Zuneigung
Männer müssen in dieser Gesellschaft lernen, Frauen ihre Zuneigung zu zeigen. Und Frauen müssen lernen, das zu sehen, zu erkennen und anzunehmen. Und sie müssen ebenfalls lernen, die Zuneigung anderer zurückzuweisen. Das Gefühl eines anderen an sich abprallen zu lassen. Es einfach nicht zu erwidern. Wenn Männer ihren Part nicht lernen, bleiben sie lebenslang alleine. Lernen Frauen den ihren nicht, müssen sie mit jedem ins Bett steigen, der das will. Sie lernen ihren eigenen Willen und ihre eigenen Wünsche nicht gar kennen, weil sie immer nur anderen zu Willen sind.
Männer müssen auf Frauen zugehen und ihre Lust formulieren, weil Frauen das den Männern gegenüber nicht von sich aus tun. Und weil die Lust der Frauen sich oft auch an der der Männer entzündet. Wir entflammen nicht ganz so leicht. In dieser Begehrensstruktur müssen die Männer lernen den ersten Schritt zu machen. Und Frauen müssen lernen, den zweiten zu verweigern. Für beide Schritte gilt, dass man sie selten in idealer Weise tut. Für die Männer gibt es nicht die richtige Annäherung und der einen ist bereits zu leichtfüßig, was einer anderen schon zu tapsig aussieht. Auch für die Frauen gibt es nicht die richtige Zurückweisung, und dem einen ist bereits zu robust, was ein anderer noch als Aufforderung nimmt. Und dennoch kommen sie ja zusammen. Bisweilen jedenfalls.
Wer immer du gewesen bist, heute Nachmittag. Ich danke dir für deine Zuneigung. Ich danke dir sogar sehr! Auch wenn ich sie nicht erwidern konnte. Dies hier mag dir als Entschuldigung herhalten für meine Reaktion.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Wie Männer Weiber lieben
Ich bekomme die Amazonenkönigin nicht aus dem Kopf. Dabei habe ich den Kleist gegriffen, weil ich mir seinen Amphitryon anschauen wollte. Und dann bin ich unbeabsichtigt bei der Penthesilea hängen geblieben.
Als Achill zu Prothoe sagt, dass er sich in Penthesilea verliebt habe, fragt sie, die nicht sofort versteht: „Wie? Was war das?” Und Achill antwortet:
„Beim Himmel, wie! Wie Männer Weiber lieben;
Keusch und das Herz voll Sehnsucht doch, in Unschuld,
Und mit der Lust doch, sie darum zu bringen.”
Kleist, Penthesilea, Zeile 1522 f.
Das kann man nicht weiter kommentieren. Das kann man sich nur übers Bett hängen.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Nichts als ein töricht Herz
Ich zitiere noch einmal aus der Penthesilea. Prothoe, die sich, als sie erkennen muss, dass Penthesilea nicht anders handeln kann, als wirkliche Freundin erweist. Prothoe gibt keine Ratschläge wie man’s machen könnte. Was auch schlimm wäre, denn Freundschaft spielt sich in einer anderen Dimension ab, in der der emotionalen Nähe. Mit Ratschlägen hingegen hält man sich die Leute vom Leib. Prothoe gibt der Freundin keine Ratschläge wie sie’s gut, oder, schlimmer noch, wie sie’s besser machen könnte.
Obwohl sie den Grund dafür nicht versteht, versteht sie, dass die Freundin an ihrer Grenze angekommen. Eine Grenze, die sie nicht übertreten kann. Als sie zumindest ahnt, was mit der Königin los ist: dass etwas sie geradezu vernichtet und sie die Freundin gegenüber der Priesterin verteidigt, die nichts davon versteht, geschweige denn, dass einer von ihnen es benennen könnte. Das Gefühl der Liebe ist, sozusagen, neu. Das hat es vor der Individualisierung nicht gegeben: da war, was einer fühlen, denken, tun konnte von allen anderen nachvollziehbar. Aber das ist in der Liebe nicht mehr so. Liebe ist irrational. Das Problem der Objektivität gibt es erst, seit es die Subjektivität gibt. Ein anderer kann das nicht verstehen, was in eines Menschen Brust vorgeht, diese unsäglichen Schmerzen, die die Liebe verursachen kann: „Was in ihr walten mag, das weiß nur sie”
„PROTHOE
Nun, wie du willst.
Wenn du nicht kannst, nicht willst – seis! Weine nicht.
Ich bleibe bei dir. Was nicht möglich ist,
Nicht ist, in deiner Kräfte Kreis nicht liegt,
Was du nicht leisten kannst: die Götter hüten,
Daß ich es von dir fordre! Geht, ihr Jungfraun,
Geht: kehrt in eure Heimatflur zurück:
Die Königin und ich, wir bleiben hier.
DIE OBERPRISTERIN
Wie, du Unsel’ge? Du bestärkst sie noch?
MEROE
Unmöglich wärs ihr, zu entfliehn?
DIE OBERPRISTERIN
Unmöglich
Da nichts von Außen sie, kein Schicksal, hält
Nichts als ein töricht Herz -
PROTHOE
Das ist ihr Schicksal!
Dir scheinen Eisenbanden unzerreißbar,
Nicht wahr? Nun sieh: sie bräche sie vielleicht,
Und das Gefühl doch nicht, das du verspottest.
Was in ihr walten mag, das weiß nur sie
Und jeder Busen ist, der fühlt, ein Rätsel.
Des Lebens höchstes Gut erstrebte sie.
Sie streift‘, ergriff es schon: die Hand versagt ihr,
Nach einem andern noch sich auszustrecken. -
Komm, magst dus jetzt an meiner Brust vollenden.
- Was fehlt dir? Warum weinst du?
PENTHESILEA
Schmerzen, Schmerzen.”
Kleist, Penthesilea, Zeile 1270 f.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Begreifen und begrapschen
Auf meine Blogroll kommt nicht jeder. Aber jeder, der darauf kommt, kommt vollkommen zu Recht drauf. Bei jeder und jedem weiß ich, was ich an ihnen habe. Und das bekommen diejenigen auch zu hören. Heute fange ich mit flannel apparel an. Die anderen können sich also vorerst entspannt zurücklehnen.
Liebe Tess: Ich mag deine Seite. Das merke ich jedes Mal, wenn ich zu Besuch komme. Du hast da ein richtiges Zuhause. Mir gefallen deine Schränke, deine Bilder und deine Teppiche; die ganze liebevolle Art, mit der du dir da die (der du dir da die: das ist eine alliterative Reihung, die dir gefallen dürfte, nicht?) Bude eingerichtet hast. Zwischendrin ein bisschen Gerümpel, alles schön systematisch sortiert oder sabotiert. Einige, die dir vor die Flinte kommen, werden brüskiert, die meisten hingegen büstiert. Das sieht dann immer sehr sexy aus.
Ich mag die Art, mit der du Feminismus und weibliche Sexualität zu deinem Thema machst. Zu diesem Thema möchte ich etwas sagen, wenn’s auch, in theoretischer Hinsicht, nicht ganz das meine ist. Ich beziehe mich im Folgenden auf deinen Beitrag „Große Gier und großes Glück” und auf den auch von dir verlinkten Artikel von Beatrice Schlag in der Weltwoche, „Landkarte der Lust”
Ich mache zwei Vorbemerkungen. Erstens: Kein Thema ist wie das Thema Sexualität. Aber wir benehmen uns, als sei es eines unter anderen. Zweitens: wir stecken bis zum Hals in unserer Sexualität. Aber wir benehmen uns, als würden wir nur die Zehenspitzen drin baden. Beides suggeriert Objektivität und Unbefangenheit. Außerdem lasse ich zwei Bedingungen außer Acht. Erstens: Die Überlegungen, inwieweit wir gesellschaftlich vermittelte Rollen übernehmen und sie als einen Ausdruck unseres Selbstseins empfinden und dementsprechend als vollkommen natürlich. Zweitens: Ich abstrahiere von individuellen Tendenzen und Eigenheiten (dies muss ich sagen, weil ich am Ende des Beitrags meinen Kopf wieder aus der Schlinge ziehen will).
So wenig wie der Feminismus mein Thema ist, so wenig ist Porno meine Literatur. Gut über Sex schreiben, können die wenigsten. Und schlechte Literatur gibt es zuhauf, dazu braucht‘s die pornografische nicht. Was du über Sophie Andresky und ihr Buch „Vögelfrei” schreibst, wird mich nicht dazu bringen, es in die Hand zu nehmen. Jan Off mit „Unzucht” klingt schon etwas spannender. Möglicherweise werden diese Texte eines Tages zur Illustration der Sittengeschichte herhalten können, wie die von Anaïs Nin und Henry Miller oder die überaus reichhaltige und vorzüglich zu lesende des Giacomo Casanova. Aber die Annahme, dass Pornoliteratur, dass ficktive Lecktüre Aufklärung im Kantschen Sinne sei, (die aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit) entbehrt, wie ich meine, jeder Grundlage. Und Porno, der von Frauen verfasst wird, ist ebenso wenig Aufklärung im feministischen Sinne wie sie diese im Sinne einer Gleichstellung der Geschlechter ist. Ich glaube, allem theoretischen Unterbau zum Trotz, dass Frau Andresky (ebenso wie auch Frau Roche und ihre „Feuchtgebiete”) mit Schlüpfrigkeit Geld verdienen wollte, nicht mit Literatur.
Im letzten Teil deiner ausführlichen und eigensinnigen Rezension kommst du auf den Zeitungsartikel von Beatrice Schlag zu sprechen, der von den Differenzen weiblicher und männlicher Lust berichtet. Auf der Suche nach einem spezifisch weiblichen Begehren werden wir von der Daumenregel, nach der die Entfernung von Vagina und Klitoris nicht mehr als Daumenbreite betragen darf, sonst ist es für die Frau unmöglich während der Penetration zum Höhepunkt zu kommen, über Experimente, da Männern und Frauen Sexszenen vorgesetzt werden, um ihre Erregung zu messen, die Befragung von Vergewaltigungsopfern, bis zur Untersuchung von Frauen, die mal hetero-, mal homoerotische Beziehungen eingehen. Das alles ist recht unterhaltsam. Wir sind erheitert, wenn wir Sätze lesen wie: „Gegen die Bandbreite dessen, was Frauen erregen kann, hat das, was Männer anturnt, auf einem Schnürsenkel Platz.” Wir halten unsere eigene Sexualität für reichhaltiger und komplexer als die der Männer. Wir lachen erleichtert und vergessen darüber noch leichter, was uns alles kalt lassen kann. Dafür braucht es, so scheint’s, manchmal eine ganze Schnürsenkelfabrik. Die in dem Artikel beschriebenen Vermessungen und Verkabelungen der weiblichen Genitalien, die Durchblutung und Sekretion messen, ergeben nämlich: Frauen können sexuell erregt sein, ohne das Mindeste davon zu wissen. Und Frauen spüren mitunter in erotischen Situationen „nicht nur keine Lust, sondern geradezu gähnende Langeweile”.
Männer sind da einigermaßen banal strukturiert: sie begehren, was sie erregt. Wie schlagend einfach dieser Zusammenhang ist, wird erst deutlich, wenn man sich anschaut, wie das bei den Frauen funktioniert. Oder nicht funktioniert. Sie begehren womöglich gar nicht die eigene Erregung, sondern die des anderen (der sie sich dann, so formuliert man das gerne, hingeben). Sie begehren, begehrt zu werden. Das wird von der amerikanischen Professorin Marta Maena sogar als „Orgasmus schlechthin” bezeichnet.
Mir gefällt diese Äußerung nicht. Weil der Wunsch nach dem Begehren eines anderen Begehrens unseren Narzissmus bedient, unsere Eitelkeit und unseren Wunsch nach Anerkennung. Das mit Sexualität zu verwechseln, empfinde ich als ausgesprochen fatal. Sexualität ist kein rein physiologisches Ereignis und betrifft natürlich unsere Psyche. Aber Eitelkeit und Anerkennung, wie sehr man sie auch steigern mag, lassen sich nicht zum Orgasmus steigern (außer vielleicht für jene, die ihren Narzissmus als Extremsportart betrachten). Wenn eine Frau sich dem männlichen Begehren lediglich hingibt, ohne dabei zu einem eigenen Begehren zu kommen, dann muss sie sich nicht wundern, wenn sie sich am Ende der Veranstaltung mit einem Spiegel zwischen den Beinen sitzend wiederfindet, auf der Suche nach der Entfernung ihrer Vagina vom vermeintlichen Zentrum ihres Empfindens. Ihre Lust, ihre Sehnsucht, ihr Genießen und ihren Trieb wird sie da nicht finden; ebenso wenig wie sie die im Spiegel ihrer Eitelkeit findet.
Mir gefällt die Konnotation von Opfer und Wehrlosigkeit in dieser Äußerung nicht. Das klingt mal wieder nach Passivität: mal sehen, was die Herren der Schöpfung im Bett – oder auf dem Weg dahin – so zustande bringen. Unter solchen Voraussetzung geraten Frauen leicht in die Defensive. Dann halten die Passivistinnen den Aktivisten (die Pazifistinnen den Attentätern) lediglich noch die von ihnen bevorzugten Körperteile hin. Es gehört durchaus zum gesellschaftlichen Gepräge (in der westlichen Hemisphäre des 21. Jahrhunderts), dass die Männer aktiver sind als die Frauen. Männer sind per se alle miteinander Brandstifter und das männliche Begehren kann ein enormer Brandbeschleuniger sein, ein Tanklaster voller Kerosin, aber das bedeutet nicht, dass es zu einer Explosion kommen muss. Das initiative Begehren des Mannes kann auch wirkungslos verpuffen.
Du sagst in deinem Grundsatztext (den ich gestern verlinkt habe), dass Männer sich nicht aufgrund des Aussehens in Frauen verlieben. Nicht um seines Aussehens willen geliebt zu werden, das klingt gut und ehrlich. Gerade so, als sei es, würde man darum willen geliebt, falsch und verlogen. Als sei Aussehen eine oberflächliche, weil äußerliche Kategorie. Dies legt nahe, man müsse tiefer schürfen, um an den Kern der Sache, an die Person und den Charakter derselben zu kommen. Um dann nicht mehr um seines Aussehen willens geliebt zu werden, sondern um seiner Selbst willen. Damit ist aber die Kuh nicht vom Eis. Weil nicht deutlich wird, was dieses Selbst ist. Was ist mit jenen, die mit sich und ihrem Selbst wenig anzufangen wissen? Werden die weniger geliebt; oder können zumindest nicht erwarten, um ihrer bisschen Selbst willen geliebt zu werden? Was ist mit jenen, die sich nicht wohl fühlen in ihrer Haut? Oder die gar nicht genau sagen können, was sie ausmacht, was das Individuelle an ihnen ist, weil sie nicht über die sprachlichen, die analytischen oder synthetischen Möglichkeiten verfügen, die aber nichtsdestotrotz – oder sogar gerade deswegen – ausgesprochen liebenswerte Individuen sind?
Wir – wir Frauen und wir alle – wollen durchaus um unseres Aussehen willens geliebt werden. Weil unser Äußeres das Äußere unseres Inneren ist. Und nicht irgendein anderes Äußeres, ein arbiträres, willkürliches, zufälliges. Wir sind daran gewöhnt, als unser Ich oder unser Selbst zu empfinden, was wir sehen. Vielmehr, und das macht die Sache etwas kompliziert, das als unser Selbst zu empfinden, was wir nicht sehen; unser Selbst ist das, was die anderen sehen. Was wir sehen, ist das Selbst der anderen. Dieses Selbst ist keines, das von allen anderen separiert ist. Es ist keine solipsistische Konstruktion. Das eine Selbst entsteht vielmehr an den Grenzen zu den anderen: durch deren Zuschreibungen und Spiegelungen. Wir bekommen unser Selbst – vor dem Spiegel oder in irgendeiner anderen reflexiven Verfahrensweise – nicht so zu greifen, wie andere es uns begreifen lassen. Etwas strenger formuliert könnte man sagen, dass ein Selbst nur dort das eigene Selbst ist, wo wir es durch einen anderen begreifen. Wo andere uns begreifen. Begreifen und bisweilen auch begrapschen.
Ich verstehe das Selbst als das Verhältnis von Ich und Anderer. Und Selbstbewusstsein – ich spreche nicht von jener umgangssprachlich nivellierten Ausprägung, als narzisstisch geprägte Selbstsicherheit, sondern von einem Bewusstsein seines Selbst als einem Verhältnis – verstehe ich als einen dynamischen Prozess. Männer wie Frauen wenden sich in und mit ihrem Begehren an andere. Andere, durch deren Wahrnehmung unser Selbstbewusstsein gebildet und deren Selbstbewusstsein durch uns gebildet wird. Das bedeutet, dass wir manche Eigenschaften nicht haben und manches nicht sind, sondern erst in der Zuschreibung durch andere bekommen oder werden. Frauen sind nicht anmutig. Aber sie können es werden, indem andere diese Anmut in ihnen erkennen oder zu erkennen meinen. So verstanden ist Anmut keine weibliche Eigenschaft, sie entsteht durch die Zuschreibung der Männer. Anmut wäre dann sogar eher eine männliche Eigenschaft: bzw. der Mangel daran oder der Wunsch danach. Dementsprechend könnte man weitergehend phantasieren und formulieren: typisch weibliche oder typisch männliche Eigenschaften sind eben nicht Ausprägungen maskuliner oder femininer Natur, sondern das, was die eine Seite auf der anderen sieht oder sucht oder begehrt. Anmut oder Großzügigkeit – oder welche Eigenschaften man als weiblich, respektive männlich empfindet – entsteht zwischen zweien, zwischen den Geschlechtern, Individuen oder Subjekten. Wenn zwei Vorstellungen, zwei Erwartungen oder Hoffnungen sich umeinander drehen, sich aneinander reiben und entzünden. Zwischen zweien entsteht es und dazwischen bleibt`s auch. Das gehört weder auf die eine noch auf die andere Seite.
Ich verstehe das Begehren als das Verlassen des Ich in Richtung eines anderen, und zwar in geradezu idealer Weise. Weil wir dadurch dem anderen die Möglichkeit geben, etwas zu sein (das wäre jetzt die existentialistische Wendung des Gesagten: der andere ist, was er ist, weil ich es ihn sein, vielmehr werden lasse). Im Begehren reiben sich zwei Vorstellungen, Erwartungen, Subjekte. Und sie reiben sich an ihren Oberflächen und an ihren Rändern. In einem Bereich, der zwischen zweien geschieht und weder auf die eine noch auf die andere Seite gehört. Weil es nur dort geschehen kann. An einem Ort, an dem der eine nicht ist, er aber durch den anderen werden kann.
Mit dem Gesagten betone ich das Gemeinsame von weiblicher und männlicher Sexualität. Ich finde es methodologisch eleganter, erst das Gemeinsame zu bestimmen, bevor die Unterschiede herausgearbeitet werden. Wenn ich den Unterschied betonen wollte, dann würde ich etwas zum Verhältnis von Lust und Angst bei den Geschlechtern sagen. Angst hat etwas mit Tiefe zu tun, Genuss aber mit Oberfläche (behaupte ich, Widerspruch wird gerne entgegen genommen). Vielleicht ist die weibliche Sexualität tatsächlich, wie Freud meinte, unergründlich. Aber nicht unergründlich tief, sondern unergründlich oberflächlich.
Liebe Tess, du endest deine Besprechung mit der Aufforderung „Zumindest für den Bereich Porno muss gelten: weniger Diskurs, mehr Praxis.” Da bin ich ganz deiner Meinung. Aber wenn du von der Auflösung der Rollenmodelle sprichst und davon, dass unsere „Betten und Bücher den Nährboden des Festgefahrenen längst überwunden haben sollten”, dann suggerierst du, dass Sexualität unproblematisch ist. Gerade so, als könnten wir alles in alle Richtungen hin auflösen und überwinden. Als seien wir vollkommen frei, unsere Sexualität und unser Selbst in unserer Sexualität zu gestalten. Diese Auffassung halte ich für problematisch.
Ich bin der Meinung, dass Sexualität ein Skandal ist (und eine Schweinerei sowieso). Wir, die wir uns eng an unsere Vernunft schmiegen und an unsere intellektuellen Fähigkeiten, die wir alles begreifen und durchdringen, wir haben mit Sexualität durchaus ein Problem. Weil wir nämlich da an den Rand unserer vernünftigen und kausalen Existenz getrieben sind. Und dort warten die anderen (oder warten eben nicht), die ebenfalls am Rand ihrer eigenen Existenz stehen und ihrerseits auf uns treffen (oder nicht). Und beide Seiten, das ist das eigentlich skandalöse, sind auf die Zuschreibung durch die anderen angewiesen. Sexualität ist ein Skandal. Und dieses Skandalon ist nicht zu entproblematisieren oder zu normalisieren, indem wir uns benehmen, als sei Sexualität ein Thema unter vielen. Ein Thema, in dem wir mal die Füße baden wenn uns ein Lüstchen überkommt. Wir baden nicht in der Sexualität, die mit duftenden Ingredienzien versetzt ist; wir baden nicht in ihr, wir saufen in ihr ab.
Zum Abschluss mal was anderes, zum Teufel mit der Theorie. Und zum Teufel auch mit dem Sex. Jetzt geht’s mal um ein wirklich wichtiges Thema, um Liebe natürlich: Wo bekommst du eigentlich immer diese attraktiven Jungs in deinem Blog her? Kann man sich mit denen mal verabreden? Oder sind die nur zum träumen und zerfallen bei der ersten Berührung zu Staub?
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.