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  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
  • irisnebel: klasse! gratuliere! musst du ne gegenleistung bringen? als stadtschreiber z.b.?
  • nadine schmid: Ich habe mit Thien an der Uni Koeln studiert. Wir ware zeitweise befreundet, aber ich hatte wenig verstaendnis fuer seinen ‘Mangel’ am akademischen Streben und habe, trotz meiner Anerkennung seines Talents, sein Lebensziel, aus seiner Dichtung etwas zu machen, als...
  • bersarin: Es muß natürlich, entdecke ich beim zweiten Lesen, Monika Rinck heißen. Ich kann mir Namen nie merken.
  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
  • Aléa Torik: Never ride a dead horse – das hätte auch als Überschrift dieses Beitrags herhalten können. Gestern Nacht bin ich mit dem Rad 35 km durch das ausgestorbene Berlin gefahren, bis weit jenseits der Stadtgrenze. Da ich ziemlich kaputt war, konnte ich dabei nichts denken, aber wenn...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
  • Aléa Torik: Liebe Miss Lingen, bitte entschuldigen Sie die kleine Verspätung meiner Antwort. Ich war auf anderen Schlachtfeldern unterwegs. Sie haben absolut recht, es ist viel zu komplex. Dabei darf ich mir zugutehalten, es deutlich vereinfacht zu haben. Denn im Original – wenn wir uns darauf...
  • Miss Lingen: Obwohl, wie Sie wissen, ich hier mit Sympathie lese, frage ich doch: ist das nicht alles ein wenig zu komplex?
  • Aléa Torik: Dann bin ich gespannt, was du von dem Essay hältst.
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, die Idee des freiwilligen Ablebens um des Erfolges willen stand ja schon einmal im Raum, aber das nur zu machen, um ausgerechnet auf meine Leseliste zu kommem, nee, da hast Du recht, das wäre schon sehr übertrieben! http://www.litblogs.net/hue...
  • Aléa Torik: Lieber holio, ganz verstehen kann ich die Ottos und Ottisten ja tatsächlich nicht. Vielleicht ist das so, dass Otto und Otta, was ihr Leseverhalten betrifft, auch nicht ganz schlau aus sich werden. Sie greifen immer nur nach dem, wonach auch die anderen greifen. Das zeichnet die...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
  • holio: Traurig ist das in der Tat. Und so ganz zu verstehen auch nicht. Im Geräusch des Werdens war der Anknüpfungspunkt für Otto Normalleser ja da. Und die Bălkanexotik ist auch rezipiert und rezensiert worden. Die Sprache ist einfach, der Plot verständlich, erinnere die Szene mit dem blinden...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • 14 August 2014

    “There is no gender identity behind the expressions of gender … Identity is performatively constituted by the very ‘expressions’ that are said to be its results“

    Mein zweiter Roman Aléas Ich beobachtet eine Person dabei, wie ihre Identität durch das „Ich“-sagen entsteht. Der Roman stellt dabei einige interessante philosophische Fragen – jedenfalls solche, die ich mit meinem beschränkten Autorenhorizöntchen interessant finde -, die in hoffentlich noch interessanteren Geschichten – Autorenhorizöntchen! – eingebettet sind. Diese Umstände sind hier wiederholt zur Sprache gekommen und ich kann und möchte das nicht erneut repetieren oder breittreten. Dazu existiert ein Blog, der ein Vielfaches der im Buch veröffentlichten Textmenge zur Verfügung stellt und in nicht wenigen Punkten darüber hinausgeht.

    Es hat zu einigen Irritationen geführt, die meisten davon zustimmend bis begeistert, dass ich die Bedingungen meines Schreibens – die Authentizität des Rumänischen und die Authentizität des Weiblichen – offenbar so gut simulieren / imitieren kann, dass es über viele Jahre unmöglich war, hinter diesen Vorhang zu schauen. Ich finde das gar nicht verwunderlich: Ich identifiziere mich lediglich mit dem, was ich tue und mit der, die das tut. Dies ist der Prozess der Selbstwerdung, den Aléas Ich beschreibt. Wer den Roman gelesen hat, der wird das auch bei sich selbst erkennen können, dass er sich immer auch selbst erfindet, um dann als Erfindende_r mit dem Erfundenen – qua Identifikation – zu einer Einheit zu verschmelzen. Was schon in frühestem Kindesalter zu beobachten ist: kleine Menschen verhalten sich wie Mädchen oder wie Jungen. Das ist nicht weiter verwunderlich: kleine Menschen schauen den großen Menschen nahezu alles ab, warum nicht auch das Verhalten, das ihrem Geschlecht gemäß ist? Und das deswegen als ein gemäßes Verhalten gilt, weil auch die großen Menschen sich das abgeschaut haben als sie noch kleiner waren. Dann haben sie es internalisiert und vergessen, dass es nur ein abgeschautes Verhalten war. Und so halten sie es für ihr ‚eigenes‘, für ihr ‚natürliches‘, von Östrogen oder Testosteron beeinflusstes Verhalten und Empfinden. Sie behaupten dann mitunter, dass das alles angeboren sei und ihr Verhalten eine Abbildung all jener Inschriften sei, die sich im Y- oder Y-Gen verstecke. Säuglinge kann alles erregen, Freud nennt sie „polymorph pervers“. Wenn der Trieb dann in der Pubertät ‚erwacht‘, hat das Individuum seine Rolle bereits so weit gelernt und internalisiert, dass ihn tatsächlich erregt, was ihn laut gesellschaftlicher Konvention und Kodex erregen soll.

    Es war kein Skandal, dass das eine Ich ein anderes Ich aus einem fremden Kulturkreis darstellen kann, der dem faktischen Autorensubjekt eigentlich fremd war. Das eine sehende Ich konnte ja auch ein anderes blindes Ich – in Das Geräusch des Werdens – darstellen. Beides war lediglich eine „irgendwie“ literarische Leistung und die zu erbringen ist ja auch der Job eines Autors. Von daher hat er es, wenn es gut gemacht war, eben ‚nur‘ gut gemacht. Ein Skandal hingegen ist es offenbar, wenn ein männliches Ich ein weibliches Ich nicht nur darstellen – also be- oder umschreiben – sondern geradezu verkörpern kann. Ich finde das nicht skandalös. Und es war auch eigentlich keiner! Es haben hier zwei oder drei Leute versucht, daraus einen Skandal zu machen und Profit zu schlagen. Keine seriöse Rezension hat, soweit ich mich erinnere, darauf Bezug genommen.

    Meiner Meinung nach gibt es keinen ‚Geschlechtskern‘, es gibt nur den bei manchen ausgeprägt verzweifelten Versuch, das zu sein, was man – er oder sie – als Vertreter ‚seines‘ Geschlechts sein muss. Ich unterstelle, dass wir Individuen sind und die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht lediglich simulieren: es ist das Annehmen einer ‘Rolle’ oder eine ‘Idee’; vielleicht  könnte man sogar zum Begriff character greifen. Allerdings muss ich den Einwand gelten lassen, dass wir die ‚Rolle‘, in der wir faktisch existieren, nicht wählen können. Nicht in einer ersten Dimension. Wir können nur in einer zweiten Dimension wählen, sie zu wählen oder sie nicht zu wählen (hier darf man Sören Kierkegaard heraushören, den ich tatsächlich ausgiebig studiert habe, der allerdings nicht gerade als Feminist durchgehen kann). Es gibt immer einen Urgrund Realität, der sich tatsächlich nicht weg- und schon gar nicht hinreden lässt.

    Ich habe Kenntnis von einer Dissertation über Hochstapeleien, in denen einer von uns beiden – das erfindende oder das erfundene Ich – einsortiert werden wird. Wobei der Begriff des Hochstaplers hier nicht in seiner pejorativen Variante gemeint ist. Er wird dekonstruiert und in einer anderen, sagen wir ‚Nebenbedeutung‘ erneut aufgebaut: „als eine Praxis der Selbstermächtigung und Selbst-Bildung“. In diesem Zusammenhang kommt es offenbar zu einem Dialog zwischen Judith Butler – von der das diesem Eintrag seinen Titel gebende Zitat stammt – und mir. Hier kann man sich das Abstract von Verena Doerfler anschauen.

    Auch ich benutze den Begriff der Simulation, wenn ich sage, dass wir unsere Geschlechtszugehörigkeit simulieren, nicht pejorativ. Dazu ein kleiner Auszug aus meinem derzeit noch unveröffentlichten Essay über Aléas Ich: „Anders als die Repräsentation – die im nachahmenden Abbild das verlorene Urbild zu fassen versucht, und bei Platon vor allem die darstellenden Künstler betrifft – kann die Simulation ein neues Urbild kreieren, indem sie formuliert, was nie gewesen ist. In der Schrift wird das Beschriebene nicht kopiert, sondern kreiert. Was dabei entsteht, sind keine Abbilder, sondern, wie es bei Platon heißt »Trugbilder aus Worten«. Repräsentieren bedeutet, die wahre, hinter der Erscheinung liegende Welt als eine verlorene aufzugeben, simulieren, die eigens erschaffene, falsche Welt als die wahre vorzuspiegeln: »Während Affirmieren nur bejaht, was ist, und Negieren nur verneint, was nicht ist, heißt simulieren, was nicht ist, zu bejahen, und dissimulieren, was ist, zu verneinen« (Friedrich. Kittler, »Fiktion und Simulation«; in: Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, Hg. K. Barck, Leipzig, Reclam, 1990, S. 200). Simulation ist ein gewollter Irrtum, Verstellung, Travestie, ein Enigma, Spiegel-, Traum- oder Trugbild, in dem das Verhältnis von Realem und Imaginärem, von Sein und Schein als einfache binäre Opposition in Frage gestellt wird. Die Simulation ist, anders als das Abbild, das nur wiederholen kann, offen für die Variation, für Vermutungen, Ahnungen und Befürchtungen. Sie ist ein Abbild ohne Urbild, eine Übersetzung ohne Original, wo Authentizität auf Artifizialität beruht. »Das Trugbild umfaßt große Dimensionen, Tiefen und Distanzen, die sich der Verfügung durch den Beobachter entziehen. Und weil sie sich entziehen, verspürt er einen Ähnlichkeitsdruck. Das Trugbild schließt den differentiellen Gesichtspunkt in sich ein; der Beobachter bildet einen Teil des Trugbildes selbst, das sich mit seinem Gesichtspunkt verändert und entstellt. Kurz, es gibt im Trugbild ein Verrückt-werden, ein Unbegrenzt-werden … ein stets Anders-Werden, ein subversives Werden der Tiefen, das dem Gleichförmigen, der Grenze demselben oder dem Ähnlichen auszuweichen vermag: stets zugleich mehr oder weniger, doch niemals gleichmäßig«. (Gilles Deleuze, »Platon und das Trugbild«, in: Logik des Sinns, Frankfurt, Suhrkamp, 1993, S. 316)“

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 April 2014

    „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“

    Im Folgenden mein im vergangenen Jahr in der Jungen Welt publizierter Essay zu Pierre Bayards “Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“.

    Bücher sind ein Problem. Mehr als eins. Erstens sind sie oft unansehnlich. Wir aber kaufen lieber hübsche Dinge, weil wir gewohnt sind vom Äußeren auf das Innere zu schließen. Zweitens sind sie, wo man Giga- und Terabyte in der Hosentasche herumtragen kann, unhandlich und unnötig schwer; und mitunter sind sie auch noch schwer zu verstehen. Und drittens haben wir heute keine Zeit mehr. Vielleicht haben wir noch die Zeit, Bücher zu kaufen; aber zum Lesen haben wir die Zeit nicht. Und hätten wir sie, müssten wir feststellen, dass es ein schwieriges Unterfangen ist, ein literarisches Urteilsvermögen herauszubilden: man braucht dazu jenes gefestigte Verständnis, das man sich durch die Lektüre doch eigentlich erst aneignen wollte.

    Da kommt ein Buch wie dieses gerade recht. Das französische Original bedient sich der Frageform – „Comment parler des livres que l’on n’a pas lus?“ -, eine Formulierung, die die deutsche Übersetzung nachgerade in eine Anleitung verwandelt. Genau genommen müsste der Titel lauten: Dass man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat. Dieser Essay ist kein Ratgeber, es ist vielmehr eine Ausdeutung der Tatsache, dass wir die meisten Bücher, die wir gelesen zu haben vorgeben, tatsächlich nicht oder kaum kennen und, „dass unsere Beziehung zu Büchern kein kontinuierlicher, homogener Prozess ist, wie uns manche Kritiker glauben machen möchten, auch nicht der Ort einer luziden Kenntnis unserer selbst, sondern ein obskurer, von Bruchstücken der Erinnerung heimgesuchter Raum, dessen – auch schöpferischer – Reiz mit den nebelhaften Phantomen zusammenhängt, die darin umgehen.“

    Pierre Bayard ist Professor für Literaturwissenschaft, kennt sich also mit Texten und vor allem mit Rezeptionsgewohnheiten aus, seinen eigenen und denen seiner Studenten. Er macht deutlich, dass wir mit ‚Lesen‘ sehr unterschiedliche Verhaltensweisen bezeichnen. Lesen und Nicht lesen sind einander sehr ähnlich: „Lesen bedeutet in erster Linie nicht lesen, und selbst bei den großen Lesern, die ihr ganzes Leben der Tätigkeit verschrieben haben, verbirgt die Geste des Ergreifens und Öffnen eines Buches stets die ihr entgegengesetzte, die darin enthalten ist und demzufolge unbemerkt bleibt: die unfreiwillige Geste des Nichtergreifens oder Zuklappens sämtlicher Bücher, die bei einer anderen Organisation der Welt an die Stelle des glücklich auserwählten hätten treten können.“

    Der Bereich zwischen Lesen und Nichtlesen beschränkt sich nicht nur auf die Differenz von kursorischem Lesen und systematischem Durcharbeiten, sondern schließt auch mit ein, dass man mitunter nicht sagen kann, ob man ein Buch gelesen hat oder es nur aus den Erzählungen anderer kennt und ob man die Ansichten anderer dazu bestätigt oder widerlegt wissen will. Auch schreiben wir beim Lesen, das vom Autor geschriebene Buch radikal um, und bemerken es in der Regel nicht einmal. Und schließlich vergessen wir das meiste schneller als wir neues aufnehmen können: „Was wir für gelesene Bücher halten, ist ein bunter Haufen von Textfragmenten, verformt durch unsere Imagination, ohne Beziehung zu den Büchern der anderen, wenn sie auch materiell mit denen identisch sein mögen, die wir in der Hand gehabt haben.“

    Der Autor zitiert wiederholt die großen Autoren – Proust und Valery, Musil und Montaigne -, was auf den ersten Blick seine eigenen Thesen zu konterkarieren scheint. Möglicherweise hat er sie tatsächlich nicht gelesen, sondern hat sich, was er für seine These brauchte, herausgefischt. Bildung sei sowohl die Fähigkeit, sich innerhalb eines Buches zu orientieren, als auch innerhalb der Menge aller Bücher. Über Bücher sprechen zu können, ist noch immer ein Ausdruck von Macht, in dem sich die Vorstellungen einer Gesellschaft über Bildung artikuliert. Bayard vermag solchen allgemein bekannten Einschätzungen wiederholt sehr kreative Positionen zu entlocken. Sein eigener Ansatz ist der der Provokation, wenn er etwa behauptet, dass seine Studenten in ihren Beiträgen zu einem Text, jene Originalität mitbrächten, zu der sie nicht fähig wären, wenn sie das Buch gelesen hätten. Das mag durchaus so sein, die Frage ist allerdings, was diese Originalität vermag.

    Wenn man sich die vielen Versuche, Literatur zu kanonisieren, anschaut, wo „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ebenso häufig wie die „Todesfuge“ auf den vordersten Rängen stehen, muss man sich ernstlich fragen: Wer hat das gelesen? Wer hat sich damit auseinander gesetzt? Denn sowohl Roman als auch Gedicht verfügen nicht gerade über eine intuitive Bedienerführung. Ohne eine intensive Beschäftigung sind beide Texte nur mehr oder weniger lange Aufzählungen von Worten. Spezialistenliteratur, die angeblich von Hinz und Kunz gelesen wird, während der arrivierte Literaturwissenschaftler Bayard zugibt, sie nicht zu kennen. Da fragt man sich, ob diese Literatur so einflussreich ist, weil sie gelesen wurde oder weil gelesen wurde, dass sie einflussreich sein soll: ob also ihr Ruhm nicht mehr und nicht weniger ist, als das Gerücht ihres Ruhms.

    Pierre Bayard geht mir allerdings einen Schritt zu weit, wenn er am Schluss mit Oscar Wildes Begriff der Kritik – dass man nicht zum eigenen kommt, wenn man immer nur anderes zur Kenntnis nimmt – rezipierenden und produzierenden Anteil gegeneinander ausspielt und zu dem Ergebnis kommt: Schöpfung bedeute, „dass man sich nicht allzu sehr mit den Büchern aufhalten soll“, um dann damit zu schließen, dass das der erste Schritt sei, um mit dem eigenen Schreiben zu beginnen. Kreativität ist komplex und nicht allein dadurch zu erreichen, dass man mit der Rezeption aufhört. Außerdem brauchen wir keine Menschen die Bücher schreiben, weil wir keine mehr haben, die sie lesen.

    Auch bei mir ist es nicht so, dass ich leidenschaftlich gern lese und darüber spreche. Ich halte das Lesen schlichtweg für die angenehmste Weise, die Zeit totzuschlagen. Diese Erfahrung, Zeit nicht zu nutzen, sie nicht auszunutzen und zu optimieren, sondern sie vorübergehen zu lassen, ist meines Erachtens die einzige Möglichkeit, sich mit der Tatsache der eigenen Vergänglichkeit zu versöhnen. Ich würde der Sinnlosigkeit des Lesens also ein anderes Gewicht geben als Bayard es tut.

    Das besprochene Buch habe ich selbstverständlich nicht gelesen. Alle Zitate sind frei erfunden: Produktion statt Rezeption! An seiner statt habe ich mich in jenes Buch vertieft, das bei mir schon lange herumgelegen hat und das ich in einer liebevoll gestalteten Ausgabe besitze, vorzüglich übersetzt, und das ich jedem ans Herz legen möchte, weil es sogar noch besser ist als das persiflierte Original: Don Quijote, von Pierre Menard.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    11 Dezember 2013

    Worum geht’s eigentlich in Ihrem Roman?

    „Worum geht’s eigentlich in Ihrem Roman?“ Das ist es, was die Leute vom Autor wissen wollen. Er soll sagen, worum es in seinem Text geht. Worum es eigentlich geht: also ohne jedes Geschwafel. Dann soll er Hunderte einzigartiger Formulierungen gegen einige beliebige Floskeln austauschen. Worum geht’s? Das wollen alle vom Autor wissen, von Anfang an.

    Wenn der Autor einen Verlag oder einen Agenten sucht, muss er schriftlich erklären, worum es in seinem Roman eigentlich geht: Er muss ein Exposé abliefern. Nun hat sich aber der Autor gerade um diesen einen Punkt nie Gedanken gemacht. Also fragt er seine Frau, die es wissen könnte und die wiederum fragt ihre beste Freundin. Die schreibt dann irgendwas hin, gibt’s der Frau des Autors und die ihrem Mann, welcher es an den Verleger weitergibt bei dem das unter einem Papierstapel verschwindet.

    Wenn das Buch dann wider alle Wahrscheinlichkeit erscheint, wird es vom Verleger an den verantwortlichen Redakteur einer Zeitung oder Zeitschrift gegeben und der gibt es an einen Rezensenten. Dann muss es endlich mal einer lesen, weil es der Verleger natürlich ungelesen an seinen Lektor, der Lektor an seine Frau und die an ihre beste Freundin weitergegeben hatten. Da der Rezensent aber gerade keine Zeit hat, gibt er’s an seine Frau und die gibt’s an ihre beste Freundin. Die ruft dann den Autor an und fragt, worum es in dem Buch eigentlich geht, wird aber aus den Formulierungen ihres Gesprächspartners nicht schlau. Sie schreibt einfach etwas hin und gibt den Text an die Freundin und über den Rezensenten geht er wieder an den Redakteur. Dann erscheint die Rezension, in der klipp und klar gesagt wird, worum es in dem Roman eigentlich geht. Weil der Leser dieser Rezension, weil der potentielle Käufer sich aber, wenn er in einer Buchhandlung steht, nicht genau erinnern kann – nicht an die Rezension und auch nicht an das rezensierte Buch – kauft er irgendein anderes Buch und verschenkt es an einen Freund, der es an seine Frau weitergibt, die es ihrer besten Freundin gibt.

    Irgendwo und irgendwann in der langen Verwertungskette liegt dann mal einer auf der Couch und liest, was bis dahin noch niemand gelesen hat. Er versucht‘s zumindest, muss aber zu seinem Bedauern feststellen, dass das Buch schlechterdings unlesbar ist. Dann kommt seine beste Freundin, eine dieser Freundinnen, die man im Leben braucht und die tatsächlich Bücher lesen und auch wirklich etwas von Literatur verstehen. Und die kann es dann als das Buch identifizieren, das sie tatsächlich gelesen hat. Auch wenn sie sich nicht mehr erinnern kann, wer es ihr gegeben hat, geschweige denn, worum es da eigentlich geht.

    Spätestens jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo mal jemand die Wahrheit sagen muss: dass es nämlich nicht so wichtig ist, worum es im modernen Roman eigentlich geht – es geht ja sowieso immer um das Gleiche -: wichtig ist dass und wie es weitergeht. Denn nichts kann so weitergehen wie es Romane können. Alles andere auf der Welt geht einfach nur zu Ende.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    16 September 2013

    Roșia Montană

    Ich hatte verschiedentlich darüber berichtet, hier und hier. Die Leute demonstrieren inzwischen in Sibiu, in Bukarest, in Iaşi und in vielen anderen Städten. Nicht nur für oder gegen die Politik, nicht nur, wenn es um die Frage geht, wie groß jenes Stück vom Kuchen sein wird, das sie sich reservieren möchten. Die meisten Menschen interessieren sich nur dafür, was die Politik ihnen persönlich bringen könnte, nicht, was sie insgesamt bringt. Die wenigsten Menschen sind in der Lage, etwas zu wählen und zu wollen, was ihnen einen Nachteil beschert, vielen anderen aber einen Vorteil. Wo Menschen nicht nur auf die Straße gehen, wenn es um das eigene Portemonnaie geht, sondern auch, wenn es um die Umwelt geht, ist das ein gutes Zeichen. Das kommt aus Rumänien. Das andere kommt aus Deutschland. Die Allianz wird die weitere Zusammenarbeit mit Gabriel Resources – dem kanadischen Konzern, der die Bodenschätze gegen ein Entgelt ausbeuten darf – einstellen. Hier, hier, hier und hier.

     

     

     





    27 April 2013

    „Aléas Ich“ von Aléa Torik

    Man darf annehmen, dass die Autorin einen Roman über sich schreibt, eine Autobiografie. Gegenstand und Autor sind also identisch.

    „Wenn man vom Titel ausgeht, liegt also der Schluß nahe, im folgenden erzähle ein homo- und autodiegetischer Erzähler. Doch die Erwartungen werden enttäuscht. Denn der folgende Haupttext erzählt nicht – wie es zu erwarten gewesen wäre – homodiegetisch wie eine Autobiografie, sondern heterodiegetisch wie ein ‚normaler‘ Roman, wenn auch aus aktorialer / personaler Position. Da auch der Titel aus heterodiegetischer Perspektive erzählt, verfahren Haupttext und Paratext also analog. Dies wäre nicht weiter verwunderlich, wenn der Titel nicht gleichzeitig eine andere Perspektive erwarten ließe. Dies macht, daß die Stimme des Erzählers im Paratext von der im Haupttext zumindest logisch unterscheidbar wird, wenn auch beide Stimmen die gleiche Erzählperspektiv einnehmen. Die neuere Forschung erwägt aufgrund dieser Konstruktion den Begriff ‚fingierte Autobiografie‘. Inka Mülder macht zurecht darauf aufmerksam, daß die heterodiegetische Erzählposition einen ‚objektivierende[n], verdinglichende[n] Selbstbezug‘ darstellt.“ (Dirk Niefanger, „Der Autor und sein Label“, in: Autorschaft, Positionen und Revisionen, Hrsg. Heinrich Detering, Seite 534.)

    Das Zitat bezieht sich nicht auf Aléas Ich“, sondern auf „Ginster – Von ihm selbst geschrieben“, ein Roman von Siegfried Krakauer. Die Forschung hat später von „ginsterism“ gesprochen und bezeichnete damit den ‚uneigentlichen‘ Namen des Autors und die ‚uneigentliche‘ Perspektive der Autobiografie. In diesem und in meinem eigenen Roman werden das Zusammenspiel von Dichtung und Wahrheit als die die Gattung der Autorbiografie zentrale Dimension thematisiert. Falls einmal jemand über meinen Roman etwas schreiben möchte, bitte ich ausdrücklich, diesen Umstand zu beachten.

    Ginge das hier nicht in diesen Tagen zu Ende, könnte ich mir gut vorstellen, dass ich den Roman von Krakauer noch lesen und von ihm erzählen würde. Ginster ist offenbar kein anonymer Text, sondern ein Text, dessen Anonymität Programm des Romans ist. Und obwohl viele wussten, wer sich dahinter verbirgt, ein junger Autor der FAZ, hat es keiner, nicht ein einziger, für nötig befunden, das in irgendeiner Rezension herauszustellen. Man ist auf das Spiel eingegangen. Anders als heutzutage.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 April 2013

    „Jene flatterhafte Unbeschwertheit, die nur in Beziehungen zu körperlosen Personen möglich ist“

    Wenn ein Reisender in einer Winternacht II
    von Italo Calvino

    „Allmählich wirst du etwas mehr über die Hintergründe der Machenschaften des Übersetzers begreifen: Ihre geheime Triebfeder war seine Eifersucht auf den unsichtbaren Rivalen, der sich ständig zwischen ihn und Ludmilla drängte, die stumme Stimme, die aus den Büchern spricht, dieses Phänomen mit tausend Gesichtern und keinem, das um so ungreifbarer wird, als für Ludmilla die Autoren sich nie in Wesen aus Fleisch und Blut verkörpern: sie existieren für sie nur auf den Buchseiten, dort sind die Lebenden und die Toten immer bereit, mit ihr zu kommunizieren, sie aus der Fassung zu bringen, sie zu verführen, und Ludmilla ist immer bereit ihnen zu folgen mit jener flatterhaften Unbeschwertheit, die nur in Beziehungen zu körperlosen Personen möglich ist. Was soll man dagegen tun? Wie bezwingt man nicht die Autoren, sondern die Funktion des Autors, die Idee, dass hinter jedem Buch einer steht, der dieser Welt von Trugbildern und Erfindungen eine Wahrheit garantiert, bloß weil er seine eigene Wahrheit in sie investiert hat und sich selbst mit diesem Wörtergebilde identifiziert?  Seit jeher schon, seit ihn seine Vorlieben und Talente dazu drängten, aber mehr denn je, seit sein Verhältnis zu Ludmilla in die Krise geraten war, träumte Ermes Marana von einer durch und durch apokryphen Literatur aus lauter falschen Zuweisungen, Imitationen, Unterschiebungen und Pastiches. Wenn seine Idee sich durchgesetzt hätte, wenn seine systematisch erzeugte Ungewissheit über die Identität des Schreibenden den Leser daran gehindert hätte, sich vertrauensvoll dem gedruckten hinzugeben – nicht so sehr dem, was ihm da erzählt wird, als vielmehr der stummen Stimme dessen, der da erzählt-, dann hätte sich äußerlich wohl am Gebäude der Literatur nicht viel verändert … aber darunter, im Unterbau, wo sich das Verhältnis des Lesers zum Text herstellt, dort wäre etwas für immer anders geworden. Ermes Marana hätte sich nicht mehr verlassen gefühlt von der in ihrer Lektüre vertieften Ludmilla: Zwischen sie und das Buch hätte sich dauernd ein Schatten der Mystifikation eingedrängt, und er, Marana, der sich mit jeder Mystifikation identifizierte, hätte seine Präsenz behauptet.“

    Italo Calvino, Wenn ein Reisender in einer Winternacht, Hanser Verlag, 1985. Seite 189 f.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    22 April 2013

    Nancy Huston über Romain Gary

    “Er musste seine Unschuld wiederfinden, gegen seine eigene übergroße Intelligenz; er konnte in seinen Speigelspielen nicht weitergehen, ohne dunkel, ja undurchsichtig zu werden. Das ist der Punkt an dem alles ins Kippen gerät und an dem sein Werk, statt dieses Labyrinth irreführenden Blendwerks weiter auszubauen, sich plötzlich öffnet, um das Leben aufzunehmen. Die Struktur seiner Romane kann nun einfacher und wieder linear werden, weil sich die Komplexität verlagert hat: Statt einen Schöpfer zu inszenieren, dessen Geschöpfe sich gegenseitig erträumen und erfinden, wird Gary im Leben zu diesem boshaften Gott, indem er sich zweiteilt: in den namenlosen Körper Romain Gary und den körperlosen Namen Émile Ajar.
    Mit neunundfünfzig Jahren, das heißt in ebendem Alter, in dem Nina starb [ seine Mutter , AT], verfällt Gary auf diese geniale Methode, sich nicht nur zu verjüngen, sondern wiedergeboren zu werden: Ende 1973 gezeugt, markiert Ajar seine dritte Geburt als Schriftsteller, diesmal eine … pyrotechnische Geburt.
    Wie Gary ‚Brenne!‘ bedeutet, ist Ajar nun die ‚Glut; die Glut ist nicht nur, was vo Feuer kurz vor dem Verlöschen übrigbleibt, sie ist auch noch brennender, noch heißer als die Flamme. Und tatsächlich verzehnfacht Émile Ajar die Kräfte Romain Garys. Insgesamt wird er, beide Werke gleichzeitig vorantreibend, in seinen letzten sieben Lebensjahren nicht weniger als zwölf Romane veröffentlichen.
    Das Wunder an Ajar ist, daß er als Stimme eines Autors in viel stärkerem Maße existiert als Gary. Während man ‚einen‘ Celine, Beckett oder Duras immer hatte erkennen können, hatte Romain Gary in so vielen Stilen und auf so unterschiedliche Weisen geschrieben – im Werk wie im Leben immer neue Masken und Kostüme angelegt, mit gleicher Mühelosigkeit Beschreibungen und Dialoge, Skizzen und philosophische Höhenflüge in Englisch und Französisch verfaßt, eloquent Argot und Hochsprache gehandhabt, sich dank seiner Chamäleon-Begabung immer gewandt angepaßt -, daß man von keinem einzelnen Satz sagen konnte, er trüge seine ‚Handschrift‘. Jetzt ist es soweit, die persona Ajar befreit, was die ‚Persönlichkeit‘ Gary immer gefangengehalten hatte, und wir erleben die Erfindung einer Sprache.“
    [ … ]
    Aus Romain Garys Leben und Werk – beide gleichermaßen unvollkommen und herrlich –läßt sich keine einfache moralische Lehre ziehen. Hinter ihnen steht sicher nicht die Vorstellung von einer echten Besserung unserer Gattung – „‘Ich glaube nicht, daß man einen neuen Menschen erfinden wird‘, sagte er; und doch, wie absurd die Hoffnung auch sein mag, man darf sie nicht aufgeben, davon war er überzeugt. Man müsse unbeirrbar im Kern dieses Widerspruchs weiterleben und auf ihm beharren, eben um die unauflösliche Komplexität des Menschen deutlich zu machen. Denn wie Gary wurden wir alle als ungewollte Bastarde und ohne jeden Grund in die Welt gesetzt, wo wir für immer mit dem Erhabenen und Gemeinen, der Gnade und der Ungnade in uns kämpfen müssen.“

    In: Masken, Metamorphosen, Rowohlt Literaturmagazin 45, Seite 127 und 131.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    21 April 2013

    „Es gibt keinen Anfang …“

    „Es gibt keinen Anfang. Ich wurde gezeugt. Jeder ist mal dran, und seither gehöre ich dazu.
    Ich habe versucht, mich da herauszuziehen, aber das ist noch niemandem gelungen, wir sind lauter Dreingaben.
    Ich hatte jedoch eine sehr gut funktionierende Verteidigungsstellung aufgebaut, die im Schachspiel unter meinem Namen Bekanntheit erlangt hat, die ‚Ajar-Verteidigung‘. Zuerst war ich im Krankenhaus von Cahors, dann wiederholt in der psychiatrischen Klinik von Dr. Christainssen in Kopenhagen.
    Man begutachtete, analysierte, testete und durchschaute mich, und meine Verteidigungsstrategie fiel in sich zusammen. Ich war ‚geheilt‘ und wurde wieder in Verkehr gebracht.
    Es gelang mir, einige Blätter aus meiner Krankenakte zu entwenden, ich wollte sehen, ob sie wenigstens literarisch etwas hergäben, ob ich mich auf diese Weise schadlos halten könnte.
    ‚Eine derart weit getriebene Simulation, die noch dazu jahrelang ununterbrochen und mit nie nachlassender Intensität durchgehalten wurde, zeugt in ihrem obsessiven Wesen von einer echten Persönlichkeitsstörung.‘
    Na gut, einverstanden, aber schließlich wetteifert doch alle Welt im Simulieren: ich kenne einen Algerier, der seit vierzig Jahren den Müllmann markiert, einen Fahrkartenknipser, der dreitausendmal am Tag dieselbe Bewegung ausführt; wer nicht simuliert, wird für asozial, verhaltes- oder geistesgestört erklärt. Ich könnte sogar noch weitergehen und Ihnen sagen, daß wir ein simuliertes Leben in einer absoluten Pseudowelt führen, nur würde mir dann mangelnde Reife vorgehalten.
    ‚Waise, empfindet seit seiner Kindheit Haß auf einer entfernten Verwandten, eindeutig auf der Suche nach dem Vater.‘
    Onkel Macoute ist ein Schwein, aber das heißt nicht unbedingt, daß er mein Vater ist. Ich habe es nie behauptet, ich habe es nur gehofft, manchmal, aus Verzweiflung. Nicht ich, sondern jene, die mich ausforschen wollen, haben nach der Veröffentlichung meines Buches Du hast das Leben noch vor dir unterstellt, er sei mein wahrer Autor.“

    Der Beginn von Émile Ajars „Pseudo“. Émile Ajar ist das Pseudonym von Romain Gary. Hervorhebung im Original.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    20 April 2013

    Es sei also die Katze aus dem Sack

    Die Katze ist aus dem Sack, schrieb man mir. Auch wenn das, wieder einmal, auf einem Missverständnis beruhte. Dennoch ist es eine Fehleinschätzung, die nämlich, dass es hier eine Katze und einen Sack gäbe, einen Vordergrund und einen Hintergrund, eine Maske und ein Gesicht, das Echte und das Falsche. Und wie man dann zum Glück auch schrieb, ist die Lektüre des Romans „Aléas Ich“ ohne die Existenz von Aléa Torik vollkommen undenkbar. Man mag es für eine Maske halten. Aber auch das Gesicht ist eine Maske. Auch die Authentizität ist eine Maske.

    Ich schätze, wie ich irgendwo schrieb, den Begriff der Postmoderne nicht besonders. Das ist ein Etikett, das in der Regel auch noch auf den falschen Behältern klebt, oft abfällig gebraucht wird und nicht die Sache bezeichnet, die es zu bezeichnen vorgibt. Ich mag diese Etiketten nicht – wie etwa das vom „Tod des Autors“ -. Dennoch habe ich wohl einen Beitrag zu dieser Literatur geschrieben, die sich genau diese Frage stellt: Was ist ein Autor? Was ist ein Urheber? Was ist jemand, der ‚Ich‘ sagt. Vielmehr: wie bildet sich eine Person, heraus, die sich als ‚Ich‘ bezeichnet. Wie gestaltet sie sich, wie entwirft sie sich? Wie fächert ein Mensch sich auf? Indem er Geschichten erzählt. Geschichten über sich selbst. Und dabei entsteht sein Ich. Ein Ich, das vorher vielleicht nicht da war. Das erzählte Ich entsteht, indem der Erzählende es entstehen lässt. Aber dieses Verhältnis ist umkehrbar: Auch der Erzähler, in meinem Fall eine Erzählerin, entsteht erst durch das Erzählte. Es ist nicht vorher da, sondern das Subjekt konstruiert sich im Nachhinein als vorher schon dagewesend.

    Die Katze im Sack, könnte man sagen. Mit einem Literaturverständnis, das die Moderne im Grunde nicht kennt und nicht versteht und darauf beharrt, dass es eine Wahrheit gibt, die jenseits unseres Erlebens stattfindet, die aber mittels des Verstandes  zu greifen und zu enthüllen ist. Dahinter steht ein Konzept von Identität, das nicht meines ist. Dass man eines ist und ein anderes nicht ist, dass man, da man es nicht ist, nur zu sein scheint. Ich zeige in “Aléas Ich”, dass die Unterscheidung zwischen dem Außen – der Autorin – und Innen – dem Text – nicht sehr sinnvoll ist. Jedenfalls meine ich das gezeigt zu haben.

    Am Ende seiner pseudonymen Verfassertätigkeit hat Sören Kierkegaard sich zu seinen Werken, vielmehr zu dessen Stellung, zum Verhältnis seiner eigenen wirklichen, juristischen Person und den pseudonymen Verfassern seiner Werke geäußert und spricht davon, dass die Äußerung „in weiblicher Weise dem Pseudonym gehört“. Und so ist das auch hier: „Es ist daher mein Wunsch, meine Bitte, daß man, wenn es jemand einfallen sollte, eine einzelne Äußerung der Bücher zitieren zu wollen, mir den Dienst erweisen wolle, des respektiven pseudonymen Verfassers zu zitieren, nicht meinen, d. h. so zwischen uns zu teilen, daß die Äußerung in weiblicher Weise dem Pseudonym gehört, die Verantwortung bürgerlich mir.“

    Sören Kierkegaard, Eine erste und letzte Erklärung, in: Unwissenschaftliche Nachschrift, Teil II, Gütersloh, Seite 341.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    16 April 2013

    „Liebe Katrin Bauerfeind,

    die Bilder sind hübsch geworden nicht? Produzentin und Kameramann haben gute Arbeit geleistet! Das Filmchen - das soll nicht despektierlich klingen – hat eine schöne Inszenierung. Es hätte ein wenig ausführlicher sein können, das waren einige Stunden , die auf wenige Minuten zusammengeschnitten wurden. Es fällt viel heraus, was um des Verständnisses und um der Komplexität willen nicht hätte herausfallen dürfen. Aber so ist das eben in dieser wie auch in jeder anderen künstlerischen Betrachtungsweise: man muss seinen Stoff konzentrieren, um das eine oder andere prägnanter herauszuarbeiten.

    Ich verstehe, dass es mehr um mich als um mein Buch ging. Obwohl es mir selbst natürlich um meinen Roman „Aléas Ich“ geht. Darum, dass eine Frau aus Rumänien nach Berlin kommt und Schriftstellerin werden will. Eine Frau, die genauso heißt wie ich, Aléa Torik, Figur und Autorin sind also scheinbar identisch; eine Frau, die einen ersten Roman geschrieben hat, wie ich – die hat meinen Roman geschrieben! – und an ihrem zweiten arbeitet, die bei dem Literatur- und Kulturwissenschaftler Joseph Vogl zum Thema „Fiktionalität“ promoviert und bei der sich langsam herausstellt, dass all das, was sie als authentisch darstellt, als ihre Autobiografie, tatsächlich Teil des Romans ist, an dem sie arbeitet und der „Aléas Ich“ heißen wird: Der Leser sieht dem Text also beim Entstehen zu, den er als fertigen in Händen hält. Aléa Torik beschreibt sich selbst als einen Roman schreibend, vielmehr als einen Stoff er- und sich selbst belebend. Das ist ein Roman, der sich fragt, was es heißt, wenn ein Mensch ‚Ich‘ sagt. Wenn er, indem er sich selbst zum Objekt macht, eine erste Fiktionalisierung vornimmt und von dem Tag an Subjekt und Objekt verwechselt. Der Text beschreibt eine Autorin, die einen Roman schreibt und sich dementsprechend fragt, vielmehr beschreibend darstellt, was ein Autor ist, der Figuren und Umstände erfindet, die nicht wahr sind, es aber langsam werden. Langsam fällt der Leser auf all das herein, von dem er am Anfang noch wusste, dass es erfunden ist. Steht ja drüber: Roman. Solche Reinfälle haben ein System und einen Namen: Literatur. Das ist alles Schwindel.

    Der Roman kommt in dem Film nicht so deutlich zur Sprache. Das verstehe ich. Man muss sich konzentrieren. Was beinahe drei Jahre gedauert hat – das Schreiben dieses Textes – und im Roman auf ein Jahr verkürzt wird, muss noch weiter verkürzt werden: Kein Mensch, kein Leser und kein Fernsehzuschauer will in Echtzeit miterleben, was ein anderer erlebt. Selbst jene Menschen, die wir lieben, wollen wir nicht Tag und Nacht um uns haben, sondern nur, wenn die Sonne romantisch untergeht, wir Lust auf Gesellschaft haben oder die Küche geputzt werden muss. Ansonsten können uns die anderen gestohlen bleiben. Wir haben heutzutage ja mit uns selbst genug zu tun. Und manchmal auch mehr als genug. Ich verstehe das alles.

    Was ich aber nicht verstehe: Bei dem Budget des Öffentlich Rechtlichen Fernsehens in Deutschland von 7 oder 17 Milliarden Euro – ich weiß es nicht, ich könnte es sowieso nicht nachzählen -, könnte man da nicht ein wenig großzügiger sein? Ich weiß, es muss gespart werden. Es wird überall gespart. Aber trotzdem die Frage: dieser Typ da in meinem Film, hätte es nicht einer mit mehr Haaren sein können? Männer mit Haaren kosten bekanntlich Geld. Aber Sie müssen die Außenwahrnehmung bedenken: was denken unsere europäischen Nachbarn nun, wenn wir nur noch sparsame Sendungen und Interviews machen, wo die Leute keine Haare mehr auf dem Kopf haben? Also muss jetzt alles neu gemacht werden, der Typ muss aufwendig aus dem Film herausgeschnitten und durch einen anderen ersetzt werden, mit einem schönen lockigen Wuschelkopf, der dann erneut gesendet wird und über den ich mich dann ebenfalls beschweren muss, weil der ja auch nicht in meinen Film hineingehört!

    Und damit das nicht schief geht: Was halten Sie davon, wenn wir beide uns mal zusammensetzen, eine ganze Sendung lang und über die Konstruktionsleistung von Literatur reden. Oder wir reden über die Frage, ob ein Leser ein Recht auf einen authentischen Autor hat. Wie sieht in Zukunft Literatur aus, die sicherlich, wie alles, ins Netz wandern und dort immer anonymer wird. Wie wir selbst auch. Text ist in Zukunft vielleicht nur noch frei flottierend, ohne einen eigentlichen Autor. Lassen Sie uns über die Konstruktion von Geschlecht reden: Was macht einen Menschen zu einer Frau oder zu einem Mann?

    Der Film ist im Grimmzentrum entstanden, am Engelbecken und im Berliner Literaturhaus in der Fasanenstraße, auf der Terrasse und im Kaminzimmer. Die Blogeinträge, die dort zu sehen sind, das sind diese beiden „Des Weibes Leib ist ein Gedicht” und “Unverkennbar genauso schauderhaft und böse“. Und hier kann man einen Blick ins Buch wagen.

    Zum Slogan „Mädchen sein kann man auf viele Weisen“ kann ich immerhin sagen: genau meine Meinung!

    Herzliche Grüße aus Berlin
    Ihre
    Aléa Torik”

    P.S. Die Farbe meiner Seite ist nicht Rosa, nicht Pink, sondern: Margenta!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    10 Februar 2013

    Ein Fall von Fälschung

    Umberto Eco beschreibt in seinem Aufsatz Nachahmungen und Fälschungen folgenden konstruierten, absolut grandiosen, skandalösen, transnationalen Fall von Fälschung, für den man ihn mindestens zehn Jahre ins Kittchen stecken müsste, weil die kriminelle Energie dahinter enorm ist. Wer sich so etwas ausdenken kann, der ist ganz kurz davor, es zu tun! Alle, die in dem vergangenen Jahrhundert etwas zu sagen oder zu malen hatten, die etwas zu erzählen, zu phantasieren, zu illustrieren, zu lügen, zu betrügen und zu manipulieren hatten, kommen darin vor. Und Umberto Eco zieht die Fäden.

    „1921 behauptet Picasso, ein Portrait von Honorio Bustos Domeq gemalt zu haben. Fernando Pessoa schreibt, er habe das Bild gesehen, und lobt es als das größte Meisterwerk von allen, die Picasso je gemalt hat. Viele Kritiker suchen nach dem Bild, aber Picasso sagt, es sei gestohlen worden.

    1945 erklärt Salvador Dalí, er habe dieses Bild in Perpignan wiederentdeckt. Picasso erkennt es offiziell als sein Originalwerk an. Es wird an das Museum of Modern Art als ‚Pablo Picasso, Porträt des Bustos Domeq‘ verkauft.

    1950 schreibt Jorge Luis Borges eine Aufsatz (‚El Omega de Pablo‘) in dem er feststellt:
    1. Picasso und Pessoa haben gelogen, weil niemand 1921 ein Portrait von Domeq gemalt hat.
    2. Es war in jedem Fall unmöglich, 1921 einen Domeq zu portraitieren, weil diese Figur in den vierziger Jahren von Borges und Bioy Casares erfunden worden ist.
    3. Picasso hat das Bild 1945 gemalt und auf 1921 rückdatiert.
    4. Dalí hat das Bild gestohlen und (perfekt) kopiert. Unmittelbar danach hat er das Original vernichtet.
    5. Offensichtlich hat Picasso 1945 seinen eigenen Frühstil perfekt imitiert, und Dalí Kopie war ununterscheidbar vom Original. Sowohl Picasso wie Dalí haben Farben und Leinwand aus dem Jahr 1921 verwendet.
    6. Folglich ist das in New York ausgestellte Bild die bewußte Fälschung einer bewußten Fälschung durch den Autor einer geschichtlichen Fälschung.

    1986 wird ein unbekannter Text Raymond Queneaus gefunden, der behauptet:
    1. Bustos Domeq hat es tatsächlich gegeben, er heißt aber in Wahrheit Schmidt. Alice Toklas hat in 1921 maliziöserweise Braque als Domeq vorgestellt, und Braque porträtierte ihn (gutgläubig) unter diesem Namen, wobei er (in Täuschungsabsicht) Picassos Stil imitierte.
    2. Domeq-Schmidt starb bei der Bombardierung Dresdens, wobei alle seine Personalpapiere verloren gingen.
    3. Dalí hat das Portrait tatsächlich 1945 entdeckt und es kopiert. Später zerstörte er das Original. Eine Woche später fertigte Picasso eine Kopie von Dalís Kopie an; später wurde Dalís Kopie zerstört. Das ans MOMA verkaufte Bild ist eine von Picasso gemalte Fälschung, die eine von Dalí gemalte Fälschung imitiert, die ihrerseits eine von Braque gemalte Fälschung imitiert.
    4. Er (Queneau) hat das alles vom Entdecker der Hitler-Tagebücher erfahren.“

    Eco schließt mit den Worten, seinen fiktiven Fall bewertend und seinen Aufsatz zum Ende führend: „Die gängige Vorstellung von ‚Fälschung‘ setzt ein ‚echtes‘ Original voraus, mit dem man die Fälschung vergleichen müsste. Es ist aber deutlich geworden, daß alle Kriterien, mittels derer man feststellen kann, ob etwas eine Fälschung eines Originals ist, mit denen zusammenfallen, die es erlauben, festzustellen, ob das Original echt ist. Also kann das Original nicht zum Aufdecken von Fälschungen verwendet werden, es sei denn, man akzeptiert blind, daß das, was als Original präsentiert wird, auch unzweifelhaft das Original ist (aber das würde allen philologischen Grundsätzen widersprechen).“

    Umberto Eco, „Nachahmungen und Fälschungen“, in: Die Grenzen der Interpretation, Seite 251 f.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    12 August 2012

    Der Wels im Schollenpelz

    Ich achte auf meine Ernährung und kaufe, wenn das Budget es hergibt, im Bioladen. Ich bin Vegetarierin, aber ich esse Fisch. Fisch ist gesund, reich an ungesättigten Fettsäuren. Den kaufe ich am liebsten auf dem Markt, wo er frisch ist. Ich schlendere gerne und schaue mich um. An manchen Ständen liegen Prospekte und Tabellen in den Auslagen, wo die Fische systematisiert werden, nach Fischfamilien und Herkunft, Süß- oder Salzwasser. Es gibt gezüchtete und frei lebende Fische, solche aus fließenden und aus stehenden Gewässern, Fische in Küstennähe, Hoch- und Tiefseefische. Manche Fische werden geangelt, andere harpuniert, Schwärme werden in Netzen gefangen.

    Die Weltmeere werden von Kuttern, Schleppern und Trawlern durchpflügt. Der Fang wird in der Regel noch vor Ort verarbeitet, nur wenige Fische kommen lebend an Land. Der größte Teil wird ausgenommen und eingefroren, der kleinere kommt auf den Fischmarkt. Die Fischverkäufer versuchen die Kunden an den eigenen Stand zu locken und ihnen den Fisch so schmackhaft wie möglich zu machen. Einem Fischkörper anzusehen, wie er später schmeckt, ist eine besondere Kunst. Und eine größere Kunst noch ist es, den toten Fisch in der heimischen Küche in ein lebendiges Geschmackserlebnis zu verwandeln.

    Zur Regulation der Kundenströme gibt es Prospekte und Ankündigungen, Webseiten, Besprechungen in Fischzeitschriften, ischhandlungen, Stände und Imbissbuden, die von den  Fischvertretern besucht werden. Und es gibt die medialen Ereignisse wie die Verleihung des Deutschen Fischpreises, mit longfishlist und shortfishlist. Es gibt Fischagenten und Fischscouts und die großen Fischmessen in Frankfurt und in Leipzig.

    In Neptuns Reich gibt’s vor allem die kleinen Fische. Obwohl alle von einem guten Fang träumen und davon, einmal einen richtig dicken Fisch an Land zu ziehen. In so einem Fall wird der Fisch sogar um Auskunft gebeten, er kommt in eine Fernsehsendung. Vorausgesetzt er riecht nicht unangenehm, hat keine Gräten, keine Schuppen, keine triefenden Augen und er sieht auch nicht aus wie ein toter Fisch. Er muss adrett gekleidet sein und freundlich schlendernd daherkommen. Das muss ein richtig doller Hecht sein und kein dürrer Hering und auch kein Backfisch. Er muss die ganze Zeit lächeln und darf nur antworten, wenn er gefragt wird. Und vor allem muss er seine Flossen bei sich behalten, wenn eine hübsche Ichthyologin ihn interviewt. Mit  niederem Getier in Berührung zu kommen, finden Forscher in der Regel ausgesprochen unangenehm. In so einer Situation darf er sich nicht als Wels im Schollenpelz herausstellen. Andernfalls wird er von der Industrie und ihren herrschenden Vertretern umgehend zu Fischstäbchen verarbeitet. Oder, aber da muss der Fisch schon Glück haben, zu einer wohlschmeckenden Bouillabaisse.





    23 Juli 2012

    Weil uns eine App das abnimmt

    Als Steve Jobs, der erste Mann von Apple, gestorben war, stand in einem der unzähligen Nachrufe, dass die Welt heute anders aussähe, wenn Mr Jobs uns nicht all die kleinen Dinge gebracht hätte, die mit einem i anfangen, das iPhone vor allem, dieses Wunderwerk der Technik.

    Bisweilen ändert sich die Welt. Das hat sie getan, als sie sich von einer Scheibe in eine Kugel verwandelt hat. Sie hat sich durch die Rotation – das Drehen um sich selbst – und die Revolution – das Drehen um die Sonne – verändert. Sie hat sich mit dem aufrechten Gang des Menschen verändert, mit der Erfindung des Rads, der Entwicklung der Anästhesie und der Sequenzierung des menschlichen Genoms. Und offenbar hat sie sich auch mit der Erfindung des Smartphones verändert.

    Es ist ausgesprochen komfortabel, dieses kleine Gerät aus der Tasche zu ziehen und jemanden anzurufen oder eine SMS zu schreiben, bei Facebook oder Twitter etwas zu posten, sich im Netz zu informieren wann der Zug fährt, sich das Wetter zeigen, Musiktitel ansagen oder an Geburtstage erinnern zu lassen. Aber es nervt auch ein wenig, wenn alle dauernd auf ihr Display schauen, statt auf die Straße. Weil sie von ihrem Smartphone wissen wollen, wo sie gerade sind oder wie sie woandershin kommen. Oder einfach, weil sie meinen, im Netz sein zu müssen und sich ein Leben außerhalb gar nicht vorstellen können.

    Es ist komfortabel im Netz, weil man sich da kleine Applikation herunterladen kann, die einem das Leben leichter machen. Man kann mit Apps Kalorien zählen, auch wenn man davon nicht abnimmt. Man kann Vokabeltraining machen, auch wenn man es aus Zeitmangel nicht tut, seinen IQ testen, auch wenn man es aus Angst vor dem Ergebnis lässt. Man kann mit Hubble in den Weltraum, auch wenn man nicht weiß, was man da soll, sich Fragen zur Geschlechterdifferenz herunterladen, als könnte oder wollte man sie beantworten. Es tauchen immer neue Dinge auf, die das Gerät mit Hilfe einer App tun oder lassen, wissen oder vermeiden könnte. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass, bevor die dazugehörige App da war, die Sache selbst gar nicht existiert hat. Wie manche Krankheit mit der Möglichkeit, sie zu behandeln erst entsteht.

    Ein nicht geringer Teil der Zeit geht mit dem downloaden und upgraden von Apps dahin, mit dem formatieren und synchronisieren von Hard- und Software, mit einer allgemeinen Evaluierung der eigenen Wertigkeit, weil man sich auf den Anerkennungsskalen so weit oben wie möglich einzusortieren möchte. Wie sähe die Welt wohl aus, wenn Mr Jobs sie nicht verändert hätte? Vielleicht würde man sich in der U-Bahn noch ansehen, statt auf sein Display zu schauen. Ohne dass der andere es bemerkt, kann man das Gesicht des anvisierten Objekts von einer App scannen lassen, die einem Auskunft darüber gibt, wer er ist, welche Absichten er hegen könnte, welche charakterlichen Defizite und Vorteile er hat. Vielleicht würde man sein Gegenüber anlächeln, statt vor sich hin zu lächeln und vielleicht könnte man sich noch erinnern, ob man sich früher angeschaut, angelächelt und angesprochen hat. Sicher gibt es bald eine App wo man nachschauen kann wie das damals war. Zu einer Zeit, da mehr Menschen auf diesem Planeten leben als jemals gelebt haben, sind wir auch einsamer als je. Einsamer als wir wären, wenn niemand anderes da wäre.

    Mark Zuckerberg, der erste Mann von Facebook, hat, wie ich gerade erfahre, die Welt auch schon wieder verändert. Sollte ich selbst jemals in die Situation kommen, die Welt verändern zu können, dann würde ich es dahingehend tun, dass sie so bleibt wie sie ist. Das wäre die denkbar größte Veränderung. Und wahrscheinlich ein Skandal.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    09 Juli 2012

    “Wolken … ganz allein wirklich zwischen der nichtigen Erde und dem nicht existierenden Himmel …”

    Ein Freund hat heute die Verteidigung seiner Dissertation: Die Wolke als Dispositiv der Literatur. Zur Feier des Tages und des Ereignisses, einer der größten Dichter des vergangenen Jahrhunderts:

    „Wolken … Heute erlebe ich den Himmel mit Bewußtsein, es gibt nämlich Tage, an denen ich ihn nicht anschaue, sondern höchstens fühle, weil ich in der Stadt lebe und nicht in der Natur, die sie einschließt. Wolken … Sind heute für mich die Hauptsache der Wirklichkeit und beschäftigen mich so, als ob das Überwachen des Himmels eine der großen Sorgen meines Schicksals sei. Wolken … Sie ziehen von der Hafeneinfahrt hinüber zur  Burg, von Westen nach Osten, in zerstreutem, nacktem Tumult. Zuweilen erscheinen sie weiß, wenn sie zerfetzt die Vorhut von etwas Unbekanntem bilden; andere sind halbschwarz, wenn es länger dauert, bis sie der hörbare Wind hinwegfegt. Dunkel und schmutzigweiß sind sie, wenn sie bei ihrer Ankunft schwarz einfärben, was die Straßen an falschem Raum zwischen den Linien des Häusermeers öffnen.
    Wolken … Ich existiere, ohne daß ich es wüsste, und werde sterben, ohne daß ich es wollte. Ich bin der Zwischenraum zwischen dem, was ich bin und dem, was ich nicht bin,  zwischen dem, was ich träume und dem, was das Leben aus mir gemacht hat, der abstrakte und leibliche Mittelwert zwischen Dingen, die nichts sind, da ich ebenfalls nichts bin. Wolken … welche Unruhe, wenn ich fühle, welches Unbehagen, wenn ich denke, welche Nutzlosigkeit, wenn ich will! Wolken … sie ziehen immer vorbei, einige riesengroß und es sieht so aus, als nähmen sie den ganzen Himmel ein, weil die Häuser nicht erkennen lassen, ob sie wohl weniger groß sind als sie scheinen; andere von unbestimmter Größe, dabei können es zwei zusammen sein, oder auch eine, die sich in zwei aufteilt; Wolken … Sinnlos heben sie sich vom ermüdeten Himmel ab; wieder andere, kleine wirken wie Spielzeuge Mächtiger, wie unregelmäßige Kugeln eines absurden Spiels, nur nach der einen Seite hin stark isoliert und kalt.
    Wolken … Ich befrage mich und verkenne mich. Was ich getan habe, das war unnütz, und was ich tun werde, läßt sich nicht rechtfertigen. Ich habe den Teil des Lebens, den ich nicht verloren habe, vertan, indem ich auf wirre Weise ein Nichts ausdeutete, indem ich Verse in Prosa aus den unübertragbaren mache, mit denen ich mir das unbekannte Universum aneigne. Ich habe mich satt, objektiv gesehen und subjektiv. Ich habe alles satt und alles mit allem satt. Wolken … Sie sind alles, Verwüstungen der Höhe und heute ganz allein wirklich zwischen der nichtigen Erde und dem nicht existierenden Himmel; nicht zu beschreibende Fetzen des Überdrusses, den ich in sie hineinlege; zu Drohungen abwesender Farbe verdichteter Nebel; schmutzige Wattebäusche aus einem wandlosen Krankenhaus. Wolken … Sie sind wie ich, ein zerstörter Übergang zwischen Himmel und Erde, der einem unsichtbaren Antrieb nachfolgt, gewittrig oder auch nicht; ihr Weiß erfreut, ihr Schwarz verdunkelt, sie sind Fiktionen des Zwischenraums und der Wegabweichung, fern vom Getöse der Erde und doch ohne die Stille des Himmels. Wolken … sie ziehen noch immer vorbei, ziehen ständig vorbei und werden ständig vorbeiziehen; unstet rollen sie dunkle Gewebe aus und ein und bilden die weitschweifige Ausuferung eines falschen zerstörten Himmels.“

    Fernando Pessoa, Livro do Desassossego – Das Buch der Unruhe, Fragment 154, Amman Verlag, Zürich, 1989, Seite 87/88.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    04 Juli 2012

    «Das Geräusch des Werdens» – «Le bruit du devenir» – Roman sur la perception du monde

    Im Folgenden eine Besprechung meines Romans von Martine Rémon. Das ist in einem Newsletter des Goethe-Institutes erschienen, leider nicht online greifbar. So werden Verleger in Frankreich über Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt informiert. Der Weg in eine andere Kultur und Sprache ist ein langer und die wenigsten Schriftssteller_innen können und dürfen ihn gehen. Ich habe gestern die Erlaubnis der Autorin bekommen, das hier einzustellen und ich bedanke mich herzlich dafür!

    Das zu lesen ist wie Urlaub im Elsass, mit einem schönen, von einigen Wolken durchzogenen Himmel und der frischen französischen Luft. Abends sitzt man in einem Restaurant bei einem Glas Weißwein und schaut aus dem Fenster auf den Boulevard, wo es gerade zu regnen beginnt. Ich hoffe, Sie können sich das vorstellen!

    «C’est un grand jour pour Marijan. Une galerie berlinoise expose un choix de photographies qu’il a prises après qu’un inconnu lui a fait cadeau d’un appareil photo. Jusque-là rien d’extraordinaire, excepté que Marijan est aveugle. Il a perdu la vue à l’âge de treize ans suite à une attaque virale. Afin de lui donner le maximum de chances de se débrouiller dans la vie avec son handicap, sa mère vend la maison familiale située à Mărginime, un village des Carpates, en Roumanie, pour aller vivre à Berlin. Elle meurt accidentellement l’année des vingt ans de Marijan, et peu après le jeune homme fait la connaissance de Léonie. C’est elle qui a l’idée d’exposer les photographies. Invité à prononcer quelques mots d’introduction le jour du vernissage, Marijan évoque d’abord sa cécité puis son village natal.

    «Au début, quand je suis devenu aveugle, je n’arrivais pas à distinguer une belle journée d’un jour maussade. Je ne voulais pas que le soleil brille. Je voulais qu’une chose uniforme domine les changements continuels de temps. Le temps comme une constante, une pression atmosphérique non déterminée, une purée grise. Je me suis mis à aimer la pluie seulement des années plus tard, à Berlin. J’adore quand elle me réveille. Dans la nuit, quand il fait noir dehors. Alors je me lève, j’ouvre la fenêtre, j’épie. Ce qui n’était qu’un espace vide avant, se remplit de bruits. Ce qui était sans vie, s’anime. Des esquisses, des structures, des contours se dessinent. Les objets deviennent perceptibles, une continuité là où n’existaient avant que des découpures et des associations, de simples fragments. […] Ce n’est pas d’avoir perdu la vue qui est inquiétant, c’est ce que voient les autres».

    Petit à petit Marijan s’efface et les voix de son village se mettent à parler. Elles retracent sur trois générations la vie des habitants, leurs joies, leurs espoirs, leurs déceptions, leurs parcours tortueux dans une narration très aléatoire. Il y a là Valentin, qui rêve de partir à Paris, la «ville de la jeunesse éternelle», comme il croit l’avoir décelé dans les récits de Svetlana, son institutrice. Ioan, fils, petit-fils et arrière-petit-fils de cordonnier, désigné pour être le maire du village. Parti un temps «à la ville», il revient avec Nicolae, l’enfant né de sa liaison avec Lydija qui les a abandonnés. Il y a là Emil et Dora, les parents inconsolables: leur fille Krisztyna, 15 ans, a brusquement disparu. Depuis, il semble qu’une malédiction frappe le village. Sans oublier les étranges «jumeaux» Varian I et Varian II, dont l’un, le père de Marijan, sombre lentement dans la folie. Une folie discrète, présente elle aussi chez Maddox, l’ami de Léonie. Ces destinées s’entrecroisent dans une chronologie et des lieux décalés. En refermant le livre, on est comme ces gens venus assister au vernissage qui, à la fin du récit de Marijan, en sont presque à se disputer sur ce qu’ils viennent d’entendre. Chacun y a perçu un détail, une atmosphère, un bruit du cœur à travers sa vision personnelle du monde.

    LE COUP DE COEUR: Parabole, conte ou chronique sociale, ce premier roman inclassable joue des multiples registres de la langue et des sentiments sur une note fondamentale poétique et mélancolique. Le sujet d’inspiration n’est certes pas nouveau, Marijan a des prédécesseurs non fictionnels, notamment les photographes aveugles Evgen Bavcar, Paco Grande, Flo Fox ou Toun Ishii. Aléa Torik construit ce roman autour de la perception du monde à travers des sons, des vibrations, des parfums. On sait que chez les personnes ayant perdu la vue tardivement, le cerveau active d’autres zones qui permettent de retransformer ces perceptions dans une sorte d’image basée en partie sur des souvenirs.

    LA CRITIQUE: «Un roman exceptionnel, d’une maturité incontestable, écrit dans un allemand impeccable» (Frankfurter Allgemeine Zeitung) -«Un réalisme précis, une musicalité poétique, une fable surréaliste» (Berner Zeitung)

    L’AUTEUR: D’après l’éditeur, d’origine roumaine, née en 1983 en Transylvanie, études littéraires. «Das Geräusch des Werdens» est son premier roman. Nous ne savons pas qui se cache réellement derrière Aléa Torik, dont le pseudonyme n’est pas sans rappeler la musique aléatoire, «une musique présentant un certain degré d’indétermination pouvant affecter soit sa structure globale, soit un ou plusieurs de ses paramètres, sinon tous, une musique où les techniques des jeux de hasard sont considérées comme un processus compositionnel.» (in: Encyclopédie Larousse.)»

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    11 Juni 2012

    „Wir leben in übereinandergeschichteten Welten …“

    In der Begründung der Jury zur Verleihung des Internationalen Literaturpreises an Mircea Cărtărescu für Orbitor. Corpul – Der Körper ist von einem „elektrisierendes Kunstwerk von seltener Intensität und Leuchtkraft“ die Rede. Weiter heißt es: „Gerhardt Csejka und Ferdinand Leopold haben den bilderreichen, aberwitzig surrealen Stil des Buches und die innovative Sprachpotenz dieses faszinierenden Textgewebes meisterhaft ins Deutsche übertragen, indem sie die eigene Imaginationskraft der deutschen Sprache neu und schöpferisch ausloteten.” Und so sieht das aus:

    „Wir leben in übereinandergeschichteten Welten, sagte sich Maarten, jede unter dem harten Eis der darüberliegenden, wobei jede unter ihren Füßen eine andere, seit langem versunkene sieht. Wir sind die Himmel der unter uns liegenden Welt und die verfluchte Tiefe des seligen Reiches darüber. Der obere Teil unseres Leibes ist göttlich und badet im Quarzlicht des Spitzbogens, in das wir in Ewigkeit gesetzt worden sind, der untere Teil empfängt zwischen Schenkeln und Hinterbacken die dämonische und schändliche Flamme der Hölle. Doch unser Gehirn in seinem Schädel aus bleichem Bein ist identisch mit den Eiern der Oberen in ihrem weichen Geschröt, und die beiden Halbkugeln, mit denen die unter uns denken, sind mit unseren Hoden identisch. Wie wundertätig muss das Gehirn der Oberen sein und wie niederträchtig sind die Eier der Unteren! Und dennoch ist Ersteres ähnlich dem Schädel aus behaarter Haut zwischen den Beinen der noch Höheren, und Letztere sind die glorreichen Geister der noch Tieferen. Und irgendwo, in dieser endlosen Abfolge, in den geologischen Schichtungen von Raum und Zeit, Gehirn und Geschlecht, Hirnhälften und Testikeln, Paradies und Hölle, irgendwo an dem immer klarer werdenden Scheitel der übereinanderliegenden Welten muss es einen Geist gebe, der für niemanden mehr Geschlecht sein kann, denn er ist zugleich Denken und Zeugung, und seine Gedanken sind Lichtsperma, in dem Engel schwimmen. Und irgendwo, in der tiefsten Tiefe, wird es ein absolutes Geschlecht geben, Testes mit Hirnrinde, Hypothalamus und Mandelkern, sein dickflüssiges Sperma aus geschmolzenen Blei trägt geflügelte Dämonen, die denken und denkend das zarte Fleisch des Seins zerstören. Wir sind eine Abfolge von Denken und Zeugung, wobei unser Denken von dem über uns geboren wird und jenes unter uns gebiert. Immerwährend gebiert unser Geist, wie ein Weberschiffchen, uns das Geschlecht, denn es trägt da Urbild unseres Geschlechts in sich, während das Geschlecht, das in seinem Kern einen Brosamen Hirn hat, stets verzweifelt und sehnsüchtig versucht, einen anderen Geist zu zeugen, der es gebären kann und so ins Unendliche …“

    Mircea Cărtărescu, Der Körper, Seite 527 f.

    Hier finden Sie ein Video. Die Schmetterlinge, die in dem Video überall zu sehen sind, sind die metaphorische Ausgestaltung einer Phantasie die das gesamte Buch durchzieht.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    02 Juni 2012

    „Das Geräusch des Werdens“ – Im Berliner Tagesspiegel

    Ich freue mich über diese Rezension. Die Vorgänge im Roman ereignen sich zu einem nicht geringen Teil hier in Berlin. Dafür müssen sich mindestens die Berliner Zeitungen und ihre Leser interessieren. Andernfalls wäre das so, wie wenn der Bundesfinanzminister sich nicht für Zahlen interessierte.

    In dem Artikel werden einige Punkte angesprochen, die mir sehr gefallen. Das ist von „magisch fantastischen Kombinationen“ die Rede, was ich als einen Anknüpfungspunkt an die südamerikanische Literatur lese, die ich sehr schätze. Als Referenztext wir Gabriel García Márquez Hundert Jahre Einsamkeit genannt. Ein Buch, dessen Lektüre ich allerdings abgebrochen habe. Ich schätze Julio Cortázar und José Lezama Lima. Aber ich habe mich über diese Nähe gefreut. Angesprochen wird auch, was meines Wissens noch keiner angesprochen hat: dass der Text, was nicht auf den ersten Blick zu bemerken ist, von obskuren Zufällen nur so strotzt. Vollkommen überraschend war für mich, dass von Mut und meiner Unbekümmertheit gesprochen wird „mit der die Autorin Genre- und Schreibkonventionen über den Haufen fabuliert“. Den ‚Haufen‘ finde ich großartig, auch wenn ich mich selbst eher als abgebrüht, denn als unbekümmert bezeichnen würde.

    Bei allem Positiven ist da auch ein kritischer Unterton zu spüren. Beispielsweise das Motiv der verschwundenen 15-jährigen Krisztina. Ich höre das nicht zum ersten Mal, dass diese Figur als zu wenig konturiert empfunden wird. Sie wird meist nur nebenbei beschrieben, außer in dem Kapitel des Vaters, der über nichts anderes spricht als seine Tochter. Aber sie hat kein eigenes Kapitel und der Leser erfährt auch nicht, was aus ihr geworden ist. Und das wird beklagt: „Leider gewinnt die Figur inmitten der Überfülle der anderen Schicksalsschilderungen kaum Kontur.“ Ich habe das allerdings in voller Absicht so gemacht und das ist auch exakt, was ich hervorrufen wollte: Man geht ja nun einmal nicht, wenn jemand verschwunden ist – sei es, dass er von zu Hause abgehauen ist, sei es, dass ihn der Geheimdienst geholt hat – irgendwohin und kann dann mehr erfahren. Man geht nicht zur Securitate und klopft da und fragt nach Informationen, damit man sich ein besseres Bild machen könne, wie genau der Betreffende verschwunden ist. Diese fehlende Konturierung ist beabsichtigt. Möglicherweise kommt das eben nicht so an, wie ich das gerne gehabt hätte. Aber vor allem: im Zentrum Marijans, des Blinden, der nicht nur die Rahmenhandlung hergibt, sondern in der Mitte des Textes steht, wird eine Erfahrung beschrieben, die für alle anderen Personen als Lektürehinweis gelten soll. Es ist weit mehr als eine äußere Beschreibung der Blindheit. Ich wollte eine Blindheit, die der Leser spüren soll – deswegen fehlen so große Teile zwischen den einzelnen Kapitels: es fehlen Personen, es fehlen Jahre und es fehlen auch Erfahrungen. Deswegen fehlt Krisztina. Und deswegen beschweren sich die Leute bei mir, dass die Figur zu wenig Kontur hat.

    Richtig aber ist, und die Kritik ist eine nicht zu unterschätzende, dass bei mir, anders als bei vielen anderen osteuropäischen Autorinnen – genannt wird Terézia Mora  – die Brutalität des Epochenwandels nicht direkt zur Sprache kommt. Das habe ich mir teilweise aufgespart für das kommende Buch. Teilweise wird es auch angesprochen: Wenn ich mir das Kapitel Saubere Fingernägel und ein wohlproportionierter Bizeps brachialis anschaue, meine ich, dass da genügend Brutalität drin ist.

    Insgesamt ist das eine sympathische, eine sympathetische Kritik. Ich finde, es gibt im Feuilleton nur zwei verschiedene Arten mit den Büchern anderer umzugehen: eine offene, neugierige und interessierte: die darf kritisieren. Und dann gibt es die desinteressierte, die alles besser weiß und die die eigene Auffassung für das Maß aller Dinge hält. Die muss kritisieren. Weil sie nichts andres kann. Ich habe also Glück mit der Besprechung von Gisa Funck, die man hier in Gänze lesen kann.

    Ich habe dauernd Glück. Demnächst werde ich schon wieder Glück haben. Das reicht mir langsam.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    02 April 2012

    I am not African

    I am a child of the Americas,
    a light-skinned mestiza of the Caribbean,
    a child of many diaspora, born into this continent at a crossroads.
    I am a U.S. Puerto Rican Jew,
    a product of the ghettos of New York I have never known.
    An immigrant and the daughter and granddaughter of immigrants.
    I speak English with passion: it’s the tongue of my consciousness,
    a flashing knife blade of crystal, my tool, my craft.

    I am Caribeña, island grown. Spanish is my flesh,
    Ripples from my tongue, lodges in my hips:
    the language of garlic and mangoes,
    the singing of poetry, the flying gestures of my hands.
    I am of Latinoamerica, rooted in the history of my continent:
    I speak from that body.

    I am not African. Africa is in me, but I cannot return.
    I am not taína. Taíno is in me, but there is no way back.
    I am not European. Europe lives in me, but I have no home there.

    I am new. History made me. My first language was spanglish.
    I was born at the crossroads and I am whole.

    Aurora Levins Morales

    In: Elisabeth Beck-Gernsheim: Wir und die Anderen. Vom Blick der Deutschen auf Migranten und Minderheiten. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2004, S. 104f

    In diesem, vielmehr einem ähnlichen Zusammenhang auch interessant:

    - Sorin Antohi: Europa Comunitară, Europa Culturală: identităţi reticulare – Europa der Union, das kulturelle Europa: netzartige Identitäten – In: Revenirea în Europa. Idei şi controverse româneşti 1990-1995. Hg.v. Adrian Marino. Craiova 1996

    - Hans Christian Maner: Multiple Identitäten. Der Blick des orthodoxen Südosteuropa auf “Europa”. In: ZEI-Discussion Paper, C 125 / 2003

    - Victor Neumann: Multiculturalismul în analizele filozofice contemporane – Multikulturalismus in den gegenwärtigen philosophischen Analysen. In: Observator cultural, Nr. 38, 14-20.11.2000

    - Andrei Pleşu: Noua şi vechea Europă – Das neue und das alte Europa – In: Revenirea în Europa. Idei şi controverse româneşti 1990-1995. Hg.v. Adrian Marino. Craiova 1996

    - Harvey Siegel: Multiculturalism and the possibility of Transcultural Educational and Philosophical ideas. In: The Journal of the Royal Institute of Philosophy, Cambridge University Press, Bd. 74, Nr. 289, 1999.

    - Mihai Şora: “Unitas în pluralitate” sau Europa în întregul ei – Einheit in der Vielfalt – Europa in seiner Ganzheit – In: Revenirea în Europa. Idei şi controverse – Die Wiederkehr nach Europa. Rumänische Gedanken und Debatten 1990-1995, Hg.v. Adrian Marino. Craiova 1996

    - Alois Wierlacher: Kulturwissenschaftliche Xenologie. Ausgangslage, Leitbegriffe und Problemfelder. In: ders. (Hg.): Kulturthema Fremdheit. Leitbegriffe und Problemfelder kulturwissenschaftlicher Fremdheitsforschung. München: iudicium 1993

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    28 März 2012

    Was ist auf den Bildern des blinden Fotografen zu sehen?

    Ich wurde gefragt, was in Das Geräusch des Werdens auf den Fotos des Blinden zu sehen ist. Ich würde mich gerne aus der Affäre ziehen, indem ich zurückfrage: Woher soll ich das wissen? Ich habe sie nicht zu Gesicht bekommen. Das beschreibt der Roman nicht, weil es nicht zu seinem Bestand gehört. Ich assoziiere:

    In der Ausstellung sind, heißt es auf der ersten Seite, 28 Bilder zu sehen. Wir haben 28 Kapitel. Also ist jedes Kapitel ein Bild.

    Was ist auf den Bildern eines Blinden zu sehen? Vielleicht muss man blind sein, um das sehen zu können. Das scheint ebenso paradox wie ein Blinder, der ausgerechnet fotografiert. Aber wie soll man sich einem Paradoxon nähern, wenn nicht auf adäquate Weise? Es ist ja nicht an sich paradox, sondern nur unter den rationalen Bedingungen.

    Diesen wenigen Bildern stehen sehr vielen gegenüber: Holio hat ausgerechnet, dass Marijan 28.000 Bilder gemacht haben muss. Im Roman allerdings macht er nur ein einziges, vielmehr erleben wir ihn nur bei einem. Er macht ein Bild von Leonie. Ich empfinde das nicht als einen logischen Widerspruch, sondern als eine produktive, die Phantasie anreichernde Leerstelle.

    Ich weiß nicht, was auf den Bildern zu sehen ist. Irgendwo, ich glaube in dem Kapitel, da Marijan die Kamera geschenkt bekommt, heißt es: jeder sieht doch etwas anderes. So ist das bei diesen Bildern auch. Die meisten Fotos auf dieser Welt haben wohl ein eindeutiges Objekt, eine Person, eine Sache oder etwas Ähnliches. Das könnte bei diesen Bildern anders sein.

    Was ist auf einem Bild zu sehen? Jeder sieht doch etwas anderes. Je nachdem, ob man das das Weiße oder das Schwarze des Bildes sieht, sieht man eine Vase oder zwei einander gegenüberliegende Gesichter, das sind sogenannte Kippbilder.

    Der Roman endet damit, dass Marijan, der nur, sozusagen, die fünf Kapitel seines Vortrages kennt, die anderen dreiundzwanzig dieses Romans also nicht, denkt, dass die Menschen nur seine Worte gehört haben, sich aber eigene Bilder und Vorstellungen dazu machen, dass man die dürren Worte mit eigenen Vorstellungen anreichert. Das hieße, dass die anderen Kapitel, die hier als der eigentliche Bestand des Romans erscheinen, nicht anderes sind, als die Vorstellungen der Zuhörer auf der Ausstellung. Wirklich wäre dann nur die Ausstellung. Man reichert die Worte mit Bildern an, um, wie Marijan das sagt, nicht selbst zu erblinden. Das ist sowohl eine Sprachtheorie als auch eine Theorie über Bilder und Vorstellungen.

    Was ist auf den Bildern zu sehen? Es ist eine Frage von Sehenden! Aber es sind die Bilder eines Blinden! Der macht sie vielleicht nicht, um willen dessen, was da zu sehen ist, denn er sieht es ja nicht. Sonder um willen des Momentes, da er sie macht. Um des Machens willen.

    Warum hat Maddox die Bilder ausgewählt? Kann das sein, dass er nicht ausgewählt hat, also kein Kriterium hatte, was, wie Leonie betont, unmöglich ist?

    Im letzten Kapitel heißt es, ein Besucher habe ein Bild gekauft. Wie hat er das ausgewählt? Warum einer? Wer ist das? Welches Bild hat er gekauft?

    Leonie sagt einmal, Marijan mache immer dann ein Foto, wenn sie keines machen würde. Im letzen Blindenkapitel sucht Marijan eine Erklärung für das, was er eigentlich fotografiert, ich zitiere „Zu Anfang wusste ich überhaupt nicht, was ich eigentlich fotografieren wollte. Ich hatte ja keine Motive außer dem einen großen Motiv, meiner Blindheit zu entkommen. In den ersten Monaten mit der Kamera, als ich feststellte, dass ich nicht alles sehen konnte und etwas ganz Spezielles nicht hatte sehen wollen, entschied ich mich für etwas Drittes: das dazwischen Liegende. Ich wollte keine Objekte fotografieren. Die konnte ich sowieso nicht sehen. Ich wollte nicht etwas und ich wollte nicht nichts fotografieren. Ich wollte nicht das Sehen und auch nicht die Blindheit abbilden. Deswegen habe ich mich für das Dazwischen entschieden. Ich wollte die Zwischenräume fotografieren. Für Räume habe ich ein gutes Gespür. Das Ergebnis können Sie nun betrachten. Ob Sie allerdings das von mir Erzählte erkennen, ob Sie das Entgegengesetzte erkennen oder möglicherweise ebenfalls ein Dazwischen, das wird sich zeigen.“ Ich wüsste nicht, was ich dem hinzufügen sollte.

    Wir fotografieren immer das, was wir sehen. Das erscheint uns selbstverständlich. Weil man ja etwas anderes gar nicht fotografieren kann. Das erscheint auch selbstverständlich. Außer in der Kunst, wenn man einem Bild zu entlocken versucht, was nicht auf den ersten Blick zu sehen ist. So ist das ja auch mit einem Roman, der sich als Kunst versteht: die Autorin will etwas zeigen, was nicht sofort zu sehen ist, sondern erst im Verständnis des Lesers entsteht. Und das können sehr wohl, wenn die Sache gut gemacht ist, Dinge sein, von denen die Autorin keine Ahnung hat.

    Was sieht man? Von allen Antworten, die ich hier gegeben habe, von allen Versuchen, gefällt mir diese am besten: man sieht die Offenheit des literarischen Kunstwerks für seine Interpretation. Nur indem einer sich fragt, was er sieht, sieht er etwas. Alles andere, das ungefragt Gesehene, ist unsichtbar.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    22 März 2012

    Von der Macht des Verdächtigens

    Ich war am Dienstag bei einer dreiteiligen Veranstaltung des Berliner Literaturhauses zu und mit Eginald Schlattner. Es gab einen Workshop, geleitet von Michaela Nowotnik , die ihre Dissertation über den Siebenbürger Schriftsteller schreibt und seinen Vorlaß bearbeitet, danach den Film von Walter Wehmeyer „Von der Macht des Verdächtigens“ und am Abend eine Lesung.

    In den fünfziger Jahren ist es in Rumänien zu Aufsehen erregenden, man muss wohl sagen Schauprozessen, gekommen wie es sie auch in Russland und in Ungarn gegeben hat. Rumänien hatte sich am Ende des zweiten Weltkrieges von der deutschen auf die russische Seite gestellt. Deutschland hat kurze Zeit später den Krieg verloren. Siebenbürgen, das zur Österreichisch-Ungarischen Monarchie gehörte, wurde nach dem Untergang des dritten Reiches Rumänien zugeschlagen. Das ganze Land geriet unter Einfluss der Sowjetunion, 1948 wurde die Partidul Muncitoresc Român, die kommunistische Partei Rumäniens gegründet. Der Siebenbürger Sachse Eginald Schlattner, der das Studium der Theologie abgebrochen und das der Hydrologie angefangen hatte und in Schriftstellerkreisen verkehrte, wurde Ende der fünfziger Jahre verhaftet. Und zwar nicht wegen eines Vergehens, sondern wegen “Nichtanzeige von Hochverrat”, also dem Vergehens eines anderen. Man steckte ihn zwei Jahre ins Gefängnis in Einzelhaft. In dieser Zeit wurde er von der Securitate zum Kronzeugen der Anklage gemacht. Ihm wurde, so muss man das wohl sehen, die Rolle des Zeugen zugewiesen und anderen wurden die Rollen der Opfer zugewiesen. Es wurde von den Anklägern ein Komplott geschmiedet aus gegenseitigen Bezichtigungen und Beschuldigungen. Schlattner hat, teils freiwillig, teils unter Zwang, also Folter, gegen andere Schriftsteller ausgesagt, die daraufhin zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt, dann nach zwei, teils auch erst nach fünf Jahren begnadigt wurden.

    Eginald Schlattner hat mit vierzig Jahren noch einmal Theologie studiert und ist, inzwischen nahezu 80 Jahre alt, seither Gefängnispfarrer, sicher auch als Sühne für eigene Verfehlungen. Er hat fünfundzwanzig Jahre nichts geschrieben und dann versucht, das Trauma seines Lebens – er galt allen nur noch als der Verräter – in Worte zu fassen. Er hat drei Romane verfasst – Der geköpfte Hahn, Die roten Handschuhe und Das Klavier im Nebel. In den roten Handschuhen thematisiert er seine eigene Biografie, die zwei Jahre Kerker. Beabsichtigt war das wohl als ein Werk der Versöhnung. Er wollte Rechenschaft ablegen über sich und seine Taten und den Freunden von damals die Hand reichen. Aber es ist anders angekommen. Die Denunzierten haben die Geste nicht als eine der Versöhnung angesehen, im Gegenteil. Im Film fielen die Worte, dass sie sich zweimal von Schlattner verraten fühlen, einmal im damaligen Prozess und dann durch den Roman. Ich glaube ihm, wenn er sagt, dass er mit seinem Roman die Hand zur Versöhnung ausstrecken wollte. Aber keiner wollte diese Hand ergreifen. Die Fronten sind bis heute verhärtet. Die meisten Beteiligten leben auch nicht mehr.

    Schlattner war an diesem Tag die ganze Zeit anwesend. Hellwach und gebeugt, ein wohl auch sehr narzisstischer Mensch, ob schon immer gewesen oder über die vielen Verletzungen geworden, über den im Leben viele böse Worte gefallen sind – „man solle ihn totschlagen wie einen Hund“ – einer der um Fassung ringt. Man sieht es ihm an: der Mann versucht bis heute, sein Leben zu erfassen und zu begreifen. Er versucht zu verstehen, was das Leben mit ihm gemacht hat. Warum Gott ihn an diese Stelle gestellt hat, an einen Platz, an den er nicht hingehörte. In diesem Zusammenhang muss man es verstehen, wenn er an diesem Abend mehrfach gesagt hat, dass er heute der richtige Mann am richtigen Ort sei: ein alter Mann in Siebenbürgen, ein Gefängnispfarrer, der Mörder und Schwerverbrecher besucht und ihnen Trost spenden will für ein verpfuschtes Leben. Trost, denn die Schuld kann er ihnen nicht nehmen.

    Vergessen und Vergebung: das ist ein schwieriges Thema. Für beide Seiten, für Opfer und Täter. Das liegt vor allem daran, das Opfer und Täter oft nicht genau auseinandergehalten werden können. Wie hängen Aktion und Reaktion zusammen? Wo fängt die eigene Tat an? Und wo ist sie bloß eine Reaktion. Wo hört die Rechtmäßigkeit des eigenen Tuns auf? Wo hört die Wahrheit auf und wo fängt die Denunziation an? Wo fängt die eigene Schuld an?  Solche Dinge am eigenen Leib zu erfahren, tut sehr weh. Als Schriftsteller hat man immerhin eine Möglichkeit damit umzugehen: Aufschreiben!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    04 März 2012

    Veränderungen: Ich ziehe mich aus dem Netz zurück

    Ich dachte, ich könne das noch ein wenig hinauszögern. Vielleicht kann ich es auch. Aber diese Ankündigung kann ich nicht verzögern. Es wird hier zu deutlichen Veränderungen kommen, die ich noch nicht in allen Einzelheiten kenne. Ich werde mich aus dem Netz zurückziehen. Nicht in Gänze, aber zu einem wesentlichen Teil. Das Blog werde ich in dieser Form nicht weiterführen. Ich kenne das Ende noch nicht genau. Meinem Charakter aber liegt ein radikaler Schnitt sehr viel näher als ein langsames Sterben.

    Das hat verschiedene Gründe, die in erster Linie in der Arbeit mit Texten zu finden sind. Ich habe mich beim Essaywettbewerb von Edit beworben und dazu meinen Essay zu David Foster Wallace überarbeitet, vielmehr neu geschrieben. Nach meiner eigenen Einschätzung ist dies das mit Abstand Beste, was ich bisher gemacht habe. Das war sehr viel befriedigender als das Schreiben im Blog. Und während ich im Blog keinerlei Entwicklungen mehr spüre, ich spreche von meinen eigenen Entwicklungen!, ist in dem essayistischen Bereich sehr viel möglich. Ich muss mir Bereiche suchen, wo ich mich entwickeln kann. Das wichtigste Ziel in meinem Leben lautet: ich will eine exzellente Schriftstellerin werden.

    Da sind noch einige andere Dinge, die ich mir gerne erschließen möchte: textintensive Arbeiten zu Autoren und theoretischen Zusammenhängen, beispielsweise Der blaue Kammerherr von Niebelschütz. Ich kann das nicht nebenbei machen. Dass mein Essay bei Edit erscheint, ist recht unwahrscheinlich, es hat mehr als siebenhundert Einsendungen gegeben. Ich werde mir wohl nach dem Wettbewerb einen Ort dafür suchen müssen. Leider suchen dann auch noch sechshundertneunundneunzig andere. Sicher ist jedenfalls, dass ich nicht mehr hundert Artikel im Jahr schreibe. Ich will lieber zehn gute schreiben. Ich will auch wieder mehr lesen. Ich schiebe so viel vor mir her, wie nie zuvor. Das Interesse an diesem Blog scheint auch so gering wie noch nie, es gibt nahezu keine Kommentare mehr. Das ist vielleicht eine gute Koinzidenz.

    Selbstverständlich werde ich diese Webpräsenz weiterführen. Ich will über Das Geräusch des Werdens reden. Da passiert mir zu wenig und ich werde das wohl anschieben müssen. Außerdem, das ist vielleicht sogar noch der wichtigere Grund – dafür nämlich, dass ich nicht gänzlich gehe -: ich will über meinen nächsten Roman – Aléas Ich – reden, der im Januar des kommenden Jahres erscheinen wird. Ich weiß das bereits von meinem Prof und ich höre es auch aus anderen Ecken, derzeit vor allem von Literaturwissenschaftlern: da wird es ganz massiv Diskussionsbedarf geben. Ich weiß, dass da einige begeistert sind, andere schütteln den Kopf. Dieser Auseinandersetzung  werde und will ich mich stellen. Das wird, wenn ich das richtig voraussehe, eine wilde Diskussion geben.

    Ich kenne das Neue noch nicht, aber ich spüre sehr deutlich, dass dies das Alte ist.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    07 Februar 2012

    Der Atlas des Westens II

    In der Auseinandersetzung mit dem Text hatte ich gesagt, Höhepunkt des Romans sei die Nacht, in der die Physiker die Ergebnisse ihres Experiments sehen. Hier wird beschrieben, woran, im Moment des Geschehens!, man sich, wenn es vorüber ist, erinnern wird. Es wird eine Vergangenheit in der Zukunft beschrieben, eine Zeit, die in mehrfacher Hinsicht nicht ist. Das ist sehr interessant, wenn man sich eine andere Äußerung zu Zeit und Wahrnehmung anschaut.

    Einmal trifft sich Brahe mit Wang, einen Chinesen der am DESY in Hamburg arbeitet, den Nobelpreis bekommen hat und am CERN einen Versuch machen will. Und er will, was immer das heißt, von Brahe 20 cm im Versuchsaufbau. Das Gespräch zwischen den beiden ist hochinteressant, es besteht im Grunde nur aus Wiederholungen. Wang sagt mehrfach dasselbe, bisweilen variiert er es.

    „Wenn ich es Ihnen doch sage“, hat Brahe lächelnd gesagt. „Im Gegenteil, wahrscheinlich seht ihr in Hamburg viel mehr als wir.“
    „Aber nein. In Hamburg sehen wir gar nichts. Praktisch nichts“, hat Wang gesagt, und sich mit dem Sitz seiner Krawatte abgefunden. „Nichts, was man nicht schon gesehen hätte.“
    Es entstand eine kurze Pause; der Blick des Chinesen war abwesend und gleichzeitig ganz nahe. Ganz in sich versunken und dennoch auf Brahe geheftet, als würde er ihn berühren. Nach einem Augenblick hat er aufs Neue begonnen:“Wenn man etwas sehen will, braucht man die Kraft das herzustellen, was man sehen will. Glauben Sie nicht?“
    [ … ]
    „Wenn man etwas sehen will“, hat Wang aufs Neue begonnen, „braucht man große Willenskraft und große Energie, zuvor und danach, denn das, was hergestellt worden ist, um gesehen zu werden, sieht man nicht, während es geschieht: man sieht es zuvor als Absicht und danach als Resultat.“

    Daniele Del Giudice, Der Atlas des Westens, Seite 54 f.

    Bei Del Guidice ist nicht ein Wort ohne Absicht: dass etwas gleichzeitig abwesend und nahe sein kann, ist dasselbe, was er dann mit den Worten „Absicht“ und „Resultat“ noch ein weiteres Mal formuliert. Man sieht die Dinge nicht, während sie geschehen, also einmal. Man sieht sie zweimal, einmal bevor sie stattfinden und einmal danach. Einmal als Absicht und einmal als Resultat. Weder in der Absicht, noch im Resultat sind sie gegenwärtig. Sie sind zukünftig oder vergangen. Das heißt: sie sind zweifach vorhanden, aber tatsächlich „da“ sind sie nicht. Das ist ein hochinteressantes Gedankenexperiment. Del Giudice beschreibt hier physikalische Zustände. Aber möglicherweise beschreibt er auch mehr als das. Wir wissen ja, dass die Gegenwart von verschwindend geringer Ausdehnung ist. Sodass wir sie sozusagen von zwei Seiten umklammern, als proleptische Absicht und als analeptisches Resultat.

    In diesem Zusammenhang sind auch die Bemerkungen zu verstehen, die von zwei verschiedenen Zeiten ausgehen, einer des Verstandes und einer der Emotionen: Erleben wir die Dinge vielleicht immer zweimal, einmal vorauslaufend mit dem Verstand und dann hinterherhinkend, mit dem Gefühl? Nur das eigentliche Ereignis erleben wir vielleicht nicht. Weil das Eigentliche nicht zu erleben ist, wir erleben seine Ableitungen.

    Das ist doch hochinteressant. Wenn ich hier Kommentator_in wäre, dann würde ich mir jetzt meinen Füller schnappen und was dazu formulieren!

    Sie bemerken vielleicht, dass ich langsam und schleichend den Gender_Gap einführe.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.

     





    17 Januar 2012

    Wie soll ich’s machen?

    Am Ende meines Lebens werde ich etwa achtzig Jahre alt sein und achtzig Meter Bücher besitzen oder doch gelesen haben. Neunundsiebzig Meter davon sind mit neunundsiebzig Jahren überflüssig. In den letzten Momenten geht es nur noch um den einen Meter außergewöhnlich guter Literatur, die besten Texte aller Zeiten und Sprachräume. Wenn man vor seinem Herrgott steht, hat man nicht die Muße, miteinander das ganze Bücherregel abzuschreiten und die Vorzüge und Nachteile eines jeden Titels abzuwägen. In den letzten Momenten kann man nur noch sein Bestes vorzeigen. Gott will wissen, was man gelesen hat und ob es sich lohnt, dass er sich das auch bestellt.

    Bei achtzig Jahren und achtzig Metern kommt etwa einmal im Jahr etwas Außergewöhnliches dazu. Ich habe in den letzten Tagen des vergangenen Jahres ein solches Buch gelesen. In diesen seltenen Fällen ist das Lesen ja das reine Glück. Andere empfinden so etwas vielleicht bei der Besteigung eines Berges oder beim Tauchen. Nun stehe ich allerdings vor einem Problem: Ich weiß nicht wie ich es bewerkstelligen soll, das hier vorzustellen. Eine ernsthafte Auseinandersetzung würde mich Wochen kosten, wie damals bei David Foster Wallace. Das sind 1200 Seiten, die ich noch ein zweites Mal lesen müsste und das Schreiben eines konsistenten Textes mache ich auch nicht an einem Sonntagvormittag. Das kostet mich vier Wochen und diese Zeit habe ich in diesem Jahr nicht.

    Es handelt sich um Wolf von Niebelschütz: Der blaue Kammerherr. Das ist einer der reichsten und reichhaltigsten Romane aus deutscher Feder. Das sprüht und spritzt nur so vor Witz und Ideenreichtum. Die Kinder der Finsternis hatte mir schon gut gefallen, aber das hier ist noch besser. Ich finde es nicht erstaunlich, dass die Romane von Umberto Eco ein solches Medienecho hervorrufen. Eco ist dabei nicht einmal der größte Stilist. Erstaunlich ist vielmehr es im Deutschen ein ähnliches Schwergewicht gibt und man offenbar nahezu nichts davon weiß. Kaum ein Mensch kennt den Autor dieser zwei Romane. Obwohl er besser ist als Umberto Eco. Beide sind auch im gleichen Feld tätig: Abenteuerromane.

    Eigentlich müsste ich eine Zeitung oder eine Zeitschrift suchen, die mir Geld oder Ruhm verspricht. Dann wäre ich verpflichtet, es zu tun. Zeitungen interessieren sich allerdings nur für aktuelle Bücher. Und Zeitschriften, Literaturzeitschriften sind eher träge oder antworten nicht, wenn man ihnen schreibt. Ich kenne die Szene auch nicht so gut. Ich habe es einige Male probiert und nie eine Antwort bekommen. Ich werde es vielleicht mal bei Edit, den Manuskripten, LETTRE und beim Schreibheft versuchen. Oder ich suche mir eine literaturwissenschaftliche Zeitschrift. Aber die alle wollen einen fertigen Text. Und dann schaffen sie es nicht einmal, eine Absagemail zu schreiben.

    Diese Dinge bedeuten viel Lauferei, sehr viel sinnlose Arbeit, totale Zeitverschwendung. Ich könnte mit meinem Professor sprechen. Dann muss es allerdings auch einen Niederschlag in meiner Dissertation finden, sei es als Exkurs oder als eine mörderische Fußnote, und das wird richtig Arbeit. Vielleicht gibt es auch die Möglichkeit zu einem Lexikonartikel. Lexika allerdings werden ja auch nicht alle Tage neu geschrieben. Ich weiß derzeit nicht wie ich es machen soll.

    Bis zum 23 Januar noch: zwei Worte um das Captcha zu überlisten.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    15 Januar 2012

    Die „Costa Concordia“

    Die, die hier regelmäßig lesen, wissen, dass ich nicht sehr medienaffin bin. Ich gehe nie ins Kino, ich schaue sehr selten Fernsehen oder höre Radio. Dann und wann schaue ich aus meinem Fenster und bin manchmal schockiert. Vor allem, wenn es um Unglücke geht. So habe ich im Frühjahr letzten Jahres nach Fukushima geschaut und so schaue ich jetzt auf das Schiffsunglück nach Italien. Anders als im vergangenen Jahr will ich versuchen zu verstehen, was ich auf solchen Bildern (aus der Süddeutschen Zeitung und dem Spiegel) sehe.

     

     

     

     

     

     

     

    Die Metaphorik von Natur und Technik überschneidet sich hier auf interessanteste Weise. Das Schiff, die Technik, sieht aus wie ein gestrandeter Wal. Dieses riesige Schiff, das da beinahe am Strand liegt, auf der Seite, und aus eigener Kraft nicht wieder wegkommt. Die Motoren, die Rotoren, die Turbinen, so könnte man sich vorstellen, drehen mit aller Kraft, der Wal schlägt mit seiner Schwanzflosse, aber es reicht nicht, um sich dort weg zu bewegen. Die Kraft, die innerhalb des Mediums Wasser zigtausende Tonnen bewegen kann, ist außerhalb vollkommen machtlos. Wehrlos liegt das Meeres-Ungetüm auf der Stelle.

    Da liegt das Schiff und alle stehen am Strand auf der Insel und sehen ihm beim Sterben zu. Die Dramatik wird dadurch verstärkt, dass womöglich noch Menschen eingeschlossen sind, wie Jonas im Wal. Es ist nicht irgendein langweiliges Containerschiff. Es ist ein Kreuzfahrschiff. Hier wird deutlich das Humane in den Mittelpunkt gestellt. Das ist ein Container, der Menschen transportiert die jetzt eingeschlossen sind. Wie die Seemöwen auf dem Wal, klettern die Feuerwehrleute auf dem Ungetüm herum, die Möwen picken ein Loch in den Koloss, die Feuerwehr klopft, um nach Eingeschlossenen zu suchen.

    Lesen konnte man, dass die Menschen die das Unglück erlebt haben, sagten, die Kollision und die anschließende Schräglage, die Havarie des Schiffes sei wie in dem Film „Titanic“ gewesen. Der Film, der ein tatsächliches Unglück nachspielt – die Kunst, die die Natur imitiert und nachahmt -, wird so zum Vorbild für ein natürliches Ereignis: Zu einem emotionalen Vorbild. Der Film Titanic ist eine Wirklichkeit, die durch das Erleben einer ähnlichen Situation höchstens imitiert werden kann. Das wahre Erleben des Menschen, so scheint es, ist durch die Medien gegeben. Die Menschen schauen auf ihr Display, wenn sie wissen wollen, wie der Verkehr ist, nicht auf die Straße, wenn sie sie überqueren.

    Das wahre Leben im Film: Man hat auf See vielleicht nicht nur sein Vergnügen gesucht, die Langeweile oder den Blick aufs Meer, sondern das Abenteuer und die Gefahr. Weil man dachte, dass das wie im Film ist. Ich habe „Titanic“ nicht gesehen, aber ich vermute, dass die Hauptpersonen das Unglück überlebt haben. Wie im Film! Da kann man sich ja eigentlich nicht beschweren. Oder, wenn man sich doch beschwerte, dann ist die Frage worüber: darüber, dass der Film so wirklichkeitsgetreu war? Oder darüber, dass die Wirklichkeit wie ein Film ist?

    Normalerweise will man mehr vom Film und von Büchern: mehr Inhalt als das eigene Leben bietet, mehr Dichte und mehr Konsistenz. Fiktionale Literatur ist, wie man das nennt, überdeterminiert. Die Frage ist, ob das für das Leben auch gelten kann.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.

     





    14 Januar 2012

    Das Raunen der Piraten

    Ich habe in langen Jahren ein Schiff gebaut, einen schönen Dreimaster. Und so wie mein Schiff nicht an einem Tag gemacht worden ist, so läuft es auch nicht an einem Tag vom Stapel. Am 23. Januar wird es in allen deutschsprachigen Häfen liegen. Aber am Horizont kann man es bereits sehen.

    Es gibt Dinge, die man hier nicht sehen kann. Ich hatte eine Einladung vom WDR für ein einstündiges Radiointerview mitsamt Lesung. Ich musste es absagen. Darüber hat sich mein Verleger nicht gefreut. Gefreut hat er sich allerdings darüber, dass der Text offenbar Eindruck macht. Ich weiß derzeit noch nicht, wo ich die kommenden Monate verbringe. Es gibt die Möglichkeit nach Paris zu fahren oder nach Bukarest, wo ich Freunde haben und wohnen kann. Ich will mich zurückziehen, weil ich am nächsten Buch arbeiten muss. Jetzt habe ich ein Urlaubssemester und kann überallhin. Das Blog kann ich von allen Orten der Welt aus bedienen.

    Für den potentiellen Leser kommt das Schiff langsam näher. Und wo es für andere größer wird und greifbarer, wird es für mich kleiner. Auch wenn mein Name groß draufsteht: mich werden Sie an Bord nicht finden. Andere haben das übernommen, ein Kapitän und ein erster Offizier und Matrosen und ein Koch. Wer hier regelmäßig liest, der weiß, dass die Trennung vom Buch für mich emotional schwierig war. Es war immer meins und dann habe ich es an einen Verlag verkauft und erkennen müssen, dass es nicht mehr mir gehört. Ich musste einiges lernen, womit mein Widerspruchsgeist nicht gut zurechtgekommen ist. Ich hatte mit diesen emotionalen Verwicklungen gar nicht gerechnet.

    Ich bin nicht mehr an Bord. Ich stehe an Land und werde zusehen wie es sich bewegt, mal in der Nähe, mal etwas weiter entfernt. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit das anzuschauen. Es liegt noch in ruhiger See, aber es wird in den nächsten Monaten hoffentlich etwas windiger werden. Das Schiff kommt ja nur voran, wenn die Segel sich blähen. Vielleicht kommt es sogar in einen Sturm. Ich kann mir schon vorstellen, aus welcher Richtung der kommt. Aber so manches kleine Gebläse hat sich schon für eine Naturgewalt gehalten. Mein Schiff wird nicht kentern.

    Der Leser wird’s lesen, auf die eine oder andere Weise „schön, schön“ sagen, und dann wird er es ins Regal stellen und vergessen. So wie ich das mit Büchern auch mache. Aber für mich ist das etwas anderes. Dieses Schiff wird immer bleiben. Und anders als die Leser, die sich längst anderen Schiffen zugewandt haben, anders als für den Verlag, der den aktiven Vertrieb irgendwann aufgibt, weil die nächsten Schiffe aufgetakelt werden, eine neue Saison kommt und mit ihr neue Bücher; anders als für alle anderen wird es mich immer begleiten. Es wird immer am Horizont zu sehen sein, deutlicher oder verschwommener, wichtiger oder unwichtiger. Aber es wird immer da sein, allezeit.

    Ich habe mich schon längst abgewendet. Ich muss ja mein nächstes Schiff bauen. Nicht, weil ich nichts anderes kann. Ich kann auch mein Dissertationsrennbot fahren. Will ich aber derzeit nicht. Ich will weder einen Rumpf aus Stahl noch einen aus Carbon, keine Schaluppe, keine Pinasse. Ich will fünf Masten. Ich will die Segel setzen, die Takelage ächzen hören, ich will den Wind in den Masten spüren und abends will ich das Raunen der Piraten hören, uralte Geschichten vom Meer und seinen Opfern, seinen Helden und ihren Toden.

    Ich beende mit diesem Artikel eine Serie, die „Das Geräusch des Werdens“ begleitet hat. Nicht von Anfang an, denn der Roman war fertig, als ich dieses Blog begonnen habe. Am Tag des Erscheinens wird es einen Hinweis geben, aber hiermit findet die Trennung von der Produktion statt. Jetzt geht es um die Wirkung und, so sagt man, um die Würdigung.

    Hat ein Text eine Würde? Hat er sie von Anfang an oder bekommt er sie durch seine Leser? Durch seine, auch das sagt man so, Aneignung?

    Bis zum 23 Januar noch: zwei Worte um das Captcha zu überlisten.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.