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  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
  • irisnebel: klasse! gratuliere! musst du ne gegenleistung bringen? als stadtschreiber z.b.?
  • nadine schmid: Ich habe mit Thien an der Uni Koeln studiert. Wir ware zeitweise befreundet, aber ich hatte wenig verstaendnis fuer seinen ‘Mangel’ am akademischen Streben und habe, trotz meiner Anerkennung seines Talents, sein Lebensziel, aus seiner Dichtung etwas zu machen, als...
  • bersarin: Es muß natürlich, entdecke ich beim zweiten Lesen, Monika Rinck heißen. Ich kann mir Namen nie merken.
  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
  • Aléa Torik: Never ride a dead horse – das hätte auch als Überschrift dieses Beitrags herhalten können. Gestern Nacht bin ich mit dem Rad 35 km durch das ausgestorbene Berlin gefahren, bis weit jenseits der Stadtgrenze. Da ich ziemlich kaputt war, konnte ich dabei nichts denken, aber wenn...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
  • Aléa Torik: Liebe Miss Lingen, bitte entschuldigen Sie die kleine Verspätung meiner Antwort. Ich war auf anderen Schlachtfeldern unterwegs. Sie haben absolut recht, es ist viel zu komplex. Dabei darf ich mir zugutehalten, es deutlich vereinfacht zu haben. Denn im Original – wenn wir uns darauf...
  • Miss Lingen: Obwohl, wie Sie wissen, ich hier mit Sympathie lese, frage ich doch: ist das nicht alles ein wenig zu komplex?
  • Aléa Torik: Dann bin ich gespannt, was du von dem Essay hältst.
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, die Idee des freiwilligen Ablebens um des Erfolges willen stand ja schon einmal im Raum, aber das nur zu machen, um ausgerechnet auf meine Leseliste zu kommem, nee, da hast Du recht, das wäre schon sehr übertrieben! http://www.litblogs.net/hue...
  • Aléa Torik: Lieber holio, ganz verstehen kann ich die Ottos und Ottisten ja tatsächlich nicht. Vielleicht ist das so, dass Otto und Otta, was ihr Leseverhalten betrifft, auch nicht ganz schlau aus sich werden. Sie greifen immer nur nach dem, wonach auch die anderen greifen. Das zeichnet die...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
  • holio: Traurig ist das in der Tat. Und so ganz zu verstehen auch nicht. Im Geräusch des Werdens war der Anknüpfungspunkt für Otto Normalleser ja da. Und die Bălkanexotik ist auch rezipiert und rezensiert worden. Die Sprache ist einfach, der Plot verständlich, erinnere die Szene mit dem blinden...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • Archiv vom März, 2013

    29 März 2013

    Der Pinguin Apollodor

    Vom Pinguin Apollodor erzähle ich in „Aléas Ich“. Das ist ein Buch von Gellu Naum, ein Kinderbuch. Der Pinguin Apollodor arbeitet im Zirkus, aber er hat große Sehnsucht nach seiner Familie und seiner Heimat. Also begibt er sich auf große Fahrt. Bis er jedoch an den Südpol findet, führt ihn seine Reise durch die ganze Welt. Er lebt als Cowboy in Amerika, verliebt sich in Afrika in ein hübsches Affenfräulein und wird später durch Zufall zum Millionär. Die deutsche Übersetzung ist von Rolf Bossert.

    Es lebte einst in Bukarest
    - Ein Kühlschrank diente ihm als Nest -,
    Im Zirkus auf der Moschilor,
    Ein Pinguin aus Labrador.
    Sein Name war Apollodor.
    Beschäftigung: Er sang im Chor.
    Er war also kein Mathador,
    Kein Zuckerbäcker, kein Major.
    Er hatte bloß ein gutes Ohr
    Und sang im Chor. (Er war Tenor.)
    Er war vergnügt, er hatt’ Humor
    Und einen Frack, schwarz wie ein Mohr:
    So kannte man Apollodor.

    Doch eines Tages ging was vor
    Mit unsrem Freund Apollodor:
    „Ich bin zwar gern im Chor ein Sänger,
    Doch wird’s ums Herz mir eng und enger …
    Zu meinen Brüdern, nach wie vor,
    Will ich, ins ferne Labrador!
    Wie gerne säße ich, bloß so,
    Auf einem Eisberg und wär froh …“
    Tränen vergoß Apollodor …

    Einiges wurde von Ada Milea vertont. Das finden Sie hier, genauer: unter dem Schaf ist ein kleiner Musikplayer, Apollodor in Afrika und als Cowboy, Lied 13 und 14. Ich erzähle das, weil ich annehme, dass Sie wissen wollen, zu welcher Musik man in den ersten Jahren dieses Jahrtausends in Bukarest, in den Clubs und auf der Straße getanzt hat.

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    21 März 2013

    „Sieger oder Besiegter zu sein, kommt in der Liebe auf dasselbe heraus“

    Miguel de Unamunos Roman Nebel

    Wenn ich je ein Buch gelesen habe, dass sich seinen Titel redlich erarbeitet hat, dann dieses. Das Wort “Nebel” findet sich auf beinahe jeder Seite. Das mag auch daran liegen, dass der Text eher eine Novelle ist als ein Roman. Was in Frankreich der Nouveau Roman, das ist in Lateinamerika die Nueva Novela. Die im Text selbst nicht unwichtige Frage, welcher Gattung er angehört, Roman oder Novelle, veranlasst de Unamuno zu dem Neologismus nivola, der sich aus dem spanischen Wort für Roman – novela – und dem für Nebel – niebla-  zusammensetzt.

    Die Geschichte entwickelt sich zu Beginn so wie Geschichten um junge Männer sich mitunter entwickeln: sie verlieben sich. Augusto, wohlsituiert und keiner geregelten Arbeit nachgehend, geschieht, was Männern bisweilen geschieht wenn sie das Haus oder die Wohnung, wenn sie Wohnzimmer und Fernseher verlassen: er verliebt sich in eine Frau. Er verliebt sich in die erste Frau, die er auf der Straße sieht. Nun ist die erstbeste nicht unbedingt die schlechteste. Liebe ist nicht wie Wahl zwischen zwei Möglichkeiten, sondern, … ja was? Die Explosion der einen! Augusto macht Eugenia den Hof. Sie allerdings ist nicht sonderlich interessiert, sie hat einen Verlobten. Augusto orientiert sich anderweitig und bändelt mit der Dienstbotin Rosario an. Als Eugenia sich von ihrem Verloben Mauricio trennt, ist Augusto sofort wieder Feuer und Flamme. Eugenia erklärt sich nach langem Werben schließlich sogar bereit, Augusto zu heiraten. Mauricio macht daraufhin Augusto einen Besuch und eröffnet ihm, dass er sich mit Rosario zu trösten gedenkt. Dadurch allerdings fühlt Augusto sich hintergangen. Drei Tage vor dem anberaumten Termin zur Eheschließung trennt sich Eugenia von Augusto und brennt mit Mauricio durch. Daraufhin beschließt Augusto, sich umzubringen. Zuvor jedoch will er sich beratschlagen. Er hat sich häufig mit seinem Freund Víctor über die Liebe und die Ehe beraten. Nun sucht er einen anderen Gesprächspartner: Von einem bekannten Schriftsteller kennt er einige Texte und den sucht er nun auf. Er fährt zu Miguel de Unamuno nach Madrid. Dort allerdings muss Augusto zu seiner Überraschung erfahren, dass er, wie alle anderen Personen nur eine Figur aus einer Novelle dieses Schriftstellers ist.

    Lange angedeutet und durch ein Gespräch über Fiktionalität mit seinem Freund Víctor vorbereitet, kommt es zu einer kuriosen Situation, zum Bruch in der Fiktion. Man bemerkt es im Text recht bald, ohne sich allerdings einen Reim darauf machen zu können: Augusto fragt sich häufig, ob er eigentlich existiere und ob sein Leben nicht “am Ende das Werk eines göttlichen Schachspielers“ sei. Er wirkt auch nicht sonderlich lebhaft. Es sieht aus, als fange er in diesem Moment, da der Leser ihm begegnet, erst an Erfahrungen zu machen. Zwar ist er promovierter Doktor der Jurisprudenz, scheint aber keinerlei Lebenserfahrungen zu besitzen. Der Vater ist gestorben, als er ein kleiner Junge war – offenbar durch Selbstmord, viele kommen durch Selbstmord um, auch der Vater Eugenias; und er selbst will sich ja auch umbringen – die Mutter erzieht das Kind allein. Auf dem Totenbett gibt ihm noch einen Rat: heirate! Heirate so schnell wie möglich. Dies raten ihm auch alle anderen. Augusto aber scheint keine Ahnung zu haben, wie er das anstellen soll. Es sieht aus, als ob Eugenia die erste Frau ist, die er im Leben kennenlernt. Und so ist es ja auch, es ist die erste, die er, im ersten Kapitel aus der Türe tretend, zu Gesicht bekommt. Später versteht man das: es ist ja der Anfang seines fiktionalen Lebens. Alles andere kennt der Leser nur aus dem Rückblick. Eine fiktionale Figur beginnt ihre Existenz mit der ersten Seite eines Textes. Vergangenheit kann nur aus dem erzählenden Rückblick entstehen. Diese Zeit ist nicht wirklich da gewesen, sondern sie entsteht durch einen perspektivischen Kunstgriff: indem die Erzählung rückblickend voranschreitet. Vergangenheit in einer Erzählung ist also ein Fortschritt.

    Augusto muss als erwachsener Mann erst einmal verstehen was Liebe ist. Wozu andere im entsprechenden Alter schon viele Jahre Zeit hatten, muss er innerhalb kürzester Zeit – die wenigen Tage der Erzählung -, lernen: es verliebt sich heftig in Eugenia. Er erfährt, dass sie einen Verlobten hat, nimmt er sich vor um sie zu kämpfen, hat aber keine Ahnung wie er das anstellen soll. Er verliebt sich dann reihenweise in andere Frauen, in jede, die er auf der Straße sieht. Er geht allen hinterher, völlig kopflos, und fragt sich dabei ununterbrochen, was die Liebe ist. Diese Frage ist das Zentrum des Romans, denn anhand der Liebe wird nach der eigenen Rolle dabei gefragt: Bin ich aktiv oder passiv? Bin ich das Opfer und Handelnder? So wird auf die tatsächlich zentrale Fragestellung hingearbeitet, die Autor und Figur dann im Zwiegespräch miteinander erörtern, die sie miteinander ausfechten, unter Einsatz des Lebens, denn am Ende ist einer von beiden tot; die Frage: wer hat die Fäden in der Hand? Das wird von Beginn an vorbereitet, so dass die Konfrontation zwischen Schöpfer und Geschöpf schließlich kein willkürliches Ende ist, weil dem Autor kein realitätsgerechtes Ende eingefallen ist. Es strukturiert den Text und bereitet den Leser auf das große Finale vor.

    „Und wer ist Eugenia? Ich glaube, ich suchte sie schon lange. Und während ich sie suche, tritt sie mir bereits leibhaftig entgegen. Heißt das nicht, einen Fund machen? Wenn irgendjemand einer Erscheinung begegnet, die er sucht, bedeutet das nicht, dass diese Erscheinung, dieses Suchen vorausfühlend, ihm ihrerseits entgegenkommt? Könnte nicht Amerika Kolumbus gesucht haben?“ Es ist einsichtig, dass man dem anderen vor allem über die eigenen Vorstellungen über ihn näher kommt. Die Personen Eugenia und Augusto gehen mehrfach aneinander vorbei, ohne sich zu erkennen. Ohne den Vorstellungen, die sie vom anderen haben, zu begegnen. Es begegnen sich bei diesen Gelegenheiten nur die Körper, nicht die Phantasien: „Wo kam Eugenias plötzlich her? Ist sie etwa eine Schöpfung von mir? Oder bin ich ihre Schöpfung? Oder haben wir uns wechselseitig geschaffen, sie mich und ich sie? Ist nicht vielleicht alles zusammen das Produkt aller einzelnen Dinge und jedes Einzelding wiederum ein Produkt des Ganzen?“ Gibt es vielleicht zwei Eugenias, eine, die ihm „gehört“ und eine zweite, nämlich die des Verlobten?

    Seit Augusto Eugenia gesehen hat, sieht er alle naselang schöne Frauen. Er selbst findet das überraschend, weil er angenommen hatte, dass die eine durch seine Liebe auch zur Einzigen würde, ja dass das Auswählen eine Art Vereinzelung im Sinn einer Tätigkeit ist. Sein Freund Víctor ist da ganz anderer Meinung. Wenn ein Mann sich in eine Frau verliebt, dann verliebt er sich in alle. Es konkretisiert sich anhand der einen Liebe lediglich, was in abstacto schon immer vorhanden war: die Liebe zum anderen Geschlecht. So wird nach der Wahrheit des Zustandes gefragt: wie kann man wissen, ob man in Wahrheit verliebt ist oder bloß meint, es zu sein. Was ist die Liebe? Und was macht sie mit dem, den sie ergreift? In die Geschichte sind eine Handvoll kleine Nebengeschichten eingeflochten, alles Liebesgeschichten, alle in einem pessimistischen Grundton erzählt und alle mit einem negativen Ausgang. Dennoch wird Augusto bei jeder Gelegenheit geraten: heirate!

    Es gibt einige irritierende Elemente. So etwa trägt Augustos Diener den Namen “Domingo”, den Eugenia als Vaternamen hinter dem Vornamen führt, aber der müsste bei ihr eine weibliche Form annehmen, also Dominga. Irritierend ist ebenfalls, dass sein Freund Víctor eine Novelle schreibt, die mit den tatsächlichen Ereignissen auffallend übereinstimmt, so dass man einige Zeit vermutet, dass der Freund der Urheber dieser Geschichte ist, zumal er auch ein Vorwort zu diesem Buch von Unamuno geschrieben hat. Auch hier haben wir eine Vermischung, eine Transgression erzählerischer Ebenen. Ein ungewöhnlich großer Teil des Textumfanges ist dialogischer Natur, es kommen noch viele monologisch gehaltene Sequenzen dazu – Augusto spricht mit sich oder mit seinem Hund Orpheus – so dass von einem Erzähler über weite Strecken nicht viel zu bemerken ist. Da, soweit ich sehe, vollständig auf verba discendi und credendi verzichtet wird, macht der Text einen sehr unmittelbaren Eindruck. So ist es dann überraschend, dass da ein Erzähler ist und sich am Ende auch noch als Autor zu erkennen gibt. Oder, auch so könnte man das lesen: sich in den Vordergrund drängt. Ein Autor, der anfängt, sich wichtig zu machen, wo es doch bisher auch ganz gut ohne ihn ging.

    Das ist es, was mich vor allem interessiert, jener Teil, da Autor und Figur aufeinander treffen, die metafiktionale Ebene. Dieser Teil umfasst lediglich die letzten zwanzig Seiten, weniger als ein Zehntel des Gesamtumfangs. Scheinbar gleichberechtigt prallen Schöpfer und Geschöpf aufeinander. Miguel de Unamuno teilt Augusto mit, dass er nicht existiere und kein Wesen der Wirklichkeit sei, sondern eines der Phantasie, seiner eigenen nämlich. Augusto, zuerst schockiert, hinterfragt dann aber den Begriff der Existenz. Er will das Gegenteil beweisen: das Unamuno nicht existiert! Unamuno, so sein Argument, habe außerhalb der angeblich von ihm erfundenen Figuren keinerlei Realität. Kein Mensch wüsste, wer er ist, wenn nicht die sogenannten fiktiven Figuren wären, die ihm diese Existenz verleihen. Er greift dazu eine bekannte These Unamunos aus einem Essay auf, wo der behauptet, dass nicht etwa Don Quijote und Sancho Pansa fiktionale Geschöpfe seien, sondern vielmehr Cervantes. Cervantes sei tot, so Unamuno, seine Figuren hingegen unsterblich. Als Unamuno Augusto dann enthüllt, dass er bald sterben müsse, rückt der entsetzt von seinem Selbstmordvorhaben ab und will nur noch eins: „leben, leben, leben“.

    Zentral in der Diskussion der beiden ist der Umstand, dass literarische Figuren nicht dem Willen ihres Schöpfers unterliegen, sondern eine eigene Dynamik entfalten können und dies auch in der Regel tun. Es geht um den freien Willen und der wird hier anhand von Augustos Selbstmord erörtert. Augusto, sich darauf berufend, teilt Unamuno mit, dass er Selbstmord zu begehen gedenkt, was für Unamuno ausgeschlossen ist, da er andere literarische Pläne mit ihm habe. Als Augusto erfährt, dass Unamuno plane ihn zu töten, will er nur noch eins: leben. Die Differenz scheint auf den ersten Blick so groß nicht zu sein: tot ist er danach auf jeden Fall und wer sterben will, dem gehts ums totsein, nicht darum wie er dahin gelangt. Augusto konfrontiert nun seinerseits de Unamno mit dem Tod, denn auch er müsse ja sterben. Das wiederum bringt den Schriftsteller so gegen Augusto auf, dass er seinen Plan noch einmal betont und alle Alternativen des Handlungsverlaufs kategorisch ausschließt: „Ich weiß nicht mehr, was ich mit dir anfangen soll. Wenn Gott nicht mehr weiß, was er mit uns anfangen soll, dann läßt er uns sterben. Und ich kann nicht vergessen, dass du den Einfall hattest, mich zu töten.“ De Unamuno verurteilt sein Geschöpf zum Tode. Aber so leicht lässt der ihn nicht entkommen und reagiert nun seinerseits: „Sie schufen mich, um mich sterben zu lassen! Jawohl, auch Sie werden sterben. Wer erschafft, erschafft sich, und wer sich erschafft, stirbt. Sie werden sterben, Don Miguel, Sie werden sterben, sterben wie alle die, in deren Gedanken ich lebe! Nun wohl, so laßt uns sterben.“

    Sind das zwei gleichberechtigte Partner? Oder hat der Schöpfer Übermacht über das Geschöpf? Macht das Geschöpf was es will – oder was der Stoff will -, ist der Autor also lediglich ausführendes Organ? Hängt also er an den Fäden der Handlung? Das hieße, dass das, was tatsächlich passiert, der Wille der Figur war, nicht der des Autors. Unamuno behauptet, Augusto habe ihn aus freien Stücken aufgesucht, was dann nicht der Fall ist, wenn der Autor die uneingeschränkte Herrschaft über die Figur hat. Wer erschafft, erschafft sich. Es sind die Bücher, die Werke, die fiktionalen Figuren mit denen die Autoren identifiziert werden.

    Augusto fährt nach Hause. Er kehrt zurück in die ihm mögliche fiktionale Ebene, die der Erzählung, legt sich ins Bett und: stirbt. Ursache: unklar. Ein vollgeschlagener Magen, Liebeskummer, eine ominöse Verrücktheit? Domingo wundert sich, dass ein Herr immer wieder behauptet, nicht zu existieren. Der Arzt, der natürlich nichts von dem Todesurteil Unamunos weiß, und nur noch den Tod Augustos feststellen kann, fällt das kluge Urteil: „Man weiß selbst am wenigsten von seiner Existenz … Man existiert ja nur für die anderen …“

    In einer Art Epilog spricht dann der Hund Augustos. Er denkt über seinen soeben verstorbenen Herrn nach: „er spricht oder bellt in einer so seltsamen, höchst komplizierten Weise. Wir, wir heulen und lernen bellen, um ihn nachzuahmen, aber nicht einmal auf diese Weise lernen wir, uns mit ihm zu verständigen. Nur dann verstehen wir ihn, wenn er gleichfalls heult. Wenn ein Mensch heult oder schreit oder droht, dann verstehen ihn die übrigen Tiere sehr gut. Dann ist er nicht zerstreut oder abgelenkt durch die Gedanken an die andere Welt …! Aber er hat seine eigene, besondere Art zu bellen, er spricht, und das hat ihn dazu geführt, Dinge zu erfinden, die es nicht gibt, und das nicht zu beachten, was es gibt. Sobald er einer Sache einen Namen gegeben hat, sieht er diese Sache schon nicht mehr an, er beschränkt sich darauf, auf den Namen zu hören, den er ihr gegeben hat, oder ihn geschrieben zu sehen. Die Sprache dient ihm, um zu lügen, um Dinge zu erfinden, die es nicht gibt, und um sie durcheinanderzuwirren. Und das alles dient ihm zum Vorwand, um mit anderen oder mit sich selbst zu sprechen.“

    Das Verhältnis von Ursache und Wirkung ist nicht mehr deutlich voneinander geschieden. Sieger oder Besiegter, Handelnder oder Behandelter: das kommt womöglich auf das Gleiche heraus. Die Existenz des Menschen als Traum eines Gottes, diese Vorstellung des Verhältnisses von Gott und Mensch wird wiederholt – in der rhetorischen Figur der mise en abyme -, indem die fiktionale Figur als Traum des Schöpfers, des Autors dargestellt wird. Aus der einseitigen Abhängigkeit des Menschen von Gott wird in dieser Transformation allerdings eine wechselseitige von Figur und Autor. Da das Vorwort des Romans allerdings von jenem Víctor geschrieben wird, dem Freund Augustos, der auch nur eine fiktive Person ist, und der dort behauptet, dass er zuverlässig wisse, dass Augusto nicht den von Unamuno beschriebenen Tod erlitten habe, stellt sich erneut die Frage, was der Wahrheit und was der Fiktion entspricht.

    Solange die Fiktion gelesen und von Lesern imaginativ belebt wird, solange gibt es ein ontologisches Primat des Fiktiven gegenüber dem Realen. Von einer Umkehrung zu träumen, bedeutet vom Ende des Lesens zu träumen.

     

     

     

     

     

     

    Miguel de Unamuno, Nebel, Peter Selinka Verlag, Ravensburg, 1988.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    20 März 2013

    Hier stehen inzwischen beinahe fünfhundert Artikel und für jeden habe ich einen Titel gefunden. Aber heute fällt mir keiner ein. Oder ich will ihn für mich behalten. Womöglich liegt‘s am Alkohol.

    Mir schrieb heute jemand, oder war‘s schon gestern?, dass er viel liest, selten etwas zu Ende, weil wenig Schätze unter den Bücher sind und dass er bei meinem Roman auf so einen Schatz gestoßen ist. Er spricht noch von Das Geräusch des Werdens. Ich freue mich darüber. So wie mich freute, als mir Ulrike vor einigen Wochen schrieb, dass sie in ihrer Buchhandlung zwanzig Exemplare verkauft hat und alle – ob jung, ob alt – begeistert seien. Natürlich wünscht man sich, dass man hunderttausend Bücher verkauft, hunderttausend mal Anerkennung bekommt und davon leben kann, vom Geld, von der Arbeit – dass man auch von der Arbeit lebt und nicht nur dafür – und dem Lob; natürlich weiß man, dass das nicht geschehen wird. Man weiß, dass der Einzelne nicht der Anfang einer Lawine ist.

    Ich war in Leipzig zur Buchmesse. Eigentlich bin ich nicht messekompatibel. Ich brauche den Trubel nicht. Aber ich kann ihn aushalten. Ich habe einige Leute kennengelernt. Deswegen geht man hin. Natürlich weiß man, dass es für alle ein Geschäft ist. Und für die meisten ist es keins. Man selbst sucht ebenfalls seinen Vorteil. Der besteht für mich darin, Möglichkeiten zu finden, um weiterzuschreiben. Ich hatte zwei Lesungen, in der Moritzbastei und im Café Puschkin. An einem Morgen kamen zwei junge Frauen auf mich, auf uns alle am Stand zu und erzählten, leicht errötend, dass sie die eine Lesung mit mir ganz toll fanden. Ja, es ist ein Geschäft. Ich will Bücher verkaufen und ich will, dass Leute sich an dem erfreuen, was ich da gebaut habe. Die zweite Lesung war in einer Kneipe mit Kneipenstimmung und das lief nicht so gut. Ich bin nicht warm geworden mit den Leuten. Oder die nicht mit mir. Ich hatte das Gefühl, die hätten lieber einen Krimi gehört. Aber ich hatte keinen. Ich bin wahrscheinlich einer der wenigen Menschen, die in ihrem ganzen Leben noch nie einen Krimi gelesen haben. Außerdem habe ich noch ein dickes Kompliment für meinen Aufsatz über Pierre Bayard bekommen. Was will man mehr? Man will wahrscheinlich eben einfach mehr. So ist der Mensch. Kann den Hals nicht voll bekommen.

    Es gibt nahezu kein literarisches Gebäude, dass nicht jeder abbruchbereite Trottel innerhalb weniger Minuten einreißen könnte: zu kurze Sätze, zu lange Sätze, zu philosophisch, zu hermetisch, zu hermeneutisch, zu hermaphroditisch, zu aphoristisch oder zu artistisch. Ein Verriss bedarf keiner Fähigkeiten. Aber eine Kunst ist es als Leser, sich selbst und seine eigenen Interessen aufzugeben und sich in ein Buch hineinzubegeben. Sich gefangen nehmen zu lassen. Und so freue ich mich über die Anerkennung per Mail und im direkten Gespräch.

    Ich habe im Nachgang einige Mails geschrieben. Alles Dinge, aus denen sich etwas entwickeln könnte, Bekanntschaften, Freundschaften, Zukunftsaussichten. Ich habe jemanden kennengelernt, den ich bis dahin nur per Mail kannte. Und das war ein sehr schöner Vormittag. Francis: wo ist das versprochene Buch?

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    13 März 2013

    „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“

    Eine Besprechung in der Literaturbeilage der Jungen Welt. Von mir. Nicht die gesamte Beilage, sondern nur das Hauptgericht. Erhältlich ab Morgen, 14. März. Wir sollten über Bücher schreiben, die wir nicht gelesen haben. Das habe ich nicht geschafft. Stattdessen habe ich über ein Buch geschrieben, das erklärt wie man das macht. Pierre Bayard hat eine sehr interessante Theorie entwickelt, die auf empirischen Beobachtungen beruht: Er ist Professor für Literatur mit einer Neigung zur Provokation. Oder Professor für Provokation mit einer Neigung zur Literatur.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    09 März 2013

    „Morgen war Weihnachten“

    Das ist Unsinn: Morgen kann nicht Weihnachten gewesen sein. Es muss heißen: ‚Morgen wird Weihnachten sein‘ oder ‚Gestern war Weihnachten‘. Und auch das ist Unsinn: heute ist der neunte März.

    Die Formulierung „Morgen war Weihnachten“ dient Käte Hamburger in ihrer damals wohl bahnbrechenden Habilitation „Die Logik der Dichtung“ als Exempel für das sogenannte „epische Präteritum“. Das epische Präteritum, so Hamburger, kennzeichne nicht das Tempus der Vergangenheit, sondern diene in fiktionalen Erzählungen als Kennzeichen der Fiktion. Das ist dann in den folgenden Jahrzehnten, etwa von Franz K. Stanzel und Gérard Genette, teilweise in Bausch und Bogen verworfen worden. Aber diese Arbeit war, wenn ich das richtig einschätze, der Ausgangspunkt für die Entwicklung der modernen Erzähltheorie in Deutschland und in Frankreich. Auch wenn man heute auf diese Theorie nicht mehr zurückgreift, mache ich genau das, um zu erläutern, dass man in Aléas Ich die erste und die letzte Seite, die im Präsens daherkommen, als die grundlegende Ebene der Wirklichkeit empfinden kann und alles andere als Fiktion: im epischen Präteritum erzählt die Autorin, was abgeschlossen der Roman „Aléas Ich“ ist.

    Näheres dazu erläutere ich dort, wo es heißt: “Ebenso handelt dieser Roman davon, wie ein Ich sich bildet, wie eine Fiktion entsteht, wie eine Autorin damit beginnt, ‘ich’ zu schreiben.“, hier.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    03 März 2013

    Zwischen Männern und Frauen

    Die ersten beiden Lesungen liegen hinter mir. Es ist so gekommen, wie ich das vermutet hatte. Ich bin in den Stunden zuvor etwas angespannt. Aber das legt sich. Wenn aller Augen auf mich gerichtet sind, dann weiß ich, dass ich aus dieser Situation nicht mehr herauskomme. Sowohl beim Lesen, als auch in den dann folgenden Diskussionen fühlte ich mich nicht unwohl. Ich kann mich sicher noch verbessern. Aber ich weiß immerhin, dass ich meiner Stimme vertrauen kann, meiner Art, den Zuhörer in den Text hineinzuziehen. Diese Erkenntnis ist als Ergebnis der ersten beiden Lesungen nicht schlecht.

    Das ist mein Text und während des lauten Lesens kann ich das noch einmal betonen. Ich kann dem Zuhörer, wenn ich merke, dass er meiner Stimme vertraut, auch ein Vertrauen auf den Text abgewinnen. Im eigenen Lesen und im fremden Zuhören verbindet sich der Text noch einmal zu etwas Neuem. Zu etwas intensiverem als er zu dem Zeitpunkt war, da ich ihn geschrieben habe. Das laute Lesen ist die Kunst mit seinem Text zu verwachsen, der Text zu sein und den Zuhörer da mit hinein zu nehmen.

    Nach beiden Lesungen saß ich mit anderen im Restaurant. Ich saß zwischen Männern und Frauen. Und da fühle ich mich auch am wohlsten. Zwischen Leuten, die sich so für Literatur interessieren wie ich das tue: zwischen zuhören und selber reden. Ich saß zwischen Leuten, die sich für Literatur interessieren. Und da gehöre ich hin.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.