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  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
  • irisnebel: klasse! gratuliere! musst du ne gegenleistung bringen? als stadtschreiber z.b.?
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  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
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  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
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  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
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  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • 29 Mai 2011

    Etwas Dunkles. Etwas Unergründliches. Oder Heiterkeit

    „Der Herr der Wolken“ von Stéphane Audeguy

    Ich habe das Buch gelesen, weil ein Freund zum Thema „Wolke“ promoviert. Die Wolke als Wolke, die Wolke als Metapher, als Motiv, als Dispositiv. Der Roman steht bei der Arbeit nicht im Mittelpunkt, er hat lediglich vor Jahren einen Anstoß dazu gegeben.

    In dem Roman heißt es einmal: „Der Himmel ist kein Gegenstand, er ist ein Milieu.“ In diesem Milieu bewegen wir uns. Vielmehr bewegen sich die Wolken und wir stehen still. Die Wolken werden bewegt. Und doch bewegen sie sich nicht. Sie stehen: Für sich oder für etwas anders. Sie stehen gar nicht, sie hängen. Sie hängen auch nicht, sie schweben. Sie schweben nicht, sie haben Auftrieb, sie überwinden die stärkste Kraft, die es in diesem Universum gibt, die Schwerkraft. Wenn sie keinen Auftrieb haben, sinken sie. Sie sind Teil eines Kreislaufes und laufen doch nicht und im Kreis schon gar nicht. Sie sehen leicht aus, sind aber schwer. Sie sehen luftig aus, sind aber wässrig. Sie sind gasförmig auch wenn Gas keine Form hat. Sie sind kein Ganzes, sie sind nicht einmal der Teil eines Ganzen. Sie sind teilnahmslos. Sie symbolisieren etwas. Etwas Dunkles. Etwas Unergründliches. Oder Heiterkeit. Wolken verändern unablässig ihre Form, ihre Erscheinung, ihre hyle, ihre morphe, ihre Gestalt. Sie entstehen und vergehen. Unabänderlich wandelbar. Sie gehören zum Himmel, zu einem göttlichen, mit rationalen Mitteln nicht zu ergründenden Jenseits. Sie sind ungreifbar und unangreifbar. Sie sind feucht, flüssig, gasförmig, neblig. Sie standen einige Jahre, ein Jahrhundert lang, im Mittelpunkt einer Wissenschaft, die es noch gar nicht gab und die sich heute kaum noch für sie interessiert, die Meteorologie. Die Wolke als Wolke ist nicht mehr interessant. Interessant sind heute ihre Derivate.

    „Mit dieser ebenso ästhetischen wie medialen Vorliebe ist die Wolke zu einer Grenzfigur zwischen Himmel und Erde, zwischen den Himmlischen und den Irdischen geworden und konnte bis in die Neuzeit hinein als Hieroglyphe von Abwesenheit und Undarstellbarkeiten fungieren“, heißt es in dem Vorwort eines Sammelbandes: „Archiv für Mediengeschichte – Wolken“:

    „Der Herr der Wolken“ ist ein Roman der einen Aspekt der Wissenschaftsgeschichte thematisiert. Stéphane Audeguy bedient sich historischer Fakten, variiert und verändert sie aber nach Belieben. Die historische Wirklichkeit fungiert dabei wie kleine Kondensationskerne, die immer notwendig sind wenn aus unspezifischer Feuchtigkeit Tropfen werden und aus Tropfen Regen wird.

    In der Hauptsache werden die natürlichen Wolken in der Atmosphäre thematisiert. Es kommen allerdings auch andere Wolkenbildungen zur Sprache, eine Wolke aus Insekten, die sich über den Kadaver eines Orang Utans hermacht, Giftgaswolken im ersten Weltkrieg, die Aschewolke beim Ausbruch des Krakatau im Jahre 1883 und die Wolke, die sich nach der Explosion der Atombombe über Hiroshima gezeigt hat. Daneben werden zwei eher abstrakt wolkige Erscheinungen thematisiert: die Liebe und der Wahnsinn. Wir haben hier möglicherweise eine begriffliche Erweiterung des ursprünglichen Anwendungszusammenhangs der Wolke.

    Wir sind in Paris im Jahr 2005. Die Rahmengeschichte erzählt von Akira Kumo, einem älteren japanischen Modeschöpfer, und Virginie Latour, einer jungen Bibliothekarin. Akira Kumo hat alle Sammelleidenschaften zugunsten einer einzigen aufgegeben: er sammelt Literatur, die sich mit der Erforschung der Wolken beschäftigt. Er stellt Virginie Latour ein, die ihm bei der Archivierung seiner Bücher behilflich sein soll. Allerdings archivieren die beiden nur mit vermindertem Interesse. Vielmehr erzählen sie einander Geschichten. Ein Großteil des Romans ist als Erzählung der jeweiligen Personen angelegt, allerdings aus der Perspektive eines Erzählers, bei konsequent fehlender direkter Rede. Akira erzählt seiner neuen Bibliothekarin die Geschichten jener Menschen von denen die Bücher seiner Sammlung berichten. Als sei das für deren Arbeit von Belang.

    Er beginnt mit Luke Howard, der eine Klassifizierung der Wolken vornimmt. Anders als seine Vorgänger, bedient er sich dabei lateinischer Namen: Cirrus – Federwolken, Stratus – Schichtwolken, Cumulus – Haufenwolken und Nimbus – Regenwolken. Auf dieser Grundlage werden, mit den entsprechenden Modifikationen, noch heute Wolken klassifiziert. Akira erzählt von dem Mathematiker Richardson, der mittels numerischer Rechenmodelle als erster etwas bis dahin Undenkbares wagte: eine sogenannte Wettervorhersage. Das Wetter gehorchte Gesetzmäßigkeiten, die man erkennen und deren Auswirkungen man vorhersehen konnte! Es ist heute selbstverständlich, dass man sich für das Wetter von Morgen interessiert, weil man weiß, dass sich das Wetter nicht hält. Gerade als traue man dem Wetter von morgen mehr zu als dem von heute. Eine perpetuierte Hoffnung, die nie endet, denn enttäuschend ist ja immer nur das gegenwärtige Wetter. Akira erzählt von dem Maler Carmichael, der nichts als Wolken malte und sich dabei immer weiter vom Gegenständlichen entfernte.

    Im zweiten Teil des Romans wird Virginie nach London geschickt, um das mysteriöse „Abercrombie-Protokoll“ zu erwerben, das dem Japaner in seiner Sammlung noch fehlt. Während sich Virginie dort aufhält, schreibt Akira ihr zwei Briefe, in denen er sein Leben erzählt. Er stammt aus Hiroshima und hat den Abwurf der Atombombe überlebt. Aber, in gewisser Weise, den Tod seiner Schwester Kinoko nicht. Er hat sie vollkommen vergessen. Jetzt, da er sich als alter Mann wieder seiner Kindheit erinnert – dieses in der Literatur ausgesprochen beliebte Muster, der Mensch vergisst einen Teil seines Lebens und erinnert sich dann aufgrund eines Erlebnisses doch noch, ist im Grunde das, was Freund in der „Psychopathologie des Alltagslebens“ aufzeichnet: eine Krankheit symbolisiert etwas und verschwindet, sowie diese Symbolisierung aufgehoben wird –; nachdem er sich also wieder erinnert, und er erinnert sich, indem er der jungen Frau schreibt, springt er aus dem Fenster. Wer eine Atombombe überlebt hat, überlebt auch einen Fenstersturz. Er sieht Virginie wieder, die mit dem Protokoll aus London zurückkehrt und dem offenbar Querschnittsgelähmten die Reise Abercrombies‘ durch die Welt erzählt und ihm die Bilder zeigt, die das Protokoll enthält.

    Diese Erzählung bildet den dritten Teil des Romans. Richard Abercrombie zieht in die Welt hinaus, um die Wolken zu fotografieren, besinnt sich eines Besseren und zieht nur noch Frauen aus. Zwischen ihren Beinen findet er seinen eigentlichen Himmel. Er fotografiert keine Wolken mehr, sondern das pudendum femininum, die weibliche Vulva. Das Protokoll, das ein Mythos unter den Meteorologen seiner Zeit war, zeigt in der Hauptsache Frauen in der Position in der auch Gustave Courbert ‘L’Origine du monde – Der Ursprung der Welt’ sie gezeigt hat.

    Der Forscher Abercrombie entdeckt etwas, das er Analogie, richtiger Isomorphie, nennt: alle lebendigen Strukturen der Welt lassen sich auf wenige, analog ausgeprägte Grundformen zurückführen. Diesen mit Abstand umfangreichsten Teil des Romans, empfinde ich als seinen schwächsten. Die Analogie Wolke – Feuchtigkeit – weibliches Geschlecht – andere Formen wie Muscheln etc. – erscheint mir recht weit hergeholt.

    Richard Abercrombie kehrt, nachdem er mit allen geschlafen hat, die er kriegen konnte, nach England zurück, adoptiert den Flegel Abigail als seine Erbin und stirbt. Abigail schläft daraufhin ebenfalls mit allen, die sie kriegen kann, bekommt mit vierzig ein Kind, ein Junge der ebenfalls Richard Abercrombie heißt und, kaum erwachsen, natürlich auch mit allen schläft, die er kriegen kann und dann auch – ich sagte es, dieser Teil ist etwas schwach – mit Virginie Latour. Er ist der rechtmäßige Erbe des Abercrombie Protokolls von dem nach wie vor keiner weiß, was sich darin eigentlich befindet.

    Nach dem Bericht Virginies, die nicht fragt, warum Akira aus dem Fenster gesprungen ist, springt er erneut, dieses Mal mit größerem Erfolg: sein Blut bildet „ein unregelmäßiges, schönes Muster von unbestimmter Bedeutung.“ Virginie, die in seinem Testament gut bedacht ist – nicht ganz zu Unrecht, denn es sieht so aus, als sei sie nach Kinoko, die erste Frau, die Akira wirklich gern hat – erhält eine Stelle in einem internationalen Wetterforschungsinstitut, wird Herausgeberin des Abercrombie-Protokolls und erbt ein schickes Haus in London. Sie verstreut die Asche des Modeschöpfers in einem Sturm.

    Was mir sehr gut gefällt, ist die signifikante, geradezu aufdringliche Häufigkeit des Verbs „begreifen“. Das steht in einer schwer aufzulösenden Opposition zum Thema dieses Romans: die Wolken sind nicht zu begreifen, aufgrund ihrer Ferne nicht und nicht aufgrund ihrer Konsistenz. Ich finde das Buch allerdings, sowie es um Sex und Liebe geht, eher schwach. Akira Kumo hatte lebenslang nur mit Prostituierten Sex, mit Abertausenden. Ob er jemals Liebe für jemand anderen als seine kleine Schwester empfunden hat, ist fraglich. Dasselbe Motiv / Bild / Attitüde zeigt der gesamte Abercrombie-Clan. Virginie fungiert als Gegenbild. Sie ist wie sie heißt: eine Jungfrau. Sie hatte noch nie einen Orgasmus unter Einfluss eines Mannes, sondern muss es sich alleine machen. Als sie mit Abercrombie ins Bett geht und einen „ozeanischen Orgasmus“ bekommt, scheint das immerhin ganz gut zu sein. Aber mehr auch nicht.

    Man verliebt sich in diesem Roman bisweilen, Virginie verliebt sich irgendwie in Akria, obwohl der schon über siebzig ist. Ob sie das nicht bemerkt oder nicht stört, erfährt man nicht. Sie verliebt sich dann auch in jemand anderen. Den nächsten, mit dem sie Kontakt hat. Die Beziehung zu ihrem vorherigen Freund endet an einem Abend recht belanglos: er will nicht mehr, ihr ist das ganz recht und als der das bemerkt, will er doch wieder: „Das ist natürlich ein bisschen traurig, aber eigentlich ist es nicht schlimm.“ Dann ist allerdings auch wieder vom „süßen Vergnügen“ die Rede, was Akira und Virginie empfinden, wenn sie zusammen sind. Ist das platonische Beisammensein als Erlösung von den Zumutungen der Sexualität zu verstehen?

    Erfüllender Sex als Masturbation, als Abwesenheit des anderen oder wahlloses Vögeln, das ebenfalls von der Abwesenheit des anderen zeugt: beides scheint keine erfüllende Sexualität. Möglicherweise ist das die These Audeguys: wir empfinden in der Sexualität keine Befriedigung, keine Erfüllung. Aber dann wäre es die Aufgabe des Schriftstellers, das zu thematisieren. Oder nicht? Ist die Aufgabe etwa lediglich die der Darstellung? Ist die bloße Darstellung bereits die Thematisierung? Das wieder sind interessante Fragen: was ist die Aufgabe des Schriftstellers? Und was die des Lesers? Ohne Aufgabe wollen wir den einen so wenig entlassen wie den anderen.

    Sex ist hier niemals schön. Niemals lustig. Sex ist nicht vorher begehrend, nachher nicht befriedigend. Er ist nicht die Liebe weckend, sie fürchtend oder vertreibend. Liebe ist keine Illusion und auch nicht desillusionierend, es gibt keine Erwartungen und keine Enttäuschungen. Das Verhältnis zum Sex würde ich hier als utilitaristisch bezeichnen. Auch der Wortschatz Audeguys zeugt da nicht von Interesse, man „macht“ es eben, es wird einem „besorgt“, Männer „vögeln“ die Frauen, die ihrerseits „flachgelegt“ werden. Das ist der zweite Roman eines noch, naja, verhältnismäßig jungen Schriftstellers – nach „Die Unbefleckte Empfängnis“ von Gaétan Soucy – in dem Sex wie eine körperliche Notwendigkeit erscheint, die zwar bisweilen Unannehmlichkeiten mit sich bringt – ein Schamhaar zwischen den Zähnen oder zu viel Feuchtigkeit zwischen den Beinen – aber darüber hinaus keinen Anlass zu Träumen oder Sehnsucht gibt. Das finde ich verwunderlich! Wenn das Personal der modernen Literatur nicht von Liebe träumt, wovon dann? Das ist der Tod der Kirschbäume. Es lässt sich bekanntlich nirgends besser von der Liebe träumen als unter einem Kirschbaum über dem die Wolken dahinziehen, fern und vielbedeutend.

    Ich sprach von zwei Phänomenen, die im Rahmen der Wolkenbildung angesprochen werden, beide ähnlich nebulös. Ein nicht unbeträchtlicher Teil des Personals in diesem Roman wird als wahnsinnig oder verrückt bezeichnet. Carmichael wird es über seiner Malerei. Man erfährt allerdings nicht, warum das so ist: weil er es nicht schafft, die Wolken so zu malen wie er sie sieht? Oder weil er es schafft? Im einen wie im anderen Fall – in der Erfüllung wie der Enttäuschung – muss man ja die Hoffnung aufgeben! Wird er es, weil seine Frau todkrank ist? Wird er an der Konfrontation einer geometrischen, einer linearen, also rationalen Darstellung von nicht Darstellbarem verrückt? Daran, dass er Räumliches, Dreidimensionales in nur zwei Dimensionen, in Linie und Fluchtpunkt unterbringen muss? Auch Richard Abercrombie wird als „Irrer“ bezeichnet, sein Projekt, weltweit Wolken zu fotografieren, als „schlichtweg gestört“. Warum er das ist, wird nicht erklärt. Auch seine adoptierte Tochter Abigail ist wahnsinnig: auch hier sind die Erklärungen ihres Lebenswandelns nicht ausreichend für eine solche Diagnose.

    Die Menschen werden nicht wahnsinnig. Der Leser kann es nicht nachvollziehen. Sie sind es einfach. Vielmehr werden sie so bezeichnet. In einem Satz. Der Autor belässt es dabei, dass sie es sind. Sie sind nicht aus allen Wolken der Rationalität gefallen und dann wahnsinnig geworden. Das ist so ähnlich wie in der Liebe, man verliebt sich einfach in jemanden. Man schläft mit jemandem oder wird von ihm beschlafen. Einmal ist bei Abigail von an „Wahnsinn grenzender Liebe“ zu ihrem Sohn die Rede, aber eben nur einmal. Ansonsten ist Abigail gefühlkalt, von Liebe kann bei ihr nicht die Rede sein: wie diese Liebe sich artikuliert, wird nicht beschrieben.

    Möglichweise ist das Audeguys These oder doch – bewusst oder nicht, beabsichtigt oder nicht – ein Ergebnis seiner Arbeit an diesem Text, dass Phänomene wie Liebe oder Wahnsinn nebulös sind. Das wäre beim Wahnsinn ein deutlicher Rückfall hinter jede Position der Aufklärung. Ich finde es wenig überzeugend, wenn einer behauptet, Wahnsinn hätte keine Ätiologie. Liebe ist sozusagen die gesellschaftlich akzeptierte Form des Wahnsinns. Und auch die, so desillusionierend es bisweilen ist, hat eine Ätiologie, das Werk Sigmund Freuds steht dafür.

    Die Wolke ist kein Gegenstand. Joseph Vogl bezeichnet sie in seinem Aufsatz  – „Wolkenbotschaft“ – in dem oben genannten Sammelband als ein „unmögliches Objekt“ Etwas, „das sich durch das notorische Schwanken, durch Zufallsbildung, durch Wandelbarkeit, durch den intrikaten Wechsel zwischen Formlosigkeit und flüchtiger Form, durch einen sehr lockeren Sitz in den Kausalketten auszeichnet“. Die Wolke ist, an der Grenze zwischen Passiv und Aktiv, sie ist ein Ereignis. Einerseits lässt sich die Taxierung der Wolken in die großen Ordnungsversuche des 18. Jahrhunderts einsortieren, zu denen auch Linné, Darwin und etliche andere gehören, und tut das, was sie alle tun: Etwas Unförmiges in begriffliche Formen zu zwängen. Andererseits weist die Wolke darüber hinaus, denn hier ist nicht nur das Verhältnis zweier Mittel gegeben – Form und Formlosigkeit, Aktiv und Passiv, Signifikant und Signifikat, Substanz und Akzidenz, Konversion und Konvulsion – sie steht vielmehr genau an dieser Schwelle und gehört dann zu keiner der beiden Seiten: „Wenn die Wolken, wie Goethe und Howard einmal bemerkten, die Miene oder die „Physiognomik der Atmosphäre“ bestimmen, so wird diese Physiognomie von unkörperlichen Ereignissen umspielt, von Ereignissen, die – um es mit einem Paradox von Lewis Caroll zu sagen – am Himmel erscheinen wie ein „Grinsen ohne Katze“.

    Das Buch war ein Bestseller in Frankreich. Es stand auf der Liste zum Prix Goncourt und die Übersetzerin hat, soweit ich weiß, den André Gide Preis für ihre Arbeit bekommen. Avenarius hat mich für die Art gelobt, wie ich mit Büchern und Texten umgehe. Er nannte das respektvoll- zurückhaltend. Ich habe mich darüber gefreut. Ich tue jetzt etwas, was ich sehr ungerne tue: ich bin etwas weniger zurückhaltend.

    Ich selbst mache viele Flüchtigkeitsfehler, leider, und ich bin jederzeit geneigt, sie anderen nachzusehen. Allerdings hat der Text enorme sprachliche Schwächen, die über Flüchtigkeit hinaus geht, das sind schon richtige Fluchten! Es fängt beim Titel an. „Der Herr der Wolken“ heißt im Original „La théorie des nuages“. Das ist ein sinnvoller Titel. Auch im Rumänischen ist der Titel mit „Teoria norilor“ korrekt übersetzt und – kleiner Scherz! – da das Original richtig ist, ist nicht einzusehen, warum die Übersetzung falsch sein sollte.

    Da ist die Rede davon, dass dem Modeschöpfer im Internet an die tausend Seiten „gewidmet“ seien. Was eine Suchmaschine im Netz anzeigt, sind einfach Fundorte, mitnichten sind es Widmungen. Einmal heißt es: „Liebe auf den ersten Blick, das gibt es bei Freundschaften häufiger als in der Liebe.“ Im Französischen steht da wahrscheinlich ‚coup de foudre‘ und das kann man in diesem Fall dann eben nicht linear übersetzen. An anderer Stelle heißt es im Text: „Ende August steigt auf Krakatau der Druck unter besagtem Pfropfen inzwischen seit Jahren an.“ Wir haben es in diesem Satz mit drei temporalen Bestimmungen zu tun, die nicht zusammen passen: „Ende August“ – „inzwischen“ – „seit Jahren“. Da trägt jemand „eigenhändig“ einen Koffer, der ihm dann „in die Schulter einschneidet“. Da ist die Rede davon, dass ein Buch „ständig“ wiederaufgelegt wird, was ganz sicher nicht der Fall ist; viel zu viele banale Dinge werden als „schrecklich“ bezeichnet. In einem Roman, der den Abwurf einer Atombombe thematisiert kann man dieses Adjektiv genau einmal benutzen. Da sind Nachlässigkeiten wie die, das Abercrombie 1831 39 Jahre alt ist, ein Jahr später aber bereits 45. Einmal heißt es, Virginie könne sich „der nobelsten aller menschlichen Tätigkeiten widmen“, der Arbeit; dann wird über sie gesagt, sie bekomme ihr Geld in der „unvorteilhaftesten, menschlich gesehenen demütigsten Form, die es gibt: als Arbeitslohn“. Da es sich in beiden Fälle um Erzählerrede handelt, sind das hier nicht verschiedene Perspektiven aus Figurensicht, sondern sozusagen objektive Erkenntnisse des Erzählers.

    Ich vermute, dass mir der Autor nicht liegt: „Atemlos legt sich Virginie, die befürchtet, zu früh zu sein, ein paar Sätze zurecht, aber Richard Abercrombie hört sie kommen, lächelt ihr entgegen, bringt sie mit einer Geste zum Schweigen, und indem er sie sanft vor sich schiebt, beschreibt er mit dem Arm eine weitläufige Geste: Da entdeckt sie über die Baumwipfel des Friedhofs hinweg ganz London, das ihr in der trockenen Morgenluft zu Füßen liegt.“ Die Einwände die ich gegen diesen Satz habe, sind zu viele, um sie aufzuzählen. Einmal heißt es über Richard Abercrombie: „Eine Stunde verbringt er auf dem Oberdeck des Linienschiffs, das ihn langsam Richtung England trägt, während es mitten in der Bucht wartet, bis der Wasserstand ein Anlegen erlaubt.“ Ich habe nur einen Einwand, aber einen soliden: Hier ist der Hauptsatz bereits in England angekommen, während der Relativsatz noch auf das Ablegen des Schiffes in Amerika wartet.

    Womöglich hat die Übersetzerin kein abschließendes Lektorat bekommen. Wie viele Schriftsteller einen Lektor brauchen, brauchen ihn wohl auch die Übersetzer. Die haben es ja in der Regel noch schwerer als der Autor. Der Autor kann schreiben, was er will, ein Übersetzer hingegen, dem sicher bisweilen gelungenere Formulierungen auf der Zunge liegen, muss sich an die Vorgaben halten.

    Sollten meine Romane je übersetzt werden, muss ich zuvor mit dem Übersetzer reden. Ich wünsche mir eine eigensinnige und freie Übersetzung. Die grobe Richtung sollte stimmen, wenn ich meine Leute rechts gehen lasse, sollte der Übersetzer sie nicht nach links gehen lassen. In der Geometrie sind meine Texte in durchdacht. Alles andere hingegen habe ich einfach nur so zusammengeschrieben und ich wünsche mir, dass mein Übersetzer mit derselben Auffassung an die Arbeit geht. Das Urheberrecht in seiner derzeitigen Fassung ist ja sowieso für die Mülltonne.

    Das habe ich gerade erst gesehen, deswegen hier nur als Anhang: John Ruskin malte blaue Wolken und nannte sie weiße.

    Das ist auf den Land anders als in der Stadt: Man sieht den Himmel. Man sieht den Himmel und kommt vielleicht auch leichter hinein. Möglicherweise ist das ein Grund für den Rückgang der Bedeutung von Religion in der Stadt, weil man aufgrund der städtebaulichen Situation eine Einschränkung des Himmels hinnehmen musste.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.