Hauptmenü:

Aléas Anordnungen

Der Länge nach



Der Reihe nach

  • Juni 2016
  • April 2016
  • Oktober 2015
  • Juli 2015
  • April 2015
  • März 2015
  • Februar 2015
  • Dezember 2014
  • November 2014
  • Oktober 2014
  • September 2014
  • August 2014
  • Juli 2014
  • Juni 2014
  • Mai 2014
  • April 2014
  • Februar 2014
  • Januar 2014
  • Dezember 2013
  • November 2013
  • Oktober 2013
  • September 2013
  • August 2013
  • Juli 2013
  • Juni 2013
  • Mai 2013
  • April 2013
  • März 2013
  • Februar 2013
  • Dezember 2012
  • November 2012
  • August 2012
  • Juli 2012
  • Juni 2012
  • Mai 2012
  • April 2012
  • März 2012
  • Februar 2012
  • Januar 2012
  • Dezember 2011
  • November 2011
  • Oktober 2011
  • September 2011
  • August 2011
  • Juli 2011
  • Juni 2011
  • Mai 2011
  • April 2011
  • März 2011
  • Februar 2011
  • Januar 2011
  • Dezember 2010
  • November 2010
  • Oktober 2010
  • September 2010
  • August 2010
  • Juli 2010
  • Juni 2010
  • Mai 2010
  • April 2010
  • März 2010
  • Februar 2010
  • Januar 2010
  • Dezember 2009
  • November 2009
  • Oktober 2009
  • September 2009
  • August 2009
  • Juli 2009
  • Juni 2009
  • Mai 2009


  • Der Sache nach



    Nach Nichts nach


     



    Hier wird archiviert

    Hier wird boykottiert

    Hier wird cokettiert

    Hier wird drangsaliert

    Hier wird elaboriert

    Hier wird fingiert

    Hier wird geniert

    Hier wird illusioniert

    Hier wird jongliert

    Hier wird kastiert

    Hier wird liiert

    Hier wird massiert

    Hier wird nivelliert

    Hier wird pikiert

    Hier wird regiert

    Hier wird zentriert




    Suche


    Impressum
    Kontakt
    Anmelden
    © 2019 Aleatorik
    by WordPress


    Diesseits

    Seite 1 – Das Geräusch des Werdens
    Seite 2 – Das Blog
    Seite 3 – România
    Seite 4 – Lesungen und Veranstaltungen
    Seite 5 – Aléas Ich
    Seite 6 – Blogroll

    Jensseits

    Aboutsomething
    Der Freitag
    Glanz & Elend
    Glanz & Elend II
    Junge Welt
    LETTRE International
    Literaturkritik
    Literaturkritik II
    Poetenladen
    Roberto Bolaño
    Titel Magazin
    Unendlicher Spass

    KLG
    Literaturport
    Wikipedia


    Kommentare:

  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
  • irisnebel: klasse! gratuliere! musst du ne gegenleistung bringen? als stadtschreiber z.b.?
  • nadine schmid: Ich habe mit Thien an der Uni Koeln studiert. Wir ware zeitweise befreundet, aber ich hatte wenig verstaendnis fuer seinen ‘Mangel’ am akademischen Streben und habe, trotz meiner Anerkennung seines Talents, sein Lebensziel, aus seiner Dichtung etwas zu machen, als...
  • bersarin: Es muß natürlich, entdecke ich beim zweiten Lesen, Monika Rinck heißen. Ich kann mir Namen nie merken.
  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
  • Aléa Torik: Never ride a dead horse – das hätte auch als Überschrift dieses Beitrags herhalten können. Gestern Nacht bin ich mit dem Rad 35 km durch das ausgestorbene Berlin gefahren, bis weit jenseits der Stadtgrenze. Da ich ziemlich kaputt war, konnte ich dabei nichts denken, aber wenn...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
  • Aléa Torik: Liebe Miss Lingen, bitte entschuldigen Sie die kleine Verspätung meiner Antwort. Ich war auf anderen Schlachtfeldern unterwegs. Sie haben absolut recht, es ist viel zu komplex. Dabei darf ich mir zugutehalten, es deutlich vereinfacht zu haben. Denn im Original – wenn wir uns darauf...
  • Miss Lingen: Obwohl, wie Sie wissen, ich hier mit Sympathie lese, frage ich doch: ist das nicht alles ein wenig zu komplex?
  • Aléa Torik: Dann bin ich gespannt, was du von dem Essay hältst.
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, die Idee des freiwilligen Ablebens um des Erfolges willen stand ja schon einmal im Raum, aber das nur zu machen, um ausgerechnet auf meine Leseliste zu kommem, nee, da hast Du recht, das wäre schon sehr übertrieben! http://www.litblogs.net/hue...
  • Aléa Torik: Lieber holio, ganz verstehen kann ich die Ottos und Ottisten ja tatsächlich nicht. Vielleicht ist das so, dass Otto und Otta, was ihr Leseverhalten betrifft, auch nicht ganz schlau aus sich werden. Sie greifen immer nur nach dem, wonach auch die anderen greifen. Das zeichnet die...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
  • holio: Traurig ist das in der Tat. Und so ganz zu verstehen auch nicht. Im Geräusch des Werdens war der Anknüpfungspunkt für Otto Normalleser ja da. Und die Bălkanexotik ist auch rezipiert und rezensiert worden. Die Sprache ist einfach, der Plot verständlich, erinnere die Szene mit dem blinden...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • 15 April 2011

    Lernen, was ich nicht lernen wollte

    Ich muss gerade sehr viel lernen, was ich nicht lernen wollte. Ich muss lernen, dass das Buch später nicht so aussehen wird, wie ich mir das vorgestellt habe. Das ist jetzt nicht mehr meins. Oder nur noch zu einem kleinen Teil. Andere machen jetzt damit, was sie für richtig halten. Auch wenn ich es für falsch halte.

    Es ist nicht mehr mein Buch. Der Verlag hat in nahezu allen Dimensionen gekauft. Er hat jetzt die Rechte daran. Und das sei, wie man mir eindringlich erklärte, auch wichtig, weil der Verlag damit arbeiten muss. Es dürfe nicht sein, dass ich denen jetzt hineinreden will in ihre Arbeit, weil ich nichts davon verstünde. Das war ein schwieriges Gespräch mit meinem Mentor. Das war auch ein schwieriges Gespräch, weil ich schwierig bin. Sagte er mir. Das muss ich erst mal verdauen. Aber ich habe ja auch noch ein paar Jahre Zeit. Es ist hier nicht alles eitel Sonnenschein. Frau T. ist nicht nur schlank und schlau und schön, sondern auch schön schwierig. Ich will dem Mann auf keinen Fall auf die Füße treten und deswegen muss ich jetzt aufhören, anderen auf die Füße zu treten.

    Verkauft oder nicht: es ist mein Buch und es wird immer meins bleiben. Es steht mein Name drauf, nicht der des Lektors, nicht der Name der Agentur, die das Cover entworfen hat; nicht die Namen derjenigen, die losziehen um es zu verkaufen und die es nur mit Schlagworten verkaufen können, die vielleicht nicht die sind, die ich Ihnen mit auf den Weg geben möchte. Das ist mein Buch und dennoch muss ich es loslassen. Das ist extrem schwierig. Das ist wie ein Mensch, den man geliebt hat. Man hat viele Tage und Nächte mit ihm verbracht, man weiß wie er riecht, wie er schmeckt, man kennt sein Lachen und sein Weinen. Und dann muss man ihn gehen lassen. Man muss ihn an andere abgeben, die gar nicht wissen wie er lacht und weint, weil es für sie bloß ein Mensch ist wie jeder andere auch!

    Ich leide an dem Umschlag. Wahrscheinlich werde ich auch noch an anderen Dingen leiden, an der Schrift, am Papier, an der Seitenaufteilung, an der Vorstellung, dass die Seitenzahlen nicht in derselben Schrift sein könnten wie die Buchstaben oder daran, dass mein Name auf dem Cover in einer Serifenschrift erscheint oder ohne Serifen, Kleinschreibung, Großschreibung oder an der falschen Stelle auf dem Cover. Ich könnte an allem leiden, was ich nicht schön finde und ich könnte vermutlich alles nicht schön finden. Auch das hat man mir gesagt und ich habe es nur schwer verstehen wollen: es geht nicht darum, ob es schön ist. Das sei eine vollkommen unangemessene Beschreibung der Situation. Vielmehr gehe es darum, Leute anzusprechen. Es muss Neugier erwecken. Es muss sich in einem Markt behaupten der etwa 70.000 Neuerscheinungen jedes Jahr verdauen muss. Ein Markt auf dem der größte Teil seiner Produkte ungesehen und ungelesen untergeht. Und deswegen solle und müsse ich mich jetzt einfach raushalten. Ich muss noch einen letzten Arbeitsschritt tun, die finalen Absprachen mit dem Lektor und der Praktikantin umsetzen. Und dann ist es aus und vorbei.

    Das ist mir in den vergangenen Wochen tatsächlich ein wenig entglitten und ich musste es mir erst mühsam wieder in Erinnerung rufen: Dann fängt es erst an.

    Ich bin schwierig? Es sind die Umstände, die schwierig sind. Ich passe mich ihnen lediglich an.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    07 April 2011

    Langsam wird’s einem genommen

    Der Vertrag zwischen mir und dem Verlag zeigt klar und deutlich, was ich jetzt langsam realisiere: Ich habe meinen Text verkauft. Alle Rechte, das Hauptrecht der Nutzung – die Veröffentlichung als gebundenes Buch – und alle Nebenrechte, die etwaige Vermarktung als Taschenbuch, als Hörbuch, als Übersetzung, auch die in Blindenschrift, die Makulatur, das Verramschen etc., etc. obliegt nicht mehr mir: alle Rechte sind an den Verlag übergegangen, bis auf das Urheberrecht.

    Auf dem Buch wird mein Name stehen und der Titel auf den wir uns hier, auf den der Verleger und der Lektor und ich uns geeinigt haben: „Das Geräusch des Werdens“. Aber noch ist es kein Buch. Ich habe vor zwei Wochen den Text in seiner vorläufigen Endfassung abgeliefert. Nun machen sich andere über den Text und die Rahmenbedingungen her. Das ist ein interessanter und langwieriger Prozess, was mit einem Manuskript angestellt wird, bevor es als Buch zu kaufen ist. Es kommen die Praktikantin und der Lektor und quengeln und nörgeln. Sie machen aus dem vorläufigen Endprodukt ein endgültiges Endprodukt. Dann bekomme ich es noch einmal zurück und mache aus dem endgültigen Endprodukt ein finales endgültiges Endprodukt. Es kommt der Verlagschef und leitet das Gespräch mit dem Worten ein „Liebe Frau Torik, wir müssen uns mal unterhalten …“ Dann kommt die Kommunikationsagentur, es kommt die Frau die ein Cover um mein das Buch macht, dann kommt der Vertriebsleiter, sie alle wollen sich unterhalten und sagen „Liebe Frau Torik …“

    Sie alle machen Sachen, die ich will. Ich spreche von der Art wie der Text und auch ich selbst präsentiert werden. Ich habe da genaue Vorstellungen. Die werden, soweit möglich, auch umgesetzt. Aber es gibt Grenzen, die von der Natur der Sache herrühren. Oder von irgendwelchen anderen, mir nicht bekannten Naturen. Alle beteiligten Personen wollen und müssen Entscheidungen treffen, die mit meinem Buch nichts zu tun haben; die beispielsweise den Verlagsprospekt betreffen, mit dem die Verkäufer den Buchhandel bereisen. Die Bücher kommen – as I just learned – nicht einfach so in den Buchhandel, weil der in aller Herrgottsfrühe anliefernde Post- und Paketdienstleister sie zufällig im Gepäck hat, nicht durch Gottes Hand oder weil sie ja nun mal verkauft werden müssen und der Buchhandel eben der Ort des Geschehens ist. Mitnichten. Bücher werden mehrfach verkauft, vom Verlag an die Buchhandlung und von der Buchhandlung an den Leser und der Leser verkauft es bei Amazon dann noch mal. Möglicherweise wird‘s zwischen all diesen Schritten auch gelesen. Sicher ist das nicht. Sie alle nehmen es einem. Sie alle verdienen oder wollen verdienen, sie alle wollen Einfluss nehmen und sie alle müssen Entscheidungen treffen, die mit mir und meinem Buch nichts zu tun haben. Das ist ein Produkt für den der verminderte Mehrwertsteuersatz von derzeit sieben Prozent gilt. Moment mal eben, das Telefon klingelt … so, da bin ich wieder, das war gerade das Finanzamt, der Finanzminister persönlich, der sagte: „Liebe Frau Torik, wir müssen uns mal unterhalten.“

    Und eines Tages kommt so ein Typ, ungewaschen und ungepflegt, sichtbar desorientiert, schlecht gelaunt, geradezu verwirrt. Er hat sich mit seiner Frau gestritten, er soll ein Geschenk kaufen, was er nicht kann, er ist kein Geschenketyp, er ist nicht spendabel, er ist geizig, seine Firma will ihn rausschmeißen, er denkt an Sex, was Männer ja angeblich dauernd machen, die denken an Sex und merken es schon gar nicht mehr, und er denkt, dass er eigentlich an etwas anderes denken will, ihm fällt aber nichts ein, er hat schlechte Laune, Fernseher kaputt, MP3 Player kaputt, Internet kaputt, am liebsten würde er jemand eine reinhauen, da steht er nun und weiß kaum wie er dahin gekommen ist: und das ist dann der Leser!

    Das ist der Letzte in einer langen Verwertungs- und Rezeptions- und Vermeidungskette und der Letzte unter denen, die es einem nehmen wollen. Dann kommt meine große Stunde. Ich werde hinter ihm stehen. Ich werde ihm die Hand auf die Schulter legen. Er wird denken, es sei der Ladendetektiv, weil er es natürlich klauen wollte: mein Buch nämlich. Musik klaut er ja auch, wozu also für Bücher bezahlen? Er wird sich umdrehen, er wird mich sehen und denken, dass ich etwas von ihm will, weil er ja eben doch nahezu immer an Sex denkt. Ich werde langsam meinen Kopf an seinen bewegen. Er wird natürlich denken, das sei seine große Stunde. Ich werde ganz nahe an seinem Ohr flüstern. „Nimm deine dreckigen Pfoten von meinem Buch“. So wird’s nicht kommen. Ich darf laut Verlagsvertrag nichts tun, was den Vertrieb und Verkauf behindert.

    Ich werde also flötend neben meinem Buch stehen und falls er es weglegen will, um sich irgendeinen Schund zu greifen, der aus unbegreiflichen Gründen neben meiner Hochliteratur liegt, werde meinen Absatz auf seinem großen Zeh abstellen und die äußerste Kante dieses schmalen Absatzes mit meinen 66 Kilogramm belasten und während er aufjault und kreischt werde ich ihm erklären, dass mein Buch nur palettenweise abgegeben wird. Weil sie alle ein Exemplar haben wollen. Seine Frau, die gleich kommt und der ich werde erklären müssen, dass ihr Mann was von mir wollte, die will es natürlich auch lesen. Die rennt am selben Nachtmittag noch zum Scheidungsrichter und der will mein Buch auch lesen. Der Vorsitzende und die ehrenamtlichen Richter, die Schöffen und Beisitzer, die Schriftführer und die anderen Angestellten im Gericht, die Angestellten beim Landesscheidungsgericht und beim Bundesscheidungsgericht und die beim Bundesverfassungsgericht, die Hausärzte, die den Mann wegen des zerquetschten Zehs behandeln müssen, die Chirurgen, die den Zeh amputieren, die Psychologen, die Psychiater, die Suizidpräventionsberater, die Suizidberater, die Suizidhelfer, die Bestatter, die Einäscherer, die Urnenhersteller: sie alle wollen mein Buch lesen. Und deswegen geht es nur palettenweise heraus, wie ich dem Mann sehr eindringlich erkläre, der das aber alles nicht richtig versteht, weil er gerade an Sex denkt. Weil eben alle, die gerade an Sex denken in Wirklichkeit mein Buch lesen wollen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    16 Mai 2010

    Der Salon Sucre

    Der heutige Eintrag ist eine Antwort auf Jean Stubenzweig, der mir einen schönen langen Kommentar ins Blog geschrieben hat. Ich nutze die Gelegenheit, ihm zurückzuschreiben:

    Ich freue mich, dass Sie mir etwas über sich und Ihre Person mitgeteilt haben. Als Blogbetreiber(in) stellt man recht viel von sich selbst zur Schau, zumindest stellt man es aus, erfährt jedoch oft wenig von den anderen, den Kommentatoren. Und von den nicht kommentierenden Lesern erfährt man sogar noch weniger, gar nichts.

    Obwohl ich, ich schrieb Ihnen dies schon, eigentlich nie in der Gegend am Kurfürstendamm bin, verbindet mich mit dem betreffenden Eisenwarenladen eine Geschichte. Da ich Schriftstellerin werden will (ich sage dies nur, weil Sie mich ja nicht kennen, allen anderen hängt es wohl bereits zu den Ohren heraus) und da der Job, den man da machen will, vorrangig aus dem Erzählen von Geschichten besteht, wird es Sie nicht wundern, dass ich Ihnen diese eine nun hier erzähle. Eine Geschichte, die niemandem irgendwo heraus hängen kann, weil sie noch niemand kennt.

    Die hat etwas mit meinem Roman zu tun, „Berlin am Meer“. Den hat natürlich schon der eine oder andere gelesen, eine Handvoll Lektoren und Agenten, das betreffende Kapitel habe ich jedoch immer herausgelassen. Das trägt die Überschrift „Der Salon Sucre“. Das kennen nicht einmal meine Korrekturleser. Der Grund für diese Auslassung war der, dass es zwei Varianten dieses Kapitels gibt und ich mich nicht zwischen ihnen habe entscheiden können. Beiden gemeinsam ist aber, dass sie nicht vollständig ausgearbeitet sind. Das Kapitel bietet keinen inhaltlichen Fortschritt in dem Text, sondern dient lediglich dazu, ein Gefühl für die Stadt Berlin zu erzeugen. Wie ich selbst es hatte, als ich hierhergekommen bin.

    Die erste Variante hat folgende Urszene: Ich lebte seit etwa einem halben Jahr in Deutschland, da geriet ich vor einem Hotel einen Auflauf. Es war, soweit ich mich erinnere, mitten in der Nacht, aber alles war taghell erleuchtet. Vier große Feuerwehrwagen standen vor dem Gebäude, die lange Rohre in die Luft streckten. Und überall standen Menschen. Ich habe ein bisschen Zeit gebraucht, um die Szene zu verstehen: Der äußerste Ring der Menschen bestand aus Schaulustigen, der innere aus Leuten vom Film und ganz im Zentrum stand ein Paar unter einem Regenschirm. Die Wagen der Feuerwehr mit ihren langen, in die Luft gestreckten Rohren, die haben nur den Regen simuliert. Diese Szene habe ich verwertet, indem ich es in dem betreffenden Kapitel bei allen Gelegenheiten regnen lasse. Irgendwo in jeder der dort beschriebenen Szenen, findet sichein Liebespaar unter einem Regenschirm, und drum herum stehen die Wagen der Feuerwehr, die es aus diesen langen Rohren regnen lassen.

    Die zweite Variante dieses Kapitels stammt nicht allein aus meiner Feder: da durften alle mitschreiben, die ich kenne. Das war ein wunderschöner und unendlich lustiger Nachmittag. Ich habe den Freunden und Bekannten erzählt, worum es mir geht und dann haben wir alle miteinander assoziiert und währenddessen lief ein Aufnahmegerät. Das habe ich später abgeschrieben und in eine Ordnung gebracht. Berlin dient in meinem Roman als Gegensatz zu dem Dorf, aus dem der Protagonist kommt. In diesem Dorf, so heißt es an ein oder zwei Stellen, gibt es nichts, einfach gar nicht: Keinen Bäcker und keinen Fleischer und keinen Lebensmittelladen. In der Stadt hingegen gibt es alles. Ich habe an jenem Nachmittag die Anwesenden aufgefordert mir zu sagen, was es in der Stadt gibt. Das Kapitel ist mehr oder minder eine Aufzählung von Aufzählungen (das war allerbestes Vokabeltraining), mit ein paar klugen Bemerkungen garniert. Oder was ich, im Rahmen meiner Möglichkeiten, für klug halte. Das sieht dann beispielsweise so aus:

    „ … Berlin ist die Stadt der Einsamen, die ständig steigende Zahl der Single- und Einpersonenhaushalte macht einen selbst dann einsam, wenn man es gar nicht ist, Eheanbahnungsinstitute und Partnervermittlungen, Standesämter, Hochzeitskleider und Brautmoden, Kutschen, Babyausstatter, Eheberatung, Scheidungsanwälte, Wahrsager und Teufelsaustreiber, Inkassobüros und Gerichtsvollzieher; Einkaufszentren, Kaufhäuser, Supermärkte, Tante-Emma-Läden, Bioläden, Naturkostläden, Reformhäuser, Drogerien, Reisebüros, Schuhgeschäfte, Zeitungsläden, Eisdielen, Raumausstatter, Optiker, Studios für Maniküre und Pediküre, Schreibwarenläden, Haushaltsgeräte, Elektrogroß- und kleingeräte, Bastelläden, Fahrradläden, Küchenausstatter, Photostudios, Änderungsschneidereien, Geschäfte für Tapeten und Teppichgeschäfte, Geschäfte für Farben und Lacke, Sportbekleidungsfachgeschäfte, Taschen- und Kofferfachhandel, Gardinengeschäfte, Hutgeschäfte, Spielzeuggeschäfte, Lampenläden, Bettengeschäfte, Zoohandlungen, Teegeschäfte, Juweliere, Uhrengeschäfte, Reinigungen, Schuster, Restpostengeschäfte, Stempelgeschäfte, Schildergeschäfte, Gravuren, Maßkonfektionäre, Herrenausstatter, Videotheken, Blumengeschäfte und Gärtnereien, Fleischereien und Bäckereien mit Brot und Brötchen und Hörnchen und Laugenbrezeln und Käsestangen in den Regalen, mit Hefezöpfen und Pasteten und Marmeladentörtchen und Plunder und Sahnetorten und Baisers und Croissants und Tarts und Eclairs und Petit Fours und Baumkuchen und Apfeltaschen und Kirschkuchen und Pflaumenkuchen und Windbeuteln und Krapfen und Makronentörtchen und Vanillekipferl und Spekulatius und Eierschecke und Bienenstich und Kameruner und Kopenhagener und Amerikaner und Mailänder- und Linzer Schnitte und Russischer Zupfkuchen und Blätterteigtaschen und Zitronenrollen und Streuselschnecken und Ochsenaugen und Schweineohren und Mohrenköpfen und Nussecken und Mandelhörnchen und Mutzenmandeln und Florentiner und Heidelbeermuffins und Marmorkuchen und Kalter Hund und Rumkugeln und Rhabarber- und Preiselbeertörtchen und Quarkstrietzel und Joghurtschiffchen und Frankfurter Kranz und Sachertorte und Donauwelle und Lebkuchen und Printen und Dominosteine und Zimtsterne und Marzipankartoffeln … “

    Die Überschrift des Kapitels stammt von einer Aufzählung von Cafés und Restaurants, Orten, an denen man ausgeht.

    „ … das Berghain, der, wie man in Berlin sagt, beste Technoklub der Welt, der Laden über dem Berghain, die Panoramabar, und der Laden unter dem Berghain, in dem Klamotten nicht erlaubt sind, nicht einmal ein Stringtanga, nur Socken, denn die Füße will man sich gerade nicht dreckig machen, ansonsten aber alles, und je dreckiger, desto besser; der Pfefferberg, Der stille Don, Zur fetten Ecke, die Naunynritze, der Salon Sucre am Görlitzer Park, Mann und Frau teilen sich das Ladengeschäft, sie besitzt einen Frisiersalon, er eine Patisserie, dort gibt’s den besten Espresso der Stadt, einen französischen aus einer italienischen Kaffeemaschine; sie sind ein Paar und mit viel Glück kann man erleben wenn sie sich schlagen und später wieder versöhnen – ganz großes Theater – da sitzt man dann draußen vor der Tür bei plus dreißig oder minus zwanzig Grad, die klammen Finger um die Tasse gelegt und denkt sich, während hinter einem die Fetzen fliegen: das Leben ist wie es ist, und, bei allen Tiefen und Abgründen, ist es einfach schön, es ist manchmal geradezu unerträglich schön; die Gerüchteküche am Heinrichplatz, Der goldene Hahn, exzellenter Fisch und schöne Frauen, …“

    Und jetzt komme ich zu dem Eisenwarenladen C. Adolph:

    „ … Spielplätze, Matratzenläden, Nagelstudios und Friseure und Eisenwarenläden, C. Adolph am Savignyplatz, genau das Richtige für Leute mit ausgeprägter Ferrophilie. Man braucht keine Axt, wozu auch, man hackt kein Holz, man hat eine Ölheizung oder eine Gasetagenheizung, aber wenn man einmal in der Nähe vom Savignyplatz ist, kauft man eben doch eine, mit einem langen Stiel, mit konkav-keilförmiger Schneidengeometrie und einer Lederschürze um den Bart, die man dann über der Schulter nach Hause trägt, so dass man von da an nur auf die große Gelegenheit warten muss, um irgendwann einmal mit einer gigantischen Wut hineinzuhacken. Aber die Gelegenheit kommt nicht. Oder man ist einfach nicht mehr wütend. So wie man vielleicht früher wütend war, diese Zeiten sind lange vorüber. Man betrachtet die Axt bisweilen. Man wartet, man wartet Jahr um Jahr, man poliert den Schaft, schleift bisweilen die Scheide an, um dann eines Tages festzustellen, dass sie wirklich nicht gekommen ist, diese Gelegenheit. Im Alter hält man die Axt in Händen und weiß, dass das Leben nicht so gelaufen ist wie man es sich erhofft hatte, aber ist man deswegen gescheitert? Man hat ja dennoch gelebt und außerdem soll man die Hoffnung nicht zu früh aufgeben; da liegt man dann eines Tages auf dem Totenbett und der Pfarrer kommt, um einen einzusegnen oder das Pflegepersonal und dann erkennt man mit einem Mal: das ist sie, die große Gelegenheit. Oder man kauft in dem Laden einfach einen kleinen Metallring, einen Schlüsselring, ohne irgendeine Verwendung dafür zu haben, es ergibt sich vielleicht einmal die Gelegenheit und man muss nicht jahrelang darauf warten wie mit der Axt und wenn sich im Laufe der Jahre keine Gelegenheit findet, wer weiß, vielleicht steht man eines Tages vor einem Spiegel, nimmt den Ring und steckt ihn sich an den eigenen Finger, willst du mir treu sein und mich lieben alle Zeit?, flüstert man an sich selbst gewandt, weil man keinen anderen gefunden hat, den man das hätte fragen können oder die Gefragten alle mit dem Kopf geschüttelt hatten … “

    Auf Dauer ist das ein etwas anstrengender Ton und so sehr ich das Kapitel mag und jedes Mal lache, wenn ich mich an den Nachmittag erinnere, und so sehr ich auch die Worte in diesem Kapitel mag, „Joghurtschiffchen“ oder „konkav-keilförmige Schneidengeometrie“, tendiere ich inzwischen doch zu der ersten Variante.  Muttersprachler können so einem Vokabeltraining vielleicht auch nicht viel abgewinnen. Da dieses Kapitel aber schwierig ist – weil es vollkommen stillsteht, es gibt keinen Fortschritt in der Handlung – neige ich eben zu der erzählenden, der bewegenderen, also der ersten Variante. Aber ich werde mich nicht entscheiden, bevor ich keinen Verlag für das Manuskript habe. Wie die Entscheidung auch ausfallen wird, das Kapitel ist absolut untypisch für den Roman und gibt keinerlei Aufschluss über den Hergang des Ganzen.

    Das war jetzt meine Antwort an Jean Stubenzweig, der wie ich, nicht kurz kann oder will, oder der einfach von sich behauptet nicht zu können oder nicht zu wollen.

    Ich habe zwei Neuzugänge auf meiner Blogroll, beides Männer, Jean Stubenzweig und Aisthesis (letzteren kenne ich lediglich durchs Lesen). Im Gegenzug hat es auch zwei Abgänge gegeben, beides Frauen. Wer weiß wozu das gut ist.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    10 Februar 2010

    Was ich mir für meinen Roman wünschen würde

    Ich kann mir vorstellen, dass Schriftsteller, wenn Sie dann einen Verlag gefunden haben, ihren Lektor zum Wahnsinn treiben können. Weil sie sehr bestimmte Vorstellungen haben, was die Schrifttype angeht und das Papier und das Layout und weiß der Teufel, was sonst noch alles. Ich glaube, mein zukünftiger Lektor muss ein ziemlich hartgesottener Typ sein, ich habe nämlich eine ganz besondere Vorstellung:
    ich will an der Kasse sitzen, wenn mein Roman verkauft wird. Nicht weil ich mich über das Geld freuen würde, das er einspielt. Geld, das ich als Anerkennung meiner Arbeit umdeuten würde. Obwohl es das nicht ist. Es ist ein Geschäft wie jedes andere auch. Ich möchte an der Kasse sitzen, um mir die Leute anzuschauen, die meinen Text kaufen.

    Hier eins von 33 Kapiteln: Atmen jedenfalls gehörte nicht zu den lebenserhaltenden Funktionen

    „Eines Tages sterben wir alle“, sagte Rosa.
    Elena starrte sie ungläubig an. Es war ihr erstes oder zweites Jahr in der Schule. Rosa war die Lehrerin und hatte meistens Recht. Am vergangenen Sonntag war jemand gestorben und Rosa hatte die Gelegenheit ergriffen, um etwas zum Kreislauf von Geburt und Tod zu sagen. Sie schloss diesen Exkurs mit der Bemerkung, dass alle Menschen früher oder später stürben.
    „Ich nicht“, sagte Elena.
    Die Älteren in der Klasse lachten. Die Lehrerin drehte sich nach ihr um und sah sie eindringlich an.
    „Du auch!“, sagte Rosa mit Nachdruck.
    Das klang, als habe sie gesagt: Du stirbst als erstes. Sie hatte einen Blick dabei, als geschehe das auf der Stelle. Statt es mit der Angst zu bekommen, lehnte Elena sich auf.
    „Nein, ich nicht!“, antwortete sie trotzig.
    Ganz leise allerdings, dass die Lehrerin den erneuten Widerspruch nicht hören konnte. Elena konnte sich nach dieser Auseinandersetzung nicht mehr auf den Unterricht konzentrieren. Wie sah das aus, dieses Sterben? Konnte man sich nicht dagegen wehren? Bestimmt gab es eine Möglichkeit, ums Sterben drum herum zu kommen. Sie hatte schlicht keine Lust dazu. Ob sie mit Rosa darüber reden sollte? Lieber nicht. Wenn überhaupt, wollte sie den Schuhmacher fragen. Der schien ihr vertrauenswürdiger als die Lehrerin, die schon alt war, meistens streng schaute und auch so roch. Nach der Schule ging sie bei Jovan vorbei. Er wohnte gleich gegenüber vom Schulgebäude.
    „Muss ich sterben?“, fragte sie ihn direkt heraus, ohne den Zusammenhang zu beachten, in dem Rosa das behauptet hatte.
    Der entgegnete, dass sie sich in ihrem Alter keine Sorgen machen müsse.
    „Was genau geschieht, wenn ein Mensch stirbt?“, wollte sie weiter wissen.
    „Seine Seele geht gen Himmel“, antwortete der.
    „Aber wie?“
    „Zu Fuß natürlich. Glaubst du vielleicht sie fährt mit dem Zug?“
    Das war nicht das, was Elena wissen wollte. Sie wollte wissen, was dabei geschah. Und sie wollte auch wissen, was man dagegen machen konnte. Aber alle Versuche konkrete Beschreibungen für das eine wie für das andere aus ihm herauszubekommen, scheiterten. Enttäuscht ging Elena nach Hause. Was der Schumacher gesagt hatte, klang allerdings so, als habe die Lehrerin nicht ganz Unrecht. Als stürbe man, wenn man schon nicht in ihrem Alter stirbt, in einem anderen Alter. In dem ihrer Großmutter womöglich. Elena ging etwas schneller. Die Großmutter lebte noch als sie zu Hause ankam.
    „Stirbst du heute?“ fragte sie ihre Großmutter am nächsten Morgen. Die lag seit geraumer Zeit morgens noch im Bett, wenn Elena das Haus verließ und zur Schule ging. Die Großmutter schüttelte energisch den Kopf.
    „Aber nein!“
    „Bestimmt nicht?“, versicherte Elena sich noch einmal.
    „Ganz bestimmt nicht. Ich bin ja noch gar nicht so alt“, sagte die Großmutter.
    „Du sieht aber alt aus“, antwortete ihre Enkelin.
    „Sieh dich vor“, sagte die Großmutter und hob lächelnd den Zeigefinger.
    „Stirbst du heute?“, fragte sie ihre Großmutter von da an jeden Morgen.
    Und jeden Morgen schüttelte die Großmutter mit dem Kopf. Von Tag zu Tag allerdings ein wenig verhaltener. Gerade so, als ermüde sie die Frage der Enkelin und das tägliche Kopfschütteln.
    Als Elena eines Tages nach Hause kam, saß ihre Mutter am Küchentisch und weinte. Sie wusste nicht, was sie mehr verwunderte, dass die Mutter, die immer alle Hände voll zu tun hatte, einfach so herumsaß oder dass sie weinte.
    „Kind, ich habe alle Hände voll zu tun“, sagte sie gerne.
    Das klang als habe sie zehn oder zwanzig Hände. Elena konnte nur zwei sehen, aber sie mochte die Vorstellung, dass die Mutter noch viel mehr Hände hatte. Überall am Körper angebracht, waren sie alle beschäftigt, sie kneteten Teig oder schmierten Brote, sie wischten Staub und kochten für den Winter Früchte ein, sie machten Marmelade oder Gelee oder das Mittagsessen für die Familie. Es gab den ganzen Tag für alle Hände etwas zu tun. Vielleicht weinte sie heute, weil nicht einmal genug Arbeit für die zwei Hände da war, die Elena sehen konnte.
    Elenas Vater kam zur Türe herein. Er sah seine Frau an und dann seine Tochter.
    „Großmutter ist gestorben“, sagte er zu Elena.
    „Nein!“, antwortete sie.
    Das konnte nicht sein. Sie hatte die Großmutter an diesem wie an jedem anderen Morgen gefragt, ob sie stürbe und die hatte das wie immer verneint. Ihr Vater musste sich täuschen. Die Tränen der Mutter hatten einen anderen Grund.
    „Mama weint, weil sie nicht weiß was sie mit ihren Händen tun soll“, klärte Elena ihren Vater auf.
    Er sah sie ernst an und schüttelte leicht mit dem Kopf.
    „Nein. Deine Großmutter ist heute Vormittag gestorben. Deswegen weint Mama“, antwortete er.
    Papa schaute immer noch sehr ernst und Mama weinte noch immer, deswegen entschied Elena, dass er möglicherweise die Wahrheit gesagt hatte. Aber sie war wütend. Sie wollte dabei sein, wenn die Großmutter starb, deswegen hatte sie so oft danach gefragt. Ihr Vater legte den Arm um seine Frau. Aber dadurch schien es noch schlimmer zu werden. Die Mutter, die sich gerade beruhigt hatte, weinte wieder heftiger. Elena schlich aus der Küche. Sollte sie noch einmal den Schuhmacher zu Rate ziehen? Besser nicht. Stattdessen marschierte sie ins Zimmer der Großmutters. Sie war immer noch wütend und wollte ihr gehörig die Meinung sagen. Zu ihrer Überraschung traf sie auf den Arzt aus dem Nachbardorf. Der beugte sich gerade über die im Bett liegende Großmutter und fuhr erschreckt hoch als Elena ins Zimmer stürmte. Rosa hatte ihr zwar erklärt, dass es eines Arztes bedürfe, der prüfe, ob ein Mensch tatsächlich tot sei. Aber Elena hatte nicht damit gerechnet, dass diese Prüfung noch andauere. Obwohl sie nur einen kurzen Blick hatte werfen können, bemerkte sie, dass der Großmutter die Zähne fehlten. In diesem Moment allerdings sah sie auch, dass ihr Gesicht sehr ungewöhnlich aussah. Gar nicht wie die Großmutter selbst. Instinktiv trat sie den Rückzug an. In dem Moment, da sie rückwärts ging, stieß sie gegen ihren Vater, der ihr hinterher gegangen war als sie sich aus der Küche geschlichen hatte. Jetzt weinte auch Elena.
    Einige Tage später wurde die Großmutter beerdigt. Man stand um ein Loch in der Erde herum, in der der Sarg lag. Und in dem Sarg lag die Großmutter, was man allerdings von Außen nicht sehen konnte. Elenas Mutter und ihre aus einem der Nachbardörfer angereiste Tante weinten wieder. Ihr Vater legte den Arm um Elenas Schultern und da musste Elena ebenfalls weinen. Sie wollte ihn gerade bitten, den Arm wieder weg zu nehmen, weil sie dachte, dass dann das Weinen auch wieder aufhörte. Aber der Vater weinte selber, deswegen sagte sie nichts.
    Später gingen wir gemeinsam nach Hause. Dort würde es Kaffee und Kuchen geben und wahrscheinlich wieder Tränen. Zu Hause angekommen, setzten sie sich um einen langen Tisch herum, den ihr Vater zuvor im Hof aufgebaut hatte. Als alle saßen, änderte sich mit einem Mal die Stimmung. Elena sah zu ihrer Mutter hinüber, die bis vor wenigen Momenten noch geweint hatte. Zu ihrem Erstaunen lächelte sie nun, als habe sie den Tod der Großmutter bereits vergessen. Auch der Vater war wie verwandelt. Allen am Tisch schien es so zu ergehen. Das Gedrückte und Flüsternde der letzten Tage war verschwunden. Sie sah zu ihrer Tante hinüber, die sie anlächelte.
    Elena erschrak. Die Tante hatte die Zähne der Großmutter im Mund. Sie hatte es genau gesehen! Der Schumacher hatte doch gesagt, die Seele gehe gen Himmel. Als sie vor wenigen Tagen gesehen hatte, dass der Großmutter die Zähne fehlten, hatte sie angenommen, dass die Seele mit den Zähnen zu Fuß gegangen sei. Vielleicht war die Großmutter auch noch gar nicht tot gewesen als der Arzt ihr in den Mund gefasst hatte. Das erklärte wahrscheinlich, warum der sich so erschreckt hatte als er Elena bemerkte, während seine Hand im weit aufgerissenen Rachen der Großmutter steckte. Die hatte wahrscheinlich den Mund einfach wieder zugeklappt, als der Arzt hinein griff, so dass der dann feststeckte, mit einem Gesichtsausdruck, als stecke er selber zwischen Leben und Tod, und nicht die Großmutter, die dem Tod von der Schippe gesprungen war und sich nun kreuzfidel in der Hand des Arztes festgebissen hatte. Wenn die Zähne sich nun aber im Mund der Tante befanden, war die Seele der Großmutter auch gar nicht gen Himmel gegangen. Was hatte die Tante dann mit ihrer eigenen Seele gemacht, wenn sie jetzt die der Großmutter im Mund hatte?
    Einige Zeit lang dachte Elena noch über diese Frage nach, sie dachte an die Zähne der Großmutter, an die Großmutter selbst und an die Frage, ob die nun mit oder ohne ihre Seele im Sarg weiterlebte. Dann nahmen andere Dinge ihre Aufmerksamkeit in Anspruch und sie vergaß die Angelegenheit.
    Zwanzig Jahre später konnte Elena diese Angelegenheit doch noch aus allernächster Nähe betrachten. Da starb die Mutter ihres Mannes. Vielmehr begann sie damit. Elena hatte einige Jahre zuvor mit dem Kopf genickt, als einer der Zwillinge sie fragte, ob sie ihn heiraten würde. Die beiden hatten nicht den allerbesten Ruf. Es herrschten einige Unsicherheiten, was die Umstände ihrer Geburt anging und die Namensgebung der beiden. Sie mussten frühzeitig die Schule verlassen. Der eine wurde zur Ausbildung fortgeschickt und der andere blieb im Dorf. Im Jahr darauf wurde auch Elena aus der Schule entlassen. Zu dieser Zeit begann Varian ihr den Hof zu machen. Oder ihr nachzustellen, je nachdem wie man das nennen wollte. Er war dabei nicht besonders geschickt, dafür aber umso hartnäckiger. Es war nicht schwer zu erraten, was er wollte. Und obwohl Elena das nicht wollte, oder anders, wollte sie ihn auch nicht abweisen. Sie mochte das, was ihr Vater Nachstellungen nannte. Sie mochte seine Hartnäckigkeit. Und die belohnte sie manchmal. Vielleicht nicht ganz in der Art, wie Varian sich das vorgestellt hatte, aber auch nicht vollkommen anders. Das ging nahezu zwei Jahre so.
    Dann war Varian von einen auf den anderen Tag verschwunden. Am Tag zuvor hatten sie sich noch in einer Scheune getroffen. Spätestens da hätte er den Mund aufmachen müssen. Sie hatten keine Zukunftspläne geschmiedet, aber Elena war davon ausgegangen, dass sie eine gemeinsame Zukunft hatten. Sie liebte ihn nicht, er war ihr zu dreist, manchmal geradezu unverschämt. Er griff ihr im Heu einfach an die Brüste, wie der Bauer dem Vieh an den Euter. Aber sie hatte es immer vermocht, ihn im Zaum zu halten. Und das hatte sie durchaus geliebt. Sie hatten diesen Nachmittag im frischen Heu gelegen und Elena hatte Varian die Stellen ihres Körpers gezeigt, die er jedes Mal sehen wollte. Er musste sie besser kennen als Elena sich selbst kannte. Wie sich beim Hengst die Nüstern weiteten, weiteten sich Varians Augen. Aber er hatte nicht die allerkleinste Andeutung gemacht. Nicht über seinen Bruder, der ein Ausbildung als Tischler absolviert hatte und am kommenden Tag nach Apoptygma zurückkehrte, um die Werkstatt des Vaters zu übernehmen. Und auch nicht darüber, dass er selbst das Dorf an diesem Tag verlassen wollte.
    Elena war wütend. Sie hätte ihm gerne eine heruntergehauen. Aber dazu hätte er noch da sein müssen. Und dann hätte sie keinen Grund dazu gehabt. Dieser etwas verwirrende Umstand machte sie noch wütender. Sie blieb einige Wochen lang gleich bleibend wütend, bis sie von einem auf den anderen Moment feststellte, dass sie eigentlich gar nicht mehr wütend mehr. Zu dieser Zeit nahm der eine Bruder die Stelle des anderen ein. Sie war sich nicht sicher, ob der sich einen Scherz mit ihr erlaubte, indem der eine Varian sie einfach vom anderen Varian übernehmen zu können meinte. Sie konnte jedoch leicht feststellen, dass der eine dem anderen nichts erzählt hatte. Der eine Varian war noch kein halbes Jahr weg und der andere noch kein halbes Jahr da, da fragte er Elena, ob sie seine Frau werden wolle. Elena dachte zwei Tage darüber nach. Dann nickte sie auf die erneut gestellte Frage.
    Elena hatte, als sie dem Heiratsantrag zustimmte, nicht daran gedacht, dass sie nun von zu Hause ausziehen müsse. An Varians Mutter hatte sie ebenfalls nicht gedacht und ans Kinderkriegen schon gar nicht. Worüber hatte sie eigentlich nachgedacht, als er sie fragte, ob sie ihn heiraten würde? Und warum hatte sie zwei volle Tage dafür benötigt? An dem Tag, an dem sie bei ihm einzog, zog sich seine Mutter von der Hausarbeit zurück. Das war lediglich der erste Schritt. Nach und nach reduzierte sie weitere Funktionen. Sie hörte von Heute auf Morgen mit dem Laufen auf, legte sich ins Bett und ließ sich das Essen bringen. Dann reduzierte sie auch das Sprechen. Sprach sie zuerst nur noch, wenn es sich nicht vermeiden ließ, sagte sie mit der Zeit immer weniger und dann gar nichts mehr. Sie zeigte mit den Fingern auf Dinge, die sie wollte. Wenn keiner verstand, was sie meinte, verschränkte sie die Hände vor der Brust und schnaubte verächtlich. Bald darauf stellte sie auch das Hören ein. Sie schüttelte lediglich den Kopf, wenn Elena sie ansprach, zum Zeichen, dass sie nicht verstand. Schließlich stellte sie zeitweilig sogar die Atmung ein. Für den Arzt war es ein Wunder, dass sie diese Aussetzer überlebte. Halbstundenweise war kein Leben mehr in ihr. Plötzlich schlug sie unversehens die Augen auf und sah den Arzt an, der, über sie gebeugt, einen kleinen Spiegel vor ihrem Mund hielt. Was immer bei ihr dazugehören mochte, Atmen jedenfalls gehörte nicht zu den lebenserhaltenden Funktionen.
    Im zweiten oder dritten Jahr ihrer Bettlägerigkeit stellte Varian seiner Mutter eine Klingel ans Bett, die er in der Stadt gekauft hatte. Sie würde klingeln können, wenn sie etwas brauchte und Elena musste nicht mehr alle naselang zu ihr ins Zimmer. Seine Mutter würdigte das Ding, das ihr Sohn auf den Nachttisch stellte, keines Blickes. Die Klingel stand eine Woche oder zwei unberührt an der Stelle wo Varian sie hingestellt hatte. Dann aber stellte sie fest, dass sie sie lediglich leicht hin- und her bewegen musste und schon erschien Elena an ihrem Bett. Bald klingelte sie, wenn sie Hunger hatte, wenn abgeräumt werden sollte, wenn sie ein Medikament nehmen musste oder sie ein Glas Wasser wollte. Sie klingelte auch dann, wenn noch genügend Wasser da war und die Medikamente griffbereit auf dem Nachttisch lagen, direkt neben der Klingel. Sie fand immer noch einen Körperteil oder eine Funktion, die sie reduzieren konnte und umso häufiger klingelte sie. Als wolle sie zeigen, dass sie noch immer ganz gut beieinander war und mit ihrem Ableben so bald nicht zu rechnen sei.
    Das Klingeln ertönte häufiger und die Gründe dafür wurden nichtiger. Hatte die Mutter Varians die Klingel zu Anfang ein oder zwei Mal am Tag benutzt, so rüttelte sie in späteren Jahren nahezu ununterbrochen an ihr. Sie intensivierte ihr Sterben, aber sie starb nicht. Sie stemmte sich vielmehr dagegen. Sie klingelte gegen ihren Tod. Alle ihre Lebensenergien schien sie umgeleitet zu haben in den einen Arm, der hartnäckig die Klingel hin und her bewegte, sie rüttelte und schüttelte, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Elena hatte den Eindruck, dass dieser Köper zwar langsam abstarb, der eine Arm jedoch immer kräftiger und muskulöser wurde vom ununterbrochenen Schütteln der Klingel. Sie saß jetzt oft an ihrem Bett. Nicht, dass sie inzwischen Zuneigung zu der Frau empfand. Vielmehr wurde ihr Gesicht immer fahler und ihr Geruch immer widerlicher. Elena beobachtete lediglich, wie das Leben aus ihr wich. Plötzlich ging ein Zucken durch ihren Leib, die linke Hand schoss nach oben und riss die Klingel an sich. Sie klingelte einfach, obwohl Elena neben ihrem Bett saß. Sie klingelte immer weiter, sie klingelte und klingelte. Bis ihre Hand irgendwann erschöpft auf die Bettdecke niederfiel. Dann sah sie wieder tot aus, aber Elena wusste, dass ihr Köper sich lediglich ausruhte, eine Minute oder zwei. Dann schoss der Arm erneut in die Höhe und mit nicht nachlassender Wut klingelte sie gegen ihr Ende.
    Es war ein sehr feines Klingeln, das man, wenn der Wind richtig stand, klar und deutlich unten im Dorf hören konnte. Mit der Zeit hörten die Leute es häufiger, als wenn die Akustik im Talkessel immer besser würde. Sie versuchten zu Beginn, das Klingeln zu überhören. Aber es ging Monat um Monat so und schließlich klingelte es schon Jahre. Später versuchten sie, wegzuhören. Aber je mehr sie dies versuchten, desto besser wurde das eigene Gehör, das sich dem Willen widersetzte, so dass sie selbst bei Gegenwind und Regen und sogar bei Sturm das Klingeln noch heraushörten. Schließlich hörten die Leute unten im Dorf es sogar dann, wenn die Frau die Klingel noch gar nicht berührt hatte. Sie hörten, wie sie sich mitten in der Nacht im Bett herumdrehte und den Arm ausstreckte.
    Elena erinnerte sich an ihre eigene Großmutter. Die hatte gelacht und mit dem Zeigefinger gedroht, wenn sie nach deren Sterben fragte. Sie hatte ihre eigene Großmutter kaum gekannt. Sie war nie lange in ihrer Nähe geblieben, schon gar nicht, seit sie ans Bett gefesselt war. Sie war morgens zu ihr hereingestürmt, hatte nach ihrem Sterben gefragt und war wieder gegangen. Aber am Bett dieser Frau, für die sie keinerlei Zuneigung empfand, saß sie bereits seit Jahren. Seit Manuel geboren worden war. Diese Frau hatte ihre Schwiegertochter nur als Pflegerin wahrgenommen. Und da sie zu dem Zeitpunkt der Geburt Manuels bereits alle wichtigen Funktionen reduziert oder ganz eingestellt hatte, nahm sie ihren Enkel überhaupt nicht mehr wahr.
    Dann, im zwölften Jahr der Bettlägerigkeit, gingen ihre Kräfte tatsächlich zu Ende. Der Arzt verkündete eines Tages ihr Ende. Da war Manuel bereits zwölf Jahre alt. Jahre, die Elena am Bett ihrer Schwiegermutter gesessen hatte. Diese Frau hatte ihr die wichtigste Zeit des Lebens genommen. Die Zeit, in den ihr eigenes Kind älter geworden war. Eine Zeit, in der sich Manuel verändert und entwickelt hatte. Es schien Elena an dem Tag als der Arzt die Prognose vom nahen Ende verkündete, als wenn sie gar nichts vom Leben ihres Sohnes mitbekommen hätte. Ja, als wenn sie nicht einmal etwas von ihrem eigenen leben erlebt hatte. In diesem Moment wurde die Versuchung beinahe übermächtig, die sie schon oft gespürt hatte: Diese Frau in dem Bett vor ihr einfach umzubringen. Ihr das Kopfkissen aufs Gesicht zu drücken. Sie hatte Elena um einen Teil ihres Lebens betrogen. Dabei war das unsinnig jetzt, da sie sowieso in absehbarer Zeit starb. Aber Elena hatte das Gefühl, dass sie das schon lange hätte tun müssen. Und dass ihr jetzt nicht mehr viel Zeit dafür blieb. Als könnte sie so die vergangenen Jahre wieder zurückholen, die sie mit ihrem Sohn verpasst hatte. Als könne sie damit jene Jahre auslöschen, die sie selbst in einem Dämmer und im Dunst der Bettpfanne verbracht hatte. Die Auf dem Stuhl neben dem Bett lag ein zweites Kopfkissen. Manuel war in der Schule, Varian unterwegs. Das würde niemand entdecken. Kein Mensch würde Fragen stellen, wenn die Frau tot war. Jetzt erst recht nicht mehr, da der Arzt ihr Ende angekündigt hatte.
    „Zwölf Jahre“, sagte sie ganz leise, „mein Sohn ist jetzt zwölf Jahre alt. Jahre in denen ich mich um dich gekümmert habe. Obwohl ich mich eigentlich um meinen Sohn hätte kümmern müssen, mein Fleisch und Blut.“
    Die Alte reagierte nicht. Elena war plötzlich in einer angespannten Stimmung. Gerade so als wache sie nach langer Zeit auf und müsse erkennen, dass die Welt an ihr vorüber gegangen sei. Dass ihr Sohn, gerade erst geboren, bereits auf dem besten Weg war, sich von den Eltern abzunabeln. Er grüßte seine Mutter morgens und abends, aber seine eigentlichen Wurzeln hatte er bereits nicht mehr in der Familie, sondern außerhalb. Er hatte Freunde, Krisztina und Nicolas. Nicolas war der Sohn Jovans. Der war eines Tages aus der Stadt zurückgekommen und hatte Nicolas im Arm gehabt. Niemand hatte jemals eine Frau an seiner Seite gesehen. Nicolas, sagte Jovan gerne, habe das Gesicht seiner Mutter. Von dem Rest der Frau sagte er jedoch kein Wort.
    Ihr eigener Sohn hatte nicht das Gesicht seines Vaters. Er hatte nicht sein Gesicht und auch nicht, wenn man dem Glauben schenken wollte, dessen Hände. Als wenn Manuel gar nicht sein Sohn wäre. Da fiel Elena das Gerücht wieder ein, dass damals über die Zwillinge verbreitet wurde, und das der eigentliche Grund dafür war, dass die beiden keinen guten Ruf hatten. Das Gerücht, dass sie nicht aus dem Schoß ihrer Mutter stammten, sondern ihr Vater, der Tischler, sie aus Holz geschnitzt hatte. Vielleicht vererbte sich Holz nicht? Sie nahm ganz vorsichtig das zweite Kopfkissen vom Stuhl und führte es langsam an das Gesicht der Frau. Die Alte, die seit Jahren schon nichts mehr sah und hörte, schien ihre Gedanken erraten zu haben. Sie schlug die Augen auf und sah Elena hasserfüllt an.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    03 November 2009

    Glück

    Noch einmal ein Ausschnitt aus meinem Roman. Die Eingangsformulierungen des zehnten Kapitels: Zu heiraten, vor dem Spiegel zu stehen und glücklich zu sein

    „Als ich ein Kind war, gab es diese Momente ungetrübten Glücks. Damals saß ich mit meiner Schwester im Fenster unseres Ladens. Mama besaß einen kleinen Laden für Hochzeitskleidung. Unsere Wohnung lag gleich dahinter. Laden und Wohnung waren durch einen schmalen Flur miteinander verbunden. Im Laden durften wir uns nur in Mamas Beisein aufhalten. Meine Schwester und ich sind dennoch manchmal heimlich nach vorne geschlichen. Wir sind in die Kleider und Anzüge gestiegen und haben Mann und Frau gespielt. Diese Sachen waren aufwändig gemacht, empfindlich und sehr teuer. Es war verboten, diese Kleider anzufassen. Und es war ganz sicher auch verboten, darin zu heiraten, vor dem Spiegel zu stehen und glücklich zu sein.
    Der Laden bestand nur aus einem einzigen Raum, mit Zugang von der Straße über eine Treppe, Hochparterre. Der Raum war nach Männer- und Frauenkleidung getrennt, dazwischen stand ein großer Spiegel, den man zu beiden Seiten drehen konnte. Die Sachen hingen in schönen alten Schränken deren Türen weit offen standen. Wenn Mama vorne war, haben meine Schwester und ich immer im Fenster des Ladens gesessen. Diese Momente in denen wir mit ihr zusammen vorne sein durften, waren die schönsten meiner Kindheit.
    Wir hatten nicht viele Kunden und es lohnte sich nicht, den ganzen Tag vorne zu sitzen und auf sie zu warten. Wenn jemand den Laden betrat, klingelte es hinten in der Wohnung. Wir Kinder stürmten dann nach vorne. Zwei oder dreimal im Jahr dekorierte Mama das Schaufenster neu. Dann zog sie unseren beiden Puppen etwas anderes an und wir durften ihr dabei zur Hand gehen. Manchmal, wenn keine Aufträge da waren, nähte sie etwas Neues, das sie in einer Zeitschrift gesehen hatte. Oder sie saß an ihrer Nähmaschine und lächelte über uns beide, die wir im Fenster hockten und auf die Straße schauten. Der größere Teil von mir ist aufgestanden und einer normalen Entwicklung gefolgt. Ich habe das erst viele Jahre später bemerkt, als ich längst zu Hause ausgezogen war: dass ein Teil von mir dort im Fenster sitzen geblieben ist. Ein kleiner Teil, der vollkommen glücklich war ohne davon zu wissen.
    Als wir Mama fragten, was genau bei so einer Hochzeit eigentlich passierte und warum sich Männer und Frauen schön füreinander machten, antwortete sie, dass die Leute bis spät in die Nacht feiern, tanzen und glücklich sind. Meine Schwester und ich haben uns oft gefragt, was dieses Glück eigentlich ist. Zu uns kamen ja nur Menschen die glücklich waren. Oder die kurz davor waren, glücklich zu sein. Sie standen in ihren neuen Kleidern vor dem Spiegel und es ging ein Lächeln über ihr Gesicht. Abends im Bett habe ich wach gelegen und versucht, mir vorzustellen, wie sich dieses Glück wohl anfühlen mochte. Das Zimmer war dunkel, unter der Decke war es warm. Ich hörte meinen Atem und einen zweiten, weiter entfernten, der dem Takt meines eigenen sehr ähnlich war. Ich wusste, dass meine Schwester auf der anderen Seite des Zimmers ebenfalls wach lag, auf meinen Atem hörte und sich dasselbe vorstellte wie ich.
    Unser Laden, die Hochzeitskleider und unsere Vorstellung vom Glück, das Rattern und Surren der Nähmaschine, das Fenster zur Straße, die Häuser in dieser Straße, die eine Seitenstraße war, der Kiosk gegenüber, wo wir Bonbons und Schokolade gekauft haben: das war meine Kindheit. Meine Schwester und ich sind Hand in Hand aus der Ladentüre getreten, über die Straße gegangen, in den Kiosk, wo wir vor einer langen Auswahl von Schubladen standen, in denen die Süßigkeiten lagen. Zurück sind wir immer gerannt. So schnell wie möglich wieder zurück. Als könne sich in unserer Abwesenheit etwas geändert haben und wir würden unser Zuhause nicht wieder erkennen. Die andere Seite der Straße war für uns weit weg und wir waren froh, wenn wir wieder daheim waren. Dennoch war der Reiz durch die andere Seite stets präsent. Und er wurde, je älter wir waren, immer größer. In späteren Jahren sind wir ohne Heimweh auf die andere Seite gegangen, die Schule lag dort, einen Block weiter. In den Jahren darauf bin ich von dort mit der Straßenbahn zur Universität gefahren. Nun würde ich weggehen und das alles hier hinter mir lassen müssen. Ich hatte vor ein paar Wochen mein Studium beendet und musste einen Termin bei der Schulverwaltung wahrnehmen. Bis zu diesem Tag war ich davon ausgegangen, eine Stelle in der Stadt zu bekommen. Da sei beim besten Willen nichts zu machen, sagte der Mensch von der Schulverwaltung, und schüttelte den Kopf. Auf dem Land hingegen sei die Situation gut.
    „Lassen Sie sich das mal durch den Kopf gehen. Die Landluft ist ausgezeichnet. Ich hätte da etwas, das Ihren Qualifikationen entspricht. Keine hundert Kilometer von hier”, sagte er.
    Ich wollte in der Stadt bleiben. Noch lieber wollte ich in eine große, in eine richtige Stadt. Am besten eine Metropole. Landleben und gute Luft gehörten nicht gerade zu meinen vorrangigen Interessen. Ich bin ein urbaner Mensch. Ich mag Städte und ihre Geräusche, laute Geräusche vor allem. Meinetwegen könnte dauernd etwas explodieren. Ich mag’ s auch quietschen und knirschen hören, ich mag klatschende Geräusche und klappernde und knisternde und klirrende. Ich höre es gerne scheppern und dröhnen. Als Kind habe ich einmal in der Küche eine Tasse fallen lassen, mich auf einen Stuhl gesetzt und mir den Scherbenhaufen angeschaut. Auch wenn das Geräusch verklungen war, meinte ich den Ton noch so lange hören zu können wie ich die Scherben vor Augen hatte. Als Kind habe ich oft auf den Stufen des Ladens gesessen und auf die Straßenbahn gewartet. Nicht, weil ich mit ihr fahren wollte, sondern weil ich sie fahren hören wollte. Ich stellte mir vor, dass das Zentrum einer Stadt wie das Zentrum eines Geräuschs ist: Je weiter man in die Mitte vordringt, desto lauter wird’s.”

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    23 Juli 2009

    Wie ein Mensch

    Das erste Stückchen des fünften Kapitels meines Romans “Der blinde Fotograf”. Ich habe tagsüber die Menschen beim Gehen beobachtet und mir Notizen gemacht. Nachts konnte ich dann nicht schlafen, weil diese Menschen durch meinen Kopf marschiert sind. Ich war übernächtigt, manchmal den Tränen nahe vor Erschöpfung und vollkommen glücklich.

    „Mein Großvater führte Zeit seines Lebens einen meist stillen, manchmal verärgerten, oft belustigten, bisweilen verzweifelten und immer aussichtslosen Kampf gegen den Fortschritt. Seiner Auffassung nach war Fortschritt das Gegenteil jener Bewegung, für die der Mensch eigentlich gemacht war, das Gehen. Was ein Mensch zu Fuß nicht erreichen kann, solle er gar nicht erreichen können. Wenn seine Meinung zu dem Thema auch nicht die der Allgemeinheit war, so schätze man ihn doch wegen seiner handwerklichen Fähigkeiten. Vor allem aber schätze man ihn wegen seiner Menschenkenntnis.
    Mein Großvater war der Schuhmacher von Apoptygma. Jeder Schritt der im Dorf und in der näheren Umgebung gemacht wurde, wurde in Schuhen gemacht, die aus seiner Werkstatt stammten. Schuhe, die er eigenhändig hergestellt hatte, die er genau kannte, jede Naht und jeden Nagel hatte er gesetzt. Wenn ein Kunde kam, um sich ein neues Paar Schuhe anfertigen zu lassen, musste er auf und ab gehen, er musste stehen bleiben, wenden, anhalten, beschleunigen und wieder abbremsen, enge und weite Kurven und Kreise beschreiben, abrupt oder langsam, federnden Schrittes. Er hüpfte durch die Werkstatt und humpelte und hinkte, schreitend, schlendernd, schleichend und schlurfend, er warf sich in die Brust und stolzierte umher, er stelzte und stapfte und stampfte, trippelnd und tänzelnd und tapernd und tapsend und trottend. Mein Großvater saß auf seinem Schemel und sah sich das genau an. Wenn der Kunde einen Monat später kam, um die Schuhe abzuholen, fand eine ausführliche Anprobe statt. Erneut musste er auf- und abgehen, geradeaus, im Kreis, stehen bleiben und wieder loslaufen, abrupte und gemächliche Bewegungen vollführen. Mein Großvater beobachtete das sehr genau. Dann stand er auf, räusperte sich und gab Ratschläge, zu den Bewegungen und vor allem zum Bewegungsablauf.
    „Geh mal bitte wie ein Mensch”, sagte er.
    Er konnte es nicht ausstehen, wenn einer beim Gehen nur die Beine bewegte und den Rest seines Körpers herab hängen ließ oder hinter sich herzog. Er kritisierte zu passive Bewegungen ebenso wie übertriebene Beugung der Knie, das ostentative Vorschieben der Beine, das Vorwärts- oder Rückwärtsfallen des Oberkörpers und jede Form der Unregelmäßigkeit, drei schnelle Schritte, zwei langsame, vorübereilen und innehalten. Man sollte sich gerade halten beim Gehen, man sollte locker aus den Gelenken heraus gehen, man sollte mit seinem Körper gehen, nicht ohne ihn, nicht allein mit den Füßen oder den Beinen. Man sollte nicht zu sehr schaukeln, man sollte zügig, aber nicht hektisch gehen, gemächlich aber nicht behäbig. Man sollte nicht latschen und nicht watscheln, nicht kriechen und nicht krauchen.
    „Was denn noch alles?”, fragten die Leute verunsichert.
    Gehen schien das Selbstverständlichste von der Welt. Aber wer aus der Werkstatt des Schuhmachers trat, hatte meist Koordinationsschwierigkeiten. Mein Großvater hatte so lange über die komplexen Bewegungsmuster und Abläufe des Gehens gesprochen, über das Zusammenspiel von Armen, Beinen und Hüften, die den Oberkörper bald in die eine und bald in die andere Richtung tendieren ließen, über Gewicht und Gegengewicht und Gleichgewicht, über den Protagonisten und den Antagonisten, dass sie keinen einzigen Schritt mehr wagten, aus Angst sich im eigenen Gang zu verheddern.
    Mein Großvater stellte nicht einfach Schuhe her und reparierte sie im Bedarfsfall. Wie der Schneider, der Vater von Rosa, Hosen oder Jacken herstellte und reparierte, oder der Tischler Tische und Stühle. Er fertigte Schuhe für den Lebensweg an, für die Strecke zwischen Geburt und Tod, die ein jeder in seiner Weise beschritt. Als gäbe es noch andere Wege zu denen es vielleicht leichteren Gepäcks und des entsprechenden Schuhwerks bedurfte. Er aber hatte sich auf diesen einen Weg spezialisiert und nur für diesen gab er den Leuten Ratschläge, wenn sie zu ihm kamen um ihre neuen oder neu besohlten Schuhe abzuholen.
    „Geh mal bitte wie ein Mensch”, sagte mein Großvater zum Abschied.
    Als eine Zuglinie und im Nachbardorf eine Bahnstation errichtet wurden, weigerte er sich, sie zu nutzen. Er wusste nicht, wohin er hätte fahren sollen. Er wollte ja nirgendwohin. Er wollte nicht einmal zur Bahnstation, um sie sich anzuschauen. In der ersten Zeit pilgerten die Leute ins Nachbardorf und warteten an der Station auf den einfahrenden Zug. Oder sie setzten sich irgendwo in der Nähe der Gleise ins Gras und sahen ihm bei voller Fahrt zu. Letzteres war weitaus beliebter, da die Geschwindigkeit, die der Zug dann hatte, viel größer war als wenn er lediglich in die Station einfuhr, um dort anzuhalten. Und es war vor allem diese Geschwindigkeit, die die Leute beeindruckte.
    Eines Tages, es war ein Sommertag, ein Sonntag und die Leute saßen irgendwo in der Nähe der Bahngleise im Gras und warteten auf den Zug, da erkannte mein Großvater, dass er gegen den Fortschritt und gegen die Geschwindigkeit nicht ankam. Dass seine Ermahnungen, sich gemessenen Schrittes durchs Leben zu bewegen bei den Leuten auf taube Ohren stießen. An diesem Sonntagmorgen saß er vor seinem Laden. Er legte die Hände in den Schoß wie an jedem anderen Sonntag auch. An diesem einen Tag jedoch gab er seinen Widerstand gegen den Fortschritt auf. Am selben Abend war er tot.”

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.