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  • Aléa Torik: Ich hatte bereits angekündigt, meine Präsenz im Netz zu reduzieren. Ich werde weiterhin Beiträge einstellen, seltener als bisher. Die Kommentarfunktion ist deaktiviert. Ich bedanke mich bei allen, die hier regelmäßig mitgeschrieben und dafür gesorgt haben, dass das ein spannendes und...
  • Aléa Torik: Lieber Christian, ich glaube, ich habe einen Ort für den Essay. Ich bin nicht ganz sicher, ich habe eine positive Mail bekommen und auch erfreut geantwortet, dann aber keine Reaktion mehr bekommen. Aber wenn es wahr ist – wenn es tatsächlich wahr sein sollte … dann hören Sie...
  • Christian: liebe Alea, apropos Essay: freue mich schon auf Ihren Essay zu David Foster Wallace den Sie hier vor Kurzem erwähnten. Gibt es schon einen Termin und Ort für die Veröffentlichung? liebe Grüße Christian
  • Aléa Torik: Lieber NO, zurück im Alten Europa? Ich vermute, bei Ihnen geht die Kulturumstellung inzwischen relativ schnell und Gewöhnung und der Alltag gewinnen bald Oberhand? Inzwischen beinahe schon ungewohnt, mich zu Kommentaren und Eingaben zu verhalten: Ich habe die Funktion deaktiviert, das...
  • NO: Alea Torik, Das Geräusch des Werdens, und Maddox, der verrückte Hund(e) Zurück aus den USA und noch ein Letztes: Maddox. Maddox, na ja. Ganz lustig. Ein Überempfindlicher, der in Masken und mit Zylinder herumläuft, der wie ein Bauchredner nicht mit den Menschen selber spricht, sondern nur...
  • Phorkyas: Liebe Alea, dieses Kommentarfeld hier hatte ich übersehen. Das ist eine sehr runde Sache geworden, Ihr Roman, wie ich finde – das lange Leiden und Feilen hat sich also gelohnt. Mir hat die Beschreibung von Marijans Mobilitätstraining sehr gefallen. Ich weiß nicht, ob Sie das schon...
  • Aléa Torik: Lieber Avenarius, vielen Dank für die wohlmeinenden Worte. Die tun mir mehr gut als Sie glauben mögen. Ich werde weitermachen, weil es auch für den nächsten Roman wichtig ist. Und ich werde wohl die Kommentarfunktion deaktivieren. Das ist eine schwierigere Entscheidung als man...
  • avenarius: Liebe Alea, im Verhältnis zu Ihrer vorherigen Präsenz haben Sie sich bereits aus dem Netz zurückgezogen. Aber warum sollte ein Blog nur wegen verminderter Aktivität aufgegeben werden. Ich würde weiterköcheln – auf Sparflamme. Frohe Ostertage wünscht - avenarius
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, dafür gibt es einige Gründe und einige andere, die dagegen sprechen. Ich muss mir noch überlegen, wie ich das formuliere. Einmal für mich selbst und einmal hier, in der Öffentlichkeit. Ich hatte Anfang März schon überlegt, mich gänzlich aus dem Netz zurückzuziehen:...
  • Azadeh Sepehri: Warum denn?
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, ich überlege, die Kommentarfunktion gänzlich auszuschalten. Ich habe mich aber noch nicht entschieden. Aléa
  • Azadeh Sepehri: Liebe Alea, warum kann man unter Ihren letzten Beiträgen keine Kommentare hinterlassen?
  • Azadeh Sepehri: Liebe Alea, ich glaube, ich hatte ihren Beitrag falsch verstanden und dachte, Sie schreiben unter einem Pseudonym. Aber auch falls Sie dies machen würden, fände ich es nicht schlimm. Schließlich hat jeder das Recht, selber darüber zu entscheiden.
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, ich schlage vor, wir warten bis zur Veröffentlichung davon, was im Januar 2013 der Fall sein wird, und dann kann jeder entscheiden, was mein richtiger Name ist, was das richtige und das falsche Verhalten war. Herzlich Aléa
  • Azadeh Sepehri: Interessant. Ich dachte, Sie schreiben unter Ihrem “richtigen” Namen.
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  • Aléa Torik: Lieber Holio, Sie können hier gerne mit Ihrem Meißel klopfen. Und ich habe auch nichts dagegen, wenn dabei etwas anderes herauskommt als ich das beabsichtigt habe. Soviel verstehe ich von Literatur, um zu wissen, dass die Autorin eine Interpretation unter anderen hat. Es stehen, sowie...
  • Aléa Torik: Lieber NO, auch für mich sind Lydijakapitel und Aufzählungskapitel die beiden Höhepunkte dieses Romans. Es sind wohl auch die beiden schwierigsten Kapitel. Das Zentrum des ganzen Textes ist sicher das Aufzählungs- oder Berlinkapitel. Das war geplant als eine Beschreibung des...
  • avenarius: Liebe Alea, ja natürlich, es gibt immer eine Macht. Macht bedarf, ganz anders als die Gewalt, keinerlei Rechtfertigung, “da sie allen menschlichen Gemeinschaften immer schon inhärent ist. Hingegen bedarf sie der Legitimität. Macht entsteht, wann immer Menschen sich zusammenfinden...
  • Aléa Torik: Lieber Ave Narius, ich bin da, soweit ich sehe, völlig einverstanden. Nur mit dem „Medusenhaupt der Macht“ habe ich Schwierigkeiten: es muss eine Verfassung geben, eine Legislative, und dann muss es auch eine Executive und eine Judikative geben. Es muss eine Macht geben und sie muss...

  • 22 September 2009

    „Unendlicher Spass“ I

    Julian: hör mir bitte zu!

    Das Anstrengende beim Lesen vom Unendlichen Spaß ist, das, obwohl sich das Verhältnis des Lesestoffs permanent verändert, so, dass das noch zu Lesende weniger, das bereist Gelesene mehr wird, sich trotz dieser permanenten Verschiebung die Gesamtmenge des Lesestoffs, was in diesem Fall vor allem mit dem Wort Gesamtgewicht beschrieben werden kann, in keiner Weise verändert. Klartext: Wenn ich mit dem Ding fertig bin, habe ich Oberarme wie Schwarzenegger. Und dann ändert sich der Ton zwischen uns beiden (es fällt das Bitte in der Anrede weg!).

    Du musst den Unendlichen Spaß lesen. Ich schwanke! Ich schwanke zwischen euphorisiert und deprimiert, und zwar fortwährend. Ich schwanke von Kapitel zu Kapitel, innerhalb der Kapitel, ich schwanke innerhalb der Sätze und manchmal schwanke ich sogar innerhalb einzelner Worte. Ich bin hin- und hergerissen, zwischen Lach- und Heulkrämpfen. Heulen ist aber gerade im Übergewicht. Weil ich auch dann heule, wenn mir eigentlich zum Lachen zumute ist. Umgekehrt passiert‘s aber nicht.

    Hier geht’s um Mathematisierung von Tennis:

    „Und Schtitt, der in formaler Mathematik ungefähr so bewandert ist wie ein taiwanischer Kindergärtner, wusste dessen ungeachtet etwas, das Hopman, van der Meer und Bollettieri entgangen sein dürfte: dass das Lokalisieren von Schönheit, Kunst, Magie, Vollendung und Wegen zu Rang und Sieg im weitschweifeigen Fluss eines Tennisspiels keine fraktale Frage der Reduktion von Chaos auf Muster ist. Spürte intuitiv, dass es überhaupt keine Frage der Reduktion war, sondern vielmehr – perverserweise – eine der Expansion, des aleatorischen Flatterns unkontrollierten, metastasierenden Wucherns – jeder gut geschlagene Ball erlaubte n mögliche Reaktionen, diese wiedrum erlaubten 2 hoch n mögliche Reaktionen und so weiter bis in ein, wie Incandenza es gegenüber jedem formulieren würde, der in seinen beiden Disziplinen beschlagen wäre, cantorianischen Kontinuum der Unendlichkeiten möglicher Bewegungen, cantorianisch und schön, weil infoliiert, inkludiert, diese diagnatische Unendlichkeit der Unendlichkeiten von Wahl und Ausführung, mathematisch unkontrolliert, aber menschlich inkludiert, eingegrenzt von Talent und Imagination bei Ich und Gegner, auf sich selbst zurückgekrümmt durch die inkludierenden Grenzen von Geschick und Imagination, die den einen Spieler schließlich zu Fall brachten, beide vom Siegen abhielten und schließlich ein Spiel schufen, diese Grenzen des Ichs.”

    Der Anfang dieser Stelle, dass ein Chaos, das sich auf ein Muster reduzieren lässt, bereits kein Chaos mehr ist, weil Chaos jedwede Vorhersehbarkeit und Regelmäßigkeit per se ausschließt, das finde ich sehr schön! Und die dem Ich gesetzten Grenzen von Geschick und Imagination, am Ende der Textstelle, auch das gefällt mir gut. Aber die Sache von cantorianischem Kontinuum bis diagnatischer Unendlichkeit, die verstehe ich nicht, also bring deinen Laptop mit!

    Ich weiß noch gar nicht, wie ich mit solchen Stellen umgehen soll: entweder ich arbeite mich in diese ganzen spezifischen Themen- und Wortfelder ein, und da gibt’s weiß Gott noch anderes als Fraktale Physik, oder ich belasse es einem oberflächlichen Verständnis und lese einfach so drüber, in der Hoffnung, das reicht irgendwie aus. Aber wenn man einmal anfängt mit dem Überlesen und der Hoffnung, es reiche aus, es reiche eben irgendwie so gerade aus, ja, was dann? Das Einarbeiten in die verschiedenen Themenfelder hilft einem aber auch nicht, wenn du mit fraktaler Geometrie und Quantenphysik durch bist, kommt gleich das Nächste, dann musst du dich in die Wirkweise von Medikamenten einarbeiten und in die Psychiatrie.

    Endlich mal wieder ein Buch, in dem mein Name vorkommt. Ich dachte schon, den kennt keiner mehr. Was für eine furchbare Vorstellung (du erinnerst dich an meinen Beitrag hier zu Gelotologie), langsam in die veralteten Worte abzurutschen und irgendwann ganz aus dem Lexikon heraus zu fallen. So weit darf es nicht kommen! Da bekomme ich nämlich das aleatorische Flattern.

    Dieser Wallace ist unfassbar respektlos. Und du weißt, wie sehr mir so etwas gefällt (in der Literatur wohlgemerkt) und dann wieder ausgesprochen sensibel und empfindsam. Entweder feuere ich den auch irgendwann gegen die Wand oder zur übersichtlichen Gruppe der richtig guten Sachen ist ein weiterer Vertreter hinzugekommen.

    Oder hör dir das hier, am anderen Ende des sprachlichen Kompetenzfeldes, nach Abschaffung der indirekten Rede.

    „Wenn sie zu Reginald seiner Mama geht, sagt sie, dann geht Reginald seine Mama zu Wardine ihrer Mama, und dann glaubt Wardine ihre Mama, Wardine ist am Rummachen mit Reginald. Wardine sagt, ihre Mama sagt, wenn Wardine einen Mann an ihr rummachen lässt, und sie ist noch keine sechzehn, dann schlägt sie Wardine tot.”

    Ich bin AUSLÄNDERIN! Ich dachte das Buch sei übersetzt worden!

    Hier der letzte Lachkrampf: Wallace bezeichnet eine Schwangerschaft als Chromosomenkrieg!

    Julian, sag deinem Mäc Kinsey, dass du dich nicht mehr für Optimierung von Arbeitsprozessen interessierst. Weil das einfach totlangweilig ist. Und dass du dich jetzt wieder den wirklich wichtigen Dingen im Leben zuwenden wirst. Dass deine Bewerbung ein Fehler war, ein grandioser Fehler, aber dass du eine Freundin hast, die dich wieder auf den Pfad der Tugend gebracht hat. Sag dem das! Mit stolzgeschwellter Brust musst du das formulieren. Streck ihm zum Abschied die Zunge raus! Und jetzt geh in die Buchhandlung und kauf dir diesen Ziegelstein. Wir treffen uns in einer Stunde am Märchenbrunnen zum Lesen. Es wird Zeit, dass du deinen Hintern mal wieder im Rhythmus der Literatur bewegst, mein lieber Freund!

    Und schalte endlich dein Telefon wieder ein. Das hier ist mein Blog und keine Nachrichtenzentrale für schwule Unternehmensberater, die sich in besseren Zeiten mal für Thomas Pynchon interessiert haben.

    Auf der anderen Seite: es gibt hier sowieso keine Leserinnen mehr. Ich habe gestern mit einer Frau aus dem Verlagswesen gesprochen, die sagte mir, Sibylle Berg hätte „unheimlich viele Anhängerinnen”. Nachdem ich ihr eine geknallt habe (der Frau Berg, meine ich), werden wahrscheinlich die wenigen Leserinnen, die ich hatte oder hätte haben können, allesamt mit Sack und Pack zu Sibylle Berg umgezogen sein. Wir beide sind hier sozusagen unter uns!

    Sibylle Berg, hat diese Frau gesagt, die im Übrigen sehr nett ist und bald ein Kind bekommt, habe einen sehr eigenen Ton! Also dieser Literaturbetrieb in diesem Land: Zuerst wird alles mit der Mähmaschine auf gleiche Höhe gekürzt, du bekommst dein Zeug wieder zurück – wie dieser Reinhard, von dem ich dir erzählt habe, der schreibt richtig gute Sachen, bekommt aber kaum etwas anderes zu hören, als dass das alles viel zu eigensinnig sei – und wenn‘s dann alles die gleiche Länge hat, loben sie dich, wenn du doch drüber hinaus wächst. Der Literaturbetrieb ist ein bisschen – wie heißt das in Mille Plateaus? – schizoid. Kapitalismus und Schizophrenie! Die Frage ist, ob eine Zensur aus kapitalistischen Erwägungen anders funktioniert als aus politischen. Ich weiß, dass sie moralisch anders zu bewerten ist, die Frage ist aber, ob sie deswegen auch eine andere Struktur hat.

    Du siehst, ich bin in der Verfassung zu streiten. Bring dir Hilfe mit! Bring auch das Brot und den Käse mit, den es in der vergangenen Woche bei dir gab. Und Bionade (Holunder!).

    Beeil dich! Sei pünktlich! Und grüß deine Mutter! Hihi!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    21 September 2009

    Lolita II

    Damit hatte ich nicht gerechnet, als ich vor einiger Zeit die ersten Zeilen aus Vladimir Nabokovs „Lolita” kommentarlos hierherstellte, dass ich noch etwas dazu sagen will. Ich kenne einiges von Nabokov und war immer angetan. Jedenfalls habe ich in Erinnerung, angetan gewesen zu sein. Da ich viel lese, vergesse ich auch viel. Mindestens ebenso viel wie ich lese. Vielleicht euch ein kleines bisschen mehr. Da ich nicht gut im Rechnen bin, halte ich‘s nicht so genau nach. Es ist ein rein und raus in meinem Kopf. Das fühlt sich auch ganz gut an. Ich glaube nicht, dass es sich besser anfühlte, wenn es immer nur rein ginge.

    Jetzt habe ich ein paar Tage lang meine unteren Extremitäten baumeln lassen und mit den oberen das Buch gehalten. Und es dabei auch gelesen. Lolita scheint mir nicht Nabokovs bester Roman zu sein. Das Buch ist vor allem seiner chronique scandaleuse wegen bekannt. Dieses Thema – Pädophiler missbraucht Minderjährige – hat heute, so skandalös es ist, längst nicht mehr die Sprengkraft, die es im prüden Amerika der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hatte. Der Roman erinnert an Herman Melvilles „Moby Dick”: In beiden Büchern werden, neben dem eigentlichen Handlungsverlauf herlaufend, theoretische Exkurse zum jeweiligen Thema geboten. Der Grund, warum ich noch etwas zu dem Buch sage, ist dieser: Nabokov trifft nach dem ersten Teil des Textes, nach knapp der Hälfte seines Umfangs, eine folgenschwere Entscheidung, mit der er, wie ich die nächsten zweihundert Seiten meinte, seinen Roman regelrecht kaputt macht. Ein Konstruktionsfehler! Bis er ihn dann am Ende, auf den letzten Seiten, fulminant und dennoch absolut unspektakulär repariert. Aber der Reihe nach.

    Präludium: Das Buch ist die Autobiografie des pädophilen Humbert Humbert, der wegen Mordes im Gefängnis sitzt und dort seine Geschichte notiert. Das kurze Vorwort eines Herausgebers informiert uns, dass Humbert zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Buches bereits verstorben ist. Die letzten Zeilen teilen uns mit, dass dieser Text erst veröffentlich wird, wenn Lolita nicht mehr lebt. Beide Protagonisten sind also zum Zeitpunkt der Lektüre nicht mehr am Leben. Humberts Autobiografie entsteht zwischen seiner Verhaftung und dem Beginn seines Prozesses. Er will damit die Richter beeinflussen und für sich einnehmen. Also: seine Leser natürlich. Wir können uns von Anfang an auf einen hoch suggestiven Stil einstellen.

    Im ersten Teil beschreibt Humbert seine Neigung zu den von ihm verniedlichten “Nympchen”, wie er die 12-jährige Lolita (dabei belasse ich es, obwohl das Mädchen mit bürgerlichem Namen Dolores heißt) kennen lernt und ihre verwitwete Mutter heiratet. Die findet durch Humberts geheime Aufzeichnungen heraus, dass er in Wahrheit ihre Tochter begehrt und sie selbst lediglich als notwendiges Übel hinnimmt, um sich des Kindes zu bemächtigen. Die schockierte Frau schreibt sofort einige Briefe und wird, als sie die zum Briefkasten bringt, vom Auto überfahren. Lolita, die sich zu diesem Zeitpunkt im Ferienlager befindet, gerät dadurch in die Hände Humberts. Der behauptet dem Mädchen gegenüber, als er sie dort abholt, ihre Mutter liege im Krankenhaus. Nach der ersten gemeinsamen Nacht mit der 12-jährigen will Lolita ihre Mutter anrufen. Daraufhin sagt Humbert ihr die Wahrheit, dass die Mutter tot ist. Damit endet der erste Teil des Romans.

    Interludium: Autor und Autorin haben es immer mit den Erwartungen der Leserschaft zu tun. Zwischen Erwartung und Erfüllung dieser Erwartung liegt in der Regel ein Spalt. Die Autoren wissen das natürlich und ein erfahrener Autor, kann mit dieser Differenz spielen. Ein Spiel, das Nabokov exzellent beherrscht (man müsste sogar sagen: er hat ein nahezu kriminelles Gespür für die Erwartungen seiner Leser). Der Erwartungshorizont der hier aufgebaut wird, ist dieser: Wie reagiert die soeben missbrauchte Lolita darauf, dass die Mutter tot und sie selbst damit dem Täter hilflos ausgeliefert ist? Die Antwort auf diese Frage lautet: gar nicht. Vielmehr, und das ist der Grund, warum ich von einem folgenschweren Konstruktionsfehler gesprochen habe, Nabokov lässt sie nicht reagieren.

    Im zweiten Teil wird der Roman zum Roadmovie: die beiden fahren durch Amerika, von einem Motel ins nächste, von einer Nacht und von einem Geschlechtsakt zum nächsten. Nirgendwo bleibend, immer unterwegs auf einer Reise, für die, das weiß Humbert genau, nur ein Ende vorstellbar ist: das Kind wird in die Pubertät kommen und jeglichen erotischen Reiz für ihn verlieren. So kommt es dann auch und es kommt noch anders: er verliert Lolita an einen Konkurrenten, unglücklicherweise ebenfalls ein Pädophiler, den Humbert schließlich aufspürt und brutal hinrichtet. Die Entscheidung Nabokovs, den ersten Teil mit der Mitteilung des Todes der Mutter zu beenden und im zweiten Teil dann die Auswirkungen dieses Todes darzustellen, nämlich die totale Ausweglosigkeit Lolitas, die ein Kind ist und die auf Humbert angewiesen ist bedeutet hier: Es wird an keiner einzigen Stelle etwas darüber gesagt, was dieser Tod für Lolita bedeutet. Der Leser erfährt nichts über das Innenleben, das Gefühlsleben dieses Kindes. Es wird alles aus der Sichtweise Humberts geschildert: wie er sich das Mädchen sexuell gefügig macht, welche Gefahren, welche Ängste er ausstehen muss. Aber kein Wort über die Ängste des Mädchens. Und genau das will der Autor. Er beschreibt die absolute Uneinsehbarkeit einer Figur: Humbert kommt nie an das heran, was das Mädchen über ihn denkt. Er bekommt sie nie wirklich zu greifen. Und genau dies ist es, was der Leser nicht will: er will wissen, was in dem Mädchen vorgeht. Die Sicht des Täters ist dem Leser sogar unangenehm, und gerade eines solches Täters, wie Humbert einer ist, intelligent, gebildet und immer versucht die Richter und Leser auf seine Seite zu ziehen. Weil er sein Sensorium auf Abwehr eingestellt hat. Und mehr als zweihundert Seiten mit auf Abwehr eingestelltem Sensorium: das kann ganz schön an den Nerven zerren.

    Postludium: Erst auf den letzten Seiten wird der eigentlich Skandal dieses Buches deutlich, der von dem sogenannten Skandal überschattet wird. Der sogenannte Skandal ist der Missbrauch einer Minderjährigen, das ruinierte Leben eines Kindes, die später, nicht einmal volljährig, schwanger wird und über deren weiteres Schicksal sich das Buch züchtig zurückhält; aber man weiß heute, dass solche Schicksale nahezu irreparabel sind. Nach der Hinrichtung des Konkurrenten durch Humbert, die so maßlos brutal ausfällt, weil sich darin auch der Versuch der Hinrichtung seiner eigenen Neigungen widerspiegelt, auf den letzten Zeilen dieser Lebensgeschichte wird es dem Leser – wurde es mir jedenfalls – bewusst, und ich hatte eine Gänsehaut dabei: der eigentlich Skandal, der viel schwerer wiegt als der vorgebliche, ist, dass Humbert Lolita wirklich über alles geliebt hat. Nicht der Missbrauch ist der Skandal, sondern die Liebe.

    Das hätte Nabokov nicht besser einfädeln können. Da hat er mich doch mehr als zweihundert Seiten lang hinters Licht geführt, der alte Fuchs.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 September 2009

    Kultbücher I

    Ich weiß nicht, was ein Kultbuch ist. Dagegen gibt es eigentlich eine klassische Therapie: sich informieren. Will ich aber nicht. Ich könnte es stattdessen einfach definieren. Das wäre ein bisschen großmäuliger und sehr viel anstrengender. Will ich auch nicht. Ich plaudere also im Folgenden nur vor mich hin.

    Es gibt viele Aspiranten für Kultbücher, aber Kultbücher gibt es nur wenige. „Winnetou”, „Das Dschungelbuch”, „Der Struwelpeter”, „Der kleine Prinz” „Alice im Wunderland”, “Harry Potter” Tendenziell alles Kinderbücher, durch Jahre und Jahrzehnte hinweg gleichermaßen von Erwachsenen gelesen. Aber sind das Kultbücher? Wenn Dauer des Erfolges ein Kriterium ist, dann kommen als Anwärter vor allem die in Frage, die es schon seit Jahrhunderten gibt „Die göttliche Komödie”, „Das Dekamerone”, „Tausend und eine Nacht”, „Die Handschrift von Saragossa”. Die Höhe der Auflage und wie sie zustande kommt (im Jahr des Erscheinens, über Jahre und Jahrhunderte, in einem Land oder über den Globus verteilt) ist bei der Frage, ob ein Buch Kultstatus hat, ebenfalls unbedeutend. „Hundert Jahre Einsamkeit”: einer der bestverkauften Romane aller Zeiten und sein Autor, Gabriel García Márquez, ist einer der bekanntesten Existenzen auf diesem Planeten. Oder „Das Parfum” von Patrick Süskind ist wohl das bis heute meistgelesene Buch deutscher Sprache. Bücher, die außergewöhnlich gut beim Publikum angekommen sind. Beide sind meinem Dafürhalten nach keine Kultbücher.

    Selbst die in Deutschland hochheilige Riege aus Thomas Mann, Hermann Broch und Elias Canetti: keiner hat je ein Kultbuch geschrieben. Kult war eher Robert Musil, mit „Der Mann ohne Eigenschaften”, oder sogar noch eher Hans Henny Jahnn, „Fluss ohne Ufer”. Autoren, die etwas Neues probiert haben, neue Perspektiven, die alte Wege verlassen haben, die radikal anderes versucht haben. Und damit sicher auch gegen die Wand gefahren sind. Das spielt bei einem Kultbuch keine Rolle. Wenn andere Bücher sich verrennen und verkonstruieren, sind sie gescheitert, aber einem Kultbuch kann das nichts anhaben. Kultbuch war „Zettels Traum” von Arno Schmidt. Ich habe es nicht, ich habe es nicht gelesen, ich kenne keinen, der es hat, keinen, der es gelesen hat und ich glaube, all das gehört elementar zu dem Mythos dazu, der sich darum spinnt. Das Buch ist allein vom Umfang und Gewicht her unlesbar. Schmidt Adepten behaupten etwas von 7,6 Kilogramm, und damit ist das zumindest eine buchbinderische Herausforderung. Dagegen sind die 1, 5 kg vom Unendlichen Spaß eher als ein kleiner Scherz zu verstehen. Kaum ein Mensch hat wahrscheinlich Djuna Barnes „Nachtgewächs” gelesen, aber das war wohl ein Kultbuch. Ich glaube, dass „Tristam Shandy” von Laurence Stern ebenfalls eines war. Marcel Proust “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” ist natürlich ein Kultbuch. Auch – trotz oder wegen seines enormen Anspruchs – James Joyce, “Ulysses”. Oder war es doch eher “Finnegans Wake” und der “Ulysses” hat sich bloß besser verkauft?

    [Ich werde niemals wieder Listen machen, weil ich selbstverständlich ganz wichtige Bücher vergessen habe, und jetzt nachträglich einarbeiten muss: Goethes "Werther" war ein Kultbuch, selbstverständlich; und Aldous Huxley mit "Brave New World", Tolkien mit "Der Herr der Ringe"]

    Viele Kultbücher waren, vom Umsatz her betrachtet, wohl eher Katastrophen. Aber auch das katastrophale ist keine Voraussetzung für den Kultstatus. Ebenso wenig die literarische Qualität: „Clockwork Orange” von Antony Burgess war Kult. Auch die Unlesbarkeit ist kein Kriterium, Burgess ist heute beinahe nicht mehr lesbar, aber Joyce war es noch nie. Qualität ist ebenfalls kein Kriterium für den Kultstatus. Douglas Adams „Per Anhalter durch die Galaxis” ist Sciencefiction, oft nahe am Kitsch, war ein Kultbuch. Ich erzähle die Anfangssituation nach, aber ich erzähle recht frei.

    Hauptfiguren sind Ford Prefect und Arthur Dent. Letzterer liegt zu Beginn des Buches auf der Erde vor seinem Haus. Er liegt da, weil der vor ihm stehende Bulldozer sein Haus abreißen will. Es soll abgerissen werden, weil es einer Umgehungsstraße im Wege ist. Die Leute von der Stadtverwaltung können Arthurs Widerstand nicht verstehen. Die Unterlagen, die über den bevorstehenden Abriss Auskunft geben, liegen schließlich seit vier Wochen im Rathaus. Da er keinen Widerspruch eingelegt habe, wurde das als sein Einverständnis interpretiert. Arthurs Einwand, dass er nicht wusste, dass da Unterlagen zu finden sind, wollen die Leute von der Stadtverwaltung nicht akzeptieren. Dann kommt Arturs Freund Ford Prefect dazu und geht mit dem höchst erregten Arthur erst einmal ein Bier trinken. In dem folgenden Gespräch, redet Ford Prefect auf Arthur ein, dass das mit dem Haus nicht so wichtig sei. Arthur regt sich weiter auf und will wissen, wieso das nicht wichtig sei. Ford Prefect stellt sich als Bewohner eines anderen Sterns heraus und informiert Arthur darüber, dass der Planet Erde in einer Stunde gesprengt wird. Diese Information führt nun nicht dazu, dass Arthur sich beruhigt, ganz im Gegenteil. Ford Prefect erklärt ihm das folgendermaßen: Die Erde wird gesprengt, weil sie einer intergalaktischen Fernstraße Platz machen soll. Die entsprechenden Unterlagen dazu liegen zur Einsicht seit vierzigtausend Jahren auf Alpha Centauri. Die Tatsache, dass niemand gekommen sei und Widerspruch gegen die Sprengung eingelegt habe, wurde als Einverständnis gewertet. Und dann macht‘s auch schon „wummmm” und die beiden schaffen‘s mit Ach und Krach auf ein zufällig vorbeirauschendes Raumschiff und die eigentliche Geschichte geht los.

    Das Buch muss man nicht unbedingt lesen, weil es wirklich nicht die ganz große Literatur ist. Da sollte man lieber eines jener Bücher lesen, die am Kultstatus vorbeigerauscht sind, zum Beispiel „Die Blendung” von Canetti. Douglas Adams kann man auch als Film anschauen, eine zusammengeschnittene Fernsehserie von BBC, am besten im englischen Original, „The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy”, mit englischem Akzent und englischem Humor: komisch und klug, bisweilen zumindest, am besten im Kino mit einem englischen Bier und vielen anderen Leuten die ebenfalls die ganze Zeit über englischen Humor lachen und englisches Bier trinken. Hier gibt’s weitere Informationen zu der Serie von BBC.

    Und jetzt bin ich, nach einem langen und etwas verwinkelten Anlauf endlich dort, wo ich die ganze Zeit hin wollte: Frau Berg! Ich habe mich sofort nach meinem Ausrutscher entschuldigt. Und ich habe Ihnen mit meinem vorletzten Eintrag´die Gelegenheit zur Retourkutsche gegeben. Meine ersten Seiten haben hier gestanden. Da Sie keine Einwände formuliert haben, nehme ich an, dass Sie keine haben.

    Mit den Kultbüchern ist das schwierig. Ich vermute, dass sich überhaupt keine verlässlichen Aussagen darüber treffen lassen, ob ein Buch zum Kultbuch wird. Das Phänomen ist marktwirtschaftlich wohl auch zu vernachlässigen. Außer man ist ein Publikumsverlag und hat einen solchen Titel gerade im aktuellen Programm. Dann werden vermutlich alle anderen Titel vernachlässigt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    09 Juli 2009

    Die Wiederkehr der Mavala Shikongo

    Der bisweilen schwierige Übergang vom einen zum anderen in der Wüste Namibias

    Es ist der Autorin dieser Zeilen nicht ganz einsichtig, warum das Schreiben ein so hohes Ansehen genießt. Jeder der einmal einen Text verfasst hat, weiß, dass es sich dabei um keine anspruchsvolle Tätigkeit handelt. Vielmehr ist es ein Tun, das lediglich aus zwei Elementen besteht: Erstens muss einem etwas einfallen, das man dann, zweitens, aufschreibt.

    In 155 kurzen und kürzesten Kapiteln führt uns Peter Orner vom Anfang zum Ende seiner Erzählung. Larry Kaplanski kommt aus Amerika, Cincinnati, in die Wüste Namibias und tritt an einer Jungenschule in Goas eine Stelle als Hilfslehrer an. Gleich bei seiner Ankunft verliert er seinen Vornamen und den letzten Buchstaben seines Nachnamens und wird zu Kaplansk. Goas ist die ehemalige Farm eines Buren, der das Land der katholischen Kirche vermacht hat, die dort ein Jungeninternat einrichtet. Ein Dutzend Gebäude liegen am zentralen Platz, der, wir sind schließlich in Afrika, ein Fußballplatz ist: Schule und Schülerwohnheim, die Häuser der verheirateten Lehrer, das des Direktors und das der Junggesellen, eine Kirche und eine Bücherei.

    Da ist der Zimmernachbar Pohamba, der Oberlehrer Obadiah, dessen schrottreifer Datsun in der Wüste vergammelt und in dem er seine Nachmittage verbringt. Da sind Festus und Dekelidi und der Direktor und seine Frau, Miss Tuyeni. Die beiden sehen abends miteinander fern, obwohl sie keinen Empfang haben und vor einem schwarzen Bildschirm sitzen. „Miss Tuyeni lacht über etwas, das sie zu sehen glaubt.” Vor allem aber ist da Mavala Shikongo, die Schwägerin des Direktors, wie fast alle Erwachsenen an diesem Ort, von Beruf Lehrer. Alle Männer, „ob alleinstehend, geschieden oder die Scheidung herbeisehnend” verlieren bei ihrem Anblick den Kopf. Mavala, die Goas verlässt und drei Wochen später mit einem zweijährigen Kind zurückkehrt; Mavala, die mit ihren hochhackigen Schuhen durch die Wüste stöckelt; Mavala, die gegen die Buren gekämpft hat, eine Kalashnikov in siebzehn Sekunden auseinander nehmen kann und in der Kirche Orgel spielt; Mavala, die sich in Goas über die Maßen langweilt.

    Auch wenn’s drauf steht, es ist kein Roman. Es ist nicht einmal ein durchgängiger Text. Es sind Erzählpartikel. Im klassischen Sinne wird keine Geschichte erzählt, aber alle erzählen Geschichten. Vom Geist jenes Jungen der ertrunken ist und seither ans Lagerfeuer der Lebenden tritt oder von dem, der eine Kuh mit einem Taschenmesser schlachtet. Geschichten von der Dürre, von verhungernden Menschen und verdurstendem Vieh. Geschichten von der Gewalt. Und vor allem Geschichten vom Krieg.

    Der Krieg der Ahnen gegen die Kolonialherren und der Unabhängigkeitskrieg gegen Südafrika. Die Besiedlung durch die aus Südafrika stammenden Buren, die Voortrekker; die Christianisierung durch Missionare; der Aufstand der Herero im Jahr 1904; die Schlacht am Waterberg und die anschließende systematische Ausrottung der Herero durch den deutschen General Lothar von Trotha. Als in Berlin auffiel, dass seine Vorgehensweise nicht mit den Prinzipien der Kirche und der Menschlichkeit zu vereinbaren war, war es bereits zu spät. Von Trotha hatte das Volk der Herero, Krieger, Frauen und Kinder, in der Wüste verhungern und verdursten lassen. Nach dem ersten Weltkrieg wurde im Vertrag von Versailles die ehemalige deutsche Kolonie Mandatsgebiet des Völkerbundes, unter der Verwaltung von Südafrika, das im Zuge der aufkommenden Apartheid die Homelands und die Rassentrennung einführt. Von 1966 an kämpft die SWAPO gegen die Besatzung durch Südafrika. 1989 finden die ersten freien Wahlen statt und im Jahr darauf wird das Land in die Unabhängigkeit entlassen.

    Geschichte, die nicht in den Untiefen des vergangenen Jahrhunderts verschwunden ist, sondern höchst aktuell. Heidemarie Wieczorek-Zeul reist hundert Jahre nach dem Völkermord durch das Deutsche Reich nach Namibia und Thilo von Trotha entschuldigt sich erst 2007 für das durch seine Familie begangene Unrecht bei den Herero.

    Das ist eine sehr zurückgenommene Erzählweise, vielmehr eine Betrachtungsweise. Vorsichtig ist Orners Blick, als wolle er vermeiden durch eine allzu ungestüme Erzählweise etwas zu verändern oder zu zerstören. Der Autor hetzt uns nicht von einem Bild zum nächsten. Er hat Zeit für Beobachtungen. Man spürt die Hochachtung des Autors vor seinen Figuren – und vielleicht vor seiner eigenen Geschichte, die er hier gestaltet. Aus dieser Achtung heraus, wendet er den Blick des Lesers in eine andere Richtung, wenn Mavala und Kaplansk sich bei den Gräbern der Voortrekker treffen, in drückender Hitze der Siesta. Sie machen Liebe auf dem Grab Grietas. Das hat nichts obszönes, die Jungs aus der Schule machen auch Klimmzüge am Kreuz Christi und Obadiah pisst auf seinen soeben beerdigten Freund als eine Art Abschiedsgruß. Die Gräber sind einfach ein Ort, an dem die beiden ohne die anderen sein können. „Magst du dich setzen?”, fragt Mavala, als sie einander das erste Mal treffen. „Hier?”, “Warum nicht? Man sitzt sehr bequem auf diesen toten Buren.”

    Sie reden auch miteinander. Aber sie reden womöglich das Falsche. Auch wenn sie einander wiederholt dazu auffordern: „Rede.”, „Worüber?”, „Egal. Rede.”, „Mir fällt nichts ein. Null.”, „Was für ein Name ist Larry?”, „Französisch, glaube ich.”, „Bist du ein Franzose?”, „Nein.”, „Erzähl noch etwas.” Es bleibt bei solchen Belanglosigkeiten. Sie gebärden sich nicht wie Verliebte, machen kaum Zukunftspläne und als Kaplansk eine mögliche Hochzeit zwischen ihnen andeutet, fällt Mavala vor Lachen fast vom Grabstein.

    Dennoch schreibt Kaplansk an seine Mutter einen jener Briefe, mit denen Mütter von Söhnen immer rechnen müssen: „Mutter, es tut mir leid. Es gibt so vieles, was mir leid tut, und deshalb musst du begreifen, dass ich es noch mehr bedauere als üblich, Dir mitteilen zu müssen, dass ich, solange ich lebe, nie mehr einen Fuß nach Cincinnati, Ohio, setzen werde, nicht einmal einen eiskalten Zehennagel, und dies soll auch für meine Leiche gelten. Sei versichert, dass ich in guten Händen bin. Ihr Name lautet Mavala Shikongo.”

    Dieser Text berichtet vom Erzählen. Das ist der Bereich zwischen Wahrheit und Unwahrheit, zwischen Richtig und Falsch. Und am Übergang vom einen zum anderen steht die Erzählung. Die Erzählung, die die Wahrheit des Erzählten behauptet, sie aber schon nicht mehr ist.

    Wir dürfen vermuten, dass Wahrheit und Unwahrheit in einer Kultur, die stärker an die orale Tradition gebunden ist als die skripturalen Kulturen der westlichen Welt, eine andere Bedeutung zukommen, weil der Übergang vom einen zum anderen ein anderer ist. Der Übergang von der alten in eine neue Zeit. „Was macht er da?”, fragt Mavala als Pohamba wiederholt gegen die Wand klopft. „Er gibt Morsezeichen. Du warst doch im Krieg”, antwortet Kaplansk. „Wir haben Satellitentelefone benutzt” sagt Mavala.

    Diese westliche Kultur hat Afrika nicht nur die Schrift, das Repetiergewehr und das Satellitentelefon gebracht. Sondern auch jene Waffen, die wir überall im Buch finden, die modernsten, derer die westliche Welt sich bedient, um vermeintlich inferiore Kulturen zu unterwandern, zu infiltrieren und schließlich zu unterwerfen: Pepsi, Fanta und Twix.

    Die Geschichten werden in der Gegenwart oder in der Vergangenheit erzählt, in direkter oder in indirekter Rede, durch die Stimme eines Erzählers oder aus der Ichperspektive. Nur Mavala scheint die prädestinierte Ich-Perspektive nicht zu kennen. Sie bleibt rätselhaft. Und dann ist sie wieder verschwunden. Ohne Aussicht auf Rückkehr. Und auch hier wird, wie bei so vielen anderen Toden, nicht viel Aufhebens gemacht. Es gibt schlimmere Katastrophen, das ist jedenfalls Pohambas Meinung zu der Sache.

    Wir wissen nicht, wie lange Kaplansk auf Mavala gewartet oder warum er sie nicht gesucht hat. Irgendwann sitzt er, dem Brief an seine Mutter zum Trotz, in der Bibliothek von Cincinnati und liest in einem Geschichtsbuch über Namibia. „Ich denke an ihre Lippen und daran wie spröde sie waren, und an ihre Stimme, die rauer wurde, wenn sie Durst hatte. Ich versuchte, ihr das Wasser vorzuenthalten, damit sie länger so rau klang. Allein ihre Stimme, das schwöre ich, konnte einen Nachmittag langsamer verstreichen lassen.”

    Wer erzählt, erzählt ja nicht die Wahrheit. Er erzählt von ihrem Verlust. Zwischen Kaplansk und Mavala muss mehr geschehen sein als nur rauer, verschwitzter Sex. Sex und Liebe verhalten sich womöglich wie der Einfall und das Aufschreiben desselben. Jeder der schon einmal in das eine oder das andere involviert war, weiß: für sich genommen sind das zwei durchaus zu handhabende Umstände. Nur hapert es bisweilen am Übergang vom einen zum anderen. An diesem Übergang nun stehen die Worte. Worte, die einen gleichermaßen behindern oder befreien können. Peter Orner – und an seiner Seite der sensible Übersetzer Henning Ahrends – schreibt manchmal geradezu entfesselt.

    Peter Orner, Die Wiederkehr der Mavala Shikongo
    Carl Hanser Verlag, München 2008
    339 Seiten, 21,50 €
    ISBN 978-3-446-23060-6

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    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    05 Juli 2009

    Räusche, Süchte und Delirien

    Ich habe in der letzten Zeit die Lektüre vieler Bücher abgebrochen. Von Flächenbrand gar nicht erst zu reden, es springt nicht einmal ein winziger Funke über. Das vorhandene elektrische Potential brauche ich zur Enervierung meiner Armmuskulatur, um die Bücher mit zwei Fingern an einer Ecke anzufassen und mit leichtem Anflug von Ekel und Widerwillen aus dem Bett zu befördern. Am nächsten Morgen bekommen sie noch einen Tritt in den Hintern und dann wandern sie auf den Stapel im Flur und bei allernächster Gelegenheit ins Antiquariat. Ich will solche Schweinereien nicht in der Wohnung haben.

    Es gibt auch weit weniger vornehme Arten, sich von Büchern zu trennen als sie ins Antiquariat zu geben. Ich habe gehört, dass ein Leser der „Feuchtgebiete” ins Buch defäkiert und es dem Lektor derart kommentiert zurückgeschickt hat. Keine schöne, wahrscheinlich aber eine angemessene Reaktion. Ich hab’s nicht gelesen. Ich stand vor dem Büchertisch meines bevorzugten Dealers und habe an zwei oder drei Stellen hineingelesen. Dann habe ich mich vorsichtig umgesehen, wie das Taschendiebe bestimmt auch tun, ob mich etwa jemand ertappt hat und dann hab ich’s möglichst geräuschlos wieder auf den Stapel zurück gleiten lassen. Ich bin sehr interessiert an Literatur und an Sexualität. Aber mit solchen triefenden Avancen kriegt man mich nicht ins Bett.

    Warum gefällt mir Aravind Adiga mit „Der weisse Tiger” nicht? Der Titel stand weltweit in den Bestsellerlisten und hat Millionen Leser gefunden. Solche internationalen Bestseller lassen sich als gute Arbeit von Literaturscouts und Literaturagenten beschreiben; sie lassen sich auch als Rezeptionsphänomen beschreiben, aber durch beides sind sie nicht vollständig beschrieben. Dieses Buch muss eine Qualität besitzen, die ich nicht habe entdeckt können (und diese Qualität lässt sich nicht beschreiben mit dem Wort: Allgemeingeschmack. Der Tellkamp, der sicherlich sehr weit entfernt ist von dem Verdacht des Allgemeingeschmacks, hat hunderttausende Exemplare verkauft. Das lässt sich nicht einmal mit dem anderen großen Verdacht des Buchhandels erklären, nämlich Weihnachtsgeschenk). Oder ich habe einen Raubdruck abbekommen: als absehbar war, dass der Titel ein Erfolg wird, hat sich ein pfiffiger Schreiber hingesetzt und ungefähr dasselbe geschrieben wie der Adiga, irgendwie was mit Indien und mit reich und arm. Das lässt sich wahrscheinlich recht zügig runterschreiben. Dann hat er das Cover vom Adiga genommen und es den Buchhandlungen mit einer hübschen Kommission angeboten. Außerdem ist das Übersetzen ein mühseliges Geschäft. Und schließlich ist das selberschreiben von Bestsellern auch billiger als das Einkaufen derselben auf dem Markt: man spart die Lizenzgebühr, die in so einem Falle schon mal in die Hunderttausende gehen kann.

    Mir gefällt es nicht. Und zwar aus einem einzigen Grund. Der ist recht naheliegend und deswegen bin ich auch nicht sofort darauf gekommen. Es gefällt mir nicht, weil mir kein einziger Satz gefällt. Dieser Autor, ob Adiga selbst oder sein deutscher sub-skribent, liebt die Sprache nicht, er benutzt sie lediglich. Er begehrt sie nicht, er beschläft sie nur. Kein einziger schöner Satz, keine schöne Bemerkung, keine liebevolle Betrachtung, keine sensible Schilderung von Natur, keine empfindsame von Menschen. Da ist nur irgendeine belanglose Figur, die sich auf ebenso belanglose Weise Seite um Seite beklagt. Nach zwanzig Seiten und zweihundert Belanglosigkeiten weiß ich wie der Hase läuft. Ein Hase, der keine Haken schlägt, sondern nur stur geradeaus läuft.

    Oder Gerd Peter Eigner, „Die italienische Begeisterung”. Nach hundert solcher Sätze, konnte ich bei diesem hier einfach nicht mehr weiter: „Ich denke, es ist besser, ich wechsle das Thema.” (Wie wär’s mit: Ich denke, es ist besser das Thema zu wechseln. Ich wechsle besser das Thema. Es ist wohl besser, das Thema zu wechseln. Themawechsel.) Wechsle könnte man auch mit ä schreiben und dann würde man glauben, dass es eine bayrische oder österreicherische Bezeichnung für eine Wachskerze ist und der entsprechende männliche bayrische oder steirische Hochlandbewohner, bevor er sich zwecks Befriedigung seiner niederen Gelüste an seinem dauerhaft verehelichten Weib vergeht, eine romantische Seite an sich entdeckt und zu selbigem, Weibe nämlich, spricht: „Rosi, I zünd scho ma das Wächsle an, ja sappalot noch einmoal.”

    Ich gerate inzwischen viel zu selten in einen Leserausch. In eine Lesesucht. Die Süchte anderer sind mir fremd. Nichts ist ernüchternder als die Räusche der anderen. Meine großen Leseräusche sind alle schon länger her. Vor drei, vier Jahren hatte ich einen schweren Anfall davon, bei den Romanen von Iris Murdoch, die der Deuticke Verlag mangels Nachfrage nicht mehr auflegt (Woran mag das liegen? An der Komplexität jedenfalls kann es nicht liegen. Die Murdoch liest sich genauso leicht wie der Adiga, sie schreibt nur viel besser). Vor vielen Jahren hatte ich solche Lesedelirien bei Tolstoi und Nabokov. Und später bei Saramago und natürlich, aber das ist ein anderes Thema – nicht mehr das der Erdbeben, sondern der Meteoriteneinschläge – bei Marcel Proust, Auf der Suche nach der verloren Zeit.

    Meine letzte Entdeckung war ein herber Schlag ins Portemonnaie. Aber es hat sich gelohnt, Max Aub, „Das magische Labyrinth”. Diese sechsbändige Ausgabe war vom Eichborn Verlag äußerst liebevoll gestaltet. Nicht dieses Toilettenpapier, das ich beim Adiga bekommen habe. Gerade so als wüsste der Verlag durchaus, wozu es wirklich taugt. Vor allem aber sind es die Südamerikaner, die es mir angetan haben. Ich mag diese satte und saftige Literatur. Alles seit Borges. Dieser so genannte magische Realismus, richtige Schmöker, die mich nicht nur sinnlich, sondern auch intellektuell befriedigen.

    Gerade kokettiere ich mit der Gesamtausgabe von Truman Capote; aber ich habe auch Angst. Nicht nur ums Portemonnaie. Amerikanische Literatur ist bei mir ein blinder Fleck und ich bin nicht sicher, ob ich das nicht dabei bewenden lassen sollte. Das Wenige, das ich aus Amerika kenne, war allerdings gut: Mark Z. Danielewski, „Das Haus”, ein höchst beeindruckendes Debüt, intellektuell und vom Satzspiegel her sehr anspruchsvoll und fast ein bisschen zu dick aufgetragen für einen Roman (Woran liegt das? Dieses Buch ist viel zu komplex, um den Allgemeingeschmack zu treffen. Auch Aub war komplex: man musste sich konzentriert mit dem Spanischen Bürgerkrieg auseinandersetzen. Das erleichtert einem auch die schöne Ausgabe nicht). Außerdem habe ich vor einigen Monaten Peter Orner gelesen, „Die Wiederkehr der Mavala Shikongo”. Meine Rezension stelle ich bei nächster Gelegenheit hierher.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.