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  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
  • irisnebel: klasse! gratuliere! musst du ne gegenleistung bringen? als stadtschreiber z.b.?
  • nadine schmid: Ich habe mit Thien an der Uni Koeln studiert. Wir ware zeitweise befreundet, aber ich hatte wenig verstaendnis fuer seinen ‘Mangel’ am akademischen Streben und habe, trotz meiner Anerkennung seines Talents, sein Lebensziel, aus seiner Dichtung etwas zu machen, als...
  • bersarin: Es muß natürlich, entdecke ich beim zweiten Lesen, Monika Rinck heißen. Ich kann mir Namen nie merken.
  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
  • Aléa Torik: Never ride a dead horse – das hätte auch als Überschrift dieses Beitrags herhalten können. Gestern Nacht bin ich mit dem Rad 35 km durch das ausgestorbene Berlin gefahren, bis weit jenseits der Stadtgrenze. Da ich ziemlich kaputt war, konnte ich dabei nichts denken, aber wenn...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
  • Aléa Torik: Liebe Miss Lingen, bitte entschuldigen Sie die kleine Verspätung meiner Antwort. Ich war auf anderen Schlachtfeldern unterwegs. Sie haben absolut recht, es ist viel zu komplex. Dabei darf ich mir zugutehalten, es deutlich vereinfacht zu haben. Denn im Original – wenn wir uns darauf...
  • Miss Lingen: Obwohl, wie Sie wissen, ich hier mit Sympathie lese, frage ich doch: ist das nicht alles ein wenig zu komplex?
  • Aléa Torik: Dann bin ich gespannt, was du von dem Essay hältst.
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, die Idee des freiwilligen Ablebens um des Erfolges willen stand ja schon einmal im Raum, aber das nur zu machen, um ausgerechnet auf meine Leseliste zu kommem, nee, da hast Du recht, das wäre schon sehr übertrieben! http://www.litblogs.net/hue...
  • Aléa Torik: Lieber holio, ganz verstehen kann ich die Ottos und Ottisten ja tatsächlich nicht. Vielleicht ist das so, dass Otto und Otta, was ihr Leseverhalten betrifft, auch nicht ganz schlau aus sich werden. Sie greifen immer nur nach dem, wonach auch die anderen greifen. Das zeichnet die...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
  • holio: Traurig ist das in der Tat. Und so ganz zu verstehen auch nicht. Im Geräusch des Werdens war der Anknüpfungspunkt für Otto Normalleser ja da. Und die Bălkanexotik ist auch rezipiert und rezensiert worden. Die Sprache ist einfach, der Plot verständlich, erinnere die Szene mit dem blinden...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • 20 Dezember 2013

    “Der Name eines Vogels, den es nicht wirklich gibt, der aber, wie der Flug, in jedem Vogel vorhanden ist”

    Das Buch des Flüsterns von Varujan Vosganian

    Es ließen sich vermutlich eine Handvoll Parameter finden, anhand derer man die Modernität von Literatur bestimmen könnte, etwa der Wechsel der Perspektive zwischen Figuren- und Erzählersicht, von direkter und indirekter Rede. Einer der für mich interessantesten dieser Bestimmungen ist die Stellung des Erzählers. So betrachtet ist das Buch des Flüsterns ein sehr modernes Buch, da der Erzähler sich mehrfach zu Wort meldet, ausnahmslos mit Äußerungen, die allesamt seine Stellung als Teilhaber auf der einen und als teilnahmsloser Berichterstatter auf der anderen Seite betreffen. Diesen Widerspruch thematisierend, beginnt der Roman mit den Worten: „Ich bin vor allem das, was ich nicht vollenden konnte. Das wahrhaftigste der Leben, die ich führe, wie ein an seinem Ende verknotetes Schlangenknäuel, ist das nichtgelebte Leben. Ich bin ein Mensch, der unsagbar vieles auf dieser Welt erlebt hat. Und der im gleichen Maße nicht gelebt hat.“

    Das Buch des Flüsterns erzählt die Geschichte der Armenier. Die Geschichte ihres Untergangs, die zwischen all den anderen Untergängen im vergangenen Jahrhundert, – dem Untergang der Juden in Auschwitz, dem Untergang der Deutschen in Stalingrad, dem der Italiener unter Mussolini und dem der Franzosen unter Vichy, dem der Amerikaner in Pearl Harbor, dem der Japaner in Hiroshima und Nagasaki, dem Untergang Abermillionen Flüchtlingen in Europa und dem Untergang der Menschlichkeit in zwei Weltkriegen – selbst untergegangen ist. Es ist die Geschichte, die sich ein Jahrhundert lang durch halb Europa und Kleinasien zieht und dennoch ist es auch die der rumänischen Kleinstadt Focşani, ihrer armenischen Kirche und ihres Friedhofs. Und es ist die Geschichte von Großvater Garabet, der tatsächlich so oder so ähnlich existiert haben mag. Was der fiktive Erzähler über seinen gleichermaßen fiktiven Großvater berichtet, gilt auch für ihn selbst: „Mit seiner Künstlernatur hatte er begriffen, dass die Geschichte jedes einzelnen Menschen sich lediglich zu einem Teil aus dem wirklich in der Zeit Erlebten zusammensetzt, der Rest besteht zu gleichen Teilen aus den Dingen, an die man sich erinnert, aus Dingen, die man sich erhofft, und jenen, vor denen man sich fürchtet.“ Bemerkenswert ist die Auffassung, dass man sich der Vergangenheit nur auf eine Weise nähern kann, in der Erinnerung. Der Zukunft gegenüber aber kann man sich auf zweierlei Weise verhalten: hoffend und fürchtend. Mit einer lediglich erinnernden Lebens- oder Schreibweise greift und begreift man nur einen kleinen Teil des eigenen Selbst. In der Erinnerung, könnte man jetzt weitergehend formulieren, unterscheiden wir uns nicht voneinander, denn sie ist für alle gleich: sie greift nur das Vergangene. Es ist die Zukunft, durch die wir uns unterscheiden, je nachdem, ob wir uns hoffend oder fürchtend zu ihr verhalten.

    Hunderte Namen. Wie Grabsteine stehen sie nebeneinander, verbunden durch das gemeinsame Schicksal. Geschichten, die sich immer wieder treffen. Linien, die sich kreuzen. Auch das Leben des Erzählers beginnt an einer solchen Kreuzung: „ .. meine Geburt geriet an einen Kreuzungspunkt. Mit ihr überstieg die Zahl der Lebenden die der jemals und bis zu diesem Zeitpunkt Ermordeten.“ Linien, die sich kreuzen und überschneiden und die langsam ein Geflecht bilden, in dem die eigene Geschichte nur ein Abschnitt im langen Lauf der Zeiten ist und wo die Unsicherheit über die Zukunft mit der Sicherheit über die Vergangenheit besänftigt wird: „Großvater Setrak hat meine Großmutter Sofia kennengelernt, die er heiratete als sie kaum siebzehn Jahre zählte, dann wurde Tante Maro geboren und auf den Namen der älteren Schwester von Großvater getauft, die sich umgebracht hatte, indem sie sich in das Wasser des Euphrat stützte, und etwas später kam Elisabeta, meine Mutter, die wiederum später meinen Bruder Melic, benannt nach dem legendären Urahn der Familie, dem Prinzen aus Urmia, geboren hat und danach mich, Varujan, was im alten Armenisch der Name eines Vogels ist, den es nicht wirklich gibt, der aber, wie der Flug, in jedem Vogel vorhanden ist, ich wiederum habe eine Tochter, Armine, was ‚kleine Armenierin‘ heißt, und sie wird sich meinen Urahnen ebenso anschließen wie meine Großmutter Arșaluis, die Frau des anderen Großvaters, es angelegt hatte, als sie auf dem Innendeckel der Bibel die wichtigsten Geschehnisse ihres Lebens aufzeichnete.“

    Dieses Buch besteht aus unzähligen kleine Geschichten, etwa die von Harutiun Khantirian, der Botschafters von Armenien, der allerlei Eignungen für die Diplomatie vorweisen kann, dem es aber an der grundlegenden Vorrausetzung mangelt „nämlich jener, ein Land zu haben, das er hätte vertreten können“. Das ist die Geschichte des Dorfes Vadu Rosca, deren Bewohner sich nach dem zweiten Weltkrieg gegen die Kollektivierung der Landwirtschaft auflehnen und die dann mit Maschinengewehren und Panzer ausgelöscht werden, von einer militärischen Einheit, deren Anführer Nicolae Ceaușescu sich auf diese Weise erste Sporen verdient / erarbeitet /erschießt / ermordet. Die Geschichte von Micael Noradunghian, der nach dem zweiten Weltkrieg den Vorschlag macht, dass Rumänien sich zum 49. Mitglied der Vereinigten Staaten von Amerika erklärt. Die Geschichte von Hartin Fringhian und seinem Testament: Mit Glück und einem guten Gespür fürs Geschäft kann er sich ein geradezu märchenhaftes Vermögen erarbeiten. Als es ihm nach dem Weltkrieg im Zuge der Bodenreformen weggenommen wird, muss er in die Berge flüchten, im Smoking, wie es sich für jemand seiner Gesellschafsschicht gehört. Dort lebt er Jahr und Tag mit Schafen und Schäfern und fügt seinem Testament, das er in einem Ledergürtel um den Leib geschnallt bei sich trägt; er, der nichts mehr besitzt, fügt Kodizill um Kodizill hinzu und vermacht all jenen Geld und Gold und Eigentum, die ihm weiterhelfen: für die Zeit nach seinem Tod. Er hinterlässt Heerscharen reicher Bauern und Hirten, die nie einen Heller bekommen werden.

    Vor allem aber sind es die großen Geschichten, die das Buch des Flüsterns ausmachen. Und welches Ereignis könnte zentraler sein, als die Vernichtung: die Progrome der Jahre 1894 bis 1896. Wir erleben den die Massaker auslösenden Schuss auf Bahri Pascha, den türkischen Repräsentanten in Trapezent, den Hunderttausende in Kleinasien mit dem Leben bezahlten an der Seite von Misak Torlakian, der seine Familie dabei verliert und lebenslang zwischen dem Kampf gegen sich und dem gegen die anderen schwankt. Mal kämpft er gegen die Türken oder die Russen, alleine oder an der Seite des sagenumwobenen General Dro, dann kämpft er mit den Deutschen und dann gegen sie. Die Verursacher dieser Progrome waren von einem ordentlichen Gericht in der Türkei in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Allerdings dachte niemand ernsthaft daran, sie tatsächlich zur Verantwortung zu ziehen. Also beschlossen Armenier das Urteil zu vollstrecken. In der Operation Nemesis werden je zwei Personen ausgewählt, der einen der Verantwortlichen töten sollten, die längst überall in Europa wieder hofiert wurden. Eine Operation die erst viele Jahrzehnte später abgeschlossen wird. Der Erzähler schaut Misak Torlakian bei der Suche zu, beim Mord seiner Zielperson, bei der Verhaftung und dem dann folgenden Prozess, wo er frei gesprochen wird und bei einem Leben, das nie wieder in die Spur kommt. Er irrt durch dieses Buch, er irrt durch die Welt und verschwindet am Ende. Das letzte, was wir von ihm hören, kommt aus dem Radio.

    Wie ein Fluch zieht sich der Genozid durch dieses Buch, der 1 ½ Million Menschen das Leben gekostet hat, mal mehr und mal weniger im Bewusstsein des Lesers. Der Patenonkel des Erzählers, Satag Seitanian, ist als Kind einen dieser Konvois gegangen, einen dieser endlosen Wege, die sich über Wochen und Monate hinzogen, einen Winter in der Wüste, mit einem einzigen Ziel: der Vernichtung aller, die ihn gehen. Es ist ein Name, der mehr als alle anderen durch das Buch des Flüsterns geistert: Deir-ez-Zor. Das vermeintliche Ziel aller Konvois, deren tatsächliches Ziel doch ist, dass niemand diesen Ort lebend erreicht. Jeder Genozid hat ein logistisches Problem: wohin mit den Leichen? Man führt sie in kleinen Gruppen weg und erschießt sie. Aber dann sind sie immer noch vorhanden und ziehen Vögel und Ratten an. Man wirft sie in Flüsse, aber vergiftet damit das Trinkwasser. Man lässt sie am Straßenrand liegen, verbrennt sie, vergräbt sie, steckt sie in Höhlen und räuchert sie aus. „Noch hat man keine Tradition entwickelt hinsichtlich der Anlage von Massengräbern. Auf welche Weise müssen die Gräber ausgehoben, wie sollen die Leichen hineingelegt werden, etwa die Männer unten, in die Mitte die Frauen und obenauf die Kinder, wie müssen die Leichen gewaschen, wie gekleidet werden, was für ein Gebet hat der Priester zu sprechen, und von welcher Art himmlischer Ruhe redet er, was für ein Kreuz wird gesetzt, wie viel Querbalken müsste dieses Kreuz haben, und was stünde eigentlich drauf.“

    Beschrieben wird der Hunger, das Sterben am Hunger, das Sterben an der Gleichgültigkeit gegenüber den anderen und dann gegenüber sich selbst. Man gewöhnt sich an den Gedanken des Todes. Dass die eigene Frau sterben wird, der Mann, die Eltern und Kinder. Es spielt keine Rolle mehr. Alles wird auf diesem Weg nach Deir-ez-Zor schlimmer, aber das Schlimmste ist das kleine Mädchen, die namenlose Schwester Satag Seitanians, die weiß, dass sie stirbt. Dieses verhungernde kleine Mädchen und seine verhungernde Mutter, die im Lager nach etwas Essbarem herumstreift und mit leeren Händen zurückkehrt. „Sie haben dir nichts gegeben, nicht wahr?, fragt das Mädchen mit verlöschender Stimme. Sie nickte leeren Blicks. Auch du darfst ihnen später einmal nichts von mir geben …, lächelte das Kind traurig.“ Da begreift man als Leser, was man schon lange ahnt, so wie die Teilnehmer dieses Konvois ahnen, dass sie ihn einzig gehen, um dabei zu sterben; man ahnt es, auch wenn es der Erzähler nicht direkt formuliert und man selbst der letzte ist, der es begreift, aber alle wissen es, alle im Lager, selbst die kleinen Kinder wissen es: dass die da ihre Toten auffressen.

    Zu den Massakern Ende des 19. Jahrhunderts, zu dem Genozid im Jahr 1915 kommt noch die als Repatriierung in die russischen Gebiete deklarierten Deportationen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Gräueltaten scheinen kein Ende zu nehmen, noch auf der letzten Seite dieses Buches wird einer umgebracht, der armenische Journalist Hrant Dink. Bei der Schilderung all dieser Brutalitäten zeigt sich die ganze Kunst des Erzählers: die Zurückhaltung, mit der er berichtet. Er schreibt nicht, um anzuklagen. Er klagt überhaupt nicht. Im Buch des Flüsterns wird nur leise erzählt. Wie immer es sich ergeben hat, dass Lakonie und Melancholie einen guten, und Sentimentalität einen schlechten Ruf haben: dieses Buch zeigt erneut, dass das zu recht so ist. Der Erzähler ist wie ein Übriggebliebener, der mit einer nahezu seltsamen Zurückhaltung die Sache beobachtet; der nicht versteht, dass diese Ereignisse nicht auch ihn überrollt haben. Im Deutschen gibt es dafür die nicht sonderlich glückliche Fügung der Gnade der späten Geburt. Ich vermute, dass Vosganian das Wort Gnade nicht in den Mund nehmen würde. Weil es wahrscheinlich in seiner Auffassung des Subjekts nicht so sehr um den Einzelnen geht: „Keiner erzählte von sich selbst. Jeder wurde zu einer Figur in der Erzählung eines anderen, und so musste man fortwährend bei diesem und jenem aufpassen, wenn man die Fortsetzung verstehen wollte. Deshalb ist die Geschichte der Armenier meiner Kindheit eine endlose Geschichte.“

    Diesen mitunter schwer erträglichen Grausamkeiten steht Großvater Garabet gegenüber. Er ist Maler, Fotograf und Musiker, der der Zigeunerband anhand von Chopin und Beethoven die Noten beibringen will. Er steht der kleinen armenischen Gemeinschaft vor, wo die Alten unter Aprikosenbäumen oder unter Kastanien im Kirchhof sitzen und, wenn es ganz dick kommt, etwa wie beim Tod von Kennedy, in die Gruft der Kirche gehen und sich beraten. Er ist einer jener Menschen, die alles als Geschenk annehmen können, selbst den eigenen Tod. Den nimmt er am 12. November 1968 an, während der Radio Liberty hört. An diesem Tag löscht Misak Torlakian den letzten Namen auf der Liste der Verbrecher aus, wodurch die Operation Nemesis nach mehr als einem halben Jahrhundert beendet wird. Großvater Garabet ist es, der seinen Enkel von früh an darauf vorbereitet, dass der einmal der Erzähler sein wird. Aber erst lange nach seinem Tod versteht er das: „Ich bekam von meinem Großvater dessen innere Stimme auf ähnliche Weise übertragen, die älteren Worte waren in die neueren gegossen worden. Sodass diese innere Stimme, durch Generationen hindurch weitergetragen, vielleicht auch ein lebendiges Geschenk seitens der alten Toten ist. Eine Annahme, gewiss. Deren Bestätigung werde ich erst in dem Augenblick erhalten, da ich meinerseits diese Stimme jemand anderem anvertrauen werde, aber davon wird jemand anderes erzählen müssen.“

    Wer nicht so gut Rumänisch kann wie der Übersetzer, und das dürfte auf den Großteil der Leser dieses Blogs zutreffen, könnte auf den Gedanken verfallen, dass man Cartea soaptelor – so der Originaltitel – auch mit Karte des Flüsterns übersetzen könnte. Und der Gedanke ist auch gar nicht so dumm, denn Vosganian zeichnet tatsächlich eine Karte seines Volks, vielmehr zeichnet er die Spuren, die es auf dieser Karte hinterlassen hat. Der Gedanke ist zwar nicht dumm, aber eben falsch. Karte heißt nun mal hartă, hartă rutieră oder hartă topografică, oder als Visitenkarte carte de vizită. Dass man nicht einfach das eine mit etwas anderen übersetzen kann, ist das zentrale Problem beim Übersetzen. Wie die Dinge hätten sein können, wenn sie anders wären als sie sind: das ist einer der Abgründe aus denen alles Erzählen sich speist. Das Übersetzen ist eine Art des Erzählens. Und dass es wirklich Abgründe sind, das wissen all die, die uns etwas erzählen. Wer dem Übersetzer dennoch in nicht traut, der kann alles, was Varujan Vosganian vor- und Ernest Wichner nacherzählt hat ganz einfach überprüfen, im Dicţionarul Explicativ Al Limbii Române, hier.

    Und hier findet sich derselbe Text noch einmal. Aber ist es wirklich derselbe? Es sind vieleicht dieselben Worte. Aber reicht das für eine Identität aus? Oder ist es nicht vielleicht sogar zu viel, weil Identität einen Mangel bezeichnet, keine Fülle?!

    Varujan Vosganian, Buch des Flüsterns
    Paul Zsolnay Verlag 2013
    520 Seiten, 26,00 €

     

     

     

     

     

     

     

     

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    10 Juni 2013

    Meine Beiträge bei Juli Zeh II

    Liebe Juli Zeh,

    vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort. Ich wusste nicht, ob es nicht vielleicht, für Sie kurz vor Frankfurt – wofür ich Ihnen ein aufmerksames Publikum wünsche! –, unangebracht ist, einen weiteren langen Text einzustellen. Aber Sie können ja selbst entscheiden, ob und inwieweit Sie antworten wollen.

    Ich denke, wir können uns über viele Dinge einigen, weil die Differenzen marginal sind. Bei zwei Punkten sehe ich jedoch ehebliche Unterschiede – was gut für eine Diskussion ist, denn über dieselbe Auffassung lässt sich schwerlich diskutieren.

    Ich hatte die durchaus provokanten Fragen eingangs gestellt, um zu zeigen, dass wir ganz viel, was im Bereich des Marketings angesiedelt wird, akzeptieren, und manches, vor allem Neues eher nicht. Radikal Neues bringt mit sich, dass die Kriterien fehlen, nach denen man es bewerten und einordnen kann. Deswegen hat es diese Neue mitunter schwer. Der Rest meines Beitrags galt dann vor allem der Darstellung, warum ich in keiner Weise Marketing gemacht habe. Wir haben im Einzelnen differierende Auffassungen, vor allem, was meinen Stalker angeht, weil ich der Meinung bin, dass die Freiheit des einen aufhört, wo die des anderen anfängt (darüber könnte man schon ewig reden). Einem Stalker geht es nicht darum, etwas aufzudecken, die Wahrheit ans Licht zu bringen oder einen Autor zu diffamieren, obwohl meiner das unablässig, wie Sie bemerkt haben, tut. Ein Stalker will einen anderen als Menschen zerstören. Und meiner garniert das immer noch mit den Bemerkungen, dass er mir ja nichts Böses will: unter der Maske des guten Menschen lassen sich nahezu alle Boshaftigkeiten begehen. Wenn Sie mal einen haben sollten, werden Sie, vermute ich, umstandslos zu meiner Auffassung wechseln.

    Wir sind vollkommen einer Meinung, dass das Marktgeschehen unberechenbar ist: heute mehr denn je. Gut für die, die oben stehen, schlecht für die 99,99 % der anderen (nur am Rande, Sie überlesen das bitte in aller Großzügigkeit: Ihnen ermöglicht es das Schreiben, mir macht es das schwer, wenn nicht unmöglich). Weil ich das weiß – vor allem aber aus inhaltlichen Gründen – habe ich mit meinem Projekt kein Marketing gemacht. Noch einmal: die Menge an Arbeit spricht eindeutig dagegen. Ich habe ein, wahrscheinlich ziemlich einzigartiges literarischen Projekt – wenn Sie so wollen, eine Poetik – um dessentwillen ich so agiert habe; nicht von Anfang an, sondern das Projekt ist sozusagen dabei entstanden, es hat seine ihm eigene Poetik erst erzeugt. Wenn diese Assoziation, dieser Verdacht des Marketings (der liegt nahe: Rumänien, also Migration, jung, gutaussehend, klug (als seien sonst nur Männer klug und die kluge Frau die Ausnahme!) und schlagfertig) aufkommt, dann liegt das nur bedingt an mir. Es liegt daran, dass heute jedermann denkt, dass alles Marketing sei. Aber über meine Motivation wissen die Leute nichts und ihre Vermutungen sagen dann weit mehr über sie selbst als über mich: nämlich aus welchen Gründen sie dieses tun würden.

    Jetzt zu den wichtigeren Dingen: der Poetik. mir erscheint manches, was Sie sagen, einsichtig- aber ich habe dennoch eine andere Position. Ich kenne diesen „Fiktionsvertrag“ zwischen Leser und Autor, der in etwa lautet: zwischen den Buchdeckeln ist es „fiktional“, davor und dahinter ist es „echt“. Aber erstens leben wir im 21. Jahrhundert. Etwas provokant formuliert: die Buchdeckel wird es nicht mehr lange geben; etwas weniger provokant: wir leben in einer Zeit der neuen Medien. Wir nutzen die neuen Medien – nicht aus Marketingzwecken – und wir experimentieren damit. Ich tue das. Ich habe das getan, um eine authentische Figur in einem Blog zu zeigen, sie dort vom Entstehen von „Aléas Ich“ berichten zu lassen und sie dann in diesem Roman als vollkommen inauthentisch untergehen zu lassen. Ich lasse also ein und dieselbe Sache in zwei unterschiedlichen Perspektiven, sagen wir: kollidieren. Weil ich wissen will, was dann passiert. Oder weil ich diese Begriffe verstehen will. Weil ich damit arbeiten will. Weil es mich interessiert, was diese Begriffe wert sind: von daher ist mir diese Auseinandersetzung hier willkommen.

    Aber ich plädiere nicht für eine „totale Aufhebung der Grenzen zwischen Kunst und Realität“, ich habe ein literarisches Spiel gespielt, oder inszeniert, um den Finger auf solche Dinge zu legen und ich habe mehr oder weniger deutlich gesagt – wobei das natürlich auf den Rezipienten ankommt, was deutlich ist -, dass ich ein literarisches Blog führe, also Literatur mache. Um mein Blog waren keine Buchdeckel drumgewickelt:  weil das technisch nicht machbar war!

    Ich habe ein literarisches Projekt, das weit über das hinausgeht, was in zwischen zwei Buchdeckel passt, sich also mit dem angesprochenen Fiktionalitätsvertrag gar nicht fassen lässt: In »Aléas Ich« kommt Aléa Torik, eine junge Frau aus Rumänien die in Bukarest bei Mircea Cărtărescu Literaturwissenschaft studiert hat, nach Berlin und promoviert an der Humboldt-Universität bei Joseph Vogl zum Thema Fiktionalität. Sie führt ein literarisches Bog im Netz, hat einen Roman geschrieben und arbeitet an ihrem zweiten. Scheinbar eine Autobiografie, thematisiert »Aléas Ich« die Vergangenheit in Siebenbürgen und Bukarest ebenso wie die Gegenwart in Berlin. Aléa erzählt von einem penetranten Verfolger, der ihr offenbar nie von der Seite weicht, einem obsessiven Verehrer ihrer Mitbewohnerin Olga und vor allem von ihrem Wunsch, Schriftstellerin zu sein. Das Schreiben tritt langsam immer deutlicher als das allumfassende Thema in den Vordergrund. Der Leser begreift, dass er nicht etwa ihrem authentischen Leben zusieht, sondern vielmehr dem Entstehen eben jenes Romans an dem sie arbeitet und der »Aléas Ich« heißen wird. Aléa Torik beschreibt sich selbst als einen Roman schreibend, vielmehr als einen Stoff er-lebend und sich selbst be-lebend. In dem Maße wie sie als Figur sich selbst in Frage stellt, in diesem Maße gewinnt sie als Autorin an Format und an Glaubwürdigkeit. Wir haben es hier also mit zwei einander ausschließenden Prinzipen zu tun und Aléa Torik stellt entweder ihr Vorgehen in Frage oder das Ergebnis.

    Es geht darum, was geschieht, wenn eine Person – Schriftstellerin oder Bordellbesitzerin – „Ich“ sagt. Wenn eine Person – weiblich oder männlich – anfängt, sich und seine Welt zu gestalten, auszuformen, mit Gegenständen und Vorstellungen – moralischer und unmoralischer Natur – zu füllen und ein Mensch anfängt, sich in der Auseinandersetzung mit anderen zu formen. Eine Figur namens Aléa Torik, die bereits eine Geschichte zu haben scheint, sie aber in Wirklichkeit erst im Verlauf dieses Romans bekommt: indem sie sie erzählt. Denn das ist es, was Schriftsteller machen. DAS ist die Realität des Textes. Und das Ich-sagen einer Schriftstellerin ist in ganz besonderer Weise interessant, weil wir da dem Entstehen einer fiktionalen Figur zusehen können. Aléa Torik ist nicht vorher da, sondern entsteht in der Erzählung, in dem Roman, den sie da schreibt. Da in der Kurzfassung  zu meiner Poetik, die ich auch sehr weiträumig würde entfalten können (falls sie in Frankfurt jemand fragt, ob Ihnen ein Nachfolger einfällt, dann denken Sie bitte an mich).

    Nächster Punkt: ich bezweifle, dass es möglich ist, konsistent (!) zwischen „fiktional – fiktiv“ und „echt“ zu differenzieren. Der Richter, der jemanden für eine Straftat verurteilt, geht von der Fiktion aus, dass dieser gleichermaßen frei war, sie zu begehen oder zu unterlassen. Die Frage nach der absoluten menschlichen Freiheit spielt dabei keine Rolle. Ihre Frage nach Wolfgang Herrndorf zeigt das im Grunde auch: „Ich glaube nicht“, schreiben Sie, „dass man einfach sagen kann, eine erfundene Krankheit ist eine Lüge“. Und diese Unterscheidung ist auch nicht sinnvoll, weil es für Sie und mich vollkommen gleichgültig ist ob er krank ist oder das simuliert: denn wir lesen lediglich seine Texte. Und das sind die Texte eines Kranken. Ob er ‚wirklich‘ krank ist, ist meines Erachtens belanglos, außer ich bin mit ihm befreundet. Was immer ein Schriftsteller uns präsentiert, präsentiert er uns im Modus ‚Text‘. Ebenso ist es gleichgültig, ob Sie die Deutsche Juli Zeh sind oder die Chinesin Ju Li Tse oder ein komisches Mädchen mit roten Haaren oder meine Großmutter. Alles, was ich von Ihnen bekomme, sind Worte.

    Glauben Sie wirklich, dass, nur weil mein Ich für Sie nicht weiter greifbar ist und Sie keine biografischen Daten von mir kennen und kein Bildchen haben, dass kein ‚Ich‘ dahintersteht und mein ‚Ich‘, auch wenn es mit Fiktionen garniert ist, kein authentisches ‚Ich‘ ist? Es ist nur meine Biografie erfunden, alles andere ist, ich vermeide das Wort echt und lasse hier eine Leerstelle. Hat der Leser ein Recht auf einen authentischen Autor? Oder gilt, was Aléa im Roman über sich – oder Juli Zeh – sagt: »Wir Schriftsteller leisten uns mehrere Lebenswege, weil bei uns alles übereinander liegt und nicht nacheinander« (AI, 269).

    Man muss im Netz nicht nur damit rechnen, einer ‚gefälschten‘ Identität zu begegnen, das wäre trivial, sondern man muss verstehen, dass wir, wir alle, im Netz selbst zu einer gefälschten Identität werden, weil wir gerade dort nicht zwischen echt und falsch unterschieden können. Und was die Authentizität angeht, lasse ich jemand anderen sprechen: „Eine der wirkungsvollsten Masken ist, wie erwähnt, die Maske der authentischen Hüllenlosigkeit und Maskenfreiheit; diese Maske prätendiert, das selbsteste Selbst und den andersten Anderen zu zeigen. Im kommunikativen Text ist das die Geste, die behauptet, Autor und Leser im Text seien ‚Menschen‘, gar ‚Menschen wie du und ich‘. Wer aber als unermüdlicher aufklärerischer Demaskierer die Textfunktionsposition von Selbst und Anderem stets auf die ‚Menschen‘ hinter dem Text reduzieren möchte, der erweist sich nicht nur als Metaphysiker, sondern auch als rücksichtslos hinsichtlich der Schutzfunktion der textuellen Masken.“,( Kurt Röttgers, Demaskierungen, in: Masken, Hrsg: Kurt Röttgers und Monika Schmitz-Emans, Seite 89.)

    Mein Kompliment übrigens für die Qualität vieler Beiträge hier! Das geht also nicht an Sie, sondern an die anderen!

    Herzlich

    Aléa Torik (eben jene Aléa Torik, die ein radikal modernes Phänomen ist, existiert sie doch nur im Netz!)

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    10 Juni 2013

    Meine Beiträge bei Juli Zeh I

    Sehr geehrte Juli Zeh,

    Sie fragen, ob ein Autor seine Identität inszenieren „darf“, um seine Bücher „an den Mann“ zu bringen? Das ist eine interessante Frage. Ich habe auch ein paar interessante Fragen, die so ähnlich sind: Darf ein Verlag Werbung für ein Buch machen, weil die Rezensionen nicht so ausfallen wie man sich das vorstellt? Darf ein Autor einen Facebook Eintrag führen – in Ihrem Fall sogar eine Fan-Seite, bei der ich mir nicht sicher sein kann, ob Sie das wirklich sind, die mit ‚Ja‘ antwortet, wenn ich frage, ob Sie es wirklich sind; oder ob es nicht doch die Marketing-Frau ihres Verlages ist -, um Leser an sich zu binden? Darf ein Mensch, nachdem er entdeckt hat, dass eine Person offenbar/anscheinend/möglicherweise nicht mit sich identisch ist, diese Person outen? Darf er dann aberduzende Einträge in seinem Blog machen, um einen Skandal zu verursachen, obwohl diejenige Person ihn vielfach auf den fiktionalen Charakter ihres Literaturprojektes aufmerksam gemacht hat? Darf ein Kerl, weil er eine Frau nicht abkriegt und die Frau nicht so ist wie er sich das vorstellt – mit rein literarischen Arsch und Busen – versuchen, diese ‚Person‘ in Interviews und Blogeinträgen zu skandalisieren. Darf er sich als Betrogener inszenieren, der emotional – und möglicherweise intellektuell – nicht in der Lage ist, zwischen Autorenich und faktischem Ich zu unterscheiden? Der Blogger, den Sie da verlinken, der fühlte sich nicht als Leser nicht ernstgenommen, der fühlte sich vielmehr als Mann nicht ernstgenommen. Der wollte eine begreif- und begrabschbare Autorin.

    Darf eine Frau sich schminken, um schöner zu sein als sie wirklich ist? Darf eine Frau einen Knopf ihres Dekolletés öffnen, um einen Mann ins Bett – oder in die Küche, in die Kirche – zu kriegen? Lauter interessante Fragen, die vor allem eins zeigen, dass, was man „darf“, gesellschaftlichen Konventionen gehorcht. Anders gefragt: wo hört das, was wir wirklich sind, auf und wo fängt das an, was wir scheinbar sind und was wir sein wollen und wo ist nun noch das, was wir wirklich nicht sind?

    Wer sagt, dass ich, was ich getan habe, getan habe, um meine Bücher „an den Mann“ zu bringen? Glauben Sie wirklich, ich hätte in einem Blog über vier Jahre lang, mit mehr als fünfhundert Artikel, die bis zu zehn Seiten lang sind – ich gehe ungefragt davon aus, dass Sie wissen, welche enorme Arbeit das Verfassen von Texten machen kann! – nichts ist als eine Marketingposse? Und warum nutze ich dann nicht den Weg, den Sie beispielsweise gehen: mir ein erratisch schönes Foto zuzulegen, um das, worum es einem Schriftsteller geht, seine Texte, besser zu verkaufen? Ich kann mich mit Photoshop schöner machen als ich wirklich bin und das ist sehr viel weniger Arbeit als einen Blog mit fünfhundert Artikeln, ich meine richtige Artikel, nicht so kleine hingerotzte Facebook- Einträge (ich beziehe das auf mich, nicht auf Sie!: ich habe mir hier Ihres Eintrages wegen einen solchen Account erst zugelegt), wo ich das Thema „Identität“ auf die vielfältigsten Weisen thematisiert habe.

    Wissen Sie, dass die Literaturförderpolitik vollkommen konservativ ist und man mit meinem schönen Namen ganz sicher keine Stipendien und keine Preise bekommt? Und dass das für eine Karriere sehr viel wichtiger ist, als die Frage ob ich sieben oder siebzehn Bücher verkaufe, denn nur mit Unterstützung des Literaturbetriebs kann man im Literaturbetrieb etwas werden. Wenn es überhaupt irgendetwas in dieser Richtung war, das mich hat tun lassen, was ich getan habe, dann war es Antimarketing, denn ohne verifizierbare Autobiografie auch keine Anerkennung, keine Preise, kein Geld etc.

    Wenn mich ein Skandal interessiert, dann der, dass das, was wir tun, das Schreiben von fiktionalen Texten, nichts als Erfinden ist: es ist Lug und Trug und Täuschung. Wenn dieser Skandal endlich einmal einer werden würde, dann müssten wir uns nicht dauernd fragen, ob dieses oder jenes Verhalten legitim ist, sondern hätten die Antwort schon: Nein, es ist nicht legitim! Was Kierkegaard getan hat, ist nicht legitim: sich ein dutzend Pseudonyme zu suchen, unter denen er sein ästhetisches Werk geschrieben hat. Was Fernando Pessoa getan hat ist ebenfalls nicht legitim, sich Heteronyme, Semiheteronyme und sogar ein Orthonym zu erschaffen, all diesen Heteronymen individuelle Lebensgeschichten anzudichten und sie dann auch noch miteinander kommunizieren zu lassen. Alles nicht legitim. Nur eben, beinahe muss man hinzufügen, bedauerlicherweise: grandiose Literatur. Und was Sie tun, ist auch nicht legitim: Sie denken sich bloß irgendwelche Geschichten aus, die nicht wahr sind. Statt richtig arbeiten zu gehen (Sie dürfen hier ein Lächeln über mein Gesicht huschen sehen und ich hoffentlich auch über das Ihre)!

    Es ist dann nicht legitim, wenn wir rationale Kriterien anwenden. Aber das tun wir nicht, sondern wir machen Kunst. Und Kunst funktioniert nach eigenen Regeln. Nach solchen der Ästhetik und nach denen, die sie sich selbst gibt. Kunst macht das, was man machen kann: Das ist keine Frage der Legitimität, sondern eine Frage der Möglichkeit. Kunst ist immer ein wenig skandalös, aber das heißt nicht, dass sie es um des Skandals willens gemacht worden ist. Das skandalöse ist, dass sie nicht nach rationalen Kriterien funktioniert. Das war so beim Surrealismus, beim Dadaismus, beim Futurismus. Ganz viel von dem, was wir heute als Kunst bezeichnen, war zu der Zeit, als es entstanden ist, vor allem Skandal. Zieht man das Skandalon ab, bleibt sozusagen der Kunstwert übrig.

    Was ist überhaupt Authentizität? Und warum hat das in der Literatur nichts zu suchen? Wenn der Text authentisch ist, dann ist meines Erachtens die Sache legitim, denn in der Literatur geht es um Texte, nicht darum, ob der Autor als im Text identifizierbar verstanden werden kann. Und um das in meinem Fall bewerten zu können, müsste man mindestens „Aléas Ich“ lesen: Hier eine Kurzfassung: http://www.aleatorik.eu/2013/04/26/worum-geht-es-in-%E2%80%9Ealeas-ich/

    Es mag möglicherweise dann nicht legitim erscheinen, wenn man ein Literaturverständnis hat, das nach hermeneutischen Kriterien funktioniert, das also in erster Linie identitätslogisch vorgeht und in diesem Sinn einen Autor konstruieren will, der im Zentrum seines Textes steht und der von ihm her zu interpretieren und zu verstehen ist: einen authentischen Autor. Dass ich mit dieser Form von Literaturverständnis wenig anfangen kann, habe ich in meinem Blog in den vergangenen Jahren vielfach betont und auch gezeigt. Ich habe ein sehr viel moderneres Verständnis von Literatur, das ich hier nicht in allen seinen Dimensionen ausführen kann, das aber jedenfalls den Autor als eine nicht sonderlich interessante Größe ausklammert. Der Autor ist für einen Text uninteressant, es sind lediglich seine narzisstischen Eitelkeiten, die ihn etwas anderes annehmen lassen: jeder gute Text übersteigt seinen Autor. Und wenn – beispielsweise – Juli Zeh einen tollen Roman geschrieben hat, dann mag die Autorin am Ende sehr zufrieden mit sich und ihrer Leistung sein (ich bin‘s in so einer Situation auch). Aber der Text ist nicht so toll, weil Juli Zeh so toll schreiben kann, sondern weil es Leute gibt, die den Text toll finden! Der Autor ist nur eine belanglose Durchgangsstation für Worte.

    Nicht Sie, Frau Zeh, sind toll, sondern die anderen, sie Sie toll finden! Sie selbst sind nichts anderes als jemand, der in seiner Freizeit Romane schreibt: Sie mögen das mit Leidenschaft tun, Sie mögen das sogar als das Zentrum ihres Lebens betrachten, gar von einem Sendungsbewusstsein getrieben werden: Aber das macht noch keine tollen Text. Selbst Ihre Fähigkeiten, Worte und Sätze und Metaphern und Ideen und Textbausteine nach einem als literarisch geltenden Muster zu arrangieren, reicht nicht aus, um einen tollen Text zu schreiben. Ein Text muss vielmehr etwas können, was Sie niemals herbeizwingen können und was sie ihm nicht andichten können: er muss glücken!

    Ich weiß, das tut weh. Aber Sie und ich: wir sind hier nicht auf einer therapeutischen Couch, sondern wir produzieren Texte. Nichts als Texte. Und die bedürfen des Lesers und dessen Auslegung. Der Autor selbst ist uninteressant. Der eine hat Glück mit seinen Lesern und dem Literaturbetrieb, die meisten haben dieses Glück nicht. Die meisten Texte fallen niemandem auf und die Texte, die auffallen, wären vielleicht, wären sie jemand anderem aufgefallen, sang- und klanglos untergegangen. Dass einer berühmt wird -vielmehr seine Texte -, hängt an vielen Zufällen. Es hängt auch am Text. Aber kaum am Autor. Ein Text ist nicht objektiv gut, sondern er hat gute Leser. In diesem Sinne ist in „Aléas Ich“ zu lesen: „Jemand ist ja nicht durch sich und seine Taten berühmt, sondern durch die anderen, die diese Taten loben. Unbemerkt sind auch die größten Taten verschwindend gering. Durch das Lob aber verändern sie sich, sie hören auf, die des Gelobten zu sein, und gehen in den Besitz des Lobenden über. So haben beide etwas davon. Auch wenn der Berühmte es aufgrund seiner eigenen Leistungen ist: Berühmt gemacht haben ihn andere.“ (AI, 239)

    Das ist alles wirklich nicht legitim. Aber ich mach‘s trotzdem so.

    Ich könnte noch stundenlang weiterschreiben!

    Herzliche Grüße

    Frau (!) Aléa Torik

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    24 Februar 2013

    „Weniger wirklich vielleicht, aber wahrer“

    Illusion, Wirklichkeit und Wahrheit in Luigi Pirandellos Theaterstück

    Sechs Personen suchen einen Autor

    Auf der Bühne eines Theaters proben ein Schauspieldirektor und seine Schauspieler für ein neues Stück. Dann platzen sechs Personen in die Probe und wollen ihr eigenes Stück aufgeführt wissen. Es sind die Personen eines vom Autor nicht vollständig ausgeführten Theaterstücks, die nach einem Autor suchen, der, was vorhanden ist, zu Ende bringen könnte. Nach anfänglichem Widerstreben lässt sich der Direktor darauf ein. Die Figuren erzählen ihm ihre Geschichte und setzen sie währenddessen in Szene. Sie führen dialogisch darstellend vor, was der Direktor mit seinen Schauspielern inszenieren könnte. Die Geschichte, die die sechs zusammenhält – das Drama oder die Tragödie – und der Versuch, dieses Unvollendete auf die Bühne zu bringen, das ist hier eins. Die Zuschauer im Theater erfahren nur, was auf diese Weise verbalisiert wird. Die Schauspieler stehen dabei und sehen sich an, was sie später spielen sollen.

    Wir haben einen Vater, eine Mutter, eine Stieftochter und einen Sohn, einen kleinen Jungen und sein Schwesterchen, die beide stumm sind, und für einen kurzen Auftritt, mit Madame Pace eine siebente Person. Der Vater stellt vor allem die Reue dar, die Stieftochter die Rache, beim Sohn ist es die Verachtung und bei der Mutter der Schmerz. Die beiden stummen Kinder spielen erst in der letzten Szene eine Rolle.

    Der Vater hatte einst eine Frau kennengelernt, die Mutter, sie geheiratet, einen Sohn mit ihr gezeugt, sie aber fortgeschickt, als er feststellen musste, dass sie einen anderen liebte. Mit diesem anderen Mann hat die Frau drei Kinder, die Stieftochter und die beiden stummen Kinder. Als der zweite Mann der Mutter stirbt, muss sie eine Arbeit aufnehmen, sie näht in der Schneiderei von Madame Pace Kleider. Die allerdings hat diese Schneiderei bloß zum Schein, in Wirklichkeit führt sie ein Bordell und lässt dort, da sie die Mutter mit angeblich schlecht verrichteter Arbeit erpresst, die Stieftochter für sich arbeiten. In dieses Bordell kommt eines Tages der Vater, er geht mit einem der Mädchen aufs Zimmer und als er gerade dabei ist sie auszuziehen, kommt die Mutter herein und enthüllt so, dass das Mädchen seine Stieftochter ist. In der nächsten Szene sind die sechs Personen beim Vater zu Hause, eine Art versuchter Familienzusammenführung. Die Mutter geht zu ihrem Sohn, den sie als Kind verlassen hat, aufs Zimmer, der aber weicht ihr aus. Zur selben Zeit im Garten ertrinkt das kleine Mädchen in einem Becken und der Junge schießt sich eine Kugel in den Kopf.

    Das sind die dramatischen Zusammenhänge, die allerdings nicht zu einem vollständigen Stück ausgearbeitet sind. Das erkennt der Direktor auch und versucht in dem Probespiel herauszufinden, was der Stoff wert ist und ob man ihn, um die fehlenden Elemente ergänzt, auf die Bühne bringen kann. Pirandello sagt dazu in einem Vorwort, dass er die Idee zu einem Romanstoff hatte, ihn aber abzuweisen versuchte und aus diesem Versuch – einen Stoff, der sich ihm aufdrängte, nicht umzusetzen – ist dann das Theaterstück entstanden: „Ich habe sechs Personen, die einen Autor suchen, darstellen wollen. Es gelingt nicht, das Drama aufzuführen, weil eben der Autor fehlt, den sie suchen; und statt dessen wird das Drama dieses vergeblichen Versuchs aufgeführt, mit allem, was es an Tragischem enthält, weil diese sechs Personen abgewiesen worden sind.“ Wir haben also einmal die dramatischen Umstände des beschriebenen Theaterstücks und dann die der sechs Personen, die unbedingt dieses Stück aufführen wollen. Das unausgeführte Stück und der Versuch dieser Personen es auf die Bühne zu bringen: das vermischt sich zu einem Ganzen.

    Das eigentliche Drama ist ihr verzweifelter Wunsch, ins Leben zu treten: „Leben wollen wir, Herr Direktor.“ Das ist der Versuch, sich selbst auf die Bühne zu bringen. Weil sie, als Bühnenfiguren, nicht leben, wenn es ihnen nicht gelingt, ihr Stück zu inszenieren. Diesen eigentümlichen Umstand will der Direktor nicht recht begreifen. Er versteht nicht, wen er da vor sich hat. Für ihn sind das sechs Menschen, die ihm ein Stück anbieten, wie normalerweise ein Autor ihm etwas anbietet. Der Vater allerdings besteht darauf, dass sie Bühnenfiguren seien – „lebendiger als alle, die atmen und Kleider tragen! Weniger wirklich vielleicht, aber wahrer!“. Das verstehen der Direktor und sein Ensemble bis zur Schlussszene nicht, sie brechen wiederholt in schallendes Gelächter aus. Der Vater trägt ungerührt weiter vor “…daß die Natur sich der menschlichen Phantasie als Instrument bedient, um auf höherer Stufe ihr Schöpfungswerk fortzusetzen.“ Der alte Topos – Natur der Ausdruck einer göttlichen Idee und Kunst als dessen Nachahmung – wird hier erweitert, indem die Kunst die Natur sogar überbietet und zwar durch die menschliche Phantasie: also durch die literarische Bearbeitung eines Stoffs.

    Darauf kommen die Personen zu sprechen, wenn sie sagen, dass die Schauspieler ihnen ja gar nicht ähnlich sehen und das Ganze, das vom Autor nicht ausgeführt worden ist, auch nicht kennen, also gar nicht nachahmen können. Was die sechs Personen darstellen wollen ist eine Art gesteigertes Leben, „denn wer das Glück hat als lebendige Bühnenfigur zur Welt zu kommen, der braucht sich um den Tod nicht zu scheren. Er stirbt nicht mehr! Sterben muss der Mensch, der Schriftsteller, das Instrument der Schöpfung; das Geschöpf stirbt nicht mehr.“ Sie spielen diese Wirklichkeit also nicht, sie sind sie! Als die sechs verstehen, dass der Direktor ihr Stück durch Schauspieler darstellen lassen will, setzen sie sich vehement zur Wehr. Sie selbst leben dieses Drama. Die Schauspieler können nur spielen, was sie bei anderen sehen, aber die Personen sind das. Sie sind so, wie sie sich selbst sehen.

    Das ist eine wichtige Erkenntnis: den Bühnenfiguren ist die Sicht von außen auf sich selbst nicht möglich, sie stellen dar, was sie sind, nicht was sie sehen. Schauspieler können niemals das, was die Personen können: das Drama erleben. Wiederholt sagt die Stieftochter: „ich brenne darauf, diese Szene zu erleben.“ Die sechs wehren sich gegen den Begriff der Illusion, weil sie keine andere Wirklichkeit haben als diese eine. Da sie nur das haben, kann es notwendigerweise keine Illusion sein, denn der Begriff der Illusion geht davon aus, dass es eine andere Ebene gibt, eine, über die die Illusion hinwegtäuscht: die Wirklichkeit.

    „VATER (mit Würde, aber ohne Hochmut) Eine Bühnenfigur, Herr Direktor, darf einen Menschen immer fragen, wer er ist. Denn sie hat wirklich ein eigenes Leben, das durch ihre Eigenschaften bestimmt wird, und darum ist sie immer ‚jemand‘. Während ein Mensch – ich spreche jetzt nicht von Ihnen – ein Mensch im Allgemeinen, sehr wohl auch ‚niemand‘ sein kann,
    DIREKTOR: Schön – aber sie fragen das mich, und ich bin der Direktor! Haben Sie das nicht begriffen?
    VATER (leise, mit honigsüßer Demütigkeit) Nur um zu hören, Herr Direktor, ob Sie, wie Sie jetzt sind, sich wirklich so sehen, wie … wie Sie zum Beispiel aus der zeitlichen Distanz den sehen, der Sie einmal waren, mit allen Illusionen, die Sie sich damals machten, mit allem, in Ihnen und um Sie herum, wie es Ihnen damals erschien – und wie es auch war, wirklich für Sie war! Nun, Herr Direktor, wenn Sie an diese Illusionen denken, die Sie sich jetzt nicht mehr machen, an alle diese Dinge, die Ihnen jetzt nicht mehr so ‚scheinen‘, wie sie damals für Sie ‚waren‘ … fühlen Sie dann nicht, wie Ihnen der Boden unter den Füßen fortgezogen wird – und ich meine damit nicht nur die Bretter diese Bühne – wenn Sie nun folgern, daß genauso ‚der‘, als der sie sich jetzt fühlen, daß Ihre ganze Wirklichkeit von heute dazu bestimm ist, Ihnen morgen als Illusion zu erscheinen?
    DIREKTOR: (ohne recht verstanden zu haben, wie betäubt durch die schillernde Argumentation) Ja und – was wollen Sie daraus schließen?
    VATER: Oh – nichts, Herr Direktor. Ich wollte Ihnen nur eines klar machen: wenn wir (zeigt wieder auf sich und die anderen ‚Personen‘) keine andere Wirklichkeit haben als die Illusion, dann wird es gut sein, wenn auch Sie Ihrer Wirklichkeit, die heute in Ihnen atmet und lebt, mißtrauen, weil sie – genauso wie die von gestern – dazu bestimmt ist, sich Ihnen morgen als Illusion zu enthüllen.
    DIREKTOR: (entschließt sich, es von der komischen Seite zu nehmen) Na, wunderbar! Und jetzt sagen Sie nur noch, daß Sie mit dieser Komödie, die Sie mir hier aufführen, wahrer und wirklicher sind als ich!
    VATER: (völlig ernst) Aber ohne jeden Zweifel, Herr Direktor!
    DIREKTOR: Ach so?
    VATER: Ich dachte, Sie hätten das schon von Anfang an begriffen!
    DIREKTOR: Wirklicher als ich?
    VATER: Wenn Ihre Wirklichkeit sich von heute auf morgen ändern kann …
    DIREKTOR: Aber das weiß man doch, daß sie sich ändern kann! Sie ändert sich unaufhörlich, wie bei allen!
    VATER: (mit einem Schrei) Aber unsere nicht, Herr! Sehen Sie – darin liegt der Unterschied! Unsere Wirklichkeit ändert sich nicht, kann sich nicht ändern, kann nie eine andere sein, weil sie festgelegt ist – so, als diese eine, für immer! Und das ist schrecklich, Herr Direktor! Eine unveränderbare Wirklichkeit, vor der es Ihnen schaudern müsste, wenn Sie in unsere Nähe kommen.
    DIREKTOR: (pariert schnell mit einem Gedanken, der ihm plötzlich gekommen ist) Ich hingegen möchte wissen: wann hat man je eine Bühnenfigur gesehen, die wie Sie aus ihrer Rolle heraustritt und anfängt, sie zu erläutern, zu verteidigen und Vorschläge zu machen? Wann hat es das je gegeben? Ich habe so etwas noch nie erlebt!
    VATER: Sie haben das noch nie erlebt, Herr Direktor, weil die Autoren gewöhnlich die Qualen geheimhalten, unter denen ihre Schöpfungen entstehen. Wenn die Figuren lebendig, wirklich lebendig vor Ihren Autor treten, dann hat er nichts anderes mehr zu tun, als ihren Handlungen, ihren Worten und ihren Bewegungen zu folgen, wie sie sie ihm vorschlagen, und er muss sie so wollen, wie sie sich selbst wollen. Und wehe ihm, wenn er das nicht tut. Sobald eine Figur geboren ist, erlagt sie sofort eine solche Unabhängigkeit auch von ihrem eigenen Autor, daß er jedem freisteht, sie sich in allen möglichen Situationen vorzustellen, an die der Autor nie gedacht hat; manchmal gewinnt sie sogar eine Bedeutung, die dem Autor nicht einmal im Traum eigefallen wäre.“

    Der viele Jahre später proklamierte „Tod des Autors“ – eine These übrigens, die ich gar nicht mag – hat in solchen Überlegungen seinen Ausgang: der Autor muss die Figuren so wollen, wie sie sich selbst wollen, ist also nichts als ein Werkzeug seiner Figuren. Diese Doppeldeutigkeit – er muss seine Figuren erschaffen und ist doch selbst nichts als eine Figur, die tun muss, was sie von ihm wollen – ist grundlegend für einen modernen Begriff von Fiktionalität. Der wesentliche Punkt in diesem Theaterstück ist das Wort Wirklichkeit, das in der Moderne ja geradezu in Verruf geraten ist und das hier nicht mehr als eine konsistente Masse, sondern nur noch in Form von einzelnen Ebenen vorhanden ist.

    Am Ende stirbt das Geschwisterpaar und man muss sich fragen, in welcher Ebene die beiden sterben. Mit diesem Tod endet das Stück. Man kann diese Frage nicht so einfach beantworten, ohne einer bestimmten Wirklichkeit den Vorzug zu geben und damit anzuerkennen, dass es überhaupt verschiedene Ebenen gibt. Sind die beiden nur in der Ebene der sechs Personen, also im unausgeführten Stück, tot? Dann würden es die Schauspieler nicht bestätigen können. Sind sie nur in der Ebene jenes Abends im Theater tot, als Illusion für die Zuschauer, also in der Illusion einer Illusion? Oder sind sie wirklich tot, also in jener Ebene, die wir üblicherweise Wirklichkeit nennen, wo die Zuschauer nachdem der Vorhang gefallen ist, nach Hause gehen? Diese sechs Personen, die anscheinend von der Wirklichkeit am weitesten entfernt sind – jene Wirklichkeit eines Abends im Theater, wo Zuschauer sitzen und sich ein Stück anschauen – das die Wirklichkeit darstellt, die aber nicht dargestellt wir, weil die sechs Personen kommen, die ein unfertiges Stück dargestellt haben wollen, aber nicht von den professionellen Darstellern, sondern von sich selbst, die ja, weil sie nur die Personen eines nicht existierenden Stücks sind, ebenfalls nicht existieren. Die Personen also, die am weitesten von der Wirklichkeit der Zuschauer im Theater entfernt sind, bestimmen anhand dieses Todes die wahre Wirklichkeit. In seiner Vorrede zu dem Stück spricht Pirandello vom Unterschied von Kunst und Leben: „Alles, was lebt, hat Form durch die Tatsache, daß es lebt, und ebendeshalb muss es sterben; mit der Ausnahme des Kunstwerks, das genau darum ewig lebt, weil es Form ist“.

    „Weniger wirklich vielleicht, aber wahrer“: Was bedeutet das? Ich würde das so verstehen, dass die Wirklichkeit viele verschiedene Entwicklungsmöglichkeiten offen lässt, der Einzelne kann sich hierhin und dorthin wenden, dieses oder jenes tun. Aber er kann es sich nicht endlos offenhalten. Indem wir das eine tun, müssen wir das andere lassen. Und doch bleibt es sozusagen als eine, wenn auch vergangene Möglichkeit bestehen.

    „VATER: Für mich liegt das Drama darin, Herr Direktor: mir ist bewußt, daß jeder von uns sich für ‚Einen‘ hält, aber das stimmt nicht. Er ist ‚Viele‘, Herr Direktor, ‚Viele‘ entsprechend all den Möglichkeiten des Seins, die in uns liegen. ‚Einer‘ für diesen, ‚Einer‘ für jenen, und alle völlig verschieden! Und dabei bewahren wir uns die Illusion, für alle immer ‚Einer‘ zu sein, und zwar stets dieser ‚Eine‘ für den wir uns bei jeder unserer Handlungen halten. Das stimmt aber nicht! Das ist nicht wahr. Und das wird uns klar, wenn wir durch einen unglücklichen Zufall plötzlich an irgendeiner unserer Handlungen wie angekettet und aufgehängt sind. Das heißt: wir erkennen, daß diese Handlung nicht unser ganzes Wesen ausdrückt und das es daher eine fürchterliche Ungerechtigkeit wäre, uns allein nach ihr zu beurteilen, uns an ihr angekettet und aufgehängt am Pranger stehen zu lassen für die Dauer einer ganzen Existenz, als ob die in dieser einen Handlung bestünde. Begreifen Sie jetzt die Niedertracht dieses Mädchens? Sie hat mich an einem Ort, bei einer Handlung überrascht, an dem sie mich nie hätte erkennen dürfen, als einen, der ich für sie nie hätte sein dürfen. Und nun will sie mir eine Wirklichkeit aufdrängen, von der ich nie gedacht hätte, daß ich sie – in einem flüchtigen, beschämenden Augenblick meines Lebens – für sie verkörpern müsste. Das, Herr Direktor, ist für mich das Entscheidende! Und Sie werden sehen, dass hieraus für das Drama eine große Wirkung entsteht.“

    Wir alle sind immer anders, je nachdem in welchen Zusammenhängen wir agieren, welche ‚Rolle’ wir spielen. Wir sind immer an den Grenzen, uns so oder anders verhalten zu können. Wir geben uns auch alle erdenkliche Mühe, immer der- oder dieselbe zu sein. Wir müssen ja für uns selbst und die anderen berechenbare Wesen sein. Wir sind potentiell mehr als eine Möglichkeit, in aller Offenheit. Aber indem wir etwas tun, machen wir die anderen Dinge und Wege, die uns offenstanden, zunichte. Das ist der dramatische Umstand, dass ein Mensch sich auf eine Handlung, eine Entscheidung, einen Umstand reduzieren lassen kann. Und das ist für eine Bühnenfigur, für eine literarische Figur der zentrale Punkt: eine fiktionale Figur hat keine andere Möglichkeit des Seins als diese eine, in der sie ist.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    26 Oktober 2011

    Or–bit–or II

    Ich war am Montagabend bei der Veranstaltung mit Mircea Cărtărescu, der aus dem zweiten Band der Orbitor – Trilogie vorgelesen hat. Allerdings nur eine einzige Seite, denn er gehört, wie viele Autoren, zu denen, die nicht lesen können. Es kann sogar exzellent lesen, und er liest auch immer und überall und alles, aber er ist ein der Öffentlichkeit und dem Rampenlicht eher abgeneigter Mensch. Man merkt ihm an, dass er froh ist, wenn das hinter ihm liegt. Außerdem war es natürlich eine Lesung auf Deutsch. Das tat der Sache keinen Abbruch, die Übersetzung ist besser als das Original. Aber auch das Original ist besser. Beide sind besser. Nicht besser als das andere, sondern besser als sie selbst.

    Der Roman, sein in Deutschland inzwischen einigermaßen bekannter erster Teil, sein gerade erschienener zweiter und sein hier noch unbekannter dritter Teil sind alle miteinander am Rand der Lesbarkeit, der Entzifferbar und Interpretierbarkeit geschrieben. Die mir bekannten Rezensionen und Hinweise auf diesen zweiten Teil (Verlagsankündigung, Perlentaucher, Deutschlandfunk etc.) belassen es in der Regel auch bei der Bemerkung, dass man nicht darstellen könne, was in dem Buch passiert. Selbst „passieren“ ist nicht das richtige Wort. Meistens ist von der erheblichen Komplexität die Rede. Auf Deutsch gelesen hat Frank Arnold: und den hat das alles nicht interessiert. Vielleicht wusste er das auch nicht. Der trank den 100% tigen Text als wär‘s 3%tiger Schaumwein. Das war einfach grandios. Er hat sich in einer guten halben Stunde nicht ein einziges Mal versprochen, er hat nicht einmal gestockt. Als wenn er den Text gar nicht liest, sondern in diesem Moment erfindet.

    Realistische und phantastische Ebenen und Textteile wechseln sich in der Trilogie ab. Mircea Cărtărescu hat an diesem Abend, wie schon in seinen Seminaren, und in seiner Dissertation wiederholt darauf hingewiesen, dass die rumänische Literatur in Europa falsch lokalisiert sei, und ihre eigentlichen Nachbarn die Südamerikaner sind. Die rumänische Literatur ist in der Tat sehr viel deutlicher an der Phantastik orientiert als die deutsche, die zu einem erheblichen Teil zum Realismus neigt.

    Diese beiden Pole sind natürlich nicht ganz so streng voneinander zu scheiden wie Nord- und Südpol. Beide entwickeln sie ihre magnetischen Felder, die in das andere Feld hineinreichen. Ein realistischer Autor schreibt in der Regel realistische Romane in ebensolcher Manier. Wer der Phantastik zuneigt, hat andere sprachliche Möglichkeiten als der realistische Schriftsteller. Der phantastische Schriftsteller hat andere Möglichkeiten, weil er einen anderen Maßstab an die Dinge anlegt. Allerdings muss man das können. Man muss über ein solches Maß verfügen, sonst nützt einem alle Phantasterei nichts.

    Realisten und Phantasten können zur konservativen oder modernen Fraktion gerechnet werden. Allerdings bildet ja auch der Realismus nicht nur die Natur ab wie sie ist. Die Modernen, die Modernsten, nämlich die Postmodernen, die so modern ja auch schon wieder nicht sind – es gibt wohl nur gerade keinen Begriff, der das Postmoderne hinter sich lässt; die Postmodernen glauben nicht mehr daran, dass etwas einfach nur ist: sie postulieren, dass sie das machen. Die Dinge sind nicht, weil sie irgendwo herumliegen, sondern sie liegen dort herum, weil sie sie als liegende beschreiben. Und indem sie sie beschreiben, machen sie sie.

    Zur Standortbestimmung: Ich bin eine realistische Schriftstellerin, die eindeutig der derzeit noch begriffslosen Gruppe der Nachfolger der Postmodernen zuzurechnen ist, die wahrscheinlich gar keine Gruppe ist. Ich kenne jedenfalls keinen anderen aus dieser Gruppe. Und ich bin auch nicht sicher, ob ich einen der anderen kennenlernen möchte. Ich glaube, ich komme eher mit den konservativen Phantasten aus der Gruppe der Postmodernen zurecht. Menschlich, nicht literarisch. Sollte ich jemals eine Kontaktanzeige aufgeben, wäre dieser Absatz der ideale Text.

    Mircea Cărtărescu ist drei Etagen besser als ich. Eine werde ich überwinden durch beständige Arbeit an mir und meinen Texten: das bedarf meiner selbst. Die zweite Etage werde ich möglicherweise überwinden: sie ist nur durch Erfolg und Anerkennung der Leistungen zu erklimmen: sie bedarf der anderen. Die dritte Etage ist uneinnehmbar – nicht durch Fleiß, Glück oder Kampf – und sie ist nicht zu erklären durch die dargestellte Differenz von Phantasten und Realisten, Modernen, Postmodernen oder Antiquierten. Sie ist allein eine Frage der Begabung: mit der Lunge, die dort oben atmen kann, muss man geboren werden.

    Zu der Textstelle, die am Montag gelesen wurde (das Kapitel beginnt in der deutschen Ausgabe auf Seite 513): Maarten ist ein kleiner Junge aus Amsterdam, der im Winter mit seinem Hund Frits Eislaufen geht. Er haut von zu Hause ab und läuft alleine mit dem Hund zu einem weit draußen liegenden Schiff, eine zweitägige Tour auf dem Eis. Auf halber Strecke will er bei der Mühle übernachten. Er denkt nicht daran, dass seine Eltern sich Sorgen machen. Als wüsste er, dass sie ihn nicht wiedersehen werden. Er fällt in ein Eisloch, er krabbelt hinein, sieht dort eingefrorene Fische und seinen vor zwei Jahren ertrunkenen Bruder Gerrit. Er klettert wieder heraus und fährt weiter auf seinen Schlittschuhen. Er kommt an die Mühle und bemerkt, dass er Frits schon lange nicht mehr hat bellen hören. Der Leser ahnt in diesem Moment bereits: Frits ist schon lange tot. Maarten altert, nachdem er aus der Höhle wieder herauskommt, innerhalb kürzester Zeit. Innerhalb von 24 Stunden wird aus einem kleinen Jungen ein alter Mann. Er wächst, seine Schuhe, seine Kleidung platzt ab, während er über das Eis fährt. Er verändert sich äußerlich und innerlich. Er kommt an die Mühle, schläft mit einer Frau, die ihm ausgesprochen ähnlich ist, sein femininer Zwilling, und gegen Mittag des kommenden Tages stirbt er.

    „Er erreichte die Weide noch im milchigen Licht des Vormittags und setzte sich auf den Sack, nachdem er alles zum Essen Nötige herausgeholt hatte. Alles teilte er bis auf den letzten Krümel mit Frits. Kauend betrachtete er den endlos hohen Himmel höher als sonstwo auf der Welt. Die am tiefsten hängenden Wolken leckten das Eis wie vom Wind zerfaserte Rauchschwaden. Die darüber liegenden waren klumpiger und schienen erstarrt zu sein, doch betrachtete man sie länger, so sah man, dass auch sie einem steten Wandel der Formen und Leuchtkraft unterlagen, und der kleine Maarten fragte sich nicht ohne Grund, wie denn Gott, ohne dessen Willen und Wissen sich nichts auf der Erde rührte, die launenhaften und widersprüchlichen Bewegungen der Wolken beherrschen konnte. Welch endlose Berechnungen musste er anstellen, um zu ermitteln, in welche Richtung jedes einzelne blonde Haar auf dem Kopf des Jungen flatterte, wenn der Wind wehte und es zerzauste. Wie konnte Er wissen (aber Er wusste, denn Er war auch der Wind,, auch die Wolken, auch die stets wirbelnden Wasser), welche Richtung jeder Tropfen eines Flusses einschlägt, wenn die Wasserstrudel im Frühjahr anschwellen. Die dunklen Schneewolken, die am Himmel, zehnmal höher als die Erde, hin und her zogen, schienen keinem Gesetz zu gehorchen. Sie verknoteten und entknoteten sich schlicht und einfach aufs Gradewohl, bildeten zuweilen, ebenso zufällig, Gesichter und Landschaften, die sich dann bis zur Unkenntlichkeit verformten und wiederum andere Antlitze und Aussichten bildeten. Verhielt es sich nicht ebenso mit den stets vergänglichen Dingen unserer Welt? Bildet man nicht ein Haus mit Holz aus dem Wald, mit aus gebranntem Lehm geformten Ziegeln, mit Glas aus geschmolzenem Sand, mit aus der Erde geförderten Eisen, glänzt es nicht eine Zeitlang inmitten des Dorfes und beherbergt junge, vor Gesundheit strotzende Menschen? Erlebt es nicht frohe Hochzeiten und Taufen, um dann gleichzeitig mit den Menschen und dem Dorf zu altern, zum ‚alten Haus‘, verlassen zu werden und dann langsam in Trümmer zu zerfallen, um wieder in die Erde zu verschwinden, aus der es geknetet war. War denn nicht irgendwann auch das Dorf gegründet worden, damit es dereinst ebenso in Nebel und Vergessen verschwand? Das Kind betrachtete die schwarze Weidenrinde, die in jeder Ritze noch Spuren des Schneefalls bewahrte. Sie schien so hart, so ewig zu sein, und dennoch war sie nur eine vergängliche Form. Er stellte sich Wesen vor, so flink und unkörperlich, dass sie in der Welt der Wolken leben konnten und dass sie alle fest und unwandelbar schienen, ebenso wie den Menschen alle sie umgebenden Dinge vorkommen. Jene Wesen würden sich in einem Augenblick auflösen, doch jener Augenblick wäre ihr Leben, lange und voll von Glück und Verdruss. ‚Und wir, wir unter den stets fließenden Wolken, würden ihnen wirklich unsterblich vorkommen. Wir wären ihre Götter, in uns würden sie Trost und Halt finden, von unserer Beständigkeit und Erstarrung würden sie unentwegt träumen, so wie für uns der Herr und sein Sohn Jesus zwei herrliche, unwandelbare Statuen sind, immerdar dieselben, in deren Nähe wir wie die Wolken gebildet werden und zerfasern.‘ Ja, Fließen und Wandel waren Leben, Beständigkeit und Erstarrung waren in unserer Welt nicht möglich, denn sie waren Wesenszüge des Göttlichen. Als er bei diesem Gedanken angelangt war, wurde der Junge von großer Sehnsucht nach Ewigkeit erfasst. Winzig unter dem wirbelnden Himmel, stand er auf und blieb etwa eine halbe Stunde reglos stehen, den Blick auf den Scheitel des Gewölbes gerichtet, ohne zu blinzeln, ohne das ruhelose Winseln des Hundes zu hören, das Gesicht erhellt und verdunkelt vom ruhigen Fließen der Wolken.“

    […]

    „Wir leben in übereinandergeschichteten Welten, sagte sich Maarten, jede unter dem harten Eis der darüberliegenden, wobei jede unter ihren Füßen eine andere, seit langem versunkene sieht. Wir sind die Himmel der unter uns liegenden Welt und die verfluchte Tiefe des seligen Reiches darüber. Der obere Teil unseres Leibes ist göttlich und badet im Quarzlicht des Spitzbogens, in das wir in Ewigkeit gesetzt worden sind, der untere Teil empfängt zwischen Schenkeln und Hinterbacken die dämonische, schändliche Flamme der Hölle. Doch unser Gehirn in seinem Schädel aus bleichem Bein ist identisch mit den Eiern der Oberen in ihrem weichen Geschröt, und die beiden Halbkugeln, mit denen die unter uns denken, sind mit unseren Hoden identisch. Wie wundertätig muss das Gehirn der Oberen sein und wie niederträchtig sind die Eier der Unteren! Und dennoch ist Ersteres ähnlich dem Schädel aus behaarter Haut zwischen den Beinen der noch Höheren, und Letztere sind die glorreichen Geister der noch Tieferen. Und irgendwo, in dieser endlosen Abfolge, in den geologischen Schichtungen von Raum und Zeit, Gehirn und Geschlecht, Hirnhälften und Testikeln, Paradies und Hölle, irgendwo an dem immer klarer werdenden Scheitel der übereinander liegenden Welten muss es einen Geist geben, der für niemanden mehr Geschlecht sein kann, denn er ist zugleich Denken und Zeugung, und seine Gedanken sind Lichtsperma, in dem Engel schwimmen. Und irgendwo, in der tiefsten Tiefe, wird es ein absolutes Geschlecht geben, Testes mir Hirnrinde, Hypothalamus und Mandelkern, sein dickflüssiges Sperma aus geschmolzenem Blei trägt geflügelte Dämonen, die denken und denkend das zarte Fleisch des Seins zerstören. Wir sind eine Abfolge von Denken und Zeugung, wobei unser Denken von dem über uns geboren wird und jenes unter uns gebiert. Immerwährend gebiert unser Geist, wie ein Weberschiffchen, uns das Geschlecht, denn er trägt das Urbild unseres Geschlechts in sich, während das Geschlecht, das in seinem Kern einen Brosamen Hirn hat, stets verzweifelt uns sehnsüchtig versucht, einen anderen Geist zu zeugen, der es gebären kann und so ins Unendliche …“

    […]

    „Zornig war die Zeit über ihn hinweggebraust. Er sah sich im Spiegel des Eises an: ein altes Gesicht, umrahmt von grauem Haar. Er legte sich in den Tümpel und wartete aufs Sterben. Das Eis krachte von allen Seiten; da und dort war es dünn geworden wie ein Fingernagel. In weiter Entfernung stürzten von den Eisbergen ganze Steilküsten ins Meer.
    Aus der Tiefe stieg nun ein riesenhaftes Segelschiff auf. Ein morsches Schiff, dessen Holz mit Muscheln und Wurzelwerk besetzt, dessen Nieten und Nägel flauschweich vor Rost waren, die Schiffsglocke vor Grünspan zerfressen. An den Masten schwarze Segel und schwarze Flaggen, gebauscht von glitzernden Fischschwärmen. In den Kajüten unter dem Deck angeknabberte Leichname von Seeleuten, Riffkorallen wuchsen ihnen wie Hörner aus dem Schädel. Zu ihren Füßen Seelilien, vermengt mit Haufen von Gold, Geschmeiden und Perlen, Schätze, die niemand mehr begehrte. Die Masten hatten als erste das Eis durchstoßen, es aufgebrochen und in große, rasierklingenscharfe Schollen zersplittert, die ihre Vielecke einen Augenblick lang in der Luft blinken ließen, um dann in der Ferne auf dem noch unversehrten Eisboden in Kristalle zu zerbrechen. Höher und höher stiegen sie ins Luftmeer, und die großen schwarzen Blahen trockneten augenblicklich, wobei sie nicht bloß unendlichen Modergeruch verbreiteten, sondern auch Salzkristalle verstreuten, die sich wie Raureif ringsumher verteilten, dazu zig, ja Hunderte unbekannter Tiere aus der Tiefe, röchelnde Ungeheuer, die auf dem Eis ihren letzten Atemzug taten. Das Heckkastell hatte auch die Quarzoberfläche aufgebrochen und ließ Tonnen Wasser aus der Ladeluke strömen, dann brach das große Achterdeck hervor, hob in der Mitte Maarten empor, dessen verschleierte Augen alles ohne Staunen betrachteten, bloß mit ungestilltem Todesverlangen. Die große Galeone hatte die Wasserlinie erreicht, neigte sich seitwärts, sank aber nicht, dann hob sie sich und blieb inmitten von Eissplittern reglos inmitten der Wüstenei. Ein Wasserring von unsagbarer Klarheit umspülte sie, ein Ring, der sich in der Abenddämmerung mehr und mehr ausweitete und seine Farbe in Gold, dann in Purpur wandelte.
    Der Greis richtete sich auf, schnürte langsam seine kufenbesetzten Schuhe auf und schritt barfuß, mit frostgeröteten Füßen, auf den korkweichen Decksplanken bis zum Burg vor. Er klammerte sich mit den Händen an die Reling des Bugs und versteinerte, das Gesicht gen Westen gewandt. Das orange Licht der Abenddämmerung, das Wolken und Wogen entzündete, verfing sich in der Kräuselung seiner Haut, verdoppelte seine Barthaare mit Schatten, drang wie eine klare Flüssigkeit zwischen die Lider und füllte seinen Schädel. Vom Schädel stieg ihm der Bernstein der Abenddämmerung in die Wirbelsäule, wie in das Leitungsrohr eines alten Wasserturms, und dort verteilte er sich in die Bahnen der zu seinen müden Organen, zu seiner welken Haut hinabsteigenden Gehirn- und Zwischenrippennerven. Der Alte wurde zu einer in den durchsichtigen Stein des Sonnenniedergangs gehauenen Statue.“

    So schreibt man derzeit in Rumänien. Auf Etage siebzehn.

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    01 Oktober 2011

    Ich bin ein mittelgroßer Gegenstand mit Interesse an Literatur

    Das Folgende ist eine Antwort auf eine Kritik des vorausgegangenen Artikels durch den Blinden Hund.  Man muss, um das hier zu verstehen, den Artikel und seine Kritik gelesen haben. Das war mir einfach zu viel Arbeit, um es als Kommentar verschwinden zu lassen.

    Lieber blinder Hund, ich danke für das Lob. Das hat mich gefreut. Dass es sich mit einer Verärgerung und Kritik bei dir vermischt: einverstanden! Eine Mischung zwischen Freude und Ärger ist abwechslungsreicher als nur Ärger oder nur Freude. So geht’s mir mit deinem Beitrag allerdings auch. Obwohl ich nicht verärgert bin, sondern belustigt. Diese Differenz zwischen deiner und meiner Reaktion würde ich als die Differenz zwischen einem männlichen und einem weiblichen Schreibstil verstehen wollen.

    Wir sind ja schon einmal so ein wenig aneinander geraten. Und das ist jetzt offensichtlich erneut der Fall. Du fordert erneut das Primat der Philosophie. Du kritisierst andere, mich, die Germanistik, allerlei andere Geisteswissenschaftler, die sich nicht mit Philosophie auskennen. Du forderst eine Strenge des Diskurses, die du jedoch selbst nicht leistest. Der größte Teil deines Kommentars ist eher polemischer Natur: Germanisten wissen nicht was sie reden. Das wissen nur die strengen Philosophen und die, die von den Philosophen Gnade finden, in dem Fall die Physiker.

    Was ich getan habe, ist nichts anderes als das Bild der Termiten zu nehmen, in deren Werkzeugen sich deren Welt bereits vorgeprägt zeigt und das auf den Menschen anzuwenden. In unseren Werkzeugen zeigt sich unser Weltverständnis. Ich sehe daran nichts Unlauteres.

    Das ist hier ein Blog. Das ist keine akademische Veranstaltung. Das ist nicht meine Diss. Ich muss hier nicht jedes Wort beweisen. Das ist ein literarisches Spielzimmer, hier wird gar nichts bewiesen. Es ist auch kein Roman, den ich in endlosen Überarbeitungen schleife. Ich schreibe hier auch mal was herunter, was ich morgen korrigiere oder relativiere. Oder ich schreibe morgen etwas anderes. Das hat etwas mit Lust und Phantasie und Onanie zu tun.

    Es ist der Irrtum derjenigen, die mittels Definitionen Macht ausüben wollen, wenn sie sagen, man müsse alles definieren: Ich kann durchaus sagen, dass es ein schöner Tag war, ohne dass ich definieren müsste, was ein Tag ist, wie er sich zur Nacht abgrenzt, wie viele Stunden er dauert, ob er als Ganzes oder in Teilen schön war, was Schönheit ist und ob es sich um eine  innere oder  eine äußere Schönheit handelt. Etc etc. Es war ein schöner Tag. Punktum. Sprache hat eine allgemeine Basis, die man nicht bei jedem Sprechakt erklären und definieren muss. Ich rufe einfach meine Freundin Marie an und sage ihr: „Marie: das war ein wunderschöner Tag.“ Und die weiß sofort, was ich meine.

    Cărtărescus Auffassung besagt nicht, dass man nicht sagen kann, was in literarischen Texten steht. Er ist Literaturwissenschaftler, einer meiner Exliteraturwissenschaftsdozenten: Ich habe bei ihm Seminare gehört. Selbstverständlich kann man Texte verstehen, man kann sie auslegen und deuten und umdeuten und mit etwas anderem vermengen und verwursten, zum Beispiel zu Dissertationen. Aber ein Autor kann, und das ist es, was er sagt, einen Text, den er selbst geschrieben hat, nicht besser oder treffender in Worte fassen als er es in dem Text getan hat. Wer war das, der etwas Ähnliches antwortete, als er nach einer Lesung gefragt wurde, was er damit eigentlich sagen wolle, sagte „Eben dieses“? Wenn er es besser, treffender und prägnanter hätte sagen können, dann hätte er das getan. Das ist die Aussage Cărtărescus.

    Zur Relativitätstheorie: Kannst du das mathematisch nachrechnen? Wahrscheinlich nicht. Du kannst die Geschichten darüber lesen: bei Bertrand Russel vielleicht. Es gibt sicherlich auch neuere Erklärungen. Du kannst die mathematische Theorie nicht nachrechnen. Du nimmst die als wahr. Du glaubst, dass sie richtig ist. Du nimmst das als eine narrative Geschichte, weil du nur ihren narrativen Teilen verstehen kannst. Jeden noch so kleinen Beweis verstehst du nicht.

    Du sagst: „Die Relativitätstheorie  … ist  …die beste Theorie, die wir haben und die im Alltag angewendet wird“ – Wie kommst du darauf? Wo ist der Beweis? Wieso die beste? „Rechts vor Links“ ist besser – ist allerdings keine Theorie, sondern eine Regel. „Schwere Gegenständen fallen nach unten“ ist auch besser, ist allerdings auch keine Theorie, sondern ein Gesetz. Im Vergleich mit welchen anderen Theorien ist die Relativitätstheorie die beste? Und wieso?  Du sagst: „Deine Thesen etwa, dass die Welt nur das ist, was ihr aus machen, oder dass die wissenschaftliche Forschung, wenn sie nach dem Anfang des Universums fragt, in Fiktion umschlägt. Das behauptet sich so leicht, aber dadurch stimmt es natürlich trotzdem nicht.“ – Wieso stimmt das nicht? Und warum die Klassifizierung „natürlich“? Du sagst: „Wenn man da eine “Geschichte” sucht, dann keine fiktive, sondern diejenige, die einem den Anfang der Welt korrekt erläutert.“ – Diejenige, die einem die Welt korrekt erläutert: ich hatte in den Zitaten in dem Artikel auf etwas Ähnliches verwiesen, als ich Cărtărescus Zitat brachte, dass das Universum keine Beobachter braucht. Man kann es auch anders sagen: wir können es nicht beobachten, weil es sich für eine Beobachtung nicht eignet. Es eignet sich für mathematische Berechnungen. Von denen wir einmal annehmen, dass sie alle miteinander richtig sind. Aber da du und ich nicht rechnen können, müssen wir das Ganze in Geschichten verwandeln und transformieren. Und da wird’s zur Fiktion. Das schwarze Loch ist eine Geschichte. In Mathematik verwandelt, ist es vermutlich viele Duzend Seiten lang, richtig gerechnet, ein schöner Beweis. Aber er wird in eine narrative Struktur verwandet, sowie wir uns davon erzählen. Den Anfang der Welt, den kannst du gar nicht verstehen. Außer es erzählt ihn dir jemand. Und dann ist er von fiktionaler Struktur.  Du sagst: „Das behauptet sich so leicht, aber dadurch stimmt es natürlich trotzdem nicht“ – dadurch, dass ich es behaupte, stimmt es „natürlich“ nicht. Wodurch stimmt es denn?  Du sagst: „Geisteswissenschaftler, vor allem diejenigen, die sich nicht in der Philosophie auskennen, ja gerne schonmal um die Ecke geschossen kommen. Ich sage das so deutlich, weil ich das für ein Grundärgernis grade in solchen Fächern wie Germanistik halte, wo die Leute einen Haufen Blödsinn labern und unglaublich weitreichende Thesen aufstellen, ohne ihre Begriffe auch nur annähernd zu klären oder auch nur Argumente zu geben“ – Wer sich mit Philosophie nicht auskennt, labert Blödsinn? Ich bin keine Germanistin, ich studiere, Literatur, internationale Literatur.

    Ich bin ein mittelgroßer Gegenstand mit Interesse an Literatur. Ich habe Kontakte zu anderen mittelgroßen Gegenständen mit ähnlichen Interessen. In dieser Welt spielt die Regel „rechts vor links“ eine größere Rolle, als die Lichtgeschwindigkeit. Ich will dieser Theorie nicht ihre Richtigkeit noch ihre Bedeutung absprechen. Aber sie ist in meinem Lebenskontext bedeutungslos. Ich bewege mich nicht mit Lichtgeschwindigkeit, alle meine Handlungen funktionieren auch dann noch, wenn die Neutrinos doppelt so schnell daher schießen und die Ursache wird der Wirkung nicht vorhergehen. Was immer das Licht oder die Neutrons so machen.  Ich will das mal provokant formulieren: die sogenannte Antimaterie ist keinen Deut besser als der Hexenglaube in der finstersten rumänischen Provinz. Das ist dasselbe: Mystizismus.

    Ich will hier nichts beweisen. Von mir Beweise oder Argumente zu fordern – für was eigentlich? – scheint mir ähnlich sinnvoll wie von der Termite zu fordern, sie müsse beweisen, dass sie nicht doch heimlich ins Kino gehe. Da ist meine These nicht verstanden worden. Und die lautete: was immer wir verstehen, es ist innerhalb der Reichweite unsere Werkzeuge. Und es ist innerhalb dieser Reichweite die Wahrheit. Am Ende aller unserer Forschungen steht dann irgendeine Wahrheit über den Beginn unseres Universums. Die forschende Termite wird da sicher eine andere Erkenntnis erlangen als der forschende Physiker. Und der Lakritzsüchtige wird sicher eine Tüte dänische Salzlakritz finden. Das alles ist die Wahrheit.

    Und wie immer: ein Captcha, zwei Worte eingeben.

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    04 August 2011

    „Sinnlos, das bizarre Abenteuer, Mensch zu sein“

    „Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit“ von M. Blecher

    Das ist ein Buch der Unruhe und des Erwachens. Man kann es nur schwer einen Roman nennen. Es sind eher die Betrachtungen eines jungen Erwachsenen. Und sie sind, wie Betrachtungen junger Leute eben sind: Sie drehen sich um sich selbst. Das ist der Versuch einer Autobiografie. Und da junge Leute nicht viel zu erzählen haben, gelingen diese Bücher in den seltensten Fällen. Sie können nur gelingen, wenn sie das eigene Ich lediglich als Ausgangpunkt nutzen, um es so schnell wie möglich zu verlassen. Und das gelingt diesem Autor in vorzüglicher Form.

    Diese autobiografischen Grundzüge haben seine drei Bücher gleichermaßen. Blecher hatte keine Zeit, sich mehr als das anzueignen, was die Natur und das Schicksal ihm zugemutet haben. Mit neunzehn Jahren an Knochenmarktuberkulose, einer Entzündung der Wirbelsäule erkrankt, ist Blecher keine dreißig Jahre alt geworden. Zwei Bücher hat er zeit seines Lebens veröffentlicht: „Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit“ – „Întâmplări în irealitatea imediată“ -  und „Vernarbte Herzen“ – „Inimi cicatrizate“, ein Drittes stammt aus dem Nachlass: „Beleuchtete Höhle“ – „Vizuina luminată“.

    M. Blecher, dessen Vorname wahrscheinlich Max war, der seine Briefe mit Marcel unterschrieb, den seine Freunde Maniu oder Minú nannten, hat von 1909 bis 1938 gelebt und ist einer der großen rumänischen Schriftsteller. Seine Texte gehören zur Avantgarde dieser Zeit, sie stehen teilweise unter dem Einfluss des Sur-Realismus. Blecher war mit Sașa Pană befreundet, der wiederum Victor Brauner kannte, der, wie Tristan Tzara, Mircea Eliade und auch Andre Breton in der avantgardistischen Zeitschrift Contemporanul veröffentlichte . Seine erste Veröffentlichung hatte Blecher in der Zeitschrift Bilete de Papagal – Papageienblätter, der Zeitschrift von Tudor Arghezi, einen Auszug auf seinen Gedichten Corp transparent – Transparenter Leib, die es in Auszügen online gibt.

    Erfolg hatte er zu Lebzeiten kaum, obwohl sein erstes Buch von anderen Avantgardekünstlern hochgelobt wurde. Selbst in Rumänien war er lange eher ein Geheimtipp. Das Schicksal seiner Familie, allesamt rumänische Juden mit spanischen Vorfahren (wie auch bei Aleandru Vona), verliert sich in den Wirren vor und während des 2. Weltkriegs. Die Eltern reisen nach Israel aus, die Schwester nach Chile. Im kommunistischen Rumänien bestand kein Interesse an Blecher und seinen Texten, so dass erst in den vergangenen beiden Jahrzehnten Arbeiten über ihn entstanden sind oder veröffentlicht werden konnten. Das dritte Buch, seine Hinterlassenschaft, erschien in Rumänien erst im Jahr 1971.

    Geboren in Botoşani, aufgewachsen in Roman ging der Autor zum Medizinstudium nach Paris, erkrankte schwer und verbrachte die kommenden zwei Jahre im Sanatorium von Berck-sur-Mer an der französischen Atlantikküste. Er kehrte 1933 nach Rumänien zurück, wo er ebenfalls im Sanatorium lebte, in Techirghiol am Schwarzen Meer. Den größten Teil seines Erwachsenenlebens musste er im Liegen verbringen. Er schrieb wohl meist unter großen Schmerzen. Im letzen Jahr seines Lebens berichten seine Briefe nur noch vom Leiden, von Ärzten und Operationen.

    „(Vorkommnisse) aus der unmittelbaren Unwirklichkeit“ ist ein Buch, in dem einer anfängt sich in der Welt zu orientieren. Ein männliches, lyrisches Ich ohne Namen zu Beginn der Pubertät. Einer, der mit Umständen konfrontiert wird, die ihn lebenslang nicht mehr loslassen: Liebe, Sexualität, Tod. Das sind Tatsachen und Tatsachen kennzeichnen die Wirklichkeit. Das ist eine Welt, zu der er sich nicht dazugehörig fühlt: „Es gab also eine Kategorie von Dingen auf der Welt, denen ich nie würde angehören können, gleichgültige und melancholische Pojazen [ein Pojaz ist ein Clown, ein Spaßvogel, ein dummer August], kräftige Jungs, die nie Kopfschmerzen hatten. Um mich, zwischen den Bäumen im Sonnenlicht, floß ein heiterer und breiter Strom voller Leben und Reinheit. Ich war dazu ausersehen, auf ewig an seinem Rand zu bleiben, vollgestopft mit Dunkelheit und Schwächen und Ohnmachten.“ Wirklichkeit ist alles, was um einen herum ist und einen mit seiner Gegenwart bedrängt. Das lyrische Ich weiß allerdings auch, dass die Dinge in dieser wirklichen Welt nur teilweise zu Hause sind. Dieses Ich hat eine deutlich gesteigerte Wahrnehmung, die mit Zweifeln am Wahrnehmungsvermögen einhergeht.

    Die Handlung ist sehr übersichtlich. Der namenlose Junge – ich scheue mich ein wenig, ihn einen jungen Mann zu nennen – geht über den Jahrmarkt und ins Panoptikum, er schleicht sich tagsüber ins Varieté und ins Wachsfigurenkabinett. Er wandert durch die Stadt und stromert auf einem unbebauten Gelände herum. Er ist auf der Suche nach Orten und Umständen, wo die Dingen nicht so sind wie sie wirklich sind. Dinge, die neben ihrer exakten Bedeutung in der Wirklichkeit noch eine andere Dimension aufzuweisen haben. Umstände, in denen seine Hände mehr sind als nur „zwei bemitleidenswürdige, gefangene Vögel, die von einer mächtigen Kette aus Haut und Muskeln an den Schultern gefesselt waren. Arme Vögel, dazu bestimmt, mit einigen stumpfsinnigen Gesten wohlerzogenen Anstands zu fliegen wie es einstudiert und wiederholt worden war, als hätte es Bedeutung.“ Es werden hier vor allen innere Vorgänge beschrieben. Es wird beschrieben was die Welt draußen in der Welt drinnen auslöst und anrichtet.

    Die Wirklichkeit hat einen Mangel: ihre Präzision und Exaktheit. Das ist eine Welt, in der die Dinge sind, was sie sind. Nicht mehr und nicht weniger. Sie haben nicht die Möglichkeit anders zu sein. Sie haben keinen Über- und keinen Unterdruck. Das klingt banal, beschreibt aber ein Dilemma, das vor allem Künstler oft erleben. Man muss Dinge, indem man sie beschreibt, malt, darstellt, in Worte, Farben oder Formen fassen. Die sind nicht identisch mit der Wirklichkeit, sie bilden sie lediglich ab, sie verändern sie. Außer man ist einem totalen Realismus verpflichtet, der einfachen Wiedergabe der Welt. Der Verdoppelung. Dann allerdings muss man sich fragen, warum man künstlerisch tätig ist, wenn man sie nur wiedergeben will. Auch muss man anerkennen, dass ein jeder Kind seiner Zeit ist und man, wenn eine gewisse Entwicklung stattgefunden hat, nicht mehr oder nur noch schwer dahinter zurück kann. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts hat der Surrealismus die Sicht auf die Dinge verändert, indem er der einzigen Art der Sicht, der vermeintlich natürlichen, die mögliche Art der Sicht hinzugefügt hat. Diese mögliche Welt mit den aus dem Surrealismus bekannten Reizen, dem Traum, der Phantasie und dem Wahn.

    Je grandioser die Welt in ihren Möglichkeiten sein könnte, desto schmerzhafter empfindet man ihre wirkliche Dimension: „Einige Sekunden lang sahen meine Gedanken auf ideale Weise und in größter Ausführlichkeit meine würdevollen Bewegungen voraus. Ich sah mich sehr sicher vorausschreiten und mich mit einer lässigen Bewegung zu Eddas Füßen auf das Bett setzen, auf dem sie lag. Meine tatsächliche Person blieb jedoch wie ein kaputter und unbrauchbarer Anhänger hinter diesen schönen Vorstellungen zurück.“

    Präsent sind vor allem die Verlockungen und Verwirrungen durch die Geschlechterdifferenz. Da sind einige Begegnungen mit Mädchen und auch Jungs. Es passiert, wovon er später nicht einmal sagen kann, was es war. Er wird bestraft, weil er mit einem Mädchen im Bett gelegen und etwas gemacht hat, was er selbst nicht genau einschätzen und woran er sich auch nicht recht erinnern kann. Vor allem sind es zwei junge Frauen, die ihn verwirren, eine zu Beginn der hier dargestellten Entwicklung, die andere an ihrem Ende.

    Da ist Clara aus dem Nähmaschinenladen. Er sitzt Wochen-, vielleicht Monatelang in einem Hinterzimmer des Ladens, weil sich dort Clara mit ihrem Bruder aufhält. Der Bruder verlässt bisweilen das Hinterzimmer, weil er vorne eine Nähmaschine verkaufen kann oder weil er einkaufen geht. Dann ist der Junge mit Clara alleine. Unter bestimmten, sehr komplexen  Bedingungen, kann es sich ereignen, dass sie an ihm vorübergeht und dabei mit ihrer Wade sein Knie berührt. Und das macht ihn beinahe besinnungslos. Darauf wartet er immer und immer. Später kommt es auch zu einer echten körperlichen Annäherung, es kommt zu einem Liebesakt, den Clara bewusst gleichgültig anbietet und dem der Leser nur undeutlich beiwohnt, der wohl ähnlich undeutlich ist und auch erlebt wird. Clara ist ein Abenteuer: „Ein Abenteuer voller Qualen und Erwartungen, voller Unruhen und Zähneknirschen, etwas, das einer Liebe geglichen hätte, wenn es nicht die schlichte Fortdauer einer schmerzhaften Ungeduld gewesen wäre.“

    Eines Tages geschieht mehr als nur diese erotische Verwirrung durch das andere Geschlecht. Da lernt er die Liebe kennen. Die unglückliche, sich verzehrende Liebe nach Edda. Er sieht sie bei ihrer Hochzeit mit dem Frauenheld Paul, der ältere Bruder seines Freundes Ozy Weber. Mit Eddas Einzug in das Haus in dem auch er verkehrt, ändert sich das Leben aller Beteiligten. „In Eddas Umkreis begann eine Pantomime mit vier Personen: Paul wurde treu und würdevoll; der alte Weber kaufte sich eine neue Mütze und eine Brille mit Goldrand; Ozy wartete vor Aufregung keuchend darauf, daß Edda ihn rufe und ich blieb auf der Terrasse, den wässrigen Blick ins Leere gerichtet.“

    Alle Annäherungsversuche natürlich bleiben erfolglos. Er sitzt meist einfach da und starrt Edda an. Er ist verzweifelt. Er geht zu ihr und will ihr erklären, dass er ein Baum ist. Aber das kommt nicht sehr gut an. Auch Edda ist nur Wirklichkeit. Sie ist präzise das was sie ist. Auch wenn er nicht genau weiß, was sie ist. Er sitzt herum. Er sitzt draußen vor der Stadt, es regnet, er wühlt im Schlamm wie Kinder das eben tun. Er erfährt eine Art Einheit mit der Welt, er ist versöhnt, er sieht die Dinge nicht mehr als nicht zu verstehendes Gegenüber. Er wühlt im Matsch, er trauert einer Kröte hinterher. Er ist glücklich. Er schläft in einer Hütte ein und träumt von einer kopflosen Frau. Wieder erwacht, senkt sich unaussprechliche Bitternis in ihn. „Einen Augenblick lang wuchs die Verzweiflung in mir, als hätte ich brüllen und mir den Kopf gegen die Bäume stoßen müssen. Gleich darauf aber schrumpfte alle Traurigkeit, zu einem ruhigen und sanften Gedanken zusammen. Jetzt wusste ich, was ich zu tun hatte: wenn nichts mehr andauern konnte, blieb mir nichts weiter übrig, als alles zu beenden. Was ließ ich zurück? Eine feuchte, häßliche Welt, in der es langsam regnete …“ Er beschließt sich umzubringen und setzt das, allerdings im Letzten erfolglos, auch um.

    Hier kommt eine Struktur des Erlebens zur Sprache, die den gesamten Text strukturiert: Die Gegensätze. Aus dem allergrößten Glück im Matsch und im Regen, eins zu sein mit der Welt, wird genau das Gegenteil, das schlägt sehr schnell und mit aller Konsequenz um und die Welt zum unverstehbaren Gegenüber. Die einander ausschließenden Gegenteile sind sich extrem nah, vor allem dann, wenn sie Stimmungen betreffen. Ja man könnte sogar sagen, dass eine Stimmung der anderen dann am nächsten kommt, wenn sie ihr genaues Gegenteil ist. Und zwar deswegen, weil sie im Extrem, im möglichen Umschlag, aufeinander treffen.

    Damit wird ein Motiv zur poetologischen Struktur ausgebaut. Die Bedeutung der Gegensätze: Lust und Verzweiflung, Anspannung und Gleichgültigkeit, Traum und Wirklichkeit gehen durcheinander. Mehrfach wird von der Umkehrung der Relationen gesprochen. Einmal sieht er einen Unfall, bleibt dabei aber auffällig gleichgültig. Dann sieht er sich und die Welt aus der Perspektive des Unfallopfers, er spürt dessen blutende Wunde. Sich selbst mit den Augen der anderen zu sehen, das verändert das Bild, das man von sich hat. Und das hat in diesen Fall auch eine schizoide Struktur.

    Bei Edda allerdings kommt das an eine Grenze. Hier kann er Traum und Wirklichkeit nicht mehr auseinanderhalten: „ … ihr Tod war mein Tod, und in alles, was ich seitdem tue, in alles, was ich erlebe, projiziert sich kalt und dunkel, so wie ich es bei Edda gesehen habe, die Reglosigkeit meines zukünftigen Todes.“

    „Es war mein Vater, der schweigend darauf gewartet hatte, daß ich aufwachte. Als ich die Augen aufschlug, ging er einige Schritte in die Stube hinein, brachte mir eine weiße Waschschüssel und eine Kanne Wasser, damit ich mir die Hände waschen konnte. Mit einer schmerzhaften Verkrampfung, die mir das Herz zusammenpresste, verstand ich, was dies bedeutete.
    „Wasch dir die Hände“, sagte mein Vater, „Edda ist gestorben.“
    Draußen regnete es fein, und der Regen hörte drei Tage nicht auf.“

    Eddas Tod ist ein Tod in der Wirklichkeit, exakt und präzise und durch nichts abzumildern oder zu verändern. Der Tod, das erfährt der Junge hier in aller Schmerzhaftigkeit, ist so massiv, so endgültig und unwiderruflich, dass keine Möglichkeit zur Differenz besteht. Der Tod ist die pure Wirklichkeit.

    „Worin besteht mein Wirklichkeitsgefühl?
    In meine Umgebung ist das Leben zurückgekehrt, das ich bis zum nächsten Traum leben werde. Schwer hängen die gegenwärtigen Erinnerungen und Schmerzen in mir, und ich will ihnen widerstehen, nicht in ihren Schlaf verfallen, aus dem ich vielleicht nie wieder würde zurückkehren können ….
    Jetzt wehre ich mich in der Wirklichkeit, schreie, flehe, man möge mich aufwecken, man möge mich zu einem anderen Leben erwecken, zu meinem wahren Leben. Sicher ist, daß jetzt heller Tag ist, daß ich weiß, wo ich mich befinde, und daß ich leben, aber in alledem fehlt etwas, wie in meinem entsetzlichen Alptraum.
    Ich quäle mich, schreie, peinige mich. Wer weckt mich auf?
    Die exakte Wirklichkeit zieht mich immer tiefer hinab, versucht mich unterzukriegen.
    Wer weckt mich auf?
    Immer war es so, immer, immer.“

    Möglich, dass ich mich täusche, wenn ich sage, das sei ein großer Autor. Aber diese Möglichkeit, die Möglichkeit, dass etwas anders ist, ist kein Fehler. Sie ist der Garant, dass die Wirklichkeit keine absolute Präzision und keine erdrückende Konsistenz bekommen. Dann wird sie als Tod erlebt.

    Übersetzt von Ernest Wichner, mit einem Nachwort versehen von Herta Müller, die das Buch als „Meisterwerk“ bezeichnet. Ernest Wichner hat auch die anderen Bücher dieses Autors auf dem Rumänischen übersetzt. Wer bin ich, zu sagen, dass die Übersetzung sicher außerordentlich ist. Ich habe das Original, da ich auch gerade nicht mehr in der Bibliothek sitze, nicht einmal zur Hand genommen.

    Wie ich gerade erst sehe, gibt es den Text auch online.

    Auch hier gilt immer noch: bei Kommentaren bitte beide Worte des Captchas eingeben.

    M. Blecher
    Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit
    Suhrkamp Verlag 2003
    Bibliothek Suhrkamp 1367, Gebunden, 154 Seiten
    ISBN: 978-3-518-22367-3

    (Die Abbildung zeigt die Originalausgabe)






    28 Juni 2011

    „Immer sagen, suchen Paradies“

    „Auf der anderen Seite der Welt“ von Dieter Forte

    „Das Meer lag in der tiefen Nacht in einem schweren ruhigen Atem, in einer Stille wie vor der Geburt, während das herausgestoßene, abbrechende Todesatmen eines Menschen den Tag erwartete, das Licht weit hinter dem Meer, das wie ein jahrtausendealter schwarzer Stein unter den Sternen schlief.“

    Das ist ein Roman, der sich im seinem Verlauf sehr stark verändert. Er beginnt mit einer Geschichte, detailliert und gleichermaßen rudimentär erzählt. Er beginnt mit der Fahrt des Protagonisten, eines Mannes ohne Namen, nur ein „er“ sitzt da, ein Personalpronomen mit einer Lungenkrankheit, er fährt mit dem Zug auf eine Insel in ein Sanatorium und dort wird er tun, was sie dort alle tun: sich hinlegen und sterben. Oder, wenn er‘s schafft: aufstehen und weiterleben. Das ist das Thema des Buches: aufstehen und weiterleben.

    In dem Buch passiert nicht viel. Ein Kranker fährt von einer Stadt ans Meer. In ein Hospital, ein Sanatorium auf einer Insel. Er kommt an, es gibt ein Abendessen, er schläft eine Nacht, er bekommt ein Frühstück, er geht zur Toilette und auch ein Mittagessen ist noch drin, später geht er sogar einmal in die Kneipe und auf den hauseigenen Friedhof. Aber damit hat es sich auch schon. Mit der Handlung sind wir am Ende. Es wird kaum etwas vom Alltag berichtet, keine Besuche bei den Ärzten, keine Ängste, Sorgen, Befürchtungen. Da ist kaum mal ein Blick aus dem Fenster, kein Geschmack auf der Zunge, kein Gedanke an Frauen.

    Die Person hat keinen Namen. Es ist einer, der zum Sterben kommt. Er kommt mit einem überdimensionierten Koffer, deutsche Qualität mit tausend Jahre Garantie, aber der ist schon bei der Ankunft im Sanatorium völlig ramponiert, die tausend Jahre schon vorbei: „Für eine eventuelle Rückfahrt nicht mehr zu gebrauchen“ wie es ohne Illusionen heißt. Rückkehr allerdings in einem strengen Sinne gibt es nicht. Die Welt da draußen, jenseits des Sanatoriums, ist für die, die hier jahrelang liegen, die hoffen und verzweifeln, nicht unbedingt eine verlockende: „Wer von hier den Rückweg antrat, wer es schaffte aufzustehen und zu gehen, diese Insel wieder zu verlassen, der hatte auf ewig die Maßstäbe des Nichts, des Sinnlosen und der Bedeutungslosigkeit in sich, der konnte nie mehr die Menschen und ihr Leben verstehen.“

    Er hat einen Zimmergenossen, einen Alten, der sich zu Tode hustet. Der ihm vorher aber noch etwas erzählt. Der ihm vom Leben erzählt und von seiner Vergeblichkeit. Alle seine Geschichten beginnen mit den Worten: „Da wartet man nun auf den Tod.“ Das ist eine der Schwierigkeiten im Leben, dass ein jeder, mehr oder weniger direkt, auf den Tod wartet. Dieses Warten des Menschen auf den Tod, auf seinen eigenen Tod, nicht auf einen anderen, einen belanglosen, unbekannten Tod, das hat eine ganz einfache und höchst fatale Struktur: Der Mensch „ …hofft auf morgen.“

    Das Bett des Alten wird dann von anderen belegt, die ebenfalls husten, vom vergeblichen Leben erzählen und sterben. „Die Nachfolger des Alten blieben nur kurz in der Erinnerung, starben nach wenigen Tagen oder wurden auf eine andere Station verlegt, zogen vorbei wie in einem Totentanz, ohne dass sich für ihn dadurch ein Nacheinander ergab; als seien alle, ob tot oder lebendig, gleichzeitig in einem einzigen Bild anwesend, aus dem sich die vergehende Zeit entfernt hatte.“

    Diese Geschichten der Bettnachbarn und kurzzeitigen Zimmergenossen – der Lehrer, der Kaufmann, der Rechtsanwalt, der Vertreter – die machen sich langsam selbständig. Es werden immer neue Personen und Geschichten erzählt, es sind schon lange nicht mehr nur die Zimmergenossen, es sind nicht mehr nur noch Vertreter von Berufsgruppen, es sind Erinnerungen des jungen Mannes, es werden Namen genannt, viele Namen, die ich alle nicht kenne. Ich habe die Stadt nicht erkannt und die Insel habe ich auch nicht erkannt. Ich kenne die Namen der Jazzmusiker, der Politiker, der Maler und Schauspieler nicht: die habe ich alle miteinander noch nie gehört – immerhin weiß ich inzwischen, wer die Persildame ist. Auch das ist ein Zeichen von Tod, da hat man gelebt, vielleicht sogar mehr als die anderen, man war berühmt, da hieß man Armstrong oder Rühmann oder Beuys, und dann kommt die nächste Generation, hört die Namen, schüttelt den Kopf und sagt lapidar: nie gehört. Das ist eine Welt, die mir schon fremd ist, Worte wie „Eiltelegramm“ oder „Turnanzug“ wirken für mich bereits altbacken. Das sind Schichten und aus den Schichten werden Geschichten und diese Geschichten machen die Geschichte: die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland nach dem Krieg, nach der totalen materiellen und moralischen Destruktion.

    Es werden einzelne Schicksale erzählt, eindringlich, tragisch, lakonisch. Geschichten vom Sterben, von der Sinnlosigkeit des Lebens, die einem anhand der Sinnlosigkeit des Sterbens erst so richtig vor Augen steht. Aber dann ist es auch schon vorbei, ehe man’s richtig begriffen hat. Vielleicht meint man, auf dem Totenbett liegend, man könnte es verstehen, man könnte, wenn man jetzt aufstünde und in die Welt hinausginge, das Leben verstehen. Das sind teilweise bittere Tropfen, die kann man nicht aus der Flasche trinken. Auch aus diesem Grund hat bei mir das Lesen recht lange in Anspruch genommen.

    Da ist die schöne und tragische Geschichte des Geigers, ein Virtuose, ein absoluter Meister in seinem Fach. Eine Geige besitzt er allerdings nicht. Mit einer Geige könnte er gar nicht spielen: er kann es nur, wenn die anderen sich das vorstellen, was er spielt. Da ist die Geschichte des Geldfälschers, dessen Arbeit ganz außergewöhnlich gut sei, wie die Polizei ihm versichert. aber leider eben falsch, da nun einmal einzig die Notenbank Geldscheine herstellen dürfe, deren Scheine per Gesetz echt und alle anderen durch eben dieses Gesetz falsch seien. Da ist der Maler, dessen überdimensioniertes Gemälde zu Lebzeiten keinen Sinn ergibt und dessen Freunde, weil sie es zu seiner Beerdigung mitnehmen wollen, dieses Bild zersägen und am Grab wieder zusammensetzen: und da macht es dann mit einem Mal jenen Sinn. Da ist Boris, der vom Verkauf gefälschter Gemälde lebt und das nicht schlecht und der die Differenz von echt und falsch nicht versteht. Ein Bild ist ein Bild und grundsätzlich nicht fassbar mit dem Begriff der Echtheit. Bilder stellen etwas da. Das ist alles. Die Welt, so Boris sei nur in einem gerahmten Gemälde zu ertragen. Und darum gehe es im Leben, es zu ertragen, nicht um die Suche nach dem Echten mit dem man das Falsche desavouieren könne.

    „Überall immer nur Sinn gesucht. Leben voller Einbildung. Und deswegen sich das Leben nehmen. Wegen Illusion. Immer sagen, das kann nicht alles gewesen sein. Immer sagen, suchen Paradies. Wozu braucht der Mensch Paradies? Er hat doch Erde! Warum hat er Angst vor Hölle? Hat er auch auf Erde! Erde ist Paradies und Hölle. Was will der Mensch? Das Leben, wenn gutgeht, fünfundzwanzigtausend Tage, etwas mehr, etwas weniger. Kann man sich nicht beklagen. Zigtausendmal die Sonne. Zigtausendmal den Mond. Es genügt, sage ich. Mehr muss nicht sein. Wozu dann noch einmal ein Leben? Und auch noch ein ewiges. Und auch noch im Paradies. Mensch ist dumm und arrogant. Hat ein Leben. Will noch ein Leben. Aber besser. Wird Gott verzweifeln bei so viel Frechheit. Du anderer Meinung?“

    Da sind die Geschichten vom ganz normalen Leben, von Anna, die nach dem Krieg in das Land des allergrößten Wunders gerät, das Deutschland des Wirtschaftswunders und die dann, weit weg von allen Wundern, ihr Allerweltsleben lebt, sie „gab nicht auf, arbeitete, schuftete ohne viel zu schlafen auf mehreren Arbeitsstellen gleichzeitig, war Bürobotin, Parkhauswächterin, Fabrikarbeiterin, Würstchenverkäuferin, hatte rund um die Uhr ein Dutzend Putzstellen, Privat und in Büros, Privat tags, Büro nachts, mähte Rasen, schnitt Hecken, säuberte Swimmingpools, liebte Männer, wurde betrogen, verlor ihr Erspartes in großzügiger Gastlichkeit, rappelte sich wieder auf, gebar Kinder, zog sie auf, überstand alles, lebte ein abenteuerlichen Leben, und wenn sie scheiterte, sagte sie: Es ist wie es ist.“

    Geschichten, von psychisch und physisch Versehrten, die nicht wissen wie sie weiterleben sollen. Die anfangen Rollen zu spielen, eigene oder andere, die sich in dem Sanatorium vor dem Tod verstecken oder ihn dort erwarten, vielleicht, weil man mit dem Tod im Lieben besser fertig wird. All diese Geschichten werden von einem thematischen Kern zusammengehalten werden. Ein Kern, der es mir zu Beginn schwer gemacht hat, an dem ich mich gewöhnen musste und der dann immer wichtiger wurde, den ich immer besser verstanden habe, ohne ihn allerdings ganz zu verstehen: Aufstehen und Weiterleben.

    Dieses Aufstehen und Weiterleben hat einen mechanischen Anteil. Das normale Weiterleben, für das man gar nicht erst aufstehen muss. Einen Anteil, den man oft leichten Herzens absolviert, man ist motiviert, verdient Geld oder Anerkennung oder hat eins Mordsziel vor Augen, man hat am Abend zuvor entdeckt, dass man seine Frau noch immer liebt oder weiß, dass man mittags einen Ziegenkäse zu essen bekommt, den man sehr schätzt, man mag es, wie er auf der Zunge schmilzt und man spürt in diesem Moment , dass man zu einem nicht unwesentlichen Teil mit der Zunge lebt. Aber dann gibt das es noch einen anderen Anteil, den man nicht jeden Tag spürt, weil man es nicht ertragen könnte, dann und wann aber spürt man es und dann spürt man, wie schwer das ist: aufstehen und weiterleben. Weil man nämlich nicht auf diese eine Art lebt: in den Tag hineinlebt. Weil man dann auf eine andere Weise lebt: aus ihm heraus. Nicht, dass das Leben auf sein Ende zuläuft ist die Bedeutung, sondern dass man wider dieses Ende leben muss. Dass das Ende dieses Leben sinnlos macht und man dagegen anleben muss.

    Die Geschichte des jungen Mannes, zum Leben verurteilt und zum Sterben gezwungen, zerfällt zugunsten dieser anderen Geschichten. Das wenige, was man erfährt, wird sogar noch weniger. Es zerfällt etwas. Das lineare Erzählen zerfällt in einzelne Blöcke, in ein Kompositum, die Beschreibung eines Bildes, wo alles zu gleicher Zeit das ist. Wo der Tod immer anwesend ist. Man hat alles so wahnsinnig wichtig genommen, ob man diese oder andere Blumen im Garten hat, diese oder eine andere Uhr am Handgelenk, ob die Zeit im Kreis geht oder um die Ecken schleicht.

    Diese Sinnlosigkeit der Welt, des Alltags: das versteht vielleicht nur der, der einmal ernsthaft krank gewesen ist, der, wie es so euphemistisch heißt, mit dem Tod gerungen hat. Es ist kein Geheimnis, dass Dieter Forte hier sein eigenes Schicksal verarbeitet hat, Erlebnisse aus jungen Jahren, die offenbar lange haben liegen müssen, bis der Autor in der Lage war, diese Ereignisse und Empfindungen in Sprache zu übersetzen. Eine Übersetzung, die ein Autor immer leisten muss, eine Anstrengung, die ein Leser niemals erfährt. Dieser Text ist sicher keiner für jedermann, aber welcher Autor, der ernsthaft Wert auf sich und sein Können und Schreiben legt, will schon für jedermann sein? Das ist ein großer Erzähler.

    Der Leser hat es mit einer in hohem Maß durchgearbeiteten, geschliffenen Sprache zu tun, wie sie oft nur von der Lyrik her kennt, wie man sie bisweilen auch kaum ertragen kann, die Sprache des Romans, ja selbst wissenschaftliches Schreiben ist durchdrungen von Füllwörtern, Worten, die Einhalt gebieten, die sagen; hier geht’s nicht weiter. Wir machen mal ein Wort lang eine Pause. Solche Pausen macht Forte wenige. Es ist eine atemlose Sprache.

    „Das Meer lag in der tiefen Nacht in einem schweren ruhigen Atem, in einer Stille wie vor der Geburt, während das herausgestoßene, abbrechende Todesatmen eines Menschen den Tag erwartete, das Licht weit hinter dem Meer, das wie ein jahrtausendealter schwarzer Stein unter den Sternen schlief.“

    Der Bücherblogger hat gleich vier Teile zu dem Buch geschrieben.

    Bei Kommentaren bitte beide Worte eigeben. Auch wenn das Captcha etwas anders behauptet. Ich finde gerade den richtigen Schalter nicht.

    Dieter Forte, Auf der anderen Seite der Welt
    Fischer Verlag
    Preis € 19,90

    ISBN: 978-3-10-022116-2





    23 September 2010

    Land und Leute

    Ich reise nicht sehr gerne. Am wohlsten fühle ich mich, wenn ich zu Hause bin. Es ist nicht immer klar, wo das ist. Dann muss ich das definieren und die Definition lautet derzeit: da, wo der Laptop steht. Zuhause ist dort, wo ich mit meiner Tastatur die Welt beherrsche. Ich sitze gerne auf der Stelle, möglichst bewegungslos. Das ist das, was ich am besten kann. Rumänen sitzen gerne irgendwo herum. Darin zumindest bin ich typisch.

    Auch Zigeuner sitzen gerne herum. Sie sitzen eine Stunde irgendwo, man weiß nicht warum, dann stehen sie auf, gehen anderswohin, wo sie wahrscheinlich ebenfalls eine Stunde sitzen werden, um dann aufzustehen und anderswohin zu gehen. Sie sind nicht ziellos. Sie kennen nur das Ziel nicht.

    Zigeuner: das ist ein höchst komplexes Thema in Rumänien. Sie selbst nennen sich manchmal Tsigani. Es gibt eine Wissenschaft, die sich mit der Erforschung ihrer Herkunft und Kultur beschäftigt, die Tsiganologie und es gibt auch einen Antiziganismus. Früher bezeichnete man sie in Rumänien als tărtari oder tătăraşi, fälschlich als von den Tataren abstammend, von vielen werden sie als Gypsys bezeichnet, eine Abbreviatur von Egyptian, was ebenfalls falsch ist. Sie stammen, soweit das heute einwandfrei geklärt ist, aus Indien und ihre Sprache ist dem Sanskrit am nächsten. Inzwischen werden sie fast einheitlich als Roma bezeichnet. Auf Rumänisch heißen sie Rromi und ihre Sprache ist das Romaňi čhib, oft auch nur Romaňi. Aufgrund der phonetischen Ähnlichkeit zu Români, den Rumänen, werden die Roma oft nicht nur für Rumänen gehalten, was sie der Sache nach meist auch sind, sondern umgekehrt, die Rumänen werden für Roma gehalten, was falsch ist. Das stößt vielen Rumänen bitter auf, denn die Roma haben einen miserablen Ruf als Gauner (Gauner, die durch die Gegend ziehen, eben Zieh-Gauner) und Tagediebe und Lumpen. Ich habe ein junges Mädchen in Sibiu gesehen, auf dem T-Shirt der Schriftzug: „Ţigancă împuţită” (Dreckige Zigeunerin). Im Rumänischen kann man das nachgestellte Adjektiv împuţită mit unendlicher Verachtung aussprechen. Dabei sind die Roma oft unfassbar hübsche Menschen, die haben manchmal Augen wie Huskeys.

    Eines der grundlegenden Probleme mit den Roma in Rumänien war lange, dass sie kaum integrierbar waren. Sie hatten eigene Vorstellungen von Recht und Unrecht und dementsprechend ihre eigene Rechtsprechung. Sie hatten lange weder Geburtsschein noch einen Personalausweis. Sie waren nicht sesshaft. Das hat sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten mehr oder weniger geändert. Sie bleiben allerdings ungeliebt wie eh und je. Ich weiß nicht, was davon in der deutschen Presse zu lesen war: Präsident Sarkozy hat den in Frankreich lebenden Roma Geld angeboten, wenn sie Frankreich verlassen und dahin gehen, wo sie herkommen: nach Rumänien. Das hat zu einer erheblichen Verstimmung zwischen der rumänischen und der französischen Regierung geführt. Und vor allem bei den Roma und deren „König“: dem in Sibiu lebenden Florin Cioaba, der internationalen Institutionen gerne als Ansprechpartner gilt.

    Viele haben noch heute große Schwierigkeiten mit den Roma, die in etwa 10 % der rumänischen Bevölkerung ausmachen. Sie sind das Andere. Das einerseits eine gewisse Verlockung darstellt, die dann romantisiert wird, als Freiheit und Ungebundenheit, oder Angst auslöst. Dann erscheinen die Vertreter dieser Ethnie als die Faulen oder die, die einen übers Ohr hauen, die Diebe und Verbrecher. Tatsächlich hatten sie in Rumänien lange eine wichtige Funktion als Handwerker. Die sind beinahe wie Kasten von oben nach unten organisiert, es gibt Schmuckmacher und Kesselflicker, Musiker, Gaukler, Korbmacher und Metallhandwerker. Es gibt sogar eine Kaste, die Müll sucht. Ganz oben stehen die, die Schmuck herstellen. Die folgenden Bilder sind bei einem Markt entstanden.

    Die Situation in Siebenbürgen ist nach der Wende und dem Ende des Kommunismus nicht einfacher geworden. Viele Siebenbürger Sachen sind weggegangen, nach Deutschland, wo sie dann als Rumäniendeutsche bezeichnet werden. Sie haben Hab und Gut verlassen und sind ausgewandert. Viele Dörfer sind in diesen Jahren geradezu ausgeblutet. Die Sachsen besaßen die reichen Äcker und das fruchtbare Land, das dann Jahre nicht bearbeitet wurde. Die Landwirtschaft kam in vielen Gebieten fast zum Erliegen. Man hat versucht, das Problem zu lösen, indem man diese Dörfer neu besiedelte, mit Rumänien oder Roma. Aber diese Leute verstanden nicht unbedingt etwas von Landwirtschaft. Zudem hatten viele Ziegenhirten, die ihre Herden traditionell im Sommer die Berge hochtreiben, das karge und entbehrungsreiche Leben in den Karpaten satt und erkannten die Vorteile eines Lebens daheim: sie blieben im Flachland und trieben ihre Herden auf die brachliegenden Ländereien, was zu erheblichen Schwierigkeiten mit den neuen Besitzern geführt hat.

    Die Situation in den rumänischen Dörfern in Siebenbürgen ist partiell anders. Dort gibt es seit Jahren die klassische Landflucht. Die jungen Leute gehen die Städte. Und wenn irgend möglich, gehen sie ins Ausland. In nicht wenigen Dörfern leben fast nur noch alte Menschen. Ich war mit Anna, die für eine touristische Entwicklungsgesellschaft arbeitet, bei einer Veranstaltung in Săsăuș (Sachsenhausen), ein Dorf zwanzig Kilometer nördlich von Sibiu, mit einer aktuellen Population von 159 Einwohnern. Das Schulgebäude steht leer, die wenigen Kinder gehen im Nachbardorf zur Schule, kaum jemand von den Leuten dort hat eine Arbeit. Es gab an diesem Tag einen Fotowettbewerb und eine Mittelalter-Band aus Bukarest hat gespielt. Das war sicherlich das Highlight des Jahres.

    Und in den rumänischen Bergdörfern, und dazu zählt auch das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, ist die Situation noch einmal etwas anderes. Auch dort leben sehr viele Alte und sie alle leben von der Landwirtschaft. Aber es gibt an den teilweise sehr steilen Hängen der Karpaten kaum Ackerland. Man hat in der Regel ein paar Stück Vieh, ein Pferd, man pflanzt Mais an, eines der Grundnahrungsmittel, man hat Obstbäume und man geht in den Wald und schlägt Holz, was man verkauft. Und manchmal besitzt man einen Teil einer Ziegenherde. Viele Möglichkeiten gibt es nicht. Da ist der Tourismus eine ernstzunehmende Alternative. Mein Dorf ist zu einem Wettbewerb vorgeschlagen worden: es soll das schönste Dorf Siebenbürgens gewählt werden. Als ich dort war, hat die GTZ eine Veranstaltung gemacht, eine der letzten. Sie ziehen sich nach vielen Jahren Engagement zurück aus Rumänien.

    Das war eine Veranstaltung zum Zusammenhang Thermopanefenster. Es gibt eine sehr bedauerliche Tendenz, die in vielen Orten und Dörfern zu beobachten ist: die Jungen gehen weg, kommen irgendwo zu Geld und investieren das zu Hause. Und wenn sie fertig sind, haben die alten Bauernhäuser Dreifachverglasung und sehen aus als stünden sie in Bayern am Starnberger See. Touristen aber wollen sehen, wie Rumänen wirklich leben. Es geht also nicht nur darum, Häuser zu renovieren und den vielen Alten ein Leben unter etwas moderneren Bedingungen zu ermöglichen, es geht auch darum die Struktur dieser Dörfer möglichst zu erhalten. In meinem Dorf gibt es derzeit keinen einzigen Touristen. Das Dorf liegt zwischen zwei Bergflanken. Es gibt keine asphaltierte Straße und jedes Tier scheißt einfach auf die Straße. Es da kein fließendes Wasser, keine Toiletten und keine Duschen. Aber eines Tages wird es das geben und dann werden die Touristen kommen. Diese Dörfer werden sich verändern und für die jungen Leute ist der Tourismus eine Möglichkeit ein Leben zu leben, das auch noch aus anderen Dingen als aus permanenter körperlicher Arbeit besteht. Die Karpaten sind das größte zusammenhängende Waldgebiet Europas, ein Drittel aller in Europa lebender Wildtiere sind dort. Die Menschen sind freundlich, sie essen gerne und gut und sie brauchen eine Zukunft. Dörfer wie das aus dem ich stamme, werden sich entweder auflösen, weil die Alten bald alle tot sind. Oder sie werden sich an die Belange des Tourismus anpassen. Anpassen müssen. Das ist oft ein Spagat, den viele dort nicht ganz verstehen.

    Meine Freundin Lavinia. Wir sehen uns nur äußerst selten. So ist das, wenn man aus einem Land kommt, deren Bewohner in alle Welt verstreut sind. Als ich das letzte Mal in Sibiu war, Weihnachten 2008, hat viel Schnee gelegen und wir haben uns nur ein einziges Mal gesehen. Im Jahr davor, war sie gerade in Bukarest und im jahr zuvor in der Ukraine, im Urlaub. Wir skypen manchmal, aber meisthören wir lange nichts voneinander. Freundschaften müssen irgendwie halten, über die Jahre und die Entfernungen hin. Und wenn sie nicht halten, dann spüre ich die Einsamkeit in Berlin und denke Dinge, die ich an glücklicheren Tagen nicht denke.

    Obwohl ich von mir selbst keine Bilder ins Netz stelle und auch keine von meiner Familie, kommen hier jetzt doch noch zwei Familienmitglieder, denen das nicht schadet, “Kleiner Onkel” und eine von drei Kühen. Die hat keinen Namen, die heißt nur Kuh. Früher, als ich noch mitregiert habe, hatten alle Lebewesen bei uns einen Namen. Selbst die Kröte unter der Terasse. Die hieß Rosalie.

    Damit endet die Fotoserie auf diesem Blog und wir kehren zur klassischen Erscheinungsweise zurück.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    05 April 2010

    Ich spring da nicht drüber

    Ich vermisse meine Mitbewohnerin. Olga ist über Ostern für vierzehn Tage nach Moskau geflogen, zu ihrer Familie. Die ist total crazy, aber wir kommen sehr gut miteinander aus. Spülen, Putzen, Staubsaugen: das können wir beide nicht. Alle zwei Wochen wird gemeinsam geputzt. Wir stehen dann vor den Utensilien mit denen man üblicherweise saubermacht, Sachen wie Eimer und Putzmittel und Lappen und dieses ganze Zeug und lachen uns kaputt, weil wir im Grunde beide nichts damit anfangen können. Wir schütten das dann alles auf einen Haufen und hoffen, dass sich davon der Allgemeinzustand unserer Wohnung verbessert. Das ist ein Ausdruck von Hoffnungslosigkeit! Aber er bringt uns beide immer wieder zum Lachen. Manchmal kommt Olga in mein Zimmer, zieht sich aus, legt sich in mein Bett und schläft. Während ich am Rechner sitze und arbeite. Oder sie setzt sich auf meinen Schoß, schmiegt sich für ein paar Minuten eng an mich und geht dann wieder raus. Ohne ein Wort der Erklärung.

    Warum will ich eigentlich Schriftstellerin werden? Es gibt wirklich Jobs und Beschäftigungen, wo man mit einem Engagement wie ich es an den Tag lege, und manchmal auch an die Nacht, mehr Lorbeeren erntet als auf diesem Markt, zumal hier in Deutschland. Ich empfinde es gerade hier als schwierig, weil hier ganz klare Vorstellungen herrschen wie junge neue Literatur auszusehen hat. Dennoch will ich Schriftstellerin werden. Ich kann nichts anders. Ich will nichts anderes. Ich will nichts anderes können.

    Ich erinnere mich, ohne mich genau zu erinnern, dass ich einmal eine Geschichte gelesen habe, wo ein Autor seine Figur – in übertragenem Sinne – über etwas drüber springen lassen wollte. Er lässt sie über viele Seiten Anlauf nehmen. Er stellt es so dar, dass dieser Anlauf und dieser beabsichtigte Sprung ein zentrales Ereignis im Leben der Figur sind. Er lässt sie losrennen und schneller und schneller werden, er steigert sich in der Dramaturgie, und kurz vor der Hürde oder dem Absprung, die der Autor die ganze Zeit anvisiert und die er auch beschreibt, bremst die Figur ab. Sie bleibt einen Zentimeter davor stehen. „Ich spring da nicht drüber“, sagt sie. Sie dreht sich sozusagen um und wendet sich, indem sie stattdessen eine logische und erzählerische Grenze überspringt, direkt an den Autor: „Ich spring da nicht drüber“, sagt die Figur. Sie stellt in Frage, dass der Autor, sie, die Figur, überhaupt verstanden habe. „Mach ich nicht“, sagt sie und schüttelt den Kopf. Der Autor ist dann natürlich der Gelackmeierte. Jedenfalls war das in der Geschichte so. Er hat es im weiteren Verlauf der Geschichte nicht vermocht, der Figur seinen Willen aufzuzwingen (ich glaube das war Flann O`Brian).

    Abgesehen davon, dass hier etwas zur Sprache kommt, was wohl jeder Autor kennt: die Figuren entwickeln sich nicht wie beabsichtigt. Dann steht der Autor vor der Entscheidung, die Sache laufen zu lassen oder seine Macht auszuüben und der Figur etwas aufzuzwingen. Macht auszuüben! Macht über Figuren. Macht über die Ereignisse. Auch das ist ein Grund, warum ich Schriftstellerin werden will. Ich will Macht ausüben! Ich will den Text, die Figuren und die Ereignisse so bestimmen, dass sie allein nach meinem Willen sich ereignen. Ich will sie dirigieren. Ich will allerdings auch, wenn meine Figuren mir zu verstehen geben, dass sie über eine Hürde nicht drüber wollen oder können. Dann muss ich das Hürdentraining entsprechend anpassen oder aber einen andern Weg finden. Man kann seine Figur ja beispielsweise einfach außen rumgehen lassen und aus einer Geraden mit Hindernissen einen Parcours zum Slalomlaufen machen.

    Ich werde mich ans Olympische Komitee wenden und denen meinen Vorschlag unterbreiten. Es gibt verschiedene Wege eine bekannte Schriftstellerin zu werden, man muss sie nur ausprobieren. Man muss lediglich den Figuren seinen Willen aufzwingen. Auch den Figuren bei irgendwelchen Komitees. Ich werde den Sport revolutionieren. Habe ich mir eben vorgenommen. Marathon zum Beispiel. Sehr schöne Sportart. Aber so weit! Da gibt es doch sicher eine Abkürzung. Dass das Ziel immer erst am Ende ist, das halte ich ja sowieso für eine Fehlkonstruktion.

    Und mit diesen Worten zeige ich, wozu so eine Schriftstellerin in der Lage ist, nämlich weit, weit entfernte Dinge zueinander zu zwingen und einer Geschichte wie dieser hier eine ganz und gar unerwartete Wendung zu geben, indem ich das Schlusswort formuliere: merkt man mir an, dass ich meine Laufschuhe ausprobiert habe und nach einer Runde schon völlig fertig war?

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    27 März 2010

    Moderne Kommunikation

    Meine Mittagspause, vorgestern, ein Chat bei Facebook, mit Uhrzeiten.

    11:58 Nicolas: hallo
    11:58 Aléa: na, lange nichts gehört
    11:59 Nicolas: ja, geht‘s gut?
    11:59 Aléa: so lala
    11:59 Nicolas: nämlich?
    12:00 Aléa: ich sitze an einer Arbeit und komme nicht vorwärts; ist aber wichtig
    12:00 Nicolas: über Anerkennung? äh, Identität
    12:00 Aléa: wieso Anerkennung?, ah
    12:00 Nicolas: das hängt ja bisweilen zusammen
    12:01 Aléa: bisweilen hängt so einiges zusammen, nein über Wallace, ich schreibe einen Artikel, einen Essay
    12:01 Nicolas: aha, ich verstehe
    12:01Aléa: wie viel verstehst du? kannst du das für mich zu Ende schreiben?
    12:02 Nicolas: ich muss selber einen Artikel schreiben; aber ich muss erst noch anfangen, wenn ich im richtigen Gefühl eingelullt bin, dürfte das dann aber gehen. aber das mache ich irgendwann nachts. am Montag ist Abgabedatum
    12:02 Aléa: da hast du es gut, du kannst dir noch einbilden, dass es wer weiß wie gut laufen wird
    12:02 Nicolas: richtig, und ich werde von dieser Illusion nicht ablassen, bevor er fertig ist. das ist das Programm.
    12:03 Aléa: sehr gutes Programm, hatte ich aber auch!
    12:03 Nicolas: dieses Gefühl kann gesteigert werden, indem ich das beginnen weiter verzögere.
    12:04 Aléa: ja, bis Montagmorgen und dann möchte ich nicht mit dir tauschen
    12:04 Nicolas: ich höre auf mit Ratschlägen.
    12:05 Nicolas: sonst? Any news?
    12:05 Aléa: ich habe mich mit ANH getroffen, wie kennen uns von US, hatten uns aber noch nie gesehen, er hat etwas über das Treffen geschrieben ich auch und seither kann ich Schweinerein aus meinem Blog löschen.
    12:06 Nicolas ich habe es heute gelesen. du bist selber schuld.
    12:06 Aléa: Das war ein sehr nettes Treffen
    12:06 Nicolas: wobei man ja vorher nur begrenzt was wissen kann, also bist du vielleicht doch nicht selber schuld; ja, aber unter falschen Bedingungen
    12:07 Aléa: welche Bedingungen?
    12:07 Nicolas: wie du geschrieben hast; beide denken an ihre Blogs. wie du geschrieben hast; beide denken an ihre blogs.
    12:07 Aléa: ja, das stimmt, aber nicht nur!
    12:07 Nicolas: eben. das ist Masturbation ohne Masturbation.
    12:07 Aléa: aber Masturbation ist super!
    12:08 Nicolas: ja, aber nicht Masturbation ohne Masturbation.
    12:08 Aléa: das kann ich gar nicht, ich will Leute kennenlernen, die auch schreiben.
    12:09 Nicolas: es ist ein so tun als ob man Masturbieren würde, um eine Reaktion zu bekommen. aber wenn Masturbation gut ist, dann in Selbstvergessenheit.
    12:09 Aléa: zumindest kann ich mit ihm über Literatur reden
    12:09 Nicolas:  der typ weiss auch nicht viel mehr. allenfalls hat er kontakte.
    12:09 Aléa: aber ich glaube, das reden reicht dem nicht; er schreibt auf eine sehr eigene Weise
    12:10 Nicolas: ich habe nichts von ihm gelesen ich will dich da nicht bequatschen.
    12:10 Aléa: der schreibt nicht komisch, sondern eigensinnig, außerdem: ich bin ja schon groß!
    12:11 Nicolas: grösser als ich, vermutlich.
    12:11 Aléa: darauf achte ich nicht; eher find ich‘s gut. Ich mag es auf Männer herunterzuschauen! haha!
    12:11 Nicolas: kannst ja vorbeikommen. ich bin der scheue Typ, von dem du schreibst.
    12:11 Aléa: du hast das tatsächlich gelesen!
    12:12 Nicolas: jaja. ich habe mich auch nicht aufgeregt, aber das Ganze war schon etwas doof, der Anfang mit der Mitbewohnerin ist süss.
    12:12 Aléa: was war doof?
    12:12 Nicolas: aber ich verschwende meine Zeit ja auch. eben diese Bespiegelungen.
    12:13 Aléa: welche Bespiegelungen? Womit? Zeit meine ich. Ich verschwende nichts
    12:13 Nicolas: was ihr halt da inszeniert habt.
    12:14 Aléa: ich muss immer wissen was doof und was gut ist an meinen Sachen; war das eine Inszenierung?
    12:14 Nicolas: er hat ein zwei sehr gute Punkte in seinem Artikel. er schreibt, dass du ihn nicht aus seiner Inszeniertheit hinauslässt. und dass du erstaunlich stark an den Literaturbetrieb glaubst; zweiteres finde ich uninteressant. aber das jemanden nicht aus seiner Inszeniertheit herauslassen ist noch interessant.
    12:16 Aléa: ich glaube nicht an den Betrieb, aber an die Literatur, vielleicht nicht einmal das
    12:16 Nicolas: es deutet auch auf eine Schwäche seinerseits hin. wie gesagt, die Literaturbetriebsgeschichte interessiert mich nicht.
    12:17 Aléa: bin ich dran?
    12:17 Nicolas: ja.
    12:17 Aléa: o.k.
    12:17 Nicolas: ich will nicht nerven
    12:18 Aléa: wenn es eine Inszenierung war, dann war sie aber gelungen; finde ich; für mich war sie das; aber für mich war es auch keine Inszenierung
    12:19 Nicolas: ja, aber die Inszeniertheit ist ja der Punkt, nicht ob gut oder schlecht inszeniert wurde.
    12:19 Aléa: ich schicke dir mal eben ein Video, ich muss zur Toilette
    12:19 Nicolas: für die Inszenierung war früher, glaube ich, so etwas wie die gesellschaftliche Konvention zuständig. heute scheint sie sich zwischen der Idiosynkrasie der Leute abzuspielen.
    12:21 Aléa: vielleicht hast du recht, die Reaktionen der Leute auf seiner Seite sind jedenfalls interessant, ich lerne etwas daraus, ich weiß nur noch nicht was es ist; ich schreibe den Artikel zu Ende und dann kann ich endlich wieder an meinem Roman arbeiten; da freue mich drauf, wie Urlaub, nur besser; wie gefällt dir die Musik?
    12:24 Nicolas: ich bin nicht so ein Fan dieser Musik, aber die Klassiker sind schon schön.
    12:24 Aléa: welche Klassiker? Wann ist dein Umzug?
    12:25 Nicolas: Orbital; das waren ja so trip-hop Pioniere oder so, oder? mein Umzug ist Mitte April, es wird ein wahnsinniges Chaos.
    12:26 Aléa: ah, die kenne ich wieder nicht, ich kenne nur dieses Lied; wahnsinniges Chaos klingt gut, mir schreibt doch gerade jemand in meinem Blog: „sie sind echt ein Grund nicht mehr zu bloggen“; wieso schreibt der das?
    12:27 Nicolas: keine Ahnung. vielleicht solltest du mal in die Provinz.
    12:27 Aléa: da komme ich her!
    12:28 Nicolas: jaja, aber man muss ja mit geschärften Augen dahin zurück.
    12:28 Aléa: ich gehe im Sommer vielleicht für zwei Wochen nach Siebenbürgen. Ich muss mich erholen, glaube ich jedenfalls
    12:28 Nicolas: ich lese gerade Sein und Zeit von Heidegger. das ist ultra provinziell, aber zugleich sehr modern. ich finde es enorm reich.
    12:28 Aléa: mit geschärften Fingernägeln
    12:28 Nicolas: hmhm
    12:29 Aléa: ich finde Heidegger nicht gut, der Mann schreibt nicht gut
    12:29 Nicolas: aber er hat relativ gut gedacht
    12:29 Aléa: aber beim Aufschreiben hat‘s gehapert
    12:29 Nicolas: und er schreibt schon auch gut
    12:29 Aléa: ja, denken konnte er, er schreibt aber scheiße, haha
    12:30 Nicolas: nein nein.
    12:30 Aléa: sag mir eine gute Formulierung
    12:30 Nicolas: manchmal habe ich Lust, Leute (vornehmlich Frauen) zu mir zu locken und ihnen zu zeigen, wie die Dinge funktionieren
    12:30 Aléa: das ist von Heidegger?
    12:30 Nicolas: ach so, von Heidegger
    12:30 Aléa: ich meine die Formulierung, was willst du ihnen zu zeigen? Zeigen meine ich; im rumänischen wurde man den Infinitiv anders setzten, aber du kannst ja kein Rumänisch, du kannst ja nur dieses Heidegger-Deutsch, haha.
    12:31 Nicolas: nein nein. ich denke, manchmal kann es nicht so schwer sein, die Leute aus ihren fixen Ideen etwas zu lösen
    12:32 Aléa: Heidegger hatte fixe Ideen? dieser Typ bekommt jetzt eine Antwort von mir, so eine gepfefferte, wie nennt man das?
    12:32 Nicolas: vielleicht haben und sind wir ja mehr als unsere fixen Ideen
    12:32 Aléa: oder vielleicht auch eine freundliche, wer hat fixe Ideen?
    12:33 Nicolas: hallo?
    12:34 Aléa: hallo? wieso hallo? ich bin doch da, ich? habe ich fixe Ideen?
    12:34 Nicolas: ja klar
    12:34 Aléa: welche denn?
    12:34 Nicolas: ich natürlich auch, alle haben welche
    12:34 Aléa: der Typ schreibt schon wieder einen Kommentar in meinem Blog; ich habe keinen fixen Ideen, ich habe gute Ideen ich kann sie nur nicht umsetzen, nicht immer
    12:34 Nicolas: ich glaube bei dir ist es auch die Notwendigkeit, reagieren können zu müssen, haha; wie man sieht auch mit Erfolg reagieren können zu müssen. weil das war lustig. “Als geworfenes existierend bleibt das Dasein ständig hinter seinen Möglichkeiten zurück”. Das ist ein guter Satz. aber reden wir lieber über uns als über Heidegger
    12:36 Aléa: dass das Dasein hinter den Möglichkeiten zurückbleibt ist eine Phrase. Das wusste ich schon mit fünf, da wollte ich was haben und hab‘s nicht bekommen. Werfen muss man‘s dazu auch nicht, und auch das nicht geworfene Dasein ist zurückgeblieben, der schreibt eben schlecht.
    12:37 Nicolas: jaja. lassen wir Heidegger. das habe ich ja schon gesagt.
    12:37 Aléa: jetzt kommt Olga, die hat das Blog gelesen, dass ich sie pfählen wollte um zu überprüfen, ob sie noch lebt, ich krieg Ärger, nein, jetzt lacht sie, die andere Freundin ist übrigens Marie, die Schauspielerin, aber die wohnt nicht hier, mit der gehe ich sonntags Kuchen essen
    12:39 Nicolas: ich verstehe
    12:39 Aléa: bis zum nächsten Kuchen muss ich fertig sein mit meinem Artikel; was verstehst du?, ich schreibe dem Kommentator den Satz von Heidegger; vielleicht macht ihm das bloggen dann wieder mehr Spaß
    12:39 Nicolas: dass es die ist, mit der du sonntags Kuchen essen gehst. ja. schreib ihm das dazu.
    12:41 Aléa: gibt es eine Möglichkeit den Verlauf des Chats zu markieren und zu kopieren? erst diese Frage beantworten, dann eine eigene stellen
    12:42 Nicolas: redest du von unserem Chat?
    12:42 Aléa: erst diese Frage beantworten, dann eine eigene stellen!
    12:42 Nicolas: ja, es gibt diese Möglichkeit.
    12:43 Aléa: sehr schlau, ja ich rede von diesem hier, ich würds gerne einstellen in mein Blog, ich finds gut, mir gefällt das.
    12:43 Nicolas: ist erlaubt. ich maile ihn dir. du kannst es ja noch bearbeiten. der Anfang war besser als der Schluss.
    12:45 Aléa: ja, ich bearbeite die Rechtschreibung und schicke es dir auf jeden Fall vorher, ob du einverstanden bist; aber wenn ich den Chat schließe, sind die Nachrichten weg, oder?
    12:45 Nicolas: gut gut. dann kann ich noch geniale Eingebungen einarbeiten. ja. aber du kannst, wenn er noch geöffnet ist, alles markieren und dann copy pasten.
    12:46 Aléa: Strg + A funktioniert nicht
    12:47 Nicolas: nein, du musst über den ganzen Text drüberfahren, ich gehe kurz eine rauchen. bist du dann noch da?
    12:47 Aléa: ja klar, drüberfahren? kann ich deinen Namen angeben?
    12:55 Nicolas: mein Vorname ist okay
    12:55 Aléa: mit einer mail-adresse?
    12:55 Nicolas: nein
    12:55 Aléa: dann könntest du dich einmischen, wenn ein Kommentar kommt, ok.
    12:56 Nicolas: ich kann mich ja im Zweifelsfall anmelden, aber ich kommentiere eigentlich nicht in Blogs.
    12:56 Aléa: ein Mann von Grundsätzen; Wie denn? ach so als Kommentar natürlich.
    12:57 Nicolas: ja
    12:57 Aléa: klar; ist das in Ordnung, wenn ich jetzt aussteige? Mein Artikel wartet
    12:57 Nicolas: ja, ich muss eh baden
    12:58 Aléa: bade! fein
    12:58 Nicolas: mach‘s gut, liebes Torici
    12:58 Aléa: nein nicht fein, das Wort fein ist nicht fein, schön meine ich, also nicht schön
    12:58 Nicolas: doch, das ist okay
    12:58 Aléa: mach‘s auch gut, lieber Nici
    12:58 Nicolas: tust du mir einen Gefallen?
    12:58 Aléa: ja; absolut jeden; haha!
    12:58 Nicolas: liest Pünktchen und Anton von Kästner. lies
    12:58 Aléa: jawohl mache ich
    12:58 Nicolas: es gibt auch ein Bild dazu
    12:58 Aléa: kann man‘s mit Bild leichter verstehen?
    12:59 Nicolas: ich habe es neulich gepostet; bei meinen Fotos
    12:59 Aléa: ich schaus an, das Bild
    12:59 Nicolas: es sind erst zwei Bilder da, ah, du kennst die eh schon
    12:59 Aléa: ich erinnere mich sogar
    12:59 Nicolas: gut
    12:59 Aléa: es ist gelb.
    12:59 Nicolas: gut
    12:59 Aléa: das Buch, gelb, ist das ein Kinderbuch?
    12:59 Nicolas: unabhängig davon, lies das buch
    13:00 Aléa: ich lese es
    13:00 Nicolas: das ist in einer guten Stunde oder so zu machen
    13:00 Aléa: jawohl, bis bald
    13:00 Nicolas: du bekommst es antiquarisch sicher günstig, bis bald
    13:00 Aléa: ciao

    Vielen Dank an Nicolas für die Zustimmung zur Veröffentlichung!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    20 Februar 2010

    Kalbskopf und Schafskopf, einander gegenübersitzend

    Im April werde ich die re:publica besuchen. Das ist eine Veranstaltung bei der sich Blogger treffen. Auf deren Webseite gab‘s eine Diskussion um das Für und Wider von „Twitterwalls“. Das ist eine Leinwand im Hintergrund einer Podiumsdiskussion, wo die aktuellen Beiträge zu dieser Diskussion bei Twitter abgebildet werden. Man kann sich also durch das Formulieren von eigenen Tweeds in die Diskussion einmischen. Vielmehr in die Rezeption des Diskutierten, denn die Diskutanten auf dem Podium sehen diese Beiträge nicht. Ich habe mich auch eingemischt und hatte gleich das Gefühl, mit meiner ablehnenden Haltung eine etwas altbackene Position zu vertreten.

    Bei dieser Veranstaltung werden wohl einige Gegensätze aufeinanderstoßen. Ich spreche jetzt von mir selbst: Die Rumänin, die, wie man mir letztens sagte, „als eine Außenseiterin in einer Hochzivilisation zur intellektuellen Hochform aufläuft“ – mit Außenseiterin war ich gemeint und mit Hochzivilisation dieses Land -; die einer Rumänin, die auf die Deutsche trifft, die ich gleichermaßen bin; die Außenseiterin stößt auf die Hochkultur und die Literaturwissenschaftlerin, die das Lesen propagiert auf die Bloggerin, die im Internet surft. Und möglicherweise trifft auch die Surferin auf einige Hochleistungsschnellboote, mit 1000 PS unter der Motorhaube.

    Ich bin eine Leseratte und kann stunden- und tageweise auf Deck herumlungern, in der Hängematte liegen, im Mastbaum sitzen, irgendwo in der Takelage hängen und Hermann Melville „Moby-Dick oder Der Wal“ lesen. Ich sitze da und habe Zeit. Ich sitze den halben Tag mit einem Buch auf der Stelle und die einzige Handlung, die ich dabei vornehme, ist die des Umblätterns. Das ist ein geradezu dekadenter Umgang mit einem so flüchtigen Gut wie der Zeit. Und ein ähnlich dekadenter Umgang mit dem der Handlung. Ich weiß nicht, wo der Begriff der Handlung sich von dem der Untätigkeit zu scheiden beginnt, aber zehn Kilokalorien würde ich mal als Grenze bestimmen. Umblättern ist also noch keine Handlung.

    Beim Lesen erfahre ich nichts, außer dem, was im Buch steht. Die Buchdeckel sind die Grenzen dieser Welt. Das ist eine Scheibe, an deren Enden man ins Nichts hinunterfällt. Mehrdimensional hingegen ist das Internet, geradezu plastisch, eine Kugel von unendlicher Ausdehnung, hier und hier und hier . Ich schaue mir die Originaltexte an, kann sie herunterladen, ich kann von dort zu anderen Geistesgrößen des 19. Jahrhunderts weiterklicken oder zum WhaleWatchingWeb. Ich gelange von Insel zu Insel , von der abgelegendsten bewohnten Insel der Welt,  Tristan da Cunha, zu Galapagos und Darwin’s “The Origin of Species”, zu den Osterinseln; es geht in jede Richtung unendlich weiter.

    Büchern fehlt, was heute zum Informationsbegriff dazugehört: die freie Verfügbarkeit von möglichst vielen Informationen. Dabei spielt es offenbar nur eine untergeordnete Rolle, ob ich diese Informationen überhaupt aufnehmen kann. Ob ich sie brauche, ob ich, was sich dort findet, überhaupt wissen will. Informationen müssen „da“ sein, sie müssen abrufbar sein. Aber weiß ich, weil ich tausend andere Orte kenne, wo Informationen vorhanden sind, deswegen mehr? Oder muss ich einfach mehr Zeit fürs Filtern dieser Informationen aufwenden? Sind die Menschen mit all den Links zu Melville und Inseln und Walen belesener, gebildeter oder klüger oder in irgendeiner anderen Weise um eine Dimension reicher als jene, die einfach nur der sturen Linearität des Textes folgen?

    Eduard Kaeser hat dies in einem Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung beschrieben und mit dem schönen Begriff des „Cogitus interruptus“ bezeichnet: “Die Erosion der Aufmerksamkeit [...] ist im Grunde eine Erosion des erotischen Rumpfs unserer Kultur” heißt es in seinem Artikel. Die so verstandene Erotik ist vor allem eine der Anwesenheit und der Gegenwart. Kein Mensch hat Zeit all die Informationen zur Kenntnis zu nehmen, die ihm im Netz begegnen. Er schafft es vielleicht so gerade noch, sie alle anzuklicken. Wir können tausend Dinge zur selben Zeit tun. Wir wissen nur nicht mehr, welche es sind. Mit Sinnlichkeit hat das nur noch wenig zu tun. Jedenfalls nicht mit der Sinnlichkeit, an die ich denke. Aber vielleicht haben andere ja auch eine etwas abstraktere Auffassung davon.

    Ich jedenfalls empfinde es als eine Unverschämtheit, wenn mein Gegenüber, mitten im Gespräch mit mir, dieses abbricht, weil sein Telefon klingelt. Er redet immerhin mit mir und mutet mir zu, dass ich sein Gespräch abwarte. Ich warte dann in der Regel nicht länger als zwei Minuten. Wenn ich nicht erkennen kann, dass ich meinem Gesprächspartner wichtiger bin als sein Telefonat, beende ich meinerseits das Gespräch. Das Unverschämte ist für mich, dass das, was nicht da ist, wichtiger scheint, als das was da ist. Aber vielleicht ist diese Auffassung von Präsenz in einer Zeit, in der kaum noch etwas da ist – oder nahezu alles – eine stur konservative und überholte Auffassung. Vielleicht ist das eines der Grundannahmen der modernen Kommunikation, das alles gleichzeitig da ist. Und nicht nacheinander. Das Nacheinander erscheint uns beinahe wie eine Verarmung.

    Wir können es uns heute nicht leisten, nur noch eindimensional zu sein, nur noch ein Gespräch mit einem realen Gegenüber zu führen, nur noch Seiten umzublättern. Weil wie es uns nicht leisten können vom Telefon- und Datennetz abgeschnitten zu sein. Wir müssen unsere Fühler und Tentakel in vielen verschiedenen Dimensionen haben, weil die Informationen nicht mehr nur in einer Dimension zu haben sind. Vielleicht müssen wir auch solche Begriffe wie Konzentration und Aufmerksamkeit anders definieren. Vielleicht ist Konzentration heute Dezentration, weil konzentrierte Information nicht mehr der Wirklichkeit entspricht. Die Wahrheit ist nicht mehr die eine Nadel im Heuhaufen, sondern (die Menge aller) Nadeln in (allen) Heuhaufen.

    Schließlich verändert sich auch der Begriff der Aufmerksamkeit. Wir sind einander gegenüber nicht mehr aufmerksam. Das Gegenüber langweilt uns bereits bevor wir es kennen. Weil die Menge der Informationen (Links und Männer) uns davon abhält uns zu konzentrieren. Die möchte ich sehen, die einem anspruchsvollen Vortrag in einer Fremdsprache folgen kann, die Kommentare auf der Zwitterwall verfolgt, währenddessen einen Beitrag im eigenen Blog konzipiert und dann noch Kontakt mit ihrem Banknachbarn aufnimmt, weil sie den ziemlich nett findet und gerne einen Kaffee mit ihm trinken würde und ihn dann spontan anlächelt. Allein letzteres überfordert viele Geschlechtsgenossinen ja schon.

    Wir sind nur noch auf der Suche nach dem nächstspannenderen, besseren, abwechslungsreicheren und kennen, was wir vor uns haben, gar nicht. Weil wir womöglich, was wir vor uns haben, in gewisser Weise schon hinter uns haben. Wir scheinen manchmal gar nicht mehr zu wissen, was ein Gegenüber eigentlich ist. Wir reden ohne zugehört zu haben. Vielleicht liegt das alles im Kern daran, dass wir einander nichts mehr zu erzählen haben. Information, wie sehr sie sich auch anreichern mag, wird niemals zur Erzählung. Denn die Erzählung hat eine Dimension, die die Information nicht hat und nicht haben will: das Nacheinander.

    Ich freue mich sehr auf die re:publica. Ich freue mich auf die Ecke, in der die Anhänger der Erzählens sitzen. Die können mir da gerne den größten Unsinn erzählen. Vielleicht treffe ich da einen netten Typ, der mir erzählt, wie er im letzten Urlaub durch die Ägäis geschwommen ist und einen ausgewachsenen Leviathan mit bloßen Händen hat erwürgen müssen. Ich werde ihm das abnehmen. Ich werde ihm gebannt lauschen und seinen tolldreisten Lügen eher Glauben schenken als jenen Typen, die mir mit ihren tausend Links zu Schnellbooten imponieren wollen.

    Wie gesagt, da werden wohl unterschiedliche Positionen aufeinander treffen. Ich hoffe, dass es richtig kracht. Ich mag Zusammenstöße. Ich mag eruptive Ereignisse. Nicht, dass das so läuft wie bei Melville, wo Schafskopf und Kalbskopf einander gegenübersitzen:

    „Wie jeder weiß, ernährt sich manch junger Stutzer unter den Epikureern unentwegt von Kalbsbries und verschafft sich dadurch nach und nach selbst ein bisschen Hirn, wodurch er schließlich sogar in der Lage ist, einen Kalbskopf und seinen eigenen Schafskopf auseinanderzuhalten, was in der Tat ungewöhnliches Unterscheidungsvermögen erfordert. Das ist auch der Grund, warum es kaum einen traurigeren Anblick gibt, als einen jungen Stutzer vor einem verständig dreinblickenden Kalbskopf sitzen zu sehen. Der Kopf schaut ihn gleichsam vorwurfsvoll an, als wollte er sagen: „Et tu, Brute“

    (Herman Melville, „Moby-Dick oder Der Wal“, Carl Hanser Verlag, 2001, Seite 477)

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    03 Januar 2010

    Das Kronos Projekt

    Die längste Zugfahrt der Welt: das Kronos Projekt. Ich enthalte mich zum großen Teil eigener Worte und greife auf Texte zurück, die das (künstlerische) Projekt selbst zur Verfügung stellt.

    Ende der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhundert begonnen, gibt es Hinweise darauf, dass das Experiment noch heute andauert. Die ersten Versuche haben etwas Mitte der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts stattgefunden. Versuche mit sogenannten antichronischen Vehikeln, die wahrscheinlich auf dem Gelände der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt ausgeführt worden.

    Von der Öffentlichkeit abgeschirmt, da man wohl die Beunruhigung der Berliner Bevölkerung befürchtete als auch aus Erwägungen der Rüstungsindustrie wurden die unterirdischen Tunnelanlagen der Berliner U-Bahn, in der Nähe der U-Bahnstation Rathaus Steglitz genutzt. Aus Kostengründen wurden alte Tunnelanlagen der bis heute nicht realisierten U-10 genutzt, als Trajekt wurde auf einen gebräuchlichen U-Bahnwaggon zurückgegriffen, der entsprechend aufwändig umgebaut wurde:

    „Der Wagen wurde verkürzt und elektrisch hermetisch abgeschlossen, d.h. er funktionierte nach dem Prinzip eines doppelt gesicherten Faradayschen Käfigs. Fenster wurden entfernt und mit Eisen-Asbest-Verbundplatten verschlossen. Lediglich vorn befand sich eine mit einem Drehverschluß versehene Einstiegsluke, die nur von außen zu öffnen war. Der gesamte Wagen war mit einem lichtabsorbierenden schwarzen Teer-Lithium-Anstrich versehen. An Stelle der Räder wurden paddelartige Excenter montiert, die für eine annähernd in der Form einer Sinuskurve verlaufende Bewegung sorgten. Angetrieben wurden diese durch einen Synchronmotor, der wiederum primär durch damals gänzlich neuartige Radium-Isotopen-Batterien gespeist wurden. Offensichtlich wurde aber auch bereits eine sekundäre Energieversorgung mittels sogenannter induktiver Lorentz-Transformatoren (elektrodynamische Zug-Druck-Pumpen) installiert.”

    Der geplante Versuch wurden mit Freiwilligen besetzt. Den Insassen war, und ist es bis heute, nicht möglich Einfluss auf den Verlauf des Experimentes zu nehmen.

    Die Wirkungsweise des Kronos-Gerätes bestand darin, einen Körper mit einer großen Masse in eine gleichförmige, vertikal schwingende und asymptotisch gegen null gehende Bewegung zu versetzen.

    „Die Bewegung des Körpermittelpunktes, wo sich der sogenannte Resonator (ein mit etwa 105 Kilogramm Quecksilber gefüllter Zylinder aus hochreinem Kupfer mit Osmium-Versiegelung) befand, entsprach dabei der einer epsilon-verzerrten Sinuskurve. Die Anfangsgeschwindigkeit des Gerätes betrug lediglich 4 mm pro Tag. Durch ein komplexes Rückkopplungsverfahren nach dem Phasenverschiebungsindex des Bode-Diagramms sollte die Geschwindigkeit dem quantenphysikalischen Resonanzverhalten des Higgs-Feldes automatisch angepaßt werden. Um eine Resonzkatastrophe zu vermeiden, mußte durch eine Verzögerungs-Entkopplung die resultierende entzerrte Geschwindigkeit um den Faktor 0,000034 verändert werden.
    Die nach einer bestimmten Zeit diskret durch spontane Symmetriebrechung auftretenden Interferenzen mit dem Higgs-Feld führen zu einer lokalen Verkrümmung des Raum-Zeit-Kontinuums. Es kommt zu einer Veränderung der Lagrange-Dichte der globalen Dimensionalität und in dessen direkter Konsequenz zu einer signifikanten stabilen Abweichung von der Realzeitachse. Dieser Effekt, der auch bei Geschwindigkeiten nahe der Lichtgeschwindigkeit eintritt, hier aber enorme Energiemengen benötigt, führt innerhalb der bewegten Entität quasi zu einer Verlangsamung des Zeitablaufs bis hin zum Zeitstillstand. Daneben verringert sich die lokale Masse der bewegten Objekte bis gegen null, da die Trägheitspartikel keine Reibungsverluste mehr aufweisen. Möglicherweise wird sogar durch Bosonen-stabilisiertes Flatterverhalten eine Umkehr des Zeitpfeils ermöglicht, dies wurde im Kronos-Gerät aber primär nicht angestrebt. Aus der Menge des verwandten Quecksilbers und der Nullgeschwindigkeit läßt sich ein interpolierter Verlangsamungsfaktor von F=112.000 ableiten.”

    Da das Kronos Gerät bis heute nicht aufgefunden wurde, wird vermutet, dass es noch immer unterwegs sein könnte.

    „Dazu existieren heute 3 verschiedene Erklärungsmodelle. Einmal wird vermutet, daß sich das Gerät optisch um den Verlangsamungsfaktor F=112.000 zusammengezogen hat und damit nur noch eine Stärke von etwa 0,05 mm in Längsrichtung aufweist. Die zweite Theorie basiert ebenfalls auf einer Längenänderung, geht jedoch von einer entsprechenden Verlängerung um den Faktor F, einhergehend mit einer gleichzeitigen optischen Verdünnung, aus. Das würde bedeuten, daß das Gerät für Außenstehende eine Länge von etwa 1.200 km hätte, jedoch aus einer extrem verdünnten, quasi ätherischen Substanz bestünde. Die dritte Theorie, der geometrische Ansatz, geht davon aus, daß sich das Gerät in einem verzerrten Raum-Zeit-Kontinuum sich praktisch hinter dem Raum-Zeit-Horizont befindet und deshalb nicht sichtbar ist.”

    „Nachdem das Projekt ohne öffentliche Verlautbarung wohl Mitte April 1926 gestartet wurde, sollen die entsprechenden Tunnelsegmente versiegelt worden sein. Da sich bereits 22 Minuten nach Beginn des Experimentes die für Zeitdilatationen typischen auratischen Lichterscheinungen an den Ableitungsbolzen zeigten, konnte von einem erfolgreichen Start des Vorhabens ausgegangen werden. Vorgesehen war es, den Großversuch über einen Zeitraum von 10 Jahren laufen zu lassen. Nach dem berechneten Verlangsamungsfaktor F sollte dann für die Probanden erst eine reichliche Stunde vergangen sein. In regelmäßigen Zeitabständen wurde versucht, einen akustischen Fernkontakt zu den Probanden herzustellen. Während in den ersten Minuten des Versuchs noch artikulierte Laute vernehmbar waren, konnte man später nur mittels komplexer Tonbeschleunigungsverfahren verzerrte Lebenszeichen empfangen. Die Arbeitsgruppe “Entschleunigungsbahn Steglitz” wurde nach dem Beginn des Experimentes stark reduziert. Durch personelle Fluktuation und Etateinschränkungen im Zuge der wirtschaftlichen Notlage Ende der 20er Jahre wurde die wissenschaftliche Begleitung des Projekts weiter eingeschränkt und schließlich im Zuge der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 als ein Produkt der diffamierten sogenannten “jüdischen” Physik Einsteins eingestellt. Es darf jedoch vermutet werden, daß es der verkleinerten Arbeitsgruppe noch bis 1932 gelang, eine externe sekundäre Energieversorgung entlang der Versuchsstrecke zu vervollständigen. Diese basierte auf induktionsgepumpten Druck-Zug-Adaptern, welche aus Gründen der Praktikabilität in den heute als U-Bahnhöfen genutzten Stationen Rathaus Steglitz und Schloßstraße installiert worden. Mit diesen Geräten, die an das energetische Netz der Berliner U-Bahn angeschlossen waren, war es technisch so möglich, den Ablauf des Kronos-Projekts autonom zu gewährleisten (bei kurzzeitigen Ausfällen greift das System automatisch auf die eigenen Radio-Isotopen-Batterien zurück). Wenn man bedenkt, daß das Berliner U-Bahnstromnetz selbst während schwerer Bombardierungen und im Endkampf um Berlin 1945 nur sehr geringe Ausfälle zu verzeichnen hatte, muß man davon ausgehen, daß die Energieversorgung des Kronos-Gerätes permanent gewährleistet war und ist. Durch das Heereswaffenamt gab es 1943 einen dokumentierten Versuch (Anlage eines “Kennblattes”), auf das Projekt zurückzugreifen und eine eventuelle militärische oder politische Nutzung in Erwägung zu ziehen. Es sind aber keine diesbezüglichen Konsequenzen oder Entwicklungen bekannt. Nach der Besetzung Berlins durch die Rote Armee im April 1945 suchte eine Arbeitsgruppe des NKWD unter Major J. S. Smertschinsky intensiv nach dem Verbleib des Gerätes. Kenntnis hatte die sowjetische Seite wahrscheinlich, wie weiter oben bereits angedeutet, durch den früh in die Vorbereitung des Projekts involvierten späteren Generals von Niedermayer, der 1948 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft verstarb. Darüber hinaus gab es wohl mehrfach Berichte von Angehörigen des sowjetischen 6. Garde-Panzerkorps, welches in Wilmersdorf / Steglitz in nördlicher Richtung angriff, über eigentümliche bläuliche Lichterscheinungen an Panzerkanonen, worauf die Soldaten den Einsatz neuartiger deutscher Strahlenwaffen vermuteten.
    Obwohl seitens der Sowjetbehörden einiger Aufwand betrieben wurde, konnte das Kronos-Gerät weder gefunden noch geborgen werden. Die im Juli 1945 in den Berliner Südwesten einrückenden US-amerikanische Truppen zeigten kein Interesse an Nachforschungen zum Kronos-Gerät. Durch die Notlage der Nachkriegslage und den Tod zahlreicher in die Entwicklung des Projekts beteiligter Personen geriet das Projekt nun immer mehr in Vergessenheit.”

    In diesem Video ist die Entscheunigungsbahn zu sehen, wie sie (möglicherweise) seit vielen Jahren im Berliner Untergrund unterwegs ist.

    Es handelt sich hierbei um ein künstlerisches Porjekt, an dem man wunderbar die Vermischung von Realität und Fiktion beobachten kann. Oder auch nicht beobachten kann. Sondern nur vermuten. Ahnen. Argwöhnen.

    Hier.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    29 November 2009

    Vier Äpfel

    (Diese Rezension ist zuerst in www.literaturkritik.de erschienen)

    Warenemotionen und wahre Emotionen

    Wie sich David Wagner einmal im Supermarkt an Marcel Proust vergreift

    Die Zeitvorstellung in der westlichen Hemisphäre teilt sich in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Jede narrative Erzählung muss, was immer sie im Schilde führt, in irgendeiner Weise eine Gestaltung dieser temporalen Dimensionen aufweisen. Eine Erzählung ohne Zeitbezug, ohne Verortung der Handlung und der Handelnden innerhalb dieses triangulären Gefüges scheint undenkbar.

    Die Handlung von David Wagners neuem Roman „Vier Äpfel” ist sehr übersichtlich. Der Text ist unterteilt in 144 kleine und kleinste Kapitel. Ein Mann betritt einen Supermarkt, schlendert durch die Gänge, legt einige Lebensmittel in seinen Einkaufswagen, schaut sich um, verweilt, assoziiert, erinnert und verlässt den Ort schließlich wieder.

    David Wagner erzählt die Geschichte dieses Mannes aus der Ichperspektive und in der Gegenwart. Im Supermarkt zwischen eigenem Einkaufszettel und Gesamtsortiment, zwischen Käsestand und Kühltheke, wird die Welt der Waren beschrieben. Da ist von Falzen, Blistern und Holmen die Rede, von Teigrohlingen und Gefriergut. Der Mann versucht politisch und ökologisch korrekt einzukaufen. Er macht sich Gedanken über kohlendioxidneutrale und genveränderte Lebensmittel. Dazwischen liegen passagenweise Erinnerungen an Produkte, die es in seiner Kindheit schon gab. So entsteht im Supermarkt des 21. Jahrhunderts, in der Zeitrechnung des convenience food, ein Hauch Nostalgie, wo Erinnerungen an die ursprüngliche Form der Lebensmittel verbannt sind. Eine Zeit, in der man kaum noch weiß, dass Apfelmus aus Äpfeln und Kartoffelpüree aus Kartoffeln ist, und für die das eine ein Produkt aus dem Glas und das andere eines aus der Tüte ist. Hier wird von einer Kindheit in der Bundesrepublik Deutschland erzählt, die wohl als prototypisch gelten kann, mit Einkäufen im Tante-Emma-Laden und einer Großmutter mit allerlei Eingemachtem im Keller, mit Milchseen, Mohrenkopfbrötchen und Mäusespeck.

    Dazu kontrastierend wird ein Supermarkt der Zukunft vorgeführt, in der ein „digitaler Einkaufsassistent mit Navigationsfunktion” durch Datenanalyse bereits verbrauchte mit noch vorhandenen Waren im Haushalt vergleicht und Einkäufe ohne eigene Beteiligung vonstatten gehen. Nahezu ohne eigene Beteiligung, denn durch Handschweißanalyse, reagiert der Einkaufswagen auch auf die emotionalen Befindlichkeiten des Kunden und steuert dann selbständig die entsprechenden Waren an. Emotionen in dieser Zukunft sind Warenemotionen, keine wahren Emotionen.

    Dieses Beschreiben einer alltäglichen Situation im Supermarkt, das kann David Wagner richtig gut. Er kennt sich aus in der Welt der Dinge, wo alles und jedes einen Namen hat. Alles, außer ihm selbst, dem Mann, dem Einkäufer, dem Kunden oder dem Protagonisten. Dabei ist der Name das erste, was ein Mensch im Leben bekommt, der erste Schritt auf dem Weg zur Individualität. Selbst L., seine Exfrau, ist da weiter. Hier ist immerhin der erste Schritt getan, sie hat eine Abbreviatur (L., sprich: elle – frz. sie), ein Pronomen, das als Geschlechterzuweisung herhalten kann, aber ebenfalls noch keine Individualisierung bedeutet.

    „Hör bitte auf, mich zu lieben. Ich liebe jetzt einen anderen”, sagt L. bei der Trennung. Wir erhalten keine Informationen über die Gründe dafür und der Mann fragt sich auch nicht danach. Er steht vor den Tiefkühltruhen und meditiert „Küsse aber, denke ich, lassen sich nicht einfrieren, das unterscheidet sie von Himbeeren.” Tiefergehend sind seine Erkenntnisse in der Regel nicht. Die Erinnerungen an L., an die gemeinsame Zeit oder an die eigene Kindheit, das ist alles arrangiert wie in einem Regal eines Supermarkts: er kann zugreifen oder vorübergehen. Er kann das Etikett betrachten oder das Haltbarkeitsdatum ablesen. Aber er kann keine Umsortierung vornehmen, er kann die Dinge nicht neu arrangieren.

    Bisweilen schlägt noch ein anderer Ton durch. An der Fleischtheke hört er sich ein Stück Menschenfleisch bestellen, gut abgehangen. Einmal stellt er sich vor, er hätte eine Frau, nicht irgendeine, sondern eine richtige, eine mit Orgasmus, die ihm seinen Namen verrät, denn „ich hätte doch gerne gewußt, wie ich heiße und wer ich eigentlich bin.” Dann heißt es sogar: „Und der Tod, so kommt‘s mir vor, schiebt seinen Einkaufswagen neben mir. Und legt die Leben, die er nimmt, hinein. Und an der Kasse muss er nicht bezahlen.”

    Solche Sätze sind Solitäre. Sie fallen aus dem Fluss dieser Geschichte und aus ihrer Diktion völlig heraus. Was ebenfalls herausfällt, sind die Fußnoten. Üblicherweise dienen Anmerkungen in wissenschaftlicher Prosa den Quellenangabe und Querverweisen. Es gibt in fiktiven Texten durchaus die Möglichkeit zum Subtext, ein Jenseits, ein unterhalb der Gürtellinie. Was sich jedoch in den Fußnoten findet, wäre ohne Weiteres in den Textfluss zu integrieren gewesen. Hier scheint womöglich der Wunsch durch, dem Text eine Tiefe mitzugeben, die er nicht hat. Die er vielleicht auch gar nicht haben darf. Weil es der Figur von ihrer Anlage her schaden würde. Wagner führt uns ein auf die Hoffnung reduziertes Leben vor, dass irgendwo in den Gängen des Marktes und des Leben einmal etwas passieren könnte. Dieser Mann ist durchaus auf der Suche nach einem Sinn in seinem Leben. Er reflektiert seine Situation „Ich schalte Nahaufnahme hinter Nahaufnahme, um nur ja nie ein Panorama zu sehen.” Er fällt jedoch jedes Mal wieder zurück in die banale Warenkunde, in eine Welt der homogenisierten und pasteurisierten Produkte. Diese halbherzige Suche seiner Figur sieht manchmal so aus, als suche Wagner selbst nach einem Sinn für sie.

    Die Geschichte könnte ohne Komplikationen auch umgekehrt erzählt werden, mit dem Hinausgehen beginnend und dem Hereinkommen endend. Die Figur ist in einer Gegenwart gefangen, die im Grunde nirgends herkommt und auch nirgends hinführt. Weil die beiden Extensionen, weil Zukunft und Vergangenheit sich nicht fruchtbar an ihr reiben, ist der Gegenwart jede Tiefenschärfe genommen. Was David Wagner beschreibt, ist eine Teilnahmslosigkeit, die an Trostlosigkeit grenzt. Wir können das als Diagnose einer verdinglichten Gesellschaft lesen, die neben der Oberfläche keine anderen Qualitäten mehr aufweist, die keine Tiefe mehr hat, höchstens eine Verpackung.

    Die Anspielungen auf Märchen lassen sich durchaus, die auf Auschwitz und Rumänien hingegen kaum sinnvoll einordnen. Warum sich der Autor den Doyen der Erinnerungsliteratur, warum Wagner sich gerade Proust und „A la Recherche du temps perdu” als Paten wählt, bleibt unverständlich. Denn gerade von Erinnerungen, dem großen Thema Marcels, versteht sein namensloser Wahlverwandter wenig.

    Ich kann die hier vorgeführte Erzählhaltung nur als Karikatur empfinden. Als Karikatur eines Individuums, das nur mit sehr eingeschränkten Möglichkeiten zur Reflexion ausgestattet ist. Ich unterstelle, dass der Autor dies beabsichtigt hat. Denn im anderen Fall wäre das Buch eine Mogelpackung und dies hier ein Verriss.

    David Wagner
    Vier Äpfel
    Rowohlt Verlag, Reinbeck bei Hamburg 2009
    159 Seiten, 17,90 €
    ISBN 978 3 498 07368 8

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    22 September 2009

    „Unendlicher Spass“ I

    Julian: hör mir bitte zu!

    Das Anstrengende beim Lesen vom Unendlichen Spaß ist, das, obwohl sich das Verhältnis des Lesestoffs permanent verändert, so, dass das noch zu Lesende weniger, das bereist Gelesene mehr wird, sich trotz dieser permanenten Verschiebung die Gesamtmenge des Lesestoffs, was in diesem Fall vor allem mit dem Wort Gesamtgewicht beschrieben werden kann, in keiner Weise verändert. Klartext: Wenn ich mit dem Ding fertig bin, habe ich Oberarme wie Schwarzenegger. Und dann ändert sich der Ton zwischen uns beiden (es fällt das Bitte in der Anrede weg!).

    Du musst den Unendlichen Spaß lesen. Ich schwanke! Ich schwanke zwischen euphorisiert und deprimiert, und zwar fortwährend. Ich schwanke von Kapitel zu Kapitel, innerhalb der Kapitel, ich schwanke innerhalb der Sätze und manchmal schwanke ich sogar innerhalb einzelner Worte. Ich bin hin- und hergerissen, zwischen Lach- und Heulkrämpfen. Heulen ist aber gerade im Übergewicht. Weil ich auch dann heule, wenn mir eigentlich zum Lachen zumute ist. Umgekehrt passiert‘s aber nicht.

    Hier geht’s um Mathematisierung von Tennis:

    „Und Schtitt, der in formaler Mathematik ungefähr so bewandert ist wie ein taiwanischer Kindergärtner, wusste dessen ungeachtet etwas, das Hopman, van der Meer und Bollettieri entgangen sein dürfte: dass das Lokalisieren von Schönheit, Kunst, Magie, Vollendung und Wegen zu Rang und Sieg im weitschweifeigen Fluss eines Tennisspiels keine fraktale Frage der Reduktion von Chaos auf Muster ist. Spürte intuitiv, dass es überhaupt keine Frage der Reduktion war, sondern vielmehr – perverserweise – eine der Expansion, des aleatorischen Flatterns unkontrollierten, metastasierenden Wucherns – jeder gut geschlagene Ball erlaubte n mögliche Reaktionen, diese wiedrum erlaubten 2 hoch n mögliche Reaktionen und so weiter bis in ein, wie Incandenza es gegenüber jedem formulieren würde, der in seinen beiden Disziplinen beschlagen wäre, cantorianischen Kontinuum der Unendlichkeiten möglicher Bewegungen, cantorianisch und schön, weil infoliiert, inkludiert, diese diagnatische Unendlichkeit der Unendlichkeiten von Wahl und Ausführung, mathematisch unkontrolliert, aber menschlich inkludiert, eingegrenzt von Talent und Imagination bei Ich und Gegner, auf sich selbst zurückgekrümmt durch die inkludierenden Grenzen von Geschick und Imagination, die den einen Spieler schließlich zu Fall brachten, beide vom Siegen abhielten und schließlich ein Spiel schufen, diese Grenzen des Ichs.”

    Der Anfang dieser Stelle, dass ein Chaos, das sich auf ein Muster reduzieren lässt, bereits kein Chaos mehr ist, weil Chaos jedwede Vorhersehbarkeit und Regelmäßigkeit per se ausschließt, das finde ich sehr schön! Und die dem Ich gesetzten Grenzen von Geschick und Imagination, am Ende der Textstelle, auch das gefällt mir gut. Aber die Sache von cantorianischem Kontinuum bis diagnatischer Unendlichkeit, die verstehe ich nicht, also bring deinen Laptop mit!

    Ich weiß noch gar nicht, wie ich mit solchen Stellen umgehen soll: entweder ich arbeite mich in diese ganzen spezifischen Themen- und Wortfelder ein, und da gibt’s weiß Gott noch anderes als Fraktale Physik, oder ich belasse es einem oberflächlichen Verständnis und lese einfach so drüber, in der Hoffnung, das reicht irgendwie aus. Aber wenn man einmal anfängt mit dem Überlesen und der Hoffnung, es reiche aus, es reiche eben irgendwie so gerade aus, ja, was dann? Das Einarbeiten in die verschiedenen Themenfelder hilft einem aber auch nicht, wenn du mit fraktaler Geometrie und Quantenphysik durch bist, kommt gleich das Nächste, dann musst du dich in die Wirkweise von Medikamenten einarbeiten und in die Psychiatrie.

    Endlich mal wieder ein Buch, in dem mein Name vorkommt. Ich dachte schon, den kennt keiner mehr. Was für eine furchbare Vorstellung (du erinnerst dich an meinen Beitrag hier zu Gelotologie), langsam in die veralteten Worte abzurutschen und irgendwann ganz aus dem Lexikon heraus zu fallen. So weit darf es nicht kommen! Da bekomme ich nämlich das aleatorische Flattern.

    Dieser Wallace ist unfassbar respektlos. Und du weißt, wie sehr mir so etwas gefällt (in der Literatur wohlgemerkt) und dann wieder ausgesprochen sensibel und empfindsam. Entweder feuere ich den auch irgendwann gegen die Wand oder zur übersichtlichen Gruppe der richtig guten Sachen ist ein weiterer Vertreter hinzugekommen.

    Oder hör dir das hier, am anderen Ende des sprachlichen Kompetenzfeldes, nach Abschaffung der indirekten Rede.

    „Wenn sie zu Reginald seiner Mama geht, sagt sie, dann geht Reginald seine Mama zu Wardine ihrer Mama, und dann glaubt Wardine ihre Mama, Wardine ist am Rummachen mit Reginald. Wardine sagt, ihre Mama sagt, wenn Wardine einen Mann an ihr rummachen lässt, und sie ist noch keine sechzehn, dann schlägt sie Wardine tot.”

    Ich bin AUSLÄNDERIN! Ich dachte das Buch sei übersetzt worden!

    Hier der letzte Lachkrampf: Wallace bezeichnet eine Schwangerschaft als Chromosomenkrieg!

    Julian, sag deinem Mäc Kinsey, dass du dich nicht mehr für Optimierung von Arbeitsprozessen interessierst. Weil das einfach totlangweilig ist. Und dass du dich jetzt wieder den wirklich wichtigen Dingen im Leben zuwenden wirst. Dass deine Bewerbung ein Fehler war, ein grandioser Fehler, aber dass du eine Freundin hast, die dich wieder auf den Pfad der Tugend gebracht hat. Sag dem das! Mit stolzgeschwellter Brust musst du das formulieren. Streck ihm zum Abschied die Zunge raus! Und jetzt geh in die Buchhandlung und kauf dir diesen Ziegelstein. Wir treffen uns in einer Stunde am Märchenbrunnen zum Lesen. Es wird Zeit, dass du deinen Hintern mal wieder im Rhythmus der Literatur bewegst, mein lieber Freund!

    Und schalte endlich dein Telefon wieder ein. Das hier ist mein Blog und keine Nachrichtenzentrale für schwule Unternehmensberater, die sich in besseren Zeiten mal für Thomas Pynchon interessiert haben.

    Auf der anderen Seite: es gibt hier sowieso keine Leserinnen mehr. Ich habe gestern mit einer Frau aus dem Verlagswesen gesprochen, die sagte mir, Sibylle Berg hätte „unheimlich viele Anhängerinnen”. Nachdem ich ihr eine geknallt habe (der Frau Berg, meine ich), werden wahrscheinlich die wenigen Leserinnen, die ich hatte oder hätte haben können, allesamt mit Sack und Pack zu Sibylle Berg umgezogen sein. Wir beide sind hier sozusagen unter uns!

    Sibylle Berg, hat diese Frau gesagt, die im Übrigen sehr nett ist und bald ein Kind bekommt, habe einen sehr eigenen Ton! Also dieser Literaturbetrieb in diesem Land: Zuerst wird alles mit der Mähmaschine auf gleiche Höhe gekürzt, du bekommst dein Zeug wieder zurück – wie dieser Reinhard, von dem ich dir erzählt habe, der schreibt richtig gute Sachen, bekommt aber kaum etwas anderes zu hören, als dass das alles viel zu eigensinnig sei – und wenn‘s dann alles die gleiche Länge hat, loben sie dich, wenn du doch drüber hinaus wächst. Der Literaturbetrieb ist ein bisschen – wie heißt das in Mille Plateaus? – schizoid. Kapitalismus und Schizophrenie! Die Frage ist, ob eine Zensur aus kapitalistischen Erwägungen anders funktioniert als aus politischen. Ich weiß, dass sie moralisch anders zu bewerten ist, die Frage ist aber, ob sie deswegen auch eine andere Struktur hat.

    Du siehst, ich bin in der Verfassung zu streiten. Bring dir Hilfe mit! Bring auch das Brot und den Käse mit, den es in der vergangenen Woche bei dir gab. Und Bionade (Holunder!).

    Beeil dich! Sei pünktlich! Und grüß deine Mutter! Hihi!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    21 September 2009

    Lolita II

    Damit hatte ich nicht gerechnet, als ich vor einiger Zeit die ersten Zeilen aus Vladimir Nabokovs „Lolita” kommentarlos hierherstellte, dass ich noch etwas dazu sagen will. Ich kenne einiges von Nabokov und war immer angetan. Jedenfalls habe ich in Erinnerung, angetan gewesen zu sein. Da ich viel lese, vergesse ich auch viel. Mindestens ebenso viel wie ich lese. Vielleicht euch ein kleines bisschen mehr. Da ich nicht gut im Rechnen bin, halte ich‘s nicht so genau nach. Es ist ein rein und raus in meinem Kopf. Das fühlt sich auch ganz gut an. Ich glaube nicht, dass es sich besser anfühlte, wenn es immer nur rein ginge.

    Jetzt habe ich ein paar Tage lang meine unteren Extremitäten baumeln lassen und mit den oberen das Buch gehalten. Und es dabei auch gelesen. Lolita scheint mir nicht Nabokovs bester Roman zu sein. Das Buch ist vor allem seiner chronique scandaleuse wegen bekannt. Dieses Thema – Pädophiler missbraucht Minderjährige – hat heute, so skandalös es ist, längst nicht mehr die Sprengkraft, die es im prüden Amerika der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hatte. Der Roman erinnert an Herman Melvilles „Moby Dick”: In beiden Büchern werden, neben dem eigentlichen Handlungsverlauf herlaufend, theoretische Exkurse zum jeweiligen Thema geboten. Der Grund, warum ich noch etwas zu dem Buch sage, ist dieser: Nabokov trifft nach dem ersten Teil des Textes, nach knapp der Hälfte seines Umfangs, eine folgenschwere Entscheidung, mit der er, wie ich die nächsten zweihundert Seiten meinte, seinen Roman regelrecht kaputt macht. Ein Konstruktionsfehler! Bis er ihn dann am Ende, auf den letzten Seiten, fulminant und dennoch absolut unspektakulär repariert. Aber der Reihe nach.

    Präludium: Das Buch ist die Autobiografie des pädophilen Humbert Humbert, der wegen Mordes im Gefängnis sitzt und dort seine Geschichte notiert. Das kurze Vorwort eines Herausgebers informiert uns, dass Humbert zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Buches bereits verstorben ist. Die letzten Zeilen teilen uns mit, dass dieser Text erst veröffentlich wird, wenn Lolita nicht mehr lebt. Beide Protagonisten sind also zum Zeitpunkt der Lektüre nicht mehr am Leben. Humberts Autobiografie entsteht zwischen seiner Verhaftung und dem Beginn seines Prozesses. Er will damit die Richter beeinflussen und für sich einnehmen. Also: seine Leser natürlich. Wir können uns von Anfang an auf einen hoch suggestiven Stil einstellen.

    Im ersten Teil beschreibt Humbert seine Neigung zu den von ihm verniedlichten “Nympchen”, wie er die 12-jährige Lolita (dabei belasse ich es, obwohl das Mädchen mit bürgerlichem Namen Dolores heißt) kennen lernt und ihre verwitwete Mutter heiratet. Die findet durch Humberts geheime Aufzeichnungen heraus, dass er in Wahrheit ihre Tochter begehrt und sie selbst lediglich als notwendiges Übel hinnimmt, um sich des Kindes zu bemächtigen. Die schockierte Frau schreibt sofort einige Briefe und wird, als sie die zum Briefkasten bringt, vom Auto überfahren. Lolita, die sich zu diesem Zeitpunkt im Ferienlager befindet, gerät dadurch in die Hände Humberts. Der behauptet dem Mädchen gegenüber, als er sie dort abholt, ihre Mutter liege im Krankenhaus. Nach der ersten gemeinsamen Nacht mit der 12-jährigen will Lolita ihre Mutter anrufen. Daraufhin sagt Humbert ihr die Wahrheit, dass die Mutter tot ist. Damit endet der erste Teil des Romans.

    Interludium: Autor und Autorin haben es immer mit den Erwartungen der Leserschaft zu tun. Zwischen Erwartung und Erfüllung dieser Erwartung liegt in der Regel ein Spalt. Die Autoren wissen das natürlich und ein erfahrener Autor, kann mit dieser Differenz spielen. Ein Spiel, das Nabokov exzellent beherrscht (man müsste sogar sagen: er hat ein nahezu kriminelles Gespür für die Erwartungen seiner Leser). Der Erwartungshorizont der hier aufgebaut wird, ist dieser: Wie reagiert die soeben missbrauchte Lolita darauf, dass die Mutter tot und sie selbst damit dem Täter hilflos ausgeliefert ist? Die Antwort auf diese Frage lautet: gar nicht. Vielmehr, und das ist der Grund, warum ich von einem folgenschweren Konstruktionsfehler gesprochen habe, Nabokov lässt sie nicht reagieren.

    Im zweiten Teil wird der Roman zum Roadmovie: die beiden fahren durch Amerika, von einem Motel ins nächste, von einer Nacht und von einem Geschlechtsakt zum nächsten. Nirgendwo bleibend, immer unterwegs auf einer Reise, für die, das weiß Humbert genau, nur ein Ende vorstellbar ist: das Kind wird in die Pubertät kommen und jeglichen erotischen Reiz für ihn verlieren. So kommt es dann auch und es kommt noch anders: er verliert Lolita an einen Konkurrenten, unglücklicherweise ebenfalls ein Pädophiler, den Humbert schließlich aufspürt und brutal hinrichtet. Die Entscheidung Nabokovs, den ersten Teil mit der Mitteilung des Todes der Mutter zu beenden und im zweiten Teil dann die Auswirkungen dieses Todes darzustellen, nämlich die totale Ausweglosigkeit Lolitas, die ein Kind ist und die auf Humbert angewiesen ist bedeutet hier: Es wird an keiner einzigen Stelle etwas darüber gesagt, was dieser Tod für Lolita bedeutet. Der Leser erfährt nichts über das Innenleben, das Gefühlsleben dieses Kindes. Es wird alles aus der Sichtweise Humberts geschildert: wie er sich das Mädchen sexuell gefügig macht, welche Gefahren, welche Ängste er ausstehen muss. Aber kein Wort über die Ängste des Mädchens. Und genau das will der Autor. Er beschreibt die absolute Uneinsehbarkeit einer Figur: Humbert kommt nie an das heran, was das Mädchen über ihn denkt. Er bekommt sie nie wirklich zu greifen. Und genau dies ist es, was der Leser nicht will: er will wissen, was in dem Mädchen vorgeht. Die Sicht des Täters ist dem Leser sogar unangenehm, und gerade eines solches Täters, wie Humbert einer ist, intelligent, gebildet und immer versucht die Richter und Leser auf seine Seite zu ziehen. Weil er sein Sensorium auf Abwehr eingestellt hat. Und mehr als zweihundert Seiten mit auf Abwehr eingestelltem Sensorium: das kann ganz schön an den Nerven zerren.

    Postludium: Erst auf den letzten Seiten wird der eigentlich Skandal dieses Buches deutlich, der von dem sogenannten Skandal überschattet wird. Der sogenannte Skandal ist der Missbrauch einer Minderjährigen, das ruinierte Leben eines Kindes, die später, nicht einmal volljährig, schwanger wird und über deren weiteres Schicksal sich das Buch züchtig zurückhält; aber man weiß heute, dass solche Schicksale nahezu irreparabel sind. Nach der Hinrichtung des Konkurrenten durch Humbert, die so maßlos brutal ausfällt, weil sich darin auch der Versuch der Hinrichtung seiner eigenen Neigungen widerspiegelt, auf den letzten Zeilen dieser Lebensgeschichte wird es dem Leser – wurde es mir jedenfalls – bewusst, und ich hatte eine Gänsehaut dabei: der eigentlich Skandal, der viel schwerer wiegt als der vorgebliche, ist, dass Humbert Lolita wirklich über alles geliebt hat. Nicht der Missbrauch ist der Skandal, sondern die Liebe.

    Das hätte Nabokov nicht besser einfädeln können. Da hat er mich doch mehr als zweihundert Seiten lang hinters Licht geführt, der alte Fuchs.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 September 2009

    Kultbücher I

    Ich weiß nicht, was ein Kultbuch ist. Dagegen gibt es eigentlich eine klassische Therapie: sich informieren. Will ich aber nicht. Ich könnte es stattdessen einfach definieren. Das wäre ein bisschen großmäuliger und sehr viel anstrengender. Will ich auch nicht. Ich plaudere also im Folgenden nur vor mich hin.

    Es gibt viele Aspiranten für Kultbücher, aber Kultbücher gibt es nur wenige. „Winnetou”, „Das Dschungelbuch”, „Der Struwelpeter”, „Der kleine Prinz” „Alice im Wunderland”, “Harry Potter” Tendenziell alles Kinderbücher, durch Jahre und Jahrzehnte hinweg gleichermaßen von Erwachsenen gelesen. Aber sind das Kultbücher? Wenn Dauer des Erfolges ein Kriterium ist, dann kommen als Anwärter vor allem die in Frage, die es schon seit Jahrhunderten gibt „Die göttliche Komödie”, „Das Dekamerone”, „Tausend und eine Nacht”, „Die Handschrift von Saragossa”. Die Höhe der Auflage und wie sie zustande kommt (im Jahr des Erscheinens, über Jahre und Jahrhunderte, in einem Land oder über den Globus verteilt) ist bei der Frage, ob ein Buch Kultstatus hat, ebenfalls unbedeutend. „Hundert Jahre Einsamkeit”: einer der bestverkauften Romane aller Zeiten und sein Autor, Gabriel García Márquez, ist einer der bekanntesten Existenzen auf diesem Planeten. Oder „Das Parfum” von Patrick Süskind ist wohl das bis heute meistgelesene Buch deutscher Sprache. Bücher, die außergewöhnlich gut beim Publikum angekommen sind. Beide sind meinem Dafürhalten nach keine Kultbücher.

    Selbst die in Deutschland hochheilige Riege aus Thomas Mann, Hermann Broch und Elias Canetti: keiner hat je ein Kultbuch geschrieben. Kult war eher Robert Musil, mit „Der Mann ohne Eigenschaften”, oder sogar noch eher Hans Henny Jahnn, „Fluss ohne Ufer”. Autoren, die etwas Neues probiert haben, neue Perspektiven, die alte Wege verlassen haben, die radikal anderes versucht haben. Und damit sicher auch gegen die Wand gefahren sind. Das spielt bei einem Kultbuch keine Rolle. Wenn andere Bücher sich verrennen und verkonstruieren, sind sie gescheitert, aber einem Kultbuch kann das nichts anhaben. Kultbuch war „Zettels Traum” von Arno Schmidt. Ich habe es nicht, ich habe es nicht gelesen, ich kenne keinen, der es hat, keinen, der es gelesen hat und ich glaube, all das gehört elementar zu dem Mythos dazu, der sich darum spinnt. Das Buch ist allein vom Umfang und Gewicht her unlesbar. Schmidt Adepten behaupten etwas von 7,6 Kilogramm, und damit ist das zumindest eine buchbinderische Herausforderung. Dagegen sind die 1, 5 kg vom Unendlichen Spaß eher als ein kleiner Scherz zu verstehen. Kaum ein Mensch hat wahrscheinlich Djuna Barnes „Nachtgewächs” gelesen, aber das war wohl ein Kultbuch. Ich glaube, dass „Tristam Shandy” von Laurence Stern ebenfalls eines war. Marcel Proust “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” ist natürlich ein Kultbuch. Auch – trotz oder wegen seines enormen Anspruchs – James Joyce, “Ulysses”. Oder war es doch eher “Finnegans Wake” und der “Ulysses” hat sich bloß besser verkauft?

    [Ich werde niemals wieder Listen machen, weil ich selbstverständlich ganz wichtige Bücher vergessen habe, und jetzt nachträglich einarbeiten muss: Goethes "Werther" war ein Kultbuch, selbstverständlich; und Aldous Huxley mit "Brave New World", Tolkien mit "Der Herr der Ringe"]

    Viele Kultbücher waren, vom Umsatz her betrachtet, wohl eher Katastrophen. Aber auch das katastrophale ist keine Voraussetzung für den Kultstatus. Ebenso wenig die literarische Qualität: „Clockwork Orange” von Antony Burgess war Kult. Auch die Unlesbarkeit ist kein Kriterium, Burgess ist heute beinahe nicht mehr lesbar, aber Joyce war es noch nie. Qualität ist ebenfalls kein Kriterium für den Kultstatus. Douglas Adams „Per Anhalter durch die Galaxis” ist Sciencefiction, oft nahe am Kitsch, war ein Kultbuch. Ich erzähle die Anfangssituation nach, aber ich erzähle recht frei.

    Hauptfiguren sind Ford Prefect und Arthur Dent. Letzterer liegt zu Beginn des Buches auf der Erde vor seinem Haus. Er liegt da, weil der vor ihm stehende Bulldozer sein Haus abreißen will. Es soll abgerissen werden, weil es einer Umgehungsstraße im Wege ist. Die Leute von der Stadtverwaltung können Arthurs Widerstand nicht verstehen. Die Unterlagen, die über den bevorstehenden Abriss Auskunft geben, liegen schließlich seit vier Wochen im Rathaus. Da er keinen Widerspruch eingelegt habe, wurde das als sein Einverständnis interpretiert. Arthurs Einwand, dass er nicht wusste, dass da Unterlagen zu finden sind, wollen die Leute von der Stadtverwaltung nicht akzeptieren. Dann kommt Arturs Freund Ford Prefect dazu und geht mit dem höchst erregten Arthur erst einmal ein Bier trinken. In dem folgenden Gespräch, redet Ford Prefect auf Arthur ein, dass das mit dem Haus nicht so wichtig sei. Arthur regt sich weiter auf und will wissen, wieso das nicht wichtig sei. Ford Prefect stellt sich als Bewohner eines anderen Sterns heraus und informiert Arthur darüber, dass der Planet Erde in einer Stunde gesprengt wird. Diese Information führt nun nicht dazu, dass Arthur sich beruhigt, ganz im Gegenteil. Ford Prefect erklärt ihm das folgendermaßen: Die Erde wird gesprengt, weil sie einer intergalaktischen Fernstraße Platz machen soll. Die entsprechenden Unterlagen dazu liegen zur Einsicht seit vierzigtausend Jahren auf Alpha Centauri. Die Tatsache, dass niemand gekommen sei und Widerspruch gegen die Sprengung eingelegt habe, wurde als Einverständnis gewertet. Und dann macht‘s auch schon „wummmm” und die beiden schaffen‘s mit Ach und Krach auf ein zufällig vorbeirauschendes Raumschiff und die eigentliche Geschichte geht los.

    Das Buch muss man nicht unbedingt lesen, weil es wirklich nicht die ganz große Literatur ist. Da sollte man lieber eines jener Bücher lesen, die am Kultstatus vorbeigerauscht sind, zum Beispiel „Die Blendung” von Canetti. Douglas Adams kann man auch als Film anschauen, eine zusammengeschnittene Fernsehserie von BBC, am besten im englischen Original, „The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy”, mit englischem Akzent und englischem Humor: komisch und klug, bisweilen zumindest, am besten im Kino mit einem englischen Bier und vielen anderen Leuten die ebenfalls die ganze Zeit über englischen Humor lachen und englisches Bier trinken. Hier gibt’s weitere Informationen zu der Serie von BBC.

    Und jetzt bin ich, nach einem langen und etwas verwinkelten Anlauf endlich dort, wo ich die ganze Zeit hin wollte: Frau Berg! Ich habe mich sofort nach meinem Ausrutscher entschuldigt. Und ich habe Ihnen mit meinem vorletzten Eintrag´die Gelegenheit zur Retourkutsche gegeben. Meine ersten Seiten haben hier gestanden. Da Sie keine Einwände formuliert haben, nehme ich an, dass Sie keine haben.

    Mit den Kultbüchern ist das schwierig. Ich vermute, dass sich überhaupt keine verlässlichen Aussagen darüber treffen lassen, ob ein Buch zum Kultbuch wird. Das Phänomen ist marktwirtschaftlich wohl auch zu vernachlässigen. Außer man ist ein Publikumsverlag und hat einen solchen Titel gerade im aktuellen Programm. Dann werden vermutlich alle anderen Titel vernachlässigt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    09 Juli 2009

    Die Wiederkehr der Mavala Shikongo

    Der bisweilen schwierige Übergang vom einen zum anderen in der Wüste Namibias

    Es ist der Autorin dieser Zeilen nicht ganz einsichtig, warum das Schreiben ein so hohes Ansehen genießt. Jeder der einmal einen Text verfasst hat, weiß, dass es sich dabei um keine anspruchsvolle Tätigkeit handelt. Vielmehr ist es ein Tun, das lediglich aus zwei Elementen besteht: Erstens muss einem etwas einfallen, das man dann, zweitens, aufschreibt.

    In 155 kurzen und kürzesten Kapiteln führt uns Peter Orner vom Anfang zum Ende seiner Erzählung. Larry Kaplanski kommt aus Amerika, Cincinnati, in die Wüste Namibias und tritt an einer Jungenschule in Goas eine Stelle als Hilfslehrer an. Gleich bei seiner Ankunft verliert er seinen Vornamen und den letzten Buchstaben seines Nachnamens und wird zu Kaplansk. Goas ist die ehemalige Farm eines Buren, der das Land der katholischen Kirche vermacht hat, die dort ein Jungeninternat einrichtet. Ein Dutzend Gebäude liegen am zentralen Platz, der, wir sind schließlich in Afrika, ein Fußballplatz ist: Schule und Schülerwohnheim, die Häuser der verheirateten Lehrer, das des Direktors und das der Junggesellen, eine Kirche und eine Bücherei.

    Da ist der Zimmernachbar Pohamba, der Oberlehrer Obadiah, dessen schrottreifer Datsun in der Wüste vergammelt und in dem er seine Nachmittage verbringt. Da sind Festus und Dekelidi und der Direktor und seine Frau, Miss Tuyeni. Die beiden sehen abends miteinander fern, obwohl sie keinen Empfang haben und vor einem schwarzen Bildschirm sitzen. „Miss Tuyeni lacht über etwas, das sie zu sehen glaubt.” Vor allem aber ist da Mavala Shikongo, die Schwägerin des Direktors, wie fast alle Erwachsenen an diesem Ort, von Beruf Lehrer. Alle Männer, „ob alleinstehend, geschieden oder die Scheidung herbeisehnend” verlieren bei ihrem Anblick den Kopf. Mavala, die Goas verlässt und drei Wochen später mit einem zweijährigen Kind zurückkehrt; Mavala, die mit ihren hochhackigen Schuhen durch die Wüste stöckelt; Mavala, die gegen die Buren gekämpft hat, eine Kalashnikov in siebzehn Sekunden auseinander nehmen kann und in der Kirche Orgel spielt; Mavala, die sich in Goas über die Maßen langweilt.

    Auch wenn’s drauf steht, es ist kein Roman. Es ist nicht einmal ein durchgängiger Text. Es sind Erzählpartikel. Im klassischen Sinne wird keine Geschichte erzählt, aber alle erzählen Geschichten. Vom Geist jenes Jungen der ertrunken ist und seither ans Lagerfeuer der Lebenden tritt oder von dem, der eine Kuh mit einem Taschenmesser schlachtet. Geschichten von der Dürre, von verhungernden Menschen und verdurstendem Vieh. Geschichten von der Gewalt. Und vor allem Geschichten vom Krieg.

    Der Krieg der Ahnen gegen die Kolonialherren und der Unabhängigkeitskrieg gegen Südafrika. Die Besiedlung durch die aus Südafrika stammenden Buren, die Voortrekker; die Christianisierung durch Missionare; der Aufstand der Herero im Jahr 1904; die Schlacht am Waterberg und die anschließende systematische Ausrottung der Herero durch den deutschen General Lothar von Trotha. Als in Berlin auffiel, dass seine Vorgehensweise nicht mit den Prinzipien der Kirche und der Menschlichkeit zu vereinbaren war, war es bereits zu spät. Von Trotha hatte das Volk der Herero, Krieger, Frauen und Kinder, in der Wüste verhungern und verdursten lassen. Nach dem ersten Weltkrieg wurde im Vertrag von Versailles die ehemalige deutsche Kolonie Mandatsgebiet des Völkerbundes, unter der Verwaltung von Südafrika, das im Zuge der aufkommenden Apartheid die Homelands und die Rassentrennung einführt. Von 1966 an kämpft die SWAPO gegen die Besatzung durch Südafrika. 1989 finden die ersten freien Wahlen statt und im Jahr darauf wird das Land in die Unabhängigkeit entlassen.

    Geschichte, die nicht in den Untiefen des vergangenen Jahrhunderts verschwunden ist, sondern höchst aktuell. Heidemarie Wieczorek-Zeul reist hundert Jahre nach dem Völkermord durch das Deutsche Reich nach Namibia und Thilo von Trotha entschuldigt sich erst 2007 für das durch seine Familie begangene Unrecht bei den Herero.

    Das ist eine sehr zurückgenommene Erzählweise, vielmehr eine Betrachtungsweise. Vorsichtig ist Orners Blick, als wolle er vermeiden durch eine allzu ungestüme Erzählweise etwas zu verändern oder zu zerstören. Der Autor hetzt uns nicht von einem Bild zum nächsten. Er hat Zeit für Beobachtungen. Man spürt die Hochachtung des Autors vor seinen Figuren – und vielleicht vor seiner eigenen Geschichte, die er hier gestaltet. Aus dieser Achtung heraus, wendet er den Blick des Lesers in eine andere Richtung, wenn Mavala und Kaplansk sich bei den Gräbern der Voortrekker treffen, in drückender Hitze der Siesta. Sie machen Liebe auf dem Grab Grietas. Das hat nichts obszönes, die Jungs aus der Schule machen auch Klimmzüge am Kreuz Christi und Obadiah pisst auf seinen soeben beerdigten Freund als eine Art Abschiedsgruß. Die Gräber sind einfach ein Ort, an dem die beiden ohne die anderen sein können. „Magst du dich setzen?”, fragt Mavala, als sie einander das erste Mal treffen. „Hier?”, “Warum nicht? Man sitzt sehr bequem auf diesen toten Buren.”

    Sie reden auch miteinander. Aber sie reden womöglich das Falsche. Auch wenn sie einander wiederholt dazu auffordern: „Rede.”, „Worüber?”, „Egal. Rede.”, „Mir fällt nichts ein. Null.”, „Was für ein Name ist Larry?”, „Französisch, glaube ich.”, „Bist du ein Franzose?”, „Nein.”, „Erzähl noch etwas.” Es bleibt bei solchen Belanglosigkeiten. Sie gebärden sich nicht wie Verliebte, machen kaum Zukunftspläne und als Kaplansk eine mögliche Hochzeit zwischen ihnen andeutet, fällt Mavala vor Lachen fast vom Grabstein.

    Dennoch schreibt Kaplansk an seine Mutter einen jener Briefe, mit denen Mütter von Söhnen immer rechnen müssen: „Mutter, es tut mir leid. Es gibt so vieles, was mir leid tut, und deshalb musst du begreifen, dass ich es noch mehr bedauere als üblich, Dir mitteilen zu müssen, dass ich, solange ich lebe, nie mehr einen Fuß nach Cincinnati, Ohio, setzen werde, nicht einmal einen eiskalten Zehennagel, und dies soll auch für meine Leiche gelten. Sei versichert, dass ich in guten Händen bin. Ihr Name lautet Mavala Shikongo.”

    Dieser Text berichtet vom Erzählen. Das ist der Bereich zwischen Wahrheit und Unwahrheit, zwischen Richtig und Falsch. Und am Übergang vom einen zum anderen steht die Erzählung. Die Erzählung, die die Wahrheit des Erzählten behauptet, sie aber schon nicht mehr ist.

    Wir dürfen vermuten, dass Wahrheit und Unwahrheit in einer Kultur, die stärker an die orale Tradition gebunden ist als die skripturalen Kulturen der westlichen Welt, eine andere Bedeutung zukommen, weil der Übergang vom einen zum anderen ein anderer ist. Der Übergang von der alten in eine neue Zeit. „Was macht er da?”, fragt Mavala als Pohamba wiederholt gegen die Wand klopft. „Er gibt Morsezeichen. Du warst doch im Krieg”, antwortet Kaplansk. „Wir haben Satellitentelefone benutzt” sagt Mavala.

    Diese westliche Kultur hat Afrika nicht nur die Schrift, das Repetiergewehr und das Satellitentelefon gebracht. Sondern auch jene Waffen, die wir überall im Buch finden, die modernsten, derer die westliche Welt sich bedient, um vermeintlich inferiore Kulturen zu unterwandern, zu infiltrieren und schließlich zu unterwerfen: Pepsi, Fanta und Twix.

    Die Geschichten werden in der Gegenwart oder in der Vergangenheit erzählt, in direkter oder in indirekter Rede, durch die Stimme eines Erzählers oder aus der Ichperspektive. Nur Mavala scheint die prädestinierte Ich-Perspektive nicht zu kennen. Sie bleibt rätselhaft. Und dann ist sie wieder verschwunden. Ohne Aussicht auf Rückkehr. Und auch hier wird, wie bei so vielen anderen Toden, nicht viel Aufhebens gemacht. Es gibt schlimmere Katastrophen, das ist jedenfalls Pohambas Meinung zu der Sache.

    Wir wissen nicht, wie lange Kaplansk auf Mavala gewartet oder warum er sie nicht gesucht hat. Irgendwann sitzt er, dem Brief an seine Mutter zum Trotz, in der Bibliothek von Cincinnati und liest in einem Geschichtsbuch über Namibia. „Ich denke an ihre Lippen und daran wie spröde sie waren, und an ihre Stimme, die rauer wurde, wenn sie Durst hatte. Ich versuchte, ihr das Wasser vorzuenthalten, damit sie länger so rau klang. Allein ihre Stimme, das schwöre ich, konnte einen Nachmittag langsamer verstreichen lassen.”

    Wer erzählt, erzählt ja nicht die Wahrheit. Er erzählt von ihrem Verlust. Zwischen Kaplansk und Mavala muss mehr geschehen sein als nur rauer, verschwitzter Sex. Sex und Liebe verhalten sich womöglich wie der Einfall und das Aufschreiben desselben. Jeder der schon einmal in das eine oder das andere involviert war, weiß: für sich genommen sind das zwei durchaus zu handhabende Umstände. Nur hapert es bisweilen am Übergang vom einen zum anderen. An diesem Übergang nun stehen die Worte. Worte, die einen gleichermaßen behindern oder befreien können. Peter Orner – und an seiner Seite der sensible Übersetzer Henning Ahrends – schreibt manchmal geradezu entfesselt.

    Peter Orner, Die Wiederkehr der Mavala Shikongo
    Carl Hanser Verlag, München 2008
    339 Seiten, 21,50 €
    ISBN 978-3-446-23060-6

    peter-orner-die-wiederkehr-der-mavala-shikongo1

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    05 Juli 2009

    Räusche, Süchte und Delirien

    Ich habe in der letzten Zeit die Lektüre vieler Bücher abgebrochen. Von Flächenbrand gar nicht erst zu reden, es springt nicht einmal ein winziger Funke über. Das vorhandene elektrische Potential brauche ich zur Enervierung meiner Armmuskulatur, um die Bücher mit zwei Fingern an einer Ecke anzufassen und mit leichtem Anflug von Ekel und Widerwillen aus dem Bett zu befördern. Am nächsten Morgen bekommen sie noch einen Tritt in den Hintern und dann wandern sie auf den Stapel im Flur und bei allernächster Gelegenheit ins Antiquariat. Ich will solche Schweinereien nicht in der Wohnung haben.

    Es gibt auch weit weniger vornehme Arten, sich von Büchern zu trennen als sie ins Antiquariat zu geben. Ich habe gehört, dass ein Leser der „Feuchtgebiete” ins Buch defäkiert und es dem Lektor derart kommentiert zurückgeschickt hat. Keine schöne, wahrscheinlich aber eine angemessene Reaktion. Ich hab’s nicht gelesen. Ich stand vor dem Büchertisch meines bevorzugten Dealers und habe an zwei oder drei Stellen hineingelesen. Dann habe ich mich vorsichtig umgesehen, wie das Taschendiebe bestimmt auch tun, ob mich etwa jemand ertappt hat und dann hab ich’s möglichst geräuschlos wieder auf den Stapel zurück gleiten lassen. Ich bin sehr interessiert an Literatur und an Sexualität. Aber mit solchen triefenden Avancen kriegt man mich nicht ins Bett.

    Warum gefällt mir Aravind Adiga mit „Der weisse Tiger” nicht? Der Titel stand weltweit in den Bestsellerlisten und hat Millionen Leser gefunden. Solche internationalen Bestseller lassen sich als gute Arbeit von Literaturscouts und Literaturagenten beschreiben; sie lassen sich auch als Rezeptionsphänomen beschreiben, aber durch beides sind sie nicht vollständig beschrieben. Dieses Buch muss eine Qualität besitzen, die ich nicht habe entdeckt können (und diese Qualität lässt sich nicht beschreiben mit dem Wort: Allgemeingeschmack. Der Tellkamp, der sicherlich sehr weit entfernt ist von dem Verdacht des Allgemeingeschmacks, hat hunderttausende Exemplare verkauft. Das lässt sich nicht einmal mit dem anderen großen Verdacht des Buchhandels erklären, nämlich Weihnachtsgeschenk). Oder ich habe einen Raubdruck abbekommen: als absehbar war, dass der Titel ein Erfolg wird, hat sich ein pfiffiger Schreiber hingesetzt und ungefähr dasselbe geschrieben wie der Adiga, irgendwie was mit Indien und mit reich und arm. Das lässt sich wahrscheinlich recht zügig runterschreiben. Dann hat er das Cover vom Adiga genommen und es den Buchhandlungen mit einer hübschen Kommission angeboten. Außerdem ist das Übersetzen ein mühseliges Geschäft. Und schließlich ist das selberschreiben von Bestsellern auch billiger als das Einkaufen derselben auf dem Markt: man spart die Lizenzgebühr, die in so einem Falle schon mal in die Hunderttausende gehen kann.

    Mir gefällt es nicht. Und zwar aus einem einzigen Grund. Der ist recht naheliegend und deswegen bin ich auch nicht sofort darauf gekommen. Es gefällt mir nicht, weil mir kein einziger Satz gefällt. Dieser Autor, ob Adiga selbst oder sein deutscher sub-skribent, liebt die Sprache nicht, er benutzt sie lediglich. Er begehrt sie nicht, er beschläft sie nur. Kein einziger schöner Satz, keine schöne Bemerkung, keine liebevolle Betrachtung, keine sensible Schilderung von Natur, keine empfindsame von Menschen. Da ist nur irgendeine belanglose Figur, die sich auf ebenso belanglose Weise Seite um Seite beklagt. Nach zwanzig Seiten und zweihundert Belanglosigkeiten weiß ich wie der Hase läuft. Ein Hase, der keine Haken schlägt, sondern nur stur geradeaus läuft.

    Oder Gerd Peter Eigner, „Die italienische Begeisterung”. Nach hundert solcher Sätze, konnte ich bei diesem hier einfach nicht mehr weiter: „Ich denke, es ist besser, ich wechsle das Thema.” (Wie wär’s mit: Ich denke, es ist besser das Thema zu wechseln. Ich wechsle besser das Thema. Es ist wohl besser, das Thema zu wechseln. Themawechsel.) Wechsle könnte man auch mit ä schreiben und dann würde man glauben, dass es eine bayrische oder österreicherische Bezeichnung für eine Wachskerze ist und der entsprechende männliche bayrische oder steirische Hochlandbewohner, bevor er sich zwecks Befriedigung seiner niederen Gelüste an seinem dauerhaft verehelichten Weib vergeht, eine romantische Seite an sich entdeckt und zu selbigem, Weibe nämlich, spricht: „Rosi, I zünd scho ma das Wächsle an, ja sappalot noch einmoal.”

    Ich gerate inzwischen viel zu selten in einen Leserausch. In eine Lesesucht. Die Süchte anderer sind mir fremd. Nichts ist ernüchternder als die Räusche der anderen. Meine großen Leseräusche sind alle schon länger her. Vor drei, vier Jahren hatte ich einen schweren Anfall davon, bei den Romanen von Iris Murdoch, die der Deuticke Verlag mangels Nachfrage nicht mehr auflegt (Woran mag das liegen? An der Komplexität jedenfalls kann es nicht liegen. Die Murdoch liest sich genauso leicht wie der Adiga, sie schreibt nur viel besser). Vor vielen Jahren hatte ich solche Lesedelirien bei Tolstoi und Nabokov. Und später bei Saramago und natürlich, aber das ist ein anderes Thema – nicht mehr das der Erdbeben, sondern der Meteoriteneinschläge – bei Marcel Proust, Auf der Suche nach der verloren Zeit.

    Meine letzte Entdeckung war ein herber Schlag ins Portemonnaie. Aber es hat sich gelohnt, Max Aub, „Das magische Labyrinth”. Diese sechsbändige Ausgabe war vom Eichborn Verlag äußerst liebevoll gestaltet. Nicht dieses Toilettenpapier, das ich beim Adiga bekommen habe. Gerade so als wüsste der Verlag durchaus, wozu es wirklich taugt. Vor allem aber sind es die Südamerikaner, die es mir angetan haben. Ich mag diese satte und saftige Literatur. Alles seit Borges. Dieser so genannte magische Realismus, richtige Schmöker, die mich nicht nur sinnlich, sondern auch intellektuell befriedigen.

    Gerade kokettiere ich mit der Gesamtausgabe von Truman Capote; aber ich habe auch Angst. Nicht nur ums Portemonnaie. Amerikanische Literatur ist bei mir ein blinder Fleck und ich bin nicht sicher, ob ich das nicht dabei bewenden lassen sollte. Das Wenige, das ich aus Amerika kenne, war allerdings gut: Mark Z. Danielewski, „Das Haus”, ein höchst beeindruckendes Debüt, intellektuell und vom Satzspiegel her sehr anspruchsvoll und fast ein bisschen zu dick aufgetragen für einen Roman (Woran liegt das? Dieses Buch ist viel zu komplex, um den Allgemeingeschmack zu treffen. Auch Aub war komplex: man musste sich konzentriert mit dem Spanischen Bürgerkrieg auseinandersetzen. Das erleichtert einem auch die schöne Ausgabe nicht). Außerdem habe ich vor einigen Monaten Peter Orner gelesen, „Die Wiederkehr der Mavala Shikongo”. Meine Rezension stelle ich bei nächster Gelegenheit hierher.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.