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  • Aléa Torik: Lieber Christian, ich glaube, ich habe einen Ort für den Essay. Ich bin nicht ganz sicher, ich habe eine positive Mail bekommen und auch erfreut geantwortet, dann aber keine Reaktion mehr bekommen. Aber wenn es wahr ist – wenn es tatsächlich wahr sein sollte … dann hören Sie...
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  • Aléa Torik: Lieber Avenarius, vielen Dank für die wohlmeinenden Worte. Die tun mir mehr gut als Sie glauben mögen. Ich werde weitermachen, weil es auch für den nächsten Roman wichtig ist. Und ich werde wohl die Kommentarfunktion deaktivieren. Das ist eine schwierigere Entscheidung als man...
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  • Azadeh Sepehri: Warum denn?
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, ich überlege, die Kommentarfunktion gänzlich auszuschalten. Ich habe mich aber noch nicht entschieden. Aléa
  • Azadeh Sepehri: Liebe Alea, warum kann man unter Ihren letzten Beiträgen keine Kommentare hinterlassen?
  • Azadeh Sepehri: Liebe Alea, ich glaube, ich hatte ihren Beitrag falsch verstanden und dachte, Sie schreiben unter einem Pseudonym. Aber auch falls Sie dies machen würden, fände ich es nicht schlimm. Schließlich hat jeder das Recht, selber darüber zu entscheiden.
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, ich schlage vor, wir warten bis zur Veröffentlichung davon, was im Januar 2013 der Fall sein wird, und dann kann jeder entscheiden, was mein richtiger Name ist, was das richtige und das falsche Verhalten war. Herzlich Aléa
  • Azadeh Sepehri: Interessant. Ich dachte, Sie schreiben unter Ihrem “richtigen” Namen.
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, „Nehmer“ und „Geber“: Nehmen ist ja auch leichter als geben. Sein Recht in Anspruch zu nehmen ist leichter als einer daraus resultierenden Plicht zu entsprechen. Dass Recht und Pflicht so eng miteinander verbunden sind, dass sie dasselbe sind, auseinander hervorgehen,...
  • Aléa Torik: Lieber Holio, Sie können hier gerne mit Ihrem Meißel klopfen. Und ich habe auch nichts dagegen, wenn dabei etwas anderes herauskommt als ich das beabsichtigt habe. Soviel verstehe ich von Literatur, um zu wissen, dass die Autorin eine Interpretation unter anderen hat. Es stehen, sowie...
  • Aléa Torik: Lieber NO, auch für mich sind Lydijakapitel und Aufzählungskapitel die beiden Höhepunkte dieses Romans. Es sind wohl auch die beiden schwierigsten Kapitel. Das Zentrum des ganzen Textes ist sicher das Aufzählungs- oder Berlinkapitel. Das war geplant als eine Beschreibung des...
  • avenarius: Liebe Alea, ja natürlich, es gibt immer eine Macht. Macht bedarf, ganz anders als die Gewalt, keinerlei Rechtfertigung, “da sie allen menschlichen Gemeinschaften immer schon inhärent ist. Hingegen bedarf sie der Legitimität. Macht entsteht, wann immer Menschen sich zusammenfinden...
  • Aléa Torik: Lieber Ave Narius, ich bin da, soweit ich sehe, völlig einverstanden. Nur mit dem „Medusenhaupt der Macht“ habe ich Schwierigkeiten: es muss eine Verfassung geben, eine Legislative, und dann muss es auch eine Executive und eine Judikative geben. Es muss eine Macht geben und sie muss...

  • 19 Januar 2011

    Die Falschmünzer II: „Die kontemplative Geborgenheit vorm Gelesenen“

    Anders als bei faktualen Texten die eines Erzählers nicht bedürfen, kommt dem Erzähler in fiktionalen Texten eine wesentliche Stellung zu: er ist die zentrale Instanz für die Art und Weise wie das, was in dem Text berichtet wird, den Leser erreicht. Die Stellung des Erzählers, die Erzählperspektive, ist im Laufe der Literaturgeschichte den vielfältigsten Variationen unterlegen, die ich hier nicht ansatzweise referieren kann. Aus Gründen der Darstellung polarisiere ich das Kommende ein wenig. Lange Zeit war der Erzähler eine außerhalb der Wahrnehmung stehende Instanz, die ihren natürlichen Ausdruck im auktorialen Erzählen findet: ein Erzähler, der alles weiß und alles sieht. So einem ist alles gleichgültig, also von gleicher Gültigkeit. Das ist die Ideallinie. Ein realistisches und naturalistisches Erzählen. Der Erzähler erzählt als gäbe es ihn gar nicht. Als wäre er gleichsam ein objektives Auge durch das der Leser schaut. Was davon abweicht, weicht auch von dem Konzept ab, das dieses Erzählen mit sich bringt. Oder vielmehr produziert: Die Weise, in der wir erzählen, ist die Weise, in der wir wahrnehmen. Das Beunruhigende, beispielsweise am Surrealismus, war nicht, dass deren Vertreter anders malten als ihre Vorgänger. Das Beunruhigende war vielmehr, dass deren Wahrnehmung sich änderte. Denn mit ihr änderte sich auch der Gegenstand der Wahrnehmung. Wenn aber der Gegenstand sich im Blick änderte, konnte er nicht sein, wonach er aussah. Jedenfalls nicht dies allein. Der Gegenstand ist er selbst und der Akt seiner Interpretation.

    Wer von der Welt erzählt, der erzählt so wie er diese Welt erlebt. Auf ein schlüssiges Erzählkonzept zu verzichten, heißt auf eine schlüssige Welt zu verzichten. So mancher Verzicht ist allerdings kein freiwilliger. Mit den Ereignissen des vergangenen Jahrhunderts, Einstein und Freud, die Massenvernichtung von Menschen im ersten und die massenweise Vernichtung des Menschlichen an sich im zweiten Weltkrieg: das konnte und durfte nicht ohne Folgen bleiben. Diese Welt wurde nach Adorno und Horkheimer eine entzauberte, wohl auch eine entfesselte, möglicherweise eine entschlüsselte, sicher aber ent-schlüssige Welt. Was vielen als sinnvoll, als harmonisch, natürlich oder gottgegeben erschien, war mit einem Mal unverständlich, unsinnig, entleert. Eine solche Welt ist nicht zu flicken, indem man ganzheitlich friedliche und sinnvolle Erzählweisen propagiert.

    Das Erzählkonzept, das Gide hier verfolgt, die Erzählweise zu der er sich, wie an den Tagebüchern nachvollzogen werden kann, über eine lange Entstehungszeit mühsam hinarbeiten  musste, ist für die damalige Zeit ungewöhnlich, ja geradezu revolutionär. Der Leser hat es nicht mit einer, sondern mit zwei, einander abwechselnden Erzählinstanzen zu tun: mit dem Erzähler und einer seiner Figuren, dem Schriftsteller Édouard, der ein Tagebuch führt. Der Erzähler beobachtet seine Figuren lediglich, er weiß manchmal, was sie denken, oft weiß er es nicht, und geht nicht immer jene Wege, die sie gehen. Es erscheint vielmehr wie Zufall, dass der Erzähler Raum und Zeit mit ihnen teilt und von ihnen berichten kann. Das sind bisweilen kleine Irritationen, er mischt sich, also seine Stimme, in die Geschichte hinein. Das geschieht oft bei Beiläufigkeiten. Er sagt einmal, er wisse nicht, woher sich zwei Personen kennen. Ein anderer Erzähler würde das weglassen oder es erfinden. Un damit ist bereits eine wesentliche Funktion, oder vielmehr Wirkung, genannt: der Text macht nicht mehr den Eindruck eines erfundenen Textes. Er scheint, indem der Erzähler angeblich keine Macht über ihn hat, der Wirklichkeit verpflichtet.

    Was der Erzähler von den Figuren berichtet, ist nicht immer zustimmend, er kritisiert sie, er distanziert sich von ihnen, er äußert sich sogar verärgert über diese Assemblage, die er sich nicht ausgesucht hat: „Sollte ich jemals noch eine Geschichte erfinden, lasse ich nur solche Charaktere hinein, die das Leben nicht abschleift, sondern markant werden lässt. Laura, Douviers, La Pérouse, Azaïs …was kann man mit diesen Leuten schon anfangen? Ich habe sie mir nicht ausgesucht; als ich Bernard und Olivier auf der Spur blieb, sind sie mir begegnet. Es hilft nichts; nun bin ich ihnen verpflichtet.“ Im letzten Kapitel des schmalen mittleren, des zweiten von drei Teilen, verabschiedet sich der Erzähler von seiner Nebenrolle und tritt noch weiter hinter sich zurück als bisher. Er beobachtet jetzt nicht nur seine Figuren, sondern die Geschichte insgesamt: „Nutzen wir die Sommermonate, während deren unsere Akteure in alle Richtungen zerstreut sind, um ihr Verhalten in aller Ruhe zu prüfen. Zumal wir uns dem Scheitelpunkt nähern, der Fortgang der Geschichte sich verlangsamt und sie neuen Schwung zu sammeln scheint, bevor sich die Ereignisse überstürzten.“

    Édouard, man könnte ihn durchaus die Hauptfigur nennen, obwohl er es nicht ist, er hat Teil an der Handlung und doch auch nicht, er beobachtet die anderen und will ein Buch darüber schreiben; Édouard ist eine Figur, die selbständig handelt und scheinbar, wie alle anderen Figuren außerhalb der Macht des Erzählers steht. Anders als der Erzähler, steht er mitten im Verlauf. Man könnte davon ausgehen, dass er des Erzählers Vertreter unter den Figuren ist. Denn beide haben etwas gemein. Édouard ist Schriftsteller und er arbeitet an einem Roman der genauso heißt wie der, den der Leser in Händen hält: Die Falschmünzer. Édouard wird wohl an seinem Projekt scheitern. Er und der Autor, André Gide haben sehr ähnliche Gedanken. Dass die Figur, anders als Gide, scheitert, ist nicht verwunderlich. Gide weiß natürlich genau, dass man an Texten scheitern kann, er selbst war mit diesem Projekt oft nahe dran. Dass gerade Édouard scheitert, nicht sein Konkurrent, der Modeschriftsteller Passavant, ist sicher gewollt. Denn Édouard nimmt die Sache ernst, zu ernst womöglich, während Passavant die Sache nimmt wie er alles nimmt, leicht, leichtfertig womöglich. Wir können vermuten, dass Gide seinem Alter Ego eine Art Poetik mitgibt, oder eine negative Spiegelung derselben. Das alleridings ist das Thema des kommenden Beitrags.

    Abschließend die Charakterisierung Adornos aus seinem Aufsatz, „Standort des Erzählers im zeitgenössischen Roman“, in dem Vertreter des modernen Romans genannt werden, auch Gide, vor allem aber Proust und Kafka: „Zu den Extremen, an denen mehr über den gegenwärtigen Roman sich lernen lässt als an irgendeinem sogenannten ‚typischen‘ mittleren Sachverhalt rechnet das Verfahren Kafkas, die Distanz vollends einzuziehen. Durch Schocks zerschlägt er dem Leser die kontemplative Geborgenheit vorm Gelesenen. Seine Romane, wenn anders sie unter den Begriff überhaupt noch fallen, sind die vorwegnehmende Antwort auf eine Verfassung der Welt, in der die kontemplative Haltung zum blutigen Hohn ward, weil die permanente Drohung der Katastrophe keinem Menschen mehr das unbeteiligte Zuschauen und nicht einmal dessen ästhetisches Nachbild mehr erlaubt.“

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    16 November 2010

    Der verzweifelte Optimist

    „Eine Liebesgeschichte oder so was“ von Raymond Federman

    Das ist die Geschichte von Moinous und Sucette. Die beiden begegnen einander auf dem Washington Square in New York. Sie lächeln sich an, sprechen aber nicht miteinander. Zwei Wochen später sehen sie sich in einer Buchhandlung wieder. Sie lernen sich kennen und werden ein Liebespaar. Das könnte so sein. Es spricht jedenfalls nichts dagegen, dass es so ist.

    Mr Federman, vielmehr sein Erzähler, erzählt uns nicht nur eine Geschichte, er erzählt vielmehr drei, entsprechend der drei Kapitel. Anders aber als die Kapitel, die, weil das mit Geschichten so sein muss, nacheinander angeordnet sind, ereignen sich die drei Geschichten, weil das mit Geschichten so sein muss, synchron. Es sind die Geschichten der Sucette, des Moinous und die eigentliche Liebesgeschichte. Die Geschichte, die der Erzähler uns erzählt.

    Also nacheinander berichtet, was gleichzeitig geschieht: Es ist der 15. März 1954, in New York und auch überall sonst auf der Welt. Auf dem Washington Square findet eine Demonstration gegen den Senator McCathy statt. Sucette, Spross einer ausgesprochen wohlhabenden Bostoner Industriellensippe von der sie sich allerdings distanziert, nimmt an der Demonstration teil und sieht einen jungen Mann den sie anlächelt. Moinous ist als Achtzehnjähriger aus Frankreich weggegangen, in Amerika gelandet, hat als Soldat am Koreakrieg teilgenommen und ist nun mit 23 Jahren in New York gestrandet, eingebürgert, arm und arbeitslos, von der Versorgung der Behörden abgeschnitten und verzweifelt. Relativ verzweifelt, denn eigentlich ist er ein Optimist. Bei einer Demonstration deren Sinn und Zweck ihm entgeht – seine Sorgen beziehen sich, da er ums Überleben kämpft und er keinen Platz für allgemeine Sorgen hat, einzig auf seine eigene Person – sieht er eine hübsche Blondine, die ihn anlächelt. Sie werden in den Wirren der Demonstration voneinander getrennt. Einen Tag später stellt Moinous fest, dass er sich verliebt hat. Er geht jeden Tag zum Washington Square, trifft die Frau allerdings nicht wieder.

    Sucette führt ein luxuriöses Leben. Sie muss nicht arbeiten gehen und lebt von den Zuwendungen ihrer Familie. Sie engagiert sich politisch – gemessen an ihrer Herkunft, auf der Gegenseite – sie belegt einen Schreibkurs und will Schriftstellerin werden. Noch am Anfang ihrer Bemühungen, sitzt sie an ihrer zweiten oder dritten Geschichte. Und die hängt ein wenig in der Luft. Ihr Lehrer hat ihr geraten, den dramatischen Konflikt durch die Hereinnahme einer weiteren Figur zu beschleunigen. Da diese Geschichte einer jungen Frau aus gutem Hause ihrer eigenen nicht unähnlich ist, greift sie auch in diesem Detail auf ihre Biografie zurück und nimmt das Lächeln des jungen Mannes auf dem Washington Square als Anlass, einen jungen Mann in ihre Geschichte einzuführen. Ihre Hauptfigur Susan verliebt sich bei einer Demonstration in den jungen Franzosen namens Moinous, moi und nous, „ich” und „wir”.

    Moinous, inzwischen Tellerwäscher in einem Imbiss, sieht Sucette zwei Wochen nachdem sie einander angelächelt hatten wieder, sie treffen einander in der Librairie Française. Sie nimmt ihn mit in ihre Wohnung und liest ihm ihre Geschichte vor und er, der sehr zufrieden ist mit dem Namen den sie ihm gibt, nennt sie von nun an Sucette: Lutscher. Langsam beginnt die Liebesgeschichte zwischen den beiden. Sehr langsam. Denn Sucette lässt Moinous schmoren. Volle zweiundvierzig Tage muss er seine Lust mit sich herumschleppen. So ist das mit Autoren, die wollen keinen Sex, die wollen ihre Geschichten vorlesen. Und dann müssen die Zuhörer auch noch büßen. Schließlich aber landen sie doch da, wo sie hingehören, im Bett. Sie stellt ihn sogar ihrer Familie vor, die allerdings, das war zu erwarten, nicht sehr viel mit dem Mann anzufangen weiß. Wie der seinerseits mit Amerika und seinen Bewohnern nicht viel anfangen kann.

    Aber bei den beiden steht die Liebe im Vordergrund, das Begehren und die Schwierigkeiten mit dem Begehren, mit dem eigenen und dem des anderen. Sie erkunden ihre Körper, sie schlafen miteinander, sie trinken Kaffee, sie rauchen, sie diskutieren, sie streiten, sie tun das, was Verliebte tun, all die banalen Dinge, die für Verliebte so aufregend sind. Und eines Tages werden sie auseinandergehen. Vielleicht weil da auf einmal ein Richard auf der Bildfläche erscheint, der in seiner Harris-Tweedjacke sehr viel besser zu Sucette mit ihrem schicken Kamelhaarmantel passt als Moinous in seinen zerschlissenen Arbeiterklamotten.

    Die Geschichte hat einen Erzähler, der die ersten 1 ½ Kapitel über Moinous berichtet und dann mitten im 2 Kapitel, recht unvermittelt innerhalb eines Satzes (Seite 114 unten) zu Sucette wechselt, um erst auf den letzen Zeilen wieder zu Moinous zurückzukehren. Aber da der eine jeweils über den anderen berichtet und phantasiert, wechselt die Person im Zentrum des Interesses sehr häufig. Und da der Erzähler die Gegenwart des jeweiligen Protagonisten erzählt – denn noch steht das Wiedersehen der beiden aus – muss er ebenfalls zwischen Gegenwart und Zukunft wechseln, zwischen dem, was ist und dem, was sein wird. Das macht er mit einer bewundernswerten Leichtigkeit.

    Letztlich wissen wir nicht, ob die Geschichte der Sucette nicht allein der Phantasie des verliebten Moinous zu verdanken ist, der einsam und allein, sich erträumt was gewesen sein könnte, wenn er die Blondine angesprochen hätte. Wir wissen nicht, ob die Geschichte des Moinous nicht allein der literarischen Produktion Sucettes zu verdanken ist. Wir wissen nicht, ob die beiden Geschichten nicht allein der imaginativen Kraft des anderen zu verdanken sind. Wir erfahren die wirklichen Namen der Personen nicht. Das ist eine Liebesgeschichte und Wirklichkeit hat in Liebesgeschichten nichts verloren.

    Das Spiel das Raymond Federman hier treibt ist faszinierend. Er entlässt seine Geschichte nie aus dem Konjunktiv. Er weist mehrfach darauf hin, dass, damit etwas zwischen den beiden geschieht, die Liebenden sich wiedersehen müssen. Dennoch erzählt er im Indikativ. Er erzählt die Geschichte der beiden so, als wäre sie bereits angefangen. Er erzählt sie so, dass sie anfangen muss. Und indem er sie so erzählt, fängt er sie an. Das ist blitzgescheit gemacht. Ich hatte eingangs gesagt, dass drei Geschichten erzählt werden. Von den beiden anderen weiß man es nicht, aber diese dritte Geschichte ist eine, die tatsächlich geschieht. Das ist die Geschichte die Federman erzählt. Das ist eine wunderschöne Geschichte über die Liebe, die nur dann geschieht, wenn sie geschieht. Und sie geschieht, indem sie erzählt wird.

    Obwohl Mr Federmann Zweifel daran aufkommen lässt, dass die Geschichte jemals anfängt, lässt er keinen Zweifel daran, dass sie enden wird. Vielleicht endet sie bereits an jenem Punkt, an dem die meisten Liebesgeschichten auf der Welt enden, dort nämlich dass sie gar nicht erst anfangen und die beteiligten Personen genötigt sind, sich das Ganze bloß vorzustellen. Diese Geschichte ist, wie so viele Liebesgeschichten, nicht zum Lachen. Die Liebe ist nicht zum Lachen, weil sie bedroht ist. Bedroht, weil sie, da sie anfing, auch enden kann. Nicht das Ende, der Anfang ist das existentiell Gefährliche. Und doch ist es gerade der Anfang eine solchen Geschichte, der die Phantasie der Menschen beschäftigt. Was geschieht, wenn zwei Menschen sich ineinander verlieben? In was verliebt man sich eigentlich?

    Man verliebt sich nicht in jemanden, weil er eine gute Figur hat. Man verliebt sich in einen Augenaufschlag, in ein Lächeln oder in die Art wie jemand den Kopf wendet, wie er hierhin und dorthin schaut, wie er nickt oder den Kopf schüttelt, lacht oder weint. Und vielleicht verlieben wir uns sogar in die Art wie er das Messer hebt, um uns den finalen Schnitt zu versetzten. Weil wir gute Schnitte zu schätzen wissen. Nur deswegen rennen wir jede Wochen zum Friseur. Und nicht, damit sich irgendein Kerl in uns verliebt, der ja, weil er gleichermaßen von Frisuren wie von Liebe keine Ahnung hat, doch bloß auf unsere Figur achtet.

    Es ist nicht wahrscheinlich, dass die reiche Sucette und der arme Moinous aneinander geraten, dass aus ihnen ein Liebespaar wird und die eine wie der andere ihre Vorbehalte und Vorurteile werden ablegen können und sich in einander verlieben. Es ist nicht wahrscheinlich, dass die Millionenerbin sich in einen Arbeitslosen verliebt. Es ist nicht wahrscheinlich, dass die Ältere sich in den Jüngeren verliebt, die Gebildetere in den Ungebildeten. Das alles ist nicht wahrscheinlich. Aber warum sollten die Umstände sich um Wahrscheinlichkeiten scheren? Es ist auch nicht wahrscheinlich, dass man auf die Straße tritt und von einem Meteoriten erschlagen wird. Und dennoch sind, wie jeder weiß, Meteoriteneinschläge und unerwartete Liebesattacken die häufigste Todesursache in westlichen Gesellschaften. Also warum, wenn man auf die Straße tritt, nicht lächeln? Vielleicht hat man das Glück und wird wider die Wahrscheinlichkeit von einem imponderablen Ereignis dieser Art erschlagen.

    Es ist nicht wahrscheinlich, dass einem Mr Reemtsma über den Weg läuft und fragt, Sagen Sie mal, brauchen sie vielleicht eine lebenslange finanzielle und ideelle Unterstützung? Es ist nicht wahrscheinlich, dass man den Nobelpreis bekommt, dass man die Liebe seines Lebens trifft oder im Lotto gewinnt. Aber warum nicht davon träumen? Nicht das Geld brauchen wir, nicht den Preis, nicht einmal das Glück, das eine oder das andere zu erringen: Wir brauchen die Hoffnung. Moinous ist Tellerwäscher! Das ist im Amerika des 20. Jahrhunderts nicht nur der meistbemühte Mythos; er kann geradezu als ein notwendiger Karriereschritt in die Vorstandsetagen der internationalen Konzerne angesehen werden. Wir brauchen die Hoffnung, denn ohne Hoffnung ist nur Verzweiflung. Das ist die Figur, die Federman hier zeichnet: Die Figur des verzweifelten Optimisten.

    Die Dinge, auch wenn man weiß, dass sie später schiefgehen werden, dass sie schiefgehen müssen, und auch die Liebesgeschichte zwischen Moinous und Sucette geht am Ende schief; die Dinge sollten dennoch begonnen werden. Denn wenn sie nicht begonnen werden, gehen sie auch schief. Das ist eine Erkenntnis, sowohl erzählerisch als auch menschlich, die sehr wichtig ist. Ich weiß gerade nicht, ob sie auf den Autor dieses Buches zurückgeht oder auf mich selbst. Aber das ist oft ein Zeichen guter Literatur, wenn der Leser später nicht mehr weiß, ob er selbst so klug war oder der Autor ihm da unter die Arme gegriffen hat. Das Urheberecht hat hier an zentraler Stelle eine klaffende Lücke. Zum Glück.

    Zu der Übersetzung kann ich wenig sagen, mir liegt das Original nicht vor. Aber es klingt alles sinnvoll. Das ist ein einfacher, oft umgangssprachlicher Ton, den Federman mit vielen amerikanischen Autoren teilt und der in der Literatur des modernen Amerika offenbar als Zeichen von Lebendigkeit und Authentizität gilt. Neben dem Text bekommt man noch ein halbes Interview mit dem Autor „Wenn ich das Tempus gewechselt habe“. Das hat Raymond Federman inzwischen getan. Er ist im vergangenen Herbst gestorben. Im Netz finden sich einige Seiten zum Autor, darunter auch seine eigene. Er ist, soweit ich weiß, der Erfinder des Begriffs „Laughterature“. Mit dem Erwerb dieses schmalen Buches erhält man nicht nur einen schönen Text, sondern auch ein handwerklich schönes Buch. Zum Glück gibt es die kleinen Verlage, die noch mit solchen Dingen auf sich aufmerksam machen.

    Hier geht es zum blog von Mr Federman, natürlich gleich zur richtigen Seite.

    Anmerkung zum 15. März 1954. Ich weiß, dass wenn auf der Welt ein Tag ist, woanders auf der Welt schon ein anderer Tag ist. Ich weiß, dass es eine Datumsgrenze gibt. Aber die Formulierung in diesem Zusammenhang war mir wichtiger als die sachliche Richtigkeit.

    Raymond Federman
    Matthes & Seitz
    Eine Liebesgeschichte oder so was
    [Smiles on Washington Square]
    Aus dem amerikanischen Englisch von Peter Torberg
    224 Seiten,
    ISBN 978-388221-682-0
    € 19,80





    09 November 2010

    Licht im August IV: Ein Verhältnis von Worten und Taten

    Faulkner kann große Charaktere zeichnen. Er kann es vor allem, wenn den Figuren keine ausgeprägte Reflexivität zu eigen ist. „Absalom, Absalom!“, das Werk das im Anschluss an „Licht im August“ entstand, hat mich mehr beeindruckt als das vorliegende. Sei es, weil ich vor einigen Jahren noch leichter zu beeindrucken war, sei es, weil das spätere Werk das Beeindruckende noch deutlicher heraus- und hervorkehrt.

    Frauen und Männer, Geschlechterverhältnisse, ist das Thema dieses Beitrags. Ich suche mir die beiden hierfür wohl interessantesten Gestalten aus, Joanna Burden und Joe Christmas. Die beiden haben ein Verhältnis miteinander. Christmas, der mit seinem Rasiermesser in der Tasche herumläuft, deutet bereits seit dem fünften Kapitel an, dass etwas passieren wird. Dann brennt das Haus der Joanna Burden, sie liegt in dem brennenden Haus mit abgetrenntem Kopf. Die Indizien weisen auf Christmas hin. Aber wir wissen es nicht. Wissen ist in diesem Roman, vielleicht bei Faulkner insgesamt, keine wesentliche Größe. Ich hatte in meinem letzten Beitrag bereits auf die verschiedenen Dimensionen des Wissens hingewiesen.

    Im elften und zwölften Kapitel wird das Verhältnis zwischen den beiden beschrieben. Die Frau ist deutlich älter als Christmas, der dreiunddreißig ist. Es werden verschiedene Zahlen genannt, sie sieht aus wie dreißig oder fünfunddreißig, sie sagt, dass sie vierzig sei, Christmas deutete das aus einem nicht verständlichen Grund als „entweder einundvierzig oder neunundvierzig“: das ist nahezu die Spannbreite zweier Jahrzehnte. Sie ist wohl tatsächlich in der Nähe ihres Klimakteriums, diesseits oder jenseits dieser Grenze. Sie behauptet einmal, schwanger zu sein. Das Verhältnis der beiden erstreckt sich über mindestens drei Jahre und durchläuft mehrere Phasen.

    Die beiden, würde ich sagen, haben ein erotisches und ein verbales Verhältnis miteinander. Aber kein Liebesverhältnis. Ein Liebesverhältnis möchte ich als eines definiert, in dem die beiden anderen, das erotische und das verbale Verhältnis, in ein Verhältnis zueinander treten. Erst ein solches Verhältnis ist ein Liebesverhältnis.

    Wenn Faulkner das verbale Verhältnis der beiden Personen beschreibt, dann weiß man nicht, ob das genialisch oder dilettantisch ist. Eigentlich will man nach der Lektüre dieses kleinen Abschnitt fragen: sprechen sie nun miteinander oder nicht? Obwohl dies das Thema ist, wird es nicht deutlich. Das miteinander reden, vor allem wenn ein Mann und eine Frau miteinander reden, kann bisweilen schwierig sein. Und manchmal ist nach dem Reden nicht deutlich, ob man nun einen Schritt nach vorne oder zwei nach hintern getan hat.

    “Sie erzählte ihm ohnehin sehr wenig. Sie sprachen sehr wenig, und immer nur beiläufig, auch nachdem er der Liebehaber in ihrem Altjungfernbett geworden ist. Manchmal hätt er fast glauben können, dass sie überhaupt nicht miteinander sprachen, dass er sie überhaupt nicht kannte. Es war, als gäbe es sie zweimal: einmal die Frau, die er hin und wieder bei Tage traf und ansah, wenn sie miteinander sprachen, mit Wörtern, die nichts weiter aussagten, das sie das auch weder versuchten noch beabsichtigte, und dann die andere, bei der er nachts lag und die er nicht einmal sah, mit der er überhaupt nicht sprach.“

    Das Verhältnis der beiden wird zu keinen Zeitpunkt als eine Annäherung von zwei Individuen beschrieben. Sie stehen einander schroff gegenüber, unvermittelt, hart und oft gleichgültig. Auch hier macht Faulkner keinerlei Erklärungsversuche, er schildert bloß, was er sieht. Er beschreibt es, er gestaltet es, aber er greift nicht vermittelnd ein, er macht es dem Leser nicht verständlich. Als Christmas einen Zettel vorfindet, den Joanna ihm geschrieben hat, sagt Faulkner etwa zehn Mal, dass er, Christmas, den Zettel nicht liest und dass er ihn besser doch hätte lesen sollen. Aber eines sagt er nicht: was drauf steht. Es wird nicht aufgeklärt, was Joanna Christmas zu sagen hatte.

    Christmas lebt in der Hütte auf dem Grundstück der Joanna Burden, erst alleine, dann mit Joe Brown zusammen. Sie stellt ihm manchmal Essen hin. Eines Tages geht er durch das große Haus zu ihr und entjungfert die Frau: „Er sprach mit ihr, mit angespannter, harter, leiser Stimme „Ich werd‘s dir zeigen. Ich wird‘s der Hure zeigen!“ Sie widersetzte sich nicht im Geringsten. Fast war es, als wollte sie ihm mit kleinen Änderungen der Haltung ihrer Arme und Beine helfen, als Hilfe schließlich notwendig war. Doch unter seinen Händen hätte der Körper auch der Körper einer Toten vor dem Eintreten der Totenstarre sein können. Aber er ließ nicht ab, und obwohl seine Hände hart und hastig waren, war es allein vor Zorn. `Wenigstens habe ich sie endlich zur Frau gemacht´, dachte er. `Jetzt hasst sie mich. Das, wenigstens, habe ich ihr beigebracht`.“

    Faulkners Stil ist manchmal geradezu bedenklich. Er ist kein Grammatikkünstler (zumindest in diesem Punkt sind wir beide uns ähnlich): der Gebrauch des Wortes „obwohl“ im obigen Zitat ist schlicht falsch. Das ist eine konzessive Konjunktion, die einen Sachverhalt einräumt oder zugesteht, hier hätte eine präpositionale oder konsekutive Konjunktion weit besser gepasst. Auf der anderen Seite: eine Frau die entjungfert wird, kann schlechterdings keine Hure sein. Auch hier ist Faulkner ungenau. Ungenauigkeit ist aber womöglich sein Stil. Womöglich ist die Bezeichnung „Hure“ einzig als männlicher Sprachgebrauch zu verstehen. Damit werden Männer beschrieben, die Frauen hassen, weil sie sich Männern hingeben. Die die Frauen sogar dann zu hassen, wenn sie sich ihnen und nur ihnen hingibt. Weil die Verachtung größer ist als die Achtung oder das allgemeine Bild der Frauen stärker ist als das individuelle der eigenen Frau. Hier müsste eine richtige Analyse her, die in einem Blog nicht zu leisten ist.

    Am nächsten Tag schmeißt Christmas das Essen, die verschiedenen Schüsseln, nachdem er ihren Inhalt identifiziert hat, an die Wand. Und sucht sich einen Job. Die beiden, Liebende darf man sie wohl kaum nennen, sehen sich offenbar ein halbes Jahr lang nur aus der Ferne und dann sitzt Joanna Burden eines Tages bei ihm in der Hütte und erzählt sehr ausführlich von ihren Vorfahren. Etwa zu dieser Zeit entwickelt die Frau großen Appetit, in erotischer wie auch in kulinarischer Hinsicht. Christmas spricht von Verderbtheit. Was das ist, beschreibt Faulkner nicht: das wird die wohl eher prüde Zeit nicht zugelassen haben, auch wenn sie die Beschreibung der Kastration Christmas zuließ. Es wird nur vom Furor jener Nächte gesprochen.

    Sie spricht von einem Kind. Sie scheint schwanger, dann aber ist nicht mehr die Rede davon. Ob es eine Sinnestäuschung ihrerseits war oder ob sie eine Fehlgeburt hatte, wird nicht gesagt. Erneut gehen die beiden Wochen und Monatelang aneinander vorbei. Christmas will weggehen. Er wartet darauf, gehen zu können. Und geht nicht. Sie will ihn zum Beten zwingen. Er weigert sich. Er denkt, sie sei wahnsinnig. Sie will, dass er zur Schule geht, dass er Jura studiert, dass er ihre Geschäfte führt. Er weigert sich. Er schlägt sie. Das Verhältnis wird zu einem Machtkampf. Wenn es überhaupt eine Entwicklung gibt, dann diese.

    “Zünde die Lampe an“, sagte sie.
    „Ich brauche kein Licht“, sagte er.
    „Zünde die Lampe an.“
    „Nein“, sagt er.
    …..
    „Kniest du mit mir nieder?“, fragte sie. „Ich bitte nicht darum.“
    „Nein“, sagte er.
    „Ich bitte nicht darum. Nicht ich bin‘s, die darum bittet. Knie mit mir nieder.“
    „Nein.“
    Sie sahen einander an. „Joe“, sagte sie. „Zum letzten Mal. Ich bitte nicht darum. Denk daran. Knie mit mir nieder.“
    „Nein“, sagte er.“

    Sie bedroht ihn schließlich mit einer Pistole. Sie bedroht ihn nicht nur, die drückt ab. Die Pistole funktioniert nicht. Dann steht Christmas auf der Straße und hält ein Auto an, mit ihrer Pistole in der Hand. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass er sie umgebracht hat. Möglicherweise ist es aber auch Joe Brown gewesen. Der wohl auch das Haus angezündet hat.

    Kein Wort des Autors oder Erzählers, kein Wort der beiden Figuren, warum sie diese zermürbende Liaison nicht beenden. Keiner macht den Versuch, keiner scheint auf den Gedanken zu kommen, dass, was man angefangen hat, auch beenden kann. Es wird nichts über den Furor jener Nächte berichtet, nichts über Genuss oder Anziehung oder, was in der Liebe eine so große Rolle spielt, über die Hoffnung. Ich sagte eingangs, es sei kein Liebesverhältnis, weil ein Liebesverhältnis ein Verhältnis von Worten und (erotischen) Taten ist. Das ist es hier nicht, weil keiner der beiden Partner, Mann und Frau, Worte oder Taten, überhaupt in der Lage sind, sich auf einen anderen einzulassen. Die sind gar nicht wie zwei Menschen, die stehen sich wie im Krieg unversöhnlich gegenüber: „Da war kein weibliches Zaudern, keine Scheu vor offensichtlichem Verlangen und der Absicht, sich schließlich doch zu ergeben. Es war als kämpfe er körperlich mit einem anderen Mann um einen Gegenstand, der für keinen von beiden einen eigentlichen Wert hatte, um den sie allein um des Prinzips willen kämpften.“

    Dennoch, das klingt fast wie Hohn, findet sich in der Gestaltung dieses Verhältnisses der beiden Personen, einer der, wie ich finde, schönsten Sätze in diesem Buch, bereits gegen Ende des zweiten Kapitels: „Als er jetzt das Gesicht hebt, merkt er, das er es schon wieder gesenkt hat, bevor er auch nur ihrem Blick begegnet ist.“

    Was immer die Leser und Leserinnen hier an Erfahrungen mitbringen, ich denke, das ist etwas, was jeder kennt, dieses hin und wieder wegesehen bevor man richtig hingesehen hat. Wo das Bemerken den Handlungen immer hinterherläuft. Was man auch tut, man hat es bereits getan. Es gibt allerdings auch die gegenteilige Situation im Leben. Da weiß man bereits im Voraus, was man tun wird. Und tut‘s dann doch nie. Als reiche das Wissen aus oder als seien Handlungen zu gefährlich. Wissen ist ja auch eine Weise, sich von der Welt fernzuhalten. Sich aus der Welt herauszuhalten, indem man etwas über sie weiß.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 Oktober 2010

    Taten und Zutaten, Möglichkeiten, Verbrechens- und Verfolgerforschung

    Meine Kommentare auf Iris Nebel und Schneck stelle ich heute nicht in den Kommentarbereich, sondern hierher. Den Anlass dazu gab der von Iris Nebel verlinkte Artikel über Friederike Mayröcker, die ein Buch geschrieben hat, bestehend aus Kommentaren und Fußnoten zu einem Werk, das es nicht gibt.

    Liebe Iris,

    ohne zu glauben, dass man sich für ein Lob immer bedanken muss, denn man hat das Gelobte ja nicht um des gelobt werden willens getan, sondern um der Sache willen; und ohne auch gleich zurückloben zu wollen, weil ich ebenfalls glaube, dass man sich auf andere Weise bedanken kann, als durch das Hin- und Herloben; obwohl ich dies beides glaube, muss ich Sie hier ebenfalls loben für Ihren Kommentar!

    Die Art und Weise wie Faulkner seinen Text präsentiert, hochartifiziell mit logischen Brüchen ist tatsächlich, auf diese Spur haben Sie mich jetzt geführt, eine Art und Weise Möglichkeiten vor Augen zu führen. Es sind dabei nicht nur die Möglichkeiten die der jetzige Moment in der Zukunft erkennen möchte. Vielmehr unterliegt das keiner strengen Zeitenfolge. Möglichkeiten können sich auch in der Vergangenheit offenbaren. Ich kann meinen unveröffentlichten Roman als eine Niederlage empfinden. Aber ich habe nur zwei richtige Absagen, weil ich mich dann nicht mehr bemüht habe. Nun habe ich vielleicht mit meinem zweiten Roman Erfolg, kann dann gleich für das erste Buch auf einen Verlag zurückgreifen und kann, aufgrund meiner inzwischen verbesserten Technik und meines veränderten Stils, deutlich verbessern. So wird aus der vergangenen Niederlage ein Erfolg. So etwa in der Art meine ich das mit den vergangenen Möglichkeiten. Es sind nicht die Dinge, die bestimmend sind, auch wenn man sie als erstes sieht, es sind die Möglichkeiten, die sich in ihnen verbergen oder andeuten.

    Das ist auch der Stil von Faulkner, indem er Dinge, Sachverhalte, Umstände wieder und wieder erzählt, iterativ oder assoziativ, aus anderen Zeiten, aus anderen Augen und anderen Blickwinkeln. Er entwickelt dabei tatsächlich ein Möglichkeitsbewusstsein. Letztlich ist ein Erzähler fiktionaler Texte natürlich immer an die Chronologie gebunden, wie die er Musik. Da sind die darstellenden Künste etwas freier in ihren Gestaltungsmöglichkeiten.

    Wie Sie auf Ihrer eigenen Seite schreiben, diese Zerlegung, oder die Collage, das ist ein sehr poetisches Verfahren. An Gedichten kann man das sehr viel leichter zeigen: etwas, das Betrachtete oder Untersuchte, wird in seine Einzelteile, in Momente zerlegt. Aber es wird danach nicht wieder zusammengefügt. Weil das nicht geht. Weil die Zerlegung das künstlerische Moment sehr viel deutlicher herausarbeitet, als das zusammenfügen. Nach der Zerlegung habe ich mehr als ich zuvor hatte. Würde ich es nahtlos zusammenfügen können, wäre nichts gewonnen und nichts verloren. Das „Zuviel“ oder „Zuwenig“ ist das, was interessant ist, die scheinbare Differenz zur Realität.

    Sieht man die Wohnung Mayröckers, könnte man leicht die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und ausrufen: eine Messie! Das halte ich für wenig angebracht. In den Köpfen von vielen Künstlern, von anderen wahrscheinlich auch, sieht‘s genauso aus. Tausende von Ideen, Zetteln, Wegen, die man nicht gehen kann, weil man sie gerade unter den anderen Wegen, Zetteln und Ideen nicht wiederfindet. Aber man hat sie irgendwo. Man hat sie aufgeschrieben, man hat sie notiert und abgelegt, sie sind nicht für immer verloren, Sie sind nur in dem Moment verloren, in dem man sie braucht. Aber generell sind sie gerettet. Und das ist die die Form von Verlorenheit und Rettung, die man vielleicht auch im Leben spürt: eine allgemeine Rettung, die ist irgendwo, aber konkret kann man sie derzeit unter all den möglichen Rettungswegen nicht ausfindig machen.

    ———————————————————————————————————

    Lieber Schneck,

    normalerweise weckt mich mein Wecker. Durch ein lauter und penetranter werdendes, aber nicht unbedingt unangenehmes Geräusch. Es soll mich immerhin wecken. Ich finde das von der Anlage her primitiv. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich wecken zu lassen: warum ausgerechnet durch ein Geräusch? Der Wecker könnte mich in den Arm nehmen, mir zuflüstern, dass er mich liebt und dann Dinge mit mir tun, die ich hier jetzt nicht ausbreiten will, nicht, weil ich sie mir nicht vorstellen kann, sondern weil ich sie mir zu gut vorstellen kann, als das ich dann noch irgendetwas anderes ausbreiten könnte. Macht der Wecker aber nicht. Er weckt mich nicht, indem er einen angenehmen Duft verbreitet. Er könnte mir etwas Schönes zeigen. Er könnte mich durch den Geschmack des Frühstücks wecken. Macht der Wecker alles nicht. Er arbeitet sich wie eine Kreissäge durch einen Balken in meine Ohren hinein und durch meinen Kopf durch, so dass der, wie der zersägte Balken, in zwei Teile auf den Boden fällt. Ich bin dann nicht wach, ich bin tot.

    Heute Morgen war es anders. Und das lag an gestern. Ich lasse mich durch mein Telefon wecken, damit ich wenigstens einmal am Tag weiß, wo das ist. Ich habe leider die Tendenz, das nicht zu wissen. Und wenn ich es nicht weiß, dann weiß ich das nicht tendenziell nicht, sondern total. Einmal am Tag weiß ich es dann. Heute weiß ich es nicht. Weil ich es gestern nicht finden konnte. Ich lag zwei Tage mit einer Mittelohrentzündung im Bett und gestern habe ich mich entschlossen, dass mich heute Morgen die Arme eine heiß geliebten Mannes wecken, der in meine Ohren flüstert. Ist dann nicht geschehen. Es geschah aber …

    … es geschah aber, dass ich von ganz alleine wach wurde. Das halte ich für die Wecktendenz der Zukunft! Ohne Einmischung von außen. Ohne randalieren und ohne den Versuch, meine Sinne zu beschädigen, mich in zwei Teile zu sägen und ohne irgendeinen äußeren Einfluss wird der Schlafende und die Schlafende geweckt indem er und sie einfach, was?, genau: wach werden! Wachwerden indem man zu schlafen aufhört.

    Ich war schon einmal sehr nah an diesem Idealzustand, gefährlich nahe, daher kommen solche Phantasien. Meine Eltern haben mich als Kind geweckt, aber ich bin einfach nicht wach geworden, ich konnte mich nur mit Mühe waschen, anziehen, frühstücken; richtig wachgeworden bin ich erst im Auto. Meine Eltern sind beide Lehrer und wir sind damals zusammen in die Stadt und zur Schule gefahren.

    Verbrechen ist ein schönes Wort. Tat und Zutat: schöne Worte. Auch Verfolger ist ein schönes Wort. Das ist eine Ehre, wenn man nach einem Verbrechen verfolgt wird. Wenn man seinen Verfolgern zeigen kann, dass man besser ist als sie, schneller und gewitzter. Ich weiß nicht, ob diese Tendenz derzeit bei den Verbrechern sehr beliebt ist. Die meisten, fürchte ich, hauen einfach nur ab. Die verstehen das nicht als eine intellektuelle oder künstlerische Herausforderung. Ich fürchte, die Verbrechens- und Verfolgerforschung ist derzeit in keinem guten Zustand.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    14 Oktober 2010

    Licht im August II: Der Anschein natürlicher Vorgänge

    Alle Welt amüsiert sich und ich führe das dürftige und entsagungsreiche Leben einer Schriftstellerin. Entsagungsreich ist ja ein seltsames Wort. Das gibts im Rumänischen häufig, das Worte sowohl den einen als auch den entgegen gesetzten Sinn haben.  Nach allerlei Verwirrungen der letzten Tage – Verwirrungen des Zöglings Torik – geht es hier wieder um das, worum es hier geht: Literatur.

    Zum Thema Erzähltechnik und Erzählperspektive lässt sich lang und vor allem breit referieren. Es ist ein Anfängerthema, das in der Regel in den ersten Semersten eines Literaturstudiums behandelt wird. Dennoch ist es komplex. Große Theoretiker wie Roland Barthes, Roman Jakobson und Paul Ricoeur – das sind nicht zufällig alles Franzosen, das war bei uns am Institut so, da waren die französischen Einflüsse maßgeblich – wichtige Arbeiten zu diesem Thema verfasst. Für die vorliegenden Zwecke scheint es mir ausreichend, sich zu vergegenwärtigen, dass der Leser es immer mit einer Erzählinstanz zu tun hat: nie kommt etwas an das Ohr oder das Auge eines Lesers, ohne dass es dahin gebracht worden ist.

    Es gibt keinen natürlichen Erzählvorgang. Wie in der darstellenden Kunst lange Zeit die sogenannte Zentralperspektive als die natürliche Perspektive galt, galt in der Literatur die chronologisch fortschreitende Erzählung als natürlich, die nach einem quasi additivem Prinzip formuliert wurde: Und dann und dann und dann …. . Hier wie dort handelt es sich allerdings nur um den Anschein natürlicher Vorgänge. Was man erzählt, muss man darstellen. Und durch die Darstellung verändert man eine Wahrheit, die es ohne diese Darstellung nicht gäbe.

    Das lässt sich an einem Beispiel zeigen, Miguel de Cervantes „Don Quijote von der Mancha“. Im zwanzigsten Kapitel sieht Sancho Pansa zu wie ein Ziegenhirte seine Herde von dreihundert Ziegen mit einem kleinen Boot über eine Furt hinübersetzt. Er muss jede einzelne Ziege transportieren, der Vorgang wiederholte sich also viele Male. Als der Knappe Don Quijote, der ja nicht dabei war, davon berichtet, erzählt er von jeder einzelnen Fahrt, mit immer den gleichen Worten immer wieder dasselbe, und noch eine und noch eine und noch eine …. Bis der edle Ritter ihn unterbricht: „Nimm an, er habe sie alle übergesetzt“, sagte Don Quijote, „und fahre nicht ewig so hinüber und wieder herüber, sonst wirst du in einem ganzen Jahr nicht fertig, mit dem Übersetzen deiner Ziegen.“

    Es gibt, versteht man hier nahezu intuitiv, ein zeitraffendes Erzählen, man kann die Herde in einem Satz hinüber transportieren und erzählen, es gibt ein zeitdeckendes Erzählen, was Sancho Pansa da im Sinne hat, und es gibt ein zeitdehnendes Erzählen: „in einem ganzen Jahr nicht“. Und wie man mit der Zeit umgehen kann, so kann man auch mit Modus, der Mittelbarkeit des Erzählten, und der Stimme verfahren, die Auskunft gibt über den Ort der Erzählsituation gibt.

    Da wir nichts erzählen können, ohne das Erzählte in eine zeitliche Ordnung zu bringen und da die Chronologie die einfachste Ordnung ist, die sich denken lässt, finden wir in jedem poetischen Text auch eine chronologische Ordnung. Bei Faulkner finden wir allerdings keine durchgehende Perspektive. Wir haben einundzwanzig Kapitel, die einzelne Geschichten und Personen aus unterschiedlichen Richtungen erzählen – Personen, mit individuellem Tonfall und unterschiedlicher Erzählgeschwindigkeit. Wir haben immerhin so etwas wie einen Rahmen, Lena Grove ist die beherrschende Figur des ersten und letzten Kapitels. Ein Gesamtbild der Ereignisse entsteht, indem Umstände mehrfach erzählt werden, aus den Blickwinkeln verschiedener Personen, verschiedener Zeiten und unterschiedlichen Wissenshorizonten des Lesers. Das ist kein Puzzle, das Faulkner hier legt, so dass am Ende, nach 21 Kapiteln, 480 Seiten und 30 Erwähnungen des Brandes von Joanna Burdens Haus ein vollständiges Bild vor uns steht. Das Bild hat an vielen Stellen Lücken und an anderen liegen ein Duzend Teile übereinander. Aber es ist das Bild, das Faulkner zeichnen will. Es ist seine Weise den Pinsel oder den Bleistift zu führen. Es ist sein Strich.

    Diese Art der Darstellung betrifft nicht nur die Einteilung in die Kapitel, sondern lässt sich im Detail zeigen. Ich verfolge die Erzählerpositionen im vierten Kapitel. Byron Bunch ist bei dem Geistlichen Hightower zu Besuch und erzählt wie am Tag zuvor die hochschwangere Lena Grove im Hobelwerk auftauchte. Sie hatte gehört, dass ein Mann namens Lucas Burch dort tätig sei, der Vater ihres Kindes. Dies allerdings ist eine Verwechslung aufgrund der phonetischen Ähnlichkeit von Burch und Bunch. Das Verhältnis von Erzählerbericht und direkter Rede ist in etwa eins zu zwei. Es ist Byron, der erzählt. Hightower unterbricht lediglich bisweilen den Erzählfluss durch Fragen. Der Erzähler sitzt sozusagen als der unsichtbare Dritte mit den beiden anderen am Tisch. Ich referiere die Struktur dieses Kapitel, nicht jeden einzelnen Wechsel (dann bin ich im nächsten Jahr noch nicht fertig mit dem Übersetzen), mit Sprüngen, da die Angelegenheit recht unübersichtlich und komplex ist.

    Der Erzähler beschreibt kurz die Situation, da die beiden Männer zusammensitzen. Dann berichtet Byron in direkter Rede davon, wie Lena Grove im Hobelwerk plötzlich hinter ihm steht und nach Lucas Burch fragt. Durch Fragen Hightowers animiert, erzählt Byron, dass das Haus der Joanna Burden während er mit Lena spricht, brannte. Später hörte Byron andere reden, dass Christmas und Brown auf dem Grundstück der Joanna Burden in einer Hütte lebten. Sie haben dort illegal Whiskey verkauft. Weiter erzählt Byron, dass Joe Brown von einem Farmer betrunken in dem brennenden Haus gefunden wurde und inzwischen als Verdächtiger im Gefängnis sitzt. Christmas ist seither spurlos verschwunden, erfahren wir durch den Erzähler. Byron erzählt, dass Christmas Brown vor einiger Zeit betrunken aus einem Friseurladen gezerrt hat. In seiner Erzählung berichtet er das Gespräch zwischen Christmas und Brown in direkter Rede, als wäre er dabei gewesen; wir wissen allerdings nicht, ob es so ist. Dann berichtet der Erzähler, dass Byron nach der Arbeit im Hobelwerk Lena in eine Pension bringt. Byron berichtet in direkter Rede das Gespräch zwischen der Wirtin und ihm. Dann wird das Gespräch zwischen der Wirtin und Lena erzählt: vom Erzähler, obwohl es eigentlich Byron erzählen könnte, er war ja dabei. Von dieser direkten Rede geht’s ohne klärenden Übergang oder die Einmischung des Erzählers  wieder zu der direkten Rede zwischen Byron und Hightower. Dann erzählt Byron in direkter Rede davon, dass zur selben Zeit, da er mit Lena in der Pension saß, Brown im Büro des Scheriffs sitzt. Byron erzählt in direkter Rede noch einmal die Szene im Friseurladen, mit den wörtlichen Kommentaren der dort Anwesenden, dann berichtet Byron in direkter Rede von dem Landarbeiter, der den Brand entdeckt hat, den betrunkenen Brown und die Leiche der Miss Burden: obwohl er hier nicht dabei war. Das wäre Sache eines Erzählers, denn ein Erzähler, allwissend oder nicht, ist ja immer dabei. Dann erzählt Byron in direkter Rede wieder von Christmas und Brown, dann, in eingebetteter direkter Rede, von einem Gespräch zwischen den beiden, was nur ein Erzähler kann. Schließlich erzählt Byron in direkter Rede das Verhör zwischen dem Scheriff und Brown. Also ein erneuter Bruch in der Erzähllogik. Es übernimmt wieder der Erzähler, dann kommt der weitere Verlauf des Gesprächs zwischen Byron und Hightower und es endet, indem Byron erzählt, dass Lena von alledem nichts wisse und in direkter Rede werden die Worte Lenas wiedergegeben als sie in Jefferson ankommt, und von dem Pferdefuhrwerk absteigt, die Byron ja nicht kennen kann, denn er sagte ja zu Beginn zu Hightower, Lena hätte plötzlich im Hobelwerk hinter ihm gestanden.

    So ungefähr. In nuce kann man das sehr viel genauer machen. Aber das ist ja keine Arbeit aus dem Seminar. Die verschiedenen Dialogebenen gehen durcheinander. Byron erzählt Dinge, als wäre er dabei gewesen und übernimmt teilweise die Funktion des Erzählers, während der Erzähler sich an Stellen aus der Erzählung zurückzieht. Der Wechsel zwischen den Positionen geht in einem solchen Tempo vor sich, dass der Leser das gar nicht bemerkt. Man könnte geradezu von einer Auflösung einer konsistenten Erzählposition sprechen. Welche Funktion hat das? Was will Faulkner damit erreichen?

    Ich möchte zwei Dinge herausstellen. Die Distanz zum Leser ist in der direkten Rede sehr gering: so entsteht die Illusion einer großen Nähe zum erzählten Stoff. Wenn dann auch noch erzähllogische Grenzen übersprungen werden und die Figuren Umstände erzählen, die nur in indirekter Rede oder durch den Erzähler wiedergegeben werden können, dann dient das einerseits der weiteren Annäherung an den Stoff, hat aber noch eine weitere Funktion: die der Annäherung an unsere tatsächliche Wahrnehmung. Wir nehmen die Welt nicht strukturiert wahr, in chronologischer Weise, sondern mit großen Sprüngen, auch erzähllogischen Brüchen: hier haben wir etwas gehört, da ahnen wir etwas, da meinen wir bloß und dann wieder argumentieren wir oder unser Gegenüber. Hier haben wir einen inneren Monolog, da direkte Rede, eingebettete direkte Rede, Erzählerbericht. Das geht wild durcheinander. Das ist ja auch die Erkenntnis von Joyce und Sterne gewesen. Das ist die Auflösung einer konsistenten Erzählperspektive wie auch der Figurenrede. So wie die Wahrnehmung nun einmal funktioniert. Und das Erstaunlichste daran ist: man bemerkt es beim Lesen kaum. Vielleicht bemerkt man es auch im Leben nicht, diese Auflösung konsistenter Perspektiven. Und womöglich kann man doch, anders als eingangs behauptet, von einer natürlichen Erzählhaltung sprechen. Jedenfalls ist das das Bild, das, meiner Wahrnehmung nach, der Autor hier zeichnet.

    Das Verhältnis von Schriftstellern und Literaturwissenschaftlern entspricht in etwa dem zwischen Schwerverbrechern und der Polizei. Ein guter Schriftsteller ist seinen Verfolgern immer um eine Nasenspitze vorweg. Die Literaturwissenschaftler versuchen mit ihren Modellen zu beschreiben, was die flüchtigen Künstler machen. Diese kriminalistischen Modelle können die wahre Welt der Literatur immer nur annähernd beschreiben, sie können die Gitterlinien des Verstehens enger oder weiter ziehen, aber sie laufen immer hinterher. Deswegen will ich Schriftstellerin werden. Ich will keine Erklärungsmodelle, keine Schemata und keine Morphologien entwickeln. Ich will Verbrechen begehen!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    20 September 2010

    Ankünfte und Abschiede

    Ich bin wieder da. In Teilen. Andere Teile kommen nach. Es war nicht möglich, alles auf einmal zu transferieren. Ich komme in kleinen Parteien und Partikeln zurück. Ein Teil von mir ist früher wieder nach Berlin gekommen, andere kommen etwas später. Das wird in den nächsten Tagen zusammengefügt. Dann bin ich wieder ganz die alte. Oder sogar noch älter. Und noch ganzer.

    Die vergangenen Wochen waren ein wenig anders als geplant. Den letzten Teil der Reise, den Schlenker über Bukarest, musste ich streichen. Ich hätte also noch ein paar Tage in Transsylvanien bleiben können, aber ich hatte mich bereits verabschiedet als diese Modifikation deutlich wurde. Dann wollte ich zurück nach Berlin. Ich bin dieses Mal nur sehr schwer aus dem Leben und der Anspannung hier herausgekommen und in das Leben und seine Verhältnisse dort hinein. Ich habe den Modus der Entspannung nicht gefunden, nicht so wie ich das wollte. Ich habe kaum etwas gelesen und nur mit Mühe und Not „Licht im August“ geschafft. Das war immer ein klares Zeichen meiner Entspannung, wenn ich den ganzen Tag lesen konnte. Es gibt hinter dem Haus eine Stelle, man muss ein bisschen klettern, das Buch zwischen den Zähne, aber wenn man dann oben ist, kann einen keiner mehr stören. Da habe ich immer gelesen. Ich weiß nicht, warum ich bei früheren Aufenthalten die Zeit zur Entspannung fand, dieses Mal fand ich sie nicht.

    Sibiu liegt im Hochland, auf einer Höhe von etwa 400 Metern, aber relativ flach. Ich hingegen komme aus einem rumänischen Bergdorf, zwanzig Kilometer südwestlich von Sibiu, in der Mărginimea Sibiului, dem Randgebiet von Sibiu. Gut zehn Kilometer südlich der Stadt fangen sehr unvermittelt und an manchen Stellen beinahe schroff die Karpaten an. Man fährt auf dem Weg in mein Dorf durch Christian, das letzte Dorf der Sachsen in der Ebene; und das mit der größten Population an Störchen in Rumänien. Nahezu auf jedem Schornstein sitzt ein Storchenpaar und brütet über dem Nachwuchs. Die Storchennester sind charakteristisch für das ganze Dorf. Ich kenne dieses Bild, und das Geräusch, das Klappern der Störche, ich bin tausend Mal durch Christian gefahren, das war der Weg zur Schule. In diesem Jahr bin ich zu spät gekommen, die Störche waren schon weg. Ihre Nester waren alle schon verlassen. Das ist ein klares Zeichen für den beginnenden Herbst. Störche wissen, wann das Wetter schlechter wird. Dann machen sie mit dem Nachwuchs den ersten Sprung ins Donaudelta, wo sie eine Pause einlegen und sich sammeln, bevor sie dann in großen Zügen zum langen Flug nach Afrika, in den Sudan ansetzten. Dieses Jahr hatten sie sich allerdings geirrt, auch wenn es an dem Morgen meiner Ankunft regnete: der Sommer gab sich noch ein langes Stelldichein.

    Noch nicht ganz angekommen, noch am ersten Abend, gab es einen weiteren Abschied. Oder doch die Ankündigung dazu. Mein Großvater hatte, was ich nicht wusste, ein Fohlen gekauft. Und da neben den drei Kühen kein weiterer Platz im Stall ist, bedeutete dies unweigerlich, dass “Kleiner Onkel”, der zu uns kam als ich acht oder neun Jahre alt war, das Ende seines Lebens erreicht hat. Wo ich herkomme sind Pferde Arbeitstiere. Es kann sich kaum jemand leisten, ihnen ein Gnadenbrot zu geben. Das Ende der Arbeitskraft zeigt auch das Ende des Lebens an.

    Ich habe darüber nachgedacht, was es mich kosten würde, das Pferd zu ernähren. Das wären keine hundert Euro im Monat. Ich habe ein Stipendium von tausend Euro. Ich bekomme vom deutschen Staat ungefähr so viel Geld, wie meine Eltern zusammen verdienen. Ein Zehntel des Geldes könnte ich erübrigen, ohne dass es mir wirklich weh tut. Kleiner Onkel war einmal eine Vertrauensperson, mein erster bester Freund. Wenn ich Liebeskummer hatte, dann habe ich das dem Pferd erzählt. Und vor allem: Ich habe ihm seinen Namen gegeben. In der Welt der Worte hat er seine Existenz von mir. Er hat riesengroße dunkle, beinahe schwarze Augen und er erkennt mich auch noch nach Jahren der Trennung wieder. Er schnaubt und scharrt mit den Hufen. Wenn ich ihn dann nicht beachte, dreht er mit seinen Arsch zu. Dann ist er beleidigt.

    Ich kann ihm mit hundert Euro das Leben retten, zumindest einige Zeit. Ich habe eine Nacht darüber nachgedacht, und mich dann dagegen entschieden. Aber nicht, weil die finanzielle Situation bei mir in den nächsten Jahren absehbar schwierig wird. Das ist leider kein Stipendium auf Lebenszeit. Auch deswegen mache ich seit einiger Zeit so einen Druck, weil ich Angst habe, dass ich in eine Situation komme, wo ich nicht mehr weiß wie es weitergeht. Ich habe mich vielmehr dagegen entschieden, weil es geradezu obszön wäre, ein Pferd in Rumänien zu füttern, wenn man mit diesem Geld auch Menschen vor dem Verhungern retten könnte. Überall dort gibt es Leute, die nicht wissen, wie sie über den nächsten Winter kommen sollen, deren Renten und Gehälter gekürzt worden sind, bei deutlich steigender Inflation. Nach neuen Auflagen des Internationalen Währungsfonds ist die Mehrwertsteuer in diesem Jahr von 19 auf 24 Prozent angehoben worden. Die Preise für Energie und Lebensmittel steigen und die wirtschaftliche Situation bei vielen, vor allem bei alten Menschen, ist äußerst angespannt. Und in meinem Dorf gibt es nahezu nur noch Alte. Ich könnte jedem zweiten dort hundert Euro in die Hand drücken.

    Ich konnte mich kaum über das Fohlen freuen. Ich musste Abschied nehmen. Kleiner Onkel und ich: wir sind zusammen groß geworden. Ich werde das Tier nicht mehr wiedersehen. Also habe ich mir viel Zeit genommen, mich zu verabschieden. Ich bin mit aufs Feld gegangen, ich habe ihn jeden Abend gestriegelt und ihm Futter gegeben und ihm Geschichten erzählt, Geschichten vom Pferdehimmel. Das war es, was ich tun konnte. Deswegen hatte ich keine Zeit zu lesen. Mit dem Tier stirbt ein Teil meiner Kindheit. Das Schlimme ist: ich kann nichts dagegen tun. Und das noch Schlimmere: ich könnte etwas dagegen tun, aber ich finde keine Rechtfertigung dafür.

    Rumänien ist ein Agrarland. Kinder und Jugendliche sind eine unerlässliche Hilfe auf dem Feld. Die Sommerferien gehen einher mit den Belangen der Landwirtschaft: vom 15. Juni bis zum 15 September sind Ferien und die Kinder arbeiten mit ihren Eltern auf dem Feld. Als am Montag die Schule wieder anfing, habe ich meinem ehemaligen Gymnasium einen Besuch abgestattet (sagt man abgestattet? Abstatten? Wie abhalftern? Und bestatten?). An dem Tag sind die beiden unteren Bilder entstanden. Auf dem letzten Bild ist mein ehemaliger Mathepauker: der war zum ersten Mal erfreut, mich zu sehen. Über meine mathematischen Fähigkeiten hat er früher allerdings nur den Kopf schütteln können. Mich interessieren einfach Zahlen nicht. Sie interessieren mich so wenig, dass ich nicht  mit Ihnen umgehen kann. Jedenfalls war mein Lehrer erfreut, mich zu sehen und er ist heute, wie damals schon, immer in Begleitung von schönen Frauen. Der Typ auf dem Bild darüber war zwar frei & willig, aber ich nicht so richtig. Nett war er dennoch.

    Ich brauche noch etwas Zeit, hier anzukommen, einige Erlebnisse in Worte zu fassen und meine handschriftlichen Notizen anzusehen. Ich möchte die kommende Woche nutzen, um anzukommen, in dieser Stadt, in dieser Sprache, in meinem Blog, im Studium, in meinen Texten und in meinem Leben hier und jetzt. In dieser Woche werde ich einige Fotoserien einstellen. Ich habe mich entschlossen, wie NO das auch in einem entschiedenen Kommentar betont hat, das Blog nicht dauerhaft mit Fotos anzureichern. Bilder lassen sich hier nicht so einfach eingliedern. Ab nächsten Montag heiß es dann: weiter im Text!

    (Noch ein Wort zu den Fotos: ich habe die Bilder im Nachhinein neu skaliert, so dass sie in dieser hier vorhandenen Größe auch die beste Auflösung haben)





    08 August 2010

    Sie haben eine halbe Stunde

    [Mr NO and Mrs MB mahnten an, dass mein Erlebnis im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum in der vergangenen Woche, wo mich ein Asiate fotografierte und dann erschreckt fortlief, ich erst ungläubig schaute und dann laut lachte, dass dies in eine Geschichte münden müsse. Ich wechsele also ins Märchenfach. Das ist nicht das, was ich mir für meine weitere Entwicklung vorstelle, aber es geschah schließlich nicht irgendo, es geschah in the Grimms!]

    Eines Tages, Wu war schon hundert Jahre alt oder noch älter, da erzählte er, wie er vor langer Zeit nach Europa gefahren war. Er war noch jung damals. Er hatte keine Kinder und er wollte einmal nach Europa bevor er starb. Was willst du denn in Europa?, fragten die Leute. Aber das wusste Wu nicht genau. Als er fünfzig war, spürte er, dass es soweit war. Lange hatte es so ausgesehen, als spiele es keine Rolle, ob er jetzt führe oder später. Mit einem Mal drängte dann die Zeit. Eilig packte er seine Habseligkeiten zusammen. Dann saß er tagelang auf seiner Tasche. Er konnte ja nicht einfach losgehen, wie er das gewohnt war. Er musste auf den Bus warteten, der ihn die Stadt brachte. Von dort würde er mit einem Flugzeug fliegen.

    Drei Wochen blieb Wu in Europa. Als er zurück kam und aus dem Bus ausstieg, erkannte man ihn kaum wieder. Schwarzhaarig wie er immer gewesen war, hatte er in den Wochen seiner Abwesenheit graues Haar bekommen. Auf seinem Antlitz lag etwas Rätselhaftes. Wie war es in Europa?, fragten ihn die Leute. Was hast du erlebt? Aber Wu antwortete nicht. Er sprach von da an nur noch das Nötigste. Er aß, er trank und er bestellte sein Feld. Er fütterte die Ziegen und die Hühner. In seiner freien Zeit aber saß er vor seinem Häuschen und schaute in die Ferne. Das ist der Vorbote des Todes, sagten die Leute. Zuerst sprachen sie nur hinter seinem Rücken, dass er es nicht hörte. Dann wurden sie mutiger und sagten es auch in seiner Nähe. Schließlich sagten sie es ihm direkt ins Gesicht. So vergingen die Jahre. Die Leute in seinem Alter starben. Es starben auch Jüngere. Wu aber starb nicht.

    Die jungen Leute wohnten inzwischen in der Stadt, sie fuhren Auto und schauten fern und telefonierten den halben Tag. Am Wochenende kamen sie zu Besuch. Sie sahen Wu vor seiner Hütte sitzen, eine Schale Tee zwischen den Fingern. Sie erinnerten sich daran, dass Wu in Europa gewesen war und danach das Reden eingestellt hatte. Zehn oder zwanzig Jahren ist das her. Oder noch länger. Unendlich lange. Wu war uralt. Manche kannten sein Schicksal nur aus den Erzählungen der Eltern. Wu hatte schon vor seiner Hütte gesessen, als sie noch nicht geboren waren. Solange sie denken konnten, saß Wu schon dort. Erzähl uns, was du in Europa erlebt hast, hatten sie ihn als Kinder gebeten. Wu aber schaute an ihnen vorbei in die Ferne. Später forderten sie ihn jedes Wochenende auf, zu erzählen. Aber sie glaubten nicht daran, dass er, der schon immer alt und grau gewesen war, der vielleicht so auf die Welt gekommen war, den Mund aufmachen würde.

    Eines Tages, als man ihn zum hundertsten oder tausendsten Mal gebeten hatte, schaute er die Leute an als sähe er sie zum ersten Mal und als hörte er auch ihre Fragen zum ersten Mal. Sie haben eine halbe Stunde, sagte er. Ein halbe Stunde?, fragten sie Wu. Man hat für alles eine halbe Stunde, nicht mehr und nicht weniger. Die Leute wussten nicht, was sie mehr verwundern sollte, dass Wu wieder sprach oder dass er in Rätseln sprach. Als sie am kommenden Wochenende wieder zu Besuch waren, da erzählte Wu, ohne dass sie ihn auffordern mussten. Man hatte eine halbe Stunde. Für Westminster Abbey und die Tate Modern in London, das Louvre und für Sacré-Cœur in Paris, für das Prado in Madrid und Guggenheim in Bilbao, das Nationale Kunstmuseum und den Regierungspalast in Bukarest, den Reichstag und Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum in Berlin. Jedes Mal sagte der Reisebegleiter, Sie haben eine halbe Stunde. Wer weiß, was nach dieser Zeitspanne passiert. Vielleicht darf man diese Grenze in Europa nicht ungestraft überschreiten.

    Das sind seltsame Menschen, sagten seine Mitreisenden, die schon einmal in Europa gewesen waren. Man kann sie vom Äußeren kaum unterscheiden und sie starren einen an. Wu war ein wenig besorgt. Da alle anderen eine Kamera hatten, kaufte auch er einen solchen Apparat. Wer weiß, wozu das gut ist, sagte er sich. Er hatte noch nie eine Kamera besessen. Es war ein billiges Modell, eine Einmalkamera. Sie hatte nur einen einzigen Knopf, auf den man drücken musste, wenn man ein Foto machen wollte. Das konnte man fünfzig Mal tun. Dann war sie voll und man schickte sie ein und bekam die Bilder zurück. Wu trug die Kamera immer mit sich herum, aber er benutzte sie nicht. Er wusste nicht genau, ob er ein Foto machen wollte.

    Eine halbe Stunde hatten sie auch in Berlin, erst im Reichstag und dann im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum. Das ist eine Bibliothek, fast weiß, sehr gerade Formen, schmale Fenster, bis unter das Dach vollgestellt mit Büchern. Der Führer sagte in paar Worte zu den beiden Brüdern, die der Bibliothek den Namen gaben. Sie hatten Worte gesammelt und alte Geschichten, Mythen und Märchen. Danach wurde die obligatorische halbe Stunde angekündigt. Wu konnte sich nicht erinnern, warum die beiden andern, mit denen er bisher zusammen gewesen war, in Berlin nicht dabei waren. Jedenfalls zog er in der Bibliothek alleine los.

    Vielleicht war Wu in Gedanken gewesen. Vielleicht hatte er Hunger oder Durst gehabt, er geriet jedenfalls zwischen die Regalreihen. Wenn er am Ende einer dieser Regale angekommen war, drehte er sich um und ging den nächsten Gang entlang. Er ging Treppen hoch, Stockwerk um Stockwerk stieg er immer höher und höher, aber wohin er auch kam, es sah überall gleich aus. Regale bis ans Ende des Horizontes. Wu fühlte sich einsam. Er hatte schon lange keinen Menschen mehr gesehen. Er vernahm ein Brummen, aber er konnte nicht sagen, woher es kam. Er geriet immer tiefer hinein in den Raum und immer tiefer in die Zeit. Es wurde dunkler, die Regale rückten enger aneinander, sie bogen sich über ihm zusammen. Wu fand das unheimlich. Nach jedem Regal, wendete er sich erneut und kam wieder in einen anderen Gang, der in die Tiefe führte und an dessen Ende er wenden musste. Er vergaß alles um sich herum. Er ging nur noch die Regale entlang, wendete am Ende und ging den nächsten Gang. Es wurde immer dunkler, aber Wu bemerkte das nicht. Und dann schrie er mit einem Mal in höchster Angst auf. Er hielt sich dich Kamera zum Schutz vor das Gesicht und drückte ab. Dann schrie er noch einmal und rannte um sein Leben.

    Wu konnte sich nicht erinnern, wie er aus dem Gebäude herausgekommen war. Er konnte sich auch nicht an die Tage danach erinnern, an das restliche Europa. Er zog sich auf sein Zimmer zurück. Er sprach nicht mehr. Als seine Reisebegleiter sich nach ihm erkundigten, ließ er ausrichten, er fühle sich nicht wohl. Man solle sich keine Sorgen machen. Auf dem Flug war er in sich gekehrt. Er vergaß, sich von seinen Reisebegleitern zu verabschieden. Im Bus, der ihn in sein Dorf zurückbrachte, separierte er sich von den anderen. Als er ausstieg, sahen die Leute ihn besorgt an. Er reagierte nicht auf die Fragen, die sie ihm stellten. Er kümmerte sich um sein Haus und sein Feld und sein Vieh. Er würde alt werden. Er würde alt werden und immer älter, hundert oder tausend Jahre alt. Aber er würde nicht sterben.

    In ein paar Jahren, sagte er sich, wollte er noch einmal fahren. Er hatte es nicht eilig. Er wollte noch einmal nach Europa fahren, noch einmal dieselbe Reise. In Berlin würde er das Grimm-Zentrum besuchen und die Führung mitmachen. Dann käme dieser unverständliche europäische Ritus, Sie haben eine halbe Stunde, und Wu würde alleine losziehen. Er würde in die Tiefen dieses Gebäudes eindringen, er würde durch die Regale irren, immer tiefer und tiefer hinein in den Raum und in die Zeit, und ganz am Ende würde sie vor ihm stehen, diese große rothaarige Erscheinung, sie würde Feuer speien und lachen. Vielleicht würde sie ihn verschlingen.

    Solange dieser europäische Drache mit ihren feuerroten Haaren und ihren glühenden Augen auf ihn wartete, solange würde er nicht sterben. Wu strich mit seinen Fingern über das Foto, das er damals gemacht hatte. Das einzige Foto in dem Apparat. Er hatte nur einen Abzug anfertigen lassen, weil er der Meinung war, dass mit jedem weiteren die Erinnerung verblasse. Und das wollte Wu nicht.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 Juli 2010

    Nächster Versuch: Bolaño

    Wer hier schon einmal mitgelesen hat, der weiß auch, dass ich nicht so leicht aufgebe. Oder vielleicht weiß er es nicht. Dann ist das eine noch zu verifizierende Behauptung: ich gebe nicht so leicht auf. Aber Roberto Bolaño habe ich aufgegeben. Weil es mir keinen Spaß macht, mache ich es jetzt ohne Spaß. Ich versuche im Folgenden, meine Kritik an „Die wilden Detektive“ zu formulieren.

    Das Buch ist wie ein Triptychon aufgebaut. Der erste Teil ist das Tagebuch von Juan García Madero von Anfang November bis zum 31. Dezember 1975; der dritte Teil setzt dieses Tagebuch übergangslos vom 01. Januar bis Mitte Februar 1976 fort. Zwischen diesen beiden schmaleren Flügeln, die in Mexico DF angesiedelt sind, findet sich der mittlere Teil, der zwei Drittel des gesamten Textumfangs ausmacht, sich etwa über 20 Jahre erstreckt und teilweise in Mexico und teilweise in Europa angesiedelt ist.

    Im ersten Teil lernt García Madero, wie ihn alle nennen, die Realviszeralisten kennen, eine Gruppe Poeten, oder eine Bande, deren Anführer Ulises Lima und Aturo Belano sind. Die beiden haben eine Zeitschrift herausgegeben mit dem umstrittenen Namen „Lee Harvey Oswald“, die mit dem Verkauf von Drogen finanziert wurde. Die Gruppe besteht aus vielleicht zwanzig oder dreißig vorwiegend jungen Männern um die zwanzig, die alle mehr oder weniger mit Sex, Gedichteschreiben und Überleben beschäftigt sind. Ein Dreischritt, der in keinem Fall als langweilig bezeichnet werden kann. Möglicherweise handelt es sich bei dem realen Viszeralismus um eine avantgardistische Strömung, möglicherweise aber verbindet diese Leute vor allem der Widerstand gegen die klassische Literatur, vertreten durch Oktavio Paz. Und möglicherweise verbindet sie auch rein gar nichts, nicht einmal das Gedichteschreiben, denn die meisten schreiben keine Gedichte, sie geben es schnell dran oder sie distanzieren sich bei der erstbesten Gelegenheit von dieser Strömung oder gleich von der gesamten Lyrik. Das wird von Bolaño geschickt in der Schwebe gehalten.

    Juan García Madero verliebt sich in Maria Font, möglicherweise aber auch in deren Schwester Angélica, mit María jedenfalls hat er Sex. Sex hat er auch mit der Kellnerin Rosario, mit der er zusammen lebt. Er lernt Lupe kennen, eine junge Prostituierte, eine Bekannte Marias, die in dieselbe Tanzschule geht wie diese; sie allerdings, nach eigener Aussage, nur zum Ficken mit dem Direktor. Lupe hat einen Zuhälter, der ihr, nachdem sie von Quim, dem Vater Marías, aus einer unangenehmen Situation befreit wird, auf den Leib rückt und das Haus der Familie Font belagert. Am Silvestertag brechen García Madero, Lupe und Ulisis und Belano aus der Belagerung aus und fahren mit dem Auto von Quim weg. Damit endet der erste Teil.

    Der mittlere Teil ist ein wilder oder surrealistischer Mix. Hier wird das Schicksal von Lima und Belano verfolgt, die sich aus den Augen verlieren und wiedertreffen und erneut verlieren, die unabhängig voneinander durch die Welt reisen, nach Mexiko zurückkehren und dann wieder verschwinden. Das wird aus verschiedenen Perspektiven berichtet. Es berichten diejenigen, die bis dahin als die Realviszeralisten beschrieben wurden, aber auch neu eingeführte Personen. Diese bis auf weniger Ausnahmen sehr kurzen Textstücke bauen chronologisch fortschreitend aufeinander auf. Sie berichten entweder direkt über einen der beiden, über beide oder in mehr oder minder großer Entfernung zu Ihnen, die mitunter so groß sein kann, das man den Zusammenhang selbst herstellen muss.

    Im dritten Teil wird die Geschichte der vier Autofahrer weitererzählt: García Madero, Lupe, Ulisis Lima und Arturo Belano.

    Die Konstruktion der drei Teile ist reizvoll, weil das Schicksal von Belano und Lima in den kommenden 20 Jahren dem Leser bereits bekannt ist, wenn García Madero den zweiten Teil seines Tagebuchs führt. Allerdings empfinde ich sie auch als künstlich. Den Mittelteil empfinde ich als sehr lang und nicht unbedingt als aufklärend. Mir sind die beiden Personen danach nicht näher als sie es zuvor waren. Aber das kann man sicher auch anders empfinden. Unter künstlerischen und kreativen Aspekten betrachtet, ist dies der interessanteste Teil.

    Zwei Frauen finden sich am Horizont des Realviszeralismus: da ist Laura Damían, einer Poetin, einer Dichterin, die mit 20 Jahren gestorben ist und deren Eltern nach dem Tod ihrer Tochter einen Preis für junge Poeten stiften. Und da ist Cesárea Tinajero, die von Lima und Belano als der mythische Ursprung ihrer eigenen Dichtung eingeschätzt wird. Zwei in gewisser Weise unerreichbare Frauen. Im dritten Teil begeben sich die vier Personen auf die Suche nach Cesárea Tinajero.

    Ich werde im Weiteren lediglich einen Punkt betrachten: jenen, der zum Abbruch meiner Lektüre geführt hat: die Beschreibungen von Sexualität durch den Autor. Die meisten Personen gehen sehr freizügig mit ihrer Sexualität um. Sex ist nie ein Problem. Problem ist höchstens, die ins Bett zu kriegen, die man will. Wenn das nicht klappt, nimmt man jemand anderen. Problem ist die Verfügbarkeit des Objekts, nicht die Sache selbst. Sex ist dadurch entindividualisiert. Das ist einer These Jaques Lacans nicht fern, der von der Gleichgültigkeit, also der gleichen Gültigkeit der Sexualobjekte sprach.

    Sex wird zum größten Teil mit dem Wort vögeln bezeichnet. Es gibt zwei Szenen die davon abweichen. Liebesszenen, die nicht nur mit einem Wort skizziert und in gewisser Weise auch abgewertet, sondern ausformuliert und dargestellt werden. Beide betreffen María, und in beiden lässt sie ihre Neigung zur Brutalität erkennen: einmal mit García Madero und das andere Mal mit Piel Divina: sie will geschlagen und gewürgt werden. In allen anderen Fällen – man mag es mir nach sehen, wenn ich eine Szene vergessen haben sollte – wird das Liebesleben zwischen zwei Menschen nur als vögeln bezeichnete. Er wird also nicht erzählt. Es wird nicht erzählt und dadurch fällt etwas aus.

    Ich habe das Buch nicht zu Ende gelesen, ich bin bis zu diesem Satz gekommen, aus der Perspektive García Maderos „ … dann stand ich auf und sagte zu Lupe, sie solle mitkommen, und wir gingen hinauf auf ihr Zimmer, wo wir wie verrückt vögelten, als müssten wir morgen sterben …“, Seite 635 (von 677); also doch immerhin recht weit. Den Satz hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt, so oder zum Verwechseln ähnlich, über den Daumen gepeilt schon dreißig Mal gelesen. Das ist eigentlich nicht viel, es sind eine Menge Personen beteiligt, Sexualität ist ein ganz wesentlicher Punkt im Leben der Menschen, und der Zeitraum des mittleren Teils beträgt etwa 20 Jahre. Wenn also in zwanzig Jahren fünfzig Personen insgesamt dreißig Mal „vögeln“ sagen, dann ist das wirklich nicht viel. Es macht aber den Eindruck viel zu sein, wenn die Personen, alle Personen, sich niemals, oder beinahe doch, anders über Sex äußern, als in der oben genannten Manier.

    Und es macht den Eindruck mehr als genug zu sein, wenn es danach aussieht, dass dieser Umgang mit dem Thema nicht das Produkt eines Buches ist, nicht eines fiktionalen Umgangs, sondern das Produkt des Autors. Wenn ich annehmen muss, dass Bolaño nur vögeln sagen kann, dann wird es schwierig. Aber nicht etwa, weil ich ihm dann einen eingeschränkten Sprachgebrauch nachweisen könnte – es gibt Autoren, die mit sehr wenigen Worten sehr viel weiter kommen als manche andere mit vielen Worten -, sondern weil ich dann befürchten muss, es nicht mehr mit einem Produkt der Phantasie zu tun haben, also mit einem Buch, sondern mit einer realen Person: Roberto Bolaño selbst. Denn der hat in dieser Geschichte absolut nichts zu suchen.

    Zurück zu der Teststelle, an der ich meine Lektüre abgebrochen habe. Lupe ist eine Prostituierte und Prostituierten kann man vielleicht sagen, dass sie mitkommen sollen und dann vögelt man sie. Aber es werden hier alle Frauen über diesen Kamm geschoren: man vögelt sie. Wie man Prostituierte vögelt. Frauen werden hier wie Gegenstände mit einem Loch in der Mitte behandelt. Ich spreche hier nicht einmal aus einer feministischen Position heraus. Ich spreche allein von der offensichtlichen Unfähigkeit oder Unwilligkeit, es zu gestalten, es auszuarbeiten: sich in die Personen hineinzuversetzen. Sie zu vögeln ist allerdings nicht die einzige Möglichkeit in eine Person einzudringen. Was denkt oder empfindet Lupe, als Garcia Madero das zu ihr sagt? Der Leser kennt sie. Das ist eine Person, keine Vagina mit personalen oder personenähnlichen Elementen drum herum. Wie wissen, dass sie achtzehn Jahre alt ist, wir wissen, dass sie vor einem Zuhälter geflohen ist und wir wissen auch, dass sie ein Kind hatte, das gestorben ist. Diese Person hat also für den Leser sogenannte „Identifikationsmerkmale“, sie gewinnt Kontur. Was passiert mit dieser Person, wenn ein Mann zu ihr sagt: mitkommen. Will sie das auch? Will sie nicht? Hat sie keinen Willen und macht eben das, was andere von ihr wollen.

    Wir können nun sagen, dass genau dies die Lebenswelt ist, die Bolaño hier gestalten wollte: dass die Beziehungen zwischen Personen denen zwischen Gegenständen ähneln. Es gibt in dieser Welt keine Emotionen mehr. Es gibt emotionsfreien Sex, sonst nichts. Keine uninteressante These, ganz und gar nicht. Dann muss der Autor dem Leser etwas zur Verfügung stellen, woran der erkennen kann, dass es sich dabei um eine literarische Fiktion handelt. Der Leser muss den Autor von seiner These, also von der Gestaltung dieser These in seinen Figuren unterscheiden können. Der Leser muss in dem Text einen Punkt finden, der von der These abweicht, eine Person, die die gegenteilige Auffassung vertritt vielleicht. Es muss dem Leser deutlich werden, dass es sich bei der Fiktion um eine „relationale Wahrheit“ handelt. Und nicht um die ganze Wahrheit, denn das Ganze lässt keinen Punkt außerhalb seiner selbst zu. Wenn ausnahmslos alles „Glück“ ist, dann gibt es den Punkt nicht mehr, von dem aus man das Glück noch wahrnehmen und beschreiben könnte; und dann kann man nicht mehr glücklich sein. Oder man weiß von seinem Glück nichts mehr. Es muss ein Außerhalb geben.

    Diesen Punkt sehe ich bei Bolaño nicht. Gegen meine Auffassung ließe sich jetzt hier anführen, dass die beiden beschriebenen Sexszenen die María Font betreffen, dieser Punkt sind, dieses Außerhalb, also meinetwegen die eigentliche Position Bolaños, wie immer man das formulieren will. Ich sehe im Gegenteil, dass Sexualität auch in anderen Texten des Autors so gehandhabt wird. Auch im „Chilenischen Nachtstück“ gibt es eine ganz seltsame Gestaltung der Sexualität, die ich als emotionsfrei oder den Emotionen ausweichend verstehe.

    Ich habe nichts gegen die Tätigkeit des Vögelns einzuwenden, weder als Freizeitbeschäftigung, noch als Theorie und schon gar nicht als Sexualität. Aber ich hätte es gerne ein wenig beschrieben und außerdem etwas variiert. Ich möchte es erzählt bekommen. Bolaño war Schriftsteller, kein Drehbuchschreiber für Pornofilme.

    Ich bin nicht so dumm, den Autor mit dem Erzähler dieser Geschichte zu verwechseln. Aber ich bin intelligent genug, um, wenn ich Buch um Buch in dieser Manier präsentiert bekomme, zu erkennen, dass kein lyrisches Ich und auch keine abstrakte Erzählinstanz dahinterstecken, sondern niemand anderes als der Autor. Die Schranke der Fiktionalität wird eingerissen, wenn dem Leser nicht die Möglichkeit gegeben wird, zwischen dem Erzähler und dem Autor selbst zu unterscheiden. Die Theorie der Fiktionalität erfordert, dass ich das Ganze, das Werk, als fiktionales erkennen und einschätzen kann. Wenn das nicht der Fall ist, kommt der Autor sehr nahe an den Erzähler heran. Und das war in dem vorliegenden Fall für mich so, dass ich nicht mehr erkennen konnte, ob die vorliegende Gestaltung der Sexualität die These Bolaños ist oder Bolaño selbst. Das war der Punkt, an dem ich meine Lektüre abgebrochen habe.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.

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    14 Juli 2010

    Lieber NO

    08:00 Uhr: Ich habe mein Studium hingeschmissen. Das wollte ich Ihnen sagen. Allerdings nur für heute. Morgen werde ich das Hingeworfene wieder aufheben. Heute früh fühlte ich mich platt und ausgelaugt, sodass ich lieber im Bett geblieben bin. Der gestrige Tag war zähflüssig, anstrengend, wenig produktiv und die Nacht unruhig. Heute mache ich mal etwas anderes und morgen mache ich wieder dasselbe wie immer. Ich nehme mir einen freien Tag. Ich mach einfach eine Pause. Ich frühstücke, ich kaufe eine Zeitung und dann werde ich sehen, was ich mache. So ganz frei, also frei von allem, das geht ja auch nicht. Jetzt fragen Sie sich natürlich: warum erzählst die mir das? Antwort: Nur so.

    10:00 Uhr: Ich gehe ins Internet, keine Mails, keine neuen Kommentare auf der Webseite. Ich muss allerdings noch NOs letzten Kommentar beantworten.

    Lieber NO,
    ich muss vorsichtig mit Ihnen umgehen. Sie springen auf meine schönen Witze nicht richtig an, vielmehr gar nicht. Ich habe dabei im Auge, dass ich Ihnen anbot, während meines Urlaubs in Siebenbürgen das Blog hier zu befüllen. Ich fand die Idee nicht schlecht, Sie könnten eine kleine Serie über Gesine Cressphal beginnen. Da Sie darauf nicht reagieren, muss ich mir etwas anderes überlegen. Wahrscheinlich werde ich in der Zeit meiner Abwesenheit von Berlin einige Beiträge aus der Konserve anbieten. Alle paar Tage werde ich dann in Hermannstadt ins Internetcafe gehen und mir anschauen, ob sich etwas tut. Dazu mache ich noch eine klare Aussage. Ich werde dann auch, kurz vor dem Urlaub, meine Leseliste bekanntgeben. Die ist leider absurd, absurd lang, das kann ich nicht alles lesen. Ich kann‘s nicht einmal tragen, ich muss ja mit dem Zug nach Rumänien fahren, aufgrund meiner ausgeprägten Flugangst. Auf dieser Liste steht übrigens auch Dieter Forte, Ihre Empfehlung.

    10.30 Uhr: Ich muss das Blog mit einem neuen Text füttern. Heute. Dieses ewighungrige Monster braucht etwas zu fressen. Aber ich habe nichts. Alle Taschen leer, kein Zucker, keine Möhre. Mir fällt auch nicht ein, wo ich etwas her bekommen könnte. Ich habe ein Worddokument auf dem Rechner, in dem sich alle meine Artikel befinden, alle vergangenen und die Entwürfe und Ideen zu kommenden. Nichts davon, von den Ideen, lässt sich jetzt auf die Schnelle zu einem Beitrag umgestalten. Da stehen lauter wunderbare Ideen, aber leider vollkommen unbrauchbar was ihre praktische Verwertung, was ihr monetäres und fiskalisches Gewicht betrifft.

    11.30 Uhr: Ich habe mit einer Freundin in Bukarest geskypt. Es ging in dem Gespräch um Klatsch und um Micaleas Eltern, die sich nicht so verhalten wie deren Tochter das erwartet. Auf eine Idee zu einem Eintrag hat mich das Gespräch nicht gebracht. Vielleicht hat sie bemerkt, dass ich vor allem auf eine Idee gelauert habe und sie hat mir das vorenthalten, aus Gehässigkeit. Micalea will mir Böses. Ich hab‘s immer geahnt, die kann mich nicht ausstehen. Ich könnte jetzt alle anrufen, die ich kenne und hoffen, dass ich während der Gespräche eine Idee bekomme. Möglicherweise können mich alle anderen auch nicht ausstehen. Das wäre eine Idee, aber teuer bezahlt, unabsehbar, was die Folgen angeht.

    12:00 Uhr: Duschen, Spülen, Putzen. Bücher zusammenlegen, die ich zurückgeben muss. Eine private Mail beantworten. Vor die Türe gegangen und ein Eis gekauft, Eis gegessen, keine Idee gehabt. Im Internet gewesen, hier, und da und hier und da noch etwas kommentiert. Also mehr als ich normalerweise mache. Ich habe einen Kommentar von NO freigeschaltet, der aber Mowgli, also ANH galt.

    Lieber NO,
    jetzt kommt der ANH nicht nur mit seinen Frauengeschichten durcheinander, sondern auch noch mit ausgesuchten männlichen Einzelpersonen. Bei Frauen ist das ja kein Wunder, wenn man da schon mal durcheinander kommt. Die sehen ja alle mehr oder weniger gleich aus, oben ein Kopf, in der Mitte die Geschlechtsteile und unten die Füße. Das ist eine gewisse Variabilität und Gleichgültigkeit, also gleiche Gültigkeit, ja noch verzeihlich; aber mit Männern durcheinander zu kommen, das ist schon stark. Männer sind ja alle bis zur Unkenntlichkeit individuell. Die können gleich heißen, gleich aussehen, gleich sein: und dennoch sind sie in Wirklichkeit vollkommen unterschiedlich. Da ist nicht einer wie der andere!

    Sie beklagen sich, dass ich für Sie nur virtuell bin. Sie sind offenbar, wie die übrigens meisten Deutschen, nicht sonderlich bewandert in der Kunst der indirekten Verabredung. Ich hatte Ihnen das großzügige Angebot gemacht, meinem Roman zu schicken, das erste Kapitel oder das zehnte oder auch das Ganze. Sie sind der erste Mensch außerhalb des Verlagswesens, dem ich das anbiete, aber Sie haben nicht reagiert. Und da dachte ich natürlich, dass Sie nicht reagieren, weil Sie danach nicht mit mir zusammen bei einem Glas Wein sitzen wollen, um mir ihre Meinung zu dem Text auf die Nase zu binden. Oder Ihre Meinung zu irgendetwas anderem. Also habe ich das Thema nicht mehr angesprochen.

    15:00 Uhr: Gelesen, Bolaño, eine gute Idee zu dem Text notiert, das hat mehr als eine Stunde gedauert. Eine Stunde für einen kleinen Absatz von fünf Zeilen! Mein Leben zerrinnt mir zwischen den Fingern. Der Artikel zu Bolaños wilden Detektiven steht hier frühestens Ende des Monats. Wenn ich abends nach Hause komme, bin ich todmüde und schlafe nach zwei Seiten ein. Ich muss das Buch aber noch ein zweites Mal lesen, weil ich beim ersten Lesen meist nicht mitschneide, worum es  geht. Danach muss ich es ja auch noch schreiben. Der Artikel steht hier womöglich erst Ende des Jahres.

    16.30 Uhr: Noch immer keine Idee zu einem Blogbeitrag. Vielleicht stimmt etwas mit meinem Kopf nicht. Ich habe Kopfschmerzen vom Nachdenken. Ich habe vielleicht einen Tumor, deswegen fällt mir nichts ein. Der hat mein kreatives Zentrum befallen. Ich könnte zum Arzt gehen und dort im Wartezimmer die anderen Patientinnen belauschen, vielleicht bringt mich das auf eine Idee. Aber womöglich sitzen die auch alle bloß da, weil sie ein Blog haben, Ihnen nichts einfällt, außer dieser Tumoridee und sich dann ins Wartezimmer setzen, um die anderen zu belauschen. Ich hätte jetzt eine Idee um die sogenannte „Kostenexplosion“ im Gesundheitswesen einzudämmen. Mit dem Blog bin ich immer noch nicht weiter. Ich könnte etwas zu dem Wort „Kostenexplosion“ formulieren. Aber das Wort gefällt mir nicht.

    Das kann doch alles nicht wahr sein! Normalerweise ziehen Myriaden von Worten durch meinen Kopf, ich komme manchmal nicht dazu, sie aufzuschreiben, und wenn ich in der Bibliothek in die Pause gehe, dann nehme ich inzwischen schon einen Block und einen Kugelschreiber mit, weil ich sonst sowieso wieder nach oben renne, hundert Stufen hoch und wieder runter. Ich kann mich manchmal vor Worten nicht retten: und heute ist nicht eines dabei- nicht eins – aus dem sich etwas machen ließe. Deutsch: Scheißsprache.

    18:00 Uhr: Eine Stunde geschlafen. Seit ich einen festen Termin für meinen Urlaub habe, stelle ich fest wie müde ich bin. Seit dem Tag fällt mir alles viel schwerer. Im vergangenen Jahr war ich nur einmal für drei Tage an der Ostsee. Ich freue mich auf den Aufenthalt in Rumänien und worauf ich mich vor allem freue, mehr als auf die Eltern und die Großeltern, mehr als auf die Freunde und aufs Auspannen, auf das Liegen und Sitzen und wilde und ungezügelte Herumhocken, auf das Kaffeetrinken am Nachmittgag, mehr als auf das Essen und auf rumänische Worte, nur rumänische Worte können rumänische Verhältnisse wiedergeben; mehr als auf das Lesen, mehr als auf alles andere, freue ich mich auf die Farbe Grün, auf das in tausend Variationen vorkommende Grün, die Hecken und Bäume und Blumen und Wälder, auf das nahe Grün und das weit entfernte, auf das blättrige, das strukturierte und das glatte Grün. Ich freue mich darauf, das Grün zu riechen.

    Draußen spielt jemand Klavier. Also er spielt wahrscheinlich drinnen. Aber die Töne sind draußen. Auch das ist nicht richtig, ich bin ja ebenfalls drinnen, also kommen sie zu mir herein. Auch das wird sich nicht ausweiten lassen.

    Ich muss einen Beitrag hier einstellen, aber mir fällt nichts ein. Absolut nichts. An dem Punkt war ich heute schon mal. Es steht so schlimm um mich, dass ich mir ernsthaft überlege, als Überschrift gerade diesen einen Satz zu nehmen „Mir fällt nichts ein“ und als Text dann: „Absolut nichts“.

    Mir steht das Wasser bis zum Hals. Ich könnte ins Schwimmbad gehen. Vielleicht lerne ich da einen hübschen Kerl kennen. So ein Mannsbild in enger Badehose mit einem knackigen Hintern, der sich neben mir aufbaut, mich verhalten gierig anschaut, die Sonnenbrille abnimmt und dann, wobei er sich die Lippen leckt, und mit schöner, männlicher Stimme sagt: „Du bist nicht zufällig auf der Suche nach einem Blogeintrag für heute? Ich hätte nämlich eine Idee, was wir da machen könnten.“ Und dann rückt dieser Kerl doch mit einer astreinen Vorlage heraus!

    Gott, wie tief werde ich im Laufe des Abends noch sinken, um einen Beitrag zusammen zu kratzen?

    19:00 Uhr: Ich treffe mich mit einer Freundin. Ich muss auf andere Gedanken kommen. Sonst drehe ich durch. Ich drehe sowieso durch, aber ich brauche dabei eine Betreuung. Pflegestufe vier.

    19:30 Uhr: Ich bin nicht hingegangen.

    Lieber NO,
    mir geht Ihre Frage im Kopf herum – nicht aktiv, sondern passiv abwartend: nicht ich schiebe sie hin und her, sondern sie bewegt sich von alleine – , inwieweit man die schriftstellerischen Qualitäten eines Textes beschreiben kann, ohne das Instrumentarium der Literaturwissenschaft bemühen zu müssen. Ich weiß nicht einmal, wonach ich da suchen sollte, nach einem Bild oder einem Vergleich. Diese Qualitäten liegen für jeden woanders. Der eine will sich gut unterhalten wissen und der andere empfindet Unterhaltung gerade als den Gegensatz von Qualität.

    21.00 Uhr: Ich habe noch drei Stunden. Das kann nicht sein, dass ich so lange brauche, um einen Eintrag hier zusammenzubringen. Das kann doch alles nicht sein.

    Und was nicht sein kann, das ist auch nicht: Ich hab‘s!

    23.55 Uhr: Ziel erreicht. Der Eintrag steht in einer Minute drin. Himmel, war das knapp. Ich freue mich aufs Bett und vor allem auf einen normalen Tagesablauf morgen in der Bibliothek. Es gibt nichts Schlimmeres auf der Welt als einen freien Tag. Das mache ich nie wieder!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    14 Juni 2010

    Argumente aus Ägypten

    Am vergangenen Samstag gab es in Olgas und meiner WG ein Frauenfrühstück. Gegen elf Uhr ging‘s los. Wir haben kichernd und gackernd bis nachmittags um vier zusammen gesessen. Ich wusste nicht, dass zu so einem Frühstück Sekt dazu gehört. Ich hätte bei Olga angenommen, dass sie eine Flasche Vodka mitbringt. Aber auch die Flasche Sekt, aus der dann auf eine mir nicht erklärbare Weise zwei geworden sind, hat zu unserer guten Laune beigetragen.

    Zuerst ging‘s natürlich um Männer. Ich glaube, das war das eigentliche Ziel des Frauenfrühstücks, das auf Olgas Vorschlag zurückging. Wenn schon keine Männer anwesend sind, muss man/frau zumindest über sie reden. Aber das Thema hat nicht so richtig eingeschlagen, ich habe derzeit nichts beizutragen, Dalia hat einen Freund und war an Männern im Allgemeinen nicht interessiert und Martina und Leyla sind ein Paar. Dann haben wir das Thema gewechselt und sind auf die deutsche Kultur zu sprechen gekommen, dann ging‘s um unsere eigenen Kulturen im Verhältnis zur fremden (deutschen), um kulturelle Identität, und vor allem um das Thema, dass die Sprache dem Menschen noch lange nicht ermöglicht, in dem jeweiligen Land zu navigieren. Es sind sehr viele Verhaltensweisen und Verständnisweisen, die nicht sprachlich vermittelt sind, und die Olga kongenial zusammengefasst hat – wie gesagt, das war kein wissenschaftliches Symposion, das war ein Frauenfrühstück mit zwei Flaschen Sekt – als sie sagte: „Ich? Nix verstehn!“

    Olga spricht seit drei Jahren Deutsch und sie hat‘s nach eigenen Angaben ausgetauscht gegen ihr Spanisch. Angeblich an einem einzigen Tag: sie hat die eine Sprache vergessen und die andere erlernt. Leyla spricht seit zehn Jahren Deutsch, lebt aber nur das halbe Jahr in Berlin und das andere halbe in Teheran und muss sich zweimal im Jahr umstellen. Martina stammt aus Italien und ist hier und in Rom aufgewachsen, hat einen leichten Akzent, spricht aber annähernd das Niveau einer Muttersprachlerin. Dalias Eltern kommen aus Ägypten und auch wenn zu Hause arabisch gesprochen wird, spricht sie das absolut akzentfreie Deutsch einer Akademikerin. Sie ist Muttersprachlerin, sie ist hier geboren und sie hat einen deutschen Pass. Aber sie sieht nicht aus wie eine Deutsche. Sie hat bronzefarbene Haut und Korkenzieherlocken, die in alle Richtungen abstehen. Wenn ich sie sehe, und wir sehen uns derzeit nahezu jeden Tag in der Bibliothek, dann spüre ich ein kaum zu unterdrückendes Verlangen, ihr an den Haaren zu ziehen. Ich muss das ganz stark unterdrücken, links und rechts diese Locken anzufassen und vom Kopf weg auseinanderzuziehen. Ich will ihr damit zeigen, dass ich sie gern habe. Aber vielleicht versteht sie das falsch. Weiß der Himmel, was diese Ägypterinnen denken, wenn man ihnen an den Haaren zieht!

    Olga findet, sie selbst sähe wie eine Russin aus. Aber sie findet nicht, dass Leyla wie einer Iranerin aussieht. Dalia findet das schon. Leyla hingegen hätte Dalia niemals als Araberin eingeschätzt. Martina sieht aus wie eine Italienerin und sie fühlt sich auch wie eine, sagt aber auch, dass das eine Art Trotzreaktion ist. Ich weiß nicht wie ich mich fühle, gemischt wahrscheinlich, spreche ebenfalls akzentfrei Deutsch und sehe nach allgemeiner Auffassung aus wie eine Irin, wegen der hennafarbenen Haare. Auf meine Frage, wonach ich mit meinen ungefärbt braunen Haaren aussehen, sagt Olga: nach nichts.

    Etwa eine Sekunde später und einen Zentimeter neben ihrem Kopf schlug die erste Bombe an die Wand, leider bloß eine Weintraube. Aber Olga hat geguckt, als würde sie vom Zug überfahren. Über den weiteren Verlauf dieser kleinen frugalen Auseinandersetzung breiten wir hier gnädiges Schweigen. Die Obstvorräte waren danach jedenfalls deutlich dezimiert und wir fünf aufs Äußerste erheitert und befleckt. Geht also alles auch ohne Männer.

    Dann ist Olga in ihrem Zimmer verschwunden, Leyla und Martina mussten weg. Also blieben nur noch Dalia und ich: zum Spülen und Aufräumen. Dalia schreibt gerade ihre Bachelorarbeit in Politikwissenschaft. Sie hat eine Umfrage gemacht und ist sogar nach Ägypten dafür gefahren. Sie hat sich die Ergebnisse ihrer Arbeit von sehr weit hergeholt. Während wir spülen und über die Uni reden und darüber, was Dalia im Anschluss studieren könnte, kommen uns allerlei wilde Ideen und es dauert nicht lange und wir entdecken eine neue Wissenschaft.

    Die Welt ist inzwischen einigermaßen globalisiert, Multi-Kulti an allen Ecken, mit unserem internationalen Frauenfrühstück haben wir da ein deutliches Zeichen gesetzt. Nur die Wissenschaft ist noch nicht soweit: Amerikanistik, Germanistik, Islamistik, etc etc. Unser neues Fach – wir beide werden natürlich Professorinnen und unterrichten das auch, wir werden Dekanin und Fachbereichsleiterin – schafft da Abhilfe. Wir haben noch keinen Namen und wir brauchen natürlich auch noch ein schönes Institutsgebäude. Das Curriculum und die Inhalte sind noch nicht zur Gänze ausgearbeitet. Die derzeit einzige Bedingung ist, dass, was immer unterrichtet wird, welche Inhalte vermittelt werden, ob es feministische Ansätze gibt, etc etc, es gibt derzeit nur eine einzige Bedingung in diesem globalisierten Fach: es muss alles möglichst weit hergeholt sein!

    Früher sind die Gewürze aus Indien gekommen, die Düfte und Wohlgerüche aus Arabien und der Kaviar aus Beluga, die Orangen aus Spanien und die Ananas aus Caracas. Heute kommen die Strukturen aus Russland, die Intellektuellen aus Frankreich, die Professorinnen aus Rumänien und, darauf legt Dalia großen Wert, die Argumente aus Ägypten.

    Wir glauben nicht mehr an eine rein deutsche Kultur. Oder an eine rein französische. Wir glauben nicht an die Nationalhymne und wir glauben vor allem nicht an Fußballnationalmannschaften. Wir sind Kinder einer globalisierten Welt und wir wollen eine entsprechende Wissenschaft. Eine Wissenschaft, die diese Welt in der wir leben, adäquat begreift und beschreibt. Und ihre einzige Bedingung lautet: es muss alles möglichst weit hergeholt sein!

    Wir lagen auf dem Boden vor Lachen und ich habe Dalia bei dieser Gelegenheit endlich an den Haaren gezogen. Das hat einen Heidenspaß gemacht! Darum beneide ich ihren Freund, das würde ich jeden Morgen im Bett bei ihr machen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.