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  • Phorkyas: Liebe Aléa, da hatte mir der 16-stündige Arbeitstag in der Fabrik wohl den Hirnkasten was durcheinandergerüttelt, es hätte schon klar sein sollen, wen Sie meinen. Aber auch wenn dieser jemand Weggefährte meiner ‘Blogkarriere’ ist, so wollte ich hier keinen Freund bewerben...
  • Aléa Torik: Lieber Bersarin, über die Rezension im Tagesspiegel habe ich mich auch sehr gefreut. Ich finde sie gut geschrieben, und sie nimmt mit Bravour eine Hürde: die bei Nicole Henneberg nie desavouierende Differenz zwischen Urheber und Autorin, Wirklichkeit und Roman, Fiktion und...
  • bersarin: Aber das ist doch immerhin eine gute Rezension, diese Besprechung im Tagesspiegel. Und wie sich zeigt, beschäftigen die ernstzunehmenden Texte sich mit dem Inhalt und der Form des Romans – jenseits von jenem Blahfasel, Deine Arbeit im Blog sei bloß Marketing (Mut zum Denken...
  • Aléa Torik: Lieber Phorkyas, nur ganz kurz, ich muss gerade richtig arbeiten. Also schreiben. Meine heftige Ablehnung betraf nicht den Blog mit dem Pausenhofgeflüster, sondern den anderen, den ich rausgenommen habe. Trotzdem wollte ich mich bedanken, und Ihnen erklären, warum ich das so gemacht...
  • Aléa Torik: Sehr geehrter Fabian Reinecke, aller Wahrscheinlichkeit nach haben Sie recht. Das finde ich gut, weil ich es generell schätze, wenn jemand Recht hat. Ich sehe mich selbst ja viel lieber im Modus der Behauptung, also jenseits von Recht und Unrecht – und mitunter leider auch...
  • Fabian Reinecke: Siegfried Kracauer war kein Autor der FAZ, die gab es zu Ginsters Zeit noch nicht, sondern der Frankfurter Zeitung, die die FAZ für sich als Vorläufer reklamiert.
  • Phorkyas: Liebe Aléa, bitte entschuldigen Sie den etwas unbedachten Kommentar, der so geklungen haben könnte, als würde ich über diesem Pausenhofgeflüster stehen wollen, obwohl ich natürlich mittendrin bin, vielleicht zu keiner Clique gehörend und daher auch nich alles kapierend, was da so im...
  • Aléa Torik: Nachtrag drei: „Man muss sich bewusst sein, dass die wenigsten Leser zwischen dem „Ich“ im Text und dem realen Ich unterscheiden. Und dass es Leser gibt, die glauben, ein Anrecht nicht nur auf Inhalte, sondern auch auf dieses reale Ich zu haben.“, Sophia Mandelbaum, hier.
  • Aléa Torik: Nachtrag zwei: Die liebe, nette, allseits lustige, schlagfertige Frau Torik kann auch mal ungehalten werden. Aber es ist, trotz veränderter Stimmungslage, immer noch die Frau Torik, die das Weblog hier führt. Und wer das nicht versteht, der versteht sicher auch nicht, dass Hans...
  • Aléa Torik: Nachtrag: das habe ich ganz vergessen zu erzählen, in der Aufregung um das sogenannte Outing. Allerdings war es die Aufregung der anderen, nicht meine eigene. Ich habe vier Jahre ein Blog im Netz geführt mit weit über fünfhundert Artikeln und ich bin auf das, was ich hier gemacht...
  • Aléa Torik: Lieber Phorkyas, vielen Dank für den erneuten Kommentar. Ich habe mir, was ich in den vergangenen vier Jahren sehr selten getan habe, erlaubt, in Ihren Kommentar einzugreifen und einen Link zu löschen, weil ich den hier nicht haben will. Ich erklär es Ihnen. Für mich geht’s in der...
  • phorkyas: Liebe Aléa, die Trolle werden sich schon wieder trollen, aber vielleicht erleichtern sie den Abschied. Allerdings gibt es unter jenen, die nun zu Ihren Widersachern gezählt werden müssen, mindestens einen, der sich fundiert und detailliert geäussert hat [ich habe den Link an dieser...
  • Aléa Torik: @ Lotte Eisen/Bizikova/David/Anne/Sylv ia etc. Das ist also jetzt der intelligente Kommentar? Oder kommt der noch? Lotte, ich erkläre dir jetzt mal was, nicht, weil ich annehme, dass du es verstehst, sondern weil mir gerade eben zufällig ster-bens-lang-wei-lig ist. Einen Roman zu...
  • lotte eisen: Aber die “allgemeinen erheiterte Menge wird Ihnen Trost spenden.
  • lotte eisen: So ganz frei von Größenwahn scheinen Sie ja nicht zu sein.
  • Aléa Torik: Mensch Lotte, eins kann man dir jedenfalls nicht vorwerfen: dass du nicht zur allgemeinen Erheiterung beiträgst.
  • lotte eisen: Mit bedeutender Philosophie einer Literatur Bedeutung zu verschaffen ist leicht. Der einfache Analogieschluss wird zum Profil der Methode. Eine höhere Qualität des literarischen Materials a l s Kunst wird dadurch nicht hergestellt. Ich denke, dass mit dem von Claus Heck vorgestellten...
  • Aléa Torik: Lieber Bersarin, herrje! Ich dachte ebenfalls, dass endlich einmal ein gescheiter Kommentar zu meinem schönen Roman kommt, aus dem vielgepriesenen, ach so schönen Internet, dem noch viel schöneren literarischen Internet und weil ich auf keinen Fall nur nebenher antworten wollte, habe...
  • bersarin: Als ich die Zeilen des kühnen Daniel Craig las, dachte ich in einer ersten Reaktion, die ich mir fast zutraue, eine spontane Reaktion zu nennen, wenngleich jegliche Spontaneität im Sinne von Unmittelbarkeit mir eher fremd ist: Mein Gott, wie kann jemand so verdammt gute Kommentare...
  • Aléa Torik: @ Bizikova, Lotte Eisen, Anne, David, – welche Pseudonyme du dir auch noch zulegen wirst, und: Sylvia. Deine Schüler? Das hier ist ein literarisches Blog, immer noch. Hier zählen inhaltliche Auseinandersetzungen und, neben der sachlichen Ebene die das hat, vielleicht sogar noch...

  • 11 Juni 2010

    Auf dem Bild der Erinnerung herrscht Halbschatten

    Dies ist vor wenigen Tagen auf der Seite der Bolanisten erschienen, die auch als Link hinterlegt sind. Ich veröffentliche das auch hier, damit keiner auf die Idee kommt, ich möchte faul werden

    Zuerst einmal zur Deklaration. Ich finde es ein bisschen bedauerlich, dass die deutschen Verlage nur noch Romane zu kennen scheinen, selbst dann, wenn es ganz offensichtlich keine sind. „Chilenisches Nachtstück“ ist nach meinem Dafürhalten eine Novelle.

    Das ist ein beliebter Topos, den Roberto Bolaño hier bemüht: ein Mensch hält Rückschau auf sein Leben. Kein Ort und kein Moment, der sich dafür besser eignen würde als das Sterbebett. Das spätestens ist der Zeitpunkt, wo man ehrlich zu werden beginnt, denn dann hat man ja nur noch wenig zu verlieren. Eigentlich verliert man alles, aber alles ist dann eben nicht mehr viel. Wir dürfen in so einer Situation einen schonungslosen Blick auf das eigene Leben erwarten; vor allem, da es sich bei Sebastían Urrutia Lacroix um einen Priester handelt. Jemand, der in Bälde vor seinen Gott tritt. Spätestens der wird ihm einige Fragen stellen. So ein Mensch ist gut beraten, seine letzten irdischen Momente zu nutzen, um sich auf diese Unterhaltung vorzubereiten. Und meistens hat man im Moment des Sterbens ja sowieso nichts Wichtigeres zu tun.

    Lacroix erinnert sich an sein Leben. Das geschieht in sechs Episoden, die schätzungsweise zwischen 80 und 90 Prozent der Textmasse ausmachen: es beginnt mit dem Wochenende auf dem Landgut Farewells, gefolgt von dem Abend bei Salvador Reyes, der von Ernst Jünger berichtet und einem guatemaltekischen Maler, dann wird die Geschichte des österreichischen Schuhfabrikanten erzählt, dann die Reise nach Europa, schließlich der Unterricht in Marxismus für die Junta Chiles und abschließend erzählt Lacroix von einer mittelmäßigen Romanschriftstellerin, deren Mann für die chilenische Militärdiktatur gefoltert und getötet hat. Zwischen diesen Episoden werden die Gespräche mit Farewell berichtet, die meist keine literarischen Themen haben – außer es handelt um das chilenische Nationalheiligtum Pablo Neruda – und Lacroix‘ Sorgen um den, wer immer das sein mag. „vergreisten Grünschnabel“.

    Das Leben dieses Mannes hat zwei Zentren, die Literatur und das Priesteramt. Vielmehr müsste es sie haben. Der Glaube spielt jedoch kaum eine Rolle, ich sehe keine ausgeprägt religiöse Haltung. Lacroix liest bisweilen die Messe und er kennt die Lebensläufe der Päpste auswendig. Das ist ein ausgesprochen armseliges Verständnis von Glauben – und gar keines von Gott. Dieser Glaube lässt sich zusammenfassen mit den Worten: „Auch Beten wird halt irgendwann langweilig.“ Es war in der Vergangenheit in vielen Ländern – auch in Rumänien – oft der Fall, dass sich Gelehrte in Klöster zurückzogen, dass sie weltlichen Umständen entsagten, um sich der Wissenschaft und ihren Interessen und Studien zu widmen.

    Aber auch dieses zweite Zentrum, die Literatur und die Literaturkritik, spielt meines Erachtens keine ernstzunehmende Rolle. Ich sehe keinerlei literarische Leidenschaft, bis auf das übliche name-dropping. Lacroix kommt lebenslang nicht über die kleine narzisstische Kränkung hinweg, dass er einen Namen nicht kannte: „Sordel, Sordello? Welcher Sordello?“. Nach dem Wochenende bei Farewell sagt er: „Meine Feuertaufe in der Welt der Literatur war bestanden“. Feuertaufe? Außer stille Anbetung von Neruda und einigen Spaziergängen war da nicht viel. Es werden auch im Weiteren keine gelehrten Gespräche berichtet, da werden keine Bücher besprochen, keine poetologischen Beobachtungen gemacht, keine Erkenntnisse gewonnen. Ich sehe auch keine Diskussionen, wie sie etwa in Deutschland während des Hitlerdiktatur stattgefunden hat, und wie sie in repressiven Gesellschaften angestellt werden müssen, nämlich wie man dem Regime Widerstand entgegensetzt: indem man geht oder indem man bleibt. Die chilenische Literatur scheint für diesen Mann keinerlei politische Dimension zu besitzen. Und als Schriftsteller redet er, gelinde gesagt, puren Blödsinn,: ich, behauptet er von sich, „ … entwarf ein dichterisches Werk für kommende Zeiten, ein Werk von geradezu kanonischem Anspruch, dazu gedacht, sich erst im Laufe der Jahre herauszukristallisieren, geschrieben in einer Metrik, die kein Mensch in Chile mehr praktizierte, was sage ich, die kein Mensch jemals praktiziert hatte …“.

    Dieser Mann ist weder als Priester noch als Literat ernst zu nehmen. Er erzählt als Bilanz seines Lebens eine Handvoll, in ihrer Bedeutung alle miteinander eher marginale Geschichten, und dazwischen packt er ein bisschen Füllmaterial. Nicht einmal die beiden letzten Exkurse, die etwas mit seinem eigenen Leben zu tun haben, der Unterricht für Augusto Pinochet und seine Schergen, und die Schriftstellerin, die mit einem Gewaltverbrecher verheiratet ist, führen in irgendeiner Weise zu etwas, was man Selbsterkenntnis nennen möchte. Lacroix ist ein Mann, der sich zu keiner Zeit irgendeiner Wahrheit annähert, auch wenn er das gerne weismachen möchte: „ … dass nämlich das Leben eine Folge von Irrtümern ist, die uns zur letzten einzigen Wahrheit hinführen.“ Es findet keine Auseinandersetzung mit seinem Zölibat statt, nicht mit der Homosexualität Farewells, nicht seiner eigenen Sexualität. Als Essenz eines Lebens ist die ganze Geschichte vollkommen lachhaft, dieser Lacroix ist ein Schwätzer, ein dummer Ignorant. In politischer Hinsicht kann so Haltung mitunter sehr gefährlich sein. Und in literarischer Hinsicht kann man nicht viel mehr von ihm erwarten, als das er stöhnt: „Ach, die Unsterblichkeit der Literatur.“

    Es scheint diesem Mann vor allem um seine Wahrnehmung durch den „vergreisten Grünschnabel“ zu gehen. Fragt man sich, wer das ist, könnte man vermuten, dass es keine juristische Person ist, sondern eine psychische Instanz: sein Gewissen. Weil das ein schwieriger und stark vermittelter Begriff ist, versuche ich das mit eigenen Worten zu beschreiben. Der vergreiste Grünschnabel steht für die Wahrnehmung durch die anderen. Durch die, die einen Artikel in der Zeitung schreiben, wenn man gestorben ist. Die, die sich an einen erinnern, wenn man es selbst nicht mehr kann. Und die das vielleicht nicht so tun, wie man das gerne hätte. Die Welt, eine Sekunde nach dem eigenen Tod. Diese Welt, der Blick dieser Welt, taucht nicht erst mit dem Tod auf, diesen Blick spürt man schon früher. Aber auch hier legt Lacroix keine ernstzunehmende Haltung an den Tag und so endet seine angebliche Auseinandersetzung mit sich selbst so wie man es etwas hat erwarten können: mit dem letzten Satz – und vermutlich seinem Tod – „Und dann bricht er los, der Orkan aus Scheiße.“

    Das Thema dieser Novelle ist, meine ich, die Erinnerung. Und dieser Mann erinnert sich eigentlich nicht. Er versucht vielmehr den Blick der Nachkommen auf ihn zu beeinflussen. Er erinnert sich nicht, er erzählt irgendwelche belanglosen Banalitäten von Taubenkacke in Italien oder Heldenverehrung in Österreich. Es mag tatsächlich genauso gewesen sein, wie er das hier berichtet, und es handelt sich dabei dann um eine objektive Berichterstattung. Gerade deswegen sind das keine Erinnerungen. Erinnerung hat etwas mit dem Subjekt zu tun, das sich erinnert. Dieser Lacroix dient lediglich als Zerrspiegel, deren nicht verzerrte Variante auf wenigen, sehr dichten Seiten erzählt wird. Roberto Bolaño schafft hier auf großartige Weise ein Bild, eine beeindruckende Metapher für die Erinnerung. Und zwar anhand des Gemäldes eines guatemaltekischen Ma-lers: „Ansicht der Stadt Mexiko eine Stunde vor Sonnenaufgang“, ich zitiere die Stelle in Gänze:

    „ … meinte dennoch ein Stückchen Wahrheit erhascht zu haben, und dieser winzige Teil Wahrheit bestand darin, daß der Guatemalteke sich in Paris befand, dass der Krieg begonnen hatte oder gerade im Begriff stand zu beginnen, daß der Guatemalteke bereits die Gewohnheit angenommen hatte, lange Mußestunden vor dem einzigen Fenster sei-ner Mansarde damit zu verbringen, das Panorama von Paris zu betrachten, und daß aus dieser Betrachtung, aus der schlaflosen Betrachtung der Stadt Paris, die „Ansicht der Stadt Mexiko eine Stunde vor Sonnenaufgang“ entstanden war, ein Bild, das auf seine Weise ein Altar für Menschenopfer war, eine Geste erhabenen Widerwillens, das Hinnehmen einer Niederlage, nicht allerdings der von Paris oder der europäischen Kultur, die emsig damit beschäftigt war, sich selbst unter viel Lärm und Geschrei in Schutt und Asche zu legen, der Niederlage von politischen Idealen, die der Maler vage als seine eigenen erkannte, sondern der höchsteigenen, der eines ruhm- und glücklosen Guate-malteken, finster entschlossen, sich in den Zirkeln der Stadt des Lichts einen Namen zu machen, und diese Hellsichtigkeit, mit der der Guatemalteke seiner eigenen Niederlage ergeben ins Auge blickte …“

    Was passiert hier? Wir haben die vage Erinnerung – an einer Stelle ist von einer Vision die Rede – eines Mannes aus Guatemala an einen kurzen Aufenthalt in der Hauptstadt Mexikos, die er malt, während er sich die Stadt Paris anschaut. Die Stadt, ob Mexikocity, Paris oder möglicherweise auch Guatemala-Stadt ist einerlei; die Stadt liegt sowieso halb im Dunkeln verborgen, man erkennt nur Schemen, Stadtviertel wirken wie Meereswogen, man sieht Skelette, die von Menschen, aber auch von Tieren stammen könnten. Es werden verschiedene Städte übereinander gelegt. Der Guatemalteke löst das Darstellungsproblem, indem er keine bestimmte Stadt malt und was er malt, ist im Dämmer kaum zu erkennen. Mit der Metaphorik des Lichts wird nicht das Städtepanorama beschrieben, sondern das Leben dieses Künstlers. Ein Mensch in der Fremde, im Exil, der offenbar über Mexiko nach Paris gekommen ist und hier „finster entschlossen“ ist, sich „in den Zirkeln der Stadt des Lichts“ einen Namen zu machen und der mit „Hellsichtigkeit“ seiner Niederlage „ins Auge blickte“.

    Das ist ein Mann, der nichts anderes kann als malen. Er kann das Bild nicht einmal verkaufen, er bietet es Ernst Jünger, der zu Besuch gekommen ist, nicht an, er gibt auch keine Erklärungen zu dem Bild; er bedankt sich nicht einmal für die mitgebrachten Lebensmittel: weil er es nicht kann. Er will sich einen Namen machen und auch das kann er nicht – wir erfahren seinen Namen nicht – er will Anerkennung für seine Arbeit und die bekommt er nicht. Darin hat er ein tragisches, und dennoch absolut beliebiges Künstlerschicksal. Dieser Mann ist, das wird mehrfach gesagt, dabei zu sterben. Deswegen ist es ihm auch egal, ob er verhungert oder nicht, ob Essen in der Küche steht oder nicht, ob Jünger das Bild kauft oder nicht. Das historische Ereignis, die drohende Vernichtung von Paris durch die Deutschen, dient dabei lediglich die Folie auf der das Schicksal dieses Individuums gestaltet wird und als Inkarnation einer Übermacht, von der ein Einzelner bedroht und vernichtet wird: dem eigenen Schicksal. Das ist eine Macht, der man wahrscheinlich, ab einem bestimmten Zeitpunkt, nur noch „ergeben“ ins Auge blicken kann, weil man da weiß, dass jeder Widerstand, jede Résistance zwecklos ist. Das ist ein Punkt, wo man keine Zukunft mehr hat, keine Chancen und keine Möglichkeiten, Umstände zu gestalten und sie zu den eigenen Gunsten zu verändern.

    Anhand dieser Figur wird mit wenigen Sätzen ein Lebensschicksal beschrieben und herausgearbeitet, das eine ganz andere Dichte hat, als die dieses Schwätzers Lacroix und es wird diesem diametral entgegengesetzt. Schön und gut. Warum aber kann diese Stelle über den Maler als eine Metapher für die Erinnerung fungieren?

    Das Bild des Guatemalteken zeigt keine real existierende Stadt, sondern eine, die durch die Phantasie bearbeitet worden ist. Das ist die Tätigkeit eines Künstlers, jedenfalls derjenigen, an die dieser Mann Anschluss sucht, die Surrealisten, der Kreis um André Breton. Ich will das auch einmal etwas surrealistisch ausdrücken: Die Stadt Paris wäre ohne die Stadt Mexiko unsichtbar. Ohne all die anderen Städte und Orte, die einer gesehen hat und die sich über die aktuelle Wahrnehmung drüberlegen und mit ihr verschmelzen. Frisch aus dem Weltraum eingeflogen, würde jeder Marsmensch, vorausgesetzt er ist halbwegs bei Sinnen, im Angesicht der Stadt Paris fragen: Was ist das?

    Die Städte, die Orte an denen wir gewesen sind, wo wir etwas erlebt haben und wo wir, wenn wir uns an sie erinnern, noch einmal gegenwärtig sind. Das hat etwas Absurdes, weil dieser Ort und diese Zeit schon gar nicht mehr sind und weil der erlebende Mensch in der damaligen Situation schon gar nicht mehr ist. In der Erinnerung reagieren räumliche und zeitliche Schichten und Strukturen miteinander. Erinnerung ist ein kreativer Prozess, der etwas erschafft, verschiedene Schichten und Ebenen, die übereinander gemalt werden. Etwas, das durch die einzelnen Sedimente aktiv gebildet werden muss. Erinnerung ist nicht das Hervorholen von objektiven Gegebenheiten – das ist die Geschichtsschreibung – sondern das Erarbeiten, das Abarbeiten an den Umständen, das Auswirkungen auf das Subjekt und sein persönliches Erleben hatte. Die Umstände – die Städte – bringen nicht die Wahrheit hervor. Wahrheit entsteht, indem ich die Umstände produktiv nutzte. Aber eben nicht, indem ich mich ins rechte Licht setze – auf dem Bild der Erinnerung herrscht Halbschatten – sondern indem ich mir selbst und meiner Situa-tion ins Auge sehe. Auch wenn das, was ich da sehe, eine Niederlage ist.

    Ich empfinde die Hauptfigur als in jeder Hinsicht armselig. Großartig hingegen ist der Guatemalteke. Und in dieser Gegenüberstellung von Haupt- und Nebenfigur finde ich doch eine einigermaßen beeindruckende, formale Waghalsigkeit dieses Autors: Wenn Bolaño das, was ich da behaupte und konstruiere, beabsichtigt haben sollte. Allerdings bin ich der Meinung, dass die Absichten eines Autors nicht wichtig sind. Wichtig sind seine Fähigkeiten. Wichtig sind seine Ergebnisse. Und die werden durch seine Absichten in keinster Weise wiedergegeben.

    Ganz vorsichtig ausgedrückt: wenn das meine Novelle gewesen wäre, dann hätte ich sie sicher noch einmal überarbeitet, mindestens einmal. Eine vereinzelte gute Stelle ist mir als Leserin ein bisschen zu wenig.

    Roberto Bolaño
    Chilenisches Nachtstück
    Hanser Verlag
    Übersetzt aus dem Spanischen von Heinrich von Berenberg
    160 Seiten, 17.90 €
    ISBN 978-3-446-20822-3