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Aléas Anordnungen

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  • Aléa Torik: Lieber Christian, vielen Dank für Ihre Rückmeldung! Ich freue mich, dass Sie ungeduldig waren. Ungeduld ist ja nicht nur fehlende Geduld, sondern auch Neugier und das ist es eben, was...
  • Aléa Torik: Liebe Alice und lieber Dietmar, ich habe diesen Beitrag der meinen Roman ankündigt jetzt oben weggenommen. Das war tatsächlich wohl nicht förderlich für die anderen Artikel und wer hier...
  • Aléa Torik: Liebe Dietmar, lieber Avenarius, vielen Dank für die Hinweise. Ich kann mit Technik wenig anfangen. Ich habe dem Mann, der diese Umstellungen macht, eine Mail geschrieben. Er hat...
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  • Aléa Torik: Liebe Ulrike, es muss nicht jede_r eine vollständige Rezension einstellen. Ich freue mich, wenn du etwas mit dem Buch anfangen kannst und Leute kennst, die das auch können. Nicht nur...
  • Aléa Torik: Liebe Claudia, hier wird’s auch kalt, aber keine sibirische Kälte. Nur einfache Kälte. Ich mag Winter und Kälte auch sehr, vor allem draußen, wenn man schön warm angezogen ist und wenn...
  • Ulrike Berretz: Liebe Aléa, am Wochenende habe ich das Geräusch das Werdens in Happen sprich Kapiteln genossen. Und direkt Montag ein weiteres Exemplar an eine Kollegin verschenkt. Nicht besonders...
  • Claudia Katzmarski: Liebe Aléa, ja, hier in Stockholm ist es auch sehr kalt! Aber es ist auch genau die richtige Zeit, sich mit (d)einem guten Buch in einen gossen Sessel zu kuscheln… Liebe...
  • Aléa Torik: Lieber Avenarius, da muss noch mal der Mann mit dem Bohrer oder dem Hammer ran! Ich werde dem gleich mal eine Mail schreiben. Was haben die Menschen eigentlich früher gemacht, als...
  • avenarius: Liebe Alea, komisch, dass diese Internetzseiten regelmäßig in funktioneller Hinsicht kollabieren. Selbst Fachleute wundern sich, wenn sie sehen, wie ihr Model auf dem Laufsteg aus den...
  • Aléa Torik: Ich fürchte fast, dass da noch einiges nicht in Ordnung ist. Der Kommentar steht dort, wo er stehen soll, aber er ist dreimal vorhanden. Oder zehn Mal. Da muss ich noch etwas ändern.
  • Aléa Torik: Lieber Phorkyas, ich bin heute kurz angebunden. Entweder bin ich im Stress oder ich bilde mir das nur ein. Warten Sie noch ein paar Tage und dann kommt der Artikel. Allerdings dürfen...
  • phorkyas: Liebe Alea, dann warte ich gespannt. Vielleicht gibt es dann ja auch was Neues zu überlichtschnellen Neutrinos, Higgs-Bosonen oder dunkler Materie. Herzlich, Phorkyas
  • Aléa Torik: Lieber Herr Iffland, ich bin auf Ihre Reaktion gespannt. Es wird sicher viele verschiedene Reaktionen geben und was dem einen gefällt, ist dem anderen ein Graus. Das ist der Reichtum,...
  • Iffland: Liebe Aléa Torik, manchmal ist man ja verblüfft über so manche Entwicklung in unmittelbarer Nähe, so dass Ihre Frage nach meinem Befinden ausgerechnet heute -und trotz meiner Sparsamkeit...

  • 29 Juli 2011

    Romananfänge

    Romananfänge könnten wunderbar sein: schöne, große Sätze, die den Leser mit ihrer Magie für die folgenden tausend Seiten in den Bann ziehen. Dummerweise haben Romananfänge einen konstruktiven Nachteil: sie stehen ganz vorne im Text! Sie werfen den Leser, bevor er auch nur die allerkleinste Möglichkeit hat sich auf den Text einzulassen, sofort wieder hinaus.

    Dieses Problem fand ich vorgestern ganz wunderbar beschrieben in einer Glosse der Süddeutschen Zeitung. Ich hab’s im Netz gesucht, aber nicht gefunden. Also werde ich es mal abtippen. Das ist Journalismus, wie ich ihn mir vorstelle.

    „Wir können froh sein, dass wir keine Romane schreiben müssen. Leute, die Romane schreiben müssen, begeben sich auf ein Feld, wo die Götter der Peinlichkeit mit den Sirenen des Kitsches ringen, besonders, wenn die Aufgabe lautet, einen Roman zu verfassen, in welchem sogenannte innere Vorgänge beschrieben werden sollen. Innere Vorgänge sind schon bei Menschen, die keine Romane schreiben müssen, unerträgliche Veranstaltungen, besonders, wenn diese Menschen einem lang und ausführlich davon erzählen. Menschen allerdings, die Romane schreiben, stehen noch einer weiteren Herausforderung gegenüber: Sie müssen ihren Roman mit einem ersten Satz beginnen lassen. Und wenn der nicht sitzt, dann rutscht alles weg.

    Ein Schriftsteller, der berühmt geworden ist für seine ersten Sätze, war Edward George Bulwer-Lytton. Sein Roman „Paul Clifford“ beginnt mit den Worten „It was a dark and stormy night.” Viele haben gelacht über diesen Anfang, weil er angeblich unfreiwillig komisch sein. Aber wenn man sich jetzt bitte mal ein bisschen zusammennimmt und aus dem künstlichen Lachkrampf windet, muss man schon fragen: Was ist so schlecht daran zu schreiben, es war eine dunkle und stürmische Nacht, wenn es sich um eine dunkle und stürmische Nacht gehandelt hat? Trotzdem wurde Bulwer-Lytton das Stigma des Romananfang-Dilettanten nicht los; folgerichtig wurde nach ihm ein Preis benannt, der Autoren für den schlechtesten Romaneinstieg auszeichnet. Dieses Jahr ist es die Professorin Sue Fondrie. Ihr erster Satz geht so: „Cheryls Gemüt drehte sich wie die Flügel einer windbetriebenen Turbine, die ihre Gedanken wie Spatzen in blutige Stücke zerfetzten, die auf einen wachsenden Haufen vergessener Erinnerungen fielen.“ Ist das denn wirklich so schlecht? Oder ist es nicht vielmehr so, dass man immer weiterlesen möchte, bis der Haufen vergessener Erinnerungen in schwindelnde Höhen wächst und irgendwann in einer dunklen und stürmischen Nacht umgefegt wird?

    Ach, könnte man alle ersten Sätze der Bulwer-Lytton-Preisträger aneinanderreihen – es käme der schönste Roman der Weltliteratur heraus. Cheryls sich drehendes Gemüt musste aber irgendwann vom unerschütterlichen Gerald zum Halten gebracht werden. Gerald ist der Held des Romans von Jim Gleeson, dem Bulwer-Lytton-Preisträger von 2007. Und so geht es los: „Gerald begann – aber er wurde unterbrochen von einem schmerzhaften Pfeifen, das ihn dauerhaft zehn Prozent seines Hörvermögens kostete, so wie jeden anderen innerhalb eines Zehn-Meilen-Radius der Eruption, nicht dass es viel bedeutet hätte, denn ‚dauerhaft‘ meinte: die nächsten zehn Minuten oder so bis er von fließender Lava begraben oder von dampfender Asche erstickt wurde – zu pinkeln.“

    Falls Sie etwas kommentieren wollen, geben Sie bitte bei dem Captcha beide Worte ein.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 Juni 2011

    Erfahrung als Problem

    Anfang dieser Woche hatte ich einen Termin bei meinem Prof. Ich gammelte vorher im Institut herum. Um ehrlich zu sein, ich war angespannt. Ich bin immer etwas angespannt, wenn ich dort einen Termin habe. Das ist auch gut so. Man sieht mir die Anspannung allerdings nicht an. Es sieht aus, als gammele ich. Anders als das flanieren, das eine Lebenseinstellung ist, ist das gammeln eine Einstellung zum Tod. Vielmehr ist es gar keine: einfach Zeit totschlagen. Ich stand also wild um mich schlagend, gammelnd und angespannt im Institut am „Schwarzen Brett“. Dort werden Jobs und Praktika ausgeschrieben. Es gab ein Praktikum bei einer Berliner Literaturagentur. In der Spalte Arbeitsbereich stand dort: Manuskripte begutachten; in der Spalte Erfahrung stand: wenig. Um die Manuskripte in dieser Agentur zu begutachten, braucht man nur wenig Erfahrung. Man muss die vermutlich nur lesen und dann entscheiden, ob sie gut sind oder nicht.

    Diejenigen, die über die Qualität von Manuskripten entscheiden, brauchen nicht viel Erfahrung. Weil Erfahrung stört. Erfahrung ist das, was alte Männer haben und das klingt nach Resignation und Lebensüberdruss, Haarausfall und Prostatabeschwerden. Das hört sich nach Scheitern an. Wie soll man das, bitteschön?, seinem jungen Publikum klarmachen? Die wollen junge, frische, neue und wilde Literatur. Erfahrung stört womöglich überhaupt bei der Literatur, nicht nur beim anfänglichen Begutachten von Manuskripten. Auch beim Schreiben stört sie. Sie stört beim Lesen. Das stört, wenn man beim Lesen denkt: Mensch ist das langweilig, langwierig, langatmig! Erfahrung stört überhaupt. Überall da wo man originär etwas erfahren oder erleben könnte, steht sie einem im Weg. Sie stört auch im Leben. Warum nicht immer wieder von vorne anfangen? Warum nicht immer dieselben Fehler machen, immer auf dieselben Männer und Frauen reinfallen? Reinfälle haben ja auch ihren Reiz.

    Da liest also die nahezu erfahrungs- und ahnungslose Praktikantin so ein Manuskript, zwanzig, dreißig Seiten und ein Exposé. Was kann in so einem Textauszug passieren? Ein bisschen Liebe, ein bisschen Sex und ein bisschen Tod. Ein bisschen Handlung, ein paar Sätze und einige Abschnitte und Charaktere, was man so braucht und unterbringen kann. Ein bisschen Ordnung und ein bisschen Anarchie, ein paar Andeutungen und Umdeutungen, ein Anfang und ein Ende, etwas eloquentes, elegantes, ordinäres und ohnmächtiges. Und wenn sie dann, die Praktikantin nämlich, auf die geringste Erfahrung stößt: Zack! Raus mit dem Mist!

    Später, wenn es gedruckt ist – also die anderen Manuskripte, die, die es nicht bis zur Ablehnung geschafft haben – wenn es irgendwo im Buchhandel oder im Prospekt herumliegt und sich nicht verkauft, dann kommen sie alle an. Dann war der Text doch nicht erfahrungslos genug, dann muss sich irgendwo zwischen den Zeilen eine Erfahrung versteckt haben, die allen entgangen ist. Sie alle haben es übersehen und dann wird der Autor oder die Autorin verflucht, die sich unrechtmäßig eingeschlichen hat. Die Autorin, die einfach nicht in der Lage war, den derzeitigen Strebungen des Literaturbetriebs zu entsprechen und den Wunsch des jungen Publikums nach vollständiger Erfahrungslosigkeit zu erfüllen. Also gilt es, das Übel bereits an der Wurzel zu fassen:  Erfahrung ist eben ein Problem.

    Die Leute bei der Literatur Agentur gehen vielleicht davon aus, dass über kurz oder lang sowieso keiner mehr Bücher liest und sie fangen gleich selbst damit an. Indem sie damit aufhören. Oder sie bewerten die Manuskripte nach der Farbe der Umschläge. Grün liest ja heute keiner mehr. Gut, das ich einen Verlag habe und gut auch, dass ich nur in Magenta schreibe.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    17 April 2011

    Hundert Seiten Bücher

    Der kluge und gebildete Paco, der nicht nur viel weiß, sondern auch dauernd Zeitung liest und ins Kino geht – den ich einmal in Berlin getroffen habe und von daher weiß ich was ich sage: der auch dauernd Bier trinkt – hat ein ungewöhnlich schönes Projekt: die hundert Seiten Bücher. Solche Bücher sind keine Zumutung fürs Zeitbudget und sie geben, wie es da so schön heißt, einem das Gefühl ein ganzes Buch gelesen zu haben. Hier.

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    18 Dezember 2010

    Wie es hätte heißen können

    Ich danke allen für die Glückwünsche und das rege Interesse, dass sie mit der Suche nach einem Titel für das Buch gezeigt haben. Statt jeden Beitrag einzeln zu kommentieren, statt an einzelnen Schachbrettern zu stehen und mit jedem Gegner im Zweikampf gegenüberzustehen, zettel ich jetzt eine Massenschlägerei an. Auf die Gefahr hin, dass das jemand unweiblich findet. Aber, wie gesagt, da ist ja noch das Netz dazwischen, das so manchen Schlag abfedert.

    Es bleibt festzustellen, dass „BERLIN AM MEER“ von den meisten favorisiert wird, nicht nur von Melusine und Iris Nebel. Auch von mir selbst (da füge ich jetzt keinen Link ein).  Auch Ulrike, die sich noch entscheiden wollte (und sich jetzt entschieden hat) findet diesen Titel ansprechend. Wie das mit dem Urheberrecht aussieht, weiß ich (noch) nicht genau. Da gibt es die einfache Möglichkeit, mit den Leuten zu reden, die sich den Titel haben schützen lassen. Ich beziehe mich in meinem Roman nicht auf den Film, den ich gar nicht kannte und nicht kenne, ich erwähne die Galerie. Und die gab es schon vor dem Film. Außerdem gibt es von dem Maler Werner Heldt ein Bild das “Berlin am Meer” heißt (1946: Berlin am Meer, Öl auf Leinwand, 42 × 72 cm, Privatsammlung Hannover). Entweder haben die Filmleute eine Urheberrechtsverletzung begangen oder Bilder kann man nicht schützen lassen. Das Buch könnte auch heißen „BERLIN, AN EINEM MEER“. Das Wort Berlin ist definitiv ein Magnet. Und das nicht nur in Berlin und in Deutschland: Der Leser und die Leserin bemerken: ich greife bereits nach den Übersetzungen. Ich greife nach dem Ausland! Wie wäre es mit „BERLIN UND DAS AUSLAND“?

    Etwas Intellektuelles wollte Norbert Schlinkert, um den anderen zu zeigen, „wo der Hammer hängt“. Wie wäre es denn dann mit „WO DER HAMMER HÄNGT“?

    Die Assoziation zum blinden Klavierspieler aus Joyce Ulysses, von parallalie vorgeschlagen, ist interessant. Ich könnte es „DER BLINDE KLAVIERSPIELER“ nennen. „EIN MEERFERNES BÖHMEN“ gefällt mir ausgesprochen gut, aber leider soll es ja die Nähe zum Meer transportieren und es ist auch nicht in Böhmen situiert. Wenn das Buch nicht Berlin am Meer heißen kann, könnte es vielleicht „EIN MEERFERNES BERLIN“ heißen (mehr Fairness in Berlin?). BÖHMISCHE DÖRFER“ ist auch gut, vielleicht könnte man das ausreizen und „BLINDE UND TAUBE IN BÖHMSICHEN DÖRFER“

    „EIN GEWISSES MASS AN BLINDHEIT“ vom Bücherblogger vorgeschlagen, relativiert bereits im Titel. Und Blindheit, wer‘s erlebt hat, weiß es, ist keine relative, sondern eine umfassende, absolute Blindheit, die, wie ich zu beschreiben versuche, die gesamte Existenz ergreift. Wer mein Buch gelesen haben wird, Futur II, wird das erkennen. “IN DER WELT OHNE AUGEN LIEGT BERLIN AM MEER” widerspricht leider der Entwicklung in meinem Roman. Und es ist zu erklärend, zu edukativ.

    „AUSLÖSCHUNG“, von Bersarin, wäre auch gut, ist aber schon vergeben! Sehr schön, dass dabei der Artikel weggelassen wurde. Das ist übrigens auch ein gutes Buch. Hier muss ich vehement wiedersprechen, die Kritik an “Feuchtgebiete” kann ich nicht unterstützen, das Buch ist Scheiße, aber der Titel ist grandios, eben weil er kein Donaudelta umschreibt. Bersarin: du musst deine alten, also die jungen Fähigkeiten reanimieren. Das ist jetzt wichtig. Du hast dich doch vor Kurzem noch beklagt, dass die alten Zeiten vorüber sind. Jetzt hast du die Möglichkeit noch mal jung zu sein. Also streng dich an!

    „DAS WORT NOCH“ von Dr. Schnocker (ein nahezu neuer Name unter den Kommentatoren), der Titel hat, behauptet er, Wiedererkennungswert. Das kann sein, ist aber ohne jedweden Zusammenhang mit meinem Roman, also nicht einmal ansatzweise. Welches Wort denn? In dem Roman stehen etwa 120 000 Wörter. Das können Sie nicht wissen, aber jetzt wissen Sie es. Wenn Sie also je mein Buch kaufen werden, können Sie der Buchhändlerin erzählen, wie es hätte heißen können.

    Syra Stein schrieb mir die ausführlichsten Assoziationen. Da gefällt mir am besten: „DAS DRITTE UFER“. Allerdings habe ich das bereits etwas treffender in einer Kapitelüberschrift die inzwischen lautet „DIE DRITTE HÄLFTE“ (ein Experiment, das letztlich auf NO zurückgeht). Die anderen Titelvorschläge spielen mit der Nähe von Bild und Blind: aber das funktioniert nicht reibungsfrei, weil in den beiden Worten zwei Buchstaben nicht an derselben Stelle stehen. Und eine Klammer in einem Wort, und einem Titel: ich denke, das ist nicht gut, weil man es nicht aussprechen kann.

    Genova schlägt vor. „BERLIN AM MEER” IST SCHON ALS FILMTITEL VERGEBEN. NUR SO RECHTETECHNISCH MAL“ Das gefällt mir, klingt aber zu sachlich und ist auch zu lang.

    NO kommt etwas überraschend, ganz in der Tradition Arno Schmidts (und seit einigen Jahren auch Reinhard Jirgl): „DA SCHA(H)=MANNÄ GUTE NO CHRICHT!“

    Schneck sagt: „SCHWIERIG, SCHWIERIG“. Sie, oder sind wir beim Du?, ich kann mich oft gar nicht erinnern, haben Recht, wenn Sie darauf hinweisen, dass Berlin zwar möglicherweise verkaufsfördernd ist, aber letztlich nicht unbedingt für literarische Seriosität einsteht. Und das ist es, das haben Sie richtig erkannt, worum es mir geht. Ich will gute Texte schreiben ob da nun „A“ oder „B“ als Titel drübersteht, ist nicht weiter von Belang.

    Snöflinga (ein ganz neuer Name unter den Kommentatoren!) schlägt vor, das zu nehmen, was ich früher  als Untertitel wollte und was ich schon aussortiert hatte. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, gefällt es mir immer besser. „DAS GERÄUSCH DES WERDENS“. Das ist zwar ein (pseudo-) philosophischer Titel, aber der Hinweis auf „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ ist ganz zu Recht. Die Leute scheint das nicht abzuschrecken. Selbst wenn, man kann nicht everybodys Darling sein, man schreckt immer ab und zieht aber auch immer an. Und der Text, so sagte man mir, käme in weiten Strecken in einem ruhigen und nahezu philosophischen Ton daher.

    Walter schlägt vor, Berlin und das Dorf im Titel zu nennen „BERLIN – UND WIEDER ZURÜCK“. Das ist nicht unzutreffend, aber doch auch wieder etwas gewunden. „NICHT BERLIN“ hingegen wird es nicht. Keine Verneinungen und Negativismen!

    Thorsten Krämer, per Email, schlägt vor “nach Lektüre des Exposés zu dem Roman und Berücksichtigung aller sonstigen Faktoren” -  “BILDLEGENDE”, das ist gut, weil es sich auf die Bilder der Ausstellung bezieht und weil man jedes Kapitel dieses Romans wie ein Bild lesen und betrachten kann, so dass ich so viele Bilder in der Ausstellung hängen wie ich Kapitel im Roman habe. Dahinein spielt dann auch der Begriff der Legendenbildung hinein, was aber in meinem Roman nicht thematisiert wir. Das wäre der bisher ernsthafteste Anwärter auf einen Titel, neben meinen eigenen Kapitelüberschriften.

    Abschließend sei gesagt, dass ich mich über das Geschenk von Norbert Schlinkert freue, der mir folgende Worte für einen Titel schenkte: “BALD SCHON ODER IRGENDWANN”. Vielleicht brauche ich das noch mal. Wer weiß, wo mich das Leben hintreibt, in welche extremen Situationen und wann mich der Teufel am Schlafittchen zu fassen bekommt, dem werde ich dann sagen, du kriegst mich, bald schon oder irgendwann, aber nicht jetzt. Jetzt habe ich nämlich keine Zeit. Und so ergeht es mir auch gerade, ich bin, was das Blog angeht, nicht sonderlich fleißig, ich stecke bis über beide Ohren in der Arbeit an diesem Roman. Wie hatte ich je auf die Idee kommen können, der sei fertig? Das wird ein lustiges Weihnachtsfest.

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    14 Dezember 2010

    Auf der Suche nach einem Titel

    Es gibt gute Nachrichten: Ich habe einen Verlag für meinen ersten Roman gefunden! Er, der Verlag, lag nicht auf der Straße. So habe ich ihn nicht gefunden. Ich habe auch nicht den ganzen Verlag gefunden, sondern nur einen Vertrag mit ihm. Und auch der lag nicht auf der Straße. Ich habe ihn nicht gefunden, wie man vielleicht einen Tausend-Euro-Schein findet. Ich habe den Verlag gefunden, obwohl ich gar nicht gesucht habe. Ich hatte die Suche auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Ein anderer hat für mich gesucht. Es hat sich jemand für mich eingesetzt und der war erfolgreicher als ich mit meinen Bemühungen. Meinem Mentor danke ich sehr!

    Es ist ein kleiner Verlag. Vielmehr ist es nicht ein, sondern mein Verlag. Die Besitzverhältnisse haben sich dort geändert. Ich bin nun Autorin des Osburg Verlages. Im kommenden Herbst erscheint mein Debüt. Ich freue mich darüber. Die Gespräche mit dem Verleger und dem Lektor waren sehr interessant und vielversprechend. Nach eingehender Lektüre bin ich allerdings zu der Erkenntnis gekommen, dass der Text nicht auf der Höhe meiner Fertigkeiten ist. Ich habe mich in den vergangenen zwei Jahren weiterentwickelt. Da kommt also noch Arbeit auf mich zu. Ich werde, daran kann kein Zweifel bestehen, einen exzellenten Roman abliefern.

    Ich brauche einen Titel für den Text. Ohne Titel wäre originell, ist dann aber schwer beim Buchhändler zu bekommen. Ich kenne nur wenige Bücher mit schönem Titel. Dazu gehörten „Feuchtgebiete“, „Morgen in der Schlacht, denk an mich“, „Du bist mein Moskau und mein Rom und mein kleiner David“, „Vom Küssen, Kitzeln und Gelangweilt sein“ und „Lolita“ und natürlich “À la recherche du temps perdu”.

    Zu Beginn hatte mein Text einen beschreibenden Titel: „Der blinde Fotograf“. Ein Blinder kompensiert den Verlust seines Sehens mit einer Kamera und dem Fotografieren. Das ist zwar das Hauptthema, aber dennoch sind es nur sechs von 30 Kapiteln, die direkt aus der Perspektive des Blinden geschrieben sind. Dann hatte ich mich für „Berlin am Meer“ entschieden. Das hat seinen Reiz, weil Berlin nicht am Meer liegt und es ist ein schöner Kommentar zu dem zweiten Thema: seinen Platz im Leben finden. Damit tun sich Blinde oft schwerer als andere; aber es ist kein Privileg von Blinden, sich schwerer zu tun als andere. Es sieht jedoch aus, als sei der Titel urheberrechtlich geschützt. Allerdings ist das auch der Name einer Galerie in der Kollwitzstraße. Dort findet die Ausstellung der Fotografien statt, die der Blinde in den Roman macht. Urheberrecht hin oder her, ich zitiere mit meinem Titel nicht den Film, sondern die Galerie und mit dem Galeristen werde ich schon einig. Da zieht die Frau Torik ein hübsch dekolletiertes Kleid an und macht einen Besuch. Wenn ich eine Lesung machen werde und mir den Ort aussuchen kann, dann möchte ich in dieser Galerie lesen. Allerdings ist auch dieser Titel nicht treffend, der Roman spielt in Berlin, aber zum Ende hin gehen doch zentrale Personen wieder in das Dorf aus dem sie kommen. Sie finden ihren Ort, indem sie einen anderen verlassen.

    „Berlin am Meer“ ist die Überschrift des ersten Kapitels. Ich habe noch weitere Kapitelüberschriften. Da bieten sich vor allem die Kapitel des Blinden an, die alle dieselbe Überschrift tragen „Das Geräusch des Werdens“. Das klingt sehr philosophisch und schreckt vielleicht ab. Außerdem ist es eine Genetivkonstruktion und schließt damit fünfzig Prozent der Bevölkerung vom Verständnis aus. Andere Kapitelüberschriften lauten „Ein mediterranes Fluidum und in der Ferne das Meer“ (mein derzeitiger Favorit) oder „Das Paradies im Zentrum von Apoptygma III“? Beide Titel lassen jedoch keinen Aufschluss über den Inhalt des Buches zu, letzterer klingt nach einem Science-Fiktion-Roman. Wie wär’s mit „Die mesio-bukale des vorderen Höckers des ersten oberen Molars“: das erinnert an Peter Weiss, „Der Schatten des Körpers des Kutschers“. Wer soll das kaufen? Man muss den Titel ja, wenn er nicht gerade auf dem Büchertisch liegt, und da liegen meist die Bücher der großen Verlage; man muss den Titel, wenn man ihn bestellt, nennen, also aussprechen. Wie wäre es mit „Das Verhältnis von Innen und Außen umgekehrt“. Oder etwas kurzes „Diarrhöe und Delirium“ oder „Der Salon Sucre“? In beiden Titeln finden sich allerdings Worte, von denen einige Käufer nicht sicher wissen, wie man sie ausspricht. Auch das könnte eine Hemmung sein, das Buch zu erwerben. Oder sollte man gar nicht nach Käufern schielen? Schielen vielleicht auch die Käufer und deswegen gilt: je schräger desto besser?

    Oder etwas ganz anderes? Haben Sie Ideen? Was könnte Ihnen gefallen? Können Sie Gründe dafür nennen? Ich werde mich über Voten und Vorschläge freuen. Wer immer hier so mitliest, ohne sich je zu Wort zu melden, der hat jetzt eine gute Gelegenheit, etwas zu sagen.

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    08 Juli 2010

    Hölderlin in modern times

    Die Frau: „Arbeiten Sie hier?“
    Der Buchhändler: „Ja, mehr oder weniger, meist weniger.“
    „Sie, haben Sie eventuell Bücher von diesem … äh … Hölderlin?“
    „Ja, schon. Hier zum Beispiel eine Gedichtausgabe, sehr gut kommentiert.“
    „Nein, Gedichte nicht um Gottes Willen, haben Sie nicht so kleine Geschichten?“
    „Kleine Geschichten hat er nicht verfaßt.“
    „Ach so, ja was denn?“
    „Einen Briefroman mit dem Titel Hyperion.“
    „Ist der spannend?“
    „So würde ich das nicht sagen.“
    „Was hat er denn Lesbares geschrieben, für abends vor dem Einschlafen?“
    „Meines Wissens nichts.“
    „Ja, er muß doch was geschrieben haben, sonst würde er doch nicht im Reiseführer stehen.“
    „Ein Trauerspiel in fünf Akten über Empedokles.“
    „Über was?“
    „Empedokles war ein griechischer Philosoph, der sich aus Verzweiflung in den Ätna stürzte.“
    „Naja, und wenn ichs mal in einer anderen Buchhandlung versuche?“
    „Das können Sie machen, versuchen kostet nichts.“
    „Und wo ist die nächste Buchhandlung?“

    (Ein wahrhaftiger Dialog aus dem Erlebnisbereich einer Tübinger Buchhandlung.)

    Schwäbisches Tagblatt, 5.9.1990

    Und hier hab ichs her.

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    19 April 2010

    Fremdgehen

    Ich bin fremdgegangen. Ich habe auch kein schlechtes Gewissen. Im Gegenteil. Hat Spaß gemacht. Eigentlich bin ich eher eine treue Seele. Treue manifestiert sich nicht an mangelnder Gelegenheit zur Untreue, sondern erst durch diese Gelegenheit. Hier kann man das sehen. Meine Untreue, meine ich.

    Dank an Jan Karsten, den Chefredakteur des Titel Magazins.

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    23 Januar 2010

    Was mit Ausländern

    Unweit meines Instituts in der Dorotheenstraße, liegt Dussmann, wo man Bücher und CDs kaufen kann. Das ist ein Laden, der sich „Kulturkaufhaus” nennt: shoppen als kulturelle Leistung, grandioser Einfall!

    Ich mache dort bisweilen, was ich überhaupt gerne mache: ich stöbere. Bei manchen Worten, so auch beim stöbern, habe ich eine bildliche Vorstellung. Wenn ich stöbere, wirbele ich Staub auf. Obwohl ich meist in Buchhandlungen stöbere und es dabei nie staubt, hält sich dieses Bild hartnäckig. Das Bild oder die Vorstellung von dem Wort. Ich kaufe nie bei Dussmann, weil ich einen kleinen Buchladen bei mir um die Ecke habe, mit einem bebrillten Buchhändler, der seinen Beruf und seinen Laden über alles liebt. Und mich liebt er auch. Aber nur solange ich in seinem Laden bin. Wenn ich zur Türe hinausgehe, vergisst er mich sofort wieder.

    In der vergangenen Woche habe ich bei Dussmann ein Gespräch zwischen einer Verkäuferin und einem potentiellen Kunden mitgehört. Ich habe gelauscht. Der Kunde wollte ein Buch für seine Mutter kaufen, ein Geschenk zum Geburtstag. Er hatte aber keine Idee und wollte eine Empfehlung von der Verkäuferin. Er wollte nicht stöbern. Er wollte wahrscheinlich einfach etwas in die Hand gedrückt bekommen. Vielleicht hat ihn auch gestört, dass man vom Umschlag des Buches nicht auf seinen Inhalt schließen kann oder er war einsam und hat sich lieber an eine Verkäuferin gewandt als zwischen den vielen Büchern zu suchen. Nach Zuneigung zu suchen oder nach Worten, die von Zuneigung erzählen. Die Verkäuferin versuchte dem Mann etwas über die Mutter zu entlocken, über bereits gelesene Bücher, ob sie politisch interessiert sei, zeitgeschichtlich, ob sie gerne Krimis lese. Der Mann blockte diese Fragen erstaunlicherweise ab. Das wisse er nicht, antwortete er stereotyp. Und außerdem, er sagte das mit einem Gesichtsausdruck als spiele er einen Trumpf aus, er selbst lese ja nicht. Die Verkäuferin, freundlich wie zuvor, machte weitere Vorschläge, eher ein Roman, oder doch lieber Kurzgeschichten? Der Mann starrte geradezu teilnahmslos an ihr vorbei – resignierter bis lethargischer Gesichtsausdruck -, das war ihm wohl alles egal. Dann hellte sich sein Gesicht auf und er fuhr der Verkäuferin in die Parade und fragte erstaunlich laut, richtig aggressiv: „Ja, haben Sie denn nichts mit Ausländern?”

    Ich schreibe gerade an meinem zweiten Roman. Ich baue einen Roman. Schreiben ist ein bisschen anders als das Bauen von Brücken. Beim Brückenbau will man vor allem, dass das, was man baut, feststeht. Und zwar von Anfang an. Beim Schreiben von Romanen, bei mir ist das jedenfalls so, steht am Anfang auch einiges fest. Aber es steht auf eine ganz spezielle Art fest, nämlich so, dass das, was ich noch dazu baue, das, was ich bisher gebaut habe, wieder in Frage stellen kann. Ich baue mit der Abrißbirne. Ich glaube, nach diesem Gespräch, baue noch was mit Ausländern ein. Ein paar Ausländer – egal welche – und auch ein bisschen Blut – egal welche Blutgruppe -, ein bisschen Politik – egal welche Richtung – und noch ein bisschen Sex – egal wer mit wem – und dann ist der Schinken fertig. So macht man das. Das sind die Kundenbedürfnisse und so werden die Regale bei Dussmann vielleicht bald umgebaut: Ausländer, Blut, Sex, Politik. Brückenbauen.

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    09 Oktober 2009

    Ich freu mich für Frau Müller

    Vor einiger Zeit habe ich die zwanzig Kandidaten für den Deutschen Buchpreis besprochen. Ich bin offenbar in der Zeile verrutscht, als ich Herta Müller in der aussichtsreichsten Position sehen wollte. Ich glaube sogar, aber vielleicht täusche ich mich erneut, dass sie jetzt in der schlechtesten Position ist. Das Rennen um diesen Preis ist nämlich seit gestern wieder offen. Dafür ist Frau Müller jetzt in den Olymp aufgestiegen.

    Ich bin gespannt, was die anderen dazu sagen werden. Die Rumänen. Mal schauen, ob die jetzt etwas mit Herta Müller anfangen können. Und auf die Reaktion der französischen Medien bin ich auch gespannt. Im vergangenen Jahr haben die deutschen Zeitungen Le Clézio ja eher als etwas exotische, aber im Grunde genommen spinnerte Idee der Schwedischen Akademie abgetan. Ich kann mir keine eigene Meinung zu dem Mann erlauben. Ich habe nie etwas von ihm gelesen. Mal schauen wo die Franzosen nun Herta Müller einordnen.

    Auf meinen Geschmack hat der Nobelpreis wenig Einfluss. Ich habe in den letzten Jahren von den Geehrten nur Imre Kertész und J. M. Coetzee gelesen. Beides mit Verspätung, beides hat mir gefallen. Grass und Müller kannte ich vorher schon. „Die Blechtrommel” gehört zu einer Sammlung von Büchern, ich hab keinen Überblick, wie groß diese Sammlung ist, die meinen Literaturgeschmack am Anfang beeinflusst haben. Ich weiß nicht, wie groß diese Sammlung ist und ich weiß auch nicht, wo der Anfang liegt. Die Sammlung wächst langsam. Und dieser Anfang ist nicht vorüber, er ist mit jedem Buch da, das ist ein ununterbrochen in der Länge sich ändernder Urmeter.

    Im Internetauftritt der FAZ stand ganz oben, dass Herta Müller den Nobelpreis für Literatur bekommt. Ich denke, ich hab‘s nicht nachgeprüft, dass in den anderen Tageszeitungen etwas Ähnliches stand, also ziemlich ähnlich. Insoweit übereinstimmend, dass, was immer da genau stand, Herta Müller überall den Nobelpreis erhält. Ich fände es interessant, wenn jede Zeitung etwas anderes berichten würde. Dann hätten all die anderen, immer übergangenen Kandidaten endlich mal eine Chance. Mario Vargas Llosa bekommt in der Neuen Zürcher Zeitung in diesem Jahr den Nobelpreis für Literatur, Inger Cristensen bekommt ihn in der Frankfurter Rundschau, Thomas Pynchon bekommt ihn in der ZEIT etc. pp. Hätte ich eine Wette auf einen Kandidaten aus Rumänien abgeben müssen, wäre meine Wahl auf Mircea Cărtărescu gefallen, der übrigens gerade die Samuel-Fischer-Gastprofessur innehat und ab der kommenden Woche in Berlin zum Thema „Postmodernism and Beyond” liest. Hier ein Link für Fans, mit Bibliografie und Wohnort. Und wer‘s noch intensiver möchte und sich für rumänische Literatur interessiert, der ist hier sehr gut aufgehoben. Das ist ein schönes Projekt, sehr aktuell und in vielen Sprachen, auch in Deutsch, zugänglich. Unter dem Namen Gabriela Adameşteanu ist die frisch gebackene Nobelpreisträgerin (der FAZ) auf einer Coach zu sehen und sie zieht einen richtigen Flunsch, so als wäre ihr die Auszeichnung gerade wieder weggenommen worden oder als wäre sie mit der Wahl der NZZ oder der ZEIT nicht zufrieden.

    Herta Müller stand ganz weit oben in der FAZ. Ganz weit unten stand etwas über “Skimming”. Organisierte Kriminalität, Banden, die vor allem aus Rumänien und Bulgarien stammten, und deutsche Geldautomaten manipulieren. Das entspricht dem Bild der Rumänen schon eher. Ich weiß nicht, ob Frau Müllers Dichtungen so groß sind, dass sie nun in aller Welt zur Kenntnis genommen werden. Sie wird sicher in Deutschland jetzt ein anderes Gewicht bekommen. Ob das, was Herta Müller schreibt, Nobelpreisniveau hat, sollen andere entscheiden. Es war in den vergangenen Jahren ja oft so, dass die Akademie sich weniger dem humanen Geist von Alfred Nobel verpflichtet gefühlt hat, als der Sprengkraft seiner wichtigsten Erfindung. Ob die Preisverleihung Geschmacksveränderungen des deutschen Publikums nach sich zieht, weiß ich nicht. Ich hoffe, dass diese internationale Auszeichnung und Anerkennung für eine Rumänin das Empfinden gegenüber den Rumänen – die da unten, die Zigeuner, die mit den Goldzähnen und den gefälschten Kreditkarten – ein wenig verändert. Herta Müller spricht Deutsch. Und sie spricht es besser als viele von denen, die hier leben, die die Bildzeitung lesen und nicht wissen, dass es außer dem Plusquamperfekt noch andere Zeiten gibt. Die vielleicht gar nicht wissen, dass es Zeit gibt.

    „Wir zeigen immer wieder, dass wir schreiben können.” Das ist ein Satz, den ich gelesen habe. Im Rahmen der FAZ-Lektüre im Netz, in einem Kommentar. Wer ist denn dieses „wir”? Die allermeisten zeigen ja bitteschön, wenn sie die Spiegelbestsellerliste konsumieren, dass sie nicht einmal lesen können. Sind das die gleichen, die dann zeigen, dass sie schreiben können? Wer ist „wir”? Wir Deutschen? Wir Rumänen? Wir Frauen? Hat der, der das geschrieben hat, es schon einmal jemandem gezeigt? Wem denn? Der Akademie in Schweden? Ist der Kommentar vielleicht von Grass gewesen? Der einzige lebende Deutsche, der sich diesen Kommentar erlauben könnte. Und hat er, also nicht der Grass, Günther, sondern der andere, der Möchtegerngrass, außer, dass er es jemandem gezeigt hat, sonst noch was gemacht? Hat er‘s vielleicht gelesen? Hat er Müller und Grass gelesen? Oder sogar geschrieben? Er und Herta und Günther zusammen.

    Die 56-jährige “deutschsprachige” Schriftstellerin. So lautete die Schlagzeile aus der ZEIT (wieder im Netz natürlich). Deutschsprachig ist in dem Fall wirklich nicht schlecht formuliert. Es ist natürlich schwer, diese Frau jetzt einzusortieren und zu verorten. Ist sie Deutsche? Ist die Rumänin? Wodurch wird man das eine und wodurch das andere? Vielleicht hätte man sie lieber als “hochdeutschsprachige Schriftstellerin” bezeichnen sollen. Aber ist sie das? Vielleicht spricht sie kein Hochdeutsch, vielleicht hat sie einen unangenehmen Akzent, etwas ganz derbes, geradezu ordinär. Egal, ich freu mich für Frau Müller!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    22 September 2009

    „Unendlicher Spass“ I

    Julian: hör mir bitte zu!

    Das Anstrengende beim Lesen vom Unendlichen Spaß ist, das, obwohl sich das Verhältnis des Lesestoffs permanent verändert, so, dass das noch zu Lesende weniger, das bereist Gelesene mehr wird, sich trotz dieser permanenten Verschiebung die Gesamtmenge des Lesestoffs, was in diesem Fall vor allem mit dem Wort Gesamtgewicht beschrieben werden kann, in keiner Weise verändert. Klartext: Wenn ich mit dem Ding fertig bin, habe ich Oberarme wie Schwarzenegger. Und dann ändert sich der Ton zwischen uns beiden (es fällt das Bitte in der Anrede weg!).

    Du musst den Unendlichen Spaß lesen. Ich schwanke! Ich schwanke zwischen euphorisiert und deprimiert, und zwar fortwährend. Ich schwanke von Kapitel zu Kapitel, innerhalb der Kapitel, ich schwanke innerhalb der Sätze und manchmal schwanke ich sogar innerhalb einzelner Worte. Ich bin hin- und hergerissen, zwischen Lach- und Heulkrämpfen. Heulen ist aber gerade im Übergewicht. Weil ich auch dann heule, wenn mir eigentlich zum Lachen zumute ist. Umgekehrt passiert‘s aber nicht.

    Hier geht’s um Mathematisierung von Tennis:

    „Und Schtitt, der in formaler Mathematik ungefähr so bewandert ist wie ein taiwanischer Kindergärtner, wusste dessen ungeachtet etwas, das Hopman, van der Meer und Bollettieri entgangen sein dürfte: dass das Lokalisieren von Schönheit, Kunst, Magie, Vollendung und Wegen zu Rang und Sieg im weitschweifeigen Fluss eines Tennisspiels keine fraktale Frage der Reduktion von Chaos auf Muster ist. Spürte intuitiv, dass es überhaupt keine Frage der Reduktion war, sondern vielmehr – perverserweise – eine der Expansion, des aleatorischen Flatterns unkontrollierten, metastasierenden Wucherns – jeder gut geschlagene Ball erlaubte n mögliche Reaktionen, diese wiedrum erlaubten 2 hoch n mögliche Reaktionen und so weiter bis in ein, wie Incandenza es gegenüber jedem formulieren würde, der in seinen beiden Disziplinen beschlagen wäre, cantorianischen Kontinuum der Unendlichkeiten möglicher Bewegungen, cantorianisch und schön, weil infoliiert, inkludiert, diese diagnatische Unendlichkeit der Unendlichkeiten von Wahl und Ausführung, mathematisch unkontrolliert, aber menschlich inkludiert, eingegrenzt von Talent und Imagination bei Ich und Gegner, auf sich selbst zurückgekrümmt durch die inkludierenden Grenzen von Geschick und Imagination, die den einen Spieler schließlich zu Fall brachten, beide vom Siegen abhielten und schließlich ein Spiel schufen, diese Grenzen des Ichs.”

    Der Anfang dieser Stelle, dass ein Chaos, das sich auf ein Muster reduzieren lässt, bereits kein Chaos mehr ist, weil Chaos jedwede Vorhersehbarkeit und Regelmäßigkeit per se ausschließt, das finde ich sehr schön! Und die dem Ich gesetzten Grenzen von Geschick und Imagination, am Ende der Textstelle, auch das gefällt mir gut. Aber die Sache von cantorianischem Kontinuum bis diagnatischer Unendlichkeit, die verstehe ich nicht, also bring deinen Laptop mit!

    Ich weiß noch gar nicht, wie ich mit solchen Stellen umgehen soll: entweder ich arbeite mich in diese ganzen spezifischen Themen- und Wortfelder ein, und da gibt’s weiß Gott noch anderes als Fraktale Physik, oder ich belasse es einem oberflächlichen Verständnis und lese einfach so drüber, in der Hoffnung, das reicht irgendwie aus. Aber wenn man einmal anfängt mit dem Überlesen und der Hoffnung, es reiche aus, es reiche eben irgendwie so gerade aus, ja, was dann? Das Einarbeiten in die verschiedenen Themenfelder hilft einem aber auch nicht, wenn du mit fraktaler Geometrie und Quantenphysik durch bist, kommt gleich das Nächste, dann musst du dich in die Wirkweise von Medikamenten einarbeiten und in die Psychiatrie.

    Endlich mal wieder ein Buch, in dem mein Name vorkommt. Ich dachte schon, den kennt keiner mehr. Was für eine furchbare Vorstellung (du erinnerst dich an meinen Beitrag hier zu Gelotologie), langsam in die veralteten Worte abzurutschen und irgendwann ganz aus dem Lexikon heraus zu fallen. So weit darf es nicht kommen! Da bekomme ich nämlich das aleatorische Flattern.

    Dieser Wallace ist unfassbar respektlos. Und du weißt, wie sehr mir so etwas gefällt (in der Literatur wohlgemerkt) und dann wieder ausgesprochen sensibel und empfindsam. Entweder feuere ich den auch irgendwann gegen die Wand oder zur übersichtlichen Gruppe der richtig guten Sachen ist ein weiterer Vertreter hinzugekommen.

    Oder hör dir das hier, am anderen Ende des sprachlichen Kompetenzfeldes, nach Abschaffung der indirekten Rede.

    „Wenn sie zu Reginald seiner Mama geht, sagt sie, dann geht Reginald seine Mama zu Wardine ihrer Mama, und dann glaubt Wardine ihre Mama, Wardine ist am Rummachen mit Reginald. Wardine sagt, ihre Mama sagt, wenn Wardine einen Mann an ihr rummachen lässt, und sie ist noch keine sechzehn, dann schlägt sie Wardine tot.”

    Ich bin AUSLÄNDERIN! Ich dachte das Buch sei übersetzt worden!

    Hier der letzte Lachkrampf: Wallace bezeichnet eine Schwangerschaft als Chromosomenkrieg!

    Julian, sag deinem Mäc Kinsey, dass du dich nicht mehr für Optimierung von Arbeitsprozessen interessierst. Weil das einfach totlangweilig ist. Und dass du dich jetzt wieder den wirklich wichtigen Dingen im Leben zuwenden wirst. Dass deine Bewerbung ein Fehler war, ein grandioser Fehler, aber dass du eine Freundin hast, die dich wieder auf den Pfad der Tugend gebracht hat. Sag dem das! Mit stolzgeschwellter Brust musst du das formulieren. Streck ihm zum Abschied die Zunge raus! Und jetzt geh in die Buchhandlung und kauf dir diesen Ziegelstein. Wir treffen uns in einer Stunde am Märchenbrunnen zum Lesen. Es wird Zeit, dass du deinen Hintern mal wieder im Rhythmus der Literatur bewegst, mein lieber Freund!

    Und schalte endlich dein Telefon wieder ein. Das hier ist mein Blog und keine Nachrichtenzentrale für schwule Unternehmensberater, die sich in besseren Zeiten mal für Thomas Pynchon interessiert haben.

    Auf der anderen Seite: es gibt hier sowieso keine Leserinnen mehr. Ich habe gestern mit einer Frau aus dem Verlagswesen gesprochen, die sagte mir, Sibylle Berg hätte „unheimlich viele Anhängerinnen”. Nachdem ich ihr eine geknallt habe (der Frau Berg, meine ich), werden wahrscheinlich die wenigen Leserinnen, die ich hatte oder hätte haben können, allesamt mit Sack und Pack zu Sibylle Berg umgezogen sein. Wir beide sind hier sozusagen unter uns!

    Sibylle Berg, hat diese Frau gesagt, die im Übrigen sehr nett ist und bald ein Kind bekommt, habe einen sehr eigenen Ton! Also dieser Literaturbetrieb in diesem Land: Zuerst wird alles mit der Mähmaschine auf gleiche Höhe gekürzt, du bekommst dein Zeug wieder zurück – wie dieser Reinhard, von dem ich dir erzählt habe, der schreibt richtig gute Sachen, bekommt aber kaum etwas anderes zu hören, als dass das alles viel zu eigensinnig sei – und wenn‘s dann alles die gleiche Länge hat, loben sie dich, wenn du doch drüber hinaus wächst. Der Literaturbetrieb ist ein bisschen – wie heißt das in Mille Plateaus? – schizoid. Kapitalismus und Schizophrenie! Die Frage ist, ob eine Zensur aus kapitalistischen Erwägungen anders funktioniert als aus politischen. Ich weiß, dass sie moralisch anders zu bewerten ist, die Frage ist aber, ob sie deswegen auch eine andere Struktur hat.

    Du siehst, ich bin in der Verfassung zu streiten. Bring dir Hilfe mit! Bring auch das Brot und den Käse mit, den es in der vergangenen Woche bei dir gab. Und Bionade (Holunder!).

    Beeil dich! Sei pünktlich! Und grüß deine Mutter! Hihi!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.