Literatur und Leichtathletik
Die Longfishlist (siehe meine Eintragung vom 20. Mai 2009, Der Wels im Schollenpelz) des Deutschen Buchpreises 2009 ist seit einigen Tagen da. Leseproben gibt es online, mit bibliografischen Angaben, aber auch als Taschenbuch in den Buchhandlungen, mit zusätzlichen Beiträgen, Verlagsinformationen zu den Autorinnen und deren Portraits. In diesem Jahr haben sich einige kleine Verlage zu einer Gegendemonstration zusammengefunden, zu einer hotlist, der möglichst viel Aufmerksamkeit zu wünschen ist.
Ich wollte die Textausschnitte der zwanzig Nominierten besprechen, aber das Unterfangen stand unter keinem guten Stern: es gibt sicher sehr viele, mindestens ebenso interessante Bücher, wie jene, die es, ich weiß nicht auf welche Weise, auf die Liste geschafft haben. Ebenso wenig wird wohl über die Kriterien der weiteren Dezimierung auf sechs Titel, die shortfishlist, zu erfahren sein und auch nichts über die Einigung auf einen Titel, auf der Frankfurter Fischmesse vom 14. bis zum 18. Oktober 2009. Die, allerdings nicht nur auf dem Fischmarkt zu beobachtende zunehmende Siegerfixierung ist mir sowieso ein Gräuel. Literatur und Leichtathletik haben offenbar viel miteinander gemein. Die Behauptung, aufgestellt von Wolfgang Schneider in der gedruckten Version der Leseproben, dass nicht nur die nominierten Titel gewinnen, sondern der Buchmarkt insgesamt, scheint mir ebenso verwegen wie es die Usain Bolts gewesen wäre, wenn er behauptet hätte, beim 100 Meter Lauf hätten alle gewonnen, die an den Start gegangen sind. Dabei hat es schon beim Zweitplatzierten so ausgesehen, als wäre er mit einer Stunde Verspätung im Ziel eingetrudelt.
Es gibt in Deutschland vielleicht zweihunderttausend Leser anspruchsvoller Literatur. Und an die wendet sich der Buchpreis. Diese zweihunderttausend vermehren sich möglicherweise auf die klassische Art, durch heterosexuellen Geschlechtsverkehr, aber sicher nicht durch die Verleihung des Buchpreises, wie Herr Schneider nahe legt. Es sei denn, der Mann wollte mit seiner These implizit behaupten, dass die Bücher alle miteinander so langweilig seien, das die Leser lieber wieder zur althergebrachten Form der Unterhaltung greifen, der Erotik.
Von den in den Feuilletons positiv besprochenen Titeln im August findet sich kein einziger (!!!) auf der Bestsellerliste des Spiegel. Der Großteil der Konsumenten liest ganz was anderes. Der Großteil liest, ernährungsphysiologisch gesprochen, die Dickmacher. Das leicht zu konsumierende kalorienreiche Zeug, an dem nicht lange herumgekaut werden muss. Zeug, bei dem allerdings auch die Geschmacksknospen nicht berührt werden. Und von Verfeinerung des eigenen Geschmacksinnes kann schon gar nicht die Rede sein. Man konsumiert Bücher wie man eben alles konsumiert, als Unterhaltung. Und wird dabei langsam und sicher immer unbeweglicher. Das ist eine Klage, die wohl schon alt ist und die in Deutschland in keiner anderen Tonart gesungen wird, als in anderen Ländern.
Und was lesen die – seien wir ruhig mal ein bisschen elitär – was lesen die oberen zweihunderttausend in diesem Herbst? Ein Drittel liest „Infinite Jest” von David Foster Wallace („Unendlicher Spaß”, hier geht es zwar nicht zum Buch, aber zum blog des Buches, das hundert Tage lang den Roman von nahezu 50 Schriftstellern begleiten lassen wird) das zweite Drittel wird den Gewinner des Buchpreises lesen und das verbleibende liest den Restbestand, die übrigen, ich weiß es nicht, zehntausend Titel vielleicht. Es gewinnen nicht einmal die zwanzig auf der longfishlist stehenden, es gewinnen vielleicht noch die sechs nominierten shortfishlist Titel, aber nur bis zum Tag der Preisverleihung. An diesem Tag wird dann nicht etwa einer den Preis gewinnen und die anderen fünf werden ihn nicht gewinnen. Vielmehr werden ihn die anderen fünf an diesem Tag verlieren.
Es verkaufen sich durchaus auch die anspruchsvollen Sachen. Uwe Tellkamp hat hunderttausende Exemplare an den Mann gebracht. Das Missverhältnis zwischen verkauften und gelesenen Exemplaren war allerdings wohl auch noch nie so miserabel wie hier. Oder war es beim „Zauberberg” ähnlich? Ich schätze, über den Daumen, wild spekulierend und ohne jeden Anhaltspunkt, dass außer der Frau vom Tellkamp und der Frau des Lektors vom Tellkamp (weil der Lektor natürlich überhaupt keine Zeit hat, so einen unkomfortabel dicken Schinken zu lesen, außerdem lesen Lektoren immer nur die ersten Seiten, alles andere ist total unprofessionell und stößt bei den Kollegen der andere Verlage auf unverständliches Kopfschütteln und irgendwann auch auf soziale Ausgrenzung und Ächtung; deswegen sind Lektoren alle immer verheiratet) kaum mehr als eintausend Menschen das Buch zu Ende gelesen haben (davon 999 Frauen, die beim Berufswunsch ihres zukünftiges Mannes selbstverständlich Lektor angegeben haben). Dasselbe Schicksal wie Uwe Tellkamp wird wohl auch David Foster Wallace ereilen. Vielleicht ist das auch kein schlechtes Zeichen, nach fünfhundert Seiten sagen zu können: jetzt reicht‘s mir aber!
Und obwohl ich bisher nur Einwände formuliert habe, mache ich es jetzt dennoch: Ich sage etwas zu den Textausschnitten. Aber ich sage nichts zu den Romanen! Darüber kann ich mir kein Urteil erlauben.
Ich weiß nicht wie ich anfangen soll. Alphabetisch wäre anzufangen gewesen mit Frau Berg. Das wollte ich aber nicht. Dann habe ich das Pferd von hinten aufzäumen wollen. Aber diese Vorgehensweise gefiel mir auch nicht. Jetzt habe ich die einzig gerechte Methode gewählt, meine eigene natürlich, die aleatorische.
Ernst Wilhelm Händler (Welt aus Glas): Ich würde gerne etwas sagen, angeblich hat er seine Wurzeln bei Broch und Musil, und das lässt mich aufhorchen, aber sein Thema, Geld und das Streben danach, lässt mich kalt. Und die Wurzeln entdecke ich in dem kurzen Textstück auch nicht. Allerdings muss man, um zu den Wurzeln zu kommen, ja auch graben.
Anna Katharina Hahn (Kürzere Tage) kann unaufgeregt schöne Sätze schreiben, und das gefällt dem Literaturbetrieb und vielen Kritikern. Vielleicht kann sie sogar aufregend schöne Sätze schreiben, und das würde dann mir gefallen.
Brigitte Kronauer (Zwei schwarze Jäger) ist die Autorin in dieser Versammlung, die die höchsten Meriten der deutschsprachigen Literatur errungen hat, den Büchnerpreis. Ich habe vor vielen Jahren „Teufelsbrück” abgebrochen. Ob das Buch damals zu dick oder ich selbst zu dünn war, weiß ich heute nicht mehr. Sie hat ihre Anhänger, ich gehöre nicht dazu und bin darüber nicht froh. Sie hat gute Formulierungen, nicht so flott dahergeredet, gleich am Eingang steht so eine: „Sie lässt sich schlagartig ins Alter fallen wie in eine Ohnmacht.” Ich mache wohl noch einmal einen Versuch mit ihr, aber nicht in diesem Jahr.
Norbert Zähringer (Einer von vielen). Über ihn heißt es, er sei der deutsche Pynchon. Eine Antonomasie, die ich nicht nachvollziehen kann. Thomas Pynchon hat, anders als Zähringer in dem Textausschnitt, einen hochkomplexen Satzbau und hochkomplexe Gedankengänge. Eine Ähnlichkeit zu Pynchon zu konstruieren, damit das (mögliche) Genie des einen auf den anderen überspringt, ist eine Marketingstrategie, die mir als das Gegenteil von genial erscheinen will.
Reiner Merkel (Lichtjahre entfernt), ein ehemaliger Therapeut, also einer, der in der Lage ist, innere Motivationen seiner Figuren zu verstehen, und das ist auf jeden Fall rein äußerlich bleibenden Beschreibungen, puren Handlungsabläufen, vorzuziehen, aber das Thema des Buches, ein Therapeut der vielen, nur sich selbst nicht helfen kann, finde ich nicht sehr spannend, obwohl der Textausschnitt einen schönen Ton hat.
Thomas Glavinic (Das Leben der Wünsche). Wird hoch gelobt und ist mit Daniel Kehlmann befreundet. Sagt der Verlag. Thema des Buchs: Jonas lernt jemanden kennen, der ihm Wünsche erfüllt. Wie der Text das Thema auch gestalten mag, die Modernisierung Aschenputtels geht an mir vorbei. Aber Kehlmann geht auch an mir vorbei. Von daher ist die Freundschaft der beiden vielleicht sogar eine gute.
David Wagner (Vier Äpfel). Ich hab was gegen den Mann! Ich habe etwas dagegen wie er auf dem Foto in die Kamera schaut, gegen seinen Anzug, gegen seinen Blick, und wie er auf einer Bank sitzt, die ich kenne, an einer Stelle, an der ich auch schon einmal gesessen habe, gegen seinen Namen, gegen den Titel seines Romans. Aber der Textausschnitt ist einfach richtig gut und hält sogar einer erneuten, vorsätzlich kritischen Lektüre ohne weiteres stand. Kompliment. Wenn der Rest des Buches ebenso ist, gehört er auf die shortfishlist. So Herr Wagner: und jetzt runter von meiner Bank!
Wolf Hass (Der Brenner und der liebe Gott). Ich kann nichts dazu sagen, er schreibt einen Krimi und ich kann keine Krimis lesen (obwohl er mit „Das Wetter vor 15 Jahren” wohl, so flüstert man sich zu, einen wunderbaren Roman, und einen wunderbaren Romantitel, geschrieben hat).
Stephan Thome (Grenzgang). Ich würde gerne etwas sagen kann aber erneut nicht. Oder ich könnte schon, wenn Herr Thome aufhören würde, mich vom Foto aus so intensiv anzuschauen. Mit weichen Knien kann ich nicht nachdenken.
Herta Müller (Atemschaukel) kommt aus Rumänien, aus dem Banat, und ich komme aus Siebenbürgen. Und der Text ist gut. Und ich bin befangen. Und ich lehne es ab, etwas darüber zu sagen. Und ich sage dennoch etwas, das Herta Müller sich als Rumänin in der deutschen Sprachkompetenz ganz nach oben geschrieben hat. Und das bewundere ich sehr. Und ich sage noch etwas. Und das ist das Beste, was ich sagen kann: Sie ist meine persönliche Favoritin für diesen Preis.
Reinhard Jirgl (Die Stille). Jener Jirgl, der in der DDR nicht publizieren durfte, was sich heute für diesen Jirgl nobilitierend auswirkt. Seine orthografischen Eskapaden, fürchte ich, werden viele Leser abhalten, sich mit seinen Texten zu beschäftigen. Jirgl ist klug und eigensinnig und avantgardistisch und hat vermutlich ziemlich viel Arno Schmidt gelesen. Ich habe einmal einen Versuch mit „Kaff” gemacht und beschämt muss ich zugeben: ich hab‘s nicht verstanden. Vielleicht ist Schmidt ein Autor fürs Alter. Oder sagen wir ab vierzig. Jirgl ist der zweite Favorit und für seine Nominierung müsste die Jury Mut aufbringen.
Angelika Overath (Flughafenfische), den Namen kannte ich nicht. Was nichts bedeutet, ich kenne mich ganz gut aus und kenne doch fast alle nicht. Die Situation, ein Mann am Flughafen, der sich selbst und die anderen beschreibt: die Perspektive, die Sprache: das macht sie sehr gut! Die Atmosphäre am Flughafen, das evoziert sie sehr lebensnah und ich kann mir auch vorstellen, dass sie das über den gesamten Text beibehält.
Norbert Scheuer (Überm Rauschen). Auf den ersten Blick ist das Cover des Buches eine Frechheit, der Titel alles andere als grandios. Zumindest das letztere kann sich ja noch verändern, wenn die Worte in einen Zusammenhang mit anderen Worten gerückt werden; und hier springt der Funke leider nicht über.
Kathrin Schmidt (Du stirbt nicht) hat das interessanteste Thema, aber ich habe auch die größten Erwartungen daran: eine Frau, die sich an der Schwelle des Todes noch einmal umgedreht hat und wieder zurückgeht. Zurück ins Leben und zurück ins Sprechen. Diese Auseinandersetzung mit Sprache ist eine qualitativ andere, als wenn einer und eine, und nicht nur einer, sondern viele, denen nichts einfällt, ihre eigenen Beschränkungen mit denen der Sprache verwechseln und behaupten: die Worte reichen eben bedauerlicherweise nicht aus. Sie reichen nicht, um den Reichtum der eigenen Eingebungen Genüge zu tragen. Kleine Behauptung am Rande: die Worte reichen durchaus, sonst würde man nicht empfinden können, dass sie nicht ausreichen. Bei Frau Schmidt komme ich nur leider mit den Worten Hückelhoven und Häwelmann nicht zurecht. Aber vielleicht geht das einer Muttersprachlerin anders. Ich bin ja, wie ich letztens feststellen musste, Vatersprachlerin.
Thomas Stangel (Was kommt), hat für mich den schönsten Textausschnitt abgeliefert. Mit einer verwegenen Perspektive, die der Titel bereits beschreibt und nebenbei formuliert er auf zwei schmalen Zeilen, wie jemand sich einen Kuss vorstellt, die Zunge des anderen mit der eigenen zu liebkosen, und das ist schöner als bei vielen, die über Sex schreiben als schrieben sie übers Schweineschlachten.
Clemens J. Setz (Die Frequenzen) ist so alt wie ich, spricht fünf Sprachen, spielt Piano und hat schon dicke Romane geschrieben, mit hohem Faktor in Sachen Wunderkind. Kann leider wegen Befangenheit meinerseits nicht besprochen werden.
Mirko Bonné (Wie wir verschwinden). Die Langsamkeit, mit der er seinen Text gestaltet, das erneute Ansetzen, das Widerholen, das gemächliche Ausarbeiten einer Szene, das gefällt mir sehr gut. Auch wenn das Thema, der Tod Camus, mich nicht wirklich fasziniert. Wenn einer gut schreiben kann, kann er den Leser für alles interessieren. Die Frage ist, ob einer in dem Ton ein ganzes Buch schreiben kann. Dieser Textausschnitt bietet von den 20 Textausschnitten auch den besten Textausschnittsabbruch. Und abbrechen, im Großen und im Kleinen, muss man auch können. Bei Sätzen, bei Vorstellungen, und Bildern, bei Kapiteln, bei Büchern.
Peter Stamm (Sieben Jahre): ich komme nicht rein. Das mag wohl am Thema liegen. Ich spüre einen heftigen Widerstand gegen die Geschichte eines Mannes, der seine Geliebte schwängert und dessen Frau darauf höchst verhalten reagiert. Tut mir leid. Vor allem, weil der Stil von Stamm als ein lakonischer bezeichnet wird. Das empfinde ich als Lebenseinstellung nicht sehr spannend, umso spannender hingegen als Schreibweise.
Terézia Mora (Der einzige Mann auf dem Kontinent). Ich habe, das muss ich zugeben, mich selbst in zehn Jahren erwartet. Ein überschaubares Werk von mit viel Lob bedachter anspruchsvoller Literatur liegt bereits hinter ihr, sie spricht zwei Sprachen, übersetzt auch aus der einen in die andere, sehr sensibel, was den Umgang mit diesem Werkzeug angeht, und, so habe ich mir ihr (und mein) Schicksal zurechtgelegt, bevor ich ein einziges Wort gelesen hatte: die geheime Mitfavoritin auf den Preis. Seltsamerweise habe ich mich von dieser Fantasie nicht einen Moment über lösen können. Von dem Text war ich, glaube ich, bis auf eine Stelle an der eine Frau einen Mann anziehend findet, eher enttäuscht. Hoffentlich werde ich von mir nicht auch eines Tages enttäuscht sein.
Am Ende dieser Zusammenstellung findet sich noch ein schöner kleiner Text von Georg M. Oswald, der keinem Roman entnommen und nicht für den Preis nominiert worden ist, „Bezahlt werden”. Wenn er einen Untertitel führen würde, lautete der: Der Autor und sein Vermieter. Hier wird etwas beschrieben, worüber ich mir mit meinem Wunsch Schriftstellerin zu werden, eigentlich noch nie Gedanken gemacht habe: Geld verdienen zu müssen. Von der Schwierigkeit, Geld mit Literatur verdienen zu müssen!
Insgesamt stelle fest, dass dieser Preis nicht meiner ist und ich besser eigene Wege gehe. Vielmehr, ich suche nach meinen eigenen Wegen und lasse sie mir nicht von solchen Hitlisten vorschreiben. Immerhin weiß ich, was ich als Nächstes lesen werde. Das werde ich hier auch besprechen, aber es wird wohl Weihnachten werden: Roberto Bolano „2666″.
Und jetzt muss ich noch ein kleines Problem lösen:
Sibylle Berg (Der Mann schläft). Wenn ich nicht mit ihr habe anfangen können, so kann ich immerhin mit ihr aufhören. Man verreißt keine Bücher. Das hat keinen Stil. Dann sollte man es lieber nicht besprechen. Es gibt es nun einmal Bücher, die passen nicht zur Rezensentin. So ist das mit diesem Text auch. Und statt ihn zu verreißen, zitiere ich ihn:
„Ich nannte ihn nur „der Mann”, damit er nicht verschwinden würde, da sich doch meist alles, dem man einen Namen gibt, entfernt.
Er war die Antwort auf alle Fragen, die ich mir, bevor wir uns trafen, nicht gestellt hatte. Sie waren unklar immer da gewesen, wie ein Hunger, und ich hatte sie Sehnsucht genannt oder Heimweh.
Dass alles, was das Leben an großartigem für mich bereithalten würde, nur ein Mensch war, hätte mich beschämen können, doch es war mir völlig unwichtig, vor mir selber glänzend darzustehen.
Zum Glück! Denn sonst hätte ich den Tisch mit silbernen Kerzenleuchtern decken müssen, zu klassischer Musik, ich würde gut riechende Plunderteigstücke aus dem Umluftofen nehmen, sie mit selbsteingekochter biologischer Konfitüre bestreichen, und die Kinder rufen: Rainald, Beatrice, poschalista. Die Kinder würden multilingual aufwachsen und ausschließlich Sprachen beherrschen, die ich nicht verstand. Mein Mann käme zu Tisch, und er trüge einen Kaschmirschal um den Hals, unter dem er offene und sehr rare Geschwüre versteckt hielte.”
Das ist die Sprache einer vierzehnjährigen. Da ist kein einziger Satz, der halbwegs gerade ist („sie waren unklar immer da gewesen”) und dem ich folgen kann. Ich verstehe die Bilder nicht, die Sätze nicht, ich verstehe die Überleitungen nicht und ich verstehe auch den Sinn nicht: wie können multilingual aufwachsende Kinder Sprachen (also mehr als die beiden Sprachen der Eltern) sprechen, die die Eltern nicht sprechen? Und warum gibt diese Figur ihren Kindern dann Anweisungen, sie die ja nicht verstehen? Und wenn dieses poschalista eine Anweisung aus einer dieser unbekannten Sprachen ist, dann spricht die Figur die Sprache ja doch! Vielleicht sollte Frau Berg, die sicher keine blasse Ahnung von den Schwierigkeiten kindlichen Zweitsprachenerwerbs hat, sich besser mit dem Erwerb einer ersten Sprache beschäftigen als sich über die zweite oder dritte Gedanken zu machen.
Aber wie gesagt, Verrisse haben keinen Stil. Ich habe gerade keinen Stil! Ich entschuldige mich auch ausdrücklich dafür! Und ich kann‘s dennoch, wie sehr ich auch drücke, nicht unterdrücken.
Ach ja, bevor ich das vergesse, die Frage liegt den Lesern und natürlich den Leserinnen schon die ganze Zeit auf der Zunge: Was ist eigentlich mit dem einzigen Mann, der den Tellkamp zu Ende gelesen hat? Hier muss ich eingestehen, dass ich in meinem Urteil zu schnell gewesen bin. Jetzt habe ich genauer hingeschaut und da stellt sich zu meiner eigenen Überraschung heraus: das war ein Transvestit. Vielmehr eine Transvestitin. Ein crossdresser oder eine crossdresserin. Was immer es sonst noch war, es war jedenfalls ein Irrtum.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Räusche, Süchte und Delirien
Ich habe in der letzten Zeit die Lektüre vieler Bücher abgebrochen. Von Flächenbrand gar nicht erst zu reden, es springt nicht einmal ein winziger Funke über. Das vorhandene elektrische Potential brauche ich zur Enervierung meiner Armmuskulatur, um die Bücher mit zwei Fingern an einer Ecke anzufassen und mit leichtem Anflug von Ekel und Widerwillen aus dem Bett zu befördern. Am nächsten Morgen bekommen sie noch einen Tritt in den Hintern und dann wandern sie auf den Stapel im Flur und bei allernächster Gelegenheit ins Antiquariat. Ich will solche Schweinereien nicht in der Wohnung haben.
Es gibt auch weit weniger vornehme Arten, sich von Büchern zu trennen als sie ins Antiquariat zu geben. Ich habe gehört, dass ein Leser der „Feuchtgebiete” ins Buch defäkiert und es dem Lektor derart kommentiert zurückgeschickt hat. Keine schöne, wahrscheinlich aber eine angemessene Reaktion. Ich hab’s nicht gelesen. Ich stand vor dem Büchertisch meines bevorzugten Dealers und habe an zwei oder drei Stellen hineingelesen. Dann habe ich mich vorsichtig umgesehen, wie das Taschendiebe bestimmt auch tun, ob mich etwa jemand ertappt hat und dann hab ich’s möglichst geräuschlos wieder auf den Stapel zurück gleiten lassen. Ich bin sehr interessiert an Literatur und an Sexualität. Aber mit solchen triefenden Avancen kriegt man mich nicht ins Bett.
Warum gefällt mir Aravind Adiga mit „Der weisse Tiger” nicht? Der Titel stand weltweit in den Bestsellerlisten und hat Millionen Leser gefunden. Solche internationalen Bestseller lassen sich als gute Arbeit von Literaturscouts und Literaturagenten beschreiben; sie lassen sich auch als Rezeptionsphänomen beschreiben, aber durch beides sind sie nicht vollständig beschrieben. Dieses Buch muss eine Qualität besitzen, die ich nicht habe entdeckt können (und diese Qualität lässt sich nicht beschreiben mit dem Wort: Allgemeingeschmack. Der Tellkamp, der sicherlich sehr weit entfernt ist von dem Verdacht des Allgemeingeschmacks, hat hunderttausende Exemplare verkauft. Das lässt sich nicht einmal mit dem anderen großen Verdacht des Buchhandels erklären, nämlich Weihnachtsgeschenk). Oder ich habe einen Raubdruck abbekommen: als absehbar war, dass der Titel ein Erfolg wird, hat sich ein pfiffiger Schreiber hingesetzt und ungefähr dasselbe geschrieben wie der Adiga, irgendwie was mit Indien und mit reich und arm. Das lässt sich wahrscheinlich recht zügig runterschreiben. Dann hat er das Cover vom Adiga genommen und es den Buchhandlungen mit einer hübschen Kommission angeboten. Außerdem ist das Übersetzen ein mühseliges Geschäft. Und schließlich ist das selberschreiben von Bestsellern auch billiger als das Einkaufen derselben auf dem Markt: man spart die Lizenzgebühr, die in so einem Falle schon mal in die Hunderttausende gehen kann.
Mir gefällt es nicht. Und zwar aus einem einzigen Grund. Der ist recht naheliegend und deswegen bin ich auch nicht sofort darauf gekommen. Es gefällt mir nicht, weil mir kein einziger Satz gefällt. Dieser Autor, ob Adiga selbst oder sein deutscher sub-skribent, liebt die Sprache nicht, er benutzt sie lediglich. Er begehrt sie nicht, er beschläft sie nur. Kein einziger schöner Satz, keine schöne Bemerkung, keine liebevolle Betrachtung, keine sensible Schilderung von Natur, keine empfindsame von Menschen. Da ist nur irgendeine belanglose Figur, die sich auf ebenso belanglose Weise Seite um Seite beklagt. Nach zwanzig Seiten und zweihundert Belanglosigkeiten weiß ich wie der Hase läuft. Ein Hase, der keine Haken schlägt, sondern nur stur geradeaus läuft.
Oder Gerd Peter Eigner, „Die italienische Begeisterung”. Nach hundert solcher Sätze, konnte ich bei diesem hier einfach nicht mehr weiter: „Ich denke, es ist besser, ich wechsle das Thema.” (Wie wär’s mit: Ich denke, es ist besser das Thema zu wechseln. Ich wechsle besser das Thema. Es ist wohl besser, das Thema zu wechseln. Themawechsel.) Wechsle könnte man auch mit ä schreiben und dann würde man glauben, dass es eine bayrische oder österreicherische Bezeichnung für eine Wachskerze ist und der entsprechende männliche bayrische oder steirische Hochlandbewohner, bevor er sich zwecks Befriedigung seiner niederen Gelüste an seinem dauerhaft verehelichten Weib vergeht, eine romantische Seite an sich entdeckt und zu selbigem, Weibe nämlich, spricht: „Rosi, I zünd scho ma das Wächsle an, ja sappalot noch einmoal.”
Ich gerate inzwischen viel zu selten in einen Leserausch. In eine Lesesucht. Die Süchte anderer sind mir fremd. Nichts ist ernüchternder als die Räusche der anderen. Meine großen Leseräusche sind alle schon länger her. Vor drei, vier Jahren hatte ich einen schweren Anfall davon, bei den Romanen von Iris Murdoch, die der Deuticke Verlag mangels Nachfrage nicht mehr auflegt (Woran mag das liegen? An der Komplexität jedenfalls kann es nicht liegen. Die Murdoch liest sich genauso leicht wie der Adiga, sie schreibt nur viel besser). Vor vielen Jahren hatte ich solche Lesedelirien bei Tolstoi und Nabokov. Und später bei Saramago und natürlich, aber das ist ein anderes Thema – nicht mehr das der Erdbeben, sondern der Meteoriteneinschläge – bei Marcel Proust, Auf der Suche nach der verloren Zeit.
Meine letzte Entdeckung war ein herber Schlag ins Portemonnaie. Aber es hat sich gelohnt, Max Aub, „Das magische Labyrinth”. Diese sechsbändige Ausgabe war vom Eichborn Verlag äußerst liebevoll gestaltet. Nicht dieses Toilettenpapier, das ich beim Adiga bekommen habe. Gerade so als wüsste der Verlag durchaus, wozu es wirklich taugt. Vor allem aber sind es die Südamerikaner, die es mir angetan haben. Ich mag diese satte und saftige Literatur. Alles seit Borges. Dieser so genannte magische Realismus, richtige Schmöker, die mich nicht nur sinnlich, sondern auch intellektuell befriedigen.
Gerade kokettiere ich mit der Gesamtausgabe von Truman Capote; aber ich habe auch Angst. Nicht nur ums Portemonnaie. Amerikanische Literatur ist bei mir ein blinder Fleck und ich bin nicht sicher, ob ich das nicht dabei bewenden lassen sollte. Das Wenige, das ich aus Amerika kenne, war allerdings gut: Mark Z. Danielewski, „Das Haus”, ein höchst beeindruckendes Debüt, intellektuell und vom Satzspiegel her sehr anspruchsvoll und fast ein bisschen zu dick aufgetragen für einen Roman (Woran liegt das? Dieses Buch ist viel zu komplex, um den Allgemeingeschmack zu treffen. Auch Aub war komplex: man musste sich konzentriert mit dem Spanischen Bürgerkrieg auseinandersetzen. Das erleichtert einem auch die schöne Ausgabe nicht). Außerdem habe ich vor einigen Monaten Peter Orner gelesen, „Die Wiederkehr der Mavala Shikongo”. Meine Rezension stelle ich bei nächster Gelegenheit hierher.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Literarische Tektonik
Das Lesen von Rezensionen dient bei mir dem Gefühl für die momentane literarische Tektonik, für Strömungen und Themen, hat aber selten Auswirkungen auf die Wahl eines Titels. Rezensionen bauen Erwartungen auf und wenn ich einer Rezension folge, bin ich meist enttäuscht. Ich lese auch die Klappentexte; und glaube ihnen grundsätzlich kein Wort. Klappentexte sind eine ganz eigene Textsorte, die alles Mögliche beschreiben können; und es auch tun. Aber sie beschreiben eben das Mögliche, nicht das Wirkliche.
Beim Tellkamp hielt sich die Enttäuschung in Grenzen, weil ich mit seiner schönen Sprache entschädigt worden bin. Allerdings täuscht auch diese vokabelintensive Sprache nicht über die Ereignislosigkeit in seinem Buch hinweg. Womöglich ist das aber auch die These des Autors, dass die Ereignislosigkeit, die er da beschreibt – indem er vieles eben nicht beschreibt – mitverantwortlich für den Untergang der DDR gewesen sein sollte: Chapeau! dann hat er eine schöne These und sein Ziel, wie ich finde, erreicht. Wenn auch nach einem Kräfte zehrenden 900 Seiten-Marathon.
Bisweilen war die Lektüre allerdings auch recht eintönig. Das gehört womöglich dazu, zu der Ereignislosigkeit, besser gesagt, zu dem Stillstand der Ereignisse. Es sind keine Veränderungen und keine Entwicklung möglich. Und dadurch kommt es zu einem Stillstand der Zeit. Dies kann einer nur dann beschreiben, wenn er sich sehr viel Zeit nimmt; und nahezu nichts dabei beschreibt. Dass dieser Stillstand der Zeit Tellkamps These sein mag, wird auch durch den ursprünglichen Untertitel dieses opus magnum nahegelegt: Der Schlaf in den Uhren. Das ist auch meine eigene Erfahrung: Zeit vergeht in Rumänien anders als in Deutschland. Das liegt nicht nur daran, dass ich, als ich dort lebte, jünger war und mit zunehmendem Alter eine Akzeleration des Zeitempfindens stattfindet.
Glückwunsch, Herr Tellkamp, Ihr Buch hat mir Spaß gemacht. Ich habe dennoch das Gefühl, dass Ihnen die Angelegenheit gegen Ende – oder vielleicht sogar schon in der Mitte? -aus dem Ruder gelaufen ist und zur Soldatenburleske wurde, was auf den ersten Seiten als ernster Roman gestartet war. Oder sind Sie vielleicht auch so ein Erste-Seiten-Verweigerer und haben sich gedacht, dass Sie die Rezensenten an der Nase herumführen?
Nachdem ich mich in den letzten Monaten von blutjungen Halunken habe verführen lassen, unter anderem von diesem Aravind Adiga (den habe ich, wie Mathias Faldbakken auch, vor Anbruch des Morgens vor die Tür gesetzt), wende ich mich jetzt wieder älteren Herren mit ernsteren Absichten zu. Ich schiele zum „Marbot” von Wolfgang Hildesheimer hinüber, aber ich schiele schon seit zwei oder drei Jahren. Vielleicht wird’s dabei blieben. Weil ich auch dieses Mal, da ich ihn mit beiden Augen fest fixiere, etwas anderes vorschiebe: den Essay von Jorge Luis Borges über das Lesen. Davor greife ich mir den Bruno Schulz, „Die Zimtläden”. Gestern gekauft. Ich habe den Umschlag gesehen, den Klappentext gelesen und dann ein paar Zeilen, irgendwo um die Seite hundert herum.
Und danach schlägt meine Leidenschaft für gut aussehende Autoren wieder durch und es kommt „Die schonende Abwehr verliebter Frauen”, von Adam Soboczynski an die Reihe. Das wird hoffentlich ein amouröses Abenteuer. Ich habe einfach keine Lust, die Herren, Enttäuschung um Enttäuschung, vorzeitig bitten zu müssen, meine Schlafstatt zu verlassen. Aber so ein grandioser Titel muss einfach Lust machen. Das Buch kann ruhig noch ein wenig liegen. Das muss in meinem Bücherstapel von oben nach unten sinken und dann wieder langsam aufsteigen. So ist das mit der Lust, man kann nicht stunden- und tagelang, Seite um Seite, auf dem Höhepunkt verbleiben, das muss an- und absteigen.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Die ersten Seiten I
Auf dem Fischmarkt wollen alles dasselbe: die ersten Seiten. Alle wollen dort zeigen, was sie können. Die Autoren wollen zeigen was sie schreiben können, die Lektoren wollen zeigen was sie streichen können, die Korrektoren was sie redigieren und die Rezensenten was sie ignorieren können. Bücher, scheint es, kann man überhaupt nur mit den ersten Seiten machen. Der ominöse Rest mag durchaus gelungen sein, und es mag auch den einen oder anderen Mitmenschen geben, der mit sich wenig anzufangen weiß, der nicht weiß, was Freizeitgestaltung ist, und das dann tatsächlich alles liest: aber diese vielen Seiten machen ein Buch eigentlich bloß unnötig dick. Außerdem nehmen Bücher wahnsinnig viel Platz weg in Buchhandlungen. Das ist ja auch ökonomisch unsinnig. Das macht die Bücher bloß teuer, schwer und schwer verkäuflich.
Die ersten Seiten von „The Cocka Hola Company” von Mathias Faldbakken, erschienen im Blumenbar Verlag, sind wunderbar geraten; aber nach der ersten Ejakulation – das Personal des Romans verdient Geld mit Pornofilmen und das Buch beginnt mit einer entsprechend deftigen Szene – ist nicht nur der Hauptdarsteller mit seiner Lust am Ende, sondern offenbar auch der Autor. Vielleicht wird’s jenseits von Seite 50 wieder besser. Aber ohne mich. Ich will nichts über Pornografie lesen, um mich dann auf dröge Kost setzen und nur noch am kleinen Zeh kitzeln zu lassen. Im genannten Fall waren es nicht einmal die ersten Seiten, die mich überzeugt haben. Es war die Umschlaggestaltung und der Untertitel: Skandinavische Misanthropie. Liebe auf den ersten Fick wäre treffender gewesen.
Selbst der sexgeilste Bücherwurm braucht, wenn er einen Buchladen betritt, einen Moment, um sich zu orientieren und ein Objekt ins Auge zu fassen, auf das er Appetit hat. Wer Liebe will, ist auf den ersten Seiten falsch. Da gibt’s nur Sex. Liebe hingegen muss über Seiten und Seiten wachsen, sie muss durch Glück und Verzweiflung gehen, durch Einzigartigkeit und Alltäglichkeit. Man kann nun gerne glauben, dass die Liebe nach und nicht vor dem Sex kommt und es gibt auch keinen Grund, warum das nicht so sein sollte. Aber was und wer immer da noch kommt, eines kommt nicht mehr: das Rendezvous. Der Anfang, wenn zwei einander zum ersten Mal gegenüber stehen. Ich jedenfalls will eine Verabredung und die Anspannung davor, wenn ich vor dem Spiegel stehe und dabei versuche, mich mit dem Blick meines Gegenübers zu sehen.
Man muss mich nicht rumkriegen. Ich will ja auch. Ich will ja lesen und lieben. Ich will ja in den Armen einer anderen Welt versinken. Ich will die Ekstase. Aber ich will mich nicht gleich im Buchladen vögeln lassen. Ich will umgarnt und verführt werden. Ich brauche Andeutung, Anspielung, Aufregung, die erotische Spannung eben. Ich brauche das Spiel und die Hoffnung. Eines aber brauche ich nicht: Die leere Versprechung, dass genau dieses Buch die Liebe meines Lebens wird. Diese Versprechung findet sich immer auf den ersten Seiten. Später macht sie nämlich keinen Sinn mehr. Dort klänge sie lediglich nach einem vertrösten. Vertrösten aber ist das Gegenteil von Trost.
Ich lese, wenn ich mir ein Buch aussuche, nie die erste Seite. Die erste Seite ist das letzte, was ich lese. Also ich lese sie schon, und auch zuerst. Aber wenn ich sie lese, ist das Buch längst bezahlt.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Der Wels im Schollenpelz
Ich achte auf meine Ernährung und kaufe, wenn es das Budget hergibt, im Bioladen. Ich bin Vegetarierin, aber ich esse Fisch. Fisch ist gesund, reich an ungesättigten Fettsäuren. Den kaufe ich am liebsten auf dem Markt, wo er frisch ist. Ich schlendere gerne und schaue mich um. An manchen Ständen liegen Prospekte und Tabellen in den Auslagen, wo die Fische systematisiert werden, nach Fischfamilien und Herkunft, Süß- oder Salzwasser. Es gibt gezüchtete und frei lebende Fische, solche aus fließenden und aus stehenden Gewässern, Fische in Küstennähe, Hoch- und Tiefseefische. Manche Fische werden geangelt, andere harpuniert, Schwärme werden in Netzen gefangen.
Die Weltmeere werden von Kuttern, Schleppern und Trawlern durchpflügt. Der Fang wird in der Regel noch vor Ort verarbeitet, nur wenige Fische kommen lebend an Land. Der größte Teil wird ausgenommen und eingefroren, der kleinere kommt auf den Fischmarkt. Die Fischverkäufer versuchen die Kunden an den eigenen Stand zu locken und Ihnen den Fisch so schmackhaft wie möglich zu machen. Einem Fischkörper anzusehen wie er später schmeckt, ist eine besondere Kunst. Und eine größere Kunst noch ist es, den toten Fisch in der heimischen Küche in ein lebendiges Geschmackserlebnis zu verwandeln.
Zur Regulation der Kundenströme gibt es Prospekte und Ankündigungen, Webseiten, Besprechungen in Fischzeitschriften, Fischhandlungen, Stände und Imbissbuden die von den Fischvertretern besucht werden. Und es gibt die medialen Ereignisse wie die Verleihung des Deutschen Fischpreises, mit longfishlist und shortfishlist. Es gibt Fischagenten und Fischscouts und die Fischmessen in Frankfurt und in Leipzig. Dort werden die großen Fischschwärme der Weltmeere unter die kulinarische Lupe genommen. Was gestern der frankophonen oder der anglophilen Welt gemundet hat, soll heute auf dem heimischen Tisch seine geneigten Esser finden.
In Neptuns Reich gibt’s vor allem die kleinen Fische. Obwohl alle von einem guten Fang träumen, und davon, einmal einen richtig dicken Fisch an Land zu ziehen. In so einem Fall wird der Fisch sogar um Auskunft gebeten. Vorausgesetzt er riecht nicht unangenehm, hat keine Gräten, keine Schuppen, keine triefenden Augen und er sieht auch nicht aus wie ein toter Fisch. Er muss adrett und freundlich daherkommen, das muss ein richtig doller Hecht sein und kein dürrer Hering. Er muss die ganze Zeit lächeln, die Kiemen halten und darf nur antworten, wenn er gefragt wird. Und vor allem muss er seine Flossen bei sich behalten, wenn eine hübsche Ichthyologin ihn interviewt. In so einer Situation darf er sich nicht als Wels im Schollenpelz herausstellen. Andernfalls wird er von den Standbesitzern umgehend zu Fischstäbchen verarbeitet. Oder, aber da muss der Fisch schon Glück haben, zu einer wohlschmeckenden Bouillabaisse.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.