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  • 07 Dezember 2014

    Je weniger die Sprache ein Buch trägt, umso mehr Handlung braucht es

    Viele, vermutlich sogar die meisten Leser wollen, wenn sie ein Buch lesen,  Handlungen.  Sie wollen wissen wie, was auf der ersten Seite beginnt, weitergeht. Und weitergehen kann es ihrer Meinung nach nur über die Handlung. Alles, was den Fortgang der Ereignisse hindert, zu viele oder zu wenig Personen und Dinge, zu differenzierte Charaktere, die ausbearbeitet und dargestellt werden müssen, ja, sogar die Sprache selbst ist bloß hinderlich. Und weil die meisten Leser nicht nur wissen wollen wie es weiter-, sondern vor allem, wie es ausgeht wär man am liebsten schon mit dem Buch am Ende. Das beste Buch ist das, bei dem man nach der ersten gleich zur letzten Seite springen kann, weil der Mittelteil sowieso nur eine Form der Hemmung ist. Statt gleich zu sagen was passiert, muss der Held in vielen Romanen erst elend lange geläutert werden, allerlei Gewissenskonflikte bestehen, in Liebesdingen Glück und Schmerz erleiden, mehr verlieren als je ein Mensch gewinnen kann und schließlich erkennen, dass selbst er, der Held seines eigenen Lebens, nur einen begrenzten Einfluss auf den Ablauf der Ereignisse hatte, weil sie nicht konzentrisch auf ihn zulaufen, sondern meist an ihm vorbei; all solche Dinge, bis es endlich an die letzte Seite geht, wo, hoffentlich, die Liebenden sich in den Armen liegen.

    Je weniger die Sprache ein Buch trägt, umso mehr Handlung braucht es. Sprache dient dann lediglich dazu, diese Handlung zu berichten. Die Wörter, mit denen das stattfindet, sind den Ereignissen aber eigentlich sogar im Weg. Das liegt natürlich am modernen Leser. Wir brauchen Ereignisse, heute mehr denn je. Wir hetzten von Ereignis zu Ereignis, die immer dichter aneinander rücken, damit keine leeren Stellen dazwischen liegen. Leerstellen sind für handlungsorientierte Menschen geradezu fruchterregend. Viele Menschen, so hat eine Untersuchung ergeben, ein Bericht in der FAZ, der, so scheint es, nicht online ist, können es nicht ertragen, auf sich selbst reduziert zu werden. Sie würden eher Schmerzen empfinden wollen, als sich einen Tag lang nur mit sich selbst und den eigenen Gedanken beschäftigen zu müssen. Handlung ist auch Ablenkung vom eigenen Selbst. Selbstverständlich findet sich das auch in der Literatur wieder, die Auffassung, dass ein in einem Buch dargestelltes Leben auf seiner Handlung aufbaut (und dann letztlich natürlich auch das Buch selbst, das nach Handlung verlangt (sonst kommt der Leser womöglich noch auf den Gedanken, dass es sich bei der dargestellten Person um eine handlungsunfähige (und damit im Grunde auch darstellungsunfähige Person handelt, (vielmehr nicht handelt)))). Meiner Auffassung nach können andere Medien, allen voran der Film, Handlungen sehr viel besser darstellen. Medien, die nicht auf die Sprache angewiesen sind. Denn das ist die Handlung ja in ihrem Kern: eine Tat. Und die Tat braucht die Sprache nicht. Sie ist ihr sogar im Wege.

    Eine rein äußerliche Handlung, die bloße Tat, finde ich sterbenslangweilig. Ein character der von der Couch aufsteht, die Wohnung verlässt, beim Nachbarn klingelt und ihm unangekündigt eine aufs Maul haut: der interessiert mich nicht. Sehr viel interessanter ist der character der auf der Couch sitzen bleibt und sich vorstellt, zum Nachbarn rüberzugehen und ihm endlich mal richtig was aufs Maul zu hauen. Ich bin sogar der Auffassung, dass es kaum einen größeren Unterschied zwischen zwei Romanen geben kann, als zwischen diesen beiden Varianten. Und nur die zweite Variante richtet sich an einen mündigen Leser. Nur die hat einen Bezug zu ihm. Denn der Leser ist keiner, der zum Nachbarn rübergeht. Der Leser ist einer, der auf der Couch sitzt und sich, unter Zuhilfenahme eines Buches vorstellt, rüberzugehen; oder was immer man ihm in dem Buch auftischt, das er gerade liest. Und er macht das, weil er weiß, dass das die sehr viel interessantere Tätigkeit ist: dasitzen und lesen und sich was vorstellen. Sich Dinge vorstellen, die er de facto gerade nicht tut. Wüsste er das nicht, würde er das Buch weglegen und etwas tun.

    Der Artikel im KLG spricht bei meinem ersten Roman von „weitgehend reduzierter“ und beim zweiten von „denkbar ereignisloser“ Handlung. Bei meinem dritten Text ist diese Tendenz noch ausgeprägter. Allerdings wird da auch ein character in der letzten Sekunde seines Lebens beschrieben, und die zeichnet sich, so meine ich prognostizieren zu dürfen, vor allem durch ausgeprägte Handlungsarmut aus. Dafür bin allerdings nicht ich als Autor_in verantwortlich, sondern der Leser. Denn der ist es, der nahezu bewegungslos auf der Couch liegt und sich mit Worten zufriedengibt. Soll er doch aufstehen und zum Nachbarn rübergehen, klingeln und ihm, weil ihn Handlungsarmut nervt, was aufs Maul hauen. Es ist nicht mein Job, ihn davon abzuhalten oder ihn sogar zu ermutigen. Mein Job sind nur die Worte. Ob die als handlungsintensiv, spannend oder lustig, als Ermunterung zu oder Verhinderung von Taten empfunden werden fällt vollständig in den Verantwortungsbereich des Lesers.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.



    Kommentare

    Kommentar von Stephanie
    Datum/Uhrzeit 7. Dezember 2014 um 11:25

    Liebe Aléa,

    ich denke, dass sich ein Schriftsteller nicht in erster Linie nach den Lesern richten sollte. Viel mehr danach, was er eben zu sagen und damit zu geben hat. Genau dadurch entsteht die Vielfalt an Literatur, die ich sehr schätze.

    Allerdings sind Bücher für viele Menschen eine Art Droge, die sie in Träume hineinzieht von Leben, die sie selber niemals führen werden. Ich selber lese manchmal aus diesem Grund und dann ist die Handlung natürlich wichtig. (Wobei eine gute Geschichte meiner Meinung nach nicht ohne einer reichen Sprache existiert.) Aber das ist nur ein Aspekt des Lesens, auf den nicht die ganze Buchproduktion ausgerichtet sein sollte.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 7. Dezember 2014 um 19:28

    Liebe Stephanie,

    Literatur hat zwei unterschiedliche Funktionen, die man in der Regel nicht auseinanderhält. Die erste, die offensichtlichere der beiden, ist die der Unterhaltung. Dazu gehört das Schmökern am Strand ebenso wie die sinnierende Prüfung eines jeden Wortes durch den Philosophen. Dabei ist es einerlei, ob es sich um eine kitschige Liebesgeschichte mit zweifelhaftem literarischem Niveau handelt oder eine anspruchsvolle Betrachtung der Liebe, mit zweifelhaftem literarischen Niveau. Die andere Funktion ist die der Sprache selbst. Jene Sprache, die möglicherweise gar nicht in dem Buch steht; vielmehr ist das, was da steht, nur ein kleiner Anteil davon, der dennoch, so funktioniert Sprache, ein Verweis auf die Sprache insgesamt ist. Diese beiden Funktionen, werden aus dem Grund nicht voneinander getrennt, weil man das gar nicht kann.

    Wenn man nur die erste Funktion betrachtet, könnte man tatsächlich annehmen, dass ein Schriftsteller, der das Buch ja schreibt, der ja entscheiden kann, ob hier dieses oder jenes Wort steht, ob er eine angenehme oder eine unangenehme Person erschaffen will, einen Mann oder eine Frau; dass sich ein Schriftsteller nach dem Geschmack des Publikums richten könnte. Wenn man aber die zweite Funktion hinzunimmt, erkennt man, dass er es nicht kann, weil seine, wie frei auch immer gewählten Worte lediglich Teil eines gesamten Zusammenhangs sind, den wir, sagen wir einmal die Erhaltung der Lesefähigkeit (von was auch immer) als einer der zentralen kulturellen Fähigkeiten nennen können. In diesem zweiten, großen Zusammenhang ist der Leser mindestens ebenso sehr eingebunden wie der Autor. Aber der Leser – so ungefähr lautete die etwas provokante These meines Artikels – kann entscheiden, ob das, was er liest, gut oder schlecht ist, handlungsreich oder handlungsarm. Weil der Leser einen größeren Einfluss auf diese zweite Funktion von Sprache hat. Schnörkelloser ausgedrückt: Ich kann nichts dafür, dass in meinen Büchern wenig passiert, aber du. Nämlich für deine Einschätzung, ob das wenig oder nicht wenig ist.

    So ungefähr jedenfalls. Und das Ungefähre ist das, das ist genau das, was wir Schriftsteller als das Poetische empfinden.

    Herzlich
    Aléa Torik

    Kommentar von Christian
    Datum/Uhrzeit 8. Dezember 2014 um 19:13

    Hallo zusammen,

    beim Lesen des Beitrages und der Kommentare kamen mir die Aussagen zweier Autoren in den Sinn, die ich in diesem Zusammenhang interessant fand und teilen möchte:

    Die eine Aussage stammt von David Foster Wallace:

    Ein Ausschnitt aus einem Interview im Whiskey Island Magazin aus dem Jahr 1993:

    HK: What would you like your writing to do?
    WALLACE: You want an honest answer, right?
    HK: Reasonably.
    WALLACE: It’s very hard to separate what you want the writing to do from your own desires about how you will be regarded because of the work. At three o’clock in
    the morning, when it’s just me, I have the fantasies of ticker tape parades and Poet Laureate of the Western World and MacArthur Grants and Nobel Prizes, readings like the one last night except with 15,000 people, you know, that type of stuff. So no feelings about desired effect are pure, free of selfish ends. But there are a few books I have read that I’ve never been the same after, and I think all good writing somehow addresses the concern of and acts as an anodyne against loneliness. We’re all
    terribly, terribly lonely. And there’s away, at least in prose fiction, that can allow you to be intimate with the world and with a mind and with characters that you just can’t be in the real world. I don’t know what you’re thinking. I don’t know that much about you as I don’t know that much about my parents or my lover or my sister, but a piece of fiction that’s really true allows you to be intimate with … I don’t want to say people, but it allows you to be intimate with a world that resembles our own in enough emotional particulars so that the way different things must feel is carried out with us into the real world. I think what I would like my stuff to do is make people less lonely. Or really to affect people. I think sometimes what I’m doing, if I try to be particularly offensive or
    outrageous or whatever, is just being really hungry for some kind of effect. I think you can see Bret Ellis doing that in American Psycho. You can’t make sure that everybody’s going to like you, but damn it, if you’ve got some skill you can make sure that people don’t ignore you. A lot of writers hunger to have their work out there more and to have good book sales, which I used to think was crass materialism, that they wanted the money, but it turns out that what you want is to have some sort of effect. Maybe you’ve snapped to this already.
    It took me years to figure that out.

    Die zweite Aussage stammt von Eugen Drewermann, die er in der Novemberausgabe der Sendung Redefreiheit zum Thema Eitelkeit im Nordwestradio Bremen getätigt hat (“Hörerfragen Teil2″ ab min 24:47.)

    Er wurde folgendes gefragt (wörtliche Transkription):

    Sie werden mir diese Frage bitte nicht übel nehmen, aber mein Verdacht ist, dass Autoren und Schriftsteller sehr eitle Menschen sind und als Autor von vielen vielen Büchern würden sie prinzipiell auch unter diesen Verdacht fallen. Das sage ich, obwohl ich sehr von ihren Gedanken profitiert habe. Danke für ihre Bücher. Aber kann man Bücher nicht nur dann schreiben, wenn man sich im Geiste ein grosses Publikum vorstellt, dass einem sozusagen bei jedem Satz applaudiert. Vielleicht können sie mich von meinem Vorurteil befreien oder darin bestätigen?

    DREWERMANN: Dafür hat Herr Kogel ja nun schon beigetragen in dem er Tucholsky zitierte (Anm: aus Eitelkeit der Kaufleute) und auf die Eitelkeit von Autoren hinwies, auch selbst ironisch natürlich für Tucholsky selber. Es gibt ganz verschiedene Sorten von Autoren. Das werden sie merken an der Themenwahl, an der Stilführung, an der Art wie da geschrieben wird. Es ist ein Riesenunterschied z.b. ob sie Tucholsky lesen oder Thomas Mann lesen oder Erich Kästner oder Erich Maria Remarque. Das sind ganz verschiedene Autoren.

    Ob sie Philosophen lesen oder Theologen lesen, um bei mir mal anzufangen. Die Frage ist, warum sie schreiben. Das kann passieren aus Eitelkeit. Einer Form ein erweitertes Publikum als Resonanzboden zur Selbstgefälligkeit zu gewinnen. Ich kann nicht leugnen, dass es das gibt. Dass es sogar eine Gefahr sein kann. Aber das sag ich jetzt, um eine Alternative zu beschreiben: Ich behaupte, dass sie wirklich menschlich wertvolles nur zu Papier bringen, wenn sie aufhören eitel zu sein. Mit einem Wort: Sie stehen vor der Frage wie sie einen Satz gestalten, einen Gedanken formulieren, wie sie Akzente setzen. Das können sie jetzt tun, ständig mit der Frage: und wie wirke ich noch grösser, welche Stelzen kann ich noch montieren damit es noch höher wird. Wie vermeide ich mich selbst zu kommentieren, weil ich dann ja nur unter mein Niveau ginge. Wie spreche ich so, dass es kaum noch jemand versteht und dann ist es doch etwas ganz grossartiges. dann zieht es wie die Wolken dahin die nur niemals abregnen. Ich sage dass, weil es so Autoren gibt. Ich glaube man sollte anders schreiben. Ich mache es jetzt im Schnelldurchlauf: Ich behaupte, dass sie nie ein menschlich wahres Wort finden, solange ihnen liegt an Macht und Geld. Sie können Bücher nicht schreiben, wenn sie damit den Markt beherrschen wollen, wenn sie daran denken, wie viele Abnehmer das findet, ob es ein Bestseller wird, in welche Hände es gerät damit es bei Bertelsmann & Co. möglichst ganz gross auf den Markt kommt und in Randomhouse ein Welterfolg wird. Sie kriegen kein wahres Wort zu Papier wenn das ihre Gedanken sind. Es ist möglich sie haben damit Erfolg. Und dann sind sie sehr marktgerecht – trendy – handy. Aber sie sind nie sie selber. Sie sind nur eitel. Eine reine Blase zum Schaden derer die glauben, dass da drin etwas enthalten wäre, wovon man leben könnte. Umgekehrt. Wenn sie schreiben, sollten sie sich nicht vorstellen wie viele sie erreichen, sondern wessen Problem sie lösen wollen. Sie haben einen einzelnen Menschen vor sich sitzen, dessen Problem kennen sie. Also zum Beispiel: Ich habe das Buch geschrieben zur Interpretation des Märchens vom Schneewittchen. Ich habe keine Ahnung, wie viel das Buch gelesen wird. Klar ist mir, dass die Leute, die ich da beschreibe, selbst wenn es Schauspielerinnen sind, selbst wenn es fremde Namen sind, Zitate aus anderen Büchern, zurücklaufen auf eine bestimmte Person oder eine Reihe von Personen, denen ich mit dem Buch hab helfen wollen. Es sind die Schneewittchen`s die zu mir ins Gespräch kamen und mir das Märchen erklärt haben. Und dann habe ich versucht mit dem Märchen den Leuten ihre Geschichte zu erklären. Dazu gehört, dass man lernt, wie die Leute sprechen, welche Worte falsch sind, weil im Kontext ihrer eigenen Sprache dieser Begriff schaden anrichten würde, fehlerhaft sein würde. Man muss lernen, sich in die Sprachwelt, in die Traumwelt, in die Bilder des anderen hinein zu versetzen und mit denen weiterarbeiten. Mit anderen Worten: Sie werden immer objektiver, hellsichtiger, selbstvergessener, engagierter. Nicht für sich im eigenen Interesse, sondern rein therapeutisch. So, kann ich von mir behaupten, möchte ich Bücher schreiben, oder die Botschaft Jesu auslegen oder Philosophie treiben oder Dichtung interpretieren was immer sie wollen: Kunstgeschichte, Kulturgeschichte, griechische Mythen. Mit dem Ergebnis, dass ich hoffen könnte, die Leute, die es lesen, finden sich in den Büchern selber. Sie sollen nicht mich finden. Die Frage ist nicht, wer ist der Autor, sondern wer bin ich selber wenn ich das lese. Bin ich jetzt Narziss oder Echo oder das Schneewittchen oder …. Wer bin ich. Diese Frage möchte ich provozieren, weil ich in den Gesprächen selber gelernt habe welche Fragen da auftauchen. Und die Probleme greife ich auf und versuche sie zu beantworten. Nochmal: Ich glaube, dass sie den Weg der Unwahrheit beschreiten, wenn sie selber auf sich reflektiert, Darstellung ihrer eigenen Person verbreiten wollen. Wir können das jetzt sogar ganz allgemein sagen: Viel Literatur besteht tatsächlich darin eine Art Selbsttherapie zu sein. Das hat einen eigenen Wert. Aber vieles in der heutigen Romanliteratur ist die Beschreibung der eigenen Krankheit. Man möchte ein Publikum haben als Ersatz dafür, einen Therapeuten zu finden. Man möchte Beifall haben, an Stelle davon, mit sich selber ehrlich zu werden. Vieles im Kunstbetrieb ist genau so: man drückt die eigenen Probleme möglichst krass aus, um damit zumindest Aufmerksamkeit zu erregen. Literatur sollte in Wirklichkeit eine Antwort auf die Probleme sein. Sie sollte am Ende nicht exzeptionell nur die eigene Neurose stilisieren, sondern exemplarisch das, was als Problem da ist, so beantworten, dass man damit lernt zu leben. Das Buch Hiob ist ein solches Menschheitsstück. Exemplarisch für eine Fülle von Problemen, die begrenzt mindestens auf eine Antwort hinausführt. Und so zu schreiben ist eine eigene Kunst jenseits des Narzissmus behaupte ich mal.

    KOGEL: Hr. Drewermann, jetzt ganz ausnahmsweise nehme ich mal als jemand der diese Sendung mit ihnen gemeinsam macht, die Redefreiheit ganz wörtlich und schiebe eine Frage nach, nachdem ich einen Satz, der mir noch in den Ohren klingt, ihnen vorgetragen habe, um dann sie zu fragen, was sie davon halten.
    „Ohne Eitelkeit gibt es kein Schreiben. Egal ob Autor oder Kritiker. Eitelkeit muss dabei sein, sonst entsteht nichts“. Dass der Satz von Marcel Reich-Ranicki kommt ahnen sie jetzt vielleicht. Was antworten sie darauf?

    DREWERMANN: Dass er recht hat, was die Stilgestaltung angeht. Also sie brauchen ständig einen Zensor, der nicht akzeptiert, dass sie schludern bei der Arbeit. Das ist z.B. ein wissenschaftliches Ethos. Ich werd nicht ein Buch schreiben von dem ich weiss, dass es nicht gedeckt ist von Beweismaterial, dass es fundiert ist in den aufgeführten Faktenbehauptungen, in den dargestellten Zusammenhängen. Weil ich da unsicher bin, habe ich riesige Fussnoten aufzuführen um selber sicher zu sein jetzt kann der Leser nachvollziehen und konkretisieren und eruieren was dahinter steckt und wo es herkommt. Das ist ein wissenschaftliches Ideal. Man kann das jetzt Eitelkeit nennen – ist es aber nicht. Es ist nur eine Form der vergewisserten Ehrlichkeit. Und das andere ist der Stil. Wenn man auf eine Weise schreibt, wo die Sätze nur so dahin laufen wie sie gerade kamen, ohne Rücksicht auf den Leser. Es können Bandwurmsätze sein, in denen jeder ordentliche Leser sich verheddern muss, aber wieder zeigt es doch, welch grosser Geist das alles formuliert hat. Dann sollte man den gleichen Satz durchstreichen und nochmal von vorn anfangen: Wie akzentuiere ich es, wie ist der Satzrhythmus, wie fliest der Satz so, dass er sich selber erklärt. Sie können sagen, dass ist ein Stück Eitelkeit. Es ist auf jeden Fall eine Art Resonanz auf sich selber. Wie bei der Musik. Wenn es bei einem selber nicht schwingt, nicht Gefühle erzeugt, wenn sie nicht zwischen Lachen und Weinen beim Schreiben selber ergriffen sind, dann wird es nicht gehen. Aber Ergriffenheit ist nicht Eitelkeit. Ehrlichkeit ist nicht ein Phantom gelten zu wollen. Und die Resonanz auf sich selber ist im Grunde das Schwingen eines Klaviers, das darauf wartet, dass die Hände eines Künstlers es berühren. Die wirklichen Autoren sprechen dann vom Kuss der Muse. Ob es den gibt, weiss man nicht, aber dass man es sich nicht selbst verdankt, ich glaub, das weiss jeder ehrliche Arbeiter im Geiste. Man hat es nicht gemacht. Irgendwo hat man es als Geschenk. Und das ist das Gegenteil des Wissens von Reich-Ranicki. Aus welchen Gründen auch immer.

    Herzlich
    Christian

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 8. Dezember 2014 um 21:36

    Lieber Christian,

    ich danke dir, für die Mühe, die du dir gemacht hast, aber es ist ein klein wenig unfair, nach meinem Beitrag einen Kommentar einzustellen mit dem Duktus: was du sagst, erinnert mich an Goethe. Schön, dass es dich an Goethe erinnert. Nun habe ich Goethe tatsächlich gelesen, in der Schule, Faust I und ein wenig Lyrik, im Studium dann später einige dramatische Texte, sehr wenig Lyrik, einige Sachtexte und vor allem, mehrfach, die Romane und nach dem Studium noch “Dichtung und Wahrheit”. Und dennoch stehe ich etwas ratlos da: wie genau erinnert dich, was ich geschrieben habe, an Goethe? Anders ausgedrückt: irgendein Schriftsteller dessen Name mir entfallen ist, hatte einmal einen Albtraum, in dem er einen Aufsatz schreiben musste, der den Titel trug: Goethe an sich. Noch anders: Ich muss jetzt die Ähnlichkeiten zwischen Torik und Drewermann und Wallace suchen? Es gibt da einige Sätze, die so oder so ähnlich sicher auch von mir stammen könnten; und von einer Vielzahl anderer in ähnlicher Situation. Etwa diese:
    - “We’re all terribly, terribly lonely. And there’s a way, at least in prose fiction, that can allow you to be intimate with the world and with a mind and with characters that you just can’t be in the real world.”
    - „Ich behaupte, dass sie nie ein menschlich wahres Wort finden, solange ihnen liegt an Macht und Geld. Sie können Bücher nicht schreiben, wenn sie damit den Markt beherrschen wollen, wenn sie daran denken, wie viele Abnehmer das findet, ob es ein Bestseller wird, in welche Hände es gerät damit es bei Bertelsmann & Co. möglichst ganz gross auf den Markt kommt und in Randomhouse ein Welterfolg wird. Sie kriegen kein wahres Wort zu Papier wenn das ihre Gedanken sind.“
    - „Die Frage ist nicht, wer ist der Autor, sondern wer bin ich selber wenn ich das lese. Bin ich jetzt Narziss oder Echo oder das Schneewittchen oder …. Wer bin ich. Diese Frage möchte ich provozieren“
    - „Vieles in der heutigen Romanliteratur ist die Beschreibung der eigenen Krankheit. Man möchte ein Publikum haben als Ersatz dafür, einen Therapeuten zu finden.“

    Damit ich deinen Gedanken besser fassen kann: kannst du mir einmal etwas genauer darlegen, warum dich mein Artikel an diese beiden Autoren erinnert. Zu Wallace hatte ich übrigens auch mal ne‘ ganze Menge zu sagen, hier.

    Herzlich
    Aléa Torik

    Kommentar von Christian
    Datum/Uhrzeit 9. Dezember 2014 um 09:48

    Liebe Alea,

    vielen Dank für Deine Nachfrage. Ueber deine Artikel zu DFW bin ich damals auf Deinen Blog aufmerksam geworden. 2 Romane und einen Essay (die einzige Lettre Ausgabe die ich besitze) später ist er immer noch in meinem Feed-Reader.
    Der Artikel selbst erinnert mich an keine der beiden Autoren.
    Insofern sagt der Kommentar auch nur was über mich und meine Interessen aus. Ich schreibe hier als Konsument von Büchern und für mich ist die Schnittmenge Torik, DFW, Drewermann am ehesten die, dass ich durch ihr Lesen u.a. geistig sehr angeregt werde. (Wofür ich hier gerne mal Danke sagen möchte). Deswegen ist mein Ausdruck „kommen mir in den Sinn“ eher assoziativ zu verstehen.

    Vielleicht habe ich den Kommentar auch deswegen geschrieben, weil mich die kunsttheoretische Frage interessiert Wo ist „Kunst“ (Malerei, Literatur etc.) (z.B. im Schöpfer?, in der verborgenen Absicht?, im „Werk“?, im „Betrachter“?)
    Ich bekomme jetzt leider immer noch nicht den Bogen zu deinem Artikel und deiner Frage, aber mehr schaffe ich im Moment nicht.

    Herzlich
    Christian

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 9. Dezember 2014 um 11:27

    Lieber Christian,

    dieser Christian bist du also. Dann hast du dich lange nicht gemeldet. Die „Schnittmenge Torik, David Foster Wallace, Drewermann“ ist keine schlechte, da darf ich wohl einigermaßen zufrieden sein, wenn ich dazu gehöre. Dass du dich durch meine Artikel geistig angeregt fühlst, freut mich, bedanken musst du dich allerdings nicht, da ich es ja letztlich nicht um deinetwillen, sondern meinetwillen tue. Und mit einem assoziativ inspirierten Kommentar komme ich auch zurecht. Ich dachte gestern Abend lediglich, ich müsse mir jetzt die Ähnlichkeiten heraussuchen; und dazu war ich zu diesem Zeitpunkt nicht in der Lage. Aber als „Konsument von Büchern“, zumal meiner eigenen, bist du hier sehr willkommen.

    Herzlich
    Aléa Torik

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    Datum/Uhrzeit 9. Januar 2015 um 16:56

    [...] die Theorie: In der NZZ schreibt Matthias Politycki darüber, was ihn zum Schreiben brachte. Aléa Torik setzt sich mit der zweifelhaften Notwendigkeit von Handlung auseinander und Jutta Reichelt mit der [...]

    Kommentar von tom
    Datum/Uhrzeit 16. Januar 2015 um 21:48

    Nur Handlung ohne Sprache? So lesen doch die Dummen.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 17. Januar 2015 um 11:53

    Davon, Tom, war nicht die Rede. Denn etwas ohne Sprache, kann es nicht geben: nicht nur keinen Roman über den Urknall, sondern auch keinen Urknall. Es muss ja immer einen geben, der einem zweiten vom Ursprung, vom Anfang erzählt, vielmehr von seinem Verlust.

    Kommentar von holio
    Datum/Uhrzeit 15. Februar 2015 um 09:13

    Wann geht es weiter? Liebe Ihre Bücher in gewissem Sinne und würde mir auch das nächste kaufen, wenn es erschiene.

    LG von einem Hohlkopf

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 15. Februar 2015 um 10:37

    Lieber Holio,
    es freut mich, dass Sie meine Bücher lieben und nicht mich selbst. Es freut mich ebenfalls, dass Sie es relativieren und nur in gewissem Sinn lieben und nicht ganz und gar. Wann geht’s weiter? Ich weiß es nicht. Ich suche einen Verlag für meinen nächsten Text. Ich habe einen Essay über Mircea Cărtărescus Orbitor-Trilogie geschrieben und suche auch dafür einen Ort. Ich schreibe an einem nächsten Roman. Ich hoffe, dass es dieses Mal ein richtig großes Stück Literatur wird und ich über mich hinauswachse. Ein Text, der sich durch halb Europa bewegt, obwohl sich seine Protagonisten nicht bewegen. Und da ich Europa nicht kenne, bin ich auf die Unterstützung des Förderbetriebs angewiesen. Ich kann es nur tun, ich kann es nicht finanzieren. Es wird sich in diesem Jahr zeigen, ob das nach zwei in gewisser Weise geliebten Romanen von einem in gewisser Weise ungeliebten Verfasser noch weitergeht. Aber ich werde mich nicht noch einmal neu erfinden. Dann ist der Zeitpunkt gekommen, etwas anderes zu tun. Ich kann mir zwar gerade nicht vorstellen wie das aussehen soll. Aber ich werde es auch dann tun, wenn ich es mir nicht vorstellen kann. Obwohl es absurd ist: ich habe mehr als zwanzig Jahre gebraucht, um in das, was ich jetzt kann, hineinzuwachsen.
    Herzliche Grüße
    Aléa Torik

    Nachtrag: es mag sein, dass wir in dem Maße, wie wir erkennen, dass man vom Schreiben nicht leben kann, auch erkennen müssen, dass es eben kein Beruf, sondern ein Hobby ist. Ich kann mir als Beruf nichts Schöneres vorstellen, aber als Hobby interessiert mich das Schreiben nicht. Wenn man nicht fürs Schreiben lebt, dann kommen dabei in der Regel Hobbytexte heraus (bei den großen fiktionalen Formen; bei Bloggern und Journalisten gelten da andere Gesetze). Ich will Texte von Berufsschriftstellern lesen, die sich mit ihrer gesamten Existenz für den Text verbürgen. Und solche Texte will ich auch schreiben. Wenn das nicht geht, dann muss ich mich anderweitig orientieren. Da kaufe ich mir lieber für kleines Geld eine slackline und balanciere zwischen zwei Bäumen oder zwei Bergen, statt mit einem Wahnsinnsaufwand eine Person zu beschreiben, die ihr Leben auf Finden und Halten des Gleichgewichts verwendet.

    Kommentar von holio
    Datum/Uhrzeit 15. Februar 2015 um 19:02

    Danke für den Chinalink.
    Eine Förderinstitution zu finden, halte ich als Schreibvoraussetzung für äußerst problematisch.
    Wären Sie mal Stadtschreiberin von Hameln, flöteten Sie uns alle in den Fluss hinein, dächte ich. Oder verwechsel ich den jetzt mit dem Rhein? Wer will denn das?
    An eine Schriftstellerexistenz jenseits von Brotberufen glaube ich persönlich nicht. Im Gegenteil täten sie seine Gedanken befruchten. Alle Literaten in die Produktion, möchte ich mit, ja wem, Mao? rufen. Wobei Yang Jiang (杨绛, 103) eindrücklichst beschrieben hat, wie man sich als Intellektueller unter Bauern fühlt, hinabgeschickt ins Land (下乡). Dennoch waren sie die Hälfte des Himmels, wie ihr Führer gesagt hatte, stützten sie die Hälfte des Himmels, so wie Sie, Aléa, ja auch Frau sind und damit Teil der halben Welt.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 15. Februar 2015 um 19:45

    Hallo Holio,

    dacht ich mir‘s doch, dass Ihnen die kleine Reise nach China gefallen könnte. Und zurück vom schönen chinesischen Land wollen Sie mir also weismachen, dass jenseits des Brotberufes kein Glück für Schreiberlinge lauere?

    Wir Fiktionalisten sind alle Stadtschreiber von Hameln und flöten ununterbrochen verführerische Liedchen, auf das uns einer in den Fluss folge. Ich entführe allerdings, anders als das historische Vorbild, keine Kinder, jedenfalls keine, die ich gegen Lösegeld zurückgäbe. Ich nähme nur das Lösegeld. Bleiben wir also bei diesem Bild und nennen es Erpressung: wenn ich kein Geld bekomme, dann höre ich mit dem Schreiben auf. Das machen fast alle arbeitenden Menschen so: wenn sie kein Geld für Ihre Tätigkeit bekommen, machen sie etwas anders. Ich mache das nicht, weil ich hinterm Geld her bin. Ich mache das, weil ich mich weder bei meinem Vermieter noch beim Supermarkt irgendwie anders ausweisen kann als mit diesem Zahlungsmittel. Es interessiert mich auf der Welt nichts weniger als Geld. Ich will kein Geld, sondern das einzige was ich will ist: weiterschreiben.

    Das allerdings haben Sie schön gesagt: dass ich, Aléa, als Frau, Teil der halben Welt bin. Wenn ich Ihnen das hier, also unter uns, unter dreien sozusagen, nämlich Sie, ich und die Öffentlichkeit; also wenn ich Ihnen das mal beichten darf: ich hatte schon seit einigen Jahre, seit ich mit diesem Blog begonnen habe, das unbestimmte Gefühl, welches sich jetzt zum ersten Mal in Worte fassen lässt, dass ich nämlich als Frau Teil der halben Welt bin. Das ist ein spezifisch weibliches Gefühl, dass wohl kein Mann je wird haben können. Das bringt mich in eine absolut exklusive Lage, ähnlich dem wagemutigen Slackliner in dem Video, wie er nach vollbrachter Heldentat in seinem Ruhebett liegt und eine wohlformulierte SMS an seine Mama schreibt.

    Aléa Torik

    Kommentar von holio
    Datum/Uhrzeit 15. Februar 2015 um 19:55

    Chapeau!

    Kommentar von holio
    Datum/Uhrzeit 15. Februar 2015 um 20:14

    Das mit dem “Finden und Halten des Gleichgewichts”, ist das nicht Ihre Olga, die in der Bibliothek fällt und doch aufgefangen wird?
    (Sorry, musste diese kleine Werbung gerade mal einschalten. Will ja auch, dass viele, viele, viele mehr Ihre Bücher lesen. Lesen ist doch so schön, ihr kleinen Ratten!)

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 15. Februar 2015 um 20:54

    Stimmt, an Olga hatte ich gar nicht mehr gedacht. Erstaunlich, wie Figuren, die einen jahrelang beschäftigten, wieder aus dem Gedächtnis verschwinden. Ja, es könnte Olga sein, in dieser Szene gegen Ende, in der sie fällt und gleichzeitig nicht fällt, stirbt und nicht stirbt. Sie ist eine der besten Figuren aus dem Roman! Ich will auch, dass meine Bücher gelesen werden. Darum geht es sehr viel mehr als es um Geld geht: Anerkennung. Ich finde auch, dass Lesen zu den aufregendsten Tätigkeiten gehört, besser als Reisen. Was ich mir aber auch aufregend vorstelle, ist die Verfilmung eines meiner Romane. Ich müsste da unbedingt dabei sein. Obwohl ich vermute, dass für einen Regisseur nichts schlimmer sein könnte, als die Anwesenheit des Autors. Ich würde gerne die Hauptrolle spielen, fürchte aber, dass mehr als ein Grund dagegen spricht.

    Kommentar von holio
    Datum/Uhrzeit 16. Februar 2015 um 05:09

    Schau, Aléa, da kenn ich zwei Beispiele:
    Die mir überaus sympathische Cornelia Travnicek war am Set ihrer Chucks-Verfilmung anwesend. (Ein Tweet belegt das und ein Blogbeitrag auch: https://frautravnicek.wordpress.com/2014/10/17/verfilmung-von-chucks/)
    Und Clemens Meyer hat sich in seine Verfilmung durch Andreas Dresen einspannen lassen.

    Ich muss aber dazusagen, dass ich absolut kein Fan von Literaturverfilmungen bin. Swanns Welt mit Jeremy Irons, grauslich! Ornella Muti als die Kamelienkokotte Odette de Crécy, billig! Unsere Einbildungskraft sollten wir tausendmal höher schätzen als die blinden Spiegel von HOllywood.

    So wie der junge Marcel die Illumination (keine Rimbaud-Anspielung) durch den Drehlampenschirm mit Golo und Ginevra drauf vor der Erfindung des Tonfilm, ja des Films überhaupt, seine Empfindung entzünden ließ (auf Seite 17 schon, also auch schaffbar für eventuelle lesefaule Klientel): “Ruckartig kam Golo, Böses im Sinne, aus dem kleinen dreieckigen Wald heraus”, nach Rechel-Mertens. Soll die Titanic doch untergehn mit Cate Winslet singend.

    Erschreckend nur, dass, wenn ich etwa am Arbeitsplatz verfilmte Literatur erwähne, der Kollege Däne nur auf den Film zu sprechen kommt, nicht den zugrundeliegenden Text. Ein Armutszeugnis, das mich jedoch immer wieder von neuem verwundert und an der Menschheit fast verzweifeln lässt. Aber gut, geh ja auch nicht auf Rummelplätze, die andere ach so toll finden, wie das Phantasialand. Als Hesse einen aufsuchte, in seinem Steppenwolf, war mir das auch mehr als suspekt. Sie sehen, ich schweife
    (ab.)

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 16. Februar 2015 um 20:56

    Hallo Holio.

    ich habe Sie heute Morgen nicht rausgeworfen, das war das Programm. Wahrscheinlich hatten Sie beim Verfassen des letzten Kommentars unfeine Gedanken und mein Programm, das nicht einfach nur Elektroschrott ist – das hat ein ganz feines Gespür für menschliche Regungen -, hat sich was dabei gedacht, wenn es Sie kurzerhand an die Luft setzt. Wahrscheinlich lag es an dem Wort „Phantasialand“.

    Ihr Einwand gegen HOllywOOd ist durchaus berechtigt. Ich bin auch keine Kino- oder Fernsehtante, weil ich mir, ich habe das schon mehrfach gesagt, weder die Bilder, noch deren Geschwindigkeit vorschreiben lassen will. Meistens finde ich meinen eigenen Bildervorrat beim Lesen sehr viel interessanter als den im Kino. Also werde ich auch diese Karriereleiter nicht hinaufklettern. Wir können übrigens froh sein, dass es bei Marcel weder Telefon noch Filme gab, sonst hätte die Recherche noch dreitausend Seiten mehr.

    Wo waren wir stehengeblieben? Lesen ist super, aber Schreiben ist noch ein bisschen besser. Leser sind wie Schauspieler. Schreibend hingegen ist man oder frau Regisseur_in und Kameramann oder –frau in einem.

    Aléa Torik

    Kommentar von holio
    Datum/Uhrzeit 16. Februar 2015 um 23:20

    Telefon schon. In Sodom und Gomorra ruft Albertine ihn an. Aus den Hintergrundgeräuschen versucht er zu erraten, ob sie ihn belügt. Offenbar hat er was wie unser heutiges “Wo bist Du?” gefragt und vermutet, sie mache Ausflüchte, um ihn heute abend nicht mehr besuchen zu müssen wie verabredet. “Die Klingel eines Radfahrers, die Stimme einer singenden Frau; ferne Militärmusik ertönte ebenso deutlich wie die teure Stimme.” (S. 188). Er bietet an, sie solle kommen, auch wenn sie noch so weit weg sei: “Ich trinke dann eben einen Kaffee, um mich wachzuhalten.” Am Ende willigt sie ein: “Sei nur nicht böse, ich springe in einen Fiaker und bin in zehn Minuten da.” (S. 191)

    Schätze, es war die Frequenz, die den Spamfilter hat anspringen lassen.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 17. Februar 2015 um 19:37

    Hallo Holio,

    an die von Ihnen aufgeführten Szenen kann ich mich nicht erinnern. Ich habe zwar auch eine von Rechel-Mertens übersetzte Ausgabe, seltsamerweise sind aber bei mir die Seitenzahlen anders übersetzt. Es gab also bereits die Möglichkeit, fernmündlich miteinander zu sprechen und sich zu kontrollieren, nicht ganz so aufgefeilt wie bei whatsapp, aber immerhin. Proust hat jedoch das Potential des Motivs nicht erkannt. Die Eifersucht, die des leidenschaftlich Eifersüchtigen, wächst ja mit den Möglichkeiten den anderen zu kontrollieren und ihm auf die Schliche zu kommen. Der realistisch Eifersüchtige macht vielleicht irgendwann Halt, aber der leidenschaftlich Eifersüchtige macht immer weiter. Der hat wahrscheinlich sogar das Telefon erfunden. Der wollte seiner Frau hinterher telefonieren.

    Angeblich, so habe ich gehört oder gelesen, ist die häufigste Frage von Männern an Frauen ‚Wo warst du?‘ Und die zweihäufigste: ‘Wo gehst du hin?‘.

    Wie war denn eigentlich die Ästhetik des Widerstands? Liest man dazu etwas bei Ihnen?

    Aléa Torik

    Kommentar von holio
    Datum/Uhrzeit 17. Februar 2015 um 20:11

    Vielleicht lässt es dann per Dreisatz lösen. Meine beiden Sodom-und-Gomorra-Bände der dreizehnbändigen, grauen edition-suhrkamp-Ausgabe haben zusammen 725 Seiten. 188 davon sind 26 Prozent. Das mal Ihrem Seitenumfang sollte die Stelle bei Ihnen zirka erzielen. Vielleicht kommen Sie mir so auch auf die Schliche, denn ganz sicher bin ich mir nicht, ob ich die Passage korrekt reduziert habe. Jetzt nach der Ästhetik des Widerstands, Huysmans’ Là-bas sowie aktuell Lotis Iranschwärmerei von 1900 wieder in Prousts Psychologie reinzuspringen, gelingt mir nicht gut. Vielleicht ist auch die Übersetzung doch nicht so gut, wie sie mir einst vorkam. Oder ich werde spätes Opfer des Aufmerksamkeitsgerüttels. Habe recht viel und gern getweetet bei Lektüre der Ästhetik. Diese Krümel in etwas Größeres zu gießen, hab ich wenig Lust. Und Buchbesprechung im Sinne anderer geht schon gar nicht.

    Ja, schade, dass Ihr Kommentar damals nicht durchgekommen ist. Der Spamordner reicht nur einen Monat zurück, sodass ich nun nichts mehr tun kann. Nachdem Roberto Di Bella, Autor eines Wälzers über Rolf Dieter Brinkmann, meine Identität erbeten hat, schreibe ich aber nicht länger dort, sondern jetzt auf https://zwzxgz.wordpress.com/

    Sorry, lang geworden,
    LG

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 17. Februar 2015 um 23:15

    Hallo Holio,
    ich weiß, Sie greifen gerne zur Mathematik, wenn es mit der Sprache nicht mehr hinhaut. Oder zum Chinesischen. Oder zum Fußball. Dass ist das Problem mit der Sprache, dass sie recht viel Ränder aufweist. Ich werde die Stelle nicht nachschauen. Ich glaub es einfach.

    Ich dachte damals, mein Kommentar passe Ihnen nicht und wollte mir diese Vermutung nicht noch einmal schriftlich bestätigen lassen.

    Es ist sehr konsequent, dass Sie nur weil Ihnen jemand mit der Identität auf die Schliche kommt, gleich die Webseite wechseln. Noch konsequenter wäre es allerdings gewesen, die Identität zu wechseln. Ist recht aufwändig, flutscht aber irgendwann wie von selbst. Besser als mit der alten. Das lebt sich auch irgendwann ab. Aber nur weil Sie mir gestern eine Mail geschrieben haben, in der ich Ihren Namen erkennen konnte, müssen Sie nun nicht auch den noch verändern. Für mich sind Sie Holio. Wen Ihre Mutter geheiratet hat, wessen Namen sie angenommen und welchen sie sich dann für ihre Sohn ausgedacht hat: was hat das mit uns zu tun? Mit unsrer gemeinsamen Leidenschaft für Literatur?

    Aléa Torik

    Kommentar von bersarin
    Datum/Uhrzeit 20. Februar 2015 um 22:16

    @ Aléa Torik
    Ich weiß, es ist nur ein Nebenaspekt Deines Textes, in einer Deiner Kommentarantworten stehend: Dort beklagtest Du die unsichere materielle Existenz der Schriftstellerin, des Schriftsteller. Was den monetären Aspekt betrifft, so sehe ich dies etwas anders, und ich möchte Dir widersprechen. Einmal abgesehen, daß mir das Klagen der Schriftsteller über ihre prekäre Daseinsweise ungemein auf die Nerven geht und mich (und vermutlich viele andere ebenso) nicht die Bohne interessiert, scheint mir diese Kritik völlig überflüssig. Ich will das an einigen Aspekten verdeutlichen.

    Erstens: Mit diesem Punkt meine ich weniger Dich als jenes sich selber überschätzende Schreiberprekariat, das sich – meist in Berlin lebend – einbildet, Dichterin oder Dichter zu sein, weil irgendwie aus der der Lamäng, aus der Assoziation zwei oder drei Zeilen geschrieben wurden, irgendwann einmal die Stimmung besonders lyrisch oder prosaisch war und fürs Zwischendurch ein Text gefertigt wurde, der dann irgendwo in den Weiten des Digitalen sich verbreitete oder es sogar auf ein Blatt Papier schaffte. Karen-Köhlerisierung der Literatur. Die wir beide gleichermaßen beklagen. All die Dichterinnen und Dichter, die Schriftstellerinnen und Schriftsteller treiben sich in Berlin zu Hauf herum. Aber ebenso anderswo. Die Dichterlebensdichte in Kreuzberg, Friedrichshain, dem Prenzlauer Berg und neuerdings wohl auch Lichtenberg und Pankow ist ungemein hoch. Dagegen war Friedenau in den 60er Jahren dichterisch fast dünne besiedelt. (Herta Müller lebt dort heute noch.) Ich bekomme regelmäßig Wallungen der Aggression, wenn der Ranz des Beliebigen als Dichtung hochgepimpt wird. (In Blogs kann man das ja alles machen. Gut finde ich es dennoch nicht. Es hat etwas Schales, etwas Anmaßendes, etwas Abstoßendes. All dieses Schreiben. All diese Viel-zu-vielen.) Aus der Assoziation mache ich Euch allen solche 3-Sekunden-Texte im Zwei-Sekunden-Takt:

    Nach der Nacht//Und aus der Muschi der Scheidenausfluß//im Beckensaum//Genäht, gewichtet, zu leicht befunden//Haarflaum in der Abfickzone//Sekrete Diskretion.

    Ich meine, das ist doch wirklich ein geiler Titel für einen Gedichtband: „Haarflaum in der Abfickzone“. Ich, der Fan der Muschibehaarung. Wie geschrieben: ich kann hier den ganzen Abend und den Morgen und den Nachmittag assoziieren und den Tag und darüber hinaus. Aber als Dichter würde ich es nicht wagen, mich selber zu bezeichnen oder von anderen mich benennen zu lassen. Was für eine Hybris! Und damit komme ich auf den Punkt: Es gibt zu viele von Euch Schriftstellern! Reduziert Euch!

    Und dieser Faktor der Multiplizierung, dieses Zu-Viel der schnellen Form: Das ist der Grund, weshalb ich Lyrik und Prosa-Gedicht in den meisten Fällen für die heruntergewichsteste Form der Dichtung halte. Hausfrauengeschreibe fürs Zwischendurch. Keine Kraft und keinen Atem für die lange Form des Romans aufbringend. Es müßte ein Gesetz erlassen werden: Wer nie einen Roman schrieb, wird mit dem Verbot belegt, Lyrik zu produzieren. Vielleicht sollte man das auch für die Essays einführen. Wer nie sich einem Schreib-, Denk- und Theorieprojekt für mindestens 2 Jahre hingab, darf keine Texte verfertigen. In hora mortis – es mag der Griffel in der Sterbe-Hand verfaulen. Die Journalismusversuche samt den Buchschreibereien der Kreuzberger Medienbohème trifft dies ebenso.
    Nein, mich stört weniger das Schreiben selbst, als Akt, als Tätigkeit, als Wille zur Gestaltung, sondern vielmehr das Prätentiöse. Lyrik und Prosa geraten inflationär. Nun kann man sagen: schön, daß es so viel Dichtung gibt. Ja, schön auch, daß es so viel Beliebiges gibt, dem es an diesem Willen zur Form gebricht. Dieses Phänomen scheint auch in der Photographie existent zu sein, weshalb ich immer weniger Lust verspüre, meine Photographien überhaupt noch herzuzeigen.

    Punkt 2.
    Du schreibst: „es mag sein, dass wir in dem Maße, wie wir erkennen, dass man vom Schreiben nicht leben kann, auch erkennen müssen, dass es eben kein Beruf, sondern ein Hobby ist. Ich kann mir als Beruf nichts Schöneres vorstellen, aber als Hobby interessiert mich das Schreiben nicht. Wenn man nicht fürs Schreiben lebt, dann kommen dabei in der Regel Hobbytexte heraus (bei den großen fiktionalen Formen; bei Bloggern und Journalisten gelten da andere Gesetze). Ich will Texte von Berufsschriftstellern lesen, die sich mit ihrer gesamten Existenz für den Text verbürgen. Und solche Texte will ich auch schreiben. Wenn das nicht geht, dann muss ich mich anderweitig orientieren.“

    Wohl wahr und richtig: Schreiben (und überhaupt das Machen von Kunst) ist kein Hobby, es ist Leidenschaft, wildes irres Tun und Treiben, ein Delirieren, ein Zwang, ein Muß und hohe Kunst der Komposition. Insofern trifft der Begriff des Tonsetzers, als der jener Adrian Leverkühn im „Doktor Faustus“ bezeichnet wird, den Umstand dieser Arbeit der Kunst sehr genau. Aber, und hier kommt die große Einschränkung, es bietet die Kunst eben keine Gewähr dafür, daß es Geld gibt. Schön wäre eine Gesellschaft, in der jeder nach seinen Bedürfnissen tätig sein könnte. (Insofern stellt die Bezahlungsfrage für Schriftsteller:innen, jenseits allen Egoismus oder auch des rein Pragmatischen, von irgend etwas leben zu müssen, zugleich die Systemfrage. Ich schreibe das in einer Klammer, obgleich diese Klammer Zentrales berührt: Wie wir nämlich leben wollen.)

    Auch ich mag keine Hobby-Texte lesen, schreiben braucht Zeit; in den Blogs, die Literatur machen, lesen wir immer wieder, wohin und zu welcher Art von Text das Hobbyschreiben führt, wenn im Ton der Empfindsamkeit getrötet oder geflötet wird.

    Die Schriftstellerin Ulla Hahn riet jungen Autorinnen und Autoren, einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Ich halte das für einen guten Hinweis. Denn es ist doch so: Der Betrieb ist voll. Alle drängt es zu den Töpfen, zu den gut oder den weniger gut bezahlten Vorträgen, den Schreibstellen in den Feuilletonredaktion, denn vom Verkauf seiner Bücher kann (so vermute ich) kaum einer der Schriftsteller leben. Es bleibt also nur die eiserne Disziplin, um seine Leidenschaft, dieses ungeheure Begehren, neben der Erwerbarbeit zentral zu machen. Schreiben erledigt sich nicht nebenbei. Wer aber dieses ungeheure Wagnis eingeht, einen Roman zu komponieren, der benötigt eines der kostbarsten Dinge, die es auf dieser Welt gibt: Zeit. Das heißt vermutlich auch: ich muß mich von vielem, das ablenkt, freischaufeln. Freundinnen und Freunde reduzieren. Tätigkeiten einschränken. Eine Lösung für dieses Dilemma weiß ich nicht. Falsch wäre es auf alle Fälle, wenn eine der begabtesten Schriftstellerinnen ihr Schreiben aufgibt. Nebenwege gehen vielleicht? Wie machte es Franz Kafka, der zeitlebens seine Arbeit im verhaßten Büro verfluchte? Ihn rettete die Krankheit. Ihm schadeten die Frauen. (Ob mit oder ohne Muschibehaarung.) Nein, nicht ganz. Sie waren der Anlaß zum Schreiben, der unendliche Fluchtreflex. Orpheus schlachtet Eurydike, und er beschreibt dieses leere hagere Gesicht, das er im September des Jahres 1912 bei Brod an einem Tisch sitzend, betrachtete, das Blasse, Magere, und er modelliert und skizziert aus diesem Gesicht heraus den größten Roman des 20. Jahrhunderts. (Aber auch dies ist nur eine Mutmaßung, kein Biographienpositivismus, sondern selber ein Stück dieses ungeheuren Textes Kafka, den der Blogbetreiber fortzuschreiben gewillt ist.) Durchstreichung eines Gesichtes, ein Text, der sich fragmentiert. Ginge es nach Kafka, wäre sein Literaturnachlaß verbrannt worden. (Undenkbar für einen heutigen Dichter.) Schreibglück fand Kafka erst kurz vor seinem Tode, zusammen mit Dora Diamant. Auch eine der vergessenen Frauen. Aufhören ist für die, die der Literatur etwas hinzugefügt haben, keine Option. Das sollten besser andere machen.

    Ich weiß, daß es ungerecht ist, ein solches Detail, wie in diesem einen Absatz Deines Kommentars herauszugreifen und das Schreiben daran aufzuhängen. Mir aber scheint es zentral. Auch um zum Weitermachen zu ermuntern.

    Kommentar von bersarin
    Datum/Uhrzeit 20. Februar 2015 um 22:21

    1. Absatz: “scheint mir diese Kritik völlig überflüssig.” ist als Satz falsch: Besser: “an der Sache vorbeizugehen”.

    Pingback von Haarflaum in der Abfickzone. Oder: Über die Schwierigkeiten von Prosa und Lyrik | AISTHESIS
    Datum/Uhrzeit 21. Februar 2015 um 08:50

    [...] einer Deiner Kommentarantworten stehend, wesentlich ging es Dir um konkrete Aspekte der Literatur: „Je weniger die Sprache ein Buch trägt, umso mehr Handlung braucht es“. Ich hätte besser auf diesen Titel und das, was inhaltlich darunter befaßt ist, eingehen müssen, [...]

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 21. Februar 2015 um 13:14

    Lieber Bersarin,
    danke für den langen und offenen Kommentar. Ich antworte im folgenden Beitrag, hoffentlich heute oder morgen.

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