in der Trilogie ab. Mircea Cărtărescu hat an diesem Abend, wie schon in seinen Seminaren, und in seiner Dissertation wiederholt darauf hingewiesen, dass die rumänische Literatur in Europa falsch lokalisiert sei, und ihre eigentlichen Nachbarn die Südamerikaner sind. Die rumänische Literatur ist in der Tat sehr viel deutlicher an der Phantastik orientiert als die deutsche, die zu einem erheblichen Teil zum Realismus neigt.

    Diese beiden Pole sind natürlich nicht ganz so streng voneinander zu scheiden wie Nord- und Südpol. Beide entwickeln sie ihre magnetischen Felder, die in das andere Feld hineinreichen. Ein realistischer Autor schreibt in der Regel realistische Romane in ebensolcher Manier. Wer der Phantastik zuneigt, hat andere sprachliche Möglichkeiten als der realistische Schriftsteller. Der phantastische Schriftsteller hat andere Möglichkeiten, weil er einen anderen Maßstab an die Dinge anlegt. Allerdings muss man das können. Man muss über ein solches Maß verfügen, sonst nützt einem alle Phantasterei nichts.

    Realisten und Phantasten können zur konservativen oder modernen Fraktion gerechnet werden. Allerdings bildet ja auch der Realismus nicht nur die Natur ab wie sie ist. Die Modernen, die Modernsten, nämlich die Postmodernen, die so modern ja auch schon wieder nicht sind – es gibt wohl nur gerade keinen Begriff, der das Postmoderne hinter sich lässt; die Postmodernen glauben nicht mehr daran, dass etwas einfach nur ist: sie postulieren, dass sie das machen. Die Dinge sind nicht, weil sie irgendwo herumliegen, sondern sie liegen dort herum, weil sie sie als liegende beschreiben. Und indem sie sie beschreiben, machen sie sie.

    Zur Standortbestimmung: Ich bin eine realistische Schriftstellerin, die eindeutig der derzeit noch begriffslosen Gruppe der Nachfolger der Postmodernen zuzurechnen ist, die wahrscheinlich gar keine Gruppe ist. Ich kenne jedenfalls keinen anderen aus dieser Gruppe. Und ich bin auch nicht sicher, ob ich einen der anderen kennenlernen möchte. Ich glaube, ich komme eher mit den konservativen Phantasten aus der Gruppe der Postmodernen zurecht. Menschlich, nicht literarisch. Sollte ich jemals eine Kontaktanzeige aufgeben, wäre dieser Absatz der ideale Text.

    Mircea Cărtărescu ist drei Etagen besser als ich. Eine werde ich überwinden durch beständige Arbeit an mir und meinen Texten: das bedarf meiner selbst. Die zweite Etage werde ich möglicherweise überwinden: sie ist nur durch Erfolg und Anerkennung der Leistungen zu erklimmen: sie bedarf der anderen. Die dritte Etage ist uneinnehmbar – nicht durch Fleiß, Glück oder Kampf – und sie ist nicht zu erklären durch die dargestellte Differenz von Phantasten und Realisten, Modernen, Postmodernen oder Antiquierten. Sie ist allein eine Frage der Begabung: mit der Lunge, die dort oben atmen kann, muss man geboren werden.

    Zu der Textstelle, die am Montag gelesen wurde (das Kapitel beginnt in der deutschen Ausgabe auf Seite 513): Maarten ist ein kleiner Junge aus Amsterdam, der im Winter mit seinem Hund Frits Eislaufen geht. Er haut von zu Hause ab und läuft alleine mit dem Hund zu einem weit draußen liegenden Schiff, eine zweitägige Tour auf dem Eis. Auf halber Strecke will er bei der Mühle übernachten. Er denkt nicht daran, dass seine Eltern sich Sorgen machen. Als wüsste er, dass sie ihn nicht wiedersehen werden. Er fällt in ein Eisloch, er krabbelt hinein, sieht dort eingefrorene Fische und seinen vor zwei Jahren ertrunkenen Bruder Gerrit. Er klettert wieder heraus und fährt weiter auf seinen Schlittschuhen. Er kommt an die Mühle und bemerkt, dass er Frits schon lange nicht mehr hat bellen hören. Der Leser ahnt in diesem Moment bereits: Frits ist schon lange tot. Maarten altert, nachdem er aus der Höhle wieder herauskommt, innerhalb kürzester Zeit. Innerhalb von 24 Stunden wird aus einem kleinen Jungen ein alter Mann. Er wächst, seine Schuhe, seine Kleidung platzt ab, während er über das Eis fährt. Er verändert sich äußerlich und innerlich. Er kommt an die Mühle, schläft mit einer Frau, die ihm ausgesprochen ähnlich ist, sein femininer Zwilling, und gegen Mittag des kommenden Tages stirbt er.

    „Er erreichte die Weide noch im milchigen Licht des Vormittags und setzte sich auf den Sack, nachdem er alles zum Essen Nötige herausgeholt hatte. Alles teilte er bis auf den letzten Krümel mit Frits. Kauend betrachtete er den endlos hohen Himmel höher als sonstwo auf der Welt. Die am tiefsten hängenden Wolken leckten das Eis wie vom Wind zerfaserte Rauchschwaden. Die darüber liegenden waren klumpiger und schienen erstarrt zu sein, doch betrachtete man sie länger, so sah man, dass auch sie einem steten Wandel der Formen und Leuchtkraft unterlagen, und der kleine Maarten fragte sich nicht ohne Grund, wie denn Gott, ohne dessen Willen und Wissen sich nichts auf der Erde rührte, die launenhaften und widersprüchlichen Bewegungen der Wolken beherrschen konnte. Welch endlose Berechnungen musste er anstellen, um zu ermitteln, in welche Richtung jedes einzelne blonde Haar auf dem Kopf des Jungen flatterte, wenn der Wind wehte und es zerzauste. Wie konnte Er wissen (aber Er wusste, denn Er war auch der Wind,, auch die Wolken, auch die stets wirbelnden Wasser), welche Richtung jeder Tropfen eines Flusses einschlägt, wenn die Wasserstrudel im Frühjahr anschwellen. Die dunklen Schneewolken, die am Himmel, zehnmal höher als die Erde, hin und her zogen, schienen keinem Gesetz zu gehorchen. Sie verknoteten und entknoteten sich schlicht und einfach aufs Gradewohl, bildeten zuweilen, ebenso zufällig, Gesichter und Landschaften, die sich dann bis zur Unkenntlichkeit verformten und wiederum andere Antlitze und Aussichten bildeten. Verhielt es sich nicht ebenso mit den stets vergänglichen Dingen unserer Welt? Bildet man nicht ein Haus mit Holz aus dem Wald, mit aus gebranntem Lehm geformten Ziegeln, mit Glas aus geschmolzenem Sand, mit aus der Erde geförderten Eisen, glänzt es nicht eine Zeitlang inmitten des Dorfes und beherbergt junge, vor Gesundheit strotzende Menschen? Erlebt es nicht frohe Hochzeiten und Taufen, um dann gleichzeitig mit den Menschen und dem Dorf zu altern, zum ‚alten Haus‘, verlassen zu werden und dann langsam in Trümmer zu zerfallen, um wieder in die Erde zu verschwinden, aus der es geknetet war. War denn nicht irgendwann auch das Dorf gegründet worden, damit es dereinst ebenso in Nebel und Vergessen verschwand? Das Kind betrachtete die schwarze Weidenrinde, die in jeder Ritze noch Spuren des Schneefalls bewahrte. Sie schien so hart, so ewig zu sein, und dennoch war sie nur eine vergängliche Form. Er stellte sich Wesen vor, so flink und unkörperlich, dass sie in der Welt der Wolken leben konnten und dass sie alle fest und unwandelbar schienen, ebenso wie den Menschen alle sie umgebenden Dinge vorkommen. Jene Wesen würden sich in einem Augenblick auflösen, doch jener Augenblick wäre ihr Leben, lange und voll von Glück und Verdruss. ‚Und wir, wir unter den stets fließenden Wolken, würden ihnen wirklich unsterblich vorkommen. Wir wären ihre Götter, in uns würden sie Trost und Halt finden, von unserer Beständigkeit und Erstarrung würden sie unentwegt träumen, so wie für uns der Herr und sein Sohn Jesus zwei herrliche, unwandelbare Statuen sind, immerdar dieselben, in deren Nähe wir wie die Wolken gebildet werden und zerfasern.‘ Ja, Fließen und Wandel waren Leben, Beständigkeit und Erstarrung waren in unserer Welt nicht möglich, denn sie waren Wesenszüge des Göttlichen. Als er bei diesem Gedanken angelangt war, wurde der Junge von großer Sehnsucht nach Ewigkeit erfasst. Winzig unter dem wirbelnden Himmel, stand er auf und blieb etwa eine halbe Stunde reglos stehen, den Blick auf den Scheitel des Gewölbes gerichtet, ohne zu blinzeln, ohne das ruhelose Winseln des Hundes zu hören, das Gesicht erhellt und verdunkelt vom ruhigen Fließen der Wolken.“

    […]

    „Wir leben in übereinandergeschichteten Welten, sagte sich Maarten, jede unter dem harten Eis der darüberliegenden, wobei jede unter ihren Füßen eine andere, seit langem versunkene sieht. Wir sind die Himmel der unter uns liegenden Welt und die verfluchte Tiefe des seligen Reiches darüber. Der obere Teil unseres Leibes ist göttlich und badet im Quarzlicht des Spitzbogens, in das wir in Ewigkeit gesetzt worden sind, der untere Teil empfängt zwischen Schenkeln und Hinterbacken die dämonische, schändliche Flamme der Hölle. Doch unser Gehirn in seinem Schädel aus bleichem Bein ist identisch mit den Eiern der Oberen in ihrem weichen Geschröt, und die beiden Halbkugeln, mit denen die unter uns denken, sind mit unseren Hoden identisch. Wie wundertätig muss das Gehirn der Oberen sein und wie niederträchtig sind die Eier der Unteren! Und dennoch ist Ersteres ähnlich dem Schädel aus behaarter Haut zwischen den Beinen der noch Höheren, und Letztere sind die glorreichen Geister der noch Tieferen. Und irgendwo, in dieser endlosen Abfolge, in den geologischen Schichtungen von Raum und Zeit, Gehirn und Geschlecht, Hirnhälften und Testikeln, Paradies und Hölle, irgendwo an dem immer klarer werdenden Scheitel der übereinander liegenden Welten muss es einen Geist geben, der für niemanden mehr Geschlecht sein kann, denn er ist zugleich Denken und Zeugung, und seine Gedanken sind Lichtsperma, in dem Engel schwimmen. Und irgendwo, in der tiefsten Tiefe, wird es ein absolutes Geschlecht geben, Testes mir Hirnrinde, Hypothalamus und Mandelkern, sein dickflüssiges Sperma aus geschmolzenem Blei trägt geflügelte Dämonen, die denken und denkend das zarte Fleisch des Seins zerstören. Wir sind eine Abfolge von Denken und Zeugung, wobei unser Denken von dem über uns geboren wird und jenes unter uns gebiert. Immerwährend gebiert unser Geist, wie ein Weberschiffchen, uns das Geschlecht, denn er trägt das Urbild unseres Geschlechts in sich, während das Geschlecht, das in seinem Kern einen Brosamen Hirn hat, stets verzweifelt uns sehnsüchtig versucht, einen anderen Geist zu zeugen, der es gebären kann und so ins Unendliche …“

    […]

    „Zornig war die Zeit über ihn hinweggebraust. Er sah sich im Spiegel des Eises an: ein altes Gesicht, umrahmt von grauem Haar. Er legte sich in den Tümpel und wartete aufs Sterben. Das Eis krachte von allen Seiten; da und dort war es dünn geworden wie ein Fingernagel. In weiter Entfernung stürzten von den Eisbergen ganze Steilküsten ins Meer.
    Aus der Tiefe stieg nun ein riesenhaftes Segelschiff auf. Ein morsches Schiff, dessen Holz mit Muscheln und Wurzelwerk besetzt, dessen Nieten und Nägel flauschweich vor Rost waren, die Schiffsglocke vor Grünspan zerfressen. An den Masten schwarze Segel und schwarze Flaggen, gebauscht von glitzernden Fischschwärmen. In den Kajüten unter dem Deck angeknabberte Leichname von Seeleuten, Riffkorallen wuchsen ihnen wie Hörner aus dem Schädel. Zu ihren Füßen Seelilien, vermengt mit Haufen von Gold, Geschmeiden und Perlen, Schätze, die niemand mehr begehrte. Die Masten hatten als erste das Eis durchstoßen, es aufgebrochen und in große, rasierklingenscharfe Schollen zersplittert, die ihre Vielecke einen Augenblick lang in der Luft blinken ließen, um dann in der Ferne auf dem noch unversehrten Eisboden in Kristalle zu zerbrechen. Höher und höher stiegen sie ins Luftmeer, und die großen schwarzen Blahen trockneten augenblicklich, wobei sie nicht bloß unendlichen Modergeruch verbreiteten, sondern auch Salzkristalle verstreuten, die sich wie Raureif ringsumher verteilten, dazu zig, ja Hunderte unbekannter Tiere aus der Tiefe, röchelnde Ungeheuer, die auf dem Eis ihren letzten Atemzug taten. Das Heckkastell hatte auch die Quarzoberfläche aufgebrochen und ließ Tonnen Wasser aus der Ladeluke strömen, dann brach das große Achterdeck hervor, hob in der Mitte Maarten empor, dessen verschleierte Augen alles ohne Staunen betrachteten, bloß mit ungestilltem Todesverlangen. Die große Galeone hatte die Wasserlinie erreicht, neigte sich seitwärts, sank aber nicht, dann hob sie sich und blieb inmitten von Eissplittern reglos inmitten der Wüstenei. Ein Wasserring von unsagbarer Klarheit umspülte sie, ein Ring, der sich in der Abenddämmerung mehr und mehr ausweitete und seine Farbe in Gold, dann in Purpur wandelte.
    Der Greis richtete sich auf, schnürte langsam seine kufenbesetzten Schuhe auf und schritt barfuß, mit frostgeröteten Füßen, auf den korkweichen Decksplanken bis zum Burg vor. Er klammerte sich mit den Händen an die Reling des Bugs und versteinerte, das Gesicht gen Westen gewandt. Das orange Licht der Abenddämmerung, das Wolken und Wogen entzündete, verfing sich in der Kräuselung seiner Haut, verdoppelte seine Barthaare mit Schatten, drang wie eine klare Flüssigkeit zwischen die Lider und füllte seinen Schädel. Vom Schädel stieg ihm der Bernstein der Abenddämmerung in die Wirbelsäule, wie in das Leitungsrohr eines alten Wasserturms, und dort verteilte er sich in die Bahnen der zu seinen müden Organen, zu seiner welken Haut hinabsteigenden Gehirn- und Zwischenrippennerven. Der Alte wurde zu einer in den durchsichtigen Stein des Sonnenniedergangs gehauenen Statue.“

    So schreibt man derzeit in Rumänien. Auf Etage siebzehn.

    Ein Kommentar, zwei Worte eingeben! Bitte. Sonst macht mein Programm hier gar nichts.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    28 September 2011

    Or-bit-or

    Der internationale Romanistentag hat in den vergangenen Tagen in Berlin stattgefunden. Zu Beginn meines Urlaubssemesters habe ich mir dennoch einige Vorträge angehört, vor allem im Bereich der Rumänistik. Die Rumänisten sind eine überschaubare Sektion innerhalb der Romania. Ich kenne da einige Leute. Sieben, um genau zu sein. Also alle! Kontakte sind wichtig, Bekanntschaften und Freundschaften nicht minder.

    Ich interessiere mich vor allem für die Orbitor-Trilogie von Mircea Cărtărescu. Da ist derzeit nur der erste Teil übersetzt als „Die Wissenden“. Im Original heißen die drei Teile “Orbitor. Aripa stângă” (Blendend, Der linke Flügel); “Orbitor. Corpul” (Blendend, Der Körper); “Orbitor. Aripa dreaptă” (Blendend, Der rechte Flügel). Cărtărescu hat auf die Frage, ob er seinen Roman in wenigen Worten zusammenfassen könnte, die folgende Antwort gegeben: „Ich habe 14 Jahre und 1500 Seiten gebraucht, um herauszufinden, worum es in dem Roman geht. Jetzt kann ich es sagen, jedoch nicht in wenigen Worten, sondern in genauso vielen, wie ich im Buch verwendet habe.“, hier. Irgendwo in seinem Jurnal heißt es einmal, glaube ich, er wolle „mit perversem Verstand, ein unlesbares Buch schreiben“. Vielleicht hat das auch jemand über ihn gesagt. Es ist ein unlesbares Buch. Es ist eine erhebliche Herausforderung für jeden Literaturwissenschaftler. Man meint an vielen Stellen es zu begreifen. Aber man begreift es nicht.

    Allein der Titel ist von einiger Komplexität. Alle drei Teile heißen „Orbitor“. Die korrekte Übersetzung ist „Blendend“. In der doppelten Bedeutung von Sehen, nämlich ein Sehen, das mehr ist als ein Sehen. Ein Über-Sehen. Ein so deutliches Sehen, dass es zu viel ist und der geblendete Mensch eben nichts mehr sieht. „Orbire“ bedeutet Erblinden. Dann steckt in dem Wort natürlich der Orbit, die Umlaufbahn, deren Rundung beim Sprechen sowohl im Eröffnungslaut – Or – als auch im identischen Verschlusslaut – or – mit den Lippen bildnerisch nachgezeichnet wird. Orbitor hat aber noch andere Anklänge und kann auch „Abstumpfung“ oder „Banalisierung“ bedeuten. Diesem Bild einer Umlaufbahn, der Wiederkehr der Planten und Ereignisse, allerdings auch der stumpfen Wiederholung, wird ein zweites Bild mitgegeben, das in allen drei Teilen des Romans wiederkehrende (!) Bild des Schmetterlings – die in der rumänischen Mythologie aus den Tränen der Jungfrau Maria geboren werden – mit seinem Körper und seinen beiden Flügeln: hier klingen die Verwandlung der Raupe an, die Schönheit des Tieres, das Fliegen, die Ziellosigkeit, die geometrische Zeichnung der Flügel und intellektuelle Mitbedeutungen wie das Assoziationsvermögen beispielsweise im Rohschach-Test und die Unterteilung des Gehirns in zwei einander ergänzende Hälften. Der Schmetterling ist in der Trilogie, wenn man das sagen kann, das Bild für eine ästhetische Erlösung. All das ließe sich noch sehr viel ausführlicher entfalten.

    Prof. Michelé Mattusch hat in ihrem Vortrag einen Gedanken paraphrasiert, der in dem Roman thematisiert wird: die Struktur eines Termitenhügels ist durch den Bau der Kiefer der Termiten vorgeben. Das finde ich ein sehr schönes Bild. Die Welt der Termiten sieht so aus wie sie aussieht, weil die Tiere sie so begreifen können. Diese Welt ist eine ihren Organen und ihrem Wahrnehmungsvermögen adäquate Welt. In einer anderen könnten sie gar nicht leben. Sie gehen nicht ins Kino, weil sie keins haben und sie haben keins, weil sie das Organ dafür nicht haben: das Gehirn, die Augen oder einfach die cineastische Leidenschaft.

    Ich habe in den vergangenen Tagen zwei Zeitungsartikel gelesen, die mich in Erstaunen versetzt und meinen Widerspruch provoziert haben. Beide (eins, zwei) drehen sich um dasselbe Thema, darum, dass Physiker offenbar, oder möglicherweise, Teilchen entdeckt haben, die sich schneller als das Licht bewegen. Das würde Einsteins Relativitätstheorie und dessen zentrale Konstante, nichts ist schneller als das Licht, zusammenbrechen lassen. Vielleicht haben diese Physiker das nur deswegen entdeckt, weil die Drittmittel ja irgendwoher kommen müssen und da macht sich der Zusammenbruch des Universums oder seiner stabilisierenden Theorie ganz gut. Aber irgendwo und irgendwann geht ja immer gerade die Welt unter, zum Beispiel am 21. 12. 2012. Für irgendwas ist das immer gut, in diesem einen Fall für die Grundstückspreise in Bugarach.

    Wie der Bau des Termitenhügels im Bau der Termitenkiefer bereits vorgegeben ist, so ist der Bau des Universums bereits durch den Bau des menschlichen Gehirns vorgegeben. Die Welt, die wir verstehen ist die Welt, die wir verstehen können. Keine andere. Das heißt aber nicht, dass es da nicht eine andere gibt. Ich empfinde es als lächerlich und anmaßend, zu glauben, das Universum sei wirklich so aufgebaut wie die physikalischen Beweise es zeigen. Das Universum ist vielmehr so, wie die Beweise es beweisen. Sie beweisen nichts anderes, als wie wir es uns vorstellen können. Das ist natürlich letztlich mit jedem Beweis so und auf diese Weise lässt sich kaum ein Axiom wie der Satz des Pythagoras relativieren. Wir müssen davon ausgehen, dass eins und eins immer zwei ist. Egal unter welchen Umständen (obwohl ich meine, mich erinnern zu können, dass es bei den irrationalen Zahlen anders ist. Aber für mich sind alle Zahlen irrational. Was das Leben nicht einfacher macht!).

    Dennoch empfinde ich das Ganze als eine gigantische Bauernfängerei. Dolle Sache da draußen: Schwarze Löcher und Antimaterie. Lichtgeschwindigkeit, an deren Grenzen wir wieder jünger werden. Ursache und Wirkung geschehen in unterschiedlicher Reihenfolge, Reisen in die Vergangenheit und in die Zukunft. Ziemlich großes Spielzimmer, was sich die Physiker da ausgesucht haben. Das derzeit größte. Weltweit. Und darüber hinaus.

    Man macht sich im CERN in Genf und anderen Orten irgendwo in Amerika, ich glaube am MIT, auf die Suche nach den Anfängen des Universums. Das ist die Grenze zur Fiktionalität. Das ist die Grenze zwischen Science Fiktion und Wirklichkeit. Das sind die Erzählungen vom Anfang der Welt. Man macht sich anhand von Zahlen ein Bild. Man sucht ja letztlich keine Zahlen. Man sucht Bilder. Man sucht Worte. Weil man sich anhand von Bildern und Worten eine Geschichte erzählen kann. Am Ende ist alles so wie wir es uns vorstellen können. Oder wir stellen uns es so vor wie es ist. Das macht keinen Unterschied mehr.

    Brigitte Heymann, eigentlich Romanistin, hat in ihrem Vortrag, in Bezug auf den Blutkreislauf und viele andere Ereignisse, gesagt: „Wir können das nicht sehen. Wir können das nicht erfahren. Aber wir können es schreiben.“ Mircea Cărtărescu sagte einmal in übertragenem Sinne in „Orbitor“: der Weltraum braucht kein menschliches Auge. Ganz meiner Meinung. Man schießt also mit Lichtgeschwindigkeit winzige Teilchen aufeinander und schaut sich dann die Schäden an. Jeder literarische Schuss in den Ofen ist interessanter. Und deutlich günstiger.

    Bei Kommentaren muss man noch immer das captcha mit beiden Worten überwinden.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.