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    Hier wird boykottiert

    Hier wird coqettiert

    Hier wird drangsaliert

    Hier wird elaboriert

    Hier wird illusioniert

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    Kommentare:

  • Aléa Torik: Ich hatte bereits angekündigt, meine Präsenz im Netz zu reduzieren. Ich werde weiterhin Beiträge einstellen, seltener als bisher. Die Kommentarfunktion ist deaktiviert. Ich bedanke mich bei allen, die hier regelmäßig mitgeschrieben und dafür gesorgt haben, dass das ein spannendes und...
  • Aléa Torik: Lieber Christian, ich glaube, ich habe einen Ort für den Essay. Ich bin nicht ganz sicher, ich habe eine positive Mail bekommen und auch erfreut geantwortet, dann aber keine Reaktion mehr bekommen. Aber wenn es wahr ist – wenn es tatsächlich wahr sein sollte … dann hören Sie...
  • Christian: liebe Alea, apropos Essay: freue mich schon auf Ihren Essay zu David Foster Wallace den Sie hier vor Kurzem erwähnten. Gibt es schon einen Termin und Ort für die Veröffentlichung? liebe Grüße Christian
  • Aléa Torik: Lieber NO, zurück im Alten Europa? Ich vermute, bei Ihnen geht die Kulturumstellung inzwischen relativ schnell und Gewöhnung und der Alltag gewinnen bald Oberhand? Inzwischen beinahe schon ungewohnt, mich zu Kommentaren und Eingaben zu verhalten: Ich habe die Funktion deaktiviert, das...
  • NO: Alea Torik, Das Geräusch des Werdens, und Maddox, der verrückte Hund(e) Zurück aus den USA und noch ein Letztes: Maddox. Maddox, na ja. Ganz lustig. Ein Überempfindlicher, der in Masken und mit Zylinder herumläuft, der wie ein Bauchredner nicht mit den Menschen selber spricht, sondern nur...
  • Phorkyas: Liebe Alea, dieses Kommentarfeld hier hatte ich übersehen. Das ist eine sehr runde Sache geworden, Ihr Roman, wie ich finde – das lange Leiden und Feilen hat sich also gelohnt. Mir hat die Beschreibung von Marijans Mobilitätstraining sehr gefallen. Ich weiß nicht, ob Sie das schon...
  • Aléa Torik: Lieber Avenarius, vielen Dank für die wohlmeinenden Worte. Die tun mir mehr gut als Sie glauben mögen. Ich werde weitermachen, weil es auch für den nächsten Roman wichtig ist. Und ich werde wohl die Kommentarfunktion deaktivieren. Das ist eine schwierigere Entscheidung als man...
  • avenarius: Liebe Alea, im Verhältnis zu Ihrer vorherigen Präsenz haben Sie sich bereits aus dem Netz zurückgezogen. Aber warum sollte ein Blog nur wegen verminderter Aktivität aufgegeben werden. Ich würde weiterköcheln – auf Sparflamme. Frohe Ostertage wünscht - avenarius
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, dafür gibt es einige Gründe und einige andere, die dagegen sprechen. Ich muss mir noch überlegen, wie ich das formuliere. Einmal für mich selbst und einmal hier, in der Öffentlichkeit. Ich hatte Anfang März schon überlegt, mich gänzlich aus dem Netz zurückzuziehen:...
  • Azadeh Sepehri: Warum denn?
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, ich überlege, die Kommentarfunktion gänzlich auszuschalten. Ich habe mich aber noch nicht entschieden. Aléa
  • Azadeh Sepehri: Liebe Alea, warum kann man unter Ihren letzten Beiträgen keine Kommentare hinterlassen?
  • Azadeh Sepehri: Liebe Alea, ich glaube, ich hatte ihren Beitrag falsch verstanden und dachte, Sie schreiben unter einem Pseudonym. Aber auch falls Sie dies machen würden, fände ich es nicht schlimm. Schließlich hat jeder das Recht, selber darüber zu entscheiden.
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, ich schlage vor, wir warten bis zur Veröffentlichung davon, was im Januar 2013 der Fall sein wird, und dann kann jeder entscheiden, was mein richtiger Name ist, was das richtige und das falsche Verhalten war. Herzlich Aléa
  • Azadeh Sepehri: Interessant. Ich dachte, Sie schreiben unter Ihrem “richtigen” Namen.
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, „Nehmer“ und „Geber“: Nehmen ist ja auch leichter als geben. Sein Recht in Anspruch zu nehmen ist leichter als einer daraus resultierenden Plicht zu entsprechen. Dass Recht und Pflicht so eng miteinander verbunden sind, dass sie dasselbe sind, auseinander hervorgehen,...
  • Aléa Torik: Lieber Holio, Sie können hier gerne mit Ihrem Meißel klopfen. Und ich habe auch nichts dagegen, wenn dabei etwas anderes herauskommt als ich das beabsichtigt habe. Soviel verstehe ich von Literatur, um zu wissen, dass die Autorin eine Interpretation unter anderen hat. Es stehen, sowie...
  • Aléa Torik: Lieber NO, auch für mich sind Lydijakapitel und Aufzählungskapitel die beiden Höhepunkte dieses Romans. Es sind wohl auch die beiden schwierigsten Kapitel. Das Zentrum des ganzen Textes ist sicher das Aufzählungs- oder Berlinkapitel. Das war geplant als eine Beschreibung des...
  • avenarius: Liebe Alea, ja natürlich, es gibt immer eine Macht. Macht bedarf, ganz anders als die Gewalt, keinerlei Rechtfertigung, “da sie allen menschlichen Gemeinschaften immer schon inhärent ist. Hingegen bedarf sie der Legitimität. Macht entsteht, wann immer Menschen sich zusammenfinden...
  • Aléa Torik: Lieber Ave Narius, ich bin da, soweit ich sehe, völlig einverstanden. Nur mit dem „Medusenhaupt der Macht“ habe ich Schwierigkeiten: es muss eine Verfassung geben, eine Legislative, und dann muss es auch eine Executive und eine Judikative geben. Es muss eine Macht geben und sie muss...

  • 21 Oktober 2009

    Irgendeine Marlene

    Dies ist die Geschichte einer Marlene. Wenn man mich fragen sollte, welche Marlene denn? würde ich antworten: irgendeine. Irgendeine Marlene. Dies ist die Geschichte irgendeiner Marlene.

    Irgendeine Marlene kommt morgens in die Küche, um sich Kaffee zu kochen und ein Müsli zu machen. Sie hat schlecht geschlafen. Erst konnte sie nicht einschlafen und dann haben sie Träume gequält. Oder waren das keine Träume? Sie kann sich kaum erinnern. Was hat sie da eigentlich geträumt? Es ist zum greifen nahe und doch unbegreiflich. Sie dreht sich zum Kühlschrank und beugt sich herunter, um die Milch herauszuholen. In diesem Moment erschreckt sie sich zu Tode: Da sitzt ein Mann. Am Küchentisch sitzt ein Mann. Da sitzt ein Mann und schaut sie an. Sie will schreien, aber sie kann nicht atmen. Sie will aufstehen und wegrennen, aber sie kann sich nicht bewegen. Sie spürt wie sie das Bewusstsein verliert. Als sie wieder zu sich kommt, liegt sie auf dem Boden vor dem Kühlschrank. Von dem Mann ist nichts zu sehen. Irgendeine Marlene kommt aus dem Urlaub nach Hause. Sie steht mit zwei Koffern vor der der Haustüre, steckt den Schlüssel ins Schloss und stellt fest, dass er nicht passt. Sie probiert es ein zweites Mal, sie probiert auch die anderen Schlüssel. Sie sieht erstaunt, irritiert auf den Schlüsselbund in ihrer Hand und auf die Haustüre. Dann dreht sie sich um, mit einem fragenden Gesichtsausdruck. Irgendeine Marlene geht eines Abends in ein Café und sieht ihren ersten Freund wieder. Damals war sie siebzehn, achtzehn vielleicht. Mehr als zehn Jahre ist das her. Sie halten beide für den kleinen Teil eines Moments inne, dann gehen sie ohne ein Wort aneinander vorüber. Irgendeine Marlene kauft Honig, Käse, ein Brot und einige Tomaten ein, hat aber an der Kasse nicht genug Geld und wird rot. Irgendeine Marlene wirft, bevor sie das Haus verlässt, noch einen Blick in den Spiegel und stellt fest, dass der Mantel nicht zum Rock passt. Sie zieht sich noch einmal um, aber nun passen die Schuhe nicht. Sie probiert es mir einer Hose und schaut erneut in den Spiegel. Und da stellt sie fest, dass es nicht an dem Rock liegt oder an der Hose. Es sind die Schuhe. Die Schuhe passen nicht. Sie passen nicht zu ihr. Dabei trägt sie sich schon Jahre, es sind ihr Lieblingsschuhe. Jetzt muss sie feststellen, dass sie nicht zu ihr passen. Mit einem Gefühl, als passen nicht nur die Schuhe nicht. Sie steht vor dem Spiegel und hat das überwältigende Gefühl, das sie selbst es ist, die nicht passt. Sie steht wie gelähmt da. Dann bricht sie in Tränen aus. Irgendeine Marlene geht spätabends ins Bett und verweint die halbe Nacht. Sie wacht am Morgen auf, fühlt sich zerschlagen, kann sich aber nicht an den Traum erinnern. Irgendeine Marlene geht in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen und ein Müsli. Sie schüttet das Müsli in eine Schale, dreht sich um, beugt sich herunter und öffnet den Kühlschrank, um die Milch herauszunehmen. Dabei geht ihr Blick über den Rand der Kühlschranktür. Und dies hier ist ihre Geschichte. Die Geschichte irgendeiner Marlene.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    07 Oktober 2009

    Präziser oder poetischer

    Dies ist die Geschichte eines Mannes, der meinte, alles wieder umformulieren zu müssen.

    Die Geschichte von einem, der alles, was er gesagt und geschrieben hat wieder relativieren musste. Der gerade rücken musste, was ihm schief und krumm vorkam. Und der dann, was er zuvor bereits gesagt hatte, erneut formulierte. Weil ihm dies, bei näherer Betrachtung, abends bei Kerzenschein oder Halogenlicht, weil er das bei erneuter Betrachtung als unzureichend empfand. Oder als falsch. Als widersinnig. Und der das dann erneut formulierte, präziser vielleicht. Oder poetischer. Der das eine gegen das andere austauschen wollte. Kaum, dass er alles präzisiert hatte, poetisierte er es, um es dann, bei allernächster Gelegenheit wieder zu präzisieren. Und der das sein ganzes Leben lang so machte, richtig stellte, was ihm falsch vorkam, vereindeutigte, was ihm zweideutig schien. Und der sein ganzes Leben damit zubrachte. Und der den Eindruck hatte, sich keinen einzigen Schritt vorwärts zu bewegen. Und der dennoch immer darauf hoffte, eines Tages dieses Dilemma und diese Ausweglosigkeit zu überwinden. Und loszugehen. In die eine oder in die andere Richtung. Eines Tages würde er sich zu einer ganz anderen Art von Klarheit aufraffen können.

    Dies ist die Geschichte eines Mannes, der sein ganzes Leben lang immer wieder neu Anlauf genommen hat. Und der am Ende dieses Lebens feststellt, dass er gar nicht so unglücklich war, wie er das bis dahin angenommen hatte. Der nicht von Hemmung zu Hemmung gegangen ist, sondern dessen Leben durchaus einen Sinn gehabt hat. Und dieser Sinn hat darin bestanden, alles wieder gerade zu rücken. Oder schief. Dieses umrücken, das war der Sinn. Das ist die tiefe Erkenntnis am Ende seines Lebens. Wohlwissend, dass er an diesem Tag wird sterben müssen. Denn ansonsten hätte er das am nächsten Tag natürlich wieder relativiert und hätte diese Erkenntnis präziser formuliert. Oder poetischer.

    Als Camus seine sehr kurze und sehr bekannte Abhandlung über Sisyphos schrieb, da hat er als letzten Satz – vielleicht hat er das gemacht weil so ein provokanter Schlusssatz gut für die Reputation war – formuliert: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.” Ich finde, da ist er übers Ziel hinaus geschossen. Den oben skizzierten Menschen zwischen Poesie und Präzision, den müssen wir uns nicht als glücklich vorstellen. Und schon gar nicht als zufrieden (was ja von manchen Menschen als mediokere Variante des Glücks aufgefasst wird), sondern schlicht und ergreifend als beschäftigt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    29 September 2009

    Der Herzog von Charost

    Dies ist die Geschichte vom idealen Leser.

    Der Herzog von Charost ist auf dem Weg zum Schafott. Ich kann mich nicht an sein Vergehen erinnern, ob er, nach damaligem Verständnis, zu Recht oder zu Unrecht verurteilt wurde. Er sitzt hinten auf einer Pritsche und liest seelenruhig in einem Buch. Dann kommt der Wagen an den Ort an dem das Urteil vollstreckt werden soll. Und dieser Mann, diese Heroe der Lesekultur, was macht er, Minuten bevor er guillotiniert wird? Er macht, bevor er das Buch zuschlägt, ein Eselsohr hinein! Die Wahrscheinlichkeit, dass er die Dekapitation, die gewaltsame Abtrennung des Kopfes vom Rumpf; die Wahrscheinlichkeit, dass er seinen Tod überlebt, ist ja nun wirklich denkbar gering. Aber für den Fall, dass es doch so sein sollte, könnte er, kopf- und leblos wie er dann nun einmal ist, gleich an der Stelle weiterlesen, wo er, zu seinem Unbill, die Lektüre hatte unterbrechen müssen.

    Ich würde gerne wissen, was er da gelesen hat. Das kann eigentlich nur Shakespeare gewesen sein. Die Frage ist natürlich: Komödie oder Tragödie?

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    31 August 2009

    Reisebericht aus einer untergegangenen Welt

    Dies ist die Geschichte eines nicht mehr ganz jungen Vaters. Er und seine Frau haben vor einigen Wochen ihr zweites Kind bekommen, einen Jungen. Am vergangenen Wochenende wurde Oskar den Freunden und Bekannten präsentiert. Das Baby ist der ganze Stolz seines Vaters Timo. Im Laufe des Abends wurde erst aufs Kind getrunken, dann aufs Leben im Allgemeinen, später auf die Zukunft des Jungen und noch später auf die eigene Vergangenheit. Und dann kamen die Geschichten auf den Tisch.

    Der Vater des Jungen hatte viele Jahre zuvor eine Weltreise unternommen. Diese Reise ist ein schier unendliches Reservoir für Geschichten. Von Berlin aus waren er und zwei Freunde damals in Richtung Türkei gefahren, nach Osten. Immer weiter nach Osten, bis es nicht mehr weiterging. Mit dem Zug über Istanbul, Bagdad, Teheran, Kabul bis nach Lahore. So war jedenfalls der Plan. Und dieser Plan, das spürten die drei, die sich in den ersten Tagen der Reise immer wieder ungläubig anschauten, war der totale Wahnsinn. Das Ende der Welt. Bis ans Ende dessen, was man sich vorstellen konnte. Und da würde es dann liegen, ein Juwel, der in der Sonne blitzte.

    Alle paar Wochen, so hatten sie bei der Abreise versprochen, wollten sie zu Hause anrufen. Das stellte sich vor allen in China als ein Problem heraus. Die Währung, die Sprache, mit Englisch kam man nicht weiter, der Laden in dem sie telefonieren wollten, die Zahlen, die man mit dem Apparat wählen musste, alles war plötzlich ein Problem. Und hatten sie es geschafft, hatten sie eine Leitung und klingelte am anderen Ende dieser Leitung, tausende Kilometer weit weg, das Telefon, dann klingelte und klingelte es und niemand nahm ab. Wartete wirklich niemand auf den Anruf? War man daheim schon vergessen? Sie sahen einander an, sagten aber nichts. Sie sprachen den ganzen Abend nicht, keiner fand die richtigen Worte, um diese Stimmung zu durchbrechen. Am nächsten Morgen war der Anfall von Heimweh vorüber. Sie traten aus dem billigen Hotel, an der Straßenecke ein Tempel zu Ehren Shivas, und sahen die gigantische Bergkette des Himalajas vor sich. Sie befanden sich an der Grenze zu Tibet, auf dem Weg in jene Stadt, von der sie bereits bei ihrer Abreise geträumt hatten und der von Anfang an das Ziel gewesen war. Dieser Ort, der ihre Phantasie seit so vielen Jahren beschäftigte. In den nächsten Tagen würden sie ihn sehen: Kathmandu.

    Selbst wenn einer an der Welt nicht interessiert ist, an ihren geografischen Schönheiten oder an den Menschen, sollte doch jeder eine Weltreise machen. Am besten in jungen Jahren, sodass er später davon erzählen kann. Je größer der Abstand zwischen Reise und Erzählung, so scheint es, desto verwegener wird die Reise und desto erstaunlicher die Welt, die man da zu sehen bekommen hatte und desto großartiger die Erzählung von ihr. Eine Welt, die heute, zehn oder zwanzig Jahre später, verschwunden zu sein scheint. Das sind Geschichten aus einer untergegangenen Welt. Nur die eigenen Erinnerungen zeugen noch von ihr. Nur die eigenen Geschichten retten sie vor dem endgültigen Untergang.

    Solche Geschichten wird auch der Sohn eines Tages zu hören bekommen. Er wird an den Lippen seines Vaters hängen, an jedem Wort, das der erzählt. Keine dieser Geschichte ist zu abenteuerlich, keine zu gefährlich. Andere Menschen, andere Sitten, andere Sprachen, andere Zeitzonen und andere Vorstellungen von der Zeit: Nichts klingt dem Sohn zu absurd, um an seinem Vater zu zweifeln. Aber als es an die Telefongeschichte geht, den stundenlangen Versuch in diesem Laden, eine Art Cafe´, in dem ungewöhnliche Lampen von der Decke hängen und Kleidungsstücke, an kleinen Tischchen hocken vor allem ältere Opiumraucher und man schaut die drei sehr skeptisch an oder feindselig oder ohne jede Regung, das können sie nicht entscheiden; als der Vater diese Geschichte erzählt, von dem Versuch zu Hause anzurufen, stundenlang wird gewählt, mit dem Kopf geschüttelt und gestikuliert, und wieder und wieder auf den Apparat gezeigt, der erneut hinübergereicht wird, da zweifelt der Zehnjährige dann doch an seinem Vater. Warum er denn nicht übers Internet angerufen habe, will er wissen. Damals, antwortet sein Vater, gab’s noch kein Internet.

    Alles, alles hat der Junge seinem Vater geglaubt, kein Berg zu hoch, keine Schlucht zu tief, kein Feuer speiender chinesischer Drache zu gefährlich, aber dass es kein Internet gegeben haben soll, das glaubt er ihm nicht. Das kann er nicht glauben. Weil kein einigermaßen vernünftiger Grund erkennbar ist, warum es das nicht gegeben haben soll.

    Man findet viel im Internet, nahezu alles. Eines aber findet sich dort nicht: die Erinnerung an die Zeit davor.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    27 Juli 2009

    Buridans Esel

    Dies ist die kurze und tragische Geschichte von Buridans Esel. Hungrig steht er zwischen zwei ähnlich großen Heuhaufen. Er kann nicht entscheiden, welcher der beiden der größere ist und da er sich mit dem kleineren nicht begnügen will, bleibt er auf der Stelle stehen. Und verhungert.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    14 Juli 2009

    Daran stirbt man nicht

    Dies ist die Geschichte vom Lackieren der Fußnägel. Ich sitze auf dem Balkon und überlege, ob ich meine Fußnägel lackieren soll. Das mache ich nicht selten: ich überlege mir Fuß- oder Fingernägel zu lackieren. Ich mache es dann nicht. Ich mache das nie. Ich schminke mich auch fast nie.. Manchmal benutze ich Lippenstift, ich habe einen tiefroten und einen schwarzen. Lippenstift betont die Zähne. Ich mag meine Zähne. Sie sind der einzige Schmuck den ich besitze. Besitzt man seinen Körper?. Ich habe weder Ohrlöcher, noch trage ich Ringe oder Ketten. Ich will nicht durch meine Attribute gefallen. Ich will schließlich kein Geld mit meinem Aussehen verdienen.

    Ich sitze also auf dem Balkon und mache meditative Betrachtung des eigenen Bauchnabels: Omphaloskopie. Es klingelt. Ich stehe auf, gehe zur Wohnungstüre und öffne sie. Meine Freundin Stella steht vor mir. Wir wohnen im selben Haus und haben uns vor einiger Zeit im Flur ineinander verliebt. Stella ist vier Jahre alt. „Ich bin’s“, sagt sie. Obwohl ich das ja sehe. Manchmal klingelt sie, wenn sie unter vor dem Haus steht. „Ich“, sagt sie dann nur. „Ich“ ist die umfassendste Erklärung, die es in der Kinderwelt geben kann.

    Heute muss ihre Mama etwas erledigen und Stella fragt, ob sie bei mir bleiben könne. Wir setzen uns zusammen auf den Balkon, aber das Kind lebt eher veranstaltungsorientiert. Sitzen und unterhalten ist ihr zu langweilig. Sie will was erleben. Und wenn das nicht von alleine passiert, dann muss sie eben nachhelfen. Wir spielen also zusammen. Nach etwa einer halben Stunde fasst sie mich an der Hand und sagt mit ernstem Gesicht “Ich muss mal.“ Ich soll sie auf die Toilette begleiten. Sie zieht sich zuerst die Hose aus, dann die Unterhose. Beides fliegt in hohem Bogen durchs Badezimmer. Sie setzt sich aufs Klo. Und dann passiert erst mal nichts mehr. „Ich dachte, du musst pinkeln“, sage ich. „Eben musste ich ja auch noch“ ist die Antwort. Damit scheint die Sache für sie erledigt. „Das kann ja wiederkommen“, sage ich nach einer kurzen Pause. Stelle nickt bedächtig. Ich setze mich auf den Wäschekorb. Es macht den Eindruck, als könne das länger dauern. Etwas lenkt sie vom Pinkeln ab. Ich folge ihrem Blick. An der Wand gegenüber hängt ein Bild von Marilyn Monroe, die sich, tief dekolletiert, der Kamera entgegen beugt. Etwas in Stella arbeitet, man sieht’s ihrem kleinen Gesicht an. „Was ist los?“, frage ich. Stella fragt zurück, ob die Frau auf dem Bild schön sei. Ich antwortete, dass viele Männer sie schön finden. Damit gibt sie sich nicht zufrieden, sie will wissen, ob ich sie schön finde. Ich weiß es selbst nicht so genau, ihren Erfolg bei den Männern, das ist das an ihr, was viele fasziniert. Aber ich? Beeindruckt mich dieser Erfolg? Ich weiß es nicht und versuche erneut auszuweichen. Aber Stella lässt nicht locker. Bis ich schließlich zugebe, dass ich sie schön finde. Und weil ich offenbar dann das Gefühl habe, es relativieren zu müssen, füge ich hinzu – als würde es dadurch relativiert! – dass die Frau auf dem Bild schon lange tot ist. „Ist die daran gestorben?“, fragt Stella und zeigt auf das Bild. Ich weiß erst nicht, was sie meint. Dann geht mir ein Licht auf, sie meint die lackierten Fußnägel. Ich muss lachen. „Nein“, sage ich, „daran stirbt man nicht“. Woran sie denn gestorben sei, fragt Stella. Ich sage, dass ich es nicht weiß. Stella fragt mich, wie ich wissen könne, dass sie nicht daran – sie zeigt erneut auf das Bild und die lackierten Fußnägel – gestorben sei, wenn ich gar nicht wisse woran sie gestorben sei.

    Ich bin verblüfft. Und auch ein bisschen schockiert, dass mich ein kleines Kind der ungenauen Verwendung von Sprache überführt. Aber Kinder sind so: nicht ungeheuer klug, vielmehr sehr aufmerksam, was die Sprache angeht. Stella ist die nächste Stunde übertrieben fröhlich und ausgelassen. Später setzt sie sich auf meinen Schoß und schmiegt sich an mich. Ich lege die Arme um sie und drücke sie an mich. Wir schmusen. Dann befreit sie sich aus meiner Umarmung. Sie zieht mit einem Ruck gleichzeitig beide Socken herunter. Voller Stolz zeigt mir ihre kleinen Füße, mit den lackierten Fußnägeln.

    Ich kenne das nun schon seit einiger Zeit, bin aber dennoch jedes Mal aufs Neue erstaunt, wie sich manche Sachen in Kinderköpfen zusammensetzen. Sie hatte tatsächlich Angst an den lackierten Fußnägeln zu sterben.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    05 Juni 2009

    Der Maler

    Dies ist die Geschichte eines Malers, der im Kundenauftrag einen Hahn zeichnen soll. Künstler und Auftraggeber vereinbaren im Voraus einen festgelegten Betrag für die Arbeit. Viele Wochen später, am vereinbarten Tag, kommt der Kunde, um seine Zeichnung abzuholen.

    Der Maler scheint viel zu tun zu haben und lässt den Kunden warten. Der macht bald auf sich aufmerksam. Der Maler scheint ihn nicht zu erkennen. Bis der Kunde deutlich zu verstehen gibt, dass er am heutigen Tag seine Zeichnung abholen könne. Der Künstler scheint sich widerwillig zu erinnern. Er greift nach einem Blatt und zeichnet mit schnellen Strichen einen Hahn auf’s Papier. Das Ganze dauert keine zwei Minuten. Der Kunde ist erst erstaunt und dann erbost. Wie könne er, fragt er den Maler, ihm einen dermaßen hohen Betrag für diese zwei Minuten Arbeit abverlangen? Wie könne er, der das da, der Kunde weist verächtlich auf den Hahn, aus dem Handgelenk geschüttelt habe, so viel Geld dafür verlangen? Der Maler schweigt. Der Kunde ereifert sich, er wird wütend, er versteigt sich immer weiter. Bis der Maler, ohne ein Wort zu sagen, unter den Tisch greift und einen dicken Stapel Blätter hervorholt: Hähne in allen Stellungen und Varianten, ausgeführt in verschiedenen Techniken, mit und ohne Farbgebung, mit und ohne Hintergrund, realistische Perspektiven, skurrile Varianten, Studien über Studien, dutzende Blätter. Beschämt wendet sich der Kunde ab, zahlt und verlässt, seinerseits nun ohne Worte, das Atelier.

    Die Moral von der Geschichte? Nicht etwa, dass einer viel arbeiten muss, um ein guter, womöglich auch (nur) ein gefragter Künstler zu werden. Nicht, dass Entlohnung und Aufwand in einem angemessenen Verhältnis zueinander stehen müssen. Vielmehr dass Kunst aus dem Handgelenk kommt und deswegen etwas onanistisches und unanständiges hat. Das ist ihr Kapital!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    10 Mai 2009

    Usnavi

    Dies ist die Geschichte einer Mutter, die, hochschwanger, von einem auf den anderen Tag den gemeinsam mit der Familie ausgesuchten Namen ihres Kindes ändern will. Trotz erheblichen Widerstands ihres Mannes und ihrer Eltern besteht sie darauf das Kind, ob Mädchen oder Junge, Usnavi zu nennen. Das ist kein gebräuchlicher Name in Kolumbien, und daher stammt die Geschichte. Die Tochter heißt dann tatsächlich so, zum Bedauern der Familie und auch zu deren eigenem Bedauern. Usnavi beklagt sich später oft über ihren ungewöhnlichen, vor allem unweiblichen Namen.

    Erst viele Jahre später, auf dem Totenbett, gibt die Mutter das Geheimnis um diesen Namen preis. Damals, kurz vor der Niederkunft, sei sie, so gibt sie zu verstehen, im Hafen spazieren gegangen. Dort habe sie ihn gesehen und vom ersten Moment an gewusst, dass dies der vorherbestimmte Name für ihr Kind sei. Sein Klang und das Gefühl für das Baby in ihrem Bauch haben einander auf eine ihr selbst unbegreifliche Weise entsprochen. Am Tag darauf starb die Frau, ohne dass man noch einmal auf dieses Thema zu sprechen gekommen wäre. Die Nachforschungen ergaben später, dass in jenen Tagen, mehr als 30 Jahre zuvor, ein Verband amerikanischer Kriegsschiffe im Hafen gelegen hatte. Am Bug eines dieser Schiffe hatte sie offenbar gelesen, was am Bug eines jeden amerikanischen Kriegsschiffs zu lesen ist: U.S.Navy.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.