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Aléas Anordnungen

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    Hier wird boykottiert

    Hier wird coqettiert

    Hier wird drangsaliert

    Hier wird elaboriert

    Hier wird illusioniert

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    Kommentare:

  • Aléa Torik: Ich hatte bereits angekündigt, meine Präsenz im Netz zu reduzieren. Ich werde weiterhin Beiträge einstellen, seltener als bisher. Die Kommentarfunktion ist deaktiviert. Ich bedanke mich bei allen, die hier regelmäßig mitgeschrieben und dafür gesorgt haben, dass das ein spannendes und...
  • Aléa Torik: Lieber Christian, ich glaube, ich habe einen Ort für den Essay. Ich bin nicht ganz sicher, ich habe eine positive Mail bekommen und auch erfreut geantwortet, dann aber keine Reaktion mehr bekommen. Aber wenn es wahr ist – wenn es tatsächlich wahr sein sollte … dann hören Sie...
  • Christian: liebe Alea, apropos Essay: freue mich schon auf Ihren Essay zu David Foster Wallace den Sie hier vor Kurzem erwähnten. Gibt es schon einen Termin und Ort für die Veröffentlichung? liebe Grüße Christian
  • Aléa Torik: Lieber NO, zurück im Alten Europa? Ich vermute, bei Ihnen geht die Kulturumstellung inzwischen relativ schnell und Gewöhnung und der Alltag gewinnen bald Oberhand? Inzwischen beinahe schon ungewohnt, mich zu Kommentaren und Eingaben zu verhalten: Ich habe die Funktion deaktiviert, das...
  • NO: Alea Torik, Das Geräusch des Werdens, und Maddox, der verrückte Hund(e) Zurück aus den USA und noch ein Letztes: Maddox. Maddox, na ja. Ganz lustig. Ein Überempfindlicher, der in Masken und mit Zylinder herumläuft, der wie ein Bauchredner nicht mit den Menschen selber spricht, sondern nur...
  • Phorkyas: Liebe Alea, dieses Kommentarfeld hier hatte ich übersehen. Das ist eine sehr runde Sache geworden, Ihr Roman, wie ich finde – das lange Leiden und Feilen hat sich also gelohnt. Mir hat die Beschreibung von Marijans Mobilitätstraining sehr gefallen. Ich weiß nicht, ob Sie das schon...
  • Aléa Torik: Lieber Avenarius, vielen Dank für die wohlmeinenden Worte. Die tun mir mehr gut als Sie glauben mögen. Ich werde weitermachen, weil es auch für den nächsten Roman wichtig ist. Und ich werde wohl die Kommentarfunktion deaktivieren. Das ist eine schwierigere Entscheidung als man...
  • avenarius: Liebe Alea, im Verhältnis zu Ihrer vorherigen Präsenz haben Sie sich bereits aus dem Netz zurückgezogen. Aber warum sollte ein Blog nur wegen verminderter Aktivität aufgegeben werden. Ich würde weiterköcheln – auf Sparflamme. Frohe Ostertage wünscht - avenarius
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, dafür gibt es einige Gründe und einige andere, die dagegen sprechen. Ich muss mir noch überlegen, wie ich das formuliere. Einmal für mich selbst und einmal hier, in der Öffentlichkeit. Ich hatte Anfang März schon überlegt, mich gänzlich aus dem Netz zurückzuziehen:...
  • Azadeh Sepehri: Warum denn?
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, ich überlege, die Kommentarfunktion gänzlich auszuschalten. Ich habe mich aber noch nicht entschieden. Aléa
  • Azadeh Sepehri: Liebe Alea, warum kann man unter Ihren letzten Beiträgen keine Kommentare hinterlassen?
  • Azadeh Sepehri: Liebe Alea, ich glaube, ich hatte ihren Beitrag falsch verstanden und dachte, Sie schreiben unter einem Pseudonym. Aber auch falls Sie dies machen würden, fände ich es nicht schlimm. Schließlich hat jeder das Recht, selber darüber zu entscheiden.
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, ich schlage vor, wir warten bis zur Veröffentlichung davon, was im Januar 2013 der Fall sein wird, und dann kann jeder entscheiden, was mein richtiger Name ist, was das richtige und das falsche Verhalten war. Herzlich Aléa
  • Azadeh Sepehri: Interessant. Ich dachte, Sie schreiben unter Ihrem “richtigen” Namen.
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, „Nehmer“ und „Geber“: Nehmen ist ja auch leichter als geben. Sein Recht in Anspruch zu nehmen ist leichter als einer daraus resultierenden Plicht zu entsprechen. Dass Recht und Pflicht so eng miteinander verbunden sind, dass sie dasselbe sind, auseinander hervorgehen,...
  • Aléa Torik: Lieber Holio, Sie können hier gerne mit Ihrem Meißel klopfen. Und ich habe auch nichts dagegen, wenn dabei etwas anderes herauskommt als ich das beabsichtigt habe. Soviel verstehe ich von Literatur, um zu wissen, dass die Autorin eine Interpretation unter anderen hat. Es stehen, sowie...
  • Aléa Torik: Lieber NO, auch für mich sind Lydijakapitel und Aufzählungskapitel die beiden Höhepunkte dieses Romans. Es sind wohl auch die beiden schwierigsten Kapitel. Das Zentrum des ganzen Textes ist sicher das Aufzählungs- oder Berlinkapitel. Das war geplant als eine Beschreibung des...
  • avenarius: Liebe Alea, ja natürlich, es gibt immer eine Macht. Macht bedarf, ganz anders als die Gewalt, keinerlei Rechtfertigung, “da sie allen menschlichen Gemeinschaften immer schon inhärent ist. Hingegen bedarf sie der Legitimität. Macht entsteht, wann immer Menschen sich zusammenfinden...
  • Aléa Torik: Lieber Ave Narius, ich bin da, soweit ich sehe, völlig einverstanden. Nur mit dem „Medusenhaupt der Macht“ habe ich Schwierigkeiten: es muss eine Verfassung geben, eine Legislative, und dann muss es auch eine Executive und eine Judikative geben. Es muss eine Macht geben und sie muss...

  • 09 November 2011

    Immer älter und gesünder

    Ich bin derzeit nicht in Berlin. Ich bin etwas südlich von Feldberg, in einem Dorf namens Carwitz. Das Dorf darf man sich nicht allzu groß vorstellen, man kommt der Wahrheit nahe, wenn man das Gegenteil tut. Das liegt an einer Seenplatte, hier herrscht eine wunderschöne herbstliche Stimmung. Langsam wird’s kühl. Aber da ich, wie ich letztens in einem Kommentar schrieb, Wolle mag, mache ich mir keine Sorgen.

    Das Polabische, vor allem die altpolabische Sprache hat hier offenbar einiges hinterlassen, so geht auch der Dorfname auf eine altpolabische Vokabel zurück, karva heißt Kuh. Ich bin also in einem Kuhdorf in Mecklenburg-Vorpommern. Und da ich auch aus einem Kuhdorf komme, fühle ich mich hier sehr wohl. Das Aufregendste in karva-carwitz bin derzeit ich selbst. Die Einwohner recken die Hälse, vielleicht bin ich zu neugierig oder sie glauben mir nicht, dass ich hier bin zum Schreiben. Außer mir gibt es hier noch das Hans Fallada Museum. Fallada war hier ebenfalls zum Schreiben und vielleicht haben die das dem auch nicht geglaubt und die Hälse gereckt.

    Ich wohne in der Datsche eines Freundes. Es gibt hier fließendes Wasser, Strom, eine Art Bett und manchmal funktioniert auch das W-LAN. Ich kann mich bei einem Nachbarn einloggen, der mir sein Passwort genannt hat. Es gibt in der Bude einen Ofen. Mal sehen wie lange ich das hier aushalte. Ich stehe früh auf, wasche mich und dann setze ich mich an die Arbeit. Einmal am Tag geh‘ ich spazieren. Heute wollte ich eine Zeitung kaufen, da gab es auch eines dieser Yellow-Press-Erzeugnisse mit der Schlagezeile: „Berliner werden immer älter und gesünder.“

    Soso, dachte ich mir. Während ich hier auf dem Land bin, ora et labora, während ich älter und erschöpfter werde und eines Tages auch ganz alt und zu Tode erschöpft sein werde, krank und kränker, werden die Berliner also immer gesünder. Und das offenbar zur selben Zeit. Ich gehe jetzt bereits, jung wie ich bin, meinem Ende entgegen, während die Berliner, so muss man das wohl verstehen, den anderen Weg nehmen. Sie werden zwar auch älter, aber sie werden immer gesünder, sodass sie offenbar, wenn sie ganz alt sind auch ganz gesund sind. Sie sterben dann wahrscheinlich nicht an Krankheiten wie unsereins, sondern an ihrer elenden, pathologisch perversen, geradezu krankhaften Gesundheit.

    Ich bleibe also lieber noch ein bisschen hier. Ein warmer Pullover, warme Socken und die klappernde Tastatur; bisweilen ein Spaziergang und früh schlafen gehen; gelegentlich ein Glas Rotwein. der hier in schönen Flaschen in einem Vorratszimmer wächst. Das alles ist sehr gemächlich. Und das kommt meinen natürlichen Zeitempfinden entgegen. Da hat mich doch der Phorkyas eine Heilige genannt, wo ich doch bloß eine Eilige bin. Aber alle Eile kommt hier zur Ruhe.

    Noch immer. Zwei Worte bei Kommentaren und die Technik lässt Sie durch.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    03 November 2011

    Neuzugang auf der Blogroll: Elif Batuman

    Ich hatte nichts mit der Buchmesse zu tun. Ich habe schon länger das Gefühl, dass das nicht meine Veranstaltung ist. Dennoch las ich eine Bemerkung zu Elif Batuman, die in Komparatistik in New York (oder spielt mir da meine Erinnerung einen Streich?) promoviert hat, eine Türkin in Amerika. Da habe ich natürlich sofort an eine Ihnen bekannte Rumänin in Deutschland gedacht. Elif Batuman schreibt für diverse Magazine, den New Yorker (kommt das vielleicht daher?) und andere. Ich dachte: Aha, da wird also doch noch mal etwas aus mir. Ich promoviere, parallelisiere, paralysiere, und ZACK, geht’s mir so wie ihr: ich werde eines Tages über Literatur schreiben und bekomme auch noch Geld dafür.

    Frau Batuman hat ein Buch geschrieben “The Possessed. Adventures with Russian Books and the People Who Read Them”. Das ist übersetzt worden. Ich hab mir das Buch, die Übersetzung, im Internet bestellt. Soll man ja nicht tun, wenn man dem Buchhandel glaubt: das Internet ist böse. Ich hab‘s dennoch da bestellt. Ein bisschen Bosheit tut mir ganz gut. Ich dachte, es sei ein Roman. Das steht allerdings nicht drauf. Und es auch keiner drin. Dann dachte ich, es sei eine Sammlung von Essays, weil Teile, das steht immerhin im Buch, als Essays in Magazinen vorab erschienen sind. Aber es sind keine Essays.

    Ich habe schon einige schlechte Erfahrungen in Deutschland mit Worten gemacht. Unter anderem mit dem Wort Essay: man kann alles und nichts einen Essay nennen. Im Grunde kann man auch einen Rasenmäher als einen Essay auf die Kürze des Grases bezeichnen. Es ist leider kein Roman, es sind leider auch keine Essay und ein Rasenmäher ist es wohl auch nicht. Das sind Geschichten, deren Hauptfigur Elif Batuman ist. Geschichten, die sich im weitesten Sinne um Literatur drehen, weil Elif Batuman sich darum dreht. Vielleicht drehen sie sich nicht, sie tangieren, tranchieren, torpedieren und travestieren die vor allem russische Literatur. Und da kennt die Autorin sich ohne Zweifel sehr gut aus.

    Wir haben es mit einem offenkundig außergewöhnlich hohen Grad an Identität der Elif Batuman vor mit der Elif Batuman in dem Buch zu tun. Die Differenz zwischen der echten und der fiktiven Person ist offenbar gegeben durch die witzigen Formulierungen. Denn das Leben ist ernst, also muss die witzige Variante die Fiktionalisierung dieser ernsten Wirklichkeit sein. Bedauerlicherweise fand ich das Buch nicht witzig, nicht mal ansatzweise. Gerade dieser Umstand wird aber in allen Rezensionen betont, der Witz und die Klugheit, da ist sogar – hör sich einer das an – von ihr als eine der „besten Essayistinnen der Welt“ die Rede.  Also muss der Abstand der beiden Batumans für die anderen Leser größer gewesen sein als er für mich war. Ich konnte kein lyrisches Ich erkennen. Das aber wäre eine Minimalanforderung an ein literarisches Werk.

    Ich habe nicht ein Mal gelacht. Der türkisch-amerikanische Humor ist offenbar deutlich von dem deutsch –rumänischen unterschieden. Eine von uns beiden hat offenbar einen anderen Humor! Vielleich ist dieses türkisch-amerikanische-Roman-Essay-Rasenmäher-Gemisch sogar höchst explosiv. Aber die vertrocknete Frau Torik wird es nicht herausfinden. Ich habe das Buch beiseitegelegt. Welches Genre das auch immer sein mag, ich kann nur hoffen, dass es nicht zum allgemeinen Maßstab erhoben wird.

    Ich sage dennoch ausdrücklich, dass das hier kein Verriss ist. Ich wüsste gar nicht wie man das macht und es gibt keine Textsorte, die mich noch weniger interessiert als der Verriss. Ich will möglichst selbstkritisch sein und den Fehler von Elif Batuman bei mir suchen: Mir passt sowieso gerade nichts. Ich breche alle Lektüre ab. Ich werfe alles in die Ecke. Da liegt auch „Der letzte Tag“ von Pynchon und ich halte es nicht für wahrscheinlich, dass ich den da noch einmal herausbekomme. Das ist umso erstaunlicher, da er mir, als ich ihn kennenlernte, sehr gut gefallen hat. Vielleicht hat er mir nicht gefallen, sondern nur imponiert. Und heute lasse ich mir nicht mehr imponieren.

    Ich lese derzeit die Einleitung der Dissertation von Frau Batuman und die gefällt mir gut und ist weitaus besser geschrieben als das Buch. Das ist auch eine liebevoll gemachte Seite, und da sie auch eine Art Blog hat – My Life and Thoughts – nehme ich sie in meine Blogroll auf. Ich nehme auch einige von der Blogroll herunter, vor allem die fünf Litblogs-Leute, weil ich die ja schon über Litblogs verlinkt habe. Nicht, dass sich Verschwörungstheorien bilden.

    Zur Überwindung des Captchas müssen bei Kommentaren beide Worte eingegeben werden.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 Oktober 2011

    „Man wird nicht als anderer geboren, ..

    … man wird zum anderen gemacht.“

    Das hat einer meiner Professoren in Bukarest, George Guţu, gesagt. Sowie man zum Objekt einer (ethnologischen) Beschreibung wird, wird man ver-andert. Und indem man ver-andert wird, vermute ich, wird man verändert.

    George Guţu meinte das damals, wenn ich mich recht erinnere, so umfassend wie nur möglich. Jede im Kern ethnologische Beschreibung macht einen anderen zum anderen. Wenn das so ist, dann ist die Frage, ob und inwieweit das Wissen um diesen Sachverhalt einem etwas vom Selbst oder vom Eigenen nimmt. Oder ob und inwieweit das Selbst vielleicht gerade in diesem Wissen, im Widerstand gegen die Ver-anderung, erst entsteht oder sich zumindest konturiert.

    Einfach nur „sein“ hat vermutlich keine Spezifizität, wenn man das nicht sehr stark mit Begriffen auflädt. Das Selbst entsteht womöglich durch die Aufgaben, die an es herangetragen werden. Wie die Organe entsprechend ihrer Verwendungen und Funktionen entstehen. Wie die Niere nicht nur einfach eine Funktion hat, sondern sie hat eine ganz bestimmte Funktion. Die Frage ist auch, inwieweit wir uns von dem Begriff der Funktionalität leiten lassen, ob wir das Selbst als ein soziales Selbst verstehen, das einzig oder vor allem der sozialen Funktion gehorcht und sich dementsprechend anpasst. Anpassung ist wohl ein Begriff, der nicht sehr hochwertig einzuordnen ist. Möglicherweise ist das aber auch ein positiver Prozess der Verselbstung, diese Ver-anderung.

    Bevor mein schöner aufrechter Beitrag hiermit vollends auf die schiefe Bahn, und ich mit ihm, da sich ein Sprachgebrauch einschleicht, der mich allzu sehr an Martin Heidegger erinnert; bevor das gegen die Wand fährt, da ich die nicht mag, diese Sprache Heideggers, und darüber hinaus auch nicht viel von seinen Texten verstehe, beende ich hiermit meinen abendlichen Versuch, etwas Sinnvolles zuwege zu bringen.

    Ich meine das wirklich ernst: ich habe die technischen Veränderungen angeschoben und hier wird sich einiges verbessern. Allerdings ist die schiefe Bahn der Technik noch nicht schief genug, so dass auch jetzt noch gilt: bei Kommentaren zwei Worte eingeben (vielleicht hat man meinen Ehrgeiz bemerkt, immer andere Formulierungen für immer den gleichen Sachverhalt zu finden?).

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    28 September 2011

    Or-bit-or

    Der internationale Romanistentag hat in den vergangenen Tagen in Berlin stattgefunden. Zu Beginn meines Urlaubssemesters habe ich mir dennoch einige Vorträge angehört, vor allem im Bereich der Rumänistik. Die Rumänisten sind eine überschaubare Sektion innerhalb der Romania. Ich kenne da einige Leute. Sieben, um genau zu sein. Also alle! Kontakte sind wichtig, Bekanntschaften und Freundschaften nicht minder.

    Ich interessiere mich vor allem für die Orbitor-Trilogie von Mircea Cărtărescu. Da ist derzeit nur der erste Teil übersetzt als „Die Wissenden“. Im Original heißen die drei Teile “Orbitor. Aripa stângă” (Blendend, Der linke Flügel); “Orbitor. Corpul” (Blendend, Der Körper); “Orbitor. Aripa dreaptă” (Blendend, Der rechte Flügel). Cărtărescu hat auf die Frage, ob er seinen Roman in wenigen Worten zusammenfassen könnte, die folgende Antwort gegeben: „Ich habe 14 Jahre und 1500 Seiten gebraucht, um herauszufinden, worum es in dem Roman geht. Jetzt kann ich es sagen, jedoch nicht in wenigen Worten, sondern in genauso vielen, wie ich im Buch verwendet habe.“, hier. Irgendwo in seinem Jurnal heißt es einmal, glaube ich, er wolle „mit perversem Verstand, ein unlesbares Buch schreiben“. Vielleicht hat das auch jemand über ihn gesagt. Es ist ein unlesbares Buch. Es ist eine erhebliche Herausforderung für jeden Literaturwissenschaftler. Man meint an vielen Stellen es zu begreifen. Aber man begreift es nicht.

    Allein der Titel ist von einiger Komplexität. Alle drei Teile heißen „Orbitor“. Die korrekte Übersetzung ist „Blendend“. In der doppelten Bedeutung von Sehen, nämlich ein Sehen, das mehr ist als ein Sehen. Ein Über-Sehen. Ein so deutliches Sehen, dass es zu viel ist und der geblendete Mensch eben nichts mehr sieht. „Orbire“ bedeutet Erblinden. Dann steckt in dem Wort natürlich der Orbit, die Umlaufbahn, deren Rundung beim Sprechen sowohl im Eröffnungslaut – Or – als auch im identischen Verschlusslaut – or – mit den Lippen bildnerisch nachgezeichnet wird. Orbitor hat aber noch andere Anklänge und kann auch „Abstumpfung“ oder „Banalisierung“ bedeuten. Diesem Bild einer Umlaufbahn, der Wiederkehr der Planten und Ereignisse, allerdings auch der stumpfen Wiederholung, wird ein zweites Bild mitgegeben, das in allen drei Teilen des Romans wiederkehrende (!) Bild des Schmetterlings – die in der rumänischen Mythologie aus den Tränen der Jungfrau Maria geboren werden – mit seinem Körper und seinen beiden Flügeln: hier klingen die Verwandlung der Raupe an, die Schönheit des Tieres, das Fliegen, die Ziellosigkeit, die geometrische Zeichnung der Flügel und intellektuelle Mitbedeutungen wie das Assoziationsvermögen beispielsweise im Rohschach-Test und die Unterteilung des Gehirns in zwei einander ergänzende Hälften. Der Schmetterling ist in der Trilogie, wenn man das sagen kann, das Bild für eine ästhetische Erlösung. All das ließe sich noch sehr viel ausführlicher entfalten.

    Prof. Michelé Mattusch hat in ihrem Vortrag einen Gedanken paraphrasiert, der in dem Roman thematisiert wird: die Struktur eines Termitenhügels ist durch den Bau der Kiefer der Termiten vorgeben. Das finde ich ein sehr schönes Bild. Die Welt der Termiten sieht so aus wie sie aussieht, weil die Tiere sie so begreifen können. Diese Welt ist eine ihren Organen und ihrem Wahrnehmungsvermögen adäquate Welt. In einer anderen könnten sie gar nicht leben. Sie gehen nicht ins Kino, weil sie keins haben und sie haben keins, weil sie das Organ dafür nicht haben: das Gehirn, die Augen oder einfach die cineastische Leidenschaft.

    Ich habe in den vergangenen Tagen zwei Zeitungsartikel gelesen, die mich in Erstaunen versetzt und meinen Widerspruch provoziert haben. Beide (eins, zwei) drehen sich um dasselbe Thema, darum, dass Physiker offenbar, oder möglicherweise, Teilchen entdeckt haben, die sich schneller als das Licht bewegen. Das würde Einsteins Relativitätstheorie und dessen zentrale Konstante, nichts ist schneller als das Licht, zusammenbrechen lassen. Vielleicht haben diese Physiker das nur deswegen entdeckt, weil die Drittmittel ja irgendwoher kommen müssen und da macht sich der Zusammenbruch des Universums oder seiner stabilisierenden Theorie ganz gut. Aber irgendwo und irgendwann geht ja immer gerade die Welt unter, zum Beispiel am 21. 12. 2012. Für irgendwas ist das immer gut, in diesem einen Fall für die Grundstückspreise in Bugarach.

    Wie der Bau des Termitenhügels im Bau der Termitenkiefer bereits vorgegeben ist, so ist der Bau des Universums bereits durch den Bau des menschlichen Gehirns vorgegeben. Die Welt, die wir verstehen ist die Welt, die wir verstehen können. Keine andere. Das heißt aber nicht, dass es da nicht eine andere gibt. Ich empfinde es als lächerlich und anmaßend, zu glauben, das Universum sei wirklich so aufgebaut wie die physikalischen Beweise es zeigen. Das Universum ist vielmehr so, wie die Beweise es beweisen. Sie beweisen nichts anderes, als wie wir es uns vorstellen können. Das ist natürlich letztlich mit jedem Beweis so und auf diese Weise lässt sich kaum ein Axiom wie der Satz des Pythagoras relativieren. Wir müssen davon ausgehen, dass eins und eins immer zwei ist. Egal unter welchen Umständen (obwohl ich meine, mich erinnern zu können, dass es bei den irrationalen Zahlen anders ist. Aber für mich sind alle Zahlen irrational. Was das Leben nicht einfacher macht!).

    Dennoch empfinde ich das Ganze als eine gigantische Bauernfängerei. Dolle Sache da draußen: Schwarze Löcher und Antimaterie. Lichtgeschwindigkeit, an deren Grenzen wir wieder jünger werden. Ursache und Wirkung geschehen in unterschiedlicher Reihenfolge, Reisen in die Vergangenheit und in die Zukunft. Ziemlich großes Spielzimmer, was sich die Physiker da ausgesucht haben. Das derzeit größte. Weltweit. Und darüber hinaus.

    Man macht sich im CERN in Genf und anderen Orten irgendwo in Amerika, ich glaube am MIT, auf die Suche nach den Anfängen des Universums. Das ist die Grenze zur Fiktionalität. Das ist die Grenze zwischen Science Fiktion und Wirklichkeit. Das sind die Erzählungen vom Anfang der Welt. Man macht sich anhand von Zahlen ein Bild. Man sucht ja letztlich keine Zahlen. Man sucht Bilder. Man sucht Worte. Weil man sich anhand von Bildern und Worten eine Geschichte erzählen kann. Am Ende ist alles so wie wir es uns vorstellen können. Oder wir stellen uns es so vor wie es ist. Das macht keinen Unterschied mehr.

    Brigitte Heymann, eigentlich Romanistin, hat in ihrem Vortrag, in Bezug auf den Blutkreislauf und viele andere Ereignisse, gesagt: „Wir können das nicht sehen. Wir können das nicht erfahren. Aber wir können es schreiben.“ Mircea Cărtărescu sagte einmal in übertragenem Sinne in „Orbitor“: der Weltraum braucht kein menschliches Auge. Ganz meiner Meinung. Man schießt also mit Lichtgeschwindigkeit winzige Teilchen aufeinander und schaut sich dann die Schäden an. Jeder literarische Schuss in den Ofen ist interessanter. Und deutlich günstiger.

    Bei Kommentaren muss man noch immer das captcha mit beiden Worten überwinden.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 September 2011

    Apocalipsă

    Wenn ich aus Rumänien wieder nach Deutschland komme, habe ich in der Regel Schwierigkeiten mich hier einzuleben. Ich komme aus einer anderen Welt und ich bin hier dann mehr oder weniger schnell an dem Punkt, wo ich mich frage, wie sinnvoll das alles ist, was ich tue.

    Das Leben dort ist ganz anders als hier. Ich beschäftige mich mit anderen Sachen und ich spreche eine andere Sprache. Ich habe andere Menschen vor der Nase, andere Probleme, andere Geschichten. Ich bin politischer als hier, wo ich nur teilweise verstehe was passiert. Dort sitze ich den ganzen Tag lang herum und rede.

    Ich habe einen halben Tag mit einer Freundin über Roșia Montană gesprochen. Rumänien geht’s wirtschaftlich nicht sonderlich gut. Anders als Griechenland, an dem Europa und die Welt mitleidet – nicht weil die Griechen netter sind als die Rumänen, sondern weil die einen den Euro haben und die anderen nicht – leidet Europa nicht an Rumänien. In Roșia Montană sieht der rumänische Präsident Traian Băsescu die Teil-Lösung dieses wirtschaftlichen Problems. Dort liegen gigantische Goldvorräte .

    Vor einigen Jahren hat man sich zur Zusammenarbeit mit dem kanadischen Konzern Gabriel Resources Ltd. entschlossen, vielmehr hat man die Schürfrechte sozusagen abgegeben. Nun liegt das Gold da leider nicht – wie in Fort Knox – in schönen handlichen Barren im Keller herum. Das Gold muss nicht nur gestapelt, sondern es muss abgebaut werden, es ist ein in Gesteine eingespengseltes mineralisches Gold. Die Kanadier wollen das tun, indem sie ein Verfahren benutzen, das in der EU so nicht mehr zulässig ist: indem sie Cyanid einsetzen. Das Verfahren nennt man Auslaugen. Zurück bleiben gigantische Abraumhalden mit vergifteter Natur. Zurück bleiben auch riesige Mengen zyaniertes Wasser, das in Staubecken eingelagert wird. Was passiert, wenn die Dämme brechen, hat man schon einmal erfahren müssen. Im Jahr 2000 hat es in Baia Mare die nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl zweitgrößte Umweltkatastrophe Europas gegeben. Eigentlich war das Projekt auch schon vom Tisch. Aber der rumänische Präsident hat es neu für sich entdeckt. Und der steigende Goldpreis tut sicherlich auch nichts für die Umwelt.

    Cyanid ist ein Schwermetall, die Blausäure zerstört die ganze Gegend dort. In der beabsichtigten Menge ist das eine Umweltkatastrophe, die nicht zufällig entsteht, sondern bewusst eingeleitet wird. Nun ist diese Gegend, die Munții Metaliferi, eine einmalige Natur, die zerstört wird. Das Empfinden für Natur ist in Siebenbürgen sehr ausgeprägt. Man weiß, jedenfalls empfindet man das so, dass die Karpaten einer der schönsten Gegenden Europas sind. Das Empfinden für die Zerstörung der Natur ist allerdings vor allem bei Gebildeten vorhanden. Oder die Bereitschaft, sich darauf einzulassen. Und Umweltprojekte sind nahezu nicht zu finanzieren. Die Leute sind froh, wenn sie Arbeit bekommen und genau das verspricht die kanadische Firma ja auch. Von Mülltrennung wie sie in Berlin und wahrscheinlich in ganz Deutschland praktiziert wird, ist man weit entfernt. Einen Artikel zu dem Widerstand, allerdings schon einige Jahre alt, aber mit Fotos, gibt es im Eurasischen Magazin, hier.

    Aber es ist so weit weg, von meinem Leben hier, von meinem Schreiben und meinen anderen Interessen, dass ich gar nicht darüber berichten möchte. Dort drüben höre ich immer Geschichten, während ich hier nie Geschichten höre. Alle erzählen mir dort Geschichten, von der Nachbarin, deren Dachstuhl eingestürzt ist und die glaubt, dass da wer am Werk war. Von der Cousine, die heiraten will oder die vielleicht nur das will, was der Mann will, der sie heiraten will. Von der Frau, die in den Wald gegangen und nicht wieder herausgekommen ist. Hier muss ich mir alle Geschichten selbst ausdenken. Dort war noch Sommer, hier ist schon Herbst. In Bukarest waren fünfunddreißig Grad, da geht alles um zehn oder zwanzig Prozent langsamer. Und es geht nicht nur langsamer, gemächlicher, schwitzender, es geht einfach anders. Das sind genau die zehn Prozent, die das Leben dort und hier voneinander unterscheidet.

    Hier steht mir ein Urlaubssemester bevor, mit vor allem einer großen Aufgabe, den zweiten Roman zu beenden. Damit ich in den beiden kommenden Semestern an der Diss arbeiten kann. Hier ist alles sehr stark durchstrukturiert. Es ist natürlich deswegen so, weil ich das mache. Ich vermute, dass das Leben zu einem großen Teil aus Alltäglichkeit besteht. Eingespannt in einen Rahmen aus Interessen und Notwendigkeiten, aus Eintönigkeit und Abwechslung, stellt man sich die Frage nach einem Sinn eigentlich nicht. Ich stelle sie mir nicht. Ich stelle sie an solchen Umbrüchen, wenn ich von der einen in die andere Gegend, von der einen Vorstellung in die andere reise. Jetzt steht der Klotz „Roman“ vor mir. Das sind sechs arbeitsreiche Monate. Dann muss das fertig sein. Die Art von fertig, die es eben sein muss, bevor ich mit dem Lektor zusammenarbeite. Oder gegen ihn.

    Die Apokalypse ist sehr beliebt in Rumänien. Man sieht sie überall am Werk. Überall apokalyptische Reiter. Ich erzähle einen Witz. Aus irgendeinem für den Witz nicht wichtigen Grund geht die Welt unter: Vulkane und Atome. Vulkanausbrüche, Atomkraftwerks- oder Atombombenausbrüche und- explosionen, Erdbeben, Asteroiden, untergehender Dollar, untergehender Euro. Weltweit stürzen die Flugzeuge ab. Missgeburten, Tod und Pestilenz. Alles kaputt. Alle Menschen verstrahlt, verstümmelt und tot. Nur die Rumänen haben überlebt. Nur den Rumänen geht es wie immer. Und warum ist das so? Ganz einfach: Weil die Rumänen eben schon immer 50 Jahre hinterher waren.

    Bei Kommentaren bitte beide Worte eingeben.

    Ich war in Sibiu in einer Ausstellung. Weil man nicht fotografieren durfte, gibt es nur das Plakat dazu.





    01 August 2011

    Meine weibliche Leiche

    Ich wollte die Geschichte mit meiner weiblichen Leiche nicht untergehen lassen. Ich hatte mich von einem Gedicht dazu inspirieren lassen. Auf einem Hinterhof steht eine Kiste, die auch ein Sarg sein könnte. Man weiß nicht, was drin ist. Vielleicht „eine weibliche Leiche“.

    Ich könnte mir auch keinen toten Mann vorstellen. Bei einem Mann würde man sich sogleich fragen, wie er gestorben ist und wer ihn umgebracht hat. Und wie? Vor allem: warum stellt man die Leiche in den Hinterhof? Eigentlich müsste sie im Keller einbetoniert werden. Bei einer weiblichen Leiche fragt man sich das nicht.

    Man sieht die weibliche Leiche durch den Sargdeckel hindurch auf rotem Samt liegen. Mucksmäuschenstill und mausetot. Die Müllmänner kommen und nehmen sie mit. Sie binden den Sarg oben auf dem Dach des Müllautos fest. Das sieht nicht schön aus. So packen sie die Leiche aus und legen sie auf den Rücksitz des Müllautos. Aber dort macht sie die Müllmänner nervös. Tot oder nicht tot, sie lag nackt in dem Sarg und nackt liegt sie nun auf dem Rücksitz. Also halten sie vor einem Supermarkt, kaufen eine Vorratspackung Zellophan, wickeln sie in die transparente Folie ein und stellen sie an den Straßenrand. Gegen Abend kommt ein distinguierter älterer Herr, schaut sie sich genau an und findet sie ganz ungeheuerlich schön. Er nimmt sie mit nach Hause, legt sie in sein Bett und versucht, Liebe mit ihr zu machen. Seine Versuche bleiben erfolglos, was allerdings mehr seinen eigenen körperlichen Unzulänglichkeiten zuzuschreiben ist als den ihren. Am nächsten Tag, bitter enttäuscht, bringt er sie wieder fort. Er stellt sie an eine Kreuzung wo sie recht zügig einen interessierten Abnehmer findet. Auch diesem zeigt sie die kalte Schulter. Auch er bringt sie wieder fort. Er stellt sie in das Schaufenster eines großen Bekleidungshauses, wo sie einige Zeit dafür sorgt, dass Zellophan die gesamte Frühjahrskollektion bestimmt. Monatelang gibt es nur noch transparente Kleidung zu kaufen. Dann bricht jemand in der Nacht ins Kaufhaus ein, er nimmt sie in den Arm. Er liegt ihr zu Füßen. Er betet sie an. Die anrückende Polizei, nimmt den Mann fest. Und die Frau auch. Sie kommt ins Frauengefängnis, die Presse bekommt Wind von der Sache, sie wird wieder freigelassen, das Ganze ist der Gefängnisdirektion peinlich, man will sie loswerden und stellt sie an eine Straßenecke, wo an einem windigen Tag ein paar Kinder vorbeikommen und mit dem Finger auf sie zeigen. Es kommt ein Künstler, der sie anmalt, um die Brüste herum und die Schultern. Es kommt einer, der sie küsst, einer, der Lieder für sie singt, einer der weint, einer lächelt, einer erzählt ihr eine Geschichte, weil er vermutet, dass sie gerne eine hören möchte und dann erzählt er ihr noch eine zweite. Am nächsten Morgen ist sie weg. Es ist nur noch das eine Ende der Folie da. Man nimmt ihre Spur auf, man folgt der Zellophanfolie, an dessen anderem Ende muss sie sein. Man folgt ihr, indem man die Folie aufwickelt, man wickelt immer schneller, es wickeln immer mehr Leute, es entsteht eine Hysterie, alle wickeln mit, alle sind verwickelt, alle wollen sie wiedersehen. Aber es bleibt bei diesem Wunsch. Es war Endlosfolie.

    In einer Variante ist diese Geschichte bei den Gleisbauarbeiten nachzulesen.

    Die Einstiegshürde für Kommentatoren liegt, wie man mir schrieb, in diesem Blog sehr hoch. Und sie liegt sogar noch höher als es scheint, nämlich doppelt so hoch: bitte geben Sie beim Captcha beide Worte ein.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    29 Juli 2011

    Romananfänge

    Romananfänge könnten wunderbar sein: schöne, große Sätze, die den Leser mit ihrer Magie für die folgenden tausend Seiten in den Bann ziehen. Dummerweise haben Romananfänge einen konstruktiven Nachteil: sie stehen ganz vorne im Text! Sie werfen den Leser, bevor er auch nur die allerkleinste Möglichkeit hat sich auf den Text einzulassen, sofort wieder hinaus.

    Dieses Problem fand ich vorgestern ganz wunderbar beschrieben in einer Glosse der Süddeutschen Zeitung. Ich hab’s im Netz gesucht, aber nicht gefunden. Also werde ich es mal abtippen. Das ist Journalismus, wie ich ihn mir vorstelle.

    „Wir können froh sein, dass wir keine Romane schreiben müssen. Leute, die Romane schreiben müssen, begeben sich auf ein Feld, wo die Götter der Peinlichkeit mit den Sirenen des Kitsches ringen, besonders, wenn die Aufgabe lautet, einen Roman zu verfassen, in welchem sogenannte innere Vorgänge beschrieben werden sollen. Innere Vorgänge sind schon bei Menschen, die keine Romane schreiben müssen, unerträgliche Veranstaltungen, besonders, wenn diese Menschen einem lang und ausführlich davon erzählen. Menschen allerdings, die Romane schreiben, stehen noch einer weiteren Herausforderung gegenüber: Sie müssen ihren Roman mit einem ersten Satz beginnen lassen. Und wenn der nicht sitzt, dann rutscht alles weg.

    Ein Schriftsteller, der berühmt geworden ist für seine ersten Sätze, war Edward George Bulwer-Lytton. Sein Roman „Paul Clifford“ beginnt mit den Worten „It was a dark and stormy night.” Viele haben gelacht über diesen Anfang, weil er angeblich unfreiwillig komisch sein. Aber wenn man sich jetzt bitte mal ein bisschen zusammennimmt und aus dem künstlichen Lachkrampf windet, muss man schon fragen: Was ist so schlecht daran zu schreiben, es war eine dunkle und stürmische Nacht, wenn es sich um eine dunkle und stürmische Nacht gehandelt hat? Trotzdem wurde Bulwer-Lytton das Stigma des Romananfang-Dilettanten nicht los; folgerichtig wurde nach ihm ein Preis benannt, der Autoren für den schlechtesten Romaneinstieg auszeichnet. Dieses Jahr ist es die Professorin Sue Fondrie. Ihr erster Satz geht so: „Cheryls Gemüt drehte sich wie die Flügel einer windbetriebenen Turbine, die ihre Gedanken wie Spatzen in blutige Stücke zerfetzten, die auf einen wachsenden Haufen vergessener Erinnerungen fielen.“ Ist das denn wirklich so schlecht? Oder ist es nicht vielmehr so, dass man immer weiterlesen möchte, bis der Haufen vergessener Erinnerungen in schwindelnde Höhen wächst und irgendwann in einer dunklen und stürmischen Nacht umgefegt wird?

    Ach, könnte man alle ersten Sätze der Bulwer-Lytton-Preisträger aneinanderreihen – es käme der schönste Roman der Weltliteratur heraus. Cheryls sich drehendes Gemüt musste aber irgendwann vom unerschütterlichen Gerald zum Halten gebracht werden. Gerald ist der Held des Romans von Jim Gleeson, dem Bulwer-Lytton-Preisträger von 2007. Und so geht es los: „Gerald begann – aber er wurde unterbrochen von einem schmerzhaften Pfeifen, das ihn dauerhaft zehn Prozent seines Hörvermögens kostete, so wie jeden anderen innerhalb eines Zehn-Meilen-Radius der Eruption, nicht dass es viel bedeutet hätte, denn ‚dauerhaft‘ meinte: die nächsten zehn Minuten oder so bis er von fließender Lava begraben oder von dampfender Asche erstickt wurde – zu pinkeln.“

    Falls Sie etwas kommentieren wollen, geben Sie bitte bei dem Captcha beide Worte ein.

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    26 Juli 2011

    Anpassung, Teil II

    Noch einmal die Frage nach der Anpassung. Dieses Mal ist es schon schwieriger, weil nicht deutlich ist, ob es überhaupt eine Frage der Anpassung ist. Ich hatte ein Gespräch mit meinem Lektor, ein wichtiges und gutes Gespräch. Die meisten Dinge, vor allem formale Fragen, sind ganz unstrittig. Es gibt allerdings auch Differenzen. Die kann man sicher damit erklären, dass wir anderen Geschlechts und anderen Alters sind, dass ich den Text produziert und er ihn lektoriert hat. Er streicht gerne Sätze, ich würde sie lieber umformulieren. Ich mag es gerne etwas verspielter, er ist da ernster.

    Es sind viele Geschmacksfragen dabei. Allerdings ist das bei der Literatur so: da kann man lange mit Argumenten kommen, es urteilt nicht der Verstand, sondern der Geschmack. Und das ist es auch, was der Leser als erstes an den Text anlegt: seinen Geschmack. Denn er liest ihn nur einmal und beim ersten Mal hat man, um einen  Text zu begreifen in der Regel nichts als seinen Geschmack: Weil das erste Begreifen ein Genießen ist!

    Der Lektor möchte gerne zwei, drei Kapitel streichen, er möchte einen für mich wesentlichen Erzählfaden ausdünnen. Er hätte das Ganze gerne etwas runder. Ich hingegen mag das eckige und halte es für eine wesentliche Qualität meines Schreibens. Auf der Ebene wo der Text inzwischen angekommen ist, geht es um viele Fragen: die nach seiner Qualität, die nach seiner Stimmigkeit, die nach dem Erfolg auf dem Markt. Das alles ist gar nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Der unveröffentlichte Text verschwimmt auf eine eigenartige Weise zwischen sich selbst auf der einen und der möglichen Rezeption auf der anderen Seite.

    Diese Rezeption beginnt mit dem Lektor. Es ist sehr schwierig für mich, die Seite der Produktion zu verlassen und die der Rezeption einzunehmen. Und ich darf es auch nicht tun, weil ich die Änderungen vornehmen muss. Nähme ich eine kontemplative Haltung gegenüber meinem Text ein, wäre das nicht mehr möglich.

    Was ist das Richtige für den Text? Ist das Thema Blindheit, was am Anfang meines Interesses stand und was für mich überaus wichtig war und ist und da für mein Empfinden den gesamten Text strukturiert; ist das auf der Ebene, auf der der Text inzwischen angekommen ist, noch immer zentral? Verliert der Text, weil er von den anderen, sehr poetischen Kapiteln wiederholt zu dem Blinden und seinem berichtenden Stil zurückkehrt? Oder ist diese wiederholte Rückkehr in einem unruhigen Text, ein beruhigendes Moment? Ist die Verwirklichung meines eigenen Stils immer leserfreundlich? Muss ich das immer und notwendig sein? Muss ich, um es zu sein, unter meinen Möglichkeiten bleiben?

    Ich habe ein Kapitel, das den Überfluss in Deutschland beschreibt. Der Lektor sagt, es sei ausgezeichnet geschrieben. Aber überflüssig. Natürlich ist es das! Ein Kapitel über den Überfluss wäre, wäre es nicht überflüssig, überflüssig. Aber reicht das, um seinen Verbleib im Roman zu rechtfertigen? Wir haben uns darauf geeinigt, dass es reicht und behalten es drin. In einem anderen Kapitel, so der Lektor, bliebe ich unter meinen Möglichkeiten. Also löschen wir es. Aus geometrischen Gründen, was immer das bedeutet, würde ich daraus folgend, noch ein anderes Kapitel löschen wollen. Aber ist Geometrie wichtig?

    Es sind viele Fragen. Fragen, die keiner beantworten kann. Aber ich werde sie beantworten müssen. Ich muss handeln. Das muss vor dem Sommerurlaub vom Tisch sein. Es muss noch einmal an den Lektor, dann an die Setzerin und danach haben Lektor und Autorin noch einmal zwei Wochen Zeit, um die Fahnen zu lesen und letzte Korrekturen anzubringen.

    Ich selbst, mein Text, der Lektor, der, ganz ohne jede Frage dem Text gut tut (das habe ich ihm gesagt und ich habe mich dafür bedankt. Es gibt Dinge, die sind mit Geld nicht zu klären, da bleibt nur der Dank), der Leser, der Rezensent, der mögliche Erfolg auf dem Markt, das Buch als Debüt einer Autorin, die noch sehr viel vorhat, und die Angst unterzugehen, aus Zufall oder weil man sich für das eine oder gegen das andere Kapitel entschieden hat und der Gesamteindruck dann eben nicht genau der ist, den andere erwarten: das alles verschwimmt auf eine eigenartige Weise miteinander.

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    25 Juni 2011

    Erfahrung als Problem

    Anfang dieser Woche hatte ich einen Termin bei meinem Prof. Ich gammelte vorher im Institut herum. Um ehrlich zu sein, ich war angespannt. Ich bin immer etwas angespannt, wenn ich dort einen Termin habe. Das ist auch gut so. Man sieht mir die Anspannung allerdings nicht an. Es sieht aus, als gammele ich. Anders als das flanieren, das eine Lebenseinstellung ist, ist das gammeln eine Einstellung zum Tod. Vielmehr ist es gar keine: einfach Zeit totschlagen. Ich stand also wild um mich schlagend, gammelnd und angespannt im Institut am „Schwarzen Brett“. Dort werden Jobs und Praktika ausgeschrieben. Es gab ein Praktikum bei einer Berliner Literaturagentur. In der Spalte Arbeitsbereich stand dort: Manuskripte begutachten; in der Spalte Erfahrung stand: wenig. Um die Manuskripte in dieser Agentur zu begutachten, braucht man nur wenig Erfahrung. Man muss die vermutlich nur lesen und dann entscheiden, ob sie gut sind oder nicht.

    Diejenigen, die über die Qualität von Manuskripten entscheiden, brauchen nicht viel Erfahrung. Weil Erfahrung stört. Erfahrung ist das, was alte Männer haben und das klingt nach Resignation und Lebensüberdruss, Haarausfall und Prostatabeschwerden. Das hört sich nach Scheitern an. Wie soll man das, bitteschön?, seinem jungen Publikum klarmachen? Die wollen junge, frische, neue und wilde Literatur. Erfahrung stört womöglich überhaupt bei der Literatur, nicht nur beim anfänglichen Begutachten von Manuskripten. Auch beim Schreiben stört sie. Sie stört beim Lesen. Das stört, wenn man beim Lesen denkt: Mensch ist das langweilig, langwierig, langatmig! Erfahrung stört überhaupt. Überall da wo man originär etwas erfahren oder erleben könnte, steht sie einem im Weg. Sie stört auch im Leben. Warum nicht immer wieder von vorne anfangen? Warum nicht immer dieselben Fehler machen, immer auf dieselben Männer und Frauen reinfallen? Reinfälle haben ja auch ihren Reiz.

    Da liest also die nahezu erfahrungs- und ahnungslose Praktikantin so ein Manuskript, zwanzig, dreißig Seiten und ein Exposé. Was kann in so einem Textauszug passieren? Ein bisschen Liebe, ein bisschen Sex und ein bisschen Tod. Ein bisschen Handlung, ein paar Sätze und einige Abschnitte und Charaktere, was man so braucht und unterbringen kann. Ein bisschen Ordnung und ein bisschen Anarchie, ein paar Andeutungen und Umdeutungen, ein Anfang und ein Ende, etwas eloquentes, elegantes, ordinäres und ohnmächtiges. Und wenn sie dann, die Praktikantin nämlich, auf die geringste Erfahrung stößt: Zack! Raus mit dem Mist!

    Später, wenn es gedruckt ist – also die anderen Manuskripte, die, die es nicht bis zur Ablehnung geschafft haben – wenn es irgendwo im Buchhandel oder im Prospekt herumliegt und sich nicht verkauft, dann kommen sie alle an. Dann war der Text doch nicht erfahrungslos genug, dann muss sich irgendwo zwischen den Zeilen eine Erfahrung versteckt haben, die allen entgangen ist. Sie alle haben es übersehen und dann wird der Autor oder die Autorin verflucht, die sich unrechtmäßig eingeschlichen hat. Die Autorin, die einfach nicht in der Lage war, den derzeitigen Strebungen des Literaturbetriebs zu entsprechen und den Wunsch des jungen Publikums nach vollständiger Erfahrungslosigkeit zu erfüllen. Also gilt es, das Übel bereits an der Wurzel zu fassen:  Erfahrung ist eben ein Problem.

    Die Leute bei der Literatur Agentur gehen vielleicht davon aus, dass über kurz oder lang sowieso keiner mehr Bücher liest und sie fangen gleich selbst damit an. Indem sie damit aufhören. Oder sie bewerten die Manuskripte nach der Farbe der Umschläge. Grün liest ja heute keiner mehr. Gut, das ich einen Verlag habe und gut auch, dass ich nur in Magenta schreibe.

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    19 Juni 2011

    Warum immer so sexuell? Oder: Idealität und Realität der Welt

    Auf meinen letzten Artikel hin schrieb mir einer, der sich Trollinger nannte und fragte mich: „Warum immer so sexuell?“ Ich antwortete ihm und war mit meiner Antwort auch zufrieden. Ich war so zufrieden, dass ich es schade fänd, wenn das nun ohne weitere Beachtung im Orkus der ungelesenen Kommentare verschwände. Also wird’s befördert (mit einigen, wenigen Veränderungen). Man kann diesen Artikel nur verstehen, wenn man den vorhergehenden zur Kenntnis genommen hat.

    Lieber Trollinger,

    Sie fragten: Warum immer so sexuell? Das ist keine unberechtigte Frage. Ich nehme sie auch ernst und versuche sie zu beantworten.

    Generell kann eine solche Antwort zwei Wege gehen: Erstens: weil die Welt, also die Menschen, nun einmal so sind, sie sind sexuell. Zweitens: weil die Welt nicht so ist wie die Menschen es gerne hätten: sie sind nicht sexuell genug. Im ersten Fall könnte man sagen, ist die Welt ideal; oder nahezu ideal. Im zweiten Fall ist sie real; oder nahezu real. Das muss vielleicht jeder für sich entscheiden. Ich kenne Ihre Welt nicht, ich kenne meine – und ich vermute, dass wir, Sie und ich und wir alle, die jeweils unsrige Welt als die Welt wahrnehmen, die die einzige ist und sie so generalisierend die Welt nennen – und ich würde sagen: wenn in dieser einzigen Welt von irgendetwas nicht zu viel vorhanden ist, dann vom Glück, von der Lust und der Liebe. Ich glaube, ich bin sogar sicher, dass mehr Unglück, mehr Unlust und mehr Hass in der Welt sind.

    Ich antworte ganz direkt und offen auf Ihre Frage: wir sind immer so sexuell, um es uns ein bisschen schöner zu machen! Um ein bisschen mehr Glück und Lust und Liebe in die Welt zu bringen. Also in unsere Welt. Möglicherweise aber ist all das Unglück nur deswegen in der Welt, weil wir davon träumen, mehr Glück zu haben. Damit habe ich Ihre Frage beantwortet, nach bestem Wissen und Gewissen.

    Ich habe nun auch meinerseits eine Frage: Ich habe Ihnen in meinem Artikel zwei Alternativen vorgeschlagen, nicht versteckt, sondern offen und sogar in der Überschrift präsent: Kino oder Bett? Wenn Sie also jetzt nur die eine sehen und kritisieren, die sexuelle nämlich, das Bett, und die andere, die nicht sexuelle, das Kino, gänzlich unterschlagen, muss ich meinerseits Ihnen nun die Frage stellen: Warum immer so sexuell, Herr Trollinger?

    Ich kann Ihnen diese Frage auch beantworten. Sie beantworten sie vielmehr schon selbst. Warum glauben Sie, so war Ihr Vorschlag, will der Mann sich einen Bart stehen lassen? Natürlich, weil es männlich ist – oder glauben Sie vielleicht, weil er im Gesicht friert? -.  Sich einen stehen lassen: das sind Ihre Worte! Weil er will, dass die Frauen das männlich, also sexy finden. Die Antwort auf die Frage lautet: weil die Welt nun mal so sexuell ist. Weil die Welt ideal oder real ist, annähernd ideal und annähernd real. Das ist einerlei. Wir machen sie uns dann schon so zurecht wie sie uns passt, insgesamt nämlich ein bisschen mehr oder weniger sexuell. Und das geschieht ein wenige offener – wie bei mir – oder ein wenig versteckter – wie  Ihnen -. Das eine ist nicht schlechter als das andere. Es ist nur unterschiedlich.

    Deswegen gibt es vielleicht die Sexualität: weil man ihn ihr vom einen wie vom anderen, von der Idealität wie von der Realität der Welt, ein wenig Abstand nehmen kann. Und ein wenig Abstand von der Welt: das ist doch nicht schlecht oder?

    Ich hoffe nun, Sie finden meine Antwort nicht flapsig. So ist sie nicht gemeint. Es war eine ernste Antwort auf eine ernste Frage. Und ich bin auch ganz zufrieden damit. Ich bin geradezu glücklich!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    Aléa hat’s hierher gestellt,
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