Hauptmenü:

Aléas Anordnungen

Der Länge nach



Der Reihe nach

  • Juni 2016
  • April 2016
  • Oktober 2015
  • Juli 2015
  • April 2015
  • März 2015
  • Februar 2015
  • Dezember 2014
  • November 2014
  • Oktober 2014
  • September 2014
  • August 2014
  • Juli 2014
  • Juni 2014
  • Mai 2014
  • April 2014
  • Februar 2014
  • Januar 2014
  • Dezember 2013
  • November 2013
  • Oktober 2013
  • September 2013
  • August 2013
  • Juli 2013
  • Juni 2013
  • Mai 2013
  • April 2013
  • März 2013
  • Februar 2013
  • Dezember 2012
  • November 2012
  • August 2012
  • Juli 2012
  • Juni 2012
  • Mai 2012
  • April 2012
  • März 2012
  • Februar 2012
  • Januar 2012
  • Dezember 2011
  • November 2011
  • Oktober 2011
  • September 2011
  • August 2011
  • Juli 2011
  • Juni 2011
  • Mai 2011
  • April 2011
  • März 2011
  • Februar 2011
  • Januar 2011
  • Dezember 2010
  • November 2010
  • Oktober 2010
  • September 2010
  • August 2010
  • Juli 2010
  • Juni 2010
  • Mai 2010
  • April 2010
  • März 2010
  • Februar 2010
  • Januar 2010
  • Dezember 2009
  • November 2009
  • Oktober 2009
  • September 2009
  • August 2009
  • Juli 2009
  • Juni 2009
  • Mai 2009


  • Der Sache nach



    Nach Nichts nach


     



    Hier wird archiviert

    Hier wird boykottiert

    Hier wird cokettiert

    Hier wird drangsaliert

    Hier wird elaboriert

    Hier wird fingiert

    Hier wird geniert

    Hier wird illusioniert

    Hier wird jongliert

    Hier wird kastiert

    Hier wird liiert

    Hier wird massiert

    Hier wird nivelliert

    Hier wird pikiert

    Hier wird regiert

    Hier wird zentriert




    Suche


    Impressum
    Kontakt
    Anmelden
    © 2017 Aleatorik
    by WordPress


    Diesseits

    Seite 1 – Das Geräusch des Werdens
    Seite 2 – Das Blog
    Seite 3 – România
    Seite 4 – Lesungen und Veranstaltungen
    Seite 5 – Aléas Ich
    Seite 6 – Blogroll

    Jensseits

    Aboutsomething
    Der Freitag
    Glanz & Elend
    Glanz & Elend II
    Junge Welt
    LETTRE International
    Literaturkritik
    Literaturkritik II
    Poetenladen
    Roberto Bolaño
    Titel Magazin
    Unendlicher Spass

    KLG
    Literaturport
    Wikipedia


    Kommentare:

  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
  • irisnebel: klasse! gratuliere! musst du ne gegenleistung bringen? als stadtschreiber z.b.?
  • nadine schmid: Ich habe mit Thien an der Uni Koeln studiert. Wir ware zeitweise befreundet, aber ich hatte wenig verstaendnis fuer seinen ‘Mangel’ am akademischen Streben und habe, trotz meiner Anerkennung seines Talents, sein Lebensziel, aus seiner Dichtung etwas zu machen, als...
  • bersarin: Es muß natürlich, entdecke ich beim zweiten Lesen, Monika Rinck heißen. Ich kann mir Namen nie merken.
  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
  • Aléa Torik: Never ride a dead horse – das hätte auch als Überschrift dieses Beitrags herhalten können. Gestern Nacht bin ich mit dem Rad 35 km durch das ausgestorbene Berlin gefahren, bis weit jenseits der Stadtgrenze. Da ich ziemlich kaputt war, konnte ich dabei nichts denken, aber wenn...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
  • Aléa Torik: Liebe Miss Lingen, bitte entschuldigen Sie die kleine Verspätung meiner Antwort. Ich war auf anderen Schlachtfeldern unterwegs. Sie haben absolut recht, es ist viel zu komplex. Dabei darf ich mir zugutehalten, es deutlich vereinfacht zu haben. Denn im Original – wenn wir uns darauf...
  • Miss Lingen: Obwohl, wie Sie wissen, ich hier mit Sympathie lese, frage ich doch: ist das nicht alles ein wenig zu komplex?
  • Aléa Torik: Dann bin ich gespannt, was du von dem Essay hältst.
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, die Idee des freiwilligen Ablebens um des Erfolges willen stand ja schon einmal im Raum, aber das nur zu machen, um ausgerechnet auf meine Leseliste zu kommem, nee, da hast Du recht, das wäre schon sehr übertrieben! http://www.litblogs.net/hue...
  • Aléa Torik: Lieber holio, ganz verstehen kann ich die Ottos und Ottisten ja tatsächlich nicht. Vielleicht ist das so, dass Otto und Otta, was ihr Leseverhalten betrifft, auch nicht ganz schlau aus sich werden. Sie greifen immer nur nach dem, wonach auch die anderen greifen. Das zeichnet die...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
  • holio: Traurig ist das in der Tat. Und so ganz zu verstehen auch nicht. Im Geräusch des Werdens war der Anknüpfungspunkt für Otto Normalleser ja da. Und die Bălkanexotik ist auch rezipiert und rezensiert worden. Die Sprache ist einfach, der Plot verständlich, erinnere die Szene mit dem blinden...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • 24 März 2015

    „Aléas Ich“ auf Bausparbuddhajägerzaun

    Endlich mal jemand, der sich über meinen Roman ärgert. Ich ärgere mich ja auch dauernd. Zum Beispiel habe ich mir vor einigen Wochen in den Finger geschnitten, genau an der Stelle der Fingerkuppe unter der auf der Tastatur mein Lieblingsbuchstabe liegt. Da war wochenlang Essig mit Schreiben! Von wegen Depression: Ohne meinen Lieblingsbuchstaben kann ich kaum ein Wort schreiben. Und gerade ist der eigene Ärger verraucht und der Finger wieder heil, kommt der Ärger der anderen, hier.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    14 August 2014

    “There is no gender identity behind the expressions of gender … Identity is performatively constituted by the very ‘expressions’ that are said to be its results“

    Mein zweiter Roman Aléas Ich beobachtet eine Person dabei, wie ihre Identität durch das „Ich“-sagen entsteht. Der Roman stellt dabei einige interessante philosophische Fragen – jedenfalls solche, die ich mit meinem beschränkten Autorenhorizöntchen interessant finde -, die in hoffentlich noch interessanteren Geschichten – Autorenhorizöntchen! – eingebettet sind. Diese Umstände sind hier wiederholt zur Sprache gekommen und ich kann und möchte das nicht erneut repetieren oder breittreten. Dazu existiert ein Blog, der ein Vielfaches der im Buch veröffentlichten Textmenge zur Verfügung stellt und in nicht wenigen Punkten darüber hinausgeht.

    Es hat zu einigen Irritationen geführt, die meisten davon zustimmend bis begeistert, dass ich die Bedingungen meines Schreibens – die Authentizität des Rumänischen und die Authentizität des Weiblichen – offenbar so gut simulieren / imitieren kann, dass es über viele Jahre unmöglich war, hinter diesen Vorhang zu schauen. Ich finde das gar nicht verwunderlich: Ich identifiziere mich lediglich mit dem, was ich tue und mit der, die das tut. Dies ist der Prozess der Selbstwerdung, den Aléas Ich beschreibt. Wer den Roman gelesen hat, der wird das auch bei sich selbst erkennen können, dass er sich immer auch selbst erfindet, um dann als Erfindende_r mit dem Erfundenen – qua Identifikation – zu einer Einheit zu verschmelzen. Was schon in frühestem Kindesalter zu beobachten ist: kleine Menschen verhalten sich wie Mädchen oder wie Jungen. Das ist nicht weiter verwunderlich: kleine Menschen schauen den großen Menschen nahezu alles ab, warum nicht auch das Verhalten, das ihrem Geschlecht gemäß ist? Und das deswegen als ein gemäßes Verhalten gilt, weil auch die großen Menschen sich das abgeschaut haben als sie noch kleiner waren. Dann haben sie es internalisiert und vergessen, dass es nur ein abgeschautes Verhalten war. Und so halten sie es für ihr ‚eigenes‘, für ihr ‚natürliches‘, von Östrogen oder Testosteron beeinflusstes Verhalten und Empfinden. Sie behaupten dann mitunter, dass das alles angeboren sei und ihr Verhalten eine Abbildung all jener Inschriften sei, die sich im Y- oder Y-Gen verstecke. Säuglinge kann alles erregen, Freud nennt sie „polymorph pervers“. Wenn der Trieb dann in der Pubertät ‚erwacht‘, hat das Individuum seine Rolle bereits so weit gelernt und internalisiert, dass ihn tatsächlich erregt, was ihn laut gesellschaftlicher Konvention und Kodex erregen soll.

    Es war kein Skandal, dass das eine Ich ein anderes Ich aus einem fremden Kulturkreis darstellen kann, der dem faktischen Autorensubjekt eigentlich fremd war. Das eine sehende Ich konnte ja auch ein anderes blindes Ich – in Das Geräusch des Werdens – darstellen. Beides war lediglich eine „irgendwie“ literarische Leistung und die zu erbringen ist ja auch der Job eines Autors. Von daher hat er es, wenn es gut gemacht war, eben ‚nur‘ gut gemacht. Ein Skandal hingegen ist es offenbar, wenn ein männliches Ich ein weibliches Ich nicht nur darstellen – also be- oder umschreiben – sondern geradezu verkörpern kann. Ich finde das nicht skandalös. Und es war auch eigentlich keiner! Es haben hier zwei oder drei Leute versucht, daraus einen Skandal zu machen und Profit zu schlagen. Keine seriöse Rezension hat, soweit ich mich erinnere, darauf Bezug genommen.

    Meiner Meinung nach gibt es keinen ‚Geschlechtskern‘, es gibt nur den bei manchen ausgeprägt verzweifelten Versuch, das zu sein, was man – er oder sie – als Vertreter ‚seines‘ Geschlechts sein muss. Ich unterstelle, dass wir Individuen sind und die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht lediglich simulieren: es ist das Annehmen einer ‘Rolle’ oder eine ‘Idee’; vielleicht  könnte man sogar zum Begriff character greifen. Allerdings muss ich den Einwand gelten lassen, dass wir die ‚Rolle‘, in der wir faktisch existieren, nicht wählen können. Nicht in einer ersten Dimension. Wir können nur in einer zweiten Dimension wählen, sie zu wählen oder sie nicht zu wählen (hier darf man Sören Kierkegaard heraushören, den ich tatsächlich ausgiebig studiert habe, der allerdings nicht gerade als Feminist durchgehen kann). Es gibt immer einen Urgrund Realität, der sich tatsächlich nicht weg- und schon gar nicht hinreden lässt.

    Ich habe Kenntnis von einer Dissertation über Hochstapeleien, in denen einer von uns beiden – das erfindende oder das erfundene Ich – einsortiert werden wird. Wobei der Begriff des Hochstaplers hier nicht in seiner pejorativen Variante gemeint ist. Er wird dekonstruiert und in einer anderen, sagen wir ‚Nebenbedeutung‘ erneut aufgebaut: „als eine Praxis der Selbstermächtigung und Selbst-Bildung“. In diesem Zusammenhang kommt es offenbar zu einem Dialog zwischen Judith Butler – von der das diesem Eintrag seinen Titel gebende Zitat stammt – und mir. Hier kann man sich das Abstract von Verena Doerfler anschauen.

    Auch ich benutze den Begriff der Simulation, wenn ich sage, dass wir unsere Geschlechtszugehörigkeit simulieren, nicht pejorativ. Dazu ein kleiner Auszug aus meinem derzeit noch unveröffentlichten Essay über Aléas Ich: „Anders als die Repräsentation – die im nachahmenden Abbild das verlorene Urbild zu fassen versucht, und bei Platon vor allem die darstellenden Künstler betrifft – kann die Simulation ein neues Urbild kreieren, indem sie formuliert, was nie gewesen ist. In der Schrift wird das Beschriebene nicht kopiert, sondern kreiert. Was dabei entsteht, sind keine Abbilder, sondern, wie es bei Platon heißt »Trugbilder aus Worten«. Repräsentieren bedeutet, die wahre, hinter der Erscheinung liegende Welt als eine verlorene aufzugeben, simulieren, die eigens erschaffene, falsche Welt als die wahre vorzuspiegeln: »Während Affirmieren nur bejaht, was ist, und Negieren nur verneint, was nicht ist, heißt simulieren, was nicht ist, zu bejahen, und dissimulieren, was ist, zu verneinen« (Friedrich. Kittler, »Fiktion und Simulation«; in: Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, Hg. K. Barck, Leipzig, Reclam, 1990, S. 200). Simulation ist ein gewollter Irrtum, Verstellung, Travestie, ein Enigma, Spiegel-, Traum- oder Trugbild, in dem das Verhältnis von Realem und Imaginärem, von Sein und Schein als einfache binäre Opposition in Frage gestellt wird. Die Simulation ist, anders als das Abbild, das nur wiederholen kann, offen für die Variation, für Vermutungen, Ahnungen und Befürchtungen. Sie ist ein Abbild ohne Urbild, eine Übersetzung ohne Original, wo Authentizität auf Artifizialität beruht. »Das Trugbild umfaßt große Dimensionen, Tiefen und Distanzen, die sich der Verfügung durch den Beobachter entziehen. Und weil sie sich entziehen, verspürt er einen Ähnlichkeitsdruck. Das Trugbild schließt den differentiellen Gesichtspunkt in sich ein; der Beobachter bildet einen Teil des Trugbildes selbst, das sich mit seinem Gesichtspunkt verändert und entstellt. Kurz, es gibt im Trugbild ein Verrückt-werden, ein Unbegrenzt-werden … ein stets Anders-Werden, ein subversives Werden der Tiefen, das dem Gleichförmigen, der Grenze demselben oder dem Ähnlichen auszuweichen vermag: stets zugleich mehr oder weniger, doch niemals gleichmäßig«. (Gilles Deleuze, »Platon und das Trugbild«, in: Logik des Sinns, Frankfurt, Suhrkamp, 1993, S. 316)“

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    15 Juni 2014

    Encyclopädia Britannica: “One of the strangest novels of 2013 was ‘Aléas Ich’ … ”

    Von den etwa 70.000 belletristischen Neuerscheinungen pro Jahr in Deutschland kommen weniger als ein Dutzend in die Übersicht der Encyclopädia Britannica. Das sind in diesem Jahr: Daniel Kehlmann mit F, Sven Regner mit Magical Mystery, Helene Hegemann mit Jage zwei Tiger, Uwe Timm mit Vogelweide, Terézia Mora mit Das Ungeheuer, Reinhard Jirgl mit Nichts von euch auf Erden, Thomas Glavinic mit Das grössere Wunder, Clemens Meyer mit Im Stein. Und Aléa Torik mit Aléas Ich: One of the strangest novels of 2013 was Aléas Ich … ”, hier oder hier.

    Sehe ich richtig, dass mein Buch das einzige der genannten ist, das über die Rezensionen hinaus nahezu keinerlei Aufmerksamkeit errungen hat? Obwohl keins, wenn ich richtig sehe, der hier genannten Bücher eine solch Euphorie hervorgerufen hat, wie das meine – Jirgl und Meyer muss ich vielleicht ausnehmen – . Meyer muss ich da rausnehmen: gerade der hat ja richtige Groupies. Man wundert sich aber dennoch. Man wundert sich nicht nur, man fragt sich, woran das liegt und man fragt sich nicht nur, woran das liegt, man ärgert sich auch. Und man ärgert sich nicht nur.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    14 Mai 2014

    Die Authentizität des Buchstabens

    In der letzten Maiwoche bin ich in Rumänien. An der Universität in Bukarest werden unter der Leitung von Prof. Horațiu Decuble  und Alexandru Şahighian Masterstudenten einige Kapitel aus Aléas Ich ins Rumänische übersetzen. Ich werde am letzten Tag der Veranstaltung ein wenig assistieren. Eines der übersetzten Kapitel wird dann im Rahmen der Europäischen Literaturnacht  -  Noaptea Literaturii Europene – gelesen, und das gleich mehrfach. Auch da werde ich nur assistieren, ich halte das Mikrofon für eine Schauspielerin, die den Bukarester Zungenschlag besser beherrscht als ich. Anders als wir Siebenbürger haben die Walachen, und eben dort, in der Walachei, liegt Bukarest, einen stärker ausgeprägten musculus longitudinalis inferior – jene dünne Schicht longitudinal verlaufender Muskelfasern der Zunge, die sich zwischen dem musculus genioglossus und dem musculus hyoglossus befindet (wer sich in die Materie einarbeiten möchte, kann das hier tun) – einfacher ausgedrückt, rollen die Walachen das R sehr viel stärker und da ich das bei meinen Aufenthalten in Bukarest nie ordentlich gelernt habe und man in ganz Rumänien sehr viel Wert auf die Authentizität dieses einen Buchstabens legt, muss eine Schauspielerin meine Texte lesen.

    Am darauffolgenden Tag finden eine Lesung und ein Autorengespräch an der Universität, im Fachbereich Germanistik statt. Und dabei kommen meine Fähigkeiten und mein zu kurz oder zu lang geratender Zungenmuskel dann voll zum Einsatz, denn die Lesung findet auf Deutsch statt. In diesem Rahmen lesen die Studenten dann auch aus ihren an den vorhergehenden Tagen entstandenen Übersetzungen. Danach findet ein Gespräch statt. Wir reden vielleicht über Authentizität, also über die Frage, ob Literatur authentisch sein muss und unter welchen Bedingungen sie es ist. Authentizität ist ja etwas anderes als bloße Glaubwürdigkeit. Oder vielleicht reden wir auch darüber, warum ich mir gerade Mircea Cărtărescu und Joseph Vogl als Lehrer ausgesucht habe. Ich meine, dass man Hinweise auf den einen sowohl wie auf den anderen in meinen Romanen finden kann. Und damit meine ich nicht nur, dass der einzige Hund in Aléas Ich Frits heißt, also so wie der Hund im zweiten Teil der Orbitor Trilogie. Joseph Vogl brauche ich nicht um des Namens willen, in meinen Text kommen ja so einige komische Vögel vor. Ich sehe da vielmehr deutlich inhaltliche Gründe. Oder wir reden über Postmoderne Literatur. Und schließlich werde ich einen Tag auf der Buchmesse verbringen, auch hier gibt es eine Lesung und eine Diskussion, Freitag, 20.00 Uhr Uhr in der Donau Lounge, ROMEXPO, Pavilionul C4. Vielleicht, dass sich ein Verlag für meine Bücher interessiert.

    Das Ganze, oder doch Teile des Ganzen, findet auf Initiative des Goetheinstituts in Bukarest statt.

    Aléas Ich

    Lectură din romanul semnat de Aléa Torik, în prezenţa autoarei

    Lectură
    28.5. – 30.5.2014
    UNATC & Facult. de Germanistică, București
    28.05.2014, orele 19-23
    în cadrul Nopții Literaturii Europene 2014
    Lectură: Mihaela Popa
    Universitatea UNATC, etaj 3, Sala 306B,
    Str. Matei Voievod 75-7729.05.2014, ora 15
    Universitatea Bucureşti, Facultatea de
    Limbi şi Literaturi Străine, Sala Shakespeare,
    Str. Pitar Moş 7-13

    30.05.2014, ora 20
    Bookfest, Stand Donau Lounge,
    Romexpo, Piaţa Presei Libere

    Aléa, născută în România, în 1983, tocmai își termină studiile la Universitatea din Berlin, cu o lucrare pe tema ficționalității. Lucrează în paralel la cel de-al doilea roman al său, ține un blog, locuiește cu frumoasa Olga într un apartament la comun, iar printre prietenii ei iluștri se numără actori și consilieri economici. Anii petrecuți în Transilvania și București, precum și viața ei de acum, în Germania, furnizează datele biografice și evenimentele celebrului roman semnat Aléa Toriks, „Aléas ich“ (2013). În cadrul Nopții Literaturii Europene, vă oferim o lectură incitantă din roman, în limba română, și vă dezvăluim secretul unei scriitoare, a cărei fotografie n-a putut fi publicată până acum. Lecturile sunt repetate la interval de 45 de minute.

    Noaptea Literaturii Europene este o inițiativă a Institutelor Culturale Europene și oferă lecturi din literatura europeană provenind din 12 țări, lecturile fiind organizate în mai multe locații din jurul Academiei de Film UNATC.
    Alte două lecturi, în limba germană, și discuții cu autoarea sunt programate pentru 29 mai, la Universitatea din București şi 30 mai, la Târgul de Carte Bookfest.




    08 Mai 2014

    Noch nicht die Welt selbst. Aber immerhin das Tor zur ihr: Hamburg nämlich!

    Am Montag der kommenden Woche bin ich in Hamburg. Hamburg, habe ich gelesen, ist das Tor zu Welt. Eine Welt, die ich zu großen Teilen nicht kennenlernen werde, da sich meine Reisetätigkeit in Grenzen hält. Immerhin werde ich das Tor zur Welt kennenlernen. Nicht alle Tore, Hamburg hat 1,7 Million Einwohner, aber den einen oder anderen Tor werde ich kennenlernen, wenn er denn am kommenden Montag in‘s Literaturhaus kommt, wo ich, auf Einladung des Literaturzentrums  aus meinem aktuellen Roman lese und mit Alexander Häusser diskutiere. Oder randaliere. Je nachdem. Es geht um 19.30 Uhr los. So steht’s hier geschrieben. Und da ich nicht selbst kommen kann – Termine, Termine, Termine – schicke ich den Schauspieler, der behauptet, ich zu sein.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    06 Februar 2014

    Aléa Torik über Fiktion, Wirklichkeit und Identität

    Hier also das Interview, das ich auf aboutsomething gegeben habe.

    1) Katja zu Fiktion vs. Wirklichkeit: Ein zentrales Thema Ihres Buches ist der Wirklichkeitsbegriff, nach dem Sie gleich zu Beginn (S. 23) fragen: „Wenn alle Wirklichkeit nur Konstruktion ist, können wir dann mutwillig alles konstruieren?“ … „Wirklichkeit ist, was wir dafür halten, was wir konstruieren.“ (S. 22) Die „neue“ Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts ist jene des Netzes und ihrer radikalen Projektionen. Ihr Wirklichkeitsbegriff bezogen auf die digitale Realität sagt aus, dass alles um unsere Identität herum konstruiert sei. Kann man daraus eine moralische Frage ablesen? Was ist dann mit denjenigen, die sich der virtuellen Wirklichkeit verweigern, keinen Blog haben und nicht per Facebook kommunizieren? Ist denn mit dieser Weigerung eine fundamentale Lebensverweigerung gleichzusetzen, da ich mich quasi dieser virtuellen Realität entziehe und in ihr nicht stattfinden will? Ist es überhaupt möglich, sich dieser zu entziehen, wenn man „vollwertig“ an der Realität partizipieren will?

    Aléa Torik: Bevor ich die Frage beantworte, will ich mich für die Gelegenheit bedanken, mich zu meinem Text äußern zu können. Da ich nicht einfach nur einen Roman geschrieben habe, den man an vielen Orten rezensieren, erörtern oder befragen könnte, sondern einen Roman über eine Person, die über Jahre ein literarisches Blog im Netz führt, ein Blog, das es wirklich gibt; da ich gewissermaßen das Blog und den Roman zu einer Einheit verwebe, empfinde ich andere literarische Blogs geradezu als erste Adresse für eine Auseinandersetzung mit dem, was ich da gemacht habe. Ich war verwundert, vielmehr verärgert, weil es zwar viele Reaktionen seitens des Feuilletons gab, aber kaum ernstzunehmende aus der Bloggerszene – bis auf eine einzige Ausnahme, das Blog Aisthesis, wo beide Romane besprochen wurden und auch darüber hinaus versucht wird, dem Phänomen Aléa Torik eine Position in der Literatur zuzuweisen, hier, geschweige denn eine richtige Auseinandersetzung, wie sie hier offenbar stattgefunden hat. Das ist an Ihren Fragen zu erkennen, die vor allem um das Netz kreisen. Das hat bisher noch niemand so deutlich angesprochen und thematisiert. Weil das aber im Grunde der wesentliche Umstand meines Romans ist, antworte ich sehr ausführlich.

    Der Roman ist der Versuch eine moderne Wirklichkeit zu beschreiben, in der das Netz eine wesentliche Rolle spielt. Also nicht das Netz selbst und auch nicht die Tatsache, dass wir bisweilen mal im Netz ein Buch bestellen oder eine Email schreiben. Ich meine, wenn ich von Netz rede, den fundamentalen Bruch in einem Gewebe namens Wirklichkeit durch den Cyberspace.

    Ich frage gleich zu Beginn des Romans nach Wirklichkeit, sogar noch vor der zitierten Stelle. Die Autorin und Protagonistin dieses Romans, Aléa Torik nämlich, sitzt in der Bibliothek, im Lesesaal des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums in Berlin vor ihrem Rechner und schreibt nach Das Geräusch des Werdens an ihrem zweiten Roman. Dann schaut sie an die Decke und sieht eine Frau durch eines der Oberlichter durch die zwanzig Meter hohe Halle fallen und „mit einem entsetzlichen Geräusch“ unten auf den Boden aufschlagen. Die einzige Reaktion Aléas darauf sind einige Gedanken darüber, ob das wirklich geschehen ist. Jeder andere würde wohl erst einmal zu Hilfe eilen und sich danach Gedanken über die ontologische Wertigkeit machen. Man kann vermuten, dass dieses Ereignis lediglich in ihrer Fantasie stattgefunden hat, vielleicht weil das in ihrem Roman geschehen könnte. Oder weil sie eben Dinge sieht, die nicht wirklich geschehen. Sie hat möglicherweise eine kleine psychische Auffälligkeit. Das wird später durch das Motiv des Verfolgungswahns auch noch ausgebaut.

    Das darauffolgende Kapitel jedenfalls beschreibt das Gespräch zwischen ihr und ihrem Professor Joseph Vogl, bei dem sie zum Thema »Identität, Authentizität und Illusion – Zur Theorie der Fiktionalität« promoviert. Der gibt ihr zu verstehen, dass sie eine unzureichende Auffassung von Wirklichkeit hat. Er selbst stellt dann aber nicht seine eigene Auffassung da, sondern problematisiert das: er hält einen kleinen Vortrag über die Veränderungen des Wirklichkeitsbegriffs in den vergangenen 500 Jahren und sagt, dass eine veränderte Welt auch einen veränderten Begriff von Wirklichkeit braucht. Und er gibt ihr einen Rat für den Roman an dem sie schreibt: »Lassen Sie es doch zu einer Kollision von darstellender und dargestellter Person, erzählendem und erzähltem Ich kommen« (AI, 24) Und genau das macht sie dann auch: Aléa spaltet sich im weiteren Verlauf auf, in erzählende Person und erzählte Figur.

    Dieses Gespräch über Wirklichkeit zwischen Aléa Torik und Joseph Vogl stellt sich in der Mitte des Romans als frei erfunden heraus, also Teil ihres Romans, den sie mit einem Gespräch zwischen sich und ihrem Professor beginnen lässt. Und am Ende dieses Romans liegt sie auf dem Boden, erinnert sich an dieses Gespräch und kommt zu folgender Erkenntnis: „Ich denke mir die Dinge bereits aus, während ich sie erlebe. Ich erlebe sie, indem ich sie mir erzähle, indem ich sie in eine narrative Struktur bringe. Ich lege über alles, was meine Sinne aufnehmen, eine Schicht: die fiktive Version eines wie auch immer gearteten, unerkennbaren Wirklichen. Ich weiche in einer Erzählung ein wenig ab, auch wenn ich nicht weiß, wovon ich abweiche. Ich hatte bereits als Kind gelernt, dass man Dinge nicht erzählen kann, ohne sie zu verändern. Gibt es überhaupt einen klaren Trennstrich zwischen den zwei Welten? Oder verschiebt sich das, je nachdem, wer etwas mit welchen Intentionen betrachtet, und der eine tut als Fantasie ab, was der andere als Wirklichkeit abtut? Wer etwas darstellt, der erfindet es bereits, zumindest erfindet er seine Darstellbarkeit. Und darstellen muss man. Denn die Dinge sind, so wie sie wirklich sind, unaushaltbar. Weil sie einfach nur sind. Ohne jede andere Dimension, ohne subjektive Ebene“ (AI, 408).

    Ich bin keine Anhängerin des radikalen Konstruktivismus, auch wenn in seinen Positionen vieles steckt, was ich als zutreffend empfinde. Ich versuche lediglich für diesen Roman eine Wirklichkeit zu beschreiben, die sich tatsächlich ganz stark um den Begriff der Identität dreht. Der Professor Aléas – der über seine Rolle in diesem Roman informiert ist -, hat ein sehr interessantes Interview zum Thema Identität im 21. Jahrhundert gegeben, hier. Wer Aléas Ich gelesen hat, kann erkennen, inwieweit Aléa Positionen Vogls anspricht, etwa bei den Wolken; er sagt dort: ‚alles was geschieht oder was nicht geschieht, hat denselben ontologischen Wert‘. Möglicherweise ist Aléas Verhalten bei der durch die Halle fallenden Frau eine Reaktion auf das, was die Doktorandin bei ihrem Professor gelernt hat.

    Personelle Identität ist natürlich erst einmal eine körperliche und weil sie das ist, ist sie dann auch eine sexuelle. Indem wir uns als Junge oder Mädchen erfahren, identifizieren wir uns. Identität ist also ein Prozess. Wir identifizieren uns mit Bildern, die uns andere, die uns die Gesellschaft vorhalten. Das verläuft natürlich für jeden anders, der eine identifiziert sich mit einem Selbstbild, indem er Position an- und übernimmt, der andere, indem er sie ablehnt. Ich meine, dass der Aspekt der Konstruktion dabei kaum zu überschätzen ist. In einer Lebenswirklichkeit, in der unsere Erscheinung, unser Körper und unser Gesicht, eine Rolle spielt, wo wir also anwesend sind, sind wir deutlicher an diese Identität gebunden als etwa im Radio, wo die Stimme viel wichtiger wird, weil der Gesichtssinn ausfällt. Im Netz sind wir noch freier, da fallen nahezu alle Ebenen weg, aus denen sich unsere Wirklichkeit sonst zusammensetzt. Ob wir diese Freiheit schätzen oder nicht: wir nutzen sie. Ich will keinen universalen Identitätsbegriff propagieren. Ich glaube, dass das Netz eine andere Wirklichkeit hervorbringt, für die, die sich in ihm bewegen. Mehr nicht. Wer nicht ‚surft‘ muss sich um die vom und die im Netz geschlagenen Wellen auch keine Gedanken machen, er wird in dieser, in der realen Welt untergehen, nicht in der vituellen.

    ——

    2) Katja zu Identität- Figurencharakteristik: Kann man Ihren Roman so verstehen, dass hier eine Figur (Aléa Torik) als Figur über sich selbst als Figur in einem Roman und dessen Entstehung schreibt, die immer wieder reflektiert wird? Es wird sozusagen die Entstehung einer Fiktion vorgeführt und der Leser ist herausgefordert, sich über die Frage nach Identitäten klar zu werden.

    Aléa Torik: Es wird die Entstehung einer Fiktion vorgeführt: ja genau so! Zurecht betont die Rezension bei Literaturkritik.de – hier –, dass nicht etwa nach dem Ende der Ereignisse der Held geläutert zurückschaut und seine Entwicklung nachvollzieht; in diesem Roman sind das Ereignis und Beschreibung simultan. Simultaneität ist in der Postmoderne ein wichtiger Begriff, den ich hier nicht in seinen Einzelheiten beschreiben kann. Ich mache das bereits in dem Vorsatz des Textes deutlich, wenn ich den rumänischen Schriftseller Mircea Cărtărescu zitiere: »Der postmoderne Mensch glaubt an keine andere Wirklichkeit als die von ihm selbst erschaffene. […] Phantasie und ›Wirklichkeit‹ befinden sich auf ein und derselben Ebene und überschreiben einander unaufhörlich.«

    Der Leser hat ein Buch in der Hand – Aléas Ich – und darin wird eine Person namens Aléa Torik beschrieben, die Schriftstellerin ist und an ihrem zweiten Roman schreibt. Langsam erkennt er, dass er Aléa nicht nur zuschaut, wie dieser Roman entsteht – etwa indem ihn die Autorin über die  Ereignisse in dem Text informiert -, sondern das er mittendrin ist in diesen Ereignissen. Er erkennt, dass alles, was geschieht, bereits dieser Roman ist, den Aléa da schreibt. Der Leser sieht also dem Roman beim Entstehen zu, den er als fertigen in Händen hält. Das ist natürlich paradox: der Text muss ja abgeschlossen sein, wenn man das Buch kauft. Was scheinbar Rahmen war, ist tatsächlich das Bild. Über den Rahmen, die eigentliche Wirklichkeit in der das Bild entsteht, weiß der Leser nicht viel und er muss oder soll erkennen, dass er im Grunde gar nichts weiß. Über die Autorin, auch wenn die sich scheinbar selbst thematisiert, weiß der Leser nicht das Geringste.

    Auf der ersten Seite sieht er Aléa Torik, die in der Bibliothek sitzt und an ihrem Roman arbeitet und auf der letzten Seite sitzt sie da immer noch: alles dazwischen ist der Text, der, wenn er fertig ist, Aléas Ich heißen soll. Es gibt also sozusagen zwei Romane mit demselben Titel. Es gibt zwei Welten mit derselben Geschichte, aber die eine ist wirklich und die andere fiktiv. Wo die Grenzen, wo die Übergänge dieser beiden Welten liegen, wird nicht deutlich gemacht. Das kann und muss jeder selbst entscheiden. Vielmehr muss man es nicht entscheiden, man erkennt einfach, dass die beschriebene Welt Brüche hat. Und wenn der Mensch nicht völlig versessen ist auf Kontiguität und Kontinuität, dann wird er ebenfalls erkennen, dass die Welt in der er lebt, diese Brüche tatsächlich auch aufweist. Die Welt unserer Identität ist eben keine heile: mal sind wir Autor, Initiator oder Handelnder und mal müssen wir es einfach nur erleben, wir sind lediglich eine Figur in unserer eigenen Geschichte. Und weil wir diese Geschichte nur aus der Ich-Perspektive erleben können, sind wir dort notwendigerweise immer die Hauptfigur.

    Diese Konstruktion mutet dem Leser relativ viel zu, nämlich einen ungewöhnlich großen Interpretationsspielraum. Das schreckt manchen auch ab. So schrieb mir eine Leserin etwa: „Achtung das Lesen dieses Buches kann bei sensiblen Menschen zu Realitätsverlust, Wahnvorstellungen bis hin zur Digitalparanoia führen!“ Sie meinte das, wenn ich sie richtig verstanden habe, nicht als Kompliment, sondern als Warnung. Aber für mich war das ein dickes Lob. Ich habe das nicht von Anfang an beabsichtigt, aber als sie mir das schrieb, konnte ich erkennen, dass ich genau diesen Effekt jetzt will.

    ———-

    3) Katja zu Internet-Realität: Sehen Sie das Internet als eine Art zweite Realität oder führt hier die Annahme eines Realitätsbegriffes ins Leere? Ist es sozusagen eine erweiterte Realität unserer materiellen Welt, in der wir sein können, wer wir sind, ähnlich wie Figuren in einem Computerspiel, die wir steuern? Ist im Internet nicht jeder fiktiv und versuchen Sie das in ihrem Roman spielerisch darzustellen, vorzuführen, infrage zu stellen? Denn die Figuren in Ihrem Buch verschwimmen am Ende und es erschien mir beim Lesen so, als sei jede Äußerung der Figur und jeder Charakterzug wiederhol- und austauschbar, alles sei schon einmal so passiert und kann auch jedem passieren, so dass es keine wirkliche Individualität mehr gibt, sondern diese verschwimmt?

    Aléa Torik: Ich glaube nicht, dass es eine erste und eine zweite Wirklichkeit gibt, eine vor- und eine nachgeordnete Ebene. Ich meine, dass wir nur eine Wirklichkeit haben, in der sehr vieles Realität gewinnen kann.

    In sozialen Netzwerken inszenieren sich alle. Was im Netz ausfällt, die sinnliche Wahrnehmung aus der wir üblicherweise einen Großteil unsere Realität konstruieren, muss kompensiert werden. Wir müssen den Mangel an Sinnlichkeit wettmachen, indem wir, was wir sind, verdichten. Wir wollen im Netz nicht unbedingt schönere oder bessere Menschen sein, wir lügen nicht und führen andere nicht bewusst in die Irre. Wir inszenieren lediglich. Diese Inszenierung ist keine, die die eine oder die andere Seite übernimmt – im klassischen Kommunikationsdesign: Sender oder Empfänger -, sondern das ist eine Leistung die simultan von beiden Seiten erbracht wird. Statt Inszenierung könnte man auch Fiktionalisierung sagen: im Netz ist jeder fiktiv. Wir können wirklich uns selbst meinen, wenn wir ‚ich‘ sagen, aber für die anderen ist das eine Fiktion. Dennoch haben die Dinge im Netz natürlich eine Realität, die Dinge in Büchern haben ja auch Realität. Die virtuelle Realität allerdings hat noch eine andere Macht, die, wie viele imaginäre Dinge, sehr groß sein kann. Man könnte beinahe so weit gehen die Virtualität als Nachfolger der Fiktionalität zu verstehen.

    Das Netz als eine Welt „in der wir sein können, wer wir sind“? Nein, das können wir, mit einigen Einschränkungen, in dieser Welt. Im Netz können wir sein, wer wir nicht sind. Vielmehr können wir das nicht, wir sind es einfach. Wir müssen dort sein, wer wir nicht sind. Wir können noch so sehr behaupten, dass wir der- oder dieselbe sind, die wir in der Realität sind. Dass es eine Identität gibt eine Identität zwischen erzählendem und erzähltem Ich. Aber das ist nicht richtig, das ist eben die Fiktion. Und die virtuelle Welt ist keine ideale Welt, weil wir eben dort nicht die sein können, die wir sein wollen, sondern die sein müssen, die wir nicht sind.

    Ich versuche in Aléas Ich Realität und Virtualität, indem ich sie nicht gegenüberstelle, sondern miteinander verschmelze, zu beschreiben, teilweise auch zu verstehen, jedenfalls erfahrbar zu machen. Dass die Figuren in dem Roman verschwimmen, war nicht intendiert. Vielleicht ist das bei Ihrer Lektüre ein Produkt jenes Verschwimmens, das ich erreicht habe, indem ich die beiden Welten der Fiktion und der Realität nicht deutlich getrennt habe? Für mich haben alle Figuren eine sehr deutliche Individualität. Aber das sind die Rätsel der Sprache, und gleichzeitig seine enorme Poesie, dass man alles, was im Kleid der Worte daherkommt, mehr oder weniger festlich verstehen kann und für den einen ist schon schick, was für den anderen noch burschikos ist. Bewusst gewollt – wobei das beim Schreiben nur in Maßen möglich ist, etwas zu wollen: Texte haben einen eigenen Bewegungsdrang – war lediglich die Auflösung der Hauptfigur Aléa Torik, sie konfrontiert sich mit ihrer Flugangst, steigt ins Flugzeug und stützt dann auch ab, sie vermischt sich mit den Wolken und den Elementen, mit den Sonnenstrahlen. Und dennoch löst sie sich ja nicht ganz auf: Sie steht ja immerhin hier noch Rede und Antwort. Es löst sich also nur die Figur auf, nicht die echte Aléa Torik!

    ——

    4) Katja zu virtuelle Geburt und virtueller Tod: Wenn die virtuelle Realität eine erweiterte Realität unserer Wirklichkeit wäre, dann hätte es Konsequenzen, das eigene digitale Ich zu ermorden. Ebenso könnte man sagen, es ließe sich ein Charakter, eine Identität erschaffen oder gebären. Beeinflusst diese uns dann in der Wirklichkeit oder führen wir eine Art Parallelleben im Virtuellen? Können wir uns dessen überhaupt noch bewusst sein, da es ja auch „kein Außerhalb unseres Bewusstseins“ geben kann, wie Sie auch schreiben (S. 22)?

    Aléa Torik: Das geht mir zu weit! Stirbt das digitale Ich, stirbt nicht das reale. Geboren und gestorben wird vorläufig noch in dieser Welt. Aber einen Vorgeschmack auf dieses Sterben kann jeder bekommen, wenn er oder sie das Netz abschaltet. Nur für eine Woche, als Selbstversuch. Eine Woche kein Netz, keine Mails, keine SMS, kein mobiles Telefon und Bankauszüge am Kontodrucker. Man stirbt nicht daran, aber die Symptome, die man dabei zeigt, sind vermutlich bei vielen digital natives denen ähnlich, die in Entzugskliniken zu beobachten sind.

    Es gibt kein Außerhalb unseres Bewusstseins, ja das nehme ich an. Ich bin mir allerdings im Moment nicht sämtlicher Konsequenzen dieser Annahme bewusst. Sagen wir, es gibt kein Außerhalb, aber wir können Kenntnis davon bekommen: durch andere. Indem andere uns erzählen, was ihre Wirklichkeit und was ihr Bewusstsein ist.

    ——

    5) Katjas Feststellung: Nach dem Lesen von „Aleas Ich“ und der Beschäftigung mit Ihrem Blog kam mir der Gedanke, dass Sie mit Ihrem Buch/ Blog auf ein fundamentales Phänomen des Internets aufmerksam machen und dieses sozusagen für die Literatur, das Erzählen nutzen: Analog wie wir eine digitale Identität in Blogs oder Social-Media-Kanälen aufbauen und im Modus unseres „Ichs“, d.h., in einer gewissen Figurenrede agieren, so erschafft der Autor seine Fiktion, seine literarische Wirklichkeit. Würden Sie dem widersprechen oder sehen Sie es so, dass Sie das mit „Aléas Ich“ sozusagen direkt zeigen und dieses Phänomen nutzen und durchleben? Mir scheint, ohne moralische Anklage oder erkenntnistheoretisches Ziel, sondern aus einer rein künstlerischen Perspektive? Schafft das Netz damit ganz neue Möglichkeiten für Autoren und Künstler, mit Identitäten zu spielen und die Fiktion zu beobachten? Oder könnten jetzt Kritiker sagen, jeder, der im Virtuellen agiert, ist ja schon ein Künstler seiner Selbst, da er Identitäten erschafft? Wozu brauchen wir dann noch Literatur und Kunst als solche? Verschwimmt damit die Grenze zwischen bewusster Inszenierung oder einer Darstellung zum künstlerischen Aspekt nicht stark?

    Aléa Torik: Die Analogie, die Sie da beschreiben, trifft es genau. Wenn wir im Netz über uns reden, dann machen wir das im Modus der Figurenrede: aus der Ichperspektive. Wir selbst werden zu einer Figur. Das ist es, was ich sagen will, wenn ich davon spreche, dass wir nicht die sind, die wir sein wollen, sondern die, die wir sein müssen. Wir agieren wie Figuren. Wir sind für die anderen fiktiv, weil das Kommunikationsmodell nicht mehr einfach lautet: vom Sender zum Empfänger. Das ist es, was ich in meinem Blog getan, meinetwegen auch inszeniert habe und was im Roman beschrieben wird.

    Dieses unidirektionale Kommunikationsmodell ist in Blogs nicht mehr aktiv. Man mischt sich ein. Man versucht, Einfluss zu nehmen. Die ‚Erzählung‘ zu verändern. In einem Blog muss man sich, anders als in einem Buch, nicht nur mit der Rolle des Zuschauers begnügen, sondern man greift in die ‚Handlung‘ ein. Jeder Kommentar ist der Versuch, die ‚Ereignisse‘ den eigenen Absichten gemäß zu beeinflussen. Was passiert, was geschieht ist nicht einzig die Geschichte des Autors, sondern auch die der Kommentatoren In Bezug auf die Aléa Torik, auf die Figur im Netz, heißt das, dass dort nicht nur meine eigenen, sondern auch die Projektionen der anderen virulent werden. Sie erkennen, wenn sie mich erkennen, nicht meine Wirklichkeit, sondern ihre Wunschvorstellungen davon. Wer sich etwa echauffiert, ich hatte aus Marketinggründen gehandelt – weil jung , gutaussehend und blitzgescheit sich auf dem Buchmarkt gut verkaufen lässt -, der echauffiert sich über seine eigenen Projektionen, denn über meine Gründe das zu tun, wusste er ja gar nichts. In Zeiten des Netzes wird deutlicher als je zuvor: wir wissen beinahe nichts über den Autor.

    So wie wir uns alle im Netz fiktionalisieren – die faktische Person schafft eine sich selbst ähnliche Figur und nennt sie „Ich“ – arbeiten auch Schriftsteller. In den social media Aktivitäten belässt man es üblicherweise wohl bei der Erfindung dieser einen Figur gleichen Namens. Schriftsteller müssen da einen etwas größeren Figurenkosmos erarbeiten. Man spaltet sich auf in verschiedene Perspektiven, Lebensschicksale, Ideen, Ansichten. Schriftsteller dürfen das. Wenn sie zugeben, dass sie diese Dinge erfunden haben. Das tut man, indem man die Gattungsbezeichnung über den Text schreibt, also etwa „Roman“. Dennoch werden Autoren immer wieder gefragt, ob sie, was sie in ihren Texten beschreiben, tatsächlich auch erlebt haben. Der Leser will nämlich, dass man das Erfundene legitimiert, indem man es als echt, als wirklich erlebt herausstellt. Im Modus des ‚falschen‘ unterstellt man, dass nur das Authentische ‚echt‘ ist.

    Ich wollte diese Weise, wie der Begriff Identität sich durch das Netz verändert und wie wir uns dabei verändern, darstellen. Eines aber will ich definitiv nicht, eine moralische Bewertung. Die läge vollständig außerhalb meiner Kompetenzen. Ich klage niemanden an, weil er sich im Netz so verhält. Klage ist eine literarische Gattung, die mich nicht interessiert. Ich klage nicht an und ich will auch nicht verklagt werden. Wie mich die Moral nicht interessiert, interessiert mich auch die Erkenntnistheorie nicht, weil es einfach nicht meine Aufgabe ist. Meine Aufgabe ist ein literarischer Text. Mich interessiert nur die künstlerische Aufgabe. Ich will die Verbrechen begehen. Aufklären müssen sie andere. Und, mit Verlaub, ich zweifele daran, dass die Moral zur Klärung beitragen kann. Da ist weit eher die Philosophie gefragt.

    Es hat einen kleinen Skandal gegeben. Jedenfalls waren da ein paar Leute, die meinten, einen Skandal machen zu können. Dabei muss man sich fragen: wer macht den Skandal und wem nützt er? Der Skandal nämlich, dass Aléa Torik nicht identisch mit sich ist. Nicht nur im Buch nicht, sondern auch im Netz nicht. Sie ist eine fiktive Figur. Frei erfunden. Wenn man in meinem Blog einen Text liest, passiv rezipiert, oder einen Kommentar abgibt, sich aktiv einmischt, dann erreicht man nicht die authentische Autorin. Aber wo steht, in welcher Netiquette, dass man – sei es in der U-Bahn oder sei es im Netz – mit sich identisch sein müsste? Nirgends. Hintergeht man die Menschen, die potentiellen Kommentatoren eines Blogs, wenn man nicht der oder die ist, die man zu sein vorgibt? Oder hintergeht man die Menschen, wenn man ihnen vorspielt, dass man der ist, als der man sich darstellt? Die erste Frage ist einfach zu beantworten, man nimmt das Schatzkästchen der allgemein greifbaren Moral als Richtschnur. Die zweite Frage ist sehr viel schwieriger zu beantworten, weil man dann nicht einen anderen in Frage stellen muss, sondern sich selbst. Weil man sich selbst zur Verantwortung ziehen, seine eigenen Strategien erwägen und möglicherweise feststellen muss, dass man es sich zu leicht macht.

    Was ich mit Bog und Roman gemacht habe, ist eine Ausweitung der literarischen Kampfzone. Ich mache, was alle im Netz machen, für die Literatur. Ich übertreibe dabei, zugeben, ich übertreibe maßlos, ich ändere Alter, Geschlecht und Herkunft meiner Figur. Und ich übertreibe noch weiter, indem ich auch jetzt noch behaupte, diese Figur zu sein. Ich behaupte das nicht, weil ich schizophren bin, sondern weil ich diese Figur bin. Weil wir hier im Netz sind. So wie es mein authentisches Ich im Netz nicht gibt, so gibt es in der realen Welt keine Aléa Torik. Aber diese rein reale Welt interessiert mich nicht.

    Ich mache einfach nur, was technisch möglich ist. Ich nutze die modernen Medien, um Literatur zu schreiben. In meinem Verständnis gibt es überhaupt keinen Skandal, weil es nur einen Roman gibt, den eine junge Frau aus Rumänien schreibt, in dem sie sich als ihre eigene Hauptfigur herausstellt: sie ist einfach nur das, was Figuren in Romanen nun einmal sind: erfunden. Aber in dieser Erfindung stellt sich langsam heraus, dass da wirkliche Personen vorkommen, ein echter Clemens Setz. Aber ist das wirklich Clemens Setz? „Ich lernte Clemens Setz kennen. Er hatte, wie ich auch, am Blog zu »Unendlicher Spaß« teilgenommen und war für eine Lesung in Berlin. Ich holte ihn vom Hotel ab und wir gingen ins Literaturhaus in die Fasanenstraße. Er war kurzsichtig und ich musste immer ganz nah an ihn herangehen, ich musste ihm die Speisekarte vorlesen, weil er nichts erkennen konnte. Er konnte nicht erkennen, wie aus den dürren Worten auf der Karte die reichhaltigen Gerichte auf dem Teller werden sollten. Oder seine Kurzsichtigkeit war ein Trick, um möglichst nahe an die Leute heranzukommen. Er saß mir gegenüber in einem schwarzen Sakko und einem bunten Rollkragenpullover darunter, das alles war viel zu groß für ihn und passte auch nicht zusammen. Mir gefallen solche Männer, die das nicht bemerken, weil sie in Gedanken ganz woanders sind. Ich mag dieses betont Männliche nicht, das auf mich geradezu lächerlich wirkt. Als würden Frauen grundsätzlich an der Männlichkeit der Männer zweifeln. Clemens war nicht überaus schick gekleidet, aber er war, wie man lesen konnte, überaus begabt. Womöglich simulierte er das lediglich. Er simulierte den astigmatischen Hochbegabten und wie alle Simulanten und Hochstapler musste er sein Geschäft weit besser beherrschen, als wenn er tatsächlich begabt oder astigmatisch gewesen wäre. Er schien ein bisschen durcheinander, was sicher ebenfalls nur eine Simulation war. Vielleicht war das gar nicht Clemens Setz. Das war nur irgendein Clemens. Ich war einfach in das Hotel gegangen, das er mir per Mail genannt hatte, und war dann mit dem herausgekommen, der sich mir gegenüber als Clemens zu erkennen gegeben hatte.“ (AI, 238)

    So ist das in der Literatur: da zeigt sich das, was man so schön abtun konnte als lediglich ‚erfunden‘ plötzlich in seiner ganzen Radikalität: das Erfundene hat eine Realität. Und die ist vielleicht größer als die der ‚echten‘ Realität. Wenn ich als Leser mit so einer Konstruktion wie in Aléas Ich konfrontiert werde, dann muss ich mir irgendwann Gedanken machen, was die Bedingungen von fact and fiction sind. Ich habe mir jedenfalls Gedanken gemacht und festgestellt, dass ich für mich in den wenigsten Fällen klar differenzieren kann, sondern dass ich nahezu immer diese beiden Welten vermische. Und darüber habe ich einen Roman geschrieben. Allerdings habe ich nicht vorher überlegt und dann geschrieben, sondern das geschieht bei mir simultan.

    In dem verlinkten Interview spricht Joseph Vogl von Jose Luis Borges, von einer Erzählhaltung, die die verschiedensten auch widersprüchlichsten Ereignisse in einen Augenblick packt: wir sind Täter, aber gleichzeitig auch die Opfer; wir sind existent, aber vielleicht auch inexistent. Wir existieren vielleicht noch nicht, aber vielleicht auch nicht mehr. Das beschreibt auf eine treffende Weise, was Aléa Torik bedeutet: ein paradoxer Zustand, der sich bewegt.

    Zum Schluss, allerdings nur noch ganz verkürzt: Ihre letzten Fragen sind sehr interessant. Ich glaube – ich unterstelle – dass es in der Kunst, außerhalb des Inszenierung, außerhalb des Artefakts, einen ganz wesentlichen Aspekt gibt, um derentwillen die Kunst gemacht ist: das Genießen. Im Genuss sind wir ganz bei uns selbst. Deswegen mögen manche Menschen Kunst nicht. Vielleicht sind das die, die mit sich identisch sind.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    23 Januar 2014

    Interview mit Aléa Torik. In dem es ums Netz geht. Um jenes Netz, von dem Sascha Lobo meint, es sei „kaputt“ und Evgeny Morozov ihm empfiehlt, sich beim Nachdenken darüber mal ein bisschen mehr anzustrengen

    Die Artikel von Lobo und Morozov finden Sie irgendwo im kaputten Netz, das Interview mit mir, – eingeleitet mit diesen Worten: „Ich bemerkte wie sehr Blog und Roman zusammengehören und verlor mich in der Sprache, der Konstruktion, den Figuren, Aléas Gedanken und Erleben, ihren Reflektionen über ihr Leben, das Schreiben ihrer Doktorarbeit d.h. ihres Romans und verlor mich und verlor mich und verlor mich … Ich bin sehr beeindruckt von der literarischen Qualität dieses Textes, der nicht einfach nur eine Geschichte erzählt, sondern kritische und wichtige Fragen an die Gesellschaft stellt und den Leser radikal mit der Fiktionalität und Konstruktion konfrontiert, ja ihn fordert. Es bleibt das Gefühl hier etwas ganz Großartiges gelesen zu haben“ – findet sich hier.

    ————

    Und die Co-Autorin von aboutsomething, die Aléas Ich ebenfalls gelesen hat, ergänzt diese Einschätzung um folgende Worte: „eine ganz bemerkenswerte und herausragende Lektüre“ – „‘Aléas Ich‘ ist ein Buch, das sich in mir festgehakt hat und nun ständig in meinen Gedanken kreist, um mich irgendwie zu beeinflussen. Gruselig – und ein ganz einmaliges Erlebnis.“ – „Ganz ganz großartig. Das ist ein Roman, von dem ich wirklich behaupten kann, er habe mich verändert, weil er auf die Grundfrage abzielt: Wer bin ich?“

    Das sind natürlich die Idealleser, die nicht nur von einem Text begeistert sind, sondern so begeistert sind, dass sie ihre eigene Wirklichkeit auf das in dem Text Beschriebene überprüfen. Das sind die Leser_innen, die der Autor und die Autorin sich wünschen.

    ————-

    Bersarin verweist im Zusammenhang mit diesem Interview auf einige Punkte:

    „Diese Aspekte sind für manche/n, die auf eine konventionelle bzw. konservative Weise mit Literatur sich befassen, nur schwer vermittelbar: Daß nämlich empirisches Ich, erzählendes Ich, Autor, erzähltes Ich, Textfiguren nicht verschiedenerlei sein müssen und durch soziale Konvention getrennt, sondern einem bedingenden Diskurs unterliegen, der ein literarisches Feld erst anordnet und so etwas wie den Begriff des bürgerlichen Romans samt seinen Hierarchien und Figurenanordnungen, seinen Perspektiven und Wirklichkeitsweisen erst möglich macht; daß dieses Spiel der Identitäten, Personen, Figuren zuweilen die Grenze zur Realität überschreitet“

    Mit der Übersicht des Kritikers ausgestattet, zeigt er einen Zusammenhang mit Kafka auf, der mir natürlich entgangen wäre – “solche Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben” : „Diese Transgression der Literatur hin zum hyperbolischen, taumelnden Text mag für manche, die in den Finessen der Literatur, der Fiktionalisierungen und Maskeraden nur halb zu Hause sind, beunruhigen: Ja und diese Unruhe ist genau das, was sich ein Text, wenn er denn begehren könnte, wünscht, weil gelungene Literatur nun einmal – auch im Freudschen Sinne – viel mit dem Unheimlichen und sogar mit dem Ungeheuerlichen zu schaffen hat.“

    „Vor allem aber kommt in diesem Interview der Umstand zur Sprache, daß unter den Bedingungen eines postkonventionellen Erzählens im Rahmen eines Hyper-Realismus ein Roman verdeckt oder offen immer nach dem Grund von Autorinnenschaft bzw. von Autorenschaft fragt. Freilich ist es in der Literatur nicht neu, daß eine Romanfigur ihrem Schöpfer gegenübersteht. Doch in dem Roman Aléas Ich geschieht dies auf eine Weise, wie es so bisher in der Literatur nicht vorkam. Der Schöpfer, die Schöpferin selbst sind als Instanz fragwürdig geworden und das heißt: in Frage gestellt. Politik der Identität: Was heißt es, eine Autorin, ein Autor zu sein?“ Hier.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    18 Januar 2014

    Glück

    „Die Stimmung war ruhig und gelöst. Die meisten sahen entspannt, manche sogar glücklich aus. Womöglich verstellten sie sich ein wenig. Man verstellt sich bereits, wenn man seine Wohnung verlässt. Man setzt ein anderes Gesicht auf. Glück und Unglück ziehen einander bekanntlich an und so versucht man, ein wenig glücklicher auszusehen, als man tatsächlich ist, um das große Glück anzuziehen oder das Unglück abzuwehren. So ähnlich erging es mir auch. Ich war vor einer Woche mit der Arbeit am Roman fertig geworden und fühlte neben Erschöpfung und Stolz vor allem den Wunsch nach Glück. Also ging auch ich ein wenig glücklicher aus dem Haus, als ich wirklich war: um das Glück herauszufordern. Unglückliche Menschen haben nie Glück. Das Glück geht an ihnen vorüber und sie erkennen nicht, dass sie es hätten ergreifen müssen, dass das Glück nur darauf wartet, ergriffen zu werden. Sie erkennen lediglich, dass es wieder einmal an ihnen vorübergegangen ist. Diese Erkenntnis ist der unwandelbare Kern allen Unglücks.“ So steht’s in Aléas Ich, hier.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    16 Januar 2014

    „Aléas Ich“ bei aboutsomething

    Wow. Vom erzählerischen Konzept, der Idee, der Sprache und dem Aufbau das interessanteste Buch des Jahres und überhaupt der letzten Zeit.Hier.  Da kommt auch noch mehr. Demnächst.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    15 Januar 2014

    Aléa Torik – moartea prematură a „noii HERTA” între pseudonim și așteptare

    Das ist nicht etwa meine Einschätzung, sondern das steht hier. Und da stehen noch andere feine Dinge über mich. Die stehen da nicht direkt, sondern in übertragenem Sinne. Das Rumänische ist eine sehr sinnliche und melodiöse Sprache -  viele schöne Worte mit nahezu unbegrenzten Kombinationsmöglichkeiten – mitunter allerdings auch etwas weitschweifig und weist grade dann die eine oder andere Eigentümlichkeit auf. So etwa, wenn einer nicht genau das sagt, was ein anderer hören will: Dann muss man interpretatorisch etwas nachhelfen und dem anderen die Worte unterstellen, die man selbst in dieser Situation nutzen würde und die Absichten, die man hätte. Und wie das mit vielen Dingen im Leben so ist, kann man diesen Umstand gutheißen oder verdammen.

    Man muss allerdings nicht mit allen Feinheiten des Rumänischen – dieser märchenhaften Sprache, die man hinter den sieben Bergen mit den sieben Zwergen spricht – vertraut sein, um zu erkennen, dass einer meiner alten Schulfreunde recht hat, als er sagte, was ich ihn in Aléas Ich sagen lasse: „Auch wenn er wiederholt das Gegenteil behauptete und betonte, wie schlecht hier alles sei, die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft, hörte ich vor allem heraus, wie sehr er das Land und die Leute hier vermisste und vor allem die Sprache. Keine Sprache, sagte er, sei wie das Rumänische. Als kenne er sie, als habe er sie alle ausprobiert, als habe er sie mit Mund und Zähnen und Zunge befühlt und wisse genau, dass sie alle miteinander nichts taugten, eine unübersichtliche Menge Vokabeln, die sich nie und nimmer zu einem lebendigen Gefüge erwecken ließen.“ (AI, 157)

    Auf einer ersten Ebene scheint genau dies das Schöne beim Schreiben, dass alle sagen, was der Autor sie sagen lässt. Bei genauerer Betrachtung allerdings ist es gerade umgekehrt: die Figuren eines Romans legen dem Autor die Worte in den Mund. Das Lebendige an der Sprache ist ja gerade, dass sie selbst spricht und der vermeintliche Arrangeur bloß, wie an Fäden hängend, die Lippen bewegt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    18 Dezember 2013

    „Achtung das Lesen dieses Buches kann bei sensiblen Menschen zu Realitätsverlust, Wahnvorstellungen bis hin zur Digitalparanoia führen!“

    Es war nicht als Kompliment gemeint, aber ich kann es beim besten Willen nicht anders verstehen. Frau Wunder schrieb mir, dass sie sich nach der Lektüre meines ersten Romans Das Geräusch des Werdens, den sie mit Genuss las – „Eine fantasievolle, ausufernde Geschichte mit wundervollem Zauber und vielen witzigen Ideen“ – über Aléas Ich geärgert habe. In einem ersten Kommentar (zu dem vorhergehenden Artikel hier) heißt es: „Ihrem zweiten Buch hab ich mit Spannung entgegengefiebert und es noch zwei Tage vor offiziellem Verkaufsstart erworben. Allein an diesem Buch wäre ich fast verzweifelt und es hat mich schier in den Wahnsinn getrieben. … Ihr zweites Buch hat mich so sehr betroffen oder betroffen gemacht, dass es nicht zum aushalten war.“ Diese Einschätzung krönte sie dann mit dem Vorschlag, den Text mit folgendem Warnhinweis auszustatten: “Achtung das Lesen dieses Buches kann bei sensiblen Menschen zu Realitätsverlust, Wahnvorstellungen bis hin zur Digitalparanoia führen!”

    Im zweiten Kommentar wird’s noch doller: „Ich hätte das Buch nicht schreiben können … Nein es ist viel schlimmer, ich habe es durchlebt. „Aleas Ich“ jeden einzelnen Satz, na gut fast jeden und lange vorm Erscheinen des Buches. Klingt wahnhaft, fühlt sich auch so an… Allerdings mit ein bisschen Abstand betrachtet, ist es gar nicht mehr mein Wahn sondern der Zeitgeist. Identität, die Suche danach, Anerkennung Wertschätzung, seinen Platz finden in Zwischenzimmern und Zwischennetzen genau so wie im RealLife. Es ist da draußen eine große Orientierungslosigkeit und ein Auseinanderfallen. Und das ganze auch noch potenziert in Digital. Es kann ganz leicht geschehen das sich die Ebenen vermischen und man nicht mehr weiß, wer man noch gestern war. Dies alles hab ich in “ Aleas Ich“ wieder entdeckt. Es hat mich angelacht wie ein paar grüne italienische Designerstiefeln, passgenau und maßgeschneidert.“

    Und im dritten Kommentar heißt es: „Ich deutete es ja schon an; es war ein wiedererkennen im Text. Ein Spiegeln, ein Zurückwerfen auf Erlebtes, Erdachtes, auf eigene Befindlichkeiten. Ihr Text las sich, wie die Zusammenfassung und Verdichtung eigener gesammelter, krauser verwirrender Erfahrungen der letzten Jahre, der letzten Zeit. Lese und Denkerfahrungen, Leserichtungen und Kommunikationshaltungen. Die Leseerfahrung ihres zweiten Buches war für mich sehr erschreckend, weil sie so genau und nah dran war an der Selbsterfahrung. … Mir scheint, als hat Ihr Buch eine Strömung im Zeitgeist getroffen und somit auch mich. Und wie das so ist, mit den unliebsamen “Wahrheiten” oder den unbewussten Strömungen, sie regen auf, sie regen an, sie erregen die Gemüter. So wie das eben immer ist, wenn es ans Eingemachte geht.“

    Ich kann mir nicht helfen, aber ich finde das sind doch ausgesprochen schöne Komplimente für einen Autor. Genau das, was Frau Wunder mit ihren Worten beschreibt, habe ich darstellen wollen.

    Weitere Einschätzungen dieses Romans finden sich hier.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    29 Oktober 2013

    „Aléas Ich“ – in LITLOG

    „Es ist eine berechtigte Kritik an metafiktionalen Texten mit allerlei Querverweisen und Selbstbezüglichkeiten, dass sie zwar ein großer Spaß für LiteraturwissenschaftlerInnen mit einer Neigung zur Postmoderne sind, für die meisten anderen LeserInnen aber oft schlichtweg eine nervenzehrende Lektüre mit einem Lesevergnügen, das gegen Null tendiert. Nicht so aber Aléas Ich – jenseits aller Metaebenen ist dieses Buch ein zugänglicher, rührender, aber vor allem urkomischer Text über eine Kindheit in Rumänien, das Leben in Berlin, das Erwachsenwerden, die Liebe und das Internet.“
    Hier.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    14 September 2013

    Es ist nicht leicht die Herrschaft aufzugeben, die ich nicht hatte

    Wobei, aber das fällt mir wirklich erst jetzt auf, es wirklich ein Problem gibt, wenn ich die Rezensionen meiner Romane kommentiere, wenn ich, etwa zu Frau Frank sage: Sie haben’s kapiert. Dann eigne ich mir tatsächlich auch eine Deutungshoheit an, was ich ja gerade nicht will, ich hatte das bereits bei Bersarin dargelegt. Jemand anderem ein bestimmtes Verständnis zuzugestehen, setzt ja voraus, dass man es selbst auch hat.

    Ich will mit solchen Kommentaren zu den Rezensionen kein abweichendes Verständnis unterdrücken, könnte ich ja auch gar nicht, sondern meine Zustimmung zu dem ausdrücken, was ich auch verstanden habe. Darüber hinaus kann es natürlich ein partial oder sogar total anderes Verständnis geben. Ich bin eigentlich für alles offen. Es muss nur begründet sein. Rein beleidigende Kommentare oder Kommentare, die sich scheinbar auf meinen Text beziehen, aber in beleidigender Absicht abgegeben werden, die habe ich hier, vor und nach dem sogenannten Outing, unterdrückt und gelöscht. (Naja, manche habe ich auch durchgelassen, weil es auch manchmal Spaß macht, anderen was auf den Kopf zu hauen. Aber der Spaß ich schnell dahin, wenn man feststellen muss, dass der andere nicht einmal begreift, dass er was auf den Kopf bekommen hat). Solche Sachen werde ich auch weiterhin löschen. Aber hier waren ja über mehr als drei Jahre 99 % aller Kommentare ausgezeichnet, auch wenn das inzwischen nahezu völlig verstummt ist.

    Zurück zum Thema: Ich will hier nicht die Herrschaft über meinen Text – obwohl ich immerhin einmal die Königin der neuen deutschen Literatur war. Diese Herrschaft hatte ich während der Herstellung. Obwohl ich da eher beherrscht wurde: „Kein Subjekt verfügt so über die Sprache, dass es sie lediglich in einen Text umzusetzen brauchte, um diesen als nachträgliches Produkt seiner Kunstanstrengung ausweisen zu können“, Johanna Bossinade, Poststrukturalistische Literaturtheorie, Metzler, Stuttgart 2000, Seite 137. Und dennoch: die Herrschaft, die man nicht hatte, ist noch schwerer abzugeben als die, die man hat. Was für alle anderen gilt, gilt auch für mich: Ein wenig Eigennutz ist, wie man sich auch verhält, fast immer dabei.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    10 September 2013

    „Aléas Ich“ – und ein wenig auch „Das Geräusch des Werdens“ – : bei Literaturkritik.de

    Ich war schon, das hat man hoffentlich gemerkt, mit der Rezension in der Zeit ausgesprochen glücklich. Und jetzt bin ich noch ein klein wenig glücklicher. Ums vorab klar zu sagen, es ist nicht die Aufgabe des Rezensenten, den Autor glücklich zu machen, sondern es ist seine Aufgabe, den Text zu verstehen. Blödsinn! Den Text in Worte zu fassen. Und mit solchen Worten kann ein Autor und eine Autorin mehr oder weniger glücklich und auch sehr unglücklich sein. Und ich bin jetzt eben mehr glücklich. Hier gehts um mein Leben nach literarischen Gesichtspunkten.

    - „Vor allem aber schildert der Roman sein eigenes Entstehen: Im Gegensatz zu den großen schriftstellerischen Initiationsgeschichten der Weltliteratur, in denen der Erzähler am Ende des Textes in der Lage ist, diesen niederzuschreiben – man denke etwa an Marcel Proust – ist in „Aléas Ich“ Erleben und Erzählen jedoch als eine Bewegung konzipiert.“ – Yeah!

    - „Aufgrund ihrer Leerstellen werden literarische Texte als Architektur imaginiert, die gleichfalls Hohlräume entwirft.“ – Ja, genau das ist die Idee!

    - Marc Foster’s „Stranger than Fiction“: Kenne ich nicht, was ich kenne ist: “The purle rose of Cairo” von Woody Allen und Niebla – Nebel von Miguel de Unamuno, hier.

    - „Dabei handelt es sich jedoch nicht um jene Metalepsen, die in vielen postmodernen Texten die Grenze zwischen Textwelt und Erzählung durch die Überschreitung gerade zementieren; vielmehr überlagern sich beide Ebenen und verschmelzen zu einer einzigen. In dieser Simultanbewegung von erzählendem und erlebendem Ich entsteht die Welt durch Schreiben.“ – Endlich weiß mal jemand, was eine Metalepse ist und wie zentral die in der metafiktionalen Literatur ist.

    - „Ich musste im Winter immer eine Mütze tragen, weil meine Mutter befürchtete, dass ich mich erkälten könne. Die Mütze half offenbar dagegen.“ – „Vielleicht nicht gegen meine Erkältung, aber zumindest half sie gegen die Befürchtung meiner Mutter. Möglicherweise half sie auch gegen einiges andere, das mir das Leben noch zumuten würde, und es konnte nicht schaden, sich deswegen mit Mützen zu bevorraten.“

    - Und ein Geschenk geradezu ist der letzte Satz der Rezension. Damit zeigt die Rezensentin ganz deutlich, worum es geht: der Autor ist eine Funktion seines Textes. Und das muss er aushalten können.

    - „Die fiktive Autoridentität ist zentral, denn sie vollendet die Idee der Identitätskonstruktion durch Fiktion; der reale Roman wird zur deutlichsten Manifestation seiner selbst, indem Textwelt und Romantext ineinander greifen.“ – Das ist es, worauf ich anspielte, als ich sagte, dass ich die Postmoderne Literatur in einem wesentlichen Punkt überschreite. Es geht bei der Autorenfiktion nicht um Betrug, oder, noch dämlicher, um einen Marketing-Gag, wie das so mancher Depp – Depp, nicht dass das falsch verstanden wird, meine ich hier nicht etwa pejorativ, sondern genauso wie ich es gesagt habe mit einem D, einem E und  zwei P – unterstellt hat. Das war teilweise in meinen Kommentaren, aber vor allem anderswo, möglichst aus dem Hinterhalt. Zwei, drei Leute, die mir um jeden Preis schaden wollten -  die teilweise nicht einmal den Roman kannten, keinen einzigen meiner Texte. Die mir schaden wollten, weil sie die Größe des Wurfs, der hier unternommen wurde, auf die Gefahr hin, dass er scheitert, dass er missverstanden wird, gar nicht verstehen wollten. Ein Wurf, der auch auf die Gefahr hin unternommen wurde, dass Frau Schaschek oder Frau Frank oder jemand anderes daher kommt und das alles über den Löffel balbiert und sagt:  Scheiße! Was hier passiert ist, haben eine Handvoll Leser verstanden. Vor allem scheinen es Literaturwissenschaftler zu verstehen. Leute, die für den Tagesspiegel arbeiten, für die ZEIT oder bei Literaturkritik. Und Bersarin und Herbst.

    - Ähem: Hallo Frau Frank, ich weiß, dass man sich als Autor_in nicht in die Rezeption einklinken soll, dass man nicht zeigen soll, dass man versteht, was man geschrieben hat, weil sich das Autorenhirn ja auch leicht überanstrengt und mit komplexen Zusammenhängen nur schlecht zurechtkommt; ich weiß, dass schon das Kommentieren von Rezensionen in meinem Blog hier als kleine Entgleisung wahrgenommen wird: Schon gar nicht darf man sich an die Rezensentin wenden, aber Sie gestatten das bitte– ich meine das ohne jeden ironischen Unterton! – Sie haben‘s kapiert! Daran kann man erkennen, dass wir Literaturwissenschaftler_innen gut ausgebildet sind. Und, das kann man nicht direkt erkennen, da muss man ein wenig Phantasie haben, dass die Literaturwissenschaft die Leitwissenschaft des 21. Jahrhunderts wird. Naja, das ist vielleicht ein bisschen überzogen.

    Ein wunderbarer Lacher noch am Ende, der genau meinen Humor trifft – auf den Kopf!: – wenn man sich die weitergehenden Informationen zu dem Buch anzeigen lässt, kommt der Text: Zur Zeit sind hier keine Informationen über den Autor vorhanden. Hehe!

    So: jetzt mal zu den wichtigen Dingen in der Welt: Fußball. Wo ist eigentlich die Rumänische Nationalmannschaft abgeblieben? Die wird doch nicht etwa aus dem Turnier gekickt worden sein? Nicht von den Deutschen, oder? Ich bin stinksauer!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    22 August 2013

    „Aléas Ich“ – Nicht in der, sondern in DIE ZEIT

    „Wie viel muss man über eine Autorin wissen, bevor man ihr Werk in den Himmel lobt? Muss man beispielsweise, um Aléas Ich, den zweiten Roman von Aléa Torik, für absolut großartig zu halten, wissen, dass es sich bei der Autorin … ? […] Alles ist Fiktion an diesem Text, doch die größte ist die Autorin selbst“

    Schön, dass die Besprechung nicht nur meinen Roman in den Himmel lobt, was sie ja tatsächlich tut, sondern auch auf den Fetisch „Autor“ zu sprechen kommt. Das ist es, was den Markt und den Literaturbetrieb mitunter mehr interessiert als der Text. Mein Gott, wer liest heute noch Bücher, wo es so schöne Retina Displays und so famose Apps gibt? Dass der Autor wirklich der Autor ist, ist Unsinn. Es ist des Autors Fiktion oder die des Marktes. Wenn Clemens Meyer, der in der Zeitung den Platz über mir einnimmt, schreibt „Gebumst wird immer“, dann denken sich Leser und Literaturbetrieb unisono: Mensch der Meyer, der hat‘s gut, der bumst schon wieder! Dass der Meyer das nur hat schreiben können, weil er wieder mal nichts dergleichen getan hat, vergisst man dann. Und dass die meisten Frauen, wenn der Meyer wieder angeschissen kommt und bumsen will, abwinken, weil sie denken: jeder andere Hallodri, aber nicht schon wieder der Meyer: Das vergisst der Meyer nach der hundertsten Abfuhr wahrscheinlich auch ganz gerne. Und dann schreibt er so einen Satz dahin, mit dem er in die Zeitung kommt und kaum einer erkennt hinterher noch den wahren Sachverhalt, dass nämlich nicht immer gebumst wird, sondern meistens gearbeitet, geflucht oder geflennt. Natürlich fiktionalisieren (sich) die Autoren immer, der Meyer nicht anders als die Müller, die – Felicitări! – gerade sechzig wird, oder das nur behauptet, weil sie einen dicken Blumenstrauß haben will. Oder die Torik, die es faustdick hinter ihren, das allerdings muss auch der schärfste Kritiker zugestehen, wunderschönen Ohren hat. Schöne Ohrläppchen gehören bei Rumäninnen zur Standardausrüstung. Irgendwie muss man dem Leben und seinen Zumutungen ja gegenübertreten.

    Im Folgenden ein Auszug aus Aléas Ich. Der Clemens von dem da die Rede ist, ist nicht Clemens Meyer, den ich gar nicht kenne – nicht, dass da irgendwelche Gerüchte entstehen! -, sondern Clemens Setz.

    »Ich lernte Clemens Setz kennen. Er hatte, wie ich auch, am Blog zu »Unendlicher Spaß« teilgenommen und war für eine Lesung in Berlin. Ich holte ihn vom Hotel ab und wir gingen ins Literaturhaus in die Fasanenstraße. Er war kurzsichtig und ich musste immer ganz nah an ihn herangehen, ich musste ihm die Speisekarte vorlesen, weil er nichts erkennen konnte. Er konnte nicht erkennen, wie aus den dürren Worten auf der Karte die reichhaltigen Gerichte auf dem Teller werden sollten. Oder seine Kurzsichtigkeit war ein Trick, um möglichst nahe an die Leute heranzukommen. Er saß mir gegenüber in einem schwarzen Sakko und einem bunten Rollkragenpullover darunter, das alles war viel zu groß für ihn und passte auch nicht zusammen. Mir gefallen solche Männer, die das nicht bemerken, weil sie in Gedanken ganz woanders sind. Ich mag dieses betont Männliche nicht, das auf mich geradezu lächerlich wirkt. Als würden Frauen grundsätzlich an der Männlichkeit der Männer zweifeln. Clemens war nicht überaus schick gekleidet, aber er war, wie man lesen konnte, überaus begabt. Womöglich simulierte er das lediglich. Er simulierte den astigmatischen Hochbegabten und wie alle Simulanten und Hochstapler musste er sein Geschäft weit besser beherrschen, als wenn er tatsächlich begabt oder astigmatisch gewesen wäre. Er schien ein bisschen durcheinander, was sicher ebenfalls nur eine Simulation war. Vielleicht war das gar nicht Clemens Setz. Das war nur irgendein Clemens. Ich war einfach in das Hotel gegangen, das er mir per Mail genannt hatte, und war dann mit dem herausgekommen, der sich mir gegenüber als Clemens zu erkennen gegeben hatte.
    Einmal klingelte, als wir beim Essen waren, sein Telefon und Clemens’ Freundin Clementine war dran mit der blöden Ausrede, dass ein Brief angeblich nicht angekommen sei. Woher, fragte ich mich, wusste sie das, wenn er nicht angekommen war? Clemens fragte sich das offenbar auch und legte wieder auf. Wir sprachen über Literatur und er erzählte mir später von einer wilden Fahrt durch New York, die er mit einem Mann namens Blixa Bargeld gemacht hatte, für eine Stunde oder ein Jahr. Ich glaubte ihm kein Wort. Abends begleitete ich ihn zu seiner Lesung. Zum Abschied haben wir uns umarmt. Wir standen da ungefähr eine halbe Stunde, einander innig umarmend, sehr zur Verwunderung der anderen.
    Danach habe ich nichts mehr von ihm gehört. Vielleicht hat er das Schreiben an den Nagel gehängt und sich auf das professionelle Umarmen verlegt. Ich habe ihn auch nicht mehr angerufen. Manchmal klingelte mein Telefon. Ich ging nicht ran, weil ich annahm, dass es gar nicht meins war oder dass es der war, der sich als Clemens ausgab, der aussah wie er, mit seiner Freundin zusammenlebte, Lesungen machte, in Hotels Frauen kennenlernte und den echten, ursprünglichen, wahrscheinlich sehr scharfsichtigen, aber völlig unbegabten Clemens auf eine hinterhältige Weise aus dem Weggeräumt hatte. Dieser falsche Clemens war ein bekannter Autor. Obwohl mich das eigentlich nicht beeindruckt. Jemand ist ja nicht durch sich und seine Taten berühmt, sondern durch die anderen, die diese Taten loben. Unbemerkt sind auch die größten Taten verschwindend gering. Durch das Lob aber verändern sie sich, sie hören auf, die des Gelobten zu sein, und gehen in den Besitz des Lobenden über. So haben beide etwas davon. Auch wenn der Berühmte es aufgrund seiner eigenen Leistungen ist: Berühmt gemacht haben ihn andere.«

    Natürlich gefällt mir die Rezension von Sarah Schaschek, die mich auf eine Art und Weise gelobt hat, dass wir beide etwas davon haben. Die treffend betitelte Rezension lautet: Die Geburt des Autors.

    Anders formuliert, nämlich sehr viel kürzer und vielleicht sogar prägnanter – ‚Mit einem Wort, das das Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas bemüht jugendlich wirkt‘ (frei nach Musil) -: fette Besprechung in der ZEIT.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    28 Juli 2013

    „Die ganze rumänische Mythologie“

    René Hamann hat in seiner Rezension von »Aléas Ich« von einem oberflächlichen Literaturbetrieb gesprochen, der „auf Verwertung scharf“ ist, „auf Abbildungskarrieren. Auf interessante Biografien.“ So ähnlich sind meine Erfahrungen auch. Es geht selten um den Text.

    Ein großer deutscher, ein sogenannter Publikumsverlag schrieb mir, dass in meinem ersten Roman »Das Geräusch des Werdens« meine Figuren sehr gut gezeichnet seien, mit viel Liebe, und das ich „ausgesprochen begabt“ sei. Aber, und das führte dann zur Ablehnung: „die ganze rumänische Mythologie in dem Buch, das kann kein deutscher Leser verstehen“. Nun: die Autorin versteht die ganze rumänische Mythologie in dem Roman auch nicht. Was möglicherweise dem Umstand geschuldet ist, dass sie einfach nicht drin ist, die rumänische Mythologie – genauso wenig übrigens wie die Autorin, die ist auch nicht drin. Es handelt sich um einen Roman, also um erfundene Ereignisse, die sich nicht um die Autorin drehen wie die Erde um die Sonne -. Möglicherweise allerdings liegt es auch daran, dass die rumänische Mythologie einfach unverständlich ist.

    Mir geht es nicht darum, jemanden zu diffamieren – im Gegenteil, ich habe für diffamierende und denunzierende Charaktere nur Verachtung übrig -, sondern um eine Diskussion darüber, inwieweit das, was wir zu erkennen meinen, nicht einfach unsere Projektionen sind. Der vermeintlich authentische, der faktische Autor oder der faktische Rezensent, der faktische Text und der ganz objektiv seines Amtes waltende, ehrliche Leser, der vom Autor nicht betrogen werden will: alles wunderbare Fiktionen aus dem Reich der Märchen und Mythen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    27 Juli 2013

    „Aléas Ich“ – Heute in der taz

     

    Nicht das ganze Buch, sondern die Rezension von René Hamann, die mir in manchen Aspekten gut gefällt, in anderen nicht. So schätze ich etwa die Literatur von Alain Robbe-Grillet nicht als „scharf“ konstruiert oder sogar „abgründig“ ein. Mir gefallen die Konstruktionen des genannten Schriftstellers durchaus, aber ich würde an seiner Literatur kritisieren, dass die Figuren für mich kaum Tiefe besitzen, von Abgründigkeit würde ich nicht reden wollen. Aber genau das ist das Potential der Literatur, dass jeder verstanden und missverstanden werden kann und der eine es so und der andere es anders liest: und jeder seinen eigenen Zugang zu einem Text hat, was wir spätestens seit dem Perlentaucher wissen, wo, was einmal verstanden wurde, noch einmal verstanden wird. Der Autor eines literarischen Textes schreibt eine Art Muster und jeder Leser mustert anders, mustert dies aus oder mustert das ein. Ich werde erneut in die Postmoderne eingereiht: natürlich lassen sich dafür Namen und Belege finden. Ich selbst würde mich eher als in einem Abstoßungsprozess befindlich beschreiben: und natürlich lassen sich auch dafür Namen nennen und Belege finden. Meines Erachtens lasse ich die Postmoderne in entscheidenden Momenten hinter mir. Aber das ist eine Frage der Definition des Begriffs der „Postmoderne“.

    Der Autor, „der sich im Internet hat outen lassen von einer Feministin, die sich kritisch mit Autoren, die unter weiblichem Pseudonym schreiben, auseinandergesetzt hatte – eine auch sehr lustige und vielsagende Geschichte, die bei anderer Gelegenheit mal ausführlicher erzählt werden sollte“: ja, das ist eine weniger lustige, aber sehr vielsagende Geschichte, die erzählt werden wird.

    Ich habe den Absatz, der der sich auf diese Feministin bezog, herausgenommen. Das ist meines Erachtens keine Feministin, nicht weil Weiblichkeit, die sich in der Negation von Männlichkeit erschöpft, weder feminin noch feministisch ist; sondern weil sie nie eine feministische Position formuliert hat. Sie hat neurotische Positionen formuliert. Aber so ist das nun einmal: wer etwas anders macht als andere, der zieht sich automatisch deren Verachtung zu. Es ist dieselbe Verachtung, die den Feministinnen vor dreißig Jahren auch entgegen geschlagen ist.  Und das ist eine erzählenswerte Geschichte. Ich habe das herausgenommen, nicht weil er inhaltlich falsch war, sondern weil der Tonfall falsch war. Er war nämlich nicht meiner. Es ist ein langer Prozess des Lernens, das betrifft jeden, also auch mich: zu seinem eigenen Tonfall zu finden. Ihn zu finden, zu verteidigen und, wenn es sein muss, auch zu korrigieren. Und dieser Tonfall darf nicht darin bestehen, auf die Verfehlungen anderer ebenfalls verfehlend zu reagieren.

    Interessanter wäre da schon eher das Verhalten der Herausgeber einer Sammlung literarischer Blogs – zu der bis zu dem Outing auch mein eigenes gehört hat -, nämlich gar keins: Null Verhalten. Man versteht sich dort als avantgardistisches Projekt. Kommt aber einer, also eine, ich nämlich, und macht etwas aus dem Rahmen Fallendes, dann ziehen die Herausgeber sich zurück: nix sehen nix hören nix verstehen. Möglicherweise ist auch das Avantgardismus. Literarische Blogs und Literatur im Netz, das wäre ein interessantes Thema.

    Sehr viel interessanter ist, was im Netz außerhalb der literarischen Verengung geschieht: Es ist nicht allein der Staat und seine bösen Geheimdienste, die ihre Bürger überwachen. Dieses Problem wäre ein kleines. Es sind vielmehr die Menschen, die andere Menschen kontrollieren und denunzieren. Er ist der Mensch, der im Netz aufwächst und dort sozialisiert wird, weil das Netz eben jene Strukturen aufweist, mit denen sich die anderen überwachen lassen. Das hatte ich bereits in meinem Roman angedeutet: dass das Netz und die dort Aktiven es sind, die die Strukturen von repressiven Gesellschaftssystemen annehmen. Wir sind nicht nur die Verfolgten, wir sind oftmals die Verfolger – die als “Follower” vollkommen missinterpretiert werden.

    »Viele Jahre, beinahe mein ganzes Leben lang, bin ich von Jana und Janus verfolgt worden. Von heute auf morgen haben sie sich in Luft aufgelöst. Jedenfalls nahm ich das an. Aber ich musste feststellen, dass sie wie so viele in dieser Gesellschaft ins Netz abgewandert waren. Sie sind in die Anonymität abgetaucht. Dort sind sie auf der Suche nach Bedeutung, nach Gewicht und Geltung, nach all dem, was sie im Leben nicht erlangen konnten. Der Verfolger meines Vaters hat sich in zwei Personen aufgespalten und ist dann auf mich übergegangen. Jana und Janus haben sich in Stalker verwandelt und verfolgen mich virtuell. Sie denunzieren mich und sie versuchen andere gegen mich aufzuhetzen. Das ist im Netz einfach, weil man sehr leicht andere findet, die sofort bereit sind, sich an der Hatz zu beteiligen. Man findet immer andere, die mitmachen, die jedem Gerücht Glauben schenken, die desavouieren, erniedrigen und zerstören wollen, weil sie das im Netz können. Wenn sie auch sonst im Leben nichts können: Im Netz können sie alles. Und was sie nicht können, lassen sie einfach weg. Im Namen des Katholizismus werden Ungläubige, im Namen der Männer die Frauen und im Namen der Frauen all die hingerichtet, die nicht in deren Rollenvorstellungen passen, im Namen der Gerechtigkeit die Ungerechten und in deren Namen alle Gerechten. Im Netz können die Feigen die Heldenrolle übernehmen, die Lügner die Rolle der Ehrlichen, die Gebeugten die der Aufrechten. Im Namen der Liebe und im Namen des Hasses kann man alles, weil man das eine nicht mehr vom anderen zu unterscheiden vermag. Im Netz finden sich die Besessenen und die mit den Wahn- und Zwangsvorstellungen, die Autisten und die Geisteskranken, die andere Menschen abschlachten wollen, sie wollen Hexen verfolgen und töten, und alle jene, die schöner oder klüger sind als sie selbst. Das Netz ist der Ort der totalen Asozialität. Ein jeder trägt eine Maske und die, die andere meinen demaskieren zu müssen, ziehen mit derselben Geste ihre eigene umso höher. Im Netz überwacht jeder jeden, die anderen uns und wir die anderen. Das Netz sieht uns alle zu jeder Zeit. Es gibt kein Entkommen. Kein Entrinnen. Es ist der Ort, an dem keine Unterschiede möglich sind. Es ist das totale Grauen.« (AI, 406 f.)

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 Juni 2013

    „Aléas Ich“: auf der Belletristik-Couch

    „Die Autorin versteht es meisterlich mit der Glaubwürdigkeit ihres Werkes zu spielen, den Leser immer wieder an die Grenzen des Nachvollziehbaren zu ziehen, um dann die Künstlichkeit des Romans zu enthüllen, nur um später erneut Zweifel aufkommen zu lassen, ob dieses Buch, welches man in Händen hält, wirklich reines Produkt der Fantasie sein kann. Genres werden bei dieser Arbeit respektlos über den Haufen geschossen, nicht lange können Autobiografie, Fiktion, literaturtheoretischer Beitrag, Geschichte und dergleichen als Kategorien existieren, schnell finden sie ihr Ende und die gegenseitige Durchdringung in der wortgewandten Konstruktion Toriks.“

    Sehr gut gefällt mir auch die Erkenntnis des Autors, die sich auf die in Rumänien situierten Kapitel des Romans beziehen: „Dieser Teil der Identität Aléas scheint besonders glaubwürdig, da er so gekonnt kulturelle Unterschiede aufweist, dass man nicht auf die Idee käme die Herkunft der Autorin anzuzweifeln.“ Hier finden Sie die ganze Rezension von Sebastian Riemann.

    Was mir gefällt, ist dass der Autor nichts enthüllen muss. Er versteht das Spiel das Fiktionalität immer anbietet und das auf den Leser hofft, der sich darauf einlassen kann. Denn rumrennen und behaupten, dass das alles gelogen ist: das kann ja jeder Trottel. Das einzige, was mir nicht gefällt ist die Wertung, warum nur 85 von 100 möglichen Punkten? Ich gehe mal davon aus, dass jemand, der etwas von Literatur versteht, der Lust hat, sich auf einen Text einzulassen und nicht herumnörgelt, was man besser machen kann – die, die glauben, Sie wüssten wie man es besser machen kann, können es meist gar nicht -; das so jemand ja sowieso nicht rechnen kann, also bin ich zufrieden. Nur schade, dass es nicht 88 sind, hehe!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    10 Juni 2013

    „Aléas Ich“: im WDR 3

    Der zweite Roman von Aléa Torik besticht durch seine Vielfältigkeit. Es ist ein außerordentliches Buch, voller spannender Gegensätze auf der Höhe der Zeit, und doch fest verwurzelt in der Vergangenheit. [...] Aléa Torik hat die Beobachtungsgabe einer Dichterin und die Beschreibungsfähigkeit einer Wissenschaftlerin. Das muss ja bei derartiger Brillianz schon mal ans Neunmalkluge grenzen

    Hier geht’s zu der ganzen Rezension. Ich habe mich sehr darüber  gefreut. Eine Volte allerdings entgeht dem Autor, dass es sich um eine fiktive Autorbiografie handelt. Oder sie ist ihm nicht entgangen, denn Aléa Torik ist tatsächlich 28, das perfide Fräulein hat ja an diesem Tag, ich erinnere kurz daran, das Älterwerden eingestellt. So steht‘s im Roman und im Blog (allerdings werden die Leser Minerva nicht, wie angekündigt, kennenlernen. Ich musste den Plan ändern. Der Leser erkennt jedoch, warum Olga drei Monate nicht in Berlin war). Endlich mal einer, der meine Texte liest. Und wenn ich lese, was ich da geschrieben habe, dann bin ich nicht unzufrieden.

    Aber es gibt auch eine Unsicherheit: Ich hatte vor einigen Tagen ein langes Interview, in dem die Interviewerin ihre Überraschung darüber äußerte, das ich Rezensionen kommentiere, weil man das nicht tue. Normalerweise finde ich die Dinge, die man nicht tut, ja ganz gut und tue sie sogar ausgesprochen gerne, aber in diesem Fall denke ich doch darüber nach. Allerdings lasse ich mich ja nicht auf Diskussionen ein. Ich sehe, dass in der Rezension des WDR von der einen oder anderen “langatmigen Episode” die Rede ist und frage mich, welche der Autor meinen könnte, solches Empfinden ist ja individuell verschieden. Auch von sachlichen Unrichtigkeiten ist die Rede und ich weiß nicht, was gemeint ist. Mehr mache ich nicht. Ich gebe, wenn ich Rezensionen kommentiere,  ja bloß den einen oder andern kleinen Tipp, wie man mich noch besser verstehen könnte, hehe! Ich würde mich nie mit jemandem streiten, der einen Verriss schreibt. Für Verrisse gibt es oft Gründe die nicht im literarischen zu suchen sind. Das interessiert mich sowieso nicht.

    Und ein Problem: „ … ist das Buch als Autobiografie einer 28-jährigen beeindruckend“. Das steht nicht, dass das Buch beeindruckend ist, sondern in Abhängigkeit vom Alter der Autorin ist es beeindruckend. Also: es gibt ganz außerordentlich reife Leute, die sind in dem Alter quasi erwachsen und fertig mit ihrer Entwicklung. Und es gibt hochgradig unreife Leute, die emotional und intellektuell mit fünfzig noch pubertieren. Sagt das biologische Alter tatsächlich etwas über den möglichen Reifegrad eines Textes aus? Sagt das Geschlecht eines Autors etwas darüber aus? Sagt das Geschlecht und das Alter eines Rezensenten etwas darüber aus, ob das Buch positiv oder negativ besprochen wird? Vielleicht bekommen tatsächlich 28-jährige bessere Rezensionen als 48 jährige. Vielleicht bekommen Männer bessere Rezensionen von schwulen Rezensenten, Migranten bessere von Migrantinnen und Deutsche bessere von Deutschen, berühmte Autoren bessere als unbekannte, schöne bessere als hässliche und  gute bessere als schlechte.

    Und werden anspruchsvolle Texte wie meine – der zweite beginnt mit Zitaten komplexer postmoderner Schriftsteller und Theoretiker und mein Text ist ein mitunter für den wenig geübten Leser ein eher verwirrendes Gewebe – nicht viel schlechter rezipiert und verkauft als ein leichter, flockiger Hundertseiten Roman? Gute Rezension hin oder her!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    10 Juni 2013

    Meine Beiträge bei Juli Zeh II

    Liebe Juli Zeh,

    vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort. Ich wusste nicht, ob es nicht vielleicht, für Sie kurz vor Frankfurt – wofür ich Ihnen ein aufmerksames Publikum wünsche! –, unangebracht ist, einen weiteren langen Text einzustellen. Aber Sie können ja selbst entscheiden, ob und inwieweit Sie antworten wollen.

    Ich denke, wir können uns über viele Dinge einigen, weil die Differenzen marginal sind. Bei zwei Punkten sehe ich jedoch ehebliche Unterschiede – was gut für eine Diskussion ist, denn über dieselbe Auffassung lässt sich schwerlich diskutieren.

    Ich hatte die durchaus provokanten Fragen eingangs gestellt, um zu zeigen, dass wir ganz viel, was im Bereich des Marketings angesiedelt wird, akzeptieren, und manches, vor allem Neues eher nicht. Radikal Neues bringt mit sich, dass die Kriterien fehlen, nach denen man es bewerten und einordnen kann. Deswegen hat es diese Neue mitunter schwer. Der Rest meines Beitrags galt dann vor allem der Darstellung, warum ich in keiner Weise Marketing gemacht habe. Wir haben im Einzelnen differierende Auffassungen, vor allem, was meinen Stalker angeht, weil ich der Meinung bin, dass die Freiheit des einen aufhört, wo die des anderen anfängt (darüber könnte man schon ewig reden). Einem Stalker geht es nicht darum, etwas aufzudecken, die Wahrheit ans Licht zu bringen oder einen Autor zu diffamieren, obwohl meiner das unablässig, wie Sie bemerkt haben, tut. Ein Stalker will einen anderen als Menschen zerstören. Und meiner garniert das immer noch mit den Bemerkungen, dass er mir ja nichts Böses will: unter der Maske des guten Menschen lassen sich nahezu alle Boshaftigkeiten begehen. Wenn Sie mal einen haben sollten, werden Sie, vermute ich, umstandslos zu meiner Auffassung wechseln.

    Wir sind vollkommen einer Meinung, dass das Marktgeschehen unberechenbar ist: heute mehr denn je. Gut für die, die oben stehen, schlecht für die 99,99 % der anderen (nur am Rande, Sie überlesen das bitte in aller Großzügigkeit: Ihnen ermöglicht es das Schreiben, mir macht es das schwer, wenn nicht unmöglich). Weil ich das weiß – vor allem aber aus inhaltlichen Gründen – habe ich mit meinem Projekt kein Marketing gemacht. Noch einmal: die Menge an Arbeit spricht eindeutig dagegen. Ich habe ein, wahrscheinlich ziemlich einzigartiges literarischen Projekt – wenn Sie so wollen, eine Poetik – um dessentwillen ich so agiert habe; nicht von Anfang an, sondern das Projekt ist sozusagen dabei entstanden, es hat seine ihm eigene Poetik erst erzeugt. Wenn diese Assoziation, dieser Verdacht des Marketings (der liegt nahe: Rumänien, also Migration, jung, gutaussehend, klug (als seien sonst nur Männer klug und die kluge Frau die Ausnahme!) und schlagfertig) aufkommt, dann liegt das nur bedingt an mir. Es liegt daran, dass heute jedermann denkt, dass alles Marketing sei. Aber über meine Motivation wissen die Leute nichts und ihre Vermutungen sagen dann weit mehr über sie selbst als über mich: nämlich aus welchen Gründen sie dieses tun würden.

    Jetzt zu den wichtigeren Dingen: der Poetik. mir erscheint manches, was Sie sagen, einsichtig- aber ich habe dennoch eine andere Position. Ich kenne diesen „Fiktionsvertrag“ zwischen Leser und Autor, der in etwa lautet: zwischen den Buchdeckeln ist es „fiktional“, davor und dahinter ist es „echt“. Aber erstens leben wir im 21. Jahrhundert. Etwas provokant formuliert: die Buchdeckel wird es nicht mehr lange geben; etwas weniger provokant: wir leben in einer Zeit der neuen Medien. Wir nutzen die neuen Medien – nicht aus Marketingzwecken – und wir experimentieren damit. Ich tue das. Ich habe das getan, um eine authentische Figur in einem Blog zu zeigen, sie dort vom Entstehen von „Aléas Ich“ berichten zu lassen und sie dann in diesem Roman als vollkommen inauthentisch untergehen zu lassen. Ich lasse also ein und dieselbe Sache in zwei unterschiedlichen Perspektiven, sagen wir: kollidieren. Weil ich wissen will, was dann passiert. Oder weil ich diese Begriffe verstehen will. Weil ich damit arbeiten will. Weil es mich interessiert, was diese Begriffe wert sind: von daher ist mir diese Auseinandersetzung hier willkommen.

    Aber ich plädiere nicht für eine „totale Aufhebung der Grenzen zwischen Kunst und Realität“, ich habe ein literarisches Spiel gespielt, oder inszeniert, um den Finger auf solche Dinge zu legen und ich habe mehr oder weniger deutlich gesagt – wobei das natürlich auf den Rezipienten ankommt, was deutlich ist -, dass ich ein literarisches Blog führe, also Literatur mache. Um mein Blog waren keine Buchdeckel drumgewickelt:  weil das technisch nicht machbar war!

    Ich habe ein literarisches Projekt, das weit über das hinausgeht, was in zwischen zwei Buchdeckel passt, sich also mit dem angesprochenen Fiktionalitätsvertrag gar nicht fassen lässt: In »Aléas Ich« kommt Aléa Torik, eine junge Frau aus Rumänien die in Bukarest bei Mircea Cărtărescu Literaturwissenschaft studiert hat, nach Berlin und promoviert an der Humboldt-Universität bei Joseph Vogl zum Thema Fiktionalität. Sie führt ein literarisches Bog im Netz, hat einen Roman geschrieben und arbeitet an ihrem zweiten. Scheinbar eine Autobiografie, thematisiert »Aléas Ich« die Vergangenheit in Siebenbürgen und Bukarest ebenso wie die Gegenwart in Berlin. Aléa erzählt von einem penetranten Verfolger, der ihr offenbar nie von der Seite weicht, einem obsessiven Verehrer ihrer Mitbewohnerin Olga und vor allem von ihrem Wunsch, Schriftstellerin zu sein. Das Schreiben tritt langsam immer deutlicher als das allumfassende Thema in den Vordergrund. Der Leser begreift, dass er nicht etwa ihrem authentischen Leben zusieht, sondern vielmehr dem Entstehen eben jenes Romans an dem sie arbeitet und der »Aléas Ich« heißen wird. Aléa Torik beschreibt sich selbst als einen Roman schreibend, vielmehr als einen Stoff er-lebend und sich selbst be-lebend. In dem Maße wie sie als Figur sich selbst in Frage stellt, in diesem Maße gewinnt sie als Autorin an Format und an Glaubwürdigkeit. Wir haben es hier also mit zwei einander ausschließenden Prinzipen zu tun und Aléa Torik stellt entweder ihr Vorgehen in Frage oder das Ergebnis.

    Es geht darum, was geschieht, wenn eine Person – Schriftstellerin oder Bordellbesitzerin – „Ich“ sagt. Wenn eine Person – weiblich oder männlich – anfängt, sich und seine Welt zu gestalten, auszuformen, mit Gegenständen und Vorstellungen – moralischer und unmoralischer Natur – zu füllen und ein Mensch anfängt, sich in der Auseinandersetzung mit anderen zu formen. Eine Figur namens Aléa Torik, die bereits eine Geschichte zu haben scheint, sie aber in Wirklichkeit erst im Verlauf dieses Romans bekommt: indem sie sie erzählt. Denn das ist es, was Schriftsteller machen. DAS ist die Realität des Textes. Und das Ich-sagen einer Schriftstellerin ist in ganz besonderer Weise interessant, weil wir da dem Entstehen einer fiktionalen Figur zusehen können. Aléa Torik ist nicht vorher da, sondern entsteht in der Erzählung, in dem Roman, den sie da schreibt. Da in der Kurzfassung  zu meiner Poetik, die ich auch sehr weiträumig würde entfalten können (falls sie in Frankfurt jemand fragt, ob Ihnen ein Nachfolger einfällt, dann denken Sie bitte an mich).

    Nächster Punkt: ich bezweifle, dass es möglich ist, konsistent (!) zwischen „fiktional – fiktiv“ und „echt“ zu differenzieren. Der Richter, der jemanden für eine Straftat verurteilt, geht von der Fiktion aus, dass dieser gleichermaßen frei war, sie zu begehen oder zu unterlassen. Die Frage nach der absoluten menschlichen Freiheit spielt dabei keine Rolle. Ihre Frage nach Wolfgang Herrndorf zeigt das im Grunde auch: „Ich glaube nicht“, schreiben Sie, „dass man einfach sagen kann, eine erfundene Krankheit ist eine Lüge“. Und diese Unterscheidung ist auch nicht sinnvoll, weil es für Sie und mich vollkommen gleichgültig ist ob er krank ist oder das simuliert: denn wir lesen lediglich seine Texte. Und das sind die Texte eines Kranken. Ob er ‚wirklich‘ krank ist, ist meines Erachtens belanglos, außer ich bin mit ihm befreundet. Was immer ein Schriftsteller uns präsentiert, präsentiert er uns im Modus ‚Text‘. Ebenso ist es gleichgültig, ob Sie die Deutsche Juli Zeh sind oder die Chinesin Ju Li Tse oder ein komisches Mädchen mit roten Haaren oder meine Großmutter. Alles, was ich von Ihnen bekomme, sind Worte.

    Glauben Sie wirklich, dass, nur weil mein Ich für Sie nicht weiter greifbar ist und Sie keine biografischen Daten von mir kennen und kein Bildchen haben, dass kein ‚Ich‘ dahintersteht und mein ‚Ich‘, auch wenn es mit Fiktionen garniert ist, kein authentisches ‚Ich‘ ist? Es ist nur meine Biografie erfunden, alles andere ist, ich vermeide das Wort echt und lasse hier eine Leerstelle. Hat der Leser ein Recht auf einen authentischen Autor? Oder gilt, was Aléa im Roman über sich – oder Juli Zeh – sagt: »Wir Schriftsteller leisten uns mehrere Lebenswege, weil bei uns alles übereinander liegt und nicht nacheinander« (AI, 269).

    Man muss im Netz nicht nur damit rechnen, einer ‚gefälschten‘ Identität zu begegnen, das wäre trivial, sondern man muss verstehen, dass wir, wir alle, im Netz selbst zu einer gefälschten Identität werden, weil wir gerade dort nicht zwischen echt und falsch unterschieden können. Und was die Authentizität angeht, lasse ich jemand anderen sprechen: „Eine der wirkungsvollsten Masken ist, wie erwähnt, die Maske der authentischen Hüllenlosigkeit und Maskenfreiheit; diese Maske prätendiert, das selbsteste Selbst und den andersten Anderen zu zeigen. Im kommunikativen Text ist das die Geste, die behauptet, Autor und Leser im Text seien ‚Menschen‘, gar ‚Menschen wie du und ich‘. Wer aber als unermüdlicher aufklärerischer Demaskierer die Textfunktionsposition von Selbst und Anderem stets auf die ‚Menschen‘ hinter dem Text reduzieren möchte, der erweist sich nicht nur als Metaphysiker, sondern auch als rücksichtslos hinsichtlich der Schutzfunktion der textuellen Masken.“,( Kurt Röttgers, Demaskierungen, in: Masken, Hrsg: Kurt Röttgers und Monika Schmitz-Emans, Seite 89.)

    Mein Kompliment übrigens für die Qualität vieler Beiträge hier! Das geht also nicht an Sie, sondern an die anderen!

    Herzlich

    Aléa Torik (eben jene Aléa Torik, die ein radikal modernes Phänomen ist, existiert sie doch nur im Netz!)

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    10 Juni 2013

    Meine Beiträge bei Juli Zeh I

    Sehr geehrte Juli Zeh,

    Sie fragen, ob ein Autor seine Identität inszenieren „darf“, um seine Bücher „an den Mann“ zu bringen? Das ist eine interessante Frage. Ich habe auch ein paar interessante Fragen, die so ähnlich sind: Darf ein Verlag Werbung für ein Buch machen, weil die Rezensionen nicht so ausfallen wie man sich das vorstellt? Darf ein Autor einen Facebook Eintrag führen – in Ihrem Fall sogar eine Fan-Seite, bei der ich mir nicht sicher sein kann, ob Sie das wirklich sind, die mit ‚Ja‘ antwortet, wenn ich frage, ob Sie es wirklich sind; oder ob es nicht doch die Marketing-Frau ihres Verlages ist -, um Leser an sich zu binden? Darf ein Mensch, nachdem er entdeckt hat, dass eine Person offenbar/anscheinend/möglicherweise nicht mit sich identisch ist, diese Person outen? Darf er dann aberduzende Einträge in seinem Blog machen, um einen Skandal zu verursachen, obwohl diejenige Person ihn vielfach auf den fiktionalen Charakter ihres Literaturprojektes aufmerksam gemacht hat? Darf ein Kerl, weil er eine Frau nicht abkriegt und die Frau nicht so ist wie er sich das vorstellt – mit rein literarischen Arsch und Busen – versuchen, diese ‚Person‘ in Interviews und Blogeinträgen zu skandalisieren. Darf er sich als Betrogener inszenieren, der emotional – und möglicherweise intellektuell – nicht in der Lage ist, zwischen Autorenich und faktischem Ich zu unterscheiden? Der Blogger, den Sie da verlinken, der fühlte sich nicht als Leser nicht ernstgenommen, der fühlte sich vielmehr als Mann nicht ernstgenommen. Der wollte eine begreif- und begrabschbare Autorin.

    Darf eine Frau sich schminken, um schöner zu sein als sie wirklich ist? Darf eine Frau einen Knopf ihres Dekolletés öffnen, um einen Mann ins Bett – oder in die Küche, in die Kirche – zu kriegen? Lauter interessante Fragen, die vor allem eins zeigen, dass, was man „darf“, gesellschaftlichen Konventionen gehorcht. Anders gefragt: wo hört das, was wir wirklich sind, auf und wo fängt das an, was wir scheinbar sind und was wir sein wollen und wo ist nun noch das, was wir wirklich nicht sind?

    Wer sagt, dass ich, was ich getan habe, getan habe, um meine Bücher „an den Mann“ zu bringen? Glauben Sie wirklich, ich hätte in einem Blog über vier Jahre lang, mit mehr als fünfhundert Artikel, die bis zu zehn Seiten lang sind – ich gehe ungefragt davon aus, dass Sie wissen, welche enorme Arbeit das Verfassen von Texten machen kann! – nichts ist als eine Marketingposse? Und warum nutze ich dann nicht den Weg, den Sie beispielsweise gehen: mir ein erratisch schönes Foto zuzulegen, um das, worum es einem Schriftsteller geht, seine Texte, besser zu verkaufen? Ich kann mich mit Photoshop schöner machen als ich wirklich bin und das ist sehr viel weniger Arbeit als einen Blog mit fünfhundert Artikeln, ich meine richtige Artikel, nicht so kleine hingerotzte Facebook- Einträge (ich beziehe das auf mich, nicht auf Sie!: ich habe mir hier Ihres Eintrages wegen einen solchen Account erst zugelegt), wo ich das Thema „Identität“ auf die vielfältigsten Weisen thematisiert habe.

    Wissen Sie, dass die Literaturförderpolitik vollkommen konservativ ist und man mit meinem schönen Namen ganz sicher keine Stipendien und keine Preise bekommt? Und dass das für eine Karriere sehr viel wichtiger ist, als die Frage ob ich sieben oder siebzehn Bücher verkaufe, denn nur mit Unterstützung des Literaturbetriebs kann man im Literaturbetrieb etwas werden. Wenn es überhaupt irgendetwas in dieser Richtung war, das mich hat tun lassen, was ich getan habe, dann war es Antimarketing, denn ohne verifizierbare Autobiografie auch keine Anerkennung, keine Preise, kein Geld etc.

    Wenn mich ein Skandal interessiert, dann der, dass das, was wir tun, das Schreiben von fiktionalen Texten, nichts als Erfinden ist: es ist Lug und Trug und Täuschung. Wenn dieser Skandal endlich einmal einer werden würde, dann müssten wir uns nicht dauernd fragen, ob dieses oder jenes Verhalten legitim ist, sondern hätten die Antwort schon: Nein, es ist nicht legitim! Was Kierkegaard getan hat, ist nicht legitim: sich ein dutzend Pseudonyme zu suchen, unter denen er sein ästhetisches Werk geschrieben hat. Was Fernando Pessoa getan hat ist ebenfalls nicht legitim, sich Heteronyme, Semiheteronyme und sogar ein Orthonym zu erschaffen, all diesen Heteronymen individuelle Lebensgeschichten anzudichten und sie dann auch noch miteinander kommunizieren zu lassen. Alles nicht legitim. Nur eben, beinahe muss man hinzufügen, bedauerlicherweise: grandiose Literatur. Und was Sie tun, ist auch nicht legitim: Sie denken sich bloß irgendwelche Geschichten aus, die nicht wahr sind. Statt richtig arbeiten zu gehen (Sie dürfen hier ein Lächeln über mein Gesicht huschen sehen und ich hoffentlich auch über das Ihre)!

    Es ist dann nicht legitim, wenn wir rationale Kriterien anwenden. Aber das tun wir nicht, sondern wir machen Kunst. Und Kunst funktioniert nach eigenen Regeln. Nach solchen der Ästhetik und nach denen, die sie sich selbst gibt. Kunst macht das, was man machen kann: Das ist keine Frage der Legitimität, sondern eine Frage der Möglichkeit. Kunst ist immer ein wenig skandalös, aber das heißt nicht, dass sie es um des Skandals willens gemacht worden ist. Das skandalöse ist, dass sie nicht nach rationalen Kriterien funktioniert. Das war so beim Surrealismus, beim Dadaismus, beim Futurismus. Ganz viel von dem, was wir heute als Kunst bezeichnen, war zu der Zeit, als es entstanden ist, vor allem Skandal. Zieht man das Skandalon ab, bleibt sozusagen der Kunstwert übrig.

    Was ist überhaupt Authentizität? Und warum hat das in der Literatur nichts zu suchen? Wenn der Text authentisch ist, dann ist meines Erachtens die Sache legitim, denn in der Literatur geht es um Texte, nicht darum, ob der Autor als im Text identifizierbar verstanden werden kann. Und um das in meinem Fall bewerten zu können, müsste man mindestens „Aléas Ich“ lesen: Hier eine Kurzfassung: http://www.aleatorik.eu/2013/04/26/worum-geht-es-in-%E2%80%9Ealeas-ich/

    Es mag möglicherweise dann nicht legitim erscheinen, wenn man ein Literaturverständnis hat, das nach hermeneutischen Kriterien funktioniert, das also in erster Linie identitätslogisch vorgeht und in diesem Sinn einen Autor konstruieren will, der im Zentrum seines Textes steht und der von ihm her zu interpretieren und zu verstehen ist: einen authentischen Autor. Dass ich mit dieser Form von Literaturverständnis wenig anfangen kann, habe ich in meinem Blog in den vergangenen Jahren vielfach betont und auch gezeigt. Ich habe ein sehr viel moderneres Verständnis von Literatur, das ich hier nicht in allen seinen Dimensionen ausführen kann, das aber jedenfalls den Autor als eine nicht sonderlich interessante Größe ausklammert. Der Autor ist für einen Text uninteressant, es sind lediglich seine narzisstischen Eitelkeiten, die ihn etwas anderes annehmen lassen: jeder gute Text übersteigt seinen Autor. Und wenn – beispielsweise – Juli Zeh einen tollen Roman geschrieben hat, dann mag die Autorin am Ende sehr zufrieden mit sich und ihrer Leistung sein (ich bin‘s in so einer Situation auch). Aber der Text ist nicht so toll, weil Juli Zeh so toll schreiben kann, sondern weil es Leute gibt, die den Text toll finden! Der Autor ist nur eine belanglose Durchgangsstation für Worte.

    Nicht Sie, Frau Zeh, sind toll, sondern die anderen, sie Sie toll finden! Sie selbst sind nichts anderes als jemand, der in seiner Freizeit Romane schreibt: Sie mögen das mit Leidenschaft tun, Sie mögen das sogar als das Zentrum ihres Lebens betrachten, gar von einem Sendungsbewusstsein getrieben werden: Aber das macht noch keine tollen Text. Selbst Ihre Fähigkeiten, Worte und Sätze und Metaphern und Ideen und Textbausteine nach einem als literarisch geltenden Muster zu arrangieren, reicht nicht aus, um einen tollen Text zu schreiben. Ein Text muss vielmehr etwas können, was Sie niemals herbeizwingen können und was sie ihm nicht andichten können: er muss glücken!

    Ich weiß, das tut weh. Aber Sie und ich: wir sind hier nicht auf einer therapeutischen Couch, sondern wir produzieren Texte. Nichts als Texte. Und die bedürfen des Lesers und dessen Auslegung. Der Autor selbst ist uninteressant. Der eine hat Glück mit seinen Lesern und dem Literaturbetrieb, die meisten haben dieses Glück nicht. Die meisten Texte fallen niemandem auf und die Texte, die auffallen, wären vielleicht, wären sie jemand anderem aufgefallen, sang- und klanglos untergegangen. Dass einer berühmt wird -vielmehr seine Texte -, hängt an vielen Zufällen. Es hängt auch am Text. Aber kaum am Autor. Ein Text ist nicht objektiv gut, sondern er hat gute Leser. In diesem Sinne ist in „Aléas Ich“ zu lesen: „Jemand ist ja nicht durch sich und seine Taten berühmt, sondern durch die anderen, die diese Taten loben. Unbemerkt sind auch die größten Taten verschwindend gering. Durch das Lob aber verändern sie sich, sie hören auf, die des Gelobten zu sein, und gehen in den Besitz des Lobenden über. So haben beide etwas davon. Auch wenn der Berühmte es aufgrund seiner eigenen Leistungen ist: Berühmt gemacht haben ihn andere.“ (AI, 239)

    Das ist alles wirklich nicht legitim. Aber ich mach‘s trotzdem so.

    Ich könnte noch stundenlang weiterschreiben!

    Herzliche Grüße

    Frau (!) Aléa Torik

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    08 Juni 2013

    Eine Diskussion über „Aléa Torik“ bei Juli Zeh

    Ich dachte schon der vielgescholtene Literaturbetrieb, der ja nicht mehr und nicht weniger ist als die Menge seiner Aktanten, mit einigen allerdings aus dem allgemeinen Agieren herausragenden Personen; ich dachte schon der Literaturbetrieb bekommt mal wieder gar nichts mit und freut sich, wenn man tot ist, dann muss er nicht mehr diese ermüdend langen Romane lesen, die einer und eine schreibt, sondern kann in aller Ruhe das ganze Zeug archivieren, die Sargdeckel schließen und kurze, knackige Totenreden halten.

    Obwohl die Rezension im Tagesspiegel ja zugegeben auch ein Lebenszeichen ist. Ich mache hiermit auf eine Diskussion bei der Schriftstellerin Juli Zeh aufmerksam, die sich und ihre Leser fragt, ob das, was ich hier gemacht habe, auch wenn sie nur teilweise weiß, was das ist, weil sie ja hier nicht seit Jahr und Tag dabei ist, eigentlich „erlaubt“ ist, ob man das „darf“. In ihrem Facebookeintrag  findet seit einigen Tagen eine ausgesprochen hochwertige Diskussion statt, in der die Begriffe genannt werden, um die es in einer solchen Diskussion gehen muss und die – Achtung: Fiktionssignal! – auch die Themen meiner Dissertation sind: „Identität, Authentizität und Illusion – Zur Theorie der Fiktionalität“. Ich habe mich dort eingemischt.

    Ich glaube nicht, dass man bei Facebook Permalinks setzen kann, die verschiedenen Artikel – Postings – beginnen mit den Worten

    1) am 4. Juni: „Und über die soeben gepostete We-read-Indie-Seite bin ich gerade auf die Causa “Alea Torik” gestoßen“

    2) am 7. Juni: „Liebe Aléa Torik,  danke, dass Sie sich hier einschalten,“

    3) ebenfalls am 7. Juni „Nein, ich kann’s nicht lassen. Noch eine Frage, auf die Gefahr hin,“

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    04 Juni 2013

    „Aléas Ich“: Heute im Tagesspiegel

    „Mărginime ist im Roman ein (Alb-)Traum-Ort, an dem jener Sehnsuchtsfluss entspringt, der Aléa zuerst nach Bukarest, dann nach Berlin spülte – verfolgt von Doppelgängern und Beobachtern, die halb Spitzel, halb Dämonen ihres Unbewussten sind. Sie treiben sie von Seite zu Seite schneller auf jenen magischen Punkt zu, „wo die Welt sich verknotet, verdichtet und vielleicht verliert“. Immer öfter reißt in der zweiten, Romanhälfte die Erzähloberfläche auf, unter der sich aber nichts als Chaos und Verzweiflung zeigen“

    Die nicht erzählten Geschichten, die Dämonen des Unbewussten, das Dunkle des Textes und das Unenthüllte der Vergangenheit Aléas, das sind die Dinge, die am Bodensatz dieses Romans zu finden sind. Und die vielleicht auch der Grund für das Erfinden sind, für Olga, die mitunter beinahe Züge von Boshaftigkeit hat. Hier die Rezension von Nicole Henneberg.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    27 April 2013

    „Aléas Ich“ von Aléa Torik

    Man darf annehmen, dass die Autorin einen Roman über sich schreibt, eine Autobiografie. Gegenstand und Autor sind also identisch.

    „Wenn man vom Titel ausgeht, liegt also der Schluß nahe, im folgenden erzähle ein homo- und autodiegetischer Erzähler. Doch die Erwartungen werden enttäuscht. Denn der folgende Haupttext erzählt nicht – wie es zu erwarten gewesen wäre – homodiegetisch wie eine Autobiografie, sondern heterodiegetisch wie ein ‚normaler‘ Roman, wenn auch aus aktorialer / personaler Position. Da auch der Titel aus heterodiegetischer Perspektive erzählt, verfahren Haupttext und Paratext also analog. Dies wäre nicht weiter verwunderlich, wenn der Titel nicht gleichzeitig eine andere Perspektive erwarten ließe. Dies macht, daß die Stimme des Erzählers im Paratext von der im Haupttext zumindest logisch unterscheidbar wird, wenn auch beide Stimmen die gleiche Erzählperspektiv einnehmen. Die neuere Forschung erwägt aufgrund dieser Konstruktion den Begriff ‚fingierte Autobiografie‘. Inka Mülder macht zurecht darauf aufmerksam, daß die heterodiegetische Erzählposition einen ‚objektivierende[n], verdinglichende[n] Selbstbezug‘ darstellt.“ (Dirk Niefanger, „Der Autor und sein Label“, in: Autorschaft, Positionen und Revisionen, Hrsg. Heinrich Detering, Seite 534.)

    Das Zitat bezieht sich nicht auf Aléas Ich“, sondern auf „Ginster – Von ihm selbst geschrieben“, ein Roman von Siegfried Krakauer. Die Forschung hat später von „ginsterism“ gesprochen und bezeichnete damit den ‚uneigentlichen‘ Namen des Autors und die ‚uneigentliche‘ Perspektive der Autobiografie. In diesem und in meinem eigenen Roman werden das Zusammenspiel von Dichtung und Wahrheit als die die Gattung der Autorbiografie zentrale Dimension thematisiert. Falls einmal jemand über meinen Roman etwas schreiben möchte, bitte ich ausdrücklich, diesen Umstand zu beachten.

    Ginge das hier nicht in diesen Tagen zu Ende, könnte ich mir gut vorstellen, dass ich den Roman von Krakauer noch lesen und von ihm erzählen würde. Ginster ist offenbar kein anonymer Text, sondern ein Text, dessen Anonymität Programm des Romans ist. Und obwohl viele wussten, wer sich dahinter verbirgt, ein junger Autor der FAZ, hat es keiner, nicht ein einziger, für nötig befunden, das in irgendeiner Rezension herauszustellen. Man ist auf das Spiel eingegangen. Anders als heutzutage.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    26 April 2013

    Worum geht es in „Aleás Ich“?

    Ich habe diesen Text schon einmal auf einem anderen Blog veröffentlicht. Hier also noch einmal, mit minimalen Korrekturen, damit es nicht untergeht. Möglicherweise tut man das nicht: seinen eigenen Roman verstehen zu wollen. Aber möglicherweise sollte man auch keine Romane schreiben. Und wenn man schon die eine Sünde begeht, kann man ruhig die zweite auch noch absolvieren- lat: absolvere.

    Ich mag den Begriff der Postmoderne nicht sonderlich. Obwohl ich in gewisser Weise in der postmodernen Tradition stehe. Aber ich überschreite sie auch. Ich will zurück zu einem, sagen wir ruhig: konventionellem Erzählen. Oder ich will nicht zurück, ich will weiter. Aber ich weiß nicht genau in welche Richtung. Also bin ich mit „Aléas Ich“ einfach losgerannt, um dann zu sehen, wo ich ankomme. Die sogenannte Postmoderne hat keinen sonderlich guten Ruf. Sie war immer, meine ich, eine ausgesprochen exklusive Theorie, die ihren Weg nie in die Niederungen der Leserschaft gefunden hat. Alles, was wir heute von der Literatur und dem Literaturbetrieb kennen, ist gerade so als hätte es diese Theorie(n) nie gegeben. Oder sie wird auf Schlagworte reduziert. Ich stehe teilweise in ihrer Tradition, auch wenn ich eher eine erzählende Literatur mag. Ich stehe im Grunde nur in der theoretischen Tradition, ohne deren Auswirkungen in meine Texte übernehmen zu wollen.

    Worum geht’s in „Aléas Ich“? Um eine Schriftstellerin, die einen Roman über sich schreibt? Mitunter. Es geht aber vor allem darum, was geschieht, wenn eine Person – Schriftstellerin oder Bordellbesitzerin – „Ich“ sagt. Wenn eine Person – weiblich oder männlich – anfängt, sich und seine Welt zu gestalten, auszuformen, mit Gegenständen und Vorstellungen – moralischer und unmoralischer Natur – zu füllen und ein Mensch anfängt, sich in der Auseinandersetzung mit anderen zu formen. Eine Figur namens Aléa Torik, die bereits eine Geschichte zu haben scheint, sie aber in Wirklichkeit erst im Verlauf dieses Romans bekommt: indem sie sie erzählt. Denn das ist es, was Schriftsteller machen. DAS ist die Realität des Textes. Aléa Torik ist nicht vorher da, sondern entsteht in der Erzählung, in dem Roman, den sie da schreibt. Dementsprechend heißt es bereits auf den ersten Seiten: „Alle Menschen haben nur eine ihnen natürlich erscheinende Sichtweise, die Ich-Perspektive. Dieser Umstand war verantwortlich für meine Verzweiflung, denn er war zentral für meinen Roman. Ich hatte ein Problem, das größer war als alles, was ich mir sonst noch vorstellen konnte: mich selbst. Ich war das größte Problem, das ich hatte, und gleichzeitig die einzige Lösung. Denn dieser Roman war meine Welt. Ich existierte nur, wenn er es tat. Ich existierte in ihm und mit ihm und durch ihn” (AI, 11).

    Und – so mein Verständnis der Sache, das in gewisser Weise exklusiv ist, weil ich nicht nur diesen einen Text kenne, sondern auch noch einige andere, die jetzt nicht mehr vorhanden sind, Entwicklungen, die ich habe aufgeben müssen: exklusiv also, aber nicht maßgeblich für andere -; in dem Maße, in dem der Leser mehr über die Figur des Romans erfährt, begreift er, dass er wenig und weniger werdend über die Autorin weiß. Am Ende weiß gar nichts über sie. All sein Wissen ist ein Wissen über die Figur. Wie das in Romanen so ist. Was der Leser in der Hand hat, das ist der Roman, den die Figur Aléa Torik geschrieben hat. Das ist ein fiktiver Roman, den es streng genommen gar nicht gibt. Weil es ja nur der erfundene Text in einem realen Text ist. Den realen Text gibt es zwar, aber man weiß nichts über seine Autorin und kennt auch seinen Titel nicht. Weil der erfundene Text, die Fiktion, vor dem realen Text steht und sozusagen den Blick auf die Realität verdeckt: Die Sprache verdeckt den Blick auf die Realität. Sie ist die einzige Realität die wir haben.

    Was ist das Wirkliche an der Wirklichkeit?, fragt Joseph Vogl seine Promovendin im zweiten Kapitel. Eine weiß Gott berechtigte Frage. Was ist ein Anfang? Anfang, vor allem Anfang: So lautet der erste Blogeintrag in meinem Blog. Ein Blog, das ein Teil des Romans „Aléas Ich“ ist und dessen erster Eintrag eben „Anfang, vor allem Anfang“ ist. Der Anfang, wird in diesem Artikel ausgeführt, liegt vor dem Anfang. Wo fängt ein Buch an? Bevor es anfängt. Es beginnt auf dem Cover, mit dem Titel, mit dem Namen der Autorin. Etwa in der Mitte des Romans stellt sich dieses Kapitel, das Gespräch mit Joseph Vogl, als fiktiv heraus: es ist das erste Kapitel des Romans, an dem Aléa arbeitet. Das erste Kapitel des fiktiven Roman ist also das zweite des wirklichen. Was ist ein Anfang? Was ist das erste und was das zweite, das abgeleitete? Das sind Fragen, die sich Cervantes und Borges gleichermaßen gestellt haben. Aléa erzählt ihrer Freundin Luise, dass sie Joseph Vogl das erste Kapitel ihres Romans gegeben habe, weil sie wissen will, was er davon hält. Die Frage ist also: welches Kapitel hat Joseph Vogl gelesen, das erste Kapitel des echten Romans oder das erste des fiktiven? Aber was bedeutet, das, wenn wir nur den fiktiven haben? Wo fängt ein Buch an? Wo fängt die Lektüre an, wo beginnt das Sprechen? Wo fängt das ‚Ich‘ an? Wenn wir ‚Ich‘ sagen, wen wir es bezeichnen könne, wenn wir die Fiktion beginnen? Oder schon früher, wenn die ungreifbare Realität da ist und wir sie erfassen und bezeichnen wollen? Wir sind, wenn wir anfangen, immer schon mittendrin.

    Wenn wir ‚Ich‘ sagen, dann produzieren wir die erste Fiktion. Manche können sich ein Leben lang nicht davon trennen, sie halten sich wirklich für das, was sie da sagen. Sie halten sich für ein Wort: Ich. Und fühlen sich ganz authentisch dabei. Oder sie halten sich für das, was sie sehen. Sie schauen sich morgens im Spiegel ins Gesicht und halten das, was sie da sehen, für absolut wirklich. Sie halten sich für ihr eigenes Ich. Cool! Aber ich frage mich, wo das ich anfängt, wo ich Ich-selbst bin und wo der andere anfängt, seine Meinung, seine Auffassung von etwas, seine Liebe und sein Hass. Ja, wahrscheinlich ist „Aléas Ich“ ein postmoderner Roman. Vielmehr, weil die Postmoderne ja tot ist, abgehakt, ein aleatorischer Roman. Der erste dieser Richtung. Einer musste ja damit anfangen. Eine!

    Die Formulierung mit dem Schrift-Zug gefällt mir ganz besonders: Aléa verwandelt sich ja auf den Fahrten von und nach Rumänien, alles Fahrten die sie mit dem Zug absolviert. Einmal sagt sie: „Ich bin niemals vollständig ich selbst, sondern immer auf dem Weg, es zu werden. Auf dem einen oder auf dem anderen Weg, in diese oder in jene Richtung. Ich bin ein ungreifbares Selbst dazwischen“ (AI, 136). Und die große Spaltung in diesem Roman, die zwischen Wirklichkeit und Imagination wird auch wie eine Situation im Zug beschrieben: „Die Wirklichkeit war für mich nur noch etwas, das auf einem Nebengleis daher lief, ein Zug, der annähernd dieselbe Geschwindigkeit hatte wie mein eigener, der in dieselbe Richtung fuhr und dessen Insassen sich auf eine seltsam verzerrte Weise erkennen, zu denen ich aber keinen Kontakt aufnehmen konnte. Wir standen einander gegenüber und sahen uns gegenseitig an. Oder wir sahen nur unsere eigenen Spiegelbilder in den dazwischenliegenden Scheiben, während sich einer der beiden Züge nahezu unmerklich langsam am anderen vorbeischob und weder die Insassen des einen noch die des anderen Zuges zu sagen vermochten, ob sie im schnelleren oder im langsameren der beiden saßen, und sie ebenfalls nicht zu sagen vermocht hätten, in welche Richtung man fuhr, und verunsichert feststellen mussten, dass sie nicht einmal zu sagen vermochten, in welchem der beiden Züge sie sich tatsächlich befanden, in dem einen oder in dem, der sich langsam entfernte und ihr Spiegelbild oder ihr wirkliches Ich mitnahm.“ …“(AI, 327).

    Diese Textstelle wird mit wunderschönen Skulpturen versehen, bei Iris Nebel.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.