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Aléas Anordnungen

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  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
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  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
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  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
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  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
  • holio: Traurig ist das in der Tat. Und so ganz zu verstehen auch nicht. Im Geräusch des Werdens war der Anknüpfungspunkt für Otto Normalleser ja da. Und die Bălkanexotik ist auch rezipiert und rezensiert worden. Die Sprache ist einfach, der Plot verständlich, erinnere die Szene mit dem blinden...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • 19 Juni 2011

    Warum immer so sexuell? Oder: Idealität und Realität der Welt

    Auf meinen letzten Artikel hin schrieb mir einer, der sich Trollinger nannte und fragte mich: „Warum immer so sexuell?“ Ich antwortete ihm und war mit meiner Antwort auch zufrieden. Ich war so zufrieden, dass ich es schade fänd, wenn das nun ohne weitere Beachtung im Orkus der ungelesenen Kommentare verschwände. Also wird’s befördert (mit einigen, wenigen Veränderungen). Man kann diesen Artikel nur verstehen, wenn man den vorhergehenden zur Kenntnis genommen hat.

    Lieber Trollinger,

    Sie fragten: Warum immer so sexuell? Das ist keine unberechtigte Frage. Ich nehme sie auch ernst und versuche sie zu beantworten.

    Generell kann eine solche Antwort zwei Wege gehen: Erstens: weil die Welt, also die Menschen, nun einmal so sind, sie sind sexuell. Zweitens: weil die Welt nicht so ist wie die Menschen es gerne hätten: sie sind nicht sexuell genug. Im ersten Fall könnte man sagen, ist die Welt ideal; oder nahezu ideal. Im zweiten Fall ist sie real; oder nahezu real. Das muss vielleicht jeder für sich entscheiden. Ich kenne Ihre Welt nicht, ich kenne meine – und ich vermute, dass wir, Sie und ich und wir alle, die jeweils unsrige Welt als die Welt wahrnehmen, die die einzige ist und sie so generalisierend die Welt nennen – und ich würde sagen: wenn in dieser einzigen Welt von irgendetwas nicht zu viel vorhanden ist, dann vom Glück, von der Lust und der Liebe. Ich glaube, ich bin sogar sicher, dass mehr Unglück, mehr Unlust und mehr Hass in der Welt sind.

    Ich antworte ganz direkt und offen auf Ihre Frage: wir sind immer so sexuell, um es uns ein bisschen schöner zu machen! Um ein bisschen mehr Glück und Lust und Liebe in die Welt zu bringen. Also in unsere Welt. Möglicherweise aber ist all das Unglück nur deswegen in der Welt, weil wir davon träumen, mehr Glück zu haben. Damit habe ich Ihre Frage beantwortet, nach bestem Wissen und Gewissen.

    Ich habe nun auch meinerseits eine Frage: Ich habe Ihnen in meinem Artikel zwei Alternativen vorgeschlagen, nicht versteckt, sondern offen und sogar in der Überschrift präsent: Kino oder Bett? Wenn Sie also jetzt nur die eine sehen und kritisieren, die sexuelle nämlich, das Bett, und die andere, die nicht sexuelle, das Kino, gänzlich unterschlagen, muss ich meinerseits Ihnen nun die Frage stellen: Warum immer so sexuell, Herr Trollinger?

    Ich kann Ihnen diese Frage auch beantworten. Sie beantworten sie vielmehr schon selbst. Warum glauben Sie, so war Ihr Vorschlag, will der Mann sich einen Bart stehen lassen? Natürlich, weil es männlich ist – oder glauben Sie vielleicht, weil er im Gesicht friert? -.  Sich einen stehen lassen: das sind Ihre Worte! Weil er will, dass die Frauen das männlich, also sexy finden. Die Antwort auf die Frage lautet: weil die Welt nun mal so sexuell ist. Weil die Welt ideal oder real ist, annähernd ideal und annähernd real. Das ist einerlei. Wir machen sie uns dann schon so zurecht wie sie uns passt, insgesamt nämlich ein bisschen mehr oder weniger sexuell. Und das geschieht ein wenige offener – wie bei mir – oder ein wenig versteckter – wie  Ihnen -. Das eine ist nicht schlechter als das andere. Es ist nur unterschiedlich.

    Deswegen gibt es vielleicht die Sexualität: weil man ihn ihr vom einen wie vom anderen, von der Idealität wie von der Realität der Welt, ein wenig Abstand nehmen kann. Und ein wenig Abstand von der Welt: das ist doch nicht schlecht oder?

    Ich hoffe nun, Sie finden meine Antwort nicht flapsig. So ist sie nicht gemeint. Es war eine ernste Antwort auf eine ernste Frage. Und ich bin auch ganz zufrieden damit. Ich bin geradezu glücklich!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    10 Februar 2011

    Confusion sexuelle

    Mein letzter Artikel hat eine Menge Wirbel hervorgerufen. Man hat mir von verschiedenen Seiten nahegelegt, dass ich mich daneben benommen habe. Im Anschluss haben sich eine ganze Menge andere Leute auch daneben benommen und wollten mir so wahrscheinlich zeigen, dass mein Verhalten falsch war. Falsches Verhalten wird nicht dadurch richtig, dass es potenziert wird, aber am Anfang stand mein Verhalten. Ich habe mich dann mehrfach privat und öffentlich bei ANH entschuldigt, dass ich in einer Weise über seine Party hergezogen bin, die er als unangemessen empfindet. Das kann ich verstehen, er hatte mich eingeladen und ich habe etwas geschrieben, worin er – und offenbar nicht nur er – eine seiner Gäste verunglimpft sah. Ich habe mich nicht anständig benommen. Obwohl ich das nicht gewollt hatte. Aber ich habe es dennoch getan. Es ist nachher, sowohl hier als auch in Die Dschungel, zu einer nicht sehr schönen und für alle Seiten belastenden Diskussion gekommen.

    Ich muss den Artikel ein wenig erklären, weil ihn offenbar kaum jemand gelesen hat. Ein- und ausgeleitet wurde er von der Beschreibung meines Zustandes: ich hatte Fieber. Wenn die Party, auf die ich mich gefreut habe, nicht gewesen wäre, hätte ich das Bett nicht verlassen. Ich habe anhand einer Ausgangssituation einen Artikel geschrieben. Ausgangssituation war: eine attraktive Frau, sehr sexy gekleidet, saß in der Mitte einer Gruppe. Ich habe das mit folgenden Worten beschrieben „Sie war äußerst aufreizend gekleidet. Sie wollte gut aussehen, sexy vor allem. Sie wollte ihre Brüste zeigen. Sie wollte ihr Körper sein.“

    Ich bin dann im Weiteren nicht mehr auf diese Situation und den Abend eingegangen. Alles Folgende bezieht sich allein auf meine eigene Sexualität. Es bezieht sich nicht auf den Alban, nicht auf die Samarkandin, von der ich, bevor der Alban es sagte, nicht wusste, wer sie war: sondern allein auf mich. Das kann man durchaus erkennen, wenn man es erkennen möchte. Ich habe eine Kategorie auf meiner Blogroll „Confusion sexuelle“, unter der ich diese Dinge einsortiere. Da steht nicht viel, weil es mir eigentlich zuwider ist, diese Dinge breitzutreten. Zumindest meine Sexualität gehört nicht in die Öffentlichkeit meines Blogs, ich habe da ganz strenge Vorstellungen von Intimität.

    Wahrscheinlich habe ich gerade diese Vorstellungen einer anderen von Intimität unterschätzt. Oder sogar völlig falsch bewertet. Alle haben in Ihrer Interpretation dann unterstellt, ich spräche weiterhin von dieser Frau. Das war mit keinem Gedanken der Fall. Ich habe so lange nicht an sie gedacht, bis hier die Wellen hochgeschlagen sind und ich bemerken musste, dass sie vollkommen an meinen Artikel, an meinen Intentionen und zum Teil sogar an meiner Wortwahl vorbeischrammen. Es ist hier zu Auswüchsen gekommen, von denen ich normalerweise verschont bleibe.

    Frau Sarmakandin: ich hatte Sie nur kurz im Auge, eine Minute vielleicht. So ist das bei mir oft, ich habe die Umstände nur kurz im Auge. Dann ziehen sie ihrer Wege: durch mein Gehirn. Manchmal kommen sie da wieder heraus. Und dann mache ich etwas damit, ich bearbeite sie, ich fasse sie in Worte. So war das auch an jenem Abend. Weder wollte ich Sie verletzen noch mich selbst. Ich entschuldige mich, sollte das doch der Fall gewesen sein. Ich versichere Ihnen, Sie spielen in meinen Artikel keine Rolle. Sie waren nicht gemeint, ich war gemeint.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    08 Februar 2011

    Zu viel Arsch und Titten

    Ich war gestern Abend auf der Geburtstagsparty von AHN und seinem Freund, dem Profi. Es war ein ausgewählter Kreis, fast alles Leute, die mit Büchern und Schreiben zu tun haben. Wer nicht selber schreibt, der bewundert die, die es tun. Das hat Alban jedenfalls angedeutet. Ich war nicht lange dort. Ich war und bin noch immer krank, Fieber. Ich bin ein empfindliches Wesen und kann nur bei 37,2 Grad Körpertemperatur existieren. Ich bin dem Gastgeber geradewegs in die Arme gelaufen. Ich wollte mich nicht in den Kreis hinzu bitten lassen, sondern gleich wieder gehen. Ich war krank. Ich kann lamentieren nicht ausstehen. Bei dieser Gelegenheit hat ANH mich dem Norbert Schlinkert vorgestellt. Von dort wo wir drei für kaum mehr als zehn Minuten standen, hatte ich einen ausgezeichneten Blick in den ausgeleuchteten Bereich unter dem Bild des Massenmörders Mao. Was Massenmörder betrifft, habe ich ein nicht minder feines Empfinden. In der Runde, mittiger konnte man kaum sitzen, saß die Freundin von ANH. Die Geliebte. Eine Geliebte. Die fieberte ebenfalls, aber anders als ich. Sie war äußerst aufreizend gekleidet. Sie wollte gut aussehen, sexy vor allem. Sie wollte ihre Brüste zeigen. Sie wollte ihr Körper sein.

    Ich habe nicht immer, aber bisweilen Schwierigkeiten mit Menschen, die ihre Sexualität deutlich in den Vordergrund rücken. Weil dadurch anderes in den Hintergrund gerückt wird. Auf das, was man in den Vordergrund rückt, hat man einen Einfluss. Auf das andere, was dadurch in den Hintergrund gerückt wird, nicht. Wenn die Sexualität in den Vordergrund gerückt wird, wird in der Regel alles andere in den Hintergrund gerückt. Ich empfinde Verführung und Andeutung als explizit weiblich, die Reaktion darauf als explizit männlich. Zu viel Busen, Korsage und BH, zu viel Absatz, Bein und Fessel, zu viel Arsch und Titten: das ist nicht Andeutung. Das ist sehr viel mehr.

    Gegen diese starre und strenge Einteilung ließe sich vieles einwenden: dass die Grenze, wo Andeutung aufhört und das Angedeutete anfängt, natürlich fließend ist. Mal fließt es gemächlicher, mal reißender, mal stehen die Wasser, mal fallen sie. Auch muss nicht notwendig zwischen männlichen und weiblichen Verhaltens- und Erscheinungsweisen unterschieden werden. Wenn Frauen jedoch als Sexualobjekte der Männer auftreten, sieht das für mich geradezu willenlos aus. Und das finde ich unerotisch. Bei Männern wie bei Frauen. Das sieht aus, als geschähe es, das Sexuelle, nicht, weil die Betroffenen es wollen, sondern weil der Trieb es will. Sie machen Sex, weil sie triebhaft sind. Wären sie es nicht, getrieben nämlich, würden sie auch keinen Sex haben wollen. Anders ausgedrückt: Sie machen das nicht, weil sie Lust drauf haben.

    Das ist ein Sex, bei dem es nicht um den anderen geht. Es geht nur noch um einen selbst. Und der Sex, der sich um das eigene Selbst dreht und nicht um das Selbst des anderen: vor dem habe ich Angst. Der etwas schamvoller agierende gefällt mir besser. Auch da fallen irgendwann die Hemmungen. Hemmungen sind ja da, um zu fallen (wir hatten dieses Thema hier schon bei mechanischen Uhren). Ich mag es, wenn Menschen ihre Sexualität etwas verhaltener zeigen. Weil ich den Anlauf mag, das Andeutende und das Mögliche. Ficken kann jeder. Brüllen kann jeder, Raunen und Flüstern nicht.

    Ich bin krank, ich fiebere, ich friere. Ich kann lamentieren nicht ausstehen. Verdammter Kapitalismus.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    03 August 2010

    Männerfreizeit

    Ich sehne mich nach einer Liebesnacht mit einem Mann: Das jedenfalls schrieb mir der Bücherblogger. Er tat es, weil ich meinen vorletzten Beitrag mit den Worten endete, dass alle Bücher meiner Sommerlektüreliste von Männern geschrieben wurden.

    Da hat dieser Mann nicht ganz unrecht. Ich lese üblicherweise im Bett. Meist ohne jeden erotischen Anflug. Und wenn, wird’s hier aller Voraussicht nicht thematisiert. Es wäre in der Tat nicht schlecht, wenn sich hier und heute ein stattliches männliches, oder zumindest vorwiegend männliches Exemplar einfinden könnte, um holden Minnedienst zu leisten. Dieses Exemplar möchte bitte zuvor nicht bei meiner Mitbewohnerin vorbeigehen, um daselbst abgefangen zu werden und dann niedere Liebesarbeit verrichten zu müssen.

    Ich sehne mich nach einem Mann. Allerdings ist mir auch nicht gleich jeder recht und billig. Ich sitze fünf Tage in der Woche in einer Bibliothek, die als der Laufsteg unter den Berliner Bibliotheken gilt, und nicht nur für Frauen. Da läuft durchaus das eine oder andere mit Testosteron angereicherte Exemplar dieser in Frage kommenden Spezies herum. Das dürfte nicht so schwer sein, einen von denen mittels – das nehme mir bitte niemand krumm – recht einfacher Mittel davon zu überzeugen, sich etwas näher mit einem zu beschäftigen. Die Argumente, für die Männer wirklich empfänglich sind, werden im Anatomiekursus unterrichtet, nicht im Logikkurs.

    Vielleicht bekäme ich das infrage kommende Exemplar auch noch zu mehr als einer Liebesnacht herum, zu zehn oder tausend, oder, wenn er richtig fleißig sein sollte, auch zu zehntausend Liebesnächten. Allerdings werden weder aus zehn noch aus zehnttausend Liebesnächten jemals tausendundeine Nacht. Weil dies eine Zahl ist, ein Wert, der nicht auf der Zahlenskala zu finden ist. Das ist eben der Zauber, jenseits von Zahl und Wert und sonstigen Maßeinheiten, die bei Männern wie bei Frauen angelegt werden können; ein Zauber, der sich nur im Moment erweisen kann: Bei einem Rendezvous, das irgendwo zwischen Versprechen und Verführen liegt. Jenseits vom vögeln. Wobei das, wie ich bereits sagte, auch gut sein kann. Und manchmal kommt ja auch zusammen, was zusammen gehört.

    Das sieht heute Abend also tatsächlich nach einer Männerfreizeit aus, auch bei Olga iss nix mit Männern. Wir machen uns gleich Mangolassi, es gab drei Mangos für einen Euro fünfzig! Und Morgen gibt es noch Salat mit Mangostreifen. Statt Männer. Das wäre der Alternativtitel dieses Beitrags gewesen: Mangolassi statt Männer. Dann habe ich mich aber doch noch für den etwas anspruchsvolleren Titel entschieden.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    30 Mai 2010

    Nachschlag

    Ich bin gestern vom Besuch einer Freundin gekommen und auf dem Weg zur S-Bahn habe ich ungefähr zweihundert Leute getroffen. Die waren schon da, ich habe mich einfach dazu gesellt. An der Rummelsburger Bucht wurde eine Goaparty gefeiert. Es war endlich warm. Ich bin, wie viele andere auch, stehen geblieben. Dann habe ich meine Tasche und meine Jacke abgelegt und mir ein Bier genommen. Ich musste zwei Euro in eine Schale legen und habe langsam zu tanzen begonnen. Entweder man kann sich auf diese Musik einlassen oder man muss etwas anderes hören. Dazu kann man nicht bekehrt werden.

    Ein Typ, der wohl schon eine Weile in meiner Nähe getanzt hat, hat mir einfach an den Busen gefasst. Der war bestimmt total bekifft. Ich war erst ein wenig verwundert, mit welcher Selbstverständlichkeit er da hinlangte. Er hat, offenbar ohne die geringste Hemmung, in aller Seelenruhe zugegriffen und meinen Busen nach Form und Festigkeit ertastet. #Als wenn es sich um seinen eigenen Körper handelt. Vielleicht konnte es das nicht mehr unterscheiden. Oder er konnte sich nicht erinnern, dass man den Körpern anderer auch anders gegenübertritt. Er hat sich Zeit gelassen. Und ich habe mich dem angepasst und mir auch Zeit gelassen. Ich habe ganz langsam ausgeholt und ihm eine wuchtige Ohrfeige verpasst. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie er auch. Und mit derselben Ruhe. Damit schien er zufrieden zu sein. Und ich war‘s auch. Wir haben einfach genauso weitergetanzt. Meinetwegen hätte er seinen Griff ruhig noch einmal wiederholen können. Da hätte ich nichts dagegen gehabt. Ich hätte dann meine Ohrfeige auch noch einmal wiederholt. Aber offenbar war er mit der ersten Ohrfeige bereits so zufrieden, er strahlte jedenfalls übers ganze Gesicht, dass er keinen Nachschlag mehr brauchte.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    09 Mai 2010

    „Das Wild wäre verletzt …“

    Mein letzter Artikel zur mangelnden Verkehrssicherheit meines Rades, das war ja ganz lustig. Aber mehr auch nicht. Das ist zu wenig. Ich muss wieder etwas gehaltvoller werden. Ich habe das Folgende als Kommentar in Die Dschungel hinterlassen. Weil es dort weiter keine Beachtung gefunden hat, mir meine Bemerkung aber gefällt – und sie auch eine Stunde Arbeit war – stelle ich den kleinen Text noch einmal hierher. Zur Begutachtung:

    Es ist schon einen Monat her, da wollte ich etwas zu einer deiner Formulierungen sagen, bin aber offenbar nicht dazu gekommen. Jetzt fällt mir der Satz wieder ein und nun habe ich auch Lust darauf. Der Satz lautet: „so allgemein Eros immer auch i s t, das Wild wäre verletzt, fühlte es sich nicht ganz persönlich gerissen“.

    Was mir gefallen hat, ist weniger die Erkenntnis, dass Eros, der sich im Allgemeinen aufhält, manchmal voller Begeisterung auf ein einzelnes Opfer stürzt, manchmal eben auch nur zähneknirschend, weil er auf all die anderen Opfer dann verzichten muss. Was mir gefällt, ist vielmehr der zweite Teil dieser Formulierung, dass du, der du das Wild reißen, es also töten willst, dir gleichzeitig Sorgen um seine Verfassung machst; dass das arme Tier nicht etwa, während sich deine Klauen in sein Fell und deine Zähne in seinen Nacken graben, dass es im Todeskampf nicht an der Welt verzweifle, darüber nämlich dass du, sein Jäger, womöglich einfach nur töten willst, aber nicht etwa aus Liebe töten willst und auch nicht dieses eine Liebesobjekt töten willst, sondern im Allgemeinen töten willst, wie man eben im Allgemeinen lieben will und dann plötzlich, wenn man ergriffen wird, irgendjemanden liebt, weil womöglich gerade kein anderer da ist; dass du dir Sorgen machst, dass das Wild im Sterben nicht verzweifelt, sondern etwas anderes tut: das, was man üblicherweise in der Liebe tut, was man so sehr nirgends tut wie in der Liebe: Hoffnung schöpfen.

    Es ist gut, dass du, wenn du in der Liebe tötest, dich fragst, ob der andere nicht verletzt wäre, sollte er nicht gemeint sein.

    Diese Verletzung, dass man nicht persönlich gemeint ist, sondern in diesem einen speziellen Moment einfach nur ein Vertreter seiner Art oder seines Geschlechts ist: diese Verletzung kann schlimmer sein als der Tod.

    Der Jäger will das Wild töten. Aber er will es nicht verletzten! Was für eine formvollendete Formulierung! Und was für eine tiefgehende Erkenntnis.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    01 April 2010

    Umgang mit Sexualität

    Nachdem in den Dschungeln die Wogen hoch geschlagen sind, oder die Unwetter herunter, nachdem ich mich auf eine Weise eingemischt habe, die mir selbst nicht behagt hat – obwohl mein höchstes Lebensziel sicher nicht die Behaglichkeit ist – und nachdem ich gestern Abend eine ziemlich außer Kontrolle geratene Diskussion mit meinem besten Freund, meinem schwulen und promisken und besten Freund Julian hatte, wo ich Sachen gesagt habe, die ich nicht habe sagen wollen, wobei ihm das genauso ging, und ich heute wieder in den Dschungeln nachgeschaut habe, ob‘s neue Schweinerein gibt, mit einem Hang zur Obszönität und auch dem gegenteiligen Hang, mit dem Hang hinzuschauen und auch dem wegzuschauen, und ich zu keiner irgendwie zufriedenstellenden Verhaltensweise finde, ich vor allem an Julian denke und seine mühsam um Fassung ringende Aussage, dass Kultur und Sexualität sich nicht vereinen lassen, und dass ich als Künstlerin das verstehen müsse, dass Menschen nicht mit Sexualität zurande kommen – was ich für Unsinn halte, und das bei Julian! – habe ich mich entschlossen, die ganze Sache abzuhaken, ich meine, die Suche nach einer Formulierung abzuhaken, die Sexualität in Deutschland in Berlin beschreibt, meinetwegen auch in Europa in einer großen Stadt, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, obwohl ich einfach nicht glauben kann und nicht will, dass man kein Verhältnis dazu findet und das Leben immer und immer wieder nur in Anfechtungen und Verlockungen und aufrechterhaltenen und überwundenen Widerständen besteht und ich lediglich weiß, dass ich nicht mit Sexualität umgehen kann, die sich benimmt als sei Sexualität selbstverständlich. Weder bei den Enthemmten noch bei den Puritanern.

    Also lasse ich die Sache so stehen wie sie sich für mich derzeit darstellt. Mir fehlt nichts als das zentrale Wort: Je höher die Kultur, desto … ihr Umgang mit Sexualität.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    30 März 2010

    Potent statt patent

    Wir unterhalten uns auf sehr angenehme Weise. Er flirtet mit mir und ich lasse mich darauf ein. Er schaut mir in die Augen, sonst nirgendwohin. Obwohl sein Blick immer die Tendenz hat, weiter nach unten zu gehen. Dieser Blick ist wie ein Kletterer, der nicht in den Abgrund schauen will, und sich an meinen Augen festklammert. Solange, bis ihm jemand zu Hilfe komme. Das muss natürlich ich sein. Er fängt an, mir zu gefallen. Ich mag Männer, die nicht vor der Zeit abstürzten. Das sind die, die sich im richtigen Moment fallen lassen. Und diesen richtigen Moment muss man erkennen. Der liegt nicht auf einer Linie mit den anderen Momenten, mit dem vorhergehenden und dem nachfolgenden. Der tanzt vielmehr aus der Reihe. So ein Moment ist plötzlich da und wenn man ihn nicht nutzt, ist er wieder vorüber. Dann ist es ein Moment, der war, ohne je gewesen zu sein. Mir gefallen Männer, die das wissen und die damit umgehen können. Mir gefallen auch die, die das nicht können, die absolut keine Vorstellung haben, wovon ich hier rede, die total Ahnungslosen. Die gefallen mir sogar noch besser. Aber von denen, die mir noch besser gefallen, ist hier nicht die Rede.

    Und dann sagt er doch, ich zitiere das: „Ich freu’ mich nen Keks.“ Ich dachte, ich höre nicht richtig. Ich kann niemanden küssen, der sagt: ich freu mich nen Keks. Ich konnte nicht einmal mehr auf seinen Mund schauen. Dabei liebe ich es, jemandem auf den Mund zu schauen, wenn er spricht. Ich kann mich auf gar nichts anderes konzentrieren als auf diese eine, ganz besondere Körperöffnung. Sprechen ist für mich mit das Sinnlichste überhaupt. Wenn der Mund sich auftut, wenn man die Zähne sieht und die Zunge. Dazu kommt die Anspannung, jemandem gegenüber zu stehen, der einem gefällt. Mit dem man sich mehr vorstellen kann als das, was gerade ist. Mit vielen kann ich mir nicht einmal dies vorstellen, geschweige denn das, was noch nicht ist. Und ich mag es, mir Dinge vorzustellen, die nicht sind, aber sein könnten. Das ist einer der Gründe, warum ich schreibe.

    Ich will solche Sätze nicht hören, solche Formulierungen. Ich will niemanden kennen lernen, der am Wochenende die Seele baumeln lässt und der, wenn er andeuten möchte, dass etwas unwiderruflich vorüber und es somit außerhalb des eigenen Handlungsspielraums angekommen sei, sagt: Der Drops ist gelutscht. Ich weiß, das ist kein gutes Kriterium. Es gibt Parameter, die geeigneter sind als jemanden nach einer schlechten Metapher oder einem nicht ganz glücklichen Satzaufbau zu beurteilen. Das kann ein ganz patenter Mensch sein. Ich will aber lieber einen potenten als einen patenten. Einen sprachlich potenten. Einer, der sich einen Keks freut, muss sich bedauerlicherweise ohne mich freuen. Comprende Caballeros!?

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    24 März 2010

    Der Herr der Dschungel

    Gestern Nacht um ein Uhr, es war sogar schon nach eins, also eigentlich heute, vor fünf Stunden, komme ich nach Hause und Olga steht in der Türe. „Wie war‘s?“ fragt sie ohne Einleitung. Als wäre ich zum ersten Mal in meinem Leben mit einem Mann verabredet gewesen. Ich gebe einen Ton von mir, antworte aber nicht ausführlich und gehe in mein Zimmer. Das ist bei uns klar geregelt. Türe zu bedeutet, dass man alleine sein will. Da halten wir uns auch dran. Ich habe mich ausgezogen, bin ins Bad gegangen, Zähne geputzt, wieder zurück und dann ins Bett. Da geht doch die Türe auf, Olga kommt rein, sagt kein Wort, kommt zu mir ins Bett, schmiegt sich an mich, legt eine Hand an meinen Busen, beißt mir feucht in den Nacken, sagt erzähl! und schläft ein. Da liegt sie auch jetzt noch, ohne sich zu bewegen, es ist viertel vor sieben, meine Tastatur klappert und klickert und Olga schläft.

    Gestern Abend war ich mit dem Herrn der Dschungel verabredet. Ich bin ein paar Minuten zu spät gekommen. Das war strategisch bedingt. Ich wollte, dass er schon sitzt, wenn ich hereinkomme. Er hat aber gestanden als ich kam. Dann hat er sich gesetzt. Das war auch strategisch bedingt. Es war ihm wohl unangenehm, dass ich drei Zentimeter größer war als er. Vielleicht hat er gedacht, das fiele nicht so auf, wenn er sitzt. Dabei war er dann ja noch kleiner. Ich weiß, vielen Männern und Frauen ist die Körpergröße sehr wichtig. Männer müssen sich Frauen gegenüber größer fühlen. Vielleicht hat er sich aber auch hingesetzt, weil er gespürt hat, dass mir das nicht wichtig ist. Weil er die Größe dazu hatte.

    Wir mussten ein bisschen warm werden miteinander und waren auch noch beim formalen „Sie“ als wir uns drei Stunden später getrennt haben. Aber das ändert sich irgendwann. Nichtsdestotrotz war das ein wunderschöner Abend! Wir haben über Literatur gesprochen, über Wallace natürlich und Pynchon. Ich konnte eine Menge lernen. Wir haben über Rumänien, die Securitate, Herta Müller und Richard Wagner geredet. Herr Herbst hat mir einen Vortrag über Neue Musik gehalten und ich habe den Versuch unternommen, ein einigermaßen intelligentes Gesicht zu machen. Ich habe dieses Gesicht aufgesetzt. Aber das stand mir gar nicht gut und dann habe ich es auch wieder abgesetzt. Er hat mir von seinem Sohn erzählt, von den Anfängen der Dschungel, von der Buchmesse, vom Profi und von der Löwin. Das war ein Gespräch zwischen zwei Künstlern, zwischen Künstler und Künstlerin. Wir waren einvernehmlich der Meinung, dass wir, was wir da tun, das Schreiben, dass man das nur kann, wenn man sich zu hundert Prozent engagiert. Wenn man mit seiner Person dafür einsteht.  Schreiben kann man nur, wenn man sich dem verschreibt. Soviel zur Legasthenie. Das ist ein gutes Gefühl, zu bemerken, dass ein anderer genauso denkt wie man selbst.

    Außerdem weiß ich jetzt etwas, was ich vorher nur habe ahnen können: der Mann macht keine Umwege beim flirten. Der macht das einfach ganz direkt. Es gibt Männer, die um die Ecke flirten und erst einmal eine Lebensversicherung abschließen, bevor sie sich an die Arbeit machen. So ein Mann ist er der Herr Herbst nicht. Der hat die Arbeit dann schon hinter sich und der flirtet, weil ihm das Spaß macht (übrigens, Herr Herbst, ich bin stinksauer, sollte ich bei Ihnen unter „Arbeitsjournal“ eingegliedert werden!).

    Beim Bezahlen, als ich bezahlen wollte, was mein Gegenüber allerdings nicht mit seiner Mannhaftigkeit verbinden konnte, habe ich ihm meinen Personalausweis unter die Nase gehalten. Ich lebe seit jeher mit meinem Namen. Inzwischen mag ich es, wenn Menschen nicht glauben wollten, dass ich tatsächlich so heiße. Aber ab einem bestimmten Punkt möchte ich, dass sie meine Existenz zur Kenntnis nehmen. Das ist ein enorm wichtiger Punkt, dass nach dem Zweifel die Sicherheit kommt. Weil ich mich durch den anderen selbst begreife. Weil ich mich über den anderen meiner Selbst versichere. Ich kann mir sagen, dass ich existiere, aber richtig begreifen kann ich es nur, wenn andere es können.

    Olga liegt da immer noch. Vielleicht ist sie längst tot. Wie findet man das heraus? Irgendein Mann der sie beatmen will, wird sicher bald hier auftauchen. Habe ich schon erwähnt, dass Olga Model ist und schlicht und ergreifend der schönste Mensch, den ich jemals gesehen habe? Und die hat Männer, das ist zum Abschnallen! Bei uns in der Küche sitzen manchmal Typen rum, das ist unfassbar. Olga arbeitet oft für H&M und die Typen, die andere nur auf Plakaten an der Bushaltestelle sehen, die treffe ich bei uns in der Küche. Vielleicht sollte ich Olga wachküssen. An ihr ist einfach alles schön, die ist beim Schlafen schön. Ich sehe von hier ihren Hintern. Die hat nichts an. Vielleicht sollte ich einfach wieder ins Bett gehen und Olga anfassen. Aber ich finde sie nur schön, nicht erotisch.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    31 Januar 2010

    Des Weibes Leib ist ein Gedicht

    Ich lebe mit Olga zusammen in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Gestern Abend waren wir zum Kochen verabredet. Wir hatten das einen Tag zuvor besprochen und sind sogar gemeinsam einkaufen gegangen. Um sieben sollte es bei uns in der Küche losgehen. Obwohl wir in derselben Wohnung wohnen, führen wir verschiedene Leben. Und wir haben auch verschiedene Auffassungen vom Leben. Aber wir verstehen uns gut. Wir lachen viel. Gestern kurz vor sechs Uhr bekomme ich eine SMS: „Baby, ich kann nicht“ steht da. Immer, wenn es ein Problem gibt, nennt Olga mich Baby. Und immer wenn es ein Problem gibt, hat das was mit Männern zu tun. Bei Olga hat alles was mit Männern zu tun.

    So ist die Lieb! So ist die Lieb!
    Mit Küssen nicht zu stillen:
    Wer ist der Tor und will ein Sieb
    Mit eitel Wasser füllen?
    Und schöpfst du an die tausend Jahr,
    Und küssest ewig, ewig gar,
    Du tust ihr nie zu Willen.

    Die Lieb, die Lieb hat alle Stund
    Neu wunderlich Gelüsten;
    Wir bissen uns die Lippen wund,
    Da wir uns heute küßten.
    Das Mädchen hielt in guter Ruh,
    Wie’s Lämmlein unterm Messer;
    Ihr Auge bat: nur immer zu,
    je weher, desto besser!

    So ist die Lieb, und war auch so,
    Wie lang es Liebe gibt,
    Und anders hat Herr Salomo,
    Der Weise, nicht geliebt.

    (Eduard Mörike, Nimmersatte Liebe)

    Warum sie nicht kann, hat sie nicht geschrieben. Es ärgerte mich, dass irgendein dahergelaufener Kerl wichtiger war, als unsere Verabredung zum Abendessen. Wir wohnen und wir leben immerhin zusammen. Da kann man ja wohl erwarten, dass man einmal in der Woche einen Abend miteinander am Tisch sitzt und sich eine oder zwei Stunden lang unterhält. Vielleicht ist genau das der Grund für die Absage, sie will sich nicht mit mir unterhalten. Vielleicht langweile ich sie? Als die SMS kam, wollte ich gerade meine Sachen zusammenpacken. Ich habe an dem Ort gesessen, wo ich am liebsten sitze, im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum, der Bibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin.

    Die schlaue Dorilis hat Augen in dem Kopfe,
    so hat ein Luchs sie nicht;
    Man denkt, sie sieht uns ins Gesicht.
    Und sie sieht nach dem Hosenknopfe.

    (Gotthold Ephraim Lessing, Dorilis)

    Ich habe bestimmt zwei Minuten reglos auf das Display gestarrt. Ich konnte es nicht glauben. Dann habe ich meine Bücher zusammengepackt und die Bibliothek verlassen. Mein Tag war nicht sonderlich erfolgreich oder erfreulich, ich habe nicht viel von dem geschafft, was ich mir vorgenommen hatte. Meine Stimmung war nicht gut. Normalerweise bin ich nicht so abhängig davon, aber gestern war ich es. Die kurzfristige Absage hat das noch verstärkt. Ich wusste, als ich bei dem trüben Wetter draußen vor der Türe stand, ausnahmsweise einmal nichts mit mir anzufangen. Ich hätte auch auf der Stelle stehenbleiben können.

    Da hat mir plötzlich und mitten im Bett
    Eine Studentin der Jurisprudenz erklärt:
    Jungfernschaft sei, möglicherweise, ganz nett,
    besäße aber kaum noch Sammlerwert.

    Ich weiß natürlich, Daß sie nicht log.
    Weder als sie das sagte,
    noch als sie sich kenntnisreich rückwärts bog
    und nach meinem Befinden fragte.

    Sie hatte nur Angst vor dem Kind.
    Manchmal besucht sie mich noch.
    An der Stelle, wo andre moralisch sind,
    da ist bei ihr ein Loch…

    (Erich Kästner, Moralische Anatomie)

    Diese kurzfristige Absage ging mir nicht aus dem Kopf. Diese Art, mich abzustempeln, das verletzte mich. Zum Schlendern war nicht das richtige Wetter. Er regnete. Ich bin dann bei Dussmann gelandet und habe CDs und Bücher angeschaut. Ohne sie eigentlich zu sehen. Dann habe ich mich in einen der spärlich gesäten Sessel gesetzt. Ich hatte ein Buch in der Hand und blätterte von vorne nach hinten und wieder zurück. Das dauerte in bisschen, bis ich aus diesem Zustand der Enttäuschung und des Ärgers über Olga herausfand. Ich argwöhnte wieder einmal einen Mann dahinter. Obwohl ich es nicht wusste und es im Grunde auch keine Rolle spielte. Aber gerade der Mann störte mich an der Sache. Wenn sie wenigstens mit einer Frau verabredet gewesen wäre, dachte ich. Ich schaute mir das Buch etwas genauer an. „Des Weibes Leib ist ein Gedicht“ stand da.

    Des Weibes Leib ist ein Gedicht,
    Das Gott der Herr geschrieben
    Ins große Stammbuch der Natur,
    Als ihn der Geist getrieben.

    Ja, günstig war die Stunde ihm,
    Der Gott war hochbegeistert;
    Er hat den spröden, rebellischen Stoff
    Ganz künstlerisch bemeistert.

    Fürwahr, der Leib des Weibes ist
    Das Hohelied der Lieder;
    Gar wunderbare Strophen sind
    Die schlanken, weißen Glieder.

    O welche göttliche Idee
    Ist dieser Hals, der blanke,
    Worauf sich wiegt der kleine Kopf,
    Der lockige Hauptgedanke!

    Der Brüstchen Rosenknospen sind
    Epigrammatisch gefeilet;
    Unsäglich entzückend ist die Zäsur,
    Die streng den Busen teilet.

    Den plastischen Schöpfer offenbart
    Der Hüften Parallele;
    Der Zwischensatz mit dem Feigenblatt
    Ist auch eine schöne Stelle.

    Das ist kein abstraktes Begriffspoem!
    Das Lied hat Fleisch und Rippen,
    Hat Hand und Fuß; es lacht und küßt
    Mit schöngereimten Lippen.

    Hier atmet wahre Poesie!
    Anmut in jeder Wendung!
    Und auf der Stirne trägt das Lied
    Den Stempel der Vollendung.

    Lobsingen will ich dir, o Herr,
    Und dich im Staub anbeten!
    Wir sind nur Stümper gegen dich,
    Den himmlischen Poeten.

    Versenken will ich mich, o Herr,
    In deines Liedes Prächten;
    Ich widme seinem Studium
    Den Tag mitsamt den Nächten.

    Ja, Tag und Nacht studier ich dran,
    Will keine Zeit verlieren;
    Die Beine werden mir so dünn –
    Das kommt vom vielen Studieren.

    (Heinrich Heine, Das Hohelied)

    Olga ist ein bisschen lockerer als ich. Oder unbefangener. Sie kann mal eben mit jemandem ins Bett gehen und am nächsten Morgen geht sie wieder ihre eigenen Wege. Ich habe vor einigen Jahren gelernt, dass so etwas machbar ist. Ich habe es gelernt und kann‘s dennoch nicht. Oder ich will‘s nicht können. Aber ich merke, dass ich zu Olga herüber starre. Ich will sehen, was sie da macht. Oder wie sie das macht.

    Ich bin die Hure an der Bar,
    die ich vor hundert Jahren war.

    Ich bin was du vergessen hast.
    Der ausgestorbene Palast.

    Der Mund bin ich, der dich verzehrt.
    Ich bin die Nacht, die wiederkehrt.

    Ich war, ich werde sein, ich bin
    die maulbeerfarbne Negerin,

    das Meer, das dir zu Füßen schäumt.
    Ich bin der Hund, der von dir träumt.

    Das Haschisch bin ich, das du rauchst.
    Ich bin der Strom, den du verbrauchst.

    Der Tropf, an dem du hängst,
    der Haufen Geld, an den du denkst.

    Ich bin das Auge, das dich sieht,
    die Zarin, die vor dir hin kniet,

    Und die dich in die Wüste schickt.
    Ich bin der Stricher, der dich fickt.

    Ich bin dein Engels und dein Marx.
    Ich bin der Deckel deines Sargs,

    das Fleisch, das du zu Abend ißt.
    Ich bin dein Abgott und dein Mist.

    Ich bin, ich werde sein, ich war
    die Fledermaus in deinem Haar.

    (Hans Magnus Enzensberger, Ich bin was du vergessen hast)

    Ich ärgerte mich. Ich las da im Sessel sitzend Liebesgedichte, während Olga Liebe machte. Sicher war das ja nicht, aber ich stellte es mir so vor. Ich stellte mir ganz konkret Olga und einen gutaussehenden Mann im Bett vor. Bei Olga sind das immer gutaussehende Männer. Olga ist Model und das sieht man. Und die Männer, die sie so anschleppt, die sehen meistens ähnlich gut aus wie sie selbst. Ich stellte mir Olga beim Liebesspiel vor. Was man so Spiel nennt, das wird ja in der Regel auch schnell ernst. Bei mir jedenfalls. Ist das bei Olga anders? Berührt sie der Sex vielleicht gar nicht so sehr? Ich stellte mir Männerhände auf ihrem Frauenkörper vor. Ich ärgerte mich immer mehr. Ich regte mich auf. Ich erregte mich.

    Öl Schweiß Gerüche Schweißkolben Treppengeruch
    Bettgeruch da muß man die Hand die anfaßt umfaßt
    um Hartes um Weiches Metall Zebedäi reinschicken
    sich hin und her gerollt Kastanien Kopf ganz wie sagt

    man voll von schmutzigen schmutzige Phantasie ge-
    steigert zu dem Bedürfnis zu sagen von mannigfaltig
    Verwicklung in der sich konkret durch die Umstände
    auseinandergebogener Schenkel verrenkt Geschmack

    der Pulpa Klitorides Anastatica Hierochuntica Dös-
    chen zu bürsten es tun Nummer schieben Stoßgeschäft
    verkrampfte Vagina aus Angst Kinder zu kriegen die
    Sacknaht zu lecken die immer die gleiche Figur kopf-

    über verzerrt kürzer sich außer von unten geschraubter
    Hintern stumm sich verschiebende Phase verbraucht
    unverbraucht schlapp ausgehöhlt ausgearbeitet
    schwach besetzt und kräftig ausgebildet schwach aus-

    gebildet und kräftig besetzt sperrbeinig sperrfleischig
    Spalt spalten glatt kalt weich heiß Rückbezug Rücken-
    zug besonders ermüdend Ausschweifungen
    vor dem Spiegel Damenbesuch nur an Nachmittagen

    Schlüpfer- jagd als Ventil and the question as to how
    many times a night a man can do it is a favorite
    topic of grau still des Juli morgens Wand lila sperr-
    beinig auseinandergebogen talsohlenflach naß erschöpft

    was ist der des Sexuellen Tropfenglanz Zauber warum
    so gro ßen ersten Blicks dans des cas pareils
    sperrbeinig sperrbildrig fenstersturzläuternd c‘est
    toujours unbedacht blindlings die gleiche Sache

    (Helmut Heissenbüttel, Gedicht über Phantasie)

    Wenn ich rauskriege, dass da schon wieder ein Kerl dahinter steckt, drehe ich Olga bei der nächsten Gelegenheit den Hals um.

    O
    fick mich
    fick mich
    schnell.

    und er
    fickte sie
    fickte sie
    schnell

    hinter
    einem Busch?
    Es gab keinen
    Busch. Schien

    der Mond?
    Es gab kein
    Licht. Die
    Birne war

    kaputt.

    (Rolf Dieter Brinkmann, Liedchen)





    29 Dezember 2009

    Das tragische Element

    Manchmal erscheinen mir Dinge oder Umstände neu und unbekannt, die ich doch seit langem kenne. Ich habe es so oder so ähnlich schon hundert Mal erkannt, gesehen, gedacht. Etwas muss in diesen Momenten anders sein, dass ich das, was mir eigentlich bekannt ist, nicht erkenne. Und manchmal ist es gerade umgkehrt, ich erkenne in etwas Bekanntem etwas Neues. Vielleicht bin ich einfach nicht die hellste, so dass ich wieder und wieder dieselben Umstände zum ersten Mal erkenne. Oder diese Umstände sind nicht die hellsten, sie verdunkeln sich jedes Mal. Oder mein Denken ist ein Verdunkeln. Wenn ich an etwas denke, muss ich es danach irgendwie wieder erhellen.

    So weiß ich seit langem, dass es keinen Weg gibt, an der eigenen Sexualität vorbeizukommen. Ich meine nicht, dass ich sie nicht ignorieren kann, weil ich permanent sexuell bin. Ich meine vielmehr, dass ich nicht drum herum komme. Dass es kein Ausweichen gibt. Dass ich nicht einfach zu Hause bleiben kann, die Türe verschließen, alle Ausgänge verriegeln, alle Körperöffnungen gleichermaßen, damit nichts herein oder heraus gelangt. Das ist unmöglich, es gibt kein Ausweichen und kein Vermeiden. Jede Verhaltensweise ist ein Verhältnis zur Sexualität. Jede, absolut jede Art und Weise auf die ich mich verhalte, ist ein Verhalten zur meiner Sexualität. Ich kann Samstagnacht herumstreunen, mir einen Mann suchen und mit ihm ins Bett gehen. Oder ich kann zur selben Zeit zu Hause bleiben, ein Buch lesen und später dann das Licht ausknipsen, ohne einen einzigen Gedanken an einen Männerkörper. Beide Verhaltensweisen sind – gleichermaßen – Verhaltensweisen zu meiner Sexualität.

    Aus diesem Verhältnis gibt es keinen Ausweg. Niemals. Das empfinde ich als zutiefst tragisch. Und irgendwie, ich weiß nicht wie und ich will es auch gar nicht wissen, ist es gut so, dieses tragische Element der Sexualität. Diese Unausweichlichkeit. Dass ich mich jetzt (jetzt!) entscheiden muss, ob ich an meinem Notebook sitze und über Sex schreibe. Ob dies meine Unternehmung heute Abend ist. Oder ob ich etwas anderes unternehme.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 Oktober 2009

    Ich bin die Richtige

    Ich habe die ganze Nacht nicht schlafen können, wegen dieses Mannes. Wegen Hemd und Haaren, dachte ich zuerst. Aber der Grund für meine Schlaflosigkeit war ein anderer. Ich war gekränkt, dass er nicht gekommen ist. Bis zum letzten Moment habe ich gehofft, er würde sich doch noch überwinden können. Wir drei haben alle Anzeichen des Aufbruchs von uns gegeben. Ich habe mich von den anderen separiert, ich wollte einen freien Raum schaffen, Platz für diesen Mann. Ich habe in meinem Herzen Platz für ihn geschaffen. Ich habe ihm einen Blick zugeworfen, einen fragenden, einen bittenden, einen flehenden. Aber er ist nicht gekommen. Er hat mich mit all dem Platz alleine gelassen.

    Ich habe nicht schlafen können und wie meistens, wenn ich nicht schlafen kann, wende ich mich an die Worte. Lieber hätte ich die Nacht mit ihm verbracht, in seinen Armen, mit seinem Mund und seinen Händen. Jetzt habe ich sie mit Worten verbracht, in innigster Umarmung, Mund an Mund. Ich habe ihn betrogen, bevor ich ihn gekannt habe. Mit derselben erotischen Energie, dieselbe Menge, dieselbe Leidenschaft. Ich habe mich so sehr, so unfassbar nach seinem Mund gesehnt und nach seinen Händen.

    Ich bin die Richtige.
    Ich bin die Richtige um gewollt zu werden, berührt und begrabscht,
    in den Himmel gehoben und fallen gelassen.
    Ich bin die Richtige um angebetet zu werden und verachtet,
    angelächelt und verlacht.
    Ich bin die Richtige um fokussiert zu werden und zentriert,
    ignoriert, umgangen, links liegen gelassen.
    Ich bin die Richtige um geliebt zu werden und gehasst,
    vergöttert und mythisiert, imaginiert, halluziniert,
    entzaubert und zum Teufel gejagt.
    Ich bin die Richtige für Antagonismen und Parallelitäten.
    Extreme und Ausschläge,
    Durchschnitt und Mittelmaß,
    Gemeinsamkeiten und Gegensätze,
    zyklisch und linear, elaboriert und böotisch,
    versteinert und erweicht, erhöht und erniedrigt,
    angenommen und abgelehnt, polyphon und eintönig.
    Ich bin die Richtige um aufzuleben und auszusterben.
    Ich bin die Richtige für einen einzigen, ephemeren Augenblick
    und für die Äonen und Ewigkeiten.
    Ich bin die Richtige um filetiert zu werden,
    decantiert, flambiert, souffliert,
    gratiniert, kandiert, pochiert und püriert.
    Ich bin die Richtige um potenziert zu werden und quadriert,
    dividiert und multipliziert.
    Ich bin die Richtige um dekuvriert zu werden und desavouiert,
    diplomiert, diktiert und distinguiert.
    Ich bin die Richtige um alphabetisiert zu werden oder legasthenisiert.
    Ich bin die Richtige um verschüttet zu werden und evakuiert.
    Ich bin die Richtige um taxiert zu werden,
    inventarisiert, kategorisiert, katalogisiert und aussortiert.
    Ich bin die Richtige um zu den Akten gelegt zu werden und zu verstauben.
    Aber ich bin nicht die Richtige um einem Mann das Wollen beizubringen.
    Dafür bin ich die Falsche.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    24 Oktober 2009

    Vom ersten Moment an

    Wenn einem Mann das Hemd locker auf der Brust sitzt und er die Haare strubbelig hat, so dass sie nach allen Seiten vom Kopf abstehen: das kann mich total anmachen! Die meisten Männer können machen was sie wollen, das Hemd sitzt nicht wie es müsste. Es sitzt nicht, es liegt vielmehr oder es hängt. Es liegt auf den Schultern oder es hängt einfach von da herunter. Aber manchmal ist es genau richtig. Bei manchen Männern ist vom ersten Moment an alles genau richtig.

    So einen Mann habe ich gestern Abend beinahe kennen gelernt. Ich war mit zwei Freundinnen in einer Bar in Kreuzberg. Obwohl Bar nicht mein Favorit ist. Ich gehe, wenn ich ausgehe, lieber tanzen. Aber die beiden anderen hatten sich bereits viele Jahre zuvor vorgenommen, nicht tanzen zu können. Und diesen Vorsatz haben sie bis heute beibehalten. Deswegen sind wir in eine Bar gegangen. Wir haben am Tresen gesessen. Und er hat die ganze Zeit zu mir herübergeguckt. Irgendwann ist das penetrant geworden. Die einzige Möglichkeit, diese Penetranz zu unterbinden, wäre mich anzusprechen. Ich habe ihn aufmunternd angeschaut. Aber er ist bei seinen Freunden stehen geblieben. Das waren drei Schritte zu mir. Die drei kürzesten Schritte von der Welt.

    Warum kommt er nicht? Das habe ich mich gefragt. Vielleicht hat er eine Freundin und will sie nicht betrügen. Aber wer so guckt, der betrügt schon. So sehr würde er sie nicht betrügen, wenn wir beide die Nacht miteinander verbrächten. Kann die Hemmschwelle denn so hoch sein? Ich schaue doch auch. Er muss doch spüren wie sehr ich will, dass er mich anspricht. Ich will seine Stimme hören. Ich will wissen was er sagt, wobei es mir egal ist, was er tatsächlich sagt. Ich will wissen, wie er es sagt. Ich will ihm auf den Mund schauen, ich will Verlegenheit spüren, Unsicherheit. Und natürlich Begehren.

    Er muss doch wissen, dass er auf offene Türen stößt. Diese Schwelle ist offensichtlich sehr niedrig. Oder ist es gerade das? Sie ist ihm zu niedrig. Er mag mehr die Hürdenläufe und den Hochsprung. Ich müsste mich sträuben, Widerstand zeigen und nicht diese offensichtliche Bereitschaft mich begatten zu lassen. Wäre das für ihn nicht eine gute Gelegenheit, eine weitere Kerbe in seinen Bettpfosten einzuschlagen? Einen weiteren Eintrag in seinen Palmarès. Oder hat er nur Lust auf Sex und Liebe, wenn er erobern, wenn er die Konkurrenten wegbeißen muss? Hat sein Verhalten vielleicht etwas mit meiner Begleitung zu tun? Oder mit seiner? Viele Fragen. Und keine Antwort. Vielmehr nur eine einzige: Der hatte das Hemd und die Haare genauso wie ich das brauche.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    14 Oktober 2009

    Zuneigung II

    Noch ein Wort zu gestern Nachmittag: Ich will nicht, dass mich ein Mann fragt, ob ich Lust habe. Egal wie er diese Frage stellt, mit seinen Worten oder seinen Blicken. Die Frage ist vollkommen deplatziert. Auf eine solche Frage kann ich keine Antwort geben. Und müsste ich eine geben, würde sie ganz sicher „Nein” lauten. Ich will nicht, dass mich ein Mann fragt, ob ich Lust auf Sex habe. Er muss dafür sorgen, dass ich sie bekomme. Er muss das machen.

    Das ist natürlich schwer, wenn ich ihn nicht lasse. Wenn ich ihn nicht machen lasse. Aber in Wirklichkeit ist es umgekehrt. Ich habe ihn nicht gelassen, weil er es nicht gemacht hat.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    13 Oktober 2009

    Zuneigung

    Männer müssen in dieser Gesellschaft lernen, Frauen ihre Zuneigung zu zeigen. Und Frauen müssen lernen, das zu sehen, zu erkennen und anzunehmen. Und sie müssen ebenfalls lernen, die Zuneigung anderer zurückzuweisen. Das Gefühl eines anderen an sich abprallen zu lassen. Es einfach nicht zu erwidern. Wenn Männer ihren Part nicht lernen, bleiben sie lebenslang alleine. Lernen Frauen den ihren nicht, müssen sie mit jedem ins Bett steigen, der das will. Sie lernen ihren eigenen Willen und ihre eigenen Wünsche nicht gar kennen, weil sie immer nur anderen zu Willen sind.

    Männer müssen auf Frauen zugehen und ihre Lust formulieren, weil Frauen das den Männern gegenüber nicht von sich aus tun. Und weil die Lust der Frauen sich oft auch an der der Männer entzündet. Wir entflammen nicht ganz so leicht. In dieser Begehrensstruktur müssen die Männer lernen den ersten Schritt zu machen. Und Frauen müssen lernen, den zweiten zu verweigern. Für beide Schritte gilt, dass man sie selten in idealer Weise tut. Für die Männer gibt es nicht die richtige Annäherung und der einen ist bereits zu leichtfüßig, was einer anderen schon zu tapsig aussieht. Auch für die Frauen gibt es nicht die richtige Zurückweisung, und dem einen ist bereits zu robust, was ein anderer noch als Aufforderung nimmt. Und dennoch kommen sie ja zusammen. Bisweilen jedenfalls.

    Wer immer du gewesen bist, heute Nachmittag. Ich danke dir für deine Zuneigung. Ich danke dir sogar sehr! Auch wenn ich sie nicht erwidern konnte. Dies hier mag dir als Entschuldigung herhalten für meine Reaktion.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    20 September 2009

    Das Unanständigere

    Was ist eigentlich das Unanständigere: jede Nacht mit einem anderen ins Bett zu gehen oder jede Nacht mit demselben?

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    22 August 2009

    Wie Männer Weiber lieben

    Ich bekomme die Amazonenkönigin nicht aus dem Kopf. Dabei habe ich den Kleist gegriffen, weil ich mir seinen Amphitryon anschauen wollte. Und dann bin ich unbeabsichtigt bei der Penthesilea hängen geblieben.

    Als Achill zu Prothoe sagt, dass er sich in Penthesilea verliebt habe, fragt sie, die nicht sofort versteht: „Wie? Was war das?” Und Achill antwortet:

    „Beim Himmel, wie! Wie Männer Weiber lieben;
    Keusch und das Herz voll Sehnsucht doch, in Unschuld,
    Und mit der Lust doch, sie darum zu bringen.”

    Kleist, Penthesilea, Zeile 1522 f.

    Das kann man nicht weiter kommentieren. Das kann man sich nur übers Bett hängen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 August 2009

    Nichts als ein töricht Herz

    Ich zitiere noch einmal aus der Penthesilea. Prothoe, die sich, als sie erkennen muss, dass Penthesilea nicht anders handeln kann, als wirkliche Freundin erweist. Prothoe gibt keine Ratschläge wie man’s machen könnte. Was auch schlimm wäre, denn Freundschaft spielt sich in einer anderen Dimension ab, in der der emotionalen Nähe. Mit Ratschlägen hingegen hält man sich die Leute vom Leib. Prothoe gibt der Freundin keine Ratschläge wie sie’s gut, oder, schlimmer noch, wie sie’s besser machen könnte.

    Obwohl sie den Grund dafür nicht versteht, versteht sie, dass die Freundin an ihrer Grenze angekommen. Eine Grenze, die sie nicht übertreten kann. Als sie zumindest ahnt, was mit der Königin los ist: dass etwas sie geradezu vernichtet und sie die Freundin gegenüber der Priesterin verteidigt, die nichts davon versteht, geschweige denn, dass einer von ihnen es benennen könnte. Das Gefühl der Liebe ist, sozusagen, neu. Das hat es vor der Individualisierung nicht gegeben: da war, was einer fühlen, denken, tun konnte von allen anderen nachvollziehbar. Aber das ist in der Liebe nicht mehr so. Liebe ist irrational. Das Problem der Objektivität gibt es erst, seit es die Subjektivität gibt. Ein anderer kann das nicht verstehen, was in eines Menschen Brust vorgeht, diese unsäglichen Schmerzen, die die Liebe verursachen kann: „Was in ihr walten mag, das weiß nur sie”

    „PROTHOE
    Nun, wie du willst.
    Wenn du nicht kannst, nicht willst – seis! Weine nicht.
    Ich bleibe bei dir. Was nicht möglich ist,
    Nicht ist, in deiner Kräfte Kreis nicht liegt,
    Was du nicht leisten kannst: die Götter hüten,
    Daß ich es von dir fordre! Geht, ihr Jungfraun,
    Geht: kehrt in eure Heimatflur zurück:
    Die Königin und ich, wir bleiben hier.
    DIE OBERPRISTERIN
    Wie, du Unsel’ge? Du bestärkst sie noch?
    MEROE
    Unmöglich wärs ihr, zu entfliehn?
    DIE OBERPRISTERIN
    Unmöglich
    Da nichts von Außen sie, kein Schicksal, hält
    Nichts als ein töricht Herz -
    PROTHOE
    Das ist ihr Schicksal!
    Dir scheinen Eisenbanden unzerreißbar,
    Nicht wahr? Nun sieh: sie bräche sie vielleicht,
    Und das Gefühl doch nicht, das du verspottest.
    Was in ihr walten mag, das weiß nur sie
    Und jeder Busen ist, der fühlt, ein Rätsel.
    Des Lebens höchstes Gut erstrebte sie.
    Sie streift‘, ergriff es schon: die Hand versagt ihr,
    Nach einem andern noch sich auszustrecken. -
    Komm, magst dus jetzt an meiner Brust vollenden.
    - Was fehlt dir? Warum weinst du?
    PENTHESILEA
    Schmerzen, Schmerzen.”

    Kleist, Penthesilea, Zeile 1270 f.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    15 August 2009

    Kleist und Goethe

    Vor dem geschilderten Hintergrund suchte Kleist einen Platz für seine beiden Figuren. Und auch einen für sich selbst, im Olymp der Literaten, gleich neben Goethe am liebsten, dem er sich mit der Penthesilea „auf den Knien meines Herzens” genähert hatte. In welchem Verhältnis Kleist, der sich angeblich an einer Phimose hatte operieren (amputieren?) lassen müssen, neben dem unbesiegbaren Goethe (außer an seinen Versen) gestanden haben mochte, darüber lässt sich durchaus spekulieren. Goethe jedenfalls hat diese Annäherung von sich gewiesen. Richtige Kerle mögen‘s nicht, wenn die Weiber zu ihnen kommen und ihr Begehren artikulieren. Weil sie das womöglich als zu männlich empfinden, und weil sie dann, da sie selbstverständlich auf eine Trennung von Männern und Frauen bestehen müssen, die weibliche Rolle übernehmen müssten. Und Johann Wolfgang von Goethe in Strapsen: das ist wirklich schwer vorstellbar.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    02 August 2009

    Begreifen und begrapschen

    Auf meine Blogroll kommt nicht jeder. Aber jeder, der darauf kommt, kommt vollkommen zu Recht drauf. Bei jeder und jedem weiß ich, was ich an ihnen habe. Und das bekommen diejenigen auch zu hören. Heute fange ich mit flannel apparel an. Die anderen können sich also vorerst entspannt zurücklehnen.

    Liebe Tess: Ich mag deine Seite. Das merke ich jedes Mal, wenn ich zu Besuch komme. Du hast da ein richtiges Zuhause. Mir gefallen deine Schränke, deine Bilder und deine Teppiche; die ganze liebevolle Art, mit der du dir da die (der du dir da die: das ist eine alliterative Reihung, die dir gefallen dürfte, nicht?) Bude eingerichtet hast. Zwischendrin ein bisschen Gerümpel, alles schön systematisch sortiert oder sabotiert. Einige, die dir vor die Flinte kommen, werden brüskiert, die meisten hingegen büstiert. Das sieht dann immer sehr sexy aus.

    Ich mag die Art, mit der du Feminismus und weibliche Sexualität zu deinem Thema machst. Zu diesem Thema möchte ich etwas sagen, wenn’s auch, in theoretischer Hinsicht, nicht ganz das meine ist. Ich beziehe mich im Folgenden auf deinen Beitrag „Große Gier und großes Glück” und auf den auch von dir verlinkten Artikel von Beatrice Schlag in der Weltwoche, „Landkarte der Lust

    Ich mache zwei Vorbemerkungen. Erstens: Kein Thema ist wie das Thema Sexualität. Aber wir benehmen uns, als sei es eines unter anderen. Zweitens: wir stecken bis zum Hals in unserer Sexualität. Aber wir benehmen uns, als würden wir nur die Zehenspitzen drin baden. Beides suggeriert Objektivität und Unbefangenheit. Außerdem lasse ich zwei Bedingungen außer Acht. Erstens: Die Überlegungen, inwieweit wir gesellschaftlich vermittelte Rollen übernehmen und sie als einen Ausdruck unseres Selbstseins empfinden und dementsprechend als vollkommen natürlich. Zweitens: Ich abstrahiere von individuellen Tendenzen und Eigenheiten (dies muss ich sagen, weil ich am Ende des Beitrags meinen Kopf wieder aus der Schlinge ziehen will).

    So wenig wie der Feminismus mein Thema ist, so wenig ist Porno meine Literatur. Gut über Sex schreiben, können die wenigsten. Und schlechte Literatur gibt es zuhauf, dazu braucht‘s die pornografische nicht. Was du über Sophie Andresky und ihr Buch „Vögelfrei” schreibst, wird mich nicht dazu bringen, es in die Hand zu nehmen. Jan Off mit „Unzucht” klingt schon etwas spannender. Möglicherweise werden diese Texte eines Tages zur Illustration der Sittengeschichte herhalten können, wie die von Anaïs Nin und Henry Miller oder die überaus reichhaltige und vorzüglich zu lesende des Giacomo Casanova. Aber die Annahme, dass Pornoliteratur, dass ficktive Lecktüre Aufklärung im Kantschen Sinne sei, (die aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit) entbehrt, wie ich meine, jeder Grundlage. Und Porno, der von Frauen verfasst wird, ist ebenso wenig Aufklärung im feministischen Sinne wie sie diese im Sinne einer Gleichstellung der Geschlechter ist. Ich glaube, allem theoretischen Unterbau zum Trotz, dass Frau Andresky (ebenso wie auch Frau Roche und ihre „Feuchtgebiete”) mit Schlüpfrigkeit Geld verdienen wollte, nicht mit Literatur.

    Im letzten Teil deiner ausführlichen und eigensinnigen Rezension kommst du auf den Zeitungsartikel von Beatrice Schlag zu sprechen, der von den Differenzen weiblicher und männlicher Lust berichtet. Auf der Suche nach einem spezifisch weiblichen Begehren werden wir von der Daumenregel, nach der die Entfernung von Vagina und Klitoris nicht mehr als Daumenbreite betragen darf, sonst ist es für die Frau unmöglich während der Penetration zum Höhepunkt zu kommen, über Experimente, da Männern und Frauen Sexszenen vorgesetzt werden, um ihre Erregung zu messen, die Befragung von Vergewaltigungsopfern, bis zur Untersuchung von Frauen, die mal hetero-, mal homoerotische Beziehungen eingehen. Das alles ist recht unterhaltsam. Wir sind erheitert, wenn wir Sätze lesen wie: „Gegen die Bandbreite dessen, was Frauen erregen kann, hat das, was Männer anturnt, auf einem Schnürsenkel Platz.” Wir halten unsere eigene Sexualität für reichhaltiger und komplexer als die der Männer. Wir lachen erleichtert und vergessen darüber noch leichter, was uns alles kalt lassen kann. Dafür braucht es, so scheint’s, manchmal eine ganze Schnürsenkelfabrik. Die in dem Artikel beschriebenen Vermessungen und Verkabelungen der weiblichen Genitalien, die Durchblutung und Sekretion messen, ergeben nämlich: Frauen können sexuell erregt sein, ohne das Mindeste davon zu wissen. Und Frauen spüren mitunter in erotischen Situationen „nicht nur keine Lust, sondern geradezu gähnende Langeweile”.

    Männer sind da einigermaßen banal strukturiert: sie begehren, was sie erregt. Wie schlagend einfach dieser Zusammenhang ist, wird erst deutlich, wenn man sich anschaut, wie das bei den Frauen funktioniert. Oder nicht funktioniert. Sie begehren womöglich gar nicht die eigene Erregung, sondern die des anderen (der sie sich dann, so formuliert man das gerne, hingeben). Sie begehren, begehrt zu werden. Das wird von der amerikanischen Professorin Marta Maena sogar als „Orgasmus schlechthin” bezeichnet.

    Mir gefällt diese Äußerung nicht. Weil der Wunsch nach dem Begehren eines anderen Begehrens unseren Narzissmus bedient, unsere Eitelkeit und unseren Wunsch nach Anerkennung. Das mit Sexualität zu verwechseln, empfinde ich als ausgesprochen fatal. Sexualität ist kein rein physiologisches Ereignis und betrifft natürlich unsere Psyche. Aber Eitelkeit und Anerkennung, wie sehr man sie auch steigern mag, lassen sich nicht zum Orgasmus steigern (außer vielleicht für jene, die ihren Narzissmus als Extremsportart betrachten). Wenn eine Frau sich dem männlichen Begehren lediglich hingibt, ohne dabei zu einem eigenen Begehren zu kommen, dann muss sie sich nicht wundern, wenn sie sich am Ende der Veranstaltung mit einem Spiegel zwischen den Beinen sitzend wiederfindet, auf der Suche nach der Entfernung ihrer Vagina vom vermeintlichen Zentrum ihres Empfindens. Ihre Lust, ihre Sehnsucht, ihr Genießen und ihren Trieb wird sie da nicht finden; ebenso wenig wie sie die im Spiegel ihrer Eitelkeit findet.

    Mir gefällt die Konnotation von Opfer und Wehrlosigkeit in dieser Äußerung nicht. Das klingt mal wieder nach Passivität: mal sehen, was die Herren der Schöpfung im Bett – oder auf dem Weg dahin – so zustande bringen. Unter solchen Voraussetzung geraten Frauen leicht in die Defensive. Dann halten die Passivistinnen den Aktivisten (die Pazifistinnen den Attentätern) lediglich noch die von ihnen bevorzugten Körperteile hin. Es gehört durchaus zum gesellschaftlichen Gepräge (in der westlichen Hemisphäre des 21. Jahrhunderts), dass die Männer aktiver sind als die Frauen. Männer sind per se alle miteinander Brandstifter und das männliche Begehren kann ein enormer Brandbeschleuniger sein, ein Tanklaster voller Kerosin, aber das bedeutet nicht, dass es zu einer Explosion kommen muss. Das initiative Begehren des Mannes kann auch wirkungslos verpuffen.

    Du sagst in deinem Grundsatztext (den ich gestern verlinkt habe), dass Männer sich nicht aufgrund des Aussehens in Frauen verlieben. Nicht um seines Aussehens willen geliebt zu werden, das klingt gut und ehrlich. Gerade so, als sei es, würde man darum willen geliebt, falsch und verlogen. Als sei Aussehen eine oberflächliche, weil äußerliche Kategorie. Dies legt nahe, man müsse tiefer schürfen, um an den Kern der Sache, an die Person und den Charakter derselben zu kommen. Um dann nicht mehr um seines Aussehen willens geliebt zu werden, sondern um seiner Selbst willen. Damit ist aber die Kuh nicht vom Eis. Weil nicht deutlich wird, was dieses Selbst ist. Was ist mit jenen, die mit sich und ihrem Selbst wenig anzufangen wissen? Werden die weniger geliebt; oder können zumindest nicht erwarten, um ihrer bisschen Selbst willen geliebt zu werden? Was ist mit jenen, die sich nicht wohl fühlen in ihrer Haut? Oder die gar nicht genau sagen können, was sie ausmacht, was das Individuelle an ihnen ist, weil sie nicht über die sprachlichen, die analytischen oder synthetischen Möglichkeiten verfügen, die aber nichtsdestotrotz – oder sogar gerade deswegen – ausgesprochen liebenswerte Individuen sind?

    Wir – wir Frauen und wir alle – wollen durchaus um unseres Aussehen willens geliebt werden. Weil unser Äußeres das Äußere unseres Inneren ist. Und nicht irgendein anderes Äußeres, ein arbiträres, willkürliches, zufälliges. Wir sind daran gewöhnt, als unser Ich oder unser Selbst zu empfinden, was wir sehen. Vielmehr, und das macht die Sache etwas kompliziert, das als unser Selbst zu empfinden, was wir nicht sehen; unser Selbst ist das, was die anderen sehen. Was wir sehen, ist das Selbst der anderen. Dieses Selbst ist keines, das von allen anderen separiert ist. Es ist keine solipsistische Konstruktion. Das eine Selbst entsteht vielmehr an den Grenzen zu den anderen: durch deren Zuschreibungen und Spiegelungen. Wir bekommen unser Selbst – vor dem Spiegel oder in irgendeiner anderen reflexiven Verfahrensweise – nicht so zu greifen, wie andere es uns begreifen lassen. Etwas strenger formuliert könnte man sagen, dass ein Selbst nur dort das eigene Selbst ist, wo wir es durch einen anderen begreifen. Wo andere uns begreifen. Begreifen und bisweilen auch begrapschen.

    Ich verstehe das Selbst als das Verhältnis von Ich und Anderer. Und Selbstbewusstsein – ich spreche nicht von jener umgangssprachlich nivellierten Ausprägung, als narzisstisch geprägte Selbstsicherheit, sondern von einem Bewusstsein seines Selbst als einem Verhältnis – verstehe ich als einen dynamischen Prozess. Männer wie Frauen wenden sich in und mit ihrem Begehren an andere. Andere, durch deren Wahrnehmung unser Selbstbewusstsein gebildet und deren Selbstbewusstsein durch uns gebildet wird. Das bedeutet, dass wir manche Eigenschaften nicht haben und manches nicht sind, sondern erst in der Zuschreibung durch andere bekommen oder werden. Frauen sind nicht anmutig. Aber sie können es werden, indem andere diese Anmut in ihnen erkennen oder zu erkennen meinen. So verstanden ist Anmut keine weibliche Eigenschaft, sie entsteht durch die Zuschreibung der Männer. Anmut wäre dann sogar eher eine männliche Eigenschaft: bzw. der Mangel daran oder der Wunsch danach. Dementsprechend könnte man weitergehend phantasieren und formulieren: typisch weibliche oder typisch männliche Eigenschaften sind eben nicht Ausprägungen maskuliner oder femininer Natur, sondern das, was die eine Seite auf der anderen sieht oder sucht oder begehrt. Anmut oder Großzügigkeit – oder welche Eigenschaften man als weiblich, respektive männlich empfindet – entsteht zwischen zweien, zwischen den Geschlechtern, Individuen oder Subjekten. Wenn zwei Vorstellungen, zwei Erwartungen oder Hoffnungen sich umeinander drehen, sich aneinander reiben und entzünden. Zwischen zweien entsteht es und dazwischen bleibt`s auch. Das gehört weder auf die eine noch auf die andere Seite.

    Ich verstehe das Begehren als das Verlassen des Ich in Richtung eines anderen, und zwar in geradezu idealer Weise. Weil wir dadurch dem anderen die Möglichkeit geben, etwas zu sein (das wäre jetzt die existentialistische Wendung des Gesagten: der andere ist, was er ist, weil ich es ihn sein, vielmehr werden lasse). Im Begehren reiben sich zwei Vorstellungen, Erwartungen, Subjekte. Und sie reiben sich an ihren Oberflächen und an ihren Rändern. In einem Bereich, der zwischen zweien geschieht und weder auf die eine noch auf die andere Seite gehört. Weil es nur dort geschehen kann. An einem Ort, an dem der eine nicht ist, er aber durch den anderen werden kann.

    Mit dem Gesagten betone ich das Gemeinsame von weiblicher und männlicher Sexualität. Ich finde es methodologisch eleganter, erst das Gemeinsame zu bestimmen, bevor die Unterschiede herausgearbeitet werden. Wenn ich den Unterschied betonen wollte, dann würde ich etwas zum Verhältnis von Lust und Angst bei den Geschlechtern sagen. Angst hat etwas mit Tiefe zu tun, Genuss aber mit Oberfläche (behaupte ich, Widerspruch wird gerne entgegen genommen). Vielleicht ist die weibliche Sexualität tatsächlich, wie Freud meinte, unergründlich. Aber nicht unergründlich tief, sondern unergründlich oberflächlich.

    Liebe Tess, du endest deine Besprechung mit der Aufforderung „Zumindest für den Bereich Porno muss gelten: weniger Diskurs, mehr Praxis.” Da bin ich ganz deiner Meinung. Aber wenn du von der Auflösung der Rollenmodelle sprichst und davon, dass unsere „Betten und Bücher den Nährboden des Festgefahrenen längst überwunden haben sollten”, dann suggerierst du, dass Sexualität unproblematisch ist. Gerade so, als könnten wir alles in alle Richtungen hin auflösen und überwinden. Als seien wir vollkommen frei, unsere Sexualität und unser Selbst in unserer Sexualität zu gestalten. Diese Auffassung halte ich für problematisch.

    Ich bin der Meinung, dass Sexualität ein Skandal ist (und eine Schweinerei sowieso). Wir, die wir uns eng an unsere Vernunft schmiegen und an unsere intellektuellen Fähigkeiten, die wir alles begreifen und durchdringen, wir haben mit Sexualität durchaus ein Problem. Weil wir nämlich da an den Rand unserer vernünftigen und kausalen Existenz getrieben sind. Und dort warten die anderen (oder warten eben nicht), die ebenfalls am Rand ihrer eigenen Existenz stehen und ihrerseits auf uns treffen (oder nicht). Und beide Seiten, das ist das eigentlich skandalöse, sind auf die Zuschreibung durch die anderen angewiesen. Sexualität ist ein Skandal. Und dieses Skandalon ist nicht zu entproblematisieren oder zu normalisieren, indem wir uns benehmen, als sei Sexualität ein Thema unter vielen. Ein Thema, in dem wir mal die Füße baden wenn uns ein Lüstchen überkommt. Wir baden nicht in der Sexualität, die mit duftenden Ingredienzien versetzt ist; wir baden nicht in ihr, wir saufen in ihr ab.

    Zum Abschluss mal was anderes, zum Teufel mit der Theorie. Und zum Teufel auch mit dem Sex. Jetzt geht’s mal um ein wirklich wichtiges Thema, um Liebe natürlich: Wo bekommst du eigentlich immer diese attraktiven Jungs in deinem Blog her? Kann man sich mit denen mal verabreden? Oder sind die nur zum träumen und zerfallen bei der ersten Berührung zu Staub?

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
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    29 Juli 2009

    Nichts ist vor der Liebe sicher

    Ich war erst wenige Monate in Bukarest und hatte bereits eine unglückliche Liebe hinter mir. Vielmehr war ich mittendrin. Es war kein Ende in Sicht. Nicht einmal ein Anfang vom Ende. Ich hatte den festen Vorsatz, nie wieder einen Mann an mich heran zu lassen. Sollte es ihn je geben, so würde ich ihn auf Distanz halten und ihm höchstens die Fingerspitzen anbieten. Ich wollte dieses Gefühl von Liebe nicht mehr. Die Grenzen meines Körpers, dachte ich, seien sicher. Ich wollte nicht mehr in der Mitte meiner Existenz getroffen werden. Ich wollte diese Wehrlosigkeit nicht mehr. Die Verletzungen, die Kränkungen, die Rätsel, die der andere einem aufgibt, die Unsicherheit, die Fragen und die Verzweiflung. Die Euphorie und das Glück, auch das wollte ich nicht mehr. Ich hatte davon gekostet und es sagte mir nicht zu. Glück und Unglück lagen mir zu nah beieinander. Grenzenlos nah beieinander. Fingerspitzen, so nahm ich damals an, sind, anders als die Augen oder das Herz, vor solchen Empfindungen sicher. Aber das war ein Irrtum: Nichts ist vor der Liebe sicher.

    Mitten im Kummer um den einen kam ein anderer. Vielmehr nicht mittendrin, sondern am Rand. In diesem Moment, da die Liebe an seinem einen, zukünftigen Rand erneut auftauchte, war der Kummer, den sie an seinem anderen, dem vergangenen Rand, bereitete, bereits vergessen. Ich war den ganzen Tag mit meinem Kummer beschäftigt gewesen. Mit meiner Leere. Dann stieß ich mit jemandem auf dem Bürgersteig zusammen, beinahe jedenfalls. Und plötzlich gab es ein Gegenüber. Ein Gegenüber, der spontan meine Hand ergriff. Ein anderer hätte mich angeschaut. Später habe ich erkannt, dass dieser Mann mich nicht anschaute, weil er nie jemanden anschaute. Weil er blind war. Mehr war nicht geschehen. Das war der Moment in dem die beiden folgenden Jahre lagen.

    Das Ende unserer Beziehung kam ebenso überraschend wie ihr Anfang. Eine Woche nach der Trennung saß ich bereits im Zug nach Berlin. In diesen Tagen lag ich oft bewegungslos auf meinem Bett und betrachtete die Decke. Manchmal schaute ich aus dem Fenster auf die Straßenkreuzung, die ich zweieinhalb Jahre vom Schreibtisch betrachten konnte. Zwei Jahre zuvor hatte Marian meine Hand genommen. In diesen Tagen vor und nach der Trennung habe ich seine losgelassen. Die Fahrkarte nach Berlin besaß ich bereits als ich zum letzten Mal zu ihm ging. Ich brauchte das Gefühl, dass ich aus seiner Wohnung heraus käme. Und das mich seine Verzweiflung und seine Tränen nicht zum Bleiben zwingen würden. Ich brauchte die Versicherung, dass mein Leben nach der Trennung von Marian weitergehen würde. Selbst dann, wenn das seine still stünde.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    26 Juni 2009

    Hoffnung III

    Wenn ich mir die letzten beiden Bemerkungen anschaue, wie sie da stehen, für jeden zugänglich und einsehbar; sie sehen anders aus als noch Minuten zuvor, da nur ich sie sehen konnte, zu dem Zeitpunkt, da es noch eine sehr intime Erfahrung gewesen ist; jetzt ist sie öffentlich und dadurch ist sie eine andere: sie ist nicht mehr nur meine Erfahrung, sie ist von mir abgerückt, entfernt, beinahe so als hätte ich es nicht selbst geschrieben, sondern läse, was ein anderer zu dem Thema Hoffnung geschrieben hat -; wenn ich mir also die letzten beiden Bemerkungen anschaue, dann frage ich mich: gibt es eigentlich auch Lebenserfahrung, die man nicht so verdammt teuer bezahlen muss.

    Ans Ende dieses Satzes müsste ein Fragezeichen, aber ich habe keine Kraft für ein Fragezeichen. Der Preis für diese paar Worte ist so unermesslich hoch und eigentlich gar nicht in Worte zu fassen. Und der Preis für das, was nicht in Worte zu fassen ist, ist verdammt noch mal zu hoch. Es gibt immer noch diese Momente, da schüttelt mich die Hoffnungslosigkeit. Ich sitze auf meinem Stuhl in der Küche und fange zu weinen an. Ich kann nichts dagegen tun.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    26 Juni 2009

    Hoffnung II

    Wie sehr man die Hoffnung auch ausrottet, wie sehr man sich wieder dem Verstand zuneigt und der Wirklichkeit und erkennen will und muss, dass der andere einen tatsächlich nicht liebt und nicht will: ein Funken Hoffnung bleibt immer. Und bei der allernächsten Gelegenheit steht man wieder in Flammen. Man brennt lichterloh. Unbegreiflich.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    26 Juni 2009

    Hoffnung

    Hoffnung ist eine seltsame Angelegenheit. Da hofft man, dass es geht. Das es wider allem Anschein doch geht. Obwohl man ja weiß, dass es nicht geht. Und dass es nie gehen wird. Aber man hofft einfach weiter. Man legt sich das Verhalten eines anderen Menschen zurecht, sucht Entschuldigungen und Erklärungen. Und die ganze Zeit tut man nichts anderes, als hoffen. All diese Erklärungen und Entschuldigungen sind nichts anderes als Ausdruck von Hoffnung. Man macht das alles nur, damit man weiter hoffen kann. Obwohl man ja bereits weiß, seit langem schon weiß, dass all die Hoffnung, die man da aufbringt und mobilisiert, jeden Tag und jede Stunde und jede Minute, das man sich all diese Hoffnung nur deswegen macht, weil man weiß, wie hoffnungslos die ganze Sache ist. Durch und durch hoffnungslos.

    Und wenn man das verstanden hat, dann weiß man auch, dass es zu Ende ist. Selbst wenn man in dem Moment noch nicht die Kraft aufbringt, für den einen letzten Schritt. Diese Trennung von der Hoffnung. Weil sich davon zu trennen, das Schwerste von allem ist. Das fühlt sich an, als würde man nie wieder hoffen können. Und ohne Hoffnung kann man nicht existieren. Wenn man nicht mehr auf irgendetwas hofft, dann ist man am Ende. Nicht an einem dieser Enden, die einen im Leben erwarten – Leben besteht nun einmal aus anfangen und aus beenden – , nicht an einem Interimsende, sondern an einem richtigen Ende.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    29 Mai 2009

    Schlimmer Kummer, weiter verschlimmert

    Ob richtig oder falsch, ob in einem Aggregatzustand, in einem anderen oder in keinem, mein Herz ist voller Sehnsucht. Auch wenn mir das nicht gut tut. Der Zustand, in den dieser Mann mich versetzt, außerhalb der drei bekannten Aggregatzustände, diese glückliche Verzweiflung, erinnert mich an einen ähnlichen Ausnahmezustand, vor vielen Jahren, in Bukarest, und an die Zeilen von Edmond Rostand:

    „Ruf laut, welch bittrer Stolz dein Herz umgibt,
    Doch leis gesteh mir, dass sie dich nicht liebt.”

    Das einzig mögliche Sedativum: Björk, Unravel. Hundert Mal hintereinander. Das ist das einzige, was hilft. Auch wenn es in Wirklichkeit nicht hilft. Es macht sogar alles noch schlimmer. Aber Verschlimmern ist das einzige was hilft. Auch wenn es nicht hilft. Auch wenn es alles noch schlimmer macht.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.