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  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, ich bin, was die aktuelle Ausformung eines Individuums angeht, in gewisser Weise durchaus deiner Ansicht – doch wenn ich glaubte, mein aktuelles Ich sei die mir höchstmögliche Entwicklungsstufe, so würde ich mich ja vor mir selbst und der Welt lächerlich machen,...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, du gehst offenbar davon aus, dass dein aktuelles Ich die höchstmögliche Entwicklung deiner potentiellen Anlagen ist. Ich bin da etwas andere Meinung, nicht was dich persönlich betrifft, sondern generell. Ich halte die aktuelle Ausformung eines Individuums für eine...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, ich konnte, glaube ich, nichts anderes werden, als das und der, der und was ich geworden bin, zum Glück ohne staatliche Schreibschulen und staatliche Irrenanstalten. Aber du hast recht, lieber unter einem Schreibzwang leiden als unter den Zwängen, die uns...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, auch das ist eine Dimension des Schreibens, der Zwang. Die Unfähigkeit, es abzuweisen. Und die Freiheit, die es verspricht – und manchmal sogar hält. Es bewahrt möglicherweise vor anderen Zwängen. Wer weiß, wie wir geworden wären, wenn wir nicht schrieben. Man...
  • Norbert W. Schlinkert: … freiberuflich ihre Kern-Arbeit verrichten, Kontakte pflegen, zu beruflichen Anlässen reisen, mal eine Kritik und mal einen Artikel schreiben und so weiter. Ich weiß wirklich nicht, ob ich bei solchen Aussichten zum Schreiben gekommen wäre – und wahrscheinlich hätte ich es...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, dass die Schreibschulen-Absolventen in gewisser Weise einen normalen Beruf lernen, scheint mir auch so. Ich kenne einige Absolventinnen, die imgrunde ganz klassisch
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, ich glaube auch den Absolventen der Schreibschulen in Leipzig und Hildesheim geht es nicht anders. Nur weil sie erlernt haben, was wir autodidaktisch können – wenn wir es können – müssen sie Vernunft und Poesie nicht anders bewerten. Ich will Schreiben, aber manchmal...
  • Aléa Torik: Liebe Iris, so wie du das beschreibst, genauso, funktionieren Erinnerungen. Anhand solcher Mythen konstruieren wir ein mit sich selbst identisches Ich, das wir angeblich sind. Und genau das – eigentlich nicht genau das, sondern viel mehr als das, ich habe den Prozess, um ihn deutlich...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, das, was du da über dein Schreiben schreibst, wirkt angesichts der Flut der Nachwuchs-Literaten, die jedes Jahr aus den Schreibschmieden in Leipzig und Hildesheim entlassen werden, fast schon unzeitgemäß, weil in der Tat unvernünftig. Da es mir aber ebenso geht,...
  • irisnebel: Liebe A., “die Zeit kann einem ja nur wegrennen, wenn man sie chronologisch betrachtet”- merk ich mir auch- eine schöne Betrachtungsweise. und zur erinnerung nicht vergessen zu bemerken, dass sie unheimlich täuscht. wir menschen machen unsere märchen daraus, weil wir sie...
  • Aléa Torik: Liebe Miss Lingen, Kommentare sind in der Regel bei Blogbetreibern sehr beliebt, weil die daran erkennen können, dass ihr Blog angenommen wird und sie etwas zu erzählen haben, das diskussionswürdig ist. Wir Schriftsteller sind da genügsamer, uns muss es reichen, dass wir Leser haben....
  • Miss Lingen: Ich finde es sehr anregend hier mitzulesen, bin aber eher eine stille Leserin als eine Kommentatorin.
  • Aléa Torik: Liebe Iris, von wem ist dieses Beispiel mit dem Eisberg – dass uns nur ein Siebtel bewusst ist, der Rest liegt unter Wasser -?. Das ist wahrscheinlich ganz gut, dass wir nicht alles bewusst erleben. Oder noch radikaler ausgedruckt: was wir Erleben nennen, würde gar nicht...
  • irisnebel: “meist sind Momente doch von vielen Zeitschichten beeinflusst, von Erwartungen, von Hetze und Eile, von Erinnerungen an andere Orte, aber auch von Stimmungen, vom Wetter, etc.”- ja, stimmt… habe ich in diesem zusammenhang bisher noch gar nicht von dieser warte aus...
  • Aléa Torik: Liebe Iris, der Moment wird, meine ich, überschätzt. Es gibt diese seltenen Momente, die wirklich alles mitbringen. Aber meist sind Momente doch von vielen Zeitschichten beeinflusst, von Erwartungen, von Hetze und Eile, von Erinnerungen an andere Orte, aber auch von Stimmungen, vom...
  • irisnebel: wow!… “Der Wert des Urlaubs liegt in der Zeit danach, wenn sich diese Erlebnisse mit dem Alltag verbinden. (…) Aber in der zeitlichen Verschiebung von vorher und nachher, können die Ereignisse viel mehr bedeuten als in diesem einen Moment.” - ja, das stimmt. das sind...
  • Aléa Torik: Hallo Don, schön, wenn Ihnen meine Überlegungen zusagen. Dass man sich ändern kann, könnte natürlich auch zum genetischen Code gehören, der eine Veränderung innerhalb vorgegebener Linien zulässt, das darunter oder darüber, das Jenseits allerdings ausschließt und der womöglich sogar...
  • DonSilver: Hallo, zuerst einmal danke für diesen wunderbaren Eintrag der mich sehr zum Nachdenken angeregt hat. Die Idee der Simulation, wie sie sie darstellen, ist mir wunderbar neu, da ich mich noch nie mit Kierkegaard beschäftigt habe. Das jeder von uns nur eine Simulation der als gegeben...
  • Aléa Torik: Liebe Iris Nebel, witzig und verdächtig zugleich: wenn Erinnerungen in dem Moment zustande kommen, da der Akku des Fotoapparates leer ist. Für mich ist der Wert von Urlaub auch gar nicht in der Zeit vor Ort zu messen, sieben oder vierzehn Tage, soundso viele Fotos, soundso viele,...
  • irisnebel: hehe deine Betrachtungen haben mich insgesamt schon etwas stutzig und für einiges bewusst gemacht (was man nach einer gewissen zeit- und geldinvestition lieber vergessen möchte)… genau wie jener frankreichurlaub im durchreisemodus… man rast durch unbekannten, interessanten gegenden und...

  • 07 September 2014

    Weil die Euphorie kein Zustand ist, der lange auszuhalten ist

    Das neue Manuskript – eine Novelle: eine unerhörte Begebenheit – ist gerade abgeschlossen. Es hat also jenen Zustand erreicht, dass ich damit rundum zufrieden bin. Und das bin ich nur, wenn ich eine Steigerung gegenüber dem Vorgänger erkennen kann. Obwohl Manuskripte den Zustand der Abgeschlossenheit nie erreichen. Sie erreichen mehrfach jenen Punkt, an dem sie aufhören, sich zu bewegen. Dieses Manuskript wird sich erst wieder bewegen, wenn ein Lektor sich seiner annimmt und anfängt mich zu ärgern, herauszufordern, zu verbessern, zu belehren, zu loben und zu lobhudeln. Dieser Text sollte anfangs nur ein Zwischenspiel werden, hat sich dann aber über ein Jahr hingezogen – weil man dieses ‘abschließen’ in gewisser Weise nicht betreiben kann, man kann nur dasitzen, arbeiten und hoffen – und aus dem Interludium wurde eine halbe Oper.

    Der eine Notenberg ist gerade vom Tisch, da ist schon ist der nächste da. Und das mit ungeahnter Wucht: mein Europa-Projekt. Ich habe zwei Romane über Deutschland und Rumänien geschrieben, eine Novelle, in der der Raum ausgeklammert ist und die Zeit die Hauptrolle spielt und jetzt schreibe ich einen Roman über Europa. Ich kann mich vor Ideen kaum retten. Als wenn alles andere bloß Vorarbeiten gewesen wären, um mich in den Stand zu versetzen, mit dem neuen Stoff zu Rande zu kommen. Mich vielmehr über seinen Rand hinauszuwagen. Ich bin geradezu euphorisch. Das wird sich auch wieder legen. Es wird sich legen müssen, weil die Euphorie kein Zustand ist, der lange auszuhalten ist. Es werden wieder andere Zeiten kommen, wo ich nicht weiß, wohin ich mich wenden soll. Auch das gehört dazu: innehalten, rat- und richtungslos. Derzeit aber kann ich mich in jede Richtung wenden, es geht überall weiter.

    Und dennoch macht‘s auch Sorgen. Ich bin gar nicht mehr in der Lage, etwas anders zu tun, als zu schreiben. Mir beispielsweise einen Job zu suchen und etwas für meinen Lebensunterhalt zu tun, für meinen Lebenserhalt. Für die Altersvorsorge. Etwas Vernünftiges. Auch Kafka hat vernünftige Dinge getan. Und hat‘s dann drangegeben. Das Schreiben ist, einmal drin in diesem reißenden Fluss, ersäufend. Wie soll man sich um sein Alter Sorgen machen, wenn man nicht einmal weiß, ob man nicht schon morgen mausetot am Ufer liegt? Man schreibt immer auch gegen den Tod. Als könnte man mit Worten etwas aufhalten, zumindest verlangsamen. Man kann es das künstlerische Potential nennen, das einer und eine mit sich herumschleppt, ohne allerdings sein Gewicht zu bemerken. Meine Kreativität ist die Reaktion auf Umstände, denen ich begegne – die ich mir begegnend mache – und auf die ich nicht anders reagieren kann, als sie in irgendeiner Weise zu bearbeiten, zu verändern und ihnen etwas abzugewinnen – oder nicht abzugewinnen, sondern wegzunehmen, vielleicht ist das ominöse, sogenannte Poetische kein ‚Mehr‘, sondern ein ‚Weniger‘ -, das sie zur Literatur macht. Ich kann es letztlich nicht verstehen, mit welcher Entschlossenheit mein, sagen wir Unbewusstes sich über mich erhebt und mich zum Schreiben zwingt. Aber es ist befreiend. Ich weiß nicht, wovon es befreit. Ich will es auch gar nicht wissen. Aber dieses befreiende Element muss in der Kunst spürbar sein.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 Juni 2014

    „ … wie ein versierter Übersetzer zwar dubitativ, weil anspruchsvoll, und dennoch – paradox genug! – sicheren Schrittes verfahren soll …“

    Meine Beschreibung der Tage in Bukarest und des dortigen Übersetzerkolloquiums ist ja bereits online. Jetzt ist auch die von Professor Horatio G. Decuble allgemein zugänglich, die mit der einer sehr treffenden Beschreibung aufwartet, die ich so gar nicht hätte formulieren können, dass  Aléas Ich eine „Kombinatorik von historiographischer Metafiktion und psychologischem Hyperrealismus“ ist.

    Hier also der Bericht mit vielen Fotos von den acht ÜbersetzerInnen, Alexandru Al. Şahighian und Gabriel H. Decuble, von dem nicht nur der Text, sondern  auch die Fotos stammen. Wie allerdings, fragt man sich, können die Fotos von Horatio Decuble stammen, wenn er selbst auf den Bildern zu sehen ist? Da stimmt doch was nicht! Das sind wahrscheinlich die Rätsel der Metafiktion. Oder die des Lebens: Denn es ist doch kaum ein Tag dabei, wo man nicht denkt, dass da irgendwas nicht stimmt und es wieder mal nicht so läuft wie es laufen könnte. Möglicherweise aber ist das ein untrügliches Kennzeichen des Lebens, dass es nicht so läuft wie es laufen könnte.  Und wenn es dann endlich doch so läuft: dann weiß man, dass man tot ist.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    04 Juni 2014

    Kennen Sie Bukarest?

    Ich hatte angekündigt, dass ich in der letzten Maiwoche in Bukarest sein werde. Diese Woche ist nun vorüber. Ich war dort und bin nun wieder hier. Möglicherweise habe ich den Aufenthalt in Rumänien auch erfunden, um mal wieder ein bisschen Stimmung in die Bude zu bringen. Oder weil ich Literatur mache und das erfinden zu meinem Job gehört. Außerdem bin ich nicht bereit, nur das als Literatur zu verstehen, was zwischen zwei Buchdeckel passt. Wie man die Irren – Michel Foucault, Wahnsinn und Gesellschaft -  gerne in bestimmte Areale aussperrt, damit man nie auf den Gedanken kommen muss, dass man selbst kaum weniger irre ist, sperrt man die Literatur zwischen die Buchdeckel. Dort können sich dann jene austoben, die sich für Napoleon Bonaparte oder Aléa Torik halten. Diese andere, die verrückte Welt – und alles, was über die reine Abbildung hinausgeht, ist verrückt – will man jederzeit wieder zuklappen können.

    Angenommen also ich war in Bukarest, auf jene verrückte Weise, die nicht die vorhandene Wirklichkeit widerspiegelt, sondern sich eine eigene erschafft; die nicht enthüllt, was da ist, sondern verhüllt, was nicht da ist. Nehmen wir an, ich sei mit dem Flugzeug geflogen. Was ich selbstverständlich nie tun würde: „Ich kann kein Flugzeug betreten, ohne in Panik zu geraten. Außerdem habe ich eine überaus lebhafte Fantasie und bei solchen Menschen ist es einerlei, ob sie wirklich abstürzen oder nur in ihrer Einbildung: Tot sind sie in jedem Fall. Sie sind nach einem eingebildeten Absturz toter, als sie es nach einem wirklichen je sein könnten.“ (Aléas Ich, Seite 14). Nehmen wir dennoch einen Start in Berlin Tegel an, einen ereignislosen Flug und das langsame Sinken des Flugzeugs im Landeanflug, ein lautes Geräusch, mit dem das Fahrwerk ausklappt. Und mit dem Fahrwerk klappt auch die Landebahn auf. Es klappen, sowie ich das Flugzeug verlasse, die Flughafengebäude auf und während der Fahrt in die Innenstadt klappt die Straße auf, links und rechts klappen die Gebäude auf, es klappt die vor mir liegende Zeit auf.

    Am ersten Abend wird ein Essen aufgeklappt, mit Beate Köhler, der Leiterin des Goetheinstituts in Bukarest, Prof. Horatio Decuble, dem Leiter der Germanistik, und Alexandru Sahigian in Beca’s Kitchen. Ich erzähle ein wenig von meiner Lebensgeschichte oder von dem, was ich dafür halte und die anderen finden es zumindest nicht unwahrscheinlich. Wir sprechen über Herta Müller und Mircea Cărtărescu – zwei sehr viel unwahrscheinlichere Lebensgeschichten als meine! – und über diese beiden, die ja durchaus als Antipoden bezeichnet werden können, wird, in wechselnden Konstellationen, noch häufiger gesprochen. Wir sprechen über den Literaturbetrieb in Rumänien und das Leseverhalten junger Leute. Wir vier sitzen uns schräg gegenüber, was man im Rumänischen nicht sagen kann, weil man sich einfach nur gegenübersitzt, ob schräg oder gerade spielt keine Rolle. Und das ist auch nicht falsch, denn wir sitzen uns tatsächlich nicht nur schräg, wir sitzen uns auch gerade gegenüber.

    Am darauffolgenden Tag werde ich von Marina Neacşu abgeholt, die von diesem Moment an beinahe alle meine Schritte begleitet. Wir fahren zu Radio România, wo ein Interview mit Matei Martin, Adela Greceanu und Alexander Sterescu stattfindet. Eine halbstündige Livesendung über Aléa Torik, Aléas Ich und die Ereignisse innerhalb und außerhalb der Buchdeckel. Ich habe vorher keine Zeit, nervös und hinterher keine Zeit, unzufrieden zu sein. Denn es geht gleich weiter zur Facultatii de Limbi şi Literaturi Străine. Auch wenn ich zum ersten Mal hier bin, ist es doch die Rückkehr an jenen Ort, an dem Aléa Torik studiert hat. Und wie ich so mittendrin bin in meinem alten Leben, gehe ich gleich auf die falsche Toilette. Jedenfalls halte ich sie für die falsche, ich treffe auf der Herrentoilette eine Frau. Wer Aléas Ich gelesen hat, weiß, welche Schwierigkeiten Aléa mit der Differenzierung von männlich und weiblich hat. Dann erinnere ich mich – oder man erklärt es mir -, dass an Fakultäten mit überwiegend weiblichen Studentinnen die Frauen die Toiletten der Männer mitbenutzen.

    Ich besitze einen neuen Personalausweis mit biometrischem Foto und fälschungssicheren Hologrammen: dabei käme ich nie im Leben auf die Idee, meine Identität zu fälschen! Auf der Vorderseite dieses Dokumentes steht mein männlicher, auf der Rückseite mein weiblicher Name. Allerdings findet sich keine Angabe mehr zum Geschlecht. Früher musste man zur Geschlechterbestimmung den Neugeborenen nur zwischen die Beine schauen und da man männlich oder weiblich sein musste, wurde das notfalls mit operativer Hilfe festgelegt: weil Eindeutigkeit ein erheblicher Wert war. Heute ist diese Zuordnung nicht mehr so einfach, weil man die inneren Anlagen der Geschlechtsorgane nicht von außen bestimmen kann. Und weil das Geschlecht, vielmehr die Zugehörigkeit dazu, ein konstruktiver Akt ist, den jeder im Laufe seines Lebens leisten muss. Ein jeder muss erkennen, welchem Geschlecht er sich zugehörig und von welchem er sich angezogen fühlt. Das ist eine große Freiheit und wie jede Freiheit mutet sie dem Einzelnen eine Auseinandersetzung mit dem Thema zu. Freiheit ist immer eine Zumutung.

    Raus aus der Toilette, rein in die Österreich-Bibliothek! Dort findet das Übersetzerkolloquium statt. In den vorhergehenden Tagen wurde, in zwei Gruppen unterteilt und unter Anleitung der beiden versierten Übersetzer Horatio G. Decuble und Alexandru Al. Şahighian je ein Kapitel von Aléas Ich und ein drittes, wenn ich richtig verstanden habe, gemeinsam übersetzt. Nun wollen acht attraktive junge Frauen mich mit den Ergebnissen ihrer Arbeit konfrontieren. Und sie wollen natürlich auch etwas über mich und Aléa und unseren fälschungssicheren Personalausweis wissen und stellen sehr gescheite Fragen dazu. Nicht alles, was in dem Roman steht, habe ich bedacht und nicht alles, was ich bedacht habe, habe ich auch so gemeint. Wird der Autor mit einer Übersetzung seines Textes konfrontiert, muss er offenbar lernen, dass auch die nicht bedachten und nicht gemeinten Zusammenhänge zur Sprache kommen. Weil sie, wenn sie übersetzt werden, bedacht werden müssen. Die Herrschaft des Autors über seinen Text ist zu Ende, wenn die Herrschaft des Übersetzers beginnt.

    Ich lese die Stelle mit dem Wolkenfragment, in dem der latente Verfolgungswahn Aléas deutlich hervortritt und Horatio Decuble fragt nach der Aktualität des Themas Securitate. Ein Vierteljahrhundert, eine Generation nach dem Untergang des Systems sitzt in dem Seminar keine Studentin, die das noch am eigenen Leib erlebt hat. Hat das noch irgendeine Relevanz? Ich entgegne, dass auch wir auch heute Verfolgungsstrukturen entwickeln, wir werden von anderen verfolgt und wir verfolgen sie ebenfalls: im Internet. Wir nennen es nur nicht mehr Verfolgung. Mit WhatsApp wissen wir jederzeit, wo die anderen sind und was sie da tun: denn sie hinterlassen überall Spuren. Wie wir. Wir alle sind in ein Gewebe verstrickt, dem wir uns gar nicht mehr entziehen können, weil es längst die Herrschaft über uns hat. Wir schauen ja nicht freiwillig alle paar Sekunden auf das Display unserer smartphones! Sondern die anderen, die Spuren auf unserem Display hinterlassen, zwingen uns dazu. Damit fällt ein Stückweit die Unterscheidung zwischen Freiheit und Unfreiheit, Täter und Opfer. Im Netz sind wir immer beides zugleich. Der Unterschied allerdings, wird mir berechtigterweise entgegengehalten, sei die Angst. Zur Zeit des Geheimdienstes habe man Angst haben müssen, heute sei man, wenn man in Netz unterwegs ist, angstfrei. Was ich wiederum für ein Problem halte.

    Wir sprechen über konkrete Übersetzungsprobleme, etwa bei dem Kapitel über den Flohmarkt am Mauerpark: „Die Deutschen sind in der Regel sehr darauf bedacht, einen körperlichen Abstand zueinander einzuhalten, der idealerweise genau einen Meter beträgt. Sie rempeln höchstens aus Protest. Angehörige anderer Ethnien hingegen, insbesondere Süd- und Osteuropäer rempeln aus Vergnügen. Es sind vor allem Fremde, Ausländer und Touristen, die auf diesem internationalen Flohmarkt unterwegs sind“ (Aléas Ich, Seite 198). Die Frage ist, ob es sich bei den Ausländern und Touristen um nähere Bestimmungen von Fremden handelt oder ob es eine Aufzählung dreier Gruppen ist. Ich kann die Frage nicht konsistent beantworten. Am darauffolgenden Tag, bei der öffentlichen Lesung und Diskussion bei der ein großer Teil des Fachbereiches anwesend ist, werden Dorian, Damian, Dionisie und Desideriu, die vier rumänischen Surfer zum Problem, vielmehr ihr Waschbrettbauch, der von der Abdominalmuskulatur gebildet wird. Den Begriff gibt es nicht. Ein „sehr muskulöser Mann“ trifft nicht das Gemeinte. Auch die Möglichkeit, einen stehenden Begriff wie etwa eine „karierte Tischdecke“ zu benutzen und deren Bedeutungsspielraum damit zu erweitern, ist wahrscheinlich nicht zielführend. Der englische Begriff „sixpack“ trifft es wohl am besten.

    Es wird nach der Art meiner Recherchen gefragt. Eines der übersetzten Kapitel ist in Bukarest situiert und man sagt mir hier wie auch schon bei der Lesung in Sibiu – wo ich eines der Kapitel aus Siebenbürgen gelesen habe -, dass die Texte außerordentlich authentisch seien und ich mit den Beschreibungen nicht nur die Stadt, sondern auch das Gefühl der jungen Leute für sie getroffen habe. Man will wissen, ob ich nicht doch wenigstens mal eine rumänische Freundin hatte, was ich bedauerlicherweise verneinen muss. In diesem Zusammenhang werde ich gefragt, ob es in Deutschland das Bild der schönen Rumänin gebe und ich antworte, dass es das meines Wissens durchaus gebe und ich, in gewisser Weise jedenfalls, auch deren Verkörperung sei.  Ich finde, ohne, dass ich mir je Rechenschaft darüber abgelegt hätte, dass Osteuropa für ein Gut steht, das in Westeuropa vielleicht schon verlorengegangen ist: eine Form der Unmittelbarkeit, die man als Natürlichkeit bezeichnet. Gewagte These.

    Eine verlorengegangene Natürlichkeit, die man seltsamerweise wieder zurückzuholen versucht, indem man etwa die Literatur zur Authentizität verpflichtet. Mit diesem Begriff habe ich meine Schwierigkeiten. Ich lege zwar den größten Wert darauf, dass mein Roman authentisch ist, aber nur, weil ich damit diesen Begriff ad absurdum führen kann. Es hat zu Beginn dieses Jahres in Deutschland eine Diskussion in den Feuilletons gegeben, warum die moderne Literatur so wenig „welthaltig“ ist und im Grunde immer wieder dasselbe erzählt. Ich meine, der Grund dafür ist einfach zu erkennen: weil man von den Autoren authentische Literatur erwartet und weil wir Schriftsteller, wenn wir dem nachkommen, Erfahrungen nicht länger in der Erfindung verdichten müssen, sondern in der bloßen Entsprechung der Realität entleeren. Aber auch Kafka war – seinem Text „Die Verwandlung“ zum Trotz – nie ein riesiges Insekt, wie Bersarin einmal formuliert hat. Würde man seine Texte mit Authentizität konfrontieren – oder mit Insektiziden behandeln – bliebe vom größten Schriftsteller Europas nicht viel übrig: Kafka würde wie eine tote Kakerlake aus dem Bücherregal fallen.

    Einmal geht es um das Bild der Vögel: Aléa trifft in den ersten vier Jahren in Bukarest jeweils einen Mann mit einem Vogel auf der Schulter, ein Pinguin, ein Papagei, ein Pfau und ein Pelikan. Das ist ein in dem Roman sehr weit verzweigtes Bild, an dem ein ganzes Bedeutungsfeld sichtbar wird. Alle zusammengehörigen Gruppen – meistens Personen, also Charaktere, manchmal auch Tiere und Ortschaften – werden aus vier Vertretern gebildet, deren Namen alle mit demselben Buchstaben beginnen. Ich habe in die Runde der Frauen gefragt, ob sie wissen, was es bedeutet, wenn man sagt, jemand habe einen Vogel. Aléa ist einsam, sie ist nach Deutschland gekommen, wo vielleicht nicht alles so gelaufen ist, wie sie sich das erhofft hatte, sie sehnt sich nach einem Mann, nach Liebe, Geborgenheit, Zärtlichkeit und Sex: ich habe also gefragt, ob sie wissen, welche Bedeutung das Wort vögeln hat. Flugzeuge nennt man auch Vögel. Aléa hat Angst vorm Fliegen, eine Angst, die entstanden ist, da sie als 6-jährige die Flucht von Nicolae und Elena Ceaușescu mit dem Hubschrauber vom Dach des Präsidentengebäudes gesehen hat und wenige Tage später deren Erschießung durch das Militär. Im kindlichen Vorstellungsvermögen verbinden sich diese beiden Ereignisse zu einem. Im Gespräch mit ihrem Doktorvater rät dieser seiner Doktorandin, sich mit der eigenen Angst zu konfrontieren und das Unförmige so in eine Form zu bringen. Und das tut sie, indem sie in ihrem Roman alle ihre Exfreunde mit dem Flugzeug abstürzen lässt und sich am Ende selbst in ein solches Flugzeug setzt, von dem vermutet werden kann, dass es ebenfalls abstürzt. Angst und Lust treffen sich in diesem Bedeutungsfeld. In dem Roman taucht ein Spaßvogel auf; auch die Lieblingsgestalt ihrer Kindheit, der Pinguin Apollodor, ist ein Vogel. Amer Amira Al Amour ist Aléas und Olgas Papagei, der nie gekauft, nie gefüttert und der, auch wenn er vier Sprachen lernen sollte, nie unterrichtet wird und der am Ende bloß die Geräusche von Flugzeugabstürzen simulieren kann. Und schließlich ist auch ihr Professor ein Vogel, Joseph Vogl nämlich.

    Anhand einer Frage – ich erinnere mich an Anna im gepunkteten Kleid- nach dem Verhältnis von Wirklichkeit und Fantasie, bemühe ich das diesem Buch vorangestellte Zitat Cărtărescus: „Der postmoderne Mensch glaubt an keine andere Wirklichkeit als die von ihm selbst erschaffene. […] Phantasie und ›Wirklichkeit‹ befinden sich auf ein und derselben Ebene und überschreiben einander unaufhörlich.“ Die klassische Philosophie postuliert einen Ursprung, ein Original, ein Urbild, das – wenn auch als nicht mehr Vorhandenes – im Abbild noch immer präsent ist. Setzt man aber ein synchrones Verhältnis von Abbild und Urbild, geht das eine nicht mehr dem anderen vorher, beide befinden sich auf derselben Ebene. Ich versuche das mit dem Problem des Anfangs von Aléas Ich zu erklären. Der tatsächliche Anfang lautet so: »Es ist September, der frühe Morgen des 11. September 2011, und ich sitze im Lesesaal der Zentralbibliothek der Humboldt-Universität, dem Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum, es ist der frühe Morgen eines strahlend schönen Septembertages, den ich durch die Oberlichter sehen kann, ich sitze vor dem aufgeklappten Laptop und schaue auf den Bildschirm, auf die erste Seite meines Manuskripts;« (AI, Seite 9). In einem späteren Kapitel sagt Aléa allerdings, dass der Anfang ihres Romans Aléas Ich das Gespräch mit ihrem Professor über ihren Roman sei, das man bis dahin für ein authentisches Ereignis ihres Lebens hatte halten müssen: »Was ist das Wirkliche an der Wirklichkeit?«, fragte Joseph Vogl. Ich saß in der Sprechstunde meines Professors. Ich hatte ihm das erste Kapitel meines Romans und ein Exposé gegeben und ihn um einen Rat gebeten – vielmehr um dieses Gespräch, und mir dann wohl einen Rat erhofft. Er aber stellte eine Frage. Vielleicht erkannte er nicht, dass ich einen Rat erhofft hatte, oder ich erkannte nicht, dass diese Frage ein Rat war« (AI, Seite 20).  Wenn dies aber das erste Kapitel ihres Romans ist, muss man sich fragen, welches Kapitel Aléa Joseph Vogl dann zur Lektüre gegeben hat. Das müsste dann ein Kapitel sein, das es gar nicht gibt. Oder das sich selbst darstellt. Und vor allem: wo ist es? Und zwischen diesen beiden Kapiteln liegt der erste Eintrag in dem Blog  der überschrieben wird mit Anfang, vor allem Anfang. Der Relativsatz kann als nähere Bestimmung des Substantivs gelesen werden und bedeutet dann: es geht vor allem um den Anfang. Er kann aber auch als temporale Bestimmung gelesen werden: jedem Anfang geht noch etwas vorher. Dieses Blog ist der eigentliche Anfang Aléa Toriks, einer Figur oder Person – nutzen wir besser den englischen Begriff character – die es nur im Netz gibt. Diese Ebenen von Wirklichkeit und Fiktion überlagern und überschreiben sich in Aléas Ich ununterbrochen. Es ist nicht die Frage, ob Huhn oder Hühnerei zuerst da waren, Gott, der den Menschen als sein Ebenbild erschafft, oder der Mensch, der diesen erschaffenden Gott erschafft, um sich seine Existenz zu erklären. Das erste ist kein Gottesbeweis und das letzte keine Widerlegung Gottes. Wir Postmodernen würden sagen, beide sind zuerst da gewesen: „und überschreiben einander unaufhörlich“. Es ist nicht die Frage, ob Autor oder Figur zuerst da waren, ob der Autor die Wahrheit über seine Figur ist oder umgekehrt. Es ist die Frage, wie sie sich zueinander verhalten. Und damit wird ein ästhetischer Umstand beschrieben, kein chronologischer.

    Der erste Abend steht ganz im Zeichen der europäischen Literaturnacht, die zum dritten Mal von zwölf europäischen Kulturinstituten organisiert wird. Der Ort liegt ein wenig abseits der eigentlichen Wege und weil das Format der öffentlichen Lesung in Rumänien nicht so bekannt ist, sind die Räume nicht so reich besucht wie wir uns das erhofft haben. Das anwesende Publikum ist allerdings außerordentlich angetan von Aléa Torik. Ein, wie ich schon sagte, ästhetisches Phänomen, das mit Leben und mit Projektionen gefüllt werden muss. Und da ich in den vergangenen Jahren auf diesem Gebiet bereits einiges geleistet habe, gönnt das Goetheinstitut mir an diesem Abend eine Pause und hat eine Schauspielerin engagiert. Das zentrale Bukarest Kapitel, zuvor von den Studentinnen übersetzt, wird im Stundentakt von Michaela Popa  vorgetragen, die das ganz ausgezeichnet macht. Da das Kapitel aus der Ichperspektive geschrieben ist, ist das Bild Aléas an diesem Abend sicher zu einem großen Teil ihr zu verdanken.

    Am letzten Tag findet ein Interview mit Bianca Filip für Radio Bukarest statt, das für die deutschsprachige Minderheit in Rumänien sendet. Bianca und Alexandru begleiten mich zwei Tage lang auf meinen Wegen in Bukarest. Ich begleite sie, vielmehr machen wir die Wege, die sie um meinetwillen machen, zusammen. Bei den beiden habe ich das gute Gefühl, Freunde gefunden zu haben. Sie laden mich ein, bei nächster Gelegenheit wiederzukommen. Und das werde ich auch tun. Wenn das Stückchen Literatur beendet ist, an dem ich derzeit arbeite, in diesen Tagen und Wochen, werde ich ein ausführliches Exposé zu dem darauffolgenden Roman schreiben und mich um Förderungen bemühen. Das ist ein längeres Projekt und Bukarest wird, neben einigen anderen Städten, eine gewichtige Rolle spielen. Voraussichtlich jedenfalls, dazu muss ich irgendeine Förderung finden. Mit diesem Text will ich einen entscheidenden Schritt in Richtung europäischer Literatur gehen. Das Goetheinstitut hat sich für mich als ein Glücksgriff erwiesen, Marina Neacşu und Beate Köhler sind außerordentlich engagiert. Am diesem Abend sitze ich noch einmal mit Prof. Decuble zusammen, in der Donau Lounge, und wir reden über europäische Literatur in Bukarest und hoffentlich kommt da noch etwas hinterher, mindestens ein gemeinsamer Text. Und es kommen auch noch ein, zwei Interviews auf die ich bei Gelegenheit verweisen werde.

    Eine der Studentinnen hat offenbar Interesse, das gesamte Buch zu übersetzen. Ich würde mich natürlich außerordentlich freuen, wenn das geschieht. Die Begeisterung der Leute, auf die der Text getroffen ist, zeigt deutlich, dass er ebenso nach Rumänien gehört wie nach Deutschland. Ich hoffe sehr, dass es zu einer Interessenbekundung eines rumänischen Verlages kommt. Ich kann bei der Suche vor Ort nicht helfen, aber ich kann bei der Übersetzung sicher zur Seite stehen. Für mich wäre das gut und für sie wäre es das auch, direkt aus der Uni heraus zu einer literarischen Übersetzung zu kommen, mit einem Buch, das, wie ich finde, nicht ganz einfach zu übersetzen ist, das aber, so wird allgemein festgestellt, eine junge Übersetzerin benötigt.

    Kennen Sie Bukarest? Da sind mitunter Löcher in der Straße, das kann man mögen oder nicht. Man kann es hassen oder lieben. Man kann es erfinden oder so nehmen wie es ist und außen herum gehen. Man kann in Bukarest ankommen oder von dort weggehen. Und während sich alles, was sich beim Landeanflug aufgeklappt hat, die Landebahn und die Flughafengebäude, die Straßen der Stadt und ihre Bewohner, die hierhin und dorthin laufen, Verabredungen treffen und sich verpassen, die studieren und arbeiten … Alexandru und Bianca, der Professor und seine hübschen Studentinnen, die eines Tages, wie Aléa zuvor, nach Deutschland gehen, um Übersetzerinnen zu werden oder Romane zu schreiben; all das klappt wieder zusammen, während das Flugzeug abhebt, um mich auf einer anderen Landebahn ab- und auszusetzen, wo ein anderer Ort aufklappt.

    Am Ende ist alles erfunden. Ich bitte Sie! Wie hätte ich denn – bei meiner Flugangst! – nach Bukarest kommen sollen? Ich wäre nicht nur beim Hinflug abgestürzt, sondern auch beim Rückflug.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    14 Mai 2014

    Die Authentizität des Buchstabens

    In der letzten Maiwoche bin ich in Rumänien. An der Universität in Bukarest werden unter der Leitung von Prof. Horațiu Decuble  und Alexandru Şahighian Masterstudenten einige Kapitel aus Aléas Ich ins Rumänische übersetzen. Ich werde am letzten Tag der Veranstaltung ein wenig assistieren. Eines der übersetzten Kapitel wird dann im Rahmen der Europäischen Literaturnacht  -  Noaptea Literaturii Europene – gelesen, und das gleich mehrfach. Auch da werde ich nur assistieren, ich halte das Mikrofon für eine Schauspielerin, die den Bukarester Zungenschlag besser beherrscht als ich. Anders als wir Siebenbürger haben die Walachen, und eben dort, in der Walachei, liegt Bukarest, einen stärker ausgeprägten musculus longitudinalis inferior – jene dünne Schicht longitudinal verlaufender Muskelfasern der Zunge, die sich zwischen dem musculus genioglossus und dem musculus hyoglossus befindet (wer sich in die Materie einarbeiten möchte, kann das hier tun) – einfacher ausgedrückt, rollen die Walachen das R sehr viel stärker und da ich das bei meinen Aufenthalten in Bukarest nie ordentlich gelernt habe und man in ganz Rumänien sehr viel Wert auf die Authentizität dieses einen Buchstabens legt, muss eine Schauspielerin meine Texte lesen.

    Am darauffolgenden Tag finden eine Lesung und ein Autorengespräch an der Universität, im Fachbereich Germanistik statt. Und dabei kommen meine Fähigkeiten und mein zu kurz oder zu lang geratender Zungenmuskel dann voll zum Einsatz, denn die Lesung findet auf Deutsch statt. In diesem Rahmen lesen die Studenten dann auch aus ihren an den vorhergehenden Tagen entstandenen Übersetzungen. Danach findet ein Gespräch statt. Wir reden vielleicht über Authentizität, also über die Frage, ob Literatur authentisch sein muss und unter welchen Bedingungen sie es ist. Authentizität ist ja etwas anderes als bloße Glaubwürdigkeit. Oder vielleicht reden wir auch darüber, warum ich mir gerade Mircea Cărtărescu und Joseph Vogl als Lehrer ausgesucht habe. Ich meine, dass man Hinweise auf den einen sowohl wie auf den anderen in meinen Romanen finden kann. Und damit meine ich nicht nur, dass der einzige Hund in Aléas Ich Frits heißt, also so wie der Hund im zweiten Teil der Orbitor Trilogie. Joseph Vogl brauche ich nicht um des Namens willen, in meinen Text kommen ja so einige komische Vögel vor. Ich sehe da vielmehr deutlich inhaltliche Gründe. Oder wir reden über Postmoderne Literatur. Und schließlich werde ich einen Tag auf der Buchmesse verbringen, auch hier gibt es eine Lesung und eine Diskussion, Freitag, 20.00 Uhr Uhr in der Donau Lounge, ROMEXPO, Pavilionul C4. Vielleicht, dass sich ein Verlag für meine Bücher interessiert.

    Das Ganze, oder doch Teile des Ganzen, findet auf Initiative des Goetheinstituts in Bukarest statt.

    Aléas Ich

    Lectură din romanul semnat de Aléa Torik, în prezenţa autoarei

    Lectură
    28.5. – 30.5.2014
    UNATC & Facult. de Germanistică, București
    28.05.2014, orele 19-23
    în cadrul Nopții Literaturii Europene 2014
    Lectură: Mihaela Popa
    Universitatea UNATC, etaj 3, Sala 306B,
    Str. Matei Voievod 75-7729.05.2014, ora 15
    Universitatea Bucureşti, Facultatea de
    Limbi şi Literaturi Străine, Sala Shakespeare,
    Str. Pitar Moş 7-13

    30.05.2014, ora 20
    Bookfest, Stand Donau Lounge,
    Romexpo, Piaţa Presei Libere

    Aléa, născută în România, în 1983, tocmai își termină studiile la Universitatea din Berlin, cu o lucrare pe tema ficționalității. Lucrează în paralel la cel de-al doilea roman al său, ține un blog, locuiește cu frumoasa Olga într un apartament la comun, iar printre prietenii ei iluștri se numără actori și consilieri economici. Anii petrecuți în Transilvania și București, precum și viața ei de acum, în Germania, furnizează datele biografice și evenimentele celebrului roman semnat Aléa Toriks, „Aléas ich“ (2013). În cadrul Nopții Literaturii Europene, vă oferim o lectură incitantă din roman, în limba română, și vă dezvăluim secretul unei scriitoare, a cărei fotografie n-a putut fi publicată până acum. Lecturile sunt repetate la interval de 45 de minute.

    Noaptea Literaturii Europene este o inițiativă a Institutelor Culturale Europene și oferă lecturi din literatura europeană provenind din 12 țări, lecturile fiind organizate în mai multe locații din jurul Academiei de Film UNATC.
    Alte două lecturi, în limba germană, și discuții cu autoarea sunt programate pentru 29 mai, la Universitatea din București şi 30 mai, la Târgul de Carte Bookfest.




    15 September 2013

    Aléa Torik im Interview mit Katharina Bendixen – im Literaturmagazin POET

    Es geht in dem Gespräch um meine beiden Romane, um Identität, Rumänien, Autorschaft und Zuneigung. Und um den Literaturbetrieb. Zwischen echt und fiktiv können wir nicht unterscheiden

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    29 August 2013

    Kein Nachruf auf Wolfgang Herrndorf

    Vor einigen Tagen ist Wolfgang Herrndorf gestorben. Das berührt mich seltsam, obwohl ich ihn nicht kannte. Ich habe kein Buch von ihm gelesen. Ich habe manchmal in sein Blog geschaut. Aber ich wollte ihm, der von seinem unheilbaren Hirntumor berichtete, nicht beim Sterben zusehen. Die Grenzen zwischen Interesse, Neugier, Anteilnahme und Katastrophentourismus sind fließend. Also habe ich wieder weggeschaut. Dennoch verbindet uns einiges. Wir sind im selben Beruf tätig. Wir wohnen nur einen Steinwurf voneinander entfernt. Und wir haben noch manche andere Gemeinsamkeit.

    Er hat offenbar, wie jetzt zu lesen ist, sehr intensiv an seinen Texten gearbeitet. Das tun wir nahezu alle. Wir alle arbeiten mit einem gerüttelt Maß an Besessenheit. Der eine ist besser, der andere schlechter. Der eine ist besser beleumundet. Der eine trifft besser den Geschmack der Massen. Der eine hat mehr Erfolg. Der eine hat mehr Glück. Was sind Millionen verkaufter Bücher wert, wenn man einen Hirntumor hat? Man arbeitet dann, um zu vergessen. Aber tut man das nicht immer? Ist es nicht ein Gerücht, dass Schriftsteller vorwiegend aus der Erinnerung arbeiten? Man arbeitet doch, um die Droge zu schmecken, die das Schreiben dann ist, wenn man eine Begabung dafür mitbekommen hat und eine Droge daraus machen kann. Das ist die Begabung! Alles andere ist bloß Fleiß. Und eben Besessenheit.

    Wolfgang Herrdorf sei bescheiden gewesen, habe ich gelesen. Ich glaube, das bin ich auch. Jedenfalls sagt man mir das nach und ich vermute, dass das keine charakterliche Disposition ist, sondern eine Folge der Besessenheit. Man hat keine Energie mehr für andere Dinge. Wenn mir jetzt einer einen Porsche schenken würde: ich wüsste nicht einmal, wo ich den parken sollte. Man will leben um weiterschreiben zu können. Eine Million verkaufter Bücher macht einen reich. Aber wenn es in dem Text, an dem man gerade arbeitet, nicht weitergeht, dann macht es einen krank. Ich kann mir vorstellen, dass mit zum Schlimmsten in seinen letzten Monaten gehört hat, dass er wusste, dass er, wenn es den gegeben haben sollte, seinen aktuellen Text nicht fertigbekommt. Ich glaube, dass viele sich gar nicht vorstellen können, inwieweit man mit seinem eigenen Text zusammenwächst und wie ungeheuer wichtig es ist, dass man den fertigbekommt. Besessenheit heißt: man wird besessen. Und die Bescheidenheit stammt aus dem Wissen darum.

    Wolfgang Herrndorf schrieb Literatur, die er Unterhaltungsliteratur nannte. Oder die von anderen so genannt wurde. Und die wahrscheinlich genau das war, unterhaltend und komisch. Und nicht nur unterhaltend. Das ist langweilig. Dass sich ein Buch mehr als eine Million Mal verkauft, ist in der Regel kein Anzeichen von Qualität, sondern von Massenware. Auch wenn sein Debüt gelobt wurde, richtig Erfolg hatte er erst mit Tschick. Da wusste er schon, dass er todkrank ist. Manche sagen, dass er deswegen diesen Erfolg hatte. Das ist das Schlimme am Erfolg: dass man nicht weiß, wo er herkommt. Und schlimm ist auch, dass man das Wissen, das man hat, wenn man erfolglos ist, wieder vergisst: dass Erfolg immer ungerecht ist.

    Ich mag keine Nachrufe. Man ist betroffen, ganz ehrlich und aufrichtig. Und dennoch hat diese Betroffenheit immer etwas Falsches. Denn sie braucht ja den Tod des anderen. Sie ist eine Anteilnahme, die dem Lebenden gegenüber nicht erbracht werden kann. Man hätte Wolfgang Herrndorf nicht einfach anrufen können, um mit ihm ein Bier trinken zu gehen und ihm die eigene Anteilnahme zu versichern. Er hätte wohl weder Zeit noch Interesse gehabt.

    Da ist einer, der mit Worten umgehen konnte, gestorben. Einer, der sich so artikulieren konnte, dass seine Texte nicht nur die Schriftstellerkollegen schätzten, oder die Germanistikstudenten, sondern die, die lesen, weil sie sich unterhalten wollen. Also eigentlich, wenn wir mal ehrlich sein wollen, die wichtigsten Leser. Und bei aller Unterhaltungswut, die diese Gesellschaft manchmal kenzeichnet, weiß doch jeder, dass er am Ende stirbt und kaum einer kann dauerhaft die Augen davor verschließen. In Wolfgang Herrndorfs Blog konnte man etwas über den Tod erfahren. Über den Tod kann nur der schreiben, der etwas über das Leben schreiben kann. Der Tod lässt sich ja nicht verstehen, der lässt sich nicht einmal erleben. Erleben lässt sich nur das Leben. Es ist legitim in seinem Blog, seinen letzten Hinterlassenschaften, nach Äußerungen zu suchen, die einem die Zerbrechlichkeit des Lebens vor Augen führen. Weil unser Leben zu einem nicht geringen Anteil daraus besteht, gerade das vergessen zu machen.

    Anders als Wolfgang Herrndorf erfahren die meisten Schriftsteller kaum Anerkennung. Die Hochachtung, die Schriftstellern entgegenschlägt – sei es als Vorzeigeintelektuelle, als Vorzeigeunterhalter oder als Vorzeigekünstler – schlägt nur dem obersten Prozentsatz entgegen. Den Berühmten. Allen anderen schlägt Ablehnung und Ignoranz entgegen. Aber bei der Art von Hochachtung die Wolfgang Herrndorf jetzt entgegenschlägt wird mir beinahe schlecht. Weil sie die 99 % unter den wenigen Berühmten geradezu verachtet. Die meisten dieser Leute bringen genau das mit, was Herrndorf auch mitbrachte, Arbeitswut und Leidenschaft und Besessenheit. Aber das interessiert keine Sau.

    Ich weiß nicht, was aus mir wird. Vielleicht steige ich mit meinen Texten ein wenig nach oben, auf der Beliebtheits- und Aufmerksamkeitsskala. Aber wie hoch ich auch steigen werde, am End esteige ich hinunter. Ich möchte bei dieser Gelegenheit ausdrücklich darum bitten, wenn ich sterbe, keine Nachrufe auf mich zu verfassen. Ich würde einen Nachruf auf meine Person oder mein Werk als eine Unverschämtheit empfinden. Man kann sich für mich, also mein Schreiben, interessieren solange ich lebe. Auch wenn manche genau auf diese Karte setzen – endlich tot, dafür aber im Literaturkanon zwei Pläze nach oben gerutscht – : ich verbitte mir das!

    Zum ersten Mal verstehe ich Kafkas Impuls und Vermächtnis, die eigenen Schriften nach dem Tod aus der Welt wissen zu wollen. So wie man selbst hinaus musste. Einfach  nichts hier zu lassen, über das dann irgendwelche Leute etwas sagen können, was sie sich nicht zu sagen getraut hätten, wenn man noch am Leben wäre. Selbst wenn es nur positive Dinge sind.

    Wolfgang Herrndorf hat sich offenbar umgebracht. Eine Tat, für die ich gleichermaßen Bewunderung wie Abscheu empfinde. Aber sich eine letzte Handlungsfreiheit zu bewahren, das ist eine menschliche Tat. Er hat sich an einem Kanal erschossen, war zu lesen, gegen 23.15 Uhr. Ich bin zu der Zeit wahrscheinlich gerade ins Bett gegangen. Einen Steinwurf von Wolfgang Herrndorf entfernt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    15 Mai 2013

    Ich stehe in der Tradition von Miguel Cervantes‘ Don Quijote

    Wer sich ein wenig mit Literatur auskennt, der weiß in welcher Tradition ich mich mit Aléas Ich verorte, in der des illusionsstörenden Erzählens. Der berühmteste Vertreter dieser Tradition ist Cervantes mit seinem Don Quijote. Dem erweise ich in meinem Roman auch meine Reverenz: ich knicke also vor ihm etwas ein. Nun musste sich Cervantes bekanntermaßen mit einem Plagiator herumschlagen, der eine Fortsetzung der Abenteuer des ingenioso hidalgo geschrieben hatte und Cervantes sah sich nun in der unangenehmen Situation, dass er eine echte Fortsetzung schreiben musste, um sich gegen die falsche zur Wehr zu setzen. Und er nimmt das auch in seinem zweiten Teil auf, wo der echte Don Quijote sich durchsetzen muss gegen den falschen.

    Diese literarischen Trittbrettfahrer sind offenbar in den vergangenen fünfhundert Jahren nicht ausgestorben. Aber man erkennt sie an ihrer Schreibe. Meine ist, so sagte man mir eben, facettenreich: „spröde, poetisch, jung, alt, hart, zart, knochentrocken, spirituell, lustig, traurig…“ Ich stehe in einer großen Tradition, auch ich werde plagiiert, von einem Mann, der mir seit vier Jahren jedes Wort von den Lippen leckt und dennoch nicht einmal in der Lage ist, das Abgeleckte auch nur einigermaßen wortgetreu wiederzugeben; außer in der Zitation. Das Schreiben muss eine große Kunst sein, wenn einer es  nach so langer Zeit nicht einmal schafft, meinen Tonfall zu imitieren.

    Es ist bedauerlicherweise eine falsche Aléa Torik aufgetaucht, die nun unter meinem Namen, meiner Identität und mit meinem Gravatar Kommentare im Netz abgibt, und zwar an Stellen, an denen ich mich durchaus äußern könnte: Aber es nicht tue. Ich kommentiere derzeit nur diese beiden Blogs: Iris Nebel und Bersarin.

    In der Tat, hat es den Punkt gegeben, an dem deutlich wurde, dass Alban Nikolai Herbst und Aléa Torik Freunde nicht mehr werden können und auch meistens anderer Meinung sind – so bin ich der Auffassung, dass die eigentliche Leistung in keiner Weise dieses Blog hier war, sondern meine beiden Romane. Aber die kennt er nicht. Was sein gutes Recht ist. Umso größer seine Einlassung zu dem dem Fall:  “Was bleibt, ist die Wunde, die Torik uns nicht geschlagen hat, nein, sie hat nur den Verband abgewickelt, damit wir druntergucken und erkennen können, in welch schlechtem Zustand sich die Wunde befindet – welche Medikamente wir zur Betäubung auch einnehmen mögen. Erkennen aber wollen wir nicht. Denn diese Wunde sind wir selbst.” Hier der ganze Text.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    01 Mai 2013

    Anfang und Ende

    »Die Dinge gehen zu Ende. Allerdings gehen sie nicht nur zu Ende. Sie gehen auch zu ihrem Anfang zurück. Die endende Treppe führt wieder in ihren Anfang. Oder in einen anderen, einen neuen Anfang. Obwohl kein Anfang voraussetzungslos ist, weil man sich, bevor man anfing, fragen musste, wie man anfangen wollte. Und kein Ende endet ohne die Frage: wie aufhören?

    Am Ende ist es vorüber. Aber dann weiß man wenigstens, dass es gewesen ist. Dass man existiert hat, dass man einmal in all der Zeit und all dem Raum da draußen und der immensen Wahrscheinlichkeit, die dagegen spricht, existiert hat. Als Kind habe ich manchmal befürchtet, dass ein für mich außerordentlich wichtiger Moment nicht zustande kommen könnte. Ich habe mir diesen Moment vorgestellt, als läge er nicht vollkommen in der Vergangenheit, sondern müsse immer wieder aufs Neue seine Wirklichkeit und seine Gegenwärtigkeit beweisen: das Kennenlernen von Magdalena und Matthias. Als wäre es noch immer möglich, dass Matthias gar bis Constanţa gekommen ist, und er Magdalena folglich nie gesehen hat. Auf der Fahrt nach Rumänien hat er im Zug eine Frau kennengelernt, mit der er kurz vor der Grenze ausgestiegen ist. Irgendwo dort lebt er jetzt, er hat, statt mit meiner Mutter, mit dieser anderen Frau ein Kind. Mein Vater hat eine Tochter, die mir ähnlich sieht, die ähnliche Neigungen und Interessen hat. Sie ist vor einigen Jahren zum Studium nach Berlin gegangen. Sie lebt mit einer extravaganten Russin in einer WG im Prenzlauer Berg, promoviert in Literaturwissenschaft und schreibt Belletristik: eine andere Aléa, die nun an meiner statt existiert, die von meinem Teller isst, in meinem Bett schläft und an meinen Roman schreibt und die tatsächlich behauptet, es sei der ihre. In dem Fall also existiere ich gar nicht. Vielmehr existiere ich als die andere und nicht als ich selbst.

    Der wirkliche und der erzählte Zustand der Welt vermischen sich. Zwischen Anfang und Ende, in jenem seltsamen Zwischenraum, den wir beleben müssen, liegt die Sprache. Sie ist das einzige Werkzeug, mit dem wir der Sache beikommen können. Wir gestalten mit der Sprache unsere Wirklichkeit und können dann behaupten, sie sei schon vorher dagewesen. Hinterher lässt sich ungestraft behaupten, es sei vorher schon so gewesen. So oder anders wird es sich ereignen. Je nachdem, wo Matthias aus dem Zug steigt. Wo er aus dem Zug gestiegen sein wird.«

    Das ist ein Auszug aus “Aléas Ich“. Der letzte der zwölf Blogeinträge aus ALEATORIK: dem Blog von Aléa Torik. Der Roman hat zwölf dieser Einschübe, die allesamt das Erzählen thematisieren. Damit enden Roman und Blog: im Roman. Und das hier endet auch damit. Auch wenn nicht ganz klar ist, wo wir hier eigentlich sind.

    Aléa Torik, Aléas Ich
    Osburg Verlag, 2013
    423 Seiten, 19,95 €


     

     

     

     

     

     

     

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    29 April 2013

    Mit dem kommenden Artikel wird es enden: das Blog ALEATORIK

    Wiederholt angekündigt, geht das hier nach exakt vier Jahren zu Ende. An meinem dreißigsten Geburtstag, am 1. Mai 2013 höre ich mit diesem Blog auf. Auch wenn es drei Jahre Spaß gemacht hat. Mit diesem Artikel hat es begonnen und mit dem kommenden Artikel, dem 505, wird es enden. So ist es auch in “Aléas Ich“: es fängt mit dem ersten Eintrag in diesem Blog an und endet mit dem letzten.

    Sollte darüber hinaus noch der Erwähnung Wertes  zu vermelden sein – Hinweise auf Lesungen oder Rezensionen o. ä. – wird das nicht ‚oben‘ im Blog stehen, sondern unter dem nächsten Artikel. Als Abschied, als Verabschiedung von den Lesern und von dem, was hier passiert ist, wird der kommende Artikel ‚oben‘ stehen bleiben. Hier besteht noch ein letztes Mal die Möglichkeit, einen Kommentar zu hinterlassen. Diese Funktion, die ein Blog kennzeichnet, die nämlich, sich einzumischen, sich zu beteiligen und den Textverlauf – und den der Welt – zu beeinflussen, endet mit diesem Artikel. Anders ausgedrückt: das letzte Wort habe ich! Mein aleatorisches Ich. Nicht mein echtes kleines ich. Das würde ich hier niemals ausstellen. Mag sein, dass manche den Begriff der Authentizität hoch schätzen, ich finde, er hat in der Literatur nichts zu suchen. Und das hier – das habe ich immer dazu gesagt – ist Literatur.

    Ich bedanke mich bei jenen, die mit ihrem literarischen Verständnis etwas zu diesem Blog beigetragen haben, namentlich bei Alice, die sich, obwohl sie sich verabschieden wolle, als die regelmäßigste Kommentatorin gezeigt hat. Vor allem, seit die Differenz zwischen Ich und ich bekannt geworden ist. Weil sie etwas von Differenz versteht. Weil sie weiß, dass der andere anders ist und dass man ihn nicht gleich machen kann, seine Differenz – auch in der Liebe nicht – auslöschen kann, weil man ihn dann nur zur Selbstbestätigung missbraucht, um sich seiner eigenen Identität zu versichern. Ich bedanke mich bei Avenarius, der allerdings schon länger in der Versenkung verschwunden ist, beim Direktor vom Hotel Abgrund: Bersarin; und, weniger werdend, bei NO; nach langer Pause wieder Norbert Schlinkert; lange nicht mehr hier gewesen: Thorsten Krämer; und auch Iris Nebel, die mir in den vergangenen Tagen noch einmal schrieb, dass sie die „unheimlich feinfuehlige, zart und jugendlich erscheinende Aléa, (aber nicht die manchmal etwas egozentrische und selbstgefaellig erscheinende)“ sehr mochte. Ich hatte geantwortet, dass ich von Egozentrik und Selbstgefälligkeit in meinem Charakter oder Verhalten nichts gespürt oder gewusst habe, und dies vielleicht aus einer Art Selbstschutz entstanden sei: der Angst vor der Entdeckung. Das hat mir also nicht geholfen. Ich hätte das gerne weiter so beibehalten, meine Texte unter meinem Namen veröffentlicht. Dazu werde ich mich noch an einem anderen Ort äußern.

    Wohl muss oder müsste ich mich auch noch bei anderen bedanken, die hier etwas beigetragen haben: ich erinnere mich noch an einige wenige, ohne mich allerdings genau an sie zu erinnern. Ich erinnere mich nur an etwas, das einmal war und nun nicht mehr ist. Und das sollte Ihnen auch so gehen. Machen Sie es gut!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    28 April 2013

    Was ich getan habe und was nicht

    Ich halte nach wie vor für sehr interessant, was hier passiert ist. In diesem Blog, wo mittels der ‘neuen Medien’ der Erzähler aus dem eigentlichen Buch hinausbefördert wurde, zurück an jenen Ort von dem er ursprünglich kommt: in die Wirklichkeit.

    Vielleicht müsste man sich noch einmal die Trennung von Autor und Erzähler anschauen: ob die nicht einer Revision bedürfe. Der Erzähler ist ja einerseits weniger als der Autor, weil dieser nur erschaffen kann, was jener schafft. Andererseits ist er mehr, er geht über den Autor hinaus, wie jeder gute Text über seinen Produzenten. Es könnte eine Revision dieser Trennung interessant sein, die meines Erachtens nicht die Differenzen zwischen beiden Instanzen kassiert, sondern die die Autorfunktion ähnlich der des Erzählers sieht, so nämlich, dass der Erzähler eine Funktion des Autors ist und eine Geschichte erzählt. Gleichzeitig ist auch der Autor eine Funktion des Erzählers, die es dem Leser erlaubt, sich Gedanken über zu ihm zu machen, als der große unsichtbare Arrangeur.

    Wer ist gemeint, wenn man vom Autor spricht? Der reale Autor? Oder lediglich seine Autorität? Der Autor als Erfinder des Erzählers, als „Herr im Haus“? Als Erfinder des Textes, bei sozusagen selbständigem Erzähler? Oder der Autor als Urheber, als eine rechtliche Fiktion. Wie würde die Literatur aussehen, wenn man nichts über den Autor erfahren würde? Wenn alle Autoren anonym veröffentlichen würden? Dann würde die Berühmtesten sich wohl nicht mehr verkaufen. Weil viele Leser nicht deren Bücher lesen, sondern deren Urheber. Von Roland Barthes stammt die plakative Formulierung vom „Tod des Autors“ – die, schätze ich, berühmteste Formulierung der Postmoderne – ich erinnere mich irgendwo und irgendwann einmal einen Aufsatz gelesen oder überflogen zu haben, der sich mit dieser These auseinandersetzte und dessen Titel oder Untertitel lautete: ‚Wiederbelebung einer Scheinleiche‘ -, die in Wirklichkeit weit mehr als lediglich Plakat ist, auch wenn die, die Barthes nicht kennen, immer nur das Plakat gesehen haben. Er wollte eine neue Literaturwissenschaft, eine, die von der „Lust am Text“ geleitet wird. „Man kann sich leicht ausmalen, was einer solchen Wissenschaft geopfert werden müsste: vieles von dem, was wir an der Literatur lieben oder zu lieben glauben und was in den meisten Fällen‚ der Autor‘ ist.“ (Roland Barthes, Kritik und Wahrheit, Seite 70). Der Tod des Autors wäre auch die Geburt seines Textes gewesen.

    „It is not that ‘authorless’ work is in any of the senses I have so far suggested can never be excellent, or that novels with a great degree of authorial visibility must always be romantic, bourgeois, and decadent, because fine work of both kind exists; rather, it should be recognized that the elevation or removal of the author is ea social and political and psychological gesture, and not a aesthetic one. We can characterize art as anonymous or not, but this characterization will tell us nothing, in advance of our direct experience of the building, the canvas, the score, or the text, about its artistic quality. Furthermore, this ‘anonymity’ as we’ve seen, may mean many things, but one thing which it cannot mean is that no one did it.” (William H. Gass, The Dead of the Author)

    Die Tragik der Postmoderne ist vielleicht ihre erhebliche Komplexität, die bewirkt hat, dass die Theorie an der Praxis vorübergegangen ist, ohne Schaden zu nehmen, aber auch, ohne die philologische Praxis, ohne das alltägliche Geschäft des Lesens beeinflusst und zu verändert zu haben. Vielleicht sogar zurecht, weil es auch eine elitäre Theorie war, für die happy few, die sich diesen Zug leisten konnten.

    „Gefälschte Autorschaft zwingt den Leser und die Leserin – vor allem nach Aufdeckung des Betrugs – es sich fortan nichtmehr leicht zu machen mit den Autorennamen, die gewohnte Verbindung von Autor und Text zu unterbrechen, Normalität zu komplizieren. Erzählte, fingierte und gefälschte Autoren dienen dazu, das Muster und die Struktur solcher Komplikationen zu erkennen. Sie vollführen auf der Ebene der Lektüre, was die Literaturwissenschaft mit ihrer Problematisierung ihrer Autorschaft unter dem Blickwinkel der Autorität, des Urheberrechts und der Autorfunktion nun schon seit einigen Jahrzehnten thematisiert. … Und genau deshalb scheint mit der ‚postmodernen‘ Verabschiedung des Autors als der markanten Figur seines eigenen Textes auch die Fälschung ihren Status und ihren Sinn zu verlieren. Der Skandal um Fälschungen rehabilitiert scheinbar plötzlich und unvorhergesehen den ‚totgesagten‘ Urheber literarischer Texte, den Autor. Eine von Barbara Schaff [ in: Der Autor als Simulant authentischer Erfahrung ] diagnostizierte Verstörung durch Fälschungen kommt jedoch dadurch zustande, daß diese so gut funktionieren. Offensichtlich gibt es auch ein Bedürfnis nach nicht existierenden Autoren, deren gefälschte Produkte als durchaus echt angenommen werden.“ (Walter Erhardt, “Einführung” in die Sektion: Der Erforschte und der fingierte Autor, in: Autorschaft, Positionen und Revisionen, Metzler, 2002, Seite 329)

    Dass man Fälschungen mitunter vom Original nicht trennen kann, weil sie dieselben Kriterien erfordern, habe ich vor Kurzen schon bei Umberto Eco gezeigt, vielmehr habe ich es zitiert, auch wenn ich die Semiotik als Wissenschaft eigentlich für überholt halte. Möglichweise greifen die Bezeichnungen, die Kategorien echt und falsch hier gar nicht.

    Ich hätte gerne noch etwa darüber geschrieben, inwieweit ich den Perspektivismus von „Das Geräusch des Werdens“, die dort angewandte point of view Technik – in „Aléas Ich konsequent weiterentwickelt sehe. Ich hätte gerne noch einiges zu meinem eigenen Roman gesagt, etwa dazu wie dort Zeit vergeht, vielmehr nicht vergeht: wie ich eine vertikale mit einer horizontalen Zeitstruktur konfrontiere und die lineare Zeit mit einer archaischen Zeit. Und diese mythische Zeitvorstellung  – »Ich stamme aus einem kleinen rumänischen Bergdorf in den Karpaten. In den tiefen Tälern dieses urtümlichen Gebirges ist die Zeit ein gemächliches Fließen, gleichförmig, freundlich, wohlgesonnen. Eines Tages liegt das Verflossene hinter einem. Man sitzt mit seinen Enkelkindern auf dem Schoß auf einem Holzstapel oder einem Stein und erzählt ihnen von früher, als man noch jung war und die Zeit ein gemächlicher Fluss. Während des Erzählens, vermischen sich diese beiden Zustände, es ist ein Aufwärts- und ein Abwärtsfließen, sodass man nicht mehr unterscheiden kann, welche der beiden Zeiten die wirkliche und welche die erzählte ist. Bilder ein und derselben Sache, ein und desselben Lebens, die nicht nacheinander, sondern übereinander liegen« (AI, 11) – dann als eine Zeit des Schreibens wiederauferstehen lassen: »Wir Schriftsteller leisten uns mehrere Lebenswege, weil bei uns alles übereinander liegt und nicht nacheinander« (AI, 269). Ich hätte auch gerne noch dazu etwas gesagt, dass Aléa mehrfach von Männern spricht, die Olga habe. Dabei kommen da keine Männer zur Sprache, da sind die drei beim Umzug, zu Beginn des Romans, danach wird die männerfressende Olga nicht ein einziges Mal mit einem Mann gezeigt. Offensichtlich ein Phantasma der Frau Torik. Aber welche Funktion hat das im Text? Wie hängen Phantasie und Phantasma zusammen? Da sind noch so einige Umstände, die ich für interessant halte. Aber dafür ist hier bedauerlicherweise kein Platz mehr.

    Eigentlich müsste ich Literatur unterrichten. Ich glaube, dass ich da richtig gut wäre. Das wurde mir auch schon angeboten. Hatte sich dann aber erledigt. Ich hatte das falsche Geschlecht. Dabei wollte ich gar nicht mit dem Geschlecht unterrichten, sondern mit Kopf und Händen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    20 April 2013

    Es sei also die Katze aus dem Sack

    Die Katze ist aus dem Sack, schrieb man mir. Auch wenn das, wieder einmal, auf einem Missverständnis beruhte. Dennoch ist es eine Fehleinschätzung, die nämlich, dass es hier eine Katze und einen Sack gäbe, einen Vordergrund und einen Hintergrund, eine Maske und ein Gesicht, das Echte und das Falsche. Und wie man dann zum Glück auch schrieb, ist die Lektüre des Romans „Aléas Ich“ ohne die Existenz von Aléa Torik vollkommen undenkbar. Man mag es für eine Maske halten. Aber auch das Gesicht ist eine Maske. Auch die Authentizität ist eine Maske.

    Ich schätze, wie ich irgendwo schrieb, den Begriff der Postmoderne nicht besonders. Das ist ein Etikett, das in der Regel auch noch auf den falschen Behältern klebt, oft abfällig gebraucht wird und nicht die Sache bezeichnet, die es zu bezeichnen vorgibt. Ich mag diese Etiketten nicht – wie etwa das vom „Tod des Autors“ -. Dennoch habe ich wohl einen Beitrag zu dieser Literatur geschrieben, die sich genau diese Frage stellt: Was ist ein Autor? Was ist ein Urheber? Was ist jemand, der ‚Ich‘ sagt. Vielmehr: wie bildet sich eine Person, heraus, die sich als ‚Ich‘ bezeichnet. Wie gestaltet sie sich, wie entwirft sie sich? Wie fächert ein Mensch sich auf? Indem er Geschichten erzählt. Geschichten über sich selbst. Und dabei entsteht sein Ich. Ein Ich, das vorher vielleicht nicht da war. Das erzählte Ich entsteht, indem der Erzählende es entstehen lässt. Aber dieses Verhältnis ist umkehrbar: Auch der Erzähler, in meinem Fall eine Erzählerin, entsteht erst durch das Erzählte. Es ist nicht vorher da, sondern das Subjekt konstruiert sich im Nachhinein als vorher schon dagewesend.

    Die Katze im Sack, könnte man sagen. Mit einem Literaturverständnis, das die Moderne im Grunde nicht kennt und nicht versteht und darauf beharrt, dass es eine Wahrheit gibt, die jenseits unseres Erlebens stattfindet, die aber mittels des Verstandes  zu greifen und zu enthüllen ist. Dahinter steht ein Konzept von Identität, das nicht meines ist. Dass man eines ist und ein anderes nicht ist, dass man, da man es nicht ist, nur zu sein scheint. Ich zeige in “Aléas Ich”, dass die Unterscheidung zwischen dem Außen – der Autorin – und Innen – dem Text – nicht sehr sinnvoll ist. Jedenfalls meine ich das gezeigt zu haben.

    Am Ende seiner pseudonymen Verfassertätigkeit hat Sören Kierkegaard sich zu seinen Werken, vielmehr zu dessen Stellung, zum Verhältnis seiner eigenen wirklichen, juristischen Person und den pseudonymen Verfassern seiner Werke geäußert und spricht davon, dass die Äußerung „in weiblicher Weise dem Pseudonym gehört“. Und so ist das auch hier: „Es ist daher mein Wunsch, meine Bitte, daß man, wenn es jemand einfallen sollte, eine einzelne Äußerung der Bücher zitieren zu wollen, mir den Dienst erweisen wolle, des respektiven pseudonymen Verfassers zu zitieren, nicht meinen, d. h. so zwischen uns zu teilen, daß die Äußerung in weiblicher Weise dem Pseudonym gehört, die Verantwortung bürgerlich mir.“

    Sören Kierkegaard, Eine erste und letzte Erklärung, in: Unwissenschaftliche Nachschrift, Teil II, Gütersloh, Seite 341.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    16 April 2013

    „Liebe Katrin Bauerfeind,

    die Bilder sind hübsch geworden nicht? Produzentin und Kameramann haben gute Arbeit geleistet! Das Filmchen - das soll nicht despektierlich klingen – hat eine schöne Inszenierung. Es hätte ein wenig ausführlicher sein können, das waren einige Stunden , die auf wenige Minuten zusammengeschnitten wurden. Es fällt viel heraus, was um des Verständnisses und um der Komplexität willen nicht hätte herausfallen dürfen. Aber so ist das eben in dieser wie auch in jeder anderen künstlerischen Betrachtungsweise: man muss seinen Stoff konzentrieren, um das eine oder andere prägnanter herauszuarbeiten.

    Ich verstehe, dass es mehr um mich als um mein Buch ging. Obwohl es mir selbst natürlich um meinen Roman „Aléas Ich“ geht. Darum, dass eine Frau aus Rumänien nach Berlin kommt und Schriftstellerin werden will. Eine Frau, die genauso heißt wie ich, Aléa Torik, Figur und Autorin sind also scheinbar identisch; eine Frau, die einen ersten Roman geschrieben hat, wie ich – die hat meinen Roman geschrieben! – und an ihrem zweiten arbeitet, die bei dem Literatur- und Kulturwissenschaftler Joseph Vogl zum Thema „Fiktionalität“ promoviert und bei der sich langsam herausstellt, dass all das, was sie als authentisch darstellt, als ihre Autobiografie, tatsächlich Teil des Romans ist, an dem sie arbeitet und der „Aléas Ich“ heißen wird: Der Leser sieht dem Text also beim Entstehen zu, den er als fertigen in Händen hält. Aléa Torik beschreibt sich selbst als einen Roman schreibend, vielmehr als einen Stoff er- und sich selbst belebend. Das ist ein Roman, der sich fragt, was es heißt, wenn ein Mensch ‚Ich‘ sagt. Wenn er, indem er sich selbst zum Objekt macht, eine erste Fiktionalisierung vornimmt und von dem Tag an Subjekt und Objekt verwechselt. Der Text beschreibt eine Autorin, die einen Roman schreibt und sich dementsprechend fragt, vielmehr beschreibend darstellt, was ein Autor ist, der Figuren und Umstände erfindet, die nicht wahr sind, es aber langsam werden. Langsam fällt der Leser auf all das herein, von dem er am Anfang noch wusste, dass es erfunden ist. Steht ja drüber: Roman. Solche Reinfälle haben ein System und einen Namen: Literatur. Das ist alles Schwindel.

    Der Roman kommt in dem Film nicht so deutlich zur Sprache. Das verstehe ich. Man muss sich konzentrieren. Was beinahe drei Jahre gedauert hat – das Schreiben dieses Textes – und im Roman auf ein Jahr verkürzt wird, muss noch weiter verkürzt werden: Kein Mensch, kein Leser und kein Fernsehzuschauer will in Echtzeit miterleben, was ein anderer erlebt. Selbst jene Menschen, die wir lieben, wollen wir nicht Tag und Nacht um uns haben, sondern nur, wenn die Sonne romantisch untergeht, wir Lust auf Gesellschaft haben oder die Küche geputzt werden muss. Ansonsten können uns die anderen gestohlen bleiben. Wir haben heutzutage ja mit uns selbst genug zu tun. Und manchmal auch mehr als genug. Ich verstehe das alles.

    Was ich aber nicht verstehe: Bei dem Budget des Öffentlich Rechtlichen Fernsehens in Deutschland von 7 oder 17 Milliarden Euro – ich weiß es nicht, ich könnte es sowieso nicht nachzählen -, könnte man da nicht ein wenig großzügiger sein? Ich weiß, es muss gespart werden. Es wird überall gespart. Aber trotzdem die Frage: dieser Typ da in meinem Film, hätte es nicht einer mit mehr Haaren sein können? Männer mit Haaren kosten bekanntlich Geld. Aber Sie müssen die Außenwahrnehmung bedenken: was denken unsere europäischen Nachbarn nun, wenn wir nur noch sparsame Sendungen und Interviews machen, wo die Leute keine Haare mehr auf dem Kopf haben? Also muss jetzt alles neu gemacht werden, der Typ muss aufwendig aus dem Film herausgeschnitten und durch einen anderen ersetzt werden, mit einem schönen lockigen Wuschelkopf, der dann erneut gesendet wird und über den ich mich dann ebenfalls beschweren muss, weil der ja auch nicht in meinen Film hineingehört!

    Und damit das nicht schief geht: Was halten Sie davon, wenn wir beide uns mal zusammensetzen, eine ganze Sendung lang und über die Konstruktionsleistung von Literatur reden. Oder wir reden über die Frage, ob ein Leser ein Recht auf einen authentischen Autor hat. Wie sieht in Zukunft Literatur aus, die sicherlich, wie alles, ins Netz wandern und dort immer anonymer wird. Wie wir selbst auch. Text ist in Zukunft vielleicht nur noch frei flottierend, ohne einen eigentlichen Autor. Lassen Sie uns über die Konstruktion von Geschlecht reden: Was macht einen Menschen zu einer Frau oder zu einem Mann?

    Der Film ist im Grimmzentrum entstanden, am Engelbecken und im Berliner Literaturhaus in der Fasanenstraße, auf der Terrasse und im Kaminzimmer. Die Blogeinträge, die dort zu sehen sind, das sind diese beiden „Des Weibes Leib ist ein Gedicht” und “Unverkennbar genauso schauderhaft und böse“. Und hier kann man einen Blick ins Buch wagen.

    Zum Slogan „Mädchen sein kann man auf viele Weisen“ kann ich immerhin sagen: genau meine Meinung!

    Herzliche Grüße aus Berlin
    Ihre
    Aléa Torik”

    P.S. Die Farbe meiner Seite ist nicht Rosa, nicht Pink, sondern: Margenta!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    10 April 2013

    Die ganze Wahrheit über Aléa Torik

    Hier kann man die ganze Wahrheit nachlesen, also beide Hälften, hier.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    29 März 2013

    Der Pinguin Apollodor

    Vom Pinguin Apollodor erzähle ich in „Aléas Ich“. Das ist ein Buch von Gellu Naum, ein Kinderbuch. Der Pinguin Apollodor arbeitet im Zirkus, aber er hat große Sehnsucht nach seiner Familie und seiner Heimat. Also begibt er sich auf große Fahrt. Bis er jedoch an den Südpol findet, führt ihn seine Reise durch die ganze Welt. Er lebt als Cowboy in Amerika, verliebt sich in Afrika in ein hübsches Affenfräulein und wird später durch Zufall zum Millionär. Die deutsche Übersetzung ist von Rolf Bossert.

    Es lebte einst in Bukarest
    - Ein Kühlschrank diente ihm als Nest -,
    Im Zirkus auf der Moschilor,
    Ein Pinguin aus Labrador.
    Sein Name war Apollodor.
    Beschäftigung: Er sang im Chor.
    Er war also kein Mathador,
    Kein Zuckerbäcker, kein Major.
    Er hatte bloß ein gutes Ohr
    Und sang im Chor. (Er war Tenor.)
    Er war vergnügt, er hatt’ Humor
    Und einen Frack, schwarz wie ein Mohr:
    So kannte man Apollodor.

    Doch eines Tages ging was vor
    Mit unsrem Freund Apollodor:
    „Ich bin zwar gern im Chor ein Sänger,
    Doch wird’s ums Herz mir eng und enger …
    Zu meinen Brüdern, nach wie vor,
    Will ich, ins ferne Labrador!
    Wie gerne säße ich, bloß so,
    Auf einem Eisberg und wär froh …“
    Tränen vergoß Apollodor …

    Einiges wurde von Ada Milea vertont. Das finden Sie hier, genauer: unter dem Schaf ist ein kleiner Musikplayer, Apollodor in Afrika und als Cowboy, Lied 13 und 14. Ich erzähle das, weil ich annehme, dass Sie wissen wollen, zu welcher Musik man in den ersten Jahren dieses Jahrtausends in Bukarest, in den Clubs und auf der Straße getanzt hat.

     

     

     

     

     

     

     

     

     

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    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    20 März 2013

    Hier stehen inzwischen beinahe fünfhundert Artikel und für jeden habe ich einen Titel gefunden. Aber heute fällt mir keiner ein. Oder ich will ihn für mich behalten. Womöglich liegt‘s am Alkohol.

    Mir schrieb heute jemand, oder war‘s schon gestern?, dass er viel liest, selten etwas zu Ende, weil wenig Schätze unter den Bücher sind und dass er bei meinem Roman auf so einen Schatz gestoßen ist. Er spricht noch von Das Geräusch des Werdens. Ich freue mich darüber. So wie mich freute, als mir Ulrike vor einigen Wochen schrieb, dass sie in ihrer Buchhandlung zwanzig Exemplare verkauft hat und alle – ob jung, ob alt – begeistert seien. Natürlich wünscht man sich, dass man hunderttausend Bücher verkauft, hunderttausend mal Anerkennung bekommt und davon leben kann, vom Geld, von der Arbeit – dass man auch von der Arbeit lebt und nicht nur dafür – und dem Lob; natürlich weiß man, dass das nicht geschehen wird. Man weiß, dass der Einzelne nicht der Anfang einer Lawine ist.

    Ich war in Leipzig zur Buchmesse. Eigentlich bin ich nicht messekompatibel. Ich brauche den Trubel nicht. Aber ich kann ihn aushalten. Ich habe einige Leute kennengelernt. Deswegen geht man hin. Natürlich weiß man, dass es für alle ein Geschäft ist. Und für die meisten ist es keins. Man selbst sucht ebenfalls seinen Vorteil. Der besteht für mich darin, Möglichkeiten zu finden, um weiterzuschreiben. Ich hatte zwei Lesungen, in der Moritzbastei und im Café Puschkin. An einem Morgen kamen zwei junge Frauen auf mich, auf uns alle am Stand zu und erzählten, leicht errötend, dass sie die eine Lesung mit mir ganz toll fanden. Ja, es ist ein Geschäft. Ich will Bücher verkaufen und ich will, dass Leute sich an dem erfreuen, was ich da gebaut habe. Die zweite Lesung war in einer Kneipe mit Kneipenstimmung und das lief nicht so gut. Ich bin nicht warm geworden mit den Leuten. Oder die nicht mit mir. Ich hatte das Gefühl, die hätten lieber einen Krimi gehört. Aber ich hatte keinen. Ich bin wahrscheinlich einer der wenigen Menschen, die in ihrem ganzen Leben noch nie einen Krimi gelesen haben. Außerdem habe ich noch ein dickes Kompliment für meinen Aufsatz über Pierre Bayard bekommen. Was will man mehr? Man will wahrscheinlich eben einfach mehr. So ist der Mensch. Kann den Hals nicht voll bekommen.

    Es gibt nahezu kein literarisches Gebäude, dass nicht jeder abbruchbereite Trottel innerhalb weniger Minuten einreißen könnte: zu kurze Sätze, zu lange Sätze, zu philosophisch, zu hermetisch, zu hermeneutisch, zu hermaphroditisch, zu aphoristisch oder zu artistisch. Ein Verriss bedarf keiner Fähigkeiten. Aber eine Kunst ist es als Leser, sich selbst und seine eigenen Interessen aufzugeben und sich in ein Buch hineinzubegeben. Sich gefangen nehmen zu lassen. Und so freue ich mich über die Anerkennung per Mail und im direkten Gespräch.

    Ich habe im Nachgang einige Mails geschrieben. Alles Dinge, aus denen sich etwas entwickeln könnte, Bekanntschaften, Freundschaften, Zukunftsaussichten. Ich habe jemanden kennengelernt, den ich bis dahin nur per Mail kannte. Und das war ein sehr schöner Vormittag. Francis: wo ist das versprochene Buch?

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    13 März 2013

    „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“

    Eine Besprechung in der Literaturbeilage der Jungen Welt. Von mir. Nicht die gesamte Beilage, sondern nur das Hauptgericht. Erhältlich ab Morgen, 14. März. Wir sollten über Bücher schreiben, die wir nicht gelesen haben. Das habe ich nicht geschafft. Stattdessen habe ich über ein Buch geschrieben, das erklärt wie man das macht. Pierre Bayard hat eine sehr interessante Theorie entwickelt, die auf empirischen Beobachtungen beruht: Er ist Professor für Literatur mit einer Neigung zur Provokation. Oder Professor für Provokation mit einer Neigung zur Literatur.

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    12 August 2012

    Es ist gut, bis auf den Umstand, dass es noch ein klein wenig besser sein könnte

    Ich habe keinerlei Probleme mit meinem Fleiß. Ich bin eigentlich gar nicht fleißig, da ich alles, was ich tue, aus einem einzigen Grund tue: weil ich es will. Ich gehe vollkommen auf in meinem Tun. Ich muss nichts überwinden, keine Hürden. Ich habe auch keinen Schweinehund. Ich kenne in dieser Hinsicht weder Schweine noch Hunde. Ich mache einfach so lange, bis ich nicht mehr kann. Dann gehe ich ins Bett und am nächsten Morgen, Wunder der Rekonvaleszenz, kann ich wieder. Und ich mache auch wieder. Entweder kann und mache ich wieder genauso wie am Tag zuvor oder sogar noch besser. Und das mache ich wieder solange, bis ich nicht mehr kann.

    So mache ich das. Bis auf manche Tage, an denen einfach Stillstand herrscht, weil mein Kopf oder mein Körper nicht wollen. Und bis auf den kleinen Umstand, dass Glück noch etwas anderes ist, weil es mit anderen Menschen zu tun hat, also mit einem anderen, so jedenfalls sind meine Vorstellungen; bis auf diesen Umstand ist alles gut und könnte kaum besser sein. Es ist gut und bis auf den Umstand, dass es doch noch ein klein wenig besser sein könnte – weil Zufriedenheit vielleicht das Gegenteil von Glück ist, man ist in seiner Zufriedenheit geradezu unglücklich -, könnte ich kaum zufriedener sein.

    Und da ich das bemerke, bemerke ich auch, dass ich ausgesprochen unzufrieden bin. Ich spreche schon den ganzen Tag mit Freunden und Freundinnen und die Erkenntnis läßt sich jetzt nicht mehr leugnen: Ich komme in diesem Jahr nicht nach Rumänien. Ich schaffe es einfach nicht. Ich habe alle Daten hier hin und wieder zurück gedreht. Aber die Arbeiten und Termine liegen so eng beieinander, dass ich nicht einmal eine Woche oder zehn Tage finde, wo ich aussteigen könnte. Zum Teufel mit der Zufriedenheit und dem Glück. Ich brauche zwei Wochen Erholung im Jahr. Und ich brauche sie nicht an irgendeinem vermaledeiten Strand, Nord-, Ost- oder Südsee, sondern ich brauche sie in Sibiu und in Bukarest. Ich will einen Berg sehen. Lebende Natur, nicht irgendein monotones maritimes Ereignis, das aus Langeweile Wellen wirft.

    Plötzlich schlechte Laune! Und das nur, weil ich eine Differenz zwischen Zufriedenheit und Glück erkannt habe. Alles Scheiße hier! Luxusscheiße!

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    08 Februar 2012

    Veranstaltungshinweis: Lesung am 10. Februar 2012

    Am kommenden Freitag wird bei der Vernissage Stadt, Land, Fluss mein Roman „Das Geräusch des Werdens“ vorgestellt.   Es wird, wenn das technisch machbar ist, einen Mitschnitt dieser Lesung geben, den ich hier auf der Seite einstellen werde.

    Hier ist die Ankündigung. Wenn Sie kommen möchten, dann können Sie sich anmelden unter: ms(ät)schwindkommunikation.de

    19.00 Galerie SCHMALFUSS BERLIN Knesebeckstr. 96 VH 3. St. 10623 Berlin.

    Und der Tagesspiegel hat auch Wind von der Sache bekommen.

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    02 Februar 2012

    Seit das Captcha weg ist

    Seit das Captcha weg ist, gibt es hier keine Kommentare mehr. Ich nehme an, dass Sie nicht etwa diese Hürde vermissen und, weil Sie den Hürdenlauf gewohnt waren, nicht mehr kommentieren, da Sie das einfache Geradeauslaufen verachten. Ich nehme vielmehr an, dass Sie alle fleißig meinen Roman lesen, um dann, wie Sie ja ahnen und vielleicht sogar befürchten, jene Hürde werden nehmen, werden erklimmen müssen!, die ich anstelle des Captchas einbaue: Fangfragen zu meinem Text. Das wird hier noch ganz streng und bitter werden! Ich hoffe, Sie sind gut vorbereitet, wenn ich hier die Zügel anziehe und dreidimensionale Hürden einführe.

    Klingt als hätte ich etwas getrunken, nicht? Ist aber nicht der Fall. Ich bin nur angespannt. Dann bin ich immer so.

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    31 Januar 2012

    Irgendetwas mit Moschusochsen und Karibus

    „Die Autorin hält derzeit keine Lesungen und gibt keine Interviews“ heißt es in einer Pressemeldung über mich.

    Ich gehöre zu der möglicherweise im Medienzeitalter seltenen Spezies der Schriftsteller_innen die tatsächlich, was sie zu sagen haben, in ihren Büchern sagen. Und was ich darüber hinaus zu sagen und zu zeigen habe, zeige ich hier auf meiner Seite. Deswegen habe ich die. Halte mich jedermann ruhig für altmodisch, aber bitte niemand für unanständig: ich will tatsächlich Bücher schreiben und Bücher lesen.

    Ich möchte eines ganz bewusst nicht: eine Auseinandersetzung mit mir. Ich möchte eine Auseinandersetzung mit dem Text. Ich habe diesen Roman nicht aus Langeweile geschrieben und ich möchte, dass er auch nicht aus Langeweile gelesen wird. Wer nach der Lektüre eine Frage hat, der kann sie gerne stellen. Und ich hoffe, es ist eine Frage an den Text. Ich möchte als Literaturwissenschaftler_in und Schriftsteller_in wahrgenommen werden. Ich möchte erstgenommen werden. Und das kann ich nur über meine Texte erreichen.

    Soll ich in einer Kochsendung sagen, dass ich als Vegetarier_in am liebsten Gemüse esse und Couscous und Halloumi? Oder soll ich sagen, dass ich nicht gerne ins Kino gehe und entweder einschlafe oder rausgehe. Oder soll ich im Fersehen sagen, dass ich gerne Tiersendungen anschaue, weil mich das ans Dorf erinnert? Ich habe am liebsten irgendetwas mit Moschusochsen und Karibus. Oder soll ich das in der Kochsendung sagen?

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    25 Januar 2012

    Lauter Verbesserungen

    Im Zuge technischer Verbesserungen wurde jetzt endlich diese vermaledeite Kommentarfunktion auf Vordermann gebracht Die Einstiegshürde ist weg: kein Captcha mehr! Kommentare haben einen Permalink bekommen, sodass nicht mehr nur auf den Artikel, sondern auch die Kommentare selbst geantwortet werden kann (was allerdings erst morgen funktioniert). Möglicherweise ist das der Diskussion förderlich. Das Kalendersymbol wurde entfernt. Das hat mich unter Druck gesetzt. Darüber hinaus wurden noch einige Kleinigkeiten verändert, Fotos werden jetzt anders dargestellt. Nnicht ganz anders: es ist schon noch das darauf zu sehen, was man sehen kann.

    Ich habe mir noch eine kleine Spielerei einfallen lassen. Das einzig sinnvolle ist die erste Zeile: “Hier wird archiviert”. Alle anderen Links sind Sprachspielereien. Für die Ausstehenden können Vorschläge gemacht werden. Ich annonciere das noch gesondert.

    Man sagte mir, dass die Artikel unter der Kategorie „mittel“ am besten ankommen. Ich werde also in Zukunft alle – vor allem die langen und die ganz langen – unter „mittel“ einordnen. Die von „mittel“ kommen zu „kurz“ und die wieder zu „schikanös“. Da die gewählten Bezeichnungen keine absoluten, sondern relative Maßstäbe sind und außerdem die Längenverhältnisse untereinander nicht geregelt sind, kann ich das frei bestimmen. Bei der nächsten Novelle dieser Seite kommt noch eine Ordnungsmöglichkeit nach Breite, Höhe und Dichte hinzu.

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    09 Januar 2012

    Meine Artikel kosten in Zukunft zehn Cent

    Das ist mein Ernst. Die kürzeren Artikel bekommen Sie bereits für die Hälfte, für überdurchschnittliche gescheite Äußerungen wird ein Einmalaufschlag von fünfundzwanzig Cent fällig. Die Definition von „überdurchschnittlich gescheit“ liegt bei Ihnen. Die ersten beiden Absätze der kommenden Artikel sind für jedermann frei lesbar. Danach müssen Sie sich entscheiden, ob Sie den Rest lesen wollen oder diese Seite wieder verlassen.Es ist der strukturelle Fehler im Netz, dass nahezu alles gratis ist. Vieles ist deswegen auch umsonst. Und nicht wenig ist dann sogar vergebens.

    Mit dieser Aktion verliere ich etwa 90 % meiner Leser. Da ich aber sowieso nichts davon habe – bis auf den Umstand des persönlichen Plaisirs – ist das einerlei. Der Spaß wird davon nicht weniger, womöglich wird er sogar mehr. Ich weiß dann nach dem Geldeingang, dass die Leute das wirklich lesen, dass es ihnen etwas wert ist. Auch für den Leser ist es von Vorteil.  Er (und sie) hat dafür bezahlt und dadurch hat er ein Recht an dem Artikel. Er kann das Lesen anders genießen, weil er in einem umfassenden Sinne als Ansprechpartner fungiert. Was zuvor nur in den leeren Raum des Netzes geraunt worden ist, ist nun für ihn bestimmt.

    Das hat natürlich nur dann einen Sinn, wenn alle mitmachen. In welcher Dimension man „alle“ auch interpretieren mag: Alle bei LITBLOGS. All die, die ich auf der Blogroll habe. Oder all jene, die ich mit einer frisch gegründeten Initiative und meinen Argumenten von dieser Sache überzeugen kann. Selbst all die, die einfach mitmachen, weil sie immer überall mitmachen.

    Alle Abrechungssysteme, die ich kenne, sind völliger Mumpitz. Selbst das System der VG-Wort, das nicht den konkreten Leser, sondern die Leserschaft im Allgemeinen zur Kasse bittet, ist nichts anderes. Das macht für ein Blog wie dieses so viel Arbeit, dass jeder Artikel das Zehnfache kosten würde. Ich kann das leider nicht als meinen Verdienst abrechnen, ich kann es nicht eintreiben. Ich kann mir am Ende des Jahres keine schöne Jacke kaufen oder davon zum Essen gehen, geschweige denn davon leben. Aber ich würde es gerne! Ich würde gerne das, was ich hier tue als meine Leistung empfinden und sie dementsprechend in Rechnung stellen.

    Ich erwarte oder erhoffe, dass Sie am Ende des Jahres, den von Ihnen überschlagenen Betrag von zehn oder zwanzig Euro an ein karitatives Unternehmen überweisen, wie Terre des hommes. Oder drücken Sie einem Clochard, den Sie kennen, dem sie jeden Tag über den Weg laufen, zu Weihnachten den entsprechenden Betrag in die Hand. Dann müssen Sie mir nur noch sagen, was Sie für Ihre Kommentare haben wollen. Und den Betrag überweisen Sie dann bitte hierhin: Médecins Sans Frontières.

    Sehr viel ausführlicher und seriöser, Argumente bewertend, die Kollegin hier.

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    01 Januar 2012

    Willkommen im Heute

    Ich sitze hier, rutsche auf dem Hintern hin und her und freue mich auf das kommende Jahr. Dabei wäre das gar nicht nötig: es ist ja nicht mehr das kommende Jahr. Wir schon mittendrin. Das nun auch wieder nicht, wir haben ja gerade einmal den ersten Januar. Wie dem auch sei: ich freue mich auf dieses Jahr. Das wird sehr arbeitsreich, vielleicht wird es auch erfolgreich. Das kommt darauf an, wie man Erfolg definiert. Anerkennung anderer ist sicher ein wesentlicher Teil. Anerkennung, die dann wichtig ist oder scheint, wenn es daran mangelt und vielleicht schon nicht mehr so wichtig ist, wenn man sie bekommt. Wer weiß. Ich werde von meinen Erfahrungen mit der Anerkennung berichten. Und wenn ich nichts davon berichte, berichte ich von meiner Enttäuschung. Und hoffe, dass Sie mir Anerkennung dafür zollen. Auf all das freue ich mich. Aber vor allem freue ich mich auf die Arbeit.

    Ich bin also aus meinem Winterschlaf erwacht! Vor genau einem Jahr habe ich Ankündigungen gemacht, was ich alles tun würde. Viele davon habe ich nicht getan. Das mache ich in diesem Jahr nicht. Ich verspreche nichts, ich halte nichts und ich enttäusche auch niemanden. Niemanden, der nicht vorher schon enttäuscht war oder der sich unbedingt enttäuschen lassen will und dem einfach jeder Grund willkommen ist.

    Es wird auf der ersten Seite meiner Webpräsenz die Möglichkeit geben, etwas zu meinem Roman zu sagen. Es kommen wahrscheinlich einige neue Leute hier dazu. Vielleicht lesen sie nur, vielleicht mischen sie sich auch ein, vielleicht springen sie auch schnell wieder ab. Es wird viele gute neue Literatur kommen. Es wird das eine oder andere aus meinem – ich kann das gerade nicht anders sagen – aus meinem schönen und aufregenden Leben geben: Ich habe schon den ganzen Morgen beim Frühstück gesungen. Die meiste Zeit werde ich einfach nur am Schreibtisch sitzen und auf das Display meines Laptops schauen. Es gibt sicher den einen oder anderen Erlebnisbericht.

    Ich frage mich gerade, warum mir Geld nichts bedeutet. Mag sein, weil ich aus einer ärmeren Gesellschaft komme. Aber das tun viele und nicht wenige von denen, sind umso mehr hinterm Geld her. Vielleicht liegt das daran, dass ich in der Literatur aufgehe, daran, dass ich im Leben gefunden habe, war ich machen will, an meinem Charakter oder daran, dass ich nur für mich entscheiden muss, keine Mann ernähren und keine Kinder füttern muss. Vielleicht liegt es auch daran, dass mir Zahlen völlig wurscht sind und mir eine sieben nicht anders erscheint als eine neun oder eine elf. Wesentlich ist dabei sicher, dass ich mir nichts im Leben vorstellen kann, was mich so sehr befriedigt wie das Schreiben.

    Ich wünsche allen, dass es Ihnen einigermaßen so geht wie mir, dass Sie auf Ihrem Hintern sitzen und nervös hin und her rutschen, weil sie gar nicht erwarten können, dass es endlich losgeht, dieses Jahr. Dabei sind wir ja schon mittendrin. Zwischen Heute und Gestern zu unterscheiden ist nicht so einfach. Momente liegen ja manchmal recht nah beieinander. Nicht nur an Sylvester, nicht nur an Mitternacht.

    Bei dem Bild unten muss ich den Namensnennung vornehmen. Kann ich aber nicht. Ich habe keinen Namen gefunden. Das ist ein Bild von der Datumsgrenze, beim 180 Längengrad, auf einer der Fitschiinseln. Ich habe es hierher genommen.

    Am 23. Januar wird diese Seite modifiziert und die technischen Probleme werden dann aufhören. Aber solange gilt noch: bei Kommentaren müssen Sie beide Worte eingeben.

     

     

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    21 Dezember 2011

    Machen Sie mal einen Spaziergang!

    Der Dezember ist nicht mein Lieblingsmonat. Alles dreht sich um Weihnachten, um das Kaufen von Geschenken. Es ist die Zeit, in der ich mich am wenigsten wohl fühle in meiner Haut und der Monat, schon immer gewesen, in dem ich am wenigsten produktiv bin. Ich bin am Ende des Jahres auch am Ende meiner Kräfte. Wenn ich mir meine Aufenthaltsorte frei aussuchen könnte, würde ich den Herbst in Bukarest verbringen, den Sommer in Berlin, den Frühling in den Bergen Transsilvaniens und den Winter am Meer. Aber dann käme ich wahrscheinlich durcheinander.

    Es war ein wechselvolles Jahr. Es gab, wie wohl bei Ihnen allen, nicht nur gute Dinge. Immer dann, wenn mir das heiße rumänische Blut überkocht, laufen die Dinge nicht so wie ich mir das vorstelle. Dabei kocht es ja über, weil die Dinge falsch laufen. Irgendetwas im Verhältnis von Ursache und Wirkung ist da nicht miteinander in Einklang zu bringen. Der eine Roman ist fertig, der zweite in Arbeit, für den dritten gibt es eine Skizze. Ich habe einen Essay geschrieben, vielmehr überarbeitet, und einige abstrakte Ideen für weitere kleine Texte. Ich habe an der Uni ein paar wichtige Dinge getan und andere angeschoben. Es sind Dinge zu Ende gegangen und, wichtiger, andere haben angefangen. Ich habe getrauert und gehofft und letztlich war das Verhältnis dieser Strebungen ausgeglichen; mit einem deutlichen Übergewicht ins Positive. Allerdings ist mein Gemüt so veranlagt, dass es die Dinge, die in der Schwebe sind und von Natur aus nirgendwohin neigen, in diese positive Richtung drängt. Nur Schmerz oder Lust, nur Trauer oder Hoffnung: das hält kein Mensch aus.

    Ich bleibe, wie in den beiden vergangenen Jahren, in Berlin. Ich bleibe zu Hause statt nach Hause zu fahren. Das ist eines der Dinge, die man positiv oder negativ empfinden könnte. Ich schlafe aus. Ich lese und schaue bisweilen aus dem Fenster. Ich denke an Geldorf, den schönen und stolzen Labrador, mit dem ich am Breiten Luzin Freundschaft geschlossen habe. Er hat mich vor den Geistern des Sees beschützt und ich habe ihm zum Dank das erste Kapitel von „Das Geräusch des Werdens“ vorgelesen. Da er auch aus Berlin kommt – aus Lichtenrade, wo ich noch nie war – werde ich ihn mir für einen langen Weihnachtspaziergang ausleihen. Darauf freue ich mich sehr! Bei dieser Gelegenheit werde ich ihn auch einmal auf sein kauendes und gähnendes Verhalten bei meiner kleinen Lesung ansprechen. Ich bin sicher, der hat ein schlechtes Gewissen.

    Ich lese

    - Hermann Melville, Bartleby, der Lohnschreiber

    - Daniele Del Giudice, Der Atlas des Westens

    - Wolf von Niebelschütz, Der blaue Kammerherr

    - Janet Frame, Dem neuen Sommer entgegen (eine Empfehlung)

    - Bruno Schulz, Das Sanatorium zur Sanduhr

    - F. Scott Fitzgerald, Der große Gatsby

    Das letzte wird bei dem einen oder anderen Verwunderung auslösen. Ich weiß, dass es hierzulande vielgelesen ist. Ich aber kenne es nicht und deswegen lese ich es. Ich werde mich, was ich gut kann, in mich zurückziehen. Ich schalte alle Lampen um mich herum aus und meine eigene an.

    Ich wünsche Ihnen allen eine gute Zeit, ein schönes Fest und geruhsame Tage danach! Machen Sie mal einen Spaziergang! Mit oder ohne Hund. Ich hoffe, es ergeht Ihnen wie mir, dass Sie sich auf das neue Jahr freuen. Ich freue mich unbändig!

     Crăciun fericit! – Frohe Weihnachten!

    Und dann doch noch etwas Weihnachtliches, aus Südamerika, Agentienien: Ariel Ramírez, Missa Criolla, wir hören das Gloria mit Jose Carreras!

     

    Nachtrag: Als ich heute las was ich gestern schrieb, hatte ich das Gefühl, dass es in einem Punkt nicht der Wahrheit entspricht. In Wirklichkeit war das ein ganz außergewöhnlich gutes Jahr! Ich bin gerade nur kaputt und das ist ein Zustand, den zu begreifen ich mich schwer tue. Das sind Tage, an denen nichts läuft und ich nicht verstehe, warum das so ist. Das verdunkelt meine Stimmung. Bis ich dann begriffen habe, dass ich nicht mehr kann. Und dann lasse ich es auch gut sein. So ein Zustand war das gestern. Ich hatte heute ein langes und außergewöhnlich gutes Gespräch mit meinem Verleger. Jetzt lasse ich bis Sylvester alles liegen und lege mich dazu. Am ersten Januar stehe ich wieder auf.

    Bei Kommentaren bitte beide Worte des Captcha eingeben. Das ändert sich im neuen Jahr.

     

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    03 Dezember 2011

    Tratamentul lombalgiei și al crizei de lumbago

    Hinter dem Titel dieses Artikels verbirgt sich nichts Gutes: man kann leider nicht viel machen. Es tut verdammt weh, ist aber angeblich nicht tödlich. Dennoch ist man geradezu hilflos. Was auf Rumänisch lumbago heißt, hat im Deutschen einen anderen Namen: Hexenschuss. Offenbar haben weder die klassische Medizin noch die Naturheilkunde ernsthaft etwas anzubieten. Es gibt vor allem die sogenannte konservative Therapie: Abwarten und Tee trinken. Ein Ratschlag allerdings findet sich auf beiden Seiten: Relaxarea – Entspannung. Großartiger Tipp. Ich könnte mich schon entspannen, wenn das, wovon ich entspannen müsste, nicht wäre. Was für eine hinterhältige Schweinerei!

    Also: eine Krise. Phorkyas  hatte sich noch beklagt, dass bei M Blecher – Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit – zu Beginn so oft von der Krise die Rede ist. Im Deutschen würde man wohl eher von einer Erkrankung reden oder einem Anfall. Aber die Krise trifft es besser. Weil es keine inhaltsleere Krise ist, sondern immer eine bestimmte Krise, die der Pubertät oder die einer verrückten Hexe, die einen hinterrücks erschießt. Und das auch noch im Schlaf! Es sieht danach aus, als wenn ich meinen Aufenthalt hier abbrechen und nach Berlin zurückkehren müsste.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.