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  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
  • irisnebel: klasse! gratuliere! musst du ne gegenleistung bringen? als stadtschreiber z.b.?
  • nadine schmid: Ich habe mit Thien an der Uni Koeln studiert. Wir ware zeitweise befreundet, aber ich hatte wenig verstaendnis fuer seinen ‘Mangel’ am akademischen Streben und habe, trotz meiner Anerkennung seines Talents, sein Lebensziel, aus seiner Dichtung etwas zu machen, als...
  • bersarin: Es muß natürlich, entdecke ich beim zweiten Lesen, Monika Rinck heißen. Ich kann mir Namen nie merken.
  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
  • Aléa Torik: Never ride a dead horse – das hätte auch als Überschrift dieses Beitrags herhalten können. Gestern Nacht bin ich mit dem Rad 35 km durch das ausgestorbene Berlin gefahren, bis weit jenseits der Stadtgrenze. Da ich ziemlich kaputt war, konnte ich dabei nichts denken, aber wenn...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
  • Aléa Torik: Liebe Miss Lingen, bitte entschuldigen Sie die kleine Verspätung meiner Antwort. Ich war auf anderen Schlachtfeldern unterwegs. Sie haben absolut recht, es ist viel zu komplex. Dabei darf ich mir zugutehalten, es deutlich vereinfacht zu haben. Denn im Original – wenn wir uns darauf...
  • Miss Lingen: Obwohl, wie Sie wissen, ich hier mit Sympathie lese, frage ich doch: ist das nicht alles ein wenig zu komplex?
  • Aléa Torik: Dann bin ich gespannt, was du von dem Essay hältst.
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, die Idee des freiwilligen Ablebens um des Erfolges willen stand ja schon einmal im Raum, aber das nur zu machen, um ausgerechnet auf meine Leseliste zu kommem, nee, da hast Du recht, das wäre schon sehr übertrieben! http://www.litblogs.net/hue...
  • Aléa Torik: Lieber holio, ganz verstehen kann ich die Ottos und Ottisten ja tatsächlich nicht. Vielleicht ist das so, dass Otto und Otta, was ihr Leseverhalten betrifft, auch nicht ganz schlau aus sich werden. Sie greifen immer nur nach dem, wonach auch die anderen greifen. Das zeichnet die...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
  • holio: Traurig ist das in der Tat. Und so ganz zu verstehen auch nicht. Im Geräusch des Werdens war der Anknüpfungspunkt für Otto Normalleser ja da. Und die Bălkanexotik ist auch rezipiert und rezensiert worden. Die Sprache ist einfach, der Plot verständlich, erinnere die Szene mit dem blinden...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • 10 Mai 2011

    Die Kinder der Finsternis III : „Der Mohr, ob es weh tut oder nicht, stirbt mit Vergnügen“

    Das ist ein kurioser Artikel. Ich sage hier sehr lange, was ich nicht machen will, dann mache ich es doch, aber nur kurz, um etwas anderen zu machen, was ich dann allerdings nicht mache und dann höre ich einfach auf. Unter einer Seminararbeit stünde: Thema verfehlt. Allerdings bin ich mit der Art und Weise meiner Verfehlung ganz zufrieden. Mit einem gelungenen Artikel könnte ich kaum zufriedener sein.

    Das Thema des Artikels ist Fremdheit und Andersheit. Regelmäßige Leser und Leserinnen können sich denken, dass mich das sehr interessiert. Ich bin fasziniert von Fremden und es übt eine große Anziehungskraft auf mich aus. Ich weiß nicht, ob es das in geologischer oder geografischer Hinsicht ist, aber in ethnologischer Hinsicht ist Deutschland ein interessantes Gebiet. Und auch ein wenig befremdlich: hier rennen immer alle. In Siebenbürgen sitzt man auch schon mal am Straßenrand. Allerdings rennt man auch in Bukarest. Sogar noch schneller als hier. Aber man rennt anders. Man rennt in Bukarest so wie man in Siebenbürgen sitzt.

    Ich schiebe diesen Artikel schon länger vor mir her. Fremdheit ist zwar ein Thema das mich interessiert, aber es ist ein schwieriges Thema. Ähnlich wie beim Kitsch-Artikel müsste ich für eine seriöse Darstellung enorm viele Abgrenzungen machen. Ich könnte etwas zu Julia Kristevas Interpretationsansatz in „Fremde sind wir uns selbst“ sagen. Julia Kristeva ist Bulgarin und in jungen Jahren nach Frankreich gekommen, wo sie schnell mit der literarischen und philosophischen Avantgarde in Berührung kam. Aber ihr Ansatz ist so komplex, das liest hier kein Mensch. Darüber hinaus müsste auch zwischen Fremdheit und Andersheit unterscheiden. Ich müsste zwischen kultureller und individueller Fremdheit unterscheiden. Ich müsste etwas dazu sagen, dass es uns leicht fällt, Fremdheit an der Hautfarbe zu identifizieren, schwer bis unmögliche allerdings, Fremdheit an der Haar- oder der Augenfarbe festzumachen. Ich müsste etwas dazu sagen, dass viele, was sie im Urlaub exotisch finden, zu Hause anders einschätzen. Da wo wir selbst fremd sind, wird Fremdheit anders bewertet als an Orten, an denen wir es nicht sind: Fremdheit ist kontextanhängig. Ich müsste versuchen, Typologien der Wahrnehmung zu finden und zu definieren. Ich müsste etwas zur Differenz von Multikulturalität und Interkulturalität sagen (hier ein Glossar). Ich müsste etwas zu einem Begriff sagen, der in meiner Wahrnehmung inzwischen häufig genannt wird: Cultural Citizenship. Damit wird eine kulturelle gegenüber einer nationalen Identität hervorgehoben. Seit einiger Zeit wird der Begriff Transnationalisierung gebraucht. Staatsbürgerschaften und Fußballnationalmannschaften sind in einer globalisierten Welt vielleicht nicht mehr aktuell. All das kann ich hier nicht tun.

    Das Gefüge von Fremdem und Eigenem ist seltsam verschoben: was der eine als fremd empfindet, ist einem anderen das Eigene. Und denen das Fremde eigen ist, ist das Eigene anderer fremd. Diese Formulierung schreit schon nach einer These. Und da ich nicht arbeiten kann wenn geschrien wird, kommt diese These sofort hinterher: Das Fremde und das Eigene stehen sich nicht disparat gegenüber. Das vollkommen Fremde wäre nicht erlebbar. Das relativ Fremde hingegen kann erlebt werden und ist da entweder Faszination oder Irritation auslösend, Anziehung oder Abstoßung. Das relativ Fremde kann deswegen erlebt werden, weil es die Elemente des Eigenen mitbringt. Das Fremde ist uns ähnlich. Nur nicht ganz so ähnlich wie das Eigene. Aber vielleicht ist das Eigene uns auch gar nicht so ähnlich wie wir annehmen.

    Ob Humunculus oder Golem, ob extraterretristische oder androide Erscheinungsform, sie alle sind nach unseren Ebenbild gestaltet: anthropomorph. Sie müssen möglichst unsere Gestalt oder unseren Verstand mitbringen, ein bisschen mehr oder ein bisschen weniger. Der Marsianer hat eine grünliche Hautfarbe, die, wenn er seekrank ist, ins fleischfarbene tendiert. Er isst gerne Lasagne und Lachs mit Dill und er hat Antennen auf dem Kopf, die beim Kauen ein wenig wackeln, was Marisanerinnen sehr sexy finden. Er isst mit den Fingern. Jedenfalls tut das der rumänische Marsianer. Ich kann mich an einen Film erinnern, aber nicht an seinen Titel. Das war eine solide Schweinerei. Ansonsten sind die Bewohner vom Mars wie die der Erde: glücklich, traurig, meist irgendwo dazwischen, und manchmal müde vom zurückliegenden oder vom bevorstehenden Tagwerk.

    Das Fremde wird in „Die Kinder der Finsternis“, soweit ich sehe, in drei Dimensionen thematisiert. Da ist erstens das Nachbarland Kelguriens: Dschondis. Das ist die fremde Welt, die von den Mohren bewohnt wird. Zweitens ist da Fastrada, die dreizehn Jahre lang unter dem Namen Fatima mit den Mohren lebte. Sie hat an beiden Welten teil, ist aber weder in der einen noch in der anderen heimisch. Drittens ist da das Fremde im Eigenen. Auch das in drei Ausprägungen: der Jude Jared, der Verrückte Walo und die Weber, die mit ihren Töchtern, Müttern und Mägden schlafen und eine andere Vorstellung von der Sittlichkeit haben: „Gott habe den Menschen als Tier gemacht, damit er als Tier sich des Leibes erfreue, bevor er anfangen könne, sich emporzuläutern. Die Natur kenne kein Sittengesetz und kein Eigentum. Alles gehöre allen. Der Körper des Menschen sei gestiftet von dem Satans-Gott alten Bundes, die Seele von dem gütigen, messianischen Gott, und die messianische Seele befreie sich aus dem satanischen Körper allein dadurch, daß die Sinneslust ihn zu Schlacken verglühe.“

    Kelgurien, die Mauretanische Mark, hat als historisches Vorbild die Provence. In dieser Gegend, im ganzen Mittelmeerraum haben die Araber ihren Einfluss geltend gemacht und ihre kulturellen Spuren hinterlassen (auf meiner Lebensreiseliste, auf der nicht viel steht, steht direkt neben New York die Alhambra: wer sich erinnert, ich hatte vor Jahr und Tag für eine geografische Neuordnung der Welt plädiert und da können diese beiden Orte nebeneinander liegen). Dafür steht Dschondis. Keine Frage, das ist die in vielem überlegene Kultur. „Die Moslemun nutzen ihr Land. Das Blachfeld des Schiedskampfes lag bereits umgepflügt und geschlammt; waffenlose Krieger bauten sich Hütten; man glaubte an das Wort der Verträge. Drüben in Kelgurien waren die Kastelle noch besetzt, der Karst noch Karst, die Ödnis noch Ödnis; Ruinen, Skelette, verbrannte Wälder. Nirgends unterwegs ein neues Haus, nirgends ein Anfang.

    Ungewaschen betrat kein Mohammedaner die Mosche; die Mönche zu Sankt Maximin wuschen morgens ihre Hände; das Gesicht zu waschen war ihnen freigestellt; die Füße säuberte der Bruder dem Bruder jeden vierzehnten Tag, ein Bad erlaubte die Ordensregel zweimal im Jahr. Sie schliefen in der Kutte auf Stroh; sie arbeiteten in der Kutte auf den Feldern. Selbst die Felder rochen nicht so wie sie hätten riechen müssen; in Dschondis rochen sie nach Wasser, Fruchtbarkeit und Vernunft. Dem Abte zu trauen, hieß das: dem Herrn vorgreifen; ein frommer Abt wartete, bis Gott regnen ließ; ließ er es nicht regnen, erntete man nicht. Dom Peregrin fragte, ob der Regen Weihwasser sei; die Brüder bekreuzigten sich; und ob man einen Bach, den man herbeileite, nicht segnen können. Abt und Prior versprachen, die Frage prüfen zu wollen.“

    Wasser ist ein zentrales Thema dieses Romans. Es beginnt mit einem Regenschauer, mit einer Furt, die nur schwer zu queren ist, mit einem Staudamm, den Barral bauen will. Am Ende investiert er die letzen Jahre seines Lebens darin, einen Bach zu teilen und sein Land fruchtbar zu machen. Der Umgang mit Wasser ist es, was die fremde Kultur so überlegen macht. Jeden Wunsch erfüllt der Imam seinem Freund Barral, aber den Wunsch nach dem „Instrumentarium“, den erfüllt er ihm nicht. Das ging über die Freundschaft hinaus und alle Bitten nach näheren Informationen werden Barral abgeschlagen. Das wäre Wirtschafts- und Wasserspionage. In Kelgurien diskutiert man Jahr und Tag darüber, ob das Wasser aus der Erde heidnischer oder himmlischer Herkunft sei. Und kann sich schließlich doch nicht einigen, so dass das Grundwasser vorerst nicht aus der Erde hochgeholt werden und auf die heimische Scholle geleitet werden darf. Man muss auf den nächsten Regen wartet, denn der kommt von oben und muss deswegen von Gott sein. Man muss warten, auch wenn die Menschen dabei verdursten. Mit Gott zu verdursten ist besser als ohne Gott zu leben.

    Auch der Glaube der Mohren ist überlegen: „Das ist eine Religion mit Verstand: hopp! Vom Schlachtfeld ins Paradies, ohne langes Warten auf Jüngstes Gericht. … es verhält sich so, der Mohr, ob es weh tut oder nicht, stirbt mit Vergnügen, weil ihm für da oben ein Harem versprochen wurde, den er hernieden sich nicht leisten kann, und wovon er da oben sofort etwas hat.“ Die Mohren in Dschondis sind die besseren Mediziner, die besseren Landwirte, sie sind systematischer in ihrem Handeln, allerdings auch rücksichtsloser gegenüber Unterlegenen und inferioren Kulturen: „Hier zieht man es vor zu leben. Für das Sterben hält man sich Sklaven.“ Vor allem aber haben die Mohren eine andere Auffassung von Zeit, von Zukunft, von Vorausbestimmung und Geschick. Eine Auffassung, die wir als Fatalismus bezeichnen würden.

    Aber was heißt hier ‚wir‘? In Rumänien ist das Verhältnis zur Zukunft auch ein anderes als in Deutschland, ein möglicherweise fatalistischeres. Hexen und Wahrsager haben dort Konjunktur. Das ist nicht nur dummes, rückständiges Zeug: wenn man die Zukunft voraussagen kann, wenn sie feststeht, dann ist sie damit auch erreichbar. Dann ist sie umsetzbar. Ein offenes Verhältnis zur Zukunft, das einzig durch die Möglichkeit charakterisiert wird, ist vielleicht das fortschrittlichere, effektivere Modell, aber nicht unbedingt das bessere. Zentral ist auch hier das Verhältnis von Fremdem und Eigenem. Jeder kolonialistische Ton ist dabei fehl am Platz. Es ist nicht so, dass die Welt nur auf eine Weise existiert. Die Vorstellungen eines Physikers von Endlichkeit und Unendlichkeit ist anders als die eines gläubigen Katholiken. Das eine ist nicht richtiger als das andere. Es ist näher oder ferner, eigener oder fremder. Die Schulmedizin ist nicht die einzige Art und Weise, Krankheiten zu behandeln. Sie sind nur dann ohne Alternative, wenn man bedingungslos an die Kausalität glaubt. Wenn man alles andere diesem einen Gott unterwirft.

    Die in der sogenannten kultivierten Welt herrschende Zeitauffassung – zwei wie ich finde, exzellente Artikel, einszwei – ist nicht wie sie ist, weil sie die Wahrheit beschreibt. Sie ist vielmehr gewachsen. Sie hat sich durchgesetzt gegen andere Auffassungen die auch ihre Vorteile hatten, sich aber nicht haben durchsetzen können. Langsam hat sich eine chronologische Auffassung von der Zeit Bahn gebrochen , eine sukzessive fortschreitende Auffassung gegenüber einer kairotischen , die eher den Zufall und die Gelegenheit betont. Das ist eine allegorischere Auffassung, von Zeit. Sie ist allegorisch und daher weniger effizient. Effizienz aber ist in der Zeitauffassung der westlichen Gesellschaften kein unwichtiger Wert. Und was einst aus diesem Zeitbegriff heraus musste, wird heute, soweit ich das sehe gerne in therapeutischen Ansätzen, wieder hereingenommen .

    Die Zukunft in Dschondis ist nicht offen, der Gang des Lebens liegt in den Sternen. Die muss man nur zu lesen verstehen. Die Astrologen wurden, wenn sie Dinge vorhersagten die den Herren nicht passten, nicht selten einen Kopf kürzer gemacht. Also sagte man voraus, was den Herren vermutlich passten könnte. Ganz so verschiedenen von dem, was wir Zukunft nennen, ist das nicht. Auch wir stellen, wenn wir uns die Zukunft vorstellen, das vor, was uns genehm ist, ob wir es aus dem Gang der Sterne herauslesen oder aus unseren Handlungen. Handlungen, die wir, wenn sie den anderen nicht genehm sind, anpassen müssen. Man müsste sich also das Substantiv ‚Handlung‘ ansehen. Was Handlung ist, das steht allerdings eher in den Sternen als bei Wikipedia.

    Wir leben in einer Gesellschaft in der das Planen eine große Rolle spielt. Wir haben einige tausend kleine und einen großen, einen Lebensplan. Der dann plötzlich wertlos wird, wenn uns unser Mann für eine jüngere, hübschere verlässt, oder weil es mit ihr mehr Spaß im Bett macht; wenn wir einen Infarkt bekommen oder die Börse pleitegeht oder wir plötzlich und unerwartet mit der Sinnlosigkeit des Lebens konfrontiert werden. Wenn wir nichts tun können, um die Situation zu ändern: dann wird Handlung anders bewertet. Dann erkennen wir, dass die Handlung so wichtig nicht ist, nicht im Leben und auch nicht in den Romanen. Und das es vielleicht besser gewesen wäre, auf die Sterne zu hören. Also auf das, was man aus dem Gang der Dinge hätte heraushören können. Wenn man auf seine Sinnlichkeit gehört hätte, wenn man gelernt hätte, das zu sehen, was ganz offensichtlich daliegt. Statt immer nur auf die Kausalität. Wir fahren mit hundert gegen die Wand und meinen dann, im Sterben liegend, dass es die Kausalität gewesen ist, die uns umgebracht hat.

    Die Zukunft aus den Sternen herauslesen oder aus unseren eigenen Handlungen, das ist so verschieden nicht.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    01 Mai 2011

    Das Gute und das wenige weniger Gute

    Mein Blog und ich, wir sind nun seit zwei Jahren im Netz. Das Blog permanent, ich nur bisweilen. Meist bin ich in der sogenannten Wirklichkeit, die so wirklich ja auch gar nicht ist. Sodass ich dann denke: wäre ich jetzt nur im Netz. Da kann einem nichts passieren. Im Netz wird man nicht von der Straßenbahn überfahren, man kann nicht verhungern und nicht verdursten. Und wenn man einsam ist, dann geht man dahin, wo andere auch einsam sind. Ich nutze mein zweites anniversaire, um in die Vergangenheit und in die Zukunft zu schauen. Und in alle anderen Richtungen. Nur wenig ist einzig zukünftig oder vergangen.

    Es liegt ein gutes Jahr hinter mir. Ich kann, durch das wenige weniger Gute bedingt, das viele Gute besser schätzen. Ich habe Leute kennengelernt, ich habe einen Mentor und einen Verlag gefunden, mein erster Roman wird veröffentlicht. Ich habe den zweiten geschrieben. Es hat sich von selbst geschrieben, ich musste bloß die Finger hinhalten.

    Das Schreiben im Netz ist für mich nicht mehr so ganz wichtig wie zu Beginn. Das liegt an einer persönlichen Auseinandersetzung Anfang des Jahres, auf die ich hier nicht noch einmal eingehen will. Ich habe mich aus diesen Kreisen etwas zurückgezogen. Und ich bin zu stark in andere Aktivitäten involviert, um mir neue Kreise zu suchen. Ich kommentiere kaum noch bei anderen. Ich glaube allerdings, dass Leserbindung vor allem durch Kommentare stattfindet. Bloggen ist eine recht hermetische Veranstaltung, die nach dem do-ut-des-Prinzip abläuft: ich gebe, damit du gibst. Oder, strenger, alttestamentarischer: wie du mir so ich dir. Kommst du auf meine Seite, komme ich auch auf deine. Es ist von daher sinnvoller, wenige Artikel zu schreiben und viel bei anderen zu kommentieren. Damit macht man sich eher einen Namen als mit eigenen Artikeln. Ich bin also ein wenig enttäuscht.

    Das Führen eines Blogs ist viel Arbeit. Bisweilen frage ich mich, wofür ich das eigentlich tue. Ich habe die Antwort gefunden: Ich tue es für niemanden. Nicht einmal für mich selbst. Ich tue es einfach so. Weil es ein Medium ist, das man bedienen kann und vielleicht sogar muss. Ich werde keine Tagebücher herausgeben, das Blog steht an dieser Stelle. Ich habe zweihundertfünfzig Seiten Text dafür geschrieben und hundertfünfzig Seiten Kommentare. Es sind einige Kommentatoren abgesprungen, wenige neue hinzugekommen. Ich danke allen, die sich hier beteiligt haben und die dies Blog mit Lesen und Schreiben unterstützen.

    Ich mache mir periodisch wiederkehrend Gedanken zum Thema Geldverdienen. Es wird einen postuniversitäten Zeitraum meines Lebens geben, den es zu überbrücken gilt. Man geht ja nicht gleich, frisch von der Uni, in die Rente. Ich habe mich jüngst mit einigen Leuten getroffen, die alle schreiben und die alle wissen, dass man damit kein Geld verdienen kann. Diese profane Erkenntnis gilt es nun zu veredeln und anschließend zu monetarisieren. Wir sind da ganz optimistisch.

    Im Ernst: Das Entlohnungsmodell für Schriftstellerinnen ist revisionsbedürftig. Man bekommt zwischen 8 und 12 Prozent des Nettoumsatzes der tatsächlich über den Buchhandel verkauften  Bücher. Wenn man die durchschnittliche Anzahl verkaufter Exemplare anspruchsvoller Literatur in Deutschland hochrechnet, wird der Autoir für einen oder zwei Monate leidlich bezahlt. Die verbleibenden zehn oder hundert Monate muss er eben sehen wo er bleibt. Da das kein ernstzunehmendes Modell ist, werden über kurz oder lang andere Modelle entstehen. Dazu zählt auch, dass man seine Texte im Netz anbietet. Die ersten drei Kapitel gibt’s gratis, der Download des gesamten Werks kostet dann 3,99 Euro. Man bietet ein selbstgestaltetes Cover an. Der potentielle Leser kann entscheiden, ob er den Text auf dem Bildschirm liest oder ob er sich das ausdruckt. Die Entlohnung des schreibenden Personals ist aus wirtschaftlicher Sicht kompletter Unsinn, jeder Lektor und jede beteiligte Agentur verdient besser als der Produzent des Primärgutes. Und weil es Unsinn ist, werden andere Modell entstehen. Auch Blogs sind da nicht das letzte Wort, weil da alles gleichermaßen gratis angeboten wird, sie sind eine Art Übergangserscheinung. All das ist spannend und auch belastend.

    Ich werde dieses Jahr im August nach Rumänien fahren. Ich werde in Transsilvanien auf der faulen Haut liegen. Ich werde mit Minerva – wer meinen zweiten Roman liest, wird auch Minerva kennenlernen – nach Bukarest fahren, um bei der Eröffnung seiner (sic!) Securitate-Akte dabei zu sein. Das muss man sich so vorstellen, dass einer nach vielen, nach beinahe zwanzig Jahren, in denen er immer wieder gezögert hat und vor diesem Schritt zurückgeschreckt ist, sich in einen Raum zurückziehen wird, wo er mit einer dicken Akte und seiner Vergangenheit konfrontiert ist. Wer hat damals über ihn berichtet? Welcher seiner Freunde hat einen Bericht geschrieben? Welche seiner Freundinnen hat ihn denunziert? Wo unterscheiden sich Bericht und Denunziation? Wer hat das nur aus Notwehr getan, wer aus Überzeugung. Kann man das heute noch unterscheiden? Das wird eine emotional sehr angespannte Situation. Was erwartet Minerva da? Wie sehr wird das schmerzen? Wäre es nicht besser, diesen Teil der Vergangenheit auf sich beruhen zu lassen? Warum das Leichentuch anheben? Warum diese Zeit und das eigene Leben jetzt noch in einem anderen Licht sehen wollen? Minerva fährt mit seiner Freundin. Ich begleite die beiden lediglich.

    Ich gehe voller Hoffnung ins neue Jahr. Der Roman wird erscheinen. Allerdings nicht, wie angekündigt im Herbst 2011, sondern erst im Frühjahr 2012. Ich hatte mich so sehr gegen das Cover gesperrt, dass dem Verlag vielleicht nichts anderes übrig blieb, als es erst einmal aufzuschieben. Das ist mehr als ein Wehrmutstropfen. Das ist sehr bitter. Es sind die Fetzen geflogen und als es sich wieder beruhigt hatte, war der Verlagsprospekt für den kommenden Herbst bereits gedruckt. So ist das, wenn uns Rumänen das Blut in den Kopf steigt, dann schlagen wir um uns. Ich um mich. Wenn der Roman nicht untergeht, dann wird er besprochen, er wird gelesen. Unter den biografischen Angaben  – die denen aufs Haar gleichen, die Sie alle kennen – ich kann mich nicht jede Woche neu erfinden, nicht einmal jedes Jahr : „Ich kann mir nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden“ – wird sich auch die Adresse dieses Blogs finden. Es werden also Reaktionen auf das Buch kommen, auf die ich meinerseits reagieren werde. Auch das wird spannend.

    Ich werde ein Urlaubssemester einlegen. Das bedeutet, dass ich von Juni 2011 bis März 2012 nicht für die Uni arbeiten werde. Ich muss den zweiten Roman fertig machen und wie ich am ersten, von dem ich meinte, er sei es, fertig nämlich, erkennen musste, gibt es verschiedene Phasen der Fertigkeit. Die letzen Schritte kosten Kraft, da man kaum noch Fortschritte erkennen kann. Es wird eben nur immer fertiger. Der neue Text ist sehr viel leichtsinniger als der erste. Das dauert, bis man sich Leichtigkeit und Leichtsinnigkeit erarbeitet hat. Zitat Torik aus diesem neuen Text: „Man braucht Erfahrung beim Schreiben, bis man erkennt, dass die falschen Wege sehr wohl in die richtige Richtung führen können. Eine Richtung, die man nie und nimmer nehmen könnte, ginge man den richtigen Weg.“

    Ich habe mich nicht verliebt. Was immer der Grund dafür war. Es gab einige Möglichkeiten, ich habe sie nicht genutzt. Anderen bin ich vorher schon ausgewichen. Ich habe bei einigen Gelegenheiten eine ablehnende Haltung einnehmen müssen und einmal eine direkte und unmissverständliche. Ich habe jemandem weh getan, was auch mir wehgetan hat. Dazu gäbe es noch das eine oder andere zu sagen, aber ich habe mir Anfang des Jahres vorgenommen, sehr viel vorsichtiger mit Intimitäten in der Öffentlichkeit umzugehen und das mache ich auch.

    Mein Zusammenleben mit der bisweilen kapriziösen Frau aus Russland läuft nach wie vor sehr gut. Olga war drei Monate nicht da, mir ist die Decke auf den Kopf gefallen. Der Vermieter erklärte, er sei nicht zuständig.

    Ich bin in den Zoologischen Garten in Berlin eingebrochen und habe Knut erwürgt. Und so die deutsche Kultur vor der Infantilität gerettet. Vielleicht kann ich mir das vom Senat fördern lassen.

    Ich habe schöne Musik gehört, schönen Wein getrunken, schön gelacht, schön geheult: was man so macht, wenn man auf diesem Planeten lebt. Auf anderen Gestirnen herrschen sicher andere Gepflogenheiten, aber wir kommen hier nicht weg und deswegen müssen wir uns an die Dinge anpassen. Nicht an alle – ich predige sicher keinen Konformismus -, aber an einige: Wein trinken, lachen, weinen und manchmal, bei Liebeskummer, Geschirr fallen lassen und, wenn‘s ganz dick kommt, aus dem Fenster werfen.

    Bevor ich es vergesse, das ist nicht unwichtig für alles weitere, ich stelle mit dem heutigen Tag, der früher einmal mein Geburtstag gewesen ist, das Altern ein. Ich sag’s nur, nicht dass da später Unklarheiten entstehen. Ich halte das Altern für keine zeitgemäße Art, für keine adäquate Methode des Reifeprozesses. Ich bleibe ab sofort gleichalt. Ich mach da einfach nicht mehr mit.

    Totul este frumos și bine. Totul va fi și mai bine. –  Alles ist schön und gut und wird noch viel besser sein.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    07 April 2011

    Langsam wird’s einem genommen

    Der Vertrag zwischen mir und dem Verlag zeigt klar und deutlich, was ich jetzt langsam realisiere: Ich habe meinen Text verkauft. Alle Rechte, das Hauptrecht der Nutzung – die Veröffentlichung als gebundenes Buch – und alle Nebenrechte, die etwaige Vermarktung als Taschenbuch, als Hörbuch, als Übersetzung, auch die in Blindenschrift, die Makulatur, das Verramschen etc., etc. obliegt nicht mehr mir: alle Rechte sind an den Verlag übergegangen, bis auf das Urheberrecht.

    Auf dem Buch wird mein Name stehen und der Titel auf den wir uns hier, auf den der Verleger und der Lektor und ich uns geeinigt haben: „Das Geräusch des Werdens“. Aber noch ist es kein Buch. Ich habe vor zwei Wochen den Text in seiner vorläufigen Endfassung abgeliefert. Nun machen sich andere über den Text und die Rahmenbedingungen her. Das ist ein interessanter und langwieriger Prozess, was mit einem Manuskript angestellt wird, bevor es als Buch zu kaufen ist. Es kommen die Praktikantin und der Lektor und quengeln und nörgeln. Sie machen aus dem vorläufigen Endprodukt ein endgültiges Endprodukt. Dann bekomme ich es noch einmal zurück und mache aus dem endgültigen Endprodukt ein finales endgültiges Endprodukt. Es kommt der Verlagschef und leitet das Gespräch mit dem Worten ein „Liebe Frau Torik, wir müssen uns mal unterhalten …“ Dann kommt die Kommunikationsagentur, es kommt die Frau die ein Cover um mein das Buch macht, dann kommt der Vertriebsleiter, sie alle wollen sich unterhalten und sagen „Liebe Frau Torik …“

    Sie alle machen Sachen, die ich will. Ich spreche von der Art wie der Text und auch ich selbst präsentiert werden. Ich habe da genaue Vorstellungen. Die werden, soweit möglich, auch umgesetzt. Aber es gibt Grenzen, die von der Natur der Sache herrühren. Oder von irgendwelchen anderen, mir nicht bekannten Naturen. Alle beteiligten Personen wollen und müssen Entscheidungen treffen, die mit meinem Buch nichts zu tun haben; die beispielsweise den Verlagsprospekt betreffen, mit dem die Verkäufer den Buchhandel bereisen. Die Bücher kommen – as I just learned – nicht einfach so in den Buchhandel, weil der in aller Herrgottsfrühe anliefernde Post- und Paketdienstleister sie zufällig im Gepäck hat, nicht durch Gottes Hand oder weil sie ja nun mal verkauft werden müssen und der Buchhandel eben der Ort des Geschehens ist. Mitnichten. Bücher werden mehrfach verkauft, vom Verlag an die Buchhandlung und von der Buchhandlung an den Leser und der Leser verkauft es bei Amazon dann noch mal. Möglicherweise wird‘s zwischen all diesen Schritten auch gelesen. Sicher ist das nicht. Sie alle nehmen es einem. Sie alle verdienen oder wollen verdienen, sie alle wollen Einfluss nehmen und sie alle müssen Entscheidungen treffen, die mit mir und meinem Buch nichts zu tun haben. Das ist ein Produkt für den der verminderte Mehrwertsteuersatz von derzeit sieben Prozent gilt. Moment mal eben, das Telefon klingelt … so, da bin ich wieder, das war gerade das Finanzamt, der Finanzminister persönlich, der sagte: „Liebe Frau Torik, wir müssen uns mal unterhalten.“

    Und eines Tages kommt so ein Typ, ungewaschen und ungepflegt, sichtbar desorientiert, schlecht gelaunt, geradezu verwirrt. Er hat sich mit seiner Frau gestritten, er soll ein Geschenk kaufen, was er nicht kann, er ist kein Geschenketyp, er ist nicht spendabel, er ist geizig, seine Firma will ihn rausschmeißen, er denkt an Sex, was Männer ja angeblich dauernd machen, die denken an Sex und merken es schon gar nicht mehr, und er denkt, dass er eigentlich an etwas anderes denken will, ihm fällt aber nichts ein, er hat schlechte Laune, Fernseher kaputt, MP3 Player kaputt, Internet kaputt, am liebsten würde er jemand eine reinhauen, da steht er nun und weiß kaum wie er dahin gekommen ist: und das ist dann der Leser!

    Das ist der Letzte in einer langen Verwertungs- und Rezeptions- und Vermeidungskette und der Letzte unter denen, die es einem nehmen wollen. Dann kommt meine große Stunde. Ich werde hinter ihm stehen. Ich werde ihm die Hand auf die Schulter legen. Er wird denken, es sei der Ladendetektiv, weil er es natürlich klauen wollte: mein Buch nämlich. Musik klaut er ja auch, wozu also für Bücher bezahlen? Er wird sich umdrehen, er wird mich sehen und denken, dass ich etwas von ihm will, weil er ja eben doch nahezu immer an Sex denkt. Ich werde langsam meinen Kopf an seinen bewegen. Er wird natürlich denken, das sei seine große Stunde. Ich werde ganz nahe an seinem Ohr flüstern. „Nimm deine dreckigen Pfoten von meinem Buch“. So wird’s nicht kommen. Ich darf laut Verlagsvertrag nichts tun, was den Vertrieb und Verkauf behindert.

    Ich werde also flötend neben meinem Buch stehen und falls er es weglegen will, um sich irgendeinen Schund zu greifen, der aus unbegreiflichen Gründen neben meiner Hochliteratur liegt, werde meinen Absatz auf seinem großen Zeh abstellen und die äußerste Kante dieses schmalen Absatzes mit meinen 66 Kilogramm belasten und während er aufjault und kreischt werde ich ihm erklären, dass mein Buch nur palettenweise abgegeben wird. Weil sie alle ein Exemplar haben wollen. Seine Frau, die gleich kommt und der ich werde erklären müssen, dass ihr Mann was von mir wollte, die will es natürlich auch lesen. Die rennt am selben Nachtmittag noch zum Scheidungsrichter und der will mein Buch auch lesen. Der Vorsitzende und die ehrenamtlichen Richter, die Schöffen und Beisitzer, die Schriftführer und die anderen Angestellten im Gericht, die Angestellten beim Landesscheidungsgericht und beim Bundesscheidungsgericht und die beim Bundesverfassungsgericht, die Hausärzte, die den Mann wegen des zerquetschten Zehs behandeln müssen, die Chirurgen, die den Zeh amputieren, die Psychologen, die Psychiater, die Suizidpräventionsberater, die Suizidberater, die Suizidhelfer, die Bestatter, die Einäscherer, die Urnenhersteller: sie alle wollen mein Buch lesen. Und deswegen geht es nur palettenweise heraus, wie ich dem Mann sehr eindringlich erkläre, der das aber alles nicht richtig versteht, weil er gerade an Sex denkt. Weil eben alle, die gerade an Sex denken in Wirklichkeit mein Buch lesen wollen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    23 März 2011

    Literatur und Kitsch: kitch as kitch can

    Ich habe mir das aufgebürdet und jetzt muss ich es auch tun: etwas zum Kitsch formulieren. Am liebsten würde ich einen Rückzieher machen, weil es ein sehr anspruchsvoller Anstieg ist, mit mäßiger Aussicht (auf Erfolg). Voraussichtlich werde ich auf der Hälfte stehen bleiben und später behaupten müssen, ich sei ganz oben gewesen, mit fantastischer Aussicht.

    Es gibt für Autoren mit ernsthaften Absichten offenbar wenig Ungemütlicheres, außer dem Plagiat, wenige Gefährlicheres als Kitsch. Ein schlechter Text wird einem verziehen. Vor allem von denen, die selbst mit Worten arbeiten und wissen, wie leicht man sich versteigen kann. Es gibt sogar jene, die schlechte Texte nicht nur verzeihen, sondern sich sogar freuen: endlich mal ein etwas, das man versteht. Kitsch wird in der Regel nicht verziehen. Aber verstanden. Kitsch ist eine Katastrophe. Aber es gibt viele, die das nicht verstehen. Kitsch und Kunst scheinen die beiden entgegengesetzten Enden des Universums.

    Mit Kitsch lässt sich in der darstellenden Kunst prima Geld verdienen. Was ist Kitsch? Das hier oder das oder das oder das ? Ist Kitsch nur schlechter Geschmack? Massengeschmack? Trivialität? Die banale Seite der Romantik? Eine leere und hohle Ästhetik, die keine andere Dimension hat? Schönheit? Bloßes dekoratives Element? Effekthascherei? Sentimentalität? Idylle? Glänzende Oberfläche ohne Tiefenstruktur? Einseitigkeit? Banalität? Ist Kitsch vielleicht nicht die kluge, sokratische Variante der Unwissenheit, sondern ihre dämliche Schwester?

    Ist Kitsch das Gegenteil von Kunst? Gibt es die Kunst und den Kitsch? In einer oppositionellen Auffassung wird die Kunst auf-, der hingegen Kitsch abgewertet. Kunst muss aber kein elitäres Genusserlebnis, sie kann aber ebenso gut Alltagskunst sein. Bekommt Kunst damit nicht ein geradezu theologisches Ansinnen, die Erlösung vom Bösen, vom Ordinären und Gewöhnlichen? Sind nicht viele Darstellungen gleichermaßen Kitsch, ob die Objekte nun Jesus, David oder Tyler heißen? Dem einen huldigen wir als Religion, dem anderen als Ideal, dem dritten als Erotik.

    Kein anderes Sujet eignet sich so sehr zum Kitsch wie die Liebe. An kaum ein anderes Sujet haben wir so hohe Erwartungen. Sie muss uns vor allem retten, vor der Einsamkeit, vor der Armut und vor allem vor uns selbst. Von der Liebe habe ich, wie viele andere auch, ziemlich kitschige Vorstellungen. (Sind die Bilder da unten kitschig? Ich finde sie schön! Reicht das, um sie vor dem Kitsch zu retten? Ich dachte natürlich, dass der Kitschartikel sofort hinterherkommt, um die Bilder zu relativieren). Und die möchte ich auch behalten. Ich lasse mir eine Menge gefallen – körperliche Auseinandersetzungen lasse ich mir sogar sehr gefallen, das wurde hierher gestellt – aber ich lasse mir nicht meine Vorstellungen von der Liebe nehmen.

    Was ist Kitsch? Es wird in der deutschen Literatur oft ein Name genannt, den ich nicht nenne, weil ich nie etwas von ihr gelesen habe. Auch in der rumänischen Literatur wird häufig ein Name genannt, den ich ebenfalls nicht nenne, weil ich das nicht kenne. Aber auch anerkannt große Erzähler haben den einen oder andern Griff ins Kitschige gemacht. Es bedarf sicher bestimmter Bedingungen, damit große Erzählernaturen gedeihen, dazu mag eine gewisse Angstlosigkeit gehören, vielleicht klimatische oder geografische Bedingungen wie sie in Paris, in London und in Sibiu zu finden waren. Diese drei haben mitunter auch Kitsch geschrieben, den wir heute nicht mehr so empfinden. Das sind Klassiker, kein Kitsch. Womöglich wurde das damals nicht als kitschig empfunden. Ist, was heute ernst erscheint, morgen schon lachhaft oder kitschig? Ist das, was wir als Kitsch bezeichnen, künstlerisch nur nicht besonders ausgeformt, weil die fortschreitende Erzählung wichtiger ist als die Form, in der diese Erzählung angeboten wird?

    Um es auf Wolf von Niebelschütz, „Die Kinder der Finsternis“, an dem sich diese Diskussion entzündet hatte, anzuwenden: Ich empfinde es als kitschig, wenn Barral alle Frauen bekommt. Er nimmt sich, wen er haben will und die Frauen wollen auch immer. Ich sagte, dass mir das nicht gefällt, habe es aber als Jungenphantasie abgetan. Und ein Dichter muss phantasieren, das vergessen Leser manchmal. Die nehmen als Natur, was Kunst ist. Als Wahrheit was erfunden wurde. Und vielleicht auch als Kitsch, was beim Schreiben bloß Gefühl war.

    Die erste Liebesszene: „Ohne Wut lud er sie über die Schultern, trug sie, den Messergurt in der Hand, wie ein Lamm zur Bergweide empor, die voll Herden war, und warf sie aufs Lager. Ohne Wort, im Rausche der Zeugung, schöne, leise und schlanke Tiere, verlangten sie einander immer aufs Neue, bis aus den Lustgewittern die schwarze Windstille der Schwermut brach.“ Kitsch kann es meiner Meinung nach nicht sein, weil der Sprachstil so anspruchsvoll ist, dass er sich der einfachen Konsumierbarkeit entzieht: Lustgewitter, aus denen “die schwarze Windstille der Schwermut“ bricht: Das ist kein Massengeschmack. Ist es vielleicht Romantik? Selbst wenn das Arrangement ‚hübsches Fräulein und starker Ritter‘ Elemente des Kitsches enthalten, so meine ich, dass die Sehnsucht nach Kitsch, oder dem, was Kitsch sein könnte, auch eine Sehnsucht ist, die in allen arbeitet. Oder nicht arbeitet.

    Meine These, meine Behauptung, meine Vermutung lautet: Kitsch ist das Fehlen von Realität. Das ist provokant formuliert. Das kann ich ja gut. Etwas ausgewogener: Im Kitsch kommt die Realität zu kurz. Sie kommt zu kurz, weil sie überbetont wird. Weil sie in den Vordergrund gestellt wird.  Weil sie keinen Antagonisten hat. Im Kitsch und in der Kunst haben wir es mit dem Verhältnis zweier Strebungen zu tun: Fiktion / Imagination auf der einen und Wahrheit / Wahrhaftigkeit / Authentizität auf der anderen Seite (wer glaubt, ich würde meine Diss hier verwursten der täuscht sich mehrfach, einfach täuscht er sich bereits darin, dass ich gar nichts verwurste, ich bin Vegetarierin). Das Verhältnis nennen wir Realität. Diese Realität ist im Kitsch eine andere als in der Kunst, vielmehr ist das Verhältnis der beiden Strebungen ein anderes. Im Kitsch kommt die eine Strebung, das fiktive Element, zu kurz. Etwas behauptet Wirklichkeit zu sein, weil es diese eine Seite so stark in den Vordergrund rückt, dass die andere Seite dahinter verschwindet. Es sieht aus wie Realität, ist es aber nicht, weil die Realität das Verhältnis zweier Strebungen ist. Nach langem Suchen habe ich das Wort gefunden: Bimetall. Die Realität ist ein Bimetall, das, literarisch erhitzt, sich in der Kunst und im Kitsch jeweils in andere Richtungen verzieht.

    Das ist die Höhe, die ich noch mühelos erreiche. Für den Rest des Anstiegs, um die richtig gute Aussicht zu erreichen, will ich Geld!

    Nachtrag: Ist Kitsch ein Problem? Oder beschreibt es nicht vielmehr ein Problem, das größer ist, weil es sich dahinter versteckt. Die Infantilität der Kultur. Mit einem Wort: Knut. Eine ganze Gesellschaft, die einem Eisbären huldigt. Das sagt eine Menge über die Bewohner des Geheges aus, diesseits der Gitterstäbe. Das sind keine Kinder, das sind erwachsene Menschen die jetzt im Zoologischen Garten in Berlin Schilder hochhalten auf denen „Warum?“ steht. Erwachsene Menschen, die sich fragen, ob Knut gemobbt worden ist! Menschen, die ein Wahlrecht haben und die bei der nächsten Wahl über das politische Geschick der Bundesrepublik Deutschland entscheiden. Menschen die sich, wenn sie das nächste Mal zur Wahl gehen, fragen, ob man ein Kreuz für die artgerechte Haltung von Eisbären machen kann. Damit habe ich ein Problem. Nicht mit Kitsch.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    19 Januar 2011

    Die Falschmünzer II: „Die kontemplative Geborgenheit vorm Gelesenen“

    Anders als bei faktualen Texten die eines Erzählers nicht bedürfen, kommt dem Erzähler in fiktionalen Texten eine wesentliche Stellung zu: er ist die zentrale Instanz für die Art und Weise wie das, was in dem Text berichtet wird, den Leser erreicht. Die Stellung des Erzählers, die Erzählperspektive, ist im Laufe der Literaturgeschichte den vielfältigsten Variationen unterlegen, die ich hier nicht ansatzweise referieren kann. Aus Gründen der Darstellung polarisiere ich das Kommende ein wenig. Lange Zeit war der Erzähler eine außerhalb der Wahrnehmung stehende Instanz, die ihren natürlichen Ausdruck im auktorialen Erzählen findet: ein Erzähler, der alles weiß und alles sieht. So einem ist alles gleichgültig, also von gleicher Gültigkeit. Das ist die Ideallinie. Ein realistisches und naturalistisches Erzählen. Der Erzähler erzählt als gäbe es ihn gar nicht. Als wäre er gleichsam ein objektives Auge durch das der Leser schaut. Was davon abweicht, weicht auch von dem Konzept ab, das dieses Erzählen mit sich bringt. Oder vielmehr produziert: Die Weise, in der wir erzählen, ist die Weise, in der wir wahrnehmen. Das Beunruhigende, beispielsweise am Surrealismus, war nicht, dass deren Vertreter anders malten als ihre Vorgänger. Das Beunruhigende war vielmehr, dass deren Wahrnehmung sich änderte. Denn mit ihr änderte sich auch der Gegenstand der Wahrnehmung. Wenn aber der Gegenstand sich im Blick änderte, konnte er nicht sein, wonach er aussah. Jedenfalls nicht dies allein. Der Gegenstand ist er selbst und der Akt seiner Interpretation.

    Wer von der Welt erzählt, der erzählt so wie er diese Welt erlebt. Auf ein schlüssiges Erzählkonzept zu verzichten, heißt auf eine schlüssige Welt zu verzichten. So mancher Verzicht ist allerdings kein freiwilliger. Mit den Ereignissen des vergangenen Jahrhunderts, Einstein und Freud, die Massenvernichtung von Menschen im ersten und die massenweise Vernichtung des Menschlichen an sich im zweiten Weltkrieg: das konnte und durfte nicht ohne Folgen bleiben. Diese Welt wurde nach Adorno und Horkheimer eine entzauberte, wohl auch eine entfesselte, möglicherweise eine entschlüsselte, sicher aber ent-schlüssige Welt. Was vielen als sinnvoll, als harmonisch, natürlich oder gottgegeben erschien, war mit einem Mal unverständlich, unsinnig, entleert. Eine solche Welt ist nicht zu flicken, indem man ganzheitlich friedliche und sinnvolle Erzählweisen propagiert.

    Das Erzählkonzept, das Gide hier verfolgt, die Erzählweise zu der er sich, wie an den Tagebüchern nachvollzogen werden kann, über eine lange Entstehungszeit mühsam hinarbeiten  musste, ist für die damalige Zeit ungewöhnlich, ja geradezu revolutionär. Der Leser hat es nicht mit einer, sondern mit zwei, einander abwechselnden Erzählinstanzen zu tun: mit dem Erzähler und einer seiner Figuren, dem Schriftsteller Édouard, der ein Tagebuch führt. Der Erzähler beobachtet seine Figuren lediglich, er weiß manchmal, was sie denken, oft weiß er es nicht, und geht nicht immer jene Wege, die sie gehen. Es erscheint vielmehr wie Zufall, dass der Erzähler Raum und Zeit mit ihnen teilt und von ihnen berichten kann. Das sind bisweilen kleine Irritationen, er mischt sich, also seine Stimme, in die Geschichte hinein. Das geschieht oft bei Beiläufigkeiten. Er sagt einmal, er wisse nicht, woher sich zwei Personen kennen. Ein anderer Erzähler würde das weglassen oder es erfinden. Un damit ist bereits eine wesentliche Funktion, oder vielmehr Wirkung, genannt: der Text macht nicht mehr den Eindruck eines erfundenen Textes. Er scheint, indem der Erzähler angeblich keine Macht über ihn hat, der Wirklichkeit verpflichtet.

    Was der Erzähler von den Figuren berichtet, ist nicht immer zustimmend, er kritisiert sie, er distanziert sich von ihnen, er äußert sich sogar verärgert über diese Assemblage, die er sich nicht ausgesucht hat: „Sollte ich jemals noch eine Geschichte erfinden, lasse ich nur solche Charaktere hinein, die das Leben nicht abschleift, sondern markant werden lässt. Laura, Douviers, La Pérouse, Azaïs …was kann man mit diesen Leuten schon anfangen? Ich habe sie mir nicht ausgesucht; als ich Bernard und Olivier auf der Spur blieb, sind sie mir begegnet. Es hilft nichts; nun bin ich ihnen verpflichtet.“ Im letzten Kapitel des schmalen mittleren, des zweiten von drei Teilen, verabschiedet sich der Erzähler von seiner Nebenrolle und tritt noch weiter hinter sich zurück als bisher. Er beobachtet jetzt nicht nur seine Figuren, sondern die Geschichte insgesamt: „Nutzen wir die Sommermonate, während deren unsere Akteure in alle Richtungen zerstreut sind, um ihr Verhalten in aller Ruhe zu prüfen. Zumal wir uns dem Scheitelpunkt nähern, der Fortgang der Geschichte sich verlangsamt und sie neuen Schwung zu sammeln scheint, bevor sich die Ereignisse überstürzten.“

    Édouard, man könnte ihn durchaus die Hauptfigur nennen, obwohl er es nicht ist, er hat Teil an der Handlung und doch auch nicht, er beobachtet die anderen und will ein Buch darüber schreiben; Édouard ist eine Figur, die selbständig handelt und scheinbar, wie alle anderen Figuren außerhalb der Macht des Erzählers steht. Anders als der Erzähler, steht er mitten im Verlauf. Man könnte davon ausgehen, dass er des Erzählers Vertreter unter den Figuren ist. Denn beide haben etwas gemein. Édouard ist Schriftsteller und er arbeitet an einem Roman der genauso heißt wie der, den der Leser in Händen hält: Die Falschmünzer. Édouard wird wohl an seinem Projekt scheitern. Er und der Autor, André Gide haben sehr ähnliche Gedanken. Dass die Figur, anders als Gide, scheitert, ist nicht verwunderlich. Gide weiß natürlich genau, dass man an Texten scheitern kann, er selbst war mit diesem Projekt oft nahe dran. Dass gerade Édouard scheitert, nicht sein Konkurrent, der Modeschriftsteller Passavant, ist sicher gewollt. Denn Édouard nimmt die Sache ernst, zu ernst womöglich, während Passavant die Sache nimmt wie er alles nimmt, leicht, leichtfertig womöglich. Wir können vermuten, dass Gide seinem Alter Ego eine Art Poetik mitgibt, oder eine negative Spiegelung derselben. Das alleridings ist das Thema des kommenden Beitrags.

    Abschließend die Charakterisierung Adornos aus seinem Aufsatz, „Standort des Erzählers im zeitgenössischen Roman“, in dem Vertreter des modernen Romans genannt werden, auch Gide, vor allem aber Proust und Kafka: „Zu den Extremen, an denen mehr über den gegenwärtigen Roman sich lernen lässt als an irgendeinem sogenannten ‚typischen‘ mittleren Sachverhalt rechnet das Verfahren Kafkas, die Distanz vollends einzuziehen. Durch Schocks zerschlägt er dem Leser die kontemplative Geborgenheit vorm Gelesenen. Seine Romane, wenn anders sie unter den Begriff überhaupt noch fallen, sind die vorwegnehmende Antwort auf eine Verfassung der Welt, in der die kontemplative Haltung zum blutigen Hohn ward, weil die permanente Drohung der Katastrophe keinem Menschen mehr das unbeteiligte Zuschauen und nicht einmal dessen ästhetisches Nachbild mehr erlaubt.“

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    16 November 2010

    Der verzweifelte Optimist

    „Eine Liebesgeschichte oder so was“ von Raymond Federman

    Das ist die Geschichte von Moinous und Sucette. Die beiden begegnen einander auf dem Washington Square in New York. Sie lächeln sich an, sprechen aber nicht miteinander. Zwei Wochen später sehen sie sich in einer Buchhandlung wieder. Sie lernen sich kennen und werden ein Liebespaar. Das könnte so sein. Es spricht jedenfalls nichts dagegen, dass es so ist.

    Mr Federman, vielmehr sein Erzähler, erzählt uns nicht nur eine Geschichte, er erzählt vielmehr drei, entsprechend der drei Kapitel. Anders aber als die Kapitel, die, weil das mit Geschichten so sein muss, nacheinander angeordnet sind, ereignen sich die drei Geschichten, weil das mit Geschichten so sein muss, synchron. Es sind die Geschichten der Sucette, des Moinous und die eigentliche Liebesgeschichte. Die Geschichte, die der Erzähler uns erzählt.

    Also nacheinander berichtet, was gleichzeitig geschieht: Es ist der 15. März 1954, in New York und auch überall sonst auf der Welt. Auf dem Washington Square findet eine Demonstration gegen den Senator McCathy statt. Sucette, Spross einer ausgesprochen wohlhabenden Bostoner Industriellensippe von der sie sich allerdings distanziert, nimmt an der Demonstration teil und sieht einen jungen Mann den sie anlächelt. Moinous ist als Achtzehnjähriger aus Frankreich weggegangen, in Amerika gelandet, hat als Soldat am Koreakrieg teilgenommen und ist nun mit 23 Jahren in New York gestrandet, eingebürgert, arm und arbeitslos, von der Versorgung der Behörden abgeschnitten und verzweifelt. Relativ verzweifelt, denn eigentlich ist er ein Optimist. Bei einer Demonstration deren Sinn und Zweck ihm entgeht – seine Sorgen beziehen sich, da er ums Überleben kämpft und er keinen Platz für allgemeine Sorgen hat, einzig auf seine eigene Person – sieht er eine hübsche Blondine, die ihn anlächelt. Sie werden in den Wirren der Demonstration voneinander getrennt. Einen Tag später stellt Moinous fest, dass er sich verliebt hat. Er geht jeden Tag zum Washington Square, trifft die Frau allerdings nicht wieder.

    Sucette führt ein luxuriöses Leben. Sie muss nicht arbeiten gehen und lebt von den Zuwendungen ihrer Familie. Sie engagiert sich politisch – gemessen an ihrer Herkunft, auf der Gegenseite – sie belegt einen Schreibkurs und will Schriftstellerin werden. Noch am Anfang ihrer Bemühungen, sitzt sie an ihrer zweiten oder dritten Geschichte. Und die hängt ein wenig in der Luft. Ihr Lehrer hat ihr geraten, den dramatischen Konflikt durch die Hereinnahme einer weiteren Figur zu beschleunigen. Da diese Geschichte einer jungen Frau aus gutem Hause ihrer eigenen nicht unähnlich ist, greift sie auch in diesem Detail auf ihre Biografie zurück und nimmt das Lächeln des jungen Mannes auf dem Washington Square als Anlass, einen jungen Mann in ihre Geschichte einzuführen. Ihre Hauptfigur Susan verliebt sich bei einer Demonstration in den jungen Franzosen namens Moinous, moi und nous, „ich” und „wir”.

    Moinous, inzwischen Tellerwäscher in einem Imbiss, sieht Sucette zwei Wochen nachdem sie einander angelächelt hatten wieder, sie treffen einander in der Librairie Française. Sie nimmt ihn mit in ihre Wohnung und liest ihm ihre Geschichte vor und er, der sehr zufrieden ist mit dem Namen den sie ihm gibt, nennt sie von nun an Sucette: Lutscher. Langsam beginnt die Liebesgeschichte zwischen den beiden. Sehr langsam. Denn Sucette lässt Moinous schmoren. Volle zweiundvierzig Tage muss er seine Lust mit sich herumschleppen. So ist das mit Autoren, die wollen keinen Sex, die wollen ihre Geschichten vorlesen. Und dann müssen die Zuhörer auch noch büßen. Schließlich aber landen sie doch da, wo sie hingehören, im Bett. Sie stellt ihn sogar ihrer Familie vor, die allerdings, das war zu erwarten, nicht sehr viel mit dem Mann anzufangen weiß. Wie der seinerseits mit Amerika und seinen Bewohnern nicht viel anfangen kann.

    Aber bei den beiden steht die Liebe im Vordergrund, das Begehren und die Schwierigkeiten mit dem Begehren, mit dem eigenen und dem des anderen. Sie erkunden ihre Körper, sie schlafen miteinander, sie trinken Kaffee, sie rauchen, sie diskutieren, sie streiten, sie tun das, was Verliebte tun, all die banalen Dinge, die für Verliebte so aufregend sind. Und eines Tages werden sie auseinandergehen. Vielleicht weil da auf einmal ein Richard auf der Bildfläche erscheint, der in seiner Harris-Tweedjacke sehr viel besser zu Sucette mit ihrem schicken Kamelhaarmantel passt als Moinous in seinen zerschlissenen Arbeiterklamotten.

    Die Geschichte hat einen Erzähler, der die ersten 1 ½ Kapitel über Moinous berichtet und dann mitten im 2 Kapitel, recht unvermittelt innerhalb eines Satzes (Seite 114 unten) zu Sucette wechselt, um erst auf den letzen Zeilen wieder zu Moinous zurückzukehren. Aber da der eine jeweils über den anderen berichtet und phantasiert, wechselt die Person im Zentrum des Interesses sehr häufig. Und da der Erzähler die Gegenwart des jeweiligen Protagonisten erzählt – denn noch steht das Wiedersehen der beiden aus – muss er ebenfalls zwischen Gegenwart und Zukunft wechseln, zwischen dem, was ist und dem, was sein wird. Das macht er mit einer bewundernswerten Leichtigkeit.

    Letztlich wissen wir nicht, ob die Geschichte der Sucette nicht allein der Phantasie des verliebten Moinous zu verdanken ist, der einsam und allein, sich erträumt was gewesen sein könnte, wenn er die Blondine angesprochen hätte. Wir wissen nicht, ob die Geschichte des Moinous nicht allein der literarischen Produktion Sucettes zu verdanken ist. Wir wissen nicht, ob die beiden Geschichten nicht allein der imaginativen Kraft des anderen zu verdanken sind. Wir erfahren die wirklichen Namen der Personen nicht. Das ist eine Liebesgeschichte und Wirklichkeit hat in Liebesgeschichten nichts verloren.

    Das Spiel das Raymond Federman hier treibt ist faszinierend. Er entlässt seine Geschichte nie aus dem Konjunktiv. Er weist mehrfach darauf hin, dass, damit etwas zwischen den beiden geschieht, die Liebenden sich wiedersehen müssen. Dennoch erzählt er im Indikativ. Er erzählt die Geschichte der beiden so, als wäre sie bereits angefangen. Er erzählt sie so, dass sie anfangen muss. Und indem er sie so erzählt, fängt er sie an. Das ist blitzgescheit gemacht. Ich hatte eingangs gesagt, dass drei Geschichten erzählt werden. Von den beiden anderen weiß man es nicht, aber diese dritte Geschichte ist eine, die tatsächlich geschieht. Das ist die Geschichte die Federman erzählt. Das ist eine wunderschöne Geschichte über die Liebe, die nur dann geschieht, wenn sie geschieht. Und sie geschieht, indem sie erzählt wird.

    Obwohl Mr Federmann Zweifel daran aufkommen lässt, dass die Geschichte jemals anfängt, lässt er keinen Zweifel daran, dass sie enden wird. Vielleicht endet sie bereits an jenem Punkt, an dem die meisten Liebesgeschichten auf der Welt enden, dort nämlich dass sie gar nicht erst anfangen und die beteiligten Personen genötigt sind, sich das Ganze bloß vorzustellen. Diese Geschichte ist, wie so viele Liebesgeschichten, nicht zum Lachen. Die Liebe ist nicht zum Lachen, weil sie bedroht ist. Bedroht, weil sie, da sie anfing, auch enden kann. Nicht das Ende, der Anfang ist das existentiell Gefährliche. Und doch ist es gerade der Anfang eine solchen Geschichte, der die Phantasie der Menschen beschäftigt. Was geschieht, wenn zwei Menschen sich ineinander verlieben? In was verliebt man sich eigentlich?

    Man verliebt sich nicht in jemanden, weil er eine gute Figur hat. Man verliebt sich in einen Augenaufschlag, in ein Lächeln oder in die Art wie jemand den Kopf wendet, wie er hierhin und dorthin schaut, wie er nickt oder den Kopf schüttelt, lacht oder weint. Und vielleicht verlieben wir uns sogar in die Art wie er das Messer hebt, um uns den finalen Schnitt zu versetzten. Weil wir gute Schnitte zu schätzen wissen. Nur deswegen rennen wir jede Wochen zum Friseur. Und nicht, damit sich irgendein Kerl in uns verliebt, der ja, weil er gleichermaßen von Frisuren wie von Liebe keine Ahnung hat, doch bloß auf unsere Figur achtet.

    Es ist nicht wahrscheinlich, dass die reiche Sucette und der arme Moinous aneinander geraten, dass aus ihnen ein Liebespaar wird und die eine wie der andere ihre Vorbehalte und Vorurteile werden ablegen können und sich in einander verlieben. Es ist nicht wahrscheinlich, dass die Millionenerbin sich in einen Arbeitslosen verliebt. Es ist nicht wahrscheinlich, dass die Ältere sich in den Jüngeren verliebt, die Gebildetere in den Ungebildeten. Das alles ist nicht wahrscheinlich. Aber warum sollten die Umstände sich um Wahrscheinlichkeiten scheren? Es ist auch nicht wahrscheinlich, dass man auf die Straße tritt und von einem Meteoriten erschlagen wird. Und dennoch sind, wie jeder weiß, Meteoriteneinschläge und unerwartete Liebesattacken die häufigste Todesursache in westlichen Gesellschaften. Also warum, wenn man auf die Straße tritt, nicht lächeln? Vielleicht hat man das Glück und wird wider die Wahrscheinlichkeit von einem imponderablen Ereignis dieser Art erschlagen.

    Es ist nicht wahrscheinlich, dass einem Mr Reemtsma über den Weg läuft und fragt, Sagen Sie mal, brauchen sie vielleicht eine lebenslange finanzielle und ideelle Unterstützung? Es ist nicht wahrscheinlich, dass man den Nobelpreis bekommt, dass man die Liebe seines Lebens trifft oder im Lotto gewinnt. Aber warum nicht davon träumen? Nicht das Geld brauchen wir, nicht den Preis, nicht einmal das Glück, das eine oder das andere zu erringen: Wir brauchen die Hoffnung. Moinous ist Tellerwäscher! Das ist im Amerika des 20. Jahrhunderts nicht nur der meistbemühte Mythos; er kann geradezu als ein notwendiger Karriereschritt in die Vorstandsetagen der internationalen Konzerne angesehen werden. Wir brauchen die Hoffnung, denn ohne Hoffnung ist nur Verzweiflung. Das ist die Figur, die Federman hier zeichnet: Die Figur des verzweifelten Optimisten.

    Die Dinge, auch wenn man weiß, dass sie später schiefgehen werden, dass sie schiefgehen müssen, und auch die Liebesgeschichte zwischen Moinous und Sucette geht am Ende schief; die Dinge sollten dennoch begonnen werden. Denn wenn sie nicht begonnen werden, gehen sie auch schief. Das ist eine Erkenntnis, sowohl erzählerisch als auch menschlich, die sehr wichtig ist. Ich weiß gerade nicht, ob sie auf den Autor dieses Buches zurückgeht oder auf mich selbst. Aber das ist oft ein Zeichen guter Literatur, wenn der Leser später nicht mehr weiß, ob er selbst so klug war oder der Autor ihm da unter die Arme gegriffen hat. Das Urheberecht hat hier an zentraler Stelle eine klaffende Lücke. Zum Glück.

    Zu der Übersetzung kann ich wenig sagen, mir liegt das Original nicht vor. Aber es klingt alles sinnvoll. Das ist ein einfacher, oft umgangssprachlicher Ton, den Federman mit vielen amerikanischen Autoren teilt und der in der Literatur des modernen Amerika offenbar als Zeichen von Lebendigkeit und Authentizität gilt. Neben dem Text bekommt man noch ein halbes Interview mit dem Autor „Wenn ich das Tempus gewechselt habe“. Das hat Raymond Federman inzwischen getan. Er ist im vergangenen Herbst gestorben. Im Netz finden sich einige Seiten zum Autor, darunter auch seine eigene. Er ist, soweit ich weiß, der Erfinder des Begriffs „Laughterature“. Mit dem Erwerb dieses schmalen Buches erhält man nicht nur einen schönen Text, sondern auch ein handwerklich schönes Buch. Zum Glück gibt es die kleinen Verlage, die noch mit solchen Dingen auf sich aufmerksam machen.

    Hier geht es zum blog von Mr Federman, natürlich gleich zur richtigen Seite.

    Anmerkung zum 15. März 1954. Ich weiß, dass wenn auf der Welt ein Tag ist, woanders auf der Welt schon ein anderer Tag ist. Ich weiß, dass es eine Datumsgrenze gibt. Aber die Formulierung in diesem Zusammenhang war mir wichtiger als die sachliche Richtigkeit.

    Raymond Federman
    Matthes & Seitz
    Eine Liebesgeschichte oder so was
    [Smiles on Washington Square]
    Aus dem amerikanischen Englisch von Peter Torberg
    224 Seiten,
    ISBN 978-388221-682-0
    € 19,80





    09 November 2010

    Licht im August IV: Ein Verhältnis von Worten und Taten

    Faulkner kann große Charaktere zeichnen. Er kann es vor allem, wenn den Figuren keine ausgeprägte Reflexivität zu eigen ist. „Absalom, Absalom!“, das Werk das im Anschluss an „Licht im August“ entstand, hat mich mehr beeindruckt als das vorliegende. Sei es, weil ich vor einigen Jahren noch leichter zu beeindrucken war, sei es, weil das spätere Werk das Beeindruckende noch deutlicher heraus- und hervorkehrt.

    Frauen und Männer, Geschlechterverhältnisse, ist das Thema dieses Beitrags. Ich suche mir die beiden hierfür wohl interessantesten Gestalten aus, Joanna Burden und Joe Christmas. Die beiden haben ein Verhältnis miteinander. Christmas, der mit seinem Rasiermesser in der Tasche herumläuft, deutet bereits seit dem fünften Kapitel an, dass etwas passieren wird. Dann brennt das Haus der Joanna Burden, sie liegt in dem brennenden Haus mit abgetrenntem Kopf. Die Indizien weisen auf Christmas hin. Aber wir wissen es nicht. Wissen ist in diesem Roman, vielleicht bei Faulkner insgesamt, keine wesentliche Größe. Ich hatte in meinem letzten Beitrag bereits auf die verschiedenen Dimensionen des Wissens hingewiesen.

    Im elften und zwölften Kapitel wird das Verhältnis zwischen den beiden beschrieben. Die Frau ist deutlich älter als Christmas, der dreiunddreißig ist. Es werden verschiedene Zahlen genannt, sie sieht aus wie dreißig oder fünfunddreißig, sie sagt, dass sie vierzig sei, Christmas deutete das aus einem nicht verständlichen Grund als „entweder einundvierzig oder neunundvierzig“: das ist nahezu die Spannbreite zweier Jahrzehnte. Sie ist wohl tatsächlich in der Nähe ihres Klimakteriums, diesseits oder jenseits dieser Grenze. Sie behauptet einmal, schwanger zu sein. Das Verhältnis der beiden erstreckt sich über mindestens drei Jahre und durchläuft mehrere Phasen.

    Die beiden, würde ich sagen, haben ein erotisches und ein verbales Verhältnis miteinander. Aber kein Liebesverhältnis. Ein Liebesverhältnis möchte ich als eines definiert, in dem die beiden anderen, das erotische und das verbale Verhältnis, in ein Verhältnis zueinander treten. Erst ein solches Verhältnis ist ein Liebesverhältnis.

    Wenn Faulkner das verbale Verhältnis der beiden Personen beschreibt, dann weiß man nicht, ob das genialisch oder dilettantisch ist. Eigentlich will man nach der Lektüre dieses kleinen Abschnitt fragen: sprechen sie nun miteinander oder nicht? Obwohl dies das Thema ist, wird es nicht deutlich. Das miteinander reden, vor allem wenn ein Mann und eine Frau miteinander reden, kann bisweilen schwierig sein. Und manchmal ist nach dem Reden nicht deutlich, ob man nun einen Schritt nach vorne oder zwei nach hintern getan hat.

    “Sie erzählte ihm ohnehin sehr wenig. Sie sprachen sehr wenig, und immer nur beiläufig, auch nachdem er der Liebehaber in ihrem Altjungfernbett geworden ist. Manchmal hätt er fast glauben können, dass sie überhaupt nicht miteinander sprachen, dass er sie überhaupt nicht kannte. Es war, als gäbe es sie zweimal: einmal die Frau, die er hin und wieder bei Tage traf und ansah, wenn sie miteinander sprachen, mit Wörtern, die nichts weiter aussagten, das sie das auch weder versuchten noch beabsichtigte, und dann die andere, bei der er nachts lag und die er nicht einmal sah, mit der er überhaupt nicht sprach.“

    Das Verhältnis der beiden wird zu keinen Zeitpunkt als eine Annäherung von zwei Individuen beschrieben. Sie stehen einander schroff gegenüber, unvermittelt, hart und oft gleichgültig. Auch hier macht Faulkner keinerlei Erklärungsversuche, er schildert bloß, was er sieht. Er beschreibt es, er gestaltet es, aber er greift nicht vermittelnd ein, er macht es dem Leser nicht verständlich. Als Christmas einen Zettel vorfindet, den Joanna ihm geschrieben hat, sagt Faulkner etwa zehn Mal, dass er, Christmas, den Zettel nicht liest und dass er ihn besser doch hätte lesen sollen. Aber eines sagt er nicht: was drauf steht. Es wird nicht aufgeklärt, was Joanna Christmas zu sagen hatte.

    Christmas lebt in der Hütte auf dem Grundstück der Joanna Burden, erst alleine, dann mit Joe Brown zusammen. Sie stellt ihm manchmal Essen hin. Eines Tages geht er durch das große Haus zu ihr und entjungfert die Frau: „Er sprach mit ihr, mit angespannter, harter, leiser Stimme „Ich werd‘s dir zeigen. Ich wird‘s der Hure zeigen!“ Sie widersetzte sich nicht im Geringsten. Fast war es, als wollte sie ihm mit kleinen Änderungen der Haltung ihrer Arme und Beine helfen, als Hilfe schließlich notwendig war. Doch unter seinen Händen hätte der Körper auch der Körper einer Toten vor dem Eintreten der Totenstarre sein können. Aber er ließ nicht ab, und obwohl seine Hände hart und hastig waren, war es allein vor Zorn. `Wenigstens habe ich sie endlich zur Frau gemacht´, dachte er. `Jetzt hasst sie mich. Das, wenigstens, habe ich ihr beigebracht`.“

    Faulkners Stil ist manchmal geradezu bedenklich. Er ist kein Grammatikkünstler (zumindest in diesem Punkt sind wir beide uns ähnlich): der Gebrauch des Wortes „obwohl“ im obigen Zitat ist schlicht falsch. Das ist eine konzessive Konjunktion, die einen Sachverhalt einräumt oder zugesteht, hier hätte eine präpositionale oder konsekutive Konjunktion weit besser gepasst. Auf der anderen Seite: eine Frau die entjungfert wird, kann schlechterdings keine Hure sein. Auch hier ist Faulkner ungenau. Ungenauigkeit ist aber womöglich sein Stil. Womöglich ist die Bezeichnung „Hure“ einzig als männlicher Sprachgebrauch zu verstehen. Damit werden Männer beschrieben, die Frauen hassen, weil sie sich Männern hingeben. Die die Frauen sogar dann zu hassen, wenn sie sich ihnen und nur ihnen hingibt. Weil die Verachtung größer ist als die Achtung oder das allgemeine Bild der Frauen stärker ist als das individuelle der eigenen Frau. Hier müsste eine richtige Analyse her, die in einem Blog nicht zu leisten ist.

    Am nächsten Tag schmeißt Christmas das Essen, die verschiedenen Schüsseln, nachdem er ihren Inhalt identifiziert hat, an die Wand. Und sucht sich einen Job. Die beiden, Liebende darf man sie wohl kaum nennen, sehen sich offenbar ein halbes Jahr lang nur aus der Ferne und dann sitzt Joanna Burden eines Tages bei ihm in der Hütte und erzählt sehr ausführlich von ihren Vorfahren. Etwa zu dieser Zeit entwickelt die Frau großen Appetit, in erotischer wie auch in kulinarischer Hinsicht. Christmas spricht von Verderbtheit. Was das ist, beschreibt Faulkner nicht: das wird die wohl eher prüde Zeit nicht zugelassen haben, auch wenn sie die Beschreibung der Kastration Christmas zuließ. Es wird nur vom Furor jener Nächte gesprochen.

    Sie spricht von einem Kind. Sie scheint schwanger, dann aber ist nicht mehr die Rede davon. Ob es eine Sinnestäuschung ihrerseits war oder ob sie eine Fehlgeburt hatte, wird nicht gesagt. Erneut gehen die beiden Wochen und Monatelang aneinander vorbei. Christmas will weggehen. Er wartet darauf, gehen zu können. Und geht nicht. Sie will ihn zum Beten zwingen. Er weigert sich. Er denkt, sie sei wahnsinnig. Sie will, dass er zur Schule geht, dass er Jura studiert, dass er ihre Geschäfte führt. Er weigert sich. Er schlägt sie. Das Verhältnis wird zu einem Machtkampf. Wenn es überhaupt eine Entwicklung gibt, dann diese.

    “Zünde die Lampe an“, sagte sie.
    „Ich brauche kein Licht“, sagte er.
    „Zünde die Lampe an.“
    „Nein“, sagt er.
    …..
    „Kniest du mit mir nieder?“, fragte sie. „Ich bitte nicht darum.“
    „Nein“, sagte er.
    „Ich bitte nicht darum. Nicht ich bin‘s, die darum bittet. Knie mit mir nieder.“
    „Nein.“
    Sie sahen einander an. „Joe“, sagte sie. „Zum letzten Mal. Ich bitte nicht darum. Denk daran. Knie mit mir nieder.“
    „Nein“, sagte er.“

    Sie bedroht ihn schließlich mit einer Pistole. Sie bedroht ihn nicht nur, die drückt ab. Die Pistole funktioniert nicht. Dann steht Christmas auf der Straße und hält ein Auto an, mit ihrer Pistole in der Hand. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass er sie umgebracht hat. Möglicherweise ist es aber auch Joe Brown gewesen. Der wohl auch das Haus angezündet hat.

    Kein Wort des Autors oder Erzählers, kein Wort der beiden Figuren, warum sie diese zermürbende Liaison nicht beenden. Keiner macht den Versuch, keiner scheint auf den Gedanken zu kommen, dass, was man angefangen hat, auch beenden kann. Es wird nichts über den Furor jener Nächte berichtet, nichts über Genuss oder Anziehung oder, was in der Liebe eine so große Rolle spielt, über die Hoffnung. Ich sagte eingangs, es sei kein Liebesverhältnis, weil ein Liebesverhältnis ein Verhältnis von Worten und (erotischen) Taten ist. Das ist es hier nicht, weil keiner der beiden Partner, Mann und Frau, Worte oder Taten, überhaupt in der Lage sind, sich auf einen anderen einzulassen. Die sind gar nicht wie zwei Menschen, die stehen sich wie im Krieg unversöhnlich gegenüber: „Da war kein weibliches Zaudern, keine Scheu vor offensichtlichem Verlangen und der Absicht, sich schließlich doch zu ergeben. Es war als kämpfe er körperlich mit einem anderen Mann um einen Gegenstand, der für keinen von beiden einen eigentlichen Wert hatte, um den sie allein um des Prinzips willen kämpften.“

    Dennoch, das klingt fast wie Hohn, findet sich in der Gestaltung dieses Verhältnisses der beiden Personen, einer der, wie ich finde, schönsten Sätze in diesem Buch, bereits gegen Ende des zweiten Kapitels: „Als er jetzt das Gesicht hebt, merkt er, das er es schon wieder gesenkt hat, bevor er auch nur ihrem Blick begegnet ist.“

    Was immer die Leser und Leserinnen hier an Erfahrungen mitbringen, ich denke, das ist etwas, was jeder kennt, dieses hin und wieder wegesehen bevor man richtig hingesehen hat. Wo das Bemerken den Handlungen immer hinterherläuft. Was man auch tut, man hat es bereits getan. Es gibt allerdings auch die gegenteilige Situation im Leben. Da weiß man bereits im Voraus, was man tun wird. Und tut‘s dann doch nie. Als reiche das Wissen aus oder als seien Handlungen zu gefährlich. Wissen ist ja auch eine Weise, sich von der Welt fernzuhalten. Sich aus der Welt herauszuhalten, indem man etwas über sie weiß.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 Oktober 2010

    Taten und Zutaten, Möglichkeiten, Verbrechens- und Verfolgerforschung

    Meine Kommentare auf Iris Nebel und Schneck stelle ich heute nicht in den Kommentarbereich, sondern hierher. Den Anlass dazu gab der von Iris Nebel verlinkte Artikel über Friederike Mayröcker, die ein Buch geschrieben hat, bestehend aus Kommentaren und Fußnoten zu einem Werk, das es nicht gibt.

    Liebe Iris,

    ohne zu glauben, dass man sich für ein Lob immer bedanken muss, denn man hat das Gelobte ja nicht um des gelobt werden willens getan, sondern um der Sache willen; und ohne auch gleich zurückloben zu wollen, weil ich ebenfalls glaube, dass man sich auf andere Weise bedanken kann, als durch das Hin- und Herloben; obwohl ich dies beides glaube, muss ich Sie hier ebenfalls loben für Ihren Kommentar!

    Die Art und Weise wie Faulkner seinen Text präsentiert, hochartifiziell mit logischen Brüchen ist tatsächlich, auf diese Spur haben Sie mich jetzt geführt, eine Art und Weise Möglichkeiten vor Augen zu führen. Es sind dabei nicht nur die Möglichkeiten die der jetzige Moment in der Zukunft erkennen möchte. Vielmehr unterliegt das keiner strengen Zeitenfolge. Möglichkeiten können sich auch in der Vergangenheit offenbaren. Ich kann meinen unveröffentlichten Roman als eine Niederlage empfinden. Aber ich habe nur zwei richtige Absagen, weil ich mich dann nicht mehr bemüht habe. Nun habe ich vielleicht mit meinem zweiten Roman Erfolg, kann dann gleich für das erste Buch auf einen Verlag zurückgreifen und kann, aufgrund meiner inzwischen verbesserten Technik und meines veränderten Stils, deutlich verbessern. So wird aus der vergangenen Niederlage ein Erfolg. So etwa in der Art meine ich das mit den vergangenen Möglichkeiten. Es sind nicht die Dinge, die bestimmend sind, auch wenn man sie als erstes sieht, es sind die Möglichkeiten, die sich in ihnen verbergen oder andeuten.

    Das ist auch der Stil von Faulkner, indem er Dinge, Sachverhalte, Umstände wieder und wieder erzählt, iterativ oder assoziativ, aus anderen Zeiten, aus anderen Augen und anderen Blickwinkeln. Er entwickelt dabei tatsächlich ein Möglichkeitsbewusstsein. Letztlich ist ein Erzähler fiktionaler Texte natürlich immer an die Chronologie gebunden, wie die er Musik. Da sind die darstellenden Künste etwas freier in ihren Gestaltungsmöglichkeiten.

    Wie Sie auf Ihrer eigenen Seite schreiben, diese Zerlegung, oder die Collage, das ist ein sehr poetisches Verfahren. An Gedichten kann man das sehr viel leichter zeigen: etwas, das Betrachtete oder Untersuchte, wird in seine Einzelteile, in Momente zerlegt. Aber es wird danach nicht wieder zusammengefügt. Weil das nicht geht. Weil die Zerlegung das künstlerische Moment sehr viel deutlicher herausarbeitet, als das zusammenfügen. Nach der Zerlegung habe ich mehr als ich zuvor hatte. Würde ich es nahtlos zusammenfügen können, wäre nichts gewonnen und nichts verloren. Das „Zuviel“ oder „Zuwenig“ ist das, was interessant ist, die scheinbare Differenz zur Realität.

    Sieht man die Wohnung Mayröckers, könnte man leicht die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und ausrufen: eine Messie! Das halte ich für wenig angebracht. In den Köpfen von vielen Künstlern, von anderen wahrscheinlich auch, sieht‘s genauso aus. Tausende von Ideen, Zetteln, Wegen, die man nicht gehen kann, weil man sie gerade unter den anderen Wegen, Zetteln und Ideen nicht wiederfindet. Aber man hat sie irgendwo. Man hat sie aufgeschrieben, man hat sie notiert und abgelegt, sie sind nicht für immer verloren, Sie sind nur in dem Moment verloren, in dem man sie braucht. Aber generell sind sie gerettet. Und das ist die die Form von Verlorenheit und Rettung, die man vielleicht auch im Leben spürt: eine allgemeine Rettung, die ist irgendwo, aber konkret kann man sie derzeit unter all den möglichen Rettungswegen nicht ausfindig machen.

    ———————————————————————————————————

    Lieber Schneck,

    normalerweise weckt mich mein Wecker. Durch ein lauter und penetranter werdendes, aber nicht unbedingt unangenehmes Geräusch. Es soll mich immerhin wecken. Ich finde das von der Anlage her primitiv. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich wecken zu lassen: warum ausgerechnet durch ein Geräusch? Der Wecker könnte mich in den Arm nehmen, mir zuflüstern, dass er mich liebt und dann Dinge mit mir tun, die ich hier jetzt nicht ausbreiten will, nicht, weil ich sie mir nicht vorstellen kann, sondern weil ich sie mir zu gut vorstellen kann, als das ich dann noch irgendetwas anderes ausbreiten könnte. Macht der Wecker aber nicht. Er weckt mich nicht, indem er einen angenehmen Duft verbreitet. Er könnte mir etwas Schönes zeigen. Er könnte mich durch den Geschmack des Frühstücks wecken. Macht der Wecker alles nicht. Er arbeitet sich wie eine Kreissäge durch einen Balken in meine Ohren hinein und durch meinen Kopf durch, so dass der, wie der zersägte Balken, in zwei Teile auf den Boden fällt. Ich bin dann nicht wach, ich bin tot.

    Heute Morgen war es anders. Und das lag an gestern. Ich lasse mich durch mein Telefon wecken, damit ich wenigstens einmal am Tag weiß, wo das ist. Ich habe leider die Tendenz, das nicht zu wissen. Und wenn ich es nicht weiß, dann weiß ich das nicht tendenziell nicht, sondern total. Einmal am Tag weiß ich es dann. Heute weiß ich es nicht. Weil ich es gestern nicht finden konnte. Ich lag zwei Tage mit einer Mittelohrentzündung im Bett und gestern habe ich mich entschlossen, dass mich heute Morgen die Arme eine heiß geliebten Mannes wecken, der in meine Ohren flüstert. Ist dann nicht geschehen. Es geschah aber …

    … es geschah aber, dass ich von ganz alleine wach wurde. Das halte ich für die Wecktendenz der Zukunft! Ohne Einmischung von außen. Ohne randalieren und ohne den Versuch, meine Sinne zu beschädigen, mich in zwei Teile zu sägen und ohne irgendeinen äußeren Einfluss wird der Schlafende und die Schlafende geweckt indem er und sie einfach, was?, genau: wach werden! Wachwerden indem man zu schlafen aufhört.

    Ich war schon einmal sehr nah an diesem Idealzustand, gefährlich nahe, daher kommen solche Phantasien. Meine Eltern haben mich als Kind geweckt, aber ich bin einfach nicht wach geworden, ich konnte mich nur mit Mühe waschen, anziehen, frühstücken; richtig wachgeworden bin ich erst im Auto. Meine Eltern sind beide Lehrer und wir sind damals zusammen in die Stadt und zur Schule gefahren.

    Verbrechen ist ein schönes Wort. Tat und Zutat: schöne Worte. Auch Verfolger ist ein schönes Wort. Das ist eine Ehre, wenn man nach einem Verbrechen verfolgt wird. Wenn man seinen Verfolgern zeigen kann, dass man besser ist als sie, schneller und gewitzter. Ich weiß nicht, ob diese Tendenz derzeit bei den Verbrechern sehr beliebt ist. Die meisten, fürchte ich, hauen einfach nur ab. Die verstehen das nicht als eine intellektuelle oder künstlerische Herausforderung. Ich fürchte, die Verbrechens- und Verfolgerforschung ist derzeit in keinem guten Zustand.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    14 Oktober 2010

    Licht im August II: Der Anschein natürlicher Vorgänge

    Alle Welt amüsiert sich und ich führe das dürftige und entsagungsreiche Leben einer Schriftstellerin. Entsagungsreich ist ja ein seltsames Wort. Das gibts im Rumänischen häufig, das Worte sowohl den einen als auch den entgegen gesetzten Sinn haben.  Nach allerlei Verwirrungen der letzten Tage – Verwirrungen des Zöglings Torik – geht es hier wieder um das, worum es hier geht: Literatur.

    Zum Thema Erzähltechnik und Erzählperspektive lässt sich lang und vor allem breit referieren. Es ist ein Anfängerthema, das in der Regel in den ersten Semersten eines Literaturstudiums behandelt wird. Dennoch ist es komplex. Große Theoretiker wie Roland Barthes, Roman Jakobson und Paul Ricoeur – das sind nicht zufällig alles Franzosen, das war bei uns am Institut so, da waren die französischen Einflüsse maßgeblich – wichtige Arbeiten zu diesem Thema verfasst. Für die vorliegenden Zwecke scheint es mir ausreichend, sich zu vergegenwärtigen, dass der Leser es immer mit einer Erzählinstanz zu tun hat: nie kommt etwas an das Ohr oder das Auge eines Lesers, ohne dass es dahin gebracht worden ist.

    Es gibt keinen natürlichen Erzählvorgang. Wie in der darstellenden Kunst lange Zeit die sogenannte Zentralperspektive als die natürliche Perspektive galt, galt in der Literatur die chronologisch fortschreitende Erzählung als natürlich, die nach einem quasi additivem Prinzip formuliert wurde: Und dann und dann und dann …. . Hier wie dort handelt es sich allerdings nur um den Anschein natürlicher Vorgänge. Was man erzählt, muss man darstellen. Und durch die Darstellung verändert man eine Wahrheit, die es ohne diese Darstellung nicht gäbe.

    Das lässt sich an einem Beispiel zeigen, Miguel de Cervantes „Don Quijote von der Mancha“. Im zwanzigsten Kapitel sieht Sancho Pansa zu wie ein Ziegenhirte seine Herde von dreihundert Ziegen mit einem kleinen Boot über eine Furt hinübersetzt. Er muss jede einzelne Ziege transportieren, der Vorgang wiederholte sich also viele Male. Als der Knappe Don Quijote, der ja nicht dabei war, davon berichtet, erzählt er von jeder einzelnen Fahrt, mit immer den gleichen Worten immer wieder dasselbe, und noch eine und noch eine und noch eine …. Bis der edle Ritter ihn unterbricht: „Nimm an, er habe sie alle übergesetzt“, sagte Don Quijote, „und fahre nicht ewig so hinüber und wieder herüber, sonst wirst du in einem ganzen Jahr nicht fertig, mit dem Übersetzen deiner Ziegen.“

    Es gibt, versteht man hier nahezu intuitiv, ein zeitraffendes Erzählen, man kann die Herde in einem Satz hinüber transportieren und erzählen, es gibt ein zeitdeckendes Erzählen, was Sancho Pansa da im Sinne hat, und es gibt ein zeitdehnendes Erzählen: „in einem ganzen Jahr nicht“. Und wie man mit der Zeit umgehen kann, so kann man auch mit Modus, der Mittelbarkeit des Erzählten, und der Stimme verfahren, die Auskunft gibt über den Ort der Erzählsituation gibt.

    Da wir nichts erzählen können, ohne das Erzählte in eine zeitliche Ordnung zu bringen und da die Chronologie die einfachste Ordnung ist, die sich denken lässt, finden wir in jedem poetischen Text auch eine chronologische Ordnung. Bei Faulkner finden wir allerdings keine durchgehende Perspektive. Wir haben einundzwanzig Kapitel, die einzelne Geschichten und Personen aus unterschiedlichen Richtungen erzählen – Personen, mit individuellem Tonfall und unterschiedlicher Erzählgeschwindigkeit. Wir haben immerhin so etwas wie einen Rahmen, Lena Grove ist die beherrschende Figur des ersten und letzten Kapitels. Ein Gesamtbild der Ereignisse entsteht, indem Umstände mehrfach erzählt werden, aus den Blickwinkeln verschiedener Personen, verschiedener Zeiten und unterschiedlichen Wissenshorizonten des Lesers. Das ist kein Puzzle, das Faulkner hier legt, so dass am Ende, nach 21 Kapiteln, 480 Seiten und 30 Erwähnungen des Brandes von Joanna Burdens Haus ein vollständiges Bild vor uns steht. Das Bild hat an vielen Stellen Lücken und an anderen liegen ein Duzend Teile übereinander. Aber es ist das Bild, das Faulkner zeichnen will. Es ist seine Weise den Pinsel oder den Bleistift zu führen. Es ist sein Strich.

    Diese Art der Darstellung betrifft nicht nur die Einteilung in die Kapitel, sondern lässt sich im Detail zeigen. Ich verfolge die Erzählerpositionen im vierten Kapitel. Byron Bunch ist bei dem Geistlichen Hightower zu Besuch und erzählt wie am Tag zuvor die hochschwangere Lena Grove im Hobelwerk auftauchte. Sie hatte gehört, dass ein Mann namens Lucas Burch dort tätig sei, der Vater ihres Kindes. Dies allerdings ist eine Verwechslung aufgrund der phonetischen Ähnlichkeit von Burch und Bunch. Das Verhältnis von Erzählerbericht und direkter Rede ist in etwa eins zu zwei. Es ist Byron, der erzählt. Hightower unterbricht lediglich bisweilen den Erzählfluss durch Fragen. Der Erzähler sitzt sozusagen als der unsichtbare Dritte mit den beiden anderen am Tisch. Ich referiere die Struktur dieses Kapitel, nicht jeden einzelnen Wechsel (dann bin ich im nächsten Jahr noch nicht fertig mit dem Übersetzen), mit Sprüngen, da die Angelegenheit recht unübersichtlich und komplex ist.

    Der Erzähler beschreibt kurz die Situation, da die beiden Männer zusammensitzen. Dann berichtet Byron in direkter Rede davon, wie Lena Grove im Hobelwerk plötzlich hinter ihm steht und nach Lucas Burch fragt. Durch Fragen Hightowers animiert, erzählt Byron, dass das Haus der Joanna Burden während er mit Lena spricht, brannte. Später hörte Byron andere reden, dass Christmas und Brown auf dem Grundstück der Joanna Burden in einer Hütte lebten. Sie haben dort illegal Whiskey verkauft. Weiter erzählt Byron, dass Joe Brown von einem Farmer betrunken in dem brennenden Haus gefunden wurde und inzwischen als Verdächtiger im Gefängnis sitzt. Christmas ist seither spurlos verschwunden, erfahren wir durch den Erzähler. Byron erzählt, dass Christmas Brown vor einiger Zeit betrunken aus einem Friseurladen gezerrt hat. In seiner Erzählung berichtet er das Gespräch zwischen Christmas und Brown in direkter Rede, als wäre er dabei gewesen; wir wissen allerdings nicht, ob es so ist. Dann berichtet der Erzähler, dass Byron nach der Arbeit im Hobelwerk Lena in eine Pension bringt. Byron berichtet in direkter Rede das Gespräch zwischen der Wirtin und ihm. Dann wird das Gespräch zwischen der Wirtin und Lena erzählt: vom Erzähler, obwohl es eigentlich Byron erzählen könnte, er war ja dabei. Von dieser direkten Rede geht’s ohne klärenden Übergang oder die Einmischung des Erzählers  wieder zu der direkten Rede zwischen Byron und Hightower. Dann erzählt Byron in direkter Rede davon, dass zur selben Zeit, da er mit Lena in der Pension saß, Brown im Büro des Scheriffs sitzt. Byron erzählt in direkter Rede noch einmal die Szene im Friseurladen, mit den wörtlichen Kommentaren der dort Anwesenden, dann berichtet Byron in direkter Rede von dem Landarbeiter, der den Brand entdeckt hat, den betrunkenen Brown und die Leiche der Miss Burden: obwohl er hier nicht dabei war. Das wäre Sache eines Erzählers, denn ein Erzähler, allwissend oder nicht, ist ja immer dabei. Dann erzählt Byron in direkter Rede wieder von Christmas und Brown, dann, in eingebetteter direkter Rede, von einem Gespräch zwischen den beiden, was nur ein Erzähler kann. Schließlich erzählt Byron in direkter Rede das Verhör zwischen dem Scheriff und Brown. Also ein erneuter Bruch in der Erzähllogik. Es übernimmt wieder der Erzähler, dann kommt der weitere Verlauf des Gesprächs zwischen Byron und Hightower und es endet, indem Byron erzählt, dass Lena von alledem nichts wisse und in direkter Rede werden die Worte Lenas wiedergegeben als sie in Jefferson ankommt, und von dem Pferdefuhrwerk absteigt, die Byron ja nicht kennen kann, denn er sagte ja zu Beginn zu Hightower, Lena hätte plötzlich im Hobelwerk hinter ihm gestanden.

    So ungefähr. In nuce kann man das sehr viel genauer machen. Aber das ist ja keine Arbeit aus dem Seminar. Die verschiedenen Dialogebenen gehen durcheinander. Byron erzählt Dinge, als wäre er dabei gewesen und übernimmt teilweise die Funktion des Erzählers, während der Erzähler sich an Stellen aus der Erzählung zurückzieht. Der Wechsel zwischen den Positionen geht in einem solchen Tempo vor sich, dass der Leser das gar nicht bemerkt. Man könnte geradezu von einer Auflösung einer konsistenten Erzählposition sprechen. Welche Funktion hat das? Was will Faulkner damit erreichen?

    Ich möchte zwei Dinge herausstellen. Die Distanz zum Leser ist in der direkten Rede sehr gering: so entsteht die Illusion einer großen Nähe zum erzählten Stoff. Wenn dann auch noch erzähllogische Grenzen übersprungen werden und die Figuren Umstände erzählen, die nur in indirekter Rede oder durch den Erzähler wiedergegeben werden können, dann dient das einerseits der weiteren Annäherung an den Stoff, hat aber noch eine weitere Funktion: die der Annäherung an unsere tatsächliche Wahrnehmung. Wir nehmen die Welt nicht strukturiert wahr, in chronologischer Weise, sondern mit großen Sprüngen, auch erzähllogischen Brüchen: hier haben wir etwas gehört, da ahnen wir etwas, da meinen wir bloß und dann wieder argumentieren wir oder unser Gegenüber. Hier haben wir einen inneren Monolog, da direkte Rede, eingebettete direkte Rede, Erzählerbericht. Das geht wild durcheinander. Das ist ja auch die Erkenntnis von Joyce und Sterne gewesen. Das ist die Auflösung einer konsistenten Erzählperspektive wie auch der Figurenrede. So wie die Wahrnehmung nun einmal funktioniert. Und das Erstaunlichste daran ist: man bemerkt es beim Lesen kaum. Vielleicht bemerkt man es auch im Leben nicht, diese Auflösung konsistenter Perspektiven. Und womöglich kann man doch, anders als eingangs behauptet, von einer natürlichen Erzählhaltung sprechen. Jedenfalls ist das das Bild, das, meiner Wahrnehmung nach, der Autor hier zeichnet.

    Das Verhältnis von Schriftstellern und Literaturwissenschaftlern entspricht in etwa dem zwischen Schwerverbrechern und der Polizei. Ein guter Schriftsteller ist seinen Verfolgern immer um eine Nasenspitze vorweg. Die Literaturwissenschaftler versuchen mit ihren Modellen zu beschreiben, was die flüchtigen Künstler machen. Diese kriminalistischen Modelle können die wahre Welt der Literatur immer nur annähernd beschreiben, sie können die Gitterlinien des Verstehens enger oder weiter ziehen, aber sie laufen immer hinterher. Deswegen will ich Schriftstellerin werden. Ich will keine Erklärungsmodelle, keine Schemata und keine Morphologien entwickeln. Ich will Verbrechen begehen!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    20 September 2010

    Ankünfte und Abschiede

    Ich bin wieder da. In Teilen. Andere Teile kommen nach. Es war nicht möglich, alles auf einmal zu transferieren. Ich komme in kleinen Parteien und Partikeln zurück. Ein Teil von mir ist früher wieder nach Berlin gekommen, andere kommen etwas später. Das wird in den nächsten Tagen zusammengefügt. Dann bin ich wieder ganz die alte. Oder sogar noch älter. Und noch ganzer.

    Die vergangenen Wochen waren ein wenig anders als geplant. Den letzten Teil der Reise, den Schlenker über Bukarest, musste ich streichen. Ich hätte also noch ein paar Tage in Transsylvanien bleiben können, aber ich hatte mich bereits verabschiedet als diese Modifikation deutlich wurde. Dann wollte ich zurück nach Berlin. Ich bin dieses Mal nur sehr schwer aus dem Leben und der Anspannung hier herausgekommen und in das Leben und seine Verhältnisse dort hinein. Ich habe den Modus der Entspannung nicht gefunden, nicht so wie ich das wollte. Ich habe kaum etwas gelesen und nur mit Mühe und Not „Licht im August“ geschafft. Das war immer ein klares Zeichen meiner Entspannung, wenn ich den ganzen Tag lesen konnte. Es gibt hinter dem Haus eine Stelle, man muss ein bisschen klettern, das Buch zwischen den Zähne, aber wenn man dann oben ist, kann einen keiner mehr stören. Da habe ich immer gelesen. Ich weiß nicht, warum ich bei früheren Aufenthalten die Zeit zur Entspannung fand, dieses Mal fand ich sie nicht.

    Sibiu liegt im Hochland, auf einer Höhe von etwa 400 Metern, aber relativ flach. Ich hingegen komme aus einem rumänischen Bergdorf, zwanzig Kilometer südwestlich von Sibiu, in der Mărginimea Sibiului, dem Randgebiet von Sibiu. Gut zehn Kilometer südlich der Stadt fangen sehr unvermittelt und an manchen Stellen beinahe schroff die Karpaten an. Man fährt auf dem Weg in mein Dorf durch Christian, das letzte Dorf der Sachsen in der Ebene; und das mit der größten Population an Störchen in Rumänien. Nahezu auf jedem Schornstein sitzt ein Storchenpaar und brütet über dem Nachwuchs. Die Storchennester sind charakteristisch für das ganze Dorf. Ich kenne dieses Bild, und das Geräusch, das Klappern der Störche, ich bin tausend Mal durch Christian gefahren, das war der Weg zur Schule. In diesem Jahr bin ich zu spät gekommen, die Störche waren schon weg. Ihre Nester waren alle schon verlassen. Das ist ein klares Zeichen für den beginnenden Herbst. Störche wissen, wann das Wetter schlechter wird. Dann machen sie mit dem Nachwuchs den ersten Sprung ins Donaudelta, wo sie eine Pause einlegen und sich sammeln, bevor sie dann in großen Zügen zum langen Flug nach Afrika, in den Sudan ansetzten. Dieses Jahr hatten sie sich allerdings geirrt, auch wenn es an dem Morgen meiner Ankunft regnete: der Sommer gab sich noch ein langes Stelldichein.

    Noch nicht ganz angekommen, noch am ersten Abend, gab es einen weiteren Abschied. Oder doch die Ankündigung dazu. Mein Großvater hatte, was ich nicht wusste, ein Fohlen gekauft. Und da neben den drei Kühen kein weiterer Platz im Stall ist, bedeutete dies unweigerlich, dass “Kleiner Onkel”, der zu uns kam als ich acht oder neun Jahre alt war, das Ende seines Lebens erreicht hat. Wo ich herkomme sind Pferde Arbeitstiere. Es kann sich kaum jemand leisten, ihnen ein Gnadenbrot zu geben. Das Ende der Arbeitskraft zeigt auch das Ende des Lebens an.

    Ich habe darüber nachgedacht, was es mich kosten würde, das Pferd zu ernähren. Das wären keine hundert Euro im Monat. Ich habe ein Stipendium von tausend Euro. Ich bekomme vom deutschen Staat ungefähr so viel Geld, wie meine Eltern zusammen verdienen. Ein Zehntel des Geldes könnte ich erübrigen, ohne dass es mir wirklich weh tut. Kleiner Onkel war einmal eine Vertrauensperson, mein erster bester Freund. Wenn ich Liebeskummer hatte, dann habe ich das dem Pferd erzählt. Und vor allem: Ich habe ihm seinen Namen gegeben. In der Welt der Worte hat er seine Existenz von mir. Er hat riesengroße dunkle, beinahe schwarze Augen und er erkennt mich auch noch nach Jahren der Trennung wieder. Er schnaubt und scharrt mit den Hufen. Wenn ich ihn dann nicht beachte, dreht er mit seinen Arsch zu. Dann ist er beleidigt.

    Ich kann ihm mit hundert Euro das Leben retten, zumindest einige Zeit. Ich habe eine Nacht darüber nachgedacht, und mich dann dagegen entschieden. Aber nicht, weil die finanzielle Situation bei mir in den nächsten Jahren absehbar schwierig wird. Das ist leider kein Stipendium auf Lebenszeit. Auch deswegen mache ich seit einiger Zeit so einen Druck, weil ich Angst habe, dass ich in eine Situation komme, wo ich nicht mehr weiß wie es weitergeht. Ich habe mich vielmehr dagegen entschieden, weil es geradezu obszön wäre, ein Pferd in Rumänien zu füttern, wenn man mit diesem Geld auch Menschen vor dem Verhungern retten könnte. Überall dort gibt es Leute, die nicht wissen, wie sie über den nächsten Winter kommen sollen, deren Renten und Gehälter gekürzt worden sind, bei deutlich steigender Inflation. Nach neuen Auflagen des Internationalen Währungsfonds ist die Mehrwertsteuer in diesem Jahr von 19 auf 24 Prozent angehoben worden. Die Preise für Energie und Lebensmittel steigen und die wirtschaftliche Situation bei vielen, vor allem bei alten Menschen, ist äußerst angespannt. Und in meinem Dorf gibt es nahezu nur noch Alte. Ich könnte jedem zweiten dort hundert Euro in die Hand drücken.

    Ich konnte mich kaum über das Fohlen freuen. Ich musste Abschied nehmen. Kleiner Onkel und ich: wir sind zusammen groß geworden. Ich werde das Tier nicht mehr wiedersehen. Also habe ich mir viel Zeit genommen, mich zu verabschieden. Ich bin mit aufs Feld gegangen, ich habe ihn jeden Abend gestriegelt und ihm Futter gegeben und ihm Geschichten erzählt, Geschichten vom Pferdehimmel. Das war es, was ich tun konnte. Deswegen hatte ich keine Zeit zu lesen. Mit dem Tier stirbt ein Teil meiner Kindheit. Das Schlimme ist: ich kann nichts dagegen tun. Und das noch Schlimmere: ich könnte etwas dagegen tun, aber ich finde keine Rechtfertigung dafür.

    Rumänien ist ein Agrarland. Kinder und Jugendliche sind eine unerlässliche Hilfe auf dem Feld. Die Sommerferien gehen einher mit den Belangen der Landwirtschaft: vom 15. Juni bis zum 15 September sind Ferien und die Kinder arbeiten mit ihren Eltern auf dem Feld. Als am Montag die Schule wieder anfing, habe ich meinem ehemaligen Gymnasium einen Besuch abgestattet (sagt man abgestattet? Abstatten? Wie abhalftern? Und bestatten?). An dem Tag sind die beiden unteren Bilder entstanden. Auf dem letzten Bild ist mein ehemaliger Mathepauker: der war zum ersten Mal erfreut, mich zu sehen. Über meine mathematischen Fähigkeiten hat er früher allerdings nur den Kopf schütteln können. Mich interessieren einfach Zahlen nicht. Sie interessieren mich so wenig, dass ich nicht  mit Ihnen umgehen kann. Jedenfalls war mein Lehrer erfreut, mich zu sehen und er ist heute, wie damals schon, immer in Begleitung von schönen Frauen. Der Typ auf dem Bild darüber war zwar frei & willig, aber ich nicht so richtig. Nett war er dennoch.

    Ich brauche noch etwas Zeit, hier anzukommen, einige Erlebnisse in Worte zu fassen und meine handschriftlichen Notizen anzusehen. Ich möchte die kommende Woche nutzen, um anzukommen, in dieser Stadt, in dieser Sprache, in meinem Blog, im Studium, in meinen Texten und in meinem Leben hier und jetzt. In dieser Woche werde ich einige Fotoserien einstellen. Ich habe mich entschlossen, wie NO das auch in einem entschiedenen Kommentar betont hat, das Blog nicht dauerhaft mit Fotos anzureichern. Bilder lassen sich hier nicht so einfach eingliedern. Ab nächsten Montag heiß es dann: weiter im Text!

    (Noch ein Wort zu den Fotos: ich habe die Bilder im Nachhinein neu skaliert, so dass sie in dieser hier vorhandenen Größe auch die beste Auflösung haben)





    08 August 2010

    Sie haben eine halbe Stunde

    [Mr NO and Mrs MB mahnten an, dass mein Erlebnis im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum in der vergangenen Woche, wo mich ein Asiate fotografierte und dann erschreckt fortlief, ich erst ungläubig schaute und dann laut lachte, dass dies in eine Geschichte münden müsse. Ich wechsele also ins Märchenfach. Das ist nicht das, was ich mir für meine weitere Entwicklung vorstelle, aber es geschah schließlich nicht irgendo, es geschah in the Grimms!]

    Eines Tages, Wu war schon hundert Jahre alt oder noch älter, da erzählte er, wie er vor langer Zeit nach Europa gefahren war. Er war noch jung damals. Er hatte keine Kinder und er wollte einmal nach Europa bevor er starb. Was willst du denn in Europa?, fragten die Leute. Aber das wusste Wu nicht genau. Als er fünfzig war, spürte er, dass es soweit war. Lange hatte es so ausgesehen, als spiele es keine Rolle, ob er jetzt führe oder später. Mit einem Mal drängte dann die Zeit. Eilig packte er seine Habseligkeiten zusammen. Dann saß er tagelang auf seiner Tasche. Er konnte ja nicht einfach losgehen, wie er das gewohnt war. Er musste auf den Bus warteten, der ihn die Stadt brachte. Von dort würde er mit einem Flugzeug fliegen.

    Drei Wochen blieb Wu in Europa. Als er zurück kam und aus dem Bus ausstieg, erkannte man ihn kaum wieder. Schwarzhaarig wie er immer gewesen war, hatte er in den Wochen seiner Abwesenheit graues Haar bekommen. Auf seinem Antlitz lag etwas Rätselhaftes. Wie war es in Europa?, fragten ihn die Leute. Was hast du erlebt? Aber Wu antwortete nicht. Er sprach von da an nur noch das Nötigste. Er aß, er trank und er bestellte sein Feld. Er fütterte die Ziegen und die Hühner. In seiner freien Zeit aber saß er vor seinem Häuschen und schaute in die Ferne. Das ist der Vorbote des Todes, sagten die Leute. Zuerst sprachen sie nur hinter seinem Rücken, dass er es nicht hörte. Dann wurden sie mutiger und sagten es auch in seiner Nähe. Schließlich sagten sie es ihm direkt ins Gesicht. So vergingen die Jahre. Die Leute in seinem Alter starben. Es starben auch Jüngere. Wu aber starb nicht.

    Die jungen Leute wohnten inzwischen in der Stadt, sie fuhren Auto und schauten fern und telefonierten den halben Tag. Am Wochenende kamen sie zu Besuch. Sie sahen Wu vor seiner Hütte sitzen, eine Schale Tee zwischen den Fingern. Sie erinnerten sich daran, dass Wu in Europa gewesen war und danach das Reden eingestellt hatte. Zehn oder zwanzig Jahren ist das her. Oder noch länger. Unendlich lange. Wu war uralt. Manche kannten sein Schicksal nur aus den Erzählungen der Eltern. Wu hatte schon vor seiner Hütte gesessen, als sie noch nicht geboren waren. Solange sie denken konnten, saß Wu schon dort. Erzähl uns, was du in Europa erlebt hast, hatten sie ihn als Kinder gebeten. Wu aber schaute an ihnen vorbei in die Ferne. Später forderten sie ihn jedes Wochenende auf, zu erzählen. Aber sie glaubten nicht daran, dass er, der schon immer alt und grau gewesen war, der vielleicht so auf die Welt gekommen war, den Mund aufmachen würde.

    Eines Tages, als man ihn zum hundertsten oder tausendsten Mal gebeten hatte, schaute er die Leute an als sähe er sie zum ersten Mal und als hörte er auch ihre Fragen zum ersten Mal. Sie haben eine halbe Stunde, sagte er. Ein halbe Stunde?, fragten sie Wu. Man hat für alles eine halbe Stunde, nicht mehr und nicht weniger. Die Leute wussten nicht, was sie mehr verwundern sollte, dass Wu wieder sprach oder dass er in Rätseln sprach. Als sie am kommenden Wochenende wieder zu Besuch waren, da erzählte Wu, ohne dass sie ihn auffordern mussten. Man hatte eine halbe Stunde. Für Westminster Abbey und die Tate Modern in London, das Louvre und für Sacré-Cœur in Paris, für das Prado in Madrid und Guggenheim in Bilbao, das Nationale Kunstmuseum und den Regierungspalast in Bukarest, den Reichstag und Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum in Berlin. Jedes Mal sagte der Reisebegleiter, Sie haben eine halbe Stunde. Wer weiß, was nach dieser Zeitspanne passiert. Vielleicht darf man diese Grenze in Europa nicht ungestraft überschreiten.

    Das sind seltsame Menschen, sagten seine Mitreisenden, die schon einmal in Europa gewesen waren. Man kann sie vom Äußeren kaum unterscheiden und sie starren einen an. Wu war ein wenig besorgt. Da alle anderen eine Kamera hatten, kaufte auch er einen solchen Apparat. Wer weiß, wozu das gut ist, sagte er sich. Er hatte noch nie eine Kamera besessen. Es war ein billiges Modell, eine Einmalkamera. Sie hatte nur einen einzigen Knopf, auf den man drücken musste, wenn man ein Foto machen wollte. Das konnte man fünfzig Mal tun. Dann war sie voll und man schickte sie ein und bekam die Bilder zurück. Wu trug die Kamera immer mit sich herum, aber er benutzte sie nicht. Er wusste nicht genau, ob er ein Foto machen wollte.

    Eine halbe Stunde hatten sie auch in Berlin, erst im Reichstag und dann im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum. Das ist eine Bibliothek, fast weiß, sehr gerade Formen, schmale Fenster, bis unter das Dach vollgestellt mit Büchern. Der Führer sagte in paar Worte zu den beiden Brüdern, die der Bibliothek den Namen gaben. Sie hatten Worte gesammelt und alte Geschichten, Mythen und Märchen. Danach wurde die obligatorische halbe Stunde angekündigt. Wu konnte sich nicht erinnern, warum die beiden andern, mit denen er bisher zusammen gewesen war, in Berlin nicht dabei waren. Jedenfalls zog er in der Bibliothek alleine los.

    Vielleicht war Wu in Gedanken gewesen. Vielleicht hatte er Hunger oder Durst gehabt, er geriet jedenfalls zwischen die Regalreihen. Wenn er am Ende einer dieser Regale angekommen war, drehte er sich um und ging den nächsten Gang entlang. Er ging Treppen hoch, Stockwerk um Stockwerk stieg er immer höher und höher, aber wohin er auch kam, es sah überall gleich aus. Regale bis ans Ende des Horizontes. Wu fühlte sich einsam. Er hatte schon lange keinen Menschen mehr gesehen. Er vernahm ein Brummen, aber er konnte nicht sagen, woher es kam. Er geriet immer tiefer hinein in den Raum und immer tiefer in die Zeit. Es wurde dunkler, die Regale rückten enger aneinander, sie bogen sich über ihm zusammen. Wu fand das unheimlich. Nach jedem Regal, wendete er sich erneut und kam wieder in einen anderen Gang, der in die Tiefe führte und an dessen Ende er wenden musste. Er vergaß alles um sich herum. Er ging nur noch die Regale entlang, wendete am Ende und ging den nächsten Gang. Es wurde immer dunkler, aber Wu bemerkte das nicht. Und dann schrie er mit einem Mal in höchster Angst auf. Er hielt sich dich Kamera zum Schutz vor das Gesicht und drückte ab. Dann schrie er noch einmal und rannte um sein Leben.

    Wu konnte sich nicht erinnern, wie er aus dem Gebäude herausgekommen war. Er konnte sich auch nicht an die Tage danach erinnern, an das restliche Europa. Er zog sich auf sein Zimmer zurück. Er sprach nicht mehr. Als seine Reisebegleiter sich nach ihm erkundigten, ließ er ausrichten, er fühle sich nicht wohl. Man solle sich keine Sorgen machen. Auf dem Flug war er in sich gekehrt. Er vergaß, sich von seinen Reisebegleitern zu verabschieden. Im Bus, der ihn in sein Dorf zurückbrachte, separierte er sich von den anderen. Als er ausstieg, sahen die Leute ihn besorgt an. Er reagierte nicht auf die Fragen, die sie ihm stellten. Er kümmerte sich um sein Haus und sein Feld und sein Vieh. Er würde alt werden. Er würde alt werden und immer älter, hundert oder tausend Jahre alt. Aber er würde nicht sterben.

    In ein paar Jahren, sagte er sich, wollte er noch einmal fahren. Er hatte es nicht eilig. Er wollte noch einmal nach Europa fahren, noch einmal dieselbe Reise. In Berlin würde er das Grimm-Zentrum besuchen und die Führung mitmachen. Dann käme dieser unverständliche europäische Ritus, Sie haben eine halbe Stunde, und Wu würde alleine losziehen. Er würde in die Tiefen dieses Gebäudes eindringen, er würde durch die Regale irren, immer tiefer und tiefer hinein in den Raum und in die Zeit, und ganz am Ende würde sie vor ihm stehen, diese große rothaarige Erscheinung, sie würde Feuer speien und lachen. Vielleicht würde sie ihn verschlingen.

    Solange dieser europäische Drache mit ihren feuerroten Haaren und ihren glühenden Augen auf ihn wartete, solange würde er nicht sterben. Wu strich mit seinen Fingern über das Foto, das er damals gemacht hatte. Das einzige Foto in dem Apparat. Er hatte nur einen Abzug anfertigen lassen, weil er der Meinung war, dass mit jedem weiteren die Erinnerung verblasse. Und das wollte Wu nicht.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 Juli 2010

    Nächster Versuch: Bolaño

    Wer hier schon einmal mitgelesen hat, der weiß auch, dass ich nicht so leicht aufgebe. Oder vielleicht weiß er es nicht. Dann ist das eine noch zu verifizierende Behauptung: ich gebe nicht so leicht auf. Aber Roberto Bolaño habe ich aufgegeben. Weil es mir keinen Spaß macht, mache ich es jetzt ohne Spaß. Ich versuche im Folgenden, meine Kritik an „Die wilden Detektive“ zu formulieren.

    Das Buch ist wie ein Triptychon aufgebaut. Der erste Teil ist das Tagebuch von Juan García Madero von Anfang November bis zum 31. Dezember 1975; der dritte Teil setzt dieses Tagebuch übergangslos vom 01. Januar bis Mitte Februar 1976 fort. Zwischen diesen beiden schmaleren Flügeln, die in Mexico DF angesiedelt sind, findet sich der mittlere Teil, der zwei Drittel des gesamten Textumfangs ausmacht, sich etwa über 20 Jahre erstreckt und teilweise in Mexico und teilweise in Europa angesiedelt ist.

    Im ersten Teil lernt García Madero, wie ihn alle nennen, die Realviszeralisten kennen, eine Gruppe Poeten, oder eine Bande, deren Anführer Ulises Lima und Aturo Belano sind. Die beiden haben eine Zeitschrift herausgegeben mit dem umstrittenen Namen „Lee Harvey Oswald“, die mit dem Verkauf von Drogen finanziert wurde. Die Gruppe besteht aus vielleicht zwanzig oder dreißig vorwiegend jungen Männern um die zwanzig, die alle mehr oder weniger mit Sex, Gedichteschreiben und Überleben beschäftigt sind. Ein Dreischritt, der in keinem Fall als langweilig bezeichnet werden kann. Möglicherweise handelt es sich bei dem realen Viszeralismus um eine avantgardistische Strömung, möglicherweise aber verbindet diese Leute vor allem der Widerstand gegen die klassische Literatur, vertreten durch Oktavio Paz. Und möglicherweise verbindet sie auch rein gar nichts, nicht einmal das Gedichteschreiben, denn die meisten schreiben keine Gedichte, sie geben es schnell dran oder sie distanzieren sich bei der erstbesten Gelegenheit von dieser Strömung oder gleich von der gesamten Lyrik. Das wird von Bolaño geschickt in der Schwebe gehalten.

    Juan García Madero verliebt sich in Maria Font, möglicherweise aber auch in deren Schwester Angélica, mit María jedenfalls hat er Sex. Sex hat er auch mit der Kellnerin Rosario, mit der er zusammen lebt. Er lernt Lupe kennen, eine junge Prostituierte, eine Bekannte Marias, die in dieselbe Tanzschule geht wie diese; sie allerdings, nach eigener Aussage, nur zum Ficken mit dem Direktor. Lupe hat einen Zuhälter, der ihr, nachdem sie von Quim, dem Vater Marías, aus einer unangenehmen Situation befreit wird, auf den Leib rückt und das Haus der Familie Font belagert. Am Silvestertag brechen García Madero, Lupe und Ulisis und Belano aus der Belagerung aus und fahren mit dem Auto von Quim weg. Damit endet der erste Teil.

    Der mittlere Teil ist ein wilder oder surrealistischer Mix. Hier wird das Schicksal von Lima und Belano verfolgt, die sich aus den Augen verlieren und wiedertreffen und erneut verlieren, die unabhängig voneinander durch die Welt reisen, nach Mexiko zurückkehren und dann wieder verschwinden. Das wird aus verschiedenen Perspektiven berichtet. Es berichten diejenigen, die bis dahin als die Realviszeralisten beschrieben wurden, aber auch neu eingeführte Personen. Diese bis auf weniger Ausnahmen sehr kurzen Textstücke bauen chronologisch fortschreitend aufeinander auf. Sie berichten entweder direkt über einen der beiden, über beide oder in mehr oder minder großer Entfernung zu Ihnen, die mitunter so groß sein kann, das man den Zusammenhang selbst herstellen muss.

    Im dritten Teil wird die Geschichte der vier Autofahrer weitererzählt: García Madero, Lupe, Ulisis Lima und Arturo Belano.

    Die Konstruktion der drei Teile ist reizvoll, weil das Schicksal von Belano und Lima in den kommenden 20 Jahren dem Leser bereits bekannt ist, wenn García Madero den zweiten Teil seines Tagebuchs führt. Allerdings empfinde ich sie auch als künstlich. Den Mittelteil empfinde ich als sehr lang und nicht unbedingt als aufklärend. Mir sind die beiden Personen danach nicht näher als sie es zuvor waren. Aber das kann man sicher auch anders empfinden. Unter künstlerischen und kreativen Aspekten betrachtet, ist dies der interessanteste Teil.

    Zwei Frauen finden sich am Horizont des Realviszeralismus: da ist Laura Damían, einer Poetin, einer Dichterin, die mit 20 Jahren gestorben ist und deren Eltern nach dem Tod ihrer Tochter einen Preis für junge Poeten stiften. Und da ist Cesárea Tinajero, die von Lima und Belano als der mythische Ursprung ihrer eigenen Dichtung eingeschätzt wird. Zwei in gewisser Weise unerreichbare Frauen. Im dritten Teil begeben sich die vier Personen auf die Suche nach Cesárea Tinajero.

    Ich werde im Weiteren lediglich einen Punkt betrachten: jenen, der zum Abbruch meiner Lektüre geführt hat: die Beschreibungen von Sexualität durch den Autor. Die meisten Personen gehen sehr freizügig mit ihrer Sexualität um. Sex ist nie ein Problem. Problem ist höchstens, die ins Bett zu kriegen, die man will. Wenn das nicht klappt, nimmt man jemand anderen. Problem ist die Verfügbarkeit des Objekts, nicht die Sache selbst. Sex ist dadurch entindividualisiert. Das ist einer These Jaques Lacans nicht fern, der von der Gleichgültigkeit, also der gleichen Gültigkeit der Sexualobjekte sprach.

    Sex wird zum größten Teil mit dem Wort vögeln bezeichnet. Es gibt zwei Szenen die davon abweichen. Liebesszenen, die nicht nur mit einem Wort skizziert und in gewisser Weise auch abgewertet, sondern ausformuliert und dargestellt werden. Beide betreffen María, und in beiden lässt sie ihre Neigung zur Brutalität erkennen: einmal mit García Madero und das andere Mal mit Piel Divina: sie will geschlagen und gewürgt werden. In allen anderen Fällen – man mag es mir nach sehen, wenn ich eine Szene vergessen haben sollte – wird das Liebesleben zwischen zwei Menschen nur als vögeln bezeichnete. Er wird also nicht erzählt. Es wird nicht erzählt und dadurch fällt etwas aus.

    Ich habe das Buch nicht zu Ende gelesen, ich bin bis zu diesem Satz gekommen, aus der Perspektive García Maderos „ … dann stand ich auf und sagte zu Lupe, sie solle mitkommen, und wir gingen hinauf auf ihr Zimmer, wo wir wie verrückt vögelten, als müssten wir morgen sterben …“, Seite 635 (von 677); also doch immerhin recht weit. Den Satz hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt, so oder zum Verwechseln ähnlich, über den Daumen gepeilt schon dreißig Mal gelesen. Das ist eigentlich nicht viel, es sind eine Menge Personen beteiligt, Sexualität ist ein ganz wesentlicher Punkt im Leben der Menschen, und der Zeitraum des mittleren Teils beträgt etwa 20 Jahre. Wenn also in zwanzig Jahren fünfzig Personen insgesamt dreißig Mal „vögeln“ sagen, dann ist das wirklich nicht viel. Es macht aber den Eindruck viel zu sein, wenn die Personen, alle Personen, sich niemals, oder beinahe doch, anders über Sex äußern, als in der oben genannten Manier.

    Und es macht den Eindruck mehr als genug zu sein, wenn es danach aussieht, dass dieser Umgang mit dem Thema nicht das Produkt eines Buches ist, nicht eines fiktionalen Umgangs, sondern das Produkt des Autors. Wenn ich annehmen muss, dass Bolaño nur vögeln sagen kann, dann wird es schwierig. Aber nicht etwa, weil ich ihm dann einen eingeschränkten Sprachgebrauch nachweisen könnte – es gibt Autoren, die mit sehr wenigen Worten sehr viel weiter kommen als manche andere mit vielen Worten -, sondern weil ich dann befürchten muss, es nicht mehr mit einem Produkt der Phantasie zu tun haben, also mit einem Buch, sondern mit einer realen Person: Roberto Bolaño selbst. Denn der hat in dieser Geschichte absolut nichts zu suchen.

    Zurück zu der Teststelle, an der ich meine Lektüre abgebrochen habe. Lupe ist eine Prostituierte und Prostituierten kann man vielleicht sagen, dass sie mitkommen sollen und dann vögelt man sie. Aber es werden hier alle Frauen über diesen Kamm geschoren: man vögelt sie. Wie man Prostituierte vögelt. Frauen werden hier wie Gegenstände mit einem Loch in der Mitte behandelt. Ich spreche hier nicht einmal aus einer feministischen Position heraus. Ich spreche allein von der offensichtlichen Unfähigkeit oder Unwilligkeit, es zu gestalten, es auszuarbeiten: sich in die Personen hineinzuversetzen. Sie zu vögeln ist allerdings nicht die einzige Möglichkeit in eine Person einzudringen. Was denkt oder empfindet Lupe, als Garcia Madero das zu ihr sagt? Der Leser kennt sie. Das ist eine Person, keine Vagina mit personalen oder personenähnlichen Elementen drum herum. Wie wissen, dass sie achtzehn Jahre alt ist, wir wissen, dass sie vor einem Zuhälter geflohen ist und wir wissen auch, dass sie ein Kind hatte, das gestorben ist. Diese Person hat also für den Leser sogenannte „Identifikationsmerkmale“, sie gewinnt Kontur. Was passiert mit dieser Person, wenn ein Mann zu ihr sagt: mitkommen. Will sie das auch? Will sie nicht? Hat sie keinen Willen und macht eben das, was andere von ihr wollen.

    Wir können nun sagen, dass genau dies die Lebenswelt ist, die Bolaño hier gestalten wollte: dass die Beziehungen zwischen Personen denen zwischen Gegenständen ähneln. Es gibt in dieser Welt keine Emotionen mehr. Es gibt emotionsfreien Sex, sonst nichts. Keine uninteressante These, ganz und gar nicht. Dann muss der Autor dem Leser etwas zur Verfügung stellen, woran der erkennen kann, dass es sich dabei um eine literarische Fiktion handelt. Der Leser muss den Autor von seiner These, also von der Gestaltung dieser These in seinen Figuren unterscheiden können. Der Leser muss in dem Text einen Punkt finden, der von der These abweicht, eine Person, die die gegenteilige Auffassung vertritt vielleicht. Es muss dem Leser deutlich werden, dass es sich bei der Fiktion um eine „relationale Wahrheit“ handelt. Und nicht um die ganze Wahrheit, denn das Ganze lässt keinen Punkt außerhalb seiner selbst zu. Wenn ausnahmslos alles „Glück“ ist, dann gibt es den Punkt nicht mehr, von dem aus man das Glück noch wahrnehmen und beschreiben könnte; und dann kann man nicht mehr glücklich sein. Oder man weiß von seinem Glück nichts mehr. Es muss ein Außerhalb geben.

    Diesen Punkt sehe ich bei Bolaño nicht. Gegen meine Auffassung ließe sich jetzt hier anführen, dass die beiden beschriebenen Sexszenen die María Font betreffen, dieser Punkt sind, dieses Außerhalb, also meinetwegen die eigentliche Position Bolaños, wie immer man das formulieren will. Ich sehe im Gegenteil, dass Sexualität auch in anderen Texten des Autors so gehandhabt wird. Auch im „Chilenischen Nachtstück“ gibt es eine ganz seltsame Gestaltung der Sexualität, die ich als emotionsfrei oder den Emotionen ausweichend verstehe.

    Ich habe nichts gegen die Tätigkeit des Vögelns einzuwenden, weder als Freizeitbeschäftigung, noch als Theorie und schon gar nicht als Sexualität. Aber ich hätte es gerne ein wenig beschrieben und außerdem etwas variiert. Ich möchte es erzählt bekommen. Bolaño war Schriftsteller, kein Drehbuchschreiber für Pornofilme.

    Ich bin nicht so dumm, den Autor mit dem Erzähler dieser Geschichte zu verwechseln. Aber ich bin intelligent genug, um, wenn ich Buch um Buch in dieser Manier präsentiert bekomme, zu erkennen, dass kein lyrisches Ich und auch keine abstrakte Erzählinstanz dahinterstecken, sondern niemand anderes als der Autor. Die Schranke der Fiktionalität wird eingerissen, wenn dem Leser nicht die Möglichkeit gegeben wird, zwischen dem Erzähler und dem Autor selbst zu unterscheiden. Die Theorie der Fiktionalität erfordert, dass ich das Ganze, das Werk, als fiktionales erkennen und einschätzen kann. Wenn das nicht der Fall ist, kommt der Autor sehr nahe an den Erzähler heran. Und das war in dem vorliegenden Fall für mich so, dass ich nicht mehr erkennen konnte, ob die vorliegende Gestaltung der Sexualität die These Bolaños ist oder Bolaño selbst. Das war der Punkt, an dem ich meine Lektüre abgebrochen habe.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.

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    14 Juli 2010

    Lieber NO

    08:00 Uhr: Ich habe mein Studium hingeschmissen. Das wollte ich Ihnen sagen. Allerdings nur für heute. Morgen werde ich das Hingeworfene wieder aufheben. Heute früh fühlte ich mich platt und ausgelaugt, sodass ich lieber im Bett geblieben bin. Der gestrige Tag war zähflüssig, anstrengend, wenig produktiv und die Nacht unruhig. Heute mache ich mal etwas anderes und morgen mache ich wieder dasselbe wie immer. Ich nehme mir einen freien Tag. Ich mach einfach eine Pause. Ich frühstücke, ich kaufe eine Zeitung und dann werde ich sehen, was ich mache. So ganz frei, also frei von allem, das geht ja auch nicht. Jetzt fragen Sie sich natürlich: warum erzählst die mir das? Antwort: Nur so.

    10:00 Uhr: Ich gehe ins Internet, keine Mails, keine neuen Kommentare auf der Webseite. Ich muss allerdings noch NOs letzten Kommentar beantworten.

    Lieber NO,
    ich muss vorsichtig mit Ihnen umgehen. Sie springen auf meine schönen Witze nicht richtig an, vielmehr gar nicht. Ich habe dabei im Auge, dass ich Ihnen anbot, während meines Urlaubs in Siebenbürgen das Blog hier zu befüllen. Ich fand die Idee nicht schlecht, Sie könnten eine kleine Serie über Gesine Cressphal beginnen. Da Sie darauf nicht reagieren, muss ich mir etwas anderes überlegen. Wahrscheinlich werde ich in der Zeit meiner Abwesenheit von Berlin einige Beiträge aus der Konserve anbieten. Alle paar Tage werde ich dann in Hermannstadt ins Internetcafe gehen und mir anschauen, ob sich etwas tut. Dazu mache ich noch eine klare Aussage. Ich werde dann auch, kurz vor dem Urlaub, meine Leseliste bekanntgeben. Die ist leider absurd, absurd lang, das kann ich nicht alles lesen. Ich kann‘s nicht einmal tragen, ich muss ja mit dem Zug nach Rumänien fahren, aufgrund meiner ausgeprägten Flugangst. Auf dieser Liste steht übrigens auch Dieter Forte, Ihre Empfehlung.

    10.30 Uhr: Ich muss das Blog mit einem neuen Text füttern. Heute. Dieses ewighungrige Monster braucht etwas zu fressen. Aber ich habe nichts. Alle Taschen leer, kein Zucker, keine Möhre. Mir fällt auch nicht ein, wo ich etwas her bekommen könnte. Ich habe ein Worddokument auf dem Rechner, in dem sich alle meine Artikel befinden, alle vergangenen und die Entwürfe und Ideen zu kommenden. Nichts davon, von den Ideen, lässt sich jetzt auf die Schnelle zu einem Beitrag umgestalten. Da stehen lauter wunderbare Ideen, aber leider vollkommen unbrauchbar was ihre praktische Verwertung, was ihr monetäres und fiskalisches Gewicht betrifft.

    11.30 Uhr: Ich habe mit einer Freundin in Bukarest geskypt. Es ging in dem Gespräch um Klatsch und um Micaleas Eltern, die sich nicht so verhalten wie deren Tochter das erwartet. Auf eine Idee zu einem Eintrag hat mich das Gespräch nicht gebracht. Vielleicht hat sie bemerkt, dass ich vor allem auf eine Idee gelauert habe und sie hat mir das vorenthalten, aus Gehässigkeit. Micalea will mir Böses. Ich hab‘s immer geahnt, die kann mich nicht ausstehen. Ich könnte jetzt alle anrufen, die ich kenne und hoffen, dass ich während der Gespräche eine Idee bekomme. Möglicherweise können mich alle anderen auch nicht ausstehen. Das wäre eine Idee, aber teuer bezahlt, unabsehbar, was die Folgen angeht.

    12:00 Uhr: Duschen, Spülen, Putzen. Bücher zusammenlegen, die ich zurückgeben muss. Eine private Mail beantworten. Vor die Türe gegangen und ein Eis gekauft, Eis gegessen, keine Idee gehabt. Im Internet gewesen, hier, und da und hier und da noch etwas kommentiert. Also mehr als ich normalerweise mache. Ich habe einen Kommentar von NO freigeschaltet, der aber Mowgli, also ANH galt.

    Lieber NO,
    jetzt kommt der ANH nicht nur mit seinen Frauengeschichten durcheinander, sondern auch noch mit ausgesuchten männlichen Einzelpersonen. Bei Frauen ist das ja kein Wunder, wenn man da schon mal durcheinander kommt. Die sehen ja alle mehr oder weniger gleich aus, oben ein Kopf, in der Mitte die Geschlechtsteile und unten die Füße. Das ist eine gewisse Variabilität und Gleichgültigkeit, also gleiche Gültigkeit, ja noch verzeihlich; aber mit Männern durcheinander zu kommen, das ist schon stark. Männer sind ja alle bis zur Unkenntlichkeit individuell. Die können gleich heißen, gleich aussehen, gleich sein: und dennoch sind sie in Wirklichkeit vollkommen unterschiedlich. Da ist nicht einer wie der andere!

    Sie beklagen sich, dass ich für Sie nur virtuell bin. Sie sind offenbar, wie die übrigens meisten Deutschen, nicht sonderlich bewandert in der Kunst der indirekten Verabredung. Ich hatte Ihnen das großzügige Angebot gemacht, meinem Roman zu schicken, das erste Kapitel oder das zehnte oder auch das Ganze. Sie sind der erste Mensch außerhalb des Verlagswesens, dem ich das anbiete, aber Sie haben nicht reagiert. Und da dachte ich natürlich, dass Sie nicht reagieren, weil Sie danach nicht mit mir zusammen bei einem Glas Wein sitzen wollen, um mir ihre Meinung zu dem Text auf die Nase zu binden. Oder Ihre Meinung zu irgendetwas anderem. Also habe ich das Thema nicht mehr angesprochen.

    15:00 Uhr: Gelesen, Bolaño, eine gute Idee zu dem Text notiert, das hat mehr als eine Stunde gedauert. Eine Stunde für einen kleinen Absatz von fünf Zeilen! Mein Leben zerrinnt mir zwischen den Fingern. Der Artikel zu Bolaños wilden Detektiven steht hier frühestens Ende des Monats. Wenn ich abends nach Hause komme, bin ich todmüde und schlafe nach zwei Seiten ein. Ich muss das Buch aber noch ein zweites Mal lesen, weil ich beim ersten Lesen meist nicht mitschneide, worum es  geht. Danach muss ich es ja auch noch schreiben. Der Artikel steht hier womöglich erst Ende des Jahres.

    16.30 Uhr: Noch immer keine Idee zu einem Blogbeitrag. Vielleicht stimmt etwas mit meinem Kopf nicht. Ich habe Kopfschmerzen vom Nachdenken. Ich habe vielleicht einen Tumor, deswegen fällt mir nichts ein. Der hat mein kreatives Zentrum befallen. Ich könnte zum Arzt gehen und dort im Wartezimmer die anderen Patientinnen belauschen, vielleicht bringt mich das auf eine Idee. Aber womöglich sitzen die auch alle bloß da, weil sie ein Blog haben, Ihnen nichts einfällt, außer dieser Tumoridee und sich dann ins Wartezimmer setzen, um die anderen zu belauschen. Ich hätte jetzt eine Idee um die sogenannte „Kostenexplosion“ im Gesundheitswesen einzudämmen. Mit dem Blog bin ich immer noch nicht weiter. Ich könnte etwas zu dem Wort „Kostenexplosion“ formulieren. Aber das Wort gefällt mir nicht.

    Das kann doch alles nicht wahr sein! Normalerweise ziehen Myriaden von Worten durch meinen Kopf, ich komme manchmal nicht dazu, sie aufzuschreiben, und wenn ich in der Bibliothek in die Pause gehe, dann nehme ich inzwischen schon einen Block und einen Kugelschreiber mit, weil ich sonst sowieso wieder nach oben renne, hundert Stufen hoch und wieder runter. Ich kann mich manchmal vor Worten nicht retten: und heute ist nicht eines dabei- nicht eins – aus dem sich etwas machen ließe. Deutsch: Scheißsprache.

    18:00 Uhr: Eine Stunde geschlafen. Seit ich einen festen Termin für meinen Urlaub habe, stelle ich fest wie müde ich bin. Seit dem Tag fällt mir alles viel schwerer. Im vergangenen Jahr war ich nur einmal für drei Tage an der Ostsee. Ich freue mich auf den Aufenthalt in Rumänien und worauf ich mich vor allem freue, mehr als auf die Eltern und die Großeltern, mehr als auf die Freunde und aufs Auspannen, auf das Liegen und Sitzen und wilde und ungezügelte Herumhocken, auf das Kaffeetrinken am Nachmittgag, mehr als auf das Essen und auf rumänische Worte, nur rumänische Worte können rumänische Verhältnisse wiedergeben; mehr als auf das Lesen, mehr als auf alles andere, freue ich mich auf die Farbe Grün, auf das in tausend Variationen vorkommende Grün, die Hecken und Bäume und Blumen und Wälder, auf das nahe Grün und das weit entfernte, auf das blättrige, das strukturierte und das glatte Grün. Ich freue mich darauf, das Grün zu riechen.

    Draußen spielt jemand Klavier. Also er spielt wahrscheinlich drinnen. Aber die Töne sind draußen. Auch das ist nicht richtig, ich bin ja ebenfalls drinnen, also kommen sie zu mir herein. Auch das wird sich nicht ausweiten lassen.

    Ich muss einen Beitrag hier einstellen, aber mir fällt nichts ein. Absolut nichts. An dem Punkt war ich heute schon mal. Es steht so schlimm um mich, dass ich mir ernsthaft überlege, als Überschrift gerade diesen einen Satz zu nehmen „Mir fällt nichts ein“ und als Text dann: „Absolut nichts“.

    Mir steht das Wasser bis zum Hals. Ich könnte ins Schwimmbad gehen. Vielleicht lerne ich da einen hübschen Kerl kennen. So ein Mannsbild in enger Badehose mit einem knackigen Hintern, der sich neben mir aufbaut, mich verhalten gierig anschaut, die Sonnenbrille abnimmt und dann, wobei er sich die Lippen leckt, und mit schöner, männlicher Stimme sagt: „Du bist nicht zufällig auf der Suche nach einem Blogeintrag für heute? Ich hätte nämlich eine Idee, was wir da machen könnten.“ Und dann rückt dieser Kerl doch mit einer astreinen Vorlage heraus!

    Gott, wie tief werde ich im Laufe des Abends noch sinken, um einen Beitrag zusammen zu kratzen?

    19:00 Uhr: Ich treffe mich mit einer Freundin. Ich muss auf andere Gedanken kommen. Sonst drehe ich durch. Ich drehe sowieso durch, aber ich brauche dabei eine Betreuung. Pflegestufe vier.

    19:30 Uhr: Ich bin nicht hingegangen.

    Lieber NO,
    mir geht Ihre Frage im Kopf herum – nicht aktiv, sondern passiv abwartend: nicht ich schiebe sie hin und her, sondern sie bewegt sich von alleine – , inwieweit man die schriftstellerischen Qualitäten eines Textes beschreiben kann, ohne das Instrumentarium der Literaturwissenschaft bemühen zu müssen. Ich weiß nicht einmal, wonach ich da suchen sollte, nach einem Bild oder einem Vergleich. Diese Qualitäten liegen für jeden woanders. Der eine will sich gut unterhalten wissen und der andere empfindet Unterhaltung gerade als den Gegensatz von Qualität.

    21.00 Uhr: Ich habe noch drei Stunden. Das kann nicht sein, dass ich so lange brauche, um einen Eintrag hier zusammenzubringen. Das kann doch alles nicht sein.

    Und was nicht sein kann, das ist auch nicht: Ich hab‘s!

    23.55 Uhr: Ziel erreicht. Der Eintrag steht in einer Minute drin. Himmel, war das knapp. Ich freue mich aufs Bett und vor allem auf einen normalen Tagesablauf morgen in der Bibliothek. Es gibt nichts Schlimmeres auf der Welt als einen freien Tag. Das mache ich nie wieder!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    14 Juni 2010

    Argumente aus Ägypten

    Am vergangenen Samstag gab es in Olgas und meiner WG ein Frauenfrühstück. Gegen elf Uhr ging‘s los. Wir haben kichernd und gackernd bis nachmittags um vier zusammen gesessen. Ich wusste nicht, dass zu so einem Frühstück Sekt dazu gehört. Ich hätte bei Olga angenommen, dass sie eine Flasche Vodka mitbringt. Aber auch die Flasche Sekt, aus der dann auf eine mir nicht erklärbare Weise zwei geworden sind, hat zu unserer guten Laune beigetragen.

    Zuerst ging‘s natürlich um Männer. Ich glaube, das war das eigentliche Ziel des Frauenfrühstücks, das auf Olgas Vorschlag zurückging. Wenn schon keine Männer anwesend sind, muss man/frau zumindest über sie reden. Aber das Thema hat nicht so richtig eingeschlagen, ich habe derzeit nichts beizutragen, Dalia hat einen Freund und war an Männern im Allgemeinen nicht interessiert und Martina und Leyla sind ein Paar. Dann haben wir das Thema gewechselt und sind auf die deutsche Kultur zu sprechen gekommen, dann ging‘s um unsere eigenen Kulturen im Verhältnis zur fremden (deutschen), um kulturelle Identität, und vor allem um das Thema, dass die Sprache dem Menschen noch lange nicht ermöglicht, in dem jeweiligen Land zu navigieren. Es sind sehr viele Verhaltensweisen und Verständnisweisen, die nicht sprachlich vermittelt sind, und die Olga kongenial zusammengefasst hat – wie gesagt, das war kein wissenschaftliches Symposion, das war ein Frauenfrühstück mit zwei Flaschen Sekt – als sie sagte: „Ich? Nix verstehn!“

    Olga spricht seit drei Jahren Deutsch und sie hat‘s nach eigenen Angaben ausgetauscht gegen ihr Spanisch. Angeblich an einem einzigen Tag: sie hat die eine Sprache vergessen und die andere erlernt. Leyla spricht seit zehn Jahren Deutsch, lebt aber nur das halbe Jahr in Berlin und das andere halbe in Teheran und muss sich zweimal im Jahr umstellen. Martina stammt aus Italien und ist hier und in Rom aufgewachsen, hat einen leichten Akzent, spricht aber annähernd das Niveau einer Muttersprachlerin. Dalias Eltern kommen aus Ägypten und auch wenn zu Hause arabisch gesprochen wird, spricht sie das absolut akzentfreie Deutsch einer Akademikerin. Sie ist Muttersprachlerin, sie ist hier geboren und sie hat einen deutschen Pass. Aber sie sieht nicht aus wie eine Deutsche. Sie hat bronzefarbene Haut und Korkenzieherlocken, die in alle Richtungen abstehen. Wenn ich sie sehe, und wir sehen uns derzeit nahezu jeden Tag in der Bibliothek, dann spüre ich ein kaum zu unterdrückendes Verlangen, ihr an den Haaren zu ziehen. Ich muss das ganz stark unterdrücken, links und rechts diese Locken anzufassen und vom Kopf weg auseinanderzuziehen. Ich will ihr damit zeigen, dass ich sie gern habe. Aber vielleicht versteht sie das falsch. Weiß der Himmel, was diese Ägypterinnen denken, wenn man ihnen an den Haaren zieht!

    Olga findet, sie selbst sähe wie eine Russin aus. Aber sie findet nicht, dass Leyla wie einer Iranerin aussieht. Dalia findet das schon. Leyla hingegen hätte Dalia niemals als Araberin eingeschätzt. Martina sieht aus wie eine Italienerin und sie fühlt sich auch wie eine, sagt aber auch, dass das eine Art Trotzreaktion ist. Ich weiß nicht wie ich mich fühle, gemischt wahrscheinlich, spreche ebenfalls akzentfrei Deutsch und sehe nach allgemeiner Auffassung aus wie eine Irin, wegen der hennafarbenen Haare. Auf meine Frage, wonach ich mit meinen ungefärbt braunen Haaren aussehen, sagt Olga: nach nichts.

    Etwa eine Sekunde später und einen Zentimeter neben ihrem Kopf schlug die erste Bombe an die Wand, leider bloß eine Weintraube. Aber Olga hat geguckt, als würde sie vom Zug überfahren. Über den weiteren Verlauf dieser kleinen frugalen Auseinandersetzung breiten wir hier gnädiges Schweigen. Die Obstvorräte waren danach jedenfalls deutlich dezimiert und wir fünf aufs Äußerste erheitert und befleckt. Geht also alles auch ohne Männer.

    Dann ist Olga in ihrem Zimmer verschwunden, Leyla und Martina mussten weg. Also blieben nur noch Dalia und ich: zum Spülen und Aufräumen. Dalia schreibt gerade ihre Bachelorarbeit in Politikwissenschaft. Sie hat eine Umfrage gemacht und ist sogar nach Ägypten dafür gefahren. Sie hat sich die Ergebnisse ihrer Arbeit von sehr weit hergeholt. Während wir spülen und über die Uni reden und darüber, was Dalia im Anschluss studieren könnte, kommen uns allerlei wilde Ideen und es dauert nicht lange und wir entdecken eine neue Wissenschaft.

    Die Welt ist inzwischen einigermaßen globalisiert, Multi-Kulti an allen Ecken, mit unserem internationalen Frauenfrühstück haben wir da ein deutliches Zeichen gesetzt. Nur die Wissenschaft ist noch nicht soweit: Amerikanistik, Germanistik, Islamistik, etc etc. Unser neues Fach – wir beide werden natürlich Professorinnen und unterrichten das auch, wir werden Dekanin und Fachbereichsleiterin – schafft da Abhilfe. Wir haben noch keinen Namen und wir brauchen natürlich auch noch ein schönes Institutsgebäude. Das Curriculum und die Inhalte sind noch nicht zur Gänze ausgearbeitet. Die derzeit einzige Bedingung ist, dass, was immer unterrichtet wird, welche Inhalte vermittelt werden, ob es feministische Ansätze gibt, etc etc, es gibt derzeit nur eine einzige Bedingung in diesem globalisierten Fach: es muss alles möglichst weit hergeholt sein!

    Früher sind die Gewürze aus Indien gekommen, die Düfte und Wohlgerüche aus Arabien und der Kaviar aus Beluga, die Orangen aus Spanien und die Ananas aus Caracas. Heute kommen die Strukturen aus Russland, die Intellektuellen aus Frankreich, die Professorinnen aus Rumänien und, darauf legt Dalia großen Wert, die Argumente aus Ägypten.

    Wir glauben nicht mehr an eine rein deutsche Kultur. Oder an eine rein französische. Wir glauben nicht an die Nationalhymne und wir glauben vor allem nicht an Fußballnationalmannschaften. Wir sind Kinder einer globalisierten Welt und wir wollen eine entsprechende Wissenschaft. Eine Wissenschaft, die diese Welt in der wir leben, adäquat begreift und beschreibt. Und ihre einzige Bedingung lautet: es muss alles möglichst weit hergeholt sein!

    Wir lagen auf dem Boden vor Lachen und ich habe Dalia bei dieser Gelegenheit endlich an den Haaren gezogen. Das hat einen Heidenspaß gemacht! Darum beneide ich ihren Freund, das würde ich jeden Morgen im Bett bei ihr machen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    06 Juni 2010

    Das wahrscheinlich größte und weißeste Weißenfels weltweit

    „Die Südharzreise“ von Frank Fischer. Der Autor stammt aus Weißenfels. Aber nicht irgendein Weißenfels – wie irgendein New York oder irgendein Tokio – nein: es handelt sich um das Weißenfels. Das wahrscheinlich größte und weißeste Weißenfels weltweit.

    Die Lektüre war nicht einfach für mich. Das lag aber nicht daran, dass das Buch so komplex ist, da lag nicht an verschachtelten Satzgefügen oder verwickelten Lebensschicksalen, sondern daran, dass dort Worte und Orte zu finden sind, die ich nicht kenne, Orte wie Schkortleben und Oeglitzsch. Solche Orte müssen auch einen Namen haben, das verstehe ich, einen Namen, an dem man sie erkennen und identifizieren kann. Auch ein Kyffhäuserdenkmal muss irgendwie heißen und warum dann nicht gleich Kyffhäuserdenkmal. Obwohl ich das schon extrem finde, das Wort Kyffhäuserdenkmal. Vor allem war die Lektüre für mich nicht leicht, weil das Buch tief in die Regionalgeschichte dieser Gegend eingreift – indem es sie beschreibt natürlich -, die mir – man ahnt es wohl – nicht sonderlich vertraut ist.

    Frank Fischer will im Prinzip lediglich innerhalb von 24 Stunden die A 38 von Leipzig nach Göttingen fahren, mit ein paar Abstechern ins Umland, und wieder retour. Er fährt alleine, mutterseelenallein. Manche Dinge kann man nur alleine erleben. „Abstrakter Tourismus zwischen Leipzig und Göttingen“, lautet der Untertitel des Buches und das bedeutet bei knapp tausend Kilometern und drei Dutzend besuchter, touristisch relevanter Orte, dass es recht zügig gehen muss: „ … aber ich beende sofort dieses unfreiwillige Zuhören, indem ich weiter zur Unterburg rase, wo ich aus touristischen Gründen einige Sekunden stehen bleibe, und dann wieder zurück zum Ausgangspunkt. “

    Diese Autobahn gehört zu den Verkehrsprojekten Deutsche Einheit und ist also recht neu. Die für die Tourismusindustrie relevanten Gegenstände, also Denkmäler, werden klug eingeschränkt und relativiert: „Die Weltgeschichte hat ein paar Dutzend Orte neben dieser neuen Autobahn verteilt und der Tourismusindustrie einige Superlative und Einmaligkeiten geliefert. Manchmal müssen diese aber auch klug erfunden werden, denn es kann nur ein größtes Denkmal der Welt, eine größte Kirche Europas, ein größtes Gebäude der Stadt geben. Also wird zeitlich, typologisch und regional eingeschränkt, was schnell lächerlich wirken kann wie die sprichwörtlich „größte spätgotische Hallenkirche Ostsachsens“. Los geht es in Leipzig, beim Völkerschlachtdenkmal, „dem größten europäischen Denkmal der Welt“.

    Der Text ist dabei ausgesprochen witzig und sein Autor sehr belesen. Nietzsche ist ein wichtiger Referent für Fischer und wird mehrfach erwähnt, auch der Entdecker Pigafetta, und einer meiner Lieblingsschriftsteller, der Argentinier Julio Cortázar mit „Die Autonauten auf der Kosmobahn“; Novalis wird genannt, der einige, für die weitere Identitätsforschung zentrale Formulierungen niedergeschrieben hat („In dem Satze a ist a liegt nichts als ein Setzten, Unterscheiden und verbinden. Es ist ein philosophischer Parallelismus. Um a deutlicher zu machen wird A getheilt. Ist wird als allgemeiner Gehalt, a als bestimmte Form aufgestellt. Das Wesen der Identität läßt sich nur in einen Scheinsatz aufstellen. Wir verlassen das Identische, um es darzustellen …“; die ersten Sätze aus den „Fichte Studien“); auch Tieck und Tarantino, auch Luther hat einen kleinen Gastauftritt und Einar Schleef mit seinem Roman „Gertrud“.

    Mit Schleef sind wir in einem Ort namens Sangerhausen und im Café Kolditz. Vielmehr außen vor, denn das Cafe hat geschlossen und Frank Fischer und der abstrakte Tourismus müssen sich damit begnügen, durchs Fenster zu schauen. Ich habe den Namen dieses Cafés nie gehört. Es ist aber offenbar berühmt. Ein „Sehnsuchtsort der Popliteratur“. Ich kenne die Popliteratur nicht, da war ich noch nicht in Deutschland und ich war vielleicht auch noch zu jung, um mich dafür zu interessieren. Ich habe einmal ein Buch von Kristian Kracht gelesen, „Faserland“. Ich dachte die ganze Zeit, dass da etwas kommt, ich erwartete, dass da noch etwas passiert. Aber da kam nichts und da passierte auch nichts. Wenn das die Definition von Popliteratur ist, dann ist das nicht meine Literatur. Dennoch freut es mich, dass die Literatur immerhin in der Lage ist, aus einem normalen Café einen Ort der Sehnsucht zu machen.

    Morgens um fünf in Halle-Neustadt, einer Satellitensiedlung des DDR Wohnungsbauprogramms, alles Plattenbauten, heißt es ladipar: „Um diese Uhrzeit wirkt jede Stadt unbewohnt, aber in Halle-Neustadt ist die Diskrepanz zwischen sichtbarem Wohnraum und unsichtbarer Bevölkerung besonders groß.“ Wir bekommen außerdem eine vollständige Interpretation des besten schlechtesten Gedichtes aller Zeiten, oder beinahe jedenfalls. Seltsamerweise wird Pynchons „Die Enden der Parabel“ als Jugendbuch bezeichnet. Hier die, wie ich finde, schönste Formulierung: „Links und rechts frühherbstliche Felder, darüber ein paar Wolkenzitate aus verwitterten Schlachtengemälden.“

    Der abstrakte Tourismus, wie ihn Frank Fischer präsentiert, ist, anders als erwartet, ausgesprochen dicht an Erlebnissen. Möglicherweise liegt das vor allem an dem Autor und seinem Bericht und nicht so sehr an der Art des Tourismus.

    Vielleicht wär es klug von mir gewesen, vorher die Harzreise von Heinrich Heine zu lesen. Habe ich nicht getan. Wer klüger sein will als ich es war, der kann Heine hier nachlesen.

    Im letzten Drittel des Buchs finden sich Fotos jener Orte, die in den beiden vorhergehenden Dritteln beschrieben wurden. Ich hätte mir Fotos von der Autobahn gewünscht. Autobahn, das ist ein sehr deutsches Wort. Und weltweit bekannt. In Rumänien wird die „Deutsche Autobahn“ für das achte Weltwunder gehalten. So eine deutsche Autobahn hat mindestens 30 Spuren in jede Richtung – wohlgemerkt in jede Richtung und nicht nur, wie alle anderen Autobahnen, in zwei Richtungen – Mit einer solchen Autobahn kann man sich die Natur endgültig Untertan machen und die Nachfolge Gottes, sollten da noch Zweifel herrschen, ist geklärt.

    Nach der Lektüre hat mich das merkwürdige Gefühl beschlichen – ich kann das nicht belegen, das ist etwas, was sich mit den Jahren der Lektüre einstellt – dass, während Frank Fischer den Wagen gesteuert hat, jemand auf dem Beifahrersitz saß, ein hübsches blondes oder doch eher brünettes lyrisches Ich, das dem Herrn Fischer all sein Wissen eingeflüstert hat, welches er uns mit lockerer Hand präsentiert. Woher, frage ich mich, sollte ein Mann das sonst alles wissen?

    Frank Fischer ist übrigens der Betreiber von Der Umblätterer, und hat außerdem eine Webseite.

    Frank Fischer, Die Südharzreise
    Abstrakter Tourismus zwischen Leipzig und Göttingen
    Nachwort von David Woodard
    Bilder von Andreas Vogel
    96 Seiten, Broschur, EUR 10,00
    ISBN 978-3-941592-12-4





    12 Mai 2010

    Wir betreten das Feld der Fiktion

    Manche Bücher werden durch das Schreiben zu großen Büchern. Andere werden durchs Lesen groß und wieder andere werden es erst, indem sie dem Vergessen anheimfallen. Die meisten Bücher jedoch bleiben für immer was sie sind. Und das ist ihr Glück.

    „Verse auf Leben und Tod“ lautet der Titel eines schmalen Buches von Amos Oz. Es gehört zur letzten der genannten Kategorien. Es will vermutlich auch nicht mehr. Es wollen nämlich nicht alle Bücher groß werden, manchen reicht es das zu sein, was sie sind. Roman steht draußen dran, aber drin ist eine Novelle. Vermutlich kannte der, der die Gattungsbezeichnung auf den Umschlag geschrieben hat, die obige Unterscheidung nicht. Die ist ja auch erst eine halbe Stunde alt.

    Ein bekannter Schriftsteller – der einzige in diesem Buch, der keinen Namen trägt – geht zu einer Lesung, seiner eigenen nämlich, und muss nicht einmal selbst lesen, es gibt eine Vorleserin. Während Rochele Resnik den Text vorträgt, macht der Schriftsteller das, was Menschen seines Berufsstandes manchmal tun: er beobachtet die Leute. Er greift sich einige der Anwesenden heraus, er nimmt die konkreten Gegebenheiten, ihre Gesichter, ein Husten und ein Lachen, und dichtet daraus kleine Episoden und oder gleich ganze Lebensgeschichten. Er tut das, was bei anderen Anlass zur Skepsis geben mag, bei Schriftstellern aber gut fürs Renommee ist: er phantasiert sich was zusammen.

    Nach der Lesung begleitet er die Vorleserin nach Hause. Sie ist eine schüchterne, nicht wirklich schöne, aber dennoch attraktive Person. Er unternimmt einen halbherzigen Versuch in ihre Wohnung zu kommen, lässt sich dann aber an der Türe abweisen. Sie hat Ausreden parat, warum sie ihn nicht in ihre Wohnung lässt: die Vorhänge sind in der Wäsche und der Büstenhalter hängt über der Stuhllehne; außerdem handelt es um einen gepolsterten BH und das ist ihr peinlich. So dreht der Mann sich auf dem Absatz um und schlendert stattdessen in der fremden Stadt umher. In Gedanken kehrt zu den Leuten der Lesung zurück. Er führt fort, was er während der Lesung begonnen hatte, sein „Gaunermetier“: er spinnt ihre Lebensgeschichten weiter. Und schließlich kehrt er auch noch einmal zur Vorleserin zurück. In seiner Phantasie, wo aus der realen Rochele die imaginäre Rachel wird.

    Er klopft, sie öffnet. Die sich unverzüglich anschließende Liebesszene ist die mit Abstand intensivste Stelle dieses Buches. Die beiden bleiben beim „Sie“, sie kennen einander nicht so gut, dass sie zum vertrauteren „Du“ wechseln möchten. Sie brauchen den Abstand zueinander, der auch ein körperlicher ist: sie beugt ihren Oberkörper weg, damit er ihre kleinen Brüste nicht bemerkt, er den Unterkörper, damit sie seine mangelnde Erregung nicht wahrnimmt. Gerade dadurch gewinnt diese Szene eine große Intensität. Der eigentliche Akt jedoch misslingt. Der Schriftsteller ist nicht so erregt, wie er sich das wünscht, seine Erektion ist jedenfalls nicht von Dauer. Er flieht vor dieser Peinlichkeit. Ich rufe Sie an, sagt er als er Hals über Kopf mitten in der Nacht aus ihrer Wohnung verschwindet. Beide wissen, dass er sie nicht anrufen wird. Er hat ja nicht einmal ihre Nummer.

    Warum macht der Schriftsteller das? Er hätte sich hier zum großen Liebhaber aufschwingen können. Warum stattdessen dieses Scheitern und die Peinlichkeit? Seine erste Phantasie an diesem Abend betraf eine Kellnerin, der er ein Verhältnis mit einem Ersatztorwart (das erste Verhältnis Liebesverhältnis ihres Lebens und da schon nur ein Ersatz!) andichtet und der er den Namen Riki gibt. Das ist die Frau mit der er Sex haben will, nicht die Vorleserin. Deswegen geht die Sache schief.

    Diese Differenz zwischen dem, was man haben will und dem was man haben kann: das ist der wesentliche Punkt. Diese Differenz ist eine Asymmetrie und genau das erregt den Mann an dieser Riki, die Asymmetrie ihres Slips. Diese Differenz ist entscheidend für den Einsatz der Phantasie. Dadurch kommt das eigentliche Thema des Buches zuwege, mit dem es auch begann, die Fragen, die der Schriftsteller bei Lesungen immer wieder hört und die er sich selbst auch stellt: „Warum schreiben Sie? Warum gerade in dieser Weise? Wollen Sie Ihre Leser verändern, und wenn ja – in welchem Sinne? Welchen Zweck verfolgen Ihre Geschichten? Streichen und verbessern Sie ständig, oder schreiben Sie alles auf einmal aus einer Eingebung heraus?“ Und noch viele andere dieser Art.

    Das ist oft eine, wenn nicht die zentrale Frage für Schriftsteller und Schriftstellerinnen, „Warum schreibst du?“ Diese Selbstvergewisserung ist es auch, die Künstler von andreren Berufsgruppen unterscheidet. Sie ist die zentrale und oft quälende Frage eines jeden (?) Künstlertums, wahrscheinlich ohne je auf eine befriedigende Antwort zu stoßen. Denn Künstler suchen ja keine Antwort, sie suchen ihre Beschreibung. Könnten sie die Frage beantworten, würden Sie es tun. Und dann würden sie etwas Sinnvolleres tun, Brückenbauen oder Entwicklungshilfe in Afrika. Aber sie können nur mit ihrem Werk Antwort geben. Die Suche nach dem konkreten „Wie“ der jeweiligen Figuren ist immer auch die Suche nach dem „Warum“ ihres Schöpfers: Warum schreibst du? „Auf diese Fragen gibt es spitzfindige Antworten und ausweichende. Einfache und direkte gibt es nicht.“

    Das ist ja das Furchtbare im Leben, das es nicht so läuft wie es laufen sollte. Die Differenz, dass das Leben eben nicht so ist, wie es sein könnte, was sich manchmal, wie bei Rochele – oder ist es Rachel? – auf eine einzige Vorstellung verdichtet. Die zu klein geratenen Brüste können einem das Leben nicht ruinieren. Aber der Gedanke daran kann es: „Hätte ich Brüste wie meine Mutter und meine Schwester, wäre mein Leben ganz anders verlaufen.“ Das ist nicht unbedingt wahr. Wahr aber ist, dass man so etwas als wahr empfinden kann. Und wahr ist auch der Schmerz des Schriftstellers, der weiß, dass es sich für die Figur genauso verhält. Und das all das, was er sich da zusammenreimt, genauso ist: da draußen, wo die Menschen das Leben genießen, an ihm verzweifeln oder es einfach nur hinnehmen wie sie alles andere auch hinnehmen würden. Aber alles andere ist eben nicht greifbar.

    Dass es im Leben nicht so läuft wie es laufen könnte, das ist allerdings nicht nur das Furchtbare am Leben – jedenfalls für den, der einen Plan hat – sondern auch das Großartige und das Spannende. Dass das Geworfene hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt, diese, wie ich damals fand, etwas profane Erkenntnis Heideggers hatten wir hier schon einmal. Diese Differenz jedenfalls – die für viele nur schwer zu ertragen ist und der Ursprung des Phantasierens – machen sich die Schriftsteller und Künstler im Allgemeinen gerne zunutze.

    Aus der realen Rochele wird die imaginäre Rachel: ganz so einfach wie gerade behauptet, ist es ja nun doch nicht: denn eine reale Rochele ist gar nicht greifbar. Wir, wir alle und nicht nur die Schriftsteller, machen uns permanent unsere Phantasien zu anderen. Die reale Rochele: das ist in Wahrheit eine fiktive Figur, der wir niemals begegnen. Es gibt sie zwar, diese realen Personen – es sind jene, die uns vollkommen gleichgültig sind – sowie wir aber von diesem fundamentalen Desinteresse abweichen und uns für jemanden zu interessieren beginnen, ist es vorbei mit der Realität und wir betreten das Feld der Fiktion. Und dieses Feld, dass muss jedem bewusst sein, der sich die Welt zusammenfiktionalisiert, diese Welt ist eine biografisch gefärbte, denn die Phantasie, mittels derer wir die anderen beschreiben, ist unsere eigene.

    Beim Schreiben sieht man seinen Figuren zu, beim Scheißen und beim Schämen, und eigentlich will man das alles gar nicht sehen. Am Ende muss man sich womöglich dann noch über sie beugen und sie trösten. Und dann äußern die Figuren auch noch solche Sachen wie: „Entschuldigung, es ist nur so, dass ich mich ein bisschen vor Ihnen schäme.“

    Ich ende diese kleine Besprechung, indem ich die letzten Sätze aus dem Aufsatz, „Der Dichter und das Phantasieren“ von Sigmund Freud zitiere: „Vielleicht trägt es sogar zu diesem Erfolge nicht wenig bei, dass uns der Dichter in den Stand setzt, unsere eigenen Phantasien nunmehr ohne jeden Vorwurf und ohne Schämen zu genießen. Hier stünden wir nun am Eingange neuer, interessanter und verwickelter Untersuchungen, aber, wenigstens für diesmal, am Ende unserer Erörterungen.“

    Amos Oz, Verse auf Leben und Tod
    Suhrkamp Verlag 2009
    ISBN 978-3-518-46084-9

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    07 Mai 2010

    Ich hab die Polizei am Hals

    Ich hab die Polizei am Hals. Nicht die ganze Polizei, sondern nur einen Vertreter. Und nicht einmal ihn selbst, sondern lediglich seine Ermahnung. Der hielt mich vorgestern auf der Straße an. Mein Rad sei nicht verkehrssicher, sagte er. Den Eindruck, antwortete ich ihm, habe ich schon länger. Aber statt dass er den Kavalier herauskehrt und mir die maroden Sachen repariert, mokierte er sich darüber, dass ich keine „Katzenaugen“ an meinem Fahrrad habe. Katzenaugen? Katzenaugen, sagte er mir freundlich, nenne man diese orangen Reflektoren, die an den Speichen befestigt werden. Alternativ wären auch sogenannte Speichenreflektoren möglich. Ich solle, sagte er, das um die Katzenaugen oder Speichenreflektoren angereicherte Fahrrad in der kommenden Woche auf seiner Polizeistation vorzeigen.

    Also bin ich gestern in ein Fahrradgeschäft gegangen und habe eine Packung dieser Reflektoren gekauft, die auf die Speichen aufgesteckt werden. Die leuchten, wenn sie angestrahlt werden. Das Wort Speichen empfinde ich als ein Wort ohne jeden akustischen Wohlklang. Ich betone das, falls es anderen auch so ergeht. Dieses Wort kommt in den nächsten Zeilen häufiger vor. Man muss dann das Wort lesen, aber von seinem Klang absehen. Wenn man von einem Klang absehen kann.

    In der Packung befinden sich zweiundsiebzig dieser kleinen Reflektoren. Das steht jedenfalls drauf. Das sollte eigentlich kein Problem sein, denkt man sich. Ich habe das nicht nachgezählt. Irgendeine Anzahl muss ja drin sein, zehn, zwanzig oder hundert. Aber es sind eben zweiundsiebzig. Ein kluger Mensch hat sich nun einige Gedanken gemacht und ist zu einem Ergebnis gekommen, das in aller Breite auf einem Beipackzettel ausgearbeitet ist. Und das sieht, etwas gekürzt, ungefähr so aus: Es gibt insgesamt drei Möglichkeiten. Entweder stimmt die Anzahl der Speichen am eigenen Fahrrad mit der Anzahl der Reflektoren in der Packung überein. Das ist der Idealfall. Der ist im Grunde kein Problem und wird auch nicht weiter diskutiert. Davon abweichend besteht die Möglichkeit, dass das eigene Fahrrad mehr Speichen hat als sich Reflektoren in der Packung befinden. Für diesen Fall wird man darauf hingewiesen, dass das Rad nur dann als verkehrssicher gelte, wenn alle Speichen auch mit Speichenreflektoren ausgerüstet seien.  Man hat also Pech und muss noch eine Packung mit zweiundsiebzig von den Dingern kaufen. Der dritte Fall ist mit Abstand der komplexeste. Dieser Fall tritt dann ein, wenn das eigene Fahrrad weniger Speichen hat als Reflektoren in der Packung sind. Sieht erst einmal gar nicht so schwierig aus. Da hat man eben einige über. Aber Pustekuchen! Denn von den zweiundsiebzig Reflektoren sind exakt zwei mit einem Prägeeindruck versehen, der als Prüfstempel gilt. Das Fahrrad, wird man darauf aufmerksam gemacht, gelte nur dann als verkehrssicher, wenn diese beiden mit einem Prägestempel versehenen Reflektoren auch angebracht sind.

    Diese dritte Möglichkeit war bei mir bedauerlicherweise der Fall. Also habe ich mich auf die Suche gemacht nach den „Speichenreflektoren mit Prägestempel, die als Prüfzeichen gelten“. Und ich bin auch fündig geworden. Tatsächlich sind da winzig kleine, kaum sichtbare Markierungen zu erkennen. Nun steht da als letzter Unterpunkt dieses dritten Falles aber auch noch, dass man doch bitte darauf achten solle, dass die beiden „Speichenreflektoren mit Prägestempel, die als Prüfzeichen gelten“ nicht am selben Rad aufgesteckt werden, sondern je einer am Vorderrad und einer am Hinterrad.

    Wie gesagt, man braucht die Augen eines Luchses um diese Stempel zu erkennen. Und ich denke mir, dass das nicht einfacher wird, wenn das Fahrrad in Bewegung ist und die beiden Räder sich drehen. Ich müsste mich also, um diese Verkehrssicherheit zu gewährleisten, auf die Suche machen nach dem zweiten der beiden „Speichenreflektoren mit Prägestempel, die als Prüfzeichen gelten“ und notfalls zwei Reflektoren umstecken. Schließlich muss ich in der kommenden Woche noch einmal zu meinem Polizisten. amche ich aber nicht. Mein Fahrrad ist also nach wie vor nicht verkehrssicher. Aber die Speichenreflektoren sind noch das kleinste Problem.

    Ich bin mal wieder in der Bibliothek. Neben mir – das sind alles Zweier- oder Dreiertische – sitzt einer dieser Juristen von denen es hier unglaublich viele gibt, und die wahrscheinlich später, wenn sie mit dem Studium fertig sind, alles verklagen, was sie in die Finger kriegen. Der neben mir ist noch ziemlich friedlich. Vielleicht ist er erst am Anfang des Studiums. Er linst zu mir herüber. Er will wissen, was ich mache, da ich die ganze Zeit lächele. Eben war ich mit ihm Kaffeetrinken und habe ihm das hier erzählt.

    Die Dinge sind komplex in Good Old Germany. Sollte man in den nächsten Tagen und Wochen von mir nichts mehr hören, ich bin hier. Die Besuchszeiten gebe ich noch bekannt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    05 Mai 2010

    Eine Million Euro Gewinn

    Ich bin seit einem guten Jahr mit diesem Blog im Netz. 166 Artikel, mehr als 500 Kommentare, fast 600 Spambots, tausend Stunden Arbeit, hunderttausend Euro Umsatz, eine Million Euro Gewinn. Was will man mehr?

    Was ist in dem Jahr passiert? Ich bin ein Jahr älter geworden. Das mag anderen als der normale Werdegang erscheinen, aber ich finde es bemerkenswert. Es war exakt ein Jahr und ich bin auch exakt ein Jahr gealtert. Wo steht geschrieben, dass das so deutlich übereinstimmen muss? Das war ein sehr schnelles Jahr.

    Ich liebe meine Freunde: Olga, Marie und Julian. Aber auch die anderen, die etwas weiter weg sind. Da sind noch ein paar andere Kreise um mich herum. Und auch ich drehe mich um andere. Ich mag sonntags Kuchen essen gehen, am liebsten mit Marie. Ich mag es, in der Sonne zu liegen, aber ich mache es nie. Ich habe mich von einer vergangenen Liebe erholt. Wenn man sich davon erholen kann. An meinem Körper sind Narben geblieben, das zweite Mal in meinem Leben, dass da Narben entstanden sind.

    Ich habe bei „Unendlicher Spaß“ mitgemacht und im Dezember letzten Jahres Guido Graf getroffen. Ich habe Clemens Setz kennengelernt. Ich habe Alban Nikolai Herbst kennengelernt. Ich bin bei Litblogs aufgenommen worden. Mein Blog wird von verschiedenen Institutionen archiviert. Ich habe einen Artikel für den Merkur geschrieben. Der ist zwar abgelehnt worden, aber ich habe ihn dennoch geschrieben. Und ich habe auch noch eine Darlegung hinterhergeschickt. Das eine wie das andere ist nicht richtig angekommen. Ich kann mich dem Verdacht nicht ganz entziehen, dass das mit meinem Artikel gar nicht so viel zu tun hatte.

    Ich habe, viel wichtiger, meinen zweiten Roman angefangen. Beim ersten musste ich lernen, wie man Texte baut, wie man Figuren und Perspektiven anlegt und arrangiert. Das war sehr wichtig. Für mein Empfinden ist da etwas sehr schlüssiges und vor allem Ganzes herausgekommen. Aber es gibt Leute, die sehen das anders. Man weiß nie, was andere sehen. Die müssen so einige Erscheinungen am Buchmarkt anders sehen als ich. Das heißt nicht, dass einer von uns blind oder leseunfähig ist. Das heißt lediglich, dass in Deutschland das gilt, was für alle Buchmärkte gilt: man gibt eine Prognose über die Verkaufsfähigkeit ab. Wenn die Prognose zu einem wirtschaftlich negativen Ergebnis kommt, dann lässt man es. Aber auch für den deutschen Buchmarkt gilt, was weltweit gilt: seriöse Prognosen sind kaum möglich. Nur arbeiten andere Buchmärkte – der französische und der rumänische und der angloamerikanische – vielleicht weniger eng mit der einflussreichsten und mächtigsten Institution der westlichen Hemispähre zusammen. Und was meinen eigenen Roman angeht: da ist das letzte Wort noch lange nicht gesprochen.

    Ich habe meinem Prof von meinem neuen Projekt erzählt. Der weiß um meine literarischen Ambitionen und der nannte das Thema meines zweiten Romans „genial“. Ich sei geradezu perfide, sagte er. Er prophezeit mir eine große Karriere als Schriftstellerin. Das wird dann auf jeden Fall ein sehr spannendes Leben: eine große Karriere bei negativer Prognose. Allerdings halte ich das, was ich in meinem zweiten Roman mache, für die beste Idee, die ich im Leben hatte. Und zwar mit einigem Abstand.

    Das erste Kapitel meiner Diss ist fertig, ich war beim Zahnarzt, beim Frauenarzt, mein Computer hatte einen Systemabsturz und ich daraufhin einen Nervenzusammenbruch. Ich bin vom Rad gefallen. Ich habe schöne Musik kennengelernt, ich habe eine Rezension für die Universität Marbach geschrieben. Ich habe Olga einen Holzklotschen hinterhergeworfen, der gegen die Türe geflogen ist und eine tiefe Macke hinterlassen hat. Ich habe mir in den Finger geschnitten. Ich habe ein paarmal geweint. Einmal ziemlich bitterlich, da habe ich meinen ehemaligen Freund Juan mit seiner neuen Freundin getroffen. Bei dieser Gelegenheit musste ich feststellen, dass ich mir den Wurf mit den Holzpantienen besser für diese Gelegenheit aufgespart hätte.

    Ich habe ungefähr tausend Mal gelacht. Ich habe auch tausend Mails geschrieben, unabhängig voneinander. Manchmal habe ich Heimweh nach Siebenbürgen, nach den Bergen, und manchmal denke ich an meine drei Jahre in Bukarest.

    Manchmal kommt Stella mich besuchen, meine Freundin aus unserm Haus. Sie wohnt mit ihren Eltern eine Etage unter uns, im zweiten Stock und wir beide lieben uns sehr. Sie ist jetzt sieben Jahre alt und ich war auf ihrem Geburtstag. Nach dem Kaffeetrinken sind wir alle zusammen auf dem Spielplatz gegangen und da sagte ein Junge zu Stella : dann kann deine Mama ja die Schaukel anschieben. Dabei nickte er mit dem Kopf in meine Richtung. Ziemlich unwirsch entgegnete Stella: das ist doch nicht meine Mama, das ist meine Freundin. Über den Satz habe ich mich den ganzen Abend gefreut.

    Einmal hat mich ein Typ auf dem Rad angelächelt, dass ich tagelang an nichts anderes denken konnte, als daran, wie der mir die Klamotten vom Leib reißt. Ich habe jeden Morgen meine besten Sachen angezogen, aber ich habe ihn nicht wiedergesehen. Bis ich einsehen musste, dass das nichts wird. Da habe ich aufgehört, mich für ihn schön zu machen. Ich war sauer auf ihn. Der hat bestimmt noch nie einer Frau die Klamotten vom Leib gerissen. Der zieht sich und andere anständig aus, faltet das ganze Zeug fein säuberlich zusammen, und dann entschließt er sich, dass demnächst mal was passieren wird. Aber was das sein wird, das weiß er noch nicht so genau.

    Ich hatte mit meinem “Busenfreund” Julian ein sehr wichtiges Gespräch über Liebe, über Treue und Untreue und Enttäuschungen, bei Wein und Käse.

    Ich lebe in Berlin als lebe ich schon immer hier.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    23 April 2010

    Worum sich die Welt dreht

    [Das Folgende ist bereits als Text im Titel Magazin erschienen. Ich möchte meine Texte allerdings hier versammelt haben, deswegen der – ein Wort, das in hundert Jahren vielleicht auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Worte zu finden sein wird - Wiederabdruck.]

    Die re:publica 2010 fand in der vergangenen Woche im Berliner Friedrichstadtpalast und der benachbarten Kalkscheune statt. Mit 2500 Besuchern war die Veranstaltung ausverkauft. Schaut man sich das Programm an, erkennt man schnell, dass die re:publica keine reine Blogger-Veranstaltung ist. Hier wurden größere Fragen gestellt, als die wie man sein Blog aufmöbelt oder was ein Hashtag ist, obwohl auch Seminare zu neuen Tools und zur Begrifflichkeit angeboten wurden. Es ging vielmehr um generelle, um gesellschaftspolitische Fragen, um Transparenz und Datenschutz. Darum, dass global operierende Internetfirmen wie Google inzwischen mehr Macht ausüben als so manche politische Institution. Wenn vor einiger Zeit die EU Microsoft wegen kartellrechtlicher Verstöße bestrafte, wird das in Zukunft vielleicht anders ablaufen: dann droht womöglich Facebook Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner sich aus Deutschland zurückzuziehen, sollten hier nicht die Datenschutzbestimmungen an die Anforderungen des 21. Jahrhunderts angepasst werden.

    Vor allem aber ging es in den Veranstaltungen darum, wie das Internet – und Blogger fühlen sich als die ersten Diener dieses grenzenlosen Staates – die Welt verändert. Und wie die, die diese Welt beleben, sich dadurch verändern. Wie werden wir in Zukunft leben und arbeiten, wie werden wir lieben und wovon werden wir träumen?
    Ich habe mich von meinen eigenen Interessen leiten lassen und den Eröffnungsvortrag von Jeff Jarvis mitgemacht, eine Veranstaltung zum Thema Identität, eine Diskussion zum Thema Urheberrecht im Netz, zu dem die Heinrich-Böll-Stiftung eine Publikation herausgegeben hat: „Copy. Right. Now!“ , eine zu explizit feministischen Positionen, eine über Sexismus im Netz, eine zu autobiografischem Schreiben und eine letzte zum Thema Sozialkontakte jenseits jedweder Vernetzung: die Abschlussparty. Den Mann meines Lebens habe ich an dem Abend nicht kennengelernt, aber die Erkenntnis meines Lebens habe ich an den drei Tagen auch nicht erhalten.

    Die erwartete Typologie bewahrheitete sich in etwa, die Teilnehmer waren überwiegend Vertreter des männlichen Geschlechts, technikaffin, mit kleinen und mittelgroßen Gerätschaften ausgestattet, vorzugsweise von Apple. Manch einer, schien es, schleppte gleich die gesamte Produktpalette dieser Firma mit sich herum. Geräte jedenfalls, mittels derer sie sich Zutritt zu jener anderen Welt verschafften, um die es sich bei dieser Veranstaltung hauptsächlich drehte. Noch braucht es diese Geräte, um aus der Welt des Kohlenstoffs in die des Netzes zu gelangen. Noch sind das zwei verschiedene Welten.

    Man schrieb für Zeitungen und Magazine, bediente sein Blog, seinen Twitteraccount, fragte seine Mails ab, lud irgendetwas rauf oder runter oder versuchte unter Zuhilfenahme von google-earth den Weg zur Toilette ausfindig zu machen. In den Veranstaltungen herrschte ein Rein und Raus, das galt nicht nur für die abbröckelnden Ränder in Türnähe, wo sich jene aufhielten, die noch nicht wussten, ob sie die Angelegenheit interessierte. Unterstellt man – und ich arbeite mir dieser Unterstellung – dass andere Menschen auch nicht auf Fähigkeiten zugreifen können, die einem selbst nicht zur Verfügung stehen, dann musste man zu dem Schluss kommen, dass hier nur in wenigen Fällen die ganz große Konzentration vorherrschte.

    Die meisten Menschen zeigten hier offenbar jenes Verhalten, dass sie auch im Netz zeigen. Alles andere wäre allerdings auch eher verwunderlich. Ein Verhalten, das sich etwa so beschreiben lässt: Man steckt überall die Nase rein. Nur nicht sehr tief. Man hat hundert Feeds abonniert und tausend Links in seinem Browser. Man hat zwei Dutzend Fenster und Tabs offen und springt von einem ins andere. Man ist überall gleichzeitig und nirgends für lange.

    Sind das die modernen Verhaltensweisen? Sind die jungen Menschen von heute so, Menschen wie ich? Sind wir durch diese De-Zentralisierung wirklich unkonzentriert? Sind wir nicht mehr in der Lage, Zusammenhänge zu erkennen oder einer Argumentation zu folgen, weil wir zu bedingungslosen Anhängern des Multitasking geworden sind? Und zu seinen Opfern. Oder ist es vielmehr so, dass die logisch deduktive Welt Kants und Hegels auch nur Ausdruck des damaligen Weltverständnisses war? Wie das, was wir tun, Ausdruck unseres heutigen ist. Sodass die dialektisch fließende Betrachtung der wirklichen Welt nicht ähnlicher oder weniger ähnlich ist als eine hüpfende, die hierhin springt und dorthin und die scheinbar zufällig ihre Betrachtungen einfängt und miteinander kombiniert? Verändern sich unsere Fähigkeiten nicht vielmehr entsprechend einer sich verändernden Welt, und sie passen sich ihr heute ebenso an wie sie das zu jeder anderen Zeit auch getan haben?

    Die Welt verändert sich nun einmal und sie nimmt diejenigen mit, deren kulturelle Fähigkeiten sich ebenfalls verändern. Die andern lässt sie stehen. Ist das Internet die zweite kopernikanische Wende? Von einer Wende sprechen wir seit den Formulierungen Immanuel Kants in der „Kritik der reinen Vernunft“: „Es ist hiermit ebenso, als mit den ersten Gedanken des Kopernikus bewandt, der, nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fort wollte, wenn er annahm, das ganze Sternheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen, und dagegen die Sterne in Ruhe ließ.“ Wer jetzt noch glaubt, dass die Sonne sich um die Erde drehe, weil die der Mittelpunkt der göttlichen Schöpfung ist, der hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Oder?

    Vielleicht sind die Welten sich doch ähnlicher als viele uns weismachen wollen. Dann wäre das Internet, wie profilierte Adepten vom Schlage eines Jeff Jarvis meinen, nicht der bessere Platz im Leben, sondern nur ein anderer. Ein anderer Platz, den man aber so einnehmen muss, wie man das von Plätzen bisher kennt: man muss sie besetzen. Nur weil man ein Blog im Internet hat, gehört man noch nicht zur Avantgarde. Das Netz hat vielerorts längst seinen utopischen Charakter eingebüßt. Es ist zu einer Art Nebenwelt geworden, wo wir nicht anders sind als sonst auch. Wo keine anderen Gesetze gelten und wo auch jenes Gesetz gilt, dem man in den Anfängen vielleicht gerade zu entfliehen suchte, das Recht des Stärkeren. Auch das Netz funktioniert nach ökonomischen Kriterien und auch hier lauern die kapitalistischen Hyänen Angebot und Nachfrage.

    Ich habe mich von meinen eigenen Interessen leiten lassen und die sind literarischer Natur. Im Netz ist alles gleichermaßen Information. Narrative Qualität ist da meist nicht gefragt. Während in den klassischen Medien stark gefiltert wird, was veröffentlichbar ist und was nicht, gibt es in der Blogsphäre sehr viel weniger Beschränkung. Da muss man seine eigenen Filter setzen. Das führt dazu, dass sich jeder sein eigenes Urteil über die Qualität des Angebots machen muss. Und manchmal führt es auch dazu, dass die Filter undicht werden und man einfach alles konsumiert oder ignoriert.

    Thomas Hettche, Schriftsteller ohne Blog, schrieb vor Kurzem in der FAZ einen Artikel über Literatur im Wandel und er ist nicht sonderlich angetan von Netzliteratur und Blogs. Man merkt ihm die Angst an. Es ist die Angst um die Literatur, nicht um die eigene Haut. Dort spielt dann auch „das aufmerksamkeitsheischend kleptomane Fräulein Hegemann“ eine Rolle. Leider wird dann einiges über den Löffel balbiert, der Autor nimmt kein einziges Blog zur Kenntnis und übersieht im Eifer des Gefechts sogar, dass es sich bei Frau Hegemann nicht um eine Bloggerin handelt. In einer Replik im FREITAG antwortet dann Alban Nikolai Herbst, Schriftsteller mit Blog, und wehrt sich gegen die pauschalen Zumutungen Hettches.

    Die Abwehr Hettches geht soweit, dass alle Veränderungen – die es nicht erst gibt, seit Blogs im Internet betrieben werden und auch nicht, seit deren Betreiber sich für Literatur interessieren – an den Pranger gestellt werden. Literatur, klagt er, verkomme zum Event, wodurch es „eine tiefgreifende Veränderung des Verhältnisses der Leser zu Autor und Werk“ gebe. Dabei bemerkt er offenbar nicht die große Chance, die darin liegt. Denn die Literatur ginge ohne diese Veränderung womöglich unter. Im Netz sind neue und experimentelle Formen möglich, wie beispielsweise die Bibliotheca Caelestis von Hartmut Abendschein. Innovative Literatur hat immer auch mit der Form gespielt. Literatur ist Veränderung. Sie verwandelt, sie erfindet. Das ist lebenswichtig. Nur das Lebendige hat die Kraft, sich zu verändern.

    Dass im Netz nicht alles im Bereich des optimal Möglichen verhandelt wird, ist keine Frage. Aber würde es von den klassischen Medien so verhandelt, gäbe es den virtuellen Markt vielleicht gar nicht. Die Tatsache, dass nicht alles optimal ist, ist einer der Gründe dafür, dass es Kunst und Literatur überhaupt gibt. Diese Differenz ist ein Grund für die Phantasie. Von daher bleibt zu hoffen, dass der Abstand dieser beiden Welten, die der Möglichkeit und die der Wirklichkeit, möglichst bestehen bleibt.
    In Gesprächen und Diskussionen wurde gefragt, ob Bloggen eine Freizeitbeschäftigung ist wie Jonglieren oder ein Lebensentwurf. Womöglich ist allerdings auch Jonglieren ein Lebensentwurf. Das Netz bietet genug Platz für viele solcher Entwürfe. Allerdings ist ja mit Jonglierern in der realen Welt schon nicht viel Geld zu verdienen, wie sieht das dann erst in der virtuellen Welt aus? Dies ist ein Thema, das die Leute umtreibt, dass sich mit Bloggen nur in Ausnahmefällen Geld verdienen lässt. Thema ist auch, dass Blogger von den klassischen Medien als Konkurrenz betrachtet werden. Es wurde gefragt, warum so wenige Frauen in den oberen Rängen der Blogcharts zu finden sind. Es wurde auch gefragt, ob die Anonymität ein Vorteil oder ein Nachteil ist. Sind wir vor dem Bildschirm einsamer oder bietet sich gerade die Möglichkeit, die Einsamkeit zu überwinden? Kommt man im Netz zu anderen oder kommt man nur von der eigenen Einsamkeit zu der Einsamkeit der anderen?

    Am Ende eines Vortrags – ich weiß gar nicht, worum es da ging, ich wollte zu der Nachfolgeveranstaltung – als man bereits bei den Fragen angekommen war, wusste der Vortragende einen Moment lang nicht weiter und sagte, mit der Stimme des Resignierten, der dann unverhofft auf die Lösung seines Problems stößt: „Da gehen Sie am besten einfach mal ins Internet.“ Woraufhin der Saal schallend lachte und Beifall klatschte. Auf die Idee wäre hier wirklich niemand gekommen.

    Heute stellt man bisweilen noch die Frage, wo und wie man ins Internet kommt. Morgen ist die Frage vielleicht schon eine andere. Morgen fragt man sich, wie man wieder heraus kommt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    05 April 2010

    Ich spring da nicht drüber

    Ich vermisse meine Mitbewohnerin. Olga ist über Ostern für vierzehn Tage nach Moskau geflogen, zu ihrer Familie. Die ist total crazy, aber wir kommen sehr gut miteinander aus. Spülen, Putzen, Staubsaugen: das können wir beide nicht. Alle zwei Wochen wird gemeinsam geputzt. Wir stehen dann vor den Utensilien mit denen man üblicherweise saubermacht, Sachen wie Eimer und Putzmittel und Lappen und dieses ganze Zeug und lachen uns kaputt, weil wir im Grunde beide nichts damit anfangen können. Wir schütten das dann alles auf einen Haufen und hoffen, dass sich davon der Allgemeinzustand unserer Wohnung verbessert. Das ist ein Ausdruck von Hoffnungslosigkeit! Aber er bringt uns beide immer wieder zum Lachen. Manchmal kommt Olga in mein Zimmer, zieht sich aus, legt sich in mein Bett und schläft. Während ich am Rechner sitze und arbeite. Oder sie setzt sich auf meinen Schoß, schmiegt sich für ein paar Minuten eng an mich und geht dann wieder raus. Ohne ein Wort der Erklärung.

    Warum will ich eigentlich Schriftstellerin werden? Es gibt wirklich Jobs und Beschäftigungen, wo man mit einem Engagement wie ich es an den Tag lege, und manchmal auch an die Nacht, mehr Lorbeeren erntet als auf diesem Markt, zumal hier in Deutschland. Ich empfinde es gerade hier als schwierig, weil hier ganz klare Vorstellungen herrschen wie junge neue Literatur auszusehen hat. Dennoch will ich Schriftstellerin werden. Ich kann nichts anders. Ich will nichts anderes. Ich will nichts anderes können.

    Ich erinnere mich, ohne mich genau zu erinnern, dass ich einmal eine Geschichte gelesen habe, wo ein Autor seine Figur – in übertragenem Sinne – über etwas drüber springen lassen wollte. Er lässt sie über viele Seiten Anlauf nehmen. Er stellt es so dar, dass dieser Anlauf und dieser beabsichtigte Sprung ein zentrales Ereignis im Leben der Figur sind. Er lässt sie losrennen und schneller und schneller werden, er steigert sich in der Dramaturgie, und kurz vor der Hürde oder dem Absprung, die der Autor die ganze Zeit anvisiert und die er auch beschreibt, bremst die Figur ab. Sie bleibt einen Zentimeter davor stehen. „Ich spring da nicht drüber“, sagt sie. Sie dreht sich sozusagen um und wendet sich, indem sie stattdessen eine logische und erzählerische Grenze überspringt, direkt an den Autor: „Ich spring da nicht drüber“, sagt die Figur. Sie stellt in Frage, dass der Autor, sie, die Figur, überhaupt verstanden habe. „Mach ich nicht“, sagt sie und schüttelt den Kopf. Der Autor ist dann natürlich der Gelackmeierte. Jedenfalls war das in der Geschichte so. Er hat es im weiteren Verlauf der Geschichte nicht vermocht, der Figur seinen Willen aufzuzwingen (ich glaube das war Flann O`Brian).

    Abgesehen davon, dass hier etwas zur Sprache kommt, was wohl jeder Autor kennt: die Figuren entwickeln sich nicht wie beabsichtigt. Dann steht der Autor vor der Entscheidung, die Sache laufen zu lassen oder seine Macht auszuüben und der Figur etwas aufzuzwingen. Macht auszuüben! Macht über Figuren. Macht über die Ereignisse. Auch das ist ein Grund, warum ich Schriftstellerin werden will. Ich will Macht ausüben! Ich will den Text, die Figuren und die Ereignisse so bestimmen, dass sie allein nach meinem Willen sich ereignen. Ich will sie dirigieren. Ich will allerdings auch, wenn meine Figuren mir zu verstehen geben, dass sie über eine Hürde nicht drüber wollen oder können. Dann muss ich das Hürdentraining entsprechend anpassen oder aber einen andern Weg finden. Man kann seine Figur ja beispielsweise einfach außen rumgehen lassen und aus einer Geraden mit Hindernissen einen Parcours zum Slalomlaufen machen.

    Ich werde mich ans Olympische Komitee wenden und denen meinen Vorschlag unterbreiten. Es gibt verschiedene Wege eine bekannte Schriftstellerin zu werden, man muss sie nur ausprobieren. Man muss lediglich den Figuren seinen Willen aufzwingen. Auch den Figuren bei irgendwelchen Komitees. Ich werde den Sport revolutionieren. Habe ich mir eben vorgenommen. Marathon zum Beispiel. Sehr schöne Sportart. Aber so weit! Da gibt es doch sicher eine Abkürzung. Dass das Ziel immer erst am Ende ist, das halte ich ja sowieso für eine Fehlkonstruktion.

    Und mit diesen Worten zeige ich, wozu so eine Schriftstellerin in der Lage ist, nämlich weit, weit entfernte Dinge zueinander zu zwingen und einer Geschichte wie dieser hier eine ganz und gar unerwartete Wendung zu geben, indem ich das Schlusswort formuliere: merkt man mir an, dass ich meine Laufschuhe ausprobiert habe und nach einer Runde schon völlig fertig war?

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    24 März 2010

    Der Herr der Dschungel

    Gestern Nacht um ein Uhr, es war sogar schon nach eins, also eigentlich heute, vor fünf Stunden, komme ich nach Hause und Olga steht in der Türe. „Wie war‘s?“ fragt sie ohne Einleitung. Als wäre ich zum ersten Mal in meinem Leben mit einem Mann verabredet gewesen. Ich gebe einen Ton von mir, antworte aber nicht ausführlich und gehe in mein Zimmer. Das ist bei uns klar geregelt. Türe zu bedeutet, dass man alleine sein will. Da halten wir uns auch dran. Ich habe mich ausgezogen, bin ins Bad gegangen, Zähne geputzt, wieder zurück und dann ins Bett. Da geht doch die Türe auf, Olga kommt rein, sagt kein Wort, kommt zu mir ins Bett, schmiegt sich an mich, legt eine Hand an meinen Busen, beißt mir feucht in den Nacken, sagt erzähl! und schläft ein. Da liegt sie auch jetzt noch, ohne sich zu bewegen, es ist viertel vor sieben, meine Tastatur klappert und klickert und Olga schläft.

    Gestern Abend war ich mit dem Herrn der Dschungel verabredet. Ich bin ein paar Minuten zu spät gekommen. Das war strategisch bedingt. Ich wollte, dass er schon sitzt, wenn ich hereinkomme. Er hat aber gestanden als ich kam. Dann hat er sich gesetzt. Das war auch strategisch bedingt. Es war ihm wohl unangenehm, dass ich drei Zentimeter größer war als er. Vielleicht hat er gedacht, das fiele nicht so auf, wenn er sitzt. Dabei war er dann ja noch kleiner. Ich weiß, vielen Männern und Frauen ist die Körpergröße sehr wichtig. Männer müssen sich Frauen gegenüber größer fühlen. Vielleicht hat er sich aber auch hingesetzt, weil er gespürt hat, dass mir das nicht wichtig ist. Weil er die Größe dazu hatte.

    Wir mussten ein bisschen warm werden miteinander und waren auch noch beim formalen „Sie“ als wir uns drei Stunden später getrennt haben. Aber das ändert sich irgendwann. Nichtsdestotrotz war das ein wunderschöner Abend! Wir haben über Literatur gesprochen, über Wallace natürlich und Pynchon. Ich konnte eine Menge lernen. Wir haben über Rumänien, die Securitate, Herta Müller und Richard Wagner geredet. Herr Herbst hat mir einen Vortrag über Neue Musik gehalten und ich habe den Versuch unternommen, ein einigermaßen intelligentes Gesicht zu machen. Ich habe dieses Gesicht aufgesetzt. Aber das stand mir gar nicht gut und dann habe ich es auch wieder abgesetzt. Er hat mir von seinem Sohn erzählt, von den Anfängen der Dschungel, von der Buchmesse, vom Profi und von der Löwin. Das war ein Gespräch zwischen zwei Künstlern, zwischen Künstler und Künstlerin. Wir waren einvernehmlich der Meinung, dass wir, was wir da tun, das Schreiben, dass man das nur kann, wenn man sich zu hundert Prozent engagiert. Wenn man mit seiner Person dafür einsteht.  Schreiben kann man nur, wenn man sich dem verschreibt. Soviel zur Legasthenie. Das ist ein gutes Gefühl, zu bemerken, dass ein anderer genauso denkt wie man selbst.

    Außerdem weiß ich jetzt etwas, was ich vorher nur habe ahnen können: der Mann macht keine Umwege beim flirten. Der macht das einfach ganz direkt. Es gibt Männer, die um die Ecke flirten und erst einmal eine Lebensversicherung abschließen, bevor sie sich an die Arbeit machen. So ein Mann ist er der Herr Herbst nicht. Der hat die Arbeit dann schon hinter sich und der flirtet, weil ihm das Spaß macht (übrigens, Herr Herbst, ich bin stinksauer, sollte ich bei Ihnen unter „Arbeitsjournal“ eingegliedert werden!).

    Beim Bezahlen, als ich bezahlen wollte, was mein Gegenüber allerdings nicht mit seiner Mannhaftigkeit verbinden konnte, habe ich ihm meinen Personalausweis unter die Nase gehalten. Ich lebe seit jeher mit meinem Namen. Inzwischen mag ich es, wenn Menschen nicht glauben wollten, dass ich tatsächlich so heiße. Aber ab einem bestimmten Punkt möchte ich, dass sie meine Existenz zur Kenntnis nehmen. Das ist ein enorm wichtiger Punkt, dass nach dem Zweifel die Sicherheit kommt. Weil ich mich durch den anderen selbst begreife. Weil ich mich über den anderen meiner Selbst versichere. Ich kann mir sagen, dass ich existiere, aber richtig begreifen kann ich es nur, wenn andere es können.

    Olga liegt da immer noch. Vielleicht ist sie längst tot. Wie findet man das heraus? Irgendein Mann der sie beatmen will, wird sicher bald hier auftauchen. Habe ich schon erwähnt, dass Olga Model ist und schlicht und ergreifend der schönste Mensch, den ich jemals gesehen habe? Und die hat Männer, das ist zum Abschnallen! Bei uns in der Küche sitzen manchmal Typen rum, das ist unfassbar. Olga arbeitet oft für H&M und die Typen, die andere nur auf Plakaten an der Bushaltestelle sehen, die treffe ich bei uns in der Küche. Vielleicht sollte ich Olga wachküssen. An ihr ist einfach alles schön, die ist beim Schlafen schön. Ich sehe von hier ihren Hintern. Die hat nichts an. Vielleicht sollte ich einfach wieder ins Bett gehen und Olga anfassen. Aber ich finde sie nur schön, nicht erotisch.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    09 Februar 2010

    Aléa ist mit ihren Gedanken woanders

    Aléa ist mit ihren Gedanken woanders. Das ist ein sehr zentraler Satz in meinem Leben. Er stammt von meinem Rumänischlehrer, Herr Constantin Nicolescu. Er muss ihn mir irgendwann ins Schulheft geschrieben haben. Vielleicht hat er ihn auch meiner Mutter gesagt und die hat ihn dann vor mir wiederholt. Aber das glaube ich nicht. Ich habe diese Worte deutlich vor Augen. Ich sehe sie auf dem Papier. Ich sehe die Ränder der Buchstaben verschwimmen. Ich rieche das Papier, das anders riecht als Papier hier riecht. Papier in Deutschland hat keinen Geruch.

    Ich habe diesen Satz abgeschrieben. Ich habe das Schreiben geübt. Meine Handschrift war nicht gut. Obwohl ich immer mit einem Füller geschrieben habe. Den Füller habe ich zur Einschulung bekommen, ein deutsches Markenprodukt von Pelikan, mit dem, wenn ich mich richtig erinnere, schon mein Vater geschrieben hatte. Ich hatte Schwierigkeiten mit dem Füller die Buchstaben aufzumalen. Ich konnte die Hand nicht ruhig halten, um diese abstrakten Figuren so aufzumalen wie sie aussehen sollten. Ich konnte sie auch nicht gut auseinander halten. Sie hatten überhaupt keinen Sinn, keinen unterschiedlichen Sinn. Ein A war nichts anderes als ein B. Es sah nur anders aus.

    Eines Tages habe ich entdeckt, dass Herr Nicolescu eine viel schönere Handschrift hatte, lange geschwungene Zeichen, wo meine eigene Handschrift eckig und kantig war und dieses kindliche Element aufwies. Ich wollte auch eine schöne Handschrift haben. Also habe ich versucht die Schrift meines Lehrers nachzuahmen. Stundenlang saß ich zu Hause und schrieb, was er mir ins Schulheft geschrieben hatte, einfach ab: Aléa hat Schwierigkeiten dem Unterricht zu folgen, Aléa lässt sich zu leicht ablenken, Aléa ist mit ihren Gedanken woanders.

    Aléa ist mit ihren Gedanken woanders. Wo war ich, wenn ich woanders war? Ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Wovon habe ich damals geträumt? Ich kann mich an Intensitäten erinnern, ich kann mich an diese Abwesenheiten erinnern, aber wo ich war und wie ich dort war, weiß ich nicht mehr. Bin ich heute auch noch so, wenn ich davon träume, eine gute Schriftstellerin zu werden? Bin ich mit meinen Gedanken woanders? Ist das nicht die notwendige Voraussetzung, um zu schreiben, dass die Gedanken woanders sind, woanders hin wollen?

    Das Schreiben – das ein Imitieren war – funktionierte immer dann ganz gut, wenn ich mich voll und ganz auf den Prozess konzentrierte, auf den Schwung des Füllers von oben nach unten. Und auf die Linie, die die Tinte auf dem Papier hinterließ. Ich bin ganz nah mit dem Kopf an den Füller herangegangen und die Linie die er auf dem Papier hinterließ . Ich lag beinahe mit dem Kopf auf dem Tisch, ich wollte das ganz genau wissen, was ich da schrieb. Ich musste mich auf das Schreiben konzentrieren, auf die geschwungenen Linien. Das gefiel mir am Schreiben, die Rundungen der Buchstaben und ihrem Schwung. Dabei gab ich mir die meiste Mühe. Manchmal aber ging mir dieser Schwung verloren, und ich machte wieder die zackigen und eckigen Bewegungen, die meine eigene Handschrift kennzeichnete.

    Ich saß da, übte die Handschrift meines Lehrers, und die Jahre vergingen. Meine Handschrift hatte sich längst gefestigt. Sie veränderte sich nicht mehr und ich imitierte auch nicht länger die eines anderen. Meine Schrift hatte nie das Kalligrafische meines Lehrers, aber ich war zufrieden mit ihr. Ich fand sie schön und ausdrucksvoll. Sie hatte immer noch etwas Gemaltes. Und in jedem Wort, in jedem Schwung steckte dieser eine Satz, den ich damals unzähliche Male hingeschrieben habe: Aléa ist mit ihren Gedanken woanders. Ich saß da und die Jahre vergingen.

    Heute schreibe ich nur noch wenig mit der Hand. In Seminaren schreibe ich in meinen Blog, ich mache mir auch unterwegs Notizen, ich schreibe irgendwelche Ideen auf. Immer noch mit einem Füller von Pelikan. Aber den weitaus größten Teil sitze ich am Rechner. Ich schreibe nicht mehr, ich tippe. Ich tippe in die Tastatur meines Laptops. Ich tippe in mein Handy, ich tippe den Überweisungsschein auf der Bank.

    Jetzt bemerke ich, dass ich etwas verloren haben, was ich mir damals unter viel Mühe habe aneignen müssen. Etwas, das ein Ausdruck meiner Individualität gewesen ist. Die Worte, die hier stehen, sind lediglich durch das Drücken von Tasten entstanden. Ich schaue da nicht einmal hin, ich schaue auf den Bildschirm. Und doch bin ich, wie damals, wenn ich die Zeichen aufgemalt habe, nicht bei der Sache. Ich bin auf eine seltsame Art abwesend.

    Aléa ist mit ihren Gedanken woanders. Ich habe oft darüber nachgedacht, meinem Lehrer einen Brief zu schreiben. Dieser eine Satz hat mir mehr geholfen im Leben als alles andere, mehr als das Stipendium, das mich drei Jahre ernährt hat. Lieber Herr Nicolescu: Ich bin mit meinen Gedanken noch immer woanders.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    23 Dezember 2009

    Der Bildhauer Michael Jastram

    Ich bin bei Michael Jastram gewesen. Zum dritten Mal in diesem Monat. Ich bin sehr beeindruckt. Von Mann und Kunst. Jastram ist vielleicht fünfzig und wenn man ihn auf der Straße sieht, dann sieht man einen leiblichen Genüssen durchaus nicht abgeneigten Mann, graue Haare, hinten zu einem Zopf gebunden. Ein dem Äußeren nach idealer Künstler. Er macht den Eindruck, als schöpfe er aus dem Vollen. Einen Anorektiker, einen Leptosomen kann ich mir nur schwer als Bildhauer vorstellen. Ein Künstler muss dem Sinnlichen zugeneigt sein. Man sieht seinen Händen an, dass sie gerne berühren. Dass sie Dinge anfassen müssen, um sie zu begreifen. Anders als wir Geisteswissenschaftler, die wir nie etwas anfassen. Die wir nichts anfassen, weil wir in unseren objektivierenden Beobachtungen nichts verändern dürfen. Eigentlich lächerlich, die ganze Position. Als gäbe es das: dass etwas ist, ohne die Veränderung, ohne den verändernden Blick. Eigentlich ist die objektive Wissenschaft eine statische. Und die Kunst eine dynamische. Ich kenne das jedenfalls von Marijan, der blind war, alles-anfassen-müssen. Zutiefst sinnlich. Obwohl ich mich für diese Seite des Verstandes in mir entschieden habe, neige ich doch zur anderen, zur sinnlichen Seite.

    Ich empfinde mich selbst weit mehr als Künstlerin denn als Intellektuelle. Meine akademischen Fähigkeiten sind gering: ich bin kein Anhängerin von Theorien, sondern von Formulierungen. Ich würde einer schönen Formulierung immer den Vorzug geben vor einer guten Theorie. Weil eine Formulierung, anders als eine Theorie, nicht zwischen richtig und falsch unterscheiden kann. Ich selbst kann nicht zwischen richtig und falsch unterscheiden. Aber ich kann auch nicht gut zählen, ich kann höchstens schätzen. Vor allem weiß ich gute Formulierungen zu schätzen.

    Jastram steht uns gegenüber. Wir sind zu dritt. Er macht einen konzentrierten Ausdruck. Er ist ein sehr aufmerksamer Mensch, nichts entgeht ihm, er erkennt die kleinste Regung bei seinen Besuchern. Obwohl er seine Aufmerksamkeit auf drei Menschen verteilen muss. Er sieht, was sie sehen. Vielleicht ist das das Geheimnis seiner Kunst, seiner Arbeit, dass er immer das sieht, was die anderen sehen. Und es auch entsprechend so zurichten kann, dass sie dann ihrerseits sehen, was er zuvor gesehen hat. Eine Vorzeitigkeit, die mich verblüfft.

    Mir gefällt dieser Mann. Auch wenn er doppelt so alt ist wie ich. Ich wehre mich dagegen. Ich weiß, dass er das sieht, das eine wie das andere, die Zuneigung und die Abwehr. Und er, äußerst charmant, hält mir die Türe offen als wir sein Atelier verlassen. Ohne sich mir in ungebührlicher Weise zu nähern. Ohne Andeutung. Oder vielleicht deutete er das eine oder das andere an, Interesse oder Gleichgültigkeit. Und mir entgeht es, weil meine Sinnlichkeit nicht diese feine, filigrane Ausprägung besitzt wie seine. Ich bin verwirrt und gehe die Treppen aus dem Atelier hinunter auf die Straße. Ich muss tief Luft holen. Die anderen beiden reden, ich kann mich nicht an dem Gespräch beteiligen.

    Alles andere kann ich nur aus der Erinnerung beschreiben: Jastram hat sein Thema, so scheint es, gefunden. Es sind Wagen. Es sind Stiere und es sind Menschen die auf den Wagen sitzen, langachsige, von Stieren gezogene Wagen, mythische Figuren, immer wieder die Europa. Die Verbindung von Menschen, Tieren und Sachen. Sowohl die Menschen als auch die Tiere haben, obwohl sie mit groben Strichen gemacht sind, großflächig, plastisch, sehr individuelle Erscheinungen. Man kann in diesen Gesichtern lesen. Man erkennt immer wieder etwas Neues. Dieser Mann hat eine große Schwäche für Gesichtsausdrücke und die Empfindungen in ihnen. Diese Schwäche ist seine Stärke. Das habe ich ihm gesagt. Ich habe auch gesagt, dass ich nicht viele Komplimente verteile. Und wenn, will ich Geld dafür. Er ist errötet. Ich auch.

    Auf dem Bürgersteig stehen wir drei noch eine Weile zusammen und sprechen über unsere Eindrücke. Die beiden anderen sprechen. Nein, eigentlich spricht nur Lisa. Julian hat etwas gekauft, einen spanischen Reiter mit Pferd, den er nun zärtlich in den Händen hält. Oder vielleicht ist das nicht zärtlich. Ich kann das nicht entscheiden. Julian hält seine Figur in der Hand und ich meine Frage, warum ich das gesagt habe. Ich bekomme ja kein Geld für Komplimente. Wollte ich Geld für meine Äußerung? Oder was anderes? Etwas, das mit dem Anfassen zu tun hat? Schäme ich mich? Nein, ich schäme mich nicht. Aber ich bin irritiert.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 November 2009

    Die relational reine Wahrheit über meinen Freund Paul

    Dies ist die Geschichte von meinem Freud Paul.

    Eigentlich ist das keine Geschichte, sondern die Wahrheit. Dennoch ist es auch eine Geschichte, weil sie nämlich nicht die ganze Wahrheit ist. Die ganze Wahrheit wäre ein bisschen mehr als diese Geschichte. In diesem Fall ist die Geschichte noch nicht die ganze Wahrheit. Oder die Wahrheit wäre ein bisschen weniger als diese Geschichte. Dann müsste man sagen, die Geschichte ist nicht mehr die ganze Wahrheit. Die Geschichte ist wie sie ist, aber die Wahrheit ist entweder mehr oder weniger. Die Wahrheit ist mehr oder weniger die Wahrheit: je nach der Geschichte. Auch die ganze oder reine Wahrheit ist keine absolute, sondern eine relationale. Die relational reine Wahrheit. Jetzt aber weg von solchen philosophischen Späßen, hin zur Geschichte von meinem Freund Paul.

    Mein Freund Paul ist (in Wahrheit!) gar nicht mein Freund. Ich glaube, Paul hat keine Freunde. Aber er scheint nicht unter Einsamkeit zu leiden. Ich weiß nicht einmal, ob er wirklich Paul heißt. Ich nenne ihn einfach so. Wenn ich versuchen sollte, ihn zu beschreiben, dann würde ich sagen: Paul ist ein zurückhaltender Charakter, der sich nicht gerne anstrengt und der festgestellt hat, dass man auch so ganz gut zurande kommt. Paul ist ganz sicher nicht der Hellste, aber er hat die Position gefunden, in der er dem Leben begegnen will: im Liegen. Liegen ist das, was er am liebsten tut. Wann immer ich ihn treffe, liegt er. Und ist kurz davor einzuschlafen. Oder kurz danach.

    Man müsste Paul, wäre er ein Mensch, wohl als faul bezeichnen, stinkfaul. Aber Paul ist ein Hund, ein Bernhardiner. Er gehört zu einem teuren Restaurant bei mir um die Ecke. Meistens liegt er draußen vor der Türe. Manchmal liegt er sogar in der Türe. Die Gäste müssen dann über ihn drüber steigen. Was Paul selbst dann nicht stört, wenn ihn mal ein Fußtritt trifft. Beim Liegen hat er entweder den Kopf auf den Vorderfüßen abgelegt oder er liegt auf der Seite, alle viere von sich gestreckt. Wenn Paul den Kopf auf den Vorderfüßen ablegt, dann fällt ihm dabei manchmal ein Auge zu. Das Lied des anderen hält er noch eine Weile tapfer offen. Bis es dann auch zufällt. Ich habe das mehr als einmal beobachtet. An Pauls Lidern müssen von innen Bleigewichte festgemacht sein. Wenn er sie öffnet, geht das erstens nur sehr langsam vor sich und zweitens öffnet er auch nicht beide Augen gleichzeitig, sondern schön geordnet nacheinander. Und dann fällt im oft, während er das das zweite öffnet, das erste schon wieder zu.

    Paul kann auch nichts aus der Ruhe bringen. Er erschrickt nicht, wenn jemand hupt oder schreit. Er reagiert nicht einmal auf andere Hunde. Manchmal kommt ein Boxer, eine Hündin, vorbei und beißt ihm zärtlich in die Ohren. Paul zumindest stört das nicht, aber erfreut sieht er auch nicht aus. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Paul einen Sexualtrieb hat. Wenn man ihn anspricht, reagiert er einfach nicht. Als ob er blind und taub wäre. Wenn man sich zu ihm herunter beugt, zeigt er keinerlei Reaktion. Er guckt einen nicht einmal an. Aber wenn man seine Hand ausstreckt, um ihn in streicheln, steht er tatsächlich auf. Er steht auf, dreht sich um 180 Grad und legt sich wieder hin. Er geht nicht einmal einen einzigen Schritt weiter. Er dreht sich im Kreis und zeigt demjenigen, der seine Ruhe stört, sein Hinterteil.

    Die Geschichte von Paul wäre nun nicht weiter erzählenswert, wenn sie sich nicht durch einen besonderen Umstand auszeichnen würde. Und das ist die Art und Weise, wie Paul sich hinlegt. Ich weiß nicht, wie andere Hunde sich hinlegen, aber sicher nicht so wie Paul. Paul legt sich, streng genommen, gar nicht hin. Er bricht in sich zusammen. Er knickt in den Gelenken ein. Das federt er auch nicht ab, durch Muskelkontraktion oder Spannung in den Sehnen: er schlägt einfach mit voller Wucht aufs Pflaster. Das kündigt sich auch nicht an, das ist kein Zusammenbrechen, das sich nacheinander aller seiner Glieder bemächtigt. Das geht in einer Millisekunde vonstatten. Es sieht aus, als wenn ihn der Schlag trifft. Paul ist, wie gesagt, ein Bernhardiner. Er ist ziemlich groß und das bedeutet: es ist ein weiter Weg von oben nach unten.

    Er hat in seinem Leben wahrscheinlich alles erreicht, was sein Hundeherz begehrt: zweimal am Tag gibt’s was zu fressen. Und das kommt aus einem exzellenten Restaurant. Vielleicht ist es das gute Essen, das ihn etwas lethargisch macht. Ich frage mich, was Paul tun würde, wenn es bloß trockenes Brot gäbe. Vielleicht stellt sich Paul solche Fragen auch manchmal. Vielleicht fragt sich Paul, ob man im Leben auch noch was anderes machen könnte als immer bloß Liegen. Aber bevor er solche Gedanken zu Ende denken kann und er jener Stelle anlangt, an der einem Denkenden deutlich wird, dass da ein Fragezeichen hingehört und dass ein Fragezeichen eine Antwort fordert, wird er anfallartig müde. Und bevor er bemerkt, dass er gerade im Moment mit seinem Körper und seinem Kopf auf‘s Pflaster schlägt, schläft er schon. Das ist die einzige Erklärung, die ich für sein Verhalten finden kann: Er schläft bereits, wenn er unten auf dem Pflaster ankommt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    03 November 2009

    Glück

    Noch einmal ein Ausschnitt aus meinem Roman. Die Eingangsformulierungen des zehnten Kapitels: Zu heiraten, vor dem Spiegel zu stehen und glücklich zu sein

    „Als ich ein Kind war, gab es diese Momente ungetrübten Glücks. Damals saß ich mit meiner Schwester im Fenster unseres Ladens. Mama besaß einen kleinen Laden für Hochzeitskleidung. Unsere Wohnung lag gleich dahinter. Laden und Wohnung waren durch einen schmalen Flur miteinander verbunden. Im Laden durften wir uns nur in Mamas Beisein aufhalten. Meine Schwester und ich sind dennoch manchmal heimlich nach vorne geschlichen. Wir sind in die Kleider und Anzüge gestiegen und haben Mann und Frau gespielt. Diese Sachen waren aufwändig gemacht, empfindlich und sehr teuer. Es war verboten, diese Kleider anzufassen. Und es war ganz sicher auch verboten, darin zu heiraten, vor dem Spiegel zu stehen und glücklich zu sein.
    Der Laden bestand nur aus einem einzigen Raum, mit Zugang von der Straße über eine Treppe, Hochparterre. Der Raum war nach Männer- und Frauenkleidung getrennt, dazwischen stand ein großer Spiegel, den man zu beiden Seiten drehen konnte. Die Sachen hingen in schönen alten Schränken deren Türen weit offen standen. Wenn Mama vorne war, haben meine Schwester und ich immer im Fenster des Ladens gesessen. Diese Momente in denen wir mit ihr zusammen vorne sein durften, waren die schönsten meiner Kindheit.
    Wir hatten nicht viele Kunden und es lohnte sich nicht, den ganzen Tag vorne zu sitzen und auf sie zu warten. Wenn jemand den Laden betrat, klingelte es hinten in der Wohnung. Wir Kinder stürmten dann nach vorne. Zwei oder dreimal im Jahr dekorierte Mama das Schaufenster neu. Dann zog sie unseren beiden Puppen etwas anderes an und wir durften ihr dabei zur Hand gehen. Manchmal, wenn keine Aufträge da waren, nähte sie etwas Neues, das sie in einer Zeitschrift gesehen hatte. Oder sie saß an ihrer Nähmaschine und lächelte über uns beide, die wir im Fenster hockten und auf die Straße schauten. Der größere Teil von mir ist aufgestanden und einer normalen Entwicklung gefolgt. Ich habe das erst viele Jahre später bemerkt, als ich längst zu Hause ausgezogen war: dass ein Teil von mir dort im Fenster sitzen geblieben ist. Ein kleiner Teil, der vollkommen glücklich war ohne davon zu wissen.
    Als wir Mama fragten, was genau bei so einer Hochzeit eigentlich passierte und warum sich Männer und Frauen schön füreinander machten, antwortete sie, dass die Leute bis spät in die Nacht feiern, tanzen und glücklich sind. Meine Schwester und ich haben uns oft gefragt, was dieses Glück eigentlich ist. Zu uns kamen ja nur Menschen die glücklich waren. Oder die kurz davor waren, glücklich zu sein. Sie standen in ihren neuen Kleidern vor dem Spiegel und es ging ein Lächeln über ihr Gesicht. Abends im Bett habe ich wach gelegen und versucht, mir vorzustellen, wie sich dieses Glück wohl anfühlen mochte. Das Zimmer war dunkel, unter der Decke war es warm. Ich hörte meinen Atem und einen zweiten, weiter entfernten, der dem Takt meines eigenen sehr ähnlich war. Ich wusste, dass meine Schwester auf der anderen Seite des Zimmers ebenfalls wach lag, auf meinen Atem hörte und sich dasselbe vorstellte wie ich.
    Unser Laden, die Hochzeitskleider und unsere Vorstellung vom Glück, das Rattern und Surren der Nähmaschine, das Fenster zur Straße, die Häuser in dieser Straße, die eine Seitenstraße war, der Kiosk gegenüber, wo wir Bonbons und Schokolade gekauft haben: das war meine Kindheit. Meine Schwester und ich sind Hand in Hand aus der Ladentüre getreten, über die Straße gegangen, in den Kiosk, wo wir vor einer langen Auswahl von Schubladen standen, in denen die Süßigkeiten lagen. Zurück sind wir immer gerannt. So schnell wie möglich wieder zurück. Als könne sich in unserer Abwesenheit etwas geändert haben und wir würden unser Zuhause nicht wieder erkennen. Die andere Seite der Straße war für uns weit weg und wir waren froh, wenn wir wieder daheim waren. Dennoch war der Reiz durch die andere Seite stets präsent. Und er wurde, je älter wir waren, immer größer. In späteren Jahren sind wir ohne Heimweh auf die andere Seite gegangen, die Schule lag dort, einen Block weiter. In den Jahren darauf bin ich von dort mit der Straßenbahn zur Universität gefahren. Nun würde ich weggehen und das alles hier hinter mir lassen müssen. Ich hatte vor ein paar Wochen mein Studium beendet und musste einen Termin bei der Schulverwaltung wahrnehmen. Bis zu diesem Tag war ich davon ausgegangen, eine Stelle in der Stadt zu bekommen. Da sei beim besten Willen nichts zu machen, sagte der Mensch von der Schulverwaltung, und schüttelte den Kopf. Auf dem Land hingegen sei die Situation gut.
    „Lassen Sie sich das mal durch den Kopf gehen. Die Landluft ist ausgezeichnet. Ich hätte da etwas, das Ihren Qualifikationen entspricht. Keine hundert Kilometer von hier”, sagte er.
    Ich wollte in der Stadt bleiben. Noch lieber wollte ich in eine große, in eine richtige Stadt. Am besten eine Metropole. Landleben und gute Luft gehörten nicht gerade zu meinen vorrangigen Interessen. Ich bin ein urbaner Mensch. Ich mag Städte und ihre Geräusche, laute Geräusche vor allem. Meinetwegen könnte dauernd etwas explodieren. Ich mag’ s auch quietschen und knirschen hören, ich mag klatschende Geräusche und klappernde und knisternde und klirrende. Ich höre es gerne scheppern und dröhnen. Als Kind habe ich einmal in der Küche eine Tasse fallen lassen, mich auf einen Stuhl gesetzt und mir den Scherbenhaufen angeschaut. Auch wenn das Geräusch verklungen war, meinte ich den Ton noch so lange hören zu können wie ich die Scherben vor Augen hatte. Als Kind habe ich oft auf den Stufen des Ladens gesessen und auf die Straßenbahn gewartet. Nicht, weil ich mit ihr fahren wollte, sondern weil ich sie fahren hören wollte. Ich stellte mir vor, dass das Zentrum einer Stadt wie das Zentrum eines Geräuschs ist: Je weiter man in die Mitte vordringt, desto lauter wird’s.”

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.