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Kommentare:
Aléa Torik: Lieber Christian, vielen Dank für Ihre Rückmeldung! Ich freue mich, dass Sie ungeduldig waren. Ungeduld ist ja nicht nur fehlende Geduld, sondern auch Neugier und das ist es eben, was...
Aléa Torik: Liebe Alice und lieber Dietmar, ich habe diesen Beitrag der meinen Roman ankündigt jetzt oben weggenommen. Das war tatsächlich wohl nicht förderlich für die anderen Artikel und wer hier...
Aléa Torik: Liebe Dietmar, lieber Avenarius, vielen Dank für die Hinweise. Ich kann mit Technik wenig anfangen. Ich habe dem Mann, der diese Umstellungen macht, eine Mail geschrieben. Er hat...
Christian: Hallo Alea, ok, ich war zu ungeduldig um auf’s angekündigte ebook zu warten. pardon. Warten ist keine Stärke von mir. Ich werde das Warten gerne nochmal üben. Und zwar auf die...
avenarius: Krummes ist gerade geworden, halbes voll.- Meine Hinweise von soeben haben sich scheinbar erledigt. Einen schönen eisigen Tag avenarius
avenarius: … andere kommen zweimal – alles geht schief.
avenarius: Der jeweils erste Kommentar geht unter. Freundlichst – avenarius
Der Buecherblogger: Liebe Aléa, leider lassen sich auch die Kommentare anscheinend nicht mehr aufrufen. Den von Alice kann ich nur links bis zu den drei Punkten lesen, der Kommentar selbst wird nur...
Alice: Liebe Aléa, vielleicht liegt das auch daran, dass man bei einem kurzen, flüchtigen Besuch gar nicht merkt, dass Sie einen neuen Text eingestellt haben, denn ganz oben steht immer noch der...
Aléa Torik: Liebe Ulrike, es muss nicht jede_r eine vollständige Rezension einstellen. Ich freue mich, wenn du etwas mit dem Buch anfangen kannst und Leute kennst, die das auch können. Nicht nur...
Aléa Torik: Liebe Claudia, hier wird’s auch kalt, aber keine sibirische Kälte. Nur einfache Kälte. Ich mag Winter und Kälte auch sehr, vor allem draußen, wenn man schön warm angezogen ist und wenn...
Ulrike Berretz: Liebe Aléa, am Wochenende habe ich das Geräusch das Werdens in Happen sprich Kapiteln genossen. Und direkt Montag ein weiteres Exemplar an eine Kollegin verschenkt. Nicht besonders...
Claudia Katzmarski: Liebe Aléa, ja, hier in Stockholm ist es auch sehr kalt! Aber es ist auch genau die richtige Zeit, sich mit (d)einem guten Buch in einen gossen Sessel zu kuscheln… Liebe...
Aléa Torik: Lieber Avenarius, da muss noch mal der Mann mit dem Bohrer oder dem Hammer ran! Ich werde dem gleich mal eine Mail schreiben. Was haben die Menschen eigentlich früher gemacht, als...
avenarius: Liebe Alea, komisch, dass diese Internetzseiten regelmäßig in funktioneller Hinsicht kollabieren. Selbst Fachleute wundern sich, wenn sie sehen, wie ihr Model auf dem Laufsteg aus den...
Aléa Torik: Ich fürchte fast, dass da noch einiges nicht in Ordnung ist. Der Kommentar steht dort, wo er stehen soll, aber er ist dreimal vorhanden. Oder zehn Mal. Da muss ich noch etwas ändern.
Aléa Torik: Lieber Phorkyas, ich bin heute kurz angebunden. Entweder bin ich im Stress oder ich bilde mir das nur ein. Warten Sie noch ein paar Tage und dann kommt der Artikel. Allerdings dürfen...
phorkyas: Liebe Alea, dann warte ich gespannt. Vielleicht gibt es dann ja auch was Neues zu überlichtschnellen Neutrinos, Higgs-Bosonen oder dunkler Materie. Herzlich, Phorkyas
Aléa Torik: Lieber Herr Iffland, ich bin auf Ihre Reaktion gespannt. Es wird sicher viele verschiedene Reaktionen geben und was dem einen gefällt, ist dem anderen ein Graus. Das ist der Reichtum,...
Iffland: Liebe Aléa Torik, manchmal ist man ja verblüfft über so manche Entwicklung in unmittelbarer Nähe, so dass Ihre Frage nach meinem Befinden ausgerechnet heute -und trotz meiner Sparsamkeit...
Or–bit–or II
Ich war am Montagabend bei der Veranstaltung mit Mircea Cărtărescu, der aus dem zweiten Band der Orbitor – Trilogie vorgelesen hat. Allerdings nur eine einzige Seite, denn er gehört, wie viele Autoren, zu denen, die nicht lesen können. Es kann sogar exzellent lesen, und er liest auch immer und überall und alles, aber er ist ein der Öffentlichkeit und dem Rampenlicht eher abgeneigter Mensch. Man merkt ihm an, dass er froh ist, wenn das hinter ihm liegt. Außerdem war es natürlich eine Lesung auf Deutsch. Das tat der Sache keinen Abbruch, die Übersetzung ist besser als das Original. Aber auch das Original ist besser. Beide sind besser. Nicht besser als das andere, sondern besser als sie selbst.
Der Roman, sein in Deutschland inzwischen einigermaßen bekannter erster Teil, sein gerade erschienener zweiter und sein hier noch unbekannter dritter Teil sind alle miteinander am Rand der Lesbarkeit, der Entzifferbar und Interpretierbarkeit geschrieben. Die mir bekannten Rezensionen und Hinweise auf diesen zweiten Teil (Verlagsankündigung, Perlentaucher, Deutschlandfunk etc.) belassen es in der Regel auch bei der Bemerkung, dass man nicht darstellen könne, was in dem Buch passiert. Selbst „passieren“ ist nicht das richtige Wort. Meistens ist von der erheblichen Komplexität die Rede. Auf Deutsch gelesen hat Frank Arnold: und den hat das alles nicht interessiert. Vielleicht wusste er das auch nicht. Der trank den 100% tigen Text als wär‘s 3%tiger Schaumwein. Das war einfach grandios. Er hat sich in einer guten halben Stunde nicht ein einziges Mal versprochen, er hat nicht einmal gestockt. Als wenn er den Text gar nicht liest, sondern in diesem Moment erfindet.
Realistische und phantastische Ebenen und Textteile wechseln sich in der Trilogie ab. Mircea Cărtărescu hat an diesem Abend, wie schon in seinen Seminaren, und in seiner Dissertation wiederholt darauf hingewiesen, dass die rumänische Literatur in Europa falsch lokalisiert sei, und ihre eigentlichen Nachbarn die Südamerikaner sind. Die rumänische Literatur ist in der Tat sehr viel deutlicher an der Phantastik orientiert als die deutsche, die zu einem erheblichen Teil zum Realismus neigt.
Diese beiden Pole sind natürlich nicht ganz so streng voneinander zu scheiden wie Nord- und Südpol. Beide entwickeln sie ihre magnetischen Felder, die in das andere Feld hineinreichen. Ein realistischer Autor schreibt in der Regel realistische Romane in ebensolcher Manier. Wer der Phantastik zuneigt, hat andere sprachliche Möglichkeiten als der realistische Schriftsteller. Der phantastische Schriftsteller hat andere Möglichkeiten, weil er einen anderen Maßstab an die Dinge anlegt. Allerdings muss man das können. Man muss über ein solches Maß verfügen, sonst nützt einem alle Phantasterei nichts.
Realisten und Phantasten können zur konservativen oder modernen Fraktion gerechnet werden. Allerdings bildet ja auch der Realismus nicht nur die Natur ab wie sie ist. Die Modernen, die Modernsten, nämlich die Postmodernen, die so modern ja auch schon wieder nicht sind – es gibt wohl nur gerade keinen Begriff, der das Postmoderne hinter sich lässt; die Postmodernen glauben nicht mehr daran, dass etwas einfach nur ist: sie postulieren, dass sie das machen. Die Dinge sind nicht, weil sie irgendwo herumliegen, sondern sie liegen dort herum, weil sie sie als liegende beschreiben. Und indem sie sie beschreiben, machen sie sie.
Zur Standortbestimmung: Ich bin eine realistische Schriftstellerin, die eindeutig der derzeit noch begriffslosen Gruppe der Nachfolger der Postmodernen zuzurechnen ist, die wahrscheinlich gar keine Gruppe ist. Ich kenne jedenfalls keinen anderen aus dieser Gruppe. Und ich bin auch nicht sicher, ob ich einen der anderen kennenlernen möchte. Ich glaube, ich komme eher mit den konservativen Phantasten aus der Gruppe der Postmodernen zurecht. Menschlich, nicht literarisch. Sollte ich jemals eine Kontaktanzeige aufgeben, wäre dieser Absatz der ideale Text.
Mircea Cărtărescu ist drei Etagen besser als ich. Eine werde ich überwinden durch beständige Arbeit an mir und meinen Texten: das bedarf meiner selbst. Die zweite Etage werde ich möglicherweise überwinden: sie ist nur durch Erfolg und Anerkennung der Leistungen zu erklimmen: sie bedarf der anderen. Die dritte Etage ist uneinnehmbar – nicht durch Fleiß, Glück oder Kampf – und sie ist nicht zu erklären durch die dargestellte Differenz von Phantasten und Realisten, Modernen, Postmodernen oder Antiquierten. Sie ist allein eine Frage der Begabung: mit der Lunge, die dort oben atmen kann, muss man geboren werden.
Zu der Textstelle, die am Montag gelesen wurde (das Kapitel beginnt in der deutschen Ausgabe auf Seite 513): Maarten ist ein kleiner Junge aus Amsterdam, der im Winter mit seinem Hund Frits Eislaufen geht. Er haut von zu Hause ab und läuft alleine mit dem Hund zu einem weit draußen liegenden Schiff, eine zweitägige Tour auf dem Eis. Auf halber Strecke will er bei der Mühle übernachten. Er denkt nicht daran, dass seine Eltern sich Sorgen machen. Als wüsste er, dass sie ihn nicht wiedersehen werden. Er fällt in ein Eisloch, er krabbelt hinein, sieht dort eingefrorene Fische und seinen vor zwei Jahren ertrunkenen Bruder Gerrit. Er klettert wieder heraus und fährt weiter auf seinen Schlittschuhen. Er kommt an die Mühle und bemerkt, dass er Frits schon lange nicht mehr hat bellen hören. Der Leser ahnt in diesem Moment bereits: Frits ist schon lange tot. Maarten altert, nachdem er aus der Höhle wieder herauskommt, innerhalb kürzester Zeit. Innerhalb von 24 Stunden wird aus einem kleinen Jungen ein alter Mann. Er wächst, seine Schuhe, seine Kleidung platzt ab, während er über das Eis fährt. Er verändert sich äußerlich und innerlich. Er kommt an die Mühle, schläft mit einer Frau, die ihm ausgesprochen ähnlich ist, sein femininer Zwilling, und gegen Mittag des kommenden Tages stirbt er.
„Er erreichte die Weide noch im milchigen Licht des Vormittags und setzte sich auf den Sack, nachdem er alles zum Essen Nötige herausgeholt hatte. Alles teilte er bis auf den letzten Krümel mit Frits. Kauend betrachtete er den endlos hohen Himmel höher als sonstwo auf der Welt. Die am tiefsten hängenden Wolken leckten das Eis wie vom Wind zerfaserte Rauchschwaden. Die darüber liegenden waren klumpiger und schienen erstarrt zu sein, doch betrachtete man sie länger, so sah man, dass auch sie einem steten Wandel der Formen und Leuchtkraft unterlagen, und der kleine Maarten fragte sich nicht ohne Grund, wie denn Gott, ohne dessen Willen und Wissen sich nichts auf der Erde rührte, die launenhaften und widersprüchlichen Bewegungen der Wolken beherrschen konnte. Welch endlose Berechnungen musste er anstellen, um zu ermitteln, in welche Richtung jedes einzelne blonde Haar auf dem Kopf des Jungen flatterte, wenn der Wind wehte und es zerzauste. Wie konnte Er wissen (aber Er wusste, denn Er war auch der Wind,, auch die Wolken, auch die stets wirbelnden Wasser), welche Richtung jeder Tropfen eines Flusses einschlägt, wenn die Wasserstrudel im Frühjahr anschwellen. Die dunklen Schneewolken, die am Himmel, zehnmal höher als die Erde, hin und her zogen, schienen keinem Gesetz zu gehorchen. Sie verknoteten und entknoteten sich schlicht und einfach aufs Gradewohl, bildeten zuweilen, ebenso zufällig, Gesichter und Landschaften, die sich dann bis zur Unkenntlichkeit verformten und wiederum andere Antlitze und Aussichten bildeten. Verhielt es sich nicht ebenso mit den stets vergänglichen Dingen unserer Welt? Bildet man nicht ein Haus mit Holz aus dem Wald, mit aus gebranntem Lehm geformten Ziegeln, mit Glas aus geschmolzenem Sand, mit aus der Erde geförderten Eisen, glänzt es nicht eine Zeitlang inmitten des Dorfes und beherbergt junge, vor Gesundheit strotzende Menschen? Erlebt es nicht frohe Hochzeiten und Taufen, um dann gleichzeitig mit den Menschen und dem Dorf zu altern, zum ‚alten Haus‘, verlassen zu werden und dann langsam in Trümmer zu zerfallen, um wieder in die Erde zu verschwinden, aus der es geknetet war. War denn nicht irgendwann auch das Dorf gegründet worden, damit es dereinst ebenso in Nebel und Vergessen verschwand? Das Kind betrachtete die schwarze Weidenrinde, die in jeder Ritze noch Spuren des Schneefalls bewahrte. Sie schien so hart, so ewig zu sein, und dennoch war sie nur eine vergängliche Form. Er stellte sich Wesen vor, so flink und unkörperlich, dass sie in der Welt der Wolken leben konnten und dass sie alle fest und unwandelbar schienen, ebenso wie den Menschen alle sie umgebenden Dinge vorkommen. Jene Wesen würden sich in einem Augenblick auflösen, doch jener Augenblick wäre ihr Leben, lange und voll von Glück und Verdruss. ‚Und wir, wir unter den stets fließenden Wolken, würden ihnen wirklich unsterblich vorkommen. Wir wären ihre Götter, in uns würden sie Trost und Halt finden, von unserer Beständigkeit und Erstarrung würden sie unentwegt träumen, so wie für uns der Herr und sein Sohn Jesus zwei herrliche, unwandelbare Statuen sind, immerdar dieselben, in deren Nähe wir wie die Wolken gebildet werden und zerfasern.‘ Ja, Fließen und Wandel waren Leben, Beständigkeit und Erstarrung waren in unserer Welt nicht möglich, denn sie waren Wesenszüge des Göttlichen. Als er bei diesem Gedanken angelangt war, wurde der Junge von großer Sehnsucht nach Ewigkeit erfasst. Winzig unter dem wirbelnden Himmel, stand er auf und blieb etwa eine halbe Stunde reglos stehen, den Blick auf den Scheitel des Gewölbes gerichtet, ohne zu blinzeln, ohne das ruhelose Winseln des Hundes zu hören, das Gesicht erhellt und verdunkelt vom ruhigen Fließen der Wolken.“
[…]
„Wir leben in übereinandergeschichteten Welten, sagte sich Maarten, jede unter dem harten Eis der darüberliegenden, wobei jede unter ihren Füßen eine andere, seit langem versunkene sieht. Wir sind die Himmel der unter uns liegenden Welt und die verfluchte Tiefe des seligen Reiches darüber. Der obere Teil unseres Leibes ist göttlich und badet im Quarzlicht des Spitzbogens, in das wir in Ewigkeit gesetzt worden sind, der untere Teil empfängt zwischen Schenkeln und Hinterbacken die dämonische, schändliche Flamme der Hölle. Doch unser Gehirn in seinem Schädel aus bleichem Bein ist identisch mit den Eiern der Oberen in ihrem weichen Geschröt, und die beiden Halbkugeln, mit denen die unter uns denken, sind mit unseren Hoden identisch. Wie wundertätig muss das Gehirn der Oberen sein und wie niederträchtig sind die Eier der Unteren! Und dennoch ist Ersteres ähnlich dem Schädel aus behaarter Haut zwischen den Beinen der noch Höheren, und Letztere sind die glorreichen Geister der noch Tieferen. Und irgendwo, in dieser endlosen Abfolge, in den geologischen Schichtungen von Raum und Zeit, Gehirn und Geschlecht, Hirnhälften und Testikeln, Paradies und Hölle, irgendwo an dem immer klarer werdenden Scheitel der übereinander liegenden Welten muss es einen Geist geben, der für niemanden mehr Geschlecht sein kann, denn er ist zugleich Denken und Zeugung, und seine Gedanken sind Lichtsperma, in dem Engel schwimmen. Und irgendwo, in der tiefsten Tiefe, wird es ein absolutes Geschlecht geben, Testes mir Hirnrinde, Hypothalamus und Mandelkern, sein dickflüssiges Sperma aus geschmolzenem Blei trägt geflügelte Dämonen, die denken und denkend das zarte Fleisch des Seins zerstören. Wir sind eine Abfolge von Denken und Zeugung, wobei unser Denken von dem über uns geboren wird und jenes unter uns gebiert. Immerwährend gebiert unser Geist, wie ein Weberschiffchen, uns das Geschlecht, denn er trägt das Urbild unseres Geschlechts in sich, während das Geschlecht, das in seinem Kern einen Brosamen Hirn hat, stets verzweifelt uns sehnsüchtig versucht, einen anderen Geist zu zeugen, der es gebären kann und so ins Unendliche …“
[…]
„Zornig war die Zeit über ihn hinweggebraust. Er sah sich im Spiegel des Eises an: ein altes Gesicht, umrahmt von grauem Haar. Er legte sich in den Tümpel und wartete aufs Sterben. Das Eis krachte von allen Seiten; da und dort war es dünn geworden wie ein Fingernagel. In weiter Entfernung stürzten von den Eisbergen ganze Steilküsten ins Meer.
Aus der Tiefe stieg nun ein riesenhaftes Segelschiff auf. Ein morsches Schiff, dessen Holz mit Muscheln und Wurzelwerk besetzt, dessen Nieten und Nägel flauschweich vor Rost waren, die Schiffsglocke vor Grünspan zerfressen. An den Masten schwarze Segel und schwarze Flaggen, gebauscht von glitzernden Fischschwärmen. In den Kajüten unter dem Deck angeknabberte Leichname von Seeleuten, Riffkorallen wuchsen ihnen wie Hörner aus dem Schädel. Zu ihren Füßen Seelilien, vermengt mit Haufen von Gold, Geschmeiden und Perlen, Schätze, die niemand mehr begehrte. Die Masten hatten als erste das Eis durchstoßen, es aufgebrochen und in große, rasierklingenscharfe Schollen zersplittert, die ihre Vielecke einen Augenblick lang in der Luft blinken ließen, um dann in der Ferne auf dem noch unversehrten Eisboden in Kristalle zu zerbrechen. Höher und höher stiegen sie ins Luftmeer, und die großen schwarzen Blahen trockneten augenblicklich, wobei sie nicht bloß unendlichen Modergeruch verbreiteten, sondern auch Salzkristalle verstreuten, die sich wie Raureif ringsumher verteilten, dazu zig, ja Hunderte unbekannter Tiere aus der Tiefe, röchelnde Ungeheuer, die auf dem Eis ihren letzten Atemzug taten. Das Heckkastell hatte auch die Quarzoberfläche aufgebrochen und ließ Tonnen Wasser aus der Ladeluke strömen, dann brach das große Achterdeck hervor, hob in der Mitte Maarten empor, dessen verschleierte Augen alles ohne Staunen betrachteten, bloß mit ungestilltem Todesverlangen. Die große Galeone hatte die Wasserlinie erreicht, neigte sich seitwärts, sank aber nicht, dann hob sie sich und blieb inmitten von Eissplittern reglos inmitten der Wüstenei. Ein Wasserring von unsagbarer Klarheit umspülte sie, ein Ring, der sich in der Abenddämmerung mehr und mehr ausweitete und seine Farbe in Gold, dann in Purpur wandelte.
Der Greis richtete sich auf, schnürte langsam seine kufenbesetzten Schuhe auf und schritt barfuß, mit frostgeröteten Füßen, auf den korkweichen Decksplanken bis zum Burg vor. Er klammerte sich mit den Händen an die Reling des Bugs und versteinerte, das Gesicht gen Westen gewandt. Das orange Licht der Abenddämmerung, das Wolken und Wogen entzündete, verfing sich in der Kräuselung seiner Haut, verdoppelte seine Barthaare mit Schatten, drang wie eine klare Flüssigkeit zwischen die Lider und füllte seinen Schädel. Vom Schädel stieg ihm der Bernstein der Abenddämmerung in die Wirbelsäule, wie in das Leitungsrohr eines alten Wasserturms, und dort verteilte er sich in die Bahnen der zu seinen müden Organen, zu seiner welken Haut hinabsteigenden Gehirn- und Zwischenrippennerven. Der Alte wurde zu einer in den durchsichtigen Stein des Sonnenniedergangs gehauenen Statue.“
So schreibt man derzeit in Rumänien. Auf Etage siebzehn.
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geschehn aus unablässigem Bestreben.
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Thema - Cărtărescu - Orbitor, monströs | Eintrag von Aléa Torik | um 17:59 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren
Ich bin ein mittelgroßer Gegenstand mit Interesse an Literatur
Das Folgende ist eine Antwort auf eine Kritik des vorausgegangenen Artikels durch den Blinden Hund. Man muss, um das hier zu verstehen, den Artikel und seine Kritik gelesen haben. Das war mir einfach zu viel Arbeit, um es als Kommentar verschwinden zu lassen.
Lieber blinder Hund, ich danke für das Lob. Das hat mich gefreut. Dass es sich mit einer Verärgerung und Kritik bei dir vermischt: einverstanden! Eine Mischung zwischen Freude und Ärger ist abwechslungsreicher als nur Ärger oder nur Freude. So geht’s mir mit deinem Beitrag allerdings auch. Obwohl ich nicht verärgert bin, sondern belustigt. Diese Differenz zwischen deiner und meiner Reaktion würde ich als die Differenz zwischen einem männlichen und einem weiblichen Schreibstil verstehen wollen.
Wir sind ja schon einmal so ein wenig aneinander geraten. Und das ist jetzt offensichtlich erneut der Fall. Du fordert erneut das Primat der Philosophie. Du kritisierst andere, mich, die Germanistik, allerlei andere Geisteswissenschaftler, die sich nicht mit Philosophie auskennen. Du forderst eine Strenge des Diskurses, die du jedoch selbst nicht leistest. Der größte Teil deines Kommentars ist eher polemischer Natur: Germanisten wissen nicht was sie reden. Das wissen nur die strengen Philosophen und die, die von den Philosophen Gnade finden, in dem Fall die Physiker.
Was ich getan habe, ist nichts anderes als das Bild der Termiten zu nehmen, in deren Werkzeugen sich deren Welt bereits vorgeprägt zeigt und das auf den Menschen anzuwenden. In unseren Werkzeugen zeigt sich unser Weltverständnis. Ich sehe daran nichts Unlauteres.
Das ist hier ein Blog. Das ist keine akademische Veranstaltung. Das ist nicht meine Diss. Ich muss hier nicht jedes Wort beweisen. Das ist ein literarisches Spielzimmer, hier wird gar nichts bewiesen. Es ist auch kein Roman, den ich in endlosen Überarbeitungen schleife. Ich schreibe hier auch mal was herunter, was ich morgen korrigiere oder relativiere. Oder ich schreibe morgen etwas anderes. Das hat etwas mit Lust und Phantasie und Onanie zu tun.
Es ist der Irrtum derjenigen, die mittels Definitionen Macht ausüben wollen, wenn sie sagen, man müsse alles definieren: Ich kann durchaus sagen, dass es ein schöner Tag war, ohne dass ich definieren müsste, was ein Tag ist, wie er sich zur Nacht abgrenzt, wie viele Stunden er dauert, ob er als Ganzes oder in Teilen schön war, was Schönheit ist und ob es sich um eine innere oder eine äußere Schönheit handelt. Etc etc. Es war ein schöner Tag. Punktum. Sprache hat eine allgemeine Basis, die man nicht bei jedem Sprechakt erklären und definieren muss. Ich rufe einfach meine Freundin Marie an und sage ihr: „Marie: das war ein wunderschöner Tag.“ Und die weiß sofort, was ich meine.
Cărtărescus Auffassung besagt nicht, dass man nicht sagen kann, was in literarischen Texten steht. Er ist Literaturwissenschaftler, einer meiner Exliteraturwissenschaftsdozenten: Ich habe bei ihm Seminare gehört. Selbstverständlich kann man Texte verstehen, man kann sie auslegen und deuten und umdeuten und mit etwas anderem vermengen und verwursten, zum Beispiel zu Dissertationen. Aber ein Autor kann, und das ist es, was er sagt, einen Text, den er selbst geschrieben hat, nicht besser oder treffender in Worte fassen als er es in dem Text getan hat. Wer war das, der etwas Ähnliches antwortete, als er nach einer Lesung gefragt wurde, was er damit eigentlich sagen wolle, sagte „Eben dieses“? Wenn er es besser, treffender und prägnanter hätte sagen können, dann hätte er das getan. Das ist die Aussage Cărtărescus.
Zur Relativitätstheorie: Kannst du das mathematisch nachrechnen? Wahrscheinlich nicht. Du kannst die Geschichten darüber lesen: bei Bertrand Russel vielleicht. Es gibt sicherlich auch neuere Erklärungen. Du kannst die mathematische Theorie nicht nachrechnen. Du nimmst die als wahr. Du glaubst, dass sie richtig ist. Du nimmst das als eine narrative Geschichte, weil du nur ihren narrativen Teilen verstehen kannst. Jeden noch so kleinen Beweis verstehst du nicht.
Du sagst: „Die Relativitätstheorie … ist …die beste Theorie, die wir haben und die im Alltag angewendet wird“ – Wie kommst du darauf? Wo ist der Beweis? Wieso die beste? „Rechts vor Links“ ist besser – ist allerdings keine Theorie, sondern eine Regel. „Schwere Gegenständen fallen nach unten“ ist auch besser, ist allerdings auch keine Theorie, sondern ein Gesetz. Im Vergleich mit welchen anderen Theorien ist die Relativitätstheorie die beste? Und wieso? Du sagst: „Deine Thesen etwa, dass die Welt nur das ist, was ihr aus machen, oder dass die wissenschaftliche Forschung, wenn sie nach dem Anfang des Universums fragt, in Fiktion umschlägt. Das behauptet sich so leicht, aber dadurch stimmt es natürlich trotzdem nicht.“ – Wieso stimmt das nicht? Und warum die Klassifizierung „natürlich“? Du sagst: „Wenn man da eine “Geschichte” sucht, dann keine fiktive, sondern diejenige, die einem den Anfang der Welt korrekt erläutert.“ – Diejenige, die einem die Welt korrekt erläutert: ich hatte in den Zitaten in dem Artikel auf etwas Ähnliches verwiesen, als ich Cărtărescus Zitat brachte, dass das Universum keine Beobachter braucht. Man kann es auch anders sagen: wir können es nicht beobachten, weil es sich für eine Beobachtung nicht eignet. Es eignet sich für mathematische Berechnungen. Von denen wir einmal annehmen, dass sie alle miteinander richtig sind. Aber da du und ich nicht rechnen können, müssen wir das Ganze in Geschichten verwandeln und transformieren. Und da wird’s zur Fiktion. Das schwarze Loch ist eine Geschichte. In Mathematik verwandelt, ist es vermutlich viele Duzend Seiten lang, richtig gerechnet, ein schöner Beweis. Aber er wird in eine narrative Struktur verwandet, sowie wir uns davon erzählen. Den Anfang der Welt, den kannst du gar nicht verstehen. Außer es erzählt ihn dir jemand. Und dann ist er von fiktionaler Struktur. Du sagst: „Das behauptet sich so leicht, aber dadurch stimmt es natürlich trotzdem nicht“ – dadurch, dass ich es behaupte, stimmt es „natürlich“ nicht. Wodurch stimmt es denn? Du sagst: „Geisteswissenschaftler, vor allem diejenigen, die sich nicht in der Philosophie auskennen, ja gerne schonmal um die Ecke geschossen kommen. Ich sage das so deutlich, weil ich das für ein Grundärgernis grade in solchen Fächern wie Germanistik halte, wo die Leute einen Haufen Blödsinn labern und unglaublich weitreichende Thesen aufstellen, ohne ihre Begriffe auch nur annähernd zu klären oder auch nur Argumente zu geben“ – Wer sich mit Philosophie nicht auskennt, labert Blödsinn? Ich bin keine Germanistin, ich studiere, Literatur, internationale Literatur.
Ich bin ein mittelgroßer Gegenstand mit Interesse an Literatur. Ich habe Kontakte zu anderen mittelgroßen Gegenständen mit ähnlichen Interessen. In dieser Welt spielt die Regel „rechts vor links“ eine größere Rolle, als die Lichtgeschwindigkeit. Ich will dieser Theorie nicht ihre Richtigkeit noch ihre Bedeutung absprechen. Aber sie ist in meinem Lebenskontext bedeutungslos. Ich bewege mich nicht mit Lichtgeschwindigkeit, alle meine Handlungen funktionieren auch dann noch, wenn die Neutrinos doppelt so schnell daher schießen und die Ursache wird der Wirkung nicht vorhergehen. Was immer das Licht oder die Neutrons so machen. Ich will das mal provokant formulieren: die sogenannte Antimaterie ist keinen Deut besser als der Hexenglaube in der finstersten rumänischen Provinz. Das ist dasselbe: Mystizismus.
Ich will hier nichts beweisen. Von mir Beweise oder Argumente zu fordern – für was eigentlich? – scheint mir ähnlich sinnvoll wie von der Termite zu fordern, sie müsse beweisen, dass sie nicht doch heimlich ins Kino gehe. Da ist meine These nicht verstanden worden. Und die lautete: was immer wir verstehen, es ist innerhalb der Reichweite unsere Werkzeuge. Und es ist innerhalb dieser Reichweite die Wahrheit. Am Ende aller unserer Forschungen steht dann irgendeine Wahrheit über den Beginn unseres Universums. Die forschende Termite wird da sicher eine andere Erkenntnis erlangen als der forschende Physiker. Und der Lakritzsüchtige wird sicher eine Tüte dänische Salzlakritz finden. Das alles ist die Wahrheit.
Und wie immer: ein Captcha, zwei Worte eingeben.
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Aléa hat’s hierher gestellt,
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Thema monströs, Paralipomena | Eintrag von Aléa Torik | um 21:19 eingtragen | Kommentare: 6 | Kommentieren
„Sinnlos, das bizarre Abenteuer, Mensch zu sein“
„Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit“ von M. Blecher
Das ist ein Buch der Unruhe und des Erwachens. Man kann es nur schwer einen Roman nennen. Es sind eher die Betrachtungen eines jungen Erwachsenen. Und sie sind, wie Betrachtungen junger Leute eben sind: Sie drehen sich um sich selbst. Das ist der Versuch einer Autobiografie. Und da junge Leute nicht viel zu erzählen haben, gelingen diese Bücher in den seltensten Fällen. Sie können nur gelingen, wenn sie das eigene Ich lediglich als Ausgangpunkt nutzen, um es so schnell wie möglich zu verlassen. Und das gelingt diesem Autor in vorzüglicher Form.
Diese autobiografischen Grundzüge haben seine drei Bücher gleichermaßen. Blecher hatte keine Zeit, sich mehr als das anzueignen, was die Natur und das Schicksal ihm zugemutet haben. Mit neunzehn Jahren an Knochenmarktuberkulose, einer Entzündung der Wirbelsäule erkrankt, ist Blecher keine dreißig Jahre alt geworden. Zwei Bücher hat er zeit seines Lebens veröffentlicht: „Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit“ – „Întâmplări în irealitatea imediată“ - und „Vernarbte Herzen“ – „Inimi cicatrizate“, ein Drittes stammt aus dem Nachlass: „Beleuchtete Höhle“ – „Vizuina luminată“.
M. Blecher, dessen Vorname wahrscheinlich Max war, der seine Briefe mit Marcel unterschrieb, den seine Freunde Maniu oder Minú nannten, hat von 1909 bis 1938 gelebt und ist einer der großen rumänischen Schriftsteller. Seine Texte gehören zur Avantgarde dieser Zeit, sie stehen teilweise unter dem Einfluss des Sur-Realismus. Blecher war mit Sașa Pană befreundet, der wiederum Victor Brauner kannte, der, wie Tristan Tzara, Mircea Eliade und auch Andre Breton in der avantgardistischen Zeitschrift Contemporanul veröffentlichte . Seine erste Veröffentlichung hatte Blecher in der Zeitschrift Bilete de Papagal – Papageienblätter, der Zeitschrift von Tudor Arghezi, einen Auszug auf seinen Gedichten Corp transparent – Transparenter Leib, die es in Auszügen online gibt.
Erfolg hatte er zu Lebzeiten kaum, obwohl sein erstes Buch von anderen Avantgardekünstlern hochgelobt wurde. Selbst in Rumänien war er lange eher ein Geheimtipp. Das Schicksal seiner Familie, allesamt rumänische Juden mit spanischen Vorfahren (wie auch bei Aleandru Vona), verliert sich in den Wirren vor und während des 2. Weltkriegs. Die Eltern reisen nach Israel aus, die Schwester nach Chile. Im kommunistischen Rumänien bestand kein Interesse an Blecher und seinen Texten, so dass erst in den vergangenen beiden Jahrzehnten Arbeiten über ihn entstanden sind oder veröffentlicht werden konnten. Das dritte Buch, seine Hinterlassenschaft, erschien in Rumänien erst im Jahr 1971.
Geboren in Botoşani, aufgewachsen in Roman ging der Autor zum Medizinstudium nach Paris, erkrankte schwer und verbrachte die kommenden zwei Jahre im Sanatorium von Berck-sur-Mer an der französischen Atlantikküste. Er kehrte 1933 nach Rumänien zurück, wo er ebenfalls im Sanatorium lebte, in Techirghiol am Schwarzen Meer. Den größten Teil seines Erwachsenenlebens musste er im Liegen verbringen. Er schrieb wohl meist unter großen Schmerzen. Im letzen Jahr seines Lebens berichten seine Briefe nur noch vom Leiden, von Ärzten und Operationen.
„(Vorkommnisse) aus der unmittelbaren Unwirklichkeit“ ist ein Buch, in dem einer anfängt sich in der Welt zu orientieren. Ein männliches, lyrisches Ich ohne Namen zu Beginn der Pubertät. Einer, der mit Umständen konfrontiert wird, die ihn lebenslang nicht mehr loslassen: Liebe, Sexualität, Tod. Das sind Tatsachen und Tatsachen kennzeichnen die Wirklichkeit. Das ist eine Welt, zu der er sich nicht dazugehörig fühlt: „Es gab also eine Kategorie von Dingen auf der Welt, denen ich nie würde angehören können, gleichgültige und melancholische Pojazen [ein Pojaz ist ein Clown, ein Spaßvogel, ein dummer August], kräftige Jungs, die nie Kopfschmerzen hatten. Um mich, zwischen den Bäumen im Sonnenlicht, floß ein heiterer und breiter Strom voller Leben und Reinheit. Ich war dazu ausersehen, auf ewig an seinem Rand zu bleiben, vollgestopft mit Dunkelheit und Schwächen und Ohnmachten.“ Wirklichkeit ist alles, was um einen herum ist und einen mit seiner Gegenwart bedrängt. Das lyrische Ich weiß allerdings auch, dass die Dinge in dieser wirklichen Welt nur teilweise zu Hause sind. Dieses Ich hat eine deutlich gesteigerte Wahrnehmung, die mit Zweifeln am Wahrnehmungsvermögen einhergeht.
Die Handlung ist sehr übersichtlich. Der namenlose Junge – ich scheue mich ein wenig, ihn einen jungen Mann zu nennen – geht über den Jahrmarkt und ins Panoptikum, er schleicht sich tagsüber ins Varieté und ins Wachsfigurenkabinett. Er wandert durch die Stadt und stromert auf einem unbebauten Gelände herum. Er ist auf der Suche nach Orten und Umständen, wo die Dingen nicht so sind wie sie wirklich sind. Dinge, die neben ihrer exakten Bedeutung in der Wirklichkeit noch eine andere Dimension aufzuweisen haben. Umstände, in denen seine Hände mehr sind als nur „zwei bemitleidenswürdige, gefangene Vögel, die von einer mächtigen Kette aus Haut und Muskeln an den Schultern gefesselt waren. Arme Vögel, dazu bestimmt, mit einigen stumpfsinnigen Gesten wohlerzogenen Anstands zu fliegen wie es einstudiert und wiederholt worden war, als hätte es Bedeutung.“ Es werden hier vor allen innere Vorgänge beschrieben. Es wird beschrieben was die Welt draußen in der Welt drinnen auslöst und anrichtet.
Die Wirklichkeit hat einen Mangel: ihre Präzision und Exaktheit. Das ist eine Welt, in der die Dinge sind, was sie sind. Nicht mehr und nicht weniger. Sie haben nicht die Möglichkeit anders zu sein. Sie haben keinen Über- und keinen Unterdruck. Das klingt banal, beschreibt aber ein Dilemma, das vor allem Künstler oft erleben. Man muss Dinge, indem man sie beschreibt, malt, darstellt, in Worte, Farben oder Formen fassen. Die sind nicht identisch mit der Wirklichkeit, sie bilden sie lediglich ab, sie verändern sie. Außer man ist einem totalen Realismus verpflichtet, der einfachen Wiedergabe der Welt. Der Verdoppelung. Dann allerdings muss man sich fragen, warum man künstlerisch tätig ist, wenn man sie nur wiedergeben will. Auch muss man anerkennen, dass ein jeder Kind seiner Zeit ist und man, wenn eine gewisse Entwicklung stattgefunden hat, nicht mehr oder nur noch schwer dahinter zurück kann. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts hat der Surrealismus die Sicht auf die Dinge verändert, indem er der einzigen Art der Sicht, der vermeintlich natürlichen, die mögliche Art der Sicht hinzugefügt hat. Diese mögliche Welt mit den aus dem Surrealismus bekannten Reizen, dem Traum, der Phantasie und dem Wahn.
Je grandioser die Welt in ihren Möglichkeiten sein könnte, desto schmerzhafter empfindet man ihre wirkliche Dimension: „Einige Sekunden lang sahen meine Gedanken auf ideale Weise und in größter Ausführlichkeit meine würdevollen Bewegungen voraus. Ich sah mich sehr sicher vorausschreiten und mich mit einer lässigen Bewegung zu Eddas Füßen auf das Bett setzen, auf dem sie lag. Meine tatsächliche Person blieb jedoch wie ein kaputter und unbrauchbarer Anhänger hinter diesen schönen Vorstellungen zurück.“
Präsent sind vor allem die Verlockungen und Verwirrungen durch die Geschlechterdifferenz. Da sind einige Begegnungen mit Mädchen und auch Jungs. Es passiert, wovon er später nicht einmal sagen kann, was es war. Er wird bestraft, weil er mit einem Mädchen im Bett gelegen und etwas gemacht hat, was er selbst nicht genau einschätzen und woran er sich auch nicht recht erinnern kann. Vor allem sind es zwei junge Frauen, die ihn verwirren, eine zu Beginn der hier dargestellten Entwicklung, die andere an ihrem Ende.
Da ist Clara aus dem Nähmaschinenladen. Er sitzt Wochen-, vielleicht Monatelang in einem Hinterzimmer des Ladens, weil sich dort Clara mit ihrem Bruder aufhält. Der Bruder verlässt bisweilen das Hinterzimmer, weil er vorne eine Nähmaschine verkaufen kann oder weil er einkaufen geht. Dann ist der Junge mit Clara alleine. Unter bestimmten, sehr komplexen Bedingungen, kann es sich ereignen, dass sie an ihm vorübergeht und dabei mit ihrer Wade sein Knie berührt. Und das macht ihn beinahe besinnungslos. Darauf wartet er immer und immer. Später kommt es auch zu einer echten körperlichen Annäherung, es kommt zu einem Liebesakt, den Clara bewusst gleichgültig anbietet und dem der Leser nur undeutlich beiwohnt, der wohl ähnlich undeutlich ist und auch erlebt wird. Clara ist ein Abenteuer: „Ein Abenteuer voller Qualen und Erwartungen, voller Unruhen und Zähneknirschen, etwas, das einer Liebe geglichen hätte, wenn es nicht die schlichte Fortdauer einer schmerzhaften Ungeduld gewesen wäre.“
Eines Tages geschieht mehr als nur diese erotische Verwirrung durch das andere Geschlecht. Da lernt er die Liebe kennen. Die unglückliche, sich verzehrende Liebe nach Edda. Er sieht sie bei ihrer Hochzeit mit dem Frauenheld Paul, der ältere Bruder seines Freundes Ozy Weber. Mit Eddas Einzug in das Haus in dem auch er verkehrt, ändert sich das Leben aller Beteiligten. „In Eddas Umkreis begann eine Pantomime mit vier Personen: Paul wurde treu und würdevoll; der alte Weber kaufte sich eine neue Mütze und eine Brille mit Goldrand; Ozy wartete vor Aufregung keuchend darauf, daß Edda ihn rufe und ich blieb auf der Terrasse, den wässrigen Blick ins Leere gerichtet.“
Alle Annäherungsversuche natürlich bleiben erfolglos. Er sitzt meist einfach da und starrt Edda an. Er ist verzweifelt. Er geht zu ihr und will ihr erklären, dass er ein Baum ist. Aber das kommt nicht sehr gut an. Auch Edda ist nur Wirklichkeit. Sie ist präzise das was sie ist. Auch wenn er nicht genau weiß, was sie ist. Er sitzt herum. Er sitzt draußen vor der Stadt, es regnet, er wühlt im Schlamm wie Kinder das eben tun. Er erfährt eine Art Einheit mit der Welt, er ist versöhnt, er sieht die Dinge nicht mehr als nicht zu verstehendes Gegenüber. Er wühlt im Matsch, er trauert einer Kröte hinterher. Er ist glücklich. Er schläft in einer Hütte ein und träumt von einer kopflosen Frau. Wieder erwacht, senkt sich unaussprechliche Bitternis in ihn. „Einen Augenblick lang wuchs die Verzweiflung in mir, als hätte ich brüllen und mir den Kopf gegen die Bäume stoßen müssen. Gleich darauf aber schrumpfte alle Traurigkeit, zu einem ruhigen und sanften Gedanken zusammen. Jetzt wusste ich, was ich zu tun hatte: wenn nichts mehr andauern konnte, blieb mir nichts weiter übrig, als alles zu beenden. Was ließ ich zurück? Eine feuchte, häßliche Welt, in der es langsam regnete …“ Er beschließt sich umzubringen und setzt das, allerdings im Letzten erfolglos, auch um.
Hier kommt eine Struktur des Erlebens zur Sprache, die den gesamten Text strukturiert: Die Gegensätze. Aus dem allergrößten Glück im Matsch und im Regen, eins zu sein mit der Welt, wird genau das Gegenteil, das schlägt sehr schnell und mit aller Konsequenz um und die Welt zum unverstehbaren Gegenüber. Die einander ausschließenden Gegenteile sind sich extrem nah, vor allem dann, wenn sie Stimmungen betreffen. Ja man könnte sogar sagen, dass eine Stimmung der anderen dann am nächsten kommt, wenn sie ihr genaues Gegenteil ist. Und zwar deswegen, weil sie im Extrem, im möglichen Umschlag, aufeinander treffen.
Damit wird ein Motiv zur poetologischen Struktur ausgebaut. Die Bedeutung der Gegensätze: Lust und Verzweiflung, Anspannung und Gleichgültigkeit, Traum und Wirklichkeit gehen durcheinander. Mehrfach wird von der Umkehrung der Relationen gesprochen. Einmal sieht er einen Unfall, bleibt dabei aber auffällig gleichgültig. Dann sieht er sich und die Welt aus der Perspektive des Unfallopfers, er spürt dessen blutende Wunde. Sich selbst mit den Augen der anderen zu sehen, das verändert das Bild, das man von sich hat. Und das hat in diesen Fall auch eine schizoide Struktur.
Bei Edda allerdings kommt das an eine Grenze. Hier kann er Traum und Wirklichkeit nicht mehr auseinanderhalten: „ … ihr Tod war mein Tod, und in alles, was ich seitdem tue, in alles, was ich erlebe, projiziert sich kalt und dunkel, so wie ich es bei Edda gesehen habe, die Reglosigkeit meines zukünftigen Todes.“
„Es war mein Vater, der schweigend darauf gewartet hatte, daß ich aufwachte. Als ich die Augen aufschlug, ging er einige Schritte in die Stube hinein, brachte mir eine weiße Waschschüssel und eine Kanne Wasser, damit ich mir die Hände waschen konnte. Mit einer schmerzhaften Verkrampfung, die mir das Herz zusammenpresste, verstand ich, was dies bedeutete.
„Wasch dir die Hände“, sagte mein Vater, „Edda ist gestorben.“
Draußen regnete es fein, und der Regen hörte drei Tage nicht auf.“
Eddas Tod ist ein Tod in der Wirklichkeit, exakt und präzise und durch nichts abzumildern oder zu verändern. Der Tod, das erfährt der Junge hier in aller Schmerzhaftigkeit, ist so massiv, so endgültig und unwiderruflich, dass keine Möglichkeit zur Differenz besteht. Der Tod ist die pure Wirklichkeit.
„Worin besteht mein Wirklichkeitsgefühl?
In meine Umgebung ist das Leben zurückgekehrt, das ich bis zum nächsten Traum leben werde. Schwer hängen die gegenwärtigen Erinnerungen und Schmerzen in mir, und ich will ihnen widerstehen, nicht in ihren Schlaf verfallen, aus dem ich vielleicht nie wieder würde zurückkehren können ….
Jetzt wehre ich mich in der Wirklichkeit, schreie, flehe, man möge mich aufwecken, man möge mich zu einem anderen Leben erwecken, zu meinem wahren Leben. Sicher ist, daß jetzt heller Tag ist, daß ich weiß, wo ich mich befinde, und daß ich leben, aber in alledem fehlt etwas, wie in meinem entsetzlichen Alptraum.
Ich quäle mich, schreie, peinige mich. Wer weckt mich auf?
Die exakte Wirklichkeit zieht mich immer tiefer hinab, versucht mich unterzukriegen.
Wer weckt mich auf?
Immer war es so, immer, immer.“
Möglich, dass ich mich täusche, wenn ich sage, das sei ein großer Autor. Aber diese Möglichkeit, die Möglichkeit, dass etwas anders ist, ist kein Fehler. Sie ist der Garant, dass die Wirklichkeit keine absolute Präzision und keine erdrückende Konsistenz bekommen. Dann wird sie als Tod erlebt.
Übersetzt von Ernest Wichner, mit einem Nachwort versehen von Herta Müller, die das Buch als „Meisterwerk“ bezeichnet. Ernest Wichner hat auch die anderen Bücher dieses Autors auf dem Rumänischen übersetzt. Wer bin ich, zu sagen, dass die Übersetzung sicher außerordentlich ist. Ich habe das Original, da ich auch gerade nicht mehr in der Bibliothek sitze, nicht einmal zur Hand genommen.
Wie ich gerade erst sehe, gibt es den Text auch online.
Auch hier gilt immer noch: bei Kommentaren bitte beide Worte des Captchas eingeben.
M. Blecher
Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit
Suhrkamp Verlag 2003
Bibliothek Suhrkamp 1367, Gebunden, 154 Seiten
ISBN: 978-3-518-22367-3
(Die Abbildung zeigt die Originalausgabe)

Thema - Blecher : Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit, monströs | Eintrag von Aléa Torik | um 22:20 eingtragen | Kommentare: 4 | Kommentieren
„Immer sagen, suchen Paradies“
„Auf der anderen Seite der Welt“ von Dieter Forte
„Das Meer lag in der tiefen Nacht in einem schweren ruhigen Atem, in einer Stille wie vor der Geburt, während das herausgestoßene, abbrechende Todesatmen eines Menschen den Tag erwartete, das Licht weit hinter dem Meer, das wie ein jahrtausendealter schwarzer Stein unter den Sternen schlief.“
Das ist ein Roman, der sich im seinem Verlauf sehr stark verändert. Er beginnt mit einer Geschichte, detailliert und gleichermaßen rudimentär erzählt. Er beginnt mit der Fahrt des Protagonisten, eines Mannes ohne Namen, nur ein „er“ sitzt da, ein Personalpronomen mit einer Lungenkrankheit, er fährt mit dem Zug auf eine Insel in ein Sanatorium und dort wird er tun, was sie dort alle tun: sich hinlegen und sterben. Oder, wenn er‘s schafft: aufstehen und weiterleben. Das ist das Thema des Buches: aufstehen und weiterleben.
In dem Buch passiert nicht viel. Ein Kranker fährt von einer Stadt ans Meer. In ein Hospital, ein Sanatorium auf einer Insel. Er kommt an, es gibt ein Abendessen, er schläft eine Nacht, er bekommt ein Frühstück, er geht zur Toilette und auch ein Mittagessen ist noch drin, später geht er sogar einmal in die Kneipe und auf den hauseigenen Friedhof. Aber damit hat es sich auch schon. Mit der Handlung sind wir am Ende. Es wird kaum etwas vom Alltag berichtet, keine Besuche bei den Ärzten, keine Ängste, Sorgen, Befürchtungen. Da ist kaum mal ein Blick aus dem Fenster, kein Geschmack auf der Zunge, kein Gedanke an Frauen.
Die Person hat keinen Namen. Es ist einer, der zum Sterben kommt. Er kommt mit einem überdimensionierten Koffer, deutsche Qualität mit tausend Jahre Garantie, aber der ist schon bei der Ankunft im Sanatorium völlig ramponiert, die tausend Jahre schon vorbei: „Für eine eventuelle Rückfahrt nicht mehr zu gebrauchen“ wie es ohne Illusionen heißt. Rückkehr allerdings in einem strengen Sinne gibt es nicht. Die Welt da draußen, jenseits des Sanatoriums, ist für die, die hier jahrelang liegen, die hoffen und verzweifeln, nicht unbedingt eine verlockende: „Wer von hier den Rückweg antrat, wer es schaffte aufzustehen und zu gehen, diese Insel wieder zu verlassen, der hatte auf ewig die Maßstäbe des Nichts, des Sinnlosen und der Bedeutungslosigkeit in sich, der konnte nie mehr die Menschen und ihr Leben verstehen.“
Er hat einen Zimmergenossen, einen Alten, der sich zu Tode hustet. Der ihm vorher aber noch etwas erzählt. Der ihm vom Leben erzählt und von seiner Vergeblichkeit. Alle seine Geschichten beginnen mit den Worten: „Da wartet man nun auf den Tod.“ Das ist eine der Schwierigkeiten im Leben, dass ein jeder, mehr oder weniger direkt, auf den Tod wartet. Dieses Warten des Menschen auf den Tod, auf seinen eigenen Tod, nicht auf einen anderen, einen belanglosen, unbekannten Tod, das hat eine ganz einfache und höchst fatale Struktur: Der Mensch „ …hofft auf morgen.“
Das Bett des Alten wird dann von anderen belegt, die ebenfalls husten, vom vergeblichen Leben erzählen und sterben. „Die Nachfolger des Alten blieben nur kurz in der Erinnerung, starben nach wenigen Tagen oder wurden auf eine andere Station verlegt, zogen vorbei wie in einem Totentanz, ohne dass sich für ihn dadurch ein Nacheinander ergab; als seien alle, ob tot oder lebendig, gleichzeitig in einem einzigen Bild anwesend, aus dem sich die vergehende Zeit entfernt hatte.“
Diese Geschichten der Bettnachbarn und kurzzeitigen Zimmergenossen – der Lehrer, der Kaufmann, der Rechtsanwalt, der Vertreter – die machen sich langsam selbständig. Es werden immer neue Personen und Geschichten erzählt, es sind schon lange nicht mehr nur die Zimmergenossen, es sind nicht mehr nur noch Vertreter von Berufsgruppen, es sind Erinnerungen des jungen Mannes, es werden Namen genannt, viele Namen, die ich alle nicht kenne. Ich habe die Stadt nicht erkannt und die Insel habe ich auch nicht erkannt. Ich kenne die Namen der Jazzmusiker, der Politiker, der Maler und Schauspieler nicht: die habe ich alle miteinander noch nie gehört – immerhin weiß ich inzwischen, wer die Persildame ist. Auch das ist ein Zeichen von Tod, da hat man gelebt, vielleicht sogar mehr als die anderen, man war berühmt, da hieß man Armstrong oder Rühmann oder Beuys, und dann kommt die nächste Generation, hört die Namen, schüttelt den Kopf und sagt lapidar: nie gehört. Das ist eine Welt, die mir schon fremd ist, Worte wie „Eiltelegramm“ oder „Turnanzug“ wirken für mich bereits altbacken. Das sind Schichten und aus den Schichten werden Geschichten und diese Geschichten machen die Geschichte: die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland nach dem Krieg, nach der totalen materiellen und moralischen Destruktion.
Es werden einzelne Schicksale erzählt, eindringlich, tragisch, lakonisch. Geschichten vom Sterben, von der Sinnlosigkeit des Lebens, die einem anhand der Sinnlosigkeit des Sterbens erst so richtig vor Augen steht. Aber dann ist es auch schon vorbei, ehe man’s richtig begriffen hat. Vielleicht meint man, auf dem Totenbett liegend, man könnte es verstehen, man könnte, wenn man jetzt aufstünde und in die Welt hinausginge, das Leben verstehen. Das sind teilweise bittere Tropfen, die kann man nicht aus der Flasche trinken. Auch aus diesem Grund hat bei mir das Lesen recht lange in Anspruch genommen.
Da ist die schöne und tragische Geschichte des Geigers, ein Virtuose, ein absoluter Meister in seinem Fach. Eine Geige besitzt er allerdings nicht. Mit einer Geige könnte er gar nicht spielen: er kann es nur, wenn die anderen sich das vorstellen, was er spielt. Da ist die Geschichte des Geldfälschers, dessen Arbeit ganz außergewöhnlich gut sei, wie die Polizei ihm versichert. aber leider eben falsch, da nun einmal einzig die Notenbank Geldscheine herstellen dürfe, deren Scheine per Gesetz echt und alle anderen durch eben dieses Gesetz falsch seien. Da ist der Maler, dessen überdimensioniertes Gemälde zu Lebzeiten keinen Sinn ergibt und dessen Freunde, weil sie es zu seiner Beerdigung mitnehmen wollen, dieses Bild zersägen und am Grab wieder zusammensetzen: und da macht es dann mit einem Mal jenen Sinn. Da ist Boris, der vom Verkauf gefälschter Gemälde lebt und das nicht schlecht und der die Differenz von echt und falsch nicht versteht. Ein Bild ist ein Bild und grundsätzlich nicht fassbar mit dem Begriff der Echtheit. Bilder stellen etwas da. Das ist alles. Die Welt, so Boris sei nur in einem gerahmten Gemälde zu ertragen. Und darum gehe es im Leben, es zu ertragen, nicht um die Suche nach dem Echten mit dem man das Falsche desavouieren könne.
„Überall immer nur Sinn gesucht. Leben voller Einbildung. Und deswegen sich das Leben nehmen. Wegen Illusion. Immer sagen, das kann nicht alles gewesen sein. Immer sagen, suchen Paradies. Wozu braucht der Mensch Paradies? Er hat doch Erde! Warum hat er Angst vor Hölle? Hat er auch auf Erde! Erde ist Paradies und Hölle. Was will der Mensch? Das Leben, wenn gutgeht, fünfundzwanzigtausend Tage, etwas mehr, etwas weniger. Kann man sich nicht beklagen. Zigtausendmal die Sonne. Zigtausendmal den Mond. Es genügt, sage ich. Mehr muss nicht sein. Wozu dann noch einmal ein Leben? Und auch noch ein ewiges. Und auch noch im Paradies. Mensch ist dumm und arrogant. Hat ein Leben. Will noch ein Leben. Aber besser. Wird Gott verzweifeln bei so viel Frechheit. Du anderer Meinung?“
Da sind die Geschichten vom ganz normalen Leben, von Anna, die nach dem Krieg in das Land des allergrößten Wunders gerät, das Deutschland des Wirtschaftswunders und die dann, weit weg von allen Wundern, ihr Allerweltsleben lebt, sie „gab nicht auf, arbeitete, schuftete ohne viel zu schlafen auf mehreren Arbeitsstellen gleichzeitig, war Bürobotin, Parkhauswächterin, Fabrikarbeiterin, Würstchenverkäuferin, hatte rund um die Uhr ein Dutzend Putzstellen, Privat und in Büros, Privat tags, Büro nachts, mähte Rasen, schnitt Hecken, säuberte Swimmingpools, liebte Männer, wurde betrogen, verlor ihr Erspartes in großzügiger Gastlichkeit, rappelte sich wieder auf, gebar Kinder, zog sie auf, überstand alles, lebte ein abenteuerlichen Leben, und wenn sie scheiterte, sagte sie: Es ist wie es ist.“
Geschichten, von psychisch und physisch Versehrten, die nicht wissen wie sie weiterleben sollen. Die anfangen Rollen zu spielen, eigene oder andere, die sich in dem Sanatorium vor dem Tod verstecken oder ihn dort erwarten, vielleicht, weil man mit dem Tod im Lieben besser fertig wird. All diese Geschichten werden von einem thematischen Kern zusammengehalten werden. Ein Kern, der es mir zu Beginn schwer gemacht hat, an dem ich mich gewöhnen musste und der dann immer wichtiger wurde, den ich immer besser verstanden habe, ohne ihn allerdings ganz zu verstehen: Aufstehen und Weiterleben.
Dieses Aufstehen und Weiterleben hat einen mechanischen Anteil. Das normale Weiterleben, für das man gar nicht erst aufstehen muss. Einen Anteil, den man oft leichten Herzens absolviert, man ist motiviert, verdient Geld oder Anerkennung oder hat eins Mordsziel vor Augen, man hat am Abend zuvor entdeckt, dass man seine Frau noch immer liebt oder weiß, dass man mittags einen Ziegenkäse zu essen bekommt, den man sehr schätzt, man mag es, wie er auf der Zunge schmilzt und man spürt in diesem Moment , dass man zu einem nicht unwesentlichen Teil mit der Zunge lebt. Aber dann gibt das es noch einen anderen Anteil, den man nicht jeden Tag spürt, weil man es nicht ertragen könnte, dann und wann aber spürt man es und dann spürt man, wie schwer das ist: aufstehen und weiterleben. Weil man nämlich nicht auf diese eine Art lebt: in den Tag hineinlebt. Weil man dann auf eine andere Weise lebt: aus ihm heraus. Nicht, dass das Leben auf sein Ende zuläuft ist die Bedeutung, sondern dass man wider dieses Ende leben muss. Dass das Ende dieses Leben sinnlos macht und man dagegen anleben muss.
Die Geschichte des jungen Mannes, zum Leben verurteilt und zum Sterben gezwungen, zerfällt zugunsten dieser anderen Geschichten. Das wenige, was man erfährt, wird sogar noch weniger. Es zerfällt etwas. Das lineare Erzählen zerfällt in einzelne Blöcke, in ein Kompositum, die Beschreibung eines Bildes, wo alles zu gleicher Zeit das ist. Wo der Tod immer anwesend ist. Man hat alles so wahnsinnig wichtig genommen, ob man diese oder andere Blumen im Garten hat, diese oder eine andere Uhr am Handgelenk, ob die Zeit im Kreis geht oder um die Ecken schleicht.
Diese Sinnlosigkeit der Welt, des Alltags: das versteht vielleicht nur der, der einmal ernsthaft krank gewesen ist, der, wie es so euphemistisch heißt, mit dem Tod gerungen hat. Es ist kein Geheimnis, dass Dieter Forte hier sein eigenes Schicksal verarbeitet hat, Erlebnisse aus jungen Jahren, die offenbar lange haben liegen müssen, bis der Autor in der Lage war, diese Ereignisse und Empfindungen in Sprache zu übersetzen. Eine Übersetzung, die ein Autor immer leisten muss, eine Anstrengung, die ein Leser niemals erfährt. Dieser Text ist sicher keiner für jedermann, aber welcher Autor, der ernsthaft Wert auf sich und sein Können und Schreiben legt, will schon für jedermann sein? Das ist ein großer Erzähler.
Der Leser hat es mit einer in hohem Maß durchgearbeiteten, geschliffenen Sprache zu tun, wie sie oft nur von der Lyrik her kennt, wie man sie bisweilen auch kaum ertragen kann, die Sprache des Romans, ja selbst wissenschaftliches Schreiben ist durchdrungen von Füllwörtern, Worten, die Einhalt gebieten, die sagen; hier geht’s nicht weiter. Wir machen mal ein Wort lang eine Pause. Solche Pausen macht Forte wenige. Es ist eine atemlose Sprache.
„Das Meer lag in der tiefen Nacht in einem schweren ruhigen Atem, in einer Stille wie vor der Geburt, während das herausgestoßene, abbrechende Todesatmen eines Menschen den Tag erwartete, das Licht weit hinter dem Meer, das wie ein jahrtausendealter schwarzer Stein unter den Sternen schlief.“
Der Bücherblogger hat gleich vier Teile zu dem Buch geschrieben.
Bei Kommentaren bitte beide Worte eigeben. Auch wenn das Captcha etwas anders behauptet. Ich finde gerade den richtigen Schalter nicht.
Dieter Forte, Auf der anderen Seite der Welt
Fischer Verlag
Preis € 19,90
ISBN: 978-3-10-022116-2

Thema - Forte : Auf der anderen Seite der Welt, Lessons & Lectures, monströs | Eintrag von Aléa Torik | um 18:00 eingtragen | Kommentare: 26 | Kommentieren
Land und Leute
Ich reise nicht sehr gerne. Am wohlsten fühle ich mich, wenn ich zu Hause bin. Es ist nicht immer klar, wo das ist. Dann muss ich das definieren und die Definition lautet derzeit: da, wo der Laptop steht. Zuhause ist dort, wo ich mit meiner Tastatur die Welt beherrsche. Ich sitze gerne auf der Stelle, möglichst bewegungslos. Das ist das, was ich am besten kann. Rumänen sitzen gerne irgendwo herum. Darin zumindest bin ich typisch.
Auch Zigeuner sitzen gerne herum. Sie sitzen eine Stunde irgendwo, man weiß nicht warum, dann stehen sie auf, gehen anderswohin, wo sie wahrscheinlich ebenfalls eine Stunde sitzen werden, um dann aufzustehen und anderswohin zu gehen. Sie sind nicht ziellos. Sie kennen nur das Ziel nicht.
Zigeuner: das ist ein höchst komplexes Thema in Rumänien. Sie selbst nennen sich manchmal Tsigani. Es gibt eine Wissenschaft, die sich mit der Erforschung ihrer Herkunft und Kultur beschäftigt, die Tsiganologie und es gibt auch einen Antiziganismus. Früher bezeichnete man sie in Rumänien als tărtari oder tătăraşi, fälschlich als von den Tataren abstammend, von vielen werden sie als Gypsys bezeichnet, eine Abbreviatur von Egyptian, was ebenfalls falsch ist. Sie stammen, soweit das heute einwandfrei geklärt ist, aus Indien und ihre Sprache ist dem Sanskrit am nächsten. Inzwischen werden sie fast einheitlich als Roma bezeichnet. Auf Rumänisch heißen sie Rromi und ihre Sprache ist das Romaňi čhib, oft auch nur Romaňi. Aufgrund der phonetischen Ähnlichkeit zu Români, den Rumänen, werden die Roma oft nicht nur für Rumänen gehalten, was sie der Sache nach meist auch sind, sondern umgekehrt, die Rumänen werden für Roma gehalten, was falsch ist. Das stößt vielen Rumänen bitter auf, denn die Roma haben einen miserablen Ruf als Gauner (Gauner, die durch die Gegend ziehen, eben Zieh-Gauner) und Tagediebe und Lumpen. Ich habe ein junges Mädchen in Sibiu gesehen, auf dem T-Shirt der Schriftzug: „Ţigancă împuţită” (Dreckige Zigeunerin). Im Rumänischen kann man das nachgestellte Adjektiv împuţită mit unendlicher Verachtung aussprechen. Dabei sind die Roma oft unfassbar hübsche Menschen, die haben manchmal Augen wie Huskeys.
Eines der grundlegenden Probleme mit den Roma in Rumänien war lange, dass sie kaum integrierbar waren. Sie hatten eigene Vorstellungen von Recht und Unrecht und dementsprechend ihre eigene Rechtsprechung. Sie hatten lange weder Geburtsschein noch einen Personalausweis. Sie waren nicht sesshaft. Das hat sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten mehr oder weniger geändert. Sie bleiben allerdings ungeliebt wie eh und je. Ich weiß nicht, was davon in der deutschen Presse zu lesen war: Präsident Sarkozy hat den in Frankreich lebenden Roma Geld angeboten, wenn sie Frankreich verlassen und dahin gehen, wo sie herkommen: nach Rumänien. Das hat zu einer erheblichen Verstimmung zwischen der rumänischen und der französischen Regierung geführt. Und vor allem bei den Roma und deren „König“: dem in Sibiu lebenden Florin Cioaba, der internationalen Institutionen gerne als Ansprechpartner gilt.
Viele haben noch heute große Schwierigkeiten mit den Roma, die in etwa 10 % der rumänischen Bevölkerung ausmachen. Sie sind das Andere. Das einerseits eine gewisse Verlockung darstellt, die dann romantisiert wird, als Freiheit und Ungebundenheit, oder Angst auslöst. Dann erscheinen die Vertreter dieser Ethnie als die Faulen oder die, die einen übers Ohr hauen, die Diebe und Verbrecher. Tatsächlich hatten sie in Rumänien lange eine wichtige Funktion als Handwerker. Die sind beinahe wie Kasten von oben nach unten organisiert, es gibt Schmuckmacher und Kesselflicker, Musiker, Gaukler, Korbmacher und Metallhandwerker. Es gibt sogar eine Kaste, die Müll sucht. Ganz oben stehen die, die Schmuck herstellen. Die folgenden Bilder sind bei einem Markt entstanden.








Die Situation in Siebenbürgen ist nach der Wende und dem Ende des Kommunismus nicht einfacher geworden. Viele Siebenbürger Sachen sind weggegangen, nach Deutschland, wo sie dann als Rumäniendeutsche bezeichnet werden. Sie haben Hab und Gut verlassen und sind ausgewandert. Viele Dörfer sind in diesen Jahren geradezu ausgeblutet. Die Sachsen besaßen die reichen Äcker und das fruchtbare Land, das dann Jahre nicht bearbeitet wurde. Die Landwirtschaft kam in vielen Gebieten fast zum Erliegen. Man hat versucht, das Problem zu lösen, indem man diese Dörfer neu besiedelte, mit Rumänien oder Roma. Aber diese Leute verstanden nicht unbedingt etwas von Landwirtschaft. Zudem hatten viele Ziegenhirten, die ihre Herden traditionell im Sommer die Berge hochtreiben, das karge und entbehrungsreiche Leben in den Karpaten satt und erkannten die Vorteile eines Lebens daheim: sie blieben im Flachland und trieben ihre Herden auf die brachliegenden Ländereien, was zu erheblichen Schwierigkeiten mit den neuen Besitzern geführt hat.
Die Situation in den rumänischen Dörfern in Siebenbürgen ist partiell anders. Dort gibt es seit Jahren die klassische Landflucht. Die jungen Leute gehen die Städte. Und wenn irgend möglich, gehen sie ins Ausland. In nicht wenigen Dörfern leben fast nur noch alte Menschen. Ich war mit Anna, die für eine touristische Entwicklungsgesellschaft arbeitet, bei einer Veranstaltung in Săsăuș (Sachsenhausen), ein Dorf zwanzig Kilometer nördlich von Sibiu, mit einer aktuellen Population von 159 Einwohnern. Das Schulgebäude steht leer, die wenigen Kinder gehen im Nachbardorf zur Schule, kaum jemand von den Leuten dort hat eine Arbeit. Es gab an diesem Tag einen Fotowettbewerb und eine Mittelalter-Band aus Bukarest hat gespielt. Das war sicherlich das Highlight des Jahres.






Und in den rumänischen Bergdörfern, und dazu zählt auch das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, ist die Situation noch einmal etwas anderes. Auch dort leben sehr viele Alte und sie alle leben von der Landwirtschaft. Aber es gibt an den teilweise sehr steilen Hängen der Karpaten kaum Ackerland. Man hat in der Regel ein paar Stück Vieh, ein Pferd, man pflanzt Mais an, eines der Grundnahrungsmittel, man hat Obstbäume und man geht in den Wald und schlägt Holz, was man verkauft. Und manchmal besitzt man einen Teil einer Ziegenherde. Viele Möglichkeiten gibt es nicht. Da ist der Tourismus eine ernstzunehmende Alternative. Mein Dorf ist zu einem Wettbewerb vorgeschlagen worden: es soll das schönste Dorf Siebenbürgens gewählt werden. Als ich dort war, hat die GTZ eine Veranstaltung gemacht, eine der letzten. Sie ziehen sich nach vielen Jahren Engagement zurück aus Rumänien.
Das war eine Veranstaltung zum Zusammenhang Thermopanefenster. Es gibt eine sehr bedauerliche Tendenz, die in vielen Orten und Dörfern zu beobachten ist: die Jungen gehen weg, kommen irgendwo zu Geld und investieren das zu Hause. Und wenn sie fertig sind, haben die alten Bauernhäuser Dreifachverglasung und sehen aus als stünden sie in Bayern am Starnberger See. Touristen aber wollen sehen, wie Rumänen wirklich leben. Es geht also nicht nur darum, Häuser zu renovieren und den vielen Alten ein Leben unter etwas moderneren Bedingungen zu ermöglichen, es geht auch darum die Struktur dieser Dörfer möglichst zu erhalten. In meinem Dorf gibt es derzeit keinen einzigen Touristen. Das Dorf liegt zwischen zwei Bergflanken. Es gibt keine asphaltierte Straße und jedes Tier scheißt einfach auf die Straße. Es da kein fließendes Wasser, keine Toiletten und keine Duschen. Aber eines Tages wird es das geben und dann werden die Touristen kommen. Diese Dörfer werden sich verändern und für die jungen Leute ist der Tourismus eine Möglichkeit ein Leben zu leben, das auch noch aus anderen Dingen als aus permanenter körperlicher Arbeit besteht. Die Karpaten sind das größte zusammenhängende Waldgebiet Europas, ein Drittel aller in Europa lebender Wildtiere sind dort. Die Menschen sind freundlich, sie essen gerne und gut und sie brauchen eine Zukunft. Dörfer wie das aus dem ich stamme, werden sich entweder auflösen, weil die Alten bald alle tot sind. Oder sie werden sich an die Belange des Tourismus anpassen. Anpassen müssen. Das ist oft ein Spagat, den viele dort nicht ganz verstehen.











Meine Freundin Lavinia. Wir sehen uns nur äußerst selten. So ist das, wenn man aus einem Land kommt, deren Bewohner in alle Welt verstreut sind. Als ich das letzte Mal in Sibiu war, Weihnachten 2008, hat viel Schnee gelegen und wir haben uns nur ein einziges Mal gesehen. Im Jahr davor, war sie gerade in Bukarest und im jahr zuvor in der Ukraine, im Urlaub. Wir skypen manchmal, aber meisthören wir lange nichts voneinander. Freundschaften müssen irgendwie halten, über die Jahre und die Entfernungen hin. Und wenn sie nicht halten, dann spüre ich die Einsamkeit in Berlin und denke Dinge, die ich an glücklicheren Tagen nicht denke.


Obwohl ich von mir selbst keine Bilder ins Netz stelle und auch keine von meiner Familie, kommen hier jetzt doch noch zwei Familienmitglieder, denen das nicht schadet, “Kleiner Onkel” und eine von drei Kühen. Die hat keinen Namen, die heißt nur Kuh. Früher, als ich noch mitregiert habe, hatten alle Lebewesen bei uns einen Namen. Selbst die Kröte unter der Terasse. Die hieß Rosalie.


Damit endet die Fotoserie auf diesem Blog und wir kehren zur klassischen Erscheinungsweise zurück.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema Allzupersönliches, monströs | Eintrag von Aléa Torik | um 16:47 eingtragen | Kommentare: 9 | Kommentieren
Ich spring da nicht drüber
Ich vermisse meine Mitbewohnerin. Olga ist über Ostern für vierzehn Tage nach Moskau geflogen, zu ihrer Familie. Die ist total crazy, aber wir kommen sehr gut miteinander aus. Spülen, Putzen, Staubsaugen: das können wir beide nicht. Alle zwei Wochen wird gemeinsam geputzt. Wir stehen dann vor den Utensilien mit denen man üblicherweise saubermacht, Sachen wie Eimer und Putzmittel und Lappen und dieses ganze Zeug und lachen uns kaputt, weil wir im Grunde beide nichts damit anfangen können. Wir schütten das dann alles auf einen Haufen und hoffen, dass sich davon der Allgemeinzustand unserer Wohnung verbessert. Das ist ein Ausdruck von Hoffnungslosigkeit! Aber er bringt uns beide immer wieder zum Lachen. Manchmal kommt Olga in mein Zimmer, zieht sich aus, legt sich in mein Bett und schläft. Während ich am Rechner sitze und arbeite. Oder sie setzt sich auf meinen Schoß, schmiegt sich für ein paar Minuten eng an mich und geht dann wieder raus. Ohne ein Wort der Erklärung.
Warum will ich eigentlich Schriftstellerin werden? Es gibt wirklich Jobs und Beschäftigungen, wo man mit einem Engagement wie ich es an den Tag lege, und manchmal auch an die Nacht, mehr Lorbeeren erntet als auf diesem Markt, zumal hier in Deutschland. Ich empfinde es gerade hier als schwierig, weil hier ganz klare Vorstellungen herrschen wie junge neue Literatur auszusehen hat. Dennoch will ich Schriftstellerin werden. Ich kann nichts anders. Ich will nichts anderes. Ich will nichts anderes können.
Ich erinnere mich, ohne mich genau zu erinnern, dass ich einmal eine Geschichte gelesen habe, wo ein Autor seine Figur – in übertragenem Sinne – über etwas drüber springen lassen wollte. Er lässt sie über viele Seiten Anlauf nehmen. Er stellt es so dar, dass dieser Anlauf und dieser beabsichtigte Sprung ein zentrales Ereignis im Leben der Figur sind. Er lässt sie losrennen und schneller und schneller werden, er steigert sich in der Dramaturgie, und kurz vor der Hürde oder dem Absprung, die der Autor die ganze Zeit anvisiert und die er auch beschreibt, bremst die Figur ab. Sie bleibt einen Zentimeter davor stehen. „Ich spring da nicht drüber“, sagt sie. Sie dreht sich sozusagen um und wendet sich, indem sie stattdessen eine logische und erzählerische Grenze überspringt, direkt an den Autor: „Ich spring da nicht drüber“, sagt die Figur. Sie stellt in Frage, dass der Autor, sie, die Figur, überhaupt verstanden habe. „Mach ich nicht“, sagt sie und schüttelt den Kopf. Der Autor ist dann natürlich der Gelackmeierte. Jedenfalls war das in der Geschichte so. Er hat es im weiteren Verlauf der Geschichte nicht vermocht, der Figur seinen Willen aufzuzwingen (ich glaube das war Flann O`Brian).
Abgesehen davon, dass hier etwas zur Sprache kommt, was wohl jeder Autor kennt: die Figuren entwickeln sich nicht wie beabsichtigt. Dann steht der Autor vor der Entscheidung, die Sache laufen zu lassen oder seine Macht auszuüben und der Figur etwas aufzuzwingen. Macht auszuüben! Macht über Figuren. Macht über die Ereignisse. Auch das ist ein Grund, warum ich Schriftstellerin werden will. Ich will Macht ausüben! Ich will den Text, die Figuren und die Ereignisse so bestimmen, dass sie allein nach meinem Willen sich ereignen. Ich will sie dirigieren. Ich will allerdings auch, wenn meine Figuren mir zu verstehen geben, dass sie über eine Hürde nicht drüber wollen oder können. Dann muss ich das Hürdentraining entsprechend anpassen oder aber einen andern Weg finden. Man kann seine Figur ja beispielsweise einfach außen rumgehen lassen und aus einer Geraden mit Hindernissen einen Parcours zum Slalomlaufen machen.
Ich werde mich ans Olympische Komitee wenden und denen meinen Vorschlag unterbreiten. Es gibt verschiedene Wege eine bekannte Schriftstellerin zu werden, man muss sie nur ausprobieren. Man muss lediglich den Figuren seinen Willen aufzwingen. Auch den Figuren bei irgendwelchen Komitees. Ich werde den Sport revolutionieren. Habe ich mir eben vorgenommen. Marathon zum Beispiel. Sehr schöne Sportart. Aber so weit! Da gibt es doch sicher eine Abkürzung. Dass das Ziel immer erst am Ende ist, das halte ich ja sowieso für eine Fehlkonstruktion.
Und mit diesen Worten zeige ich, wozu so eine Schriftstellerin in der Lage ist, nämlich weit, weit entfernte Dinge zueinander zu zwingen und einer Geschichte wie dieser hier eine ganz und gar unerwartete Wendung zu geben, indem ich das Schlusswort formuliere: merkt man mir an, dass ich meine Laufschuhe ausprobiert habe und nach einer Runde schon völlig fertig war?
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema monströs, Paralipomena, voluminös | Eintrag von Aléa Torik | um 17:01 eingtragen | Kommentare: 15 | Kommentieren
Moderne Kommunikation
Meine Mittagspause, vorgestern, ein Chat bei Facebook, mit Uhrzeiten.
11:58 Nicolas: hallo
11:58 Aléa: na, lange nichts gehört
11:59 Nicolas: ja, geht‘s gut?
11:59 Aléa: so lala
11:59 Nicolas: nämlich?
12:00 Aléa: ich sitze an einer Arbeit und komme nicht vorwärts; ist aber wichtig
12:00 Nicolas: über Anerkennung? äh, Identität
12:00 Aléa: wieso Anerkennung?, ah
12:00 Nicolas: das hängt ja bisweilen zusammen
12:01 Aléa: bisweilen hängt so einiges zusammen, nein über Wallace, ich schreibe einen Artikel, einen Essay
12:01 Nicolas: aha, ich verstehe
12:01Aléa: wie viel verstehst du? kannst du das für mich zu Ende schreiben?
12:02 Nicolas: ich muss selber einen Artikel schreiben; aber ich muss erst noch anfangen, wenn ich im richtigen Gefühl eingelullt bin, dürfte das dann aber gehen. aber das mache ich irgendwann nachts. am Montag ist Abgabedatum
12:02 Aléa: da hast du es gut, du kannst dir noch einbilden, dass es wer weiß wie gut laufen wird
12:02 Nicolas: richtig, und ich werde von dieser Illusion nicht ablassen, bevor er fertig ist. das ist das Programm.
12:03 Aléa: sehr gutes Programm, hatte ich aber auch!
12:03 Nicolas: dieses Gefühl kann gesteigert werden, indem ich das beginnen weiter verzögere.
12:04 Aléa: ja, bis Montagmorgen und dann möchte ich nicht mit dir tauschen
12:04 Nicolas: ich höre auf mit Ratschlägen.
12:05 Nicolas: sonst? Any news?
12:05 Aléa: ich habe mich mit ANH getroffen, wie kennen uns von US, hatten uns aber noch nie gesehen, er hat etwas über das Treffen geschrieben ich auch und seither kann ich Schweinerein aus meinem Blog löschen.
12:06 Nicolas ich habe es heute gelesen. du bist selber schuld.
12:06 Aléa: Das war ein sehr nettes Treffen
12:06 Nicolas: wobei man ja vorher nur begrenzt was wissen kann, also bist du vielleicht doch nicht selber schuld; ja, aber unter falschen Bedingungen
12:07 Aléa: welche Bedingungen?
12:07 Nicolas: wie du geschrieben hast; beide denken an ihre Blogs. wie du geschrieben hast; beide denken an ihre blogs.
12:07 Aléa: ja, das stimmt, aber nicht nur!
12:07 Nicolas: eben. das ist Masturbation ohne Masturbation.
12:07 Aléa: aber Masturbation ist super!
12:08 Nicolas: ja, aber nicht Masturbation ohne Masturbation.
12:08 Aléa: das kann ich gar nicht, ich will Leute kennenlernen, die auch schreiben.
12:09 Nicolas: es ist ein so tun als ob man Masturbieren würde, um eine Reaktion zu bekommen. aber wenn Masturbation gut ist, dann in Selbstvergessenheit.
12:09 Aléa: zumindest kann ich mit ihm über Literatur reden
12:09 Nicolas: der typ weiss auch nicht viel mehr. allenfalls hat er kontakte.
12:09 Aléa: aber ich glaube, das reden reicht dem nicht; er schreibt auf eine sehr eigene Weise
12:10 Nicolas: ich habe nichts von ihm gelesen ich will dich da nicht bequatschen.
12:10 Aléa: der schreibt nicht komisch, sondern eigensinnig, außerdem: ich bin ja schon groß!
12:11 Nicolas: grösser als ich, vermutlich.
12:11 Aléa: darauf achte ich nicht; eher find ich‘s gut. Ich mag es auf Männer herunterzuschauen! haha!
12:11 Nicolas: kannst ja vorbeikommen. ich bin der scheue Typ, von dem du schreibst.
12:11 Aléa: du hast das tatsächlich gelesen!
12:12 Nicolas: jaja. ich habe mich auch nicht aufgeregt, aber das Ganze war schon etwas doof, der Anfang mit der Mitbewohnerin ist süss.
12:12 Aléa: was war doof?
12:12 Nicolas: aber ich verschwende meine Zeit ja auch. eben diese Bespiegelungen.
12:13 Aléa: welche Bespiegelungen? Womit? Zeit meine ich. Ich verschwende nichts
12:13 Nicolas: was ihr halt da inszeniert habt.
12:14 Aléa: ich muss immer wissen was doof und was gut ist an meinen Sachen; war das eine Inszenierung?
12:14 Nicolas: er hat ein zwei sehr gute Punkte in seinem Artikel. er schreibt, dass du ihn nicht aus seiner Inszeniertheit hinauslässt. und dass du erstaunlich stark an den Literaturbetrieb glaubst; zweiteres finde ich uninteressant. aber das jemanden nicht aus seiner Inszeniertheit herauslassen ist noch interessant.
12:16 Aléa: ich glaube nicht an den Betrieb, aber an die Literatur, vielleicht nicht einmal das
12:16 Nicolas: es deutet auch auf eine Schwäche seinerseits hin. wie gesagt, die Literaturbetriebsgeschichte interessiert mich nicht.
12:17 Aléa: bin ich dran?
12:17 Nicolas: ja.
12:17 Aléa: o.k.
12:17 Nicolas: ich will nicht nerven
12:18 Aléa: wenn es eine Inszenierung war, dann war sie aber gelungen; finde ich; für mich war sie das; aber für mich war es auch keine Inszenierung
12:19 Nicolas: ja, aber die Inszeniertheit ist ja der Punkt, nicht ob gut oder schlecht inszeniert wurde.
12:19 Aléa: ich schicke dir mal eben ein Video, ich muss zur Toilette
12:19 Nicolas: für die Inszenierung war früher, glaube ich, so etwas wie die gesellschaftliche Konvention zuständig. heute scheint sie sich zwischen der Idiosynkrasie der Leute abzuspielen.
12:21 Aléa: vielleicht hast du recht, die Reaktionen der Leute auf seiner Seite sind jedenfalls interessant, ich lerne etwas daraus, ich weiß nur noch nicht was es ist; ich schreibe den Artikel zu Ende und dann kann ich endlich wieder an meinem Roman arbeiten; da freue mich drauf, wie Urlaub, nur besser; wie gefällt dir die Musik?
12:24 Nicolas: ich bin nicht so ein Fan dieser Musik, aber die Klassiker sind schon schön.
12:24 Aléa: welche Klassiker? Wann ist dein Umzug?
12:25 Nicolas: Orbital; das waren ja so trip-hop Pioniere oder so, oder? mein Umzug ist Mitte April, es wird ein wahnsinniges Chaos.
12:26 Aléa: ah, die kenne ich wieder nicht, ich kenne nur dieses Lied; wahnsinniges Chaos klingt gut, mir schreibt doch gerade jemand in meinem Blog: „sie sind echt ein Grund nicht mehr zu bloggen“; wieso schreibt der das?
12:27 Nicolas: keine Ahnung. vielleicht solltest du mal in die Provinz.
12:27 Aléa: da komme ich her!
12:28 Nicolas: jaja, aber man muss ja mit geschärften Augen dahin zurück.
12:28 Aléa: ich gehe im Sommer vielleicht für zwei Wochen nach Siebenbürgen. Ich muss mich erholen, glaube ich jedenfalls
12:28 Nicolas: ich lese gerade Sein und Zeit von Heidegger. das ist ultra provinziell, aber zugleich sehr modern. ich finde es enorm reich.
12:28 Aléa: mit geschärften Fingernägeln
12:28 Nicolas: hmhm
12:29 Aléa: ich finde Heidegger nicht gut, der Mann schreibt nicht gut
12:29 Nicolas: aber er hat relativ gut gedacht
12:29 Aléa: aber beim Aufschreiben hat‘s gehapert
12:29 Nicolas: und er schreibt schon auch gut
12:29 Aléa: ja, denken konnte er, er schreibt aber scheiße, haha
12:30 Nicolas: nein nein.
12:30 Aléa: sag mir eine gute Formulierung
12:30 Nicolas: manchmal habe ich Lust, Leute (vornehmlich Frauen) zu mir zu locken und ihnen zu zeigen, wie die Dinge funktionieren
12:30 Aléa: das ist von Heidegger?
12:30 Nicolas: ach so, von Heidegger
12:30 Aléa: ich meine die Formulierung, was willst du ihnen zu zeigen? Zeigen meine ich; im rumänischen wurde man den Infinitiv anders setzten, aber du kannst ja kein Rumänisch, du kannst ja nur dieses Heidegger-Deutsch, haha.
12:31 Nicolas: nein nein. ich denke, manchmal kann es nicht so schwer sein, die Leute aus ihren fixen Ideen etwas zu lösen
12:32 Aléa: Heidegger hatte fixe Ideen? dieser Typ bekommt jetzt eine Antwort von mir, so eine gepfefferte, wie nennt man das?
12:32 Nicolas: vielleicht haben und sind wir ja mehr als unsere fixen Ideen
12:32 Aléa: oder vielleicht auch eine freundliche, wer hat fixe Ideen?
12:33 Nicolas: hallo?
12:34 Aléa: hallo? wieso hallo? ich bin doch da, ich? habe ich fixe Ideen?
12:34 Nicolas: ja klar
12:34 Aléa: welche denn?
12:34 Nicolas: ich natürlich auch, alle haben welche
12:34 Aléa: der Typ schreibt schon wieder einen Kommentar in meinem Blog; ich habe keinen fixen Ideen, ich habe gute Ideen ich kann sie nur nicht umsetzen, nicht immer
12:34 Nicolas: ich glaube bei dir ist es auch die Notwendigkeit, reagieren können zu müssen, haha; wie man sieht auch mit Erfolg reagieren können zu müssen. weil das war lustig. “Als geworfenes existierend bleibt das Dasein ständig hinter seinen Möglichkeiten zurück”. Das ist ein guter Satz. aber reden wir lieber über uns als über Heidegger
12:36 Aléa: dass das Dasein hinter den Möglichkeiten zurückbleibt ist eine Phrase. Das wusste ich schon mit fünf, da wollte ich was haben und hab‘s nicht bekommen. Werfen muss man‘s dazu auch nicht, und auch das nicht geworfene Dasein ist zurückgeblieben, der schreibt eben schlecht.
12:37 Nicolas: jaja. lassen wir Heidegger. das habe ich ja schon gesagt.
12:37 Aléa: jetzt kommt Olga, die hat das Blog gelesen, dass ich sie pfählen wollte um zu überprüfen, ob sie noch lebt, ich krieg Ärger, nein, jetzt lacht sie, die andere Freundin ist übrigens Marie, die Schauspielerin, aber die wohnt nicht hier, mit der gehe ich sonntags Kuchen essen
12:39 Nicolas: ich verstehe
12:39 Aléa: bis zum nächsten Kuchen muss ich fertig sein mit meinem Artikel; was verstehst du?, ich schreibe dem Kommentator den Satz von Heidegger; vielleicht macht ihm das bloggen dann wieder mehr Spaß
12:39 Nicolas: dass es die ist, mit der du sonntags Kuchen essen gehst. ja. schreib ihm das dazu.
12:41 Aléa: gibt es eine Möglichkeit den Verlauf des Chats zu markieren und zu kopieren? erst diese Frage beantworten, dann eine eigene stellen
12:42 Nicolas: redest du von unserem Chat?
12:42 Aléa: erst diese Frage beantworten, dann eine eigene stellen!
12:42 Nicolas: ja, es gibt diese Möglichkeit.
12:43 Aléa: sehr schlau, ja ich rede von diesem hier, ich würds gerne einstellen in mein Blog, ich finds gut, mir gefällt das.
12:43 Nicolas: ist erlaubt. ich maile ihn dir. du kannst es ja noch bearbeiten. der Anfang war besser als der Schluss.
12:45 Aléa: ja, ich bearbeite die Rechtschreibung und schicke es dir auf jeden Fall vorher, ob du einverstanden bist; aber wenn ich den Chat schließe, sind die Nachrichten weg, oder?
12:45 Nicolas: gut gut. dann kann ich noch geniale Eingebungen einarbeiten. ja. aber du kannst, wenn er noch geöffnet ist, alles markieren und dann copy pasten.
12:46 Aléa: Strg + A funktioniert nicht
12:47 Nicolas: nein, du musst über den ganzen Text drüberfahren, ich gehe kurz eine rauchen. bist du dann noch da?
12:47 Aléa: ja klar, drüberfahren? kann ich deinen Namen angeben?
12:55 Nicolas: mein Vorname ist okay
12:55 Aléa: mit einer mail-adresse?
12:55 Nicolas: nein
12:55 Aléa: dann könntest du dich einmischen, wenn ein Kommentar kommt, ok.
12:56 Nicolas: ich kann mich ja im Zweifelsfall anmelden, aber ich kommentiere eigentlich nicht in Blogs.
12:56 Aléa: ein Mann von Grundsätzen; Wie denn? ach so als Kommentar natürlich.
12:57 Nicolas: ja
12:57 Aléa: klar; ist das in Ordnung, wenn ich jetzt aussteige? Mein Artikel wartet
12:57 Nicolas: ja, ich muss eh baden
12:58 Aléa: bade! fein
12:58 Nicolas: mach‘s gut, liebes Torici
12:58 Aléa: nein nicht fein, das Wort fein ist nicht fein, schön meine ich, also nicht schön
12:58 Nicolas: doch, das ist okay
12:58 Aléa: mach‘s auch gut, lieber Nici
12:58 Nicolas: tust du mir einen Gefallen?
12:58 Aléa: ja; absolut jeden; haha!
12:58 Nicolas: liest Pünktchen und Anton von Kästner. lies
12:58 Aléa: jawohl mache ich
12:58 Nicolas: es gibt auch ein Bild dazu
12:58 Aléa: kann man‘s mit Bild leichter verstehen?
12:59 Nicolas: ich habe es neulich gepostet; bei meinen Fotos
12:59 Aléa: ich schaus an, das Bild
12:59 Nicolas: es sind erst zwei Bilder da, ah, du kennst die eh schon
12:59 Aléa: ich erinnere mich sogar
12:59 Nicolas: gut
12:59 Aléa: es ist gelb.
12:59 Nicolas: gut
12:59 Aléa: das Buch, gelb, ist das ein Kinderbuch?
12:59 Nicolas: unabhängig davon, lies das buch
13:00 Aléa: ich lese es
13:00 Nicolas: das ist in einer guten Stunde oder so zu machen
13:00 Aléa: jawohl, bis bald
13:00 Nicolas: du bekommst es antiquarisch sicher günstig, bis bald
13:00 Aléa: ciao
Vielen Dank an Nicolas für die Zustimmung zur Veröffentlichung!
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema Allzupersönliches, monströs, Paralipomena | Eintrag von Aléa Torik | um 7:47 eingtragen | Kommentare: 12 | Kommentieren
Kalbskopf und Schafskopf, einander gegenübersitzend
Im April werde ich die re:publica besuchen. Das ist eine Veranstaltung bei der sich Blogger treffen. Auf deren Webseite gab‘s eine Diskussion um das Für und Wider von „Twitterwalls“. Das ist eine Leinwand im Hintergrund einer Podiumsdiskussion, wo die aktuellen Beiträge zu dieser Diskussion bei Twitter abgebildet werden. Man kann sich also durch das Formulieren von eigenen Tweeds in die Diskussion einmischen. Vielmehr in die Rezeption des Diskutierten, denn die Diskutanten auf dem Podium sehen diese Beiträge nicht. Ich habe mich auch eingemischt und hatte gleich das Gefühl, mit meiner ablehnenden Haltung eine etwas altbackene Position zu vertreten.
Bei dieser Veranstaltung werden wohl einige Gegensätze aufeinanderstoßen. Ich spreche jetzt von mir selbst: Die Rumänin, die, wie man mir letztens sagte, „als eine Außenseiterin in einer Hochzivilisation zur intellektuellen Hochform aufläuft“ – mit Außenseiterin war ich gemeint und mit Hochzivilisation dieses Land -; die einer Rumänin, die auf die Deutsche trifft, die ich gleichermaßen bin; die Außenseiterin stößt auf die Hochkultur und die Literaturwissenschaftlerin, die das Lesen propagiert auf die Bloggerin, die im Internet surft. Und möglicherweise trifft auch die Surferin auf einige Hochleistungsschnellboote, mit 1000 PS unter der Motorhaube.
Ich bin eine Leseratte und kann stunden- und tageweise auf Deck herumlungern, in der Hängematte liegen, im Mastbaum sitzen, irgendwo in der Takelage hängen und Hermann Melville „Moby-Dick oder Der Wal“ lesen. Ich sitze da und habe Zeit. Ich sitze den halben Tag mit einem Buch auf der Stelle und die einzige Handlung, die ich dabei vornehme, ist die des Umblätterns. Das ist ein geradezu dekadenter Umgang mit einem so flüchtigen Gut wie der Zeit. Und ein ähnlich dekadenter Umgang mit dem der Handlung. Ich weiß nicht, wo der Begriff der Handlung sich von dem der Untätigkeit zu scheiden beginnt, aber zehn Kilokalorien würde ich mal als Grenze bestimmen. Umblättern ist also noch keine Handlung.
Beim Lesen erfahre ich nichts, außer dem, was im Buch steht. Die Buchdeckel sind die Grenzen dieser Welt. Das ist eine Scheibe, an deren Enden man ins Nichts hinunterfällt. Mehrdimensional hingegen ist das Internet, geradezu plastisch, eine Kugel von unendlicher Ausdehnung, hier und hier und hier . Ich schaue mir die Originaltexte an, kann sie herunterladen, ich kann von dort zu anderen Geistesgrößen des 19. Jahrhunderts weiterklicken oder zum WhaleWatchingWeb. Ich gelange von Insel zu Insel , von der abgelegendsten bewohnten Insel der Welt, Tristan da Cunha, zu Galapagos und Darwin’s “The Origin of Species”, zu den Osterinseln; es geht in jede Richtung unendlich weiter.
Büchern fehlt, was heute zum Informationsbegriff dazugehört: die freie Verfügbarkeit von möglichst vielen Informationen. Dabei spielt es offenbar nur eine untergeordnete Rolle, ob ich diese Informationen überhaupt aufnehmen kann. Ob ich sie brauche, ob ich, was sich dort findet, überhaupt wissen will. Informationen müssen „da“ sein, sie müssen abrufbar sein. Aber weiß ich, weil ich tausend andere Orte kenne, wo Informationen vorhanden sind, deswegen mehr? Oder muss ich einfach mehr Zeit fürs Filtern dieser Informationen aufwenden? Sind die Menschen mit all den Links zu Melville und Inseln und Walen belesener, gebildeter oder klüger oder in irgendeiner anderen Weise um eine Dimension reicher als jene, die einfach nur der sturen Linearität des Textes folgen?
Eduard Kaeser hat dies in einem Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung beschrieben und mit dem schönen Begriff des „Cogitus interruptus“ bezeichnet: “Die Erosion der Aufmerksamkeit [...] ist im Grunde eine Erosion des erotischen Rumpfs unserer Kultur” heißt es in seinem Artikel. Die so verstandene Erotik ist vor allem eine der Anwesenheit und der Gegenwart. Kein Mensch hat Zeit all die Informationen zur Kenntnis zu nehmen, die ihm im Netz begegnen. Er schafft es vielleicht so gerade noch, sie alle anzuklicken. Wir können tausend Dinge zur selben Zeit tun. Wir wissen nur nicht mehr, welche es sind. Mit Sinnlichkeit hat das nur noch wenig zu tun. Jedenfalls nicht mit der Sinnlichkeit, an die ich denke. Aber vielleicht haben andere ja auch eine etwas abstraktere Auffassung davon.
Ich jedenfalls empfinde es als eine Unverschämtheit, wenn mein Gegenüber, mitten im Gespräch mit mir, dieses abbricht, weil sein Telefon klingelt. Er redet immerhin mit mir und mutet mir zu, dass ich sein Gespräch abwarte. Ich warte dann in der Regel nicht länger als zwei Minuten. Wenn ich nicht erkennen kann, dass ich meinem Gesprächspartner wichtiger bin als sein Telefonat, beende ich meinerseits das Gespräch. Das Unverschämte ist für mich, dass das, was nicht da ist, wichtiger scheint, als das was da ist. Aber vielleicht ist diese Auffassung von Präsenz in einer Zeit, in der kaum noch etwas da ist – oder nahezu alles – eine stur konservative und überholte Auffassung. Vielleicht ist das eines der Grundannahmen der modernen Kommunikation, das alles gleichzeitig da ist. Und nicht nacheinander. Das Nacheinander erscheint uns beinahe wie eine Verarmung.
Wir können es uns heute nicht leisten, nur noch eindimensional zu sein, nur noch ein Gespräch mit einem realen Gegenüber zu führen, nur noch Seiten umzublättern. Weil wie es uns nicht leisten können vom Telefon- und Datennetz abgeschnitten zu sein. Wir müssen unsere Fühler und Tentakel in vielen verschiedenen Dimensionen haben, weil die Informationen nicht mehr nur in einer Dimension zu haben sind. Vielleicht müssen wir auch solche Begriffe wie Konzentration und Aufmerksamkeit anders definieren. Vielleicht ist Konzentration heute Dezentration, weil konzentrierte Information nicht mehr der Wirklichkeit entspricht. Die Wahrheit ist nicht mehr die eine Nadel im Heuhaufen, sondern (die Menge aller) Nadeln in (allen) Heuhaufen.
Schließlich verändert sich auch der Begriff der Aufmerksamkeit. Wir sind einander gegenüber nicht mehr aufmerksam. Das Gegenüber langweilt uns bereits bevor wir es kennen. Weil die Menge der Informationen (Links und Männer) uns davon abhält uns zu konzentrieren. Die möchte ich sehen, die einem anspruchsvollen Vortrag in einer Fremdsprache folgen kann, die Kommentare auf der Zwitterwall verfolgt, währenddessen einen Beitrag im eigenen Blog konzipiert und dann noch Kontakt mit ihrem Banknachbarn aufnimmt, weil sie den ziemlich nett findet und gerne einen Kaffee mit ihm trinken würde und ihn dann spontan anlächelt. Allein letzteres überfordert viele Geschlechtsgenossinen ja schon.
Wir sind nur noch auf der Suche nach dem nächstspannenderen, besseren, abwechslungsreicheren und kennen, was wir vor uns haben, gar nicht. Weil wir womöglich, was wir vor uns haben, in gewisser Weise schon hinter uns haben. Wir scheinen manchmal gar nicht mehr zu wissen, was ein Gegenüber eigentlich ist. Wir reden ohne zugehört zu haben. Vielleicht liegt das alles im Kern daran, dass wir einander nichts mehr zu erzählen haben. Information, wie sehr sie sich auch anreichern mag, wird niemals zur Erzählung. Denn die Erzählung hat eine Dimension, die die Information nicht hat und nicht haben will: das Nacheinander.
Ich freue mich sehr auf die re:publica. Ich freue mich auf die Ecke, in der die Anhänger der Erzählens sitzen. Die können mir da gerne den größten Unsinn erzählen. Vielleicht treffe ich da einen netten Typ, der mir erzählt, wie er im letzten Urlaub durch die Ägäis geschwommen ist und einen ausgewachsenen Leviathan mit bloßen Händen hat erwürgen müssen. Ich werde ihm das abnehmen. Ich werde ihm gebannt lauschen und seinen tolldreisten Lügen eher Glauben schenken als jenen Typen, die mir mit ihren tausend Links zu Schnellbooten imponieren wollen.
Wie gesagt, da werden wohl unterschiedliche Positionen aufeinander treffen. Ich hoffe, dass es richtig kracht. Ich mag Zusammenstöße. Ich mag eruptive Ereignisse. Nicht, dass das so läuft wie bei Melville, wo Schafskopf und Kalbskopf einander gegenübersitzen:
„Wie jeder weiß, ernährt sich manch junger Stutzer unter den Epikureern unentwegt von Kalbsbries und verschafft sich dadurch nach und nach selbst ein bisschen Hirn, wodurch er schließlich sogar in der Lage ist, einen Kalbskopf und seinen eigenen Schafskopf auseinanderzuhalten, was in der Tat ungewöhnliches Unterscheidungsvermögen erfordert. Das ist auch der Grund, warum es kaum einen traurigeren Anblick gibt, als einen jungen Stutzer vor einem verständig dreinblickenden Kalbskopf sitzen zu sehen. Der Kopf schaut ihn gleichsam vorwurfsvoll an, als wollte er sagen: „Et tu, Brute“
(Herman Melville, „Moby-Dick oder Der Wal“, Carl Hanser Verlag, 2001, Seite 477)
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema monströs, Paralipomena | Eintrag von Aléa Torik | um 14:34 eingtragen | Kommentare: 6 | Kommentieren
Das Kronos Projekt
Die längste Zugfahrt der Welt: das Kronos Projekt. Ich enthalte mich zum großen Teil eigener Worte und greife auf Texte zurück, die das (künstlerische) Projekt selbst zur Verfügung stellt.
Ende der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhundert begonnen, gibt es Hinweise darauf, dass das Experiment noch heute andauert. Die ersten Versuche haben etwas Mitte der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts stattgefunden. Versuche mit sogenannten antichronischen Vehikeln, die wahrscheinlich auf dem Gelände der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt ausgeführt worden.
Von der Öffentlichkeit abgeschirmt, da man wohl die Beunruhigung der Berliner Bevölkerung befürchtete als auch aus Erwägungen der Rüstungsindustrie wurden die unterirdischen Tunnelanlagen der Berliner U-Bahn, in der Nähe der U-Bahnstation Rathaus Steglitz genutzt. Aus Kostengründen wurden alte Tunnelanlagen der bis heute nicht realisierten U-10 genutzt, als Trajekt wurde auf einen gebräuchlichen U-Bahnwaggon zurückgegriffen, der entsprechend aufwändig umgebaut wurde:
„Der Wagen wurde verkürzt und elektrisch hermetisch abgeschlossen, d.h. er funktionierte nach dem Prinzip eines doppelt gesicherten Faradayschen Käfigs. Fenster wurden entfernt und mit Eisen-Asbest-Verbundplatten verschlossen. Lediglich vorn befand sich eine mit einem Drehverschluß versehene Einstiegsluke, die nur von außen zu öffnen war. Der gesamte Wagen war mit einem lichtabsorbierenden schwarzen Teer-Lithium-Anstrich versehen. An Stelle der Räder wurden paddelartige Excenter montiert, die für eine annähernd in der Form einer Sinuskurve verlaufende Bewegung sorgten. Angetrieben wurden diese durch einen Synchronmotor, der wiederum primär durch damals gänzlich neuartige Radium-Isotopen-Batterien gespeist wurden. Offensichtlich wurde aber auch bereits eine sekundäre Energieversorgung mittels sogenannter induktiver Lorentz-Transformatoren (elektrodynamische Zug-Druck-Pumpen) installiert.”
Der geplante Versuch wurden mit Freiwilligen besetzt. Den Insassen war, und ist es bis heute, nicht möglich Einfluss auf den Verlauf des Experimentes zu nehmen.
Die Wirkungsweise des Kronos-Gerätes bestand darin, einen Körper mit einer großen Masse in eine gleichförmige, vertikal schwingende und asymptotisch gegen null gehende Bewegung zu versetzen.
„Die Bewegung des Körpermittelpunktes, wo sich der sogenannte Resonator (ein mit etwa 105 Kilogramm Quecksilber gefüllter Zylinder aus hochreinem Kupfer mit Osmium-Versiegelung) befand, entsprach dabei der einer epsilon-verzerrten Sinuskurve. Die Anfangsgeschwindigkeit des Gerätes betrug lediglich 4 mm pro Tag. Durch ein komplexes Rückkopplungsverfahren nach dem Phasenverschiebungsindex des Bode-Diagramms sollte die Geschwindigkeit dem quantenphysikalischen Resonanzverhalten des Higgs-Feldes automatisch angepaßt werden. Um eine Resonzkatastrophe zu vermeiden, mußte durch eine Verzögerungs-Entkopplung die resultierende entzerrte Geschwindigkeit um den Faktor 0,000034 verändert werden.
Die nach einer bestimmten Zeit diskret durch spontane Symmetriebrechung auftretenden Interferenzen mit dem Higgs-Feld führen zu einer lokalen Verkrümmung des Raum-Zeit-Kontinuums. Es kommt zu einer Veränderung der Lagrange-Dichte der globalen Dimensionalität und in dessen direkter Konsequenz zu einer signifikanten stabilen Abweichung von der Realzeitachse. Dieser Effekt, der auch bei Geschwindigkeiten nahe der Lichtgeschwindigkeit eintritt, hier aber enorme Energiemengen benötigt, führt innerhalb der bewegten Entität quasi zu einer Verlangsamung des Zeitablaufs bis hin zum Zeitstillstand. Daneben verringert sich die lokale Masse der bewegten Objekte bis gegen null, da die Trägheitspartikel keine Reibungsverluste mehr aufweisen. Möglicherweise wird sogar durch Bosonen-stabilisiertes Flatterverhalten eine Umkehr des Zeitpfeils ermöglicht, dies wurde im Kronos-Gerät aber primär nicht angestrebt. Aus der Menge des verwandten Quecksilbers und der Nullgeschwindigkeit läßt sich ein interpolierter Verlangsamungsfaktor von F=112.000 ableiten.”
Da das Kronos Gerät bis heute nicht aufgefunden wurde, wird vermutet, dass es noch immer unterwegs sein könnte.
„Dazu existieren heute 3 verschiedene Erklärungsmodelle. Einmal wird vermutet, daß sich das Gerät optisch um den Verlangsamungsfaktor F=112.000 zusammengezogen hat und damit nur noch eine Stärke von etwa 0,05 mm in Längsrichtung aufweist. Die zweite Theorie basiert ebenfalls auf einer Längenänderung, geht jedoch von einer entsprechenden Verlängerung um den Faktor F, einhergehend mit einer gleichzeitigen optischen Verdünnung, aus. Das würde bedeuten, daß das Gerät für Außenstehende eine Länge von etwa 1.200 km hätte, jedoch aus einer extrem verdünnten, quasi ätherischen Substanz bestünde. Die dritte Theorie, der geometrische Ansatz, geht davon aus, daß sich das Gerät in einem verzerrten Raum-Zeit-Kontinuum sich praktisch hinter dem Raum-Zeit-Horizont befindet und deshalb nicht sichtbar ist.”
„Nachdem das Projekt ohne öffentliche Verlautbarung wohl Mitte April 1926 gestartet wurde, sollen die entsprechenden Tunnelsegmente versiegelt worden sein. Da sich bereits 22 Minuten nach Beginn des Experimentes die für Zeitdilatationen typischen auratischen Lichterscheinungen an den Ableitungsbolzen zeigten, konnte von einem erfolgreichen Start des Vorhabens ausgegangen werden. Vorgesehen war es, den Großversuch über einen Zeitraum von 10 Jahren laufen zu lassen. Nach dem berechneten Verlangsamungsfaktor F sollte dann für die Probanden erst eine reichliche Stunde vergangen sein. In regelmäßigen Zeitabständen wurde versucht, einen akustischen Fernkontakt zu den Probanden herzustellen. Während in den ersten Minuten des Versuchs noch artikulierte Laute vernehmbar waren, konnte man später nur mittels komplexer Tonbeschleunigungsverfahren verzerrte Lebenszeichen empfangen. Die Arbeitsgruppe “Entschleunigungsbahn Steglitz” wurde nach dem Beginn des Experimentes stark reduziert. Durch personelle Fluktuation und Etateinschränkungen im Zuge der wirtschaftlichen Notlage Ende der 20er Jahre wurde die wissenschaftliche Begleitung des Projekts weiter eingeschränkt und schließlich im Zuge der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 als ein Produkt der diffamierten sogenannten “jüdischen” Physik Einsteins eingestellt. Es darf jedoch vermutet werden, daß es der verkleinerten Arbeitsgruppe noch bis 1932 gelang, eine externe sekundäre Energieversorgung entlang der Versuchsstrecke zu vervollständigen. Diese basierte auf induktionsgepumpten Druck-Zug-Adaptern, welche aus Gründen der Praktikabilität in den heute als U-Bahnhöfen genutzten Stationen Rathaus Steglitz und Schloßstraße installiert worden. Mit diesen Geräten, die an das energetische Netz der Berliner U-Bahn angeschlossen waren, war es technisch so möglich, den Ablauf des Kronos-Projekts autonom zu gewährleisten (bei kurzzeitigen Ausfällen greift das System automatisch auf die eigenen Radio-Isotopen-Batterien zurück). Wenn man bedenkt, daß das Berliner U-Bahnstromnetz selbst während schwerer Bombardierungen und im Endkampf um Berlin 1945 nur sehr geringe Ausfälle zu verzeichnen hatte, muß man davon ausgehen, daß die Energieversorgung des Kronos-Gerätes permanent gewährleistet war und ist. Durch das Heereswaffenamt gab es 1943 einen dokumentierten Versuch (Anlage eines “Kennblattes”), auf das Projekt zurückzugreifen und eine eventuelle militärische oder politische Nutzung in Erwägung zu ziehen. Es sind aber keine diesbezüglichen Konsequenzen oder Entwicklungen bekannt. Nach der Besetzung Berlins durch die Rote Armee im April 1945 suchte eine Arbeitsgruppe des NKWD unter Major J. S. Smertschinsky intensiv nach dem Verbleib des Gerätes. Kenntnis hatte die sowjetische Seite wahrscheinlich, wie weiter oben bereits angedeutet, durch den früh in die Vorbereitung des Projekts involvierten späteren Generals von Niedermayer, der 1948 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft verstarb. Darüber hinaus gab es wohl mehrfach Berichte von Angehörigen des sowjetischen 6. Garde-Panzerkorps, welches in Wilmersdorf / Steglitz in nördlicher Richtung angriff, über eigentümliche bläuliche Lichterscheinungen an Panzerkanonen, worauf die Soldaten den Einsatz neuartiger deutscher Strahlenwaffen vermuteten.
Obwohl seitens der Sowjetbehörden einiger Aufwand betrieben wurde, konnte das Kronos-Gerät weder gefunden noch geborgen werden. Die im Juli 1945 in den Berliner Südwesten einrückenden US-amerikanische Truppen zeigten kein Interesse an Nachforschungen zum Kronos-Gerät. Durch die Notlage der Nachkriegslage und den Tod zahlreicher in die Entwicklung des Projekts beteiligter Personen geriet das Projekt nun immer mehr in Vergessenheit.”
In diesem Video ist die Entscheunigungsbahn zu sehen, wie sie (möglicherweise) seit vielen Jahren im Berliner Untergrund unterwegs ist.
Es handelt sich hierbei um ein künstlerisches Porjekt, an dem man wunderbar die Vermischung von Realität und Fiktion beobachten kann. Oder auch nicht beobachten kann. Sondern nur vermuten. Ahnen. Argwöhnen.
Hier.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema monströs, Paralipomena | Eintrag von Aléa Torik | um 17:00 eingtragen | Kommentare: 14 | Kommentieren
Vier Äpfel
(Diese Rezension ist zuerst in www.literaturkritik.de erschienen)
Warenemotionen und wahre Emotionen
Wie sich David Wagner einmal im Supermarkt an Marcel Proust vergreift
Die Zeitvorstellung in der westlichen Hemisphäre teilt sich in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Jede narrative Erzählung muss, was immer sie im Schilde führt, in irgendeiner Weise eine Gestaltung dieser temporalen Dimensionen aufweisen. Eine Erzählung ohne Zeitbezug, ohne Verortung der Handlung und der Handelnden innerhalb dieses triangulären Gefüges scheint undenkbar.
Die Handlung von David Wagners neuem Roman „Vier Äpfel” ist sehr übersichtlich. Der Text ist unterteilt in 144 kleine und kleinste Kapitel. Ein Mann betritt einen Supermarkt, schlendert durch die Gänge, legt einige Lebensmittel in seinen Einkaufswagen, schaut sich um, verweilt, assoziiert, erinnert und verlässt den Ort schließlich wieder.
David Wagner erzählt die Geschichte dieses Mannes aus der Ichperspektive und in der Gegenwart. Im Supermarkt zwischen eigenem Einkaufszettel und Gesamtsortiment, zwischen Käsestand und Kühltheke, wird die Welt der Waren beschrieben. Da ist von Falzen, Blistern und Holmen die Rede, von Teigrohlingen und Gefriergut. Der Mann versucht politisch und ökologisch korrekt einzukaufen. Er macht sich Gedanken über kohlendioxidneutrale und genveränderte Lebensmittel. Dazwischen liegen passagenweise Erinnerungen an Produkte, die es in seiner Kindheit schon gab. So entsteht im Supermarkt des 21. Jahrhunderts, in der Zeitrechnung des convenience food, ein Hauch Nostalgie, wo Erinnerungen an die ursprüngliche Form der Lebensmittel verbannt sind. Eine Zeit, in der man kaum noch weiß, dass Apfelmus aus Äpfeln und Kartoffelpüree aus Kartoffeln ist, und für die das eine ein Produkt aus dem Glas und das andere eines aus der Tüte ist. Hier wird von einer Kindheit in der Bundesrepublik Deutschland erzählt, die wohl als prototypisch gelten kann, mit Einkäufen im Tante-Emma-Laden und einer Großmutter mit allerlei Eingemachtem im Keller, mit Milchseen, Mohrenkopfbrötchen und Mäusespeck.
Dazu kontrastierend wird ein Supermarkt der Zukunft vorgeführt, in der ein „digitaler Einkaufsassistent mit Navigationsfunktion” durch Datenanalyse bereits verbrauchte mit noch vorhandenen Waren im Haushalt vergleicht und Einkäufe ohne eigene Beteiligung vonstatten gehen. Nahezu ohne eigene Beteiligung, denn durch Handschweißanalyse, reagiert der Einkaufswagen auch auf die emotionalen Befindlichkeiten des Kunden und steuert dann selbständig die entsprechenden Waren an. Emotionen in dieser Zukunft sind Warenemotionen, keine wahren Emotionen.
Dieses Beschreiben einer alltäglichen Situation im Supermarkt, das kann David Wagner richtig gut. Er kennt sich aus in der Welt der Dinge, wo alles und jedes einen Namen hat. Alles, außer ihm selbst, dem Mann, dem Einkäufer, dem Kunden oder dem Protagonisten. Dabei ist der Name das erste, was ein Mensch im Leben bekommt, der erste Schritt auf dem Weg zur Individualität. Selbst L., seine Exfrau, ist da weiter. Hier ist immerhin der erste Schritt getan, sie hat eine Abbreviatur (L., sprich: elle – frz. sie), ein Pronomen, das als Geschlechterzuweisung herhalten kann, aber ebenfalls noch keine Individualisierung bedeutet.
„Hör bitte auf, mich zu lieben. Ich liebe jetzt einen anderen”, sagt L. bei der Trennung. Wir erhalten keine Informationen über die Gründe dafür und der Mann fragt sich auch nicht danach. Er steht vor den Tiefkühltruhen und meditiert „Küsse aber, denke ich, lassen sich nicht einfrieren, das unterscheidet sie von Himbeeren.” Tiefergehend sind seine Erkenntnisse in der Regel nicht. Die Erinnerungen an L., an die gemeinsame Zeit oder an die eigene Kindheit, das ist alles arrangiert wie in einem Regal eines Supermarkts: er kann zugreifen oder vorübergehen. Er kann das Etikett betrachten oder das Haltbarkeitsdatum ablesen. Aber er kann keine Umsortierung vornehmen, er kann die Dinge nicht neu arrangieren.
Bisweilen schlägt noch ein anderer Ton durch. An der Fleischtheke hört er sich ein Stück Menschenfleisch bestellen, gut abgehangen. Einmal stellt er sich vor, er hätte eine Frau, nicht irgendeine, sondern eine richtige, eine mit Orgasmus, die ihm seinen Namen verrät, denn „ich hätte doch gerne gewußt, wie ich heiße und wer ich eigentlich bin.” Dann heißt es sogar: „Und der Tod, so kommt‘s mir vor, schiebt seinen Einkaufswagen neben mir. Und legt die Leben, die er nimmt, hinein. Und an der Kasse muss er nicht bezahlen.”
Solche Sätze sind Solitäre. Sie fallen aus dem Fluss dieser Geschichte und aus ihrer Diktion völlig heraus. Was ebenfalls herausfällt, sind die Fußnoten. Üblicherweise dienen Anmerkungen in wissenschaftlicher Prosa den Quellenangabe und Querverweisen. Es gibt in fiktiven Texten durchaus die Möglichkeit zum Subtext, ein Jenseits, ein unterhalb der Gürtellinie. Was sich jedoch in den Fußnoten findet, wäre ohne Weiteres in den Textfluss zu integrieren gewesen. Hier scheint womöglich der Wunsch durch, dem Text eine Tiefe mitzugeben, die er nicht hat. Die er vielleicht auch gar nicht haben darf. Weil es der Figur von ihrer Anlage her schaden würde. Wagner führt uns ein auf die Hoffnung reduziertes Leben vor, dass irgendwo in den Gängen des Marktes und des Leben einmal etwas passieren könnte. Dieser Mann ist durchaus auf der Suche nach einem Sinn in seinem Leben. Er reflektiert seine Situation „Ich schalte Nahaufnahme hinter Nahaufnahme, um nur ja nie ein Panorama zu sehen.” Er fällt jedoch jedes Mal wieder zurück in die banale Warenkunde, in eine Welt der homogenisierten und pasteurisierten Produkte. Diese halbherzige Suche seiner Figur sieht manchmal so aus, als suche Wagner selbst nach einem Sinn für sie.
Die Geschichte könnte ohne Komplikationen auch umgekehrt erzählt werden, mit dem Hinausgehen beginnend und dem Hereinkommen endend. Die Figur ist in einer Gegenwart gefangen, die im Grunde nirgends herkommt und auch nirgends hinführt. Weil die beiden Extensionen, weil Zukunft und Vergangenheit sich nicht fruchtbar an ihr reiben, ist der Gegenwart jede Tiefenschärfe genommen. Was David Wagner beschreibt, ist eine Teilnahmslosigkeit, die an Trostlosigkeit grenzt. Wir können das als Diagnose einer verdinglichten Gesellschaft lesen, die neben der Oberfläche keine anderen Qualitäten mehr aufweist, die keine Tiefe mehr hat, höchstens eine Verpackung.
Die Anspielungen auf Märchen lassen sich durchaus, die auf Auschwitz und Rumänien hingegen kaum sinnvoll einordnen. Warum sich der Autor den Doyen der Erinnerungsliteratur, warum Wagner sich gerade Proust und „A la Recherche du temps perdu” als Paten wählt, bleibt unverständlich. Denn gerade von Erinnerungen, dem großen Thema Marcels, versteht sein namensloser Wahlverwandter wenig.
Ich kann die hier vorgeführte Erzählhaltung nur als Karikatur empfinden. Als Karikatur eines Individuums, das nur mit sehr eingeschränkten Möglichkeiten zur Reflexion ausgestattet ist. Ich unterstelle, dass der Autor dies beabsichtigt hat. Denn im anderen Fall wäre das Buch eine Mogelpackung und dies hier ein Verriss.

David Wagner
Vier Äpfel
Rowohlt Verlag, Reinbeck bei Hamburg 2009
159 Seiten, 17,90 €
ISBN 978 3 498 07368 8
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema - Wagner : Vier Äpfel, Lessons & Lectures, monströs | Eintrag von Aléa Torik | um 10:54 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren