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  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
  • irisnebel: klasse! gratuliere! musst du ne gegenleistung bringen? als stadtschreiber z.b.?
  • nadine schmid: Ich habe mit Thien an der Uni Koeln studiert. Wir ware zeitweise befreundet, aber ich hatte wenig verstaendnis fuer seinen ‘Mangel’ am akademischen Streben und habe, trotz meiner Anerkennung seines Talents, sein Lebensziel, aus seiner Dichtung etwas zu machen, als...
  • bersarin: Es muß natürlich, entdecke ich beim zweiten Lesen, Monika Rinck heißen. Ich kann mir Namen nie merken.
  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
  • Aléa Torik: Never ride a dead horse – das hätte auch als Überschrift dieses Beitrags herhalten können. Gestern Nacht bin ich mit dem Rad 35 km durch das ausgestorbene Berlin gefahren, bis weit jenseits der Stadtgrenze. Da ich ziemlich kaputt war, konnte ich dabei nichts denken, aber wenn...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
  • Aléa Torik: Liebe Miss Lingen, bitte entschuldigen Sie die kleine Verspätung meiner Antwort. Ich war auf anderen Schlachtfeldern unterwegs. Sie haben absolut recht, es ist viel zu komplex. Dabei darf ich mir zugutehalten, es deutlich vereinfacht zu haben. Denn im Original – wenn wir uns darauf...
  • Miss Lingen: Obwohl, wie Sie wissen, ich hier mit Sympathie lese, frage ich doch: ist das nicht alles ein wenig zu komplex?
  • Aléa Torik: Dann bin ich gespannt, was du von dem Essay hältst.
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  • Aléa Torik: Lieber holio, ganz verstehen kann ich die Ottos und Ottisten ja tatsächlich nicht. Vielleicht ist das so, dass Otto und Otta, was ihr Leseverhalten betrifft, auch nicht ganz schlau aus sich werden. Sie greifen immer nur nach dem, wonach auch die anderen greifen. Das zeichnet die...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
  • holio: Traurig ist das in der Tat. Und so ganz zu verstehen auch nicht. Im Geräusch des Werdens war der Anknüpfungspunkt für Otto Normalleser ja da. Und die Bălkanexotik ist auch rezipiert und rezensiert worden. Die Sprache ist einfach, der Plot verständlich, erinnere die Szene mit dem blinden...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • 16 August 2012

    Mich interessiert die Literatur

    Eigentlich interessiert mich nur das Schreiben, die Verwertung durch den Literaturbetrieb schon weniger. Allerdings bin ich durchaus irritiert, dass er meinen Roman geradezu ignoriert. Das stimmt auch gar nicht. Er verkauft sich nur nicht. Aber da spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Vor allem dieser: es gibt nicht den Literaturbetrieb. Mich interessiert weder der Hype um Hegemann, mich interessiert nicht, wer am Bachmannwettbewerb teilnimmt, warum Grass dies sagt und jenes nicht, etc, etc. Das beschäftigt sich alles vor allem mit sich selbst.

    Was ich aber irritierend finde, ist das, was sich gerade um den Feuilletonchef der Süddeutschen Zeitung abspielt. Wenn jemand in seiner Stellung einen Krimi schreibt – und mit Krimis kann man nur eins: Kasse machen – dann zeigt er damit, dass das Feuilleton im Grunde am eigentlichen Buchmarkt vorbeigeht: Kasse kann man mit Schund machen, mit Krimis. Das was Herr Steinfeld rezensiert ist etwas ganz anderes als das, was er schreibt und was er vermutlich liest. Das ist bedauerlich.

    Was mich aber geradezu ärgert, ist diese Pseudonymisierung, was ja offenbar inzwischen jeder macht. Leider macht Steinfeld das offenbar nur aus Marketinggründen. Und er erkennt nicht und das scheinen auch sehr wenige nur zu erkennen, dass man dem Spiel zwischen Tarnung und Täuschung, zwischen Identität und Authentizität – ein Spiel, das ein jeder im Umgang mit anderen spielt, und im Netz noch viel perfider – eine sehr produktive, künstlerische Seite abgewinnen kann: indem man die Differenz zwischen erzählendem Ich und erzähltem Ich betont. Alles muss ich selbst machen! Leider wird die Möglichkeit dazu durch solche Maschen deutlich minimiert.

    Und dann: wie oft muss man es doch noch sagen? Der Autor ist ein Konstrukt. Immer. Ob Pseudonym, Heteronym, Orthonym oder Anonym. Das was man als realistische Person im Hintergrund sieht, ist das, was man sehen möchte. Hermeneutische Kosmetik.

    Und: was ich in Blogs dazu gelesen habe, ist keinen Deut besser als das, was im Feuilleton steht. Aber deutlich gehässiger. Mich interessiert die Literatur.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    12 August 2012

    Es ist gut, bis auf den Umstand, dass es noch ein klein wenig besser sein könnte

    Ich habe keinerlei Probleme mit meinem Fleiß. Ich bin eigentlich gar nicht fleißig, da ich alles, was ich tue, aus einem einzigen Grund tue: weil ich es will. Ich gehe vollkommen auf in meinem Tun. Ich muss nichts überwinden, keine Hürden. Ich habe auch keinen Schweinehund. Ich kenne in dieser Hinsicht weder Schweine noch Hunde. Ich mache einfach so lange, bis ich nicht mehr kann. Dann gehe ich ins Bett und am nächsten Morgen, Wunder der Rekonvaleszenz, kann ich wieder. Und ich mache auch wieder. Entweder kann und mache ich wieder genauso wie am Tag zuvor oder sogar noch besser. Und das mache ich wieder solange, bis ich nicht mehr kann.

    So mache ich das. Bis auf manche Tage, an denen einfach Stillstand herrscht, weil mein Kopf oder mein Körper nicht wollen. Und bis auf den kleinen Umstand, dass Glück noch etwas anderes ist, weil es mit anderen Menschen zu tun hat, also mit einem anderen, so jedenfalls sind meine Vorstellungen; bis auf diesen Umstand ist alles gut und könnte kaum besser sein. Es ist gut und bis auf den Umstand, dass es doch noch ein klein wenig besser sein könnte – weil Zufriedenheit vielleicht das Gegenteil von Glück ist, man ist in seiner Zufriedenheit geradezu unglücklich -, könnte ich kaum zufriedener sein.

    Und da ich das bemerke, bemerke ich auch, dass ich ausgesprochen unzufrieden bin. Ich spreche schon den ganzen Tag mit Freunden und Freundinnen und die Erkenntnis läßt sich jetzt nicht mehr leugnen: Ich komme in diesem Jahr nicht nach Rumänien. Ich schaffe es einfach nicht. Ich habe alle Daten hier hin und wieder zurück gedreht. Aber die Arbeiten und Termine liegen so eng beieinander, dass ich nicht einmal eine Woche oder zehn Tage finde, wo ich aussteigen könnte. Zum Teufel mit der Zufriedenheit und dem Glück. Ich brauche zwei Wochen Erholung im Jahr. Und ich brauche sie nicht an irgendeinem vermaledeiten Strand, Nord-, Ost- oder Südsee, sondern ich brauche sie in Sibiu und in Bukarest. Ich will einen Berg sehen. Lebende Natur, nicht irgendein monotones maritimes Ereignis, das aus Langeweile Wellen wirft.

    Plötzlich schlechte Laune! Und das nur, weil ich eine Differenz zwischen Zufriedenheit und Glück erkannt habe. Alles Scheiße hier! Luxusscheiße!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    08 August 2012

    Es ist nicht wichtig, was da wirklich steht. Wichtig ist, dass ich weiß, was ich meine, das da stehen sollte. Denn nur dann wird am Ende das da stehen, was da stehen muss

    Ich bin seit zwei Wochen in der wichtigsten Arbeitsphase des Manuskriptes von Aléas Ich. Mitte September muss ich jene Version abgeben, in die der Lektor mit Vorschlägen eingreifen darf, die ich annehmen oder ablehnen kann. Das muss dann bei 95 % sein. Ich hätte mir einen etwas größeren Zeitraum gewünscht. Groß ist jetzt vor allem der Druck. Mein Verleger hat deutlich gesagt, welche Wichtigkeit dieser Roman für ihn hat. Allerdings muss ich den Druck ignorieren, sonst kann ich nicht arbeiten. Ich setze mich morgens in die Bibliothek, schalte meinen Text ein und die Umwelt und mich selbst aus.

    Der Lektor hat es gelesen und mir seine Meinung dazu gesagt. Ein Freund, Literaturwissenschaftler natürlich, hat es gelesen und dasselbe getan. Und ich habe ja auch meine Meinung. Der Lektor ist disqualifiziert, denn er wird dafür bezahlt. Der Freund ist disqualifiziert, denn wir sind befreundet. Und ich bin es ebenfalls, denn ich habe narzisstische Interessen. Die einzig zuverlässige Komponente ist der Text. Nur der Text darf jetzt noch Ansprüche anmelden. Ich höre mir die Meinungen, Auffassungen und Eindrücke der anderen sehr genau an und einzig dann, wenn sie den Text treffen, wenn sie die Ansprüche des Textes formulieren, nehme ich sie ernst.

    Bei mir ist das leider so, dass im Grunde die Vorvarianten alle miteinander nicht lesbar sind. Erst wenn ich mich nicht mehr mit dem blödsinnigen und enervierendem Geschäft des Figurenerfindens herumschlagen muss, wenn die wirklich sind, wenn die existieren, kann ich an die eigentliche Textarbeit gehen. Bis dahin ist das ist eine Ansammlung von orthografischen Nachlässigkeiten, von inhaltlichen Schwächen und thematischen Unzulänglichkeiten. Aber das ist gleichgültig. Es ist nicht wichtig, was da wirklich steht. Wichtig ist, dass ich weiß, was ich meine, das da stehen sollte. Denn nur dann wird am Ende das da stehen, was da stehen muss.

    Hatte ich das schon gesagt: es läuft ausgezeichnet. Wenn ich einen Wusch freihaben sollte, dann dass es in den kommenden vier Wochen so weiterläuft. Einen Wunsch! Die Wusch, das ist die Mocănița wie die Rumänen sie nennen, die Harbachtalbahn. Fahren kann man damit aber nicht mehr, hier, hier und hier.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    05 August 2012

    Die Unerreichbaren und die Nachahmung

    Das Niveau mancher Autoren kann man nicht erreichen. Man darf erst gar nicht versuchen, die Unerreichbaren nachzuahmen. Man erreicht sie sowieso nicht. Die Nachahmung wäre nur dann gerechtfertigt, wenn man das Original überträfe. Und könnte man es übertreffen, könnte man es nicht mehr nachahmen, denn gerade darin besteht seine Unübertrefflichkeit.

    Es gilt einen eigenen, unnachahmlichen Stil zu entwickeln. Und den entwickelt man durchs Tun, durch das unablässige Formulieren. Durch das Verwandeln von beziehungslosen Dingen in Worte. Denn die Dinge existieren sowieso nicht. Es gibt kein Gelb, solange wir nicht gelernt haben, eine bestimmte Sinneserfahrung als gelb zu bezeichnen. Wir ahmen mit dem Wort die Sinneserfahrung nur nach. Es geht aber darum, einen eigenen Stil zu entwickeln. Hier drehe ich mich gerade im Kreis. Leider! Aber auch das im Kreis drehen will gelernt sein und muss beschrieben werden.

    Lieber noch einmal Fernando Pessoa: „Sich bewegen, heißt leben, sich aussagen heißt überleben. Es gibt nichts Wirkliches im Leben, was nicht deshalb wirklich ist, weil man es gut beschreiben hat. Kleinkarierte Kritiker pflegen darauf hinzuweisen, daß ein Gedicht in hymnischen Rhythmen letztlich doch nur aussagt, daß der Tag schön ist. Aber auszudrücken, daß der Tag schön ist, ist schwierig, und auch der schöne Tag selbst geht vorüber. Wir müssen mithin den schönen Tag in einem blühenden, geräumigen Gedächtnis aufheben und auf diese Weise die Felder oder Himmel der leeren, vorübergehenden Außenwelt mit neuen Blumen oder neuen Sternen bestirnen.“

    Die leere, vorübergehende Außenwelt: Es ist das eigene Innen, dass das Außen anfüllt. Nicht umgekehrt. Deswegen konnte Pessoa sagen, dass sich aussagen, überleben heiße.

    Fernando Pessoa, Livro do Desassossego – Das Buch der Unruhe, Fragment 520, Amman Verlag, Zürich, 1989, Seite 294.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    31 Juli 2012

    Keine eckige, sondern eine runde Vermittlungsleistung

    Auch wenn bei Fernando Pessoa, wie Bersarin betont, zu viel Innerlichkeit vorhanden ist, zu wenig Außen, zu wenig Vermittlung zwischen den beiden Extremen, denn Innen und Außen sind Extreme, weil in Wirklichkeit nichts vollständig Innen oder nichts vollständig Außen ist; auch wenn bei Pessoa ein geradezu unzulässiges Übergewicht des Innen über das Außen zu finden ist, ist er doch einer der Großen, der tiefe Erkenntnisse hatte und sie auch entsprechend tief zu formulieren wusste.

    Den Preis für die mangelnde Vermittlung zwischen Innen- und Außenwelt – was man gemeinhin so als Wirklichkeit bezeichnet: die Welt mit ihren Ansprüchen an uns und unseren an sie -, den er hat entrichten müssen mit einer wohl auch gewollten Belanglosigkeit seiner alltäglichen Existenz und, höher noch, mit einer furchtbaren psychischen Konstitution. Aber das sage ich als Außenstehende. Vielleicht war auch etwas Glück dabei. Diese Vermittlungsleistung zwischen Innen und Außen, die man immer wieder erbringen muss, jeden Moment seines Lebens, ist vielleicht gar keine dialektische, keine, die sich zwischen These, Antithese und Synthese vollzieht, sie ist, mit einem Wort, keine eckige, sondern eine runde Vermittlungsleistung, vielmehr die Verbindung zwischen dem eckigen und dem runden, in Form der Spirale:

    „Die meisten Leute kranken daran, daß sie nicht aussagen können, was sie sehen und was sie denken. Man behauptet, es sei nichts schwieriger als eine Spirale in Worten zu definieren: Man muß dazu, sagt man, in der Luft mit der literaturlosen Hand eine ansteigend geordnete, eingerollte Gebärde vollführen, dank welcher sich diese abstrakte Figur der Sprungfedern oder mancher Treppen den Augen darstellt. Doch sobald wir uns daran erinnern, daß Reden erneuern heißt, können wir eine Spirale ohne Mühe definieren: es ist ein Kreis, der aufsteigt, ohne je imstande zu sein, sich zu schließen. Die meisten Leute, ich weiß es wohl, würden es nicht wagen, auf diese Weise zu definieren, weil sie annehmen, daß definieren das aussagen heißt, was die anderen hören möchten, und nicht das, was man sagen sollte, um zu definieren. Besser gesagt: eine Spirale ist ein virtueller Kreis, der sich aufsteigend entfaltet, ohne je zu seiner Verwirklichung zu gelangen. Aber nein, diese Definition ist ebenfalls noch abstrakt: ich werde eine konkrete Formulierung suchen und alles wird klar sein: eine Spirale ist eine Kobra, die sich vertikal nicht einrollt.“

    Fernando Pessoa, Livro do Desassossego – Das Buch der Unruhe, Fragment 517, Amman Verlag, Zürich, 1989, Seite 292.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    01 Juli 2012

    Buch des Monats bei Halma Network

    Das Buch des Monats beim Halma Netzwerk. Empfohlen von der Übersetzerin, Autorin und Kulturmanagerin Corina Bernic: Lucian Dan Teodorovici Matei Brunul.

    “Matei Brunul este unul dintre puţinele romane din ultimii ani care au în prim plan un fragment foarte dureros al istoriei recente a României: cum poate fi deturnată o viaţă de om de un sistem totalitar. Unul din puţinele romane scrise cu atât de mult talent şi într-un stil atât de profesionist. De la păpuşar, la păpuşă în mâna unui regim dictatorial sau, pe scurt, Matei Brunul. După ce familia lui părăsise România pentru Italia, păpuşarul decide să se întoarcă în ţară în cei mai crunţi ani ai regimului comunist, anii ’50. La scurt timp este trimis în puşcărie politică. După ce îşi petrece tinereţea în închisorile comuniste unde se încearcă să fie reeducat într-un „nou om”, el chiar ajunge să îşi piardă memoria din ultimii 20 de ani într-un accident de muncă pe şantierele patriei. Eliberat din închisoare, Matei Brunul va încerca să îşi regăsească un drum către propria viaţă – într-o lume în care nimeni nu ştie de cine sunt trimişi cei care îţi apar în cale, cine îi manipulează şi cât de mult te pot manipula.

    Bruno Matei ist einer der seltenen Romane, die einen wenig bekannten und sehr bitteren Teil der rumänischen Geschichte behandeln und dabei meisterhaft und glanzvoll das Leben eines Menschen innerhalb eines totalitären Systems darstellen. Lucian Dan Teodorovici, einem der interessantesten Vertreter der jüngeren rumänischen Prosa, ist es gelungen, einen der schönsten Romane nach der Wende zu schreiben. Vom Marionettenspieler zur Marionette eines teuflisch-verwickelten diktatorischen Systems: Nachdem seine Familie Rumänien verlassen hatte und nach Italien ausgewandert war, kehrt der Marionettenspieler Bruno Matei in den 1950er Jahren – den schlimmsten Jahren des kommunistischen Regimes – nach Rumänien zurück und wird sofort verhaftet. Er verbringt seine Jugendjahre im rumänischen Gulag (kommunistische Straflager), wo man aus ihm den „neuen Menschen“ zu machen versucht. Nach einem Unfall verliert er sein Gedächtnis und kann sich an die letzten 20 Jahre seines Lebens nicht mehr erinnern. Als ehemaliger politischer Gefangener versucht er, den Weg zu seinem eigenen Leben zu finden – in einer Welt, wo niemand weiß, von wem die Freunde und Begleiter geschickt werden, wer sie manipuliert und inwiefern man von ihnen manipuliert wird.”

    Das Buch gibt es möglicherweise auch bald auf Deutsch, das muss ja alles erst übersetzt werden. Warum schreiben diese Leute, werden Sie sich jetzt fragen, eigentlich alle in ihren Nationalsprachen? Statt sich gleich allgemeinverständlich auszudrücken. Vorläufig können Sie das also erst auf Rumänisch lesen, hier können Sie es bestellen. Auch wenn Sie es nicht verstehen, können Sie es immerhin schon einmal kaufen. Wer weiß, vielleicht sprechen Sie von heute auf morgen Rumänisch. Den Versuch muss man schon machen.

    Matei Brunul, Lucian Dan Teodorovici
    Roman, Polirom, Iaşi, 2011
    34,95 RON

     





    30 Juni 2012

    „Das Geräusch des Werdens“ – In der WAZ

    Das war eine schöne Überraschung gestern, der Artikel in der WAZ von Britta Heidemann. Anders als die anderen, legt sie vor allem Wert auf den spielerischen Aspekt, auf meinen Spieltrieb. Sie sagt, dass ich besser spiele als alle anderen. Dass dies auch eine sehr ernste Veranstaltung ist, steht dort ebenfalls, eines der „aufregendsten Romanedebüts des Jahres“ heißt es. Wenn es nur ein kurzer Artikel ist, freue ich mich doch über die klugen und sensiblen Worte, mit denen Frau Heidemann es  geschrieben hat, ohne Unterstellung übler Absichten, sich einzig für die Literatur interessierend: also nicht mich hinter den Worten suchend, mich und die Vorstellungen, die ich beim Schreiben hatte, sondern ihre eigenen Vorstellungen dabei suchen. Das ist Lesen: suchen, versuchen und versuchend. Das ist das Lesen und die Leser, die ich mir wünsche.

    Leider muss jetzt wieder in meinen alltäglichen Wahnsinn. Oder glücklicherweise, das kann man ja oft gar nicht voneinander trennen. Ich muss am Sonntagabend das Manuskript für  Aléas Ich beim Lektor abgeben. Das wird noch öfter passieren in den kommenden Monaten. Neben einigen Lücken, fehlenden Textstücken, neben einigen noch nicht deutlich ausgearbeiteten Passagen, noch nicht endgültig ausgefeilten Motiven, Schwächen in Darstellung und Sprache und neben noch einigen anderen Kalamitäten – unfertige Texte sind eine Ansammlung von Ungereimtheiten, Ungereimtheiten und Ahnungen großer Entwicklungen, die es nehmen könnte, wenn …, ja wenn … – fehlen noch zwei Kapitel, eines habe ich gestern entnervt gelöscht und ein anderes muss ich, weil ich das eine gelöscht habe, neu schreiben, weil ich diese Entwicklung brauche, das gelöschte brauche ich aber auch. Vor allem brauche ich einen Abschnitt, sechs, sieben Formulierungen. Ich brauche die dringend! Und ein Frühstück brauche ich jetzt auch.

    Hier finden Sie den Artikel. Leider funktioniert der Link dort auf meinen Blog nicht.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    09 Juni 2012

    Das bist du auf dem Laufrad

    „Das bist du auf dem Laufrad“ sagte gerade als ich vom Einkaufen zurückkam ein Vater zu seinem kleinen Sohn. Der schaute gebannt in eine Schaufensterscheibe, wo er offenbar sehen konnte wie er auf dem Laufrad saß. Ich korrigierte das im Vorbeigehen und sagte: „Das bist nicht du auf dem Laufrad, das ist dein Spiegelbild.“ Dann habe ich ihm auf den Kopf getippt und gesagt: „Das bist du auf dem Laufrad“. Der Papa hat gelacht und meinte, das sei typisch für Berlin. Hier werde man permanent verbessert.

    Das ist ja die Katastrophe, dass wir lebenslang nicht zu unterscheiden vermögen zwischen dem, was wir sind und dem, wofür wir uns halten. Nervenzusammenbrüche, Enttäuschungen und all unser eitles Streben nach Anerkennung und Liebe wären nicht so wahnhaft, wenn wir verstehen könnten, dass wir nicht sind, wofür wir uns halten. Wie leicht könnte alles sein, wenn wir verstünden, das wir auf dieser Seite des Lebens stehen und nicht auf der anderen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    06 Juni 2012

    Sie kommen wegen des Manuskripts?

    „‘Sie kommen wegen des Manuskripts? Es wird gerade gelesen, nein, Pardon, es ist schon gelesen worden, mit Interesse, ja, sicher, ich erinnere mich genau, beachtliches Sprachgefühl, starke Aussage, haben Sie unseren Brief nicht bekommen? Müssen wir Ihnen zu unserem Bedauern mitteilen, ja, steht alles in dem Brief, ist schon eine Weile her, daß wir ihn abgeschickt haben, immer diese Verzögerungen bei der Post, Sie kriegen ihn sicher noch, unser übervolles Verlagsprogramm, die ungünstige Konjunkturlage, sehen Sie, eben, Sie haben ihn doch schon bekommen, was steht sonst noch drin? Danken wir Ihnen, dass Sie es uns freundlicherweise zu lesen gaben, und schicken es Ihnen baldmöglichst zurück, ach so, Sie kommen, um ihr Manuskript zu holen? Nein, wir haben es noch nicht finden können, haben Sie bitte noch etwas Geduld, es wird schon wieder zum Vorschein kommen, keine Sorge, hier geht nichts verloren, erst kürzlich haben wir Manuskripte gefunden, die wir seit zehn Jahren suchten, o nein, nicht erst in zehn Jahren, Ihr Manuskript finden wir auch schon eher, bestimmt, hoffe ich jedenfalls, Manuskripte haben wir hier so viele, wissen Sie, bergeweise, wollen Sie mal sehen, ich zeig‘s Ihnen, nein, verstehe, Sie wollen Ihr Manuskript, nicht irgendein anderes, wär ja auch noch schöner, ich meine, wir haben hier so viele Manuskripte, an denen uns gar nichts liegt, da werden wir doch nicht gerade Ihres wegwerfen, an dem uns so viel liegt, nein, nicht um es zu publizieren, ich meine, um’s Ihnen zurückzugeben.‘“

    Italo Calvino, Wenn ein Reisender in einer Winternacht – Se una notte d’inverno un viaggiatore, Hanser Verlag 1985, Seite 112 f.

    Köstlich! Calvino war im Hauptberuf Lektor! Ich werde noch einiges zu diesem Buch schreiben, aber erst in einigen Monaten. Es sind gerade zu viele andere Dinge, die auch alle drängen, sodass mir kaum Zeit bleibt, hier viel zu machen. Es kommen ganz sicher wieder wildere Zeiten. Wir sind ja noch jung.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 Mai 2012

    Sklave des Gelesenen

    „‘Kritisiert sie die Bücher nicht, die du liest?“
    ‚Ich? Ich lese keine Bücher‘, erklärt Irnerio bündig.
    ‚Und was liest du dann?‘
    ‚Gar nichts. Ich habe mich so ans Nichtlesen gewöhnt, daß ich nicht mal lese, was mir zufällig unter die Augen kommt. Das ist nicht leicht: Im zarten Kindesalter bringen sei einem das Lesen bei, und dann bleibt man das ganze Leben lang Sklave all des geschriebenen Zeugs, das sie einem ständig vor die Augen buttern. Na ja, auch ich musste mich in der ersten Zeit schon ein bißchen anstrengen, bis ich nichtlesen konnte, aber inzwischen geht’s ganz von allein. Das Geheimnis ist, daß du nicht weggucken darfst, im Gegenteil, du mußt hinsehen auf die geschriebenen Wörter, du mußt so lange und intensiv hinsehen, bis sie verschwinden.’“

    Italo Calvino, Wenn ein Reisender in einer Winternacht – Se una notte d’inverno un viaggiatore, Hanser Verlag 1985, Seite 59.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    09 Mai 2012

    Die Ceangăi

    Die Ceangăi – die Taschangonen – sind eine Volksgruppe mit ungarischen Wurzeln, die vor allem im Norden Rumäniens leben, an der Moldau, sie sprechen neben Rumänisch Ungarisch und ihre eigentliche Muttersprache Limba cengăilor. Das ist ein kleiner Volksstamm, der sehr traditionell lebt, römisch-katholisch, und höchstens 200.000 Mitglieder hat. Sie verfolgen separatistische Tendenzen und wollen ihre Eigenständigkeit und Muttersprache bewahren.

    Die Rumänen sehen sich ja ethnogenetisch als direkte – in der strengen Variante: einzig legitime – Nachfolger der Römer. Diese dakoromanische Kontinuität war unter Ceaușescu nicht hinterfragbar, weil damit alle territorialen Ansprüche der Ungarn und Österreicher auf Siebenbürgen zurückgewiesen werden konnten. Auch wenn diese These wohl nicht haltbar ist, ist sie deswegen noch immer populär, weil gewisse nationalistische Tendenzen auch dann noch auf ihr aufbauen, wenn sie sich nicht direkt auf die ‚Erbfolge‘ mit den Römern beziehen.

    Die Taschangonen – in Siebenbürgen sagt man auch csángós, das ist dann ein Schimpfwort wie hier die Ostfriesen – sind einer der vielen Volksstämme im multiethnischen Rumänien. Es gibt ganze Gebiete, in denen vor allem Ungarisch gesprochen wird. Die Taschangonen leben, von den Szeklern abgegrenzt und isoliert, in ihren eigenen Dörfern. Dementsprechend verändert sich ihre Sprache kaum, sie unterliegt nur wenigen Einflüssen von außen und kaum modernistischen Tendenzen. Die Sprache ist zwar stark vom Rumänischen durchdrungen, verändert sich aber nur wenig. Es gibt, soweit ich weiß, den Versuch ein Sprachlexikon aufzubauen, wie das ja auch beim Siebenbürgisch-Sächsisches Wörterbuch der Fall ist, das von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften gefördert wird. Die genaueste Beschreibung der Ceangăi in deutscher Sprache findet sich hier.

    Die FAZ hat eine wunderschöne Fotoserie des ungarischen Fotografen Peter Kollanyi veröffentlicht, hier kann man das sehen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    06 Mai 2012

    Über die Skrupel der Phantasie

    Nachdem Luigi Pirandello von einem Kritiker, von seinem Intimfeind Benedetto Croce, vorgehalten bekommen hatte, dass die Ereignisse in seinem Roman Mattia Pascal unwahrscheinlich seien, was offenbar ausreichend war, um ihn zu verreißen – es galt noch immer das Mimesis Gebot, nach dem Kunst nachzuahmen hätte – und Pirandello einige Jahre später in einer Zeitungsmeldung las, dass genau das von ihm Erfundene eingetreten war, schrieb er diese Bemerkung, diesen kleinen Aufsatz, der der Neuauflage als Epilog mitgegeben wurde. Ich zitiere einige Zeilen.

    „Denn das Leben ist zwar ungeniert voll von schamlosen Absurditäten, großen wie kleinen, aber es besitzt zugleich das unschätzbare Privileg, auf die törichte Wahrscheinlichkeit pfeifen zu können, der sich zu unterwerfen die Kunst für ihre Pflicht hält.
    Die Absurditäten des Lebens haben es nicht nötig, wahrscheinlich zu wirken, weil sie wahr sind – im Gegensatz zu denen der Kunst, die, um wahr zu wirken, wahrscheinlich sein müssen. Und wenn sie erst einmal wahrscheinlich sind, dann sind es keine Absurditäten mehr.“

    Luigi Pirandello, Avvertenza sugli scrupoli della fantasia – Bemerkungen über die Skrupel der Phantasie, in: Tutti romanzi, Milano 1973

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
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    21 April 2012

    Ich habe Besuch und wir amüsieren uns königlich

    Holio initiiert nicht nur Gerüchte, er lässt auch Taten folgen. Zuerst wird Reisende auf einem Bein mit Das Geräusch des Werdens verglichen.

    “Irene zog langsam ihre Kleider an, wollte sich erinnern, wie sie nackt geworden war.” (RaeB 110.-5). Leonie: “Ich konnte mich nicht erinnern, meine Sachen ausgezogen zu haben. Jedenfalls konnte ich mich nicht genau erinnern.” (DGdW, 77.-12).

    Und dann Der König verneigt sich und tötet, hier.

    Die Nähe mancher Formulierung ist geradezu beängstigend.

    Marijan: “Woher willst du das wissen? Ich kann nicht schwimmen.” (DGdW 15.-14). “Wahrscheinlich wagte ich mich vertrauend aufs Grasland ins tiefe Wasser hinein, ohne daran zu denken, dass ich nicht schwimmen kann.” (DKvsut 95.-3).

    Hochinteressante Koinzidenzen!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    29 März 2012

    Ich habe Herta Müller das Leben gerettet

    Die Gerüchte schießen ins Kraut, hier. Ich sei also, vermutet man, Herta Müller. Das geht allerdings schon deshalb nicht, weil ich ja aus Siebenbürgen komme, wo die wilden Sachsen wohnen, Herta Müller aber aus dem Banat, wo die Schwaben herkommen. Die haben so ihre Befindlichkeiten, diese Schwaben. Und im Banat kenne ich mich ja auch überhaupt nicht aus. Außerdem gehören wir nicht derselben Generation an und wir schreiben auch ganz anders.

    Herta Müller also: Herta Müller, die sich, zu dem Zeitpunkt, als der König sich bei der Nobelpreisverleihung vor ihr verneigt, – Der König verneigt sich und tötet – , um sich dann, aus dieser Neigung heraus aufzurichten und zu töten, Frau Müller nämlich, die sich in diesem Moment ihrerseits neigt, nicht allerdings, um dem Todesstoß durch den urplötzlich aggressiven Carl Gustav auszuweichen, sondern um einen dringenden Beitrag auf ihrem, nämlich meinem Blog einzustellen oder einen Kommentar zu beantworten, um zu facebooken, zu twittern oder sonst eine dieser Unsinngkeiten zu machen; während also der schwedische König ihr, rasend vor Mordlust, einen Dolch ins Herz rammen will und dann, wegen der sich duckenden Frau Müller, die auf ihrem Handy einen Beitrag postet, den Naturwissenschaftler hinter ihr ersticht, einen Physiker vom CERN, sodass das Rätsel um den Ursprung des Universums jetzt noch tausend oder hunderttausend Jahre lang ungelöst bleibt; und ich schließlich, rückwirkend nämlich, Frau Müller das Leben retten konnte, trotz dass sie aus dem Banat ist, weil ich ihr ermöglicht habe, meinen Blog zu befüllen, in dem alles entscheidenden Moment, als der schwedische König sich verneigt, um ihr, Müller, aus dem Hinterhalt heraus scheinbar eine Nobelpreisplakette, oder was es da eben gibt, zu überreichen, in Wirklichkeit jedoch den Dolch zückt und tötet: da kann man mal sehen, was die Literatur alles kann, rückwirkend Leben retten! Und wahrscheinlich hat der Physiker sich sowieso verrechnet, und hätte den Nobelpreis gar nicht bekommen dürfen.

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    21 März 2012

    Die moderne Zeitvorstellung

     

    Die angezeigt Wartezeit entspricht nicht der zu erwartenden Zeit. Das finde ich sehr interessant. Ich hätte da so einige Fragen. Etwa: Warum zeigt man sie dann überhaupt an? Oder: Worin findet die Wartezeit eine Entsprechung, wenn nicht in der zu erwartenden Zeit? Außerdem: Wenn Wartezeit und zu erwartende Zeit einander nicht entsprechen, ja geradezu auseinanderfallen, was zieht das nach sich für die allgemeine Zeitauffassung, wenn Zeit nicht als Wartezeit definiert wird? Was bedeutet das – außerhalb der Zeitvorstellung – für die Begriffe Warten und Erwarten? Das sind sehr wichtige Fragen und ich bedanke mich hiermit ausdrücklich bei der Berliner Verwaltung, die damit einen wesentlichen, in seiner Bedeutung kaum zu überschätzenden Beitrag zur modernen Zeittheorie liefert.

    Das Schild kann übrigens besichtigt werden: Bürgeramt Mitte, Karl-Marx-Allee 31, 10178 Berlin, an Werktagen in der Zeit von 8.00 bis 16.00 Uhr.

    (Mit dem Wort „Zeit“ meine ich jene Zeit, die vor der neuen Definition lag. Die klassische Zeit, die man auf der Uhr ablesen konnte: eine inzwischen gänzlich überholte Definition, da die Zeit einzig sich selbst entsprach.)

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    Aléa hat’s hierher gestellt,
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    14 März 2012

    So! Und damit erlange ich meine Handlungsfähigkeit wieder zurück

    Alles Blödsinn! Ich mache das jetzt genauso wie geplant. Ich arbeite seit beinahe drei Jahren dafür und ich mache das auch zu Ende. Selbstverständlich tue ich das! Das heißt, ich führe das hier weiter.

    Das Blog, dieses Projekt hier, endet mit dem Erscheinen meines zweiten Romans – Aléas Ich – im Januar 2013. Also an genau der Stelle, an der auch der Roman endet. Und der Roman thematisiert eine Rumänin, die an der Humboldt Universität zum Thema Fiktionalität promoviert, nach Das Geräusch des Werdens ihren zweiten Roman schreibt und ein Blog im Netz hat. Ein Blog, das an dem Tag endet, an dem Aléas Ich erscheint. Ist doch plausibel, oder?

    Ich – also ich nämlich, nicht die Frau aus dem Roman, die allerdings genauso heißt wie ich – stehe dann noch einige Monate für eine Diskussion zur Verfügung und an meinem 30. Geburtstag, am ersten Mai 2013, mache ich hier Schluss. Ich ziehe den Stecker heraus und investiere meine Energie in andere elektrische und elektrisierende Dinge.

    Ich habe ein poetologisches Konzept, das erst hinterfragbar und diskutabel ist, wenn man es kennt. Das ist mit vielen Dingen so. Ich werde nicht einfach wegrennen. Aber wenn ich renne, dann dahin.

    So! Und damit erlange ich meine Handlungsfähigkeit wieder zurück.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    11 März 2012

    „Natürlich heißt niemand Aléa Torik“ I

    Ich bin überaus glücklich mit dem Artikel von Nicole Henneberg, dem diese Formulierung, die Überschrift, entnommen ist! Nicht allein, weil mein Buch da gut wegkommt, sondern weil sie ausnahmslos alle mir wichtigen Umstände benennt.

    Im Zentrum meines Romans steht ein Blinder: einer, der sich seiner Sache, seiner sinnlichen Wahrnehmungen, nicht sicher sein kann. Das ist eine zutiefst verstörende Erfahrung. Dann ist Krisztina angesprochen, die beinahe zentrale Figur, die wiederholt erwähnt, aber nie richtig thematisiert wird; die sich bis zuletzt entzieht und den Leser zwingt, sich seine eigenen Phantasien zu machen. Dadurch versetze ich den in die Situation eines Blinden. Das ist es, was das Buch können muss, seine innerste Absicht: einem Sehenden die Erfahrung des Blindseins zu vermitteln. Dann haben wir die schöne Formulierung über Maddox: „Je tiefer ihn etwas berührt, desto vorsichtiger wird er“. Außerdem werden die beiden mir liebsten Kapitel genannt: das über Berlin, über den Überfluss und die Liebe – Der Salon Sucre – und das der Hellseherin Lydija, das, weil hier die Gegensätze zwischen Vergangenheit und Zukunft aufgehoben werden, am schwierigsten zu schreiben war. Frau Henneberg benennt, wie das erste und das letzte Kapitel zusammenhängen und spricht dabei jene Stelle an, von der ich befürchte, dass die meisten Leser sie übersehen: wenn am Ende des Vortrags des blinden Marijan angedeutet wird, dass alles andere, alle Figuren dieses Romans möglicherweise gar nicht wirklich existieren, sondern nur als Einbildung der Zuhörer während des Vortrags . Was man sich eben so einbildet, um nicht selbst zu erblinden, heißt es da irgendwo sinngemäß. Dann ist da gleich zu Anfang die sensationell intelligente Thematisierung meines Identitätsthemas: der Hinweis auf meine Dissertation, wo ich mit den Begriffen Identität, Authentizität und Illusion den Kern von Fiktionalität zu beschreiben und zu begreifen versuche.  Und schließlich am Ende des Artikels die Frage: Stand Mircea Cărtărescu Pate? Sie können sich vielleicht erinnern, dass ich voller Bewunderung für den Mann bin.

    Ich kannte das Gefühl nicht, wenn ein anderer über einen schreibt. Jemand, der wirklich wissen will, was in dem Buch steht. Genau das ist der Umstand, der auch mich interessiert und den ich nur durch einen anderen erkennen kann. Man hat beim Schreiben Absichten und dann ändern die sich, mit oder gegen den eigenen Willen, dann verliert man sie aus den Augen und bekommt anderes in den Blick, das geht so hin und her und jahrelang. Am Ende ist es fertig und man weiß kaum noch, was man da eigentlich fabriziert hat. Das kann nur ein anderer wissen. Ein wohlwollendenden anderer, der nicht das hineinliest, was er gerne sehen will, sondern das heraus, was die Autorin sehen wollte. Der Text ist dann, im Idealfall, eine Art Leinwand, auf die beide, Leser_in und Autor_in gleichermaßen projizieren. Und projizieren müssen sie, denn die Leinwand ist im Grunde, bis auf die dürren Worte, einigermaßen leer.

    Das ist doch eine schöne Kuh auf dem Bild in dem Artikel, oder? Ausgeprägter Rücken und wahrscheinlich ein schönes Gesicht. Nicht so schön und stolz wie die Galloways, aber auch schön. Wäre allerdings dieses Bild verwendet worden, hätte wohl jeder gedacht: Mensch, die Torik hat aber schöne Locken!

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    10 März 2012

    „Das Geräusch des Werdens“ – Heute in der Literaturbeilage der FAZ

    Springen Sie aus dem Bett, lassen Sie alles stehen und liegen, rennen Sie aus dem Haus und kaufen Sie sich eine FAZ! In der heutigen Beilage zur Leipziger Literaturmesse findet sich eine Besprechung meines Romans.

    Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich mich darüber freue. Ich müsste Ihnen mein halbes Leben erzählen und das mache ich nicht. Sie müssen sich das stattdessen vorstellen. Das schult die Einbildungskraft! Aber bevor Sie die schulen, springen Sie aus dem Bett, lassen Sie alles stehen und liegen, kaufen Sie sich eine FAZ und lesen Sie den ausgezeichneten Artikel von Frau Henneberg. Meint die wirklich mich?

    Machen Sie das nicht! Bleiben Sie liegen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich tatsächlich eine solche Besprechung an einem dermaßen exponierten Ort findet, ist so gering, dass es sich nicht lohnt das ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Das Ganze ist wieder mal ein Traum: Ich träume immer dasselbe. Gleich kommt meine Mutter und weckt mich. Ich muss zur Schule, wo ich neben Roxana sitze, die mir zum hundertsten Mal erzählt, dass ihr Bruder Dumitru sie tyrannisiert. Ich schlafe noch und träume wieder, dass ich eines Tages in Berlin leben und Schriftstellerin sein werde, dass ich einen Roman geschrieben habe und an einem zweiten arbeite. Ich bin sechzehn Jahre alt und liege im warmen Bett. Gleich kommt meine Mutter und weckt mich.

    Schlafen Sie weiter. Und sagen Sie meiner Mutter, wenn Sie sie auf der Treppe treffen, dass ich noch träumen möchte. Es dauert noch mehr als zehn Jahre, bis es soweit ist. Träumen Sie, dass Sie jemand mit dem unwahrscheinlichen Namen Aléa Torik kennen – der aber tatsächlich in meinem Personalausweis steht, die ein Buch geschrieben hat mit dem noch unwahrscheinlicheren Titel Das Geräusch des Werdens, der aber tatsächlich auf dem Cover steht. Träumen Sie, es sei eine Rezension in der FAZ erschienen. Und dann springen Sie aus dem Bett, lassen Sie alles stehen und liegen, rennen Sie aus dem Haus und kaufen Sie sich diese verdammte Zeitung: ich stehe da mit einer Besprechung drin. Herrgottnochmal! Wie oft muss ich Ihnen das denn noch sagen?!?

    Hier.

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    03 März 2012

    Dem neuen Sommer entgegen

    Ich konnte dem Roman von Janet Frame bedauerlicherweise nicht viel abgewinnen. Ich bin in den Text einfach nicht hineingekommen. Ich habe bis zur Hälfte gelesen, mit zunehmender Mühe. Dabei ist es eigentlich ein Thema, das mich sehr interessiert. Eine Frau aus Neuseeland kommt nach England, ein Land dessen Sprache sie zwar spricht, in dem sie sich aber fremd fühlt. Grace Cleave, alter ego der Autorin, ist Schriftstellerin, fährt für ein Wochenende zu dem Literaturkritiker Philip, dessen Frau ebenfalls aus Neuseeland kommt, aufs Land. Und da fühlt sie sich unwohl. Möglicherweise war es auch zu sehr mein Thema, dass ich mich meinerseits nicht wohl gefühlt habe mit dem Buch.

    Grace Cleave fühlt sich überhaupt unwohl. Sie ist unter Menschen einsam, gehemmt und am falschen Platz. Das ist oft mit Künstlern so, dass sie sich nicht ganz wohl in Gesellschaft befinden, weil sie eben eigen sind, eigensinnig, eigenwillig und eigenartig. Grace Cleave verbringt ein Wochenende auf dem Land, es passiert nichts und wenn außen nichts passiert, ist das ist immer eine gute Gelegenheit auf das Innen zu verweisen. Grace ist überaus empfindsam, das Zwischenmenschliche ist ihr fremd. Sie weiß sich nicht zu artikulieren, zu bewegen und zu verhalten. Sie ist der Überzeugung kein Mensch, sondern ein Zugvogel zu sein. Aber darüber kommt es nicht hinaus. Jedenfalls nicht in dem was ich gelesen habe.

    Die Sprache ist schnörkellos und einfach und es wird kaum mehr als die alltäglichen Belanglosigkeiten berichtet. Das ist der Punkt, an dem ich Wiederstand entwickelt habe. Ich habe nichts gesehen, was an einen Plot erinnert. Das ist für mich eine kurze Erzählung und dafür ist sie zu lang. Gefallen haben mir allerdings die Erinnerungen an Neuseeland. Die sind sehr einfühlsam geschildert. Das ist aber nur ein kleiner Teil, der überwiegende Rest beschreibt das Unwohlsein eines Lebens in London und das Zugvogeldasein. Das bleibt in meinem Empfinden weit hinter Virginia Woolf zurück. Allerdings möchte ich auch nicht vorgehalten bekommen, dass ich schlechter schreibe als Herta Müller.

    Es wird sicher an mir liegen. Am Ende steht dann der Geschmack und fällt ein Urteil. Und wenn es nicht geht, muss man es eben lassen. Ich nehme es auch nicht in die Liste der gelesenen Bücher auf. Alle anderen sind auch anderer Meinung als ich. Hier sehen Sie Frau Radisch, die wohl eine sehr berühmte Literaturkritikerin ist.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    26 Februar 2012

    „Wie Hunter Mayhem nach Uruguay reiste“

    Ich mache Werbung in anderer Sache: Vor einiger Zeit fand sich eine nette Mail in meinem Postkasten. Im Nachgang ergab sich eine schöne Korrespondenz, die beinahe im Streit geendet wäre. Es ging aber nicht etwa darum, wessen Roman der Bessere ist, sondern vielmehr darum, wessen Opa den besseren Traktor besitzt. Da hat bedauerlicherweise der andere Opa derzeit mit einem selbstgebauten Modell die Nase vorn. Nun weiß man allerdings nicht, wie der wirklich fährt. Und ich lasse mir nur sehr ungern ein X für ein O vormachen.

    In der Mail hat mir Francis Nenik von seinem Buch berichtet, ein Roman mit dem Titel „XO“. Man kann den Text im Netz herunterladen, man kann ihn aber auch kaufen. Mein Verständnis des Kapitalismus ist sicher eher hinkend als fliegend, ich verstehe das nämlich nicht. Ich verstehe nicht, welchen Anreiz es geben soll, das, was man gratis haben kann, zu kaufen. Indem ich es gratis abgebe, verhindere ich doch geradezu den Verkauf. Ich würde einen kleinen Teil, die ersten Seiten hergeben und wer mehr will, muss es kaufen. Hier können Sie sich das anschauen.

    Der Verfasser von Mail und Roman hat auch Kurzgeschichten geschrieben. Es gibt bei den Quandery Novelists Geschichten von ihm und seiner Gang, wahlweise auf Deutsch und auf Englisch, wahlweise mit oder ohne Entlohnung. Ich habe diese Geschichte hier gelesen und die gefiel mir wirklich gut: „Wie Hunter Mayhem nach Uruguay reiste“.

    Obwohl es also nach meinem Verständnis wenig Anreiz gibt den Roman zu kaufen, habe ich es dennoch getan. Ich habe Auszüge online gelesen habe und fand das interessant genug, um es in Gänze lesen zu wollen. Aber ich habe keine Lust achthundert Seiten (!) am Bildschirm zu lesen. Ich werde sicher etwas dazu sagen, vielleicht im April oder Mai, wenn mein eigener Text beim Lektor liegt und hier weniger zu tun ist.

    Bei der Gelegenheit werde ich auch etwas zu der Situation von Autoren sagen, wie sie sich mir darstellt: zu den klassischen Verlagen mit ihrer Dinosaurierstruktur und den modernen Publikations- und Vertriebswegen. Dazu wie Autoren sich heute präsentieren müssen, was der Markt macht und ob man da mitmachen muss, kann oder soll. Das ist eine Diskussion, die ich als wichtig, aber derzeit für mich hier nicht förderlich empfinde. Ich setzte ja auf den alten Weg: Verlag. Sonst hätte ich mein Buch schon vor drei Jahren veröffentlichen können. Heute möchte ich lediglich auf den Roman von Herrn Nenik hinweisen. Vielleicht kaufen Sie sich den ja auch. Sonst können Sie, wenn es soweit ist, nicht mitreden.

    So sieht‘s aus, und hier können Sie das kaufen.

    Nachtrag: Es gibt bereits die ersten Spuren des Buches, hier. Heute ist der fünfte März und ich bin dabei, XO zu lesen und bin überaus angetan.

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    24 Februar 2012

    Der Atlas des Westens IV

    Der Schriftsteller Epstein beschreibt drei nebeneinander stehende Personen:

    „Epstein überlegte einen Augenblick lang, wie die Stellung eines jeden Einzelnen von ihnen, die kleineren und größeren Abstände zueinander, die Beziehung im Raum und zum Flugzeug, das sie inzwischen wieder alle betrachteten, noch stärker als die Gesten zum Ausdruck brachten, wie man sich und die anderen sah, und diese Bilder verbargen sich unter Sätzen wie: ‚Hoffentlich kommt er bald zurück‘, oder ‚Ich bin mir nicht sicher, ob das Fahrgestell etwas abbekommen hat, aber lieber nichts riskieren.‘ Er dachte, all dies hielte die Menschen aufrecht, wie ein Gerüst, und wenn es plötzlich wegfiele, brächen auch die Menschen zusammen, wie jemand, der im Laufen geköpft wird und dessen Körper noch ein paar Schritte macht, bevor er zusammenbricht.“

    Daniele Del Guidice, Der Atlas des Westens, Seite 20

    Da freut sich die Literatur_wissenschaflerin! Eine sehr gelungene Passage: die Worte halten die Menschen aufrecht und fielen sie, die Worte, weg, wäre das wie wenn jemand im Laufen geköpft wird und noch ein paar Schritte weitertaumelt. Die Bilder verbergen sich unter Sätzen!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    15 Februar 2012

    Mysterium

    „Die tiefste Lehre Prousts – wenn Dichtung je belehrend sein kann – besteht darin, das Wirkliche in der Beziehung zu dem zu sehen, was auf immer anders bleibt zu dem Anderen als Abwesenheit und Mysterium“. (Emmanuel Lévinas)

    „Die Beziehung zum Andern, so betont Lévinas immer wieder, ist Ethik. Nur wenn diese wahrgenommen wird, kann der Andere als Anderer erscheinen. ‚Das absolut Neue ist der Andere‘. Nur in diesem ‚Ausgehen vom Anderen‘ wird der andere nicht objektiviert, kein Gegenstand des forschenden Wissens, der Deutung oder der vereinnehmenden Behandlung. Der Andere fordert zum Handeln in Güte heraus. … Nach Lévinas ist der Andere nicht etwas, das aus mir erwächst, sondern in mich einfällt.“ (Heinz J. Kersting).

    In diesem Zusammenhang schrieb mir Alice, von der ich Zitat und Stellenangabe habe: „In Ihrem Roman erlebe ich die Figuren in diesem Sinne oder mit der gleichen Haltung dargestellt: mit Liebe und Respekt, fast so, als würden Sie selbst sich den Zugriff auf die von Ihnen erschaffenen Figuren verbieten, denn diese sind frei, auch zu scheitern.“

    Das sind Formulierungen, die mich ganz ungeheuer freuen. Etwas in der Art empfinde ich ebenfalls. In der ästhetischen Formung fiktiver Figuren – eines Figurenensembles -, entzieht sich immer etwas. Das ist kein Fehler und auch keine Schwäche, sondern literarisch notwendig. Und das ist eine Art ethischer Grundierung. Diese Figuren sind insoweit frei, und also nicht an die Autorin gebunden, da sie tatsächlich auch scheitern können. Also nicht in ihrer Konzeption durch mich, sondern in ihrem Sein an sich.

    Das ist etwas, das ich dem Leben gegenüber habe, der Respekt, der aus dem Wissen stammt, dass man scheitern kann. Das muss ich als Autorin meinen Figuren mitgeben können. Das ist eine Intensität, die weit über Fragen von Handlungsaufbau, Plot oder Spannung hinausgeht. Ich muss meinen Figuren etwas mitgeben können, das über mich hinausgeht. Das ist das Mysterium.

    Ich glaube, mit diesen Formulierungen findet der langwierige Abnabelungsprozess von dem Roman wirklich zu seinem Ende! Deswegen ist das ein wichtiger Eintrag.

    Emmanuel Lévinas, Amour et révélation, In: Huot-Pleuroux, P. u.a. (ed.): La charité aujourd’hui. S.O.S, Paris 1981: S. 133-148. In: Heinz J. Kersting: Zirkelzeichen. Supervision als konstruktivistische Beratung. Wissenschaftlicher Verlag des Instituts für Beratung und Supervision (IBS) Aachen, 2002: S. 79.

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    13 Februar 2012

    Gehirn und Gedicht

    Ich fand das erst interessant, dann aber sehr schnell nicht mehr: die neurologische Fundierung des Lesens und Denkens im Gehirn. Wenn es so ist wie im Folgenden beschrieben wird, dass ein aufnehmende Lesen nur innerhalb der Pausen möglich ist, die das Auge von den permanenten Blickrichtungswechseln macht, dann ist das eben so. Das ist bei allen Menschen der Fall, das ist einfach die neurologische Grundlage. Wir müssen da nicht lange drüber nachdenken, was sein könnte, machten unsere Augen keine Pausen oder wären wir doppelt so intelligent wie wirs sind.

    Ich habe diesen Gedanken schon einmal anhand der These Cărtărescu angesprochen, dass die Welt der Termiten so aussieht wie ihre Kaufwerkzeuge ihnen das vorgibt. Diese termitische Strukturierung der Welt, das gilt auch für uns. Bei Cărtărescu können Sie sich einen Termin holen, und danach gehen Sie gleich mal zu dem Kollegen über den Flur und dann rechts, zu Ion Manolescu hierher, der hat einen großartigen Roman geschrieben, die Ausschnitte finden Sie hier,  und dann sind sie eins, zwei drei auf dem neusten Stand.

    Jetzt aber zu den Gehirnforschern:

    „Sie wissen auch, obwohl die Worterkennung die Basis des Lesevorgangs ist, ist es ja noch viel komplizierter, denn Bedeutung entsteh ja auch in Wortkombinationen, in Sätzen in Phrasen. Das ist keine Statische Angelegenheit, sondern wir müssen dreimal oder viermal pro Sekunde ruckartig unsere Augen bewegen, zwölf Blickbewegungsmuskeln müssen dafür von unserem Gehirn koordiniert werden. Zwischen diesen ruckartigen Sakkaden (Blickzielbewegungen) liegen kurze Pausen, Fixation genannt, die im Mittelwert nur eine Viertelsekunde dauern und nur während dieser Fixationen, kann das Gehirn die Information aufnehmen, die es zum sinnentnehmenden Lesen benötigt. Kurzum, das Gehirn verhält sich ein bisschen wie Bölls Clown, der nur Augenblicke sammelt, aber aus diesen Augenblicken konstruiert es dann etwa ein Gedicht, das wiederum dem Gehirn einer anderen Person entnommen ist, in diesem Fall Ricarda Huchs.“ (Arthur Jacobs)

    Raoul Schrott und Arthur Jacobs über “Gehirn und Gedicht”, hier.

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    12 Februar 2012

    Am 16. Dezember 2010 ist Thien Tran in Paris verstorben

    Am 16. Dezember 2010 ist Thien Tran in Paris verstorben. Er hat das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium bekommen. Ich kann mich an die Lektüre von Rom, Blicke von Brinkmann erinnern. Ich habe das Buch einmal in eine Reihe mit zwei anderen mich beindruckenden Büchern gestellt: Örtliche Leidenschaften von Barbara Bongartz und Die Insel des zweiten Gesichts von Albert Vigoleis Thelen.

    Wie Thien Tran wohl gelebt haben mag? In Vietnam geboren, kam er mit drei Jahren nach Deutschland. Fühlt man, wenn man in dem Alter hierher kommt, die eigene Fremdheit oder die der anderen? Er studierte Literatur und Philosophie, hat einen Band mit Gedichten veröffentlicht, und wollte, wie ich irgendwo gelesen habe, immer mit dem Kopf durch die Wand. Das ist keine schlechte Angewohnheit für einen Dichter. Es gibt einfach sehr viele Wände und wenn man anders hindurch käme als mit dem Kopf, dann bräuchte man nicht Dichter werden. Man nähme einfach Türen, Fenster, Treppenhäuser, Aufzüge. Man sieht die natürlichen Löcher in den Wänden und muss nicht mühsam eigene hineinbrechen.

    Wie Thien Tran wohl gestorben sein mag? Vielleicht ist er genauso tragisch, so lächerlich ums Leben gekommen wie Brinkmann in London. Weil er nicht an den Linksverkehr gewöhnt war und beim Überqueren der Straße instinktiv in die falsche Richtung geschaut hat. Aber Thien Tran ist in Paris gestorben. Vielleicht hat er keine Wand mehr gesehen, durch die er hindurch konnte? Überall nur Ausweglosigkeit statt Wände und Löcher. Vielleicht hat er sich vom Leben verabschiedet, wie so viele Dichter. Suizid und Sprachlosigkeit haben einiges gemein.

    Ich weiß kaum etwas über den Mann, nichts über seine Dichtung, nichts darüber, wie er mit Worten gelebt hat. Ich kenne ihn gar nicht. Er steht im Alphabet bei Literaturport einfach nur unter mir. Vorher stand er unter Claudia Tomann.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    11 Februar 2012

    Wo haben Sie eigentlich alle gesteckt?

    Das war gestern ein rundum gelungener Abend. Besser hätte das nicht laufen können. Ich war den ganzen Tag über ziemlich aufgeregt. Ich habe mich vor der Lesung mit einer Dame von der Presse getroffen. Die wollte mich auf Herz und Nieren prüfen. Dummerweise hatte ich, bevor ich das Café betrat, das Gefühl, weder das eine noch das andere zu haben. Ich war aufgeregt. Das bin ich auch jedes Mal, wenn ich mich mit meinem Prof. treffe. Ich bin ein wenig zu spät gekommen. Sie saß schon da und hatte mein Buch auf dem Tisch liegen.

    Ich habe ihr dann von meinen beiden Roman erzählt und sie mir von ihrem Vater, der lange mit dem Schreiben gekämpft, es aufgegeben hat und jetzt gerade wieder damit anfängt. Das Schreiben kann ein Kreuz sein. Aber auch ein großes Glück. Dann haben wir über die rumänische Literatur gesprochen - Mircea Cărtărescu, Herta Müller und Oskar Pastior – und über Rumänien natürlich. Das ganze Gespräch war ausgesprochen gut. Das war sogar noch besser.

    Danach bin ich zu spät zu meiner Lesung gekommen! Da war gewollt.  Zwei Freunde haben für mich gelesen: Valentina und Claus. Es waren etwa fünfzig Leute anwesend. Ich stand in der letzen Reihe und konnte mir das in Ruhe anhören. Ich habe die Worte von Herrn Osburg mitbekommen, der von meinem Buch geschwärmt und die von Frau Schwind, die meine beiden Vorleser_innen schön eingeführt hat. Dann wurde „Es war dasselbe, es fühlte sich nur vollkommen anders an“ gelesen. Ich konnte kaum glauben, dass ich das geschrieben habe. Wieder einmal stellte ich fest, dass der Text, wenn man alleine davor sitzt, ein anderer ist. Ein anderer als der, der dann in einem Buch steht. Und er verändert sich noch einmal, wenn er von fremden Stimmen gelesen wird. Er verändert sich, wenn er gehört, wenn er verstanden wird. Und wahrscheinlich verändert er sich auch, wenn er nicht verstanden wird.

    Ich muss die Dinge manchmal aus der Ferne wahrnehmen. Ich fühle mich dann sicherer. Außerdem bin ich nur vorlaut, wenn das Netz dazwischen ist. Ich stand dort hinten und habe gelächelt und ich weiß, dass die beiden da vorne das gesehen haben.  Später drückte mir Herr Osburg den nächsten Vertrag in die Hand. Damit wäre auch „Aléas Ich“ unter Dach und Fach: Erscheinungstermin Januar 2013! Das war also wirklich ein sehr schöner Tag. Dann habe ich meine beiden Vorleser noch in ein Restaurant eingeladen.

    Wo haben Sie eigentlich alle gesteckt?

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.