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  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
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  • bersarin: Es muß natürlich, entdecke ich beim zweiten Lesen, Monika Rinck heißen. Ich kann mir Namen nie merken.
  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
  • Aléa Torik: Never ride a dead horse – das hätte auch als Überschrift dieses Beitrags herhalten können. Gestern Nacht bin ich mit dem Rad 35 km durch das ausgestorbene Berlin gefahren, bis weit jenseits der Stadtgrenze. Da ich ziemlich kaputt war, konnte ich dabei nichts denken, aber wenn...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
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  • Aléa Torik: Dann bin ich gespannt, was du von dem Essay hältst.
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  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
  • holio: Traurig ist das in der Tat. Und so ganz zu verstehen auch nicht. Im Geräusch des Werdens war der Anknüpfungspunkt für Otto Normalleser ja da. Und die Bălkanexotik ist auch rezipiert und rezensiert worden. Die Sprache ist einfach, der Plot verständlich, erinnere die Szene mit dem blinden...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • 01 August 2011

    Meine weibliche Leiche

    Ich wollte die Geschichte mit meiner weiblichen Leiche nicht untergehen lassen. Ich hatte mich von einem Gedicht dazu inspirieren lassen. Auf einem Hinterhof steht eine Kiste, die auch ein Sarg sein könnte. Man weiß nicht, was drin ist. Vielleicht „eine weibliche Leiche“.

    Ich könnte mir auch keinen toten Mann vorstellen. Bei einem Mann würde man sich sogleich fragen, wie er gestorben ist und wer ihn umgebracht hat. Und wie? Vor allem: warum stellt man die Leiche in den Hinterhof? Eigentlich müsste sie im Keller einbetoniert werden. Bei einer weiblichen Leiche fragt man sich das nicht.

    Man sieht die weibliche Leiche durch den Sargdeckel hindurch auf rotem Samt liegen. Mucksmäuschenstill und mausetot. Die Müllmänner kommen und nehmen sie mit. Sie binden den Sarg oben auf dem Dach des Müllautos fest. Das sieht nicht schön aus. So packen sie die Leiche aus und legen sie auf den Rücksitz des Müllautos. Aber dort macht sie die Müllmänner nervös. Tot oder nicht tot, sie lag nackt in dem Sarg und nackt liegt sie nun auf dem Rücksitz. Also halten sie vor einem Supermarkt, kaufen eine Vorratspackung Zellophan, wickeln sie in die transparente Folie ein und stellen sie an den Straßenrand. Gegen Abend kommt ein distinguierter älterer Herr, schaut sie sich genau an und findet sie ganz ungeheuerlich schön. Er nimmt sie mit nach Hause, legt sie in sein Bett und versucht, Liebe mit ihr zu machen. Seine Versuche bleiben erfolglos, was allerdings mehr seinen eigenen körperlichen Unzulänglichkeiten zuzuschreiben ist als den ihren. Am nächsten Tag, bitter enttäuscht, bringt er sie wieder fort. Er stellt sie an eine Kreuzung wo sie recht zügig einen interessierten Abnehmer findet. Auch diesem zeigt sie die kalte Schulter. Auch er bringt sie wieder fort. Er stellt sie in das Schaufenster eines großen Bekleidungshauses, wo sie einige Zeit dafür sorgt, dass Zellophan die gesamte Frühjahrskollektion bestimmt. Monatelang gibt es nur noch transparente Kleidung zu kaufen. Dann bricht jemand in der Nacht ins Kaufhaus ein, er nimmt sie in den Arm. Er liegt ihr zu Füßen. Er betet sie an. Die anrückende Polizei, nimmt den Mann fest. Und die Frau auch. Sie kommt ins Frauengefängnis, die Presse bekommt Wind von der Sache, sie wird wieder freigelassen, das Ganze ist der Gefängnisdirektion peinlich, man will sie loswerden und stellt sie an eine Straßenecke, wo an einem windigen Tag ein paar Kinder vorbeikommen und mit dem Finger auf sie zeigen. Es kommt ein Künstler, der sie anmalt, um die Brüste herum und die Schultern. Es kommt einer, der sie küsst, einer, der Lieder für sie singt, einer der weint, einer lächelt, einer erzählt ihr eine Geschichte, weil er vermutet, dass sie gerne eine hören möchte und dann erzählt er ihr noch eine zweite. Am nächsten Morgen ist sie weg. Es ist nur noch das eine Ende der Folie da. Man nimmt ihre Spur auf, man folgt der Zellophanfolie, an dessen anderem Ende muss sie sein. Man folgt ihr, indem man die Folie aufwickelt, man wickelt immer schneller, es wickeln immer mehr Leute, es entsteht eine Hysterie, alle wickeln mit, alle sind verwickelt, alle wollen sie wiedersehen. Aber es bleibt bei diesem Wunsch. Es war Endlosfolie.

    In einer Variante ist diese Geschichte bei den Gleisbauarbeiten nachzulesen.

    Die Einstiegshürde für Kommentatoren liegt, wie man mir schrieb, in diesem Blog sehr hoch. Und sie liegt sogar noch höher als es scheint, nämlich doppelt so hoch: bitte geben Sie beim Captcha beide Worte ein.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 Juni 2011

    Kino oder Bett

    Ich könnte noch eine andere Kategorie einrichten und sie “Vermutungen” nennen. Im Vorbeigehen höre ich oft Halbsätze. Sätze jedenfalls, wo ich den Zusammenhang nicht kenne. Heute zum Beispiel sagte ein junger Mann zu einer jungen Frau, beide etwa Anfang zwanzig, auf der Straße:

    „Ich kann nicht. Da hat meine Freundin etwas dagegen.“

    Mein Kopf spinnt sich sofort eine Geschichte zusammen. Sie hat ihm soeben angeboten, gemeinsam irgendwohin zu gehen, ins Kino oder ins Bett. Er will. Aber er weiß nicht, wie er das seiner Freundin sagen soll. Er lächelt das Mädchen an, er möchte mit seinem Lächeln zeigen, dass er sie mag, dass er mitgehen will, Kino oder Bett, er könnte schon, er will auch, und wie er will!, aber er weiß einfach nicht, wie er das dann mit seiner Freundin machen soll. Also sagt er, dass er nicht kann. Aber er fühlt sich dabei, als könne er alles.

    Ich werde diese Kategorie nicht einrichten. Dann schreibe ich nur noch für dieses Blog. Ich leide nicht darunter, dass ich zu wenige Ideen haben, sondern, im Gegenteil, ich habe zu viele. Ich will und ich muss mich konzentrieren. Kein Kino und kein Bett. Jedenfalls nicht für die beiden. Und nicht in meinem Kopf. Die können sich gerne einen anderen Kopf suchen, wo sie miteinander ins Bett gehen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    29 September 2010

    Solange man nichts macht, kann man alles machen

    Ich fahre von Deutschland nach Rumänien. Zweieinhalb Wochen später fahre ich wieder zurück, dieselbe Strecke. Das sind jeweils tausendsiebenhundert Kilometer, ich fahre durch fünf Länder. Zusammengerechnet sind das fünfzig Stunden Fahrt. Zwei Mal muss ich die Uhr umstellen.

    Auf der Hinfahrt ist Decin der erste Ort jenseits der deutschen Grenze. Der erste Ort in Tschechien. Der erste Ort im Ausland. Da klingt Ausland noch fremd. Zwei Wochen später wird Zuhause fremd klingen.

    Auf der Rückfahrt ist in dem Wagon, in dem ich sitze, die Klinke an der Toilettentüre kaputt. Wenn man zur Toilette geht, ist das kein Problem, da die Türe nach innen aufgeht. Kommt man heraus und will die Türe hinter sich zumachen, zieht man dann an der Klinke, fällt sie ab. Sie fällt mit einem lauten Knall zu Boden. Osteuropäer nehmen die Klinke und hauen sie mit Schwung und einem mindestens ebenso lauten Knall auf den herausstehenden Stift. Westeuropäer sind ratlos, sie schütteln den Kopf und lassen die Klinke liegen. Amerikaner freuen sich, da haben sie zu Hause etwas zu erzählen. Und weil sie es kaum erwarten können, erzählen sie, zwei Ehepaare ohne Kinder, es sich jetzt schon einmal, sie erzählen es sich wiederholt, als wären die drei anderen nicht dabei und als könnten sie es nicht genauso sehen und hören wie man selbst.

    Auf der Hinfahrt bemerke ich, was ich jedes Mal bemerke, in Rumänien ist es nachts vor allem eins: dunkel. Eine unangenehme Dunkelheit. Auf der Rückfahrt bemerke ich, was ich jedes Mal bemerke, in Deutschland ist es tagsüber vor allem eins: hell. Eine unangenehme Helligkeit.

    Auf der Rückfahrt bekomme ich jedes Mal an derselben Stelle einen Schock. Den „clash of civilisations“. Auf der Hinfahrt spüre ich die langsame Verarmung nicht, die immer ärmlicheren Züge, die einfachere Kleidung, die Gesichter, die harte körperliche Arbeit zeigen. Auf der Rückfahrt hingegen spüre ich die langsame Bereicherung. Immer in Budapest-Keleti. Da stehen die Züge des 21. Jahrhunderts, mit den Menschen des 21. Jahrhunderts, mit ihren Laptops und ihren Handys. Dabei haben die Menschen in Rumänien auch Laptops und Handys. Auf der Hinfahrt fühle ich mich wohl in Budapest, aber auf der Rückfahrt fühle ich mich unwohl.

    Auf der Hinfahrt, mitten in der Nacht in Rumänien, fahren zwei Züge nebeneinander. Man möchte meinen, sie fahren ein Wettrennen. Ich weiß nur nicht, woran die den späteren Gewinner messen, die Geschwindigkeit jedenfalls kann nicht der entscheidende Wert sein. Vielleicht wollen sich die Zugführer unterhalten und Handykosten sparen.

    Auf der Rückfahrt bin ich erholter als auf der Hinfahrt. Aber auf der Hinfahrt war ich gesprächiger. Auf der Rückfahrt bin ich in mich gekehrt. In das verstrickt, was in den Wochen zuvor geschehen war. Und an dem strickend, was in den kommenden Wochen geschehen soll.

    Auf der Hinfahrt, der erste Halt in Rumänien, kommt ein Typ ins Abteil, es ist dunkel draußen und ich bin alleine, und spricht mich ohne erkennbare Hemmung an. Auf Englisch. Ich weiß sofort, was er will. Er will mich bescheißen. Ich antworte kurz angebunden. Auf Englisch. Er fragt, wo ich herkomme und ich sage Berlin. Er fragt, wohin ich will und ich sage Sibiu. Er fragt, was ich da will und ich sage, dass ich meine Eltern besuche. Er fragt, ob ich ihm fünf Euro leihen kann. Ich frage ihn, was er in Rumänien mit Euro will. Auf Rumänisch. Erst guckt er mich doof an und dann verlässt er wortlos das Abteil. Der ist, obwohl wir in Rumänien sind und ich zu meinen Eltern fahre, nicht auf die Idee gekommen, dass ich Rumänin bin.

    Auf der Rückfahrt sitzt eine Frau im Abteil. Sie telefoniert und dann schreibt sie in ihr Laptop. Wir kommen ins Gespräch. Sie ist Ungarin und hat in Bonn Germanistik studiert. Wir wechseln lachend ins Deutsche. Ungarn und Rumänen können sich nicht ausstehen, aber wir beide mögen uns sofort.

    Auf der Hinfahrt kommt ein Mann ins Abteil, Mihai, ungefähr mein Alter, aber nur halb so groß, der sich mit mir unterhält, aber nervös ist, sehr nervös. Dieses Mal weiß ich nicht, was mein Gegenüber will. Das macht mich meinerseits nervös. Es betritt noch eine Frau das Abteil, die aber kein Rumänisch spricht. Wieder eine Ungarin. Sie allerdings spricht weder Rumänisch noch Deutsch, noch Englisch noch Französisch. Offenbar spricht sie nicht einmal Ungarisch. Hartnäckig verweigert sie sich jedem Gespräch, jedem Blick und überhaupt jeder noch so kleinen Reaktion auf uns beide. Als wenn sie nicht mit uns im Abteil säße. Dann rückt Mihai mit dem raus, was er will. Er will, dass ich ihn in Bukarest besuche, ihn und seine Freundin. Er will, dass ich über Nacht bleibe, bei ihm und seiner Freundin. Er wird ganz eindringlich. Er ist nicht unverschämt, er fasst mich nicht an, er schaut mich nicht einmal direkt an. Es ist sogar ziemlich freundlich dabei. Ich wollte, er wäre unfreundlich, dann könnte ich es auch sein. Ich sehe Mihai an und schüttele mit dem Kopf. Dann schaue ich aus dem Fenster. Ich zolle ihm Anerkennung für seinen Mut. Das kann ich nicht anders sagen.

    Auf der Rückfahrt kommen zwei ausgesprochen hübsche Franzosen ins Abteil. Sie haben vor zwei Jahren Abitur gemacht, waren beim Militär und jetzt fahren sie, bevor sie mit dem Studium beginnen, vier Wochen durch Europa. Jeder der beiden packt aus seiner Tasche ein Buch aus, der eine Claude Levi-Stauss, Tristes Tropiques, der andere Pascal Bruckner, Les Voleurs de beauté.

    Wir kommen sofort miteinander ins Gespräch. Der eine groß und schlaksig und der Bestimmtere von beiden. Der Leser Levi-Strauss‘ weiß, was er studieren will, er weiß überhaupt sehr viel, wo er herkommt und wo er hin will. Der andere ist unsicher, tastend, suchend, eitler auch, er greift sich in die allerdings auch sehr schönen Haare. Er ist kleiner als ich. Er lacht unsicherer als der andere, allerdings auch wilder und ungehemmter. Er schaut fragender als der Große, seine Hände zittern, er hat ausgesprochen schöne Hände, er hat einen schönen Mund. Die beiden schauen sich immer wieder an. Als wollten sie den anderen um Zustimmung bitten, mit mir zu reden. Ich hätte am liebsten mit den beiden rumgeknutscht, nacheinander oder gleichzeitig, egal.

    Man sieht ihnen ihre Freundschaft an. Man sieht ihnen an, dass sie die gemeinsame Zeit genießen und dass ihnen keine Frau dazwischen kommen kann. Weil sie seit Jahren Freunde sind und weil sie zusammen reisen, um sich diese Freudschaft zu bestätigen. Sie empfinden eine Zärtlichkeit füreinander und fragen, ob sie die auch für mich empfinden dürfen. In Prag, mitten in der Nacht, steigen sie aus und als sie weg sind, weiß ich, dass sie beide genau dasselbe wollten wie ich, dass sie die ganze Zeit über dasselbe dachten und dasselbe fühlten, mit denselben Worten, frei von jeder Obszönität: am liebsten hätten wir mit ihr rumgeknutscht, nacheinander oder gleichzeitig, egal.

    Wir drei erkennen es in demselben Moment, als sie draußen vor dem Fenster stehen, in Prag, auf dem Bahnhof, und wir uns anschauen und es im selben Moment wissen, auf eine besondere Art und Weise, dass sie zwei Hälften sind, die einander ergänzen und dass ich ihnen nicht dazwischen gekommen wäre, in ihrer Zuneigung zueinander. Zwischen uns die vom Wind quer über die Scheibe getriebenen Regentropfen. Sie wissen es beide, wir wissen es alle drei, dass ich ihnen nichts wegnehmen kann, ihre Freundschaft nicht zerstören, mich nicht zwischen sie drängen würde, weil ich eben diese Freundschaft der beiden so sehr bewundere und weil ich gerne daran teil hätte. An dieser Freundschaft und dieser Zärtlichkeit, die sie füreinander empfinden. Wir drei wissen es in diesem Moment, dass ich genau zwischen sie passe. Und dass ich es genauso meine wie sie auch, voller Zärtlichkeit für das was sie sind, was sie wollen vom Leben, das Unsichere und Tastende und das Sichere und Klare.

    Wir hatten dieselben Phantasien. Aber wir haben es vorübergehen lassen. Wie haben uns nicht umarmt. Wir haben nichts miteinander angefangen. Vielleicht war das gut so. Denn solange man nichts macht, kann man alles machen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    27 September 2010

    Es wird Sommer, es wird Winter

    Ich sitze im Zug. Ich weiß nicht, wohin er fährt. Ohne Ziel fährt er womöglich nur um der Bewegung willen. Er fährt durch Städte und durch Länder. Er fährt durch Wiesen und Wälder. Er fährt am Tag und er fährt in der Nacht. Er fährt und fährt. Es wird Sommer, es wird Winter.

    Der Zug fährt und dabei verändern sich die Bilder, draußen vor dem Fenster. Es verändern sich die Bilder in einem. Es verändern sich die Dinge selbst. Es ändert sich die Sprache. Es ändert sich die Geschwindigkeit, der Zug wird langsamer. Liegt es an der Landschaft oder an der Sprache oder am Wetter? Liegt es an den Bildern, den Dingen oder einem selbst? Dann wird der Zug wieder schneller und erneut weiß man nicht, woran es liegt. Es wird Sommer, es wird Winter.

    Der Zug fährt und fährt und manchmal hält er an. Er bleibt auf einem Bahnhof stehen und öffnet seine Türen. Die einen steigen aus, andere steigen ein. Vielleicht sind es dieselben. Sie steigen aus, drehen sich einmal um die eigene Achse und steigen dann wieder ein. Sie sitzen stundenlang auf der Stelle. Sie halten es nicht aus, sie wollen raus, sie verlassen den Zug an der nächsten Station. Erstaunt bemerken sie, dass sie dies noch viel weniger aushalten. Dann steigen sie kleinlaut wieder ein. Sie suchen sich einen anderen Platz. Der Zug fährt wieder an, er wird schneller und schneller. Und die Menschen bemerken, dass sie es nicht aushalten. Sie fahren ein Stück, bis zur nächsten Anfechtung, bis sie erneut aus dem Zug springen, sich umdrehen und wieder einsteigen. Es wird Sommer, es wird Winter.

    Der Zug fährt durch Gelände und Gebiete, durch Landschaften und Regionen, durch Orient und Oxident, durch Himmelsrichtungen, Breiten- und Längengrade. Er fährt durch das Hochgebirge und durch die Tiefsee. Er fährt durch die Walachei und die Mongolei, durch die Wüste Gobi und durch die Sahara, durch die Kalahari und durch Kasachstan, Er fährt durch die Steppe und die Savanne und die Prärie, durch Tundra und Taiga. Er fährt durchs Holozän und durchs Pleistozän. Er fährt durch Geologie und Geografie und Geometrie. Und manchmal fährt er einfach nur durch die Gegend. Es wird Sommer, es wird Winter.

    Der Zug fährt durch Farben und durch Formen, durch das Grün und Gelb der Landschaft, durch das Blau des Himmels und das Braun der Erde. Durch das Grau der beginnenden Nacht und das Orange des neuen Tages. Er fährt durch das Runde und das Eckige, er fährt durch Reliefs, Ellipsen und Parabeln. Es wird Sommer, es wird Winter.

    Der Zug fährt durch Wind und Wetter und durch Wolken. Der Zug fährt durch das Heute und das Gestern. Er fährt durch das Leben und durch den Tod. Durch das Gewollte und das Vermiedene, das Erträumte und das Verwirklichte. Das Gerade und das Krumme. Das An-stelle und das Ver-rückte. Er fährt durch die anderen und durch einen selbst. Es wird Sommer, es wird Winter.

    Der Zug fährt durch das Gleiche und das Unterschiedene. Er fährt durch das eine, durch das andere. Er fährt durch alles. Und das eine verändert sich und das andere verändert sich. Alles verändert sich und bleibt doch dasselbe, es bleibt wie es ist. Es wird Sommer, es wird Winter.

    Der Zug hält an. Ich bin in Sibiu. In bin in Sibirien. Ich bin in Rumänien. Ich bin in Namibia. Ich bin irgendwo auf der Welt. Oder außerhalb. Ich steige aus. Weil es weder eine Unterführung noch eine Überführung gibt, gehe ich quer über die Gleise. Vor oder hinter dem Zug, der aussieht als bewege er sich nie wieder von der Stelle. Als sei er am Ende seiner Kräfte. Als habe es ihn alle Kraft der Welt gekostet, mich hierher zu bringen. Nun liegt er erschöpft da. Er hat sich zum Sterben hierher gelegt. Mein Vater holt mich vom Bahnhof ab. Er steht an den Gleisen. Er schaut mich an. Er lacht oder er weint. Es ist noch einmal Sommer geworden, sagt er. Ja, antworte ich, es wird Sommer, es wird Winter.

    (Das war die poetische Variante meiner Reise. Morgen erzähle ich wie es wirklich war. Morgen erzähle ich, wie es wirklich gewesen sein könnte. Ich habe keine Ahnung wie es wirklich war. Ich war schließlich nicht dabei. Ich war ja, wie so oft, mit meinen Gedanken woanders.)

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    26 August 2010

    Dieser Wahn des Unfertigen III

    Der neue Roman hat eine Rahmen- und eine Binnenerzählung. Ich werde im Laufe des Textes das eine gegen das andere austauschen und was zu Beginn wie der Rahmen aussah, wird später die Binnenerzählung sein. Wobei ich zu allem, was ich zu dem Text sage, dazusagen muss: das ist derzeit so. Morgen kann das schon ganz anderes aussehen. Ich brauche eine Formulierung, an die ich mich halte, und kann ich bei der nächstbesten Gelegenheit auch wieder aufgeben. Vielleicht bin ich als Autorin nichts Besonderes, das entscheiden andere. Aber als Aufgeberin bin ich es. Wenn ich Dinge aufgebe, dann lasse ich sie nicht unbemerkt verschwinden. Ich schmeiße sie in hohem Bogen hin. Mit solchen Bögen könnte ich bei den Olympischen Spielen im Hammerwerden antreten. Ich stelle mir vor, wie ich, nachdem der amtierende Weltmeister seinen Wurf getan hat, auf ihn zugehe, ihn mit einer Handbewegung wegschiebe, mir dieser Hammer nehme und, während ich ihn in der Hand wiege, den Ordner im Stadion bitte, die gegenüberliegende Tribüne aus Sicherheitsgründen zu räumen.

    Der Übergang von Rahmen- zur Binnenerzählung ist ein langsamer Prozess, der Leser ahnt da sicher lange Zeit einiges. Aber er weiß nicht genau, was er ahnt. Und dann kommt es zu einer Szene, wo ich die beiden Teile gegeneinander austausche, das mache ich dann mit einem Schlag, in den folgenden drei Sätzen. Das ist wie ein Handschuh, wo ich mit einem Ruck das Innere des gegen das Äußere austausche, ich stülpe ihn einfach um. Ich weiß nicht, ob der Leser das versteht. Ich weiß auch noch nicht, ob ich es gut vorbereite. Das ist alles nicht Teil meines derzeitigen Arbeitsprozesses. Im Moment schreibe ich das nur auf. Darüber nachdenken kann ich immer noch.

    „In diesen Momenten spitzte sich die Situation auf eine geradezu dramatische Weise zu und das Erstaunliche daran war, dass ich es kaum wahrnahm, weil ich vollkommen gefangen war von meinem Text. Die Wirklichkeit war für mich nur noch eine, die auf einem Nebengleis daher lief, ein Zug, der annähernd dieselbe Geschwindigkeit hatte wie mein eigener, der in dieselbe Richtung fuhr und dessen Insassen ich auf eine seltsam verzerrte Weise erkennen, zu denen ich aber keinen Kontakt aufnehmen konnte. Wir standen einander gegenüber auch sahen uns gegenseitig an. Oder wir sahen nur unsere eigenen Spiegelbilder in den dazwischen liegenden Scheiben, während sich einer der beiden Züge nahezu unmerklich langsam am anderen vorbeischob und weder die Insassen des einen noch die des anderen Zuges zu sagen vermochten, ob sie im schnelleren oder langsameren der beiden saßen, weil sie ebenfalls nicht zu sagen vermocht hätten, in welche Richtung man fuhr, und verunsichert stellten sie fest, dass sie nicht einmal zu sagen vermochten, in welchem der beiden Züge sie sich befanden, in dem einen oder in dem, der sich langsam davon entfernte.“

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 August 2010

    Dieser Wahn des Unfertigen II

    Im folgenden Ausschnitt, das ist nicht schwer zu erkennen, geht’s um Liebe. Kein ganz uninteressantes Thema.

    „Das bedeutet, dass wir uns im anderen täuschen, immer und notwendig. In der Liebe kultivieren wir dies sogar. Die Liebe ist nicht mehr und nicht weniger, als die Kunst sich in einem anderen zu täuschen. Und das ist eine sehr bedeutende Kunst.“
    Sie antwortete nicht und sah an mir vorbei aus dem Fenster.
    „Du versteht nichts von der Liebe“, sagte ich.
    „Das sagst du mir? Ausgerechnet du?“
    „Wieso nicht?“
    „Ich dachte, du verstündest lediglich etwas von Betrug.“
    Ich spürte ein klein wenig Verärgerung.
    „Was für ein lächerliches Wort“, sagte ich schließlich.
    „Und was verstehst du davon?“
    „Immerhin doch so viel, dass ich weiß, dass die Vorstellungen von der Liebe sehr unterschiedlich sein können. Für dich ist die Liebe nun einmal von romantischen Emotionen bestimmt, für andere ist sie aber vielleicht ganz anders. Wenn ein Mann dir sagt, dass er dich liebt, meint er damit womöglich ganz etwas anderes als du. Er denkt lediglich an Liebe und du bist gerade in der Nähe und deswegen liebt er eben dich. Genauso gut könnte er eine andere lieben. Oder vielleicht sogar noch viel besser. Und vielleicht hat er auch eine ganz andere Auffassung von der Liebe, eine andere Vorstellung, du denkst an eine Liebkosung, aber er hat viel handgreiflichere Vorstellungen, er will dir lediglich mit der flachen Hand mal richtig auf den Arsch hauen und dieses klatschende Geräusch trifft seine Vorstellung von der Liebe besser als alles andere und es ist ihr weitaus näher als alle deine kitschigen Fernsehvorstellungen es jemals sein werden.“
    „Du versuchst doch lediglich, deine Untreue zu rechtfertigen.“
    „Untreue: das ist genau derselbe Blödsinn wie Betrug. Was ist Treue? Die treuesten Seelen denken ununterbrochen an andere und die untreuesten immer nur an den einen, den sie zu vergessen suchen, indem sie ihn betrügen.“

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    23 August 2010

    Dieser Wahn des Unfertigen I

    In dieser Woche gibt es drei kleine Ausschnitte aus dem Text, an dem ich derzeit arbeite. Das ist alles noch nicht fertig, das ist die Rohfasssung. Das vergisst ein Leser vielleicht: Autor und Autorin haben es mit Texten zu tun, die noch nicht fertig sind. Unfertige Texte sind aber nicht unbedingt Texte, die kurz vor ihrer Fertigstellung stehen. Das sind nicht einmal Texte, die weit weg von ihrer Fertigstellung stehen. Die stehen einfach nur irgendwo, auf einer Brücke und schauen von dort sehnsüchtig in die Tiefe. Unfertige Texte haben mit fertigen Texten nicht das Geringste gemein.  Wir lesen die Bücher anderer, weil sie fertig sind, nicht weil sie uns interessieren. Weil wir weg müssen von diesem Wahn des Unfertigen.

    Ich mache das dieses Mal so, dass ich den Text einmal vorschreibe, mit allen Personen und Handlungssträngen. Das wollte ich bis Ende August geschafft haben. Habe ich aber nicht. Bei mir ist gerade richtig die Luft raus. Ich fahre in der kommenden Woche nach România . Wenn ich zurückkomme, werde ich mich kopfüber ins Semester stürzen. Oder ich lese mein Romanmanuskript und stürze mich kopfüber aus dem Fenster. Das sind ernstzunehmende Alternativen.

    Ich beschreibe Alma. Ich führe diese Figur damit ein. Das tue ich allerdings nur, um sie zu verabschieden. Tatsächlich wird hier die Figur des Jonas eingeführt. Der Leser wird nichts mehr von Alma hören. Vielleicht noch über Jonas, aber nicht über mich.

    „Alma vor dem Spiegel, immer wieder Alma vor dem Spiegel. Alma vor dem Badezimmerspiegel, wie sie sich die Haare hochsteckt, Alma wie sie sich im Flurspiegel von links und von rechts und von allen Seiten betrachtet, Alma, die sich hin und her dreht, als gäbe es immer neue Seiten an ihr zu betrachten, etwas anderes liebenswertes, das bisher nur noch niemand entdeckt hat. Alma wie sie in einen kleinen Handtaschenspiegel schaut, ein Modell zum Aufklappen das leise Schnappgeräusche von sich gibt, und ihr Gesicht betrachtet. Einmal wird der Mund kritisch unter die Lupe genommen, der Sitz des Lippenstiftes, ein anders Mal der Kajal, die Augenbrauen, Rouge oder Puder, die Wangenpartie, die nicht richtig betont ist. Alma verzieht das Gesicht dazu, sie zieht die Stirne kraus, sie spitzt die Lippen, wölbt grotesk die Nasenflügel und dann wieder schaut sie in den Spiegel als wäre sie bereits tot, absolut reglos, als wäre das gar nicht ihr Gesicht, als hätte sie das noch nie gesehen, schaut sie befremdet und manchmal verärgert, sie schaut als könne sie es nicht glauben und wollte sich beschweren; dann wieder ist sie hingerissen, geradezu begeistert, so, scheint sie sagen zu wollten, habe ich schon immer aussehen wollen, an diesem Tag ist das Gesicht endlich das was es sein muss, wie in Marmor gehauen steht es da für die Ewigkeit. Alma sieht sich jetzt, in diesem einen besonderen Moment, sie sieht sich früher als Kind, als Jugendliche, als sie zum ersten Mal verliebt ist, und sie sieht sich in späteren Jahren, als ältere Frau, wenn Erfahrung und Klugheit, wenn Enttäuschung und Erwartung sich gleichermaßen ins Gesicht hineingeschrieben haben. Alma die sich in allen Haltungen und Lebenslagen ihrer selbst versichert, die eine Schnute zieht, einen Flunsch, die sich morgens kritisch beäugt und abends voller Befürchtungen ihre Falten anschaut, als würde ihr Gesicht aus nichts anderem mehr bestehen, Nase, Mund und Ohren, alles weg und stattdessen nur noch diese Sorgenfalten, die sie am liebsten mit einer Schieblehre nachmessen möchte, und die sich fragt, ob das ein Tag war, an dem die Falten wieder ein tausendstel Millimeter tiefer geworden sind, es sieht aus wie ein ganzer Zentimeter, wie mit dem Meißel hineingearbeitete Gräben und Furchen, Schneisen der Verwüstung, sie ist sowieso kurz davor einen Schreikrampf zu kriegen. Alma vor dem Spiegel, immer wieder Alma vor dem Spiegel.
    Nach sechs Jahren war die Grenze erreicht. Wir mussten auseinander gehen, wir mussten uns trennen. Wir erkannten das beide zur gleichen Zeit, jedenfalls sagten wir uns es zur gleichen Zeit. Das ging sehr geordnet vor sich, wir führten ein zivilisiertes Gespräch eines Abends, ich schlief zum ersten Mal in den sechs gemeinsamen Jahren auf der Coach und ich bin sicher, dass Alma die halbe Nacht vor dem Badezimmerspiegel verbracht hat. Am nächsten Morgen verließ ich mit einem Koffer die gemeinsame Wohnung. Einen Tag später holte ich, während Alma bei der Arbeit war, noch einige Sachen ab.
    In den folgenden Wochen trafen wir uns einige Male in der ehemals gemeinsamen Wohnung, wir mussten Dinge zwischen uns aufteilen. Wir mussten, was bisher gemeinsam gewesen war, auseinanderreißen. Wir mussten einen Haushalt auseinanderreißen, wir rissen zwei Leben auseinander. Nach sechs Jahren des gemeinsamen Lebens kann man nicht so einfach entscheiden, was das eigene ist und was das andere. Bei den Spiegeln war die Sache klar, Alma würde nicht einen freiwillig hergeben. Bei den Tischen und Stühlen war das noch recht einfach, bei Fotoalben schon schwieriger. Dann gab es jene Dinge, die keiner von beiden haben wollte, das gemeinsame Bett. Wir mussten die gemeinsamen Freunde aufteilen. Und eines Tages wird noch das geteilt, von dem man immer angenommen hatte, es sei unteilbar, dies aber erst nach jahrelangem Schachern und Zerren, die Erinnerungen aneinander.
    Alles in allem ging das zivilisierter vor sich als ich es erwartet hatte. Ich wechselte die Wohnung, ich wechselte die Stadt und den Job und ich wechselte meine Auffassung von der Liebe.“

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    08 August 2010

    Sie haben eine halbe Stunde

    [Mr NO and Mrs MB mahnten an, dass mein Erlebnis im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum in der vergangenen Woche, wo mich ein Asiate fotografierte und dann erschreckt fortlief, ich erst ungläubig schaute und dann laut lachte, dass dies in eine Geschichte münden müsse. Ich wechsele also ins Märchenfach. Das ist nicht das, was ich mir für meine weitere Entwicklung vorstelle, aber es geschah schließlich nicht irgendo, es geschah in the Grimms!]

    Eines Tages, Wu war schon hundert Jahre alt oder noch älter, da erzählte er, wie er vor langer Zeit nach Europa gefahren war. Er war noch jung damals. Er hatte keine Kinder und er wollte einmal nach Europa bevor er starb. Was willst du denn in Europa?, fragten die Leute. Aber das wusste Wu nicht genau. Als er fünfzig war, spürte er, dass es soweit war. Lange hatte es so ausgesehen, als spiele es keine Rolle, ob er jetzt führe oder später. Mit einem Mal drängte dann die Zeit. Eilig packte er seine Habseligkeiten zusammen. Dann saß er tagelang auf seiner Tasche. Er konnte ja nicht einfach losgehen, wie er das gewohnt war. Er musste auf den Bus warteten, der ihn die Stadt brachte. Von dort würde er mit einem Flugzeug fliegen.

    Drei Wochen blieb Wu in Europa. Als er zurück kam und aus dem Bus ausstieg, erkannte man ihn kaum wieder. Schwarzhaarig wie er immer gewesen war, hatte er in den Wochen seiner Abwesenheit graues Haar bekommen. Auf seinem Antlitz lag etwas Rätselhaftes. Wie war es in Europa?, fragten ihn die Leute. Was hast du erlebt? Aber Wu antwortete nicht. Er sprach von da an nur noch das Nötigste. Er aß, er trank und er bestellte sein Feld. Er fütterte die Ziegen und die Hühner. In seiner freien Zeit aber saß er vor seinem Häuschen und schaute in die Ferne. Das ist der Vorbote des Todes, sagten die Leute. Zuerst sprachen sie nur hinter seinem Rücken, dass er es nicht hörte. Dann wurden sie mutiger und sagten es auch in seiner Nähe. Schließlich sagten sie es ihm direkt ins Gesicht. So vergingen die Jahre. Die Leute in seinem Alter starben. Es starben auch Jüngere. Wu aber starb nicht.

    Die jungen Leute wohnten inzwischen in der Stadt, sie fuhren Auto und schauten fern und telefonierten den halben Tag. Am Wochenende kamen sie zu Besuch. Sie sahen Wu vor seiner Hütte sitzen, eine Schale Tee zwischen den Fingern. Sie erinnerten sich daran, dass Wu in Europa gewesen war und danach das Reden eingestellt hatte. Zehn oder zwanzig Jahren ist das her. Oder noch länger. Unendlich lange. Wu war uralt. Manche kannten sein Schicksal nur aus den Erzählungen der Eltern. Wu hatte schon vor seiner Hütte gesessen, als sie noch nicht geboren waren. Solange sie denken konnten, saß Wu schon dort. Erzähl uns, was du in Europa erlebt hast, hatten sie ihn als Kinder gebeten. Wu aber schaute an ihnen vorbei in die Ferne. Später forderten sie ihn jedes Wochenende auf, zu erzählen. Aber sie glaubten nicht daran, dass er, der schon immer alt und grau gewesen war, der vielleicht so auf die Welt gekommen war, den Mund aufmachen würde.

    Eines Tages, als man ihn zum hundertsten oder tausendsten Mal gebeten hatte, schaute er die Leute an als sähe er sie zum ersten Mal und als hörte er auch ihre Fragen zum ersten Mal. Sie haben eine halbe Stunde, sagte er. Ein halbe Stunde?, fragten sie Wu. Man hat für alles eine halbe Stunde, nicht mehr und nicht weniger. Die Leute wussten nicht, was sie mehr verwundern sollte, dass Wu wieder sprach oder dass er in Rätseln sprach. Als sie am kommenden Wochenende wieder zu Besuch waren, da erzählte Wu, ohne dass sie ihn auffordern mussten. Man hatte eine halbe Stunde. Für Westminster Abbey und die Tate Modern in London, das Louvre und für Sacré-Cœur in Paris, für das Prado in Madrid und Guggenheim in Bilbao, das Nationale Kunstmuseum und den Regierungspalast in Bukarest, den Reichstag und Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum in Berlin. Jedes Mal sagte der Reisebegleiter, Sie haben eine halbe Stunde. Wer weiß, was nach dieser Zeitspanne passiert. Vielleicht darf man diese Grenze in Europa nicht ungestraft überschreiten.

    Das sind seltsame Menschen, sagten seine Mitreisenden, die schon einmal in Europa gewesen waren. Man kann sie vom Äußeren kaum unterscheiden und sie starren einen an. Wu war ein wenig besorgt. Da alle anderen eine Kamera hatten, kaufte auch er einen solchen Apparat. Wer weiß, wozu das gut ist, sagte er sich. Er hatte noch nie eine Kamera besessen. Es war ein billiges Modell, eine Einmalkamera. Sie hatte nur einen einzigen Knopf, auf den man drücken musste, wenn man ein Foto machen wollte. Das konnte man fünfzig Mal tun. Dann war sie voll und man schickte sie ein und bekam die Bilder zurück. Wu trug die Kamera immer mit sich herum, aber er benutzte sie nicht. Er wusste nicht genau, ob er ein Foto machen wollte.

    Eine halbe Stunde hatten sie auch in Berlin, erst im Reichstag und dann im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum. Das ist eine Bibliothek, fast weiß, sehr gerade Formen, schmale Fenster, bis unter das Dach vollgestellt mit Büchern. Der Führer sagte in paar Worte zu den beiden Brüdern, die der Bibliothek den Namen gaben. Sie hatten Worte gesammelt und alte Geschichten, Mythen und Märchen. Danach wurde die obligatorische halbe Stunde angekündigt. Wu konnte sich nicht erinnern, warum die beiden andern, mit denen er bisher zusammen gewesen war, in Berlin nicht dabei waren. Jedenfalls zog er in der Bibliothek alleine los.

    Vielleicht war Wu in Gedanken gewesen. Vielleicht hatte er Hunger oder Durst gehabt, er geriet jedenfalls zwischen die Regalreihen. Wenn er am Ende einer dieser Regale angekommen war, drehte er sich um und ging den nächsten Gang entlang. Er ging Treppen hoch, Stockwerk um Stockwerk stieg er immer höher und höher, aber wohin er auch kam, es sah überall gleich aus. Regale bis ans Ende des Horizontes. Wu fühlte sich einsam. Er hatte schon lange keinen Menschen mehr gesehen. Er vernahm ein Brummen, aber er konnte nicht sagen, woher es kam. Er geriet immer tiefer hinein in den Raum und immer tiefer in die Zeit. Es wurde dunkler, die Regale rückten enger aneinander, sie bogen sich über ihm zusammen. Wu fand das unheimlich. Nach jedem Regal, wendete er sich erneut und kam wieder in einen anderen Gang, der in die Tiefe führte und an dessen Ende er wenden musste. Er vergaß alles um sich herum. Er ging nur noch die Regale entlang, wendete am Ende und ging den nächsten Gang. Es wurde immer dunkler, aber Wu bemerkte das nicht. Und dann schrie er mit einem Mal in höchster Angst auf. Er hielt sich dich Kamera zum Schutz vor das Gesicht und drückte ab. Dann schrie er noch einmal und rannte um sein Leben.

    Wu konnte sich nicht erinnern, wie er aus dem Gebäude herausgekommen war. Er konnte sich auch nicht an die Tage danach erinnern, an das restliche Europa. Er zog sich auf sein Zimmer zurück. Er sprach nicht mehr. Als seine Reisebegleiter sich nach ihm erkundigten, ließ er ausrichten, er fühle sich nicht wohl. Man solle sich keine Sorgen machen. Auf dem Flug war er in sich gekehrt. Er vergaß, sich von seinen Reisebegleitern zu verabschieden. Im Bus, der ihn in sein Dorf zurückbrachte, separierte er sich von den anderen. Als er ausstieg, sahen die Leute ihn besorgt an. Er reagierte nicht auf die Fragen, die sie ihm stellten. Er kümmerte sich um sein Haus und sein Feld und sein Vieh. Er würde alt werden. Er würde alt werden und immer älter, hundert oder tausend Jahre alt. Aber er würde nicht sterben.

    In ein paar Jahren, sagte er sich, wollte er noch einmal fahren. Er hatte es nicht eilig. Er wollte noch einmal nach Europa fahren, noch einmal dieselbe Reise. In Berlin würde er das Grimm-Zentrum besuchen und die Führung mitmachen. Dann käme dieser unverständliche europäische Ritus, Sie haben eine halbe Stunde, und Wu würde alleine losziehen. Er würde in die Tiefen dieses Gebäudes eindringen, er würde durch die Regale irren, immer tiefer und tiefer hinein in den Raum und in die Zeit, und ganz am Ende würde sie vor ihm stehen, diese große rothaarige Erscheinung, sie würde Feuer speien und lachen. Vielleicht würde sie ihn verschlingen.

    Solange dieser europäische Drache mit ihren feuerroten Haaren und ihren glühenden Augen auf ihn wartete, solange würde er nicht sterben. Wu strich mit seinen Fingern über das Foto, das er damals gemacht hatte. Das einzige Foto in dem Apparat. Er hatte nur einen Abzug anfertigen lassen, weil er der Meinung war, dass mit jedem weiteren die Erinnerung verblasse. Und das wollte Wu nicht.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    19 November 2009

    Die Geschichte vom Vergessen des Betens

    Dies ist die Geschichte eines heiligen Mannes, der vor langer Zeit gelebt hat. Dieser Mann ist zu bestimmten Zeiten an eine bestimmte Stelle im Wald gegangen und hat dort rituelle Handlungen vorgenommen und mit überlieferten Worten gebetet. Sein Nachfolger kannte diese Zeiten nicht mehr. Und so ging er eben irgendwann an jene Stelle, nahm die rituellen Handlungen vor und betete mit den überlieferten Worten. Sein Nachfolger wiederum kannte die Zeiten nicht, er kannte die Stelle im Wald nicht, er nahm die rituellen Handlungen vor und betete mit den überlieferten Worten. Dessen Nachfolger wieder, kannte die Zeiten nicht, er kannte die Stelle im Wald nicht, er kannte die Handlungen nicht und hat nur noch die heiligen Worte gesprochen. Und ich nun bin sein Nachfolger. Ich kenne die Zeiten nicht, ich kenne die Stelle im Wald nicht, ich kenne die heiligen Handlungen nicht und die heiligen Worte kann ich auch nicht sprechen. Das einzige was ich kann, ist diese Geschichte zu erzählen. Die Geschichte vom Vergessen des Betens.

    Ich kenne kein schöneres Gleichnis für die Aufgabe des Schriftstellers: Wir, die wir erzählen, erzählen die Geschichte vom Vergessen. In dieser Geschichte ist das Vergessene noch präsent. In diesem ganz speziellen Vergessen ist die Geschichte vom Vergessenen präsent. Und die darf nicht vergessen werden.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 November 2009

    Die relational reine Wahrheit über meinen Freund Paul

    Dies ist die Geschichte von meinem Freud Paul.

    Eigentlich ist das keine Geschichte, sondern die Wahrheit. Dennoch ist es auch eine Geschichte, weil sie nämlich nicht die ganze Wahrheit ist. Die ganze Wahrheit wäre ein bisschen mehr als diese Geschichte. In diesem Fall ist die Geschichte noch nicht die ganze Wahrheit. Oder die Wahrheit wäre ein bisschen weniger als diese Geschichte. Dann müsste man sagen, die Geschichte ist nicht mehr die ganze Wahrheit. Die Geschichte ist wie sie ist, aber die Wahrheit ist entweder mehr oder weniger. Die Wahrheit ist mehr oder weniger die Wahrheit: je nach der Geschichte. Auch die ganze oder reine Wahrheit ist keine absolute, sondern eine relationale. Die relational reine Wahrheit. Jetzt aber weg von solchen philosophischen Späßen, hin zur Geschichte von meinem Freund Paul.

    Mein Freund Paul ist (in Wahrheit!) gar nicht mein Freund. Ich glaube, Paul hat keine Freunde. Aber er scheint nicht unter Einsamkeit zu leiden. Ich weiß nicht einmal, ob er wirklich Paul heißt. Ich nenne ihn einfach so. Wenn ich versuchen sollte, ihn zu beschreiben, dann würde ich sagen: Paul ist ein zurückhaltender Charakter, der sich nicht gerne anstrengt und der festgestellt hat, dass man auch so ganz gut zurande kommt. Paul ist ganz sicher nicht der Hellste, aber er hat die Position gefunden, in der er dem Leben begegnen will: im Liegen. Liegen ist das, was er am liebsten tut. Wann immer ich ihn treffe, liegt er. Und ist kurz davor einzuschlafen. Oder kurz danach.

    Man müsste Paul, wäre er ein Mensch, wohl als faul bezeichnen, stinkfaul. Aber Paul ist ein Hund, ein Bernhardiner. Er gehört zu einem teuren Restaurant bei mir um die Ecke. Meistens liegt er draußen vor der Türe. Manchmal liegt er sogar in der Türe. Die Gäste müssen dann über ihn drüber steigen. Was Paul selbst dann nicht stört, wenn ihn mal ein Fußtritt trifft. Beim Liegen hat er entweder den Kopf auf den Vorderfüßen abgelegt oder er liegt auf der Seite, alle viere von sich gestreckt. Wenn Paul den Kopf auf den Vorderfüßen ablegt, dann fällt ihm dabei manchmal ein Auge zu. Das Lied des anderen hält er noch eine Weile tapfer offen. Bis es dann auch zufällt. Ich habe das mehr als einmal beobachtet. An Pauls Lidern müssen von innen Bleigewichte festgemacht sein. Wenn er sie öffnet, geht das erstens nur sehr langsam vor sich und zweitens öffnet er auch nicht beide Augen gleichzeitig, sondern schön geordnet nacheinander. Und dann fällt im oft, während er das das zweite öffnet, das erste schon wieder zu.

    Paul kann auch nichts aus der Ruhe bringen. Er erschrickt nicht, wenn jemand hupt oder schreit. Er reagiert nicht einmal auf andere Hunde. Manchmal kommt ein Boxer, eine Hündin, vorbei und beißt ihm zärtlich in die Ohren. Paul zumindest stört das nicht, aber erfreut sieht er auch nicht aus. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Paul einen Sexualtrieb hat. Wenn man ihn anspricht, reagiert er einfach nicht. Als ob er blind und taub wäre. Wenn man sich zu ihm herunter beugt, zeigt er keinerlei Reaktion. Er guckt einen nicht einmal an. Aber wenn man seine Hand ausstreckt, um ihn in streicheln, steht er tatsächlich auf. Er steht auf, dreht sich um 180 Grad und legt sich wieder hin. Er geht nicht einmal einen einzigen Schritt weiter. Er dreht sich im Kreis und zeigt demjenigen, der seine Ruhe stört, sein Hinterteil.

    Die Geschichte von Paul wäre nun nicht weiter erzählenswert, wenn sie sich nicht durch einen besonderen Umstand auszeichnen würde. Und das ist die Art und Weise, wie Paul sich hinlegt. Ich weiß nicht, wie andere Hunde sich hinlegen, aber sicher nicht so wie Paul. Paul legt sich, streng genommen, gar nicht hin. Er bricht in sich zusammen. Er knickt in den Gelenken ein. Das federt er auch nicht ab, durch Muskelkontraktion oder Spannung in den Sehnen: er schlägt einfach mit voller Wucht aufs Pflaster. Das kündigt sich auch nicht an, das ist kein Zusammenbrechen, das sich nacheinander aller seiner Glieder bemächtigt. Das geht in einer Millisekunde vonstatten. Es sieht aus, als wenn ihn der Schlag trifft. Paul ist, wie gesagt, ein Bernhardiner. Er ist ziemlich groß und das bedeutet: es ist ein weiter Weg von oben nach unten.

    Er hat in seinem Leben wahrscheinlich alles erreicht, was sein Hundeherz begehrt: zweimal am Tag gibt’s was zu fressen. Und das kommt aus einem exzellenten Restaurant. Vielleicht ist es das gute Essen, das ihn etwas lethargisch macht. Ich frage mich, was Paul tun würde, wenn es bloß trockenes Brot gäbe. Vielleicht stellt sich Paul solche Fragen auch manchmal. Vielleicht fragt sich Paul, ob man im Leben auch noch was anderes machen könnte als immer bloß Liegen. Aber bevor er solche Gedanken zu Ende denken kann und er jener Stelle anlangt, an der einem Denkenden deutlich wird, dass da ein Fragezeichen hingehört und dass ein Fragezeichen eine Antwort fordert, wird er anfallartig müde. Und bevor er bemerkt, dass er gerade im Moment mit seinem Körper und seinem Kopf auf‘s Pflaster schlägt, schläft er schon. Das ist die einzige Erklärung, die ich für sein Verhalten finden kann: Er schläft bereits, wenn er unten auf dem Pflaster ankommt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    21 Oktober 2009

    Irgendeine Marlene

    Dies ist die Geschichte einer Marlene. Wenn man mich fragen sollte, welche Marlene denn? würde ich antworten: irgendeine. Irgendeine Marlene. Dies ist die Geschichte irgendeiner Marlene.

    Irgendeine Marlene kommt morgens in die Küche, um sich Kaffee zu kochen und ein Müsli zu machen. Sie hat schlecht geschlafen. Erst konnte sie nicht einschlafen und dann haben sie Träume gequält. Oder waren das keine Träume? Sie kann sich kaum erinnern. Was hat sie da eigentlich geträumt? Es ist zum greifen nahe und doch unbegreiflich. Sie dreht sich zum Kühlschrank und beugt sich herunter, um die Milch herauszuholen. In diesem Moment erschreckt sie sich zu Tode: Da sitzt ein Mann. Am Küchentisch sitzt ein Mann. Da sitzt ein Mann und schaut sie an. Sie will schreien, aber sie kann nicht atmen. Sie will aufstehen und wegrennen, aber sie kann sich nicht bewegen. Sie spürt wie sie das Bewusstsein verliert. Als sie wieder zu sich kommt, liegt sie auf dem Boden vor dem Kühlschrank. Von dem Mann ist nichts zu sehen. Irgendeine Marlene kommt aus dem Urlaub nach Hause. Sie steht mit zwei Koffern vor der der Haustüre, steckt den Schlüssel ins Schloss und stellt fest, dass er nicht passt. Sie probiert es ein zweites Mal, sie probiert auch die anderen Schlüssel. Sie sieht erstaunt, irritiert auf den Schlüsselbund in ihrer Hand und auf die Haustüre. Dann dreht sie sich um, mit einem fragenden Gesichtsausdruck. Irgendeine Marlene geht eines Abends in ein Café und sieht ihren ersten Freund wieder. Damals war sie siebzehn, achtzehn vielleicht. Mehr als zehn Jahre ist das her. Sie halten beide für den kleinen Teil eines Moments inne, dann gehen sie ohne ein Wort aneinander vorüber. Irgendeine Marlene kauft Honig, Käse, ein Brot und einige Tomaten ein, hat aber an der Kasse nicht genug Geld und wird rot. Irgendeine Marlene wirft, bevor sie das Haus verlässt, noch einen Blick in den Spiegel und stellt fest, dass der Mantel nicht zum Rock passt. Sie zieht sich noch einmal um, aber nun passen die Schuhe nicht. Sie probiert es mir einer Hose und schaut erneut in den Spiegel. Und da stellt sie fest, dass es nicht an dem Rock liegt oder an der Hose. Es sind die Schuhe. Die Schuhe passen nicht. Sie passen nicht zu ihr. Dabei trägt sie sich schon Jahre, es sind ihr Lieblingsschuhe. Jetzt muss sie feststellen, dass sie nicht zu ihr passen. Mit einem Gefühl, als passen nicht nur die Schuhe nicht. Sie steht vor dem Spiegel und hat das überwältigende Gefühl, das sie selbst es ist, die nicht passt. Sie steht wie gelähmt da. Dann bricht sie in Tränen aus. Irgendeine Marlene geht spätabends ins Bett und verweint die halbe Nacht. Sie wacht am Morgen auf, fühlt sich zerschlagen, kann sich aber nicht an den Traum erinnern. Irgendeine Marlene geht in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen und ein Müsli. Sie schüttet das Müsli in eine Schale, dreht sich um, beugt sich herunter und öffnet den Kühlschrank, um die Milch herauszunehmen. Dabei geht ihr Blick über den Rand der Kühlschranktür. Und dies hier ist ihre Geschichte. Die Geschichte irgendeiner Marlene.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    07 Oktober 2009

    Präziser oder poetischer

    Dies ist die Geschichte eines Mannes, der meinte, alles wieder umformulieren zu müssen.

    Die Geschichte von einem, der alles, was er gesagt und geschrieben hat wieder relativieren musste. Der gerade rücken musste, was ihm schief und krumm vorkam. Und der dann, was er zuvor bereits gesagt hatte, erneut formulierte. Weil ihm dies, bei näherer Betrachtung, abends bei Kerzenschein oder Halogenlicht, weil er das bei erneuter Betrachtung als unzureichend empfand. Oder als falsch. Als widersinnig. Und der das dann erneut formulierte, präziser vielleicht. Oder poetischer. Der das eine gegen das andere austauschen wollte. Kaum, dass er alles präzisiert hatte, poetisierte er es, um es dann, bei allernächster Gelegenheit wieder zu präzisieren. Und der das sein ganzes Leben lang so machte, richtig stellte, was ihm falsch vorkam, vereindeutigte, was ihm zweideutig schien. Und der sein ganzes Leben damit zubrachte. Und der den Eindruck hatte, sich keinen einzigen Schritt vorwärts zu bewegen. Und der dennoch immer darauf hoffte, eines Tages dieses Dilemma und diese Ausweglosigkeit zu überwinden. Und loszugehen. In die eine oder in die andere Richtung. Eines Tages würde er sich zu einer ganz anderen Art von Klarheit aufraffen können.

    Dies ist die Geschichte eines Mannes, der sein ganzes Leben lang immer wieder neu Anlauf genommen hat. Und der am Ende dieses Lebens feststellt, dass er gar nicht so unglücklich war, wie er das bis dahin angenommen hatte. Der nicht von Hemmung zu Hemmung gegangen ist, sondern dessen Leben durchaus einen Sinn gehabt hat. Und dieser Sinn hat darin bestanden, alles wieder gerade zu rücken. Oder schief. Dieses umrücken, das war der Sinn. Das ist die tiefe Erkenntnis am Ende seines Lebens. Wohlwissend, dass er an diesem Tag wird sterben müssen. Denn ansonsten hätte er das am nächsten Tag natürlich wieder relativiert und hätte diese Erkenntnis präziser formuliert. Oder poetischer.

    Als Camus seine sehr kurze und sehr bekannte Abhandlung über Sisyphos schrieb, da hat er als letzten Satz – vielleicht hat er das gemacht weil so ein provokanter Schlusssatz gut für die Reputation war – formuliert: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.” Ich finde, da ist er übers Ziel hinaus geschossen. Den oben skizzierten Menschen zwischen Poesie und Präzision, den müssen wir uns nicht als glücklich vorstellen. Und schon gar nicht als zufrieden (was ja von manchen Menschen als mediokere Variante des Glücks aufgefasst wird), sondern schlicht und ergreifend als beschäftigt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    29 September 2009

    Der Herzog von Charost

    Dies ist die Geschichte vom idealen Leser.

    Der Herzog von Charost ist auf dem Weg zum Schafott. Ich kann mich nicht an sein Vergehen erinnern, ob er, nach damaligem Verständnis, zu Recht oder zu Unrecht verurteilt wurde. Er sitzt hinten auf einer Pritsche und liest seelenruhig in einem Buch. Dann kommt der Wagen an den Ort an dem das Urteil vollstreckt werden soll. Und dieser Mann, diese Heroe der Lesekultur, was macht er, Minuten bevor er guillotiniert wird? Er macht, bevor er das Buch zuschlägt, ein Eselsohr hinein! Die Wahrscheinlichkeit, dass er die Dekapitation, die gewaltsame Abtrennung des Kopfes vom Rumpf; die Wahrscheinlichkeit, dass er seinen Tod überlebt, ist ja nun wirklich denkbar gering. Aber für den Fall, dass es doch so sein sollte, könnte er, kopf- und leblos wie er dann nun einmal ist, gleich an der Stelle weiterlesen, wo er, zu seinem Unbill, die Lektüre hatte unterbrechen müssen.

    Ich würde gerne wissen, was er da gelesen hat. Das kann eigentlich nur Shakespeare gewesen sein. Die Frage ist natürlich: Komödie oder Tragödie?

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    31 August 2009

    Reisebericht aus einer untergegangenen Welt

    Dies ist die Geschichte eines nicht mehr ganz jungen Vaters. Er und seine Frau haben vor einigen Wochen ihr zweites Kind bekommen, einen Jungen. Am vergangenen Wochenende wurde Oskar den Freunden und Bekannten präsentiert. Das Baby ist der ganze Stolz seines Vaters Timo. Im Laufe des Abends wurde erst aufs Kind getrunken, dann aufs Leben im Allgemeinen, später auf die Zukunft des Jungen und noch später auf die eigene Vergangenheit. Und dann kamen die Geschichten auf den Tisch.

    Der Vater des Jungen hatte viele Jahre zuvor eine Weltreise unternommen. Diese Reise ist ein schier unendliches Reservoir für Geschichten. Von Berlin aus waren er und zwei Freunde damals in Richtung Türkei gefahren, nach Osten. Immer weiter nach Osten, bis es nicht mehr weiterging. Mit dem Zug über Istanbul, Bagdad, Teheran, Kabul bis nach Lahore. So war jedenfalls der Plan. Und dieser Plan, das spürten die drei, die sich in den ersten Tagen der Reise immer wieder ungläubig anschauten, war der totale Wahnsinn. Das Ende der Welt. Bis ans Ende dessen, was man sich vorstellen konnte. Und da würde es dann liegen, ein Juwel, der in der Sonne blitzte.

    Alle paar Wochen, so hatten sie bei der Abreise versprochen, wollten sie zu Hause anrufen. Das stellte sich vor allen in China als ein Problem heraus. Die Währung, die Sprache, mit Englisch kam man nicht weiter, der Laden in dem sie telefonieren wollten, die Zahlen, die man mit dem Apparat wählen musste, alles war plötzlich ein Problem. Und hatten sie es geschafft, hatten sie eine Leitung und klingelte am anderen Ende dieser Leitung, tausende Kilometer weit weg, das Telefon, dann klingelte und klingelte es und niemand nahm ab. Wartete wirklich niemand auf den Anruf? War man daheim schon vergessen? Sie sahen einander an, sagten aber nichts. Sie sprachen den ganzen Abend nicht, keiner fand die richtigen Worte, um diese Stimmung zu durchbrechen. Am nächsten Morgen war der Anfall von Heimweh vorüber. Sie traten aus dem billigen Hotel, an der Straßenecke ein Tempel zu Ehren Shivas, und sahen die gigantische Bergkette des Himalajas vor sich. Sie befanden sich an der Grenze zu Tibet, auf dem Weg in jene Stadt, von der sie bereits bei ihrer Abreise geträumt hatten und der von Anfang an das Ziel gewesen war. Dieser Ort, der ihre Phantasie seit so vielen Jahren beschäftigte. In den nächsten Tagen würden sie ihn sehen: Kathmandu.

    Selbst wenn einer an der Welt nicht interessiert ist, an ihren geografischen Schönheiten oder an den Menschen, sollte doch jeder eine Weltreise machen. Am besten in jungen Jahren, sodass er später davon erzählen kann. Je größer der Abstand zwischen Reise und Erzählung, so scheint es, desto verwegener wird die Reise und desto erstaunlicher die Welt, die man da zu sehen bekommen hatte und desto großartiger die Erzählung von ihr. Eine Welt, die heute, zehn oder zwanzig Jahre später, verschwunden zu sein scheint. Das sind Geschichten aus einer untergegangenen Welt. Nur die eigenen Erinnerungen zeugen noch von ihr. Nur die eigenen Geschichten retten sie vor dem endgültigen Untergang.

    Solche Geschichten wird auch der Sohn eines Tages zu hören bekommen. Er wird an den Lippen seines Vaters hängen, an jedem Wort, das der erzählt. Keine dieser Geschichte ist zu abenteuerlich, keine zu gefährlich. Andere Menschen, andere Sitten, andere Sprachen, andere Zeitzonen und andere Vorstellungen von der Zeit: Nichts klingt dem Sohn zu absurd, um an seinem Vater zu zweifeln. Aber als es an die Telefongeschichte geht, den stundenlangen Versuch in diesem Laden, eine Art Cafe´, in dem ungewöhnliche Lampen von der Decke hängen und Kleidungsstücke, an kleinen Tischchen hocken vor allem ältere Opiumraucher und man schaut die drei sehr skeptisch an oder feindselig oder ohne jede Regung, das können sie nicht entscheiden; als der Vater diese Geschichte erzählt, von dem Versuch zu Hause anzurufen, stundenlang wird gewählt, mit dem Kopf geschüttelt und gestikuliert, und wieder und wieder auf den Apparat gezeigt, der erneut hinübergereicht wird, da zweifelt der Zehnjährige dann doch an seinem Vater. Warum er denn nicht übers Internet angerufen habe, will er wissen. Damals, antwortet sein Vater, gab’s noch kein Internet.

    Alles, alles hat der Junge seinem Vater geglaubt, kein Berg zu hoch, keine Schlucht zu tief, kein Feuer speiender chinesischer Drache zu gefährlich, aber dass es kein Internet gegeben haben soll, das glaubt er ihm nicht. Das kann er nicht glauben. Weil kein einigermaßen vernünftiger Grund erkennbar ist, warum es das nicht gegeben haben soll.

    Man findet viel im Internet, nahezu alles. Eines aber findet sich dort nicht: die Erinnerung an die Zeit davor.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    27 Juli 2009

    Buridans Esel

    Dies ist die kurze und tragische Geschichte von Buridans Esel. Hungrig steht er zwischen zwei ähnlich großen Heuhaufen. Er kann nicht entscheiden, welcher der beiden der größere ist und da er sich mit dem kleineren nicht begnügen will, bleibt er auf der Stelle stehen. Und verhungert.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    14 Juli 2009

    Daran stirbt man nicht

    Dies ist die Geschichte vom Lackieren der Fußnägel. Ich sitze auf dem Balkon und überlege, ob ich meine Fußnägel lackieren soll. Das mache ich nicht selten: ich überlege mir Fuß- oder Fingernägel zu lackieren. Ich mache es dann nicht. Ich mache das nie. Ich schminke mich auch fast nie.. Manchmal benutze ich Lippenstift, ich habe einen tiefroten und einen schwarzen. Lippenstift betont die Zähne. Ich mag meine Zähne. Sie sind der einzige Schmuck den ich besitze. Besitzt man seinen Körper?. Ich habe weder Ohrlöcher, noch trage ich Ringe oder Ketten. Ich will nicht durch meine Attribute gefallen. Ich will schließlich kein Geld mit meinem Aussehen verdienen.

    Ich sitze also auf dem Balkon und mache meditative Betrachtung des eigenen Bauchnabels: Omphaloskopie. Es klingelt. Ich stehe auf, gehe zur Wohnungstüre und öffne sie. Meine Freundin Stella steht vor mir. Wir wohnen im selben Haus und haben uns vor einiger Zeit im Flur ineinander verliebt. Stella ist vier Jahre alt. „Ich bin’s“, sagt sie. Obwohl ich das ja sehe. Manchmal klingelt sie, wenn sie unter vor dem Haus steht. „Ich“, sagt sie dann nur. „Ich“ ist die umfassendste Erklärung, die es in der Kinderwelt geben kann.

    Heute muss ihre Mama etwas erledigen und Stella fragt, ob sie bei mir bleiben könne. Wir setzen uns zusammen auf den Balkon, aber das Kind lebt eher veranstaltungsorientiert. Sitzen und unterhalten ist ihr zu langweilig. Sie will was erleben. Und wenn das nicht von alleine passiert, dann muss sie eben nachhelfen. Wir spielen also zusammen. Nach etwa einer halben Stunde fasst sie mich an der Hand und sagt mit ernstem Gesicht “Ich muss mal.“ Ich soll sie auf die Toilette begleiten. Sie zieht sich zuerst die Hose aus, dann die Unterhose. Beides fliegt in hohem Bogen durchs Badezimmer. Sie setzt sich aufs Klo. Und dann passiert erst mal nichts mehr. „Ich dachte, du musst pinkeln“, sage ich. „Eben musste ich ja auch noch“ ist die Antwort. Damit scheint die Sache für sie erledigt. „Das kann ja wiederkommen“, sage ich nach einer kurzen Pause. Stelle nickt bedächtig. Ich setze mich auf den Wäschekorb. Es macht den Eindruck, als könne das länger dauern. Etwas lenkt sie vom Pinkeln ab. Ich folge ihrem Blick. An der Wand gegenüber hängt ein Bild von Marilyn Monroe, die sich, tief dekolletiert, der Kamera entgegen beugt. Etwas in Stella arbeitet, man sieht’s ihrem kleinen Gesicht an. „Was ist los?“, frage ich. Stella fragt zurück, ob die Frau auf dem Bild schön sei. Ich antwortete, dass viele Männer sie schön finden. Damit gibt sie sich nicht zufrieden, sie will wissen, ob ich sie schön finde. Ich weiß es selbst nicht so genau, ihren Erfolg bei den Männern, das ist das an ihr, was viele fasziniert. Aber ich? Beeindruckt mich dieser Erfolg? Ich weiß es nicht und versuche erneut auszuweichen. Aber Stella lässt nicht locker. Bis ich schließlich zugebe, dass ich sie schön finde. Und weil ich offenbar dann das Gefühl habe, es relativieren zu müssen, füge ich hinzu – als würde es dadurch relativiert! – dass die Frau auf dem Bild schon lange tot ist. „Ist die daran gestorben?“, fragt Stella und zeigt auf das Bild. Ich weiß erst nicht, was sie meint. Dann geht mir ein Licht auf, sie meint die lackierten Fußnägel. Ich muss lachen. „Nein“, sage ich, „daran stirbt man nicht“. Woran sie denn gestorben sei, fragt Stella. Ich sage, dass ich es nicht weiß. Stella fragt mich, wie ich wissen könne, dass sie nicht daran – sie zeigt erneut auf das Bild und die lackierten Fußnägel – gestorben sei, wenn ich gar nicht wisse woran sie gestorben sei.

    Ich bin verblüfft. Und auch ein bisschen schockiert, dass mich ein kleines Kind der ungenauen Verwendung von Sprache überführt. Aber Kinder sind so: nicht ungeheuer klug, vielmehr sehr aufmerksam, was die Sprache angeht. Stella ist die nächste Stunde übertrieben fröhlich und ausgelassen. Später setzt sie sich auf meinen Schoß und schmiegt sich an mich. Ich lege die Arme um sie und drücke sie an mich. Wir schmusen. Dann befreit sie sich aus meiner Umarmung. Sie zieht mit einem Ruck gleichzeitig beide Socken herunter. Voller Stolz zeigt mir ihre kleinen Füße, mit den lackierten Fußnägeln.

    Ich kenne das nun schon seit einiger Zeit, bin aber dennoch jedes Mal aufs Neue erstaunt, wie sich manche Sachen in Kinderköpfen zusammensetzen. Sie hatte tatsächlich Angst an den lackierten Fußnägeln zu sterben.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    05 Juni 2009

    Der Maler

    Dies ist die Geschichte eines Malers, der im Kundenauftrag einen Hahn zeichnen soll. Künstler und Auftraggeber vereinbaren im Voraus einen festgelegten Betrag für die Arbeit. Viele Wochen später, am vereinbarten Tag, kommt der Kunde, um seine Zeichnung abzuholen.

    Der Maler scheint viel zu tun zu haben und lässt den Kunden warten. Der macht bald auf sich aufmerksam. Der Maler scheint ihn nicht zu erkennen. Bis der Kunde deutlich zu verstehen gibt, dass er am heutigen Tag seine Zeichnung abholen könne. Der Künstler scheint sich widerwillig zu erinnern. Er greift nach einem Blatt und zeichnet mit schnellen Strichen einen Hahn auf’s Papier. Das Ganze dauert keine zwei Minuten. Der Kunde ist erst erstaunt und dann erbost. Wie könne er, fragt er den Maler, ihm einen dermaßen hohen Betrag für diese zwei Minuten Arbeit abverlangen? Wie könne er, der das da, der Kunde weist verächtlich auf den Hahn, aus dem Handgelenk geschüttelt habe, so viel Geld dafür verlangen? Der Maler schweigt. Der Kunde ereifert sich, er wird wütend, er versteigt sich immer weiter. Bis der Maler, ohne ein Wort zu sagen, unter den Tisch greift und einen dicken Stapel Blätter hervorholt: Hähne in allen Stellungen und Varianten, ausgeführt in verschiedenen Techniken, mit und ohne Farbgebung, mit und ohne Hintergrund, realistische Perspektiven, skurrile Varianten, Studien über Studien, dutzende Blätter. Beschämt wendet sich der Kunde ab, zahlt und verlässt, seinerseits nun ohne Worte, das Atelier.

    Die Moral von der Geschichte? Nicht etwa, dass einer viel arbeiten muss, um ein guter, womöglich auch (nur) ein gefragter Künstler zu werden. Nicht, dass Entlohnung und Aufwand in einem angemessenen Verhältnis zueinander stehen müssen. Vielmehr dass Kunst aus dem Handgelenk kommt und deswegen etwas onanistisches und unanständiges hat. Das ist ihr Kapital!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    10 Mai 2009

    Usnavi

    Dies ist die Geschichte einer Mutter, die, hochschwanger, von einem auf den anderen Tag den gemeinsam mit der Familie ausgesuchten Namen ihres Kindes ändern will. Trotz erheblichen Widerstands ihres Mannes und ihrer Eltern besteht sie darauf das Kind, ob Mädchen oder Junge, Usnavi zu nennen. Das ist kein gebräuchlicher Name in Kolumbien, und daher stammt die Geschichte. Die Tochter heißt dann tatsächlich so, zum Bedauern der Familie und auch zu deren eigenem Bedauern. Usnavi beklagt sich später oft über ihren ungewöhnlichen, vor allem unweiblichen Namen.

    Erst viele Jahre später, auf dem Totenbett, gibt die Mutter das Geheimnis um diesen Namen preis. Damals, kurz vor der Niederkunft, sei sie, so gibt sie zu verstehen, im Hafen spazieren gegangen. Dort habe sie ihn gesehen und vom ersten Moment an gewusst, dass dies der vorherbestimmte Name für ihr Kind sei. Sein Klang und das Gefühl für das Baby in ihrem Bauch haben einander auf eine ihr selbst unbegreifliche Weise entsprochen. Am Tag darauf starb die Frau, ohne dass man noch einmal auf dieses Thema zu sprechen gekommen wäre. Die Nachforschungen ergaben später, dass in jenen Tagen, mehr als 30 Jahre zuvor, ein Verband amerikanischer Kriegsschiffe im Hafen gelegen hatte. Am Bug eines dieser Schiffe hatte sie offenbar gelesen, was am Bug eines jeden amerikanischen Kriegsschiffs zu lesen ist: U.S.Navy.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.