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    Kommentare:

  • Aléa Torik: Lieber Bersarin, herrje! Ich dachte ebenfalls, dass endlich einmal ein gescheiter Kommentar zu meinem schönen Roman kommt, aus dem vielgepriesenen, ach so schönen Internet, dem noch viel schöneren literarischen Internet und weil ich auf keinen Fall nur nebenher antworten wollte, habe...
  • bersarin: Als ich die Zeilen des kühnen Daniel Craig las, dachte ich in einer ersten Reaktion, die ich mir fast zutraue, eine spontane Reaktion zu nennen, wenngleich jegliche Spontaneität im Sinne von Unmittelbarkeit mir eher fremd ist: Mein Gott, wie kann jemand so verdammt gute Kommentare...
  • Aléa Torik: @ Bizikova, Lotte Eisen, Anne, David, – welche Pseudonyme du dir auch noch zulegen wirst, und: Sylvia. Deine Schüler? Das hier ist ein literarisches Blog, immer noch. Hier zählen inhaltliche Auseinandersetzungen und, neben der sachlichen Ebene die das hat, vielleicht sogar noch...
  • lotte eisen: Paranoide Intelligenztests sind leider alles, was dabei heraus kommt, wenn die Bildung fehlt. Ich bin hier nur noch, um einigen meiner Schüler, die bei Ihnen hängen geblieben sind, zu zeigen, das von Nichts nichts kommen kann. Ich würde geradezu Geldmittel ausgeben, um dieses...
  • Aléa Torik: @ Bizikova, Lotte Eisen, Sylvia: bitte strengt euch bei eurem nächsten Kommentargeseusel hier ein bisschen mehr an. Ich will nur Kommentare im dreistelligen IQ-Bereich. Wie schade übrigens, dass es „La mer gelée“ nicht mehr gibt: Ihr seht, ich bin mit einem furchtbar guten Gedächtnis...
  • Craig Phillips: Mr Phillips hat den Text leider bei Bersarin geklaut (AT): “Es tut sich in diesem Buch ein spannendes Spiel auf, das sich – unter anderem – um die Autor(innen)schaft und um Fiktionalität von Autoren gruppiert, und es stellt sich in dieser Prosa zudem die Frage „Wer...
  • Orlanda: Zwei!
  • Aléa Torik: Liebe Orlanda, das war leicht! Was hältst du davon, wenn wir das von hier in die Wirklichkeit verlegen. Vielleicht ein Mittagessen in der Mensa. Morgen um zwölf oder um zwei? Misses Torik
  • Orlanda: Guten Tag Aléa Torik, wie ich höre, erwartet man von Ihnen das authentisch-sein. Statt dankbar zu sein, dass Sie einen Künstleroman geschrieben haben, ein Selbstbild in der Kunst und dabei vom Schreiben, von der Tätigkeit des Erfindens berichten. Sie sehen: ich habe am Wochenende doch...
  • Aléa Torik: Lieber Phorkyas jetzt weiß ich wieder, wen ich in meiner Aufzählung vergessen hatte: Sie. Das schlechte Gewissen, Ich hatte den mehrfach versprochenen Essay zur Zeittheorie auch angefangen, wieder weggelegt und dann einfach abgehakt. Hier waren ja in den letzten Monaten andere Sachen...
  • phorkyas: Liebe Aléa, so long and thanks for all the fish. Herzlich, Phorkyas PS. Falls Sie über Herrn Keuschnigs Kommentar gestolpert waren, dass der Konstruktion Ihres Avatars pekuniäre Absichten zu grunde lägen, und eine deutliche Distanzierung meinerseits fehlte, so bitte ich das zu...
  • Aléa Torik: Liebe Orlanda, vielen Dank für die aufmunternden Worte. Sie haben vollkommen recht. Beinahe vollkommen: Ich drohe nicht mir selbst, sondern ich versuche einen sinnvollen Lebensentwurf. Wenn ich nicht erkennen kann, dass das Schreiben diesen Sinn hat, dann kann ich es nicht...
  • Orlanda: Guten Tag Aléa Torik, ich wollte Ihnen schon länger schreiben, fand aber die nötige Ruhe und Zeit nicht. Einige Ihrer Einträge hier, bei Aisthesis und Iris Nebel habe ich gelesen. Ihre Texte gefallen mir sehr, Sie haben einen bisweilen coolen, dann wieder sehr empfindsamen Tonfall....
  • Aléa Torik: Lieber Avenarius, Sie Ihrerseits leben noch? Ich bekenne … dass es das eigene ist, das einmalig eigene Leben: „Das ist keine bloße Wortspielerei und schon gar keine Ungenauigkeit. Hier wird ein Zustand beschrieben, für den kein Wort gebraucht wird. Weil es womöglich keines dafür gibt....
  • Avenarius: Liebe Alea, Ich bekenne: Sie haben gelebt!
  • Aléa Torik: Lieber Bersarin, auch hierzu noch: Kritik ist immer willkommen, immer dann, wenn sie konstruktiv vorgeht, was offenbar keine ganz einfach zu erbringende Leistung ist. Beide Zeiten, die moderne und die vormoderne, kommen in den Romanen zur Sprache, deutlicher noch in „Aléas Ich“. Und...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, vielen Dank für den Kommentar. Für Fragen innerhalb des Blogs ist es wohl zu spät. Vielleicht wird es ein Außerhalb geben. Innerhalb der Blogosphäre ist wohl auch kein Verständnis möglich, weil ich ja die Konstruktion, die viele machen – es ist hier mein...
  • Aléa Torik: Lieber Bersarin, „schade, wenn morgen dieser Blog seinen Betrieb einstellt, aber doch nur konsequent, daß dieser Blog in seiner Existenz aufhört: nämlich von Aléa Torik zu berichten, von dem, was sie liest, wie sie liest, wie sie Berlin wahrnimmt.“ – Es ist auch für mich sehr schade,...
  • bersarin: Was die zwei Zeitachsen in DGdW betrifft, so sehe ich das Problem darin, daß – und hier liegt meine Kritik an beiden Romanen – viele Aspekte leider nur angerissen werden, die in den Motiven und im Raum des Textes stärker zur Entfaltung hätte kommen und intensiver hätten...
  • Aléa Torik: Lieber Christian, vielen Dank für den Abschiedsgruß! Danke für das Kompliment zu „Aléas Ich“. Das freut mich wirklich sehr. „ … that can allow you to be intimate with the world and with a mind and with characters that you just can’t be in the real world ….” . Das ist eine sehr schöne...

  • 04 August 2011

    „Sinnlos, das bizarre Abenteuer, Mensch zu sein“

    „Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit“ von M. Blecher

    Das ist ein Buch der Unruhe und des Erwachens. Man kann es nur schwer einen Roman nennen. Es sind eher die Betrachtungen eines jungen Erwachsenen. Und sie sind, wie Betrachtungen junger Leute eben sind: Sie drehen sich um sich selbst. Das ist der Versuch einer Autobiografie. Und da junge Leute nicht viel zu erzählen haben, gelingen diese Bücher in den seltensten Fällen. Sie können nur gelingen, wenn sie das eigene Ich lediglich als Ausgangpunkt nutzen, um es so schnell wie möglich zu verlassen. Und das gelingt diesem Autor in vorzüglicher Form.

    Diese autobiografischen Grundzüge haben seine drei Bücher gleichermaßen. Blecher hatte keine Zeit, sich mehr als das anzueignen, was die Natur und das Schicksal ihm zugemutet haben. Mit neunzehn Jahren an Knochenmarktuberkulose, einer Entzündung der Wirbelsäule erkrankt, ist Blecher keine dreißig Jahre alt geworden. Zwei Bücher hat er zeit seines Lebens veröffentlicht: „Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit“ – „Întâmplări în irealitatea imediată“ -  und „Vernarbte Herzen“ – „Inimi cicatrizate“, ein Drittes stammt aus dem Nachlass: „Beleuchtete Höhle“ – „Vizuina luminată“.

    M. Blecher, dessen Vorname wahrscheinlich Max war, der seine Briefe mit Marcel unterschrieb, den seine Freunde Maniu oder Minú nannten, hat von 1909 bis 1938 gelebt und ist einer der großen rumänischen Schriftsteller. Seine Texte gehören zur Avantgarde dieser Zeit, sie stehen teilweise unter dem Einfluss des Sur-Realismus. Blecher war mit Sașa Pană befreundet, der wiederum Victor Brauner kannte, der, wie Tristan Tzara, Mircea Eliade und auch Andre Breton in der avantgardistischen Zeitschrift Contemporanul veröffentlichte . Seine erste Veröffentlichung hatte Blecher in der Zeitschrift Bilete de Papagal – Papageienblätter, der Zeitschrift von Tudor Arghezi, einen Auszug auf seinen Gedichten Corp transparent – Transparenter Leib, die es in Auszügen online gibt.

    Erfolg hatte er zu Lebzeiten kaum, obwohl sein erstes Buch von anderen Avantgardekünstlern hochgelobt wurde. Selbst in Rumänien war er lange eher ein Geheimtipp. Das Schicksal seiner Familie, allesamt rumänische Juden mit spanischen Vorfahren (wie auch bei Aleandru Vona), verliert sich in den Wirren vor und während des 2. Weltkriegs. Die Eltern reisen nach Israel aus, die Schwester nach Chile. Im kommunistischen Rumänien bestand kein Interesse an Blecher und seinen Texten, so dass erst in den vergangenen beiden Jahrzehnten Arbeiten über ihn entstanden sind oder veröffentlicht werden konnten. Das dritte Buch, seine Hinterlassenschaft, erschien in Rumänien erst im Jahr 1971.

    Geboren in Botoşani, aufgewachsen in Roman ging der Autor zum Medizinstudium nach Paris, erkrankte schwer und verbrachte die kommenden zwei Jahre im Sanatorium von Berck-sur-Mer an der französischen Atlantikküste. Er kehrte 1933 nach Rumänien zurück, wo er ebenfalls im Sanatorium lebte, in Techirghiol am Schwarzen Meer. Den größten Teil seines Erwachsenenlebens musste er im Liegen verbringen. Er schrieb wohl meist unter großen Schmerzen. Im letzen Jahr seines Lebens berichten seine Briefe nur noch vom Leiden, von Ärzten und Operationen.

    „(Vorkommnisse) aus der unmittelbaren Unwirklichkeit“ ist ein Buch, in dem einer anfängt sich in der Welt zu orientieren. Ein männliches, lyrisches Ich ohne Namen zu Beginn der Pubertät. Einer, der mit Umständen konfrontiert wird, die ihn lebenslang nicht mehr loslassen: Liebe, Sexualität, Tod. Das sind Tatsachen und Tatsachen kennzeichnen die Wirklichkeit. Das ist eine Welt, zu der er sich nicht dazugehörig fühlt: „Es gab also eine Kategorie von Dingen auf der Welt, denen ich nie würde angehören können, gleichgültige und melancholische Pojazen [ein Pojaz ist ein Clown, ein Spaßvogel, ein dummer August], kräftige Jungs, die nie Kopfschmerzen hatten. Um mich, zwischen den Bäumen im Sonnenlicht, floß ein heiterer und breiter Strom voller Leben und Reinheit. Ich war dazu ausersehen, auf ewig an seinem Rand zu bleiben, vollgestopft mit Dunkelheit und Schwächen und Ohnmachten.“ Wirklichkeit ist alles, was um einen herum ist und einen mit seiner Gegenwart bedrängt. Das lyrische Ich weiß allerdings auch, dass die Dinge in dieser wirklichen Welt nur teilweise zu Hause sind. Dieses Ich hat eine deutlich gesteigerte Wahrnehmung, die mit Zweifeln am Wahrnehmungsvermögen einhergeht.

    Die Handlung ist sehr übersichtlich. Der namenlose Junge – ich scheue mich ein wenig, ihn einen jungen Mann zu nennen – geht über den Jahrmarkt und ins Panoptikum, er schleicht sich tagsüber ins Varieté und ins Wachsfigurenkabinett. Er wandert durch die Stadt und stromert auf einem unbebauten Gelände herum. Er ist auf der Suche nach Orten und Umständen, wo die Dingen nicht so sind wie sie wirklich sind. Dinge, die neben ihrer exakten Bedeutung in der Wirklichkeit noch eine andere Dimension aufzuweisen haben. Umstände, in denen seine Hände mehr sind als nur „zwei bemitleidenswürdige, gefangene Vögel, die von einer mächtigen Kette aus Haut und Muskeln an den Schultern gefesselt waren. Arme Vögel, dazu bestimmt, mit einigen stumpfsinnigen Gesten wohlerzogenen Anstands zu fliegen wie es einstudiert und wiederholt worden war, als hätte es Bedeutung.“ Es werden hier vor allen innere Vorgänge beschrieben. Es wird beschrieben was die Welt draußen in der Welt drinnen auslöst und anrichtet.

    Die Wirklichkeit hat einen Mangel: ihre Präzision und Exaktheit. Das ist eine Welt, in der die Dinge sind, was sie sind. Nicht mehr und nicht weniger. Sie haben nicht die Möglichkeit anders zu sein. Sie haben keinen Über- und keinen Unterdruck. Das klingt banal, beschreibt aber ein Dilemma, das vor allem Künstler oft erleben. Man muss Dinge, indem man sie beschreibt, malt, darstellt, in Worte, Farben oder Formen fassen. Die sind nicht identisch mit der Wirklichkeit, sie bilden sie lediglich ab, sie verändern sie. Außer man ist einem totalen Realismus verpflichtet, der einfachen Wiedergabe der Welt. Der Verdoppelung. Dann allerdings muss man sich fragen, warum man künstlerisch tätig ist, wenn man sie nur wiedergeben will. Auch muss man anerkennen, dass ein jeder Kind seiner Zeit ist und man, wenn eine gewisse Entwicklung stattgefunden hat, nicht mehr oder nur noch schwer dahinter zurück kann. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts hat der Surrealismus die Sicht auf die Dinge verändert, indem er der einzigen Art der Sicht, der vermeintlich natürlichen, die mögliche Art der Sicht hinzugefügt hat. Diese mögliche Welt mit den aus dem Surrealismus bekannten Reizen, dem Traum, der Phantasie und dem Wahn.

    Je grandioser die Welt in ihren Möglichkeiten sein könnte, desto schmerzhafter empfindet man ihre wirkliche Dimension: „Einige Sekunden lang sahen meine Gedanken auf ideale Weise und in größter Ausführlichkeit meine würdevollen Bewegungen voraus. Ich sah mich sehr sicher vorausschreiten und mich mit einer lässigen Bewegung zu Eddas Füßen auf das Bett setzen, auf dem sie lag. Meine tatsächliche Person blieb jedoch wie ein kaputter und unbrauchbarer Anhänger hinter diesen schönen Vorstellungen zurück.“

    Präsent sind vor allem die Verlockungen und Verwirrungen durch die Geschlechterdifferenz. Da sind einige Begegnungen mit Mädchen und auch Jungs. Es passiert, wovon er später nicht einmal sagen kann, was es war. Er wird bestraft, weil er mit einem Mädchen im Bett gelegen und etwas gemacht hat, was er selbst nicht genau einschätzen und woran er sich auch nicht recht erinnern kann. Vor allem sind es zwei junge Frauen, die ihn verwirren, eine zu Beginn der hier dargestellten Entwicklung, die andere an ihrem Ende.

    Da ist Clara aus dem Nähmaschinenladen. Er sitzt Wochen-, vielleicht Monatelang in einem Hinterzimmer des Ladens, weil sich dort Clara mit ihrem Bruder aufhält. Der Bruder verlässt bisweilen das Hinterzimmer, weil er vorne eine Nähmaschine verkaufen kann oder weil er einkaufen geht. Dann ist der Junge mit Clara alleine. Unter bestimmten, sehr komplexen  Bedingungen, kann es sich ereignen, dass sie an ihm vorübergeht und dabei mit ihrer Wade sein Knie berührt. Und das macht ihn beinahe besinnungslos. Darauf wartet er immer und immer. Später kommt es auch zu einer echten körperlichen Annäherung, es kommt zu einem Liebesakt, den Clara bewusst gleichgültig anbietet und dem der Leser nur undeutlich beiwohnt, der wohl ähnlich undeutlich ist und auch erlebt wird. Clara ist ein Abenteuer: „Ein Abenteuer voller Qualen und Erwartungen, voller Unruhen und Zähneknirschen, etwas, das einer Liebe geglichen hätte, wenn es nicht die schlichte Fortdauer einer schmerzhaften Ungeduld gewesen wäre.“

    Eines Tages geschieht mehr als nur diese erotische Verwirrung durch das andere Geschlecht. Da lernt er die Liebe kennen. Die unglückliche, sich verzehrende Liebe nach Edda. Er sieht sie bei ihrer Hochzeit mit dem Frauenheld Paul, der ältere Bruder seines Freundes Ozy Weber. Mit Eddas Einzug in das Haus in dem auch er verkehrt, ändert sich das Leben aller Beteiligten. „In Eddas Umkreis begann eine Pantomime mit vier Personen: Paul wurde treu und würdevoll; der alte Weber kaufte sich eine neue Mütze und eine Brille mit Goldrand; Ozy wartete vor Aufregung keuchend darauf, daß Edda ihn rufe und ich blieb auf der Terrasse, den wässrigen Blick ins Leere gerichtet.“

    Alle Annäherungsversuche natürlich bleiben erfolglos. Er sitzt meist einfach da und starrt Edda an. Er ist verzweifelt. Er geht zu ihr und will ihr erklären, dass er ein Baum ist. Aber das kommt nicht sehr gut an. Auch Edda ist nur Wirklichkeit. Sie ist präzise das was sie ist. Auch wenn er nicht genau weiß, was sie ist. Er sitzt herum. Er sitzt draußen vor der Stadt, es regnet, er wühlt im Schlamm wie Kinder das eben tun. Er erfährt eine Art Einheit mit der Welt, er ist versöhnt, er sieht die Dinge nicht mehr als nicht zu verstehendes Gegenüber. Er wühlt im Matsch, er trauert einer Kröte hinterher. Er ist glücklich. Er schläft in einer Hütte ein und träumt von einer kopflosen Frau. Wieder erwacht, senkt sich unaussprechliche Bitternis in ihn. „Einen Augenblick lang wuchs die Verzweiflung in mir, als hätte ich brüllen und mir den Kopf gegen die Bäume stoßen müssen. Gleich darauf aber schrumpfte alle Traurigkeit, zu einem ruhigen und sanften Gedanken zusammen. Jetzt wusste ich, was ich zu tun hatte: wenn nichts mehr andauern konnte, blieb mir nichts weiter übrig, als alles zu beenden. Was ließ ich zurück? Eine feuchte, häßliche Welt, in der es langsam regnete …“ Er beschließt sich umzubringen und setzt das, allerdings im Letzten erfolglos, auch um.

    Hier kommt eine Struktur des Erlebens zur Sprache, die den gesamten Text strukturiert: Die Gegensätze. Aus dem allergrößten Glück im Matsch und im Regen, eins zu sein mit der Welt, wird genau das Gegenteil, das schlägt sehr schnell und mit aller Konsequenz um und die Welt zum unverstehbaren Gegenüber. Die einander ausschließenden Gegenteile sind sich extrem nah, vor allem dann, wenn sie Stimmungen betreffen. Ja man könnte sogar sagen, dass eine Stimmung der anderen dann am nächsten kommt, wenn sie ihr genaues Gegenteil ist. Und zwar deswegen, weil sie im Extrem, im möglichen Umschlag, aufeinander treffen.

    Damit wird ein Motiv zur poetologischen Struktur ausgebaut. Die Bedeutung der Gegensätze: Lust und Verzweiflung, Anspannung und Gleichgültigkeit, Traum und Wirklichkeit gehen durcheinander. Mehrfach wird von der Umkehrung der Relationen gesprochen. Einmal sieht er einen Unfall, bleibt dabei aber auffällig gleichgültig. Dann sieht er sich und die Welt aus der Perspektive des Unfallopfers, er spürt dessen blutende Wunde. Sich selbst mit den Augen der anderen zu sehen, das verändert das Bild, das man von sich hat. Und das hat in diesen Fall auch eine schizoide Struktur.

    Bei Edda allerdings kommt das an eine Grenze. Hier kann er Traum und Wirklichkeit nicht mehr auseinanderhalten: „ … ihr Tod war mein Tod, und in alles, was ich seitdem tue, in alles, was ich erlebe, projiziert sich kalt und dunkel, so wie ich es bei Edda gesehen habe, die Reglosigkeit meines zukünftigen Todes.“

    „Es war mein Vater, der schweigend darauf gewartet hatte, daß ich aufwachte. Als ich die Augen aufschlug, ging er einige Schritte in die Stube hinein, brachte mir eine weiße Waschschüssel und eine Kanne Wasser, damit ich mir die Hände waschen konnte. Mit einer schmerzhaften Verkrampfung, die mir das Herz zusammenpresste, verstand ich, was dies bedeutete.
    „Wasch dir die Hände“, sagte mein Vater, „Edda ist gestorben.“
    Draußen regnete es fein, und der Regen hörte drei Tage nicht auf.“

    Eddas Tod ist ein Tod in der Wirklichkeit, exakt und präzise und durch nichts abzumildern oder zu verändern. Der Tod, das erfährt der Junge hier in aller Schmerzhaftigkeit, ist so massiv, so endgültig und unwiderruflich, dass keine Möglichkeit zur Differenz besteht. Der Tod ist die pure Wirklichkeit.

    „Worin besteht mein Wirklichkeitsgefühl?
    In meine Umgebung ist das Leben zurückgekehrt, das ich bis zum nächsten Traum leben werde. Schwer hängen die gegenwärtigen Erinnerungen und Schmerzen in mir, und ich will ihnen widerstehen, nicht in ihren Schlaf verfallen, aus dem ich vielleicht nie wieder würde zurückkehren können ….
    Jetzt wehre ich mich in der Wirklichkeit, schreie, flehe, man möge mich aufwecken, man möge mich zu einem anderen Leben erwecken, zu meinem wahren Leben. Sicher ist, daß jetzt heller Tag ist, daß ich weiß, wo ich mich befinde, und daß ich leben, aber in alledem fehlt etwas, wie in meinem entsetzlichen Alptraum.
    Ich quäle mich, schreie, peinige mich. Wer weckt mich auf?
    Die exakte Wirklichkeit zieht mich immer tiefer hinab, versucht mich unterzukriegen.
    Wer weckt mich auf?
    Immer war es so, immer, immer.“

    Möglich, dass ich mich täusche, wenn ich sage, das sei ein großer Autor. Aber diese Möglichkeit, die Möglichkeit, dass etwas anders ist, ist kein Fehler. Sie ist der Garant, dass die Wirklichkeit keine absolute Präzision und keine erdrückende Konsistenz bekommen. Dann wird sie als Tod erlebt.

    Übersetzt von Ernest Wichner, mit einem Nachwort versehen von Herta Müller, die das Buch als „Meisterwerk“ bezeichnet. Ernest Wichner hat auch die anderen Bücher dieses Autors auf dem Rumänischen übersetzt. Wer bin ich, zu sagen, dass die Übersetzung sicher außerordentlich ist. Ich habe das Original, da ich auch gerade nicht mehr in der Bibliothek sitze, nicht einmal zur Hand genommen.

    Wie ich gerade erst sehe, gibt es den Text auch online.

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    M. Blecher
    Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit
    Suhrkamp Verlag 2003
    Bibliothek Suhrkamp 1367, Gebunden, 154 Seiten
    ISBN: 978-3-518-22367-3

    (Die Abbildung zeigt die Originalausgabe)