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  • 28 November 2013

    „Die Wirklichkeit ist der Schatten des Wortes“

    „Unsere Kultur ist besessen von realen Ereignissen, weil wir kaum noch welche erleben“. Dieser Diagnose von David Shields, die Peter Urban-Halle in seinem Artikel „Der autobiografische Roman von heute“ in der Neue Zürcher Zeitung zitiert und die man so oder so ähnlich derzeit an vielen Orten hört, stimme ich durchaus zu. Den Schluss jedoch, dass wir eine autobiografische und dadurch offenbar authentische Literatur brauchen, um zum Erlebnis zurückzufinden, teile ich nicht. Denn der Begriff des Erlebnisses hat sich grundlegend geändert.

    Zweifellos gibt es einen „Hunger nach Wirklichkeit“, nach Wahrhaftigkeit und Echtheit. Aber ist die erzählende Literatur der Ort an dem dieser Hunger gestillt werden kann? Kann es in einer Welt, in der der Schein nicht mehr der Schein der Wahrheit ist, sondern lediglich eine glänzende Oberfläche, kann die Literatur des 21. Jahrhunderts tatsächlich einen abbildenden Zugang zur Realität wollen: Indem sie lediglich erzählt, was wirklich geschehen ist? Das 20. Jahrhundert hat uns doch vor Augen geführt, dass die beiden Protagonisten dieses Schauspiels – das erkennende Ich und die erkannte Wirklichkeit – gleichermaßen unzuverlässige, über die Bühne wankende Kombattanten sind. Müssen wir nicht vielmehr, um der Wirklichkeit auf die Spur zu kommen, sie neu erfinden?

    Wenn wir fragen, ob es einen neuen Realismus in der Literatur gibt, dann ist nicht die Frage, ob es die Realität gibt, sondern ob wir einen realistischen Zugang zu ihr finden. Das ist die Frage, ob Schriftsteller nicht immer, mit Fernando Pessoa formuliert, den Leser täuschen: „Der Poet verstellt sich, täuscht / so vollkommen, so gewagt, / daß er selbst den Schmerz vortäuscht, / der ihn wirklich plagt.“

    Die Fähigkeit zu fingieren ist keine genuin literarische Leistung, sondern von erheblicher anthropologischer Relevanz und hat eine, in der Konstruktion von Weltbildern, Hypothesen, Projektionen, in Liebe und Eifersucht gleichermaßen tragende Funktion. Unsere gesamte Existenz ist von Fiktionen durchzogen. Seit allerdings ein nicht unwesentlicher Teil unserer Lebenszeit und -energie im Netz versickert und wir hinnehmen, dass fiktionale Strategien immer größere Bereiche des Lebens beeinflussen, geradezu okkupieren, scheint die Sehnsucht nach Authentizität und Wahrhaftigkeit gute Gründe zu haben.

    Allerdings ist die Annahme, dass man authentische Erfahrungen – als idyllisches Erleben eines unverstellten Naturzustandes – einfach so machen könne, einigermaßen naiv. Dieser Wunsch wird möglicherweise umso realer empfunden, je irrealer sein Objekt ist: das eigene, die Welt da draußen aufnehmende, verstehende und beschreibende Ich. Auch taugt die Annahme, man brauche authentische Erfahrungen, um darüber schreiben und sie für die Fiktion fruchtbar machen zu können, nicht viel: „Obwohl das Gegenteil bewiesen ist, glaubt man immer noch, daß direkte Erfahrungen lehrreicher sind als vermittelte und letztere nur dann aufschlußreich sind, wenn sie die Realität genau widerspiegeln. Doch wer mit fiction nicht umgehen kann, der weiß sich schon deshalb in der realen Welt nicht zu bewegen, weil ihm jegliche authentische kommunikative Kompetenz abgeht“, schreibt Elena Esposito in „Die Fiktion der wahrscheinlichen Realität“.

    Einer der bevorzugten Witze von David Foster Wallace lautet: „Zwei junge Fische begegnen einem älteren Fisch. Der fragt: ‚Morgen Jungs, wie ist das Wasser?‘ und schwimmt dann weiter. Daraufhin fragt der eine der beiden jungen Fische: ‚Was zum Teufel ist Wasser?‘“ Entweder gibt es die Wirklichkeit nirgends oder, was auf dasselbe hinausläuft, es gibt sie überall. Was uns abhandenkommt, ist nicht die Wirklichkeit selbst, das Wasser, sondern das Gefühl dafür. Wir können die Wirklichkeit nicht auf eine reine Weise erfühlen, erfahren oder erschwimmen. Wir erfahren sie womöglich, indem wir erfahren, was sie nicht ist, weil fact und fiction als singuläre Erscheinungen in unserer Welt nicht vorkommen, sondern nur im Verhältnis zueinander.

    Die Sehnsucht nach Wirklichkeit kommt in einer Zeit auf, da wir mit dem Cyberspace immer weiter zu verwachsen scheinen. Die Welt verändert sich und wir selbst – ob wir das wollen oder nicht, ob wir uns anpassen oder widersetzen – verändern uns ebenfalls. Wir fotografieren und archivieren die Dinge bereits während wir sie erleben. Aber nicht etwa für eine spätere Zeit, da wir uns mittels der Archive erinnern werden, sondern als Bereicherung der Gegenwart: Als Überwindung jenes Mangels, der durch die Möglichkeit, ihn zu überwinden – durch technische Geräte und deren Applikationen – überhaupt erst entstanden ist. Jede App verspricht uns mehr aus dem armseligen Stoff der Wirklichkeit zu machen. Jede Möglichkeit zur Bereicherung wird allerdings in dem Moment bereits als Verarmung empfunden, da man sie ungenutzt vorübergehen lässt.

    Wir verstehen uns und unsere Erlebnisse im Hinblick auf deren mediale Verwertbarkeit. Die Dinge sind schön, wenn sie so schön sind wie im Film. Wir verlagern unsere Interessen und damit uns selbst immer weiter ins Netz: einen Tag, eine Stunde ohne Medien verbringen zu müssen, ohne seine Mails abzufragen und sich und die anderen zu kontrollieren, ist nahezu unvorstellbar. Bei den sogenannten Digital Natives geht der Blick alle paar Sekunden aufs Display, als könne dort etwas ohne sie geschehen.

    Selbst im Urlaub ist man noch im Netz. Womöglich ist man nur dort im Urlaub, weil Wirklichkeit Stress erzeugt; man muss sich eine Unterkunft suchen und unverzüglich entscheiden, was man fotografieren und ins Netz stellen soll. Dort erst kann man sich anschauen, wie schön es an diesem Ort ist. Das Erleben ist nicht mehr das Gefühl für ein Ereignis während es geschieht, also eine ‚realistische‘ Bearbeitung, sondern dessen Beglaubigung und Anreicherung durch seine Medialisierung.

    Die den Realitätsverlust beklagen, sind nicht selten gerade jene, die ihn befördern und mit ihren Blogs, Facebook- und Twitteraccounts, mit Kühlschränken, die Lebensmittel bestellen und Telefonen, die den Aufenthaltsort der Kinder überwachen und damit jenes Gewebe erst erzeugen, in dem ihnen das Gefühl für die Realität abhanden gekommen ist. Offenbar ist es nicht der Mensch der authentisch werden soll, sondern das Medium, mit dem er diese Authentizität unterläuft. Im Netz jedoch gibt es keine Realität. Es gibt ausgewählte Teile von ihr, die nicht das Ganze zu sein, sondern, sehr viel perfider, das Ganze zu repräsentieren behaupten. Das sind nicht mehr wir, sondern unsere medialen Hüllen, wie Bert te Wildt in „Medialisation“ schreibt: „Die virtuellen Partialidentitäten, mit denen wir im Cyberspace agieren und interagieren, sind mehr oder weniger künstlich, eine mehr oder weniger künstliche Variante unserer selbst, aber – so sehr wir es uns vielleicht auch wünschen – niemals wir selbst. Ähnlich wie unser Selbst nicht gleichzusetzen ist mit unserer körperlichen Hülle, ist es nicht identisch mit unserer medialen Präsenz.“

    Der Cyberspace – die Cloud, wo Dinge, vielmehr deren Datenschatten, sich nicht mehr an einem Ort lokalisieren lassen, sondern zwischen Orten fließen – ist ein mythischer Ort, an dem es keine Körper gibt; es gibt immer nur die digitalen, täuschend echten Stellvertreter. Die zukünftige Art des Reisens, die in Franz Werfels Roman „Stern der Ungeborenen“ noch radikal utopisch erschien, ist mit dem Netz längst Wirklichkeit geworden: nicht wir bewegen uns auf das Ziel, sondern wir bewegen das Ziel auf uns zu.

    Durch google street view können wir uns bereits heute in einer Straße umsehen, in der wir uns nicht befinden. Noch einen Schritt weiter und wir können die anderen erkennen, die sich dieselbe Straße ansehen ohne sich dort zu befinden. Und noch einen weiteren Schritt und wir und die anderen bewegen uns an einem Ort, an dem wir nicht sind. Wir teilen dann mit jenen eine Wirklichkeit, die, wie wir, noch immer auf dem Sofa sitzen. In einer radikal entleerten Gegenwart sitzen wir alle auf unseren Sofaecken und starren auf berührungsempfindliche Displays, die nicht mehr auf grobmotorische Fingerspitzen, sondern auf Blickkontakte reagieren. Displays, die die Differenz zwischen hier und dort zu überwinden vermögen und an unseren Augen und an uns erkennen, was wir früher an ihnen erkannt haben.

    Mit dem Cyberspace verändert sich der Begriff der Wirklichkeit als einer sprachlich verfassten. Die Welt auf der anderen Seite von dieser ist längst nicht mehr virtuell, sondern real. Sie hat gegenüber der Wirklichkeit sogar eine gesteigerte, elektronisch aufgewertete Realität. Dieser Hyperrealismus will die Wirklichkeit der Welt nicht nur einfach abbilden, er will sie auf hysterische Weise steigern: Er will sie als verbessertes Abbild und nicht, wie etwa Roman oder erotische Fantasie, als deren Abweichung. Und je reichhaltiger der Hyperrealismus mit seinen Applikationen wird, desto ärmer scheint die Sprache mit der wir diese Welt beschreiben.

    Die Strategie, die Literatur authentischer werden zu lassen, und sie damit scheinbar näher an das eigene, das erzählende Ich heranzurücken – weil die Welt fiktionaler wird und damit vom Ich wegrückt -, halte ich für grundlegend falsch. Die Literatur kann dem an der Welt leidenden Menschen keinen kurativen Zugang zur Wirklichkeit verschaffen. Die gegenteilige Bestrebung scheint mir vielversprechender: die Literatur muss die Wunde schlagen. Vielmehr muss sie die vorhandene Wunde, dass nicht alles Wirklichkeit ist, was man dafür hält, vertiefen. Das ist der Reichtum, den Literatur uns zur Verfügung stellt: Die Erkenntnis, dass der Zweifel an der Wirklichkeit das Gebäude nicht zusammenbrechen lässt, sondern seine Stabilität überhaupt erst ausmacht. Es ist die Fiktionalität, die die Wirklichkeit vor dem Kollaps bewahrt, nicht die Authentizität.

    „Wir halten das Wort üblicherweise für den Schatten der Wirklichkeit, für ihr Abbild. Richtiger wäre die umgekehrte Behauptung: Die Wirklichkeit ist der Schatten des Wortes.“ Mit dieser Umkehrung des platonischen Höhlengleichnisses beendet Bruno Schulz seinen Essay „Die Mythisierung der Wirklichkeit“. Wir meinen zu wissen was Blau ist, weil wir die Farbe kennen. Dabei ist Blau nicht von Natur aus blau, sondern es wird erst dazu, indem wir es so nennen. Es ist nicht die Farbe, die die Intensität hat, sondern das Wort, das sie abzubilden vorgibt. Wir geben der Farbe einen Namen, der mit der Sache selbst nicht das Geringste zu tun hat. Wäre Blau tatsächlich grün, gäbe es für uns keine Möglichkeit hinter das Wort zu schauen und seine wahre Farbe zu erkennen. Möglicherweise sieht die Welt ganz anderes aus als wir das zu erkennen meinen, weil wir alles falsch bezeichnen. Wir werden es nicht erfahren. Wir haben nur das Wort und alles, was wir sehen, was wir als unsere Wirklichkeit postulieren, sind seine Schatten. Das Skandalon der Literatur, dass Wirklichkeit nicht von Fiktion zu unterscheiden ist, sollte nicht ausgelöscht, sondern kultiviert werden.

    Nachtrag: „Authentizität“ ist nicht das Hauptthema dieses Artikels, sondern sein Ausgangspunkt. Und dazu noch ein kleiner Nachtrag. Dass ich mit der sogenannten autobiografischen Literatur wenig anfangen kann – mit dem Begriff Authentizität noch weniger -, habe ich mehrfach dargelegt. Mich interessiert der Autor nicht, weil ich nichts mit ihm zu tun habe. Ich habe lediglich mit seinem Text zu tun. Ich habe allerdings die Befürchtung, dass sich so mancher gar nicht für Literatur interessiert, sondern nur für den Autor: Ein Autor, der sich in seinem Text ‚ausdrückt‘, der sich da ‚wiederfindet‘. Ob er das nun beabsichtigt hat oder der Leser ihm das nur unterstellt, ist einerlei.

    Ich verweise ein weiteres Mal auf Tanja Dückers schönen Essay: “Ist das autobiografisch?“. Auf Ilija Trojanow, ein einem Interview: „Ich kann persönlich mit dem Wort „Authentizität“ überhaupt nichts anfangen. Das Wort ist stark instrumentalisiert worden, oft wird es benutzt, um eine bestimmt Ideologie oder Verengung zu verteidigen. In der Rezeption der afrikanischen Literatur, unter afrikanischen Intellektuellen oder auch außerhalb setzt man das Kriterium „authentisch“ ein, um jemandem, den man nicht mag, die literarische Existenzberechtigung abzustreiten. Das gleiche Verhalten kann man gegenüber Autoren der Exilliteratur beobachten. Dieses uralte Phänomen habe ich selbst erlebt, wenn ich über Bulgarien schreibe. Angeblich kann ich nicht authentisch über Bulgarien schreiben, weil ich ja in der Diaspora lebe. Diese Sichtweise ist in der Weltliteratur der letzten 3000 Jahre tausendmal widerlegt worden.“ Und auf Jutta Reichelt: „Aber was genau ist denn das “autobiografische” am “autobiografischen Text”?

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.



    Kommentare

    Kommentar von JimKnopf13
    Datum/Uhrzeit 3. Dezember 2013 um 21:35

    Ich habe die Befürchtung, ich komme spät mit meinem Kommentar. Das wurde möglicherweise schon alles ausdiskutiert. Ich hab mich hier zwar schon vor einiger Zeit umgeschaut und hier und dort gelesen, aber nicht seit Jahren die Diskussionen verfolgt. Ich komme vom Buch zum Blog, nicht umgekehrt.

    Den Beitrag finde ich sehr anregend, aber an einigen Stellen würde ich gerne einhaken, weil ich denke, das schießt übers Ziel hinaus:
    Die Idee der Hyperrealität finde ich gut. Erst das, was sichtbar ist, ist real. Schöne Beispiele mit den Urlaubsbildern. Ganz trivial wäre die Firma, die nicht im Internet ist: die gibt es nicht.

    Aber dennoch, das suspendiert nicht den Begriff der Authentizität im Realen. Er ist nur nicht über den medialen Weg erreichbar bzw. hat sich verschoben. Ich würde etwas konservativer ansetzen: Sobald ein Medium dazwischentritt, ist die Authentizität keine zulässige Kategorie mehr – gerade weil sie ständig beschworen wird. “Authentisch werden”, “menschlich werden” etc. das kann der Politiker gerade nicht, wenn er so ergriffen ist, dass er weinen muss. Nicht mal am Grab eines Soldaten, der unglücklicherweise tot aus Afghanistan zurückgekehrt ist. Sobald ein Journalist behauptet, da wurde der Politiker ganz menschlich – dann ist das keinesfalls authentisch. Unmöglich. Aber das liegt, so würde ich behaupten, am Medium. Die Realität ist schon da, das Authentische auch. Aber über die Kunst, über den Text, über die Sprache finden wir keinen unmittelbaren Zugang dazu. Gerade in Bezug auf die Farbe finde ich das Beispiel irreführend. Das sind eben Fragen der Semantik, nicht der ‘Dinge selbst’. Die sind soundso-farbig. Das ließe sich messen. Welcher Farbanteil wird wie dolle absorbiert und wie stark reflektiert etc. Da rüttelt die Semantik eben nicht dran. Auch die Geschichte nicht. Nur an der Benennung dieser Phänomene (die, natürlich zugegeben, unser Denken strukturieren). Aber erstmal ist die Farbe soundso.

    Und so wäre das Authentische durchaus eine Kategorie. Nicht aus dem Blickwinkel der Kunst, der hier ja vorrangig ist, aber (jetzt setze ich mich dem Spott aus :-) z.B. eine moralische Kategorie. ‘Authentisch werden’ könnte durchaus ein sinnvolles moralisches Anliegen sein: Denken und Handeln in Einklang bringen, was, natürlich zugegeben, unmöglich ist. Aber das stört den Moralisten ja nicht weiter.

    Und auch in Bezug auf die Kunst wäre ich nicht so sicher. Ja, ganz bestimmt: gute Literatur wird man derzeit eher daran erkennen, dass sie das Spiel mit der Fiktionalität und Realität unterläuft, weitertreibt etc. etc. Aber andere Wege wären denkbar. Nur nicht, und da bin ich ganz dabei, so elendig naive, wie dieser sogenannte Neue Realismus. Der interessiert mich auch nicht. Doch das ist dann eine Frage an einen Künstler, der einen neuen Weg zeigt, der wirklich einer ist. Das würde ich aber nicht kategorisch ausschließen.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 7. Dezember 2013 um 15:57

    Lieber Jim Knopf,

    Entschuldigung für die Verspätung. Wir sind gar nicht so unterschiedlicher Meinung, vermute ich. (Auch) ich glaube, dass das Authentische durch seine raunende Beschwörung an Wert verliert. Ich glaube, dass dieser Begriff in der Kunst nichts zu suchen hat. Oder dass er in der Kunst nicht vom Künstler zu leisten ist, sondern vom Rezipienten. Wir sind einer Meinung, dass Farbe sich messen lässt. Und wir sind wahrscheinlich auch einer Meinung, dass der künstlerische Text seinen Reiz verlöre, gäbe man einen Ort auf dem Lichtspektrum an, statt zu sagen, dass es ein schöner Sonnenuntergang war. Wir sind wahrscheinlich nicht einer Meinung, wenn ich behaupte, dass ein nicht irdisches Messinstrument einen anderen Wert für eine Farbe erzeugen würde, als ein hiesiges. Das scheint auf den ersten Blick uninteressant, weil wir keine nichtirdischen Messinstrumente haben. Dennoch ist das Nachdenken über solche Fragen wie die von Thomas Nagel “What is it like to be a bat?” aufschlussreich. Wir können nicht wissen, wie sich oder was eine Fledermaus fühlt. Aber wir können versuchen, es uns vorzustellen. #

    Was die moralische Kategorie angeht, die Aufforderung authentisch zu werden: da sollte man, glaube ich, andere Begriffe nutzen als Authentizität. Das klingt so ein wenig angesäuert. Außerdem bin ich dafür nicht zuständig. Mein Job ist es, einen guten Text herzustellen, keinen guten Menschen. Ob ich einer bin oder nicht, ob ich dieses oder jenes in der Hose oder der Bluse habe: das geht einfach niemanden etwas an! Die Exhibitionisten unter den Autoren mag es nicht nur geben, die gibt es zuhauf. Aber ich gehöre einfach nicht dazu. Auch wenn man mir bisweilen genau das Gegenteil unterstellt hat: ich sei jemand, der sein Ego inszeniert habe. Zum Totlachen!

    Und was die Literatur betrifft: sicher sind andere Wege denkbar, 99,99 % aller derzeitigen Literatur, beschreitet den realistischen Weg. Das ist, zufällig oder nicht zufällig, auch der Weg, der den authentischen Autor in den Mittelpunkt des Textes rückt. Solche Texte sind nicht in erster Linie Texte, sondern eine Art und Weise, den Autor im Text zu inszenieren. Unter der falschen Kategorie der Authentizität, wird versucht einen echten Autor zu erfinden. Das ist in der Tat eine perfide Inszenierung. Solche Texte interessieren mich nicht, wohl aber die meisten, die sich in landläufiger Weise unterhalten lassen wollen. Aber da sind wir ja einer Meinung.

    Und was die Frage an den Künstler betrifft: ich glaube, ich habe einen solchen Weg gefunden.

    Herzlich
    Aléa Torik

    Kommentar von JimKnopf13
    Datum/Uhrzeit 9. Dezember 2013 um 12:41

    Na dann liegen wir tatsächlich nicht weit auseinander. Gestört hat mich eher, dass ich das Gefühl hatte, Wirklichkeit wird gegen Fiktion ausgespielt oder umgekehrt. (Der “Schatten” legt das nah. Als sei das eine “nur” der Schatten des anderen. Das ist in beide Richtungen falsch, denke ich.)
    Auch mit Herrn Nagel habe ich wenig Probleme. Gar nicht eigentlich: z.B. für Paul Feyerabends (der wäre nun der Außerirdische…) Beweise, dass sich nun nicht ausgerechnet die Erde um die Sonne drehen müsse, habe ich größte Sympathie.

    Und natürlich: Sie haben einen literatischen Weg gefunden. Der wäre aber einer, genau wie Sie schreiben, der den Graben vertieft, und der die Fiktionalität betont. Ich würde mir auch das dialektische Gegenstück denken wollen: Eine Literatur, die trotzdem realistisch sein will. (Realistisch ist dann vermutlich das falsche Wort geworden.) Also ein ernstzunehmender Versuch zur Wirklichkeit zu kommen. (Aber wie das gehen soll, weiß ich auch nicht. Jedenfalls nicht naiv.)

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 9. Dezember 2013 um 18:29

    Lieber Jim Knopf,

    mich interessiert der Text, der nach bestimmten ästhetischen oder poetologischen Mitteln hergestellte und funktionierende Text. Der Autor interessiert mich nicht. Wenn jemand anderer Meinung ist, wenn er am Autor interessiert ist, kann er ja in der Regel Kontakt mit ihm aufnehmen. In meinem Fall allerdings war das eine inszenierte Verwirrung. Man konnte auch hier mit der Autorin „persönlich“ Kontakt aufnehmen, musste dann aber erkennen, dass der Autor doch ein anderer war als man sich das vorgestellt hatte. Aber trifft das nicht für alle Autoren zu? Welcher Autor ist denn so naiv, sich für genau den zu halten, den der Leser in ihm sieht? Zugegeben, das ist jetzt etwas simplifizierend. Aber ich habe schon sehr viel darüber geschrieben und will mich jetzt noch noch einmal wiederholen.

    Möglicherweise war mein Tun moralisch nicht einwandfrei. Aber das ist auch nicht mein Job! Mein Job ist das erfinden. Wenn ich mal aus Aleas Ich zitieren darf?: “Nun interessierten sich meine Gäste vor allem für die autobiografischen Ingredienzien meines Gerichts. Jana fragte zu meiner Überraschung, ob ich mit einem Blinden zusammengewesen sei. Diese Frage brachte mich gleich zu Anfang aus dem Konzept. Ich wollte über meinen Text sprechen, nicht über mich. Das konnte ich jeden Tag. Auch die anderen, die zu Janas Frage zustimmend genickt hatten, wollten offenbar vor allem wissen, inwieweit der Text Ausdruck meiner selbst sei und ich in dem Text wiederzufinden war. Das war ein Ansatz, der mir nicht nur persönlich, sondern auch in theoretischer Hinsicht nicht gefiel. Selbstverständlich greift man beim Schreiben auf seine Biografie zurück, man schreibt mit den eigenen Fingern und nicht mit einer Prothese. Aber man erfindet es dennoch. Man erfindet Figuren, die auf die eigenen Lebenserfahrungen und Formulierungsfähigkeiten zurückgreifen. Man erfindet sogar sich selbst als Autorin und bedient sich der Hilfskonstruktion eines scheinbaren Ichs. Mittels dieser Konstruktion können die Figuren dann formulieren, was man selbst niemals formulieren könnte. Solchermaßen wachsen sie über die eigenen Fähigkeiten hinaus. Wo Jana nach der Echtheit und Authentizität meiner Erfahrungen fragte, wollte ich genau das Gegenteil erreichen, eine genuin literarische Gestaltung meines Textes nach ästhetischen Gesichtspunkten. Die anderen wollten Glaubwürdigkeit und Wirklichkeit. Aber ich wollte keine Wirklichkeit, die hatte ich den ganzen Tag. Ich schreibe, um die Wirklichkeit zu verändern, zu transzendieren, sie vielleicht sogar zu zerstören, aber ganz sicher nicht, um sie einfach nur abzubilden. Ich wollte Kunst. Was ich geschrieben hatte, war erfunden! Ich hatte mir das ausgedacht. Es war Alchimie! Hokuspokus! Lug und Trug und Täuschung!”

    Kaffee, der nicht „fair“ gehandelt wird, ist auch nicht einwandfrei. Stört aber keinen. Beim Orangensaft dasselbe: da stört nur ein zu höher Preis. Bei dem Preis, den wir angemessen finden, muss der Orangenplatanenbauer eben sein mieses Leben führen. Wir entrüsten uns so gerne: um uns als moralisch integere Individuen zu inszenieren. Und vergessen dabei, dass wir in den Industrieländern nahezu nichts kaufen können, ohne denen in den anderen Welten dieses Planeten zu schaden. Wir fahren Porsche und wenn die in Bangladesch oder sonstwo am nächsten Sturm ersaufen, wenn die auf Weltklimakonferenzen Entschädigung wollen … Sie wissen schon. Was wir als moralisch einwandfrei empfinden, hat nichts mit den objektiven moralischen Werten zu tun, sondern mit dem was gesellschaftlich akzeptabel ist, nämlich das, was ‚alle‘ tun.

    Ich habe einen literarischen Weg gefunden. Aber keinen, wie Sie schreiben, der die Gräben vertieft. Ich spiele in keiner Weise, jedenfalls in keiner, die mir bewusste wäre, Fiktion und Realität gegeneinander aus. Das Interview im Poeten trägt den Titel: „Zwischen echt und fiktiv können wir nicht unterscheiden“ Und in der schönen Interpretation von Svenja Frank – http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=18286&ausgabe=201309 – heißt es an zentraler Stelle: „Die fiktive Autoridentität ist zentral, denn sie vollendet die Idee der Identitätskonstruktion durch Fiktion; der reale Roman wird zur deutlichsten Manifestation seiner selbst, indem Textwelt und Romantext ineinander greifen. Ob die Literatur Metapher für das Leben oder das Leben Metapher für die Literatur ist, bleibt in der Schwebe und darin liegt der Zauber des Romans.“

    Die Wirklichkeit, die mich (wirklich) nicht interessiert, ist die der Farbskala, die physikalische. Die objektive Variante der Wirklichkeit. Mich interessiert die subjektive und wenn ich schreibe, die poetische Variante einer wie auch immer gearteten Wirklichkeit.

    Herzlich
    Aléa Torik

    Kommentar von JimKnopf13
    Datum/Uhrzeit 10. Dezember 2013 um 12:26

    Nein, das ‘ausspielen’ war auch überhaupt nicht auf Ihrem Roman bezogen! Nur auf den Post oben. Auf die Metapher des Schattens. Die Metapher, das finde ich nach wie vor, legt das nahe. Der Schatten ist flüchtig, ist nur ‘mitgegeben’ etc. Das ‘Eigentliche’ wären demnach die Worte. Nur darauf war das ‘ausspielen’ bezogen. Aber, das habe ich ja im Grunde aufgrund Ihres ersten Kommentars auch schon zurückgenommen.

    Der zweite Stein des Anstoßes ist mein vertiefter Graben (schiefste Metaphorik hier von mir). Das muss ich genauer erläutern: Ihr literarischer Weg betont die Fiktionalität allen Schreibens. Der Autor ist nur fiktiv, DEN Autor gibt es dort gar nicht. Von diesem fiktiven Autor führt kein Weg zum ‘echten’ Autor – wer sollte das dann auch sein? (Ich hoffe, ich treffe hier noch einigermaßen Ihre Strategie und Ihre Annahmen.) Denn: “Zwischen fiktiv und echt können wir nicht unterscheiden”. Der Graben, um bei diesem untauglichen Bild zu bleiben, zwischen Text und Wirklichkeit ist tief. (Oder da ist gar kein Graben – aber das ist gleiche.) Die Farbskala interessiert Sie nicht, sagen Sie. Einverstanden.
    Ich frage mich nur, ob es denkbar wäre, eine “realistische” Literatur zu schreiben, die sich dafür interessiert und die trotzdem nicht gleich naiv werden muss. (Das liegt nun vielleicht einfach daran, dass ich, im Gegensatz zu Ihnen, gerne zu einer guten Autobiographie greife, Sartres Wörter, Rousseaus Bekenntnisse z.B.) Aber das war von mir nur eine kleine Überlegung, nur die Frage, ob nicht zur “Vollkommen Fiktionalisierung” nicht auch ein, meinetwegen, “Neo-Naturalismus” dialektisch dazugehören könnte.

    Sie schreiben oben: “Die Literatur kann dem an der Welt leidenden Menschen keinen kurativen Zugang zur Wirklichkeit verschaffen. Die gegenteilige Bestrebung scheint mir vielversprechender: die Literatur muss die Wunde schlagen. Vielmehr muss sie die vorhandene Wunde, dass nicht alles Wirklichkeit ist, was man dafür hält, vertiefen.”
    Da bin ich nun sofort geneigt zu fragen, ob das der einzige Weg ist. Wie ein anderer Weg aussehen könnte. Aber, wie gesagt, das war kaum ein Einspruch, eher ein Fragezeichen.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 10. Dezember 2013 um 17:50

    Lieber Jim Knopf,

    ich weiß nicht, ob das der einzige Weg ist. Für mich ist es einer gewesen. Allerdings ist das auch ein wenig provokativ formuliert. Ich glaube, bei uns gibt es ein grundlegenden Missverständnis: ich will gar nicht die vollständige Fiktionalisierung. Ich will lediglich betonen, dass wir, wenn wir glauben, ein authentisches Individuum ‚hinter‘ dem Text finden zu können, tatsächliche einer Fiktion erliegen. Und selbst das ist nicht mein eigentliches Bestreben. Das ist das Erzählen. Ich hoffe, das wirkt jetzt noch so, als wenn ich ein Gespräch abwürgen möchte. Ich diktiere niemandem, wie er schreiben soll. Ich habe einen Weg für mich gefunden, jeder muss seinen eigenen Weg finden. Hauptsache der Text ist gut! Darüber lässt sich nämlich wunderbar streiten.

    Herzlich
    Aléa Torik

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