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  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
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  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • 01 April 2011

    On Complexity

    Morgen gibt’s hier wieder was zu sehen. Heute gibt’s nur einen Link. Der Sachverhalt ist nicht ganz neu, aber ausgezeichnet dargestellt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    24 Dezember 2010

    Eine Lebensregel

    „Es gibt keine „Lebensregel“, von der man nicht sagen könnte, es wäre weiser, statt sie zu befolgen, das Gegenteil zu tun.“

    André Gide, Tagebuch zu „Die Falschmünzer“

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    18 Oktober 2010

    „Ein Ganzes ist, was Anfang, Mitte und Ende hat“

    Im Folgenden ein Zitat aus der Poetik des Aristoteles, zur Verkettung von Ursache und Wirkung in erzählerischen und dramatischen Werken. Mir gefällt das so gut, ich kommentiere das nicht weiter.

    „Ein Ganzes ist, was Anfang, Mitte und Ende hat. Ein Anfang ist, was selbst nicht mit Notwendigkeit auf etwas anderes folgt, nach dem jedoch natürlicherweise etwas anderes eintritt oder entsteht. Ein Ende ist umgekehrt, was selbst natürlicherweise auf etwas folgt, und zwar notwendigerweise oder in der Regel, während nach ihm nichts anderes mehr einritt. Eine Mitte ist, was sowohl selbst auf etwas anderes folgt als auch etwas anderes nach sich zieht. Demzufolge dürfen Handlungen, wenn sie gut zusammengefügt sein sollen, nicht an beliebiger Stelle einsetzen noch an beliebiger Stelle enden, sondern sie müssen sich an die genannten Grundsätze halten.“

    Aristoteles, Poetik, 1450 b.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    02 Juli 2010

    “Wir sind Nieten im Bett”

    Hier kommt die zweite und letzte Bemerkung zu „Der unerträgliche Gaucho“ von Roberto Bolaño.

    Auch dieses Buch des Chilenen hat mir nicht sonderlich gefallen. Vielleicht gehört dieser Mann zu jenen Schriftstellern, zu jenen Ausnahmegestalten, die nur große Texte schreiben können. Und die an den kleinen scheitern. Mit großen Texten meine ich nicht die langen Texte, die umfangreichen oder voluminösen, sondern ich meine die großartigen Texte. Künstler, die, weil sie nur solche Texte schreiben können, notwendig an den kleinen scheitern. Viele scheitern vielleicht an den großartigen Texten (Stoffen, Motiven, Darstellungen), weil sie nicht gut genug sind. Bolaño womöglich gehört zu jenen, die an den weniger großartigen scheitern, weil sie zu gut sind. Weil er wirklich ein Ausnahmeschriftsteller ist. Zu meiner Leseliste im Sommer gehören seine beiden dicken, und womöglich auch großen Romane. Die werden diese Liste auch nur verlassen, indem ich sie lese, nicht indem ich sie vorzeitig rauswerfe.

    „Wir sind Nieten im Bett, wir sind Nieten bei Wind und Wetter, aber im Sparen sind wir Meister. Wir heben alles auf. Als wüssten wir, dass das Irrenhaus irgendwann abbrennt. Wir verstecken alles. Nicht nur die Schätze, die Pizarro weiterhin regelmäßig unterschlagen wird, sondern die unbrauchbarsten Gegenstände, den ganzen Plunder, lose Fäden, Briefe, Knöpfe, die wir an Orten vergraben, an die wir uns später nicht mehr erinnern können, denn wir haben ein schlechtes Gedächtnis. Aber wir lieben es, Dinge aufzuheben, zu horten, zu sparen. Wenn wir könnten, würden wir uns selbst für bessere Zeiten aufsparen. Ohne Mama und ohne Papa können wir nicht leben. Obwohl wir ahnen, dass es Mama und Papa waren, die uns hässlich, dumm und schlecht werden ließen, damit sie selbst vor kommenden Generationen noch besser dastehen. Für Mama und Papa war Sparen Überdauern, Werk und Pantheon bedeutender Persönlichkeiten, während für uns Sparen Erfolg, Geld und Anerkennung ist. Darum und nur darum geht es uns. Wir sind die Generation der Mittelschicht.“

    Wer etwas über die Literatur Argentiniens wissen will: die Bolañisten erweitern gerade ihren Horizont.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 Juni 2010

    Krankheit und Kafka

    Im Folgenden in Zitat aus dem Buch „Der unerträgliche Gaucho“ von Roberto Bolaño. Vielleicht werde ich noch ausführlicher über das Buch berichten.

    „Canetti erzählt in seinem Buch über Kafka, dass der größte Schriftsteller des 20. Jahrhunderts an dem Tag, als er zum ersten Mal Blut spucken musste, begriff, dass die Würfel gefallen waren, worauf ihn nichts mehr vom Schreiben habe abhalten können. Was will ich damit sagen, wenn ich sage, dass ihn nichts vom Schreiben abhalten konnte? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht so genau. Ich nehme an, ich will sagen, dass Reisen, Sexualität und Bücher Wege sind, die nirgendwohin führen, auf die man sich aber dennoch begeben muss, um sich zu verirren und wiederzufinden oder um etwas zu finden, was auch immer, ein Buch, eine Geste, einen verlorenen Gegenstand, irgendetwas, vielleicht eine Methode, mit etwas Glück: das Neue, das, was immer schon war.

    Mir gefällt, dass Bolaño Reisen Sexualität und Bücher hier in einem Atemzug nennt. Drei Wege, die nirgendwohin führen. Die kein Ziel haben als sich selbst. Auch ich empfinde diese drei als die großen Abenteuer. Die, die nicht um der Erholung willen, um der Unterhaltung oder um des Triebes willen begonnen werden, sondern nur um ihrer selbst willen. Wege, die nirgendwohin führen. Wege, könnte man noch hinzufügen, bei denen man zu Tode kommen kann. Man kann untergehen, vermisst werden, man kann wiederkommen, neu beginnen. Das Neue nennt Bolaño „das, was immer schon war“. Eine kreisförmige Auffassung von Erkenntnis, wenn das Alte das Neue sein soll. Das muss keine pessimistische Auffassung sein. Es ist eine altbekannte Frage, wie das Neue in die Welt kommt. Wie man das Neue erkennt, wie man das neuartige am Neuen erkennt. Beantworten muss sie jeder für sich. Nur eins sollte man mit allen dreien nicht tun: sie zu den Akten legen.

    Roberto Bolaño „Der unerträgliche Gaucho“
    Aus dem Spanischen von Hanna Grzimek
    16.90 EUR
    Kunstmann Verlag
    ISBN 3-88897-446-1





    13 April 2010

    Die halluzinogene Katze III

    Hier gabs in letzter Zeit allerlei „Frühlingserwachen“ und „Verwirrungen der Zöglings Törleß“ (Torik). Nun kehren wir, nach Sex und Angst und Macht und Sport und Musik, zur Literatur zurück, und da ein weiteres Mal zur rumänischen Literatur, dieses Mal zu Teodor Dună,  hier und hier.

    Das folgende Gedicht stammt aus einem Band mit dem Titel „catafazii“ (Stotterer).

    Ich verberge ein meer ohne ufer und ohne jedes wasser unter der haut

    „ich spüre wie es innen langsam anbrandet.
    es ist gut. ich liege reglos im bett, eingewickelt in feuchte tücher,
    in ein blaues kleid und höre ihn rufen
    „dieser nacht wirst du nicht mehr entkommen“. es ist sehr gut.
    ich warte auf den Tag, der nicht mehr kommen wird.
    dafür habe ich säcke mit spinnen im bauch. sie wollen raus,
    ich drei meter unter mich. dort ist’s warm, ist ruhe,
    ist ein meer ohne ufer und ohne jedes wasser
    das kleid schnürt die haut ein, drückt die knochen tiefer hinein
    und das fleisch weiter weg von dieser wie auch immer weißen nacht.

    er liegt reglos zwischen bett und wand
    und ruft mir zu und hat über sich einen schwarzen vogel, seine haut
    ist feucht, und seine augen sind zwei wurzeln die in der zimmerdecke stecken.
    ich will raus
    und rühre mich nicht. das kleid drückt noch stärker und die haut gerät
    gänzlich unter mich und ich drei meter unter mich,
    und dort ist es gut, ist ruhe, verschwindet seine stimme
    verschwindet auch das zimmer
    und diese wie auch immer weiße nacht. aber nur ein bisschen.
    das meer ohne ufer und ohne jedes wasser
    steht plötzlich still,
    und ich komme wie aus schlammiger erde
    wieder unter dieser nacht hervor, unter seiner stimme,
    und stoße wieder an den leib, der mich lebt,
    an den leib, den ich vergessen will
    und in dem ich erwache, eingerollt
    wie in angst“

    Die Zeile, „der leib, der mich lebt“, das gefällt mir sehr gut. Da habe ich zu verstehen angefangen, dass hier vom eigenen Körper die Rede ist und dass dieser Körper jenes „meer ohne ufer und ohne jedes wasser“ ist. Auch die Formulierung  „ich warte auf den tag, der nicht mehr kommen wird“ gefällt mir, das kenne ich von mir selbst. Ich kann ebenso auf Tage und Umstände warten, die nicht kommen.

    Der sieht doch eigentlich ganz nett aus, gelle? Das wär auch mal ungefähr mein Alter. Aber der hat bestimmt eine Freundin. Oder zwei. Der Mistkerl!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    24 Februar 2010

    Die halluzinogene Katze II

    Heute gibt es einen weiteren Auszug aus “Die halluzinogene Katze“. Das ist ein Sammelband der Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik, „Die Horen“. Ich habe Anfang Januar bereits einmal etwas daraus zitiert.

    Dieses Mal kommt ein trauriger Umstand zur Sprache. Rumänien hatte einen Dichter, einen großen Dichter, der kleine rumänische Dichter Constantin Virgil Bãnescu, den sie Bobită nannten, und der sich im letzten Jahr mit nur siebenundzwanzig freiwillig vom Leben verabschiedete. Er war 2004 auf dem Internationalen Literaturfestival in Berlin, hier finden sich einige biografische Angaben. Hier ein Video und hier ist er im Blog von Miruna Vlada.

    der tag an dem ich sterbe

    mit 23 jahren habe ich
    bis ich sterben werde nichts mehr zu schreiben

    und heute ist leben

    mein mund steht offen vor meinem sterbenden mund

    und sonne ist überm feuer

    es ist alles was ich noch schreiben würde
    wenn ich noch etwas zu schreiben hätte bis ich sterbe

    die ausgedehnteste haut des tages

    es ist der tag an dem ich sterbe

    der tag an dem ich sterbe
    ist noch ein tag im leben

    (Übersetzt von Ernest Wichner, gewidmet Oskar Pastior, der seine Gedichte ins Deutsche übertragen hat.)

    „Bobită ist tot, er, der wie ein Feuerwerk in die Poesie eingezogen war, Bobită, der mit den Odaliskenaugen, er verzauberte das deutsche Publikum mit seiner Flöte, auf der er wie ein spielendes Kind heitere Melodien improvisierte, Bobită, der jedes Wort wie ein Gedicht durchlebte, der ehrlich war und artifiziell.“
    Nora Iuga

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    26 Januar 2010

    Ein grauenhaftes Geräusch

    Wo ich gerade schon wieder dabei bin, möchte ich ein kleines Beispiel der Fähigkeiten von David Foster Wallace aus „Unendlicher Spaß” bringen. Dieser Autor hat ein erhebliches Gespür für Situationen, aus denen sich etwas machen lässt. Und er macht dann auch etwas aus ihnen.

    Ortho Stice sitzt eines Morgens im Flur auf einem Stuhl und lehnt mit der Stirne am Fenster. Dort trifft ihn sein Freund und Kollege Hal Incandenza. Das dauert ein bisschen bis man begreift, was da vor sich geht. Ortho lehnt mit dem Kopf am Fenster und erzählt den Witz über die drei Statistiker, den ich gestern hier nacherzählt habe. Erst nachdem Hal ihn darauf anspricht, berichtet Stice, dass er, im November bei Eiseskälte gegen Mitternacht, offenbar von Alpträumen gequält, verschwitzt aus seinem Zimmer gegangen ist, sich auf diesen Stuhl gesetzt und den Kopf an die Scheibe gelehnt hat. Und dass er da immer noch sitzt, weil er mit seiner Stirne an der Scheibe festgefroren ist. Er gehört zu jenen Menschen, bei denen das Gesicht und der Rest ihrer Erscheinung nicht zusammen passen. Auf seinem durchtrainierten und muskulösen Körper sitzt ein fettes, schwabbeliges Gesicht. Hal schlägt vor, Ortho von der Fensterscheibe loszureißen. Und das hört sich in Wallace‘ Worten so an:

    „Sein Holzstuhl knarrte, als ich ihn mit dem Knie fixierte. Er atmete schnell und tief. Seine parotitischen Wangen flappten ein bisschen beim Atmen. Unsere Wangen hatten wir fast aneinandergelegt. Ich sagte, bei drei würde ich ziehen. Ich zog dann aber bei zwei, damit er sich nicht dagegen wehrte. Ich riss ihn mit aller Kraft zurück, und nach kurzem Widerstand riss Stice mit.
    Man hörte ein grauenhaftes Geräusch. Seine Stirnhaut dehnte sich als wir seinen Kopf zurückrissen. Sie weitete und dehnte sich, bis sich zwischen seinem Kopf und dem Fenster eine Art Bord aus gedehntem Stirnfleisch von einem halben Meter Länge erstreckte. Das klang wie ein Gummiband aus der Hölle. Die Dermis von Stice‘ Stirn klebte immer noch, aber das überreichlich vorhandene Fleisch seines Bulldoggen-Gesichts wurde hochgezogen, dehnte sich und verband seinen Kopf mit der Fensterscheibe. Sekundenbruchteile lang sah ich gewissermaßen Stice‘ richtiges Gesicht; wie seine Gesichtszüge ausgesehen hätten, wenn sie nicht von schlabberigem Wangenfleisch aus der Prärie umhüllt gewesen wären; als jeder mm verfügbaren Fleischs zur Stirn hochgezogen und gedehnt wurde, erhaschte ich einen Blick darauf, wie Stice nach einer radikalen Gesichtsstraffung ausgesehen hätte: ein schmales und feingeschnittenes, wenn auch irgendwie nagerhaftes Gesicht, in Flammen dank einer Art Offenbarung, sah unter dem rosaroten Schirm gedehnten Restfleischs aus dem Fenster.” (David Foster Wallace, “Unendlicher Spaß, S. 1252)

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 Januar 2010

    Die halluzinogene Katze I

    Hier handelt es sich um einen Sammelband der Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik, „Die Horen“. Dieser Band bringt „Träume, Realien – Stimmen und Stimmengewirr aus der Gegenwart Rumäniens“. Herausgegeben von Ernest Wichner, der das Literaturhaus in Berlin leitete, aus dem Banat kommt und sich sehr für die Vermittlung von rumänischer Literatur in Deutschland einsetzt. Ich werde mich in keiner Weise zu der Auswahl der Texte äußern, sondern lediglich bisweilen etwas zitieren oder kommentieren. So stelle ich mir das jedenfalls vor. Ich habe bisher nur ein bisschen geblättert und bin dabei auf eine Zeile gestoßen, die mir gefallen hat. Ich zitiere nicht einmal das ganze Gedicht, sondern nur ein paar Zeilen.

    „Auferstehung“ von Ion Mureşan. Es kommt aus dem Band „Poemul care nu poate fi înţeles / Das unverständliche Gedicht“ und ist von Ernest Wichner übersetzt worden.

    „ …
    Dieses und jenes seelische Phänomen verliert sich, aber
    Dieses und jenes Organ geht nicht verloren. Und doch
    Umarm ich vor dem Spiegel angsterfüllt und nackt meinen
    Eigenen Leib. Was aber fangen wir mit zwei Stimmen an
    Im Mund? Nun geh ich zweifellos – die Würde mit am Stock –
    Spazieren in der Stadt, rühre mit dem Finger im Bewusstsein rum
    Als wär’s ein Joghurtbecher
    Rühr und rühr, bis es weich ist
    weich
    weich.
    …“

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    15 Dezember 2009

    Klauer und Beklaute

    Ich  muss zugeben, das Folgende ist nicht von mir. Ich habs hier geklaut, und auch gleich gebeichtet. Aber der, von dem ich es geklaut habe, der hat es auch woanders her. Der hats auch geklaut. Und der, bei dem er es geklaut hat, der hats wahrscheinlich auch geklaut. Ganz am Ende der Liste der Klauer und Beklauten stand vielleicht mal einer, dem das gehört hat. Aber diese Fomulierungen sind so allgemeingültig und so wichtig, dass es das größere Verbrechen gewesen wäre, es nicht zu klauen. Deswegen möchte ich auch jeden und jede auffordern, das hier zu klauen. Und es mir zu beichten. Damit ichs dem, bei dem ich es geklaut habe, weiterbeichten kann, der es dann auch da, wo er es her hat …

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben





    14 Dezember 2009

    Sieh, er geht und unterbricht die Stadt

    „Sieh, er geht und unterbricht die Stadt,
    die nicht ist auf seiner dunklen Stelle,
    wie ein dunkler Sprung durch eine helle
    Tasse geht. Und wie auf einem Blatt

    Ist auf ihm der Widerschein der Dinge
    aufgemalt; er nimmt ihn nicht hinein.
    Nur sein Fühlen rührt sich, so als finge
    es die Welt in kleinen Wellen ein:

    eine Stille, einen Widerstand -,
    und dann scheint er wartend wen zu wählen:
    hingegeben hebt er seine Hand,
    festlich fast, wie um sich zu vermählen.”

    Rainer Maria Rilke, Der Blinde

    Es ist mehr als verwegen ein Gedicht über einen Blinden mit dem Imperativ Sieh! zu beginnen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    03 Dezember 2009

    Es war einmal ein Rotschopf

    „Es war einmal ein Rotschopf, der hatte weder Augen noch Ohren. Er hatte auch keine Haare, so daß man ihn an sich grundlos einen Rotschopf nannte. Sprechen konnte er nicht, denn er hatte keinen Mund. Eine Nase hatte er auch nicht. Er hatte sogar weder Arme noch Beine. Er hatte auch keinen Bauch, keinen Rücken, keine Wirbelsäule, und er hatte auch keine Eingeweide. Nichts hatte er! So daß unklar ist, um wen es hier eigentlich geht. Reden wir lieber nicht weiter darüber.”

    Daniil Charms, Das blaue Heft N. 10

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    26 November 2009

    Wandelt sich rasch auch die Welt

    „Wandelt sich rasch auch die Welt
    wie Wolkengestalten,
    alles Vollendete fällt
    heim zum Uralten.

    Über dem Wandel und Gang,
    weiter und freier,
    währt noch dein Vorgesang,
    Gott mit der Leier.

    Nicht sind die Leiden erkannt,
    nicht ist die Liebe gelernt,
    und was im Tod uns entfernt,

    ist nicht entschleiert.
    Einzig das Lied überm Land
    Heiligt und feiert.”

    Rainer Maria Rilke, Die Sonette an Orpheus

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    08 November 2009

    Die Antwort des Dr. Frankl

    „Wie durch ein Wunder überlebte der Psychologe Victor Frankl als Einziger seiner Familie das Konzentrationslager. Als er, nach Wien zurückgekehrt, seine Praxis wieder aufnahm, bedeutete das Segen und Zuversicht für viele Menschen, die, durch Kriegserlebnisse erschüttert, ärztlicher Seelsorge bedurften. Da waren ein Mann und seine Frau, die, voneinander getrennt, ebenfalls wie ein Wunder die Jahre in den Lagern überlebten und – sie konnten es kaum fassen – sich in Wien wiedertrafen. Jedoch wenige Monate danach starb die Frau an den Folgen der Gefangenschaft, und ihr Mann zog sich in tiefster Verzweiflung völlig von der Welt zurück. Er wollte mit niemandem mehr sprechen, aß kaum, hatte alle Hoffnung aufgegeben und saß stumm und teilnahmslos in einem Winkel seiner Wohnung. Schließlich gelang es Freunden, ihn zu überreden, Victor Frankl aufzusuchen.
    Soweit ich mich an diese Geschichte nach fast vierzig Jahren erinnere, fand dann das Folgende statt. Etwa eine Stunde sprachen die beiden Männer miteinander, da stellte Dr. Frankl die Frage: „Angenommen, Gott gäbe mir die Macht, eine Frau zu erschaffen, die sich von der Ihren nicht unterscheidet. Nicht nur gleicht sie Ihrer Frau in allem Äußeren, in Bewegung und im Sprechen, sondern auch gemeinsame Erlebnisse sind in ihrer Erinnerung so wie in der Ihren. Jede Prüfung, die sie stellen könnten, würde keine Verschiedenheit ergeben. Ich frage Sie nun: Soll ich diese Frau erschaffen?” Der Mann schwieg eine lange Zeit. Dann antwortete er: „Nein.” Darauf verabschiedete er sich und begann langsam, sich dem Leben wieder zuzuwenden.
    „Wie war das möglich? Was ging in diesem Menschen vor?” so fragte ich später einmal Dr. Frankl. Und er antwortete: „Wir sehen uns mit den Augen des anderen. So, als sie starb, wurde er blind. Aber als er sah, dass er blind war, konnte er sehen.”

    Heinz von Förster, Die Antwort des Dr. Frankl, in: Sicht und Einsicht, Versuch einer operativen Erkenntnistheorie

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    01 November 2009

    Mit dem Stock auf Chelowka

    „In eine jüdische Gemeinde Polens kommt ein Wunderrabbi, der die Gabe besitzt, Blinde sehend zu machen. Von allen Seiten strömen die Bresthaften nach Chelowka – das ist der Name der Gemeinde -, und so wandert auch Leib Schekel die staubige Landstraße dahin. Seine Augen sind von einem grünen Schirm beschattet, und in seiner Hand trägt er den Tappstock des Blinden. Trifft ihn ein Bekannter. „Oi, Leib Schekel, Ihr geht auf Chelowka.” – „Ja, ich geh auf Chelowka zu ihm.” – „Was, nebbich, ist geschehen mit Euren Augen?” – „Mit mei Augen?, was soll geschehen sein mit mei Augen?” – „Wenn Eure Augen ünberüfen gesünd sind bis hundert, warum habt Ihr dann zu gehen mit dem Stock auf Chelowka?” Leib Schekel schüttelt den Kopf: „Das ein Mensch, ünberüfen bis hundert, so bled sein kann. Begreift Ihr denn nicht? Wenn ich wird vor ihm stehen, dem Großen, dem Echten, werd ich blind sein, und er wird mich machen sehend.”

    Hermann Broch, Einige Bemerkungen zum Problem des Kitsches

    Hermann Broch, der dieses Beispiel zur Illustration seiner These von der Unterscheidung zwischen Kitsch und echter Kunst nutzt, schließt mit den Worten: „Und so ist es mit dem echten Kunstwerk. Es blendet den Menschen bis zur Blindheit und macht ihn sehend.”

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    30 Oktober 2009

    Notat eines Verlierers

    „Möglicherweise haben wir Verlierer nicht in allem recht, doch davon geht die Welt nicht unter. Das tut sie nur, wenn die Gewinner nicht in allem recht haben.”

    Wolfgang Hildesheimer, Notat eines Verlierers

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    05 Oktober 2009

    Glück und Unglück

    Hier kommt eine der schönsten Bemerkungen, die ich kenne. Schön und schön kurz. Anders als bei Immanuel Kant, der auch schön schreiben konnte, versteht man hier alles. Bei Kant kommt man mit seinem Verständnis gerade einmal bis zum ersten Komma. Die Kommata bei Kant sind oft sogar das einzige, was man versteht.

    „Glück und Unglück sind zwei Zustände, deren äußerste Grenzen wir nicht kennen.”

    John Locke, Über den menschlichen Verstand

    Solch eine Äußerung von einem Rationalisten wie John Locke, wirklich erstaunlich! Vielleicht führte Locke ein Doppelleben. Vielleicht hat er das, was er in seinem Beruf gemacht hat, das wissenschaftliche und akademische Schreiben, nicht wirklich geglaubt und meinte, nach Feierabend alles wieder richtig stellen zu müssen. Das Vorliegende ist wahrscheinlich so eine abendliche Äußerung, eine Umformulierung und Berichtigung dessen, was Locke tagsüber formuliert hatte. Vielleicht hat Locke sich nachts in der Sünde gesuhlt und tagsüber dann moralische Abhandlungen geschrieben, weil es ihn gereut hat. Das ist ein interessante Frage, weil man, wenn einer zwei Leben führt, natürlich wissen müsste, welches der beiden das erste und welches das zweite , welches Aktion und welches Reaktion ist, und welches der beiden die Wiedergutmachung des vermeintlich angerichteten Schadens ist.

    Das wäre auch ein schönes Romanthema: dass einer abends wieder zurechtrückt, was er tagsüber gedacht und getan hat. Ich glaube, da ließe sich einiges raus machen. Aber, wie immer, wenn sich aus wenig mehr machen lässt: da kann man sich ganz schnell die Finger verbrennen. Und mit bandagierten Fingern einen Roman in den Rechner zu tippen ist eine Sache für sich.

    Das ist in der Liebe ganz ähnlich: das gibt’s die Realisten und die Phantasten. Und es sind meist die Phantasten, die sich die Finger verbrennen und hinterher Liebesbriefe tippen. Ewig lange, herzzerreißende Briefe, die von Realistenseite selbstverständlich unbeantwortet bleiben. Die Realisten verstehen gar nicht, was eigentlich los ist. Das war doch ein ganz netter Abend. Und die Zurückgewiesenen, die schmählich Ignorierten und tief enttäuschen Liebesbrieftipper tippen dann irgendwann Romane, in denen Phantasten Liebesbriefe an Realisten schreiben.

    Die einen wie die anderen kennen die äußersten Grenzen von Glück und Unglück nicht. Aber die Phantasten robben sich näher ran als die Realisten. Und stellen dann fest – was Realisten nie feststellen – dass Glück und Unglück keine weit entfernten Gegensätze sind, sondern enge Verwandte.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    26 August 2009

    Lolita

    Ein schöner Tag macht noch keinen Sommer und eine schöne Formulierung noch keinen Schriftsteller. Manchen Formulierungen ist anzusehen, dass sie keine singulären meteorologischen Ereignisse sind, wie den ersten Sätzen der „Lolita”. Vladimir Nabokov ist meines Wissens der einzige Schriftsteller, jedenfalls der einzige, den ich kenne, der in zwei Sprachen schreiben konnte, in Russisch und in Englisch. Ich kann auch zwei Sprachen. Obwohl ich Rumänisch bis zum Abitur in der Schule hatte, obwohl mein Studium in Bukarest, meine Freunde dort, alles war selbstverständlich Rumänisch in Rumänien: ich könnte niemals in dieser Sprache schreiben. Schriftsprache, literarische Sprache, ist Deutsch. Obwohl ich es mein Leben lang gesprochen habe, reicht mein Rumänisch nicht, um kreativ damit umzugehen.

    „Lolita, light of my life, fire of my loins. My sin, my soul. Lo-lee-ta: the tip of the tongue taking a trip of three steps down the palate to tap, at three, on the teeth. Lo. Lee. Ta.”

    Vladimir Nabokov, Lolita

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 August 2009

    Kassandra

    Ein ganz anderes Bild der Penthesilea zeichnet Christa Wolf in ihrem Buch „Kassandra”. Penthesilea ist hier eine Frau, die die Männer hasst. Die Amazonen werden von Panthoos so beschrieben „Die töten, wen sie lieben, lieben, um zu töten”.
    Ich habe das Buch in Paris auf Englisch gekauft und erst später, als ich schon in Berlin lebte, noch einmal auf Deutsch. Penthesilea sitzt in der folgenden Szene mit Frauen der Trojer zusammen, mit Myrine, Arisbe, Oinone, Hekabe und Kassandra.

    „Die bewohnte Welt, soweit sie uns bekannt war, hatte sich immer grausamer, immer schneller gegen uns gekehrt. Gegen uns Frauen, sagte Penthesilea. Gegen uns Menschen, hielt Arisbe ihr entgegen.
    Penthesilea: Die Männer kommen schon auf ihre Kosten.
    Arisbe: Du nennst ihren Niedergang zu Schlächtern auf ihre Kosten kommen?
    Penthesilea: Sie sind Schlächter. So tun sie, was ihnen Spaß macht.
    Arisbe: Und wir? Wenn wir auch Schlächterinnen würden?
    Penthesilea: So tun wir, was wir müssen. Doch es macht uns keinen Spaß.
    Arisbe: Wir sollen tun, was sie tun, um unser Anderssein zu zeigen!
    Penthesilea: Ja.
    Oinone: Aber so kann man nicht leben.
    Pethesilea: Nicht leben? Sterben schon.
    Hekabe: Kind. Du willst, daß alles aufhört.
    Penthesilea. Das will ich. Da ich kein anderes Mittel kenne, daß die Männer aufhörn.”

    Das ist eine interessante Überlegung von Christa Wolf: Dasselbe tun, um sein Anderssein zu zeigen. Aber auch diese Wendung bringt der Penthesilea kein Glück. Auch bei Christa Wolf muss sie untergehen.

    Christa Wolf, Kassandra, Seite 158 f

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    22 August 2009

    Wie Männer Weiber lieben

    Ich bekomme die Amazonenkönigin nicht aus dem Kopf. Dabei habe ich den Kleist gegriffen, weil ich mir seinen Amphitryon anschauen wollte. Und dann bin ich unbeabsichtigt bei der Penthesilea hängen geblieben.

    Als Achill zu Prothoe sagt, dass er sich in Penthesilea verliebt habe, fragt sie, die nicht sofort versteht: „Wie? Was war das?” Und Achill antwortet:

    „Beim Himmel, wie! Wie Männer Weiber lieben;
    Keusch und das Herz voll Sehnsucht doch, in Unschuld,
    Und mit der Lust doch, sie darum zu bringen.”

    Kleist, Penthesilea, Zeile 1522 f.

    Das kann man nicht weiter kommentieren. Das kann man sich nur übers Bett hängen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    19 August 2009

    Nicht aber wanke in dir selber mehr

    Wir haben womöglich kein einheitliches Köperbild, aber wir wissen zumindest um die Grenzen unseres Körpers. Nur lässt sich aus einer schnöden Grenzerfahrung noch kein einheitliches Selbstbild erstellen. Obwohl wir es ja sind, dieses Selbst, bekommen wir es nicht richtig zu fassen. Wir bekommen es nicht zu greifen, zu begreifen: außer im Bild von uns. Aber wir wissen auch, wir ahnen es, dass das Bild von der Sache nicht mit der Sache selbst identisch ist. Erst recht nicht, wenn wir nur das Bild haben.

    Ich zitiere ein weiteres Mal Prothoe, die mir immer besser gefällt, ihre Sprache und ihre Bilder und Handlungen, vor allem ihre Freundschaft zur Penthesilea.

    „Sinke nicht,
    Und wenn der ganze Orkus auf dich drückte!
    Steh, stehe fest, wie das Gewölbe steht,
    Weil seiner Blöcke jeder stürzen will!
    Beut deine Scheitel, einem Schlußstein gleich,
    der Götter Blitzen dar, und rufe, trefft!
    Und laß dich bis zum Fuß herab zerspalten,
    Nicht aber wanke in dir selber mehr,
    Solang ein Atem Mörtel und Gestein,
    In dieser jungen Brust, zusammenhält”

    Kleist Penthesilea, Zeile 1348 f.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 August 2009

    Nichts als ein töricht Herz

    Ich zitiere noch einmal aus der Penthesilea. Prothoe, die sich, als sie erkennen muss, dass Penthesilea nicht anders handeln kann, als wirkliche Freundin erweist. Prothoe gibt keine Ratschläge wie man’s machen könnte. Was auch schlimm wäre, denn Freundschaft spielt sich in einer anderen Dimension ab, in der der emotionalen Nähe. Mit Ratschlägen hingegen hält man sich die Leute vom Leib. Prothoe gibt der Freundin keine Ratschläge wie sie’s gut, oder, schlimmer noch, wie sie’s besser machen könnte.

    Obwohl sie den Grund dafür nicht versteht, versteht sie, dass die Freundin an ihrer Grenze angekommen. Eine Grenze, die sie nicht übertreten kann. Als sie zumindest ahnt, was mit der Königin los ist: dass etwas sie geradezu vernichtet und sie die Freundin gegenüber der Priesterin verteidigt, die nichts davon versteht, geschweige denn, dass einer von ihnen es benennen könnte. Das Gefühl der Liebe ist, sozusagen, neu. Das hat es vor der Individualisierung nicht gegeben: da war, was einer fühlen, denken, tun konnte von allen anderen nachvollziehbar. Aber das ist in der Liebe nicht mehr so. Liebe ist irrational. Das Problem der Objektivität gibt es erst, seit es die Subjektivität gibt. Ein anderer kann das nicht verstehen, was in eines Menschen Brust vorgeht, diese unsäglichen Schmerzen, die die Liebe verursachen kann: „Was in ihr walten mag, das weiß nur sie”

    „PROTHOE
    Nun, wie du willst.
    Wenn du nicht kannst, nicht willst – seis! Weine nicht.
    Ich bleibe bei dir. Was nicht möglich ist,
    Nicht ist, in deiner Kräfte Kreis nicht liegt,
    Was du nicht leisten kannst: die Götter hüten,
    Daß ich es von dir fordre! Geht, ihr Jungfraun,
    Geht: kehrt in eure Heimatflur zurück:
    Die Königin und ich, wir bleiben hier.
    DIE OBERPRISTERIN
    Wie, du Unsel’ge? Du bestärkst sie noch?
    MEROE
    Unmöglich wärs ihr, zu entfliehn?
    DIE OBERPRISTERIN
    Unmöglich
    Da nichts von Außen sie, kein Schicksal, hält
    Nichts als ein töricht Herz -
    PROTHOE
    Das ist ihr Schicksal!
    Dir scheinen Eisenbanden unzerreißbar,
    Nicht wahr? Nun sieh: sie bräche sie vielleicht,
    Und das Gefühl doch nicht, das du verspottest.
    Was in ihr walten mag, das weiß nur sie
    Und jeder Busen ist, der fühlt, ein Rätsel.
    Des Lebens höchstes Gut erstrebte sie.
    Sie streift‘, ergriff es schon: die Hand versagt ihr,
    Nach einem andern noch sich auszustrecken. -
    Komm, magst dus jetzt an meiner Brust vollenden.
    - Was fehlt dir? Warum weinst du?
    PENTHESILEA
    Schmerzen, Schmerzen.”

    Kleist, Penthesilea, Zeile 1270 f.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    06 August 2009

    Wenn ich liebe, seh ich Sterne

    Nach Hors d’oeuvre und Hauptgericht gibt’s noch etwas Süßes zum Dessert.

    „Wenn ich liebe, seh ich Sterne.
    Ist’s getan, seh ich den Mond.
    Ach, es war nur die Laterne! -
    Trotzdem hat es sich gelohnt.”

    Gedichte der Julie Schrader

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    08 Juli 2009

    Der Fetischist

    „Es gibt kein unglücklicheres Wesen unter der Sonne als einen Fetischisten, der sich nach einem Frauenschuh sehnt und mit einem ganzen Weib vorlieb nehmen muss.”

    Karl Krauss, Aphorismen

    Es gibt also in der Liebe nicht nur ein zuwenig, sondern auch ein zuviel.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    09 Juni 2009

    Ich liebe dich, bin toll, verrückt, von Sinnen

    Ich habe den Film „Cyrano von Bergerac“ in Bukarest gesehen, im französischen Original, mit englischen Untertiteln und dem großartigen Gérard Depardieu in der Hauptrolle des Cyrano. Am nächsten Morgen habe ich gleich das Buch, die Komödie von Edmond Rostand, gekauft und in einem Zug durchgelesen. Vorlesung geschwänzt und einfach den ganzen Tag gelesen. Gelesen und geheult. Ich habe mir in den Wochen darauf sicher noch ein Dutzend Mal den Film angeschaut. Das war ein Kino mit roten Vorhängen, die im letzen Moment vor dem Film weggezogen wurden und zerschlissenen Plüschsesseln, in die man metertief hinein sank.

    Ich war neunzehn, im dritten Semester und hatte eine schwere Attacke Liebeskummer auszustehen, wegen eines Mannes, der ein Idiot war. Aber das wusste ich damals nicht. Damals habe ich nur geliebt. Irgendwie wusste ich es schon, aber ich habe ihn trotzdem geliebt. Oder vielleicht habe ich ihn sogar gerade deswegen geliebt, weil ihn ja nun einmal eine lieben musste. Wenn man liebt, dann kann man den Grund dafür nicht greifen.

    Die Rolle der Roxane war mir, fand ich, auf den Leib geschneidert. Roxane, die geliebt werden will vom schönen Christian, der auch ein Idiot ist und keinen graden Satz herausbekommt. Aber Roxane will gerade dies: dass einer seine Liebe in Worte fasst. Die Sprachfähigkeit, die Sprachkompetenz, ist für sie ein Synonym für die Wahrhaftigkeit der Liebe. Dies ist ein Motiv aus dem Mittelalter, das der höfischen (und höflichen) Liebe, wo der Galan die angebetete Dame besingt (die eine geradezu kultische Ausprägung findet in der sagenumwobenen Aliénor von Aquitanien, Königin von Frankreich, spätere Königin von England und Mutter von Richard Löwenherz) und das in den Liedern der Troubadoure seinen Niederschlag findet. Bei Rostand nun wird dieses Motiv variiert und in die Neuzeit hinüber gerettet: Sprachfähigkeit und Liebesfähigkeit gehen ineinander über. Wer seine Liebe nicht in Worte zu fassen weiß, der liebt auch nicht. Liebe macht hier nicht, wie heutzutage, sprachlos. Im Gegenteil, sie versetzt den Liebenden in eine höhere Potenz. So ist es zu verstehen, wenn Cyrano sagt: „Ein jeder Blick von dir lässt eine Tat, lässt eine neue Tugend in mir reifen!”.

    Roxane wird nun ihrerseits von Cyrano geliebt. Kein Idiot, ein Dichter, ein Poet, nur nicht gerade eine Schönheit, mit seiner monströsen Nase; ein Phantast dazu. Christian nun macht Roxane den Hof, redet aber – so sagt man das etwas flapsig heutzutage – nur Dünnschiss. Dann kommt Cyrano hinzu und souffliert für den schönen Nebenbuhler. Weil er Roxane wirklich liebt und weil ihm das egal ist, wenn ein anderer- der Idiot Christian – Kapital draus schlägt. Es geht ihm einzig darum, seine Liebe in Worte zu fassen.

    Die beiden Männer stehen im Dämmerlicht unter Roxanes Balkon, Roxane sieht Christian, aber Cyrano ist derjenige, der spricht.

    Roxane: Und kommt die Zeit, in was für Worten dann
    Wird sich Ihr Herz ergehen?
    Cyrano: In allen, allen
    Die mich in bunter Wildheit überfallen,
    Bevor ich sie zum Sträußchen binden kann:
    Ich liebe dich, bin toll, verrückt, von Sinnen,
    Zum Glockenspiele machtest du mein Herz
    Und weil es bebt in Sehnsucht und Frohlocken
    Drum tönt dein Name laut von allen Glocken.
    Nichts, was die Liebste tut, kann mir entrinnen:
    Du trugst vergangnes Jahr am neunten März
    Anders dein Haar geordnet als am achten.
    Entschwindet mir’s, dann scheint der Tag zu nachten.
    Wer sich zu lange der Sonne zugewendet,
    der sieht ein goldnes Rund in allen Ecken,
    und ich, von deiner Locken Glanz geblendet,
    Gewahre, fern von dir, rings blonde Flecken.
    Roxane (mit bewegter Stimme): Ja, das ist Liebe …
    Cyrano: Dies Gefühl, das mich
    Hinreißt in Eifersucht und Leidenschaft,
    Ist wahrlich Liebe, hat die Qual und Kraft,
    Der Liebe – und verlangt doch nichts für sich.
    Mein Heil, ich gäb’ es für das deine gern,
    Und ewig bliebe dir mein Tun verschwiegen;
    Den Abglanz nur möchte ich erspähn von fern
    Des Glücks, das meinem Opfer wär’ entstiegen!-
    Ein jeder Blick von dir lässt eine Tat,
    lässt eine neue Tugend in mir reifen!
    Verstehst du nun? Beginnst du zu begreifen,
    Daß durch die Nacht dir meine Seele naht?
    O süße, süße Nacht! O holdes Werben!
    Dies alles sag ich, und sie lauscht mir, sie!
    Das ist zu viel. So hoch verstieg sich nie
    Mein kühnstes Hoffen. Könnt ich jetzt nur sterben!
    Die Liebeskraft, die meinen Worten eigen,
    lässt Sie dort zittern zwischen blauen Zweigen!
    Ja, ja, sie zittert wie das Laub im Wind!
    Du zitterst! Und am leisen Blätterweben
    Spür ich, wie deiner Hände süßes Beben
    leicht am Jasmingeranke niederrinnt.
    (Er küsst leidenschaftlich das Ende eines herabhängenden Zweiges)
    Roxane: Geliebter, ja, ich zittre, bin entflammt
    Und bin berauscht.
    Cyrano: O göttlicher Genuß,
    dass dieser Rausch, mir, mir allein entstammt!
    Nichts anderes fordre ich mehr als …
    Christian (unter dem Balkon) Einen Kuß!
    Roxane (zurückprallend) Wie?
    Cyrano: Oh?!
    Roxane: Sie fordern?
    Cyrano: Ich …”

    Und schon ist’s vorbei mit der Sprache der Liebe. Dieser verdammte Idiot Christian! Dieser Kretin! Mein eigener Idiot damals hieß Catalin.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.