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  • 01 August 2014

    Der gestiegene Erlebnisdruck

    Ich war im Urlaub. Außer Erinnerungen habe ich nichts mitgebracht, keine Bilder, keine Andenken, keine Postkarten. Je mehr ich in den Sümpfen der Schriftstellerei versinke, desto weniger bedeuten mir Gegenstände. Es waren nur einige Tage, zu kurz, um richtig weg gewesen zu sein. Zu kurz, um sich zu erholen. Lang genug aber, um zurückzukehren und sich zu erinnern. Lang genug, um davon zu erzählen.

    Etwa von einem geradezu kafkaesken Tag in Bozen. Ein Freund und ich, wir sind um des Radfahrens willen in Südtirol gewesen. An dem einzigen Regentag haben wir die Räder stehen lassen und sind mit dem Auto von Meran nach Bozen gefahren. Meran und Bozen unterscheiden sich dahingehend, dass die eine Stadt in den Bergen liegt, in der anderen liegen die Berge in der Stadt. Bereits bei der Einfahrt, also der Einfahrt in den ersten Tunnel, wurde vor Überfüllung des Zentrums gewarnt. Es wurde nicht gewarnt, es wurde konstatiert. Immerhin regnete es im Tunnel nicht. Bei der Ausfahrt, der erneuten Einfahrt in den Regen nämlich, wurde die Autoschlange von einem Polizisten geteilt. Die eine Hälfte wurde in ein am Ausgang des Tunnels befindliches Parkhaus geleitet, die andere Hälfte durfte in die Stadt fahren. Zu letzteren gehörten auch wir, die wir uns da noch zu den Glücklichen zählten. Von dem Moment an wurden wir in ein automatisches Parksystem in einer ersten und einer zweiten Ebene eingereiht. Wir wurden mit rot und grün blinkenden Schildern am Straßenrand begrüßt, elektronische Vertreter von Parkhäusern in der Nähe des eigenen Standtortes, auf denen die alle paar Sekunden die wechselnde Anzahl der freien Parkplätze angezeigt wird. Es gab keinen fließenden Verkehr, es gab nur stockend, sich hupend vorwärts bewegende Autoschlagen, die ineinander übergingen. Es gab keine einzelnen Autos, alles wurde, von ununterbrochenem Regen verwaschen, zu einer einzigen Autoschlange, die ihre unzähligen Köpfe in alle Richtungen streckte. Man entscheidet sich für eines der vielen Parkhäuser und wenn man dort angelangt ist, steht man in einer anderen Schlange, weil in dem Parkhaus kein Parkplatz frei ist. Man steht da in der Schlange und es regnet und während man da steht und die Zeit wie Regentropfen an den Seitenfenstern verrinnt, ahnt man, dass auch keiner frei werden wird. Dann fährt man wieder weg und reiht sich erneut in die Schlange auf der Straße ein, um einem anderen grün blinkenden Schild zu folgen, auf dem Parkplätze als verfügbar angezeigt werden, die, sowie man dort angelangt sind, schon wieder besetzt sind. Oder die nie frei waren. Wir haben uns als nicht sonderlich belastbar erwiesen, recht schnell auf alle weiteren Eindrücke von Bozen verzichtet und sind in Richtung Autobahn zurückgefahren, also gekrochen. Und dann sprang vor unseren Augen plötzlich ein Schild um und zeigte freie Parkplätze in dem Parkhaus an, dessen Einfahrt unmittelbar vor uns lag und das genau das Parkhaus war, an dem der Polizist uns bei der Einfahrt in die Stadt vorübergelotst hatte. Erleichtert zogen wir ein Ticket, wir zählten uns erneut zu den Glücklichen.

    Aber auch hier war kein Parkplatz zu finden, dafür jede Menge Autos, die die besetzten Plätze umkreisten, auf der Suche nach etwas, das es ganz offensichtlich nicht gab. Und als wir dann die Angelegenheit endgültig an den Nagel hängen und zurück in unser Dorf in der Nähe von Meran fahren wollten, mussten wir einen kleinen Umweg über den Kassenautomaten machen, der die in Anspruch genommene Leistung abkassierte. Und da erst haben wir dann verstanden, dass tatsächlich in all diesen Autos und unter all diesen Regenschirmen da draußen Menschen waren und dass das Bozener Parksystem, nicht etwa eine Fehlfunktion hat, das uns irrtümlicherweise in die Irre geleitet hatte, sondern voll funktionsfähig ist. Glück ist in diesem System nicht vorgesehen. Jedenfalls nicht das reine Glück, höchstens das abgeleitete, zufällige, bei dem es ausreicht, sich für glücklich zu halten, um glücklich zu sein. Das billige Glück.

    Es gab ein Gespräch mit unserer Vermieterin, die über das veränderte Urlaubsverhalten der Menschen klagte. Aber sie klagte auch über ihre Kinder und die Welt insgesamt. Früher sagte sie, sei man für drei Wochen gekommen, heute bleibt schon lang, wer nicht nach dem Wochenende abreise. Natürlich hat sich das Urlaubsverhalten verändert, unser gesamtes Arbeitsleben hat sich in der vergangenen Dekade geändert. Undenkbar, dass, wer sich von dieser Arbeit erholt, es auf althergebrachte Weise tut. Man muss sich auf eine neue Weise erholen, die der veränderte Arbeits- und Lebenswelt entspricht. Und wir verhalten uns im Urlaub nicht anders als im alltäglichen Leben. Wir brauchen permanent neue Erlebnisse und der Erlebnisdruck ist enorm gestiegen. Wir hetzten von Ort zu Ort auf der Suche nach dem Neuem, dem Aufregendem. Auch wenn wir eigentlich die Ruhe finden wollen, können wir sie nicht ertragen, weil sie in Abwesenheit von Ereignissen stattfindet und wir diesen Zustand als Leere empfinden. Die Leute sitzen in Meran, sie finden‘s nett, und überlegen, ob sie am nächsten Tag nicht doch lieber nach Verona, nach Mailand, Venedig oder an den Gardasee fahren. Weils woanders vielleicht besser. Einen Tag später sitzen sie dann anderswo und denken sich, dass es nett ist. Aber nicht das, was sie von den Bildern und Geschichten über den Gardasee, Verona oder Venedig kennen. Eigentlich kennen sie schon alles, nicht in der realen, selbst erlebten Version, sondern in der, die von der eigenen differiert und von der sie gar nicht sagen können, woher sie sie haben.

    Wir kennen heute alles ohne irgendetwas zu kennen. Die Ruhe, die wir suchen, finden wir nicht mehr. Wir finden nicht einmal mehr einen Parkplatz, wo wir von der Suche nach ihm ausruhen können. Vielleicht ist die Differenz zwischen Suche und Fund auch so groß geworden, dass wir den Zusammenhang gar nicht mehr begreifen. Das nicht finden können eines Parkplatzes hatte möglicherweise mit der realen Parkplatzsituation in der Stadt Bozen gar nichts zu tun.

    Wenn ich jetzt Lust hätte in die allgemeine Klage einzustimmen, dass das Lesen seinen Stellenwert verloren hat: weil es kein Erlebnis mehr bereit hält und es uns, die wir immer hierhin und dahin klicken und die Orte wechseln, geradezu unerträglich ist, stundenlang an derselben Stelle zu hocken und bloß in ein Buch zu schauen. Aber ich habe keine Lust zu dieser Klage. Zum Glück.  Zum billigen Glück! (Zum billigen Glück – das wäre doch ein schöner Romantitel.)

    Mein eigenes Schreiben ist immer präsent. Entweder der letzte, beinahe abgeschlossene Text oder der kommende, sich andeutende. Und das empfinde ich, auch wenn diese Texte einen kaum je nachlassenden Druck auf mich ausüben, als das Gegenteil dieses gestiegenen Erlebnisdrucks. Ich sitze Monate und Jahre an denselben Worten und Vorstellungen und kann mich auch nicht hetzen lassen. Ich kann es nur aussitzen. Im Schriftstellersumpf ist jede verfrühte Bewegung fatal.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.



    Kommentare

    Kommentar von holio
    Datum/Uhrzeit 1. August 2014 um 12:32

    Kenne das von Chinesen. Da ist an ungeraden Tagen – heute ist so einer, der erste August – nur Autos mit ungeraden Nummernschildern das Fahren erlaubt. Eine ganz praktische Segmentierung, man sollte Halt vorher um sie wissen.

    Schön Ihr Konjunktiv “wir hetzten”, der es als Aussage ihrer Zimmerwirtin ausweist. War kurz versucht, es als “hetzen” und damit Ihre zu lesen. Schön auch “differiert”; das benutzt heut kaum noch einer.

    Schreiben ist immer besser denn Konsumieren. Der Geist hat die fantastische Fähigkeit, sich die Langeweile zu vertreiben. Stefan Zweig hat das mal wo beschrieben, obwohl ich kein Schach spiele. Kritik an kulturellem Verfall schön und gut. Schon bei Petron klagt Agamemnon (不是, umgekehrt, der Erzähler Encolpius zu Agamemnon, wohl um ihn zu beeindrucken!) drüber: “Vor nicht langer Zeit kam eine windige und ganz enorme Geschwätzigkeit von Asien nach Athen.”, übersetzt von Harry C. Schnur. Und auch auf die bildende Kunst bezogen: “Mit der Malerei ist es nicht anders ergangen, seit die Ägypter in ihrer Frechheit ein abgekürztes Verfahren für eine so große Kunst erfunden haben.” Nichts Neues unter der Sonne. Einfach weitermachen und sich mit seiner Widerborstigkeit behaupten. Bin ins Schwätzen geraten, 对不起。

    Kommentar von Norbert W. Schlinkert
    Datum/Uhrzeit 2. August 2014 um 11:24

    Liebe Aléa,
    so wie du auf deiner Suche nach Bozen muß sich ein literarischer Text auf der Suche nach Veröffentlichung fühlen: innerhalb des Systems umgeleitet, weitergeleitet, kurz mal hoffnungsfroh und schließlich dann aber enttäuscht, weil da nun doch kein Platz frei geworden ist. Die wenigen Texte, die Bozen schließlich haben sehen dürfen, kann man immerhin lesen, wo immer man will, Bozen hin oder her.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 3. August 2014 um 13:45

    Hallo Holio,

    kultureller Wandel, der als Verfall erlebt wird, den gibt es tatsächlich schon immer, den Wandel und den Verfall. Schöne Beispiele, die Sie da bringen, durchaus entlegen. Aber damit zeigt sich ja, dass die Klage nicht nur Hinz und Kunz führen, sondern auch Petron und Agamemnon. Dennoch ist die Klage mitunter nicht unwichtig, solange es nicht ins Jammern übergeht. Wenn sie einen künstlerischen Anspruch hat, finde ich sie durchaus passend.

    In dem Beispiel der Zimmerwirtin gehen Indikativ und Konjunktiv ineinander über. Es ist die Klage der Wirtin, aber ich stimme langsam mit ein. Auch ich klage darüber, dass das Display sich den Menschen untertan gemacht hat; und er es nicht einmal bemerkt und tatsächlich noch immer glaubt, er sei es, der seinen Twitteraccount regelmäßig mit Nachrichten füttert und nicht bemerkt, dass der Twitteraccount ihn dazu veranlasst. Nicht Sie, Herr Holio, twittern sondern Twitter ‚sietzt‘. Aber, da stimme ich nun wirklich zu: um‘s weitermachen kommen wir nicht herum. Jedenfalls nicht, bevor wir damit aufhören. Aber aufhören ist keine Alternative.

    Entschuldigen müssen Sie sich aber nicht.

    Aléa Torik

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 3. August 2014 um 13:49

    Lieber Norbert,

    ich hatte mir so etwas schon gedacht. Da bleibt nur: neue Wege gehen. Die sehen auf den ersten Blick vielleicht nicht so attraktiv aus, aber sie führen vielleicht dennoch irgendwohin. Also die Wege, die ohne einen Verlag auskommen. Da gibt es heute wirklich genug. Wege, die dem Autor einen sehr viel höheren pekuniären Anteil am verkauften Werk zugestehen als das bei Verlagen der Fall ist. Das mag erst einmal wie eine Niederlage aussehen, aber gar nichts zu machen, auf seinem Anspruch zu beharren und den Kopf in den Sand stecken, ist ganz sicher nicht der Weg, der zu einem Ziel führt. Diese Wege gab es vor vielen Jahren noch nicht, etwa bei dieser Schriftstellerin- es gibt unzählige andere Beispiele – deren Sachen sind einfach in der Schublade geblieben, vielmehr hat sie offenbar nach ihrem Tod jemand herausgekramt. Früher nannte man das misslingende Autorschaft, heute gibt es Wege, das zu umgehen. Aber man muss sie eben auch gehen, sonst sind es keine Wege.

    Aléa Torik

    Kommentar von Norbert W. Schlinkert
    Datum/Uhrzeit 4. August 2014 um 09:42

    Liebe Aléa,

    neue Wege gehen, während man im Sumpf der Schriftstellerei versinkt? Schwierig, aber natürlich hat auch kein Mensch behauptet, es sei einfach. Was “Bozen” angeht, so tritt grad ein nicht ganz aussichtsloser Alternativplan in Kraft, denn es gibt ja schließlich nicht nur ein Bozen (wenn auch sicher nicht alle Wege nach Bozen führen). Aber natürlich hast du recht, neue Wege müssen ausgelotet und unter Umständen gegangen werden!

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 4. August 2014 um 10:32

    Lieber Norbert,

    ja, es müssen neue Wege gegangen werden. Du kannst dich noch hundert Jahre dahinstellen und auf einen Verleger warten oder Vertretern dieser Gattung Briefe schreiben. Ich halte das inzwischen für keine gute Idee. Die Gründe dafür stehen auf einem anderen Blatt. Aber der Roman muss ja nun einmal veröffentlicht werden, nicht, weil die Welt drauf wartet – die Welt wartet nur auf sehr wenig und sehr wenige -, sondern weil es weg muss aus deinen Gedanken. Das ist ja inzwischen wie Blei und wird jeden anderen, kommenden Text massiv belasten.

    Aléa Torik

    Kommentar von Norbert W. Schlinkert
    Datum/Uhrzeit 4. August 2014 um 15:16

    Liebe Aléa,

    man muss die Welt eben warten machen – das ist wahrscheinlich die eigentliche Kunst. Dafür allerdings wenden ja zum Beispiel Verlage einiges auf und bearbeiten ganze Käuferschichten mittels eines Propagandaapparates, der von der eigenen Werbeabteilung bis hin zum letzten Kritiker reicht – aber das weißt du ja. Und natürlich hast du recht mit dem Roman, er muss raus, auch wenn er durchaus nicht jeden neuen Text so bleischwer belastet, wie du annimmst. Man müsste sich mal über diese neuen Wege austauschen, vielleicht ergeben sich daraus dann ja wiederum neue …

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 4. August 2014 um 16:53

    Lieber Norbert,

    eigentlich bin ich zu Hause geblieben, weil ich meine Steuererklärung machen wollte. Das Finanzamt will, dass ich diese Erklärung mache. Dabei gibt’s da nichts zu erklären. Nun bieten sich jede Menge Ablenkungen. Schöne Mails schreiben und im Internet surfen, wobei ich leider immer feststellen muss, dass all das Zeug, was ich da lese oder auch nur anschaue, mich gar nicht interessiert. Es wird Zeit, dass ich wieder in die Bibliothek gehe.

    Was den Markt alternativer Möglichkeiten angeht, kenne ich mich auch nicht so gut aus, aber das lässt sich leicht recherchieren. Die von dir angesprochene Propagandierung eines Romans ist nicht die Lösung, sondern das Problem selbst. Denn es ist durchaus nicht so, dass nach der Veröffentlichung das Nadelöhr durchschritten ist, sondern die eigentlichen Nadelöhre kommen da erst. Habe ich jedenfalls so das Gefühl und erzählt man mir auch.

    Aléa Torik

    Kommentar von irisnebel
    Datum/Uhrzeit 23. August 2014 um 20:09

    herrlich geschrieben…
    das umkreisen einer sache der begierde. eine endlosspirale ins nichts.
    deine beobachtungen sind von einer feinfühligen art.
    die suche nach etwas, das eigentlich in uns selber wohnt. ein tapetenwechsel kann allerdings das hamsternd für eine gewisse zeit zum stehen bringen, so dass wir durchatmen können und wieder sehen, dass wir im grunde für dinge bezahlen, die wir gar nicht brauchen.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 24. August 2014 um 09:01

    Liebe Iris Nebel,

    vielen Dank für das Kompliment. Was ich auch an dir schätze, ist deine Begeisterungsfähigkeit. Dass es in dem Text auch ums Begehren geht, hatte ich gar nicht bemerkt, aber genau das ist es natürlich. Das Begehrte entzieht sich allen Versuchen, es zu fassen zu bekommen. Es besteht doch vor allem aus der Vorstellung von ihm. Seine Konsistenz ist seine Flüchtigkeit. Vieles von dem, was wir suchen, ist in uns selbst. Aber diese Suche ist die schwierigste. Auch viel von dem, wofür wir bezahlen, brauchen wir nicht. Wir haben es auch nicht. Sein einziger Sinn ist der Akt des Bezahlens, die Bewegung von Geld, die manchmal im Gegenzug eine Sache in Bewegung setzt, die uns aber vor allem vorgaukelt, dass es einen Sinn gibt.

    Auch du warst ja auf der Suche, wie man lesen kann. Und da ist der eine oder andere Ort dabei, den ich auch kenne, oder zu kennen meine. In Avignon beispielsweise meine ich, eine Klingel mit dem Namen Lacroix gesehen zu haben. Aber ich bin sicher, dass es nicht so war. Ich bilde es mir bloß ein. Ich kann mich in Avignon lediglich an den Papstpalast erinnern, an einen Blick über die Stadt von einer Art Aussichtsplattform oder Balkon und an einen Spaziergang im Park. Und an diese gewaltigen Gemäuer, mit denen der Palast sich in der Stadt behauptet. In Marseille war ich nicht und in Aix-en-Provence offenbar du nicht.
    Herzlich
    Aléa Torik

    Kommentar von irisnebel
    Datum/Uhrzeit 24. August 2014 um 12:47

    hehe
    deine Betrachtungen haben mich insgesamt schon etwas stutzig und für einiges bewusst gemacht (was man nach einer gewissen zeit- und geldinvestition lieber vergessen möchte)… genau wie jener frankreichurlaub im durchreisemodus… man rast durch unbekannten, interessanten gegenden und denkt auf der gierigen suche nach dem andersartigen in vielen momenten: so, das wars. hierhin kommst du nie wieder in deinem leben. nimm unbedingt ein abbild davon mit. halte fest, was eigentlich nicht haltbar ist. haltbarer scheinen für den moment die augenblicke, wo ich nicht zum filmen oder fotografieren kam (mal war der akku alle oder der speicher voll oder die lichtverhältnisse schlecht). ein spontaner tanzabend im freien in Aix en Provence, religiöser tanz und musik in Marseille… eher das wohl typisch südländische leben, das erst bei einbruch der dunkelheit beginnt, weil es einfach tags viel zu heiß ist, und das im absoluten kontrast zum touristisch überrollten tagesleben steht, in dem man nirgendwo eine öffentliche toilette findet und selten einen grünen, entspannten, ruhigen ort (bezogen auf Marseille).
    man guckt sich im nachhinein die tausende fotos an und fragt sich (außer dem was bleibt), warum nicht hier und da länger verweilen… oder liegt ein wesentlicher genuss im geheimnis des begrenzten?
    man kann sich nicht alles ansehen, selbst wenn man vor ort ist, man muss liegenlassen, abstriche machen, wenn man in gewisser zeit ein ziel erreichen muss oder will. das war eine überblicksreise (eigentlich nicht mein ding).
    wenn wir noch einmal dorthin reisen wollen würden… dann gäbe es z.b. mehr wunschaufenthalt in der region Marseille, Arles, Aix en Provence. zu ersterem aber wohl besser per flugzeug, um mehr zeit vor ort zu haben. “überfliegen” an sich ist überhaupt nicht mein fall.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 26. August 2014 um 10:44

    Liebe Iris Nebel,

    witzig und verdächtig zugleich: wenn Erinnerungen in dem Moment zustande kommen, da der Akku des Fotoapparates leer ist. Für mich ist der Wert von Urlaub auch gar nicht in der Zeit vor Ort zu messen, sieben oder vierzehn Tage, soundso viele Fotos, soundso viele, sieben, siebzehn oder siebenhundert schöne Erlebnisse und Momente. Der Wert des Urlaubs liegt in der Zeit danach, wenn sich diese Erlebnisse mit dem Alltag verbinden. Erleben, also die Wirklichkeit und die notwendigerweise synchrone Wahrnehmung, sind ja nur eingeschränkt geeignet, um ein echtes Erlebnis zu produzieren. Aber in der zeitlichen Verschiebung von vorher und nachher, können die Ereignisse viel mehr bedeuten als in diesem einen Moment. Bei mir ist es etwa der Aufenthalt im Mai in Rumänien gewesen, an den ich, auch wenn er nur wenige Tage gedauert hat, eine Vielzahl schöner Erinnerungen habe; und Pläne, was die Zukunft betrifft. Mit dem Thema Rumänien bin ich sicher noch nicht fertig. Auch wenn es in meinem gerade fertiggestellten Text keine Rolle spielt, aber in dem jetzt kommenden, einem Roman über Europa, wird es wichtig.

    Ich habe mich oft gefragt, warum ich keine Fotos mache, diese hier im Blog vor einigen Jahren waren eine Ausnahme. Die Antwort ist: weil ich mit einem Foto nur treffe, was ich sehe, aber nicht das, was ich erinnere. Dieses „halte fest, was eigentlich nicht festzuhalten ist“ – ich glaube das habe ich gar nicht. Diesen einen Zug des Melancholikers habe ich nicht, aber ansonsten ist das sicher die Krankheit, die mir am nächsten ist. Wir wissen nicht, welche Momente sich in unsere Erinnerungen eingraben werden: ich finde das ein schönes Bild für das Leben. Man kann alles Mögliche planen, aber später, wenn es vorbei ist, sind es Kleinigkeiten, die wichtig waren; die im Moment des Erlebens wichtig sein werden.

    Aléa Torik

    Kommentar von irisnebel
    Datum/Uhrzeit 30. August 2014 um 22:08

    wow!… “Der Wert des Urlaubs liegt in der Zeit danach, wenn sich diese Erlebnisse mit dem Alltag verbinden. (…) Aber in der zeitlichen Verschiebung von vorher und nachher, können die Ereignisse viel mehr bedeuten als in diesem einen Moment.”
    - ja, das stimmt. das sind erinnerungs-schätze, die man zum teil erst später hebt- bewusst und unbewusst. ich recherchiere vieles erst im nachhinein. das gesehene wird dadurch aufgeladen. und ja, ich habe einige wenige erlebnis-MOMENTE, die ich an der hand abzählen kann, in denen ich wusste, das ist jetzt bedeutsam für dein ganzes leben. schon während des erlebens. oder dinge, die ich halbbewusst voraussah, die mit dem kommenden verlust eines gegenstandes zu tun haben. in DIESEN momenten allerdings lag das künftige ereignis völlig im dunkel. es gab nur eine millisekunde, in der ich dachte, dass ich diesen gegenstand wohl nicht wieder sehen werde.. und so war es dann auch. ein 6. sinn? ;)
    das auch: “später, wenn es vorbei ist, sind es Kleinigkeiten, die wichtig waren;..”. ich glaube, wenn wir uns mehr zeit für die verarbeitung von erlebnissen nehmen würden, wären wir reicher an bedeutsamen momenten.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 1. September 2014 um 19:33

    Liebe Iris,

    der Moment wird, meine ich, überschätzt. Es gibt diese seltenen Momente, die wirklich alles mitbringen. Aber meist sind Momente doch von vielen Zeitschichten beeinflusst, von Erwartungen, von Hetze und Eile, von Erinnerungen an andere Orte, aber auch von Stimmungen, vom Wetter, etc. Die Erwartung, die Vorbereitung auf einen Urlaub oder eine Ausstellung, oder die Erinnerung daran: das alles ist in den meisten Momenten ja mit enthalten. Momente sind ja keine singulären Wesen, sondern vielschichtige Ereignisse. Und wahrscheinlich sind es auch eher scheue Wesen, die sich nur dann und wann zeigen.

    Das glaube ich auch, dass wir oft so hetzen, nicht, weil wir es eilig haben, sondern weil wir diesen Erlebnisdruck haben: bloß nichts verpassen. Dabei verpassen wir die Dinge gerade in der Eile. Wenn wir uns, wie du sagst, mehr Zeit nähmen, entstünde die Eile gar nicht. Das funktioniert so ähnlich wie du das beschrieben hast am „kommenden Verlust eines Gegenstandes“ – eine wirklich schöne Formulierung – : wir haben bereits so sehr internalisiert, dass die Zeit flüchtig ist, das wir mit nichts anderem beschäftigt sind, sie daran hindern zu wollen, indem wir das Leben vollpacken mit Ereignissen. Aber die meisten Ereignisse sind keine Erlebnisse. Das hat ja oft nicht einmal die Intensität eines mittelmäßigen Kinofilms, von dem wir wissen, dass er nach zwei Stunden vorbei ist.

    Ich unterstelle aber auch, dass gerade die Kunst, das Machen von Kunst, oft, nicht immer, ein exzellentes Antidot ist. Ich habe es irgendwo schon mal formuliert, dass dieses jahrelange Arbeiten an Texten, an Figuren und Ereignissen, dieses immer wieder neu anfangen, dieses Suchen nach dem der Figur oder dem Text Gemäßen: das ist für mich ein anderes Zeiterleben. Vielleicht, weil es nicht meine Zeit ist, sondern die Zeit dieses characters. Und ich kann mir vorstellen, wenn ich mir deine Sachen anschaue, dass es dir ähnlich geht. Man sitzt einfach da und macht etwas und sieht dem zu wie es beinahe von selbst entsteht. Dieses Zusehen empfinde ich nicht als eine leere Zeit.

    Aléa Torik

    Kommentar von irisnebel
    Datum/Uhrzeit 2. September 2014 um 21:46

    “meist sind Momente doch von vielen Zeitschichten beeinflusst, von Erwartungen, von Hetze und Eile, von Erinnerungen an andere Orte, aber auch von Stimmungen, vom Wetter, etc.”- ja, stimmt… habe ich in diesem zusammenhang bisher noch gar nicht von dieser warte aus betrachtet. interessanter gedankengang. vielschichtigkeit eines moments… hmm, wobei ich denke, dass da eine ganze menge nur unbewusst mitschwingt und etwas in uns erklingen lässt, wenn es da andockt, wo unsere emotionen beheimatet sind. nur das wird schliesslich erinnert. banalitäten fallen glatt unten durch und verschwinden im nichts. und nicht banal ist, was eben einzigartig ist: z.b. wenn fremde menschen sich sofort gut verstehen, wenn sie einen draht zueinander finden und sich “anrühren”. das ist selten in unserem alltag geworden, aufgrund der vereinzelung des individuums (bspw. die tanzenden, musizierenden in Aix en Provence und Marseille). der funken menschlicher wärme, der das herz erfüllt… selbst das der nur zuschauenden.
    und auch da ist zuschauen für mich nicht leere zeit, im gegenteil, da entstehen träume, assoziationen, geschichten… die in den bildern verstehe ich manchmal selbst nicht, wenn sie sich aus dem unbewussten mit einmischen. erst dann, wenn ich eine arbeit länger weglege, kann ich manchmal noch über das einst mitgedachte hinweggehen und eine neue ebene anlegen.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 3. September 2014 um 09:48

    Liebe Iris,

    von wem ist dieses Beispiel mit dem Eisberg – dass uns nur ein Siebtel bewusst ist, der Rest liegt unter Wasser -?. Das ist wahrscheinlich ganz gut, dass wir nicht alles bewusst erleben. Oder noch radikaler ausgedruckt: was wir Erleben nennen, würde gar nicht funktionieren, wenn nicht der allergrößte Anteil ein uns nicht bewusstes ‚mitströmen‘ von anderem wäre.

    Und genau das ist ja auch das Potential bei künstlerischen Tätigkeiten und vermutlich der Grund, warum so viele Menschen Kunst machen wollen – Schreiben, Malen, Zeichnen, Musizieren – weil man dabei erstens ein anderes Zeitempfinden hat, ein geschichtetes, kein chronologisches – die Zeit kann einem ja nur wegrennen, wenn man sie chronologisch betrachtet –; und zweitens, weil man dabei an sein Unbewusstes herankommt, nicht unbedingt im Sinne Freuds, durch Bewusstwerdung nämlich: “Wo ‘Es’ war, soll ‘Ich’ werden”, aber durch einen latenten Kontakt, wenn „Es“ in uns arbeitet. Wenn es sich durchringt.

    Was wir später erinnern werden, ist ja mitunter seltsam. Das sind natürlich die Momente, von denen man weiß, dass man sie mitnimmt. Was du negativ ausgedrückt hast in dem „kommenden Verlust eines Gegenstandes“ kann man ja auch umgekehrt wenden: man weiß, dass das ein Moment hoher Intensität – beinahe von Gegenständlichkeit – war, den man nicht verlieren wird. Aber man erinnert auch Dinge, mir geht es so, von denen ich nicht dachte, dass ich sie erinnern würde. Das Seltsame beim Vergessen hingegen ist, dass man nicht weiß, was man vergessen hat. Wenn ich länger darüber nachdenke, finde ich das sehr beunruhigend. Und gleichzeitig dermaßen spannend, dass ich mich mal kurz wegbeugen musste, zu meinem neuen Manuskript, wo ich vielleicht eine Figur auftreten lassen könnte, die sich genau darüber Gedanken macht – Ist das nicht von Hegel?: „das Vergessen schützt die Erinnerung“.

    Es freut mich, dass hier eine richtige Diskussion entstanden ist.

    Herzlich

    Aléa Torik

    Kommentar von Miss Lingen
    Datum/Uhrzeit 3. September 2014 um 20:21

    Ich finde es sehr anregend hier mitzulesen, bin aber eher eine stille Leserin als eine Kommentatorin.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 4. September 2014 um 19:02

    Liebe Miss Lingen,

    Kommentare sind in der Regel bei Blogbetreibern sehr beliebt, weil die daran erkennen können, dass ihr Blog angenommen wird und sie etwas zu erzählen haben, das diskussionswürdig ist. Wir Schriftsteller sind da genügsamer, uns muss es reichen, dass wir Leser haben. Und der Leser ist ja auch der erste Adressat. Es ist nicht so, dass Schreiben mehr ist als Lesen, mitunter ist es sogar weniger. Ein Schreiber sucht immer die Worte, ein Leser hat sie bereits gefunden. Also bleiben Sie ruhig beim Lesen.

    Aléa Torik

    Kommentar von irisnebel
    Datum/Uhrzeit 7. September 2014 um 11:39

    Liebe A.,

    “die Zeit kann einem ja nur wegrennen, wenn man sie chronologisch betrachtet”- merk ich mir auch- eine schöne Betrachtungsweise.

    und zur erinnerung nicht vergessen zu bemerken, dass sie unheimlich täuscht. wir menschen machen unsere märchen daraus, weil wir sie zum leben brauchen. etwas fügt sich aus den verschiedenen realitäten zusammen, verzahnt sich und erfindet sich ein stückweit selbst. unsere mythen, legenden und geschichten gaukeln oder geben uns tatsächliche lösungen für alltägliche situationen vor. wir erträumen sie bewusst oder unbewusst. je öfter man eine geschichte erzählt, desto runder wird sie am ende, weil man bemerkt oder auch nur instinktiv begreift, dass etwas schlüssiger wird, wenn man sie vor anderen ausgebreitet und durchgecheckt hat. überflüssiges fällt immer mehr weg, existentielles wird stringenter, der teppich aus zur stimmung beitragenden faden wird immer klarer gewebt. und am ende erhält man ein muster, zum weitergehen, zum sich daran zu erfreuen.

    wenn ich das mit dem herstellen von bildenden kunstwerken vergleiche, schält sich erst nach und nach das muster der geschichte heraus. ich erzähle es aber nicht ständig neu, oder ich bemerke es nicht, denn ein aussenstehender, der eine bildserie vergleicht, wird vllt feststellen, dass sich webmuster,- themen und-motive im euvre doch wiederholen. (wer tief drin steckt, hat selten übersicht, weniger betrachtungslicht). man denkt, man gestaltert etwas neues und wenn man es sich richtig besieht, ist es doch verwandt mit anderem, das bereits das licht erblickt hat.
    ich habe manchmal den eindruck, das ich auf der hälfte der wegstrecke zu einem bild innehalte oder stehen bleibe… und vllt nun aus diesem grunde, dass ich mir einbilde, hier ist noch eine mich überrumpelnde selbstüberraschung zu finden, wenn ich das licht nicht ganz anschalte, etwas nicht beende oder in ansätze stehen lasse.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 7. September 2014 um 20:14

    Liebe Iris,

    so wie du das beschreibst, genauso, funktionieren Erinnerungen. Anhand solcher Mythen konstruieren wir ein mit sich selbst identisches Ich, das wir angeblich sind. Und genau das – eigentlich nicht genau das, sondern viel mehr als das, ich habe den Prozess, um ihn deutlich zu machen, übertrieben -; genau das habe ich in Aléas Ich beschrieben: inwieweit wir uns selbst erfinden. Wie du schon sagst, wir machen die Sache schlüssig, wir feilen ein wenig daran, bis wir gar nicht mehr bemerken, was das abgefeilte und was das echte sind. Und das sagst du auch sehr treffend: wir fühlen instinktiv, dass, wenn die anderen es uns bezeugen, das Erzählte ja in gewisser Weise ‚wahr‘ sein muss. Ich meine das in keiner Weise abwertend: so stricken wir an unserer Selbstdarstellung und vor allem an unserer Selbstwahrnehmung. So kommt die unvorstellbare Anzahl von hehren und aufrechten Persönlichkeiten in dieser Gesellschaft zustande.

    Was du zu deinen Bildern sagst, das kenne ich auch. Aber ich empfinde das zurücklehnen und das neu anfangen als wertvoll. Natürlich stellen sich Themen heraus, die mich wieder beschäftigen, aber es flechtet sich auch immer wieder Neues ein, es kommen Variationen, etc. dazu. Und langsam verändert sich das Bild eben doch, weil sich die eigenen Ansichten dazu verändern. Ohne dass man es bemerkt. Man bemerkt es nur, weil man es formuliert. Das geht mir sehr oft so, dass ich feststelle wie ich zu etwas stehe: indem ich es formuliere. Als wenn es ohne dieser Formulierung meinen Standpunkt gar nicht gäbe.

    Für mich ist die Erinnerung kein Archiv, aus dem ich schöpfe. Ich schöpfe viel mehr aus dem Unbewussten, von dem ich nur indirekt weiß, indem ich etwas formuliere. Meine Erinnerungen an, sagen wir Kindheit, Studium, Liebe, Urlaub, (der obige Artikel ist eine Ausnahme) die gehören mir, die werde ich nicht in die Welt hinaus posaunen. Was ich posaune, ist die Art und Weise, wie ich sie darstelle. Und diese Darstellung kann ganz andere Wege gehen als die Wirklichkeit gegangen ist. Obwohl Bozen genauso gewesen ist, wie ich das oben beschreibe. Und doch habe ich es poetisiert. Ich habe es präzisiert. Und verfälscht. Aber darin erst ist es so geworden, wie es gewesen ist. Und weil ich, was diese Formulierung impliziert, für absolut richtig und für wahr halte, bin ich Schriftsteller. Die Wahrheit tritt in der Darstellung zutage.

    Hier hört der Kommentar auf, aber eigentlich müsste er, mit so einem letzten Satz, an dieser Stelle anfangen. Aber er hört hier dennoch auf.

    Herzlich

    Aléa Torik

    Pingback von Häutung unserer Zeit | Irisnebel
    Datum/Uhrzeit 14. September 2014 um 15:28

    [...] die Zeit kann einem ja nur wegrennen, wenn man sie chronologisch betrachtet“(Claus Heck) und “Viele phantastische Geschichten kommen um eine thematische Ähnlichkeit nicht herum. Es [...]

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