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    Hier wird liiert

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  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
  • irisnebel: klasse! gratuliere! musst du ne gegenleistung bringen? als stadtschreiber z.b.?
  • nadine schmid: Ich habe mit Thien an der Uni Koeln studiert. Wir ware zeitweise befreundet, aber ich hatte wenig verstaendnis fuer seinen ‘Mangel’ am akademischen Streben und habe, trotz meiner Anerkennung seines Talents, sein Lebensziel, aus seiner Dichtung etwas zu machen, als...
  • bersarin: Es muß natürlich, entdecke ich beim zweiten Lesen, Monika Rinck heißen. Ich kann mir Namen nie merken.
  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
  • Aléa Torik: Never ride a dead horse – das hätte auch als Überschrift dieses Beitrags herhalten können. Gestern Nacht bin ich mit dem Rad 35 km durch das ausgestorbene Berlin gefahren, bis weit jenseits der Stadtgrenze. Da ich ziemlich kaputt war, konnte ich dabei nichts denken, aber wenn...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
  • Aléa Torik: Liebe Miss Lingen, bitte entschuldigen Sie die kleine Verspätung meiner Antwort. Ich war auf anderen Schlachtfeldern unterwegs. Sie haben absolut recht, es ist viel zu komplex. Dabei darf ich mir zugutehalten, es deutlich vereinfacht zu haben. Denn im Original – wenn wir uns darauf...
  • Miss Lingen: Obwohl, wie Sie wissen, ich hier mit Sympathie lese, frage ich doch: ist das nicht alles ein wenig zu komplex?
  • Aléa Torik: Dann bin ich gespannt, was du von dem Essay hältst.
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, die Idee des freiwilligen Ablebens um des Erfolges willen stand ja schon einmal im Raum, aber das nur zu machen, um ausgerechnet auf meine Leseliste zu kommem, nee, da hast Du recht, das wäre schon sehr übertrieben! http://www.litblogs.net/hue...
  • Aléa Torik: Lieber holio, ganz verstehen kann ich die Ottos und Ottisten ja tatsächlich nicht. Vielleicht ist das so, dass Otto und Otta, was ihr Leseverhalten betrifft, auch nicht ganz schlau aus sich werden. Sie greifen immer nur nach dem, wonach auch die anderen greifen. Das zeichnet die...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
  • holio: Traurig ist das in der Tat. Und so ganz zu verstehen auch nicht. Im Geräusch des Werdens war der Anknüpfungspunkt für Otto Normalleser ja da. Und die Bălkanexotik ist auch rezipiert und rezensiert worden. Die Sprache ist einfach, der Plot verständlich, erinnere die Szene mit dem blinden...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • 01 Januar 2012

    Willkommen im Heute

    Ich sitze hier, rutsche auf dem Hintern hin und her und freue mich auf das kommende Jahr. Dabei wäre das gar nicht nötig: es ist ja nicht mehr das kommende Jahr. Wir schon mittendrin. Das nun auch wieder nicht, wir haben ja gerade einmal den ersten Januar. Wie dem auch sei: ich freue mich auf dieses Jahr. Das wird sehr arbeitsreich, vielleicht wird es auch erfolgreich. Das kommt darauf an, wie man Erfolg definiert. Anerkennung anderer ist sicher ein wesentlicher Teil. Anerkennung, die dann wichtig ist oder scheint, wenn es daran mangelt und vielleicht schon nicht mehr so wichtig ist, wenn man sie bekommt. Wer weiß. Ich werde von meinen Erfahrungen mit der Anerkennung berichten. Und wenn ich nichts davon berichte, berichte ich von meiner Enttäuschung. Und hoffe, dass Sie mir Anerkennung dafür zollen. Auf all das freue ich mich. Aber vor allem freue ich mich auf die Arbeit.

    Ich bin also aus meinem Winterschlaf erwacht! Vor genau einem Jahr habe ich Ankündigungen gemacht, was ich alles tun würde. Viele davon habe ich nicht getan. Das mache ich in diesem Jahr nicht. Ich verspreche nichts, ich halte nichts und ich enttäusche auch niemanden. Niemanden, der nicht vorher schon enttäuscht war oder der sich unbedingt enttäuschen lassen will und dem einfach jeder Grund willkommen ist.

    Es wird auf der ersten Seite meiner Webpräsenz die Möglichkeit geben, etwas zu meinem Roman zu sagen. Es kommen wahrscheinlich einige neue Leute hier dazu. Vielleicht lesen sie nur, vielleicht mischen sie sich auch ein, vielleicht springen sie auch schnell wieder ab. Es wird viele gute neue Literatur kommen. Es wird das eine oder andere aus meinem – ich kann das gerade nicht anders sagen – aus meinem schönen und aufregenden Leben geben: Ich habe schon den ganzen Morgen beim Frühstück gesungen. Die meiste Zeit werde ich einfach nur am Schreibtisch sitzen und auf das Display meines Laptops schauen. Es gibt sicher den einen oder anderen Erlebnisbericht.

    Ich frage mich gerade, warum mir Geld nichts bedeutet. Mag sein, weil ich aus einer ärmeren Gesellschaft komme. Aber das tun viele und nicht wenige von denen, sind umso mehr hinterm Geld her. Vielleicht liegt das daran, dass ich in der Literatur aufgehe, daran, dass ich im Leben gefunden habe, war ich machen will, an meinem Charakter oder daran, dass ich nur für mich entscheiden muss, keine Mann ernähren und keine Kinder füttern muss. Vielleicht liegt es auch daran, dass mir Zahlen völlig wurscht sind und mir eine sieben nicht anders erscheint als eine neun oder eine elf. Wesentlich ist dabei sicher, dass ich mir nichts im Leben vorstellen kann, was mich so sehr befriedigt wie das Schreiben.

    Ich wünsche allen, dass es Ihnen einigermaßen so geht wie mir, dass Sie auf Ihrem Hintern sitzen und nervös hin und her rutschen, weil sie gar nicht erwarten können, dass es endlich losgeht, dieses Jahr. Dabei sind wir ja schon mittendrin. Zwischen Heute und Gestern zu unterscheiden ist nicht so einfach. Momente liegen ja manchmal recht nah beieinander. Nicht nur an Sylvester, nicht nur an Mitternacht.

    Bei dem Bild unten muss ich den Namensnennung vornehmen. Kann ich aber nicht. Ich habe keinen Namen gefunden. Das ist ein Bild von der Datumsgrenze, beim 180 Längengrad, auf einer der Fitschiinseln. Ich habe es hierher genommen.

    Am 23. Januar wird diese Seite modifiziert und die technischen Probleme werden dann aufhören. Aber solange gilt noch: bei Kommentaren müssen Sie beide Worte eingeben.

     

     

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    19 Dezember 2011

    Mein Vorschlag für das Wort des Jahres: „Digitaler Außenseiter“

    Mein Anschreiben an die “Gesellschaft für deutsche Sprache”:

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    wohlwissend, dass Sie das nicht anbieten, möchte ich dennoch einen eigenen Vorschlag für das „Wort des Jahres“ 2011 machen. Mit diesem Vorschlag ist der Wunsch verbunden, dass Sie Ihr Auswahlverfahren modifizieren mögen und Vorschläge und deren Begründungen nicht nur von einer „Fachjury“ vornehmen lassen, sondern von denen akzeptieren, die einfach nur Nutzer der Sprache sind, aus Not oder aus Lust. Ohne dabei fachliche Kompetenzen vorweisen zu können. Ich mache hiermit den Anfang.

    Ich schlage „Digitaler Außenseiter“ als Wort des Jahres vor. Der digitale Außenseiter ist, einer Studie der Initiative D21 zufolge zu 59 % weiblich und zu 73 % nicht berufstätig. Der digitale Außenseiter ist einer, an dem der Wandel der Gesellschaft vorbeigeht. Ein Wandel, der vor allem jenen Teil der Welt betrifft, deren Nutzung für viele, vor allem Jüngere, womöglich weniger weibliche und mehr berufstätige Personenkreise, selbstverständlich ist. Für den digitalen Außenseiter ist sie ein Buch mit sieben oder mehr Siegeln und Passwörtern. Wo die einen eine eigene Hompage haben, ihr Smartphone mit Apps füttern und sich zu Weihnachten ein Tablet wünschen, verstehen die anderen nur noch Bahnhof. Ein Bahnhof in einem böhmischen Dorf, wo der letzte Zug schon lange abgefahren ist. Man sitzt einfach da und wartet und weiß innerlich, dass man da im Leben nicht mehr wegkommt.

    Das digitale Leben fängt ja nicht erst beim Computer an, das beginnt bereits beim Telefon, das Teil einer weit größeren Einheit aus verschiedenen Geräten ist. Wer sich heute für ein Telefon entscheidet, der muss sich für ein komplettes Ökosystem aus Apps samt Umgebung entscheiden, für eine Apple Plattform oder für Android oder Windows, für oder gegen Lion oder Siri, und möglicherweise auch noch für Fedora oder gegen Ubuntu. Viele können das nicht. Sie können sich nicht einmal mehr zwischen den verschiedenen Mobilfunkangeboten entscheiden, zwischen Verträgen mit oder ohne Flat, mit oder ohne home zone, weil sie nicht einmal wissen, was ein Citycall ist. Sie lassen das Telefon links liegen, weil sie die Bedeutung der Tasten nicht mehr verstehen, wo weder die Sieben noch die Neun einfach nur Tasten sind, sondern Mehrfachbelegungen, die kein Mensch versteht oder braucht. Jedenfalls kein digitaler Außenseiter.

    Das digitale Leben unterscheidet nicht zwischen dem was man braucht oder nicht braucht. Wer solche altmodischen Trennungen vollzieht, der ist bereits einer, der der Digitalen Avantgarde, der anderen Seite der Gesellschaft, hinterher humpelt. Das sind altmodische Begriffe aus der analogen Welt, die in ihrer digitalen Parallelwelt keine Rolle mehr spielen. Die digitale Avantgarde, ist eine Gesellschaftsschicht, die nichts mehr braucht aber alles kann. Die jenseits der Nöte und Sorgen der anderen, der 59 % weiblichen und 73 % nicht berufstätigen, permanent neue Anwendungen erfindet, die auch wieder keiner braucht und die Unbrauchbaren hinter sich lässt.

    Ich sehe bedauerlicherweise gerade, dass ich etwas hinterherhinke: das Wort des Jahres 2011 ist bereits vergeben. Macht nichts. Ich schlage hiermit das Wort „Digitaler Außenseiter“ als Wort des kommenden Jahres vor.

    Ich grüße Sie ganz herzlich

    Aléa Torik

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    09 November 2011

    Immer älter und gesünder

    Ich bin derzeit nicht in Berlin. Ich bin etwas südlich von Feldberg, in einem Dorf namens Carwitz. Das Dorf darf man sich nicht allzu groß vorstellen, man kommt der Wahrheit nahe, wenn man das Gegenteil tut. Das liegt an einer Seenplatte, hier herrscht eine wunderschöne herbstliche Stimmung. Langsam wird’s kühl. Aber da ich, wie ich letztens in einem Kommentar schrieb, Wolle mag, mache ich mir keine Sorgen.

    Das Polabische, vor allem die altpolabische Sprache hat hier offenbar einiges hinterlassen, so geht auch der Dorfname auf eine altpolabische Vokabel zurück, karva heißt Kuh. Ich bin also in einem Kuhdorf in Mecklenburg-Vorpommern. Und da ich auch aus einem Kuhdorf komme, fühle ich mich hier sehr wohl. Das Aufregendste in karva-carwitz bin derzeit ich selbst. Die Einwohner recken die Hälse, vielleicht bin ich zu neugierig oder sie glauben mir nicht, dass ich hier bin zum Schreiben. Außer mir gibt es hier noch das Hans Fallada Museum. Fallada war hier ebenfalls zum Schreiben und vielleicht haben die das dem auch nicht geglaubt und die Hälse gereckt.

    Ich wohne in der Datsche eines Freundes. Es gibt hier fließendes Wasser, Strom, eine Art Bett und manchmal funktioniert auch das W-LAN. Ich kann mich bei einem Nachbarn einloggen, der mir sein Passwort genannt hat. Es gibt in der Bude einen Ofen. Mal sehen wie lange ich das hier aushalte. Ich stehe früh auf, wasche mich und dann setze ich mich an die Arbeit. Einmal am Tag geh‘ ich spazieren. Heute wollte ich eine Zeitung kaufen, da gab es auch eines dieser Yellow-Press-Erzeugnisse mit der Schlagezeile: „Berliner werden immer älter und gesünder.“

    Soso, dachte ich mir. Während ich hier auf dem Land bin, ora et labora, während ich älter und erschöpfter werde und eines Tages auch ganz alt und zu Tode erschöpft sein werde, krank und kränker, werden die Berliner also immer gesünder. Und das offenbar zur selben Zeit. Ich gehe jetzt bereits, jung wie ich bin, meinem Ende entgegen, während die Berliner, so muss man das wohl verstehen, den anderen Weg nehmen. Sie werden zwar auch älter, aber sie werden immer gesünder, sodass sie offenbar, wenn sie ganz alt sind auch ganz gesund sind. Sie sterben dann wahrscheinlich nicht an Krankheiten wie unsereins, sondern an ihrer elenden, pathologisch perversen, geradezu krankhaften Gesundheit.

    Ich bleibe also lieber noch ein bisschen hier. Ein warmer Pullover, warme Socken und die klappernde Tastatur; bisweilen ein Spaziergang und früh schlafen gehen; gelegentlich ein Glas Rotwein. der hier in schönen Flaschen in einem Vorratszimmer wächst. Das alles ist sehr gemächlich. Und das kommt meinen natürlichen Zeitempfinden entgegen. Da hat mich doch der Phorkyas eine Heilige genannt, wo ich doch bloß eine Eilige bin. Aber alle Eile kommt hier zur Ruhe.

    Noch immer. Zwei Worte bei Kommentaren und die Technik lässt Sie durch.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    03 November 2011

    Neuzugang auf der Blogroll: Elif Batuman

    Ich hatte nichts mit der Buchmesse zu tun. Ich habe schon länger das Gefühl, dass das nicht meine Veranstaltung ist. Dennoch las ich eine Bemerkung zu Elif Batuman, die in Komparatistik in New York (oder spielt mir da meine Erinnerung einen Streich?) promoviert hat, eine Türkin in Amerika. Da habe ich natürlich sofort an eine Ihnen bekannte Rumänin in Deutschland gedacht. Elif Batuman schreibt für diverse Magazine, den New Yorker (kommt das vielleicht daher?) und andere. Ich dachte: Aha, da wird also doch noch mal etwas aus mir. Ich promoviere, parallelisiere, paralysiere, und ZACK, geht’s mir so wie ihr: ich werde eines Tages über Literatur schreiben und bekomme auch noch Geld dafür.

    Frau Batuman hat ein Buch geschrieben “The Possessed. Adventures with Russian Books and the People Who Read Them”. Das ist übersetzt worden. Ich hab mir das Buch, die Übersetzung, im Internet bestellt. Soll man ja nicht tun, wenn man dem Buchhandel glaubt: das Internet ist böse. Ich hab‘s dennoch da bestellt. Ein bisschen Bosheit tut mir ganz gut. Ich dachte, es sei ein Roman. Das steht allerdings nicht drauf. Und es auch keiner drin. Dann dachte ich, es sei eine Sammlung von Essays, weil Teile, das steht immerhin im Buch, als Essays in Magazinen vorab erschienen sind. Aber es sind keine Essays.

    Ich habe schon einige schlechte Erfahrungen in Deutschland mit Worten gemacht. Unter anderem mit dem Wort Essay: man kann alles und nichts einen Essay nennen. Im Grunde kann man auch einen Rasenmäher als einen Essay auf die Kürze des Grases bezeichnen. Es ist leider kein Roman, es sind leider auch keine Essay und ein Rasenmäher ist es wohl auch nicht. Das sind Geschichten, deren Hauptfigur Elif Batuman ist. Geschichten, die sich im weitesten Sinne um Literatur drehen, weil Elif Batuman sich darum dreht. Vielleicht drehen sie sich nicht, sie tangieren, tranchieren, torpedieren und travestieren die vor allem russische Literatur. Und da kennt die Autorin sich ohne Zweifel sehr gut aus.

    Wir haben es mit einem offenkundig außergewöhnlich hohen Grad an Identität der Elif Batuman vor mit der Elif Batuman in dem Buch zu tun. Die Differenz zwischen der echten und der fiktiven Person ist offenbar gegeben durch die witzigen Formulierungen. Denn das Leben ist ernst, also muss die witzige Variante die Fiktionalisierung dieser ernsten Wirklichkeit sein. Bedauerlicherweise fand ich das Buch nicht witzig, nicht mal ansatzweise. Gerade dieser Umstand wird aber in allen Rezensionen betont, der Witz und die Klugheit, da ist sogar – hör sich einer das an – von ihr als eine der „besten Essayistinnen der Welt“ die Rede.  Also muss der Abstand der beiden Batumans für die anderen Leser größer gewesen sein als er für mich war. Ich konnte kein lyrisches Ich erkennen. Das aber wäre eine Minimalanforderung an ein literarisches Werk.

    Ich habe nicht ein Mal gelacht. Der türkisch-amerikanische Humor ist offenbar deutlich von dem deutsch –rumänischen unterschieden. Eine von uns beiden hat offenbar einen anderen Humor! Vielleich ist dieses türkisch-amerikanische-Roman-Essay-Rasenmäher-Gemisch sogar höchst explosiv. Aber die vertrocknete Frau Torik wird es nicht herausfinden. Ich habe das Buch beiseitegelegt. Welches Genre das auch immer sein mag, ich kann nur hoffen, dass es nicht zum allgemeinen Maßstab erhoben wird.

    Ich sage dennoch ausdrücklich, dass das hier kein Verriss ist. Ich wüsste gar nicht wie man das macht und es gibt keine Textsorte, die mich noch weniger interessiert als der Verriss. Ich will möglichst selbstkritisch sein und den Fehler von Elif Batuman bei mir suchen: Mir passt sowieso gerade nichts. Ich breche alle Lektüre ab. Ich werfe alles in die Ecke. Da liegt auch „Der letzte Tag“ von Pynchon und ich halte es nicht für wahrscheinlich, dass ich den da noch einmal herausbekomme. Das ist umso erstaunlicher, da er mir, als ich ihn kennenlernte, sehr gut gefallen hat. Vielleicht hat er mir nicht gefallen, sondern nur imponiert. Und heute lasse ich mir nicht mehr imponieren.

    Ich lese derzeit die Einleitung der Dissertation von Frau Batuman und die gefällt mir gut und ist weitaus besser geschrieben als das Buch. Das ist auch eine liebevoll gemachte Seite, und da sie auch eine Art Blog hat – My Life and Thoughts – nehme ich sie in meine Blogroll auf. Ich nehme auch einige von der Blogroll herunter, vor allem die fünf Litblogs-Leute, weil ich die ja schon über Litblogs verlinkt habe. Nicht, dass sich Verschwörungstheorien bilden.

    Zur Überwindung des Captchas müssen bei Kommentaren beide Worte eingegeben werden.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    und zwar soeben.





    17 Oktober 2011

    „Man wird nicht als anderer geboren, ..

    … man wird zum anderen gemacht.“

    Das hat einer meiner Professoren in Bukarest, George Guţu, gesagt. Sowie man zum Objekt einer (ethnologischen) Beschreibung wird, wird man ver-andert. Und indem man ver-andert wird, vermute ich, wird man verändert.

    George Guţu meinte das damals, wenn ich mich recht erinnere, so umfassend wie nur möglich. Jede im Kern ethnologische Beschreibung macht einen anderen zum anderen. Wenn das so ist, dann ist die Frage, ob und inwieweit das Wissen um diesen Sachverhalt einem etwas vom Selbst oder vom Eigenen nimmt. Oder ob und inwieweit das Selbst vielleicht gerade in diesem Wissen, im Widerstand gegen die Ver-anderung, erst entsteht oder sich zumindest konturiert.

    Einfach nur „sein“ hat vermutlich keine Spezifizität, wenn man das nicht sehr stark mit Begriffen auflädt. Das Selbst entsteht womöglich durch die Aufgaben, die an es herangetragen werden. Wie die Organe entsprechend ihrer Verwendungen und Funktionen entstehen. Wie die Niere nicht nur einfach eine Funktion hat, sondern sie hat eine ganz bestimmte Funktion. Die Frage ist auch, inwieweit wir uns von dem Begriff der Funktionalität leiten lassen, ob wir das Selbst als ein soziales Selbst verstehen, das einzig oder vor allem der sozialen Funktion gehorcht und sich dementsprechend anpasst. Anpassung ist wohl ein Begriff, der nicht sehr hochwertig einzuordnen ist. Möglicherweise ist das aber auch ein positiver Prozess der Verselbstung, diese Ver-anderung.

    Bevor mein schöner aufrechter Beitrag hiermit vollends auf die schiefe Bahn, und ich mit ihm, da sich ein Sprachgebrauch einschleicht, der mich allzu sehr an Martin Heidegger erinnert; bevor das gegen die Wand fährt, da ich die nicht mag, diese Sprache Heideggers, und darüber hinaus auch nicht viel von seinen Texten verstehe, beende ich hiermit meinen abendlichen Versuch, etwas Sinnvolles zuwege zu bringen.

    Ich meine das wirklich ernst: ich habe die technischen Veränderungen angeschoben und hier wird sich einiges verbessern. Allerdings ist die schiefe Bahn der Technik noch nicht schief genug, so dass auch jetzt noch gilt: bei Kommentaren zwei Worte eingeben (vielleicht hat man meinen Ehrgeiz bemerkt, immer andere Formulierungen für immer den gleichen Sachverhalt zu finden?).

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    28 September 2011

    Or-bit-or

    Der internationale Romanistentag hat in den vergangenen Tagen in Berlin stattgefunden. Zu Beginn meines Urlaubssemesters habe ich mir dennoch einige Vorträge angehört, vor allem im Bereich der Rumänistik. Die Rumänisten sind eine überschaubare Sektion innerhalb der Romania. Ich kenne da einige Leute. Sieben, um genau zu sein. Also alle! Kontakte sind wichtig, Bekanntschaften und Freundschaften nicht minder.

    Ich interessiere mich vor allem für die Orbitor-Trilogie von Mircea Cărtărescu. Da ist derzeit nur der erste Teil übersetzt als „Die Wissenden“. Im Original heißen die drei Teile “Orbitor. Aripa stângă” (Blendend, Der linke Flügel); “Orbitor. Corpul” (Blendend, Der Körper); “Orbitor. Aripa dreaptă” (Blendend, Der rechte Flügel). Cărtărescu hat auf die Frage, ob er seinen Roman in wenigen Worten zusammenfassen könnte, die folgende Antwort gegeben: „Ich habe 14 Jahre und 1500 Seiten gebraucht, um herauszufinden, worum es in dem Roman geht. Jetzt kann ich es sagen, jedoch nicht in wenigen Worten, sondern in genauso vielen, wie ich im Buch verwendet habe.“, hier. Irgendwo in seinem Jurnal heißt es einmal, glaube ich, er wolle „mit perversem Verstand, ein unlesbares Buch schreiben“. Vielleicht hat das auch jemand über ihn gesagt. Es ist ein unlesbares Buch. Es ist eine erhebliche Herausforderung für jeden Literaturwissenschaftler. Man meint an vielen Stellen es zu begreifen. Aber man begreift es nicht.

    Allein der Titel ist von einiger Komplexität. Alle drei Teile heißen „Orbitor“. Die korrekte Übersetzung ist „Blendend“. In der doppelten Bedeutung von Sehen, nämlich ein Sehen, das mehr ist als ein Sehen. Ein Über-Sehen. Ein so deutliches Sehen, dass es zu viel ist und der geblendete Mensch eben nichts mehr sieht. „Orbire“ bedeutet Erblinden. Dann steckt in dem Wort natürlich der Orbit, die Umlaufbahn, deren Rundung beim Sprechen sowohl im Eröffnungslaut – Or – als auch im identischen Verschlusslaut – or – mit den Lippen bildnerisch nachgezeichnet wird. Orbitor hat aber noch andere Anklänge und kann auch „Abstumpfung“ oder „Banalisierung“ bedeuten. Diesem Bild einer Umlaufbahn, der Wiederkehr der Planten und Ereignisse, allerdings auch der stumpfen Wiederholung, wird ein zweites Bild mitgegeben, das in allen drei Teilen des Romans wiederkehrende (!) Bild des Schmetterlings – die in der rumänischen Mythologie aus den Tränen der Jungfrau Maria geboren werden – mit seinem Körper und seinen beiden Flügeln: hier klingen die Verwandlung der Raupe an, die Schönheit des Tieres, das Fliegen, die Ziellosigkeit, die geometrische Zeichnung der Flügel und intellektuelle Mitbedeutungen wie das Assoziationsvermögen beispielsweise im Rohschach-Test und die Unterteilung des Gehirns in zwei einander ergänzende Hälften. Der Schmetterling ist in der Trilogie, wenn man das sagen kann, das Bild für eine ästhetische Erlösung. All das ließe sich noch sehr viel ausführlicher entfalten.

    Prof. Michelé Mattusch hat in ihrem Vortrag einen Gedanken paraphrasiert, der in dem Roman thematisiert wird: die Struktur eines Termitenhügels ist durch den Bau der Kiefer der Termiten vorgeben. Das finde ich ein sehr schönes Bild. Die Welt der Termiten sieht so aus wie sie aussieht, weil die Tiere sie so begreifen können. Diese Welt ist eine ihren Organen und ihrem Wahrnehmungsvermögen adäquate Welt. In einer anderen könnten sie gar nicht leben. Sie gehen nicht ins Kino, weil sie keins haben und sie haben keins, weil sie das Organ dafür nicht haben: das Gehirn, die Augen oder einfach die cineastische Leidenschaft.

    Ich habe in den vergangenen Tagen zwei Zeitungsartikel gelesen, die mich in Erstaunen versetzt und meinen Widerspruch provoziert haben. Beide (eins, zwei) drehen sich um dasselbe Thema, darum, dass Physiker offenbar, oder möglicherweise, Teilchen entdeckt haben, die sich schneller als das Licht bewegen. Das würde Einsteins Relativitätstheorie und dessen zentrale Konstante, nichts ist schneller als das Licht, zusammenbrechen lassen. Vielleicht haben diese Physiker das nur deswegen entdeckt, weil die Drittmittel ja irgendwoher kommen müssen und da macht sich der Zusammenbruch des Universums oder seiner stabilisierenden Theorie ganz gut. Aber irgendwo und irgendwann geht ja immer gerade die Welt unter, zum Beispiel am 21. 12. 2012. Für irgendwas ist das immer gut, in diesem einen Fall für die Grundstückspreise in Bugarach.

    Wie der Bau des Termitenhügels im Bau der Termitenkiefer bereits vorgegeben ist, so ist der Bau des Universums bereits durch den Bau des menschlichen Gehirns vorgegeben. Die Welt, die wir verstehen ist die Welt, die wir verstehen können. Keine andere. Das heißt aber nicht, dass es da nicht eine andere gibt. Ich empfinde es als lächerlich und anmaßend, zu glauben, das Universum sei wirklich so aufgebaut wie die physikalischen Beweise es zeigen. Das Universum ist vielmehr so, wie die Beweise es beweisen. Sie beweisen nichts anderes, als wie wir es uns vorstellen können. Das ist natürlich letztlich mit jedem Beweis so und auf diese Weise lässt sich kaum ein Axiom wie der Satz des Pythagoras relativieren. Wir müssen davon ausgehen, dass eins und eins immer zwei ist. Egal unter welchen Umständen (obwohl ich meine, mich erinnern zu können, dass es bei den irrationalen Zahlen anders ist. Aber für mich sind alle Zahlen irrational. Was das Leben nicht einfacher macht!).

    Dennoch empfinde ich das Ganze als eine gigantische Bauernfängerei. Dolle Sache da draußen: Schwarze Löcher und Antimaterie. Lichtgeschwindigkeit, an deren Grenzen wir wieder jünger werden. Ursache und Wirkung geschehen in unterschiedlicher Reihenfolge, Reisen in die Vergangenheit und in die Zukunft. Ziemlich großes Spielzimmer, was sich die Physiker da ausgesucht haben. Das derzeit größte. Weltweit. Und darüber hinaus.

    Man macht sich im CERN in Genf und anderen Orten irgendwo in Amerika, ich glaube am MIT, auf die Suche nach den Anfängen des Universums. Das ist die Grenze zur Fiktionalität. Das ist die Grenze zwischen Science Fiktion und Wirklichkeit. Das sind die Erzählungen vom Anfang der Welt. Man macht sich anhand von Zahlen ein Bild. Man sucht ja letztlich keine Zahlen. Man sucht Bilder. Man sucht Worte. Weil man sich anhand von Bildern und Worten eine Geschichte erzählen kann. Am Ende ist alles so wie wir es uns vorstellen können. Oder wir stellen uns es so vor wie es ist. Das macht keinen Unterschied mehr.

    Brigitte Heymann, eigentlich Romanistin, hat in ihrem Vortrag, in Bezug auf den Blutkreislauf und viele andere Ereignisse, gesagt: „Wir können das nicht sehen. Wir können das nicht erfahren. Aber wir können es schreiben.“ Mircea Cărtărescu sagte einmal in übertragenem Sinne in „Orbitor“: der Weltraum braucht kein menschliches Auge. Ganz meiner Meinung. Man schießt also mit Lichtgeschwindigkeit winzige Teilchen aufeinander und schaut sich dann die Schäden an. Jeder literarische Schuss in den Ofen ist interessanter. Und deutlich günstiger.

    Bei Kommentaren muss man noch immer das captcha mit beiden Worten überwinden.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 September 2011

    Apocalipsă

    Wenn ich aus Rumänien wieder nach Deutschland komme, habe ich in der Regel Schwierigkeiten mich hier einzuleben. Ich komme aus einer anderen Welt und ich bin hier dann mehr oder weniger schnell an dem Punkt, wo ich mich frage, wie sinnvoll das alles ist, was ich tue.

    Das Leben dort ist ganz anders als hier. Ich beschäftige mich mit anderen Sachen und ich spreche eine andere Sprache. Ich habe andere Menschen vor der Nase, andere Probleme, andere Geschichten. Ich bin politischer als hier, wo ich nur teilweise verstehe was passiert. Dort sitze ich den ganzen Tag lang herum und rede.

    Ich habe einen halben Tag mit einer Freundin über Roșia Montană gesprochen. Rumänien geht’s wirtschaftlich nicht sonderlich gut. Anders als Griechenland, an dem Europa und die Welt mitleidet – nicht weil die Griechen netter sind als die Rumänen, sondern weil die einen den Euro haben und die anderen nicht – leidet Europa nicht an Rumänien. In Roșia Montană sieht der rumänische Präsident Traian Băsescu die Teil-Lösung dieses wirtschaftlichen Problems. Dort liegen gigantische Goldvorräte .

    Vor einigen Jahren hat man sich zur Zusammenarbeit mit dem kanadischen Konzern Gabriel Resources Ltd. entschlossen, vielmehr hat man die Schürfrechte sozusagen abgegeben. Nun liegt das Gold da leider nicht – wie in Fort Knox – in schönen handlichen Barren im Keller herum. Das Gold muss nicht nur gestapelt, sondern es muss abgebaut werden, es ist ein in Gesteine eingespengseltes mineralisches Gold. Die Kanadier wollen das tun, indem sie ein Verfahren benutzen, das in der EU so nicht mehr zulässig ist: indem sie Cyanid einsetzen. Das Verfahren nennt man Auslaugen. Zurück bleiben gigantische Abraumhalden mit vergifteter Natur. Zurück bleiben auch riesige Mengen zyaniertes Wasser, das in Staubecken eingelagert wird. Was passiert, wenn die Dämme brechen, hat man schon einmal erfahren müssen. Im Jahr 2000 hat es in Baia Mare die nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl zweitgrößte Umweltkatastrophe Europas gegeben. Eigentlich war das Projekt auch schon vom Tisch. Aber der rumänische Präsident hat es neu für sich entdeckt. Und der steigende Goldpreis tut sicherlich auch nichts für die Umwelt.

    Cyanid ist ein Schwermetall, die Blausäure zerstört die ganze Gegend dort. In der beabsichtigten Menge ist das eine Umweltkatastrophe, die nicht zufällig entsteht, sondern bewusst eingeleitet wird. Nun ist diese Gegend, die Munții Metaliferi, eine einmalige Natur, die zerstört wird. Das Empfinden für Natur ist in Siebenbürgen sehr ausgeprägt. Man weiß, jedenfalls empfindet man das so, dass die Karpaten einer der schönsten Gegenden Europas sind. Das Empfinden für die Zerstörung der Natur ist allerdings vor allem bei Gebildeten vorhanden. Oder die Bereitschaft, sich darauf einzulassen. Und Umweltprojekte sind nahezu nicht zu finanzieren. Die Leute sind froh, wenn sie Arbeit bekommen und genau das verspricht die kanadische Firma ja auch. Von Mülltrennung wie sie in Berlin und wahrscheinlich in ganz Deutschland praktiziert wird, ist man weit entfernt. Einen Artikel zu dem Widerstand, allerdings schon einige Jahre alt, aber mit Fotos, gibt es im Eurasischen Magazin, hier.

    Aber es ist so weit weg, von meinem Leben hier, von meinem Schreiben und meinen anderen Interessen, dass ich gar nicht darüber berichten möchte. Dort drüben höre ich immer Geschichten, während ich hier nie Geschichten höre. Alle erzählen mir dort Geschichten, von der Nachbarin, deren Dachstuhl eingestürzt ist und die glaubt, dass da wer am Werk war. Von der Cousine, die heiraten will oder die vielleicht nur das will, was der Mann will, der sie heiraten will. Von der Frau, die in den Wald gegangen und nicht wieder herausgekommen ist. Hier muss ich mir alle Geschichten selbst ausdenken. Dort war noch Sommer, hier ist schon Herbst. In Bukarest waren fünfunddreißig Grad, da geht alles um zehn oder zwanzig Prozent langsamer. Und es geht nicht nur langsamer, gemächlicher, schwitzender, es geht einfach anders. Das sind genau die zehn Prozent, die das Leben dort und hier voneinander unterscheidet.

    Hier steht mir ein Urlaubssemester bevor, mit vor allem einer großen Aufgabe, den zweiten Roman zu beenden. Damit ich in den beiden kommenden Semestern an der Diss arbeiten kann. Hier ist alles sehr stark durchstrukturiert. Es ist natürlich deswegen so, weil ich das mache. Ich vermute, dass das Leben zu einem großen Teil aus Alltäglichkeit besteht. Eingespannt in einen Rahmen aus Interessen und Notwendigkeiten, aus Eintönigkeit und Abwechslung, stellt man sich die Frage nach einem Sinn eigentlich nicht. Ich stelle sie mir nicht. Ich stelle sie an solchen Umbrüchen, wenn ich von der einen in die andere Gegend, von der einen Vorstellung in die andere reise. Jetzt steht der Klotz „Roman“ vor mir. Das sind sechs arbeitsreiche Monate. Dann muss das fertig sein. Die Art von fertig, die es eben sein muss, bevor ich mit dem Lektor zusammenarbeite. Oder gegen ihn.

    Die Apokalypse ist sehr beliebt in Rumänien. Man sieht sie überall am Werk. Überall apokalyptische Reiter. Ich erzähle einen Witz. Aus irgendeinem für den Witz nicht wichtigen Grund geht die Welt unter: Vulkane und Atome. Vulkanausbrüche, Atomkraftwerks- oder Atombombenausbrüche und- explosionen, Erdbeben, Asteroiden, untergehender Dollar, untergehender Euro. Weltweit stürzen die Flugzeuge ab. Missgeburten, Tod und Pestilenz. Alles kaputt. Alle Menschen verstrahlt, verstümmelt und tot. Nur die Rumänen haben überlebt. Nur den Rumänen geht es wie immer. Und warum ist das so? Ganz einfach: Weil die Rumänen eben schon immer 50 Jahre hinterher waren.

    Bei Kommentaren bitte beide Worte eingeben.

    Ich war in Sibiu in einer Ausstellung. Weil man nicht fotografieren durfte, gibt es nur das Plakat dazu.





    01 August 2011

    Meine weibliche Leiche

    Ich wollte die Geschichte mit meiner weiblichen Leiche nicht untergehen lassen. Ich hatte mich von einem Gedicht dazu inspirieren lassen. Auf einem Hinterhof steht eine Kiste, die auch ein Sarg sein könnte. Man weiß nicht, was drin ist. Vielleicht „eine weibliche Leiche“.

    Ich könnte mir auch keinen toten Mann vorstellen. Bei einem Mann würde man sich sogleich fragen, wie er gestorben ist und wer ihn umgebracht hat. Und wie? Vor allem: warum stellt man die Leiche in den Hinterhof? Eigentlich müsste sie im Keller einbetoniert werden. Bei einer weiblichen Leiche fragt man sich das nicht.

    Man sieht die weibliche Leiche durch den Sargdeckel hindurch auf rotem Samt liegen. Mucksmäuschenstill und mausetot. Die Müllmänner kommen und nehmen sie mit. Sie binden den Sarg oben auf dem Dach des Müllautos fest. Das sieht nicht schön aus. So packen sie die Leiche aus und legen sie auf den Rücksitz des Müllautos. Aber dort macht sie die Müllmänner nervös. Tot oder nicht tot, sie lag nackt in dem Sarg und nackt liegt sie nun auf dem Rücksitz. Also halten sie vor einem Supermarkt, kaufen eine Vorratspackung Zellophan, wickeln sie in die transparente Folie ein und stellen sie an den Straßenrand. Gegen Abend kommt ein distinguierter älterer Herr, schaut sie sich genau an und findet sie ganz ungeheuerlich schön. Er nimmt sie mit nach Hause, legt sie in sein Bett und versucht, Liebe mit ihr zu machen. Seine Versuche bleiben erfolglos, was allerdings mehr seinen eigenen körperlichen Unzulänglichkeiten zuzuschreiben ist als den ihren. Am nächsten Tag, bitter enttäuscht, bringt er sie wieder fort. Er stellt sie an eine Kreuzung wo sie recht zügig einen interessierten Abnehmer findet. Auch diesem zeigt sie die kalte Schulter. Auch er bringt sie wieder fort. Er stellt sie in das Schaufenster eines großen Bekleidungshauses, wo sie einige Zeit dafür sorgt, dass Zellophan die gesamte Frühjahrskollektion bestimmt. Monatelang gibt es nur noch transparente Kleidung zu kaufen. Dann bricht jemand in der Nacht ins Kaufhaus ein, er nimmt sie in den Arm. Er liegt ihr zu Füßen. Er betet sie an. Die anrückende Polizei, nimmt den Mann fest. Und die Frau auch. Sie kommt ins Frauengefängnis, die Presse bekommt Wind von der Sache, sie wird wieder freigelassen, das Ganze ist der Gefängnisdirektion peinlich, man will sie loswerden und stellt sie an eine Straßenecke, wo an einem windigen Tag ein paar Kinder vorbeikommen und mit dem Finger auf sie zeigen. Es kommt ein Künstler, der sie anmalt, um die Brüste herum und die Schultern. Es kommt einer, der sie küsst, einer, der Lieder für sie singt, einer der weint, einer lächelt, einer erzählt ihr eine Geschichte, weil er vermutet, dass sie gerne eine hören möchte und dann erzählt er ihr noch eine zweite. Am nächsten Morgen ist sie weg. Es ist nur noch das eine Ende der Folie da. Man nimmt ihre Spur auf, man folgt der Zellophanfolie, an dessen anderem Ende muss sie sein. Man folgt ihr, indem man die Folie aufwickelt, man wickelt immer schneller, es wickeln immer mehr Leute, es entsteht eine Hysterie, alle wickeln mit, alle sind verwickelt, alle wollen sie wiedersehen. Aber es bleibt bei diesem Wunsch. Es war Endlosfolie.

    In einer Variante ist diese Geschichte bei den Gleisbauarbeiten nachzulesen.

    Die Einstiegshürde für Kommentatoren liegt, wie man mir schrieb, in diesem Blog sehr hoch. Und sie liegt sogar noch höher als es scheint, nämlich doppelt so hoch: bitte geben Sie beim Captcha beide Worte ein.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    Aléa hat’s hierher gestellt,
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    29 Juli 2011

    Romananfänge

    Romananfänge könnten wunderbar sein: schöne, große Sätze, die den Leser mit ihrer Magie für die folgenden tausend Seiten in den Bann ziehen. Dummerweise haben Romananfänge einen konstruktiven Nachteil: sie stehen ganz vorne im Text! Sie werfen den Leser, bevor er auch nur die allerkleinste Möglichkeit hat sich auf den Text einzulassen, sofort wieder hinaus.

    Dieses Problem fand ich vorgestern ganz wunderbar beschrieben in einer Glosse der Süddeutschen Zeitung. Ich hab’s im Netz gesucht, aber nicht gefunden. Also werde ich es mal abtippen. Das ist Journalismus, wie ich ihn mir vorstelle.

    „Wir können froh sein, dass wir keine Romane schreiben müssen. Leute, die Romane schreiben müssen, begeben sich auf ein Feld, wo die Götter der Peinlichkeit mit den Sirenen des Kitsches ringen, besonders, wenn die Aufgabe lautet, einen Roman zu verfassen, in welchem sogenannte innere Vorgänge beschrieben werden sollen. Innere Vorgänge sind schon bei Menschen, die keine Romane schreiben müssen, unerträgliche Veranstaltungen, besonders, wenn diese Menschen einem lang und ausführlich davon erzählen. Menschen allerdings, die Romane schreiben, stehen noch einer weiteren Herausforderung gegenüber: Sie müssen ihren Roman mit einem ersten Satz beginnen lassen. Und wenn der nicht sitzt, dann rutscht alles weg.

    Ein Schriftsteller, der berühmt geworden ist für seine ersten Sätze, war Edward George Bulwer-Lytton. Sein Roman „Paul Clifford“ beginnt mit den Worten „It was a dark and stormy night.” Viele haben gelacht über diesen Anfang, weil er angeblich unfreiwillig komisch sein. Aber wenn man sich jetzt bitte mal ein bisschen zusammennimmt und aus dem künstlichen Lachkrampf windet, muss man schon fragen: Was ist so schlecht daran zu schreiben, es war eine dunkle und stürmische Nacht, wenn es sich um eine dunkle und stürmische Nacht gehandelt hat? Trotzdem wurde Bulwer-Lytton das Stigma des Romananfang-Dilettanten nicht los; folgerichtig wurde nach ihm ein Preis benannt, der Autoren für den schlechtesten Romaneinstieg auszeichnet. Dieses Jahr ist es die Professorin Sue Fondrie. Ihr erster Satz geht so: „Cheryls Gemüt drehte sich wie die Flügel einer windbetriebenen Turbine, die ihre Gedanken wie Spatzen in blutige Stücke zerfetzten, die auf einen wachsenden Haufen vergessener Erinnerungen fielen.“ Ist das denn wirklich so schlecht? Oder ist es nicht vielmehr so, dass man immer weiterlesen möchte, bis der Haufen vergessener Erinnerungen in schwindelnde Höhen wächst und irgendwann in einer dunklen und stürmischen Nacht umgefegt wird?

    Ach, könnte man alle ersten Sätze der Bulwer-Lytton-Preisträger aneinanderreihen – es käme der schönste Roman der Weltliteratur heraus. Cheryls sich drehendes Gemüt musste aber irgendwann vom unerschütterlichen Gerald zum Halten gebracht werden. Gerald ist der Held des Romans von Jim Gleeson, dem Bulwer-Lytton-Preisträger von 2007. Und so geht es los: „Gerald begann – aber er wurde unterbrochen von einem schmerzhaften Pfeifen, das ihn dauerhaft zehn Prozent seines Hörvermögens kostete, so wie jeden anderen innerhalb eines Zehn-Meilen-Radius der Eruption, nicht dass es viel bedeutet hätte, denn ‚dauerhaft‘ meinte: die nächsten zehn Minuten oder so bis er von fließender Lava begraben oder von dampfender Asche erstickt wurde – zu pinkeln.“

    Falls Sie etwas kommentieren wollen, geben Sie bitte bei dem Captcha beide Worte ein.

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    26 Juli 2011

    Anpassung, Teil II

    Noch einmal die Frage nach der Anpassung. Dieses Mal ist es schon schwieriger, weil nicht deutlich ist, ob es überhaupt eine Frage der Anpassung ist. Ich hatte ein Gespräch mit meinem Lektor, ein wichtiges und gutes Gespräch. Die meisten Dinge, vor allem formale Fragen, sind ganz unstrittig. Es gibt allerdings auch Differenzen. Die kann man sicher damit erklären, dass wir anderen Geschlechts und anderen Alters sind, dass ich den Text produziert und er ihn lektoriert hat. Er streicht gerne Sätze, ich würde sie lieber umformulieren. Ich mag es gerne etwas verspielter, er ist da ernster.

    Es sind viele Geschmacksfragen dabei. Allerdings ist das bei der Literatur so: da kann man lange mit Argumenten kommen, es urteilt nicht der Verstand, sondern der Geschmack. Und das ist es auch, was der Leser als erstes an den Text anlegt: seinen Geschmack. Denn er liest ihn nur einmal und beim ersten Mal hat man, um einen  Text zu begreifen in der Regel nichts als seinen Geschmack: Weil das erste Begreifen ein Genießen ist!

    Der Lektor möchte gerne zwei, drei Kapitel streichen, er möchte einen für mich wesentlichen Erzählfaden ausdünnen. Er hätte das Ganze gerne etwas runder. Ich hingegen mag das eckige und halte es für eine wesentliche Qualität meines Schreibens. Auf der Ebene wo der Text inzwischen angekommen ist, geht es um viele Fragen: die nach seiner Qualität, die nach seiner Stimmigkeit, die nach dem Erfolg auf dem Markt. Das alles ist gar nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Der unveröffentlichte Text verschwimmt auf eine eigenartige Weise zwischen sich selbst auf der einen und der möglichen Rezeption auf der anderen Seite.

    Diese Rezeption beginnt mit dem Lektor. Es ist sehr schwierig für mich, die Seite der Produktion zu verlassen und die der Rezeption einzunehmen. Und ich darf es auch nicht tun, weil ich die Änderungen vornehmen muss. Nähme ich eine kontemplative Haltung gegenüber meinem Text ein, wäre das nicht mehr möglich.

    Was ist das Richtige für den Text? Ist das Thema Blindheit, was am Anfang meines Interesses stand und was für mich überaus wichtig war und ist und da für mein Empfinden den gesamten Text strukturiert; ist das auf der Ebene, auf der der Text inzwischen angekommen ist, noch immer zentral? Verliert der Text, weil er von den anderen, sehr poetischen Kapiteln wiederholt zu dem Blinden und seinem berichtenden Stil zurückkehrt? Oder ist diese wiederholte Rückkehr in einem unruhigen Text, ein beruhigendes Moment? Ist die Verwirklichung meines eigenen Stils immer leserfreundlich? Muss ich das immer und notwendig sein? Muss ich, um es zu sein, unter meinen Möglichkeiten bleiben?

    Ich habe ein Kapitel, das den Überfluss in Deutschland beschreibt. Der Lektor sagt, es sei ausgezeichnet geschrieben. Aber überflüssig. Natürlich ist es das! Ein Kapitel über den Überfluss wäre, wäre es nicht überflüssig, überflüssig. Aber reicht das, um seinen Verbleib im Roman zu rechtfertigen? Wir haben uns darauf geeinigt, dass es reicht und behalten es drin. In einem anderen Kapitel, so der Lektor, bliebe ich unter meinen Möglichkeiten. Also löschen wir es. Aus geometrischen Gründen, was immer das bedeutet, würde ich daraus folgend, noch ein anderes Kapitel löschen wollen. Aber ist Geometrie wichtig?

    Es sind viele Fragen. Fragen, die keiner beantworten kann. Aber ich werde sie beantworten müssen. Ich muss handeln. Das muss vor dem Sommerurlaub vom Tisch sein. Es muss noch einmal an den Lektor, dann an die Setzerin und danach haben Lektor und Autorin noch einmal zwei Wochen Zeit, um die Fahnen zu lesen und letzte Korrekturen anzubringen.

    Ich selbst, mein Text, der Lektor, der, ganz ohne jede Frage dem Text gut tut (das habe ich ihm gesagt und ich habe mich dafür bedankt. Es gibt Dinge, die sind mit Geld nicht zu klären, da bleibt nur der Dank), der Leser, der Rezensent, der mögliche Erfolg auf dem Markt, das Buch als Debüt einer Autorin, die noch sehr viel vorhat, und die Angst unterzugehen, aus Zufall oder weil man sich für das eine oder gegen das andere Kapitel entschieden hat und der Gesamteindruck dann eben nicht genau der ist, den andere erwarten: das alles verschwimmt auf eine eigenartige Weise miteinander.

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    25 Juni 2011

    Erfahrung als Problem

    Anfang dieser Woche hatte ich einen Termin bei meinem Prof. Ich gammelte vorher im Institut herum. Um ehrlich zu sein, ich war angespannt. Ich bin immer etwas angespannt, wenn ich dort einen Termin habe. Das ist auch gut so. Man sieht mir die Anspannung allerdings nicht an. Es sieht aus, als gammele ich. Anders als das flanieren, das eine Lebenseinstellung ist, ist das gammeln eine Einstellung zum Tod. Vielmehr ist es gar keine: einfach Zeit totschlagen. Ich stand also wild um mich schlagend, gammelnd und angespannt im Institut am „Schwarzen Brett“. Dort werden Jobs und Praktika ausgeschrieben. Es gab ein Praktikum bei einer Berliner Literaturagentur. In der Spalte Arbeitsbereich stand dort: Manuskripte begutachten; in der Spalte Erfahrung stand: wenig. Um die Manuskripte in dieser Agentur zu begutachten, braucht man nur wenig Erfahrung. Man muss die vermutlich nur lesen und dann entscheiden, ob sie gut sind oder nicht.

    Diejenigen, die über die Qualität von Manuskripten entscheiden, brauchen nicht viel Erfahrung. Weil Erfahrung stört. Erfahrung ist das, was alte Männer haben und das klingt nach Resignation und Lebensüberdruss, Haarausfall und Prostatabeschwerden. Das hört sich nach Scheitern an. Wie soll man das, bitteschön?, seinem jungen Publikum klarmachen? Die wollen junge, frische, neue und wilde Literatur. Erfahrung stört womöglich überhaupt bei der Literatur, nicht nur beim anfänglichen Begutachten von Manuskripten. Auch beim Schreiben stört sie. Sie stört beim Lesen. Das stört, wenn man beim Lesen denkt: Mensch ist das langweilig, langwierig, langatmig! Erfahrung stört überhaupt. Überall da wo man originär etwas erfahren oder erleben könnte, steht sie einem im Weg. Sie stört auch im Leben. Warum nicht immer wieder von vorne anfangen? Warum nicht immer dieselben Fehler machen, immer auf dieselben Männer und Frauen reinfallen? Reinfälle haben ja auch ihren Reiz.

    Da liest also die nahezu erfahrungs- und ahnungslose Praktikantin so ein Manuskript, zwanzig, dreißig Seiten und ein Exposé. Was kann in so einem Textauszug passieren? Ein bisschen Liebe, ein bisschen Sex und ein bisschen Tod. Ein bisschen Handlung, ein paar Sätze und einige Abschnitte und Charaktere, was man so braucht und unterbringen kann. Ein bisschen Ordnung und ein bisschen Anarchie, ein paar Andeutungen und Umdeutungen, ein Anfang und ein Ende, etwas eloquentes, elegantes, ordinäres und ohnmächtiges. Und wenn sie dann, die Praktikantin nämlich, auf die geringste Erfahrung stößt: Zack! Raus mit dem Mist!

    Später, wenn es gedruckt ist – also die anderen Manuskripte, die, die es nicht bis zur Ablehnung geschafft haben – wenn es irgendwo im Buchhandel oder im Prospekt herumliegt und sich nicht verkauft, dann kommen sie alle an. Dann war der Text doch nicht erfahrungslos genug, dann muss sich irgendwo zwischen den Zeilen eine Erfahrung versteckt haben, die allen entgangen ist. Sie alle haben es übersehen und dann wird der Autor oder die Autorin verflucht, die sich unrechtmäßig eingeschlichen hat. Die Autorin, die einfach nicht in der Lage war, den derzeitigen Strebungen des Literaturbetriebs zu entsprechen und den Wunsch des jungen Publikums nach vollständiger Erfahrungslosigkeit zu erfüllen. Also gilt es, das Übel bereits an der Wurzel zu fassen:  Erfahrung ist eben ein Problem.

    Die Leute bei der Literatur Agentur gehen vielleicht davon aus, dass über kurz oder lang sowieso keiner mehr Bücher liest und sie fangen gleich selbst damit an. Indem sie damit aufhören. Oder sie bewerten die Manuskripte nach der Farbe der Umschläge. Grün liest ja heute keiner mehr. Gut, das ich einen Verlag habe und gut auch, dass ich nur in Magenta schreibe.

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    19 Juni 2011

    Warum immer so sexuell? Oder: Idealität und Realität der Welt

    Auf meinen letzten Artikel hin schrieb mir einer, der sich Trollinger nannte und fragte mich: „Warum immer so sexuell?“ Ich antwortete ihm und war mit meiner Antwort auch zufrieden. Ich war so zufrieden, dass ich es schade fänd, wenn das nun ohne weitere Beachtung im Orkus der ungelesenen Kommentare verschwände. Also wird’s befördert (mit einigen, wenigen Veränderungen). Man kann diesen Artikel nur verstehen, wenn man den vorhergehenden zur Kenntnis genommen hat.

    Lieber Trollinger,

    Sie fragten: Warum immer so sexuell? Das ist keine unberechtigte Frage. Ich nehme sie auch ernst und versuche sie zu beantworten.

    Generell kann eine solche Antwort zwei Wege gehen: Erstens: weil die Welt, also die Menschen, nun einmal so sind, sie sind sexuell. Zweitens: weil die Welt nicht so ist wie die Menschen es gerne hätten: sie sind nicht sexuell genug. Im ersten Fall könnte man sagen, ist die Welt ideal; oder nahezu ideal. Im zweiten Fall ist sie real; oder nahezu real. Das muss vielleicht jeder für sich entscheiden. Ich kenne Ihre Welt nicht, ich kenne meine – und ich vermute, dass wir, Sie und ich und wir alle, die jeweils unsrige Welt als die Welt wahrnehmen, die die einzige ist und sie so generalisierend die Welt nennen – und ich würde sagen: wenn in dieser einzigen Welt von irgendetwas nicht zu viel vorhanden ist, dann vom Glück, von der Lust und der Liebe. Ich glaube, ich bin sogar sicher, dass mehr Unglück, mehr Unlust und mehr Hass in der Welt sind.

    Ich antworte ganz direkt und offen auf Ihre Frage: wir sind immer so sexuell, um es uns ein bisschen schöner zu machen! Um ein bisschen mehr Glück und Lust und Liebe in die Welt zu bringen. Also in unsere Welt. Möglicherweise aber ist all das Unglück nur deswegen in der Welt, weil wir davon träumen, mehr Glück zu haben. Damit habe ich Ihre Frage beantwortet, nach bestem Wissen und Gewissen.

    Ich habe nun auch meinerseits eine Frage: Ich habe Ihnen in meinem Artikel zwei Alternativen vorgeschlagen, nicht versteckt, sondern offen und sogar in der Überschrift präsent: Kino oder Bett? Wenn Sie also jetzt nur die eine sehen und kritisieren, die sexuelle nämlich, das Bett, und die andere, die nicht sexuelle, das Kino, gänzlich unterschlagen, muss ich meinerseits Ihnen nun die Frage stellen: Warum immer so sexuell, Herr Trollinger?

    Ich kann Ihnen diese Frage auch beantworten. Sie beantworten sie vielmehr schon selbst. Warum glauben Sie, so war Ihr Vorschlag, will der Mann sich einen Bart stehen lassen? Natürlich, weil es männlich ist – oder glauben Sie vielleicht, weil er im Gesicht friert? -.  Sich einen stehen lassen: das sind Ihre Worte! Weil er will, dass die Frauen das männlich, also sexy finden. Die Antwort auf die Frage lautet: weil die Welt nun mal so sexuell ist. Weil die Welt ideal oder real ist, annähernd ideal und annähernd real. Das ist einerlei. Wir machen sie uns dann schon so zurecht wie sie uns passt, insgesamt nämlich ein bisschen mehr oder weniger sexuell. Und das geschieht ein wenige offener – wie bei mir – oder ein wenig versteckter – wie  Ihnen -. Das eine ist nicht schlechter als das andere. Es ist nur unterschiedlich.

    Deswegen gibt es vielleicht die Sexualität: weil man ihn ihr vom einen wie vom anderen, von der Idealität wie von der Realität der Welt, ein wenig Abstand nehmen kann. Und ein wenig Abstand von der Welt: das ist doch nicht schlecht oder?

    Ich hoffe nun, Sie finden meine Antwort nicht flapsig. So ist sie nicht gemeint. Es war eine ernste Antwort auf eine ernste Frage. Und ich bin auch ganz zufrieden damit. Ich bin geradezu glücklich!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    03 April 2011

    Daniela Danz; Pontus I

    Masada

    „Wenn du dann stehst wo es still ist dass du
    es merkst wenn das Denken aufhört und
    das Hören anfängt wenn das Hören aufhört
    und das Sehen anfängt wenn ein Vogel
    fliegt wenn du als schwarzer Vogel gleitest
    und schreist, wenn du zu sprechen ansetzt
    in der klaren Luft und von nichts sprechen
    kannst als dem Licht so als wäre es das erste
    Licht wenn du einen Schatten auf den Fels
    wirfst und sagst mein Schatten bleibt
    und der Fels vergeht wenn für jetzt wahr ist
    dass es gut ist den ganzen Einsatz zu wagen
    kannst du die Wüste mit Namen nennen“

    Zusammenfassend könnte man sagen, dass diese Gedichte vom Rand stammen. Vom geografischen Rand Europas, Griechenland, der Hellespont – Helles Meer -, vom Schwarzen Meer, von der Ukraine und Czernowitz (rumänisch Cernăuţi) der alten Hauptstadt der Bukowina; vom temporalen Rand Europas, es werden die Anfänge, die Wiege der europäischen Kulturen genannt, Griechenland und Babylonien, Homer und Ovid, aber auch Israel und die Westbank werden thematisiert, moderne Grenzen und Grenzerfahrungen an den Rändern.

    Daniela Danz scheint mir mit der Geschichtsphilosophie Hölderlins vertraut, der in der Antike das Gegenstück der modernen Gesellschaft sah und sich über das Fremde das Eigene erschließen wollte, denn: „das Eigene aber ist das Schwerste“. In den wenigen Anmerkungen, die Frau Danz am Ende des Buches gibt, bezieht sie sich auch auf die Lehre der Töne Hölderlins. Ich kenne diese Konfrontation mit der Antike auch aus zwei Büchern Christa Wolfs, die ich vor langer Zeit gelesen habe, „Kassandra“ und „Medea“. Sie sucht den Ursprung unserer Gesellschaft(en) auf, um nach ihren Bedingungen zu fragen, weil sie dort, am Anfang, unverstellter und durch die Kultur weniger verfremdet erscheinen. Auch wenn mir ihre Gedankengänge, die ich damals zur Kenntnis genommen habe -in „Die Dimension des Autors“ nicht immer einsichtig gewesen sind, aber ich war ja auch noch ein junges Mädchen –. Einen ähnlichen Gedanken äußerte auch Sigmund Freund, als er sagte, ich paraphrasiere: Der Erfinder der Kultur war derjenige, der einem anderen, statt eines Steins, ein Wort an den Kopf warf. Ich will das nicht weiter thematisieren, weil ich weder mein eigenes, noch das Verständnis der Leser und Leserinnen beeinflussen möchte.

    Masada ist eines meiner bevorzugten Gedichte aus dem Band. So wenig wie ich, wenn ich einen Roman bespreche, einen Roman bespreche – ich sage lediglich, was mir durch den Kopf geht und strukturiere es dann – , so wenig mache ich hier eine Gedichtanalyse. Ich sage lediglich, was mir durch den Kopf geht und strukturiere es dann. Das darf der Leser auch erwarten, die Romane und Gedichte

    sind ja auch strukturiert. ‚Masada‘ fließt, nicht unterbrochen von Satzzeichen, nur von Zeilenumbrüchen. Nicht anhand der logischen oder semantischen Brüche stockt es, es stockt durch die Zeilenumbrüche. Es stockt an Stellen, wo es ginge es intuitiv, nicht stocken müsste. Es fließt von Zeile zu Zeile, von Bild zu Bild, von Bedeutung zu Bedeutung. Es fließt von der ersten Zeile, wo die erste Bedingung genannt wird – wenn – über die verschiedenen weiteren Bedingungen und Veränderungen, zu den späteren Zeilen, in der die Schlussfolgerungen genannt werden. Es kommt nicht einmal mehr zur entsprechenden Präposition, das ‚dann‘ wird verschwiegen. Als

    könne man, einmal am Ziel, die Bedingungen vergessen, die zu ihm führten. Es ist kein logischer Schluss, der sich an seine eigenen Bedingungen erinnert. Vielmehr braucht es die Leiter nicht mehr, die einen von Etage zu Etage, von Bild zu Bild geführt hat. Der Verstand ist das erste was über Bord geht, dann kommen die Sinneserfahrungen an die Reihe, das Hören, das Sehen, dann geht es einen Schritt weiter, nicht die Sinneserfahrungen verwandeln sich, sondern der Träger dieser Erfahrungen selbst, aus irgendeinem Vogel wird ein du – du als schwarzer Vogel -, der

    schreit. Und dann fängst du zu sprechen an, wohl nicht wie ein Mensch, sondern wie ein Vogel spricht, von dem Licht, also nicht von dem, was man im Licht erkennen kann, nicht von den Gegenständen, denn Gegenstände, darf man vermuten, sind den Vögeln nicht so wichtig, Vögel sind nicht gebunden, jedenfalls nicht in jenen Bindungen, die wir kennen, sie sind vogelfrei. Außerdem sind Gegenstände in der Regel am Boden, Vögel hingegen in der Luft; die Vögel sind so wenig materialistisch, dass sie noch das Licht verneinen und von seiner Negation oder Inversion träumen – der Schatten – das Flüchtigste von allem, Flüchtige noch als das Licht, weil vollkommen von ihm abhängig (kann man das so sagen?), wenn dieses Flüchtige dann das Ewige – den Stein – noch überdauert, dann, erst dann,

    kann man davon sprechen, den ganzen Einsatz zu wagen: und die Wüste mit Namen nennen. Was dieser Einsatz genau ist, was es bedeutet, die Wüste mit Namen zu nennen – Masada ist eine Festung der Israelis in der judäischen Wüste – das wird nicht gesagt. Die Wüste ist ein Bild, das Dürre und Überleben signalisieren könnte, Trockenheit und vielleicht Konfrontation mit sich selbst. Etwas mit Namen zu benennen, bedeutet es zu erkennen, zu klassifizieren, einzuordnen und allgemein aus einem wüsten und unbenannten und unbekannten

    Zustand herauszuholen. Man merkt, ich bin auf der Suche nach einer Möglichkeit mit Gedichten umzugehen. Ich stelle mir vor, dass, wenn das Gedicht vorgetragen wird, es mit lauter werdender Stimme gesprochen wird, so dass die Sprecherin gegen Ende beinahe schreit. Die letzte Zeile wird dann wieder leise, beinahe beschwörend gesagt, geflüstert. Ich wusste lange nicht, warum mir dieses Gedicht besonders gefällt. Wegen seiner Form, das wusste ich, wegen dieses Bilderflusses, auch das wusste ich. Aber ich wusste nicht, was ich hätte wissen müssen, dass es mir gefällt, wegen dieser einen Zeile,

    „dass es gut ist den ganzen Einsatz zu wagen“

    Und das ist es in der Tat.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    16 Februar 2011

    Die Kinder der Finsternis I: „Weiber zum Klagen und Weiber zum Freuen“

    Das war ein höchst ungewöhnliches Leseerlebnis, fulminanter Anfang, grandioser Stil. Wolf von Niebelschütz hat eine hochinteressante Art Charaktere vorzustellen, zu entwickeln und auszuarbeiten. Der Autor hat ein eminent gutes Gespür für den Aufbau eines Textes, seinen Fluss, für Hemmung, Stauung, Stockung, Wirbel und für gemächliches Weiterfließen. Die Dramaturgie finde ich größtenteils ausgezeichnet. Vierhundert Seiten lang war ich begeistert, dann lässt es für mein Gefühl etwas nach, die Sprache ist noch immer ungewöhnlich, aber auch ans Ungewöhnliche gewöhnt man sich, man erwartet umso mehr von der Geschichte selbst. Die wird etwas schwächer, es geht hundert Seiten lang vor allem um Ränkeschmiede zwischen Kaiser und Papst, zwischen niederen klerikalen und weltlichen Rängen. Auf den letzten hundert Seiten kehrt die Spannung zurück und verendet erneut, ohne richtig zu enden. Die Hauptfigur ist tot. Was soll man da noch reden, es ist eben aus und der Roman ist auf der nächsten Seite auch bereits zu Ende.

    Ein Mittelalterroman, wir sind im 12. Jahrhundert. Barral ist seine unbestrittene Hauptfigur. Der Roman zeichnet seinen Lebensweg nach. Barral, was „Dachs“ bedeutet, ist Schafhirte. Die meisten nennen ihn schlicht Mon Dom, „Mein Herr“. Er macht, wie man das heute so sagt, Karriere. Er wird Ritter, erhält ein Lehen mit dem Namen Ghissi, er bringt es zum Grafen, er wird Markgraf, Herzog und Freund des Kaisers. Dann legt er sich mit der Kirche an, die schleudert den großen Bann, Barral wird aus der Kirche ausgestoßen, ist vogelfrei, ihn zu erschlagen wird dem Schächer mit dem Paradies belohnt. Jahre steht er das durch, schließlich kriecht er zu Kreuze (daher kommt das Sprichwort: er kriecht dem Kreuz hinterher) und wird dabei nahezu totgeprügelt. Am Ende stirbt er, hochbetagt mit Kindern in Unzahl, auf seiner Scholle. Er war ein Großer, auch menschlich, er hat seinen Bauern Genossenschaftsrechte angeboten, Besitz verteilt und nicht nur, wenn es galt die von der Kirche geschürten Ängste zu bezähmen. Er war ein Großer, weil er sich aus altruistischen Gründen mit der Kirche angelegt hat. Er war es, weil er die Funktion der Macht durchschaute und sich ihrer Hebel zu bedienen wusste, ohne sich von dieser Macht blenden, also erblinden zu lassen.

    Man wird diesen Roman nicht verstehen, wenn man sich nicht die Lebensbedingungen jener Zeit vergegenwärtigt. Das Leben war kurz und hart. Es war von allen Seiten vom Tod bedroht, während es ja heutzutage nur am Ende davon bedroht ist. Wer nicht als Kind im Kindbett starb, der starb dort als Mutter, mit fünfzehn oder sechzehn. Die Erde war wüst und leer und man konnte es sich nicht leisten, den Mädchen eine hübsche Kindheit zu spendieren, die Frauen müssen vor allem gehorchen und gebären. Wen nicht die Pest holte, wer nicht auf offener Straße erschlagen wurde, im Kampf unterging, wer noch alle Finger und Hände beisammen hatte, weil er nie als Dieb erwischt wurde, wer nicht weltlicher Frevel wegen geblendet wurde, wem nicht das Gemächt oder die Zunge abgeschnitten und wer nicht aufs Rad geflochten wurde, wer sich nicht auf Leben und Tod mit dem Feind schlagen musste, nicht mit Pech und Schwefel übergossen wurde, dem stand die Kirche mit tausend Höllenqualen gegenüber. Nicht nur, dass man der Inquisition in die Hände fallen konnte und man eines Gottesurteils wegen, ein glühendes Hufeisen mit bloßen Händen zum Altar tragen musste: Die Kirche war der Ort der absurdesten menschlichen Verbrechen. Erst wenn man all dies Elend versteht, unter dessen Herrschaft damals gelebt werden musste, versteht man die Lust, mit der diese Menschen lebten, leben wollten und leben mussten: „Schwerer als das Bespringen wog das Verschmähen.“

    Wie viele damals, kannte auch Barral nur seine Mutter. Wie viele Kinder ist sein Vater ein hoher Herr, einer jener, die das ominöse „jus primae noctis“ in Anspruch nahmen. Sie beschliefen die Frauen bevor die eigentlichen Ehemänner zu ihnen durften. Ob sie es aus Geilheit in Anspruch nahmen oder als Lehnsrecht oder weil das „edle Blut“ sich ausbreiten sollte, das sei dahingestellt. Nachdem Barral Herr auf Ghissi wird, macht er es genauso. Wie für den Leser, so ist es auch für den Vater nicht immer leicht, bei den vielen Namen seiner Kinder durchzusehen. Mehr als einmal muss Barral fragen, wer die Mädchen und Jungen sind, die sich dann als seine eigenen erweisen. Das ist auch ein Stilmittel des Autors und so manchem Hohem Herrn wird es nicht anders ergangen sein. Die Klöster rekrutierten zu einem nicht unwesentlichen Anteil ihre Belegschaft aus solchen Wechselbälgern. Ein anderer Teil geht ins Kloster, weil sie das Leben in der Welt nicht ertragen kann. Bei manchen seiner Kinder hingegen weiß Barral es sehr genau, bei dem Lieblingskind Graziella, die für den Vater stirbt. Bei manchen weiß er es ebenfalls, sagt es aber erst spät. Kardinal Frugardi, der Barral halb tot prügeln lässt, erblasst als er erfährt, dass er beinahe seinen Vater hat totschlagen lassen.

    Frauen spielen eine große Rolle in diesem Roman, in dieser Männerwelt und eine sehr viel komplexere und vieldeutiger, schwerer zu beschreibende und sicher auch schwerer zu lebende Rolle. Das fängt bei der Geburt an. Als einer den Schmied fragt, wie viele Kinder er habe, antwortet der „Eins und zwei Töchter“. Ein richtiges Kind, eins, das die Sippe erhalten kann. Frauen können das nicht, zwar bekommen sie die Kinder – sie werden „trächtig“, sie sollen „fohlen – leider mit fünfzig Prozent Ausschuss, Mädchen eben. Mädchen aus denen dann bloß Frauen werden, die, gebären sie allzu früh und ohne Sakrament, ins Kloster müssen. Frauen, die so oder so enden können: „Weiber zum Klagen und Weiber zum Freuen.“ Manchmal, wenn sie einen schwachen Mann haben, können Frauen machtgierig sein. Meist sind sie Opfer der Umstände oder der Männer.

    Historische Romane sind, so scheint es, ins Kleid der Geschichte drapierte aktuelle Ereignisse und Umstände. Mich interessieren die historischen Ereignisse wenig, ich will lediglich mitnehmen, was mich hier interessiert. Ich schreibe etwas über Sexualität und Liebe, etwas zum Thema Fremdes und Eigenes und sicher auch etwas zum Stil von Niebelschütz, den ich sehr ungewöhnlich und überaus ansprechend und lehrreich finde. Ich werde also nicht über die Politik reden: das mache ich ja auch sonst nicht, ich sage nichts zu Rumänien, ich habe nichts zu Haiti gesagt, ich sagte nichts zu dem, was derzeit in Ägypten geschieht. Ich mache das nicht, weil ich finde, dass das hier nicht der richtige Ort dafür ist. Andernsorts mache ich das nämlich sehr wohl: mich zur Politik äußern. Politik in diesem Roman heißt weltliche und religiöse Ränke, die versuchen einander auszustechen. Der Klerus war eine unter der Religion versteckte Machtinstanz, der es um genau das ging, um das es allen anderen auch ging. Einfluss, Geld, Sex. Ich äußere mich nicht zu der Frage, ob der Autor womöglich kein rechtes Verständnis von Demokratie besaß, ob er den Absolutismus verherrlichte. Ich frage nicht, ob das rückwärtsgewandte Literatur ist, zu einem Zeitpunkt – einige, aber nicht viele Jahre nach dem 2. Weltkrieg – da überall, vor allem aber in Deutschland, Literatur geschrieben wurde, die sich mit den jüngsten Ereignissen beschäftigte; die sich damit beschäftigen musste: um den Horizont für kommende Ereignisse zu bestimmen; Niebelschütz schreibt rückwärts gewandte Literatur, weil womöglich für ihn in der Zukunft nichts zu holen war. Ich frage nicht einmal nach dem Verhältnis zum Judentum, das hier eine Rolle spielt und ich sehe auch nur einmal eine wirklich bedenkliche Äußerung: „Wen man liebt, den betrügt man, wenn man Jüd ist.“ Ich kann vieles überlesen, weil es die Bedingungen des Romans betrifft, sein Äußeres. Was die inneren Bedingungen betrifft, kann ich nicht einmal fragen, ob der Autor, der wohl ein Kenner seines Faches gewesen sein muss, dieses Zeitalter authentisch beschrieben oder literarisch umschrieben hat, oder ob das eine oder das andere besser gewesen wäre.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.

    Wolf von Niebelschütz,
    Die Kinder der Finsternis
    Kein & Aber Verlag
    Zürich 2010
    gebunden, 704 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5559-9
    24.90 €





    24 Januar 2011

    Vagabundieren

    Nach wie vor verbringe ich meine Tage in der Bibliothek. Viele Monate habe ich im großen Lesesaal gesessen. Ich weiß nicht mehr, was mich von dort vertrieben hat. Ich fing an, mir andere Orte zu suchen. Ich saß am Fenster, ich hatte einen schönen Platz in einer langen Reihe Arbeitstische. Dann kam eine Asiatin, suchte sich den Tisch vor mir, setzte sich, schaltete ihren Computer an, sortierte ihre Unterlagen, ihre Bücher und Hefte. Und zog die Nase hoch. Alle dreißig Sekunden. Tausend Mal am Tag. Kulturelle Unterschiede eben. Dafür bin ich in der Regel sehr offen. Ich bin, wenn ich richtig ‚drin‘ bin, nahezu resistent gegen Ablenkungen, das aber war zu viel. Ich musste mir einen anderen Platz suchen. Ich begann, die Etagen und die Plätze zu wechseln. Einmal fand ich wieder einen Ort, wo ich mich wohl fühlte. Ein Platz, der eine Magie hatte, einen Einfluss auf mich und mein Arbeit. Über das Wochenende brachte jemand an meinem und den benachbarten Tischen Schilder an, die die Benutzung von Laptops verboten. Also musste ich erneut suchen. Ich bin bei der Literatur und Geschichte der Rumänen gelandet, alles auf Rumänisch. Da war nicht viel los. Außer eine Brandschutztüre, die sich nicht richtig schließen ließ. Ich saß im Zug und musste wieder weg.

    Vor einigen Tagen meinte ich, es noch einmal gut getroffen zu haben. Aus dem Fenster schauend, konnte ich die Kuppel des Bodemuseums sehen, den Fernsehturm und das Dach meines Instituts. In den Regalen in der unmittelbaren Nähe, direkt auf Augenhöhe, stehen einige Jahrgänge der „Zeitschrift für die Erforschung und Behandlung des jugendlichen Schwachsinns“. Nun haben diesen Platz leider auch noch andere entdeckt. Im Falle einer dieser anderen, bin ich einer dieser anderen. Dieser eine sagte mir nämlich vorwurfsvoll, dass er dort immer sitze. Man kann keine Plätze reservieren, aber ihm den wegzunehmen, den er für sich reklamierte, war mir nicht angenehm. Ich werde über kurz oder lang wohl wieder umziehen.

    Es gibt Menschen, die hacken auf die Tastatur, ohne jedes Gefühl für die Tasten oder die sich darunter befindenden Buchstaben. Andere flüstern permanent mit ihrem Vordermann oder ihrer Hinterfrau, sie schlagen den Takt der Musik, die sie über Kopfhörer hören, mit dem Fuß. Manche kann man beeinflussen, andere haben sich schon mit Anfang zwanzig lebenslang in ihre Verhaltensweisen eingearbeitet und sind nicht mehr zu verändern. Solchermaßen durch die Bibliothek vagabundierend, mal sitzend, mal laufend, mal suchend und fluchend, komme ich zu der Erkenntnis, dass dort, wo die anderen sich in unser Bewusstsein vordrängen, Störung keine Störung ist, sondern die anderen in ihrer elementaren Funktion trifft: sich in unser Bewusstsein zu drängen.

    Man findet die richtige Stelle nicht. Jedenfalls nicht so leicht. Nicht dauerhaft. Es ist es zu weit oben, zu weit unten, zu weit außen, zu mittig, zu ausgewogen, zu eintönig: im Gebäude oder im Leben. Die anderen nehmen einem den Platz weg. Oder man ihnen. Man ist nicht so frei wie man wäre, wenn die anderen nicht da wären. sie schränken einen ein. Sie beschränken einen in der eigenen Freiheit, im Anspruch auf diesen oder jenen Platz. Wir beschränken mit unserer eigenen Freiheit die des anderen. Wir sind nicht so frei wie wir es sein könnten, wären die anderen nicht da. Wären aber die anderen nicht da, wären wir also so frei wie irgend möglich, könnten wir diese Freiheit nicht spüren. Anhand der anderen, die sie uns einschränken, spüren wir die Freiheit die wir haben könnten, wären diese anderen nicht anwesend.

    So gesehen ist der andere eine schizophrene Erscheinung. Indem wir ihn lieben oder hassen, machen wir ihn uns erträglich.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    18 Dezember 2010

    Wie es hätte heißen können

    Ich danke allen für die Glückwünsche und das rege Interesse, dass sie mit der Suche nach einem Titel für das Buch gezeigt haben. Statt jeden Beitrag einzeln zu kommentieren, statt an einzelnen Schachbrettern zu stehen und mit jedem Gegner im Zweikampf gegenüberzustehen, zettel ich jetzt eine Massenschlägerei an. Auf die Gefahr hin, dass das jemand unweiblich findet. Aber, wie gesagt, da ist ja noch das Netz dazwischen, das so manchen Schlag abfedert.

    Es bleibt festzustellen, dass „BERLIN AM MEER“ von den meisten favorisiert wird, nicht nur von Melusine und Iris Nebel. Auch von mir selbst (da füge ich jetzt keinen Link ein).  Auch Ulrike, die sich noch entscheiden wollte (und sich jetzt entschieden hat) findet diesen Titel ansprechend. Wie das mit dem Urheberrecht aussieht, weiß ich (noch) nicht genau. Da gibt es die einfache Möglichkeit, mit den Leuten zu reden, die sich den Titel haben schützen lassen. Ich beziehe mich in meinem Roman nicht auf den Film, den ich gar nicht kannte und nicht kenne, ich erwähne die Galerie. Und die gab es schon vor dem Film. Außerdem gibt es von dem Maler Werner Heldt ein Bild das “Berlin am Meer” heißt (1946: Berlin am Meer, Öl auf Leinwand, 42 × 72 cm, Privatsammlung Hannover). Entweder haben die Filmleute eine Urheberrechtsverletzung begangen oder Bilder kann man nicht schützen lassen. Das Buch könnte auch heißen „BERLIN, AN EINEM MEER“. Das Wort Berlin ist definitiv ein Magnet. Und das nicht nur in Berlin und in Deutschland: Der Leser und die Leserin bemerken: ich greife bereits nach den Übersetzungen. Ich greife nach dem Ausland! Wie wäre es mit „BERLIN UND DAS AUSLAND“?

    Etwas Intellektuelles wollte Norbert Schlinkert, um den anderen zu zeigen, „wo der Hammer hängt“. Wie wäre es denn dann mit „WO DER HAMMER HÄNGT“?

    Die Assoziation zum blinden Klavierspieler aus Joyce Ulysses, von parallalie vorgeschlagen, ist interessant. Ich könnte es „DER BLINDE KLAVIERSPIELER“ nennen. „EIN MEERFERNES BÖHMEN“ gefällt mir ausgesprochen gut, aber leider soll es ja die Nähe zum Meer transportieren und es ist auch nicht in Böhmen situiert. Wenn das Buch nicht Berlin am Meer heißen kann, könnte es vielleicht „EIN MEERFERNES BERLIN“ heißen (mehr Fairness in Berlin?). BÖHMISCHE DÖRFER“ ist auch gut, vielleicht könnte man das ausreizen und „BLINDE UND TAUBE IN BÖHMSICHEN DÖRFER“

    „EIN GEWISSES MASS AN BLINDHEIT“ vom Bücherblogger vorgeschlagen, relativiert bereits im Titel. Und Blindheit, wer‘s erlebt hat, weiß es, ist keine relative, sondern eine umfassende, absolute Blindheit, die, wie ich zu beschreiben versuche, die gesamte Existenz ergreift. Wer mein Buch gelesen haben wird, Futur II, wird das erkennen. “IN DER WELT OHNE AUGEN LIEGT BERLIN AM MEER” widerspricht leider der Entwicklung in meinem Roman. Und es ist zu erklärend, zu edukativ.

    „AUSLÖSCHUNG“, von Bersarin, wäre auch gut, ist aber schon vergeben! Sehr schön, dass dabei der Artikel weggelassen wurde. Das ist übrigens auch ein gutes Buch. Hier muss ich vehement wiedersprechen, die Kritik an “Feuchtgebiete” kann ich nicht unterstützen, das Buch ist Scheiße, aber der Titel ist grandios, eben weil er kein Donaudelta umschreibt. Bersarin: du musst deine alten, also die jungen Fähigkeiten reanimieren. Das ist jetzt wichtig. Du hast dich doch vor Kurzem noch beklagt, dass die alten Zeiten vorüber sind. Jetzt hast du die Möglichkeit noch mal jung zu sein. Also streng dich an!

    „DAS WORT NOCH“ von Dr. Schnocker (ein nahezu neuer Name unter den Kommentatoren), der Titel hat, behauptet er, Wiedererkennungswert. Das kann sein, ist aber ohne jedweden Zusammenhang mit meinem Roman, also nicht einmal ansatzweise. Welches Wort denn? In dem Roman stehen etwa 120 000 Wörter. Das können Sie nicht wissen, aber jetzt wissen Sie es. Wenn Sie also je mein Buch kaufen werden, können Sie der Buchhändlerin erzählen, wie es hätte heißen können.

    Syra Stein schrieb mir die ausführlichsten Assoziationen. Da gefällt mir am besten: „DAS DRITTE UFER“. Allerdings habe ich das bereits etwas treffender in einer Kapitelüberschrift die inzwischen lautet „DIE DRITTE HÄLFTE“ (ein Experiment, das letztlich auf NO zurückgeht). Die anderen Titelvorschläge spielen mit der Nähe von Bild und Blind: aber das funktioniert nicht reibungsfrei, weil in den beiden Worten zwei Buchstaben nicht an derselben Stelle stehen. Und eine Klammer in einem Wort, und einem Titel: ich denke, das ist nicht gut, weil man es nicht aussprechen kann.

    Genova schlägt vor. „BERLIN AM MEER” IST SCHON ALS FILMTITEL VERGEBEN. NUR SO RECHTETECHNISCH MAL“ Das gefällt mir, klingt aber zu sachlich und ist auch zu lang.

    NO kommt etwas überraschend, ganz in der Tradition Arno Schmidts (und seit einigen Jahren auch Reinhard Jirgl): „DA SCHA(H)=MANNÄ GUTE NO CHRICHT!“

    Schneck sagt: „SCHWIERIG, SCHWIERIG“. Sie, oder sind wir beim Du?, ich kann mich oft gar nicht erinnern, haben Recht, wenn Sie darauf hinweisen, dass Berlin zwar möglicherweise verkaufsfördernd ist, aber letztlich nicht unbedingt für literarische Seriosität einsteht. Und das ist es, das haben Sie richtig erkannt, worum es mir geht. Ich will gute Texte schreiben ob da nun „A“ oder „B“ als Titel drübersteht, ist nicht weiter von Belang.

    Snöflinga (ein ganz neuer Name unter den Kommentatoren!) schlägt vor, das zu nehmen, was ich früher  als Untertitel wollte und was ich schon aussortiert hatte. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, gefällt es mir immer besser. „DAS GERÄUSCH DES WERDENS“. Das ist zwar ein (pseudo-) philosophischer Titel, aber der Hinweis auf „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ ist ganz zu Recht. Die Leute scheint das nicht abzuschrecken. Selbst wenn, man kann nicht everybodys Darling sein, man schreckt immer ab und zieht aber auch immer an. Und der Text, so sagte man mir, käme in weiten Strecken in einem ruhigen und nahezu philosophischen Ton daher.

    Walter schlägt vor, Berlin und das Dorf im Titel zu nennen „BERLIN – UND WIEDER ZURÜCK“. Das ist nicht unzutreffend, aber doch auch wieder etwas gewunden. „NICHT BERLIN“ hingegen wird es nicht. Keine Verneinungen und Negativismen!

    Thorsten Krämer, per Email, schlägt vor “nach Lektüre des Exposés zu dem Roman und Berücksichtigung aller sonstigen Faktoren” -  “BILDLEGENDE”, das ist gut, weil es sich auf die Bilder der Ausstellung bezieht und weil man jedes Kapitel dieses Romans wie ein Bild lesen und betrachten kann, so dass ich so viele Bilder in der Ausstellung hängen wie ich Kapitel im Roman habe. Dahinein spielt dann auch der Begriff der Legendenbildung hinein, was aber in meinem Roman nicht thematisiert wir. Das wäre der bisher ernsthafteste Anwärter auf einen Titel, neben meinen eigenen Kapitelüberschriften.

    Abschließend sei gesagt, dass ich mich über das Geschenk von Norbert Schlinkert freue, der mir folgende Worte für einen Titel schenkte: “BALD SCHON ODER IRGENDWANN”. Vielleicht brauche ich das noch mal. Wer weiß, wo mich das Leben hintreibt, in welche extremen Situationen und wann mich der Teufel am Schlafittchen zu fassen bekommt, dem werde ich dann sagen, du kriegst mich, bald schon oder irgendwann, aber nicht jetzt. Jetzt habe ich nämlich keine Zeit. Und so ergeht es mir auch gerade, ich bin, was das Blog angeht, nicht sonderlich fleißig, ich stecke bis über beide Ohren in der Arbeit an diesem Roman. Wie hatte ich je auf die Idee kommen können, der sei fertig? Das wird ein lustiges Weihnachtsfest.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    14 Dezember 2010

    Auf der Suche nach einem Titel

    Es gibt gute Nachrichten: Ich habe einen Verlag für meinen ersten Roman gefunden! Er, der Verlag, lag nicht auf der Straße. So habe ich ihn nicht gefunden. Ich habe auch nicht den ganzen Verlag gefunden, sondern nur einen Vertrag mit ihm. Und auch der lag nicht auf der Straße. Ich habe ihn nicht gefunden, wie man vielleicht einen Tausend-Euro-Schein findet. Ich habe den Verlag gefunden, obwohl ich gar nicht gesucht habe. Ich hatte die Suche auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Ein anderer hat für mich gesucht. Es hat sich jemand für mich eingesetzt und der war erfolgreicher als ich mit meinen Bemühungen. Meinem Mentor danke ich sehr!

    Es ist ein kleiner Verlag. Vielmehr ist es nicht ein, sondern mein Verlag. Die Besitzverhältnisse haben sich dort geändert. Ich bin nun Autorin des Osburg Verlages. Im kommenden Herbst erscheint mein Debüt. Ich freue mich darüber. Die Gespräche mit dem Verleger und dem Lektor waren sehr interessant und vielversprechend. Nach eingehender Lektüre bin ich allerdings zu der Erkenntnis gekommen, dass der Text nicht auf der Höhe meiner Fertigkeiten ist. Ich habe mich in den vergangenen zwei Jahren weiterentwickelt. Da kommt also noch Arbeit auf mich zu. Ich werde, daran kann kein Zweifel bestehen, einen exzellenten Roman abliefern.

    Ich brauche einen Titel für den Text. Ohne Titel wäre originell, ist dann aber schwer beim Buchhändler zu bekommen. Ich kenne nur wenige Bücher mit schönem Titel. Dazu gehörten „Feuchtgebiete“, „Morgen in der Schlacht, denk an mich“, „Du bist mein Moskau und mein Rom und mein kleiner David“, „Vom Küssen, Kitzeln und Gelangweilt sein“ und „Lolita“ und natürlich “À la recherche du temps perdu”.

    Zu Beginn hatte mein Text einen beschreibenden Titel: „Der blinde Fotograf“. Ein Blinder kompensiert den Verlust seines Sehens mit einer Kamera und dem Fotografieren. Das ist zwar das Hauptthema, aber dennoch sind es nur sechs von 30 Kapiteln, die direkt aus der Perspektive des Blinden geschrieben sind. Dann hatte ich mich für „Berlin am Meer“ entschieden. Das hat seinen Reiz, weil Berlin nicht am Meer liegt und es ist ein schöner Kommentar zu dem zweiten Thema: seinen Platz im Leben finden. Damit tun sich Blinde oft schwerer als andere; aber es ist kein Privileg von Blinden, sich schwerer zu tun als andere. Es sieht jedoch aus, als sei der Titel urheberrechtlich geschützt. Allerdings ist das auch der Name einer Galerie in der Kollwitzstraße. Dort findet die Ausstellung der Fotografien statt, die der Blinde in den Roman macht. Urheberrecht hin oder her, ich zitiere mit meinem Titel nicht den Film, sondern die Galerie und mit dem Galeristen werde ich schon einig. Da zieht die Frau Torik ein hübsch dekolletiertes Kleid an und macht einen Besuch. Wenn ich eine Lesung machen werde und mir den Ort aussuchen kann, dann möchte ich in dieser Galerie lesen. Allerdings ist auch dieser Titel nicht treffend, der Roman spielt in Berlin, aber zum Ende hin gehen doch zentrale Personen wieder in das Dorf aus dem sie kommen. Sie finden ihren Ort, indem sie einen anderen verlassen.

    „Berlin am Meer“ ist die Überschrift des ersten Kapitels. Ich habe noch weitere Kapitelüberschriften. Da bieten sich vor allem die Kapitel des Blinden an, die alle dieselbe Überschrift tragen „Das Geräusch des Werdens“. Das klingt sehr philosophisch und schreckt vielleicht ab. Außerdem ist es eine Genetivkonstruktion und schließt damit fünfzig Prozent der Bevölkerung vom Verständnis aus. Andere Kapitelüberschriften lauten „Ein mediterranes Fluidum und in der Ferne das Meer“ (mein derzeitiger Favorit) oder „Das Paradies im Zentrum von Apoptygma III“? Beide Titel lassen jedoch keinen Aufschluss über den Inhalt des Buches zu, letzterer klingt nach einem Science-Fiktion-Roman. Wie wär’s mit „Die mesio-bukale des vorderen Höckers des ersten oberen Molars“: das erinnert an Peter Weiss, „Der Schatten des Körpers des Kutschers“. Wer soll das kaufen? Man muss den Titel ja, wenn er nicht gerade auf dem Büchertisch liegt, und da liegen meist die Bücher der großen Verlage; man muss den Titel, wenn man ihn bestellt, nennen, also aussprechen. Wie wäre es mit „Das Verhältnis von Innen und Außen umgekehrt“. Oder etwas kurzes „Diarrhöe und Delirium“ oder „Der Salon Sucre“? In beiden Titeln finden sich allerdings Worte, von denen einige Käufer nicht sicher wissen, wie man sie ausspricht. Auch das könnte eine Hemmung sein, das Buch zu erwerben. Oder sollte man gar nicht nach Käufern schielen? Schielen vielleicht auch die Käufer und deswegen gilt: je schräger desto besser?

    Oder etwas ganz anderes? Haben Sie Ideen? Was könnte Ihnen gefallen? Können Sie Gründe dafür nennen? Ich werde mich über Voten und Vorschläge freuen. Wer immer hier so mitliest, ohne sich je zu Wort zu melden, der hat jetzt eine gute Gelegenheit, etwas zu sagen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    06 Dezember 2010

    Die Falschmünzer I: Das lineare und homogene meistern von Krisen

    André Gide war einer der maßgeblichen Intellektuellen Frankreichs zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts, Herausgeber der „La Nouvelle Revue Française“ . Er hat Dostojewski in Frankreich bekanntgemacht und Rilke, er war Schüler von Mallarmé und Freund Paul Valerys. Gegen Ende seines Lebens ist er mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden. Camus nannte in „le contemporain capital“. Der Titel des Romans „Die Falschmünzer“, im Original „Les Faux Monnayeurs“, bezieht sich auf den ersten Blick auf eine Bande adoleszenter Jungen, die Falschgeld herstellen und in Umlauf bringen. Tatsächlich handelt sich um das zentrale Motiv des Textes. Im Zusammenhang von echt und falsch, wahr und unwahr stellt der Text die Frage nach der Bedeutung der Literatur. Fiktionale Literatur ist erfunden und hat dennoch einen Wahrheitsanspruch. Etwas pointierter ausgedrückt: Hätte Literatur diesen Wahrheitsanspruch nicht, wäre sie nicht fiktional.

    Eine der Hauptfiguren, der Schriftsteller Édouard, schreibt an einem Roman der denselben Titel trägt wie das Buch in dem er erwähnt wird. Édouard, darf man vermuten, wird daran scheitern. Er kommt nicht über die Skizzierung seines Projekts hinaus. Diese Skizzen trägt er in sein Tagebuch ein. Das hat auch Gide getan. Die Auszüge daraus sind dem Text angehängt. Damit wird dem Leser vor Augen geführt, was es bedeutet, einen Roman zu schreiben. Diese Notizen sind aufschlussreich, heute, wo der Begriff  “Roman” keine Gattungsbezeichnung mehr ist, sondern ein Verkaufslabel. Édouard scheitert und ob Gide das ebenfalls tut oder vielleicht sogar aufgrund des Scheiterns seiner Figur erfolgreicher ist, kann erst mit der Lektüre entschieden werden. Obwohl Scheitern im Zusammenhang mit Kunst kein schöner, da unscharfer Begriff ist. Wie viele große Romane sind gescheitert!

    „Die Falschmünzer“ ist in einer Zeit entstanden, in der allgemein großes Interesse an den formalen Bedingungen der Gattung Roman herrschte, erkennbar an Rilke, Mann, Broch, Joyce, Kafka, Jahnn. Allerdings, trotz Proust, kaum in Frankreich. Dort ist die existentielle Krise dieser Gattung, wenn ich die Situation richtig einschätze, erst sehr viel später vom Medium selbst wahrgenommen worden; dann allerdings weit radikaler als bis dahin, mit dem nouveau roman. Den Falschmünzern ist bei seinem Erscheinen keine Begeisterung entgegen geschlagen. Die damaligen Rezeptionsgewohnheiten waren an den Realismus gewöhnt und der kannte nur die chronologische Erzählweise. Diese vermittelt dem Leser eine homogene Konstruktion des Subjektes, das zwar seine Krisen hat, diese aber – linear und homogen – meistert und nach der Katharsis erstarkt aus dem Konflikt hervorgeht. Eine solche Erzählweise, eine solche Konstruktion des Subjektes ist mit Gide nicht mehr zu erreichen.

    Der Text ist in drei Teile unterteilt, der erste und der letzte sind in Paris situiert, der mittlere in der Schweiz, in Saas – Fee. Die einzelnen Kapitel sind kurz, es gibt kaum durchgehende Erzählfäden. Gide setzt vielmehr mit jedem Kapitel neu an. Er entdeckt dem Leser immer andere Verhältnisse und Abhängigkeiten zwischen seinen Figuren. Wir haben keine Hauptfigur, wir haben eine Handvoll Erzählzentren, die nach und nach sehr geschickt miteinander in Verbindung gebracht und ausgebaut werden. Da sind die beiden Abiturienten Olivier und Bernard, die ihre Sexualität entdecken, die Freundschaft zueinander und die Eifersucht, und die beide schreiben wollen. Da ist Édouard, ein mehr oder weniger bekannter Schriftsteller, der seit einiger Zeit Notizen für einen neuen Roman verfasst und der ausführlich Tagebuch schreibt. Als seine Antithese lesen wir Robert Passavant, der ein Modeschriftsteller ist, mehr ein Dandy als ein Literat, er besitzt etwas Dämonisches, er ist womöglich von Kierkegaard „Tagebuch des Verführers“ inspiriert; und er hat, in der Literatur wie auch im Leben, Erfolg. Wenn man im Leben Erfolg haben kann. Man kann vielleicht Karriere machen, man kann seine Haut möglichst teuer verkaufen. Man kann die Liebe seines Lebens treffen, oder ihrer viele. Aber Erfolg? Passavant und Édouard sind in Olivier verliebt, aber Passavant gewinnt dieses Duell und Édouard muss mit Bernard vorliebnehmen, mit dem er jedoch nicht gut auskommt. Passavant ist mit Lady Griffith befreundet, die spaßeshalber mit Vincent, dem älteren Bruder Oliviers zusammen ist und die als junge Frau ein Schiffsunglück überlebte, es auf ein überfülltes Rettungsboot schaffte und dort allen, die noch hineinwollten, die Hände abhackte. Das ist ihre Lebenseinstellung geblieben, Madame ist also ein einigermaßen durchtriebenes Früchtchen.

    Dann sind da ein Dutzend jüngerer Gestalten, auch der kleine Bruder Oliviers, Georges. Das sind noch halbe Kinder, die dennoch in ein Bordell gehen, sich ausnutzen lassen, um Falschgeld in Umlauf zu bringen. Da ist Laura, die einmal in Édouard verliebt war, nun aber verheiratet ist, und die von Oliviers älterem Bruder Vincent geschwängert wird. Da ist La Perouse, der ehemalige Klavierlehrer Édouards, der einen Enkel hat, den er nicht kennt. Édouard verspricht ihm, den kleinen Boris nach Paris zu bringen. Das ist der Grund für die Reise nach Saas-Fee. Dort, in den Schweizer Bergen, ist der Junge in Behandlung bei Sophroniska, die den kranken Jungen nach einer neuartigen Behandlungsmethode kurieren will, der Psychoanalyse.

    Der Stoff wird dem Leser aus zwei Positionen nahegebracht, durch den Erzähler und durch Édouards Tagebuch. Der Erzähler ist kein Vertreter der klassisch allwissenden Art, sondern einer, der an den Taten und Charakteren seiner Figuren bisweilen zweifelt, der eine ironische Distanz zu ihnen pflegt und manchmal ganz froh ist, wenn er sie verlassen kann. Er scheint in keiner Weise Herr, also Erfinder des Geschehens zu sein, sondern nur ein mehr oder minder beteiligter Beobachter. Dieselbe, nicht vollkommen eindeutige Position, hat auch die zweite Erzählinstanz. Zwar ist Édouards Tagebuch eine sehr viel subjektivere Instanz als üblicherweise die des Erzählers, allerdings wird ihm, Édouard, das Tagebuch gleich zu Beginn von Bernard entwendet, der schmökert in aller Ruhe darin herum und weiß Dinge von Édouard, die er nicht wissen könnte: er partizipiert an dessen Erzählposition. Édouard seinerseits ist keine souveräne Gestalt. Er liefert Laura, wohlwissend um die Mesalliance, wenn er sie mit Douvier verheiratet, gleichsam ans Messer. Er kann gewinnt niemandes Interesse an seinem neuen Roman, er glänzt nicht im Vergleich mit Passavant und er kann am Ende nicht verhindern, dass Boris sich von den anderen Jungs in den Tod getrieben wird. Wir haben es also mit zwei, sagen wir einmal, weil die Literaturwissenschaft diesen Begriff gerne nutzt, unzuverlässigen Erzählern zu tun.

    Wir werden sehen, was die uns zu bieten haben. Eines aber haben sie nicht zu bieten: Erotik. Der Roman hatte auch deswegen bei seinem Erscheinen Schwierigkeiten, weil er eine bis dahin unbekannte erotische Freizügigkeit vor Augen führte. Davon allerdings ist nicht viel geblieben, der Text wirkt heute geradezu prüde. Gide war homosexuell und nicht wenige seiner Figuren sind es auch oder neigen dazu, zumindest aber neigen sie sich nicht gleich weg.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    30 November 2010

    „Die ganze Zeit“: Wenn ein Text ein Tresor ist

    Ich ringe. Ich ringe um Verständnis und um Fassung. Aber es tut mir auch gut. Das ist ganz anders als die Prosatexte, anders als die wissenschaftliche Literatur, die ich lese; anders als die Lyrik, die ich kenne. Ich muss mich zusammenreißen.

    Auf welch reduzierter Ebene auch immer, etwas Narratives muss mir eine Geschichte erzählen. Bei vollständiger Enthaltung progressiver oder regressiver, allgemein erzählerischer Elemente, bei einer reinen Gleichgewichtsübung, ziehe ich mein Interesse ab. Wenn ein Text ein Tresor ist, dann muss mich, was sich in ihm befindet, interessieren. Wenn mich das nicht interessiert, dann mache ich den Tresor auch nicht auf. Weder mit einem Schlüssel, noch mit einer Zahlenkombination, noch mit einem Kilogramm Plastiksprengstoff, was immer die Herren Tresorknacker heute benutzen. Ich bin über die neusten Methoden nicht informiert.

    Zwar bin ich auch an dem Vorgang des Öffnens interessiert, aber das ist erst mal Nebensache. Ich muss das haben wollen, was er vor mir verbirgt. Es muss eine Währung sein, die mich interessiert. An lyrische Tresore bin ich nicht gewöhnt. Ich brauche noch etwas Zeit, um damit fertig zu werden. Ich habe noch nicht einmal ein richtiges Loch hineinbohren können. Allerdings habe ich schon einmal dagegen getreten. Vorsichtshalber sozusagen. Dabei habe ich mir beinahe den Fuß gebrochen. An dieser Stelle. Oder vielleicht war es auch an einer anderen.

    „Ich meine, auf dem Grund eines Sees zu stehen,
    verwachsen als Korallenstock, mit Saugaugen und
    Fühlern. Dass ich überhaupt noch atmen kann, da
    erst hoch über den Bäumen Nadelbeine, die durch
    glitsch‘ gen Mandelschlitz vergliedert sich sind, in
    Starrform verdoppelten: die Spezies dick’ter Bohn-
    en, die in Schoten an Sternrändern wachsen, daß
    Monde vermorscht strotzten, und strähnen am
    Boden geschrotet, gedrupft, gehäutet, (doch heute
    nicht) zerzaust; als tollpatschiger Schrammelbaß.
    Wassserrosen, die, wie Flusen aus der Flut gefischt,
    den Kelch knospenlos versproßten zum undunk-
    len Spiegel, so pflückt sich die häutige Versonnenheit
    im Tau mal Tausend mit – dem Blick, der schwankt.“

    Das ist hart an der Grenze zwischen Poesie und Prosa. Mir fehlt derzeit die Möglichkeit, es einzuodnen. Ich habe kein Maß, woran ich das halten kann, um das zu sagen: gut oder schlecht. Damit wären wir bei meiner Behauptung aus dem letzten Text.

    „Aus dem
    trüben Dunst
    vom gilben
    Laub verblaut.“

    Es ist gut, wenn man seine Sachen sichert. Sicherstellt. Auch in Bezug auf Gedankendiebstahl. Was ein Dieb in seinem Wert nicht erkennt, wird er nicht entwenden. Es ist allerdings für andere schwer, an die Schätze heranzukommen. Und, das darf man nicht vergessen, das entwenden ist Bedingung dafür, dass der, dem der Schatz ursprünglich gehörte, ihn wieder zurückbekommt. Man veröffentlicht ja nicht, was man für sich behalten will. Man will ja, dass es einer entwendet.

    Ich tue mich schwer mit diesem recht hermetischen Buch. Ich muss mich darauf einlassen. Das fällt mir offenbar schwerer als angenommen. Aber ich wäre keine Torik, wenn ich das nicht könnte. Ich kann ein Schwein an der Nase herumführen, da werde ich ja wohl mit so einem Text fertig. Ich brauche noch Zeit. Nicht die ganze Zeit. Aber einen Teil. In der physikalischen Auffassung sind Raum und Zeit sehr unterschiedlich. Während der Raum aus kleinsten Teilen besteht, vielmehr ist der Inhalt der Raumes, die Masse, ist dieses Phänomen bei der Zeit nicht ersichtlich. Auch der kleinste vorstellbare Teil Zeit ist noch unendlich teilbar. Auch der kleinste Teil bietet noch unendlich viele weitere Teil-Zeiten, die, da sie unendlich teilbar sind, auch unendlich groß sind. Wenn ich also noch ein klein wenig Zeit brauche, dann kann sich das anfühlen, als bräuchte ich die ganze Zeit.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    28 November 2010

    Licht im August VI: “Um des Geldes und der Aufregung willen”

    Lena Grove ist eine der wenigen Figuren die, trotz schwieriger Verhältnisse, Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen. Von ihr geht eine Selbstsicherheit und Zuversicht aus, die beinahe schon beunruhigend ist. Sie erwartet ein Kind von Lucas Burch. Faulkner ist ein Meister der indirekten Beschreibung, wenn er aufzeigt, wie es zu der Schwangerschaft gekommen ist: „Sie schlief in einem hinten am Haus angebauten Raum. Er hatte ein Fenster, das sie im Dunkeln zu öffnen und wieder zu schließen lernte, ohne dass jemand es hörte, obwohl in dem angebauten Zimmer zuerst auch ihr ältester Neffe schlief, dann die beiden ältesten und schließlich alle drei. Sie wohnte schon acht Jahre dort, als sie das Fenster zum ersten Mal aufmachte. Sie hatte es noch kein Dutzend Mal aufgemacht, als sie feststellen musste, dass sie es besser nie aufgemacht hätte. Sie sagte sich: `Ich habe aber auch ein Pech.´“

    Lucas Burch meint, sich mittels eines neuen Namens, Joe Brown, aus der Affäre ziehen zu können. Als er von der Schwangerschaft seiner Geliebten hört, türmt er vorsichtshalber. Aber Lena glaubt an ihn. Sie glaubt, dass er, als er verschwand, bloß einen Job suchte. Und sie verteidigt ihn: „Lucas mochte schon immer die Aufregung. Er hat das ruhige Leben nie gemocht. Deshalb hat’s ihm bei Doane’s Mill nie gefallen. Deshalb hat er – haben wir beschlossen, uns zu verändern: um des Geldes und der Aufregung willen.“ „Um des Geldes und der Aufregung willen“, sagt Varner. „Lucas ist nicht der erste junge Spund, der die Arbeit, die er gelernt hat, hinwirft und der die, die darauf angewiesen sind, dass er die Arbeit tut, im Stich lässt, bloß um des Geldes und der Aufregung willen.“

    Sie glaubt an diesen Mann mit einer Naivität, die an Dummheit gemahnt. Aber sie ist nicht dumm, denn dann würde sie sich am Schluss der Romans, mit dem kleinen Kind im Arm, an die Brust ihres Verehrers werfen. Sie würde einfach den hartnäckigen Liebesbezeugungen von Byron Bunch erliegen. Das Begehren eines Mannes, das hartnäckige Begehren, die Wucht, die dahinter steckt, das kann für eine Frau ein sehr beeindruckendes Ereignis sein. Und eine Frau zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts im, sagen wir einfach, Wilden Westen, würde vermutlich den nächstbesten nehmen. Schon aus Überlebensgründen müsste sie es tun. Obwohl Lena nicht das tut, was sie aus Vernunftgründen tun müsste, ist sie nicht dumm. Ebenso wenig wie Byron dumm ist, wenn er erst sehr spät auf den Gedanken kommt, dass die hochschwangere Lena keine Jungfrau mehr ist. Jungfräulichkeit war damals eine erhebliche, wenn nicht sogar die Qualität einer unverheirateten Frau. Byrons Liebe ist offenbar so groß, dass selbst dieser Mangel keine Rolle spielt. Lena wirft sich nicht dem Erstbesten an die Brust. Der Leser weiß, dass Byron ein grundanständiger Kerl ist und dass sie keinen Besseren wird finden können. Der Leser weiß es, aber weiß es auch Lena? Joe hingegen ist ein Arschloch. Aber Lena begreift es nicht. Oder es spielt keine Rolle für sie. Er ist der Vater ihres Kindes und sie ist nun einmal der Meinung, dass eine Familie zusammengehört. Also tut sie das dafür Notwendige: Sie macht sich, nachdem ihr Kind geboren ist, nachdem Christmas und Joanna Burden tot sind, Ereignisse, die sie wohl gar nicht erfährt, erneut auf die Suche nach ihm. Weil es, könnte man vermuten, nun einmal der natürliche Gang der Dinge ist.

    Sie klagt nicht. Sie beklagt sich nicht bei Byron und sie klagt auch Joe nicht an, als er bei ihr am Kindbett steht, sich windet und dann aus dem Fenster springt und erneut abhaut. Sie ist grundsympathisch, sie weckt auch die Zuneigung anderer, die ihr Lebensmittel und Unterkunft anbieten. Da ist keiner, soweit ich das sehe, der ihr nicht mit Sympathie begegnet. Und doch ist auch Lenas Verhalten im Grunde nicht zu verstehen, wie das so vieler anderer, Christmas‘ und Joannas, das Verhalten der Kellnerin, die mit Christmas ins Bett geht, das seiner Großeltern. Aber ihr nimmt man es nicht übel. Sie darf so sein, weil sie gut ist. Gut sind nur Lena und Byron. Der Sheriff ist zwar nicht schlecht, aber er vertritt letztlich nur das Gesetz und wäre das Gesetz schlecht, würde der Sheriff sich dennoch darauf berufen (müssen), denn er ist sein Vertreter. Er ist, was er ist, weil er so sein muss.

    Alle anderen kämpfen immer mit der Möglichkeit, schlecht zu sein. Nur Lena scheint solche Anfechtungen nicht zu kennen. Und deswegen mögen wir sie. Weil das eine Position ist, der man im Leben nur sehr selten begegnet. Man begegnet schon selbstlosen Menschen, die etwas für einen tun und nicht fragen, was sie selbst davon haben. Es gibt (hier fällt mir doch jetzt ein Wort nicht ein, was ist denn das für eine verflixt unzuverlässige Sprache oder sind das die ersten Alterserscheinungen?) uneigennütziges Handeln. Aber dies ist noch nicht, was ich meine. Was in der Person der Lena geschildert oder dargestellt wird, ist die Abwesenheit von Gut und Schlecht. Deswegen ist Lena gut. Und nicht schlecht. Wenn dem so ist, dann ist das geradezu ein metaphysischer Kern, den Faulkner uns hier hinterlässt: sollte jemals der Gegensatz von Gut und Schlecht aufgehoben sein, sollten die Menschen das erreichen können, dann wären sie gut. Ich weiß nicht, ob ich schockiert sein soll oder begeistert. Oder ob ich mir das gerade so hinbiege, zum versöhnlichen Abschluss einer langen, nicht immer begeisterten Auseinandersetzung mit diesem Text.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    21 November 2010

    Licht im August V: „Es wird da sein, versunken, ruhig, beständig, nicht verblassend …“

    Christmas ist auf der Suche nach seiner Identität. Er verzweifelt, weil er sie nicht findet. Wie man nur etwas finden kann, was man einst besaß. Er verzweifelt, weil er sie nicht erreicht. Wie man etwas erreichen kann, was man noch nicht besitzt. Er weiß offenbar nicht, dass Identität als Besitz vielleicht nur in der Form der Besessenheit vorstellbar ist. Der Besessene wird besessen, er besitzt nicht. Christmas weiß nicht, dass man immer auf der Suche ist. Identität ist der Versuch, sie herzustellen.

    Das zentrale Problem dieses Mannes ist in einem kleinen Abschnitt, in zwei Sätzen dargestellt, als er verhaftet wird und ein anderer über ihn sagt: „Er hat keinen Moment geleugnet. Er hat überhaupt nichts gemacht. Er hat sich weder wie ein Nigger noch wie ein Weißer verhalten.“ An anderer Stelle spricht Christmas mit einem Schwarzen und sagt “`Ich bin kein Nigger´ und der Nigger sagt: `Du bist schlimmer als das. Du weißt nicht, was du bist.“ Das ist das eigentliche Problem, nicht etwa Schwarz oder Weiß zu sein, sondern ein Zustand, der sich nicht zuordnen lässt. Ein Zustand also, in dem man weder etwas erreichen, noch etwas finden kann, weil die Ausgangsposition nicht klar ist. Ein Zu-Stand eben. Jenseits jeder Bewegung. Nicht die Stelle, von der ich komme, nicht die, wohin ich gehe, sondern die Stelle an der ich stehe: die ist nicht identifizierbar. Das muss, der Leser kann es nur ahnen, ein Gefühl sein, als ob man nicht existiere. Dieses Problem der Nichtexistenz, behaupte ich, wird erst im Moment seines Todes gelöst.

    In dieser Szene finde ich ihn, Faulkner, ganz groß. Es ist eine pathetische Szene, aber sie ist ausgezeichnet dargestellt. Sein Flucht im 19. Kapitel, die Verfolgung durch Grimm (!) und das Aufeinandertreffen der beiden Männer in der Küche von Hightower, das ist exzellent gemacht. Da kann einer wie Faulkner im Angesicht des Todes seiner wichtigsten Figur tatsächlich sogar von Heiterkeit reden. Auch hier haben wir wieder eine dieser typischen Faulkner-Formulierungen: Christmas liegt am Boden, er liegt im Sterben, die Augen weit geöffnet: „leer von allem außer dem Bewußtsein“, heißt es da. Und man fragt sich natürlich, Bewusstsein von was? Bewusstsein muss doch Bewusstsein von etwas sein. Dieses Etwas ist, wie an so vielen Stellen, eine Leerstelle, Faulkner sagt uns das nicht.

    „Als die anderen in die Küche kam sahen sie den inzwischen beiseite gestoßenen Tisch und Grimm, der sich über den Mann beugte. Und als sie näherkamen um zu sehen, was Grimm vorhatte, sahen sie, dass der Mann noch nicht tot war, und als sie sahen, was Grimm tat, stieß einer der Männer einen erstickten Schrei aus und stolperte rückwärts gegen die Wand und erbrach sich. Dann sprang auch Grimm zurück und warf das blutige Schlachtermesser hinter sich. „Jetzt wirst du die weißen Frauen in Ruhe lassen, auch in der Hölle“, sagte er. Doch der Mann am Boden hatte sich nicht gerührt. Er lag nur da, die Augen weit geöffnet und leer von allem außer dem Bewußtsein, und mit etwas wie einem Schatten um den Mund. Einen langen Augenblick sah er mit friedvollen, unergründlichen und unerträglichen Augen zu ihnen auf. Dann schienen sein Gesicht, sein Körper, schien alles zusammenzubrechen, in sich zusammenzufallen, und aus der zerschlitzen Kleidung um seine Hüften und Lenden stürzt das aufgehaltene schwarze Blut wie losgelassener Atem. Es stürzt aus dem bleichen Leib wie der Funkenregen aus einer aufsteigenden Rakete, und auf diesem schwarzen Ausstoß schien der Mann aufzusteigen und in ihr Gedächtnis einzudringen, auf immer und ewig. Sie werden das Bild nie verlieren, wo sie auch sein werden, in friedlichen Tälern, an ruhigen und sanften Flüssen des hohen Alters, wo sie in den spiegelnden Gesichtern von Kindern altes Unglück und neue Hoffnungen sinnend betrachten werden. Es wird da sein, versunken, ruhig, beständig, nicht verblassend und auch nicht besonders bedrohlich, sondern aus sich allein heraus heiter, aus sich allein heraus triumphierend. Wieder stieg aus der Stadt kommend, durch die Wände ein wenig gedämpft, das Kreischen der Sirene zu einem unglaublichen Crescendo an, so schrill, bis es für Ohren nicht mehr zu hören war.“

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    24 Oktober 2010

    Licht im August III: Gelegentliches miteinander schlafen

    William Faulkner war kein psychologischer Erzähler wie Henry James. Er will seine Figuren nicht verstehen – das ist natürlich eine nicht verifizierte Behauptung. Er will seine Figuren formen. Er will sie nicht verstehen, er will sie darstellen. Und ich glaube, dass er sie oft auch nicht versteht. Ich glaube – die nächste, diesmal fast unhaltbare Behauptung –, dass er sie nicht versteht, weil er so sehr in die Formgebung verwickelt ist, dass ein zu großes Verständnis hinderlich wäre. Womöglich versteht ein Autor seine Figuren grundsätzlich nur bis zu einem gewissen Grad.

    Nennen wir es etwas deutlicher beim Namen, nennen wir es Unverständnis. Das ist, soweit ich es in diesem Text beobachtet habe, bei vielen der Figuren der Fall, im Verhältnis von Männern zu Frauen fällt dieses Unverständnis jedoch am deutlichsten auf. Die beiden Geschlechter stehen einander schroff gegenüber. Faulkner versucht nicht, ihre Verhaltensweisen zu erklären. Nachdem Christmas entdeckt hat, dass die Frau mit der er gelegentlich schläft, die Kellnerin, auch noch mit anderen schläft und dass das kellnern nur einen Teil ihrer bezahlten Tätigkeit ist, kommt es zu einem Gespräch zwischen den beiden.

    „An dem Abend gingen sie nicht von der Ecke fort, an der sie sich getroffen hatten. Sie gingen nicht trödelnd weiter, sie verließen nicht die Landstraße. Sie setzten sich auf eine ansteigende grasbewachsene Böschung und redeten. Diesmal sprach sie, erzählte ihm. Es gab nicht viel zu erzählen. Er sah nun, dass er, was er entdeckte, die ganze Zeit gewusst hatte: die müßigen Männer im Restaurant, deren Zigaretten wippten, wenn sie zu der vorbeigehenden Kellnerin sprachen, und sie, die hin und her ging, ständig hin und her ging, den Blick gesenkt, unterwürfig. Während er ihr zuhörte, meinte er den säuerlichen Geruch all der anonymen Männer über dem Erdgeruch zu riechen. Ihr Kopf war leicht geneigt, während sie sprach, die großen Hände lagen still in ihrem Schoß. „Ich dachte, du hättest es gewusst“, sagte sie.
    „Nein“, sagte er, „ich glaube, ich hab‘s nicht gewusst.“
    „Ich dachte, du wüsstest es.“
    „Nein“, sagte er. „Ich glaube nicht, dass ich‘s gewusst hab.““

    Dieses gelegentliche miteinander schlafen irritiert Christmas. Er weiß nicht, ob das Liebe ist oder Begehren oder was sonst. Er hat ja keine Erfahrung. Und Erfahrung ist nicht, dass man etwas weiß, kennt, sieht oder denkt. Sondern dass man auch sein Gegenteil kennt, weiß, sieht. Erfahrung ist nicht, dass etwas so ist wie es ist, sondern dass es auch anders sein könnte. Um zu wissen was gut ist, muss man auch wissen was schlecht ist. Christmas hat diese Erfahrung nicht. Vielleicht hat selbst diese Frau, für die Sexualität eine berufliche Dimension hat, keine Erfahrung. Weil auch sie nicht weiß, wie es anders sein könnte. Weil sie keine Vorstellung davon hat wie ihre Welt aussehen könnte. Eine Alternative steht für viele Figuren in diesem Buch nicht zur Diskussion. Sie sind damit beschäftigt, so zu sein wie sie sind. Vielleicht ist das allerdings auch nur eine dieser modernen Verirrungen, die Vorstellung wie es anders sein könnte.

    Christmas ist irritiert, nicht, weil die Emotionen so tiefgehende sind, sondern weil er sie nicht einordnen kann. Sein Register umfasst die Verben wissen, glauben, sehen, denken. Mit diesen Möglichkeiten des Begreifens lässt sich weder für ihn noch für die Frau fassen, was zwischen ihnen geschieht. Sie fragt zweimal und er antwortet zweimal. Sie benutzen dieselben Worte. Wir lesen das also viermal: ohne jede Entwicklung. Weil das, was dort passiert, sich nicht verstehen lässt. Die verschiedenen Modi – Wissen, Glauben, Denken, Sehen – können das nicht begreifbar machen. Es wird nicht einmal gesagt, was nicht zu begreifen ist: dass ein geliebter Mensch mit anderen Sex hat; oder dass Sex und Liebe voneinander getrennt werden können; dass der eine dem anderen eine Kränkung zufügt.

    Auch hier gibt es einen Widerspruch zwischen der Aussage des Erzählers – „Er sah nun, dass er, was er entdeckte, die ganze Zeit gewusst hatte“ – und der Aussage der Figur – „Ich glaube nicht, dass ich‘s gewusst hab“-. Anders ausgedrückt: auch hier lassen sich die Positionen des Erzählers nicht immer klar und distinkt von denen der Figur unterscheiden. Allerdings sagt der Erzähler nicht einmal, was Christmas angeblich gewusst hat; das ist einer der vielen Sätze in diesem Buch, die ins Trudeln kommen, bevor sie geradezu versacken, man weiß nicht wo: „Er sah nun, dass er, was er entdeckte, die ganze Zeit gewusst hatte …“ Und dann sagt er, dass er es nicht wusste.

    Die genannten Verben sind nicht nur an der zitierten Stelle von Bedeutung, sie durchziehen den gesamten Text. Zuweilen kommt es dabei zu schwer verständlichen Passagen – wer Mallarmé gelesen hat oder auch Joyce, der weiß, dass Verständlichkeit nicht das einzige Verhältnis zwischen Autor und Leser ist – wie dieser: „Das Gedächtnis glaubt, ehe das Wissen sich erinnert. Glaubt länger schon, als es sich zurückerinnert, länger noch, als das Wissen sich auch nur wundert.“

    Ich möchte annehmen, dass Faulkner nicht behaupten will, dass der Glaube ein Gedächtnisleistung ist oder dass das Wissen, nicht aber das Gedächtnis sich erinnert. Ich möchte vielmehr annehmen, dass Faulkner mit dem Verhältnis dieser Verben spielt und versucht, sie in ein fruchtbares Verhältnis zueinander zu stellen. Das gelingt ihm auch, wie ich meine, denn dies ist schön: dass das Wissen sich wundert! Und dass das sich wundernde Wissen vielleicht nicht einmal weiß, worüber es sich wundert.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    19 Oktober 2010

    Explosionsartig schießt Panik durch die Bibliothek

    Das neue Semester hat angefangen und ich werde wieder regelmäßig in die Bibliothek gehen. Die ist aus anderem Holz geschnitzt als der Kuhstall meines Großvaters. Ich bin keine Architektin, aber ich nehme an, dass die Bibliothek aus Beton ist, zumindest die tragenden Teile. Vielmehr nahm ich es an, seit heute weiß ich es auch. Derzeit werden nachträglich an den Treppen Geländer angebracht. Auf dem Weg zur Garderobe wird sogar die Verkleidung aufgestemmt, damit die Geländer entsprechend befestigt werden. Und darunter befindet sich tatsächlich, ich habe es voller Ehrfurcht mit den Händen berührt: Beton! Guter deutscher Qualitätsbeton und nicht irgendein minderwertiger styroporartiger Betonersatz.

    Wenn ich jemals ein Gebäude erlebt habe, dass ein Eigenleben besitzt, dann dieses. Es macht viele Dinge von alleine. Keiner muss auf einen Knopf drücken, damit dort etwas passiert. Diesen Knopf gibt’s vermutlich nicht. Aber offenbar gibt es auch den Knopf nicht, mit dem man das Gebäude daran hindern könnte, einige Dinge zu tun. In der Bibliothek sind etwa 1000 Fenster und dementsprechend tausend Rollläden. Bei zu- oder abnehmender Lichteinstrahlung fahren die alle gleichzeitig vollautomatisch hoch und runter. Allerdings machen sie das manchmal auch bei gleichbleibenden Lichtverhältnissen. Wenn‘s sein muss, alle fünf Minuten. Und es muss offenbar manchmal sein. Dann gehen mit einer Verzögerung von schätzungsweise drei Minuten die Lichter in den Gängen an oder aus und mit einer weiteren Verzögerung, auch jene Lichter zwischen den einzelnen Regalen. Bis dahin sind die Rollläden aber längst wieder oben. Oder unten. Jemand der das nicht kennt, der kann keinen kausalen Zusammenhang zwischen den beteiligten Ereignissen – Lichteinstrahlung, Rollläden, Lichter im Flur, Lichter in den Gängen – erkennen. Dann sieht es so aus, als mache das Gebäude, was es will.

    Heute Mittag wollte es einen Alarm auslösen. Das hat es dann auch getan. Das ist eine hochmoderne Alarmanlage, die weckt Tote auf. Aber zuvor produziert sie diese. Ich tendiere zu folgender Ätiologie: Herzinfarkte fallen rechts, Schlaganfälle links hinüber. Die Lautstärke war wirklich grandios. Das war das mit Abstand beeindruckendste Schallereignis meines Lebens. Dann kam eine automatische Durchsage vom Band, dass das Gebäude geräumt werden müsse. Man schaute seinen Vordermann und seine Hinterfrau an. Niemand bewegte sich. Zehn Minuten später, nachdem wir alle schon bis zur Unkenntlichkeit verbrannt waren, kam die Durchsage des Wachschutzes: „An alle: Keine Panik, das war ein Fehlalarm“. Der Wachschutz sitzt am Eingang des Gebäudes. Ich denke, dass, wenn 1200 Menschen in Panik geraten, diese Panik am Eingang zu bemerken gewesen wäre. Wenn nach zehn Minuten keine Panik ausgebrochen ist, dann wird sie, nehme ich an, auch nicht mehr kommen. Möglicherweise unterschätze ich die Gefährlichkeit von Paniken aber auch und es gibt, wie es bei Bränden Brandnester gibt, auch solche der Panik. Das ballt sich irgendwo auf der Toilette oder in einer Ecke zusammen und explosionsartig schießt Panik durch die Bibliothek. Möglicherweise beruhigt sich die Panik schnell wieder und bricht dann, Monate oder Jahre später, scheinbar unmotiviert erneut aus.

    Demnächst also wieder diese und andere Geschichten aus dem wichtigsten Gebäude der Welt. Meiner Welt. Ich mag das, wenn die Bibliothek lebt. Ich habe eben ein kleines Kind kennengelernt, das oben in der siebten Etage in einem Hort spielt, während die Mami über einem Pädiatrie-Lehrbuch brütet. Das Gebäude lebt und wir ihn ihm leben auch. Noch. Ab sofort gibt’s wieder Kabale und Liebe auf den Rängen und Terrassen der Zentralbibliothek der HU, alles live und in Farbe, in Echtzeit von der weltweit ersten Bibliotheksreporterin.

    Ich hoffe, dass eines Tages Bersarin mit seiner Kamera hier aufkreuzt und Bilder macht. Bilder, die die Idee des Architekten Max Dudler wiedergeben. Aber womöglich ist er, Bersarin, sich für die schlichte Wiedergabe zu schade. Womöglich hatte er, Dudler, keine Idee und deswegen ist er, Bersarin, später nicht haftbar zu machen, wenn er sie, die angebliche Idee, nicht wiedergeben kann. Oder er kann das überhaupt nicht! Diese Philosophen meinen ja mitunter, sich mittels der Abstraktion die Wirklichkeit so zurechtbiegen und vom Hals halten zu können wie sie das eben gerade brauchen. Und dann sind für diese Philosophen eben alle schönen Frauen blond. Oder alle blonden Frauen schön. Oder es fallen alle schweren Gegenstände nach unten. Da wird wild an der Wirklichkeit herum konstruiert, bis alles so ist, wie man es braucht. Für diese Bemerkung, fürchte ich, werde ich Schelte einstecken müssen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    11 Oktober 2010

    „Extreme Wahrheit“ versus „Erzählerische Unschärfe“

    Es handelt sich bei dem ersten Teil des Titels um ein Zitat von Bersarin, dem Hausherrn von Aisthesis. Dort wurde in der vergangenen Zeit über Walter Benjamin geschrieben. Ich habe eine Verständnisfrage zum Wahrheitsbegriff gestellt und gleich mehrfach Antwort bekommen. Die Antwort vom Nörgler war Bersarin so wichtig, dass er sie aus dem Kommentarbereich herausnahm und als Beitrag einstellte, hier.

    In dem zur Diskussion stehendem, geht es darum, von welcher Wahrheit wir sprechen, wenn wir von Wahrheit sprechen, die einen erkenntnistheoretischen Wert hat. Und, das jedenfalls war meine Frage oder mein Anstoß in der sich anschließenden Diskussion, inwieweit andere Wahrheitskonzeptionen womöglich über die philosophische hinausgehen. Ich habe das Beispiel vorgebracht, aus einem Gedicht: „I love you forever and a day.“ Ich unterstelle, dass eine philosophische Wahrheitskonzeption an dieser Zeile unweigerlich scheitert. Sie kann mit dem ersten Teil der Strophe umgehen, aber der zweite Teil ist ihr, da es sich um eine unlogische Behauptung handelt, denn nichts kann über das „forever“ hinausgehen, unbegreiflich. Sie scheitert vielleicht nicht einmal an der Analyse des Wahrheitsgehaltes. Sie scheitert in, und womöglich sogar durch diese Analyse, an dem Verständnis der Zeilen. Denn die Konzeption von Wahrheit kann nur eins: nach Wahrheit fragen. In der Liebe, möchte ich meinen, fragt man nicht nach Wahrheit. Von daher muss ich meine Aussage noch einmal präzisieren: womöglich scheitert der Wahrheitsbegriff nicht erst am zweiten Teil dieses Gedichtes, sondern bereits am ersten.

    Daraufhin hat Bersarin nun geantwortet, hier.  Ich muss mir mit meiner Reaktion bis zum Wochenende Zeit lassen. Die Frage ist, ob wir das Gleiche im Sinn haben. Wahrheit in einem ästhetischen Bereich ist keine einfache Konstruktion. Möglicherweise hatte ich keinen Wahrheitsbegriff im Sinn, auch wenn ich von Wahrheit gesprochen habe. Und selbst wenn die Ästhetik einen Begriff von der Wahrheit hat, hat die Poetik vielleicht keinen. Sie will beruhigen oder insistieren, sie will provozieren, rekapitulieren, idiosynkrasieren, bramarbasieren oder krepieren. Aber die Wahrheit will sie nicht. Der Ball in der Diskussion liegt also wieder bei mir.

    „Du Runder, der das Warme aus zwei Händen
    im Fliegen, oben, fortgiebt, sorglos wie
    sein Eigenes; was in den Gegenständen
    nicht bleiben kann, zu unbeschwert für sie,

    zu wenig Ding und doch noch Ding genug,
    um nicht aus allem draußen Aufgereihten
    unsichtbar plötzlich in uns einzugleiten:
    das glitt in dich, du zwischen Fall und Flug

    noch Unentschlossener: der, wenn er steigt,
    als hätte er ihn mit hinaufgehoben,
    den Wurf entführt und freilässt -, und sich neigt
    und einhält und den Spielenden von oben
    auf einmal eine neue Stelle zeigt,
    sie ordnend wie zu einer Tanzfigur,

    um dann, erwartet und erwünscht von allen,
    rasch, einfach, kunstlos, ganz Natur,
    dem Becher hoher Hände zuzufallen.“

    Rainer Maria Rilke, Der Ball





    09 Oktober 2010

    Selbstverteidigung oder: Mein Leben nach dem Tod

    Ich habe in den vergangenen Tagen zwei einschneidende Entscheidungen getroffen. Erstens trage ich von nun an einen Organspenderausweis bei mir. Ich schlage mich mit diesem Gedanken schon seit Wochen herum. Nun habe ich vor ein paar Tagen das Formular ausgefüllt und man hat mir einen Ausweis zugeschickt, den ich ins Portemonnaie gesteckt habe. Und zweitens mache ich jetzt aus Gründen der Selbstverteidigung Kung Fu. Man weiß nie, wozu das noch mal gut ist.

    Ich musste das gut überlegen, mit der Organspende. Das ist ein mulmiges Gefühl, das man dann hat. Ich denke, dass ich das wieder vergessen werde, diesen Ausweis und seine Bedeutung. Die nämlich, dass ich eine Ansammlung von Organen bin, für die es einen Markt gibt. Einen Markt, der, hier in Europa jedenfalls, jenseits des Lebens liegt. Im Falle meines Todes, so steht es in diesem Ausweis, können, auch das musste ich mir überlegen, meinem Körper sämtliche Organe entnommen werden. Also nicht nur Leber, Herz und Nieren, was man so landläufig gut gebrauchen kann. Ich kann zur Gänze weiterverwertet werden. Da sind die Hornhäute meiner Augen, die Gehörknochen in meinen Ohren und einige andere Teile. Ich habe letztens gelesen, dass man jemanden Arm und Hand von einem Spender angenäht hat. Vor einiger Zeit ist sogar ein Gesicht verpflanzt worden. Wer weiß was man in zwanzig oder dreißig Jahren noch alles wird machen können.

    Der Fall der Organspende tritt nur dann ein, wenn ich tot bin. Ich habe keinerlei Einfluss darauf, was dann mit meinem Körper passiert. Er wird, denke ich, ausgeschlachtet. Was man gebrauchen kann, wird entnommen. Dabei kommt es wohl darauf an, wie lange die entsprechenden Körperteile zu konservieren sind. Die Wartelisten für Herz, Niere und Leber sind lang. Dementsprechend wird sich schnell ein Empfänger finden. Wie das mit den anderen Dingen ist, weiß ich nicht. Ich habe keinerlei Einfluss darauf, welche Leute meine Körperteile bekommen. Ich nehme an, dass nach Männern und Frauen unterschieden wird. Ich nehme an, dass mein Herz an eine Frau geht. Ich nehme ebenfalls an, dass auch meine Hände, die ich als sehr weiblich bezeichnen möchte, nicht an einen Männerkörper angenäht werden. Ich nehme an, dass alles an meinem Körper eine weibliche und feminine Ausprägung besitzt. Weder meine Hüftknochen noch meine Handgelenke passen zu einem Männerkörper.

    Eines Tages also wird sich vielleicht eine Frau mit meinem Herzen in einen Mann verlieben. Ich kenne die Frau nicht. Sie wird über die Straße gehen und plötzlich schlägt ihr Herz, also ursprünglich meins, heftig. Sie sieht einen Kerl, den ich nicht gerade als attraktiv bezeichnen würde. Er sieht aus wie ein eingebildeter Fatzke. Und auch im Gespräch finde ich ihn nicht charmant. Ich habe allerdings keinen Einfluss darauf. Mein Herz schlägt offenbar Kapriolen bei einem Kerl, bei dem es eigentlich mit dem schlagen lieber aufhören möchte. Diese Frau wird sich für den nächsten Abend mit ihm verabreden. Sie wird zum vorher Friseur gehen und sich meine Haare machen lassen. Sie wird, wenn sie am späteren Abend auf einer Coach bei ihm in der Wohnung sitzen, seinen Avancen nachgeben, sie wird ihn mit meinen Lippen küssen, sie wird ihn mit meinen Händen berühren, sie wird sich meinen Busen küssen lassen, er wird ihr in meine Ohrmuscheln flüstern, sie hört es mit meinen Gehörknöchelchen, sie wird meinen Kopf in den Nacken werfen und sie wird mit meinen Stimmbändern ihre Lust herausschreien. Das jedenfalls meint dieser Kerl, während ich brülle, dass er seine Dreckspfoten da wegnehmen soll. Wie ich mich auch stäube, weder sie noch er werden es bemerken.

    Wenn ich mir allerdings vorstelle, dass diese Frau mit meinen Händen und meinen Fingern in so ein Nagelstudio geht, sich die Fingernägel maniküren und diese hässlichen Geleinladen einarbeiten lässt, dann ist das definitiv zu viel. Ich muss mit jeden miesen Typen ins Bett gehen, aber meine Hände, meine Finger, meine Fingerspitzen: das ist das das Herzstück meiner schriftstellerischen Tätigkeit. Ich kann mit langen Fingernägeln nicht tippen!

    Ich kenne dich nicht. Du hast dich nicht bei mir bedankt für alles was du von mir bekommen hast. Ist auch nicht nötig, ich will deine Dankbarkeit nicht. Der Organspenderausweis war eine freiwillige Leistung. Aber wenn du mir meine zentrale Fähigkeit mit solchen Fingernägeln kaputtmachen willst, dann sieh dich vor. Ich bin nicht umsonst so viele Jahre zum Kung Fu gegangen. Wenn du meine Fingernägel langwachsen oder maniküren lässt, dann mache ich Hackfleisch aus dir, du blöde Kuh!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.