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  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
  • irisnebel: klasse! gratuliere! musst du ne gegenleistung bringen? als stadtschreiber z.b.?
  • nadine schmid: Ich habe mit Thien an der Uni Koeln studiert. Wir ware zeitweise befreundet, aber ich hatte wenig verstaendnis fuer seinen ‘Mangel’ am akademischen Streben und habe, trotz meiner Anerkennung seines Talents, sein Lebensziel, aus seiner Dichtung etwas zu machen, als...
  • bersarin: Es muß natürlich, entdecke ich beim zweiten Lesen, Monika Rinck heißen. Ich kann mir Namen nie merken.
  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
  • Aléa Torik: Never ride a dead horse – das hätte auch als Überschrift dieses Beitrags herhalten können. Gestern Nacht bin ich mit dem Rad 35 km durch das ausgestorbene Berlin gefahren, bis weit jenseits der Stadtgrenze. Da ich ziemlich kaputt war, konnte ich dabei nichts denken, aber wenn...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
  • Aléa Torik: Liebe Miss Lingen, bitte entschuldigen Sie die kleine Verspätung meiner Antwort. Ich war auf anderen Schlachtfeldern unterwegs. Sie haben absolut recht, es ist viel zu komplex. Dabei darf ich mir zugutehalten, es deutlich vereinfacht zu haben. Denn im Original – wenn wir uns darauf...
  • Miss Lingen: Obwohl, wie Sie wissen, ich hier mit Sympathie lese, frage ich doch: ist das nicht alles ein wenig zu komplex?
  • Aléa Torik: Dann bin ich gespannt, was du von dem Essay hältst.
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, die Idee des freiwilligen Ablebens um des Erfolges willen stand ja schon einmal im Raum, aber das nur zu machen, um ausgerechnet auf meine Leseliste zu kommem, nee, da hast Du recht, das wäre schon sehr übertrieben! http://www.litblogs.net/hue...
  • Aléa Torik: Lieber holio, ganz verstehen kann ich die Ottos und Ottisten ja tatsächlich nicht. Vielleicht ist das so, dass Otto und Otta, was ihr Leseverhalten betrifft, auch nicht ganz schlau aus sich werden. Sie greifen immer nur nach dem, wonach auch die anderen greifen. Das zeichnet die...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
  • holio: Traurig ist das in der Tat. Und so ganz zu verstehen auch nicht. Im Geräusch des Werdens war der Anknüpfungspunkt für Otto Normalleser ja da. Und die Bălkanexotik ist auch rezipiert und rezensiert worden. Die Sprache ist einfach, der Plot verständlich, erinnere die Szene mit dem blinden...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • Archiv vom April, 2013

    29 April 2013

    Mit dem kommenden Artikel wird es enden: das Blog ALEATORIK

    Wiederholt angekündigt, geht das hier nach exakt vier Jahren zu Ende. An meinem dreißigsten Geburtstag, am 1. Mai 2013 höre ich mit diesem Blog auf. Auch wenn es drei Jahre Spaß gemacht hat. Mit diesem Artikel hat es begonnen und mit dem kommenden Artikel, dem 505, wird es enden. So ist es auch in “Aléas Ich“: es fängt mit dem ersten Eintrag in diesem Blog an und endet mit dem letzten.

    Sollte darüber hinaus noch der Erwähnung Wertes  zu vermelden sein – Hinweise auf Lesungen oder Rezensionen o. ä. – wird das nicht ‚oben‘ im Blog stehen, sondern unter dem nächsten Artikel. Als Abschied, als Verabschiedung von den Lesern und von dem, was hier passiert ist, wird der kommende Artikel ‚oben‘ stehen bleiben. Hier besteht noch ein letztes Mal die Möglichkeit, einen Kommentar zu hinterlassen. Diese Funktion, die ein Blog kennzeichnet, die nämlich, sich einzumischen, sich zu beteiligen und den Textverlauf – und den der Welt – zu beeinflussen, endet mit diesem Artikel. Anders ausgedrückt: das letzte Wort habe ich! Mein aleatorisches Ich. Nicht mein echtes kleines ich. Das würde ich hier niemals ausstellen. Mag sein, dass manche den Begriff der Authentizität hoch schätzen, ich finde, er hat in der Literatur nichts zu suchen. Und das hier – das habe ich immer dazu gesagt – ist Literatur.

    Ich bedanke mich bei jenen, die mit ihrem literarischen Verständnis etwas zu diesem Blog beigetragen haben, namentlich bei Alice, die sich, obwohl sie sich verabschieden wolle, als die regelmäßigste Kommentatorin gezeigt hat. Vor allem, seit die Differenz zwischen Ich und ich bekannt geworden ist. Weil sie etwas von Differenz versteht. Weil sie weiß, dass der andere anders ist und dass man ihn nicht gleich machen kann, seine Differenz – auch in der Liebe nicht – auslöschen kann, weil man ihn dann nur zur Selbstbestätigung missbraucht, um sich seiner eigenen Identität zu versichern. Ich bedanke mich bei Avenarius, der allerdings schon länger in der Versenkung verschwunden ist, beim Direktor vom Hotel Abgrund: Bersarin; und, weniger werdend, bei NO; nach langer Pause wieder Norbert Schlinkert; lange nicht mehr hier gewesen: Thorsten Krämer; und auch Iris Nebel, die mir in den vergangenen Tagen noch einmal schrieb, dass sie die „unheimlich feinfuehlige, zart und jugendlich erscheinende Aléa, (aber nicht die manchmal etwas egozentrische und selbstgefaellig erscheinende)“ sehr mochte. Ich hatte geantwortet, dass ich von Egozentrik und Selbstgefälligkeit in meinem Charakter oder Verhalten nichts gespürt oder gewusst habe, und dies vielleicht aus einer Art Selbstschutz entstanden sei: der Angst vor der Entdeckung. Das hat mir also nicht geholfen. Ich hätte das gerne weiter so beibehalten, meine Texte unter meinem Namen veröffentlicht. Dazu werde ich mich noch an einem anderen Ort äußern.

    Wohl muss oder müsste ich mich auch noch bei anderen bedanken, die hier etwas beigetragen haben: ich erinnere mich noch an einige wenige, ohne mich allerdings genau an sie zu erinnern. Ich erinnere mich nur an etwas, das einmal war und nun nicht mehr ist. Und das sollte Ihnen auch so gehen. Machen Sie es gut!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    28 April 2013

    Was ich getan habe und was nicht

    Ich halte nach wie vor für sehr interessant, was hier passiert ist. In diesem Blog, wo mittels der ‘neuen Medien’ der Erzähler aus dem eigentlichen Buch hinausbefördert wurde, zurück an jenen Ort von dem er ursprünglich kommt: in die Wirklichkeit.

    Vielleicht müsste man sich noch einmal die Trennung von Autor und Erzähler anschauen: ob die nicht einer Revision bedürfe. Der Erzähler ist ja einerseits weniger als der Autor, weil dieser nur erschaffen kann, was jener schafft. Andererseits ist er mehr, er geht über den Autor hinaus, wie jeder gute Text über seinen Produzenten. Es könnte eine Revision dieser Trennung interessant sein, die meines Erachtens nicht die Differenzen zwischen beiden Instanzen kassiert, sondern die die Autorfunktion ähnlich der des Erzählers sieht, so nämlich, dass der Erzähler eine Funktion des Autors ist und eine Geschichte erzählt. Gleichzeitig ist auch der Autor eine Funktion des Erzählers, die es dem Leser erlaubt, sich Gedanken über zu ihm zu machen, als der große unsichtbare Arrangeur.

    Wer ist gemeint, wenn man vom Autor spricht? Der reale Autor? Oder lediglich seine Autorität? Der Autor als Erfinder des Erzählers, als „Herr im Haus“? Als Erfinder des Textes, bei sozusagen selbständigem Erzähler? Oder der Autor als Urheber, als eine rechtliche Fiktion. Wie würde die Literatur aussehen, wenn man nichts über den Autor erfahren würde? Wenn alle Autoren anonym veröffentlichen würden? Dann würde die Berühmtesten sich wohl nicht mehr verkaufen. Weil viele Leser nicht deren Bücher lesen, sondern deren Urheber. Von Roland Barthes stammt die plakative Formulierung vom „Tod des Autors“ – die, schätze ich, berühmteste Formulierung der Postmoderne – ich erinnere mich irgendwo und irgendwann einmal einen Aufsatz gelesen oder überflogen zu haben, der sich mit dieser These auseinandersetzte und dessen Titel oder Untertitel lautete: ‚Wiederbelebung einer Scheinleiche‘ -, die in Wirklichkeit weit mehr als lediglich Plakat ist, auch wenn die, die Barthes nicht kennen, immer nur das Plakat gesehen haben. Er wollte eine neue Literaturwissenschaft, eine, die von der „Lust am Text“ geleitet wird. „Man kann sich leicht ausmalen, was einer solchen Wissenschaft geopfert werden müsste: vieles von dem, was wir an der Literatur lieben oder zu lieben glauben und was in den meisten Fällen‚ der Autor‘ ist.“ (Roland Barthes, Kritik und Wahrheit, Seite 70). Der Tod des Autors wäre auch die Geburt seines Textes gewesen.

    „It is not that ‘authorless’ work is in any of the senses I have so far suggested can never be excellent, or that novels with a great degree of authorial visibility must always be romantic, bourgeois, and decadent, because fine work of both kind exists; rather, it should be recognized that the elevation or removal of the author is ea social and political and psychological gesture, and not a aesthetic one. We can characterize art as anonymous or not, but this characterization will tell us nothing, in advance of our direct experience of the building, the canvas, the score, or the text, about its artistic quality. Furthermore, this ‘anonymity’ as we’ve seen, may mean many things, but one thing which it cannot mean is that no one did it.” (William H. Gass, The Dead of the Author)

    Die Tragik der Postmoderne ist vielleicht ihre erhebliche Komplexität, die bewirkt hat, dass die Theorie an der Praxis vorübergegangen ist, ohne Schaden zu nehmen, aber auch, ohne die philologische Praxis, ohne das alltägliche Geschäft des Lesens beeinflusst und zu verändert zu haben. Vielleicht sogar zurecht, weil es auch eine elitäre Theorie war, für die happy few, die sich diesen Zug leisten konnten.

    „Gefälschte Autorschaft zwingt den Leser und die Leserin – vor allem nach Aufdeckung des Betrugs – es sich fortan nichtmehr leicht zu machen mit den Autorennamen, die gewohnte Verbindung von Autor und Text zu unterbrechen, Normalität zu komplizieren. Erzählte, fingierte und gefälschte Autoren dienen dazu, das Muster und die Struktur solcher Komplikationen zu erkennen. Sie vollführen auf der Ebene der Lektüre, was die Literaturwissenschaft mit ihrer Problematisierung ihrer Autorschaft unter dem Blickwinkel der Autorität, des Urheberrechts und der Autorfunktion nun schon seit einigen Jahrzehnten thematisiert. … Und genau deshalb scheint mit der ‚postmodernen‘ Verabschiedung des Autors als der markanten Figur seines eigenen Textes auch die Fälschung ihren Status und ihren Sinn zu verlieren. Der Skandal um Fälschungen rehabilitiert scheinbar plötzlich und unvorhergesehen den ‚totgesagten‘ Urheber literarischer Texte, den Autor. Eine von Barbara Schaff [ in: Der Autor als Simulant authentischer Erfahrung ] diagnostizierte Verstörung durch Fälschungen kommt jedoch dadurch zustande, daß diese so gut funktionieren. Offensichtlich gibt es auch ein Bedürfnis nach nicht existierenden Autoren, deren gefälschte Produkte als durchaus echt angenommen werden.“ (Walter Erhardt, “Einführung” in die Sektion: Der Erforschte und der fingierte Autor, in: Autorschaft, Positionen und Revisionen, Metzler, 2002, Seite 329)

    Dass man Fälschungen mitunter vom Original nicht trennen kann, weil sie dieselben Kriterien erfordern, habe ich vor Kurzen schon bei Umberto Eco gezeigt, vielmehr habe ich es zitiert, auch wenn ich die Semiotik als Wissenschaft eigentlich für überholt halte. Möglichweise greifen die Bezeichnungen, die Kategorien echt und falsch hier gar nicht.

    Ich hätte gerne noch etwa darüber geschrieben, inwieweit ich den Perspektivismus von „Das Geräusch des Werdens“, die dort angewandte point of view Technik – in „Aléas Ich konsequent weiterentwickelt sehe. Ich hätte gerne noch einiges zu meinem eigenen Roman gesagt, etwa dazu wie dort Zeit vergeht, vielmehr nicht vergeht: wie ich eine vertikale mit einer horizontalen Zeitstruktur konfrontiere und die lineare Zeit mit einer archaischen Zeit. Und diese mythische Zeitvorstellung  – »Ich stamme aus einem kleinen rumänischen Bergdorf in den Karpaten. In den tiefen Tälern dieses urtümlichen Gebirges ist die Zeit ein gemächliches Fließen, gleichförmig, freundlich, wohlgesonnen. Eines Tages liegt das Verflossene hinter einem. Man sitzt mit seinen Enkelkindern auf dem Schoß auf einem Holzstapel oder einem Stein und erzählt ihnen von früher, als man noch jung war und die Zeit ein gemächlicher Fluss. Während des Erzählens, vermischen sich diese beiden Zustände, es ist ein Aufwärts- und ein Abwärtsfließen, sodass man nicht mehr unterscheiden kann, welche der beiden Zeiten die wirkliche und welche die erzählte ist. Bilder ein und derselben Sache, ein und desselben Lebens, die nicht nacheinander, sondern übereinander liegen« (AI, 11) – dann als eine Zeit des Schreibens wiederauferstehen lassen: »Wir Schriftsteller leisten uns mehrere Lebenswege, weil bei uns alles übereinander liegt und nicht nacheinander« (AI, 269). Ich hätte auch gerne noch dazu etwas gesagt, dass Aléa mehrfach von Männern spricht, die Olga habe. Dabei kommen da keine Männer zur Sprache, da sind die drei beim Umzug, zu Beginn des Romans, danach wird die männerfressende Olga nicht ein einziges Mal mit einem Mann gezeigt. Offensichtlich ein Phantasma der Frau Torik. Aber welche Funktion hat das im Text? Wie hängen Phantasie und Phantasma zusammen? Da sind noch so einige Umstände, die ich für interessant halte. Aber dafür ist hier bedauerlicherweise kein Platz mehr.

    Eigentlich müsste ich Literatur unterrichten. Ich glaube, dass ich da richtig gut wäre. Das wurde mir auch schon angeboten. Hatte sich dann aber erledigt. Ich hatte das falsche Geschlecht. Dabei wollte ich gar nicht mit dem Geschlecht unterrichten, sondern mit Kopf und Händen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    27 April 2013

    „Aléas Ich“ von Aléa Torik

    Man darf annehmen, dass die Autorin einen Roman über sich schreibt, eine Autobiografie. Gegenstand und Autor sind also identisch.

    „Wenn man vom Titel ausgeht, liegt also der Schluß nahe, im folgenden erzähle ein homo- und autodiegetischer Erzähler. Doch die Erwartungen werden enttäuscht. Denn der folgende Haupttext erzählt nicht – wie es zu erwarten gewesen wäre – homodiegetisch wie eine Autobiografie, sondern heterodiegetisch wie ein ‚normaler‘ Roman, wenn auch aus aktorialer / personaler Position. Da auch der Titel aus heterodiegetischer Perspektive erzählt, verfahren Haupttext und Paratext also analog. Dies wäre nicht weiter verwunderlich, wenn der Titel nicht gleichzeitig eine andere Perspektive erwarten ließe. Dies macht, daß die Stimme des Erzählers im Paratext von der im Haupttext zumindest logisch unterscheidbar wird, wenn auch beide Stimmen die gleiche Erzählperspektiv einnehmen. Die neuere Forschung erwägt aufgrund dieser Konstruktion den Begriff ‚fingierte Autobiografie‘. Inka Mülder macht zurecht darauf aufmerksam, daß die heterodiegetische Erzählposition einen ‚objektivierende[n], verdinglichende[n] Selbstbezug‘ darstellt.“ (Dirk Niefanger, „Der Autor und sein Label“, in: Autorschaft, Positionen und Revisionen, Hrsg. Heinrich Detering, Seite 534.)

    Das Zitat bezieht sich nicht auf Aléas Ich“, sondern auf „Ginster – Von ihm selbst geschrieben“, ein Roman von Siegfried Krakauer. Die Forschung hat später von „ginsterism“ gesprochen und bezeichnete damit den ‚uneigentlichen‘ Namen des Autors und die ‚uneigentliche‘ Perspektive der Autobiografie. In diesem und in meinem eigenen Roman werden das Zusammenspiel von Dichtung und Wahrheit als die die Gattung der Autorbiografie zentrale Dimension thematisiert. Falls einmal jemand über meinen Roman etwas schreiben möchte, bitte ich ausdrücklich, diesen Umstand zu beachten.

    Ginge das hier nicht in diesen Tagen zu Ende, könnte ich mir gut vorstellen, dass ich den Roman von Krakauer noch lesen und von ihm erzählen würde. Ginster ist offenbar kein anonymer Text, sondern ein Text, dessen Anonymität Programm des Romans ist. Und obwohl viele wussten, wer sich dahinter verbirgt, ein junger Autor der FAZ, hat es keiner, nicht ein einziger, für nötig befunden, das in irgendeiner Rezension herauszustellen. Man ist auf das Spiel eingegangen. Anders als heutzutage.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    26 April 2013

    Worum geht es in „Aleás Ich“?

    Ich habe diesen Text schon einmal auf einem anderen Blog veröffentlicht. Hier also noch einmal, mit minimalen Korrekturen, damit es nicht untergeht. Möglicherweise tut man das nicht: seinen eigenen Roman verstehen zu wollen. Aber möglicherweise sollte man auch keine Romane schreiben. Und wenn man schon die eine Sünde begeht, kann man ruhig die zweite auch noch absolvieren- lat: absolvere.

    Ich mag den Begriff der Postmoderne nicht sonderlich. Obwohl ich in gewisser Weise in der postmodernen Tradition stehe. Aber ich überschreite sie auch. Ich will zurück zu einem, sagen wir ruhig: konventionellem Erzählen. Oder ich will nicht zurück, ich will weiter. Aber ich weiß nicht genau in welche Richtung. Also bin ich mit „Aléas Ich“ einfach losgerannt, um dann zu sehen, wo ich ankomme. Die sogenannte Postmoderne hat keinen sonderlich guten Ruf. Sie war immer, meine ich, eine ausgesprochen exklusive Theorie, die ihren Weg nie in die Niederungen der Leserschaft gefunden hat. Alles, was wir heute von der Literatur und dem Literaturbetrieb kennen, ist gerade so als hätte es diese Theorie(n) nie gegeben. Oder sie wird auf Schlagworte reduziert. Ich stehe teilweise in ihrer Tradition, auch wenn ich eher eine erzählende Literatur mag. Ich stehe im Grunde nur in der theoretischen Tradition, ohne deren Auswirkungen in meine Texte übernehmen zu wollen.

    Worum geht’s in „Aléas Ich“? Um eine Schriftstellerin, die einen Roman über sich schreibt? Mitunter. Es geht aber vor allem darum, was geschieht, wenn eine Person – Schriftstellerin oder Bordellbesitzerin – „Ich“ sagt. Wenn eine Person – weiblich oder männlich – anfängt, sich und seine Welt zu gestalten, auszuformen, mit Gegenständen und Vorstellungen – moralischer und unmoralischer Natur – zu füllen und ein Mensch anfängt, sich in der Auseinandersetzung mit anderen zu formen. Eine Figur namens Aléa Torik, die bereits eine Geschichte zu haben scheint, sie aber in Wirklichkeit erst im Verlauf dieses Romans bekommt: indem sie sie erzählt. Denn das ist es, was Schriftsteller machen. DAS ist die Realität des Textes. Aléa Torik ist nicht vorher da, sondern entsteht in der Erzählung, in dem Roman, den sie da schreibt. Dementsprechend heißt es bereits auf den ersten Seiten: „Alle Menschen haben nur eine ihnen natürlich erscheinende Sichtweise, die Ich-Perspektive. Dieser Umstand war verantwortlich für meine Verzweiflung, denn er war zentral für meinen Roman. Ich hatte ein Problem, das größer war als alles, was ich mir sonst noch vorstellen konnte: mich selbst. Ich war das größte Problem, das ich hatte, und gleichzeitig die einzige Lösung. Denn dieser Roman war meine Welt. Ich existierte nur, wenn er es tat. Ich existierte in ihm und mit ihm und durch ihn” (AI, 11).

    Und – so mein Verständnis der Sache, das in gewisser Weise exklusiv ist, weil ich nicht nur diesen einen Text kenne, sondern auch noch einige andere, die jetzt nicht mehr vorhanden sind, Entwicklungen, die ich habe aufgeben müssen: exklusiv also, aber nicht maßgeblich für andere -; in dem Maße, in dem der Leser mehr über die Figur des Romans erfährt, begreift er, dass er wenig und weniger werdend über die Autorin weiß. Am Ende weiß gar nichts über sie. All sein Wissen ist ein Wissen über die Figur. Wie das in Romanen so ist. Was der Leser in der Hand hat, das ist der Roman, den die Figur Aléa Torik geschrieben hat. Das ist ein fiktiver Roman, den es streng genommen gar nicht gibt. Weil es ja nur der erfundene Text in einem realen Text ist. Den realen Text gibt es zwar, aber man weiß nichts über seine Autorin und kennt auch seinen Titel nicht. Weil der erfundene Text, die Fiktion, vor dem realen Text steht und sozusagen den Blick auf die Realität verdeckt: Die Sprache verdeckt den Blick auf die Realität. Sie ist die einzige Realität die wir haben.

    Was ist das Wirkliche an der Wirklichkeit?, fragt Joseph Vogl seine Promovendin im zweiten Kapitel. Eine weiß Gott berechtigte Frage. Was ist ein Anfang? Anfang, vor allem Anfang: So lautet der erste Blogeintrag in meinem Blog. Ein Blog, das ein Teil des Romans „Aléas Ich“ ist und dessen erster Eintrag eben „Anfang, vor allem Anfang“ ist. Der Anfang, wird in diesem Artikel ausgeführt, liegt vor dem Anfang. Wo fängt ein Buch an? Bevor es anfängt. Es beginnt auf dem Cover, mit dem Titel, mit dem Namen der Autorin. Etwa in der Mitte des Romans stellt sich dieses Kapitel, das Gespräch mit Joseph Vogl, als fiktiv heraus: es ist das erste Kapitel des Romans, an dem Aléa arbeitet. Das erste Kapitel des fiktiven Roman ist also das zweite des wirklichen. Was ist ein Anfang? Was ist das erste und was das zweite, das abgeleitete? Das sind Fragen, die sich Cervantes und Borges gleichermaßen gestellt haben. Aléa erzählt ihrer Freundin Luise, dass sie Joseph Vogl das erste Kapitel ihres Romans gegeben habe, weil sie wissen will, was er davon hält. Die Frage ist also: welches Kapitel hat Joseph Vogl gelesen, das erste Kapitel des echten Romans oder das erste des fiktiven? Aber was bedeutet, das, wenn wir nur den fiktiven haben? Wo fängt ein Buch an? Wo fängt die Lektüre an, wo beginnt das Sprechen? Wo fängt das ‚Ich‘ an? Wenn wir ‚Ich‘ sagen, wen wir es bezeichnen könne, wenn wir die Fiktion beginnen? Oder schon früher, wenn die ungreifbare Realität da ist und wir sie erfassen und bezeichnen wollen? Wir sind, wenn wir anfangen, immer schon mittendrin.

    Wenn wir ‚Ich‘ sagen, dann produzieren wir die erste Fiktion. Manche können sich ein Leben lang nicht davon trennen, sie halten sich wirklich für das, was sie da sagen. Sie halten sich für ein Wort: Ich. Und fühlen sich ganz authentisch dabei. Oder sie halten sich für das, was sie sehen. Sie schauen sich morgens im Spiegel ins Gesicht und halten das, was sie da sehen, für absolut wirklich. Sie halten sich für ihr eigenes Ich. Cool! Aber ich frage mich, wo das ich anfängt, wo ich Ich-selbst bin und wo der andere anfängt, seine Meinung, seine Auffassung von etwas, seine Liebe und sein Hass. Ja, wahrscheinlich ist „Aléas Ich“ ein postmoderner Roman. Vielmehr, weil die Postmoderne ja tot ist, abgehakt, ein aleatorischer Roman. Der erste dieser Richtung. Einer musste ja damit anfangen. Eine!

    Die Formulierung mit dem Schrift-Zug gefällt mir ganz besonders: Aléa verwandelt sich ja auf den Fahrten von und nach Rumänien, alles Fahrten die sie mit dem Zug absolviert. Einmal sagt sie: „Ich bin niemals vollständig ich selbst, sondern immer auf dem Weg, es zu werden. Auf dem einen oder auf dem anderen Weg, in diese oder in jene Richtung. Ich bin ein ungreifbares Selbst dazwischen“ (AI, 136). Und die große Spaltung in diesem Roman, die zwischen Wirklichkeit und Imagination wird auch wie eine Situation im Zug beschrieben: „Die Wirklichkeit war für mich nur noch etwas, das auf einem Nebengleis daher lief, ein Zug, der annähernd dieselbe Geschwindigkeit hatte wie mein eigener, der in dieselbe Richtung fuhr und dessen Insassen sich auf eine seltsam verzerrte Weise erkennen, zu denen ich aber keinen Kontakt aufnehmen konnte. Wir standen einander gegenüber und sahen uns gegenseitig an. Oder wir sahen nur unsere eigenen Spiegelbilder in den dazwischenliegenden Scheiben, während sich einer der beiden Züge nahezu unmerklich langsam am anderen vorbeischob und weder die Insassen des einen noch die des anderen Zuges zu sagen vermochten, ob sie im schnelleren oder im langsameren der beiden saßen, und sie ebenfalls nicht zu sagen vermocht hätten, in welche Richtung man fuhr, und verunsichert feststellen mussten, dass sie nicht einmal zu sagen vermochten, in welchem der beiden Züge sie sich tatsächlich befanden, in dem einen oder in dem, der sich langsam entfernte und ihr Spiegelbild oder ihr wirkliches Ich mitnahm.“ …“(AI, 327).

    Diese Textstelle wird mit wunderschönen Skulpturen versehen, bei Iris Nebel.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 April 2013

    Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat

    Inzwischen ist mein kleiner Essay online zu lesen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 April 2013

    „Jene flatterhafte Unbeschwertheit, die nur in Beziehungen zu körperlosen Personen möglich ist“

    Wenn ein Reisender in einer Winternacht II
    von Italo Calvino

    „Allmählich wirst du etwas mehr über die Hintergründe der Machenschaften des Übersetzers begreifen: Ihre geheime Triebfeder war seine Eifersucht auf den unsichtbaren Rivalen, der sich ständig zwischen ihn und Ludmilla drängte, die stumme Stimme, die aus den Büchern spricht, dieses Phänomen mit tausend Gesichtern und keinem, das um so ungreifbarer wird, als für Ludmilla die Autoren sich nie in Wesen aus Fleisch und Blut verkörpern: sie existieren für sie nur auf den Buchseiten, dort sind die Lebenden und die Toten immer bereit, mit ihr zu kommunizieren, sie aus der Fassung zu bringen, sie zu verführen, und Ludmilla ist immer bereit ihnen zu folgen mit jener flatterhaften Unbeschwertheit, die nur in Beziehungen zu körperlosen Personen möglich ist. Was soll man dagegen tun? Wie bezwingt man nicht die Autoren, sondern die Funktion des Autors, die Idee, dass hinter jedem Buch einer steht, der dieser Welt von Trugbildern und Erfindungen eine Wahrheit garantiert, bloß weil er seine eigene Wahrheit in sie investiert hat und sich selbst mit diesem Wörtergebilde identifiziert?  Seit jeher schon, seit ihn seine Vorlieben und Talente dazu drängten, aber mehr denn je, seit sein Verhältnis zu Ludmilla in die Krise geraten war, träumte Ermes Marana von einer durch und durch apokryphen Literatur aus lauter falschen Zuweisungen, Imitationen, Unterschiebungen und Pastiches. Wenn seine Idee sich durchgesetzt hätte, wenn seine systematisch erzeugte Ungewissheit über die Identität des Schreibenden den Leser daran gehindert hätte, sich vertrauensvoll dem gedruckten hinzugeben – nicht so sehr dem, was ihm da erzählt wird, als vielmehr der stummen Stimme dessen, der da erzählt-, dann hätte sich äußerlich wohl am Gebäude der Literatur nicht viel verändert … aber darunter, im Unterbau, wo sich das Verhältnis des Lesers zum Text herstellt, dort wäre etwas für immer anders geworden. Ermes Marana hätte sich nicht mehr verlassen gefühlt von der in ihrer Lektüre vertieften Ludmilla: Zwischen sie und das Buch hätte sich dauernd ein Schatten der Mystifikation eingedrängt, und er, Marana, der sich mit jeder Mystifikation identifizierte, hätte seine Präsenz behauptet.“

    Italo Calvino, Wenn ein Reisender in einer Winternacht, Hanser Verlag, 1985. Seite 189 f.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    24 April 2013

    Der ideale Autor: „der sich vollkommen auflöst in einer Wolke von Fiktionen“

    Wenn ein Reisender in einer Winternacht I
    von Italo Calvino

    Es ist kaum möglich, diesen komplexen und dabei erstaunlich lesbaren und spannenden Roman hier in allen seinen Verästelungen nachzuzeichnen. Da wäre eine schöne Magisterarbeit, die Begriffe Intertextualität oder Autoreflexivität zu verfolgen. Das kann ich hier nicht leisten. Dieser Roman ist eine ausgesprochen gelungene Inszenierung literaturwissenschaftlicher Theorien, ohne jemals seine eigentliche Funktion aufzugeben: das Erzählen. Auf im wahrsten Sinne des Wortes abenteuerliche Weise werden Inhalt und Struktur miteinander vermischt und aufeinander bezogen.

    Der Leser wird nicht nur in den Text hineingezogen, er wird zur Hauptfigur gemacht. Calvino spricht ihn gleich im ersten Satz mit einem vertraulichen „Du“ an und er, der Leser, dieses du, also wir, sind dann für den Rest des Romans mittendrin: „Du schickst dich an, den neuen Roman Wenn ein Reisender in einer Winternacht von Italo Calvino zu lesen“. Auf perfide Weise ist der Leser, jeder Leser, damit zum Protagonisten geworden. Wir haben eine Rahmenerzählung, da der Leser – Du – sich mit einem Buch zurückzieht, das nach dem ersten Kapitel abbricht, weil in der Druckerei fehlerhafte Bögen zusammengebunden wurden. Der namenlose Leser gibt das Buch in der Buchhandlung zurück und trifft auf Ludmilla, eine Leserin, die ebenfalls ein fehlerhaftes Exemplar hatte. Beide erhalten ein neues Exemplar, das aber eine ganz andere Geschichte erzählt, die wiederum nach dem ersten Kapitel abbricht. Diese Rahmenhandlung beschreibt Leser und Leserin, auf der Suche nach den Fortsetzungen dieser abbrechenden Romane. Die Binnenhandlung sind die jeweils ersten Kapitel dieser insgesamt zehn Romane, denen sie auf ihrer Suche begegnen. Die Gründe für die Abbrüche werden immer mysteriöser, immer grotesker und münden schließlich in einer Verschwörungstheorie, in einer weltweiten Verfolgungsjagd a la James Bond, bei der diverse Geheimdienste hinter dem neusten Manuskript des sagenumwobenen Schriftstellers Silas Flannery her sind, das alter ego von Italo Calvino. Binnen- und Rahmenhandlung gehen schließlich ineinander über und endet im Ehebett, wo Leser und Leserin, längst verliebt und inzwischen verheiratet, genau das tun, worum es hier die ganze Zeit geht, auf dem anthropologisch höchsten Gipfel, den die Menschheit bisher erklommen hat: sie lesen! Auf sich selbst zurückverweisend, endet der Roman, bevor es vermutlich in die niederen Regionen des Ehebettes geht, mit den Worten: „Einen Moment noch. Ich beende grad Wenn ein Reisender in einer Winternacht von Italo Calvino.“

    Wir haben es mit Vermischungen sämtlicher Erzählebenen zu tun. So wendet sich beispielsweise die Hauptfigur des ersten Romans – Wenn ein Reisender in einer Winternacht, der auf einem Bahnhof spielt, wo ein Mann seinen Koffer mit dem identischen Koffer eines anderen tauschen soll – an den Leser, indem er den identifikatorischen Prozess zwischen Figur und Rezipient betont: „Ich bin einer, der überhaupt nicht auffällt, eine anonyme Person vor einem noch anonymeren Hintergrund, und wenn du, Leser, trotzdem nicht anders konntest, als mich zu bemerken unter den Leuten, die hier den Zug verließen, und mir auch weiter gefolgt bist bei meinem Hin und Her zwischen Café und Telefon, so nur, weil ich hier ‚ich‘ genannt werde, und dies das einzige ist, was du von mir weißt. Aber das genügt dir schon um dich genötigt zu fühlen, einen Teil deiner selbst in dieses unbekannte Ich zu investieren. So wie auch der Autor, obwohl er hier keineswegs über sich selbst sprechen will, obwohl er sich nur entschieden hat, die Romanperson ‚ich‘ zu nennen, um sie gleichsam dem Blick zu entziehen, um sie nicht benennen oder beschreiben zu müssen, denn jede Benennung oder Charakterisierung hätte sie näher bezeichnet als dieses nackte Pronomen – so wie auch der Autor sich dennoch gedrängt fühlt, sei’s auch nur durch die Tatsache, daß er hier ‚ich‘ schreibt, in dieses Ich etwas von sich selbst zu legen, etwas von dem was er fühlt oder zu fühlen glaubt. Nichts ist leichter als sich mit mir zu identifizieren: bisher ist mein Verhalten das eines Reisenden, der einen Anschluß verpaßt hat, eine Lage, in die jeder schon einmal geraten ist. Doch eine Lage, die sich zu Anfang eines Romans einstellt, verweist stets auf etwas anderes, das schon geschehen ist oder gleich geschehen wird, und genau dieses andere macht es riskant, sich mit mir zu identifizieren, riskant für dich, den Leser, wie auch für den Autor, und je grauer, unbestimmter, beliebiger und allgemeiner dieser Romananfang ist, desto bedrohlicher spürt ihr, du und der Autor, den Schatten einer Gefahr anwachsen über jenem Teil eures ‚Ich‘, den ich unbedachterweise in das ‚Ich‘ einer Romanperson investiert habt, von der ihr nicht wißt, was für eine Geschichte sie mit sich schleppt – wie jenen Koffer, den sie so gerne loswerden möchte.“

    Die zehn Romananfänge haben, bei beeindruckender Variationsbreite der Stilmittel und Themen, doch eines gemeinsam: sie sind am ehesten dem Genre des Thrillers zuzurechnen, eines niederen literarischen Stils. Allerdings ein Genre, das ausgezeichnet Spannung zu erzeugen vermag. Diese durch den Fortgang der Ereignisse erzeugte reale Spannung wird von der intellektuellen Spannung unterstützt – möglicherweise auch konterkariert -, die gerade an solchen Texten Literaturtheorie exemplifiziert. Es kommt zu einer unablässigen Spannung zwischen Inhalt und Struktur, weil dem Text an unzähligen Stellen die Möglichkeit innewohnt, auf die eine oder auf die andere Weise gelesen zu werden: als den Fortgang der Ereignisse oder als Inszenierung literarischer Theorien. Wer ein naives Lesen bevorzugt, das einzig den Fortschritt der Ereignisse will, wird hier ebenso Spannung empfinden wie der, der Jaques Derrida und Umberto Eco gelesen hat.

    Es werden also zwei Textsorten miteinander in ein Verhältnis gesetzt, die unterschiedlicher nicht sein könnten: der Thriller, wo die Ereignisse einfach nur laufen, wo sie einander jagen und wo jedes Eingreifen eines Erzählers, jede reflexive oder sogar autoreflexiver Position den Ereignissen im Wege stünde, mit einem hochreflexiven Genre vermischt, die unablässig den Prozess des Lesen und des Schreibens in den Mittelpunkt, und sogar mehr als das: ihn in Frage stellt. Was geschieht, geschieht immer auf mindestens zwei Ebenen: als Ereignis und als Reflexion dieses Ereignisses.

    Der Roman dreht sich ums Schreiben und ums Lesen, in allen impliziten und expliziten Variationen. Ludmilla liest leidenschaftlich gern. Sie steht dabei für ein naives Leseerlebnis, für eine naive Lust und den reinen Genuss, ohne dabei auf Erinnerungen zurückgreifen zu müssen, ohne vorhergehende Leseerfahrungen. So formuliert sie mehrfach anders, was sie von Romanen eigentlich erwartet, weil es sich eben auch immer verändert, mit jedem neuen Text ändern sich die Erwartungen an den nächsten. Auch der Lektor eines großen Verlages, der nur mit Büchern zu tun hat, sehnt sich im Grunde nach einem ursprünglichen Leseerlebnis ohne intertextueller Bezüge, das unschuldige Lesen aus Kindertagen. Und auch die Frau des Sultans, die im Ehevertrag sich das Recht hat verbriefen lassen, jederzeit mit dem weltweit neuesten Lesestoff versorgt zu werden, steht für diese naive Leseweise, die mit der schönen Formulierung umschrieben wird, wie Ludmilla sich einen Schriftsteller bei der Arbeit vorstellt, „der Bücher macht, wie ein Kürbisstrauch Kürbisse macht“: sie wachsen ihm aus der Hand und er könnte, selbst wenn er wollte, keine Kirschen oder Erdbeeren machen.

    Ludmillas Schwester Lotaria steht für ein ganz anders Lesen. Sie studiert zwar Literatur, interessiert sich aber nicht für Geschichten, sondern – in einer Art Perversion – einzig dafür wie sie gemacht sind. Sie braucht die Texte lediglich, um sie auf intellektuelle Cluster zu untersuchen: die Reflexe der Produktionsweise, Verdinglichungsprozesse, die Sublimation des Verdrängten, die semantischen Codes des Sexuellen etc. Irnerio wiederum steht für die totale Leseverweigerung. Er behauptet von sich, „dass ich nicht einmal lese, was mir zufällig unter die Augen kommt“ – was geradezu unmöglich ist – interessiert sich auf eine andere Weise für Bücher: er verarbeitet sie weiter, indem er Kunstwerke aus ihnen macht.

    Wie sich beim Lesen die Erfahrungen vorhergehender Lektüre einstellen, so ist das auch in der Liebe. Leser und Leserin landen im Bett. Da wartet aber nicht nur sinnliche Lust, einfache Befriedigung des Begehrens, da wartet nicht nur das Ziel des – was für ein furchtbares Wort – Geschlechtstriebs, die Lust auf einen anderen Menschen. Da warten auch Zweifel, Angst, Unsicherheit und die Befürchtung, dass man doch nicht der Auserwählte ist, sondern nur: sein Vertreter. Da zweifelt der eine daran, dass er wirklich vom anderen gesehen und betrachtet und geliebt wird: und nicht ein vorhergehender, ein imaginierter oder idealer Partner, der all das hat, was man selbst nicht hat. Plötzlich ist die Erfahrung – im Leben, im Bett in der Liebe und beim Lesen – störend, sie bekommt einen faden Beigeschmack. Plötzlich ist die Erfahrung ein Maß und, einmal angelegt, ist man in der unangenehmen Situation, nur noch Gemessenes zu sein.

    Der Roman fokussiert sich immer mehr auf die Suche nach einem Manuskript, einem geradezu mythischen Text, um den herum sich alles ansiedelt, was mit Lesen und Schreiben zu tun hat: als unbefangenes Lesen, als Versinken im Text und in dessen Welt. Schreiben als Erfolg, als Anerkennung, als Ruhm und Geld. Geschriebenes als Original, als Übersetzung und Fälschung, als Wahrheit und Unwahrheit, als Ort, wo Leser und Autor aufeinander treffen. Als der Ort, an dem die Ereignisse einfach nur weitergehen. Und obwohl sie weitergehen, gehen die einzelnen Romane nicht weiter. Es kommt nie zu einer Fortsetzung. Und doch findet man, wenn man genau hinschaut, in den einzelnen Geschichten deutliche Hinweise darauf, wie sie zusammenhängen. Schaut man allerdings noch genauer hin, erkennt man, dass sie doch nicht so einfach konstruiert werden können, vielmehr, dass alle Konstruktionen eben Konstruktionen sind. Man bekommt immer nur den Rauch, nie eine wirkliche Realität. Es ist immer ein konstruktiver Aspekt dabei, wie etwa in jener Geschichte eines jungen Mannes, der auf dem Sterbebett des Vaters Informationen über seine ihm nicht bekannte Mutter erhofft. Die aber sind so vage, dass er nur das Dorf erfährt, aus dem sie stammt. Auf der Suche nach seiner Mutter findet er nur potentielle Anwärterinnen, die Töchter haben, denen er allesamt Avancen macht, bis zu der ie Situation: „ich schreite von einem Hof in den nächsten, als dienten hier alle Türen nur zum Hinausgehen, nie zum Eintreten“. Ähnliches lässt sich auch von der Spiegelgeschichte sagen – sehr beliebte Metapher der Postmoderne, ich mag sie nicht so – wo ein reicher Geschäftsmann mit Verfolgungswahn und Zwangsneurosen sich vor einer möglichen Entführung zu schützen versucht, indem er Vorkehrungen trifft, und seine tatsächliche Realität dupliziert. Am Ende wird er dennoch entführt und in ein Spiegelkabinett gesperrt.

    Vor allem hat mich die Figur des Ermes Marana interessiert, ein angeblicher Übersetzer und vorsätzlicher Fälscher. Was Calvino hier inszeniert, ist die Frage nach der Echtheit. Ist ein Kunstwerk überhaupt jemals echt? Was ist Echtheit, eine Art Wahrheit? Ist die Übersetzung – nicht nur die von einer in eine andere Sprache, sondern vor allem der Transfer in einen anderen Kulturkreis – nicht schon eine Fälschung? Ist die Literatur nicht insgesamt falsch, weil erlogen, imaginiert und eben nicht wahr. Oder ist sie dadurch echt, dass der Produzent das, was er schreibt, tatsächlich erlebt? Denn um es aufzuschreiben, muss er es mehr als nur imaginieren, er muss es als wahr erleben. Oder bleibt der Text solange falsch, bis der Leser das Beschriebene empfindet und durch seine Empfindungen dessen Wahrheit bezeugt?

    Die Bücher des ominösen Silas Flannerys werden von Ghostwritern geschrieben, die immer dann eingreifen, wenn dem Meister nichts mehr einfällt. Und ihm fällt schon lange nichts mehr ein. Japanische Übersetzer haben längst seinen Stil imitiert und schreiben wohl besser als er selbst. In New York arbeitet die “Organization for Electronic Production of Homogenized Literary Works” und in Mittelamerika ist die ominöse Sekte “Organization of Apocryphal Power” aktiv. Alle sind auf der Suche nach dem Echten und Wahren. Und müssen – hier beginnt meine Interpretation – erkennen, dass dieses Echte nur als ein Verlorenes zu greifen ist, dass Echtheit etwas mit Sehnsucht nach Unschuld zu tun hat, wo einem alle Erfahrungen im Wege stehen: das Echte ist das erste. Dann kommen nur noch Unwahrheiten.

    Der Leser, der sich in die Betrügereien des Ermes Marana eingelesen hat, meinte, in dessen Beschreibungen der lesewütigen Sultanin die Leserin Ludmilla erkennen zu können. Dann kommt er zu ersten Mal zu ihr nach Hause: „Du stehst da wie vom Schlag getroffen. Vorhin als du Maranas Briefe durchgingst, meintest du dauernd, auf Ludmilla zu stoßen … Weil du unentwegt an sie denken musst, dachtest du dir und nahmst es als Beweis für deine Verliebtheit. Jetzt, wo du in Ludmillas Wohnung herumgehst, stößt du auf Spuren Maranas. Wirst du von einer Obsession verfolgt? Nein, es war von Anfang an das ahnungsvolle Gefühl, daß zwischen den beiden eine Beziehung besteht … Die Eifersucht, bisher nur eine Art Spiel mit dir selbst, packt dich jetzt unwiderstehlich. Und nicht nur die Eifersucht: auch das Mißtrauen, der Verdacht, das Gefühl, dich auf nichts und niemanden mehr verlassen zu können … Die Suche nach dem abgebrochenen Buch, die dich so in Erregung versetzte, weil du sie mit der Leserin gemeinsam in Angriff nahmst, erweist sich auf einmal als identisch mit der Suche nach ihr, nach Ludmilla, die sich entzieht in einem Wust von Geheimnissen, Täuschungen, Masken …“

    Mehrfach kommt es zu einer Inversion des Romans, der Wiederholung seiner grundlegenden Struktur, einer sogenannten mise en abyme: einmal schlägt Marana dem Sultan diese als Verzögerungstaktik bezeichnete Technik vor, indem er eine lesende Person erfindet, die einen Roman liest, der an der spannendsten Stelle abbricht, und die sich auf die Suche nach der Fortsetzung macht, also genau das, was Calvino hier dme Leser zumutet. Auch Silas Flannery kommt auf den Gedanken einen solchen Roman zu schreiben, der wohl auch Ausdruck seiner Schwierigkeiten ist, überhaupt noch zu schreiben und Geschichten zu erzählen: „Seit einiger Zeit erschöpft sich jeder Roman, den ich zu schreiben beginne, kurz nach den ersten Seiten, als hätte ich schon am Anfang alles gesagt, was ich zu sagen habe“ Er macht aus seiner Not eine Tugend: „Bin auf den Gedanken gekommen, einen Roman zu schreiben, der nur aus lauter Romananfängen besteht. Der Held könnte ein Leser sein, der ständig beim Lesen unterbrochen wird. Er kauft sich den Roman A des Autors Z. Doch er hat ein defektes Exemplar erhalten und kommt nicht über die ersten Seiten hinaus… Er geht in die Buchhandlung, um den Band umzutauschen… Ich könnte das Ganze in der zweiten Person schreiben: du, Leser… Ich könnte auch eine Leserin einführen, einen fälschenden Übersetzer und einen alten Schriftsteller, er ein Tagebuch führt wie dieses hier“ Am Ende weiß man nicht, ob der von Schreibhemmungen geplagte, oft plagiierte Autor seinen vorgeblichen Übersetzer und Fälscher nun bewundert oder nicht: „Er erläuterte mir noch mehr von seinen Theorien, denen zufolge der Autor jedweden Buches eine fingierte Person ist, die der reale Autor erfindet, um sie zum Autor seiner Fiktionen zu machen. Viele seiner Behauptungen kamen mir durchaus einleuchtend vor, aber ich hütete mich, ihm das zu zeigen. Er sagte, er sei an mir vor allem aus zwei Gründen interessiert: erstens weil ich ein fälschbarer Autor sei, und zweitens weil er glaube, ich hätte die nötigen Gaben, um ein großer Fälscher zu werden, ein Schöpfer vollendeter Apokryphen. Ich könnte mithin den seines Erachtens idealen Autor verkörpern, das heißt den Autor, der sich vollkommen auflöst in einer Wolke von Fiktionen, die unsere Welt umgibt. Und da Künstlichkeit oder Simulation für ihn die wahre Substanz aller Dinge sei, könne der Autor, der ein perfektes System von Simulationen erfände, sich schließlich mit dem All identifizieren.“

    Hier werden nur einige der vielen Facetten dargestellt, die im Reich des Lesens und Schreibens eine Rolle spielen und über die man sich immer auch ein wenig lustig machen kann, weil man irgendwann wirklich nicht mehr weiß, wo man selbst in diesem Prozess steht. Genau das ist die Aufgabe oder Funktion der sogenannten Metafiktionalität: die Aufmerksamkeit auf das Faktum zu lenken: dass man sich verheddern kann im Netz der Bedeutungen und der Rollen die man spielt, für sich und für andere: „Bei mir liegt die Sache anders. Ich bin eine Infiltrierte, eine ins Lager der falschen Revolutionäre infiltrierte echte Revolutionärin. Aber um nicht entdeckt zu werden, muss ich so tun, als sei ich eine unter die echten Revolutionäre infiltrierte Konterrevolutionärin. Was ich tatsächlich auch bin, insofern ich der Polizei unterstehe, allerdings nicht der echten, denn ich unterstehe den unter die konterrevolutionären Infiltratoren infiltrierten Revolutionären.“

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    22 April 2013

    Nancy Huston über Romain Gary

    “Er musste seine Unschuld wiederfinden, gegen seine eigene übergroße Intelligenz; er konnte in seinen Speigelspielen nicht weitergehen, ohne dunkel, ja undurchsichtig zu werden. Das ist der Punkt an dem alles ins Kippen gerät und an dem sein Werk, statt dieses Labyrinth irreführenden Blendwerks weiter auszubauen, sich plötzlich öffnet, um das Leben aufzunehmen. Die Struktur seiner Romane kann nun einfacher und wieder linear werden, weil sich die Komplexität verlagert hat: Statt einen Schöpfer zu inszenieren, dessen Geschöpfe sich gegenseitig erträumen und erfinden, wird Gary im Leben zu diesem boshaften Gott, indem er sich zweiteilt: in den namenlosen Körper Romain Gary und den körperlosen Namen Émile Ajar.
    Mit neunundfünfzig Jahren, das heißt in ebendem Alter, in dem Nina starb [ seine Mutter , AT], verfällt Gary auf diese geniale Methode, sich nicht nur zu verjüngen, sondern wiedergeboren zu werden: Ende 1973 gezeugt, markiert Ajar seine dritte Geburt als Schriftsteller, diesmal eine … pyrotechnische Geburt.
    Wie Gary ‚Brenne!‘ bedeutet, ist Ajar nun die ‚Glut; die Glut ist nicht nur, was vo Feuer kurz vor dem Verlöschen übrigbleibt, sie ist auch noch brennender, noch heißer als die Flamme. Und tatsächlich verzehnfacht Émile Ajar die Kräfte Romain Garys. Insgesamt wird er, beide Werke gleichzeitig vorantreibend, in seinen letzten sieben Lebensjahren nicht weniger als zwölf Romane veröffentlichen.
    Das Wunder an Ajar ist, daß er als Stimme eines Autors in viel stärkerem Maße existiert als Gary. Während man ‚einen‘ Celine, Beckett oder Duras immer hatte erkennen können, hatte Romain Gary in so vielen Stilen und auf so unterschiedliche Weisen geschrieben – im Werk wie im Leben immer neue Masken und Kostüme angelegt, mit gleicher Mühelosigkeit Beschreibungen und Dialoge, Skizzen und philosophische Höhenflüge in Englisch und Französisch verfaßt, eloquent Argot und Hochsprache gehandhabt, sich dank seiner Chamäleon-Begabung immer gewandt angepaßt -, daß man von keinem einzelnen Satz sagen konnte, er trüge seine ‚Handschrift‘. Jetzt ist es soweit, die persona Ajar befreit, was die ‚Persönlichkeit‘ Gary immer gefangengehalten hatte, und wir erleben die Erfindung einer Sprache.“
    [ … ]
    Aus Romain Garys Leben und Werk – beide gleichermaßen unvollkommen und herrlich –läßt sich keine einfache moralische Lehre ziehen. Hinter ihnen steht sicher nicht die Vorstellung von einer echten Besserung unserer Gattung – „‘Ich glaube nicht, daß man einen neuen Menschen erfinden wird‘, sagte er; und doch, wie absurd die Hoffnung auch sein mag, man darf sie nicht aufgeben, davon war er überzeugt. Man müsse unbeirrbar im Kern dieses Widerspruchs weiterleben und auf ihm beharren, eben um die unauflösliche Komplexität des Menschen deutlich zu machen. Denn wie Gary wurden wir alle als ungewollte Bastarde und ohne jeden Grund in die Welt gesetzt, wo wir für immer mit dem Erhabenen und Gemeinen, der Gnade und der Ungnade in uns kämpfen müssen.“

    In: Masken, Metamorphosen, Rowohlt Literaturmagazin 45, Seite 127 und 131.

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    21 April 2013

    „Es gibt keinen Anfang …“

    „Es gibt keinen Anfang. Ich wurde gezeugt. Jeder ist mal dran, und seither gehöre ich dazu.
    Ich habe versucht, mich da herauszuziehen, aber das ist noch niemandem gelungen, wir sind lauter Dreingaben.
    Ich hatte jedoch eine sehr gut funktionierende Verteidigungsstellung aufgebaut, die im Schachspiel unter meinem Namen Bekanntheit erlangt hat, die ‚Ajar-Verteidigung‘. Zuerst war ich im Krankenhaus von Cahors, dann wiederholt in der psychiatrischen Klinik von Dr. Christainssen in Kopenhagen.
    Man begutachtete, analysierte, testete und durchschaute mich, und meine Verteidigungsstrategie fiel in sich zusammen. Ich war ‚geheilt‘ und wurde wieder in Verkehr gebracht.
    Es gelang mir, einige Blätter aus meiner Krankenakte zu entwenden, ich wollte sehen, ob sie wenigstens literarisch etwas hergäben, ob ich mich auf diese Weise schadlos halten könnte.
    ‚Eine derart weit getriebene Simulation, die noch dazu jahrelang ununterbrochen und mit nie nachlassender Intensität durchgehalten wurde, zeugt in ihrem obsessiven Wesen von einer echten Persönlichkeitsstörung.‘
    Na gut, einverstanden, aber schließlich wetteifert doch alle Welt im Simulieren: ich kenne einen Algerier, der seit vierzig Jahren den Müllmann markiert, einen Fahrkartenknipser, der dreitausendmal am Tag dieselbe Bewegung ausführt; wer nicht simuliert, wird für asozial, verhaltes- oder geistesgestört erklärt. Ich könnte sogar noch weitergehen und Ihnen sagen, daß wir ein simuliertes Leben in einer absoluten Pseudowelt führen, nur würde mir dann mangelnde Reife vorgehalten.
    ‚Waise, empfindet seit seiner Kindheit Haß auf einer entfernten Verwandten, eindeutig auf der Suche nach dem Vater.‘
    Onkel Macoute ist ein Schwein, aber das heißt nicht unbedingt, daß er mein Vater ist. Ich habe es nie behauptet, ich habe es nur gehofft, manchmal, aus Verzweiflung. Nicht ich, sondern jene, die mich ausforschen wollen, haben nach der Veröffentlichung meines Buches Du hast das Leben noch vor dir unterstellt, er sei mein wahrer Autor.“

    Der Beginn von Émile Ajars „Pseudo“. Émile Ajar ist das Pseudonym von Romain Gary. Hervorhebung im Original.

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    20 April 2013

    Es sei also die Katze aus dem Sack

    Die Katze ist aus dem Sack, schrieb man mir. Auch wenn das, wieder einmal, auf einem Missverständnis beruhte. Dennoch ist es eine Fehleinschätzung, die nämlich, dass es hier eine Katze und einen Sack gäbe, einen Vordergrund und einen Hintergrund, eine Maske und ein Gesicht, das Echte und das Falsche. Und wie man dann zum Glück auch schrieb, ist die Lektüre des Romans „Aléas Ich“ ohne die Existenz von Aléa Torik vollkommen undenkbar. Man mag es für eine Maske halten. Aber auch das Gesicht ist eine Maske. Auch die Authentizität ist eine Maske.

    Ich schätze, wie ich irgendwo schrieb, den Begriff der Postmoderne nicht besonders. Das ist ein Etikett, das in der Regel auch noch auf den falschen Behältern klebt, oft abfällig gebraucht wird und nicht die Sache bezeichnet, die es zu bezeichnen vorgibt. Ich mag diese Etiketten nicht – wie etwa das vom „Tod des Autors“ -. Dennoch habe ich wohl einen Beitrag zu dieser Literatur geschrieben, die sich genau diese Frage stellt: Was ist ein Autor? Was ist ein Urheber? Was ist jemand, der ‚Ich‘ sagt. Vielmehr: wie bildet sich eine Person, heraus, die sich als ‚Ich‘ bezeichnet. Wie gestaltet sie sich, wie entwirft sie sich? Wie fächert ein Mensch sich auf? Indem er Geschichten erzählt. Geschichten über sich selbst. Und dabei entsteht sein Ich. Ein Ich, das vorher vielleicht nicht da war. Das erzählte Ich entsteht, indem der Erzählende es entstehen lässt. Aber dieses Verhältnis ist umkehrbar: Auch der Erzähler, in meinem Fall eine Erzählerin, entsteht erst durch das Erzählte. Es ist nicht vorher da, sondern das Subjekt konstruiert sich im Nachhinein als vorher schon dagewesend.

    Die Katze im Sack, könnte man sagen. Mit einem Literaturverständnis, das die Moderne im Grunde nicht kennt und nicht versteht und darauf beharrt, dass es eine Wahrheit gibt, die jenseits unseres Erlebens stattfindet, die aber mittels des Verstandes  zu greifen und zu enthüllen ist. Dahinter steht ein Konzept von Identität, das nicht meines ist. Dass man eines ist und ein anderes nicht ist, dass man, da man es nicht ist, nur zu sein scheint. Ich zeige in “Aléas Ich”, dass die Unterscheidung zwischen dem Außen – der Autorin – und Innen – dem Text – nicht sehr sinnvoll ist. Jedenfalls meine ich das gezeigt zu haben.

    Am Ende seiner pseudonymen Verfassertätigkeit hat Sören Kierkegaard sich zu seinen Werken, vielmehr zu dessen Stellung, zum Verhältnis seiner eigenen wirklichen, juristischen Person und den pseudonymen Verfassern seiner Werke geäußert und spricht davon, dass die Äußerung „in weiblicher Weise dem Pseudonym gehört“. Und so ist das auch hier: „Es ist daher mein Wunsch, meine Bitte, daß man, wenn es jemand einfallen sollte, eine einzelne Äußerung der Bücher zitieren zu wollen, mir den Dienst erweisen wolle, des respektiven pseudonymen Verfassers zu zitieren, nicht meinen, d. h. so zwischen uns zu teilen, daß die Äußerung in weiblicher Weise dem Pseudonym gehört, die Verantwortung bürgerlich mir.“

    Sören Kierkegaard, Eine erste und letzte Erklärung, in: Unwissenschaftliche Nachschrift, Teil II, Gütersloh, Seite 341.

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    18 April 2013

    Der Scheinheilige

    „Der wirklich Scheinheilige ist derjenige, der sich der Selbsttäuschung nicht mehr bewußt ist; derjenige, der in aller Aufrichtigkeit lügt.“

    André Gide, Tagebuch der Falschmünzer

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    16 April 2013

    „Liebe Katrin Bauerfeind,

    die Bilder sind hübsch geworden nicht? Produzentin und Kameramann haben gute Arbeit geleistet! Das Filmchen - das soll nicht despektierlich klingen – hat eine schöne Inszenierung. Es hätte ein wenig ausführlicher sein können, das waren einige Stunden , die auf wenige Minuten zusammengeschnitten wurden. Es fällt viel heraus, was um des Verständnisses und um der Komplexität willen nicht hätte herausfallen dürfen. Aber so ist das eben in dieser wie auch in jeder anderen künstlerischen Betrachtungsweise: man muss seinen Stoff konzentrieren, um das eine oder andere prägnanter herauszuarbeiten.

    Ich verstehe, dass es mehr um mich als um mein Buch ging. Obwohl es mir selbst natürlich um meinen Roman „Aléas Ich“ geht. Darum, dass eine Frau aus Rumänien nach Berlin kommt und Schriftstellerin werden will. Eine Frau, die genauso heißt wie ich, Aléa Torik, Figur und Autorin sind also scheinbar identisch; eine Frau, die einen ersten Roman geschrieben hat, wie ich – die hat meinen Roman geschrieben! – und an ihrem zweiten arbeitet, die bei dem Literatur- und Kulturwissenschaftler Joseph Vogl zum Thema „Fiktionalität“ promoviert und bei der sich langsam herausstellt, dass all das, was sie als authentisch darstellt, als ihre Autobiografie, tatsächlich Teil des Romans ist, an dem sie arbeitet und der „Aléas Ich“ heißen wird: Der Leser sieht dem Text also beim Entstehen zu, den er als fertigen in Händen hält. Aléa Torik beschreibt sich selbst als einen Roman schreibend, vielmehr als einen Stoff er- und sich selbst belebend. Das ist ein Roman, der sich fragt, was es heißt, wenn ein Mensch ‚Ich‘ sagt. Wenn er, indem er sich selbst zum Objekt macht, eine erste Fiktionalisierung vornimmt und von dem Tag an Subjekt und Objekt verwechselt. Der Text beschreibt eine Autorin, die einen Roman schreibt und sich dementsprechend fragt, vielmehr beschreibend darstellt, was ein Autor ist, der Figuren und Umstände erfindet, die nicht wahr sind, es aber langsam werden. Langsam fällt der Leser auf all das herein, von dem er am Anfang noch wusste, dass es erfunden ist. Steht ja drüber: Roman. Solche Reinfälle haben ein System und einen Namen: Literatur. Das ist alles Schwindel.

    Der Roman kommt in dem Film nicht so deutlich zur Sprache. Das verstehe ich. Man muss sich konzentrieren. Was beinahe drei Jahre gedauert hat – das Schreiben dieses Textes – und im Roman auf ein Jahr verkürzt wird, muss noch weiter verkürzt werden: Kein Mensch, kein Leser und kein Fernsehzuschauer will in Echtzeit miterleben, was ein anderer erlebt. Selbst jene Menschen, die wir lieben, wollen wir nicht Tag und Nacht um uns haben, sondern nur, wenn die Sonne romantisch untergeht, wir Lust auf Gesellschaft haben oder die Küche geputzt werden muss. Ansonsten können uns die anderen gestohlen bleiben. Wir haben heutzutage ja mit uns selbst genug zu tun. Und manchmal auch mehr als genug. Ich verstehe das alles.

    Was ich aber nicht verstehe: Bei dem Budget des Öffentlich Rechtlichen Fernsehens in Deutschland von 7 oder 17 Milliarden Euro – ich weiß es nicht, ich könnte es sowieso nicht nachzählen -, könnte man da nicht ein wenig großzügiger sein? Ich weiß, es muss gespart werden. Es wird überall gespart. Aber trotzdem die Frage: dieser Typ da in meinem Film, hätte es nicht einer mit mehr Haaren sein können? Männer mit Haaren kosten bekanntlich Geld. Aber Sie müssen die Außenwahrnehmung bedenken: was denken unsere europäischen Nachbarn nun, wenn wir nur noch sparsame Sendungen und Interviews machen, wo die Leute keine Haare mehr auf dem Kopf haben? Also muss jetzt alles neu gemacht werden, der Typ muss aufwendig aus dem Film herausgeschnitten und durch einen anderen ersetzt werden, mit einem schönen lockigen Wuschelkopf, der dann erneut gesendet wird und über den ich mich dann ebenfalls beschweren muss, weil der ja auch nicht in meinen Film hineingehört!

    Und damit das nicht schief geht: Was halten Sie davon, wenn wir beide uns mal zusammensetzen, eine ganze Sendung lang und über die Konstruktionsleistung von Literatur reden. Oder wir reden über die Frage, ob ein Leser ein Recht auf einen authentischen Autor hat. Wie sieht in Zukunft Literatur aus, die sicherlich, wie alles, ins Netz wandern und dort immer anonymer wird. Wie wir selbst auch. Text ist in Zukunft vielleicht nur noch frei flottierend, ohne einen eigentlichen Autor. Lassen Sie uns über die Konstruktion von Geschlecht reden: Was macht einen Menschen zu einer Frau oder zu einem Mann?

    Der Film ist im Grimmzentrum entstanden, am Engelbecken und im Berliner Literaturhaus in der Fasanenstraße, auf der Terrasse und im Kaminzimmer. Die Blogeinträge, die dort zu sehen sind, das sind diese beiden „Des Weibes Leib ist ein Gedicht” und “Unverkennbar genauso schauderhaft und böse“. Und hier kann man einen Blick ins Buch wagen.

    Zum Slogan „Mädchen sein kann man auf viele Weisen“ kann ich immerhin sagen: genau meine Meinung!

    Herzliche Grüße aus Berlin
    Ihre
    Aléa Torik”

    P.S. Die Farbe meiner Seite ist nicht Rosa, nicht Pink, sondern: Margenta!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    14 April 2013

    Geschlechtermaskerade II: Nicht wir tragen die Kleider, sondern die Kleider tragen uns

    Die bereits zitierte Ina Schabert, erzählt in ihrem Aufsatz die Geschichte zweier Kinder, die in einen Garten schauen und lauter nackte Menschen sehen. „Sag mal, sind das Männer oder sind das Frauen?“, fragt eines der beiden Kinder und das andere Kind antwortet „Das weiß ich nicht, wir müssen abwarten, bis sie ihre Kleider wieder angezogen haben.“

    Nicht wir tragen die Kleider, sondern die Kleider tragen uns. Das sagt Virginia Woolf in ihrem Roman Orlando - „ … there is much to support the view that clothes wear us and not we them; we may make them take the mould of arm or breast, but they mould our hearts, our brains, our tongues to their liking” -,Virgina Woolf, Orlando, Seite 188.

    Wir sind nicht von Natur aus so wie wir sind. Wir werden dazu gemacht. Wir machen die anderen zu dem, was sie zu sein glauben. Und wir lassen uns dazu machen. So ist es mir auch ergangen, in den letzten Jahren. Ich habe mich auf eine bestimmte Weise dargestellt, wie jeder das tut. Vielleicht war ich ein wenig phantasievoller als die meisten anderes es sind. Aber ich wurde auch von anderen zu etwas gemacht. Sie sind mit ihren Phantasien womöglich weit übers Ziel hinausgeschossen. Aber vielleicht haben sie es auch genau getroffen. Genauer als ich das je könnte. Nun werde ich wieder zu etwas gemacht. Beide Male handelt es sich um Projektionen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    13 April 2013

    Geschlechtermaskerade I: „‘Frau‘ existiert hier nur insoweit und solange, als sie dem männlichen Wunschdenken zuspielt.“

    „‘Frau‘ existiert hier nur insoweit und solange, als sie dem männlichen Wunschdenken zuspielt.

    [ Ich mache, was man nicht machen sollte, ich unterbreche das Zitat, ich lasse einen Teil weg, der nicht hierher passt, weil ich aus einem Aufsatz zitiere, der sich mit dem Roman Fantomima von Eliza Haywood beschäftigt, und sich nach der obigen Stelle Ausführungen anschließen, die zu viele Erklärungen dieses Roman bedürften. Wenn in dem Aufsatz von 'Weiblichkeit als Maskerade' die Rede ist, dann bezieht sich das darauf, dass Frauen einem männlich entworfenen Frauenbild entsprechen und sich dementsprechend ausrichten, positionieren und auch fühlen. Es geht sieben Zeilen später weiter: ]

    Das Ungewöhnliche an dem Text ist, daß dieser Zusammenhang von männlichem Begehren und weiblicher Scheinexistenz offen dargelegt wird. Vertraute Frauenbilder werden als Konstrukte vorgeführt, als weibliche Posen, die sich nach der phallischen Ökonomie ausgerichtet haben. Ein mögliches Sein hinter der Maske scheint nur als Rätsel, als Negativum auf. Normalerweise haben wir in der männlichen Kultur einfache Erzählungen von der Frau als Verführerin, als femme fatal, als Unschuld vom Land, als dark lady, als Julia, als Cleopatra, als Gretchen etc. So ist die Frau, behaupten die Erzähler und Dichter, ohne die Maskeradendimension anzusprechen. Das Bewußtsein – oder verdrängte Bewußtsein – dessen, daß die Frau nicht von sich aus so lebt und denkt, sondern die vom Mann vorgegebenen Rollen spielt, kommt nur indirekt, in Bildern unverläßlicher, labiler, trügerischer, schlangenhaft schillernder Weiblichkeit zum Ausdruck.“

    Ina Schabert, „Geschlechtermaskerade“, Seite 55; in: Die Sprache der Masken, Hrsg. Tilo Schabert, Würzburg 2002.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    12 April 2013

    „Jeder heutige Mensch kann einen Anspruch vorbringen gefilmt zu werden“

    Das schreibt Walter Benjamin in seinem Essay „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“. Der Aufsatz in seiner ersten Variante ist von 1935, aber der Anspruch ans Medium ist geblieben. Das Wort Anspruch ist heute sogar noch in einem viel umfassenderen Verständnis zu deuten: nicht ich werde von dem Medium angesprochen, sondern ich spreche das Medium an. Was jeder kann, das kann ich auch! Allerdings kann ich auch noch ein paar Dinge, die andere nicht können. Von denen ich jedenfalls behaupte, dass sie sie nicht können. Obwohl das – behaupten, dass das, was sie selbst können, andere nicht können – natürlich alle können.

    Wenn ich die Literatur an den Nagel hängen sollte, täte ich genau dies, ich hinge sie an den Nagel – oder anderswohin-, und ginge zum Fernsehen und zwar am kommenden Montag, 15. 04. 2013 um 21. 30 Uhr. Ich gehe zu Katrin Bauerfeind. Aber ich hänge sie nicht an den Nagel, die Literatur. Deswegen sind Alternativszenarien nicht von Interesse.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    11 April 2013

    Wo beginnt der Roman „Aléas Ich“?

    Was ist ein Anfang? „Anfang, vor allem Anfang“ lautet der erste Blogeintrag in diesem Blog, der ein Teil des Romans “Aléas Ich” ist. Es sind ein Dutzend dieser Einträge in den Roman eingegangen, alles Texte, die sich ums Erzählen drehen. Der eigentliche Anfang, wird dort im ersten Eintrag ausgeführt, liegt vor dem Anfang. Wo fängt ein Buch an?

    „Diese Paradoxien in ‚Aléas Ich‘ beginnen bereits auf dem Buchdeckel: Dort, wo der Eigenname der Autorin bzw. des Autors stehen sollte, befindet sich der Name einer Romanfigur, die sich als Autorin präsentiert, und an der Stelle, wo für gewöhnlich der Romantitel steht, der in der Welt der Literatur häufig ein Eigenname ist – von Anton Reiser über Madame Bovary bis zu Effi Briest oder Johann Holtrop –, da befindet sich der Hinweis auf Autorenschaft: Aléas Ich. Es müßte dort aber ein Eigenname stehen. Dieser Eigenname bleibt eine Leerstelle.“

    Den ganzen Text von Bersarin zu „Aléas Ich“ lesen Sie auf Aisthesis,  hier.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    10 April 2013

    Die ganze Wahrheit über Aléa Torik

    Hier kann man die ganze Wahrheit nachlesen, also beide Hälften, hier.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    08 April 2013

    Masken und Stimmen. Figuren der modernen Lyrik

    „In der Lyrik unseres Jahrhunderts zeigt sich diese Dialektik immer wieder: Der Dichter, der sich maskiert, versucht unter der Maske seine authentische Stimme zu finden. Der Möglichkeiten, der Varianten sind viele: sie reichen von den Personae Ezra Pounds und dem Personenpluralismus der Heteronyme Fernando Pessoas bis in die linguistischen Exerzitien Helmut Heißenbüttels, Oskar Pastiors oder Inger Christensens; von der Ausdrucksartistik Gottfried Benns bis zum reduktionistischen grido Guiseppe Ungarettis, von der nüchternen Wahrheit Phillip Larkins bis zu den kühnen Metaphern, unter denen Tomas Transtömer den Kampf um den verlorenen Namen führt. Und der Name, unter dem Paul Antschel im anagrammatischen Silbentausch zu Paul Celan wurde, bot er nicht so viel Schutz, dass in seinem Schatten Atem und ‚Atemwende‘ möglich wurden?“

    Masken und Stimmen. Figuren der modernen Lyrik, Harald Hartung, München, Wien 1996, Seite 27. Hervorhebung von mir.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    07 April 2013

    „Man ist reicher als man denkt, …“

    „Man ist reicher als man denkt, man trägt das Zeug zu mehreren Personen im Leibe, man hält für ‚Charakter‘, was nur zur ‚Person‘, zu einer unserer Masken gehört.“

    Friedrich Nietzsche, KSA V, Seite 229.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    06 April 2013

    Eine neue Kategorie: Masken und Schleier

    Ich werde in den kommenden Wochen eine neue Kategorie in diesem Blog befüllen: Masken und Schleier.

    „Bei euch, ihr Herren, kann man das Wesen
    gewöhnlich aus dem Namen lesen,
    Wo es sich allzu deutlich weist,
    Wenn man euch Fliegengott, Verderber, Lügner heißt“

    Goethe, Faust I, Vers 1330 bis 1335

    Man kann etwas aus dem Namen lesen, bei Herren und bei Wesen. Vielleicht auch bei Frauen. Das passte nicht mehr ins Reimschema. Geschenkt!  Wenn man zu lesen versteht, kann man aus meinem sprechenden Namen einiges herauslesen. Ich würde etwa Folgendes vorschlagen: Aletheia ist die Göttin der Wahrheit. Alea ist die Abbreviatur von Eulalia, ein Name der sich aus der Vorsilbe eu – ‚gut‘ und lalein – ‚Reden‘ zusammensetzt: die Rede- oder Sprachgewandte. Alea bedeutet im Hebräischen ‚Augen‘. Ich habe nicht umsonst ein Buch über einen Blinden geschrieben. Augen werden auch die Kerben eines Würfels genannt. Torik erinnert an die Thora, die fünf Bücher Mose, der Pentateuch. Der Übergang vom Vor- zum Nachnamen zeigt einen Übergang zweier Kulturstufen an, von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit. Die Schrift steht für das Abwesende, das Vergessen: Alea und thea verweisen auf a-lethe-a: Lethe ist der Fluss des Vergessens. Torik erinnert an den ägyptischen Gott Theuth, der Erfinder des Würfels, der Zahlen und der Schrift. Nichts davon bin ich, aber ich halte mich in der Nähe von alledem auf.  Vor allem in der Nähe der Kerben, von denen ich einige auf der Seele habe. Wer nicht?

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    04 April 2013

    „Identität“

    Identität

    „Was ich weiß
    über mich und was andere

    über mich wissen
    was ich nicht weiß
    über mich und was andere wissen

    was ich
    weiß über mich
    und was andere nicht wissen
    und was ich nicht weiß

    über mich und was andere
    nicht wissen. Die Münder meiner Wunden
    wissen etwas zu erzählen
    über mich. Der Trug
    der Wahrheit: Der Faden zwischen mir und den anderen.“

    Asher Reich (aus dem Hebräischen von Lydia und Paulus Böhmer)

    Identität ist das Verhältnis von mir zu anderen. Identität ist das, was sich herausbildet, wenn ich mit anderen ins Verhältnis trete. Das, was übrigbleibt, wenn die anderen mir etwas nehmen von dem, was ich sein will. Das, was andere mir geben, von dem, was ich sein will und von dem, was ich nicht sein will. Von dem, was ich weiß und was ich nicht weiß und sein will und nicht sein will und habe und nicht habe. Was ich retten kann und was untergeht. Identität ist immer in Bewegung.

    Siehe auch hier: Identitäten im 21. Jahrhundert.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    03 April 2013

    „Aléas Ich“ – also meins – in der Sächsischen Zeitung

    Das ist leider schon vor einigen Tagen erschienen, auch im Internet war Ostern, und so habe ich es erst heute gesehen . Und leider, noch einmal, ein fundamentales Missverständnis, wenn die Rezensentin mit der Formulierung beginnt: „Aléa Torik gibt es nicht.“ Selbstverständlich gibt es sie. Das ist die, die das hier schreibt. Ein kleiner Blick in die moderne Literatur – etwa Luigi Pirandello, Miguel de Unamuno und Italo Calvino – und schon steht Kopf was man bis dahin für Existenz gehalten hatte: ein sistere ex, ein außer-sich-sein. Wo ich aber innerlich bin, sistere in. Ich insistiere also auf meiner Existenz!

    Wahrscheinlich war Frau Ruczynski nicht ganz glücklich mit dem Text, auch wenn von meiner Fantasie und meinem Respekt einflößenden Intellekt die Rede ist: „Die Lektüre auch des neuen Romans ist ein Genuss.“ „Dass Frau Torik nicht für Talkshow-Auftritte, Interviews und Lesungen zur Verfügung stand, schien ein bewundernswertes Alleinstellungsmerkmal im allesfressenden Literaturbetrieb zu sein – und war doch nur Teil der Inszenierung.“ Da allerdings täuscht sie sich, denn das Outing hat man mir aufgezwungen und war mitnichten Teil einer  Inszenierung. Aber das konnte sie nicht wissen. Darauf gehen auch solche Formulierungen zurück: „Mit der Anonymität im Netz scheint Aléa Torik nicht nur gute Erfahrungen gemacht zu haben; sie spricht von virtueller Hatz, von Menschen, „die erniedrigen und zerstören wollen“, von einem „Ort der totalen Asozialität“, gar vom „totalen Grauen“. Dazu werde ich mich noch äußern. Und dann schließt es versöhnlich, wenn sie sagt, dass das „Autoren-Ich ebenso melancholisch wie scharfsinnig über Einsamkeit nach[denkt], über den Begriff Heimat und das Leben in einer deutschen Großstadt, die vielleicht Berlin ist.“

    Ein wenig enttäuscht bin ich wohl, weil da kein Wort zu meiner Sprache gesagt wird, die doch eigentlich der Kern des Ganzen ist. Aber jeder hat eben das Recht auf sein eigenes Verständnis, das sind der Skandal und auch das Großartige an der Literatur, dass nicht zwei dasselbe verstehen. Nicht einmal einer, denn er versteht bei der zweiten Lektüre meist schon mehr als bei der ersten.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    01 April 2013

    Das multiple Subjekt

    In der Einleitung ihrer Dissertation schreibt Julia Weber, dass die literarische Moderne nicht denkbar sei ohne eine Vielzahl Formen der Selbstentgrenzung, die aber in der Regel als negative, als Spaltungs- oder Dissoziationsphänomene begriffen würden, nicht als alternative Formen von Subjektivierung. Aber genau dies will sie mit ihrem Buch über Pessoa, Beckett und Mayröcker tun. Ich zitiere aus dieser Einleitung.

    „Die Vorstellung einer ästhetischen Subjektivität, die im medialen Selbstbezug des Schreibens erst entsteht, steht autobiografischen Lesarten die davon ausgehen, dass sich das Subjekt im Schreibakt reproduziert, diametral entgegen. Das Erproben neuer ästhetischer Subjektivitätsformen kann jedoch – nur weil es zunächst im Freiraum der Literatur geschieht – nicht als unabhängig oder gar abgekoppelt von der empirischen Realität aufgefasst werden. Die Tatsache, dass hier ein neuer Raum des Selbstbezugs entsteht, heißt weder, dass keine realen Bezüge in das Schreiben einfließen, noch, dass das Schreiben keine Rückwirkungen auf die lebensweltliche Selbstkonstitution des schreibenden Subjekts hätte. Im Gegenteil: Schreiben wird gerade in der Moderne für viele Autoren zu einer existentiellen Selbstpraxis, in der das Ich sich nicht nur ausdrückt, sondern auch selbst erschafft und die Freiräume seiner Selbstkonstitution reflexiv und spielerisch auslotet. Der Begriff der ästhetischen Subjektivität – so wie er hier verwendet wird – grenzt ästhetischen Selbstbezug zwar von anderen Formen eines außerästhetischen (praktischen, ethischen, kognitiven, moralischen etc.) Selbstbezug ab, lässt sich jedoch nie ganz von diesen lösen. Ästhetische Subjektivität lotet, wenn man so möchte, immer konstitutiv die inhärenten Spannungen zwischen den beiden Polen der externen Referenz und der immanenten Konstruktion, zwischen Widerspiegelung und Neuerschaffung aus. Um diese inhärente Spannung zu markieren, verwende ich zur Charakterisierung der Ich-Erzähler bei Pessoa, Beckett und Mayröcker den Terminus schreibendes Ich.“

    Julia Weber, Das multiple Subjekt. Randgänge ästhetischer Subjektivität bei Fernando Pessoa, Samuel Beckett und Friederike Mayröcker. Wilhelm Fink, München 2010, Seite 14.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.