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  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
  • irisnebel: klasse! gratuliere! musst du ne gegenleistung bringen? als stadtschreiber z.b.?
  • nadine schmid: Ich habe mit Thien an der Uni Koeln studiert. Wir ware zeitweise befreundet, aber ich hatte wenig verstaendnis fuer seinen ‘Mangel’ am akademischen Streben und habe, trotz meiner Anerkennung seines Talents, sein Lebensziel, aus seiner Dichtung etwas zu machen, als...
  • bersarin: Es muß natürlich, entdecke ich beim zweiten Lesen, Monika Rinck heißen. Ich kann mir Namen nie merken.
  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
  • Aléa Torik: Never ride a dead horse – das hätte auch als Überschrift dieses Beitrags herhalten können. Gestern Nacht bin ich mit dem Rad 35 km durch das ausgestorbene Berlin gefahren, bis weit jenseits der Stadtgrenze. Da ich ziemlich kaputt war, konnte ich dabei nichts denken, aber wenn...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
  • Aléa Torik: Liebe Miss Lingen, bitte entschuldigen Sie die kleine Verspätung meiner Antwort. Ich war auf anderen Schlachtfeldern unterwegs. Sie haben absolut recht, es ist viel zu komplex. Dabei darf ich mir zugutehalten, es deutlich vereinfacht zu haben. Denn im Original – wenn wir uns darauf...
  • Miss Lingen: Obwohl, wie Sie wissen, ich hier mit Sympathie lese, frage ich doch: ist das nicht alles ein wenig zu komplex?
  • Aléa Torik: Dann bin ich gespannt, was du von dem Essay hältst.
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, die Idee des freiwilligen Ablebens um des Erfolges willen stand ja schon einmal im Raum, aber das nur zu machen, um ausgerechnet auf meine Leseliste zu kommem, nee, da hast Du recht, das wäre schon sehr übertrieben! http://www.litblogs.net/hue...
  • Aléa Torik: Lieber holio, ganz verstehen kann ich die Ottos und Ottisten ja tatsächlich nicht. Vielleicht ist das so, dass Otto und Otta, was ihr Leseverhalten betrifft, auch nicht ganz schlau aus sich werden. Sie greifen immer nur nach dem, wonach auch die anderen greifen. Das zeichnet die...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
  • holio: Traurig ist das in der Tat. Und so ganz zu verstehen auch nicht. Im Geräusch des Werdens war der Anknüpfungspunkt für Otto Normalleser ja da. Und die Bălkanexotik ist auch rezipiert und rezensiert worden. Die Sprache ist einfach, der Plot verständlich, erinnere die Szene mit dem blinden...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • Archiv vom Februar, 2013

    26 Februar 2013

    “Eine Autorin oder ein Autor sind kein Fertiggericht,wo die Ingredienzen juristisch korrekt angegeben sein sollten”

    Wenn Sie wissen möchten, was ich mit meinem heute erschienen Roman eigentlich möchte, dann schauen Sie hier nach. Da versteht einer sehr genau, worum es geht. Genauer als ich. Ich habe ja fürs Verständnis wenig Zeit. Im Ernst: ich kann mich nicht dauernd umdrehen, um zu verstehen, wie ich, wo ich stehe, hingekommen bin. Ich habe ein grobes Verständnis und das muss ausreichen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    26 Februar 2013

    „Aléas Ich“ – Ab heute im Buchhandel

    Aléas Ich ist ein Roman, der eine Frau beschreibt, die aus Rumänien kommt und in Deutschland, in Berlin lebt, vier Jahre ein Blog im Netz führt und die in ihrem Roman beschreibt, was in diesen vier Jahre passiert ist. Und das bin ich. Sowohl das eine als auch das andere. Ich hab‘s eigentlich nur etwas verdichtet. Aber es ist alles drin, was passiert ist. Und noch ein wenig mehr.
    Wenn ich Sie vielleicht bitten dürfte, im Falle das Sie es kaufen wollen, das im Buchhandel zu tun?! Wir hatten ja hier schon vor dem Fernsehen festgestellt, dass Amazon böse ist.

     

     





    25 Februar 2013

    „Aléa Torik ist ein großer Roman geglückt“

    Genauso sehe ich das übrigens auch: dass es geglückt ist. Mit noch den besten Absichten kann man keinen guten Roman schreiben. Das muss einem vielmehr glücken. Dieses Glück ist etwas, das den Einzelnen, und das, was er erreichen kann, übersteigt. Es mag wunderschön sein für die verletzte, an Anerkennung arme Autorenseele, wenn er oder  sie sich einreden oder einreden lassen kann, man sei ein großer Autor. Aber das trifft nicht den wesentlichen Punkt. Und dieser Punkt lautet: dass der Text seinen Produzenten übersteigen muss. Realistisch formuliert heißt das: was da steht, das steht nur deswegen da, weil da nicht Besseres steht. Also hat Bersarin in seiner Beprechung von Das Geräusch des Werdens absolut recht.

    Wenn er sagt, dass dieser Text nur von einer Frau geschrieben werden konnte, dann bin ich auch da seiner Meinung, auch wenn wir beide meinen, dass die Literatur geschlechtsneutral funktioniert, Längen- und Breitengradeninvariant. Auch darüber wird übermorgen zu reden sein, im schönen Literaturhaus in der Fasanenstraße.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 Februar 2013

    „Ist das autobiografisch?“

    Ich finde, dem ist nichts hinzuzufügen. Dem hier.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    24 Februar 2013

    „Weniger wirklich vielleicht, aber wahrer“

    Illusion, Wirklichkeit und Wahrheit in Luigi Pirandellos Theaterstück

    Sechs Personen suchen einen Autor

    Auf der Bühne eines Theaters proben ein Schauspieldirektor und seine Schauspieler für ein neues Stück. Dann platzen sechs Personen in die Probe und wollen ihr eigenes Stück aufgeführt wissen. Es sind die Personen eines vom Autor nicht vollständig ausgeführten Theaterstücks, die nach einem Autor suchen, der, was vorhanden ist, zu Ende bringen könnte. Nach anfänglichem Widerstreben lässt sich der Direktor darauf ein. Die Figuren erzählen ihm ihre Geschichte und setzen sie währenddessen in Szene. Sie führen dialogisch darstellend vor, was der Direktor mit seinen Schauspielern inszenieren könnte. Die Geschichte, die die sechs zusammenhält – das Drama oder die Tragödie – und der Versuch, dieses Unvollendete auf die Bühne zu bringen, das ist hier eins. Die Zuschauer im Theater erfahren nur, was auf diese Weise verbalisiert wird. Die Schauspieler stehen dabei und sehen sich an, was sie später spielen sollen.

    Wir haben einen Vater, eine Mutter, eine Stieftochter und einen Sohn, einen kleinen Jungen und sein Schwesterchen, die beide stumm sind, und für einen kurzen Auftritt, mit Madame Pace eine siebente Person. Der Vater stellt vor allem die Reue dar, die Stieftochter die Rache, beim Sohn ist es die Verachtung und bei der Mutter der Schmerz. Die beiden stummen Kinder spielen erst in der letzten Szene eine Rolle.

    Der Vater hatte einst eine Frau kennengelernt, die Mutter, sie geheiratet, einen Sohn mit ihr gezeugt, sie aber fortgeschickt, als er feststellen musste, dass sie einen anderen liebte. Mit diesem anderen Mann hat die Frau drei Kinder, die Stieftochter und die beiden stummen Kinder. Als der zweite Mann der Mutter stirbt, muss sie eine Arbeit aufnehmen, sie näht in der Schneiderei von Madame Pace Kleider. Die allerdings hat diese Schneiderei bloß zum Schein, in Wirklichkeit führt sie ein Bordell und lässt dort, da sie die Mutter mit angeblich schlecht verrichteter Arbeit erpresst, die Stieftochter für sich arbeiten. In dieses Bordell kommt eines Tages der Vater, er geht mit einem der Mädchen aufs Zimmer und als er gerade dabei ist sie auszuziehen, kommt die Mutter herein und enthüllt so, dass das Mädchen seine Stieftochter ist. In der nächsten Szene sind die sechs Personen beim Vater zu Hause, eine Art versuchter Familienzusammenführung. Die Mutter geht zu ihrem Sohn, den sie als Kind verlassen hat, aufs Zimmer, der aber weicht ihr aus. Zur selben Zeit im Garten ertrinkt das kleine Mädchen in einem Becken und der Junge schießt sich eine Kugel in den Kopf.

    Das sind die dramatischen Zusammenhänge, die allerdings nicht zu einem vollständigen Stück ausgearbeitet sind. Das erkennt der Direktor auch und versucht in dem Probespiel herauszufinden, was der Stoff wert ist und ob man ihn, um die fehlenden Elemente ergänzt, auf die Bühne bringen kann. Pirandello sagt dazu in einem Vorwort, dass er die Idee zu einem Romanstoff hatte, ihn aber abzuweisen versuchte und aus diesem Versuch – einen Stoff, der sich ihm aufdrängte, nicht umzusetzen – ist dann das Theaterstück entstanden: „Ich habe sechs Personen, die einen Autor suchen, darstellen wollen. Es gelingt nicht, das Drama aufzuführen, weil eben der Autor fehlt, den sie suchen; und statt dessen wird das Drama dieses vergeblichen Versuchs aufgeführt, mit allem, was es an Tragischem enthält, weil diese sechs Personen abgewiesen worden sind.“ Wir haben also einmal die dramatischen Umstände des beschriebenen Theaterstücks und dann die der sechs Personen, die unbedingt dieses Stück aufführen wollen. Das unausgeführte Stück und der Versuch dieser Personen es auf die Bühne zu bringen: das vermischt sich zu einem Ganzen.

    Das eigentliche Drama ist ihr verzweifelter Wunsch, ins Leben zu treten: „Leben wollen wir, Herr Direktor.“ Das ist der Versuch, sich selbst auf die Bühne zu bringen. Weil sie, als Bühnenfiguren, nicht leben, wenn es ihnen nicht gelingt, ihr Stück zu inszenieren. Diesen eigentümlichen Umstand will der Direktor nicht recht begreifen. Er versteht nicht, wen er da vor sich hat. Für ihn sind das sechs Menschen, die ihm ein Stück anbieten, wie normalerweise ein Autor ihm etwas anbietet. Der Vater allerdings besteht darauf, dass sie Bühnenfiguren seien – „lebendiger als alle, die atmen und Kleider tragen! Weniger wirklich vielleicht, aber wahrer!“. Das verstehen der Direktor und sein Ensemble bis zur Schlussszene nicht, sie brechen wiederholt in schallendes Gelächter aus. Der Vater trägt ungerührt weiter vor “…daß die Natur sich der menschlichen Phantasie als Instrument bedient, um auf höherer Stufe ihr Schöpfungswerk fortzusetzen.“ Der alte Topos – Natur der Ausdruck einer göttlichen Idee und Kunst als dessen Nachahmung – wird hier erweitert, indem die Kunst die Natur sogar überbietet und zwar durch die menschliche Phantasie: also durch die literarische Bearbeitung eines Stoffs.

    Darauf kommen die Personen zu sprechen, wenn sie sagen, dass die Schauspieler ihnen ja gar nicht ähnlich sehen und das Ganze, das vom Autor nicht ausgeführt worden ist, auch nicht kennen, also gar nicht nachahmen können. Was die sechs Personen darstellen wollen ist eine Art gesteigertes Leben, „denn wer das Glück hat als lebendige Bühnenfigur zur Welt zu kommen, der braucht sich um den Tod nicht zu scheren. Er stirbt nicht mehr! Sterben muss der Mensch, der Schriftsteller, das Instrument der Schöpfung; das Geschöpf stirbt nicht mehr.“ Sie spielen diese Wirklichkeit also nicht, sie sind sie! Als die sechs verstehen, dass der Direktor ihr Stück durch Schauspieler darstellen lassen will, setzen sie sich vehement zur Wehr. Sie selbst leben dieses Drama. Die Schauspieler können nur spielen, was sie bei anderen sehen, aber die Personen sind das. Sie sind so, wie sie sich selbst sehen.

    Das ist eine wichtige Erkenntnis: den Bühnenfiguren ist die Sicht von außen auf sich selbst nicht möglich, sie stellen dar, was sie sind, nicht was sie sehen. Schauspieler können niemals das, was die Personen können: das Drama erleben. Wiederholt sagt die Stieftochter: „ich brenne darauf, diese Szene zu erleben.“ Die sechs wehren sich gegen den Begriff der Illusion, weil sie keine andere Wirklichkeit haben als diese eine. Da sie nur das haben, kann es notwendigerweise keine Illusion sein, denn der Begriff der Illusion geht davon aus, dass es eine andere Ebene gibt, eine, über die die Illusion hinwegtäuscht: die Wirklichkeit.

    „VATER (mit Würde, aber ohne Hochmut) Eine Bühnenfigur, Herr Direktor, darf einen Menschen immer fragen, wer er ist. Denn sie hat wirklich ein eigenes Leben, das durch ihre Eigenschaften bestimmt wird, und darum ist sie immer ‚jemand‘. Während ein Mensch – ich spreche jetzt nicht von Ihnen – ein Mensch im Allgemeinen, sehr wohl auch ‚niemand‘ sein kann,
    DIREKTOR: Schön – aber sie fragen das mich, und ich bin der Direktor! Haben Sie das nicht begriffen?
    VATER (leise, mit honigsüßer Demütigkeit) Nur um zu hören, Herr Direktor, ob Sie, wie Sie jetzt sind, sich wirklich so sehen, wie … wie Sie zum Beispiel aus der zeitlichen Distanz den sehen, der Sie einmal waren, mit allen Illusionen, die Sie sich damals machten, mit allem, in Ihnen und um Sie herum, wie es Ihnen damals erschien – und wie es auch war, wirklich für Sie war! Nun, Herr Direktor, wenn Sie an diese Illusionen denken, die Sie sich jetzt nicht mehr machen, an alle diese Dinge, die Ihnen jetzt nicht mehr so ‚scheinen‘, wie sie damals für Sie ‚waren‘ … fühlen Sie dann nicht, wie Ihnen der Boden unter den Füßen fortgezogen wird – und ich meine damit nicht nur die Bretter diese Bühne – wenn Sie nun folgern, daß genauso ‚der‘, als der sie sich jetzt fühlen, daß Ihre ganze Wirklichkeit von heute dazu bestimm ist, Ihnen morgen als Illusion zu erscheinen?
    DIREKTOR: (ohne recht verstanden zu haben, wie betäubt durch die schillernde Argumentation) Ja und – was wollen Sie daraus schließen?
    VATER: Oh – nichts, Herr Direktor. Ich wollte Ihnen nur eines klar machen: wenn wir (zeigt wieder auf sich und die anderen ‚Personen‘) keine andere Wirklichkeit haben als die Illusion, dann wird es gut sein, wenn auch Sie Ihrer Wirklichkeit, die heute in Ihnen atmet und lebt, mißtrauen, weil sie – genauso wie die von gestern – dazu bestimmt ist, sich Ihnen morgen als Illusion zu enthüllen.
    DIREKTOR: (entschließt sich, es von der komischen Seite zu nehmen) Na, wunderbar! Und jetzt sagen Sie nur noch, daß Sie mit dieser Komödie, die Sie mir hier aufführen, wahrer und wirklicher sind als ich!
    VATER: (völlig ernst) Aber ohne jeden Zweifel, Herr Direktor!
    DIREKTOR: Ach so?
    VATER: Ich dachte, Sie hätten das schon von Anfang an begriffen!
    DIREKTOR: Wirklicher als ich?
    VATER: Wenn Ihre Wirklichkeit sich von heute auf morgen ändern kann …
    DIREKTOR: Aber das weiß man doch, daß sie sich ändern kann! Sie ändert sich unaufhörlich, wie bei allen!
    VATER: (mit einem Schrei) Aber unsere nicht, Herr! Sehen Sie – darin liegt der Unterschied! Unsere Wirklichkeit ändert sich nicht, kann sich nicht ändern, kann nie eine andere sein, weil sie festgelegt ist – so, als diese eine, für immer! Und das ist schrecklich, Herr Direktor! Eine unveränderbare Wirklichkeit, vor der es Ihnen schaudern müsste, wenn Sie in unsere Nähe kommen.
    DIREKTOR: (pariert schnell mit einem Gedanken, der ihm plötzlich gekommen ist) Ich hingegen möchte wissen: wann hat man je eine Bühnenfigur gesehen, die wie Sie aus ihrer Rolle heraustritt und anfängt, sie zu erläutern, zu verteidigen und Vorschläge zu machen? Wann hat es das je gegeben? Ich habe so etwas noch nie erlebt!
    VATER: Sie haben das noch nie erlebt, Herr Direktor, weil die Autoren gewöhnlich die Qualen geheimhalten, unter denen ihre Schöpfungen entstehen. Wenn die Figuren lebendig, wirklich lebendig vor Ihren Autor treten, dann hat er nichts anderes mehr zu tun, als ihren Handlungen, ihren Worten und ihren Bewegungen zu folgen, wie sie sie ihm vorschlagen, und er muss sie so wollen, wie sie sich selbst wollen. Und wehe ihm, wenn er das nicht tut. Sobald eine Figur geboren ist, erlagt sie sofort eine solche Unabhängigkeit auch von ihrem eigenen Autor, daß er jedem freisteht, sie sich in allen möglichen Situationen vorzustellen, an die der Autor nie gedacht hat; manchmal gewinnt sie sogar eine Bedeutung, die dem Autor nicht einmal im Traum eigefallen wäre.“

    Der viele Jahre später proklamierte „Tod des Autors“ – eine These übrigens, die ich gar nicht mag – hat in solchen Überlegungen seinen Ausgang: der Autor muss die Figuren so wollen, wie sie sich selbst wollen, ist also nichts als ein Werkzeug seiner Figuren. Diese Doppeldeutigkeit – er muss seine Figuren erschaffen und ist doch selbst nichts als eine Figur, die tun muss, was sie von ihm wollen – ist grundlegend für einen modernen Begriff von Fiktionalität. Der wesentliche Punkt in diesem Theaterstück ist das Wort Wirklichkeit, das in der Moderne ja geradezu in Verruf geraten ist und das hier nicht mehr als eine konsistente Masse, sondern nur noch in Form von einzelnen Ebenen vorhanden ist.

    Am Ende stirbt das Geschwisterpaar und man muss sich fragen, in welcher Ebene die beiden sterben. Mit diesem Tod endet das Stück. Man kann diese Frage nicht so einfach beantworten, ohne einer bestimmten Wirklichkeit den Vorzug zu geben und damit anzuerkennen, dass es überhaupt verschiedene Ebenen gibt. Sind die beiden nur in der Ebene der sechs Personen, also im unausgeführten Stück, tot? Dann würden es die Schauspieler nicht bestätigen können. Sind sie nur in der Ebene jenes Abends im Theater tot, als Illusion für die Zuschauer, also in der Illusion einer Illusion? Oder sind sie wirklich tot, also in jener Ebene, die wir üblicherweise Wirklichkeit nennen, wo die Zuschauer nachdem der Vorhang gefallen ist, nach Hause gehen? Diese sechs Personen, die anscheinend von der Wirklichkeit am weitesten entfernt sind – jene Wirklichkeit eines Abends im Theater, wo Zuschauer sitzen und sich ein Stück anschauen – das die Wirklichkeit darstellt, die aber nicht dargestellt wir, weil die sechs Personen kommen, die ein unfertiges Stück dargestellt haben wollen, aber nicht von den professionellen Darstellern, sondern von sich selbst, die ja, weil sie nur die Personen eines nicht existierenden Stücks sind, ebenfalls nicht existieren. Die Personen also, die am weitesten von der Wirklichkeit der Zuschauer im Theater entfernt sind, bestimmen anhand dieses Todes die wahre Wirklichkeit. In seiner Vorrede zu dem Stück spricht Pirandello vom Unterschied von Kunst und Leben: „Alles, was lebt, hat Form durch die Tatsache, daß es lebt, und ebendeshalb muss es sterben; mit der Ausnahme des Kunstwerks, das genau darum ewig lebt, weil es Form ist“.

    „Weniger wirklich vielleicht, aber wahrer“: Was bedeutet das? Ich würde das so verstehen, dass die Wirklichkeit viele verschiedene Entwicklungsmöglichkeiten offen lässt, der Einzelne kann sich hierhin und dorthin wenden, dieses oder jenes tun. Aber er kann es sich nicht endlos offenhalten. Indem wir das eine tun, müssen wir das andere lassen. Und doch bleibt es sozusagen als eine, wenn auch vergangene Möglichkeit bestehen.

    „VATER: Für mich liegt das Drama darin, Herr Direktor: mir ist bewußt, daß jeder von uns sich für ‚Einen‘ hält, aber das stimmt nicht. Er ist ‚Viele‘, Herr Direktor, ‚Viele‘ entsprechend all den Möglichkeiten des Seins, die in uns liegen. ‚Einer‘ für diesen, ‚Einer‘ für jenen, und alle völlig verschieden! Und dabei bewahren wir uns die Illusion, für alle immer ‚Einer‘ zu sein, und zwar stets dieser ‚Eine‘ für den wir uns bei jeder unserer Handlungen halten. Das stimmt aber nicht! Das ist nicht wahr. Und das wird uns klar, wenn wir durch einen unglücklichen Zufall plötzlich an irgendeiner unserer Handlungen wie angekettet und aufgehängt sind. Das heißt: wir erkennen, daß diese Handlung nicht unser ganzes Wesen ausdrückt und das es daher eine fürchterliche Ungerechtigkeit wäre, uns allein nach ihr zu beurteilen, uns an ihr angekettet und aufgehängt am Pranger stehen zu lassen für die Dauer einer ganzen Existenz, als ob die in dieser einen Handlung bestünde. Begreifen Sie jetzt die Niedertracht dieses Mädchens? Sie hat mich an einem Ort, bei einer Handlung überrascht, an dem sie mich nie hätte erkennen dürfen, als einen, der ich für sie nie hätte sein dürfen. Und nun will sie mir eine Wirklichkeit aufdrängen, von der ich nie gedacht hätte, daß ich sie – in einem flüchtigen, beschämenden Augenblick meines Lebens – für sie verkörpern müsste. Das, Herr Direktor, ist für mich das Entscheidende! Und Sie werden sehen, dass hieraus für das Drama eine große Wirkung entsteht.“

    Wir alle sind immer anders, je nachdem in welchen Zusammenhängen wir agieren, welche ‚Rolle’ wir spielen. Wir sind immer an den Grenzen, uns so oder anders verhalten zu können. Wir geben uns auch alle erdenkliche Mühe, immer der- oder dieselbe zu sein. Wir müssen ja für uns selbst und die anderen berechenbare Wesen sein. Wir sind potentiell mehr als eine Möglichkeit, in aller Offenheit. Aber indem wir etwas tun, machen wir die anderen Dinge und Wege, die uns offenstanden, zunichte. Das ist der dramatische Umstand, dass ein Mensch sich auf eine Handlung, eine Entscheidung, einen Umstand reduzieren lassen kann. Und das ist für eine Bühnenfigur, für eine literarische Figur der zentrale Punkt: eine fiktionale Figur hat keine andere Möglichkeit des Seins als diese eine, in der sie ist.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    24 Februar 2013

    „Jede Art von Text schränkt die Wirklichkeit ein, um sie zu konzentrieren“

    Zu der gestrigen Radiosendung: Dein Name von Navid Kermani scheint – in welchen Dimensionen, vermag ich nicht zu sagen – die Entstehung von Dein Name von Navid Kermani zu beschreiben. Hier, wie so oft, auch bei Jean Paul eben, werden die Bedingungen des Entstehens von Literatur Teil dieser Literatur: weil der Autor wissen will, was dessen Bedingungen sind und er es nur erfährt, indem er es thematisiert. Indem er, was er erlebt, in Worte fasst, von sich wegbringt und dann als ein Kunstprodukt, als Artefakt zu erfassen versucht.

    „Die avancierte Literatur von heute, tariert die Grenzen zwischen Roman und Wirklichkeit stets aufs Neue aus, ohne sich mit der sogenannten Realität gleichzustellen. Etwa in John Coetzees Romanen, in denen der Protagonist ein berühmter Schriftsteller als John Coetzee auftritt. Ein Selbstportrait? In der ‚Unsichtbaren Loge‘ verneint das Jean Paul, der in seinen Romanen ebenfalls als Jean Paul auftritt, und könnte gerade damit die Unwahrheit gesagt haben.“

    So ähnlich, allerdings mit anderen Vorzeichen, mache ich das in Aléas Ich auch. Die scheinbare Autobiografie, die sich nach und nach als eine Fiktion herausstellt, wird gerade in dem Maße doch noch zur Autobiografie, wie der Leser erkennt, dass hier nicht die Autorin am Werke ist, sondern die fiktive Figur. Die Figur ist es, die die Autorin erschafft. Nicht umgekehrt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    23 Februar 2013

    “Das Ich gilt, aber nicht mein Ich”

    Über Jean Paul und die Verfremdung, von Navid Kermani: Heute, also vielmehr morgen, in Deutschlandradio Kultur, ab 00.05 Uhr. Ich bin gespannt. Es ist nicht nur das Thema, das mich außerordentlich interessiert. Auch Navid Kermani und Jean Paul versprechen einen intellektuellen Genuss.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    23 Februar 2013

    “Aléas Ich” – Der Lesereise erster Teil

    1) Lesung im Literaturhaus Berlin am 27. Februar 2013.

    2) Lesung im Literaturhaus Köln am 28. Februar 2013.

    Lesungen auf der Leipziger Buchmesse, im Rahmen der langen Leipziger Lesenacht:

    3) in der Moritzbastei, am 14. März 2013.

    4) im Cafe Puschkin, am 15 März.

    Während ich in Berlin und Köln  Leute kenne, die mich kennen und die etwas von Literatur verstehen und zu den Veranstaltungen kommen, kenne ich in Leipzig keine Menschenseele. Das kann sich ändern.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    22 Februar 2013

    Das wahre Vermögen

    Für die Einordnung ethnischer Zugehörigkeiten sollte nicht entscheidend sein, wo jemand herkommt, sondern wo er hingeht. Generell sollte nicht, was einer aufgrund von Zwängen ist, biografischer oder psychologischer Provenienz, entscheidend für das sein, was er oder sie ist, sondern, was einer aufgrund seiner Freiheit sein will. Nur dort, wo die Phantasie ins Spiel kommt, wo einer sich als Person entwerfen muss, zeigt sich sein wahres Vermögen. Alles andere ist lediglich der aktuelle Kontostand.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    21 Februar 2013

    Weil das ja klar ist

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    19 Februar 2013

    Jetzt muss ich mich auch noch duellieren

    Schriftsteller brauchen enorm viele Begabungen und Fähigkeiten. Eine sichere Hand gehört dazu.

    Ich freue mich sehr, dass es eine ausführliche Besprechung auf Aisthesis geben wird. Formulierungen wie die Folgende, zeigen mir, dass da ein sehr ähnliches Textverständnis vorherrscht: „Die Identität des Textes hängt an keinem Fixpunkt. Autorinnen und Autoren sind keine Marionetten, aber sie sind ebensowenig die Marionettenspielerinnen oder -spieler, sie strukturieren in letzter Instanz das Feld des Textes nicht. Sie erzeugen den Überfluß des Textes und treten darin und dahinter zurück.“

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    10 Februar 2013

    Ein Fall von Fälschung

    Umberto Eco beschreibt in seinem Aufsatz Nachahmungen und Fälschungen folgenden konstruierten, absolut grandiosen, skandalösen, transnationalen Fall von Fälschung, für den man ihn mindestens zehn Jahre ins Kittchen stecken müsste, weil die kriminelle Energie dahinter enorm ist. Wer sich so etwas ausdenken kann, der ist ganz kurz davor, es zu tun! Alle, die in dem vergangenen Jahrhundert etwas zu sagen oder zu malen hatten, die etwas zu erzählen, zu phantasieren, zu illustrieren, zu lügen, zu betrügen und zu manipulieren hatten, kommen darin vor. Und Umberto Eco zieht die Fäden.

    „1921 behauptet Picasso, ein Portrait von Honorio Bustos Domeq gemalt zu haben. Fernando Pessoa schreibt, er habe das Bild gesehen, und lobt es als das größte Meisterwerk von allen, die Picasso je gemalt hat. Viele Kritiker suchen nach dem Bild, aber Picasso sagt, es sei gestohlen worden.

    1945 erklärt Salvador Dalí, er habe dieses Bild in Perpignan wiederentdeckt. Picasso erkennt es offiziell als sein Originalwerk an. Es wird an das Museum of Modern Art als ‚Pablo Picasso, Porträt des Bustos Domeq‘ verkauft.

    1950 schreibt Jorge Luis Borges eine Aufsatz (‚El Omega de Pablo‘) in dem er feststellt:
    1. Picasso und Pessoa haben gelogen, weil niemand 1921 ein Portrait von Domeq gemalt hat.
    2. Es war in jedem Fall unmöglich, 1921 einen Domeq zu portraitieren, weil diese Figur in den vierziger Jahren von Borges und Bioy Casares erfunden worden ist.
    3. Picasso hat das Bild 1945 gemalt und auf 1921 rückdatiert.
    4. Dalí hat das Bild gestohlen und (perfekt) kopiert. Unmittelbar danach hat er das Original vernichtet.
    5. Offensichtlich hat Picasso 1945 seinen eigenen Frühstil perfekt imitiert, und Dalí Kopie war ununterscheidbar vom Original. Sowohl Picasso wie Dalí haben Farben und Leinwand aus dem Jahr 1921 verwendet.
    6. Folglich ist das in New York ausgestellte Bild die bewußte Fälschung einer bewußten Fälschung durch den Autor einer geschichtlichen Fälschung.

    1986 wird ein unbekannter Text Raymond Queneaus gefunden, der behauptet:
    1. Bustos Domeq hat es tatsächlich gegeben, er heißt aber in Wahrheit Schmidt. Alice Toklas hat in 1921 maliziöserweise Braque als Domeq vorgestellt, und Braque porträtierte ihn (gutgläubig) unter diesem Namen, wobei er (in Täuschungsabsicht) Picassos Stil imitierte.
    2. Domeq-Schmidt starb bei der Bombardierung Dresdens, wobei alle seine Personalpapiere verloren gingen.
    3. Dalí hat das Portrait tatsächlich 1945 entdeckt und es kopiert. Später zerstörte er das Original. Eine Woche später fertigte Picasso eine Kopie von Dalís Kopie an; später wurde Dalís Kopie zerstört. Das ans MOMA verkaufte Bild ist eine von Picasso gemalte Fälschung, die eine von Dalí gemalte Fälschung imitiert, die ihrerseits eine von Braque gemalte Fälschung imitiert.
    4. Er (Queneau) hat das alles vom Entdecker der Hitler-Tagebücher erfahren.“

    Eco schließt mit den Worten, seinen fiktiven Fall bewertend und seinen Aufsatz zum Ende führend: „Die gängige Vorstellung von ‚Fälschung‘ setzt ein ‚echtes‘ Original voraus, mit dem man die Fälschung vergleichen müsste. Es ist aber deutlich geworden, daß alle Kriterien, mittels derer man feststellen kann, ob etwas eine Fälschung eines Originals ist, mit denen zusammenfallen, die es erlauben, festzustellen, ob das Original echt ist. Also kann das Original nicht zum Aufdecken von Fälschungen verwendet werden, es sei denn, man akzeptiert blind, daß das, was als Original präsentiert wird, auch unzweifelhaft das Original ist (aber das würde allen philologischen Grundsätzen widersprechen).“

    Umberto Eco, „Nachahmungen und Fälschungen“, in: Die Grenzen der Interpretation, Seite 251 f.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    09 Februar 2013

    Was ein literarisches Blog unterscheidet

    Was ein literarisches Blog von einem Allerweltsblog unterscheidet, ist nicht, dass das eine einen literarischen Text thematisiert und das andere die Welt. Nicht der Gegenstand, sondern die Art und Weise des Zugriffs auf ihn muss literarischer Natur sein. Der Gegenstand ist vollkommen gleichgültig, er mag derselbe sein, wie beim Allerweltsblog, ob Stricken oder I-phone, ob männlich oder weiblich oder geschlechtsneutral. In einem literarischen Blog interessiert nicht, wie es bei jemandem zu Hause aussieht. Authentizität zeugt hier, wenn überhaupt, von mangelnder Fantasie.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    06 Februar 2013

    „Die kontemplative Geborgenheit vorm Gelesenen“

    Das folgende Zitat bezieht sich auf den sogenannten realistischen Roman. Der auktoriale, allwissende Erzähler präsentiert dort seinen Erzählstoff so unmittelbar wie möglich, so dass der Leser dem Eindruck erliegt, er habe Teil an der Handlung. Der Leser glaubt, er werde zum objektiven Zeugen des Beschriebenen. Diese Haltung gilt es, ja!, zu zerstören.

    „Zu den Extremen, an denen mehr über den gegenwärtigen Roman sich lernen lässt als an irgendeinem sogenannten ‚typischen‘ mittleren Sachverhalt rechnet das Verfahren Kafkas, die Distanz vollends einzuziehen. Durch Schocks zerschlägt er dem Leser die kontemplative Geborgenheit vorm Gelesenen.  Seine Romane, wenn anders sie unter den Begriff überhaupt noch fallen, sind die vorweggenommene Antwort auf eine Verfassung der Welt, in der die kontemplative Haltung zum blutigen Hohn ward, weil die permanente Drohung der Katastrophe keinem Menschen mehr das unbeteiligte Zuschauen und nicht einmal dessen ästhetischen Nachbild mehr erlaubt.“

    (Theodor Adorno, „Standort des Erzählers im zeitgenössischen Roman“, in: Noten zur Literatur I, Seite 69)

    Wir verstehen erst einmal nicht mehr als dies, aber das verstehen wir genau: es gilt den Leser hineinzuziehen in den Text oder ihn herauszustoßen. Ihm die Zuflucht, das unbeteiligte Zuschauen, das „interesselose Wohlgefallen“ und die kontemplative Betrachtung zu verbauen.

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    03 Februar 2013

    Das Verständliche und das Verstehen

    Das Verständliche ist nicht etwa der Diminutiv des Verstehens, sondern dessen Verhinderung.

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    02 Februar 2013

    Die Welt und die Weise, wie sie funktioniert

    Was in den kommenden vier Wochen hier zu lesen sein wird, steht, soweit ich das derzeit absehen kann, in unmittelbarem Zusammenhang mit meinem zweiten Roman – Aléas Ich – der am 26. Februar erscheint. Den Text habe ich höchstpersönlich zusammengeschustert, unter Verwendung der meisten mir bekannten Worte und grammatischen Regeln und einiger anderer. So macht die moderne Literatur das heute. Man erfindet nicht nur eine Welt, sondern auch die Weise, wie sie funktioniert.

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