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Aléas Anordnungen

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  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
  • irisnebel: klasse! gratuliere! musst du ne gegenleistung bringen? als stadtschreiber z.b.?
  • nadine schmid: Ich habe mit Thien an der Uni Koeln studiert. Wir ware zeitweise befreundet, aber ich hatte wenig verstaendnis fuer seinen ‘Mangel’ am akademischen Streben und habe, trotz meiner Anerkennung seines Talents, sein Lebensziel, aus seiner Dichtung etwas zu machen, als...
  • bersarin: Es muß natürlich, entdecke ich beim zweiten Lesen, Monika Rinck heißen. Ich kann mir Namen nie merken.
  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
  • Aléa Torik: Never ride a dead horse – das hätte auch als Überschrift dieses Beitrags herhalten können. Gestern Nacht bin ich mit dem Rad 35 km durch das ausgestorbene Berlin gefahren, bis weit jenseits der Stadtgrenze. Da ich ziemlich kaputt war, konnte ich dabei nichts denken, aber wenn...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
  • Aléa Torik: Liebe Miss Lingen, bitte entschuldigen Sie die kleine Verspätung meiner Antwort. Ich war auf anderen Schlachtfeldern unterwegs. Sie haben absolut recht, es ist viel zu komplex. Dabei darf ich mir zugutehalten, es deutlich vereinfacht zu haben. Denn im Original – wenn wir uns darauf...
  • Miss Lingen: Obwohl, wie Sie wissen, ich hier mit Sympathie lese, frage ich doch: ist das nicht alles ein wenig zu komplex?
  • Aléa Torik: Dann bin ich gespannt, was du von dem Essay hältst.
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, die Idee des freiwilligen Ablebens um des Erfolges willen stand ja schon einmal im Raum, aber das nur zu machen, um ausgerechnet auf meine Leseliste zu kommem, nee, da hast Du recht, das wäre schon sehr übertrieben! http://www.litblogs.net/hue...
  • Aléa Torik: Lieber holio, ganz verstehen kann ich die Ottos und Ottisten ja tatsächlich nicht. Vielleicht ist das so, dass Otto und Otta, was ihr Leseverhalten betrifft, auch nicht ganz schlau aus sich werden. Sie greifen immer nur nach dem, wonach auch die anderen greifen. Das zeichnet die...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
  • holio: Traurig ist das in der Tat. Und so ganz zu verstehen auch nicht. Im Geräusch des Werdens war der Anknüpfungspunkt für Otto Normalleser ja da. Und die Bălkanexotik ist auch rezipiert und rezensiert worden. Die Sprache ist einfach, der Plot verständlich, erinnere die Szene mit dem blinden...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • 22 Februar 2015

    Mal mehr, mal weniger lustiges Potpourri am Sonntagnachmittag mit 100 Toten, einigen wenigen, nicht ausdrücklich genannten Aphrodisiaka, einer, allerdings umfassenden Obszönität und etwas Musik

    „Heute ist in der Ukraine der 100 Toten gedacht worden, die vor einem Jahr auf dem Majdan erschossen wurden“. So lautete im Radio eine Schlagzeile. Ist das wirklich so schlimm? Ich meine nicht die 100 Toten, sondern die Tatsache, dass man im öffentlich rechtlichen Rundfunk offenbar der Meinung ist, dass jemand, der schon tot ist, noch einmal getötet werden kann: Es sind ja Tote erschossen worden. Es ist nur ein Lapsus. Eine Unachtsamkeit, die einem allerdings immer häufiger begegnet, in Zeitungen, im Radio, im Fernsehen. Man achtet nicht mehr auf die Worte. Wieso auch, es wissen doch alle, was gemeint ist. Und viel wichtiger: Es fällt den wenigsten auf. Allerdings sind da im Radio eine Menge Leute, denen es nicht auffällt.

    „Wie geht’s weiter?“, fragte Holio in einem Kommentar. Ich könne mir, antwortete ich, keinen besseren Beruf als das Schreiben vorstellen, aber auch kein schlechteres Hobby. Und jetzt fragt auch noch Bersarin, in einem sehr langen Kommentar zum letzten Beitrag. Vielmehr, weil Fragen nicht seine Art ist, fragt er nicht. Ich muss zugeben, dass ich es nicht weiß. Dass ich es zum ersten Mal im Leben keine Antwort mehr habe. Ich hatte immer eine, als ich mich für ein Studium entschieden musste, als ich mich nach dem Studium für einen Job entscheiden musste, als ich mich nach dem Job für das Schreiben entscheiden musste. Als ich zum ersten Mal den Wunsch hatte, Schriftsteller zu werden, war es schlicht und ergreifend das Größte, was ich mir vorstellen konnte. Und das war es damals nicht nur bei mir. Heute ist es das Geringste, nicht nur, was gesellschaftliche Ächtung Achtung betrifft, die lediglich für die oberen Tausend gilt. Diese Einstellung hat sich gewandelt: Heute habe ich Hochachtung vor denen, die einem ehrbaren Beruf nachgehen. Wie ich es ja auch viele Jahre gemacht habe. Und auch wieder tun werde.

    Seit ich das beobachte, seit ich mich gezwungenermaßen damit beschäftige, eine Beschäftigung, die allerdings meist darin besteht, mich schamvoll abzuwenden; jedes Jahr kommt mit absoluter Zuverlässigkeit eine Diskussion auf, in der der Literaturbetrieb sich selbst thematisiert. Als hätte er keine anderen Interessen. Zur Freude aller Beteiligten, denn sie sind Teil dessen, was sich thematisiert und so können sie auch in diesem Jahr wieder Artikel über sich selbst und den Literaturbetrieb schreiben und Geld verdienen. Im letzten Frühjahr war es die möglicherweise mangelnde Welthaltigkeit moderner Literatur, in diesem Jahr ist es die Bedeutungslosigkeit der Literaturkritik. Ausgelöst wurde es dieses Mal durch das Interview des Oberverbrechers vom Verbrecherverlag, Jörg Sundermeier Anders als im letzten Jahr verlief die Debatte dieses Mal nicht einfach nur im Sand, sie gipfelte sogar in einem Kolloquium des Instituts für Buchwissenschaft der Johannes Gutenberg Universität: „Das Ende der Literaturkritik?“ Einige der Vorträge und einige andere kann man hier nachlesen.

    An dieser allgemeinen Debatte waren nicht wenige beteiligt. Die Festangestellten der Zeitungen haben unisono behauptet, dass sie viel viel viel besser mit Literatur umgehen können als die Trottel mit ihrer „Laienanalyse“ (Sigmund Freud) aus dem Internet. Und die aus dem Internet haben behauptet, dass sie viel viel viel viel besser mit Literatur umgehen könnten, als die bezahlten Claqueure von den Zeitungen. So dass jetzt eigentlich alles wieder genauso ist wie vor der Debatte und wie vor allen Literaturdebatten, nämlich, wie gesagt, genauso wie vorher. Mit dem winzig kleinen Schönheitsfehler, dass alle, ob Holzklasse oder Ledersitze, immer mehr Leser verlieren. Meiner Einschätzung nach ist das Feuilleton durch die Konkurrenz aus dem Netz nicht besser, sondern schlechter geworden und die Literaturkritik im Netz ist bei Weitem nicht das bessere Feuilleton, denn was an der offiziellen Literaturkritik immer beklagt wurde, der Nepotismus, ist im Netz nicht weniger ausgeprägt. Von der Unabhängigkeit, von Objektivität ist hüben wie drüben nicht die Rede.

    Es gibt keinen zuverlässigen Partner mehr für den Leser, der sich über Literatur informieren will. Man muss heute unglaublich viel Zeit und Mühe aufwenden, um einen guten Artikel in der Zeitung oder im Netz zu finden, jedenfalls wenn es um Literaturkritik geht. Man liest in tausend Texte rein und wieder raus, auf die Gefahr hin, dass man die wenigen wirklich guten Texte, die man eigentlich sucht, dabei übersieht. Was macht also der Leser, genauso wie der Weintrinker, der sich nicht auskennt mit Reben und Jahrgängen und Anbaugebieten und sich dann einfach volllaufen lässt? Er liest bloß das, was der kleinste gemeinsame Nenner hergibt, also die öffentlich wahrnehmbaren Buchpreise. Und ist dann häufig stinksauer, weil er am nächsten Morgen Kopfschmerzen hat. Zurecht. Weil man ihm keinerlei Möglichkeit an die Hand gibt, sich geschmacklich zu orientieren, geschweige denn sich weiterzubilden. Alle Schreibenden wenden sich immer an alle Leser. Weil es keine vernünftigen Kriterien gibt, das zu sortieren. Es ist eine Ewigkeit her, dass zuverlässig bestimmte Verlage eine hohe Qualität von Literatur garantiert haben. Auch ich schreibe nicht für alle, sondern eher für Frauen als für Männer, meist jenseits der Dreißig, überdurchschnittlicher Bildungsgrad, nicht oder nicht mehr verheiratet, nicht trauernd oder enttäuscht, aber auch nicht verbittert, hohes Einkommen, aufgeklärt, beim Umgang im Mund ein milder Hauch Romantik und Eigensinn, am Gaumen eine Note mediterraner Kirsche und, was schon zu ungläubigem Staunen verleitet hat, eine Andeutung von Rosmarin.

    Hat irgendjemand in der Debatte eigentlich von uns Schriftstellern gesprochen? Oder liefern wir mal wieder nur das Material, mit dem die anderen arbeiten? Dabei sind wir es, die dafür sorgen, dass Hunderttausend Menschen in Lohn und Brot stehen, von den Holzfällern und Druckereien, zu den Verlagen, Literaturförderern, Stiftungen, Juroren und Preisvergebern, Promovenden und Praktikanten, Zweit-, Dritt- und Viertverwerter. Lektorate, wo unsere Romane und Novellen von links nach rechts gelesen oder von rechts nach links verschoben werden, bei Zeitschriften, wo unsere Essays gelesen werden. Unsere Texte, die durch die Republik transportiert werden, von Leuten, die die Treppen hoch und wieder runter hetzen. Leute, die meine Texte auspacken und wieder weiterverschicken, an mich zurückschicken oder bei Ebay verhökern. Leute, auf deren Couch wir liegen und klagen dürfen, denn in der Öffentlichkeit dürfen wir das nicht. Wir müssen immer gutgelaunt und frisch aussehen, jung und schön. Wir dürfen nie intelligenter sein als die, die über uns schreiben und reden und das von uns zur Verfügung gestellte Material loben oder in der Luft zerreißen. Wir müssen allen immer aus der Hand fressen. Wir sind eine armselige Herde Lemminge, weil keiner je einen großen Wettbewerb gewinnen wird, der sich zuvor mokiert hat.

    Das Netz hat unglaublich viel verändert, in der Art und Weise unseres Zusammenlebens, wie wir Denken und Fühlen. Aber in der Literatur hat sich nahezu nichts getan. Außer, dass es immer mehr gibt, die schreiben und immer weniger, die lesen. Das sagt ja auch Bersarin: Reduziert euch. Und haltet endlichalle eure Klappe. Es ist tatsächlich ausgesprochen obszön, dass so viele schreiben. Dass so viele zu den Fleischtöpfen streben, von denen es nicht wenige  gibt. Aber es kommen eben immer nur ganz wenige in Frage. Es sind wenige hundert, die die Preise und Stipendien bekommen, die auf die großen Festivals eingeladen werden etc. etc. Es ist obszön, dass wir, die wir Hunderttausend Menschen in Lohn und Brot halten, selbst solche Hungerleider sind. Wir müssten aufstehen und klipp und klar sagen, dass wir das nicht mehr machen. Wir schreiben keine Texte mehr. Wir schicken nichts mehr an Verlage, wir bewerben uns nicht mehr auf Stipendien und lehnen Lesungen freundlich, aber bestimmt ab. Wir verweigern uns einfach. Wir schreiben nichts mehr, vielmehr veröffentlichen wir nichts mehr. Anders als bei der Deutschen Bahn oder der Lufthansa, wo wegen Lappalien gestreikt wird, geht es bei uns um die gesamte Existenz. Und anders als dort, wo die Nutzer der Dienstleistungen das irgendwie regeln können, wird unsere Verweigerung zu einer regelrechten Panik führen. Eine solche Kündigungswelle hat das Land noch nicht gesehen. Es dauert kein Jahr und Merkel, Lammers und Gauck werden die Verhandlungsführer in einem Schlichtungsstreit, den wir nach Belieben dominieren können. Denn neben den Hunderttausend Arbeitsplätzen geht etwas viel Wichtigeres verloren und man wird erkennen, was eine Gesellschaft taugt, der die fiktionale Komponente genommen worden ist.

    Ich habe mal wieder einen dieser unseligen Kommentare erhalten, der mir ganz klar vor Augen führt, dass das Netz durchaus geeignet ist, um Rezensönchen zu publizieren, aber  nicht um eine eigenständige literarische Leistungen zu erbringen, wie ich sie meiner Auffassung nach erbracht habe und die sich, wenn sie Stephan Porombka, Professor an der UDK in Berlin, formuliert, so anhört: „Vor allem sollten wir die Art und Weise, wie ein Autor oder eine Autorin ihr Schreiben und Publizieren organisiert unbedingt als Teil des Werks verstehen: als experimentelle Performance, mit der versucht wird, die Literatur den neuen Bedingungen anzupassen.“ Die neuen Bedingungen von Literatur im Netz. Jemand machte mir eine kleine, aber feine Liste von Beschimpfungen, dass ich offenbar geistig gestört, schwul, pervers etc. sei, weil ich als Mann ein Blog als Frau führe. Ich weiß nicht, von wem das stammt. Die, die mir Anonymität vorwerfen, werfen meistens anonym. In der Regel sind das Männer, die offenbar der Auffassung sind, ein gewisses Anrecht auf jene Person zu haben, die sie sich unter dem Namen der Autorin vorgestellt haben. Ich bin Schriftsteller_in. Ob als Mann oder als Frau ist einerlei. Ich mache Kunst. Allerdings, das gebe ich zu, habe ich hier jahrelang nicht gesagt, dass es Kunst ist. Und deswegen dachten alle, es sei Natur. Meine Brüste seien echt. Nun stellt sich heraus: alles Silicon. Aber geil war‘s dennoch, gelle?

    Abschließend die 17 Hippies.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    07 Dezember 2014

    Je weniger die Sprache ein Buch trägt, umso mehr Handlung braucht es

    Viele, vermutlich sogar die meisten Leser wollen, wenn sie ein Buch lesen,  Handlungen.  Sie wollen wissen wie, was auf der ersten Seite beginnt, weitergeht. Und weitergehen kann es ihrer Meinung nach nur über die Handlung. Alles, was den Fortgang der Ereignisse hindert, zu viele oder zu wenig Personen und Dinge, zu differenzierte Charaktere, die ausbearbeitet und dargestellt werden müssen, ja, sogar die Sprache selbst ist bloß hinderlich. Und weil die meisten Leser nicht nur wissen wollen wie es weiter-, sondern vor allem, wie es ausgeht wär man am liebsten schon mit dem Buch am Ende. Das beste Buch ist das, bei dem man nach der ersten gleich zur letzten Seite springen kann, weil der Mittelteil sowieso nur eine Form der Hemmung ist. Statt gleich zu sagen was passiert, muss der Held in vielen Romanen erst elend lange geläutert werden, allerlei Gewissenskonflikte bestehen, in Liebesdingen Glück und Schmerz erleiden, mehr verlieren als je ein Mensch gewinnen kann und schließlich erkennen, dass selbst er, der Held seines eigenen Lebens, nur einen begrenzten Einfluss auf den Ablauf der Ereignisse hatte, weil sie nicht konzentrisch auf ihn zulaufen, sondern meist an ihm vorbei; all solche Dinge, bis es endlich an die letzte Seite geht, wo, hoffentlich, die Liebenden sich in den Armen liegen.

    Je weniger die Sprache ein Buch trägt, umso mehr Handlung braucht es. Sprache dient dann lediglich dazu, diese Handlung zu berichten. Die Wörter, mit denen das stattfindet, sind den Ereignissen aber eigentlich sogar im Weg. Das liegt natürlich am modernen Leser. Wir brauchen Ereignisse, heute mehr denn je. Wir hetzten von Ereignis zu Ereignis, die immer dichter aneinander rücken, damit keine leeren Stellen dazwischen liegen. Leerstellen sind für handlungsorientierte Menschen geradezu fruchterregend. Viele Menschen, so hat eine Untersuchung ergeben, ein Bericht in der FAZ, der, so scheint es, nicht online ist, können es nicht ertragen, auf sich selbst reduziert zu werden. Sie würden eher Schmerzen empfinden wollen, als sich einen Tag lang nur mit sich selbst und den eigenen Gedanken beschäftigen zu müssen. Handlung ist auch Ablenkung vom eigenen Selbst. Selbstverständlich findet sich das auch in der Literatur wieder, die Auffassung, dass ein in einem Buch dargestelltes Leben auf seiner Handlung aufbaut (und dann letztlich natürlich auch das Buch selbst, das nach Handlung verlangt (sonst kommt der Leser womöglich noch auf den Gedanken, dass es sich bei der dargestellten Person um eine handlungsunfähige (und damit im Grunde auch darstellungsunfähige Person handelt, (vielmehr nicht handelt)))). Meiner Auffassung nach können andere Medien, allen voran der Film, Handlungen sehr viel besser darstellen. Medien, die nicht auf die Sprache angewiesen sind. Denn das ist die Handlung ja in ihrem Kern: eine Tat. Und die Tat braucht die Sprache nicht. Sie ist ihr sogar im Wege.

    Eine rein äußerliche Handlung, die bloße Tat, finde ich sterbenslangweilig. Ein character der von der Couch aufsteht, die Wohnung verlässt, beim Nachbarn klingelt und ihm unangekündigt eine aufs Maul haut: der interessiert mich nicht. Sehr viel interessanter ist der character der auf der Couch sitzen bleibt und sich vorstellt, zum Nachbarn rüberzugehen und ihm endlich mal richtig was aufs Maul zu hauen. Ich bin sogar der Auffassung, dass es kaum einen größeren Unterschied zwischen zwei Romanen geben kann, als zwischen diesen beiden Varianten. Und nur die zweite Variante richtet sich an einen mündigen Leser. Nur die hat einen Bezug zu ihm. Denn der Leser ist keiner, der zum Nachbarn rübergeht. Der Leser ist einer, der auf der Couch sitzt und sich, unter Zuhilfenahme eines Buches vorstellt, rüberzugehen; oder was immer man ihm in dem Buch auftischt, das er gerade liest. Und er macht das, weil er weiß, dass das die sehr viel interessantere Tätigkeit ist: dasitzen und lesen und sich was vorstellen. Sich Dinge vorstellen, die er de facto gerade nicht tut. Wüsste er das nicht, würde er das Buch weglegen und etwas tun.

    Der Artikel im KLG spricht bei meinem ersten Roman von „weitgehend reduzierter“ und beim zweiten von „denkbar ereignisloser“ Handlung. Bei meinem dritten Text ist diese Tendenz noch ausgeprägter. Allerdings wird da auch ein character in der letzten Sekunde seines Lebens beschrieben, und die zeichnet sich, so meine ich prognostizieren zu dürfen, vor allem durch ausgeprägte Handlungsarmut aus. Dafür bin allerdings nicht ich als Autor_in verantwortlich, sondern der Leser. Denn der ist es, der nahezu bewegungslos auf der Couch liegt und sich mit Worten zufriedengibt. Soll er doch aufstehen und zum Nachbarn rübergehen, klingeln und ihm, weil ihn Handlungsarmut nervt, was aufs Maul hauen. Es ist nicht mein Job, ihn davon abzuhalten oder ihn sogar zu ermutigen. Mein Job sind nur die Worte. Ob die als handlungsintensiv, spannend oder lustig, als Ermunterung zu oder Verhinderung von Taten empfunden werden fällt vollständig in den Verantwortungsbereich des Lesers.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    10 November 2014

    Aléa Torik im “Kritischen Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur”

    Ein durchaus besonderer Moment im Leben einer Schriftsteller_in ist – soll man es Kanonisierung nennen? – der Eintrag in einem Lexikon. Es ist immer ein besonderer Moment, wenn man erfährt, was andere über das schreiben, was man selbst geschrieben hat. Ich habe mich über jede der Rezensionen gefreut. Allerdings hatte ich auch allen Grund dazu. Dennoch waren das Ereignisse im Rahmen des Literaturbetriebs, der seinen eigenen Gesetzen folgt, die nicht unbedingt mit denen im Deutschen Grundgesetz übereinstimmen müssen. Ein wissenschaftlicher Essay im KLG ist anders kalibriert.

    In seiner Einleitung folgt der Essay meinem Tun in den vergangenen Jahren, unter besonderer Berücksichtigung des Internets, und erkennt, was ich in dieser Deutlichkeit bisher übersehen hatte: „An der Autorfiktion ‚Aléa Torik‘ zeigen sich somit auch jene Herausforderungen, welche die Netzliteratur zwischen fiktionaler und realer Autorenexistenz an die literaturwissenschaftliche Theoriebildung stellt.“ Wenn die Autorin, ich nämlich, sich dann noch in den Diskurs einmischt, der in der Regel über die Köpfe der Produzenten hinweg ausgefochten wird, nämlich Kommentierung von Rezensionen, zur Not auch behutsame Korrektur (hehe!), und Selbstinterpretierung eigener Texte, wird es entweder problematisch oder interessant.

    Im Fortgang des Essays werden die beiden Romane ausführlich besprochen, auf eine Weise, die wiederholt die Aufmerksamkeit darauf lenkt, dass da ein poetisches Programm im Hintergrund steht, welches, so unterschiedlich sie auch sein mögen, beide Texte umfasst, nämlich die Ausweitung der literarischen Zone über die Grenzen der Buchdeckel hinaus. Die Grundidee von „Das Geräusch des Werdens“ ist die, „dass Lebensentwürfen immer schon ihre nicht verwirklichten Alternativen als gleichwertige Möglichkeiten inhärent sind“. Genau das führe ich dann mit dem zweiten Roman, der ein Weblog in seinem Kielwasser mitführt, vor. Die Suche nach Identität – nach irgendeiner oder der eigenen – ist das Thema aller meiner Figuren, mögen sie genauso heißen wie ich, mögen sie ähnlich heißen oder vollkommen anders. Diese Möglichkeit anders zu sein, kann sowohl als Freiraum – den Schriftsteller natürlich auf eine ganz besondere Weise ausfüllen und erleben können – verstanden werden, wie auch, gerade in Zeiten, in denen Eindeutigkeit ein erheblicher Wert ist, als Infragestellung der eigenen Person. Identitätssuche zwischen Wirklichkeit und Fiktion: ich bin der Überzeugung, dass wir das nicht trennen können und dass das Konzept des sogenannten “Fiktionsvertrags” zwischen Leser und Autor vielleicht noch möglich ist, nicht jedoch für die jeweilige Person selbst. Was einer ist, ist nicht auf der einen oder anderen Seite zu verorten. Im Gegenteil: Wirlichkeit und Fiktion sind dabei in der Regel ein wildes Gemengelage. Spätestens mit dem Netz ist diese rigide Trennung  sowieso nicht mehr möglich (dazu habe ich mich bereits in aller Ausführlichkeit hier geäußert).

    Es werden in dem Essay nicht nur die Postmoderne – ein Begriff, den ich gar nicht so gerne höre -, sondern mit der deutschen Romantik und vor allem, was mich wirklich freut, mit dem Magischen Realismus jene Traditionslinien genannt, in denen ich stehe und mit Borges und Cărtărescu auch zwei Schriftsteller, deren Texte ich sehr schätze. Svenja Frank nennt nicht nur die verschiedenen Bezüge, sondern betont auch, dass das Teil meines poetischen Programms ist, das man als „Poetisierung der Wirklichkeit“ bezeichnen könnte:

    „Der Gedanke, dass sich Identität im Zusammenspiel von Wirklichkeit und Möglichkeit formiert, war bereits grundlegend für das Erstlingswerk; in „Aléas Ich“ wird er mit der Romanpoetik verknüpft. Denn der Roman ist zugleich Geschichte seiner Entstehung. Anfangs- und Endpunkt bildet die Zentralbibliothek der Humboldt-Universität, wo Aléa arbeitet: Der Leser blickt mit der Autorin auf die erste Seite jenes Textes, den sie zu schreiben beginnt. Romantext und Textwelt, Erleben und Erzählen, Wirklichkeit und Fiktion fallen zusammen. Durch die Ausweitung dieser Idee auf den Paratext – Autorenname, Danksagung und Kurzbiografie – werden überdies auch fiktiver und realer Text eins, und der vorliegende Roman wird zum radikalen Ausdruck seiner selbst, indem er Realität und Imagination vereint. Die Autorfiktion „Aléa Torik“ wird im zweiten Roman folglich zum konstitutiven Bestandteil des poetologischen Prinzips. Die fiktive Autorin schafft sich selbst als Ich realiter im Erzählen. Zugleich Autorin und Figur, entscheidet Aléa über das Schicksal ihrer Mitmenschen, denn ihr Erzählen ist stets performativer Akt, das Leben folgt – in Anlehnung an Oscar Wilde – ihrem Schreiben, nicht umgekehrt. Wenn die Erzählerin von sich behauptet: „Ich lebe nach literarischen Gesichtspunkten“, so ist dies folglich keine Metapher. Die Überlagerung der Zeit- und Narrationsebenen bewirkt, dass Romanwirklichkeit und Aléas „vorauslaufende (…) Einbildung“ nicht unterschieden werden können.“

    Der Essay schließt mit einer Bemerkung zum 11. September 2011. Der Tag kann durchaus als Verweis auf „nine/eleven“ gelten. Es ist der Tag, an dem der Roman beginnt: Jemand springt aus dem Fenster. Möglicherweise Olga, die Mitbewohnerin Aléas, ihr alter ego, die vermeintlich nach New York gegangen ist. Das kann auch als Hinweis darauf verstanden werden, dass mit „nine/eleven“ zum ersten Mal, so empfinde ich das, ein Ereignis so vollständig medialisiert worden ist, dass später gar nicht mehr zu sagen war, ob sich das, was im Fernsehen zu sehen war, wirklich ereignet hat oder ob es sich um Ausschnitte aus einem Film, in dem das Word Trade Center von Terroristen angegriffen wurde, gehandelt hat. Auch hier ist das Thema Wirklichkeit und Fiktion wieder präsent. [Nachtrag: sie tauschen im Grunde genommen ihre Plätze: die Fiktion wird so hyperreal, dass die Wirklichkeit, die dieses Übermaß an Realität gar nicht erbringen kann, nun wie eine Fiktion erscheinen muss.]

    Ich hatte aber noch etwas anderes im Sinn, als ich dieses Datum gewählt habe – und auch jetzt beteilige ich mich wieder an der Interpretation – und Svenja Frank weist im Grunde genommen mit zwei Bemerkungen zu den Romanen schon in die richtige Richtung – nämlich, dass da sehr wenig passiert, reduzierte äußerliche Handlungen -: Der 11. September ist der Tag, an dem Malte – Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurigs Brigge – mit seinen Aufzeichnungen in Paris beginnt. Beide, Aléa und Malte, sind zu diesem Zeitpunkt 28 Jahre alt. Paris ist im 20. Jahrhundert, was New York im 21. Jahrhundert ist – ob Walter Benjamin diesen Satz unwidersprochen ließe? -. Rilkes Roman ist ein Text, der kaum Handlung vorweisen kann. Weitab vom realistischen Roman seiner Zeit, steht in diesem Text etwas im (imaginären) Mittelpunkt, was gar nicht da ist: der Erzähler. Und der realistische Roman hängt vor allem am Erzähler (behaupte ich), der scheinbar objektiv dem Leser die Ereignisse  berichtet. Diese Objektivität ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts verlorengegangen. In Rilkes Roman haben wir einen Erzähler, der sich und sein Sehen, sein Bewusstsein und damit seine mangelnde Objektivität thematisiert. Malte versucht, als Dichter zu leben. Wie Aléa. Malte schreibt Tagebuch, Aléa ein Blog. Beide reflektieren über dieselben Dinge: Liebe und Einsamkeit, Sprache und Wirklichkeit, und vor allem über diesen seltsamen Begriff der Neuzeit, der in der Folge der untergehenden Objektivität nach oben gespült wird: Identität. Im Mittelpunkt dieser Aufzeichnungen steht das betrachtende Ich, das es selbst wird, indem es die Welt erkennt. So ist das auch in Aléas Ich, allerdings mit einer entscheidenden Weiterentwicklung – vielleicht tatsächlich der Postmoderne geschuldet – der Leser schaut dem Entstehen des Ichs zu, während das Ich bei Rilke schon vorher da war.

    Ich vermute, wenn man das Dissertationsprojekt von Svenja Frank anschaut, dass Aléa Torik auch dort Erwähnung finden wird. Dissertationen und Romane ähneln einander, nicht nur darin, dass beide Narrative sind, sondern vor allem in dem Umstand, dass die Sache nicht von Anfang an so klar ist wie sie am Ende erscheinen muss. Und so lange, also jeden Tag,  muss die ‘vorauslaufende Einbildung’ vorbauen, was am Ende da stehen soll. Mit anderen Worten: das muss ja auch alles erst einmal geschrieben werden. Bis dahin kann sich der interessierte Leser und die interessierte Leserin mit ihrem Essay zufriedengeben, im Kritischen Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    01 August 2014

    Der gestiegene Erlebnisdruck

    Ich war im Urlaub. Außer Erinnerungen habe ich nichts mitgebracht, keine Bilder, keine Andenken, keine Postkarten. Je mehr ich in den Sümpfen der Schriftstellerei versinke, desto weniger bedeuten mir Gegenstände. Es waren nur einige Tage, zu kurz, um richtig weg gewesen zu sein. Zu kurz, um sich zu erholen. Lang genug aber, um zurückzukehren und sich zu erinnern. Lang genug, um davon zu erzählen.

    Etwa von einem geradezu kafkaesken Tag in Bozen. Ein Freund und ich, wir sind um des Radfahrens willen in Südtirol gewesen. An dem einzigen Regentag haben wir die Räder stehen lassen und sind mit dem Auto von Meran nach Bozen gefahren. Meran und Bozen unterscheiden sich dahingehend, dass die eine Stadt in den Bergen liegt, in der anderen liegen die Berge in der Stadt. Bereits bei der Einfahrt, also der Einfahrt in den ersten Tunnel, wurde vor Überfüllung des Zentrums gewarnt. Es wurde nicht gewarnt, es wurde konstatiert. Immerhin regnete es im Tunnel nicht. Bei der Ausfahrt, der erneuten Einfahrt in den Regen nämlich, wurde die Autoschlange von einem Polizisten geteilt. Die eine Hälfte wurde in ein am Ausgang des Tunnels befindliches Parkhaus geleitet, die andere Hälfte durfte in die Stadt fahren. Zu letzteren gehörten auch wir, die wir uns da noch zu den Glücklichen zählten. Von dem Moment an wurden wir in ein automatisches Parksystem in einer ersten und einer zweiten Ebene eingereiht. Wir wurden mit rot und grün blinkenden Schildern am Straßenrand begrüßt, elektronische Vertreter von Parkhäusern in der Nähe des eigenen Standtortes, auf denen die alle paar Sekunden die wechselnde Anzahl der freien Parkplätze angezeigt wird. Es gab keinen fließenden Verkehr, es gab nur stockend, sich hupend vorwärts bewegende Autoschlagen, die ineinander übergingen. Es gab keine einzelnen Autos, alles wurde, von ununterbrochenem Regen verwaschen, zu einer einzigen Autoschlange, die ihre unzähligen Köpfe in alle Richtungen streckte. Man entscheidet sich für eines der vielen Parkhäuser und wenn man dort angelangt ist, steht man in einer anderen Schlange, weil in dem Parkhaus kein Parkplatz frei ist. Man steht da in der Schlange und es regnet und während man da steht und die Zeit wie Regentropfen an den Seitenfenstern verrinnt, ahnt man, dass auch keiner frei werden wird. Dann fährt man wieder weg und reiht sich erneut in die Schlange auf der Straße ein, um einem anderen grün blinkenden Schild zu folgen, auf dem Parkplätze als verfügbar angezeigt werden, die, sowie man dort angelangt sind, schon wieder besetzt sind. Oder die nie frei waren. Wir haben uns als nicht sonderlich belastbar erwiesen, recht schnell auf alle weiteren Eindrücke von Bozen verzichtet und sind in Richtung Autobahn zurückgefahren, also gekrochen. Und dann sprang vor unseren Augen plötzlich ein Schild um und zeigte freie Parkplätze in dem Parkhaus an, dessen Einfahrt unmittelbar vor uns lag und das genau das Parkhaus war, an dem der Polizist uns bei der Einfahrt in die Stadt vorübergelotst hatte. Erleichtert zogen wir ein Ticket, wir zählten uns erneut zu den Glücklichen.

    Aber auch hier war kein Parkplatz zu finden, dafür jede Menge Autos, die die besetzten Plätze umkreisten, auf der Suche nach etwas, das es ganz offensichtlich nicht gab. Und als wir dann die Angelegenheit endgültig an den Nagel hängen und zurück in unser Dorf in der Nähe von Meran fahren wollten, mussten wir einen kleinen Umweg über den Kassenautomaten machen, der die in Anspruch genommene Leistung abkassierte. Und da erst haben wir dann verstanden, dass tatsächlich in all diesen Autos und unter all diesen Regenschirmen da draußen Menschen waren und dass das Bozener Parksystem, nicht etwa eine Fehlfunktion hat, das uns irrtümlicherweise in die Irre geleitet hatte, sondern voll funktionsfähig ist. Glück ist in diesem System nicht vorgesehen. Jedenfalls nicht das reine Glück, höchstens das abgeleitete, zufällige, bei dem es ausreicht, sich für glücklich zu halten, um glücklich zu sein. Das billige Glück.

    Es gab ein Gespräch mit unserer Vermieterin, die über das veränderte Urlaubsverhalten der Menschen klagte. Aber sie klagte auch über ihre Kinder und die Welt insgesamt. Früher sagte sie, sei man für drei Wochen gekommen, heute bleibt schon lang, wer nicht nach dem Wochenende abreise. Natürlich hat sich das Urlaubsverhalten verändert, unser gesamtes Arbeitsleben hat sich in der vergangenen Dekade geändert. Undenkbar, dass, wer sich von dieser Arbeit erholt, es auf althergebrachte Weise tut. Man muss sich auf eine neue Weise erholen, die der veränderte Arbeits- und Lebenswelt entspricht. Und wir verhalten uns im Urlaub nicht anders als im alltäglichen Leben. Wir brauchen permanent neue Erlebnisse und der Erlebnisdruck ist enorm gestiegen. Wir hetzten von Ort zu Ort auf der Suche nach dem Neuem, dem Aufregendem. Auch wenn wir eigentlich die Ruhe finden wollen, können wir sie nicht ertragen, weil sie in Abwesenheit von Ereignissen stattfindet und wir diesen Zustand als Leere empfinden. Die Leute sitzen in Meran, sie finden‘s nett, und überlegen, ob sie am nächsten Tag nicht doch lieber nach Verona, nach Mailand, Venedig oder an den Gardasee fahren. Weils woanders vielleicht besser. Einen Tag später sitzen sie dann anderswo und denken sich, dass es nett ist. Aber nicht das, was sie von den Bildern und Geschichten über den Gardasee, Verona oder Venedig kennen. Eigentlich kennen sie schon alles, nicht in der realen, selbst erlebten Version, sondern in der, die von der eigenen differiert und von der sie gar nicht sagen können, woher sie sie haben.

    Wir kennen heute alles ohne irgendetwas zu kennen. Die Ruhe, die wir suchen, finden wir nicht mehr. Wir finden nicht einmal mehr einen Parkplatz, wo wir von der Suche nach ihm ausruhen können. Vielleicht ist die Differenz zwischen Suche und Fund auch so groß geworden, dass wir den Zusammenhang gar nicht mehr begreifen. Das nicht finden können eines Parkplatzes hatte möglicherweise mit der realen Parkplatzsituation in der Stadt Bozen gar nichts zu tun.

    Wenn ich jetzt Lust hätte in die allgemeine Klage einzustimmen, dass das Lesen seinen Stellenwert verloren hat: weil es kein Erlebnis mehr bereit hält und es uns, die wir immer hierhin und dahin klicken und die Orte wechseln, geradezu unerträglich ist, stundenlang an derselben Stelle zu hocken und bloß in ein Buch zu schauen. Aber ich habe keine Lust zu dieser Klage. Zum Glück.  Zum billigen Glück! (Zum billigen Glück – das wäre doch ein schöner Romantitel.)

    Mein eigenes Schreiben ist immer präsent. Entweder der letzte, beinahe abgeschlossene Text oder der kommende, sich andeutende. Und das empfinde ich, auch wenn diese Texte einen kaum je nachlassenden Druck auf mich ausüben, als das Gegenteil dieses gestiegenen Erlebnisdrucks. Ich sitze Monate und Jahre an denselben Worten und Vorstellungen und kann mich auch nicht hetzen lassen. Ich kann es nur aussitzen. Im Schriftstellersumpf ist jede verfrühte Bewegung fatal.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    05 November 2013

    „Wir sind verdammt lausige Akrobaten“

    Der Briefwechsel zwischen Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald

    Ich kenne beide, nämlich beider Texte nur oberflächlich. Eigentlich kenne ich sie gar nicht. Ich kenne vielmehr meinen Geschmack. Da passen sie nicht hinein und stehen ihm auch nicht so entgegen, dass ich diese Reibung als spannend empfände. Dennoch habe ich den Briefwechsel gelesen. Hemingway ist in seinen Briefen immer ein wenig vulgärer als Fitzgerald. Allerdings auch zärtlicher. Möglicherweise hängen beide Verhaltensweisen, wenn man das so nennen kann, zusammen und er meinte, sich seine zärtlichen Emotionen mittels seiner Vulgarismen verbieten zu müssen. Oder das eine mit dem anderen für ungültig zu erklären. Obwohl auch Fitzgerald vulgär sein kann. Nicht nur, um Hemingway zu imponieren, sondern auch als eine Art, dem Leben gegenüber jene Verachtung zu formulieren, die es jedem von uns immer wieder zeigt.

    Sie schreiben einander nicht nur über alltägliche Ereignisse, sie informieren sich nicht nur über ihre wechselnden Aufenthaltsorte und ihre Absichten, einander zu besuchen, sie sprechen über die Kollegen, sie ziehen über sie her. Die beiden kritisieren gegenseitig ihre Texte. Fitzgerald die von Hemingway, der seinerseits eher verhalten auf die seines Freundes reagiert. Nicht aus Großzügigkeit, sondern eher, vermute ich jedenfalls, weil er nicht in der Lage war, seine Kritik in Worte zu fassen. Weil er den Freund nicht verletzten wollte oder weil er nicht in der Lage war, die Absichten eines Textes zu erkennen, der aus einer anderen Feder als der eigenen stammt. Fitzgerald ist feinsinniger in seinem Urteil. Aber auch brutaler Hemingway gegenüber. So beendet er seine Kritik an dem Manuskript von Hemingways Fiesta mit den Worten: „Wie ich dich kenne, würdest du dergleichen bei anderen als halb Stil, halb Pferdescheiße bezeichnen.“ Auf der anderen Seite ist er ebenso überschwänglich mit Lob, weil er den Freund wirklich für einen großen Schriftsteller hält und weiß, dass der große Schriftsteller sich vom kleinen Schriftsteller vor allem darin unterscheidet, weil er weiß, dass beide mitunter den größten Blödsinn schreiben. Der kleine hingegen hält seinen eigenen Blödsinn noch für großartig. Dieses Wissen, diese Größe, hat auch Hemingway: „Eigentlich sind wir verdammt lausige Akrobaten, aber wir machen manchmal ein paar richtig tolle Sprünge, alter Freund, und es gibt all diese anderen Akrobaten, die nie springen.“

    „Eine Freundschaft in Briefen“ heißt es im Untertitel. Wenn es Freundschaft zwischen zwei Schriftstellern geben kann. Das ist seltsamerweise immer auch Neid und Missgunst im Spiel. Fitzgerald war zu einer Zeit schon berühmt und reich, als Hemingway nur Worte aneinandergereiht hat. Später war es andersherum, Fitzgerald hat das Glück und seine geliebte Zelda verlassen – die ist dahin gegangen, wo sie nach Meinung Hemingways immer schon hingehört hat: ins Irrenhaus – und das Publikum wollte ihn und seine Texte auch nicht mehr. Da ging Hemingways Stern auf. Man fragt sich manchmal, wenn man Menschen auf der Straße sieht, was sie aneinander finden, was Paare, was Freunde aneinander finden mögen. Benjamin Lebert, der Herausgeber dieses Briefwechsels, schreibt in seinem Vorwort, dass die beiden am anderen gefunden hätten, was sie an sich selbst vermissten. Das ist sicher ein funktionierendes Bindeglied, für Liebe wie für Freundschaft.

    Der Briefwechsel gefällt mir aus einem, allerdings sehr persönlichen Grund nicht. Es geht, immer und immer wieder, um Geld. Das war und ist und wird wohl immer sein: das zentrale Thema im Leben vieler Schriftsteller. Selbst dann wenn man es hat, wie Fitzgerald, der Hemingway gegenüber wiederholt damit protzt, welche Summen er mit seinen Geschichten und Artikel erzielt; der ihm allerdings auch immer wieder Geld zukommen lässt. Es gefällt mir nicht, weil Geld auch für mich ein Thema ist. Eines, das mir Energie raubt, sie mir nur raubt und nichts dafür zurückgibt, und das –dies ist der eigentliche Einwand! – literarisch vollkommen irrelevant ist. Ich kann mit dem Thema Geld einfach nichts anfangen. Ich kann nicht einmal etwas mit dem Geld selbst anfangen. Ich brauche es nur, um es auszugeben. Aber es ist ein toter Gegenstand, der meine Fantasie überhaupt nicht bewegt. Ich träume nicht, ich träume kaum von Dingen, die man sich mit Geld kaufen kann. Jemand mit einem etwas pralleren Portemonnaie und einer ebenso prallen Fantasie mag also viele Stellen in diesem Briefwechsel anders lesen. Er liest ein dauerndes Aufbegehren gegen Armut und Untergang, wo ich lediglich lese, wovon ich in meiner Wirklichkeit schon mehr als genug habe.

    Vielleicht ist es auch insgesamt für andere interessanter als für mich, Briefwechsel von Schriftstellern zu lesen, weil ich selbst einer, also eine, bin. Und ähnliche Briefwechsel auch selbst führe. Oder führte, denn mit nicht wenigen Kommentatoren hier haben sich sehr witzige, schlagfertige Duelle führen lassen, die den Duellen zwischen den beiden Amerikanern in nichts nachstehen und vielen anderen Briefwechseln oder Kommentarbäumen in Blogs nicht nachstehen werden. Nur dass man bei den beiden natürlich mitliest, dass sie berühmt geworden sind, was den meisten – das ist die eine Seite der Berühmtheit: der Mangel an derselben – nicht vergönnt ist. Und weil sie eben berühmt sind interessiert, was normalerweise nicht interessiert. Hier eine der schönsten Stellen, von Hemingway an Fitzgerald, eine Szene, die sicher so nicht passiert ist, sondern ein Versuch ist, aus einem Ereignis Literatur werden zu lassen. Es sind keine wirklichen Ereignisse, sondern nur Worte.

    „Wie findest du den Titel Männer ohne Frauen? Ich konnte keinen Titel finden, Fitz, obwohl ich den ganzen Ecclesiastes durchwühlt habe. Perkins, den du vielleicht getroffen hast, wollte einen Titel für das Buch. Perkins ist mir vielleicht einer, hab ich gedacht, was für eine drollige Vorstellung! Er will einen Titel für das Buch. Äußerst merkwürdig. Ich war damals gerade in Gstaad, und so ging ich in alle Buchhandlungen und versuchte, eine Bibel zu kaufen und einen Titel zu finden. Aber alles, was die Mistkerle zu verkaufen hatten, waren kleine geschnitzte braune Holzbären. So dachte ich eine Zeit lang daran, das Buch Kleiner geschnitzter Holzbär zu nennen und dann den Deutungen der Kritiker zu lauschen. Zum Glück war zufällig ein anglikanischer Geistlicher im Städtchen, der am nächsten Tag abreiste und Pauline seine Bibel lieh, nachdem sie versprochen hatte, sie ihm am selben Abend zurückzugeben, denn es war die Bibel mit der er ordiniert worden war. Also, Fitz, ich suchte in dieser ganzen Bibel herum, die sehr schön gedruckt war, und stieß auf dieses große Buch Ecclesiastes und las es laut allen vor, die es hören wollten. Ich war bald allein und begann auf diese dämliche Bibel zu fluchen, weil keine Titel drin waren – obwohl ich den Ursprung praktisch aller guten Titel, von denen man je gehört hat, dort gefunden habe. Aber die Jungs, besonders Kipling, sind vor mir das gewesen und haben sämtliche brauchbaren geklaut, und daher nannte ich das Buch Männer ohne Frauen …“.

    Hemingway an Fitzgerald: „Da wir uns unsere Hölle selbst schaffen, sollte sie uns wenigstens gefallen.“ – Fitzgerald an Hemingway: „Habe mir seit einer Woche keinen neuen Feinde mehr gemacht.“ – Hemingway an Fitzgerald: „Bekam von Who’s Who einen Fragebogen zum Ausfüllen; mein Leben war so scheißkompliziert, dass ich nur zwei von den Fragen beantworten konnte, und ich wusste nicht, ob die nicht gegen mich verwendet werden könnten.“ – Fitzgerald an Hemingway: „Da so viele Menschen gut schreiben können + der Konkurrenzkampf so groß ist, verstehe ich nicht, warum du so leichtfertig an diese ersten zwanzig Seiten herangehst. Man kann mit der Aufmerksamkeit der Leser nicht spielen. Ein guter Schreiber, einer, der die Macht besitzt, andere nach Belieben zu fesseln, muss besonders vorsichtig sein.“ – Hemingway an Fitzgerald: „Vergiss deine persönliche Tragödie. Wir sind alle von Anfang an verflucht, und besonders Du musst erst fruchtbar verletzt werden, bevor du ernsthaft schreiben kannst. Aber wenn Du diesen verdammten Schmerz fühlst, nutzt ihn, und betrüge nicht damit.“

    Ich hätte mir einen etwas ausführlicheren Kommentarapparat gewünscht, wenigstens in dem einen wesentlichen Punkt, in der Frage, ob die veröffentlichte Variante eines kritisierten Manuskriptes auf diese Kritik eingegangen ist oder nicht. Ob also diese Kritik an dem gedruckten Werk, wie wir es kennen, überhaupt noch nachvollziehbar ist.

    Wir sind verdammt lausige Akrobaten
    Eine Freundschaft in Briefen
    Hrsg. Benjamin Lebert
    Hoffmann & Campe
    17,99 €

     





    14 September 2013

    Es ist nicht leicht die Herrschaft aufzugeben, die ich nicht hatte

    Wobei, aber das fällt mir wirklich erst jetzt auf, es wirklich ein Problem gibt, wenn ich die Rezensionen meiner Romane kommentiere, wenn ich, etwa zu Frau Frank sage: Sie haben’s kapiert. Dann eigne ich mir tatsächlich auch eine Deutungshoheit an, was ich ja gerade nicht will, ich hatte das bereits bei Bersarin dargelegt. Jemand anderem ein bestimmtes Verständnis zuzugestehen, setzt ja voraus, dass man es selbst auch hat.

    Ich will mit solchen Kommentaren zu den Rezensionen kein abweichendes Verständnis unterdrücken, könnte ich ja auch gar nicht, sondern meine Zustimmung zu dem ausdrücken, was ich auch verstanden habe. Darüber hinaus kann es natürlich ein partial oder sogar total anderes Verständnis geben. Ich bin eigentlich für alles offen. Es muss nur begründet sein. Rein beleidigende Kommentare oder Kommentare, die sich scheinbar auf meinen Text beziehen, aber in beleidigender Absicht abgegeben werden, die habe ich hier, vor und nach dem sogenannten Outing, unterdrückt und gelöscht. (Naja, manche habe ich auch durchgelassen, weil es auch manchmal Spaß macht, anderen was auf den Kopf zu hauen. Aber der Spaß ich schnell dahin, wenn man feststellen muss, dass der andere nicht einmal begreift, dass er was auf den Kopf bekommen hat). Solche Sachen werde ich auch weiterhin löschen. Aber hier waren ja über mehr als drei Jahre 99 % aller Kommentare ausgezeichnet, auch wenn das inzwischen nahezu völlig verstummt ist.

    Zurück zum Thema: Ich will hier nicht die Herrschaft über meinen Text – obwohl ich immerhin einmal die Königin der neuen deutschen Literatur war. Diese Herrschaft hatte ich während der Herstellung. Obwohl ich da eher beherrscht wurde: „Kein Subjekt verfügt so über die Sprache, dass es sie lediglich in einen Text umzusetzen brauchte, um diesen als nachträgliches Produkt seiner Kunstanstrengung ausweisen zu können“, Johanna Bossinade, Poststrukturalistische Literaturtheorie, Metzler, Stuttgart 2000, Seite 137. Und dennoch: die Herrschaft, die man nicht hatte, ist noch schwerer abzugeben als die, die man hat. Was für alle anderen gilt, gilt auch für mich: Ein wenig Eigennutz ist, wie man sich auch verhält, fast immer dabei.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    10 September 2013

    „Aléas Ich“ – und ein wenig auch „Das Geräusch des Werdens“ – : bei Literaturkritik.de

    Ich war schon, das hat man hoffentlich gemerkt, mit der Rezension in der Zeit ausgesprochen glücklich. Und jetzt bin ich noch ein klein wenig glücklicher. Ums vorab klar zu sagen, es ist nicht die Aufgabe des Rezensenten, den Autor glücklich zu machen, sondern es ist seine Aufgabe, den Text zu verstehen. Blödsinn! Den Text in Worte zu fassen. Und mit solchen Worten kann ein Autor und eine Autorin mehr oder weniger glücklich und auch sehr unglücklich sein. Und ich bin jetzt eben mehr glücklich. Hier gehts um mein Leben nach literarischen Gesichtspunkten.

    - „Vor allem aber schildert der Roman sein eigenes Entstehen: Im Gegensatz zu den großen schriftstellerischen Initiationsgeschichten der Weltliteratur, in denen der Erzähler am Ende des Textes in der Lage ist, diesen niederzuschreiben – man denke etwa an Marcel Proust – ist in „Aléas Ich“ Erleben und Erzählen jedoch als eine Bewegung konzipiert.“ – Yeah!

    - „Aufgrund ihrer Leerstellen werden literarische Texte als Architektur imaginiert, die gleichfalls Hohlräume entwirft.“ – Ja, genau das ist die Idee!

    - Marc Foster’s „Stranger than Fiction“: Kenne ich nicht, was ich kenne ist: “The purle rose of Cairo” von Woody Allen und Niebla – Nebel von Miguel de Unamuno, hier.

    - „Dabei handelt es sich jedoch nicht um jene Metalepsen, die in vielen postmodernen Texten die Grenze zwischen Textwelt und Erzählung durch die Überschreitung gerade zementieren; vielmehr überlagern sich beide Ebenen und verschmelzen zu einer einzigen. In dieser Simultanbewegung von erzählendem und erlebendem Ich entsteht die Welt durch Schreiben.“ – Endlich weiß mal jemand, was eine Metalepse ist und wie zentral die in der metafiktionalen Literatur ist.

    - „Ich musste im Winter immer eine Mütze tragen, weil meine Mutter befürchtete, dass ich mich erkälten könne. Die Mütze half offenbar dagegen.“ – „Vielleicht nicht gegen meine Erkältung, aber zumindest half sie gegen die Befürchtung meiner Mutter. Möglicherweise half sie auch gegen einiges andere, das mir das Leben noch zumuten würde, und es konnte nicht schaden, sich deswegen mit Mützen zu bevorraten.“

    - Und ein Geschenk geradezu ist der letzte Satz der Rezension. Damit zeigt die Rezensentin ganz deutlich, worum es geht: der Autor ist eine Funktion seines Textes. Und das muss er aushalten können.

    - „Die fiktive Autoridentität ist zentral, denn sie vollendet die Idee der Identitätskonstruktion durch Fiktion; der reale Roman wird zur deutlichsten Manifestation seiner selbst, indem Textwelt und Romantext ineinander greifen.“ – Das ist es, worauf ich anspielte, als ich sagte, dass ich die Postmoderne Literatur in einem wesentlichen Punkt überschreite. Es geht bei der Autorenfiktion nicht um Betrug, oder, noch dämlicher, um einen Marketing-Gag, wie das so mancher Depp – Depp, nicht dass das falsch verstanden wird, meine ich hier nicht etwa pejorativ, sondern genauso wie ich es gesagt habe mit einem D, einem E und  zwei P – unterstellt hat. Das war teilweise in meinen Kommentaren, aber vor allem anderswo, möglichst aus dem Hinterhalt. Zwei, drei Leute, die mir um jeden Preis schaden wollten -  die teilweise nicht einmal den Roman kannten, keinen einzigen meiner Texte. Die mir schaden wollten, weil sie die Größe des Wurfs, der hier unternommen wurde, auf die Gefahr hin, dass er scheitert, dass er missverstanden wird, gar nicht verstehen wollten. Ein Wurf, der auch auf die Gefahr hin unternommen wurde, dass Frau Schaschek oder Frau Frank oder jemand anderes daher kommt und das alles über den Löffel balbiert und sagt:  Scheiße! Was hier passiert ist, haben eine Handvoll Leser verstanden. Vor allem scheinen es Literaturwissenschaftler zu verstehen. Leute, die für den Tagesspiegel arbeiten, für die ZEIT oder bei Literaturkritik. Und Bersarin und Herbst.

    - Ähem: Hallo Frau Frank, ich weiß, dass man sich als Autor_in nicht in die Rezeption einklinken soll, dass man nicht zeigen soll, dass man versteht, was man geschrieben hat, weil sich das Autorenhirn ja auch leicht überanstrengt und mit komplexen Zusammenhängen nur schlecht zurechtkommt; ich weiß, dass schon das Kommentieren von Rezensionen in meinem Blog hier als kleine Entgleisung wahrgenommen wird: Schon gar nicht darf man sich an die Rezensentin wenden, aber Sie gestatten das bitte– ich meine das ohne jeden ironischen Unterton! – Sie haben‘s kapiert! Daran kann man erkennen, dass wir Literaturwissenschaftler_innen gut ausgebildet sind. Und, das kann man nicht direkt erkennen, da muss man ein wenig Phantasie haben, dass die Literaturwissenschaft die Leitwissenschaft des 21. Jahrhunderts wird. Naja, das ist vielleicht ein bisschen überzogen.

    Ein wunderbarer Lacher noch am Ende, der genau meinen Humor trifft – auf den Kopf!: – wenn man sich die weitergehenden Informationen zu dem Buch anzeigen lässt, kommt der Text: Zur Zeit sind hier keine Informationen über den Autor vorhanden. Hehe!

    So: jetzt mal zu den wichtigen Dingen in der Welt: Fußball. Wo ist eigentlich die Rumänische Nationalmannschaft abgeblieben? Die wird doch nicht etwa aus dem Turnier gekickt worden sein? Nicht von den Deutschen, oder? Ich bin stinksauer!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    29 August 2013

    Kein Nachruf auf Wolfgang Herrndorf

    Vor einigen Tagen ist Wolfgang Herrndorf gestorben. Das berührt mich seltsam, obwohl ich ihn nicht kannte. Ich habe kein Buch von ihm gelesen. Ich habe manchmal in sein Blog geschaut. Aber ich wollte ihm, der von seinem unheilbaren Hirntumor berichtete, nicht beim Sterben zusehen. Die Grenzen zwischen Interesse, Neugier, Anteilnahme und Katastrophentourismus sind fließend. Also habe ich wieder weggeschaut. Dennoch verbindet uns einiges. Wir sind im selben Beruf tätig. Wir wohnen nur einen Steinwurf voneinander entfernt. Und wir haben noch manche andere Gemeinsamkeit.

    Er hat offenbar, wie jetzt zu lesen ist, sehr intensiv an seinen Texten gearbeitet. Das tun wir nahezu alle. Wir alle arbeiten mit einem gerüttelt Maß an Besessenheit. Der eine ist besser, der andere schlechter. Der eine ist besser beleumundet. Der eine trifft besser den Geschmack der Massen. Der eine hat mehr Erfolg. Der eine hat mehr Glück. Was sind Millionen verkaufter Bücher wert, wenn man einen Hirntumor hat? Man arbeitet dann, um zu vergessen. Aber tut man das nicht immer? Ist es nicht ein Gerücht, dass Schriftsteller vorwiegend aus der Erinnerung arbeiten? Man arbeitet doch, um die Droge zu schmecken, die das Schreiben dann ist, wenn man eine Begabung dafür mitbekommen hat und eine Droge daraus machen kann. Das ist die Begabung! Alles andere ist bloß Fleiß. Und eben Besessenheit.

    Wolfgang Herrdorf sei bescheiden gewesen, habe ich gelesen. Ich glaube, das bin ich auch. Jedenfalls sagt man mir das nach und ich vermute, dass das keine charakterliche Disposition ist, sondern eine Folge der Besessenheit. Man hat keine Energie mehr für andere Dinge. Wenn mir jetzt einer einen Porsche schenken würde: ich wüsste nicht einmal, wo ich den parken sollte. Man will leben um weiterschreiben zu können. Eine Million verkaufter Bücher macht einen reich. Aber wenn es in dem Text, an dem man gerade arbeitet, nicht weitergeht, dann macht es einen krank. Ich kann mir vorstellen, dass mit zum Schlimmsten in seinen letzten Monaten gehört hat, dass er wusste, dass er, wenn es den gegeben haben sollte, seinen aktuellen Text nicht fertigbekommt. Ich glaube, dass viele sich gar nicht vorstellen können, inwieweit man mit seinem eigenen Text zusammenwächst und wie ungeheuer wichtig es ist, dass man den fertigbekommt. Besessenheit heißt: man wird besessen. Und die Bescheidenheit stammt aus dem Wissen darum.

    Wolfgang Herrndorf schrieb Literatur, die er Unterhaltungsliteratur nannte. Oder die von anderen so genannt wurde. Und die wahrscheinlich genau das war, unterhaltend und komisch. Und nicht nur unterhaltend. Das ist langweilig. Dass sich ein Buch mehr als eine Million Mal verkauft, ist in der Regel kein Anzeichen von Qualität, sondern von Massenware. Auch wenn sein Debüt gelobt wurde, richtig Erfolg hatte er erst mit Tschick. Da wusste er schon, dass er todkrank ist. Manche sagen, dass er deswegen diesen Erfolg hatte. Das ist das Schlimme am Erfolg: dass man nicht weiß, wo er herkommt. Und schlimm ist auch, dass man das Wissen, das man hat, wenn man erfolglos ist, wieder vergisst: dass Erfolg immer ungerecht ist.

    Ich mag keine Nachrufe. Man ist betroffen, ganz ehrlich und aufrichtig. Und dennoch hat diese Betroffenheit immer etwas Falsches. Denn sie braucht ja den Tod des anderen. Sie ist eine Anteilnahme, die dem Lebenden gegenüber nicht erbracht werden kann. Man hätte Wolfgang Herrndorf nicht einfach anrufen können, um mit ihm ein Bier trinken zu gehen und ihm die eigene Anteilnahme zu versichern. Er hätte wohl weder Zeit noch Interesse gehabt.

    Da ist einer, der mit Worten umgehen konnte, gestorben. Einer, der sich so artikulieren konnte, dass seine Texte nicht nur die Schriftstellerkollegen schätzten, oder die Germanistikstudenten, sondern die, die lesen, weil sie sich unterhalten wollen. Also eigentlich, wenn wir mal ehrlich sein wollen, die wichtigsten Leser. Und bei aller Unterhaltungswut, die diese Gesellschaft manchmal kenzeichnet, weiß doch jeder, dass er am Ende stirbt und kaum einer kann dauerhaft die Augen davor verschließen. In Wolfgang Herrndorfs Blog konnte man etwas über den Tod erfahren. Über den Tod kann nur der schreiben, der etwas über das Leben schreiben kann. Der Tod lässt sich ja nicht verstehen, der lässt sich nicht einmal erleben. Erleben lässt sich nur das Leben. Es ist legitim in seinem Blog, seinen letzten Hinterlassenschaften, nach Äußerungen zu suchen, die einem die Zerbrechlichkeit des Lebens vor Augen führen. Weil unser Leben zu einem nicht geringen Anteil daraus besteht, gerade das vergessen zu machen.

    Anders als Wolfgang Herrndorf erfahren die meisten Schriftsteller kaum Anerkennung. Die Hochachtung, die Schriftstellern entgegenschlägt – sei es als Vorzeigeintelektuelle, als Vorzeigeunterhalter oder als Vorzeigekünstler – schlägt nur dem obersten Prozentsatz entgegen. Den Berühmten. Allen anderen schlägt Ablehnung und Ignoranz entgegen. Aber bei der Art von Hochachtung die Wolfgang Herrndorf jetzt entgegenschlägt wird mir beinahe schlecht. Weil sie die 99 % unter den wenigen Berühmten geradezu verachtet. Die meisten dieser Leute bringen genau das mit, was Herrndorf auch mitbrachte, Arbeitswut und Leidenschaft und Besessenheit. Aber das interessiert keine Sau.

    Ich weiß nicht, was aus mir wird. Vielleicht steige ich mit meinen Texten ein wenig nach oben, auf der Beliebtheits- und Aufmerksamkeitsskala. Aber wie hoch ich auch steigen werde, am End esteige ich hinunter. Ich möchte bei dieser Gelegenheit ausdrücklich darum bitten, wenn ich sterbe, keine Nachrufe auf mich zu verfassen. Ich würde einen Nachruf auf meine Person oder mein Werk als eine Unverschämtheit empfinden. Man kann sich für mich, also mein Schreiben, interessieren solange ich lebe. Auch wenn manche genau auf diese Karte setzen – endlich tot, dafür aber im Literaturkanon zwei Pläze nach oben gerutscht – : ich verbitte mir das!

    Zum ersten Mal verstehe ich Kafkas Impuls und Vermächtnis, die eigenen Schriften nach dem Tod aus der Welt wissen zu wollen. So wie man selbst hinaus musste. Einfach  nichts hier zu lassen, über das dann irgendwelche Leute etwas sagen können, was sie sich nicht zu sagen getraut hätten, wenn man noch am Leben wäre. Selbst wenn es nur positive Dinge sind.

    Wolfgang Herrndorf hat sich offenbar umgebracht. Eine Tat, für die ich gleichermaßen Bewunderung wie Abscheu empfinde. Aber sich eine letzte Handlungsfreiheit zu bewahren, das ist eine menschliche Tat. Er hat sich an einem Kanal erschossen, war zu lesen, gegen 23.15 Uhr. Ich bin zu der Zeit wahrscheinlich gerade ins Bett gegangen. Einen Steinwurf von Wolfgang Herrndorf entfernt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
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    und zwar soeben.





    22 August 2013

    „Aléas Ich“ – Nicht in der, sondern in DIE ZEIT

    „Wie viel muss man über eine Autorin wissen, bevor man ihr Werk in den Himmel lobt? Muss man beispielsweise, um Aléas Ich, den zweiten Roman von Aléa Torik, für absolut großartig zu halten, wissen, dass es sich bei der Autorin … ? […] Alles ist Fiktion an diesem Text, doch die größte ist die Autorin selbst“

    Schön, dass die Besprechung nicht nur meinen Roman in den Himmel lobt, was sie ja tatsächlich tut, sondern auch auf den Fetisch „Autor“ zu sprechen kommt. Das ist es, was den Markt und den Literaturbetrieb mitunter mehr interessiert als der Text. Mein Gott, wer liest heute noch Bücher, wo es so schöne Retina Displays und so famose Apps gibt? Dass der Autor wirklich der Autor ist, ist Unsinn. Es ist des Autors Fiktion oder die des Marktes. Wenn Clemens Meyer, der in der Zeitung den Platz über mir einnimmt, schreibt „Gebumst wird immer“, dann denken sich Leser und Literaturbetrieb unisono: Mensch der Meyer, der hat‘s gut, der bumst schon wieder! Dass der Meyer das nur hat schreiben können, weil er wieder mal nichts dergleichen getan hat, vergisst man dann. Und dass die meisten Frauen, wenn der Meyer wieder angeschissen kommt und bumsen will, abwinken, weil sie denken: jeder andere Hallodri, aber nicht schon wieder der Meyer: Das vergisst der Meyer nach der hundertsten Abfuhr wahrscheinlich auch ganz gerne. Und dann schreibt er so einen Satz dahin, mit dem er in die Zeitung kommt und kaum einer erkennt hinterher noch den wahren Sachverhalt, dass nämlich nicht immer gebumst wird, sondern meistens gearbeitet, geflucht oder geflennt. Natürlich fiktionalisieren (sich) die Autoren immer, der Meyer nicht anders als die Müller, die – Felicitări! – gerade sechzig wird, oder das nur behauptet, weil sie einen dicken Blumenstrauß haben will. Oder die Torik, die es faustdick hinter ihren, das allerdings muss auch der schärfste Kritiker zugestehen, wunderschönen Ohren hat. Schöne Ohrläppchen gehören bei Rumäninnen zur Standardausrüstung. Irgendwie muss man dem Leben und seinen Zumutungen ja gegenübertreten.

    Im Folgenden ein Auszug aus Aléas Ich. Der Clemens von dem da die Rede ist, ist nicht Clemens Meyer, den ich gar nicht kenne – nicht, dass da irgendwelche Gerüchte entstehen! -, sondern Clemens Setz.

    »Ich lernte Clemens Setz kennen. Er hatte, wie ich auch, am Blog zu »Unendlicher Spaß« teilgenommen und war für eine Lesung in Berlin. Ich holte ihn vom Hotel ab und wir gingen ins Literaturhaus in die Fasanenstraße. Er war kurzsichtig und ich musste immer ganz nah an ihn herangehen, ich musste ihm die Speisekarte vorlesen, weil er nichts erkennen konnte. Er konnte nicht erkennen, wie aus den dürren Worten auf der Karte die reichhaltigen Gerichte auf dem Teller werden sollten. Oder seine Kurzsichtigkeit war ein Trick, um möglichst nahe an die Leute heranzukommen. Er saß mir gegenüber in einem schwarzen Sakko und einem bunten Rollkragenpullover darunter, das alles war viel zu groß für ihn und passte auch nicht zusammen. Mir gefallen solche Männer, die das nicht bemerken, weil sie in Gedanken ganz woanders sind. Ich mag dieses betont Männliche nicht, das auf mich geradezu lächerlich wirkt. Als würden Frauen grundsätzlich an der Männlichkeit der Männer zweifeln. Clemens war nicht überaus schick gekleidet, aber er war, wie man lesen konnte, überaus begabt. Womöglich simulierte er das lediglich. Er simulierte den astigmatischen Hochbegabten und wie alle Simulanten und Hochstapler musste er sein Geschäft weit besser beherrschen, als wenn er tatsächlich begabt oder astigmatisch gewesen wäre. Er schien ein bisschen durcheinander, was sicher ebenfalls nur eine Simulation war. Vielleicht war das gar nicht Clemens Setz. Das war nur irgendein Clemens. Ich war einfach in das Hotel gegangen, das er mir per Mail genannt hatte, und war dann mit dem herausgekommen, der sich mir gegenüber als Clemens zu erkennen gegeben hatte.
    Einmal klingelte, als wir beim Essen waren, sein Telefon und Clemens’ Freundin Clementine war dran mit der blöden Ausrede, dass ein Brief angeblich nicht angekommen sei. Woher, fragte ich mich, wusste sie das, wenn er nicht angekommen war? Clemens fragte sich das offenbar auch und legte wieder auf. Wir sprachen über Literatur und er erzählte mir später von einer wilden Fahrt durch New York, die er mit einem Mann namens Blixa Bargeld gemacht hatte, für eine Stunde oder ein Jahr. Ich glaubte ihm kein Wort. Abends begleitete ich ihn zu seiner Lesung. Zum Abschied haben wir uns umarmt. Wir standen da ungefähr eine halbe Stunde, einander innig umarmend, sehr zur Verwunderung der anderen.
    Danach habe ich nichts mehr von ihm gehört. Vielleicht hat er das Schreiben an den Nagel gehängt und sich auf das professionelle Umarmen verlegt. Ich habe ihn auch nicht mehr angerufen. Manchmal klingelte mein Telefon. Ich ging nicht ran, weil ich annahm, dass es gar nicht meins war oder dass es der war, der sich als Clemens ausgab, der aussah wie er, mit seiner Freundin zusammenlebte, Lesungen machte, in Hotels Frauen kennenlernte und den echten, ursprünglichen, wahrscheinlich sehr scharfsichtigen, aber völlig unbegabten Clemens auf eine hinterhältige Weise aus dem Weggeräumt hatte. Dieser falsche Clemens war ein bekannter Autor. Obwohl mich das eigentlich nicht beeindruckt. Jemand ist ja nicht durch sich und seine Taten berühmt, sondern durch die anderen, die diese Taten loben. Unbemerkt sind auch die größten Taten verschwindend gering. Durch das Lob aber verändern sie sich, sie hören auf, die des Gelobten zu sein, und gehen in den Besitz des Lobenden über. So haben beide etwas davon. Auch wenn der Berühmte es aufgrund seiner eigenen Leistungen ist: Berühmt gemacht haben ihn andere.«

    Natürlich gefällt mir die Rezension von Sarah Schaschek, die mich auf eine Art und Weise gelobt hat, dass wir beide etwas davon haben. Die treffend betitelte Rezension lautet: Die Geburt des Autors.

    Anders formuliert, nämlich sehr viel kürzer und vielleicht sogar prägnanter – ‚Mit einem Wort, das das Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas bemüht jugendlich wirkt‘ (frei nach Musil) -: fette Besprechung in der ZEIT.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    18 August 2013

    Vordertür und Hintertür des Literaturbetriebs

    Hier ist die Frage gestellt worden, ob man auf gerechte und ungerechte, gerechtfertigte und ungerechtfertigte, berechtigte und unberechtigte Weise in den Literaturbetrieb hineinkommen kann. Die Frage, ob einer zur Vordertür hinein müsse oder auch durch die Hintertür hinein könne. Der Begriff  “Literaturbetrieb” ist schwierig, ich habe das  einmal als Fischmarkt bezeichnet. Wovon spricht man, wenn man vom Literaturbetrieb spricht? Von jenen, die etwas in der Währung zu verteilen haben um die es geht und jenen, die das Verteilte bekommen: Aufmerksamkeit? Das sind vielleicht tausend Leute, die von dieser Aufmerksamkeit profitieren, und es sind immer dieselben Namen. Unter denen werden alle Preise verteilt, die machen alle Lesungen, die werden übersetzt, und so weiter. Oder spricht man von einem erweiterten Kreis von Autoren, Kritikern, Literaturhäusern und Juroren? Oder spricht man von allen, die sich im breiten Markt tummeln, also von jedem, der auf welche Weise auch immer etwas mit Literatur zu tun hat? Ich tendiere eher zu der letzten Definition, obwohl sich mit der ersten besser arbeiten lässt.

    Vordertür, also rechtmäßiger Eintritt, bedeutet: es wird nur der Text bewertet. Der wird für gut befunden. Ein rein literarisches Urteil, ohne jeden Seitenblick. Hintertür bedeutet, dass es noch andere als literarische Beweggründe gibt, einen Text zu veröffentlichen. Andere Gründe bedeutet wahrscheinlich immer: Marketing! Also etwa: Ein Text lässt sich nicht nur lesen, sondern auch verkaufen; oder: Autor und Autorin schreiben gefällig; oder: sie sehen gut aus; oder: sie haben eine interessante Lebensgeschichte. Osteuropa ist gut, aber fast nur bei Frauen. Osteuropäerinnen sind nicht nur als Putzfrauen und Prostituierte geeignet, sondern auch als Schriftstellerinnen: Man ist erstaunt, in gewisser Weise fasziniert und abgestoßen gleichermaßen. Auch „coulered“ kommt in einer internationalen Gesellschaft inzwischen ganz gut an, Deutschland ist, im Vergleich mit Holland, Frankreich oder Great Britain, etwas rückständig, holt aber gerade auf. Auch wenn Blut fließt und das Fernsehen in Klagenfurt dabei zuschaut, ist das der Karriere nicht hinderlich. Sex ist sicher das beste Erfolgsrezept. Dazu gibt es genügend Beispiele aus den letzten zehn Jahren. Aber ob man durch die Hintertür hineinkommt oder durch die Vordertür: Die Art und Weise wie man die Bühne betritt ist kein Kennzeichen für die Qualität des Textes. Durch beide Türen können exzellente Autoren hineinkommen und durch beide kommen tatsächlich mittelmäßige hinein.

    An dieser Stelle muss ich feststellen, dass dieser Artikel überflüssig ist: weil ich annehme, dass es keine Vordertür gibt. Oder sie erst im Laufe der Jahre und Jahrhunderte entsteht. Auch Beckett und Kafka sind nicht durch die Vordertüre gekommen. Diese Türe wurde später erst für sie angelegt. Thomas Bernhard hatte es, wenn auch nur ein wenig, leichter. Aber auch bei ihm wurde die Größe der Tür erst später festgelegt. Es wäre tatsächlich interessant, wenn man von diesem oder jenem arrivierten Schriftsteller erführe, wie er oder sie denn in den Literaturbetrieb hineingekommen sind. Vorausgesetzt er oder sie sind willens und in der Lage, die eigene Situation einigermaßen realistisch einzuschätzen. Ich vermute, dass die meisten glauben, sie seien vorne hineingegangen. Nehmen wir Clemens Setz. Der wurde sehr früh mit dem Epitheton „Wunderkind“ versehen. Sind das wirklich seine Texte, die faszinieren, die so dermaßen durchschlagend sind, dass er einen Preis nach dem anderen bekommt? Oder ist es das Wort Wunderkind? Oder die sicherlich exzellente Marketingabteilung von Suhrkamp? Juli Zeh hatte offenbar sehr früh großen Erfolg. Die musste wahrscheinlich nie gegen den Strom schwimmen. Der stehen alle Türe offen. Die schreibt einen Artikel und hat zehn oder zwanzig Zeitungen, die ihr das abnehmen. Aber ist das der Artikel, der gut ist? Oder schmückt sich die Zeitung mit einem berühmten Namen? Dass Juli Zeh dennoch, wie hier mehrfach betont wurde, gute Literatur schreibt, bedeutet, muss wohl bedeuten, dass sie eine gute Schriftstellerin ist. Aber ist das ausschlaggebend? Wird bei einer Preisverleihung ein Text geschmückt? Oder vielmehr der Autor? Schmücken sich nicht immer auch die, die den Preis verleihen?

    Jetzt gibt es natürlich noch die, die sagen, Literatur, Kunst also, habe gar nichts mit Aufmerksamkeit, und daraus resultierend, mit Geld zu tun. Stimmt, die gibt’s. Aber die wissen nicht, dass ein Autor, der keine Zahlen bringt, sich ganz schnell anders orientieren muss, nämlich nach unten. Es geht immer um Geld! Geld heißt nicht Porsche. Geld heißt: weiterschreiben können. Und das ist es, was man will. Weiterscheiben, weil Schreiben, neben dem Mount Everest und dem Mariannengraben, das größte Abenteuer ist, das es zu bestehen gibt auf diesen eher abseitigen Planeten, auf dem recht wenig los ist und der, zu allem sonstigen Unglück wie Liebeskummer und Schwerkraft leider auch noch blau ist. Die, die sagen, dass es nicht um Geld und Aufmerksamkeit geht, das sind die, die beides nicht nötig haben.

    Es ist schlimm, dass man aufs Geld schauen muss. Dass man hoffen muss, entdeckt und gefördert zu werden. Dass man Aufmerksamkeit erheischen muss. Aber das Schlimmste, das für mich mit Abstand Schlimmste beim Schreiben ist das Wissen, dass es wichtigere Dinge gibt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    07 August 2013

    Formen literarischer Selbst-Inszenierung

    Der Autor inszeniert sich immer. Die Autorin nicht minder. Es gibt unter all den Wegen, die man da gehen kann, keinen einzigen, sich nicht zu inszenieren. Wo jemand ist, der uns nicht durch und durch kennt, neigen wir schon im ‚normalen‘ Leben dazu. Wir wollen immer ein klein wenig besser aussehen. Besser als wir tatsächlich aussehen. Besser als wir sind. Und besser als die anderen. Autoren tun das sogar in ganz besonderer Weise. Das ist ihr Geschäft: sich die Reibungsenergie zunutze zu machen, die entsteht, wenn Erwartung und Erfüllung – respektive Enttäuschung – aufeinander treffen. Die perfideste Inszenierung ist die, die behauptet keine zu sein. Realismus, Naturalismus sind nicht real und nicht natürlich, sondern die Darstellung von Realität und Natürlichkeit.

    Der Autor inszeniert sich in Briefen, in Mails oder auf seiner Homepage, auf Fotos, in Interviews, bei Lesungen oder wenn er gefragt wird, wie er seine Bücher schreibt: dann schwadroniert er wild drauflos. Oder gibt klein bei. Wie auch immer: Je medialer die Welt, desto medialer auch solche Inszenierungen. Wem das nicht gefällt, der muss zu einer Zeit zurück, als man von den Autoren nichts hatte, als ihre Texte. In dem Moment, wo es ein Foto auf dem Cover gibt, eine biografische Angabe, fängt der Autor oder sein Verlag an, ein Bild von einer Person zu zeichnen. Und ohne dieses Bild, ohne dass die Medien ein wenig Futter bekommen, ist diese Person komplett uninteressant. Sie ist nicht nur medial nicht verwertbar, sie wird nicht einmal als nicht verwertbar wahrgenommen.

    Das sind meist gewachsene Strukturen, die aus sich heraus gar nicht verständlich sind: Platon galt das Erfinden von Figuren als verwerflich. Zweitausend Jahre später ist das Gegenteil verwerflich: nicht zu erfinden, sondern nur abzubilden. Die Romantiker haben sich der Fiktion eines Herausgebers bedient, was mitunter die heftigsten Proteste hervorgerufen hat, weil nur erfunden werden durfte, was innerhalb der Buchdeckel war, nicht diese selbst. Und heute erfindet man bereits die Autoren, was Widerspruch, aber auch Zustimmung hervorruft. Zustimmung vor allem auch, weil solche (romantischen) Konstruktionen die Aufmerksamkeit darauf lenken, wie unser Verhältnis von Wirklichkeit und Fiktion eigentlich ist. Das wird ja meistens gar nicht durchschaut.

    Thomas Bernhard oder Jean Paul, E.T A. Hoffman oder Peter Handke, sie alle arbeiteten ganz wunderbar mit Fiktionen, die sie selbst betreffen. Ob es sich nun um negative oder positive, ‚echte‘ oder ‚falsche‘ Unterstellungen oder Projektionen handelt, ob die Fiktion einen Grund hat oder keinen: einerlei. Nicht für den Autor, der ja unter Verleumdungen oder Missverständnissen leidet, oder von ihnen profitiert: einerlei ist es für die Sache.

    Leider humpelt die Literaturwissenschaft zwanzig, bisweilen sogar zweihundert Jahre hinterher. Ich kenne jedenfalls nichts, was sich in diesem Bereich mit neueren, sagen wir lieber neusten Autoreninszenierungen beschäftigt. Aber es gibt immerhin Versuche, denn der Autor steht seit einiger Zeit wieder hoch im Kurs, geradezu im Focus der Aufmerksamkeit um das noch immer sehr seltsame Gefüge namens „Text“. Das zeigen viele Sammelbände zum Thema Autorschaft und deren Funktion. „Es ist bedauerlich, dass in unserer digitalisierten Welt dieser Themenbereich noch immer kaum Eingang in die wissenschaftliche Betrachtung gefunden hat und man sich bisher scheinbar konsequent einer Erfassung verschließt. Dies gilt dann auch für die einführenden Bemerkungen Urs Meyers, der darauf ebenfalls nicht hinweist. Über die Gründe hierfür mag lange spekuliert werden, doch bleibt die Hoffnung, dass Erforschung von Mail-Korrespondenzen in Bezug auf autorschaftliche Inszenierungspraktiken bald mehr Aufmerksamkeit zuteil werde; immerhin hat es beim Autoreninterview auch seine Zeit gebraucht, ehe dieses zum geradezu modischen Forschungsgegenstand avancierte“, schreibt Clemens Götze über einen neuen Sammelband zu diesem Thema. Hier.

    Noch einmal mein Lieblingszitat in diesem Zusammenhang. „Eine der wirkungsvollsten Masken ist, wie erwähnt, die Maske der authentischen Hüllenlosigkeit und Maskenfreiheit; diese Maske prätendiert, das selbsteste Selbst und den andersten Anderen zu zeigen. Im kommunikativen Text ist das die Geste, die behauptet, Autor und Leser im Text seien ‚Menschen‘, gar ‚Menschen wie du und ich‘. Wer aber als unermüdlicher aufklärerischer Demaskierer die Textfunktionsposition von Selbst und Anderem stets auf die ‚Menschen‘ hinter dem Text reduzieren möchte, der erweist sich nicht nur als Metaphysiker, sondern auch als rücksichtslos hinsichtlich der Schutzfunktion der textuellen Masken.“, Kurt Röttgers, Demaskierungen, in: Masken, Hrsg: Kurt Röttgers und Monika Schmitz-Emans, Seite 89.

    Das alles mag interessant sein. Interessanter aber ist der Text, den der Autor produziert. Aber er hat in der Tat ein Umfeld. Der Text. Nicht der Autor. Des Autors Umfeld ist ja der Text.





    02 August 2013

    Filit – Festivalului Internaţional de Literatură şi Traducere Iaşi – 23-27 octombrie 2013

    Wenn Sie Zeit haben, fahren Sie hin! Es kommen interessante Leute. Man kann sich dem Ziel mit dem Zug nähern. Während man fährt, während man unterwegs ist, verändert man sich. Man gewinnt ein anderes Verhältnis zu sich und seiner Umgebung. Weil die Umgebung sich ändert und man spürt, was man dort, wo man lebt, nicht spürt: dass man sich auch verändern muss. Denn so wie man ist: so kommt man nicht weiter. Jedenfalls nicht nach Iași. Und wer halbwegs so gestrickt ist wie ich, der wird zwei verschiedene Veränderungen an sich feststellen, eine Veränderung hin und eine zurück zu sich.

    Hin: »Wenn ich in Berlin in den Zug steige, habe ich vierundzwanzig Stunden Zeit, um meine germanische Haut ab- und meine rumänische Haut wieder überzustreifen. Es ist nicht nur die Haut, aber damit beginnt meine Verwandlung, eine tiefgreifende Metamorphose, die nach und nach meinen Körper ergreift, meinen Mund, meine Ohren und alle meine Glieder, meinen Charakter und meine Verhaltensweisen. Wenn ich dann in Sibiu aussteige, klingt meine Stimme anders, dunkler und rauer. Ich spreche schroffer. Mein Gang ist ein anderer, ich habe ein anderes Lebensgefühl und ich bin auch eine andere.
    »Da bist du ja endlich«, sagt mein Vater, wenn ich auf dem Bahnsteig stehe.
    Er kommt mir entgegen, er nimmt mich im Gehen in den Arm und ich lehne meinen Kopf kurz an seine Schulter. Es sieht aus, als habe er hier das ganze Jahr über auf mich gewartet. Er wartet auf diese zwei Wochen, die ich zu Hause verbringen würde, auf den kurzen Moment, da er seine Tochter in den Arm nehmen kann.
    »Ja«, antworte ich dann, »da bin ich.«
    Ich bestätige mit meinen Worten nicht nur, dass ich wieder da bin, sondern vor allem, dass ich wieder die bin, die ich immer war und die ich, allen Veränderungen zum Trotz, auch immer sein werde. Ich bin die, die ich früher war, und dennoch bin ich eine andere. Das ist ein Umstand, den ich zu verstehen versuche, vor allem auf den Fahrten zwischen dem einen und dem anderen Land, dem einen und dem anderen Zustand. Näherungswerte, deren äußerste Grenzen ich nicht erreichen werde. Ich bin niemals vollständig ich selbst, sondern immer auf dem Weg, es zu werden. Auf dem einen oder auf dem anderen Weg, in diese oder in jene Richtung. Ich bin ein ungreifbares Selbst dazwischen.« (AI, 134-135)

    Und zurück: »In den kommenden Stunden würde ich mich immer weiter von dieser Welt hier entfernen, die verschneiten Karpaten im Winter, die Bindung an die Familie und an die Bergwelt meiner Kindheit. Ich hatte eine lange Fahrt vor mir. Eine Fahrt, auf der ich mich erneut verwandle und meine langsamen, katzenhaften Bewegungen wieder schneller werden, mein vierbeiniger, schleichender Gang ein zweibeiniger wird und meine Bindung an die Vergangenheit zu einer an die Zukunft, zu dem unbedingten Glauben, dass sich das Leben vorwärts bewegt, dass es ein Ziel und einen Sinn hat und nicht nur um seiner selbst willen gelebt wird. « (AI, 161)

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    27 Juli 2013

    „Aléas Ich“ – Heute in der taz

     

    Nicht das ganze Buch, sondern die Rezension von René Hamann, die mir in manchen Aspekten gut gefällt, in anderen nicht. So schätze ich etwa die Literatur von Alain Robbe-Grillet nicht als „scharf“ konstruiert oder sogar „abgründig“ ein. Mir gefallen die Konstruktionen des genannten Schriftstellers durchaus, aber ich würde an seiner Literatur kritisieren, dass die Figuren für mich kaum Tiefe besitzen, von Abgründigkeit würde ich nicht reden wollen. Aber genau das ist das Potential der Literatur, dass jeder verstanden und missverstanden werden kann und der eine es so und der andere es anders liest: und jeder seinen eigenen Zugang zu einem Text hat, was wir spätestens seit dem Perlentaucher wissen, wo, was einmal verstanden wurde, noch einmal verstanden wird. Der Autor eines literarischen Textes schreibt eine Art Muster und jeder Leser mustert anders, mustert dies aus oder mustert das ein. Ich werde erneut in die Postmoderne eingereiht: natürlich lassen sich dafür Namen und Belege finden. Ich selbst würde mich eher als in einem Abstoßungsprozess befindlich beschreiben: und natürlich lassen sich auch dafür Namen nennen und Belege finden. Meines Erachtens lasse ich die Postmoderne in entscheidenden Momenten hinter mir. Aber das ist eine Frage der Definition des Begriffs der „Postmoderne“.

    Der Autor, „der sich im Internet hat outen lassen von einer Feministin, die sich kritisch mit Autoren, die unter weiblichem Pseudonym schreiben, auseinandergesetzt hatte – eine auch sehr lustige und vielsagende Geschichte, die bei anderer Gelegenheit mal ausführlicher erzählt werden sollte“: ja, das ist eine weniger lustige, aber sehr vielsagende Geschichte, die erzählt werden wird.

    Ich habe den Absatz, der der sich auf diese Feministin bezog, herausgenommen. Das ist meines Erachtens keine Feministin, nicht weil Weiblichkeit, die sich in der Negation von Männlichkeit erschöpft, weder feminin noch feministisch ist; sondern weil sie nie eine feministische Position formuliert hat. Sie hat neurotische Positionen formuliert. Aber so ist das nun einmal: wer etwas anders macht als andere, der zieht sich automatisch deren Verachtung zu. Es ist dieselbe Verachtung, die den Feministinnen vor dreißig Jahren auch entgegen geschlagen ist.  Und das ist eine erzählenswerte Geschichte. Ich habe das herausgenommen, nicht weil er inhaltlich falsch war, sondern weil der Tonfall falsch war. Er war nämlich nicht meiner. Es ist ein langer Prozess des Lernens, das betrifft jeden, also auch mich: zu seinem eigenen Tonfall zu finden. Ihn zu finden, zu verteidigen und, wenn es sein muss, auch zu korrigieren. Und dieser Tonfall darf nicht darin bestehen, auf die Verfehlungen anderer ebenfalls verfehlend zu reagieren.

    Interessanter wäre da schon eher das Verhalten der Herausgeber einer Sammlung literarischer Blogs – zu der bis zu dem Outing auch mein eigenes gehört hat -, nämlich gar keins: Null Verhalten. Man versteht sich dort als avantgardistisches Projekt. Kommt aber einer, also eine, ich nämlich, und macht etwas aus dem Rahmen Fallendes, dann ziehen die Herausgeber sich zurück: nix sehen nix hören nix verstehen. Möglicherweise ist auch das Avantgardismus. Literarische Blogs und Literatur im Netz, das wäre ein interessantes Thema.

    Sehr viel interessanter ist, was im Netz außerhalb der literarischen Verengung geschieht: Es ist nicht allein der Staat und seine bösen Geheimdienste, die ihre Bürger überwachen. Dieses Problem wäre ein kleines. Es sind vielmehr die Menschen, die andere Menschen kontrollieren und denunzieren. Er ist der Mensch, der im Netz aufwächst und dort sozialisiert wird, weil das Netz eben jene Strukturen aufweist, mit denen sich die anderen überwachen lassen. Das hatte ich bereits in meinem Roman angedeutet: dass das Netz und die dort Aktiven es sind, die die Strukturen von repressiven Gesellschaftssystemen annehmen. Wir sind nicht nur die Verfolgten, wir sind oftmals die Verfolger – die als “Follower” vollkommen missinterpretiert werden.

    »Viele Jahre, beinahe mein ganzes Leben lang, bin ich von Jana und Janus verfolgt worden. Von heute auf morgen haben sie sich in Luft aufgelöst. Jedenfalls nahm ich das an. Aber ich musste feststellen, dass sie wie so viele in dieser Gesellschaft ins Netz abgewandert waren. Sie sind in die Anonymität abgetaucht. Dort sind sie auf der Suche nach Bedeutung, nach Gewicht und Geltung, nach all dem, was sie im Leben nicht erlangen konnten. Der Verfolger meines Vaters hat sich in zwei Personen aufgespalten und ist dann auf mich übergegangen. Jana und Janus haben sich in Stalker verwandelt und verfolgen mich virtuell. Sie denunzieren mich und sie versuchen andere gegen mich aufzuhetzen. Das ist im Netz einfach, weil man sehr leicht andere findet, die sofort bereit sind, sich an der Hatz zu beteiligen. Man findet immer andere, die mitmachen, die jedem Gerücht Glauben schenken, die desavouieren, erniedrigen und zerstören wollen, weil sie das im Netz können. Wenn sie auch sonst im Leben nichts können: Im Netz können sie alles. Und was sie nicht können, lassen sie einfach weg. Im Namen des Katholizismus werden Ungläubige, im Namen der Männer die Frauen und im Namen der Frauen all die hingerichtet, die nicht in deren Rollenvorstellungen passen, im Namen der Gerechtigkeit die Ungerechten und in deren Namen alle Gerechten. Im Netz können die Feigen die Heldenrolle übernehmen, die Lügner die Rolle der Ehrlichen, die Gebeugten die der Aufrechten. Im Namen der Liebe und im Namen des Hasses kann man alles, weil man das eine nicht mehr vom anderen zu unterscheiden vermag. Im Netz finden sich die Besessenen und die mit den Wahn- und Zwangsvorstellungen, die Autisten und die Geisteskranken, die andere Menschen abschlachten wollen, sie wollen Hexen verfolgen und töten, und alle jene, die schöner oder klüger sind als sie selbst. Das Netz ist der Ort der totalen Asozialität. Ein jeder trägt eine Maske und die, die andere meinen demaskieren zu müssen, ziehen mit derselben Geste ihre eigene umso höher. Im Netz überwacht jeder jeden, die anderen uns und wir die anderen. Das Netz sieht uns alle zu jeder Zeit. Es gibt kein Entkommen. Kein Entrinnen. Es ist der Ort, an dem keine Unterschiede möglich sind. Es ist das totale Grauen.« (AI, 406 f.)

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    29 April 2013

    Mit dem kommenden Artikel wird es enden: das Blog ALEATORIK

    Wiederholt angekündigt, geht das hier nach exakt vier Jahren zu Ende. An meinem dreißigsten Geburtstag, am 1. Mai 2013 höre ich mit diesem Blog auf. Auch wenn es drei Jahre Spaß gemacht hat. Mit diesem Artikel hat es begonnen und mit dem kommenden Artikel, dem 505, wird es enden. So ist es auch in “Aléas Ich“: es fängt mit dem ersten Eintrag in diesem Blog an und endet mit dem letzten.

    Sollte darüber hinaus noch der Erwähnung Wertes  zu vermelden sein – Hinweise auf Lesungen oder Rezensionen o. ä. – wird das nicht ‚oben‘ im Blog stehen, sondern unter dem nächsten Artikel. Als Abschied, als Verabschiedung von den Lesern und von dem, was hier passiert ist, wird der kommende Artikel ‚oben‘ stehen bleiben. Hier besteht noch ein letztes Mal die Möglichkeit, einen Kommentar zu hinterlassen. Diese Funktion, die ein Blog kennzeichnet, die nämlich, sich einzumischen, sich zu beteiligen und den Textverlauf – und den der Welt – zu beeinflussen, endet mit diesem Artikel. Anders ausgedrückt: das letzte Wort habe ich! Mein aleatorisches Ich. Nicht mein echtes kleines ich. Das würde ich hier niemals ausstellen. Mag sein, dass manche den Begriff der Authentizität hoch schätzen, ich finde, er hat in der Literatur nichts zu suchen. Und das hier – das habe ich immer dazu gesagt – ist Literatur.

    Ich bedanke mich bei jenen, die mit ihrem literarischen Verständnis etwas zu diesem Blog beigetragen haben, namentlich bei Alice, die sich, obwohl sie sich verabschieden wolle, als die regelmäßigste Kommentatorin gezeigt hat. Vor allem, seit die Differenz zwischen Ich und ich bekannt geworden ist. Weil sie etwas von Differenz versteht. Weil sie weiß, dass der andere anders ist und dass man ihn nicht gleich machen kann, seine Differenz – auch in der Liebe nicht – auslöschen kann, weil man ihn dann nur zur Selbstbestätigung missbraucht, um sich seiner eigenen Identität zu versichern. Ich bedanke mich bei Avenarius, der allerdings schon länger in der Versenkung verschwunden ist, beim Direktor vom Hotel Abgrund: Bersarin; und, weniger werdend, bei NO; nach langer Pause wieder Norbert Schlinkert; lange nicht mehr hier gewesen: Thorsten Krämer; und auch Iris Nebel, die mir in den vergangenen Tagen noch einmal schrieb, dass sie die „unheimlich feinfuehlige, zart und jugendlich erscheinende Aléa, (aber nicht die manchmal etwas egozentrische und selbstgefaellig erscheinende)“ sehr mochte. Ich hatte geantwortet, dass ich von Egozentrik und Selbstgefälligkeit in meinem Charakter oder Verhalten nichts gespürt oder gewusst habe, und dies vielleicht aus einer Art Selbstschutz entstanden sei: der Angst vor der Entdeckung. Das hat mir also nicht geholfen. Ich hätte das gerne weiter so beibehalten, meine Texte unter meinem Namen veröffentlicht. Dazu werde ich mich noch an einem anderen Ort äußern.

    Wohl muss oder müsste ich mich auch noch bei anderen bedanken, die hier etwas beigetragen haben: ich erinnere mich noch an einige wenige, ohne mich allerdings genau an sie zu erinnern. Ich erinnere mich nur an etwas, das einmal war und nun nicht mehr ist. Und das sollte Ihnen auch so gehen. Machen Sie es gut!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
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    28 April 2013

    Was ich getan habe und was nicht

    Ich halte nach wie vor für sehr interessant, was hier passiert ist. In diesem Blog, wo mittels der ‘neuen Medien’ der Erzähler aus dem eigentlichen Buch hinausbefördert wurde, zurück an jenen Ort von dem er ursprünglich kommt: in die Wirklichkeit.

    Vielleicht müsste man sich noch einmal die Trennung von Autor und Erzähler anschauen: ob die nicht einer Revision bedürfe. Der Erzähler ist ja einerseits weniger als der Autor, weil dieser nur erschaffen kann, was jener schafft. Andererseits ist er mehr, er geht über den Autor hinaus, wie jeder gute Text über seinen Produzenten. Es könnte eine Revision dieser Trennung interessant sein, die meines Erachtens nicht die Differenzen zwischen beiden Instanzen kassiert, sondern die die Autorfunktion ähnlich der des Erzählers sieht, so nämlich, dass der Erzähler eine Funktion des Autors ist und eine Geschichte erzählt. Gleichzeitig ist auch der Autor eine Funktion des Erzählers, die es dem Leser erlaubt, sich Gedanken über zu ihm zu machen, als der große unsichtbare Arrangeur.

    Wer ist gemeint, wenn man vom Autor spricht? Der reale Autor? Oder lediglich seine Autorität? Der Autor als Erfinder des Erzählers, als „Herr im Haus“? Als Erfinder des Textes, bei sozusagen selbständigem Erzähler? Oder der Autor als Urheber, als eine rechtliche Fiktion. Wie würde die Literatur aussehen, wenn man nichts über den Autor erfahren würde? Wenn alle Autoren anonym veröffentlichen würden? Dann würde die Berühmtesten sich wohl nicht mehr verkaufen. Weil viele Leser nicht deren Bücher lesen, sondern deren Urheber. Von Roland Barthes stammt die plakative Formulierung vom „Tod des Autors“ – die, schätze ich, berühmteste Formulierung der Postmoderne – ich erinnere mich irgendwo und irgendwann einmal einen Aufsatz gelesen oder überflogen zu haben, der sich mit dieser These auseinandersetzte und dessen Titel oder Untertitel lautete: ‚Wiederbelebung einer Scheinleiche‘ -, die in Wirklichkeit weit mehr als lediglich Plakat ist, auch wenn die, die Barthes nicht kennen, immer nur das Plakat gesehen haben. Er wollte eine neue Literaturwissenschaft, eine, die von der „Lust am Text“ geleitet wird. „Man kann sich leicht ausmalen, was einer solchen Wissenschaft geopfert werden müsste: vieles von dem, was wir an der Literatur lieben oder zu lieben glauben und was in den meisten Fällen‚ der Autor‘ ist.“ (Roland Barthes, Kritik und Wahrheit, Seite 70). Der Tod des Autors wäre auch die Geburt seines Textes gewesen.

    „It is not that ‘authorless’ work is in any of the senses I have so far suggested can never be excellent, or that novels with a great degree of authorial visibility must always be romantic, bourgeois, and decadent, because fine work of both kind exists; rather, it should be recognized that the elevation or removal of the author is ea social and political and psychological gesture, and not a aesthetic one. We can characterize art as anonymous or not, but this characterization will tell us nothing, in advance of our direct experience of the building, the canvas, the score, or the text, about its artistic quality. Furthermore, this ‘anonymity’ as we’ve seen, may mean many things, but one thing which it cannot mean is that no one did it.” (William H. Gass, The Dead of the Author)

    Die Tragik der Postmoderne ist vielleicht ihre erhebliche Komplexität, die bewirkt hat, dass die Theorie an der Praxis vorübergegangen ist, ohne Schaden zu nehmen, aber auch, ohne die philologische Praxis, ohne das alltägliche Geschäft des Lesens beeinflusst und zu verändert zu haben. Vielleicht sogar zurecht, weil es auch eine elitäre Theorie war, für die happy few, die sich diesen Zug leisten konnten.

    „Gefälschte Autorschaft zwingt den Leser und die Leserin – vor allem nach Aufdeckung des Betrugs – es sich fortan nichtmehr leicht zu machen mit den Autorennamen, die gewohnte Verbindung von Autor und Text zu unterbrechen, Normalität zu komplizieren. Erzählte, fingierte und gefälschte Autoren dienen dazu, das Muster und die Struktur solcher Komplikationen zu erkennen. Sie vollführen auf der Ebene der Lektüre, was die Literaturwissenschaft mit ihrer Problematisierung ihrer Autorschaft unter dem Blickwinkel der Autorität, des Urheberrechts und der Autorfunktion nun schon seit einigen Jahrzehnten thematisiert. … Und genau deshalb scheint mit der ‚postmodernen‘ Verabschiedung des Autors als der markanten Figur seines eigenen Textes auch die Fälschung ihren Status und ihren Sinn zu verlieren. Der Skandal um Fälschungen rehabilitiert scheinbar plötzlich und unvorhergesehen den ‚totgesagten‘ Urheber literarischer Texte, den Autor. Eine von Barbara Schaff [ in: Der Autor als Simulant authentischer Erfahrung ] diagnostizierte Verstörung durch Fälschungen kommt jedoch dadurch zustande, daß diese so gut funktionieren. Offensichtlich gibt es auch ein Bedürfnis nach nicht existierenden Autoren, deren gefälschte Produkte als durchaus echt angenommen werden.“ (Walter Erhardt, “Einführung” in die Sektion: Der Erforschte und der fingierte Autor, in: Autorschaft, Positionen und Revisionen, Metzler, 2002, Seite 329)

    Dass man Fälschungen mitunter vom Original nicht trennen kann, weil sie dieselben Kriterien erfordern, habe ich vor Kurzen schon bei Umberto Eco gezeigt, vielmehr habe ich es zitiert, auch wenn ich die Semiotik als Wissenschaft eigentlich für überholt halte. Möglichweise greifen die Bezeichnungen, die Kategorien echt und falsch hier gar nicht.

    Ich hätte gerne noch etwa darüber geschrieben, inwieweit ich den Perspektivismus von „Das Geräusch des Werdens“, die dort angewandte point of view Technik – in „Aléas Ich konsequent weiterentwickelt sehe. Ich hätte gerne noch einiges zu meinem eigenen Roman gesagt, etwa dazu wie dort Zeit vergeht, vielmehr nicht vergeht: wie ich eine vertikale mit einer horizontalen Zeitstruktur konfrontiere und die lineare Zeit mit einer archaischen Zeit. Und diese mythische Zeitvorstellung  – »Ich stamme aus einem kleinen rumänischen Bergdorf in den Karpaten. In den tiefen Tälern dieses urtümlichen Gebirges ist die Zeit ein gemächliches Fließen, gleichförmig, freundlich, wohlgesonnen. Eines Tages liegt das Verflossene hinter einem. Man sitzt mit seinen Enkelkindern auf dem Schoß auf einem Holzstapel oder einem Stein und erzählt ihnen von früher, als man noch jung war und die Zeit ein gemächlicher Fluss. Während des Erzählens, vermischen sich diese beiden Zustände, es ist ein Aufwärts- und ein Abwärtsfließen, sodass man nicht mehr unterscheiden kann, welche der beiden Zeiten die wirkliche und welche die erzählte ist. Bilder ein und derselben Sache, ein und desselben Lebens, die nicht nacheinander, sondern übereinander liegen« (AI, 11) – dann als eine Zeit des Schreibens wiederauferstehen lassen: »Wir Schriftsteller leisten uns mehrere Lebenswege, weil bei uns alles übereinander liegt und nicht nacheinander« (AI, 269). Ich hätte auch gerne noch dazu etwas gesagt, dass Aléa mehrfach von Männern spricht, die Olga habe. Dabei kommen da keine Männer zur Sprache, da sind die drei beim Umzug, zu Beginn des Romans, danach wird die männerfressende Olga nicht ein einziges Mal mit einem Mann gezeigt. Offensichtlich ein Phantasma der Frau Torik. Aber welche Funktion hat das im Text? Wie hängen Phantasie und Phantasma zusammen? Da sind noch so einige Umstände, die ich für interessant halte. Aber dafür ist hier bedauerlicherweise kein Platz mehr.

    Eigentlich müsste ich Literatur unterrichten. Ich glaube, dass ich da richtig gut wäre. Das wurde mir auch schon angeboten. Hatte sich dann aber erledigt. Ich hatte das falsche Geschlecht. Dabei wollte ich gar nicht mit dem Geschlecht unterrichten, sondern mit Kopf und Händen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    24 August 2012

    Stern der Ungeborenen II

    [Ich dachte ursprünglich, dass ich in diesem zweiten Artikel zu Werfel einen kurzen Überblick über die Stationen gebe, die F. W. durchläuft, um mich dann mit einzelnen Aspekten auseinander zu setzen. Aber ich weiß nicht, was ich derzeit nebenher leisten kann. Weniger jedenfalls. Aber weniger als was?]

    F. W. macht, wie ich sagte, an allen wichtigen Orten jener zukünftigen Welt im „Elften Weltengroßjahr der Jungfrau“ Station. Zu Beginn tut er sich schwer zu begreifen, dass er am Leben ist. Denn dazu muss er verstehen, dass er zuvor tot war. Daran aber hat er keinerlei Erinnerung. Er hat nicht nur an das Totsein keine Erinnerung, das ist noch nicht lange her, sondern auch keine ans Sterben, was allerdings schon sehr lange her ist. Er tut sich, frisch wieder am Leben, schwer damit, seinen Zustand zu begreifen. Er trägt noch den Anzug, in dem man ihn beerdigt hat, einen Frack, der allerdings recht unbeholfen wirkt in einer Welt, die hauchdünne Schleier trägt oder gar nichts. B. H., der ihn zum Leben wiedererweckt, kennt er bereits aus Jugendtagen. Er gehört zu einer kleinen Gruppe Menschen, den Wiedergeborenen, die nicht nur einmal leben, sondern wiederholt, in jeweils anderen Körpern und mit anderen Identitäten. B. H. wird in den drei Tagen seines Aufenthaltes sein Führer durch die Welt der astromentalen Menschheit sein.

    F. W. bekommt von B. H., der ihn bei seinem Aufenthalt begleitet, ein Mentelobol in die Hand, eine Art Geduldspiel, mit dem man das Reiseziel auf sich zubewegt. Damit werden die beiden sich in dieser Welt bewegen, vielmehr – daran muss ich mich erst gewöhnen! – bewegen sie nicht sich selbst, sie bewegen die Welt. Der eigentliche Reiseweg fällt weg, stattdessen werden kleine Kugeln in diesem Spiel in Löcher versenkt. Man bewegt nicht seinen Körper, sondern seinen Sinn. Die, sagen wir ruhig Verkehrsmittel dazu, lauten: Willensrichtung Veränderungsdrang, Zielsicherheit, Mutmaßliche Dauer der Ungeduld, Mutmaßliche Dauer der Geduld. Anhand des Reisens wie auch sonst immer wieder, wird die Zeit zwischen den Anfängen der Menschheit, die sich in der Regel allerdings der Forschung entzieht und der Jetztzeit mit Beschreibungen gefüllt: wie die Hundertausend Jahre dazwischen ausgesehen haben. Man hat lange in tausend Meter hohen Häusern gelebt, ist mit Gyroplanen um die Welt geflogen, bis man unter die Erde zog, weil darüber Krieg geherrscht hat, wieder einmal. Und da ist man dann später auch nicht mehr weggezogen, die Atmosphäre des Planeten war sowieso inzwischen eintönig und nahezu stimmungslos, kaum Wetter und keine Wolken.

    Die erste Station ist eine normale Familie. Die Tochter heiratet in den kommenden Tagen. Anlässlich des Hochzeitsfestes ist F. W. von den Toten erweckt worden, als eine Art Geschenk: zum Angucken. Er lernt das Familienleben kennen, Braut und Bräutigam, Brauteltern, Großeltern und die Ururgroßmutter. Heiraten werden Io-Do und Io-La. Die Vorsilbe Io bedeutet so viel wie Subjekt. F. W., noch benommen, bemerkt jedoch, dass die Menschen anders sind als die, die er gekannt hat. Sie sehen, trotz unterschiedlichen Alters alle mehr oder weniger gleich aus, durchaus schön, alterslos. Aber eben auch weniger individuell als er die Menschen gekannt hat. Das ist vielleicht ein Teil der Schönheit, dass sie nicht objektiv ist. Die Menschen haben keine Haare mehr, auch die Männer nicht, nicht einmal auf dem Kopf, Haare sind atavistisch. Sie tragen Perücken, an denen man ihren Stand und ihre Zugehörigkeit erkennen kann. Er trifft die Brautfamilie zu Hause an. Und dort ist man nackt: „Von allem Anfang an fühlte ich, daß die Nacktheit der anwesenden Gestalten in keiner Weise mit dem zu vergleichen war, was in meiner Epoche der Schönheitsköniginnen am Badestrand und auf dem Sportplatz als Nacktheit oder Halbnacktheit umzugehen pflegte. Dies ist ja nicht eigentlich Nacktheit gewesen, sondern nur Ausgezogenheit oder Enthülltheit dessen, was gewohnheitsmäßig verhüllt war. Diese Nacktheit hier hingegen schien als Nacktheit gedacht zu sein, sie stand nicht im Widerspruch zu sich selbst, sie konnte als traditionelle Lebensregel zu Hause gelten, sie hatte nicht den heimlichen Wunsch, Blicke auf sich zu ziehen und Begierden zu wecken, sie war unschuldig.“

    Eine Nacktheit allerdings, die auch durch die Beleuchtung verändert wird. Es erleuchtet nicht, es verwischt vielmehr, es macht die Gegenstände diffus und angenehm ungenau. Diese Beleuchtung der Räume und Wände, die F. W. erst als Tapeten wahrnimmt, ist allerdings nicht objektiv, sondern wird je nach subjektiver Gestimmtheit anders wahrgenommen. Das wird der Gast noch mehrfach erfahren. Dass die Wirklichkeit das ist, was die Menschen dafür halten, was sie, das klingt jetzt etwas veraltet: projizieren. Sie projizieren nicht, sie entwerfen das, was ihnen die Welt dann zurückspiegelt. Diesen verwirrenden Umstand kann er auch anhand einer Skulptur erkennen: „Je mehr ich übrigens mich in die Skulptur vertiefte, um so klarer, ebenbildlicher, formenschöner schien sie zu werden. Sie besaß demnach die Eigenschaft, den Eindruck den sie im Betrachter hervorrief, während der Betrachtung zu verwandeln, zu klären, zu intensivieren.“

    Viele Tierrassen sind ausgestorben, der Hund hingegen ist immer noch an der Seite des Menschen. Allerdings gibt es nicht mehr viele Rassen. Auch hat der Hund sich verändert, es ist hündischer geworden, unterwürfiger. Und gerade darin will F. W. eine größere Nähe zum Menschen erkennen: „Durch die traurige und tiergefesselte Grundierung dieses Hündchens aber äugte, ächzte, schnupperte, schmeichelte die Menschenhaftigkeit hervor, genauer, die Angemenschtheit, in jedem Zu- und Wegspringen, im Zögern oder in der Entschließung der Bewegungen und vor allem im aufmerksamen Blick, im abschätzenden Blick im habgierigen, berechnenden Blick.“

    F.W. lernt den Bräutigam kennen, der keinen sonderlich sympathischen Eindruck macht, er sammelt Waffen, primitive Dinge aus der grauen Vorzeit, einen Revolver, aber er hat auch Fernschattenzertrümmerer, kleine Rohre, mit denen man ganz Städte zerstören kann und mit denen die letzten Kriege geführt wurden. Im Zimmer des dieses Waffennarrs kommt zum ersten Mal eine bedrückte Atmosphäre auf und der Brautvater äußert sich seinem Gast gegenüber dann auch pessimistisch, als er sagt: „Wir sind bedroht.“

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    20 August 2012

    Oder man war nicht gut oder nicht gut genug oder sogar schlecht

    Die Suche nach dem eigenen Platz: Wer DGDW gelesen hat, weiß, dass das ein Thema für mich ist. In kritischen Äußerungen – der vergangene Beitrag bestand allerdings aus drei Teilen, einem Erlebnisbericht, einer netzkritischen Äußerung und einem poetischen Aperçu – spielt meine Erfahrung hinein, momentane Ereignisse, die mich ins Grübeln bringen (ein entfernter Freund ist gestorben, sehr jung; ich habe eine Frau kennengelernt, die nur einen Arm und ein Bein hat, vielmehr habe ich sie nicht kennengelernt, sie hat eine Mauer der Ablehnung um sich gezogen, die sie davor bewahrt, dass andere sie ablehnen). Ich frage mich auch, was eigentlich ein literarisches Blog ist und von nicht literarischen Blogs unterscheidet. Zweifel haben allerdings auch andere: Dort habe ich mich beteiligt, noch in beruhigender Funktion.

    Was ich mit meinem Buch erlebe – ich erlebe auch gute Dinge, ich habe Leute kennengelernt, die mich unterstützen in dem, was ich mache – entspricht nicht meinen Erwartungen. Und das, obwohl es gute Rezensionen bekommen hat, und nicht wenige. Die große Schwierigkeit ist, Interesse zu evozieren, zu fokussieren, zu lenken. Und da gibt es dann noch den Literaturbetrieb, der für mich ein nicht zu greifendes und nicht zu verstehendes Phänomen ist. Was vor der Veröffentlichung prägend war, ist auch hinterher noch da, vielleicht sogar noch schlimmer: das Empfinden, das es einfach viel zu viele Bücher gibt, zu viele Leute, die schreiben und zu viele Dinge, die nach oben kommen und von denen man nicht versteht, warum das so ist. Oder, um ehrlicher mit sich zu sein: warum man selbst nicht nach oben kommt. Es gehen Preise an einem vorbei, Stipendien, Nominierungen etc. etc. Man kommt nicht in Frage, weil einen niemand sieht. Man ist und bleibt, was man immer gewesen ist: unsichtbar.

    Und das empfinde ich als ein massives Problem: ich bin Anhängerin einer Literaturwissenschaft, die die Hermeneutik als etwas hinfällig ablehnt oder doch eben modernen Positionen zuneigt. Die Autor_in ist kein Genie, sondern eine Art Durchgangsstation: wichtig ist allein der Text. Und dann erfährt man im Literaturbetrieb, dass der Text keine Rolle spielt. Aber man erfährt es ja auch eigentlich gar nicht, sondern: man erfährt es nicht. Man erfährt gar nichts! Aber so geht es sicher mehr als neunzig Prozent aller meiner Leidensgenossen. Es wird nach der Veröffentlichung eigentlich kaum besser, es wird beinahe noch schlimmer. Vorher konnte man sich immer noch sagen, dass man ein verkanntes Genie ist (so holt man die hinausbeförderte Hermeneutik wieder herein). Nachher kann man dieses Sedativum nicht mehr einnehmen. Da hat man dann kein Glück gehabt. Oder man war nicht gut oder nicht gut genug oder sogar schlecht.

    Aber darüber hinaus, oder darunter oder weit weg davon, erlebe ich das Schreiben als ausgesprochen befriedigend. Es läuft gerade ausgezeichnet. Es könnte nicht besser laufen. Ich komme kaum hinterher. Ich werde da morgen wieder sitzen, schreiben und glücklich sein. Ich kann das nicht anders formulieren. Ich komme abends, nach stundenlanger Bewusstlosigkeit, nach Hause, total platt, aber ich weiß, dass ich den Tag über glücklich war. Das können wohl nicht viele Menschen von sich sagen.

    Liebe Ulrike, ich danke dir für dein Engagement. Ich wusste nicht, dass du so viele Bücher verkauft hast. Ich wusste auch nicht, dass die Leute noch einmal in den Laden kommen und ihre Meinung dazu sagen. Das freut mich natürlich sehr. Auch wenn man beim Schreiben nicht an Leser denkt, man denkt nur an den Text, das ist ein autonomes Gebilde, das sich, obwohl es gemacht ist, aller Beeinflussung entzieht. Das ist eine ganz seltsame Erfahrung: eine Entfremdung vom eigenen Einfluss auf den Text und gleichzeitig ein Gefühl großer Nähe: man muss nur die Finger hinhalten, die machen es dann schon richtig; auch wenn man beim Schreiben nicht an den Leser denkt, wenn man fertig ist, denkt man umso intensiver an ihn und sie! Ich schicke dir ein signiertes Exemplar vom nächsten Buch das im kommenden Februar erscheint. Ich habe dich schon auf die Liste gesetzt.

    Lieber Genova, ja du hast recht, das ist ein großes Kompliment, aber der Tipp, etwas auf den Buchrücken zu drucken: geh damit mal zu meinem Verleger, der erzählt dir etwas anderes. Bücher, die in der Buchhandlung liegen, erreicht man nicht mehr. Die Bücher im Großlager hingegen sind unverkäuflich, weil die nicht in der Buchhandlung liegen. So in der Art jedenfalls. Das ist ganz schwierig oder es wird so dargestellt. Und kostet Geld. Und Zeit. Und Geld und Zeit sind rare Güter in der Verlagsbranche, wenn man nicht Suhrkamp oder Hanser mit Nachnamen heißt.

    Lieber Avenarius, vielen Dank für den seltenen Kommentar. Wie Segelschiffe im Wind: die können untergehen, die können in böse Winde gelangen, von Piraten geentert werden oder ein Depp an Land haut ein Loch in den Bug, weil er den Eingang nicht findet. Auf die Idee, dass dieses Loch an Deck der Eingang sein soll, kann ja keiner kommen.

    Lieber Kid, vielen Dank, Pessoa hatte eine Größe – allerdings auch eine Tiefe der Verzweiflung -, die ich nicht habe, nicht erreiche und vor der ich den nicht vorhandenen Hut ziehe, ein Ausnahmetalent, der jedes Wort teuer bezahlt hat. Zu teuer! Was das Schreiben und Bloggen angeht: da muss jeder wohl seinen eigenen Weg suchen. Aber ich suche ja.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    28 Juli 2012

    „Was ich erlebte, habe ich wirklich erlebt“

    Franz Werfel, Stern der Ungeborenen I

    Das war ein geradezu furioses Leseerlebnis! Ich war kurz davor, den Roman als einigermaßen interessant wieder wegzulegen, weil ich andere Bücher hier herumliegen habe, die ich – von außen betrachtet, vom Hörensagen, von einer allgemeinen Ahnung her, die noch trügerischer sein kann als das Wissen – als außerordendlich interessant einschätze. Die vielen Beschreibungen haben auf mich zu Beginn etwas ermüdend gewirkt, dann aber hat die Dichte des Textes zugenommen und ich habe mich an die Gangart Werfels gewöhnt. Der Autor wird, wie ich meine, mit fortscheitendem Text immer besser und es gelingt ihm zunehmend, den Leser in seinen Bann zu ziehen. Es hat mich gepackt und bis zur letzten Seite nicht mehr losgelassen. An dieser Stelle ging‘s los:

    „Der eilige Leser pflegt in einem handlungsreichen Roman sehr oft die schönen Landschaftsbeschreibungen und Wohnungsschilderungen zu überschlagen, welche der Autor ja weniger ihm, als seiner eigenen pedantischen Ehrlichkeit zuliebe über das richtige Maß ausdehnt. Wie kühn hingegen behandeln die großen Dramatiker der Vergangenheit das Problem der Beschreibung, der Bühnenanweisung, Calderón, Lope de Vega, Shakespeare schreiben einfach hin:
    ‚Nacht, Burghof‘ und wenn es sich bei letzterem um ‚Macbeth‘ handelt, muss der Dichter gar nicht erst hinzufügen ‚Wolkenzerissener Himmel, Wind. Ein Käuzchen klagt‘. In den beiden Worten ‚Nacht. Burghof‘ ist da alles vorhanden, und noch manches dazu. Jedes Wort mehr würde des Dichters Größe vermindern. Mit dem Reiseschriftsteller freilich, den ich hier vorzustellen berufen bin, muss man schon einige Nachsicht haben. Nicht Handlung, Verwicklung, Intrige und Lösung des Konflikts sind sein Hauptgeschäft, sondern, schrecklich zu sagen, Beschreiben und immer wieder Beschreiben.“

    Stern der Ungeborenen – Ein gut siebenhundert Seiten langer Zukunftsroman. Vielmehr kein Roman, sondern ein Reisebericht. Kein Sciencefiction, um Sciene geht es nicht, und beinahe geht es nicht einmal um Fiction. Franz Werfel spricht von sich selbst, mit seinen eigenen konkreten Lebensdaten und –umständen: „Ich hätte es aus angeborener Unlust, in Schwierigkeiten zu geraten, lieber vermieden, auf diesen Blättern ich selbst zu sein, aber es war nicht nur der natürliche, sondern der einzige Weg, und ich konnte leider keinen ‚Er‘ finden, der mir zulänglicher Weise die Last des ‚Ich‘ abgenommen hätte.“ Es wird einiges getan, um vom fiktionalen Charakter des Werks abzusehen. Deswegen darf man, auch wenn das hier nicht ganz verständlich sein mag, fragen, ob es dann ein fiktionales Werk ist. Denn, so kann man annehmen, zu einem fiktionalen Werk gehört die Absicht, ein solches zu schaffen. Und so, als Folge daraus, hat Werfel meines Erachtens ganz richtig behauptet: „Was ich erlebte, habe ich wirklich erlebt. Ich bin gerne bereit, mit jedem philosophisch gewandten Leser eine ehrliche Diskussion  über dieses Wörtchen ‚wirklich‘ abzuführen, und ich maße mir an, auf jeden Fall recht zu behalten.“ Oder aber die Wirklichkeit von der hier die Rede ist, ist keine, die in einem Gegensatz zur Fiktionalität steht. Ich werde das an einem anderen Ort thematisieren und zu einer anderen Zeit.

    Der Planet Erde, in uchronischer Zukunft: etwa 100.000 Jahre nach des Autors eigenem, angenommenem und prognostiziertem Tod. Er, Franz Werfel, der hier F. W. heißt, wird von seinem Freund B. H. wie es heißt, aus dem „Alphabet gestochen“: Er wird von den Toten erweckt. Er bleibt drei Tage, erlebt eine fundamentale Krise der astromentalen Menschheit und bekommt durch Zufall eine Passage zurück in seine damalige Gegenwart, vor seinem Tod, sodass er dies alles notieren und berichten kann. Diese einhunderttausend Jahre – diese drei Tage im „Elften Weltengroßjahr der Jungfrau“ – sind eine Zeitspanne, da sich einiges geändert hat gegenüber der Gegenwart Werfels; oder der unsrigen, das ist nahezu einerlei, Mittelalter oder frühe Neuzeit wird alles wird unterschiedslos als die „Anfänge der Menschheit“ bezeichnet. Es ändert sich in den kommenden hunderttausend Jahren nahezu alles, darauf können Sie sich schon mal einstellen.

    Alle Technik, alle Mechanik ist abgeschafft, vor allem das Rad. Die astromentale Menschheit wird nicht mehr krank, aber sehr alt, man stirbt auch nicht mehr, sondern geht, wenn es soweit ist, aus freien Stücken in den ‘Wintergarten’. Man sieht bis zuletzt jung aus. Die Menschheit ist sehr ausgedünnt, spricht nur noch eine einzige Sprache, die Monolingua, und lebt in Städten unter der Erde. Die Menschen tragen in der Öffentlichkeit Schleiergewänder, zu Hause sind meist nackt, aber man sieht es nicht, weil das Licht sie verhüllt, es macht sie unscharf. Viele Tierarten sind ausgestorben, andere haben sich weiterentwickelt, die Hunde plappern sich ein kindisches Zeug zusammen. Es gibt niemanden mehr, der Arbeit hat. Vielmehr gibt es nur noch einen Arbeiter, der für alle arbeitet. Es gibt für vieles eine Art Generalisierung: der Arbeiter des Zeitalters, der Jude des Zeitalters etc. Der Arbeiter stellt die Dinge auch nicht persönlich her, er lebt in einem Park, wo es eine Art Brunnen gibt, in welchen sich die Dinge, die die Menschen brauchen, materialisieren, die Kraft der Sterne wird angezapft. Das Leben ist entspannter, aber auch langweiliger. Der Planet ist runder als früher, er hat keine Vertiefungen und keine Erhebungen mehr, auch keine richtigen Landschaften, die Umwelt ist zu einem grauen Brei geworden. Außerdem ist die gebrochene Linie beim Menschen verpönt, es wird nur die gerade Linie geschätzt. Und das bedeutet: Stehen oder Liegen. Sitzen ist unfein. Die Menschen bewegen sich – und in diesem einen Sinne wäre das genau mein Zeitalter, der ich mich ja nicht gerne bewege, jedenfalls nicht mit Gerätschaften, die schneller sind als mein Rad – nicht mehr auf das Ziel zu, sondern sie bewegen das Ziel auf sich zu!

    In den drei Tages seines Aufenthaltes durchläuft F. W. alle wichtigen Stationen dieser Welt. Am Ende kehrt er zurück in sein eigenes Zeitalter. Wiederholt wurden Vergleiche angestellt, die, wiewohl Werfels Gegenwart die des Zweiten Weltkrieges war, die Flucht aus Österreich über Frankreich nach Amerika, immer deutlicher zu Ungunsten der Zukunft ausfallen. Obwohl die letzten Worte des Bischofs auch wieder versöhnlich gedeutet werden könnten, dass der Mensch sich im Laufe der Jahrtausende nicht nur von Gott entfernt, sondern sich auch wieder auf ihn und den Anfang zurückbiegt: letztlich kann der Mensch wohl nur in seinem Zeitalter leben. Und letztlich kann der Mensch nur leben, weil an seinem Ende, unvorhergesehen und doch gewusst, unerwartet und immer befürchtet, weil am Ende überraschend der Tod kommt. Alles andere wäre kein Leben. Das was die astromentalen Menschen statt des Todes anzubieten haben, das ist – auch wenn es freiwillig geschieht, vielleicht sogar, weil es freiwillig geschieht – eine Zumutung, die weit größer ist als der Tod. Der Tod, der ebenfalls eine Zumutung ist, solange er noch bevorsteht. Aber er ist auch ein Ende, eine Erlösung vom Leben, das ja bisweilen auch eine Zumutung ist. Und manchmal einfach grandios. Nicht zu steigern.

    Kurz nach dem Abschluss des Romans war Franz Werfel tot. Stern der Ungeborenen war der Abschluss seines Schriftstellerlebens, sein opus magnum. Ich kenne Die vierzig Tage des Musa Dagh , aber das hier ist eine andere Gewichtsklasse. Werfel hat einen Roman in den Ring geworfen, der wirklich groß ist, großartig. Ein so ein Ding im Leben! Ein so ein Werk und alle Mühe hätte sich gelohnt: dieser lebenslange Anlauf für einen einzigen Sprung, den man dann vielleicht gar nicht mehr hat, der nicht gelingt oder der schon vor langer Zeit misslungen ist. Auch das Schreiben ist eine Zumutung. Eine beschissene Zumutung und manchmal grandios. Nicht zu steigern.

    Fortsetzung folgt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    26 Juni 2012

    „Es gibt kein versäumtes Leben“

     „Die Abkürzung“ von Thorsten Krämer

    Das ist ein dünnes Buch, aber ein dicker Text. Er gehört in jenes Genre, das gar keins ist, eine Literatur, der ich seit einiger Zeit häufiger begegne: Autor oder Autorin nimmt die eigene Biografie und literarisiert und fiktionalisiert sie. Vielleicht ist es auch nicht die eigene Biografie, aber indem der Autor, der Urheber sie literarisiert, wird sie zur eigenen. Denn er lebt sie – er erlebt sie – ja auf seine Weise: auf die einzig akzeptable Weise in der Literatur: indem er sie beschreibt. Der Urheber ist im Buch nicht greifbar und in gewisser Weise auch uninteressant. In Zeiten der Mediatisierung sieht das vielleicht auch schon wieder anders aus: Man muss ja lediglich den Fernseher aufschlagen – haha! -, um einen Schriftsteller in Positur zu sehen. Wichtiger ist, für mich als Literaturwissenschaftlerin, der Text. Das sagt im Übrigen auch Octavio Paz: „Dichter haben keine Biografie. Ihr Werk ist ihre Biografie.“ Dichter haben keine Biografie und keinen Fernseher.

    Wie der Titel das prägnant formuliert, es geht um Abkürzungen. Solche Abkürzungen kann es geben. Meistens stellen sie sich, wenn man sie gegangen ist, nicht als sehr sinnvoll heraus. Das Leben will gelebt, Erfahrung wollen und müssen gemacht werden. Selbst die, dass man so manchen Tag und Monat lebt, ohne dabei eine einzige Erfahrung zu machen: die Zeit vergeht einfach nur.

    Das lyrische Ich kommt aus einem kleinen Dorf, im Grunde wohl kaum mehr als eine Straße, mit einem „Puff“  auf der anderen Seite. Der Mann dahinter, der Autor, kommt aus Wuppertal, eine Stadt, Aber der Autor ist ja nicht so wichtig, es geht um seine Manifestation im Text. Das ist mir natürlich sehr sympathisch, da ich auch aus einem Dorf komme, mit nur einer Straße, eine Art Rundweg. Allerdings ein Dorf ohne Puff, also auch ohne einen Grund, da immer hinüber zu starren. Hier wie dort, in Mărginime wie in Ronsdorf, hat man es in dem Alter, mit dem das lyrische Ich im Text seine Existenz beginnt; in dem Alter hat man vor allem eilig die Zeit bis zum Erwachsenwerden herumzukriegen. Hier wie dort ist die Welt, die man als Kind erlebt, sehr rätselhaft. Dieses Ich, das ich der Einfachheit und der Personifizierung halber Thorsten nenne, kommt auf dem Schulweg an einem „Klumpen Menschenfleisch“ vorbei. Wilde Phantasien brechen auf und machen sich über diesen Klumpen her und man ist beinahe enttäuscht, wenn es sich dann nur um einen Stein handelt. Ich habe mich auch gegruselt, aber nicht vor Steinen, sondern vor Wesen, die im Wald wohnten und nachts ins Haus kamen. Gruseln und Angst können sehr angenehm sein. Wilde Phantasien sind es vor allem, was das andere Geschlecht angeht, was damals, so war es bei mir, noch gar kein Geschlecht war, sondern eben Jungs, bei Thorsten also Mädchen. Zwei Mädchen, die sich aneinander schmiegten: das konnte die Phantasie eines Jungen viele Jahre beschäftigen, gefühlte Jahre.

    Es gibt noch eine andere Koinzidenz zwischen Mărginime und Ronsdorf, dem Autor und der Leserin dieses Buches: wir beide haben relativ früh, viel zu früh, angefangen dicke Bücher zu lesen. In sie hineinzuschauen, weil man dort Dinge zu sehen bekam, die man in der Wirklichkeit nicht sah; die man nicht verstand und wo dann wieder alles sehr rätselhaft erschien. Rätselhaft, wie sich das verhielt mit Marcel und Gilberte. Ich kann mich noch sehr genau an die fremden Namen erinnern, die auf mich den größten Reiz ausübten. Sehr viel größer jedenfalls, als all die Zwischenräume. Jene langen Textstrecken zwischen den Namen, die ich nicht so genau verstand. Lesen wird in der Entwicklung jedenfalls sehr schnell wichtig, nicht nur die Suche nach der verlorenen Zeit, auch Lolita und Stiller. Und er wie ich haben das eine errötend, lüstern geradezu, verschlungen und das andere gelangweilt weggelegt. Ich allerdings erst als ich längst in Berlin war. Ich hatte nie zuvor von Stiller gehört und habe es nach hundert sehr zähen Seiten verschenkt.

    Sehr gut gefallen hat mir der mittlere von drei Teilen der Abkürzung: die Gegenüberstellung von altklug und frühreif. Ich habe darüber nie nachgedacht und alles, was ich jetzt weiß, habe ich vom Autor gelernt. Man hält sich für frühreif, ist es aber oft nicht, man ist altklug. So geht es auch diesem lyrischen Thorsten, der sich für frühreif hält, weil er sich für ältere Mädchen interessiert. Ältere, die in irgendeiner Weise „verderbter“ sein müssen als jüngere Mädchen, also die in seinem eigenen Alter. Die Mädchen seines Alters sind aber genauso, sie interessieren sich für die älteren Jungs, und zwar mit der Begründung, dass die schon Erfahrungen hätten. Selbst mit seiner tatsächlich altklugen und nicht frühreifen Argumentation hat er bei dem Mädchen seiner Wahl keine Chancen: „In zwei Jahren wäre ich einer der älteren Jungen, und deshalb müsse ich, nach der Logik der Mädchen genau jetzt die Erfahrungen machen, die sie mir aber verwehrten.“ Der altkluge ist immer schon weiter, weiter jedenfalls als die anderen ihn einordnen würden. Er sucht nach Abkürzungen: „Die Gegenwart ist für ihn immer nur ein Zwischenstadium, der Vorläufer dessen, was er bereits jetzt anvisiert.“

    Und dann ist die Kindheit und die Jugend, so unwahrscheinlich es einem damals erscheinen mochte, plötzlich vorbei: „Was mir als Jugendlicher wie das Gefängnis meiner selbst vorkam, gilt mir heute als Zeichen einer Kontinuität der Persönlichkeit, die gerade erste Veränderung, und damit Leben, möglich macht.“

    Der Text bringt, scheinbar unmotiviert, zwei Bemerkungen von Martin Heidegger. Am Schluss geht der Autor ausführlich darauf ein. Und obwohl mir Heidegger nicht gefällt – ich kann mir allerdings nur von seiner Sprache ein Bild machen, nicht von den Inhalten, die habe ich nicht verstanden – gefallen mir die Bemerkungen in diesem Buch, mir gefällt die Arbeit des Autors mit der Begrifflichkeit.

    „Man unterscheidet zwischen Internet-Freunden und wirklichen Freunden, als sei hier eine klare Grenzlinie zu ziehen, und der gängige Kulturpessimismus beklagt das Fehlen ‚echter‘ Kontakte und die Unverbindlichkeit der Online-Welt. Dieses immergleiche Lamento verführt dazu, schon allein aus Trotz die Gegenposition einzunehmen, aber damit unterschreibt man leider auch die Dichotomie, die der Rede vom Niedergang innewohnt. Indem Heidegger aber die Räumlichkeit anders denkt, bietet er eine Handhabe, die Phänomene einer über das Internet globalisierten Welt auf eine Art und Weise zu fassen, die über die Unterscheidung zwischen ‚real‘ und ‚virtuell‘ hinausgeht. Denn in Wahrheit sind uns diese Phänomene schon lange vertraut.
    Das Zeug zum Lesen, die Bücher also, halten wir beim Lesen zwar in den Händen, aber es ist uns ferner als die fiktiven Charaktere, denen wir bei der Lektüre begegnen. Vielleicht sind es auch nicht einmal mehr Bücher, sondern Bildschirme, aber in diesem Verständnis macht das keinen Unterschied. Auch das taktile Empfinden ist der Erfahrung der Nähe zum Inhalt des Gelesenen untergeordnet – die Beschaffenheit der Straße spielt in Heideggers Beispiel keine Rolle. Insofern ist es erstaunlich, dass gerade belesene Menschen einen Kulturpessimismus verfallen, wenn es um solche Phänomene wie social media geht. Solche Menschen messen erfundenen Personen große Bedeutung bei, sie schreiben ihre Doktorarbeiten  über erfundene Figuren der Weltliteratur und wollen dann nicht glauben, dass man mit jemandem befreundet sein kann, den man nie leibhaftig gegenüber stand.“
    [ … ]
    Solche Wahlverwandtschaften sind es, die über das Internet heute leichter denn je zu realisieren sind – und die globale Vernetzung ermöglicht es, dass der Andere sogar antwortet: Die Projektionsfläche erwacht zum Leben! Heutzutage ist es nicht ungewöhnlich, dass ich über den Alltag von Freunden auf der anderen Seite der Welt jederzeit besser informiert bin als über das Leben meiner direkten Nachbarn, deren Namen ich vielleicht nicht einmal weiß. Oft wird dieser Umstand beklagt und als Zeichen einer gesellschaftlichen Verwahrlosung interpretiert. Aber auch das ist aus den bereits genannten Gründen restaurativer Unsinn. Wer jemanden, dessen soziale Kontakte zu großen Teilen online gepflegt werden, für vereinsamt hält, war selbst nie wirklich einsam.“

    Die letzen Sätze und Gedanken finde ich wirklich groß. Vielleicht weil sie meinen eigenen begegnen. Es sind nicht wenige, die sich darüber beklagen, dass man so viel verpasst im Leben. Das habe ich nie verstanden. „Es gibt kein versäumtes Leben. Die Erfahrung, etwas getan zu haben, ist nicht wertvoller als die, etwas nicht getan zu haben.“ Wenn man nicht darauf hereinfällt, was einem allenthalben gesagt wird, das man etwas, das man viel, wahnsinnig viel, versäume, dann erkennt man leicht, dass man gar nichts versäumen kann. Oder nur, wenn man meint, etwas zu versäumen, wenn man angestrengt nach lebensintensiven Erlebnissen Ausschau hält und dabei nicht erkennt, dass man ja auch in diesem Moment lebt. Vielmehr, dass man hätte leben können, wenn man nicht nach Besserem Ausschau gehalten hätte.

    Bei allen Gemeinsamkeiten es gibt allerdings auch einen fundamentalen Unterschied zwischen der Kindheit in Deutschland und der in Rumänien. Während ich mit sieben oder acht Jahren die Spiele von Garri Kasparow und Vladimir Kramnik imitiert, kritisiert und optimiert habe, hat Thorsten Krämer Tennis gespielt: „Es gab auch ein großes Parkhaus, auf dem ich im Sommer an den Wochenenden mit dem Nachbarsjungen die großen Wimbledon-Spiele von Björn Borg und John McEnroe nachspielte.“

    Thorsten Krämer ist, wie man leicht sehen kann, blitzgescheit. Und warum auch nicht? Es spricht ja nichts dagegen, es zu sein. Warum sich das Leben künstlich schwer machen, wenn man es leicht haben kann?! Haha!

    Der Band ist Teil einer Serie – “krämer’s monthly” – von der bisher Die Abkürzung und Pfleghar-Phantasie greifbar sind. Der dritte Band, Die Veränderung, ist in Arbeit. Jeder Band hat einen Umfang von 48 Seiten und ist ein eigenständiges Werk. Die Formen variieren von Lyrik über Prosa und Essay, bis hin zu szenischen Texten.

    Thorsten Krämer, Die Abkürzung
    Biografisierte Erzählung, 47 Seiten
    Hier kann man das erwerben.

    Es gibt 144 Exemplare, ich habe das 29. Vielleicht ist das auch bei dem Buch so wie bei meinem eigenen, hinten und vorne sind sie mit sich identisch und an allen anderen Stellen individuell. So hat meine Ausgabe nur 47 Seiten, obwohl alle anderen angeblich 48 haben. Solche Dinge sind rätselhaft, aber gerade darin sehr reizvoll.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    19 Mai 2012

    „Unverkennbar genauso schauderhaft und böse“

    „Die Drehung der Schraube“ von Henry James

    Die Novelle The turn of the screw ist das wohl bekannteste Werk Henry James‘. Der Text lässt zwei deutlich auseinanderfallende Lesarten zu, ist also sehr offen für seine Interpretation. Auf der einen Ebene wird eine Gespenstergeschichte erzählt und auf der anderen die Geschichte eines erstaunlichen Wirklichkeitsverlustes. Dass diese beiden Ebenen so nah nebeneinander liegen und sich dennoch auszuschließen scheinen, ist das eigentlich gespenstische.

    Die erste Geschichte ist, wie die meisten Geschichten, die nicht von der Handlung leben, schnell erzählt. Die Ereignisse sind lange vorüber, eine Gouvernante hat sie als junge Frau erlebt, als alte Frau hat sie es aufgeschrieben und das Manuskript einem Bekannten übergeben, der es seinerseits auf dem Totenbett an jemanden weitergibt. Jahre vorher wurden diese Aufzeichnungen einer illustren Gesellschaft vorgelesen, mit dem Zusatz, dass es das Gruseligste sei, was man sich denken könne. Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive berichtet.

    Die junge, namenlose Gouvernante nimmt ihre erste Stellung auf dem Land an, wo sie die beiden Kinder Flora und Miles beaufsichtigen und erziehen soll. Deren Eltern sind verstorben und der erziehungsberechtigte Onkel will mit den beiden nicht behelligt werden. In dem Landhaus leben noch einige Bedienstete, vor allem die Haushälterin Mrs Grose. Das Haus mit dem Garten und dem angrenzenden Park ist eine geradezu paradiesische Landschaft, in die allerdings das Grauen einbricht. Die Vorgängerin der Gouvernante, Miss Jessel, ist auf mysteriöse Weise verschwunden und dann verstorben. Verstorben ist auch der Diener Peter Quint. Bei beiden soll es sich, nach Aussage von Mrs Grose, um ruchlose Personen gehandelt haben und andeutungsweise wird hier auf ein Verhältnis der beiden hingewiesen. Die beiden Toten erscheinen der Gouvernante mehrfach, allerdings auch nur ihr. Sie steigert sich nach und nach immer weiter in diese Sache hinein. Sie ist davon überzeugt, dass Miss Jessel an Flora und Peter Quint an Miles heranwill. Diese Überzeugung verstärkt sich soweit, dass sie schließlich sogar meint, die Kinder seien mit den beiden Erscheinungen – also mit den Toten und natürlich mit dem Bösen – im Bunde. Auf dem Höhepunkt der Entwicklung kommt zu einer Konfrontation zwischen der Gouvernante, Flora, Mrs Grose und Miss Jessel; mit dem allerdings irritierenden Umstand, dass keine Spur von Miss Jessel zu sehen ist. Die beiden erkennen in dieser Situation den Wahn der Gouvernante. Flora wird daraufhin krank und fährt mit der Haushälterin ab. Die Gouvernante bleibt mit dem Jungen vor Ort, wo es dann zu einer weiteren Konfrontation zwischen ihr, Peter Quint und Miles kommt. Am Ende liegt der Junge tot in ihren Armen: „Wir waren allein mit dem friedvollen Tag, und sein kleines Herz hatte, der Macht des Bösen entrissen, aufgehört zu schlagen.“ Damit endet die Novelle. Der Text findet also nicht, in die, wie immer man das verstehen will, Wirklichkeit zurück, zu jenem Abend, da die Gesellschaft am Kamin sitzt und das Manuskript vorgelesen bekommt. Eine Wirklichkeit, die verbürgen könnte, dass es sich bei der Erzählung um eine Geschichte gehandelt hat.

    Die zweite Geschichte, die des Wirklichkeitsverlustes der Gouvernante, ist die interessantere. Die Gouvernante hat, das weiß sie, eine gewisse Neigung für Erscheinungen, sie spricht von ihrer „schrecklichen Anfälligkeit für Eindrücke dieser Art“, sie sagt von sich, dass „mich ein Verlust dieser Fähigkeit, die Erscheinungen zu sehen, weit mehr beunruhigen würde als ihr Erhalt“ und sie spricht von ihrer eigenen „fixen Idee“ und erkennt, dass sie unter einem „Zauberbann“ steht. Das wird nicht weiter spezifiziert und hindert sie vor allem auch nicht, diese Idee immer weiter in Szene zu setzen, wie ein Regisseur ein Theaterstück inszeniert. Sie ist sehr reflektiert und befragt nahezu ununterbrochen ihr Tun. Aus jeder dieser Selbstbefragungen resultiert dann eine weitere Drehung der Schraube. Sie lässt nicht locker, sie schraubt nie zurück, sondern zieht sie immer weiter an. Das könnte man eine Wahnstruktur nennen, da es dem Subjekt nicht mehr möglich ist, sich selbst in seinen wahnhaften Handlungen zu erkennen. Der Verstand hat keine distanzierende, sondern eine dienende Funktion.

    Sie macht sich ihre eigene Sensibilität für solche Dinge zunutze, die Phantasie läuft ein Stücken voraus. Sie überlegt sich eines Abends wie es wohl wäre, jetzt einem Mann zu begegnen. Und natürlich – „ – von einem Entsetzen erfüllt, wie es noch kein Alptraum in mir je ausgelöst hatte -, war der Eindruck, meine Phantasien seinen unversehens Wirklichkeit geworden“ -  trifft sie in diesem Moment auf ihn. Vor allem weiß sie sich der intellektuell und emotional deutlich ungelegeneren Haushälterin auf eine geradezu perfide Weise zu bedienen. Im scheinbaren Miteinander, im Gespräch und in der Beratung, in der Zuneigung der beiden Frauen macht sie Mrs Grose zu einem willenlosen Instrument, sodass die immer genau das tut, was die Gouvernante von ihr erwartet. Durch ihre Überlegungen und mittels ihrer Fähigkeiten, den neuen Entwicklungen genau jene Neigung zu geben, die es braucht, um die ganze Angelegenheit immer weiter zu steigern – vielmehr, um im Bild zu bleiben, zu kippen – vermag sie es mit traumwandlerischer Sicherheit Mrs Grose für ihre Zwecke einzuspannen. Als sie ihr Peter Quint beschreibt, den sie nie lebend gesehen hat, tut sie das im Grunde genau nach den Vorgaben von Mrs Grose: „Als ich daraufhin an ihrem Mienenspiel erkannte, dass sie, zu ihrer großen Bestürzung, aufgrund dieses Hinweises erste Umrisse eines Bildes ausgemacht hatte, fügte ich rasch Pinselstrich um Pinselstrich hinzu.“

    Auffallend ist, dass die Gouvernante immer vollkommen sicher ist über die Bedeutung des eigenen Mienenspiels wie die des anderen. Sie weiß mit absoluter Sicherheit, was andere denken und fühlen. Sie ist niemals im Zweifel über deren Reaktionen und Empfindungen, sie „weiß“, „spürte sogleich“ etc.. Im Grunde genommen unterscheidet sie gar nicht zwischen den eigenen Gefühlen und denen der anderen. Jedes Wort wird Mrs Grose im Mund herumgedreht, bis es genau jene Bedeutung hat, die es von Anfang an für sie selbst hatte. Aus diesem Grund versteht sie auch nicht, dass sie andere manipuliert. In gewisser Weise manipuliert sie nicht einmal, weil ihr keine Absicht unterstellt werden kann, sie selbst ist vielmehr die erste, die ihren Illusionen erliegt. Immer wieder gelingt es ihr, die Haushälterin dazu zu bringen, eigene Gedanken und Vermutungen auszusprechen, denen sie dann nur noch zustimmen muss.

    Die Gouvernante kommt auf den Gedanken, dass die Kinder sie hintergehen. Während Flora nichts anderes tut als sich altersgemäß zu verhalten, nämlich zu spielen, ist sie der festen Überzeugung, Miss Jessel sei im Raum und Flora wisse dies, „wolle mich aber glauben machen, sie sehe sie nicht, während sie gleichzeitig und ohne sich etwa anmerken zu lassen, zu ergründen trachtete, ob ich meinerseits die Frau sähe! Es war ein Jammer, dass ich mir die ominösen kleinen Manöver erneut vergegenwärtigen musste, mit denen sie meine Aufmerksamkeit abzulenken suchte – ihre merklich gesteigerte Geschäftigkeit, der größere Spieleifer, das Geträllere, das Daherplappern von Unsinn und die Aufforderung, mit ihr herumzutollen.“

    Auch die außerordentliche Schönheit der Kinder ist von wichtiger Bedeutung. Ihrer Verzweiflung setzt die Gouvernante immer deutlicher die Kinderwelt entgegen: „Sie war erfüllt vom Märchenzauber des Kinderzimmers und der Poesie des Schulzimmers.“ Auffällig ist die permanente Anwesenheit der Erotik, die Kindern werden nahezu ununterbrochen geküsst und in den Arm genommen; eine Erotik die dadurch sogleich wieder verleugnet wird, indem die Kinder aus der menschlichen Sphäre herausgehoben werden, engelsgleiche Schönheiten, ja sogar gottgleich. Damit ist die Unschuld auch immer gleich wiederhergestellt. Die Gouvernante versteht die Zurückweisungen durch die Kinder nicht und als Miles ihr deutlich sagt, dass er in Ruhe gelassen werden will, reagiert sie mit verstärkter Zärtlichkeit. Sie erkennt zwar, dass sie ihre beiden Schützlinge wie Gefangene hält, aber sie erkennt nicht, dass sie damit genau jenem Bild entspricht, dass sie selbst von Miss Jessel und Mr Quint zeichnet, die über ihren eigenen Tod hinaus, an den Kindern festhalten. Ebendies tut sie auch, wenn sie am Ende den Jungen, über seinen Tod hinaus, in den Armen hält, ihn an sich drückt und sich selbst wohl an ihn klammert.

    Es wird unablässig, nahezu auf jeder Seite, mit Gegensätzen gearbeitet – das schöne Antlitz des Jungen und das eigene hässliche Gesicht; das Grauenvolle und das Köstliche, das Sehen das Aufklärerische und das Unverständliche und Rätselhafte, der „Zauberbann“ den die Kinder auf sie ausüben, der „zauberhaften Sommer“ wird kontrastiert wird mit einem „Albtraum“, von „Entsetzen“ ist die Rede. Das Ganze wird wiederholt als „Grauen“ bezeichnet, aber es scheint sich gar nicht so anzufühlen, die Gouvernante nimmt das sogar sehr sportlich, von großer Furcht jedenfalls ist nicht viel zu spüren. Vielleicht besteht dieses Unheimliche gerade darin, dass es dieses Unheimliche gar nicht gibt. Von Entsetzen wäre nicht die Spur, wenn es nicht permanent als das bezeichnet würde. Das gespenstische ist weniger die Anwesenheit dieser beiden Toten, es geht keinerlei Bedrohung von ihnen aus und man merkt sehr schnell, dass es lediglich die Wahrnehmungen der Gouvernanten sind, Das gespenstische ist, inwieweit die Wahrnehmung der Wirklichkeit zurücktreten kann und die Umstände, die einzelnen Teile eines Puzzles, wahnhaft neu gelegt werden können. Die Nähe von ‚normaler‘ und ‚wahnhafter‘ Wahrnehmung ist erschreckend.

    Zu den interessantesten Bedingungen gehört, dass die Sache aus der Perspektive der Gouvernante erzählt wird, also aus der befangenen Ichperspektive mit der Hellsicht der späteren Jahre, da die Ereignisse lange vorüber und, so steht zu vermuten, vielfach überdacht und beleuchtet worden sind. Aber auch aus dieser gereifteren Position der Erzählerin, die sich immer sehr genau erinnern kann, kommt es niemals dazu, das Erlebte in Frage zu stellen. Auch hier wird Reflexion nicht als eine Fähigkeit verstanden, sich selbst kritisch zu erkennen, sondern immer als eine Art Verstärkung der Emotionalität. Da ist niemals der geringste Zweifel am eigenen Tun und Denken.

    Ich habe mich nicht gegruselt bei dieser Gespenstergeschichte, aber ich grusele mich bei der Vorstellung, so ganz und gar man selbst und nur man selbst zu sein wie es diese Frau ist, in deren Welt nichts und niemand eindringen kann.

    Ich hatte einmal vermutet, dass William Faulkner vieles von dem, was er geschrieben hat, nicht bewusst, nicht in voller Absicht getan habe. Ich glaube einfach, dass er zu jenen Autoren gehört, deren Schriften auch davon leben, dass ihren Verfassern nicht jede Regung bewusst war. Henry James gehört meiner Auffassung nach zu der anderen Sorte Autoren. Der Text ist hochgradig durchgearbeitet und sehr artifiziell gehalten. Die Personen müssen ihm vollkommen klar vor Augen gestanden haben. Ich bin beeindruckt, aber ich glaube, dass ich selbst zu der andere Gruppe gehöre.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    23 April 2012

    Guy de Maupassant – „Der Horla“

    Guy de Maupassant ist einer der großen französischen Erzähler des 19. Jahrhunderts. Neben Romanen hat er vor allem Novellen geschrieben, die zum Ende seines Lebens immer düsterer wurden. Im höheren Alter hatte er gesundheitliche Schwierigkeiten, vor allem psychischer Natur, Angstzustände und Halluzinationen. Er hatte Angst, verrückt zu werden und wurde es dann auch. Der Horla ist einer dieser späten Novellen. Der Ich-Erzähler ist ein namenloser, gut situierter Mann unbestimmten Alters, alleinstehend und alleinlebend: ein Landhaus, eine Handvoll Bedienstete, Verwandte in Paris. Ein Mensch ohne Arbeit und auch ohne Geldsorgen. Einer, der nicht viel zu tun hat und womöglich leicht auf dumme Gedanken kommt. Arbeiten gehen und Geldsorgen haben: das hat auch Vorteile.

    Diese Geschichte sind seine tagebuchartigen Aufzeichnungen, die sich über ein halbes Jahr erstrecken. Sich Mitte Mai ausgesprochen wohlbefindend, liegt er im Liegestuhl im Garten in der Nähe von Rouen in der Normandie und blickt auf die Seine, wo er zwei Schiffe aus England und eins aus Brasilien sieht. Von da an fühlt sich unwohl, er schläft schlecht, er hat Alpträume, in denen jemand auf seiner Brust hockt und das Leben aus ihm heraussaugt. Diese Entwicklung, die als unspezifische Bedrückung beginnt und sich zur Beängstigung steigert, verschlimmert sich, sodass er sich auf die Reise begibt, zum Mont-Saint-Michel. Dort spricht er mit einem Mönch über die Welt, die voller unsichtbarer und unbegreifbarer Dinge und Ereignisse ist. Einigermaßen beruhigt kommt er nach Rouen zurück. Sein Zustand verschlimmert sich, sodass er erneut aufbricht, dieses Mal nach Paris. Dort macht er die Bekanntschaft eines Arztes, der die allerneuste Entdeckung vorführt, die Hypnose. Er hypnotisiert eine Cousine des Mannes und befiehlt ihr, bevor er sie aufweckt, sich am nächsten Tag Geld von ihrem Cousin zu leihen. Am darauffolgenden Tag kommt sie tatsächlich zu Besuch. Die Sache ist ihr ungeheuer peinlich, sie kann es sich auch nicht erklären, ist aber, obwohl sehr wohlhabend, felsenfest davon überzeugt, dringend Geld zu benötigen. Erneut hypnotisiert und den Bann gebrochen, kann sie sich die Bitte um Geld nicht mehr erklären. Sie kann sich nicht einmal erinnern.

    Wieder zurück in der Normandie, eskaliert das Geschehen. Der Mann ist davon überzeugt, dass sich ein Wesen in seiner Nähe befindet, das seinen Willen übernimmt und ihm Dinge eingibt, die er nicht will. Er will erneut abreisen, kann es aber nicht. Das Wesen macht mit ihm, was es will. Als er einmal entkommen kann, flüchtet er sich in die Bibliothek und leiht ein Buch über Geistererscheinungen aus. Weiter kommt er nicht, das Wesen – der Horla – hat ihn wieder entdeckt und zwingt ihn nach Hause auf seinen Landsitz zurück. In einer Zeitungsmeldung liest er über eine Epidemie von Wahnanfällen in Rio des Janeiro und meint, dieselben Symptome bei sich erkennen zu können. Im Mai hatte er einen brasilianischen Dreimaster auf der Seine gesehen, auf dem dieses Wesen offenbar nach Europa gekommen ist. Er beschließt, den Horla zu töten, bestellt einen Schlosser und lässt sich eiserne Läden vor Fenster und Türe machen. Durch einen Trick schließt er das Wesen ein. Dann legt er Feuer. Er steckt das Haus an, vergisst allerdings, dass seine Bediensteten noch darin sind. Sie verbrennen auf das Jämmerlichste. Ob das Wesen allerdings ebenfalls tot ist, darf mit den letzten Sätzen der Novelle als unwahrscheinlich gelten.

    Der Bericht besteht nur aus den Tagebucheinträgen des Mannes, aus seiner Innenperspektive. Austausch mit anderen Menschen hat er beinahe nur in Mont-Saint-Michel und in Paris. Es gibt folglich kein Korrektiv zu den eigenen Wahrnehmungen. Und diese Sinneswahrnehmungen stehen im Zentrum seiner Aufmerksamkeit: „Wie tief ist dieses Mysterium des Unsichtbaren! Wir vermögen es nicht mit unseren jämmerlichen Sinnen zu ergründen, nicht mit unseren Augen, die das allzu Kleine noch das allzu Große, weder das allzu Nahe noch das allzu Ferne wahrzunehmen vermögen, weder die Bewohner eines Sterns noch die Bewohner eines Wassertropfens“. Indem er diese Enge und Beschränktheit seiner natürlichen Wahrnehmungen beklagt, öffnet er sich für andere, größer oder kleiner, im vorliegenden Fall, sozusagen genau dazwischen liegend und durch die eigenen Sinne hindurch schlüpfend.

    Die ‚Beweislage‘ für die Anwesenheit eines anderen Wesens ist nicht sonderlich gut. Die wenigen indirekten Beobachtungen taugen kaum, dessen Realität zu bezeugen: der Mann meint, weil eine Rose vor seinen Augen abknickt, das Wesen habe sie abgebrochen; er meint, weil die Seiten eines Buches umblättern, das Wesen würde im Buch lesen (die Franzosen nehmen an, dass überall im Universum und in seinen Zwischenräumen Französisch gesprochen und gelesen wird). Nachts steht eine Karaffe Wasser in seinem Zimmer und morgens ist sie leer. Zur Kontrolle bindet er die Karaffe mit weißem Musselintuch zu, schwärzt sich mit Kohle den Bart und findet am nächsten Morgen die Karaffe ausgetrunken, das Tuch aber weiß und unberührt. Das ist allerdings kaum als Beweis tauglich, weil der Mann zu diesem Zeitpunkt schon vollkommen überzeugt ist, dass das Wesen um ihn herum ist. Und selten, nehme ich an, ist man so überzeugt von etwas wie im Wahn. Die Wirklichkeit, behaupte ich, ist ja nicht sonderlich überzeugend! Das ist der große Mangel, der fundamentale Einwand, den man gegen die Wirklichkeit erheben könnte: Sie ist einfach nur vorhanden. Überzeugend wird sie erst, wenn sie sich, auf die eine oder andere Weise verdichtet.

    Der Mensch besitzt das Organ für die Wahrheit nicht und muss den Schein für Realität nehmen. Vielmehr ist der Schein die Realität. Das ist ein altbekanntes Problem: man kann nur die Dinge erkennen, die man kennt, die ins Raster des bekannten Erkennens fallen. Deswegen hat es alles Neue so schwer. Und deswegen weiß man auch nicht, ob die Phantasien des Mannes nicht vielleicht das Bekannte nehmen – ein allgemeines Unwohlsein, die Mangelhaftigkeit der menschlichen Sinne, ein Spiegel, der etwas zeigt, was er nicht zeigen kann, einen Willen, der nicht dem eigenen Ich gehorcht – und das dann neu ordnet und arrangiert. In Paris sieht er wie die hypnotisierte Cousine eine Visitenkarte in die Hand hält und darin wie in einem vermeintlichen Spiegel das hinter ihr Liegende sieht. Als er später in einen Spiegel schaut und sich nicht darin sieht, meint er, das Wesen erkennen zu können, das ihm die Sicht verdeckt. Und nicht seine eigenen Überspanntheit. Ein Spiegel kann, sollte man meinen, nur die Welt abbilden, nichts wegnehmen und nichts hinzufügen.

    Zeichen psychischer Gesundheit, ja vielleicht sogar Zeichen des Menschseins überhaupt, ist der freie Wille. Ein fremder Wille, das erzählt diese Geschichte, okkupiert den eigenen. Geht das überhaupt? Ist der freie Wille so vollkommen frei und so vollkommen identisch mit sich, dass man einmal von einem freien und einmal von einem unfreien Willen sprechen kann? Woher wollen wir wissen, dass der freie Wille der eigene, der unfreie Wille jedoch der fremde ist? Und ist nicht die Angst einer jener Zustände, da der eigene, der sogenannte freie Wille eingeschränkt ist? Außerdem: in der Angst davor kann etwas eine sehr konkrete Gestalt annehmen. Diese Gestalt ist sozusagen die Angst.

    Der Mann jedenfalls meint, dem Willen des Wesens ausgeliefert zu sein und erst als er entdeckt, dass sein unsichtbares Gegenüber Angst hat – Angst: wie er selbst – als es menschliche Züge zeigt, meint er, es überwinden zu können. Mit den letzten Sätzen hat er dann allerdings seine eigene Angst nicht überwunden. Die eigene Angst ist stärker als die des unbekannten Wesens. Und so sieht es dann aus, als ob nicht die Frage war, wer das überlegenere der beiden Wesen ist, der Mensch oder der Horla, sondern, wer seine Angst hat überwinden können.

    Es scheint so zu sein, dass eine gewisse Empfänglichkeit für die Phänomene sie tatsächlich erst hervorrufen. Der Autor hatte Angst verrückt zu werden und wurde es dann auch.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    06 April 2012

    „Liebe machen und Schreiben“

    „Die sechzigjährige und der junge Mann“ von Nora Iuga

    Nora Iuga wird in der rumänischen Literatur zur den Oneiristen gezählt. Ihr bekanntester Vertreter ist Dumitru Ţepeneag, die Gruppe geht aber, soweit ich weiß, auf Miron Radu Paraschivescu zurück. Die in dieser Tradition stehenden Autoren berufen sich auf eine nicht eindeutige Trennung von realer und imaginärer Welt. Eine Welt, in der Traum und Delirium ähnliche Wahrheitskriterien mitbringen können wie die Wirklichkeit. Der Oneirismus - oneiros : Traum – war, ist sogar noch immer, das Beispiel für den Widerstand gegen die Kollaboration mit dem Regime, dessen Vorstellungen von Literatur das dumpfe Lob des Vorhandenen war. Solche Vorstellungen – nämlich zu Zuflucht zu einer Welt, die vollständig inexistent ist – die in Direktiven formuliert wurden, werden hier außer Kraft gesetzt: Revoluţia onirică părea un maximum al eliberărilor – Die oneirische Revolution schien ein Maximum an Befreiung zu sein (1). Nora Iuga sagte einmal, der Oneirismus sei das, was im Wasserhahn noch vom Surrealismus übrig war. Man zählt die inzwischen etwa achtzigjährige Autorin außerdem zu den Anhängern der Quasi-Literatur, was man am besten mit lyrischer Prosa übersetzt und wozu ich noch einen gesonderten Eintrag machen werde.

    Sexagenara și tânărul – Der Text hat zwei Ebenen. Eine erste, die erotische, in leicht anrüchiger Variante: eine ältere Frau, die  einen deutlich jüngeren Mann begehrt. Erotik und Sexualität waren in Rumänien während der Diktatur Tabuthemen. Nachdem die Diktatur gefallen war, fielen dann auch die Hüllen und in den Jahren danach probierten und experimentierten nicht wenige, vor allem der jüngeren Generation einen eher vulgären Stil. Zu diesem Zeitpunkt waren allerdings in jenem Teil Europas, den ich als offenen bezeichnen möchte, Sex & Drugs schon wieder passé. Jedenfalls als literarische Themen. Die weibliche Hauptfigur hat Besuch von einem jungen Mann. Die scheinbare Unterhaltung ist ein Monolog, ein Selbstgespräch, das immer wieder den appellierenden Tonfall annimmt. Er sagt kein Wort, ist ungreifbar und hinter seinen grünen Augen undurchdringlich, unverstehbar, unerreichbar. Dass das nicht die reine Wirklichkeit ist, wird recht bald deutlich, wiederholt ist die Rede davon, dass er lediglich ihrer Phantasie entspringt. Er ist eine fiktive Figur. Am Ende des Textes ist von der „Perversion des Fiktiven“ die Rede: Perversion als eine Verschiebung des Genießens, wo der Genuss echt, seine Voraussetzungen hingegen falsch sind. Ein Zustand also, in dem man nicht mehr zwischen echt und unecht, wahr und falsch unterscheiden kann. Wir haben es mit einer Struktur zu tun, die man als eine oneirische bezeichnen darf.

    Das ist die erste, eigentlich banale Ebene. Das Begehren, die Lust auf einen anderen Menschen. Diese Banalität wird deutlich thematisiert. Die ältere Frau pflegt ihre alte Mutter, sie füttert die Katze, geht einkaufen, schwitzt unter den Armen und wenn sie aufs Klo geht, pinkelt sie so leise wie möglich, weil sie sich für das Geräusch vor dem schönen Mann schämt. Die Protagonistin ist unübersehbar das alter ego der Autorin: „die grand dame der rumänischen Lyrik“. Aber auch das Leben einer berühmten Lyrikerin ist in vielen Dingen alltäglich und gewöhnlich. Man ist nicht ununterbrochen berühmt, sondern nur, wenn mindestens einer zuschaut. Es ist, so bedauerlich das sein mag, nicht die eigene Arbeit oder die eigene Leistung, die einen berühmt macht, sondern es sind die anderen, die diese Arbeit loben. Streng genommen ist es die Arbeit oder das Werk, das berühmt wird, nicht die Urheberin. Auf dieser persönlichen Ebene ist das ein sehr mutiges und offenes Buch. Diese Offenheit auf der ersten Ebene ist zentral, wenn es um die zweite geht.

    Diese zweite Ebene ist das Schreiben, vielmehr die Verbindung zwischen Leben und Schreiben, das hier zur Literatur wird. Die Protagonistin erzählt dem jungen Mann ihr ganzes Leben. Sie hat deutsche Literatur studiert, war Lehrerin für Deutsch, hat Romane und Lyrik geschrieben, bei Zeitungen gearbeitet. Auch hier ist der Text sehr autobiografisch gehalten: es ist das eigene Leben, mit dem Nora Iuga hier einsteht! Sie hat Germanistik studiert und arbeitete bei den deutschsprachigen Zeitung „Neuer Weg“ und „Volk und Kultur“, sie arbeitet als Übersetzerin und hat Günther Grass Blechtrommel übersetzt, Paul Celan, Herta Müller, Elfriede Jelinek, Oskar Pastior und viele andere. Die Protagonistin kennt sie alle, der halbe rumänische Literaturbetrieb wird erwähnt, die meisten deutlich mit Namen angesprochen, andere, sagen wir die Konkurrentinnen, etwas versteckter: Ana Blandiana, Gabriela Adameșteanu und Herta Müller; die Rumänen ebenso wie die Deutschen. Diese zweite Ebene ist eine Geschichte der rumänischen Literatur in den Jahren vor dem Ende der Diktatur. Und für mich ist das die interessantere und spannende Ebene.

    Das wird gestaltet anhand der beiden Freundinnen Terry und Anna. Anna ist die Protagonistin. Sie ist es, die erzählt. Zumindest ist sie es manchmal. Sie ist es und sie ist es nicht. Die Erzählerin erzählt mal aus der Perspektive Annas, sie sagt „Ich“ und dann spricht sie wieder in der dritten Person von sich. Diese Perspektive wechselt häufig, sie kann sogar innerhalb eines Satzes wechseln, so dass das sprechende Subjekt mal sich selbst, dann aber wieder eine der beiden Freundinnen meint. Mal ist sie die Erzählerin, mal die erzählte Figur. Auch das hat eine Struktur, die man ohne Weiteres dem Oneirismus zurechnen kann.

    Terry und Anna, die einander ähnlich sind, von Anfang an Freundinnen, die die Liebe zur Literatur teilen, die zu den Männern und bisweilen auch die Männer selbst; die ähnliche Lebenswege haben und die sich doch in den Jahren voneinander entfernen. Sie arbeiten bei denselben Literaturzeitschriften, aber langsam bekommt die Freundschaft einen Riss. Terry will Karriere machen und fängt an, sich an das System anzupassen, sie schläft und arbeitet sich nach oben. Terry schreibt Prosa, Anna Lyrik. Terry hat Erfolg, auch im Ausland und während der Stern der einen aufsteigt, geht der der anderen unter: Anna wird mit Publikationsverbot belegt, sie hat Schwierigkeiten in den Redaktionen und wird mehrfach entlassen. Terrys Weg führt nach oben, sie tut immer das Richtige, sie passt sich an, wenn es nötig ist- Sie leistet Widerstand, wenn sie es sich erlauben kann und der Schaden sich als berechenbar erweist: wenn der Verlust sich so dosieren lässt, dass er später wieder in einen Gewinn verwandelt werden kann. Manche Menschen, nicht nur die, die in Diktaturen leben, sind in solchen Berechnungen außerordentlich gewandt. Andere wie Anna können das nicht und wollen sich um keinen Preis vereinnahmen lassen: ni gaie, ni triste. Wie Nora Iuga, die nach der Veröffentlichung ihres zweiten Gedichtbands - Captivitatea cercului – Gefangen im Kreis – sieben Jahre nichts publizieren durfte. Terry passt sich in ihrer Literatur an, in ihrem Kleidungsgeschmack und in ihrem Verhalten. Das ist ein Verhalten, das Anna nach eigener Aussage gar nicht zur Verfügung stünde. Ein Unterschied auch, der den zwischen Prosa und Lyrik markiert: „Prosa kann man auch mit Intelligenz schreiben, die Lyrik braucht den Instinkt.“ Intelligenz kann sich anpassen, Instinkt offenbar nicht.

    Während die männliche Figur beinahe von Anfang an als ein Phantasieprodukt Annas bezeichnet wird, ist das Verhältnis der beiden Frauen komplexer, vielleicht schwerer zu enthüllen, sodass erst am Ende deutlich wird, was die beiden Frauen miteinander verbindet: „Woher stammt dieser wortlose Konflikt zwischen mir und Terry. Ich denke oft, dass sie geworden ist, was aus mir hätte werden sollen, und umgekehrt. Vielleicht gibt es uns eigentlich nur als zwei Hälften eines gemeinsamen Ganzen. Vielleicht rede ich eigentlich von mir, wenn ich von ihr rede, ich verpasse ihr mein verdorbenes Gesicht, um die ganze Wahrheit über mich sagen zu können, ohne mich bloßzustellen. Ich will, dass man das weiß, und gleichzeitig, dass es unerkannt bleibt. Immer gut hinter jemand anderem versteckt, schreie ich aus vollem Hals, denn mit diesen boshaften Verdrehungen beehre ich nicht nur sie, ich vergreife mich an allen, die ich kenne, oder ich erfinde sie, wenn ich von mir erzähle.“

    Es geht hier darum, wie man sich in einem repressiven System verhält in dem schätzungsweise 200.000 Menschen durch den Geheimdienst umgebracht wurden. Es geht vor allem um die beiden letzten Jahrzehnte vor der Wende – man teilt das in Rumänien in Jahrzehnte ein – es geht um die achtziger und die neunziger Generation. Es hatte eine Zeit der Entspannung gegeben, bis Nicolae Ceaușescu 1971 in China und Nordkorea war, danach ging es für den einen – den Conducător  – aufwärts und für alle anderen abwärts. In diesen beiden schlechtesten Jahrzehnten für die Bevölkerung dreht sich, vor allem bei den Schriftstellern, alles um das Verhalten zum Staat. Die beiden großen Alternativen – innere und äußere Emigration – stehen nicht allen in allen erdenklichen Varianten zur Verfügung (siehe auch hier). Es geht um die Möglichkeiten literarischen Widerstands – rezistenţa literară -, um Emigration – emigraţie, emigraţiune –, Flucht – refugiu – Vertreibung – alungarea, abandonarea, expulzarea – und Verbannung – exilare, surghiunire, expulzare -.

    Nora Iuga beschreibt nicht nur die rumänischen, sondern auch die deutschen Dichter, Rolf Bossert beispielsweise, den sie als den genialsten empfindet, der von der Securitate bestialisch zusammengeschlagen wurde, der in die Bundesrepublik Deutschland ausgereist ist und zwei Monate später tot auf dem Pflaster unter seinem Fenster liegt, unter bis heute wohl nicht gänzlich geklärten Umständen. Sie erzählt von Hodjak und Söllner, manche erwähnt sie hier nicht, obwohl oder weil das ihre späteren Übersetzer sind. Man kennt sich, die Rumänen und die Deutschen. Die Deutschen – vor allem die Mitglieder der Aktionsgruppe Banat – sind irgendwann alle in Deutschland (auch dies müsste ein eigener Eintrag werden) und oft als Übersetzer rumänischer Literatur tätig, was den Rumänen zugutekommt. So ist Nora Iuga heute in Deutschland beinahe angesehener als in Rumänien, wo sie, wie sie in einem Gespräch mit Anke Pfeiffer erzählt – in Sinn und Form, 2007, Nummer fünf – nicht einmal mehr zu dem Personenkreis zählt, der vom Schriftstellerverband für Übersetzungen vorgeschlagen wird.

    Auf die Frage, was sie am liebsten tue, antwortet Terry einmal: “Liebe machen und Schreiben”. Auf der ersten, der erotischen Ebene ist das ein mutiger, auf der zweiten Ebene, der des Schreibens, ist es ein wichtiger Text. Auf der dritten Ebene hingegen, der Verbindung dieser beiden anderen, gefällt er mir nicht so gut. Für mein Empfinden herrscht zu lange eine gleichbleibende Nähe und Intensität der beiden Ebenen vor und beide nehmen sich gegenseitig die Möglichkeit zur Entwicklung. Aus der Liebesgeschichte hätte mehr als eine Masturbationsphantasie werden müssen oder aus der Literaturgeschichte mehr, als dass die beiden Frauengestalten womöglich ein- und dieselbe sind. Es hätte ein Übergewicht der einen über die andere Ebene geben sollen – das Lieben über das Schreiben oder umgekehrt – statt beide schließlich untergehen zu lassen. Das ist jedenfalls mein Gefühl bei der Sache.

    Über das Literarische hinaus hat das Buch natürlich etwas, was mich sehr berührt. Wenn man einen Ort kennt, dann verwandelt er sich. Er hört auf totes Gebäude, tote Universität, tote Straßen und toter Stein zu sein. Weil man ihn mit eigenen Erlebnissen und Erinnerungen belebt. Ich kenne die Orte und die Straßen in Sibiu und in Bukarest. Ich bin tausend Mal am Izvor und Grozăveşti ausgestiegen, wenn ich vom Gara de Nord kam, und hundert Mal bei Titan. Ich kenne die Calea Victoriei, die Stirbei Voda und das Cotroceni-Viertel, die Humanitas Buchhandlung. Ich kenne die Orte und ich kenne die Mentalität der Rumänen, sich, wenn es irgend geht, durchzuwurschteln. Das ist auch ein wesentlicher Grund, warum es zur Zeit der Diktatur so wenig Zivilcourage gegeben hat und nahezu keine Dissidentenbewegung. Das wurde und wird sehr kontrovers diskutiert zwischen denen, die gegangen sind, die gegangen worden sind, und denen, die nicht haben gehen können, die nicht gehen wollten.  Ich kenne all die Orte  in diesem Roman, in diesem oneirischen inneren Monolog,  diesem Gewebe, und ich weiß, was man fühlt, wenn man einen Mann Dimi nennt. Auch wenn er anders heißen könnte, ist man froh, dass er genau so heißt, weil sich doch nichts auf der Welt so formulieren lässt wie diese vier Buchstaben.

    Hier können Sie noch andere Stimmen hören, vielmehr sehen. Kann man, werden Sie fragen,  Stimmen sehen?  Das muss jeder für sich entscheiden. Ich jedenfalls kann das.

    (1) Ungureanu Cornel, La Vest de Eden. O introducere în literatura exilului. Timişoara: Editura „Amarcord“, 1995, S. 256.





    04 Februar 2012

    „Der Glühfaden einer Lampe im Vakuum der Birne“

    Daniele Del Giudice, Der Atlas des Westens

    Der Autor scheint in Deutschland nahezu unbekannt.  Das er dennoch nicht vollständig unbekannt ist, ist Cornelia Klettke zu verdanken, Professorin für Romanistik. Sie gilt als die große Del Guidice Interpretin und hat die maßgebliche Monografie verfasst: Attraverso il segno dell’infinito – Il mondo metaforico di Daniele Del Giudice). Der Autor hat einen sehr ungewöhnlichen Text geschrieben, ein Kentaur, halb Geschichte und halb Experiment. Da ich keine Rezensionen schreibe, sondern mich mit Texten auseinandersetze, will ich versuchen, dem vorliegenden durch eine ebenfalls möglichst experimentelle Versuchsanordnung gerecht zu werden.

    Im Hintergrund des Romans steht das wohl größte Experiment, das je von Menschen ersonnen wurde und das unter dem Namen CERN bekannt ist: Ein sogenannter Teilchenbeschleuniger. Dort werden atomare Teilchen auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt, um sie miteinander kollidieren zu lassen. Von den Ergebnissen dieser Zusammenstöße erhofft man sich Rückschlüsse auf die Verfasstheit von Materie im Allgemeinen und vor allem auf jenen Moment, als sie verfasst wurde: der Bing Bang. Nun versteht natürlich kein Mensch, was in dem dreißig Kilometer langen Tunnel wirklich passiert. Keiner außer den Physikern. Die meisten Physiker können gut rechnen, aber nicht gut erklären und so greifen in ihrer Not dann zu Bildern, die der Sache nicht gerecht werden: Züge fahren nicht mit Lichtgeschwindigkeit, im Atomkern sieht es nicht so aus und im Sonnensystem nicht so . Möglicherweise sieht es da sogar gar nicht aus, weil Aussehen etwas ist, was nur mittelgroße Gegenstände haben: zum Aussehen muss ja das Auge hinzukommen, das sieht. Und das sieht vielleicht nur ihm ähnliche Dinge: ‘Das Auge erkennt die Sonne nur, weil es selbst sonnenhafter Natur ist’. Es kann weder Atomkerne erkennen noch Universen.

    Der Autor hat er einen anderen Ansatzpunkt. Er lässt einen Physiker des CERN mit einem Schriftsteller kollidieren und schaut sich die Trümmer, also die Ergebnisse an. Das ist ein Experiment: die Personen scheinen nur in der Gegenwart zu existiere, im Moment der Kollision. Keiner erinnert sich an außerhalb der beschriebenen Ereignisse Liegendes. Einzige Ausnahme: der Schriftsteller, der in einem Brief ankündigt, dass er das Schreiben aufgibt. Er erinnert sich, wie er damit begann, Anfangs- und Endpunkt seiner Tätigkeit. Der Kreis wird geschlossen. Diese Zeitlosigkeit geht allerdings ein wenig auf Kosten der anderen Hälfte dieses Romans: seiner erzählerischen Tiefe. Die Figuren sind nicht sehr dicht gezeichnet, sie haben keine Konflikte, sind immer freundlich, sie antworten wenn sie gefragt werden und meistens tun sie es „lächelnd“. In einem Roman ohne jedweden Experimentalcharakter – was immer das ist, es muss präpoststrukturalistisches Erzählen gewesen sein – wäre das sehr eintönig. Aber das hier ist ein Experiment. Das beinahe schon gestelzte dieser wenigen Szenen wirkt gewollt. Del Giudice will, unterstelle ich ihm, offenbar keine Geschichte erzählen. Er will nur den Moment, in dem die Teilchen aufeinander prallen. Er will beobachten, was dann passiert.

    Gerade eine Handvoll Personen begegnen einander in ebenso vielen Szenen. Die beiden Protagonisten – der italienische Physiker Pietro Brahe, der am CERN arbeitet, im Ring, im Karussell, und der Schriftsteller Ira Epstein – stoßen beinahe mit zwei Sportflugzeugen zusammen. Vielmehr versucht Epstein Brahe in der Luft zu rammen. Später werden sie, statt sich zu streiten oder zu prügeln, Freunde. Die beiden Männer treffen sich bei einigen Gelegenheiten, einmal ist Rüdiger dabei, der Arbeitskollege Brahes, und Gilda, die für Epstein archivarische Arbeiten vornimmt; Gilda und Pietro treffen eine Verabredung und küssen sich vorsichtig; Brahe entdeckt im Laufe seines Experimentes etwas möglicherweise Bahnbrechendes; Epstein fährt aus Genf ab, Brahe kommt zur Verabschiedung an den Bahnhof. Das ist die Geschichte. Darum kann es wohl nicht gehen.

    Es geht vielmehr um das Sehen. Es geht um das Licht. Es geht darum, was Brahe sieht, wenn er in den Tunnel schaut, wenn er auf seinen Bildschirm schaut, wo diese Ereignisse visualisiert werden, wenn er die Datenmengen, die Zahlenkolonnen anschaut. Und es geht darum, was Epstein sieht, wenn er Menschen beobachtet, wenn er einen Roman schreibt und Verhältnisse konstruiert. Aber es geht nicht darum, das eine dem anderen gegenüberzustellen und als mehr oder minder realitätsgerecht zu beschreiben. Es geht Del Giudice darum, nehme ich an, Ähnlichkeiten oder Intensitäten zu pointieren. Er bemüht dabei nicht den Topos, dass Kunst und Naturwissenschaften gemeinsame Wurzeln haben, dann aber getrennte Wege gegangen sind; in getrennte Tunnel geschickt worden sind und heute von Wissenschaftlern unterschiedlicher Provenienz beobachtet werden.

    Die beiden Höhepunkte dieser minimalistisch konstruierten Erzählung, die sprachlich und stilistisch am besten ausgearbeiteten Stellen, finden sich in der Beschreibung eines Feuerwerks durch Epstein und der Beschreibung jener entscheidenden Nacht im CERN, da Brahe und seine Kollegen einen „Kandidaten“ sehen: ein Kandidaten für ein mögliches Ergebnis. Das Feuerwerk wird – durch Epstein nämlich – so beschrieben, wie man eigentlich erwarten würde, dass der Physiker Brahe die Ereignisse in dem Tunnel beschreibt. Während Brahe diese große Nacht so beschreibt wie man annehmen müsste, dass Epstein einen Roman schreibt: indem er vor allem beschreibt, wie die Menschen sich fühlen, die dabei sind und woran sie sich später erinnern würde. Jeder der beiden greift also in die Kategorie des anderen!

    Epstein, das Feuerwerk beschreibend, spricht von sphärenförmigen Granaten, „die der Reihe nach explodierten, enorme Kugeln aus gelben Sternen, die enorme Kugeln aus grünen Sternen gebaren, die enorme Kugeln aus violetten Sternen gebaren, oder Sternchen, die so rot waren wie das Rot des Spektrums, in dessen Richtung sich das Licht der sich wahrscheinlich ins Unendliche entfernenden Galaxien verschiebt, sofern das Universum offen ist, oder Kugeln aus Sternen, die so blau waren wie das Blau des Spektrums, in dessen Richtung sich das Licht der Galaxien verschiebt, sofern das Universum geschlossen ist und sie von dessen äußerem Rand abprallen und zurückkehren.“

    In der entscheidenden Nacht im Teilchenbeschleuniger stehen alle Physiker um Pietro Brahe und Rüdiger: Die Nacht, in der sie Ergebnisse ihres Experiments sehen. Hier wird beschrieben, woran man sich, im Moment des Geschehens!, erinnern wird, wenn es vorüber ist. Es wird eine Vergangenheit in der Zukunft beschrieben, eine Zeit, die in mehrfacher Hinsicht nicht ist. Dennoch, oder vielmehr: deswegen hat der Text hier eine beeindruckende Intensität. Auffallend ist, dass sich keine der Personen an sich selbst erinnern wird. Jeder erinnert sich vielmehr an einen der anderen. Nicht das eigene Erleben ist das, was diesen Moment ausmacht und intensiviert, sondern das des anderen. Und das – genau das! – machen Schriftsteller_innen: sie verschieben ihr eigenes Erleben auf andere. Sie schieben es damit aber nicht von sich weg, sondern intensivieren es.

    Das ist ein Roman über die Wahrnehmung, über Licht und Sehen und um die Grenzen dieser Begriffe – die Grenzen der Semantik – das sogenannte Hintergrundgeräusch: „so bezeichneten sie inzwischen, ohne eine Grenze zwischen Akustik und Optik zu ziehen, jegliche Störung einer klaren Wahrnehmung.“ Diese Störung ist im Grunde schon im Experiment selbst angelegt, es ist keine Störung, es ist eine Überschneidung, das Experiment ist der Detektor, „wobei sie mit einem einzigen Wort Maschine, Intentionen und eventuelle Resultate bezeichneten, in jener eigenartigen und absoluten Relation, wo alles gleichzeitig Determinat und Determinant war, er selbst nicht ausgeschlossen.“ So nennen es die Physiker, die Sprachwissenschaftler seit de Saussure nennen es Signifikat und Signifikant. Die Dinge sind beides zu gleicher Zeit, wir selbst, die den Dingen einen Sinn verleihen, nicht ausgeschlossen.

    Die Physik und die Literatur, das ist die Ähnlichkeit zwischen den beiden Disziplinen, beschäftigen sich mit Dingen, die im strengen Sinne nicht wirklich sind. Die Literatur hat dafür die Bezeichnung „fiktional“. Die Physik muss aus Datenmengen zurückrechnen und sich vorstellen, wie das, was die Daten nur beschreiben, ‚wirklich‘ gewesen sein könnte. Auch das ist eine imaginative und fiktionale Leistung. Sie unterscheiden sich hingegen darin, dass die Physik das Paradigma eines rein objektiven Geschehens ist, während es kaum ein Paradigma größerer Subjektivität gibt als die Kunst. Bei den Physikern, und ich kenne einen sehr gut, vor allem bei denen an Teilchenbeschleunigern, ist der Nobelpreis permanent Thema, die stehen nicht an einem Morgen auf, ohne sofort an den Nobelpreis statt ans Frühstück zu denken. Bei Schriftstellern ist das nicht der Fall, ich kenne jedenfalls keinen, der daran denkt. Am Ende bekommt Epstein, darf man annehmen, diesen Preis auf den Brahe und seine Kollegen, darf man ebenfalls annehmen, spekulieren. Auch hier haben wir ein umgekehrtes Verhältnis, vielmehr einen Chiasmus, den ich als eine Möglichkeit, Verhältnisse zu intensivieren beschrieben habe.

    Diese Struktur, dass beide in das Begriffsregister des anderen greifen, bereitet das besonders gelungene Ende des Romans vor, wo Ira Epstein Dinge sieht, die er nicht sehen kann!- und so die Theorie des Nobelpreisträgers Wang bestätigt, der sagte, man sähe die Dinge zuerst als Absicht und dann als Resultat -, oder die er nur sehen kann, weil sich verschiedene Kategorien überschneiden. Er sieht jene Szenen der Handlung, bei denen er nicht dabei gewesen ist. Er sieht, wie sich Brahe mit Wang trifft, er sieht Brahe mit Gilda –wenige Zeilen voller Zärtlichkeit – , er sieht Brahe nach der entscheidenden Nacht im Teilchenbeschleuniger, auf dem Weg zum Bahnhof, um ihn, Epstein zu verabschieden und er hört ihn zu sehen auf, als Brahe dann tatsächlich auf ihn zukommt! Was der Leser dann nicht mehr sieht, was aber dennoch da ist, was der Literaturwissenschaftler sieht – zuerst als Absicht und dann als Resultat! – das ist die Möglichkeit, dass Epstein, wenn er aufhört die Dinge zu sehen, wenn sie ‚da‘ sind, sie auf jene spezielle Weise der Schriftsteller_innen gesehen hat: er bildet sie sich ein. Nicht nur jene Szenen, bei denen er nicht dabei ist. Und er kann damit aufhören, wenn die Dinge “da” sind. Wenn er sie niedergeschrieben hat.

    Im Original lautet der Titel Atlante occidentale. Ich halte die wörtliche Übersetzung Atlas des Westens für alles andere als gelungen. Was in den Sprachen mit großer Nähe zum Lateinischen mitklingt, ist das ex oriente lux, das Licht aus dem Osten. Dem stellt del Giudice ein ex occidentale lux gegenüber, das Licht aus dem Westen: die Spuren kollidierender Teilchen im CERN. In diesem Roman will Epstein ein Buch schreiben mit dem Titel: Atlas des Lichts, wo wir es wahrscheinlich mit diesen Gegenüberstellungen zu tun hätten. Sein erstes Buch hatte den Titel: Atlas der Gangarten. Atlas, das wissen Sie alle, ist der, der die Welt auf seinen Schultern trägt, verweist also auf eine andere, ältere Vorstellung von der Verfasstheit der Welt, jenseits atomarer Strukturen. Diese Opposition von Ost und West, traditioneller und moderner Coleur, von verschiedenen Ausprägungen von Licht, diese Andeutung einer Gegenüberstellung: das kann man dem deutschen Wort Westen nicht entnehmen. Das gesamte Assoziationsgefüge des Titels wird unterschlagen und es wird auch kein anderes dafür geboten, nicht einmal durch das Cover: der Schutzumschlag zeigt eine Spielzeugeisenbahn (welch ein Glück, dass ich ein schöneres Cover habe!).

    Wir haben einen vielfachen, scheinbar unmotivierten Wechsel zwischen Perfekt und Präsens, bisweilen sogar im gleichen Absatz. Ich formuliere nur meine Vermutung, ohne das lange herzuleiten: Im Perfekt haben wir es mit der Versuchsanordnung zu tun, im Präsens mit den Ergebnissen.

    Daniele Del Giudice ist ein Autor, der in hohem Maße sein Material durchdrungen und auch durchgearbeitet hat. Bei diesem Buch war für mich sehr deutlich zu spüren, was ich oft schon bemerken konnte: indem ich darüber schreibe, komme ich auf seine Spur. Beim Lesen war das lange nicht so spannend wie beim Schreiben. Aber das ist ja auch in guten Seminaren so: man geht sehr viel reicher hinaus als man herein gekommen ist.

    In den kommenden Tagen reiche ich noch einzelne Bemerkungen zum Text nach, die hier nicht hineingepasst haben.

    Daniele Del Giudice
    Der Atlas des Westens
    Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl
    Hanser Verlag, Roman 208 Seiten, 14.90 €
    ISBN 978-3-446-14618-1

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    04 Januar 2012

    „I would prefer not to“

    Am liebsten lese ich Romane. Geschichten mag ich nicht so gern, Kurzgeschichten, Erzählungen oder Short Stories. Allerdings sind die leichter zu lesen als ihre dicken Verwandten. Wahrscheinlich sind sie auch leichter zu schreiben und vor allem leichter zu verstehen. Damit haben wir schon drei Gründe, die gegen diese Textgattung sprechen!

    „Bartleby, der Lohnschreiber“ ist wohl die bekannteste Erzählung von Herman Melville. Diese Geschichte ist zum Zeitpunkt der Erzählung bereits vergangen und in ihrer Entwicklung abgeschlossen. Sie wird dem Leser aus der Perspektive eines älteren, namenslosen Anwalts berichtet, der sich als wenig ehrgeizig, aber zuverlässig bezeichnet. Bartleby war einer seiner Angestellten, zuständig für das Kopieren von Akten. Seinen Aufgaben kommt er einige Tage lang in vorbildlicher Weise nach: „Er betrieb sein Geschäft Tag und Nacht, kopierte bei Sonnenschein und Kerzenlicht“. Dann allerdings hört er sukzessive zu arbeiten auf und beantwortet alle Nachfragen mit derselben Antwort, die ein wenig variiert, aber nie erklärt oder begründet wird: „Es ist mir eigentlich nicht genehm“. In einer anderen Übersetzungen steht „Ich möchte lieber nicht“. Das Original lautet: „I would prefer not to“. Er verweigert sich der Arbeit. Dem Anwalt, obwohl keineswegs ein kalter und berechnender Vertreter der Gattung Mensch, bleibt nach verschiedenen Versuchen ihn zur Arbeit zu bewegen, nichts anderes übrig als Bartleby zu entlassen. Da der Schreiber aber außer den Räumen der Kanzlei keinen anderen Aufenthaltsort hat, geht er eben nicht. Mehrfach scheitert der Versuch, Bartleby zum Verlassen der Räume zu bewegen. So zieht schließlich der Anwalt mit seiner Kanzlei um und Bartleby bleibt als Vermächtnis dem nächsten Mieter. Auch dann kümmert sich sein Mentor noch um ihn. Der Schreiber aber beantwortet weiterhin alle Einlassungen seines Gönners mit der stereotypen Bemerkung: „I would prefer not to“. Schließlich lässt ihn der Hausherr wegen Hausfriedensbruch in die Tombs einliefern. Auch dort ist ihm sein Mentor noch zugetan. Bartleby allerdings hat nur diese Antwort auf alle Invektiven: „I would prefer not to“. Wenige Tage später stirbt er. Der Anwalt, der etwas über die Motive dieses Menschen erfahren möchte, findet heraus, dass sein ehemaliger Schreiber vorher bei der Post gearbeitet hatte, in der Abteilung für unzustellbare Briefe, ein, wie es im Englischen heißt, Dead Letter Office.

    Auffallend sind zwei gegenläufige Tendenzen, nennen wir sie Gleichartigkeit und Differenz oder Gemeinschaft und Abgeschiedenheit, Anziehung und Abstoßung.

    Zur ersten Tendenz gehört der hohe Grad an Übereinstimmung zwischen Arbeitgeber und Angestelltem. Beide Figuren schienen keinerlei Privatleben zu haben. Nicht nur Bartleby hat keine Kontakte zur Außenwelt, auch sein Arbeitgeber hält sich beinahe nur in der Kanzlei auf. Außer einem Besuch der Trinity Church, der dann nicht zustande kommt, erfahren wir nichts über sein Privatleben. Als er einmal mehrere Tage nicht zur Arbeit geht, heißt es von ihm, „Während dieser Zeit lebte ich eigentlich fast ausschließlich in meinem Kutschwagen.“ So wie sein Angestellter ausschließlich in den Räumen der Kanzlei lebt. Nur einmal ist von seinem Zuhause die Rede, am Schluss, als die Zuneigung des Anwaltes – sagen wir lieber: die Gleichartigkeit zwischen den beiden Männern – ihren Höhepunkt erreicht und er seinem Angestellten anbietet, mit zu ihm nach Hause zu kommen. Die Ähnlichkeit betrifft nicht nur die Menschen, sondern auch die Räumlichkeiten: das spätere Gefängnis und die Kanzlei werden mit ähnlichen Worten beschrieben, der Blick ist beschränkt von Ziegelmauern.

    Die gegenläufige Tendenz ist die Andersartigkeit. Die Kanzlei ist durchdrungen vom Geist der Ambivalenz. Die beiden Angestellten werden als sprunghaft in ihrem Verhalten beschrieben, der eine ist vormittags zuverlässig, was Punkt zwölf ins Gegenteil umschlägt, der andere ist zur selben Zeit unzuverlässig, Mittags schlägt auch er ins Gegenteil. Ihre alternierenden „Launen“ werden allerdings als „sinnig“ bezeichnet: es kommt zu einem Gleichgewicht. Auch der Anwalt ist von dieser Ambivalenz geprägt. Zu welchem Verhalten er sich gegenüber Bartleby auch durchringt, immer spricht etwas dagegen. Sodass er schließlich gar nichts unternimmt. Er denkt über Bartleby nach, aber er kann sich nicht zu einem Verhalten durchringen und ringt er sich schließlich doch durch, setzte er es nicht um. Setzt er es aber um, kommt es zu keinem Erfolg. Er liest zwei Bücher mit gegenläufigem Inhalt „Über den Willen“ und „Über die Notwendigkeit, kann sich aber erneut nicht durchringen und glaubt schließlich, dass genau dies sein Schicksal sei. Diese Ambivalenz wird kontrastiert durch das Verhalten Bartlebys. Zwar ist es unverständlich, weil es keinerlei Einsicht oder Introspektion in die Figur gibt; aber von Unsicherheit, Zweifeln oder Zögern, von einer vorübergehenden Laune kann nicht die Rede sein. Er scheint seiner Sache absolut sicher.

    Bartlebys Schicksal scheint von Anfang an klar: „bläßlich adrett, bemitleidenswert anständig, rettungslos verloren“, heißt es bei seinem ersten Auftritt. Er arbeitet einige Tage, dann beginnt er mit seiner Verweigerung, die ohne Ausnahme als sehr „sanft“ bezeichnet wird. Er gibt keine Erklärung für sein Verhalten. Aber er ist nicht umzustimmen, nicht durch Argumente und auch nicht durch das Verständnis des Anwalts, also durch die Artikulation der Gemeinsamkeit. Was den Anwalt irritiert, so scheint es, ist das Fehlen der sonst allgegenwärtigen Ambivalenz. Es sieht geradezu so aus, als habe der Schreiber eine Art Recht, ein Naturrecht, so zu sein und sich so zu verhalten, obwohl es gegen alle Vernunft spricht. Er ist sich scheinbar seiner Sache absolut sicher, bis in den Tod. Es gibt keinen erkennbaren Zweifel, für den Anwalt nicht und für den Leser auch nicht. Es ist eine generelle, unerklärliche Verweigerung, die immer weiter um sich greift, vom Korrekturlesen über das Kopieren bis zum Essen und schließlich in einer Lebensverweigerung endet.

    Der Anwalt kann dieses Verhalten nicht interpretieren, er hätte ihn bereits eher vor die Türe gesetzt, „wäre ich etwas normal Menschlichem darin gewahr geworden“. So wird ganz konsequent Bartleby schließlich auch beschrieben als „Kreatur“, „Gespenst“ und „Inkubus“. Nun ist die Ablehnung aller Tätigkeiten sicher kein Grund, einem Menschen das menschliche abzusprechen. Es sei denn, das genuin menschliche wäre für den Anwalt eben jener Zwiespalt: Ambivalenz als das Zeichen des Daseins. Als man ihm am Ende andere Arbeitsmöglichkeiten anbietet, lehnt der Schreiber diese Angebote dreimal mit den Worten ab: „ich bin nicht wählerisch“. Er ist es sogar so wenig, dass er überhaupt nicht wählt. Wählen kann man auch nur dann, wenn man zwischen zwei Dingen wählen kann. Wenn alles eindeutig ist, ist eine Wahl tatsächlich nicht möglich.

    Briefe, die keinen Adressaten haben, sind Dead Letters: Was einer einem anderen mitteilen wollte, das findet zu dem zweiten nicht hin und zum ersten nicht zurück. Es braucht beide Pole, den Sender und dem Empfänger, damit es zu einem Austausch kommen kann. Briefe, die keinen Adressaten und keinen Absender haben, die nirgendwoher kommen und nirgends hingehen, die keine Vergangenheit und auch keine Zukunft haben.

    Die Räumlichkeiten der Kanzlei sind in zwei Teile geteilt und obwohl Bartleby zu den Angestellten gehört, wird er in jenem Teil untergebracht, in dem der Anwalt sitzt, hinter einem Paravent, und „auf diese Weise waren, sozusagen, Abgeschiedenheit und Gemeinschaft in eins gebracht“. Das ist das Menschsein: „Abgeschiedenheit und Gemeinschaft in eins gebracht“. Das ist sozusagen die Ambivalenz: wir sind immer beides, manchmal sogar beides zugleich. Wir sind in bestimmten Dingen und Umständen von den anderen abgeschieden, wir sind vereinzelt und wir sind immer auch Teil einer Gemeinschaft, einer Bürogemeinschaft, einer Glaubensgemeinschaft oder auch nur der Gemeinschaft der Menschen. Wir gehen nie vollständig in der Vereinzelung oder in der Gruppe auf.

    Man könnte das auch etwas provokanter formulieren (das Blog liegt ja schon seit einiger Zeit recht tot herum, vielleicht kann ich noch mal einen oder einen anderen aufrütteln mit einer provokanten These; aber wer richtig tot ist, lässt sich vermutlich auch nicht mehr mit These zum Leben provozieren) : Wer sich nicht widersprüchlich verhält, sondern eindeutig, der ist nicht zu verstehen. Weil Verständnis zwar auf der Grundlage einer Gemeinsamkeit funktioniert, der hier genannten ersten Tendenz, – wenngleich das Wort im Deutschen nicht allein einen intellektuellen, sondern auch einen emotionalen Bedeutungshof hat, der allerdings hier nicht gemeint ist – wichtiger aber ist zweite Tendenz: die Differenz.

    Das Eindeutige kann gar nicht verstanden werden, weil die Grundlage eines jeden Verständnisses die Möglichkeit ist, es misszuverstehen! Ich sage nicht, dass das richtig ist, ich sage bloß, dass das provokant ist. Wenn ich hier bloß richtige Dinge formulieren müsste, könnte ich ohne Schwierigkeiten hundert Einträge am Tag einstellen. Aber das ist ja ein Blog für Fortgeschrittene. Die einfache Trennung von richtig und falsch ist eben etwas für Anfänger.

    Bei Kommentaren: beide Worte eingeben.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    und zwar soeben.





    19 August 2011

    „Manchmal täuscht sich der Schmerz“

    „Vernarbte Herzen“ von M. Blecher

    Wie bei Dieter Forte ist auch hier ein Aufenthalt im Sanatorium das Thema. Ich sagte in meiner letzen Auseinandersetzung mit M. Blecher, er hatte keine Zeit, sich andere Themen zu suchen. Krank, todkrank beinahe von Anfang an, konnte er nur das zum Thema erheben, was ihm begegnete. Und da war in erste Linie der Aufenthalt in Kliniken für Knochentuberkulose. Blecher verbrachte sein Leben im Liegen.

    Bei Emanuel, der in Paris studiert, wird die Pott`sche Krankheit diagnostiziert. Sein Vater kommt aus Rumänien angereist und bringt den Sohn nach Berck, in ein an der französischen Kanalküste gelegenes Sanatorium. Schon bei der Ankunft erkennt Emanuel, dass dieses Städtchen geprägt ist von denen, die hierher kommen, um ihre Krankheit auszukurieren. Und das tun sie im Liegen. Überall in der Stadt sind von Pferden gezogene Wagen unterwegs, auf denen die Kranken liegen. Die Therapie ist vorwiegend konservativ – Antibiotika und Penicillin waren noch nicht entdeckt, respektive nicht einsatzfähig – und besteht vor allem aus an der frischen Luft liegen und sich möglichst wenig dabei bewegen. Was Emanuel am Bahnhof allerdings noch nicht sieht, bald aber am eigenen Leib zu spüren bekommt: die Kranken werden eingegipst und dann in so genannte Schienbetten gelegt. Sie werden bewegungsunfähig gemacht und sind vollständig auf das Pflegepersonal angewiesen, die ihre Betten durch die Klinik schieben.

    Emanuel lernt andere Kranke kennen. Manche sind schlimmer dran als er. Die Tuberkulose hat bei einigen die Halswirbelsäule ergriffen, der Gips arretiert also auch den Kopf. Sie kommunizieren mit der Umgebung, indem sie sich einen Spiegel vor das Gesicht halten. Sie lächeln nicht einen anderen Menschen an, sie lächeln in den Spiegel. Einer der Patienten ist Ernest. Er allerdings gehört zu einer speziellen Kaste: Lange geheilt, können sie die Klinik nicht verlassen. Wir begegnen auch hier einer Figur, die im Roman von Dieter Forte präsent gewesen ist und auch in den Kommentaren eine große Rolle gespielt hat: dass die Welt da draußen für die von drinnen nicht die Erlösung vom Leiden ist: „Die Genesung ist ebenso unerbittlich wie die Erkrankung.“ Viele ehemalige Kranke bleiben in Berck, sie lassen sich später im Dorf nieder. Ärzte, Apotheker und Krankenpfleger, sie alle sind ehemalige Patienten.

    Zu denen, die nach der Genesung nicht mehr in die Welt zurück gefunden haben, gehört auch Solange. Ihr Mann hatte sie wegen ihrer Erkrankung verlassen. Auch das müssen die Kranken, die Jahre um Jahre dort liegen und vielleicht nie wieder aufstehen, bitter lernen: dass die Welt da draußen nichts mehr mit ihnen anfangen kann. Emanuel lernt Solange kennen und verliebt sich in sie, in ihren schönen, gesunden Körper. Oder sie verliebt sich in ihn. Er verliebt sich in ihre Liebe. Liebe ist bekanntlich ein ziemliches Durcheinander. Mit dem Oberkörper im Gips, bewegungsunfähig auf dem Rücken liegend, ist der Vollzug dieser Liebe aber alles andere als befriedigend. So wird Emanuel Solanges Liebe und vor allem ihrer Ergebenheit schnell überdrüssig.

    Er fleht vor ihr in ein einsames in die Dünen, wo eine reiche Amerikanerin eine Villa am Strand besitzt. Sie kommt jedes Jahr nach Berck. Ihr Mann litt ebenfalls an der Pott´schen Krankheit und ist auch an ihr verstorben. Emanuel verbringt den Sommer dort in der Villa, wo sie mit ihrem Sohn und der Haushälterin wohnt. Eines Tages muss er in die Klinik, um den Gips „auszuziehen“. Er trifft Solange, die äußerlich ruhig ist, aufgrund der Trennung aber innerlich geradezu verblutet. Emanuel zeigt sich unwillig. Sie lässt ihn gehen. Am nächsten Tag schreibt sie ihm Brief, in dem sie ihren Tod anzeigt. Es ist auch der Todestag von Monsieur Tils. Alle sind auf dem Friedhof, Emanuel kann sich alleine in seinem Gips nicht bewegen, er kann keine Hilfe rufen. Mitten in der Nacht kommt Solange in der Villa vorbei. Sie zeigt alle Anzeichen der Verrücktheit. Sie ist mit Schlamm besuhlt, ihr Kleid hängt in Fetzen herunter, in der einen Hand hat sie einen alten, verfaulten Schuh und in der anderen einen toten Vogel. Emanuel ist über diesen Auftritt erbost, Solange ist anhand seines Verhaltens „zutiefst gedemütigt“. Er ist ihr gegenüber kalt und gleichgültig. Draußen gibt es ein schweres Gewitter, er aber fragt lediglich: „Wann gehst du?“. „Er hörte ihre draußen sich entfernenden Schritte und danach einen lauten und langgezogenen Donnerschlag, wie Kanonenfeuer. Einen Augenblick lang dachte er, der Blitz könne Solange getroffen haben, aber statt ihn traurig zu stimmen, belebte ihn dieser Gedanke.“

    Es sind nicht die menschlichen Bindungen, die eine Intensität des Textes ausmachen. Im Gegenteil, die mangelnde Intensität der Bindungen intensiviert den Text. Emanuel erscheint hartherzig. Auch das ist der Krankheit geschuldet. Er fühlt sich wie ein nur „flüchtig verleimter“ Mensch; mit sich selbst und mit den anderen. Diese Kranken haben nicht nur vernarbtes Gewebe, sie haben vernarbte Herzen. Emanuels Freund Quitonce stirbt, er aber ist nicht bei ihm. Isa stirbt und er ist in der Stunde ihres Todes nicht bei ihr. Die Beziehung zu Colette in Paris, mit der er eine „hygienische Liebe“ gemacht hat, endet belanglos, sie verbschieden sich nicht einmal. Auch die Beziehung zu Solange endet ohne emotionale Beteiligung Emanuels. Das sind keine echten, intensiven und emotionalen Freundschaften oder Liebesbeziehungen. Das sind einfach Verhältnisse zu anderen.

    Auch in diesem Text finden wir, was man, wollte man eine Analyse des Textes vornehmen, vielleicht zu einer Poetik Blechers ausarbeiten könnte: die Struktur der Gegensätzlichkeit. Quitonce stirbt mit einem Lachen.

    „Es war ein derart entsetzliches Lachen, daß man es nachts bis in Emanuels Zimmer hören konnte. Im gesamten Sanatorium widerhallte sein zersprungenes und grausames Echo wie das Heulen eines Tieres, und es endete in abgehackten, beängstigenden Salven. Tatsächlich, das Lachen eines leidenden Pojaz, eine bittere Heiterkeit, die einem qualvoll das Herz zusammenschnürte.
    Emanuel sprach am nächsten Tag mit dem Arzt darüber.
    -Manchmal täuscht sich der Schmerz, erklärte ihm Doktor Cériez. Statt einen Schrei auszulösen, entzündet er auf der gleichen Nervenbahn den Zugang zur Heiterkeit … Man könnte von einer unsichtbaren Hand sprechen, die sich im Schalter irrt.  … Es handelt sich um den gleichen Strom, der da fließt, aber wenn er ans Ende gelangt, verwandelt er sich in Gelächter und nicht in eine Schmerzensgrimasse …“

    Die vielleicht beeindruckendste Szene ist ein Gespräch zwischen Emanuel und der schwerkranken Isa. Ihr Bein fault, sie aber glaubt noch kurz vor der Amputation, dass alles in Ordnung sei. Sie spielt mit ihrer Gouvernante Karten und ist der felsenfesten Überzeugung, dass sie nicht um Punkte, sondern um Zeit spielt. Um Lebenszeit.

    „- Ich erkläre es dir, begann Isa von neuem. Aber du darfst es niemandem sagen, ich bitte dich … niemandem … Ich spiele jeden Tag mit Celina Karten, wir tun so als spielten wir um nichts, aber ich spiele in Gedanken um Tage … um Lebenstage … So viele Punkte wie ich von ihr gewinne, um so viele Tage verlängert sich mein Leben … und von ihrem Leben werden sie abgezogen. Verstehst du?
    Sie begann fiebrig zu lachen, und zuckte beunruhigt, als hätte sie ihre Bewegungen nicht mehr ganz unter Kontrolle.
    _Gerade heute morgen habe ich ihr noch einmal 314 Tage abgenommen … Was sagst du dazu? Fast ein Jahr … Sie weiß natürlich nichts davon … deshalb nimmt sie zusehends ab, während ich immer besser aussehe …
    Sie hatte vollends die Kontrolle verloren. Mit gespreizten Fingern zerwühlte sie sich die Haare und fuhr sich über das Gesicht.
    - Ich rechne damit, ihr eines Tages alle ihre Lebenstage abzunehmen … so dass sie plötzlich, noch an meiner Seite, erschöpft vornüberfällt und tot ist … Wie eine jener Puppen, die man aufbläst und aus denen dann ganz langsam alle Luft  entweicht, wenn man das Ventil öffnet … Ja … ja. ich werde gewinnen.
    Sie schwieg einen Augenblick lang und sage dann aufgeregt:
    - Weißt du, warum ich gewinnen werde? … Eigentlich ist dies ein Geheimnis … Hörst du … Weißt du warum? …
    Vor Aufgeregtheit konnte sie kaum noch atmen.
    - Weil ich … weil ich trickse, platzte sie heraus.
    Nun glühte sie, ihre Wangen loderten, die Hände flatterten unruhig.
    - Wenn ich geheilt bin … werde ich Tänzerin … Heute sage ich dir alles, Emanuel, ich werde nackt mit dir tanzen …
    Sie entsetzte sich plötzlich über das, was sie gesagt hatte, und ohrfeigte sich selbst.“

    Der Sommer neigt sich seinem Ende zu. Solange wird wohl ihre eigenen Wege gehen. Man weiß es nicht. Quitonce und Isa sind tot. Madame Tils geht zurück nach Amerika und auch Emanuel verlässt den Ort. Er geht in die Schweiz, ins nächste Sanatorium. Am Ende sitzt er im Zug und schaut aus dem Fenster: „In der Ferne verschwand die Stadt wie in sinkendes Schiff in der Dunkelheit.“ Ernest, der nach vielen Jahren der Krankheit wieder in Paris ist, schreibt einen Brief an Emanuel, in dem es heißt “Aber du weißt wohl, dass genau die Gefühle, die am sinnvollsten wären, im wirklichen Leben verboten sind.“ Wenn wir einmal unterstellen, dass es sich bei dieser Äußerung nicht nur um eine einzig der Figur zu subsumierenden Einsicht handelt, sondern insgesamt gelten kann, dann müsste man so weit gehen zu sagen, dass es eben doch das wirkliche Leben ist, das die Kranken leben. Dass sie leben, auch wenn sie nicht wissen, was das Leben eigentlich ist. Ja, vielleicht ist das sogar die unabdingbare Voraussetzung.

    Hier, wie in „Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit“, ist der Begriff von Wirklichkeit für den Text von erheblicher Relevanz. Die Gleichzeitigkeit von verschiedenen Strebungen kennzeichnet Blechers Begriff von Wirklichkeit. Er spricht von einer widerwärtigen Realität, die dann herrscht, unterstelle ich, wenn eine der beiden Strebungen in ihr überhandnimmt. Das sind, soweit ich sehe, immer Strebungen, die gleichzeitig vorhanden sind, und die man auf die Gleichzeitigkeit von Leben und Tod zurückführen könnte. Wirklichkeit wäre dann, wenn die Realität, die bloße Vorhandenheit, und die Irrealität, die, sagen wir, phantastische Seite der Sache, oder sagen wir ihre Fiktionalität, Sache zu einem ausgewogenen Verhältnis finden. Das sind hier bloße Vermutungen. Ich setzte mich mit dem Begriff der Wirklichkeit bei Blecher nach der Lektüre des ausstehenden Buches „Beleuchtete Höhle“ auseinander.

    Das ist eine schöne Formulierung, sie gefällt mir, je länger ich sie im Ohr habe, umso besser. Die Hoffnung, die man im Leben haben kann und haben sollte: dass der Schmerz sich manchmal täuscht. Der Zugang zur Heiterkeit findet, laut Blecher, auf derselben Nervenbahn statt wie der Zugang zum Schmerz. Und einen Zugang zur Heiterkeit, das gehört im Leben zu den bedeutsamsten Dingen. Denn die Dinge, die in der Wirklichkeit sind, sind nicht auf eine bestimmte Weise, arretiert nämlich. Sie sind vielmehr offen für eine Bedeutung. Eine Bedeutung, die sie nicht von Natur aus haben, die sie nicht mitbringen, sondern die wir ihnen verleihen müssen.

    M. Blecher, Vernarbte Herzen
    Aus dem Rumänischen und mit einem Nachwort von Ernest Wichner
    Bibliothek Suhrkamp 2006, 221 Seiten
    ISBN: 978-3-518-22399-4

    Bitte beim Captcha beide Worte eingeben. Es wird eines Tages besser werden. Oder noch schlechter. Dann müssen drei Worte eingegeben werden. Von denen nur zwei vorgegeben werden. Das dritte müssen Sie selbst finden. Wir werden noch richtig kreativ.

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