21 April 2012
Ich habe Besuch und wir amüsieren uns königlich
Holio initiiert nicht nur Gerüchte, er lässt auch Taten folgen. Zuerst wird Reisende auf einem Bein mit Das Geräusch des Werdens verglichen.
“Irene zog langsam ihre Kleider an, wollte sich erinnern, wie sie nackt geworden war.” (RaeB 110.-5). Leonie: “Ich konnte mich nicht erinnern, meine Sachen ausgezogen zu haben. Jedenfalls konnte ich mich nicht genau erinnern.” (DGdW, 77.-12).
Und dann Der König verneigt sich und tötet, hier.
Die Nähe mancher Formulierung ist geradezu beängstigend.
Marijan: “Woher willst du das wissen? Ich kann nicht schwimmen.” (DGdW 15.-14). “Wahrscheinlich wagte ich mich vertrauend aufs Grasland ins tiefe Wasser hinein, ohne daran zu denken, dass ich nicht schwimmen kann.” (DKvsut 95.-3).
Hochinteressante Koinzidenzen!
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema Das Geräusch des Werdens, mittel | Eintrag von Aléa Torik | um 21:34 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren
28 März 2012
Was ist auf den Bildern des blinden Fotografen zu sehen?
Ich wurde gefragt, was in Das Geräusch des Werdens auf den Fotos des Blinden zu sehen ist. Ich würde mich gerne aus der Affäre ziehen, indem ich zurückfrage: Woher soll ich das wissen? Ich habe sie nicht zu Gesicht bekommen. Das beschreibt der Roman nicht, weil es nicht zu seinem Bestand gehört. Ich assoziiere:
In der Ausstellung sind, heißt es auf der ersten Seite, 28 Bilder zu sehen. Wir haben 28 Kapitel. Also ist jedes Kapitel ein Bild.
Was ist auf den Bildern eines Blinden zu sehen? Vielleicht muss man blind sein, um das sehen zu können. Das scheint ebenso paradox wie ein Blinder, der ausgerechnet fotografiert. Aber wie soll man sich einem Paradoxon nähern, wenn nicht auf adäquate Weise? Es ist ja nicht an sich paradox, sondern nur unter den rationalen Bedingungen.
Diesen wenigen Bildern stehen sehr vielen gegenüber: Holio hat ausgerechnet, dass Marijan 28.000 Bilder gemacht haben muss. Im Roman allerdings macht er nur ein einziges, vielmehr erleben wir ihn nur bei einem. Er macht ein Bild von Leonie. Ich empfinde das nicht als einen logischen Widerspruch, sondern als eine produktive, die Phantasie anreichernde Leerstelle.
Ich weiß nicht, was auf den Bildern zu sehen ist. Irgendwo, ich glaube in dem Kapitel, da Marijan die Kamera geschenkt bekommt, heißt es: jeder sieht doch etwas anderes. So ist das bei diesen Bildern auch. Die meisten Fotos auf dieser Welt haben wohl ein eindeutiges Objekt, eine Person, eine Sache oder etwas Ähnliches. Das könnte bei diesen Bildern anders sein.
Was ist auf einem Bild zu sehen? Jeder sieht doch etwas anderes. Je nachdem, ob man das das Weiße oder das Schwarze des Bildes sieht, sieht man eine Vase oder zwei einander gegenüberliegende Gesichter, das sind sogenannte Kippbilder.
Der Roman endet damit, dass Marijan, der nur, sozusagen, die fünf Kapitel seines Vortrages kennt, die anderen dreiundzwanzig dieses Romans also nicht, denkt, dass die Menschen nur seine Worte gehört haben, sich aber eigene Bilder und Vorstellungen dazu machen, dass man die dürren Worte mit eigenen Vorstellungen anreichert. Das hieße, dass die anderen Kapitel, die hier als der eigentliche Bestand des Romans erscheinen, nicht anderes sind, als die Vorstellungen der Zuhörer auf der Ausstellung. Wirklich wäre dann nur die Ausstellung. Man reichert die Worte mit Bildern an, um, wie Marijan das sagt, nicht selbst zu erblinden. Das ist sowohl eine Sprachtheorie als auch eine Theorie über Bilder und Vorstellungen.
Was ist auf den Bildern zu sehen? Es ist eine Frage von Sehenden! Aber es sind die Bilder eines Blinden! Der macht sie vielleicht nicht, um willen dessen, was da zu sehen ist, denn er sieht es ja nicht. Sonder um willen des Momentes, da er sie macht. Um des Machens willen.
Warum hat Maddox die Bilder ausgewählt? Kann das sein, dass er nicht ausgewählt hat, also kein Kriterium hatte, was, wie Leonie betont, unmöglich ist?
Im letzten Kapitel heißt es, ein Besucher habe ein Bild gekauft. Wie hat er das ausgewählt? Warum einer? Wer ist das? Welches Bild hat er gekauft?
Leonie sagt einmal, Marijan mache immer dann ein Foto, wenn sie keines machen würde. Im letzen Blindenkapitel sucht Marijan eine Erklärung für das, was er eigentlich fotografiert, ich zitiere „Zu Anfang wusste ich überhaupt nicht, was ich eigentlich fotografieren wollte. Ich hatte ja keine Motive außer dem einen großen Motiv, meiner Blindheit zu entkommen. In den ersten Monaten mit der Kamera, als ich feststellte, dass ich nicht alles sehen konnte und etwas ganz Spezielles nicht hatte sehen wollen, entschied ich mich für etwas Drittes: das dazwischen Liegende. Ich wollte keine Objekte fotografieren. Die konnte ich sowieso nicht sehen. Ich wollte nicht etwas und ich wollte nicht nichts fotografieren. Ich wollte nicht das Sehen und auch nicht die Blindheit abbilden. Deswegen habe ich mich für das Dazwischen entschieden. Ich wollte die Zwischenräume fotografieren. Für Räume habe ich ein gutes Gespür. Das Ergebnis können Sie nun betrachten. Ob Sie allerdings das von mir Erzählte erkennen, ob Sie das Entgegengesetzte erkennen oder möglicherweise ebenfalls ein Dazwischen, das wird sich zeigen.“ Ich wüsste nicht, was ich dem hinzufügen sollte.
Wir fotografieren immer das, was wir sehen. Das erscheint uns selbstverständlich. Weil man ja etwas anderes gar nicht fotografieren kann. Das erscheint auch selbstverständlich. Außer in der Kunst, wenn man einem Bild zu entlocken versucht, was nicht auf den ersten Blick zu sehen ist. So ist das ja auch mit einem Roman, der sich als Kunst versteht: die Autorin will etwas zeigen, was nicht sofort zu sehen ist, sondern erst im Verständnis des Lesers entsteht. Und das können sehr wohl, wenn die Sache gut gemacht ist, Dinge sein, von denen die Autorin keine Ahnung hat.
Was sieht man? Von allen Antworten, die ich hier gegeben habe, von allen Versuchen, gefällt mir diese am besten: man sieht die Offenheit des literarischen Kunstwerks für seine Interpretation. Nur indem einer sich fragt, was er sieht, sieht er etwas. Alles andere, das ungefragt Gesehene, ist unsichtbar.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema Das Geräusch des Werdens, lang | Eintrag von Aléa Torik | um 17:38 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren











