10 Juli 2011
Rezensierte Gedichte und andere: „wesentlich aufgelöst und gebildet“
Ich hatte Anfang des Jahres angekündigt, dass ich mich vermehrt um Lyrik, vor allem aber um Literatur aus Rumänien bemühen werde. Das hat gedauert, in diesem Jahr dauert alles etwas länger, dafür geht die Zeit schneller vorbei. So kommt‘s wieder ins Lot.
Dass ich mir ein nahezu unauffindbares Druckwerk, „Rezensierte Gedichte“ von Günther Schulz vornehme, hat auch biografische Gründe. Schulz kommt aus Siebenbürgen, aus derselben Ecke wie ich auch. Er hat diese Ecke verlassen und ist ins runde Berlin übergesiedelt, wie ich auch. Er beschäftigt sich mit Identität, wie ich auch. Es sind sowohl lebensgeschichtliche als auch literaturwissenschaftliche Interessen, die nach persönlicher, kultureller Identität als auch nach der eines Sprachkunstwerks fragen.
Günther Schulz hat Theologie und in diesem Rahmen auch Philosophie studiert. Vielleicht, oder sogar gewiss nicht, weil er werden wollte, was er dann vorübergehend wurde, Pfarrvikar nämlich, sondern weil man in Rumänien, und daher kommt er, an dieser Fakultät fast unbehelligt, und, was in repressiven Systemen weit wichtiger ist, fast unbeschattet bleibt und man dort noch unter natürlichem Lichteinfall studieren und sich bilden kann: lumen naturale, lumen supranaturale.
Der Sammlung Gedichte ist sozusagen ein Vorwort mitgegeben, Lektürehinsicht nannte man das einmal, ein mehrseitiger essayistischer Text, der dem Band den Namen gibt, indem er die Gedichte rezensierte nennt. Und der in der Überschrift bereits anklingen lässt, worum es dann auch sich dreht: Re-Zensur. Was sie aber streng genommen nicht sind. Er, Günther Schulz, greift vor – oder nach -, indem er, was andere womöglich übersehen, wenn sie die Exponate „nur“ ästhetisch genießen wollen, da sie den Zusammenhang nicht verstehen, in dem sie entstanden sind und auf den sie reagieren. Sie sind 1968 / 69 in Rumänien geschrieben. Ein Jahr später ist Günther Schulz in die Bundesrepublik ausgewandert. Von Wandern kann allerdings nicht die Rede sein: er ist geflogen. Er hat von seinem Land und seinen bekanntesten Vertretern, von Herrn Ceauşescu und der Securitate, einen Tritt in den Hintern bekommen. Und eine Spritze in den Arm. Auch wenn die Flüssigkeit in der Spritze wohl keinen Wirkstoff – oder „contre la variole“ ein Antipocken-Wirkstoff – enthalten hat, die Wirkung, dass man vor Angst stirbt, die hatte es dennoch. Angst, die bei manchen, die ähnlich behandelt wurden, lebenslang nicht abgebaut werden konnte. 1971 erschien dieser Band Gedichte in einer vom LCB herausgegebenen Edition.
Der Autor geht in seinem Vorwort, in seiner dem eigenen Werk, den Produktionsbedingungen und dem Produkt nachstellenden, einer Rezeption vorauslaufenden Rezension, auf den möglichen Einwand des Lesers ein, einer anscheinend fehlenden kritischen Auseinandersetzung mit den politischen Verhältnissen der damaligen Zeit in Rumänien, dem Regime. Er weist auf zwei Bedingungen hin, unter denen diese Gedichte entstanden sind. Da ist einmal „Zwang und Zensur“, er nennt es „eine ideologische Uniformierungskampagne, die dem Denken keine Wahl, der Meinung keine Abweichung, dem Zweifel kein Recht, dem Widerspruch kein Pardon, dem Erkenntnisprozeß weder Spielraum noch Bedenkzeit einräumte“. Eine Situation, die „der Literatur ein Engagement abnötigten, das sich aufs Ausschmücken der vorgegebenen Thesen beschränkte, entfremdeten […] den Schriftsteller seiner Arbeit.“
Zweitens weist er darauf hin, dass diese Gedichte in Rumänien in seiner Muttersprache, also auf Deutsch entstanden sind, geschrieben von einem rumänischen Staatsbürger. Als Angehöriger einer Minderheit liegt die Bandbreite der eigenen Reaktionen zwischen Integration und Emigration. Nach dem Endes des Krieges und unter den Bedingungen der stalinistischen, später nationalkommunistischen Diktatur erschien Deutschland, also Westdeutschland, als Projektionsfläche aller materiellen und politischen Utopien: „In dieser Brechung erschien die Existenz in Rumänien unfrei und schlecht und West-Deutschland als materielle, nationale, politische und zivilisatorisch-kulturelle Utopie.“
„Der aufs Indirekte, Verschlagene, Angedeutete eingespielten Apperzeption bedeutete zum Beispiel auch noch das ausweichende, realitätsflüchtige von was anderen als von den sozialen, politischen Realitäten Sprechen Auseinandersetzung damit, oder zumindest, im indirekten Verständnis, negative Reaktion auf die jahrelang abverlangte dekorative Bejahung.“
Anschrift
diese furcht- und flucht-
zerissenen zungen
tabakgebeizt
speichelbefleckt
mit allerhand wasser
verflucht zerbissen besungen
erschreckt
nach vater- und
land befragt
nach omen und nomen
alles in allem:
nie eine sache
immer nur sätze ein band
immer nur fallen und ratten
der weißhaarigen mutter-
sprache aus dem schwarz-
haarigen schatten
gefall’n
aus gebot und verboten
erinnern und ahnen
aus anderen worten gelernt
verdichtet versiegelt gebucht
die anschrift
im gordischen knoten
von stürzenden spiegeln
allen wandernden orten
entfernt und an allen
gesucht
Hier lässt sich am leichtesten erahnen, was es heißt in einer Diktatur zu leben. Und das als Schriftsteller, dessen Tun ein Schreiben, dessen Schreiben ein Denken und dessen Denken ein Durchdringen sein sollte: der muss sich die Zunge abbeißen „diese furcht- und fluch-zerissenen zungen … verflucht zerbissen besungen“.
Vaterland und Muttersprache: das ist in der Regel kein Widerspruch, da man im Vaterland die Muttersprache spricht. Die übliche familiäre Geborgenheit eben. Es wird dann jedoch eine besondere Situation, wenn man mit seiner Muttersprache fremd im eigenen Land ist, weil da eine andere Sprache, eine Fremdsprache gesprochen wird. Man ist dort fremd, wo die Heimat ist. Auch dann noch, wenn man, schizo-bilingue, das Rumänische spricht. Man spricht dann eine andere Sprache. Man selbst spricht die Fremdsprache, nicht der andere. Man selbst ist Fremder. (Aber der Andere ist nicht man selbst.) Man ist fremd im Eigenen. Eine andere Sprache sprechen heißt nicht, andere Vokabeln für dasselbe zu nutzen, sondern: sich nicht verständlich machen zu können. Wer das nicht kann, der ist ausgegrenzt. Ausgegliedert. Rumänien: Das ist die eigene Gegend, das eigene Land, die eigenen Straßen und die eigenen Götter, die in den eigenen Gebirgen hausen. Man ist mittendrin. Und genau deswegen sitzt man in der Falle. Man ist Ratte.
Die wandernden Orte: wenn der Ort nicht mehr ist, wo er sein sollte. Und das ist bei den Siebenbürger Sachsen so, sie haben die Kontrolle über ihren Ort, ihr Land, dieses Siebenbürgen, lange verloren. Auch deswegen haben so viele dieses Heimatland verlassen, als es möglich war: weil das eigene fremd geworden ist. Und das zieht einen weiteren Schritt nach sich: wenn das fremde anfängt das eigene zu werden. Normalerweise ändert man seinen Aufenthaltsort. Man selbst ändert sich nicht, indem man den Ort wechselt und die beiden Orte, der alte und der neue, verändern sich ebenfalls nicht: Es bleibt alles so wie es ist. In dem vorliegenden Fall ist das anders. Wenn der Ort sich bewegt, ist eine Anschrift natürlich sinnlos. Man ist, wo immer man ist, unerreichbar.
Schöne Beobachtung: Welche Haarfarbe man hat, im Schatten, im Schattendasein, im beschatteten Dasein, verliert man sie, diese eine der wenigen Möglichkeiten zur Individuation. Der Schatten betreibt seine Gleichmacherei: dort hat man immer schwarzes Haar. Selbst das weit entfernte Gegenteil, das weißhaarige, wird zu schwarz. Im Schatten wird man immer angeschwärzt.
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Negatives Gedicht auf den Heimgang
von unserem langen gewürme-geschwärme
von unserer erbärmlich belämmerten herde
von uns keine spur
wir sind ja nur:
gevögel gedärme getier
wir haben nur erde gefressen
wir haben traumlos vergessen
wir affen wir raben wir schlangen
wir sind im wasser gegangen
oder im wind sind wir sind
alles verschollen verlassen verfangen
alle vergessen gegangen
wir papageien wir echsen wir bären
wir aalen olmen menscheln chimären
o daß wir doch seien und wären
nicht sind:
fische im see
wölfe im schnee
vögel im regen und
würmer im wind
aber wir haben alles vergessen
wir haben unsere spuren gefressen
wir flo wir schwa
wir schwie wir sa
wir sind verloren gega
wir sind verlo
wi si
Negatives Gedicht: Unter dem Staats- und Kulturpolitischen Gebot und Zwang zur Positivität ist ein Negatives Gedicht eine direkte Provokation. Vermutlich entstanden in Auseinandersetzung mit der aufdringlichen Figur des sozialistischen „Bestarbeiters“, russisch Stachanowist, rumänisch „fruntasch in productie“. Das waren in den sozialistischen Planwirtschaftsbetrieben „ Helden der Arbeit“ mit dem roten Wimpel am Arbeitsplatz, die vorgesetzten Vorbilder, die Beispiele des Positiven.
Wir sind die Herde. Wir sind die Tiere. Und doch sind wir es nicht: Von uns keine Spur. Indem wir vergessen, fressen wir unsere eigenen Spuren. Unsere Hinterlassenschaften. So endet es oder wir enden so: wir können nicht einmal mehr die Worte erinnern, derer wir bedürfen, um das Elementarste herauszufinden und zu beschreiben: wer wir sind. Auch wenn wir wissen wer wir sind – das was wir nicht sind: „daß wir doch seien und wären“ – es reicht nicht, um uns selbst zu bezeichnen. Wir können nur beklagen, dass wir die Tiere sind. Das wir nicht einmal erinnern, Menschen zu sein. Und am Ende wissen wir nicht einmal mehr das. Und selbst wenn wir es wüssten, uns fehlen die Worte es zu formulieren.
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Nachruf
einem 26-jährigen
Sanitäter in Waldhütten-Siebenbürgen
hinter dem Wald
laut
hinter den apfelbaumbergen
bellen die füchse
in die sächsische strohfeuernacht
und in heimlicher mundart
träumt östlich
der schnee
dort ist:
schon bald vor vier jahr
mein großer bruder verschieden
auf einem maisblättersack
im waldhüttenfrieden
an deutschen utopien verschieden
mit seiner rumänischen lieben
verscholl’n
und jetzt holt sich endlich im winter
ländlich
das weiße vom himmel herunter
hinter den wäldern
am rande der welt
sein transsylvanisches dorf
(ich hätte vorausschicken soll’n:
als er noch jünger war
hat dort mein großer bruder protestiert
zur zeit der schweine-
schlacht vielleicht sogar
gegen die kälte)
Man fragt sich, warum die letzte Strophe, die auch noch in Parenthese daherkommt, sagt, dass etwas hätte vorausgeschickt werden sollen. Die Strophe steht also an der falschen Stelle. Und vermutlich steht sie da, weil sie an der falschen Stelle richtig ist. Weil es der richtige Ort für die falsche Stelle ist. Manchmal muss man Sachen im Leben tun, von denen man weiß, dass sie falsch sind. Aber man weiß auch, dass es richtig ist sie zu tun. Dass man sie tun muss. Weil es nicht um richtig und falsch geht, sondern um einen Metaebene. Was ist das für eine Ebene in diesem Gedicht? Was hätte vorausgeschickt werden sollen? Wäre es vorausgeschickt worden, wäre die Strophe in dieser Form ja ausgefallen. An der richtigen Stelle wäre sie nämlich falsch gewesen. Diese Information ist eine, die nur unter dem Vorzeichen der Verneinung gültig ist.
Wenn das, was vorausgeschickt hätte werden sollen, nachgestellt wird – wenn einem nachgestellt wird? – dann hat es an dem anderen Ort auch eine andere Bedeutung. Worte haben ja, je nachdem wo sie stehen, eine andere, eine verschiedene Bedeutung. Aber welche?
Der ältere Bruder als er noch jünger war: er ist verschieden. Woran verschieden? Oder wovon verschieden? Von dem jüngeren Bruder? Oder von sich selbst als er noch jünger war? Dann hingegen heißt es, er sei verschollen. Verschollen sein, das ist ein alltägliches Schicksal junger Männer im Krieg. Also nicht verschieden. Scholle ist ein Fisch. Scholle ist auch das Stück Erde auf dem man aufgewachsen ist. Schollen sind auch die Eisstücke, die im kalten Wasser treiben. Und kalt ist es in dem Gedicht ja.
An deutschen Utopien verschieden: Welche das wohl gewesen sein mögen? Vielleicht seine eigenen, vielleicht der Traum von Deutschland? Ein u-topos – kein Ort. Weil unerreichbar? Das alles gibt es nicht: es gibt keine Apfelbaumberge, keine Strohfeuernacht, keinen Maisblättersack, keinen Waldhüttenfrieden. Und gegen das Schlachten von Schweinen zu protestieren, ist sinnlos. Ein sinnloser Protest. So sinnlos wie gegen die Kälte zu protestieren.
Man holt nur noch das Weiße vom Himmel, nicht mehr das Blaue. Das Blaue wird bekanntlich vom Himmel gelogen, das Vielversprechende Blaue vom Himmel.
Bei diesem Gedicht wäre wohl eine richtige Analyse vonnöten, die Rhythmus und Reim beachtet, die Metrik, etc. Aber das kann ich hier nicht leisten.
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KOMM:
steig ein wenig unwirklicher
über meine treppe
ein wenig möglicher
du kannst ruhig stolpern
aber bitte mach keinen lärm
wir spielen dann noch blinde kuh
fuchs geht herum mundhalten
kopfzerbrechen
oder rote handschuh
wenn es dir passt
könntest du fliegen
ich könnte mir vorstelln
wir würden
aber was heißt schon beweis
möglicherweise
möglicherweise
weißt du dass ich weiß
daß du weißt
möglicherweise
ist das ein beweis
Was heißt schon Beweis? Blinde Kuh, Fuchs geht herum, Mundhalten, Kopfzerbrechen, Rote Handschuh. Das sind Kinderspiele. Und doch sind es keine. Die ersten beiden sind es. Die zwei folgenden sind Spiele von Erwachsenen. Was ist das dritte? Was heißt schon Beweis?
Was heißt schon Beweis? Wofür und wogegen braucht es einen Beweis? Für eine Tat oder ein Vergehen? Möglicherweise ist das auch einerlei, wofür oder wogegen. Es lässt sich alles so oder anders drehen und wenden und was heute für einen spricht, spricht morgen schon gegen einen. Was heißt schon Beweis?
Was heißt schon Beweis? Der Beweis ist kein zwingender Beweis. Wozu so hart mit den Dingen und den Umständen umgehen? Ein möglicher Beweis ist in manchen politischen Verhältnissen schon ausreichend. Er kann Kopf und Kragen kosten. Aber was will man schon mit seinem Kopf oder seinem Kragen? Was will man mit solchen relativen Werten wie Schuld oder Unschuld die morgen ja etwas ganz anderes bedeuten könne als heute, weil man heute ja noch nicht das Kriterium von morgen kennen kann. Jenes Kriterium, das Gut von Böse scheidet und wahr von falsch. Was heißt schon Beweis?
Was heißt schon Beweis? Die Möglichkeit, dass es so oder anders ist. Das ist der Beweis. Möglicherweise. Das reicht vollkommen aus. Was heißt schon Beweis?
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WOLKEN
fliegen tanzen schwimmen
Spielarten:
„was wir sind
schon sind wir es nicht mehr!“
seit Jahren
bewegt es mich: das Problem
der Identität
der Wolken
(oder die Schwierigkeit
der vernünftigen Ausbildung
einer solchen)
die Wolken
(scheint es nicht zu bewegen)
bewegen sich zwar nach dem Wind
doch nicht so sehr
nach der wechselnden Mode ihrer Betrachtung
vorübergehend
wesentlich aufgelöst und gebildet
scheinen sie nur – wie Worte: Fassungen
Versionen zu sein
(Formsache:
reine Erscheinung Wendung Bewegung)
„Identität der Wolken“: Sie haben keine. Oder das identische ist, dass sie einander nicht identisch sind. Sie sind klassifizierbar. „Wir verlassen das Identische um es darzustellen“ heißt es bei Novalis. Die Wolken verlassen sich auch. Sie zerstieben, sie verregnen, sie zerlaufen.
„die Schwierigkeit einer vernünftigen Ausbildung einer solchen“: Identität nämlich: das klingt, als gäbe es allerhand unvernünftige Ausbildungen, die auszubilden keine Schwierigkeit ist.
„was wir sind, schon sind wir es nicht mehr“: will heißen, dass wir es nicht lange sind. Nicht lange genug, um es zu begreifen. Um es auszuschlachten. Und es zu klingender Münze zu verarbeiten. Wir sind‘s nur so lange, bis wir es begriffen haben. Wir sind es, indem wir es nicht sind. Die Wolken sind das Vorbild dieser Identität die keine ist.
„seit Jahren bewegt es mich: das Problem der Identität“: In der Bewegung ist keine Identität, denn wir verlassen das identische, wenn wir uns bewegen. Genaugenommen passen die starre Identität und die Bewegung nicht zusammen. Das hat einen komischen Anklang. Es ist wie mit den Spiegeln, wir treten aus uns heraus, um uns zu betrachten. Um uns in einer Weise zu betrachten, als seien wir nicht aus uns herausgetreten, sondern noch vollständig. Entzweit betrachten wir uns als seien wir mit uns identisch. Identisch aber ist lediglich das Abbild.
Identität hat einen Hang zur Vollständigkeit. Wir sind mit uns identisch, wenn uns nichts fehlt. Das Fehlen ist ein Mangel und der Mangel ist die Bedrohung der Identität. Dabei ist es vielleicht umgekehrt. Die Verdoppelung ist die Bedrohung des mit sich identischen, denn erst darin, in der Spiegelung und in der Reflexion ist die Identität gefährdet. Aber vielleicht ist es auch erst die Gefährdung, die die Identität sicherstellt. Die Unsicherheit, die eine Garantie zur Sicherheit gibt.
Wir bilden vernünftige Identitäten aus. Die Ausbildung einer unvernünftigen Identität: das wär‘s!
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BLACK BOX
„der Schnee ist weiß”:
ist wahr dann und nur dann
wenn der Schnee weiß ist
wir beobachten
was beobachtbar ist
echt objektiv
die schwarze Kiste zum Beispiel
im Schnee
schwarz auf weiß
im lautlosen Hinterhof
was drin ist
dort vorgeht
und ob überhaupt
sehen wir nicht
es könnte ein Sarg sein
nur noch nicht abgebeizt
anthropophag
oder ein Zauberschrank:
weiße Ratten schwarze Tauben
eine weibliche Leiche
Trickkiste
voller blutrünstiger Schemen
aber das – ist Spekulation
schwarz auf weiß
steht die Kiste im Hinterhofschnee
keiner weiß
wer was loswerden wollte:
ausgedientes Volksgefängnis
überflüssige Melancholien
Persönlichkeitsinventar: Kinder
dürfen nicht damit spieln
bis Mittwoch mit großem Hallo
die Müllmänner kommen
geübt in der Kunst verschwinden-zu-lassen
gut sichtbar orange
wenig neugierig
sehr effektiv
Ich will es nicht interpretieren, nichts dazu sagen, nichts zu der Farbgebung, nichts zu der Idee, die Melancholie in einer Kiste verschwinden zu lassen, auch hier ist die Kunst der Differenz höher zu bewerten als die der Identität – Schnee ist dann weiß, wenn er weiß ist -, weil die Identität ohne Aussage ist. Keiner kommt auf die Idee die Kiste aufzumachen, obwohl die Nachbarn in Städten, und in Dörfern auch, vor allem eins sind: neugierig. Die Müllmänner wollen nicht, die Kinder dürfen nicht. Zu all dem sage ich nichts.
Ich sage lediglich, dass ich die zentrale Aussage des Gedichts in der Zeile finde: „eine weibliche Leiche“. Ich könnte mir da auch keinen toten Mann vorstellen. Bei einem Mann fragte man sich sogleich, wer ihn umgebracht hat. Und wie? Vor allem: warum stellt man die Leiche in den Hinterhof? Eigentlich müsste man sie im Keller einbetonieren. Bei einer weiblichen Leiche fragt man sich das nicht. Man sieht sie durch den Sargdeckel hindurch auf rotem Samt liegen. Mucksmäuschenstill und mausetot. Die Müllmänner kommen und nehmen sie mit.
Sie binden den Sarg oben auf dem Dach des Müllautos fest. Das sieht nicht schön aus. So packen sie die Leiche aus und legen sie auf den Rücksitz des Müllautos. Aber dort macht sie die Müllmänner nervös. Tot oder nicht tot, sie lag nackt in dem Sarg und nackt liegt sie nun auf dem Rücksitz. Also halten sie vor einem Supermarkt, kaufen eine Vorratspackung Zellophan, wickeln sie in die transparente Folie ein und stellen sie an den Straßenrand. Gegen Abend kommt ein distinguierter älterer Herr, schaut sie sich genau an und findet sie ganz ungeheuerlich schön. Er nimmt sie mit nach Hause, legt sie in sein Bett und versucht, Liebe mit ihr zu machen. Seine Versuche bleiben erfolglos, was allerdings mehr seinen eigenen körperlichen Unzulänglichkeiten zuzuschreiben ist als den ihren. Am nächsten Tag, bitter enttäuscht, bringt er sie wieder fort. Er stellt sie an eine Kreuzung wo sie recht zügig einen interessierten Abnehmer findet. Auch diesem zeigt sie die kalte Schulter. Auch er bringt sie wieder fort. Er stellt sie in das Schaufenster eines großen Bekleidungshauses, wo sie einige Zeit dafür sorgt, dass Zellophan die gesamte Frühjahrskollektion bestimmt. Monatelang gibt nur noch transparente Kleidung zu kaufen. Dann bricht jemand in der Nacht ins Kaufhaus ein, er nimmt sie in den Arm. Er liegt ihr zu Füßen. Er betet sie an. Die anrückende Polizei, nimmt den Mann fest. Und die Frau auch. Sie kommt ins Frauengefängnis, die Presse bekommt Wind von der Sache, sie wird wieder freigelassen, das Ganze ist der Gefängnisdirektion peinlich, man will sie loswerden und stellt sie an eine Straßenecke, wo an einem windigen Tag ein paar Kinder vorbeikommen und mit dem Finger auf sie zeigen. Es kommt ein Künstler, der sie anmalt, um die Brüste herum und die Schultern. Es kommt einer, der sie küsst, einer, der Lieder für sie singt, einer der weint, einer lächelt, einer erzählt ihr eine Geschichte, weil er vermutet, dass sie gerne eine hören möchte und dann erzählt er ihr noch eine zweite. Am nächsten Morgen ist sie weg. Es ist nur noch das eine Ende der Folie da. Man nimmt ihre Spur auf, man folgt der Zellophanfolie, an dessen anderem Ende muss sie sein. Man folgt ihr, indem man die Folie aufwickelt, man wickelt immer schneller, es wickeln immer mehr Leute, es entsteht eine Hysterie, alle wickeln mit, alle sind verwickelt, alle wollen sie wiedersehen. Aber es bleibt bei diesem Wunsch. Es war Endlosfolie.
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Der Autor Günther Schulz geht, so hat er das in seiner Vorrede bezeichnet, einen Weg in die Sprache. Er nimmt sich, wie viele Dichter, irgendwann das Werkzeug vor, mit dem er die Dinge bearbeitet. Die Sprache. Die großen Dichter sind die, die den Weg in die Sprache gesucht, und den Weg wieder zurückgefunden haben. Oder kann man nicht zurückfinden? Und die großen sind die, die dort verschollen sind?
Das Werkzeug des Schriftstellers sind nicht Hammer noch Meißel. Anders als beim Gewehr, wo man die Objekte totschießt, schießt man mit der Sprache die Objekte lebendig. Das ist die Jagd nach Bedeutung. Schreiben nannte der Autor in einem Interview mit sich selbst einmal „eine spitzfindige Art, sich hinterrücks für ein vereiteltes Lebensglück zu entschädigen, d. h. Kapitulation vor dem Gegebenen und Flucht ins Belletristische zu erlesenerem Genuß – oder aktive Weigerung, sich mit dem, was ist, glücklich abzufinden“.
In einem Roman Eginald Schlattners, dem Maler siebenbürgischer Panoramen, in „Das Klavier im Nebel“ ist das wohl bekannteste Gedicht Günther Schulz‘ abgedruckt, „Nachruf einem 26-jährigen Sanitäter in Waldhütten-Siebenbürgen hinter dem Wald“ Er war Mitarbeiter der „Neuen Literatur“, jener, unter deutschsprachigen Rumänen bekannten deutschsprachigen Literaturzeitschrift der, wie sie damals hieß, Sozialistischen Republik Rumänien.
In der neusten Ausgabe der „Spiegelungen – Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas“ (Heft 1, 2011, München) von Peter Motzan und Stefan Sienerth sind neue Gedichte von Günther Schulz zu lesen, unter anderen die beiden mit denen ich diesen Artikel beschließe. Was ich eingangs gesagt, vor allem zitiert habe, gilt für die beiden letzten Gedichte wohl nur noch eingeschränkt. Sie stammen aus neuerer Produktion. Aber ganz vergessen kann man Unterdrückung und Destruktion wohl nie.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema - Schulz : Rezensierte Gedichte, Lessons & Lectures, ruinös | Eintrag von Aléa Torik | um 12:05 eingtragen | Kommentare: 14 | Kommentieren
24 Februar 2011
Die Kinder der Finsternis II: Der Mensch liebt, ob er will oder nicht
Das Thema dieses Artikels ist Liebe. Und Sexualität. Und Männer. Vor allem aber Frauen.
Es gibt sie, diese Männer, die Erfolg bei den Frauen haben und die, was immer sie tun, von den Frauen geliebt und bewundert werden. Mich interessieren solche Typen in der Regel nicht und ich emfinde auch die Darstellung Barrals in diesem einen Punkt als etwas penetrant. Aber sei`s drum, bei allen Frauen Erfolg zu haben, ist eine Männerphantasie und ich lasse sie hier gelten, weil Männerphantasien mitunter ja sehr aufregend sein können.
Barral bekommt nahezu immer was er will, alle Frauen und dann, mehr als einmal, auch noch deren Töchter. Sein Leben ist geprägt von Frauen. Da ist Judith, die mit Otho verheiratet ist und die Barral nicht haben, nicht besitzen und nicht heiraten kann. Aber er bekommt sie natürlich dennoch.
„Acht Jahre Sehnsucht fingen lodernd Feuer. Die Wollust kochte. Sie zerbissen, zerdrücktem, zerkrallten einander. Seine Schultern Bluteten. Raserei nach Raserei, unendliches Liebesgeflüster an seinem Hals, Begierde um Begierde, den Tag, die Nacht, den nächsten Tag. Ihre Zähne verbeulten das Amulett. Das Auge ihres Vaters machte sie nur noch besessener. ‚Oh Barralî, wenn das Hölle ist, will ich nicht in den Himmel. Und wenn ich sterben muss, komm, komm, komm!! Ein Mal leben!‘“
Judith: die lebenslange Liebe die er zu schützen verspricht vor dem einstigen Freund, dem Minnesänger Walo, der Judith ebenfalls liebt. Der sie liebt und auch hasst. Dreißig Jahre nach Barrals Schwur sie zu schützen, dreißig Jahre in denen Walo Judith verfolgt, quält, ängstigt und erniedrigt, beschläft er sie. Und schneidet ihr anschließend die Gurgel durch.
„Judith Cormons, fünfzehnjährig, aus dem Kloster ins Brautbett befohlen, war ein lebhaftes, schönes Geschöpf von wolkenhaft schnellem Wechsel des Ausdrucks, der ihre fassbaren Reize um einen unfassbaren steigerte. Ihr Frohsinn, durch die Erweckung verstört, tauchte nach drei Wochen Hochzeit heiter aus der Wehmut hervor, sie lächelte wärmer als früher, nicht glücklicher, und die Art, in der sie ging, niedersank, Reverenz, Handkuß, Wangenkuß zelebrierte oder entgegennahm, sich erhob, einen Raum durchschritt und ihn beherrschte, sprach von dem, was das Zeitalter an den Frauen schätzte, von Maß, Selbstzucht und Milde.“
Da ist Fastrada, die Tochter Judiths und Othos. Als Otho schon tot ist und Judith Barral endlich heiraten könnte, verzichtet sie zugunsten ihrer Tochter, die ihn ebenfalls liebt. Fastrada ist die Schönste von allen seinen Frauen, aber Barral ist sie zu kalt. Er kommt nicht ran an sie, Kind um Kind gebiert sie, Jahr um Jahr leben sie zusammen, er schreit nach Fastrada als er nach den Züchtigungen durch den Kardinal Fugardi mit dem Tod ringt. Aber verstehen kann er sie nicht. Sie liest. Sie liebt ihn, aber sie glüht nicht. Sie ist nicht eifersüchtig. Als sie jemand fragt, ob Barral sie betrüge, antwortet sie: „Leider nein.“ Nach dem Mord an ihrer Mutter Judith macht Fastrada, gegen den Willen Barrals, eine Wallfahrt nach Campostela, um der Toten den Eingang ins Paradies zu ermöglichen. Und kehrt nicht mehr zurück. Im letzten Drittel des Romans erfahren wir, dass sie von den „Mohren“ verschleppt wurde und als Haremsdame Fatima, als gebildete Unterhalterin des Sultans lebt. Dreizehn Jahre später kehrt sie an die Seite ihres Ehemannes zurück. Der aber ist längst wieder verheiratet: erneut mit einer Tochter Judiths, Fastradas Halbschwester.
Roana ist vierzig Jahre jünger als ihr Mann. Am Ende wird Barral sie, die vielleicht reizvollste Gestalt dieses Romans, die am schönsten Dargestellte, als die große Liebe seines Lebens bezeichnen. Sie läuft nicht gerade. Sie geht „schräg zur eigenen Richtung“. Sie ist die eigenwilligste, vielleicht auch die Stärkste und deswegen auch die verletzlichste – denn Stärke ist ja nichts anderes als die Angst vor Schwäche. Als ihre erste Schwangerschaft mit einer Fehlgeburt endet und Barral ihr einfach ein nächstes machen will, verweigert sie sich. Sie legt sich ins Bett und weiß nicht weiter, ihre Schwester Arabella kommt und pflegt sie.
„Es schläft etwas in mir, das aufwachen will. Ich muss mich nur finden, er muss sich finden, vorher finden wir nicht zusammen. Sage ihm, dass ich ihn liebe. Sage es nicht. Sage, ich kenne nichts außer ihm; wenn er morgen stürbe, nie soll ein anderer Mann mich anrühren, er soll mich anrühren; er, ein anderer als er jetzt ist, mich, ein Mädchen, das er nicht kennt. Sage ihm, wie ich flehe und bettle, aber er darf es nicht hören. Sag ihm, ich will kein Winterkind und auch keine Wiederholung von Lorda. Ich will ein Kind, Arabella, ganz gewiß. Ein Kind aus Erde und Wasser, Feuer und Luft. Am Jahrestage der Pappelblüte will ich, auf einem durchsonnten, jungfräulichen Felsen im Kelmarinbach, mittags, unter dem Buchenlaub, von Libellen umschwebt.“
Als Fastrada zurückkehrt, gerät Roana vollkommen aus dem Gleichgewicht. Sie spricht nur das Nötigste mit der Halbschwester, sie zieht sich von ihrem geliebten Mann zurück, sie verschwindet auf Jahre und kehrt dann wieder zurück. Und dennoch dauert es noch lange Zeit bis die beiden Ehepartner versöhnt sind.
„Roana kam, etwas schräg zur eigenen Richtung. Mit gespannt mildem Lächeln, bis in die Poren durchsintert von Wehmut, blickte sie an ihm vorüber auf die im Abendrot glimmenden Mauern von Stadt und Schloß Lorda. Sie wehrte den Kniefall ab und presste seinen eisgrau gewordenen Kopf an ihre Brust. – ‚Nimm mich wieder auf‘, bat er. – ‚Ginge ich dir sonst entgegen, Liebster? Wohin soll ich denn gehen als zu dir?‘“
Und da ist Maitagorry, Bäuerin, Ehefrau des Schmieds, auch sie lebenslange Geliebte, drall und schön, und bis an den Rand voll mit Aberglauben.
„Wer ist der Stärkste und unverheiratet?“ – „Mon Dom ist der Stärkste!“ – „Wer ist der Stärkste nach mir? – „Larrat!“ – „Her mit Larrat! Ich friere!“ Sie zogen den Schmied aus, wie er auch bettelte, ihn zu schonen, Mon Dom werde ihm sämtliche Knochen brechen. „Du schenkst mir nichts!“, verfügte der Herr. – „Nichts!“ knurrte Larrat und schlug die Hand an. Nackt im tanzenden Feuerschein rangen sie. Nackt im tanzenden Feuerschein trat Maitagorry auf die Schwelle des Hauses. Augen und Lippen glitzerten. In den Ställen blökte das Vieh. Barral warf den Schmied. Breitbeinig kniete er über ihm. Breitbeinig stand er auf, die Brust geweitet. „Scher dich! Hinaus aus meinem Kreis! Der Herr über Ghissi zeugt ein Kind aus seiner Erde! Komm, Erde Ghissi. Wollt ihr wohl singen!“ Die Sterne funkelten, Maitagorry, den Blick in den Augen ihres Herrn, teilte die Flechten, mit denen sie sich bedeckt hielt, tat sie hinter sich, ging in seine Arme und lag auf dem Kirchplatz. Am nächsten Tage traute der Vikar sie dem Schmied an. Zum Erntedankfeste bekam der Schmied eine Tochter; er bat Mon Dom zum Gevatter; Mon Dom bestimmte, sie solle Graziella heißen.“
Interessant, dass Maitagorry das Kind neun Monate bis zur Geburt trägt, Barral der biologische Vater ist, der Schmied aber, wie es hier so schön heißt, „bekam“ die Tochter. Ich will es den interessierten Lesern und Leserinnen nicht verhehlen: Sollte ich einst eine Tochter bekommen, nenne ich sie nach dieser Figur, Maitagorry, genannt Maita. Sie trägt, glaube ich, ihren Namen mit Stolz. So wie ich den meinen. Maita ist aus Erde und aus Erde bin ich auch. Aus Erde wird meine Tochter sein. Aus jener Erde aus der ich komme und zu der ich eines Tages auch wieder zurückkehre.
Maita, die Frau des Schmieds und Barrals Geliebte, ist, wie Barral, bis in die Wurzeln ihrer Existenz abergläubisch. Als es monatelang nicht regnet in Kelgurien, als alle hungern und dürsten, das Vieh in den Ställen stirbt und die Ernte auf den Feldern vertrocknet, und das Saatgut des nächsten Frühjahrs, zu einer Zeit, da rein rationale Erklärungen nicht viel wert waren, ist der Aberglaube schnell zur Hand. Und Aberglaube ist, anders als der konfessionelle Glaube, der das Andere der Rationalität ist, eine Vorstufe dieser Rationalität, weil er einen kausalen Zusammenhang zwischen zwei Ereignissen herstellen will (Hui! Hier darf – wer möchte und wer kann – zwischen den Zähnen pfeifen! Hier darf auch – wer möchte und wer kann – eine Gegenthese aufstellen). Maita – „Die Erde Ghissi“ – ist davon überzeugt, dass sie der Schlüssel zur Veränderung ist. Nur wenn sie blutet, wird Regen kommen. Sie will von Barral ausgepeitscht werden. Auch andere in Ghissi sind dieser Auffassung: „Ich meine, Mon Dom, ihr solltet die Schmiedin verdreschen, damit es aufhört, und eine vornehme Jungfrau heiraten.“
„Wo hast du die Peitsche? Nur mit der Peitsche wirst du mein Herr. Nur, wenn ich blute, regnet es. Blute ich nicht, regnet es Blut. Kälbermit zwei Köpfen. Blinde Kinder. Mord. Sage, dass du mich mehr liebst als die andere. Liebe sie, aber sage, Mon Dom, daß du mich mehr liebst. Weil du Maitagorry genommen hast, machtest du mich zu Maitagorry. Trage deine Schuld oder ich erwürge dein Gewissen, ich sitze auf deinen Träumen und wenn ich will, so halte ich dein Herz auf, bis er nicht mehr pulst. […] Mit einem Tritt warf sie den Knienden um, lief an den Gewölbepfeiler, zog sich am Kettenring auf und ließ sich zerprügeln, bis die Muskeln nachgaben. Blutend fiel sie auf den gestampften Lehm. ‚Komm doch‘, schluchzte sie. Er kam. ‚Komm doch‘, lachte sie und umschlang ihn mit allen Gliedern. ‚Komm doch, ich will ein Kind. Knecht, süßer Knecht. Liebster du, Heißer du, Wilder du. Luziade, mein brauner Fels. Und Maitagorry, Maitagory wird es sein, Maitagorry wird dich begraben in Eis.‘
Wortlos vor Wut und Liebe leckte er ihre Wunden, damit sie heilen konnten, warf sich aufs Pferd und galoppierte über die Felder. [… ] Der Himmel brach auf die Erde. Es rauschte und trommelte, troff durch die Esse und gurgelte aus den Fugen der Schwellen.
Maitagorry winkte Barral an ihren Mund. ‚Bis in die Hölle hab ich Euch lieb. Warum schlugt ihr mich nicht eher‘ – ‚Weil ich in den Himmel wollte.‘ – Ihre Zähne nahmen zärtlich sein Ohrläppchen. ‚Erst Hölle, dann Himmel. Da unten sind Maita und Mon Doms eins.‘‚ Graziella lauschte. Sie merkten es nicht. ‚Mon Dom, wir werden ein Kind haben. Ghissi wird nicht mehr mit Fingern zeigen. Alle Kinder, die Mon Dom aus mir hat, werden sterben für Mon Dom. Und Maita wird ihn begraben.‘“
Die Welten der Männer und Frauen sind streng voneinander geschieden. Werden diese Grenzen durchbrochen, wird es schwierig. Der schwache und beeinflussbare Otho seiner Frau Judith nicht gewachsen. Daran scheitert die Ehe. Allzu femininen Männern wie Hyazinth ist kein Erfolg beschieden. Maita beschwert sich über den Mann Grazielles, auch wenn er der höchste Adel im Reiche ist, über den Markgraf Carl. Der ist ihr zu weich: „Der Hase will schließlich im Pfeffer liegen. Den Mann hat man zu würzen vergessen. Unter dem verkümmert sie …“. Das sind Männer, die sich nicht nach männlichen Verhaltensregeln einordnen lassen. Bestes Beispiel ist Barrals Sohn Konrad. „Aus meiner eigenen Jugend, Helena, weiß ich, welch ein Sporn im Fleische mir die väterliche Härte gewesen ist. Nur war ich gar nicht so weich und beeinflussbar wie meine Söhne, Konrad ausgenommen. Die Töchter gelangen mir besser, Konrad ausgenommen.“
Helena, die, trotz ihres Namens mit männlichen Charaktereigenschaften ausgestattet ist, ist das beste Gegenbeispiel. Die kalt Berechnende ist dem alternden Barral jederzeit eine Hilfe. Er nennt sie das „Gehirn Kelguriens“ und sie hat die Politik besser begriffen als jeder andere. Sie ist die geborene Strategin und weil sie das kann, verzeiht ihr Barral, dass sie weder Lust auf Männer noch aufs Kinderkriegen hat, sie also ihrer Rolle als Frau nicht gerecht wird. Er will sogar, als er begreift, was er an ihr hat, „den Eiskeller Helenas“ möglichst kalt halten, nicht, dass sie doch noch Lust auf die Männer bekommt. Helena geht es um nichts anderes als die Politik: „‘Nicht bewundern‘, sagte Helena. ‚Beobachten und lernen, wer wem auf welche Weise was tut, um über welche Scheinziele, Halberfolge, Sprungäste und Umwege wohin zu gelangen.‘“
Die Text oszilliert zwischen Minne und Liebe, zwischen Geist und Sex. Freizügigkeit, strenges Reglement und Enthaltsamkeit wechseln sich ab. Liebe und Sexualität sind strengen Regeln unterworfen. Regeln, die ihre Wirksamkeit und ihren Wert wie alle Regeln, nicht durch sie selbst erhalten, durch die allgemeine Befolgung also, sondern durch die Ausnahme. Jede noch so strenge Regel funktioniert, weil es Situationen gibt, in denen sie nicht angewendet werden. So ist es in der Beichte: die Sünde gilt, aber sie kann Sünder erlassen werden. Die Frau ist zur Treue verpflichtet: solange ihr der Mann gibt, was sie verlangt. Das Gesetz der Treue wird unterlaufen durch die Minne. Die Minne erlaubt Rittern um Frauen zu werben. Wohlwissend, dass sie sie nicht bekommen. Jedenfalls nicht ohne weiteres. Über einen Minnesänger hat die Frau, was sie in der Regel nicht hat: Macht. Deswegen darf der Ehemann nicht um die eigene Frau minnen, weil er sich damit unter ihre Launen beugt. Verheiratete Frauen von Stand sind in der Regel von Minnesängern umgeben. Ritter, die eine Frau lieben, was von einem Ehemann nicht gefordert wird. Die Frauen sind umzingelt von Männern. Denn Männer dürfen es nicht nur, sie sollen es sogar: ihr vornehmes Blut verteilen. „Über den Zaun fressen“ lautet die vornehme Beschreibung für das, was im Deutschen das Wort „Fremdgehen“ bezeichnet.
„Die Regel bestimmt, dass die Frau, der man dient, verheiratet und unerreichbar sein muss.“ Aber die Ausnahme gilt ebenso: „Ehrlich gesprochen war es nicht nett von Euch, mich daran zu hindern, dass ich eine junge Frau, die sich nach Liebe sehnt, glücklich mache. Die ritterliche Regel erlaubt es. Wofern man nicht vergewaltigt, darf der Begleitritter, es sollte Euch bekannt sein, die Dame, die er begleitet, erfreuen. Beklagt sie sich, wird er gestraft.“ Wenn ein Mann seine Frau nicht mehr befriedigen kann oder will, dann kann er sie auch weiterreichen. So streckt Otho irgendwann die Waffen und liefert Judith an Barrals Hof ab: „Ich zähle darauf, dass meine Gemahlin keine Beschwerde erhebt und ihr Aufenthalt keine Folgen zeitigt. Ihr versteht mich?“
Dom Guilhelm, der Bischof und Beichtvater Barrals fragt Walo nach seiner Liebe zu Judith. Sie sprechen über Liebe und Minne. Judith steht im Rücken Walos, der nicht bemerkt, dass sie dieses Gespräch mithört.
„‘Ich bin überzeugt, seit Gott die Welt schuf, hat sich der Vorgang niemals geändert. Die Frau lockt, der Mann erliegt. Aber angreifen muss der Mann; eine Frau, die angreift, gibt es nicht. Gott schuf sie als Lockung; er stattete sie aus mit Reizen, die uns reizen sollen; er legte eine Seele in sie, schöner als die unsere; er legte in den Körper das Kindhafte und Mütterliche, in die Seele das Leichte, den Tanz, das Spiel, er durchsonnte das Weib mit etwas Fröhlichem, Glücklichem, das auf die Männer, wenn es erwecket wird, herabstrahlt.‘
Der Bischof und verfolgte den lebhaften Wechsel des Ausdrucks in Judiths Gesicht. Seine skeptische Bemerkung veranlasste Walo, der den Mißgeschmack überhörte, zu einem umzarten Auflachen. ‚Ich muss sagen, Herr Oheim, Ihr versteht einen.‘ – ‚Nicht ganz, Herr Vetter. Ich verstehe nicht recht, was an dem Spiel neu ist, wenn es so alt ist wie die Welt. Alt ist, dass Ihr die Frau ins Bett wollt; neu, dass ihr feiner zu Werke geht, Garn um sie spinnt, Flitter streut und die Frau für dümmer haltet, als Gott sie machte.‘ Judith lächelte. ‚Die Frau hat es längst gemerkt, daß der Mann, wenn er Edelmut heuchelt, balzen will.‘‚Nun, Balz, Herr Oheim! Wir verneigen uns vor der Frau. Denkt an die rohen Sitten, in denen wir aufwuchsen. Liegen die wirklich hinter uns? Der Schlachthof vielleicht; das Gegröhl vielleicht; die Grobheit vielleicht. Aber die Frau bleibt mißachtet. Bei den Mohren wie bei uns. Bei den Vätern wie bei den Söhnen. Grob gegröhlt: Die Frau ist Stute, der Hengst bespringt sie, sie soll fohlen, und im Übrigen keilt er sie unter die Hufe. Es schreit gen Himmel, was allein hier auf Ortaffa geschieht. Seht euch die hübsche Judith an. Seht Euch an, wie mein Oheim Peregrin, wie mein Vetter Otho sie täglich behandeln. Dabei hat diese Frau einen Stolz, einen Mut, einen Verstand, einen Schalk, daß die zwei sich einsalzen können.‘‚Das wäre dein Adam, Steinmetz‘, sagte der Bischof, ‚mit diesem gewissen Zug in den Augen der Eva nachkriechen durch das Weinlaub. Kurz, Vetter, Ihr werdet Domna Judith helfen, ihre wahre Natur zu entdecken?‘ – ‚Ich hoffe sehr, daß sie sich helfen lässt.‘ – ‚Mit Ehebruch?‘ – Wir sprachen von Minne, Herr Oheim, nicht von Liebe.‘ – ‚Ah? Ist das ein Unterschied?‘ – ‚Ein großer. Liebe meint den Körper. Minne bedarf keines Körpers, Minne ist Geist. Ihr erseht es daran, daß wir Minnesinger, die wir ein für alle Male eine einzige Frau erwählen, um ihr zu dienen, nur darauf schauen ob sie verheiratet ist und vom Stande. Ob gut verheiratet oder schlecht. Ob fett von Gestalt, ob häßlich von Gesicht: wir dienen ihr als sei sie so schön und jung wie Judith.‘“
Als Barral gerittert und in den Stand erhoben wird, in dem er sich eine Frau wählen darf, gibt es ein Fest. Ein erotisches Fest. Er muss Dienst tun, am Liebeshof, denn „du beleidigtest unser Geschlecht, indem du eine Einzige allen anderen vorzogest.“ Als Strafe werden ihm die Augen verbunden und er muss er sich durch die Reihe aller anwesenden Frauen küssen und am Kuss erkennen, ob es die richtige ist. Diese Richtige ist die verheiratete Judith „Schon schlang er die Arme um sie. Nachdem sie sich lange genug geküsste hatten, knüpfte ihm Loba die Binde ab. Judith versank in die Reverenz. So blieb sie. Loba ergriff ihn bei der Hand. ‚Hier fängt man an, diese Knopfleist hinunter.‘ Dame nach Dame schlich aus der Schlafkammer. ‚Das Übrige findet sich leicht. Habt ihr je schon eine Frau ausgezogen?‘ – ‚Mit dem Messer.‘ – ‚Ei‘, rief Loba erschrocken und verschwand, ohne daß er es merkte.
Schwatzen und Schritte entfernten sich, die Treppe knarrte. ‚Sind wir allein?‘ – Ganz allein, Barrali Du bist verstimmt?‘ . Ja, Judith. Ich habe Euch zu lieb, da schmeckt der Scherz nicht.‘ – Er nahm ihr das Hemd- ‚Bin ich dir schön genug?“ – ‚Die Schönste auf Erden.‘“
Sexualität und Liebe, so eine weitverbreitete und heute ein wenig als überholt geltende Auffassung, gehörten zusammen. Dann, in Reaktion auf diese Zusammengehörigkeit, hieß es, sie seien voneinander zu trennen, mitunter sogar problemlos, da es sich um vollkommen verschiedene Dinge handele. Auch das dürfte nicht das letzte Wort sein, sein, da es eine Auffassung ist, die ihre Rechtfertigung durch die Negation einer anderen erhält. In Wirklichkeit ist die eine wie die andere Auffassung wohl obsolet. Vielmehr haben die beiden ein Verhältnis miteinander. Und das schwierige ist es, einen Modus zu finden, wie und auf welche Weise sie sich zueinander verhalten. Und das ist eben individuell sehr verschieden. Der Mensch kann sich vielleicht aussuchen, mit wem er ins Bett geht. Aber er kann sich nicht aussuchen, wen er liebt. Er kann sich nicht aussuchen, wen er liebt und dass er liebt. Und der Mensch liebt, ob er will oder nicht.
„Habt Ihr schon je eine Frau ausgezogen?“ Frauen auszuziehen scheint von jeher nicht ganz einfach zu sein. Mal muss man mehr, mal weniger Gewalt anwenden, mal Verführungskünste, mal Überredung anwenden. Das Wollen von Frauen entzündet sich manchmal an dem der Männer. Manchmal müssen die ein wenig fingerfertig sein, eine Knopfleiste oder Schnalle lösen, der Mann muss bitten und manchmal betteln, manchmal nimmt er, wenn sie nicht gibt; und dann und wann hilft es alles nicht, die Frau will oder sie will nicht, trotz oder wegen der Bemühungen des Mannes, der wieder nimmt sie oder nimmt sie nicht und am Ende liebt man sich oder eben nicht.
Hinter alledem steht die Frage, die noch keiner recht zu klären wusste und die alle beteiligten Parteien gleichermaßen in Erstaunen versetzt: „Was will das Weib“?Und das ist auch ganz gut so. Es geht zwischen zweien um Grenzen. Es geht zwischen zweien um die Frage, wo das Spiel aufhört und der Ernst beginnt. Oder wo der Ernst aufhört und das Spiel beginnt. Und manchmal geht es zwischen zweien einfach nur darum, wer das letzte Wort hat. Aber das ist dann ein anderes Thema.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema - Niebelschütz: Die Kinder der Finsternis, Lessons & Lectures, ruinös | Eintrag von Aléa Torik | um 17:55 eingtragen | Kommentare: 11 | Kommentieren











