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Aléas Anordnungen

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    Hier wird coqettiert

    Hier wird drangsaliert

    Hier wird elaboriert

    Hier wird illusioniert

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  • Aléa Torik: Lieber Christian, vielen Dank für Ihre Rückmeldung! Ich freue mich, dass Sie ungeduldig waren. Ungeduld ist ja nicht nur fehlende Geduld, sondern auch Neugier und das ist es eben, was...
  • Aléa Torik: Liebe Alice und lieber Dietmar, ich habe diesen Beitrag der meinen Roman ankündigt jetzt oben weggenommen. Das war tatsächlich wohl nicht förderlich für die anderen Artikel und wer hier...
  • Aléa Torik: Liebe Dietmar, lieber Avenarius, vielen Dank für die Hinweise. Ich kann mit Technik wenig anfangen. Ich habe dem Mann, der diese Umstellungen macht, eine Mail geschrieben. Er hat...
  • Christian: Hallo Alea, ok, ich war zu ungeduldig um auf’s angekündigte ebook zu warten. pardon. Warten ist keine Stärke von mir. Ich werde das Warten gerne nochmal üben. Und zwar auf die...
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  • avenarius: … andere kommen zweimal – alles geht schief.
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  • Der Buecherblogger: Liebe Aléa, leider lassen sich auch die Kommentare anscheinend nicht mehr aufrufen. Den von Alice kann ich nur links bis zu den drei Punkten lesen, der Kommentar selbst wird nur...
  • Alice: Liebe Aléa, vielleicht liegt das auch daran, dass man bei einem kurzen, flüchtigen Besuch gar nicht merkt, dass Sie einen neuen Text eingestellt haben, denn ganz oben steht immer noch der...
  • Aléa Torik: Liebe Ulrike, es muss nicht jede_r eine vollständige Rezension einstellen. Ich freue mich, wenn du etwas mit dem Buch anfangen kannst und Leute kennst, die das auch können. Nicht nur...
  • Aléa Torik: Liebe Claudia, hier wird’s auch kalt, aber keine sibirische Kälte. Nur einfache Kälte. Ich mag Winter und Kälte auch sehr, vor allem draußen, wenn man schön warm angezogen ist und wenn...
  • Ulrike Berretz: Liebe Aléa, am Wochenende habe ich das Geräusch das Werdens in Happen sprich Kapiteln genossen. Und direkt Montag ein weiteres Exemplar an eine Kollegin verschenkt. Nicht besonders...
  • Claudia Katzmarski: Liebe Aléa, ja, hier in Stockholm ist es auch sehr kalt! Aber es ist auch genau die richtige Zeit, sich mit (d)einem guten Buch in einen gossen Sessel zu kuscheln… Liebe...
  • Aléa Torik: Lieber Avenarius, da muss noch mal der Mann mit dem Bohrer oder dem Hammer ran! Ich werde dem gleich mal eine Mail schreiben. Was haben die Menschen eigentlich früher gemacht, als...
  • avenarius: Liebe Alea, komisch, dass diese Internetzseiten regelmäßig in funktioneller Hinsicht kollabieren. Selbst Fachleute wundern sich, wenn sie sehen, wie ihr Model auf dem Laufsteg aus den...
  • Aléa Torik: Ich fürchte fast, dass da noch einiges nicht in Ordnung ist. Der Kommentar steht dort, wo er stehen soll, aber er ist dreimal vorhanden. Oder zehn Mal. Da muss ich noch etwas ändern.
  • Aléa Torik: Lieber Phorkyas, ich bin heute kurz angebunden. Entweder bin ich im Stress oder ich bilde mir das nur ein. Warten Sie noch ein paar Tage und dann kommt der Artikel. Allerdings dürfen...
  • phorkyas: Liebe Alea, dann warte ich gespannt. Vielleicht gibt es dann ja auch was Neues zu überlichtschnellen Neutrinos, Higgs-Bosonen oder dunkler Materie. Herzlich, Phorkyas
  • Aléa Torik: Lieber Herr Iffland, ich bin auf Ihre Reaktion gespannt. Es wird sicher viele verschiedene Reaktionen geben und was dem einen gefällt, ist dem anderen ein Graus. Das ist der Reichtum,...
  • Iffland: Liebe Aléa Torik, manchmal ist man ja verblüfft über so manche Entwicklung in unmittelbarer Nähe, so dass Ihre Frage nach meinem Befinden ausgerechnet heute -und trotz meiner Sparsamkeit...

  • 17 Januar 2012

    Wie soll ich’s machen?

    Am Ende meines Lebens werde ich etwa achtzig Jahre alt sein und achtzig Meter Bücher besitzen oder doch gelesen haben. Neunundsiebzig Meter davon sind mit neunundsiebzig Jahren überflüssig. In den letzten Momenten geht es nur noch um den einen Meter außergewöhnlich guter Literatur, die besten Texte aller Zeiten und Sprachräume. Wenn man vor seinem Herrgott steht, hat man nicht die Muße, miteinander das ganze Bücherregel abzuschreiten und die Vorzüge und Nachteile eines jeden Titels abzuwägen. In den letzten Momenten kann man nur noch sein Bestes vorzeigen. Gott will wissen, was man gelesen hat und ob es sich lohnt, dass er sich das auch bestellt.

    Bei achtzig Jahren und achtzig Metern kommt etwa einmal im Jahr etwas Außergewöhnliches dazu. Ich habe in den letzten Tagen des vergangenen Jahres ein solches Buch gelesen. In diesen seltenen Fällen ist das Lesen ja das reine Glück. Andere empfinden so etwas vielleicht bei der Besteigung eines Berges oder beim Tauchen. Nun stehe ich allerdings vor einem Problem: Ich weiß nicht wie ich es bewerkstelligen soll, das hier vorzustellen. Eine ernsthafte Auseinandersetzung würde mich Wochen kosten, wie damals bei David Foster Wallace. Das sind 1200 Seiten, die ich noch ein zweites Mal lesen müsste und das Schreiben eines konsistenten Textes mache ich auch nicht an einem Sonntagvormittag. Das kostet mich vier Wochen und diese Zeit habe ich in diesem Jahr nicht.

    Es handelt sich um Wolf von Niebelschütz: Der blaue Kammerherr. Das ist einer der reichsten und reichhaltigsten Romane aus deutscher Feder. Das sprüht und spritzt nur so vor Witz und Ideenreichtum. Die Kinder der Finsternis hatte mir schon gut gefallen, aber das hier ist noch besser. Ich finde es nicht erstaunlich, dass die Romane von Umberto Eco ein solches Medienecho hervorrufen. Eco ist dabei nicht einmal der größte Stilist. Erstaunlich ist vielmehr es im Deutschen ein ähnliches Schwergewicht gibt und man offenbar nahezu nichts davon weiß. Kaum ein Mensch kennt den Autor dieser zwei Romane. Obwohl er besser ist als Umberto Eco. Beide sind auch im gleichen Feld tätig: Abenteuerromane.

    Eigentlich müsste ich eine Zeitung oder eine Zeitschrift suchen, die mir Geld oder Ruhm verspricht. Dann wäre ich verpflichtet, es zu tun. Zeitungen interessieren sich allerdings nur für aktuelle Bücher. Und Zeitschriften, Literaturzeitschriften sind eher träge oder antworten nicht, wenn man ihnen schreibt. Ich kenne die Szene auch nicht so gut. Ich habe es einige Male probiert und nie eine Antwort bekommen. Ich werde es vielleicht mal bei Edit, den Manuskripten, LETTRE und beim Schreibheft versuchen. Oder ich suche mir eine literaturwissenschaftliche Zeitschrift. Aber die alle wollen einen fertigen Text. Und dann schaffen sie es nicht einmal, eine Absagemail zu schreiben.

    Diese Dinge bedeuten viel Lauferei, sehr viel sinnlose Arbeit, totale Zeitverschwendung. Ich könnte mit meinem Professor sprechen. Dann muss es allerdings auch einen Niederschlag in meiner Dissertation finden, sei es als Exkurs oder als eine mörderische Fußnote, und das wird richtig Arbeit. Vielleicht gibt es auch die Möglichkeit zu einem Lexikonartikel. Lexika allerdings werden ja auch nicht alle Tage neu geschrieben. Ich weiß derzeit nicht wie ich es machen soll.

    Bis zum 23 Januar noch: zwei Worte um das Captcha zu überlisten.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    15 Januar 2012

    Die „Costa Concordia“

    Die, die hier regelmäßig lesen, wissen, dass ich nicht sehr medienaffin bin. Ich gehe nie ins Kino, ich schaue sehr selten Fernsehen oder höre Radio. Dann und wann schaue ich aus meinem Fenster und bin manchmal schockiert. Vor allem, wenn es um Unglücke geht. So habe ich im Frühjahr letzen Jahres nach Fukushima geschaut und so schaue ich jetzt auf das Schiffsunglück nach Italien. Anders als im vergangenen Jahr will ich versuchen zu verstehen, was ich auf solchen Bildern (aus der Süddeutschen Zeitung und dem Spiegel) sehe.

     

     

     

     

     

     

     

    Die Metaphorik von Natur und Technik überschneidet sich hier auf interessanteste Weise. Das Schiff, die Technik, sieht aus wie ein gestrandeter Wal. Dieses riesige Schiff, das da beinahe am Strand liegt, auf der Seite, und aus eigener Kraft nicht wieder wegkommt. Die Motoren, die Rotoren, die Turbinen, so könnte man sich vorstellen, drehen mit aller Kraft, der Wal schlägt mit seiner Schwanzflosse, aber es reicht nicht, um sich dort weg zu bewegen. Die Kraft, die innerhalb des Mediums Wasser zigtausende Tonnen bewegen kann, ist außerhalb vollkommen machtlos. Wehrlos liegt das Meeres-Ungetüm auf der Stelle.

    Da liegt das Schiff und alle stehen am Strand auf der Insel und sehen ihm beim Sterben zu. Die Dramatik wird dadurch verstärkt, dass womöglich noch Menschen eingeschlossen sind, wie Jonas im Wal. Es ist nicht irgendein langweiliges Containerschiff. Es ist ein Kreuzfahrschiff. Hier wird deutlich das Humane in den Mittelpunkt gestellt. Das ist ein Container, der Menschen transportiert die jetzt eingeschlossen sind. Wie die Seemöwen auf dem Wal, klettern die Feuerwehrleute auf dem Ungetüm herum, die Möwen picken ein Loch in den Koloss, die Feuerwehr klopft, um nach Eingeschlossenen zu suchen.

    Lesen konnte man, dass die Menschen die das Unglück erlebt haben, sagten, die Kollision und die anschließende Schräglage, die Havarie des Schiffes sei wie in dem Film „Titanic“ gewesen. Der Film, der ein tatsächliches Unglück nachspielt – die Kunst, die die Natur imitiert und nachahmt -, wird so zum Vorbild für ein natürliches Ereignis: Zu einem emotionalen Vorbild. Der Film Titanic ist eine Wirklichkeit, die durch das Erleben einer ähnlichen Situation höchstens imitiert werden kann. Das wahre Erleben des Menschen, so scheint es, ist durch die Medien gegeben. Die Menschen schauen auf ihr Display, wenn sie wissen wollen, wie der Verkehr ist, nicht auf die Straße, wenn sie sie überqueren.

    Das wahre Leben im Film: Man hat auf See vielleicht nicht nur sein Vergnügen gesucht, die Langeweile oder den Blick aufs Meer, sondern das Abenteuer und die Gefahr. Weil man dachte, dass das wie im Film ist. Ich habe „Titanic“ nicht gesehen, aber ich vermute, dass die Hauptpersonen das Unglück überlebt haben. Wie im Film! Da kann man sich ja eigentlich nicht beschweren. Oder, wenn man sich doch beschwerte, dann ist die Frage worüber: darüber, dass der Film so wirklichkeitsgetreu war? Oder darüber, dass die Wirklichkeit wie ein Film ist?

    Normalerweise will man mehr vom Film und von Büchern: mehr Inhalt als das eigene Leben bietet, mehr Dichte und mehr Konsistenz. Fiktionale Literatur ist, wie man das nennt, überdeterminiert. Die Frage ist, ob das für das Leben auch gelten kann.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.

     





    14 Januar 2012

    Das Raunen der Piraten

    Ich habe in langen Jahren ein Schiff gebaut, einen schönen Dreimaster. Und so wie mein Schiff nicht an einem Tag gemacht worden ist, so läuft es auch nicht an einem Tag vom Stapel. Am 23. Januar wird es in allen deutschsprachigen Häfen liegen. Aber am Horizont kann man es bereits sehen.

    Es gibt Dinge, die man hier nicht sehen kann. Ich hatte eine Einladung vom WDR für ein einstündiges Radiointerview mitsamt Lesung. Ich musste es absagen. Darüber hat sich mein Verleger nicht gefreut. Gefreut hat er sich allerdings darüber, dass der Text offenbar Eindruck macht. Ich weiß derzeit noch nicht, wo ich die kommenden Monate verbringe. Es gibt die Möglichkeit nach Paris zu fahren oder nach Bukarest, wo ich Freunde haben und wohnen kann. Ich will mich zurückziehen, weil ich am nächsten Buch arbeiten muss. Jetzt habe ich ein Urlaubssemester und kann überallhin. Das Blog kann ich von allen Orten der Welt aus bedienen.

    Für den potentiellen Leser kommt das Schiff langsam näher. Und wo es für andere größer wird und greifbarer, wird es für mich kleiner. Auch wenn mein Name groß draufsteht: mich werden Sie an Bord nicht finden. Andere haben das übernommen, ein Kapitän und ein erster Offizier und Matrosen und ein Koch. Wer hier regelmäßig liest, der weiß, dass die Trennung vom Buch für mich emotional schwierig war. Es war immer meins und dann habe ich es an einen Verlag verkauft und erkennen müssen, dass es nicht mehr mir gehört. Ich musste einiges lernen, womit mein Widerspruchsgeist nicht gut zurechtgekommen ist. Ich hatte mit diesen emotionalen Verwicklungen gar nicht gerechnet.

    Ich bin nicht mehr an Bord. Ich stehe an Land und werde zusehen wie es sich bewegt, mal in der Nähe, mal etwas weiter entfernt. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit das anzuschauen. Es liegt noch in ruhiger See, aber es wird in den nächsten Monaten hoffentlich etwas windiger werden. Das Schiff kommt ja nur voran, wenn die Segel sich blähen. Vielleicht kommt es sogar in einen Sturm. Ich kann mir schon vorstellen, aus welcher Richtung der kommt. Aber so manches kleine Gebläse hat sich schon für eine Naturgewalt gehalten. Mein Schiff wird nicht kentern.

    Der Leser wird’s lesen, auf die eine oder andere Weise „schön, schön“ sagen, und dann wird er es ins Regal stellen und vergessen. So wie ich das mit Büchern auch mache. Aber für mich ist das etwas anderes. Dieses Schiff wird immer bleiben. Und anders als die Leser, die sich längst anderen Schiffen zugewandt haben, anders als für den Verlag, der den aktiven Vertrieb irgendwann aufgibt, weil die nächsten Schiffe aufgetakelt werden, eine neue Saison kommt und mit ihr neue Bücher; anders als für alle anderen wird es mich immer begleiten. Es wird immer am Horizont zu sehen sein, deutlicher oder verschwommener, wichtiger oder unwichtiger. Aber es wird immer da sein, allezeit.

    Ich habe mich schon längst abgewendet. Ich muss ja mein nächstes Schiff bauen. Nicht, weil ich nichts anderes kann. Ich kann auch mein Dissertationsrennbot fahren. Will ich aber derzeit nicht. Ich will weder einen Rumpf aus Stahl noch einen aus Carbon, keine Schaluppe, keine Pinasse. Ich will fünf Masten. Ich will die Segel setzen, die Takelage ächzen hören, ich will den Wind in den Masten spüren und abends will ich das Raunen der Piraten hören, uralte Geschichten vom Meer und seinen Opfern, seinen Helden und ihren Toden.

    Ich beende mit diesem Artikel eine Serie, die „Das Geräusch des Werdens“ begleitet hat. Nicht von Anfang an, denn der Roman war fertig, als ich dieses Blog begonnen habe. Am Tag des Erscheinens wird es einen Hinweis geben, aber hiermit findet die Trennung von der Produktion statt. Jetzt geht es um die Wirkung und, so sagt man, um die Würdigung.

    Hat ein Text eine Würde? Hat er sie von Anfang an oder bekommt er sie durch seine Leser? Durch seine, auch das sagt man so, Aneignung?

    Bis zum 23 Januar noch: zwei Worte um das Captcha zu überlisten.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.

     





    01 Januar 2012

    Willkommen im Heute

    Ich sitze hier, rutsche auf dem Hintern hin und her und freue mich auf das kommende Jahr. Dabei wäre das gar nicht nötig: es ist ja nicht mehr das kommende Jahr. Wir schon mittendrin. Das nun auch wieder nicht, wir haben ja gerade einmal den ersten Januar. Wie dem auch sei: ich freue mich auf dieses Jahr. Das wird sehr arbeitsreich, vielleicht wird es auch erfolgreich. Das kommt darauf an, wie man Erfolg definiert. Anerkennung anderer ist sicher ein wesentlicher Teil. Anerkennung, die dann wichtig ist oder scheint, wenn es daran mangelt und vielleicht schon nicht mehr so wichtig ist, wenn man sie bekommt. Wer weiß. Ich werde von meinen Erfahrungen mit der Anerkennung berichten. Und wenn ich nichts davon berichte, berichte ich von meiner Enttäuschung. Und hoffe, dass Sie mir Anerkennung dafür zollen. Auf all das freue ich mich. Aber vor allem freue ich mich auf die Arbeit.

    Ich bin also aus meinem Winterschlaf erwacht! Vor genau einem Jahr habe ich Ankündigungen gemacht, was ich alles tun würde. Viele davon habe ich nicht getan. Das mache ich in diesem Jahr nicht. Ich verspreche nichts, ich halte nichts und ich enttäusche auch niemanden. Niemanden, der nicht vorher schon enttäuscht war oder der sich unbedingt enttäuschen lassen will und dem einfach jeder Grund willkommen ist.

    Es wird auf der ersten Seite meiner Webpräsenz die Möglichkeit geben, etwas zu meinem Roman zu sagen. Es kommen wahrscheinlich einige neue Leute hier dazu. Vielleicht lesen sie nur, vielleicht mischen sie sich auch ein, vielleicht springen sie auch schnell wieder ab. Es wird viele gute neue Literatur kommen. Es wird das eine oder andere aus meinem – ich kann das gerade nicht anders sagen – aus meinem schönen und aufregenden Leben geben: Ich habe schon den ganzen Morgen beim Frühstück gesungen. Die meiste Zeit werde ich einfach nur am Schreibtisch sitzen und auf das Display meines Laptops schauen. Es gibt sicher den einen oder anderen Erlebnisbericht.

    Ich frage mich gerade, warum mir Geld nichts bedeutet. Mag sein, weil ich aus einer ärmeren Gesellschaft komme. Aber das tun viele und nicht wenige von denen, sind umso mehr hinterm Geld her. Vielleicht liegt das daran, dass ich in der Literatur aufgehe, daran, dass ich im Leben gefunden habe, war ich machen will, an meinem Charakter oder daran, dass ich nur für mich entscheiden muss, keine Mann ernähren und keine Kinder füttern muss. Vielleicht liegt es auch daran, dass mir Zahlen völlig wurscht sind und mir eine sieben nicht anders erscheint als eine neun oder eine elf. Wesentlich ist dabei sicher, dass ich mir nichts im Leben vorstellen kann, was mich so sehr befriedigt wie das Schreiben.

    Ich wünsche allen, dass es Ihnen einigermaßen so geht wie mir, dass Sie auf Ihrem Hintern sitzen und nervös hin und her rutschen, weil sie gar nicht erwarten können, dass es endlich losgeht, dieses Jahr. Dabei sind wir ja schon mittendrin. Zwischen Heute und Gestern zu unterscheiden ist nicht so einfach. Momente liegen ja manchmal recht nah beieinander. Nicht nur an Sylvester, nicht nur an Mitternacht.

    Bei dem Bild unten muss ich den Namensnennung vornehmen. Kann ich aber nicht. Ich habe keinen Namen gefunden. Das ist ein Bild von der Datumsgrenze, beim 180 Längengrad, auf einer der Fitschiinseln. Ich habe es hierher genommen.

    Am 23. Januar wird diese Seite modifiziert und die technischen Probleme werden dann aufhören. Aber solange gilt noch: bei Kommentaren müssen Sie beide Worte eingeben.

     

     

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    19 Dezember 2011

    Mein Vorschlag für das Wort des Jahres: „Digitaler Außenseiter“

    Mein Anschreiben an die “Gesellschaft für deutsche Sprache”:

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    wohlwissend, dass Sie das nicht anbieten, möchte ich dennoch einen eigenen Vorschlag für das „Wort des Jahres“ 2011 machen. Mit diesem Vorschlag ist der Wunsch verbunden, dass Sie Ihr Auswahlverfahren modifizieren mögen und Vorschläge und deren Begründungen nicht nur von einer „Fachjury“ vornehmen lassen, sondern von denen akzeptieren, die einfach nur Nutzer der Sprache sind, aus Not oder aus Lust. Ohne dabei fachliche Kompetenzen vorweisen zu können. Ich mache hiermit den Anfang.

    Ich schlage „Digitaler Außenseiter“ als Wort des Jahres vor. Der digitale Außenseiter ist, einer Studie der Initiative D21 zufolge zu 59 % weiblich und zu 73 % nicht berufstätig. Der digitale Außenseiter ist einer, an dem der Wandel der Gesellschaft vorbeigeht. Ein Wandel, der vor allem jenen Teil der Welt betrifft, deren Nutzung für viele, vor allem Jüngere, womöglich weniger weibliche und mehr berufstätige Personenkreise, selbstverständlich ist. Für den digitalen Außenseiter ist sie ein Buch mit sieben oder mehr Siegeln und Passwörtern. Wo die einen eine eigene Hompage haben, ihr Smartphone mit Apps füttern und sich zu Weihnachten ein Tablet wünschen, verstehen die anderen nur noch Bahnhof. Ein Bahnhof in einem böhmischen Dorf, wo der letzte Zug schon lange abgefahren ist. Man sitzt einfach da und wartet und weiß innerlich, dass man da im Leben nicht mehr wegkommt.

    Das digitale Leben fängt ja nicht erst beim Computer an, das beginnt bereits beim Telefon, das Teil einer weit größeren Einheit aus verschiedenen Geräten ist. Wer sich heute für ein Telefon entscheidet, der muss sich für ein komplettes Ökosystem aus Apps samt Umgebung entscheiden, für eine Apple Plattform oder für Android oder Windows, für oder gegen Lion oder Siri, und möglicherweise auch noch für Fedora oder gegen Ubuntu. Viele können das nicht. Sie können sich nicht einmal mehr zwischen den verschiedenen Mobilfunkangeboten entscheiden, zwischen Verträgen mit oder ohne Flat, mit oder ohne home zone, weil sie nicht einmal wissen, was ein Citycall ist. Sie lassen das Telefon links liegen, weil sie die Bedeutung der Tasten nicht mehr verstehen, wo weder die Sieben noch die Neun einfach nur Tasten sind, sondern Mehrfachbelegungen, die kein Mensch versteht oder braucht. Jedenfalls kein digitaler Außenseiter.

    Das digitale Leben unterscheidet nicht zwischen dem was man braucht oder nicht braucht. Wer solche altmodischen Trennungen vollzieht, der ist bereits einer, der der Digitalen Avantgarde, der anderen Seite der Gesellschaft, hinterher humpelt. Das sind altmodische Begriffe aus der analogen Welt, die in ihrer digitalen Parallelwelt keine Rolle mehr spielen. Die digitale Avantgarde, ist eine Gesellschaftsschicht, die nichts mehr braucht aber alles kann. Die jenseits der Nöte und Sorgen der anderen, der 59 % weiblichen und 73 % nicht berufstätigen, permanent neue Anwendungen erfindet, die auch wieder keiner braucht und die Unbrauchbaren hinter sich lässt.

    Ich sehe bedauerlicherweise gerade, dass ich etwas hinterherhinke: das Wort des Jahres 2011 ist bereits vergeben. Macht nichts. Ich schlage hiermit das Wort „Digitaler Außenseiter“ als Wort des kommenden Jahres vor.

    Ich grüße Sie ganz herzlich

    Aléa Torik

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    09 November 2011

    Immer älter und gesünder

    Ich bin derzeit nicht in Berlin. Ich bin etwas südlich von Feldberg, in einem Dorf namens Carwitz. Das Dorf darf man sich nicht allzu groß vorstellen, man kommt der Wahrheit nahe, wenn man das Gegenteil tut. Das liegt an einer Seenplatte, hier herrscht eine wunderschöne herbstliche Stimmung. Langsam wird’s kühl. Aber da ich, wie ich letztens in einem Kommentar schrieb, Wolle mag, mache ich mir keine Sorgen.

    Das Polabische, vor allem die altpolabische Sprache hat hier offenbar einiges hinterlassen, so geht auch der Dorfname auf eine altpolabische Vokabel zurück, karva heißt Kuh. Ich bin also in einem Kuhdorf in Mecklenburg-Vorpommern. Und da ich auch aus einem Kuhdorf komme, fühle ich mich hier sehr wohl. Das Aufregendste in karva-carwitz bin derzeit ich selbst. Die Einwohner recken die Hälse, vielleicht bin ich zu neugierig oder sie glauben mir nicht, dass ich hier bin zum Schreiben. Außer mir gibt es hier noch das Hans Fallada Museum. Fallada war hier ebenfalls zum Schreiben und vielleicht haben die das dem auch nicht geglaubt und die Hälse gereckt.

    Ich wohne in der Datsche eines Freundes. Es gibt hier fließendes Wasser, Strom, eine Art Bett und manchmal funktioniert auch das W-LAN. Ich kann mich bei einem Nachbarn einloggen, der mir sein Passwort genannt hat. Es gibt in der Bude einen Ofen. Mal sehen wie lange ich das hier aushalte. Ich stehe früh auf, wasche mich und dann setze ich mich an die Arbeit. Einmal am Tag geh‘ ich spazieren. Heute wollte ich eine Zeitung kaufen, da gab es auch eines dieser Yellow-Press-Erzeugnisse mit der Schlagezeile: „Berliner werden immer älter und gesünder.“

    Soso, dachte ich mir. Während ich hier auf dem Land bin, ora et labora, während ich älter und erschöpfter werde und eines Tages auch ganz alt und zu Tode erschöpft sein werde, krank und kränker, werden die Berliner also immer gesünder. Und das offenbar zur selben Zeit. Ich gehe jetzt bereits, jung wie ich bin, meinem Ende entgegen, während die Berliner, so muss man das wohl verstehen, den anderen Weg nehmen. Sie werden zwar auch älter, aber sie werden immer gesünder, sodass sie offenbar, wenn sie ganz alt sind auch ganz gesund sind. Sie sterben dann wahrscheinlich nicht an Krankheiten wie unsereins, sondern an ihrer elenden, pathologisch perversen, geradezu krankhaften Gesundheit.

    Ich bleibe also lieber noch ein bisschen hier. Ein warmer Pullover, warme Socken und die klappernde Tastatur; bisweilen ein Spaziergang und früh schlafen gehen; gelegentlich ein Glas Rotwein. der hier in schönen Flaschen in einem Vorratszimmer wächst. Das alles ist sehr gemächlich. Und das kommt meinen natürlichen Zeitempfinden entgegen. Da hat mich doch der Phorkyas eine Heilige genannt, wo ich doch bloß eine Eilige bin. Aber alle Eile kommt hier zur Ruhe.

    Noch immer. Zwei Worte bei Kommentaren und die Technik lässt Sie durch.

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    03 November 2011

    Neuzugang auf der Blogroll: Elif Batuman

    Ich hatte nichts mit der Buchmesse zu tun. Ich habe schon länger das Gefühl, dass das nicht meine Veranstaltung ist. Dennoch las ich eine Bemerkung zu Elif Batuman, die in Komparatistik in New York (oder spielt mir da meine Erinnerung einen Streich?) promoviert hat, eine Türkin in Amerika. Da habe ich natürlich sofort an eine Ihnen bekannte Rumänin in Deutschland gedacht. Elif Batuman schreibt für diverse Magazine, den New Yorker (kommt das vielleicht daher?) und andere. Ich dachte: Aha, da wird also doch noch mal etwas aus mir. Ich promoviere, parallelisiere, paralysiere, und ZACK, geht’s mir so wie ihr: ich werde eines Tages über Literatur schreiben und bekomme auch noch Geld dafür.

    Frau Batuman hat ein Buch geschrieben “The Possessed. Adventures with Russian Books and the People Who Read Them”. Das ist übersetzt worden. Ich hab mir das Buch, die Übersetzung, im Internet bestellt. Soll man ja nicht tun, wenn man dem Buchhandel glaubt: das Internet ist böse. Ich hab‘s dennoch da bestellt. Ein bisschen Bosheit tut mir ganz gut. Ich dachte, es sei ein Roman. Das steht allerdings nicht drauf. Und es auch keiner drin. Dann dachte ich, es sei eine Sammlung von Essays, weil Teile, das steht immerhin im Buch, als Essays in Magazinen vorab erschienen sind. Aber es sind keine Essays.

    Ich habe schon einige schlechte Erfahrungen in Deutschland mit Worten gemacht. Unter anderem mit dem Wort Essay: man kann alles und nichts einen Essay nennen. Im Grunde kann man auch einen Rasenmäher als einen Essay auf die Kürze des Grases bezeichnen. Es ist leider kein Roman, es sind leider auch keine Essay und ein Rasenmäher ist es wohl auch nicht. Das sind Geschichten, deren Hauptfigur Elif Batuman ist. Geschichten, die sich im weitesten Sinne um Literatur drehen, weil Elif Batuman sich darum dreht. Vielleicht drehen sie sich nicht, sie tangieren, tranchieren, torpedieren und travestieren die vor allem russische Literatur. Und da kennt die Autorin sich ohne Zweifel sehr gut aus.

    Wir haben es mit einem offenkundig außergewöhnlich hohen Grad an Identität der Elif Batuman vor mit der Elif Batuman in dem Buch zu tun. Die Differenz zwischen der echten und der fiktiven Person ist offenbar gegeben durch die witzigen Formulierungen. Denn das Leben ist ernst, also muss die witzige Variante die Fiktionalisierung dieser ernsten Wirklichkeit sein. Bedauerlicherweise fand ich das Buch nicht witzig, nicht mal ansatzweise. Gerade dieser Umstand wird aber in allen Rezensionen betont, der Witz und die Klugheit, da ist sogar – hör sich einer das an – von ihr als eine der „besten Essayistinnen der Welt“ die Rede.  Also muss der Abstand der beiden Batumans für die anderen Leser größer gewesen sein als er für mich war. Ich konnte kein lyrisches Ich erkennen. Das aber wäre eine Minimalanforderung an ein literarisches Werk.

    Ich habe nicht ein Mal gelacht. Der türkisch-amerikanische Humor ist offenbar deutlich von dem deutsch –rumänischen unterschieden. Eine von uns beiden hat offenbar einen anderen Humor! Vielleich ist dieses türkisch-amerikanische-Roman-Essay-Rasenmäher-Gemisch sogar höchst explosiv. Aber die vertrocknete Frau Torik wird es nicht herausfinden. Ich habe das Buch beiseitegelegt. Welches Genre das auch immer sein mag, ich kann nur hoffen, dass es nicht zum allgemeinen Maßstab erhoben wird.

    Ich sage dennoch ausdrücklich, dass das hier kein Verriss ist. Ich wüsste gar nicht wie man das macht und es gibt keine Textsorte, die mich noch weniger interessiert als der Verriss. Ich will möglichst selbstkritisch sein und den Fehler von Elif Batuman bei mir suchen: Mir passt sowieso gerade nichts. Ich breche alle Lektüre ab. Ich werfe alles in die Ecke. Da liegt auch „Der letzte Tag“ von Pynchon und ich halte es nicht für wahrscheinlich, dass ich den da noch einmal herausbekomme. Das ist umso erstaunlicher, da er mir, als ich ihn kennenlernte, sehr gut gefallen hat. Vielleicht hat er mir nicht gefallen, sondern nur imponiert. Und heute lasse ich mir nicht mehr imponieren.

    Ich lese derzeit die Einleitung der Dissertation von Frau Batuman und die gefällt mir gut und ist weitaus besser geschrieben als das Buch. Das ist auch eine liebevoll gemachte Seite, und da sie auch eine Art Blog hat – My Life and Thoughts – nehme ich sie in meine Blogroll auf. Ich nehme auch einige von der Blogroll herunter, vor allem die fünf Litblogs-Leute, weil ich die ja schon über Litblogs verlinkt habe. Nicht, dass sich Verschwörungstheorien bilden.

    Zur Überwindung des Captchas müssen bei Kommentaren beide Worte eingegeben werden.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    und zwar soeben.





    17 Oktober 2011

    „Man wird nicht als anderer geboren, ..

    … man wird zum anderen gemacht.“

    Das hat einer meiner Professoren in Bukarest, George Guţu, gesagt. Sowie man zum Objekt einer (ethnologischen) Beschreibung wird, wird man ver-andert. Und indem man ver-andert wird, vermute ich, wird man verändert.

    George Guţu meinte das damals, wenn ich mich recht erinnere, so umfassend wie nur möglich. Jede im Kern ethnologische Beschreibung macht einen anderen zum anderen. Wenn das so ist, dann ist die Frage, ob und inwieweit das Wissen um diesen Sachverhalt einem etwas vom Selbst oder vom Eigenen nimmt. Oder ob und inwieweit das Selbst vielleicht gerade in diesem Wissen, im Widerstand gegen die Ver-anderung, erst entsteht oder sich zumindest konturiert.

    Einfach nur „sein“ hat vermutlich keine Spezifizität, wenn man das nicht sehr stark mit Begriffen auflädt. Das Selbst entsteht womöglich durch die Aufgaben, die an es herangetragen werden. Wie die Organe entsprechend ihrer Verwendungen und Funktionen entstehen. Wie die Niere nicht nur einfach eine Funktion hat, sondern sie hat eine ganz bestimmte Funktion. Die Frage ist auch, inwieweit wir uns von dem Begriff der Funktionalität leiten lassen, ob wir das Selbst als ein soziales Selbst verstehen, das einzig oder vor allem der sozialen Funktion gehorcht und sich dementsprechend anpasst. Anpassung ist wohl ein Begriff, der nicht sehr hochwertig einzuordnen ist. Möglicherweise ist das aber auch ein positiver Prozess der Verselbstung, diese Ver-anderung.

    Bevor mein schöner aufrechter Beitrag hiermit vollends auf die schiefe Bahn, und ich mit ihm, da sich ein Sprachgebrauch einschleicht, der mich allzu sehr an Martin Heidegger erinnert; bevor das gegen die Wand fährt, da ich die nicht mag, diese Sprache Heideggers, und darüber hinaus auch nicht viel von seinen Texten verstehe, beende ich hiermit meinen abendlichen Versuch, etwas Sinnvolles zuwege zu bringen.

    Ich meine das wirklich ernst: ich habe die technischen Veränderungen angeschoben und hier wird sich einiges verbessern. Allerdings ist die schiefe Bahn der Technik noch nicht schief genug, so dass auch jetzt noch gilt: bei Kommentaren zwei Worte eingeben (vielleicht hat man meinen Ehrgeiz bemerkt, immer andere Formulierungen für immer den gleichen Sachverhalt zu finden?).

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    28 September 2011

    Or-bit-or

    Der internationale Romanistentag hat in den vergangenen Tagen in Berlin stattgefunden. Zu Beginn meines Urlaubssemesters habe ich mir dennoch einige Vorträge angehört, vor allem im Bereich der Rumänistik. Die Rumänisten sind eine überschaubare Sektion innerhalb der Romania. Ich kenne da einige Leute. Sieben, um genau zu sein. Also alle! Kontakte sind wichtig, Bekanntschaften und Freundschaften nicht minder.

    Ich interessiere mich vor allem für die Orbitor-Trilogie von Mircea Cărtărescu. Da ist derzeit nur der erste Teil übersetzt als „Die Wissenden“. Im Original heißen die drei Teile “Orbitor. Aripa stângă” (Blendend, Der linke Flügel); “Orbitor. Corpul” (Blendend, Der Körper); “Orbitor. Aripa dreaptă” (Blendend, Der rechte Flügel). Cărtărescu hat auf die Frage, ob er seinen Roman in wenigen Worten zusammenfassen könnte, die folgende Antwort gegeben: „Ich habe 14 Jahre und 1500 Seiten gebraucht, um herauszufinden, worum es in dem Roman geht. Jetzt kann ich es sagen, jedoch nicht in wenigen Worten, sondern in genauso vielen, wie ich im Buch verwendet habe.“, hier. Irgendwo in seinem Jurnal heißt es einmal, glaube ich, er wolle „mit perversem Verstand, ein unlesbares Buch schreiben“. Vielleicht hat das auch jemand über ihn gesagt. Es ist ein unlesbares Buch. Es ist eine erhebliche Herausforderung für jeden Literaturwissenschaftler. Man meint an vielen Stellen es zu begreifen. Aber man begreift es nicht.

    Allein der Titel ist von einiger Komplexität. Alle drei Teile heißen „Orbitor“. Die korrekte Übersetzung ist „Blendend“. In der doppelten Bedeutung von Sehen, nämlich ein Sehen, das mehr ist als ein Sehen. Ein Über-Sehen. Ein so deutliches Sehen, dass es zu viel ist und der geblendete Mensch eben nichts mehr sieht. „Orbire“ bedeutet Erblinden. Dann steckt in dem Wort natürlich der Orbit, die Umlaufbahn, deren Rundung beim Sprechen sowohl im Eröffnungslaut – Or – als auch im identischen Verschlusslaut – or – mit den Lippen bildnerisch nachgezeichnet wird. Orbitor hat aber noch andere Anklänge und kann auch „Abstumpfung“ oder „Banalisierung“ bedeuten. Diesem Bild einer Umlaufbahn, der Wiederkehr der Planten und Ereignisse, allerdings auch der stumpfen Wiederholung, wird ein zweites Bild mitgegeben, das in allen drei Teilen des Romans wiederkehrende (!) Bild des Schmetterlings – die in der rumänischen Mythologie aus den Tränen der Jungfrau Maria geboren werden – mit seinem Körper und seinen beiden Flügeln: hier klingen die Verwandlung der Raupe an, die Schönheit des Tieres, das Fliegen, die Ziellosigkeit, die geometrische Zeichnung der Flügel und intellektuelle Mitbedeutungen wie das Assoziationsvermögen beispielsweise im Rohschach-Test und die Unterteilung des Gehirns in zwei einander ergänzende Hälften. Der Schmetterling ist in der Trilogie, wenn man das sagen kann, das Bild für eine ästhetische Erlösung. All das ließe sich noch sehr viel ausführlicher entfalten.

    Prof. Michelé Mattusch hat in ihrem Vortrag einen Gedanken paraphrasiert, der in dem Roman thematisiert wird: die Struktur eines Termitenhügels ist durch den Bau der Kiefer der Termiten vorgeben. Das finde ich ein sehr schönes Bild. Die Welt der Termiten sieht so aus wie sie aussieht, weil die Tiere sie so begreifen können. Diese Welt ist eine ihren Organen und ihrem Wahrnehmungsvermögen adäquate Welt. In einer anderen könnten sie gar nicht leben. Sie gehen nicht ins Kino, weil sie keins haben und sie haben keins, weil sie das Organ dafür nicht haben: das Gehirn, die Augen oder einfach die cineastische Leidenschaft.

    Ich habe in den vergangenen Tagen zwei Zeitungsartikel gelesen, die mich in Erstaunen versetzt und meinen Widerspruch provoziert haben. Beide (eins, zwei) drehen sich um dasselbe Thema, darum, dass Physiker offenbar, oder möglicherweise, Teilchen entdeckt haben, die sich schneller als das Licht bewegen. Das würde Einsteins Relativitätstheorie und dessen zentrale Konstante, nichts ist schneller als das Licht, zusammenbrechen lassen. Vielleicht haben diese Physiker das nur deswegen entdeckt, weil die Drittmittel ja irgendwoher kommen müssen und da macht sich der Zusammenbruch des Universums oder seiner stabilisierenden Theorie ganz gut. Aber irgendwo und irgendwann geht ja immer gerade die Welt unter, zum Beispiel am 21. 12. 2012. Für irgendwas ist das immer gut, in diesem einen Fall für die Grundstückspreise in Bugarach.

    Wie der Bau des Termitenhügels im Bau der Termitenkiefer bereits vorgegeben ist, so ist der Bau des Universums bereits durch den Bau des menschlichen Gehirns vorgegeben. Die Welt, die wir verstehen ist die Welt, die wir verstehen können. Keine andere. Das heißt aber nicht, dass es da nicht eine andere gibt. Ich empfinde es als lächerlich und anmaßend, zu glauben, das Universum sei wirklich so aufgebaut wie die physikalischen Beweise es zeigen. Das Universum ist vielmehr so, wie die Beweise es beweisen. Sie beweisen nichts anderes, als wie wir es uns vorstellen können. Das ist natürlich letztlich mit jedem Beweis so und auf diese Weise lässt sich kaum ein Axiom wie der Satz des Pythagoras relativieren. Wir müssen davon ausgehen, dass eins und eins immer zwei ist. Egal unter welchen Umständen (obwohl ich meine, mich erinnern zu können, dass es bei den irrationalen Zahlen anders ist. Aber für mich sind alle Zahlen irrational. Was das Leben nicht einfacher macht!).

    Dennoch empfinde ich das Ganze als eine gigantische Bauernfängerei. Dolle Sache da draußen: Schwarze Löcher und Antimaterie. Lichtgeschwindigkeit, an deren Grenzen wir wieder jünger werden. Ursache und Wirkung geschehen in unterschiedlicher Reihenfolge, Reisen in die Vergangenheit und in die Zukunft. Ziemlich großes Spielzimmer, was sich die Physiker da ausgesucht haben. Das derzeit größte. Weltweit. Und darüber hinaus.

    Man macht sich im CERN in Genf und anderen Orten irgendwo in Amerika, ich glaube am MIT, auf die Suche nach den Anfängen des Universums. Das ist die Grenze zur Fiktionalität. Das ist die Grenze zwischen Science Fiktion und Wirklichkeit. Das sind die Erzählungen vom Anfang der Welt. Man macht sich anhand von Zahlen ein Bild. Man sucht ja letztlich keine Zahlen. Man sucht Bilder. Man sucht Worte. Weil man sich anhand von Bildern und Worten eine Geschichte erzählen kann. Am Ende ist alles so wie wir es uns vorstellen können. Oder wir stellen uns es so vor wie es ist. Das macht keinen Unterschied mehr.

    Brigitte Heymann, eigentlich Romanistin, hat in ihrem Vortrag, in Bezug auf den Blutkreislauf und viele andere Ereignisse, gesagt: „Wir können das nicht sehen. Wir können das nicht erfahren. Aber wir können es schreiben.“ Mircea Cărtărescu sagte einmal in übertragenem Sinne in „Orbitor“: der Weltraum braucht kein menschliches Auge. Ganz meiner Meinung. Man schießt also mit Lichtgeschwindigkeit winzige Teilchen aufeinander und schaut sich dann die Schäden an. Jeder literarische Schuss in den Ofen ist interessanter. Und deutlich günstiger.

    Bei Kommentaren muss man noch immer das captcha mit beiden Worten überwinden.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 September 2011

    Apocalipsă

    Wenn ich aus Rumänien wieder nach Deutschland komme, habe ich in der Regel Schwierigkeiten mich hier einzuleben. Ich komme aus einer anderen Welt und ich bin hier dann mehr oder weniger schnell an dem Punkt, wo ich mich frage, wie sinnvoll das alles ist, was ich tue.

    Das Leben dort ist ganz anders als hier. Ich beschäftige mich mit anderen Sachen und ich spreche eine andere Sprache. Ich habe andere Menschen vor der Nase, andere Probleme, andere Geschichten. Ich bin politischer als hier, wo ich nur teilweise verstehe was passiert. Dort sitze ich den ganzen Tag lang herum und rede.

    Ich habe einen halben Tag mit einer Freundin über Roșia Montană gesprochen. Rumänien geht’s wirtschaftlich nicht sonderlich gut. Anders als Griechenland, an dem Europa und die Welt mitleidet – nicht weil die Griechen netter sind als die Rumänen, sondern weil die einen den Euro haben und die anderen nicht – leidet Europa nicht an Rumänien. In Roșia Montană sieht der rumänische Präsident Traian Băsescu die Teil-Lösung dieses wirtschaftlichen Problems. Dort liegen gigantische Goldvorräte .

    Vor einigen Jahren hat man sich zur Zusammenarbeit mit dem kanadischen Konzern Gabriel Resources Ltd. entschlossen, vielmehr hat man die Schürfrechte sozusagen abgegeben. Nun liegt das Gold da leider nicht – wie in Fort Knox – in schönen handlichen Barren im Keller herum. Das Gold muss nicht nur gestapelt, sondern es muss abgebaut werden, es ist ein in Gesteine eingespengseltes mineralisches Gold. Die Kanadier wollen das tun, indem sie ein Verfahren benutzen, das in der EU so nicht mehr zulässig ist: indem sie Cyanid einsetzen. Das Verfahren nennt man Auslaugen. Zurück bleiben gigantische Abraumhalden mit vergifteter Natur. Zurück bleiben auch riesige Mengen zyaniertes Wasser, das in Staubecken eingelagert wird. Was passiert, wenn die Dämme brechen, hat man schon einmal erfahren müssen. Im Jahr 2000 hat es in Baia Mare die nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl zweitgrößte Umweltkatastrophe Europas gegeben. Eigentlich war das Projekt auch schon vom Tisch. Aber der rumänische Präsident hat es neu für sich entdeckt. Und der steigende Goldpreis tut sicherlich auch nichts für die Umwelt.

    Cyanid ist ein Schwermetall, die Blausäure zerstört die ganze Gegend dort. In der beabsichtigten Menge ist das eine Umweltkatastrophe, die nicht zufällig entsteht, sondern bewusst eingeleitet wird. Nun ist diese Gegend, die Munții Metaliferi, eine einmalige Natur, die zerstört wird. Das Empfinden für Natur ist in Siebenbürgen sehr ausgeprägt. Man weiß, jedenfalls empfindet man das so, dass die Karpaten einer der schönsten Gegenden Europas sind. Das Empfinden für die Zerstörung der Natur ist allerdings vor allem bei Gebildeten vorhanden. Oder die Bereitschaft, sich darauf einzulassen. Und Umweltprojekte sind nahezu nicht zu finanzieren. Die Leute sind froh, wenn sie Arbeit bekommen und genau das verspricht die kanadische Firma ja auch. Von Mülltrennung wie sie in Berlin und wahrscheinlich in ganz Deutschland praktiziert wird, ist man weit entfernt. Einen Artikel zu dem Widerstand, allerdings schon einige Jahre alt, aber mit Fotos, gibt es im Eurasischen Magazin, hier.

    Aber es ist so weit weg, von meinem Leben hier, von meinem Schreiben und meinen anderen Interessen, dass ich gar nicht darüber berichten möchte. Dort drüben höre ich immer Geschichten, während ich hier nie Geschichten höre. Alle erzählen mir dort Geschichten, von der Nachbarin, deren Dachstuhl eingestürzt ist und die glaubt, dass da wer am Werk war. Von der Cousine, die heiraten will oder die vielleicht nur das will, was der Mann will, der sie heiraten will. Von der Frau, die in den Wald gegangen und nicht wieder herausgekommen ist. Hier muss ich mir alle Geschichten selbst ausdenken. Dort war noch Sommer, hier ist schon Herbst. In Bukarest waren fünfunddreißig Grad, da geht alles um zehn oder zwanzig Prozent langsamer. Und es geht nicht nur langsamer, gemächlicher, schwitzender, es geht einfach anders. Das sind genau die zehn Prozent, die das Leben dort und hier voneinander unterscheidet.

    Hier steht mir ein Urlaubssemester bevor, mit vor allem einer großen Aufgabe, den zweiten Roman zu beenden. Damit ich in den beiden kommenden Semestern an der Diss arbeiten kann. Hier ist alles sehr stark durchstrukturiert. Es ist natürlich deswegen so, weil ich das mache. Ich vermute, dass das Leben zu einem großen Teil aus Alltäglichkeit besteht. Eingespannt in einen Rahmen aus Interessen und Notwendigkeiten, aus Eintönigkeit und Abwechslung, stellt man sich die Frage nach einem Sinn eigentlich nicht. Ich stelle sie mir nicht. Ich stelle sie an solchen Umbrüchen, wenn ich von der einen in die andere Gegend, von der einen Vorstellung in die andere reise. Jetzt steht der Klotz „Roman“ vor mir. Das sind sechs arbeitsreiche Monate. Dann muss das fertig sein. Die Art von fertig, die es eben sein muss, bevor ich mit dem Lektor zusammenarbeite. Oder gegen ihn.

    Die Apokalypse ist sehr beliebt in Rumänien. Man sieht sie überall am Werk. Überall apokalyptische Reiter. Ich erzähle einen Witz. Aus irgendeinem für den Witz nicht wichtigen Grund geht die Welt unter: Vulkane und Atome. Vulkanausbrüche, Atomkraftwerks- oder Atombombenausbrüche und- explosionen, Erdbeben, Asteroiden, untergehender Dollar, untergehender Euro. Weltweit stürzen die Flugzeuge ab. Missgeburten, Tod und Pestilenz. Alles kaputt. Alle Menschen verstrahlt, verstümmelt und tot. Nur die Rumänen haben überlebt. Nur den Rumänen geht es wie immer. Und warum ist das so? Ganz einfach: Weil die Rumänen eben schon immer 50 Jahre hinterher waren.

    Bei Kommentaren bitte beide Worte eingeben.

    Ich war in Sibiu in einer Ausstellung. Weil man nicht fotografieren durfte, gibt es nur das Plakat dazu.